Baccara Spezial Band 17

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DAS DUNKLE GEHEIMNIS VOM ECHO LAKE von AMANDA STEVENS
Das war bestimmt kein Unfall! Nikki ist entsetzt, als ihr väterlicher Freund im Echo Lake ums Leben kommt. Um die Wahrheit herauszufinden, muss die vorsichtige Gerichtsmedizinerin enger mit dem smarten Detective Adam Thayer zusammenarbeiten, als ihr zunächst lieb ist …

DIE LETZTE SPUR DER SCHÖNEN ZEUGIN von JANICE KAY JOHNSON
Eine Explosion erschüttert die Maschine: Sie stürzen ab – Sabotage! Kronzeugin Maddy ist die einzige Überlebende. Zusammen mit Army-Sanitäter Will Gannon, der sie in der Wildnis findet, versucht sie zu fliehen. Vor denjenigen, die verhindern wollen, dass sie vor Gericht aussagt …

FLAMMENNACHT UND LEIDENSCHAFT von RITA HERRON
Die Wahrheit kann man nicht verbrennen. Schwester Peyton weiß genau, dass mit dem Krankenhausbrand vor fünf Jahren etwas vertuscht werden sollte. Als der attraktive FBI-Agent Liam Maverick sie plötzlich für die Hauptverdächtige hält, zwingt sie das zu einer Verzweiflungstat …


  • Erscheinungstag 08.04.2022
  • Bandnummer 17
  • ISBN / Artikelnummer 8062220017
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Amanda Stevens, Janice Kay Johnson, Rita Herron

BACCARA SPEZIAL BAND 17

AMANDA STEVENS

Das dunkle Geheimnis vom Echo Lake

„Adam, am Echo Lake geschieht etwas Schreckliches.“ Hätte Detective Adam Thayer bloß schneller auf den Anruf reagiert! Nun ist sein alter Freund Dr. Nance tot. Eine Reihe merkwürdiger Hinweise bringt Adam zu der schönen Gerichtsmedizinerin Nikki Dresden. Genau wie er ist sie davon überzeugt, dass jemand Dr. Nance zum Schweigen bringen wollte …

JANICE KAY JOHNSON

Die letzte Spur der schönen Zeugin

Ex-Army-Sanitäter Will Gannon wollte nur in der einsamen Natur wandern. Aber dabei beobachtet er einen Flugzeugabsturz. Eine junge Frau ist die einzige Überlebende. Will muss sie retten! Denn Maddy Kane wird gejagt, weil sie Kronzeugin in einem brisanten Fall ist. Und je länger sie sich durch die Wildnis kämpfen, desto wichtiger wird Will ihre Sicherheit …

RITA HERRON

Flammennacht und Leidenschaft

Warum hat Schwester Peyton sofort nach dem Krankenhausbrand die Stadt verlassen? FBI-Agent Liam Maverick findet das sehr verdächtig. Steckt sie etwa hinter der Brandstiftung? Doch als er sie befragt, weckt das in ihm noch ein ganz anderes Gefühl: Leidenschaft. Ist diese schöne Frau wirklich die Täterin, nach der er seit fünf Jahren sucht?

1. KAPITEL

Die untergehende Sonne berührte bereits die Wipfel des dichten Kiefernwaldes und warf lange Schatten auf den Echo Lake.

Die brütende Mittagshitze hatte zum Glück nachgelassen, doch die Luft war noch immer heiß und schwül. Kein Lüftchen regte sich, keine sanfte Brise brachte das Louisianamoos zum Schaukeln. In langen Strähnen fiel es aus den überhängenden Zweigen der Bäume rund um den See. Gegen Mittag hatten Temperaturen um die vierzig Grad geherrscht – nicht ungewöhnlich für einen Spätsommer in Texas.

Selbst jetzt stand die stickige Luft noch wie eine Glocke über dem Gewässer. Am Uferrand wurden die Schatten der hohen Bäume dunkler, doch weiter draußen auf dem Wasser warf die untergehende Sonne einen goldenen Schimmer auf die Oberfläche, in dem die Seerosen ihre Blüten entfalteten.

Aus dem dichten Teppich der wasserliebenden Pflanzen erhob sich eine Reihe Zypressenstümpfe. Wie eine finstere Armee gedrungener Trolle standen sie im See und schienen stumm den verrottenden menschlichen Körper zu bewachen, der mit dem Gesicht nach unten im seichten Wasser trieb.

Nikki Dresden war froh, dass sie die hohen Anglerstiefel mitgenommen hatte. Sie musste in den See waten, um an die Leiche heranzukommen, die etwa drei Meter von der Uferböschung entfernt schwamm.

Während sie sich vorsichtig durch das Gewirr aus Schlingpflanzen vorwärts bewegte, versuchte sie weder an die giftigen Wassermokassinschlangen noch an die Alligatoren zu denken, die sich in diesen Gewässern aufhielten.

Als sie näher kam, drang ihr bereits der unverkennbare Geruch nach Verwesung in die Nase. Zum Glück bewahrte sie in ihrem SUV stets eine Tasche mit Ersatzkleidung auf. Es machte ihr nichts aus, sich vor versammelter Mannschaft umzuziehen. Schon zu Beginn ihrer Karriere als amtliche Leichenbeschauerin hatte sie gelernt, dass es nichts Schlimmeres gab, als den Geruch einer Leiche mit nach Hause zu tragen. Er setzte sich sogar in den Ritzen ihres Wagens fest und blieb wochenlang darin haften.

Aus diesem Grund würde der marineblaue Overall, den sie gerade trug, sofort nach dem Einsatz im See in einen vakuumierten Behälter wandern und von dort aus in die Reinigung des Labors. Oder in ihre eigene Hochleistungswaschmaschine, die auf der Veranda hinter ihrem Haus stand.

Disziplin und Gründlichkeit waren zwei der Grundvoraussetzungen für den Job als Gerichtsmedizinerin, und Nikki hatte sich diese zur obersten Prämisse gemacht.

Deswegen war sie auch nicht sofort ins Wasser gestiegen, sondern hatte sich zuvor ausführliche Notizen gemacht. Sie hatte einen Entwurf des Tatorts gezeichnet, Uferrand und Lage der Leiche skizziert und das schwindende Sonnenlicht genutzt, um die Böschung zu inspizieren.

Das Gedächtnis konnte oft trügerisch sein, und selbst Fotos wurden dem ersten Eindruck eines Tatortes häufig nicht gerecht, der Lage, dem Licht und der Stimmung.

Weiter draußen hatte sie ein gekentertes Fischerboot unter einer Brücke entdeckt. Zunächst deutete dies auf einen Unfall hin, aber Nikki würde sich zu keiner vorschnellen Erklärung hinreißen lassen.

Was wie ein Unglück aussah, konnte sich später durchaus als Tötungsdelikt herausstellen. War ein Fall erst einmal als Unfall deklariert, war es schwer, ihn wieder aufzurollen, deswegen hielt sie sich mit einem Urteil zurück. Außerdem hatten die Ermittler nur diese eine Chance, den vermeintlichen Tatort derart unberührt zu untersuchen und Beweise sicherzustellen.

Inzwischen war das Team der Spurensicherung eingetroffen und ging systematisch die Uferböschung ab. Sheriff Tom Brannon überwachte die Suche, während ein junger Officer namens Billy Navarro Fotos machte. Weitere Deputys waren eingetroffen und betrachteten das Geschehen vom Rand des Ufers aus.

Ein Mann, den Nikki nicht kannte, saß auf einem Baumstamm jenseits des Absperrbandes, das die Polizei um den Tatort gezogen hatte. Sie nahm an, dass er derjenige war, der die Leiche entdeckt hatte.

Sie hatte ihm einen neugierigen Blick zugeworfen, als sie in die Anglerstiefel geschlüpft war – nur um festzustellen, dass er sie sehr aufmerksam ansah. Zunächst konnte sie sein Gesicht nicht zuordnen, aber mittlerweile fragte sie sich, ob sie ihm schon einmal begegnet war.

Die Frage wollte ihr keine Ruhe lassen, doch sie zwang sich, all ihre Konzentration auf die vor ihr liegende Aufgabe zu richten. Immerhin herrschte noch Tageslicht, aber die Dämmerung lauerte bereits jenseits des pinkfarbenen Sonnenuntergangs.

Am gegenüberliegenden Ufer regten sich die ersten nachtaktiven Tiere. Das lautstarke Quaken der Ochsenfrösche mischte sich mit dem durchdringenden Zirpen der Grillen und dem Summen der Schmeißfliegen, die über dem toten Körper schwirrten, seit er an die Oberfläche gedrungen war.

Irgendwo zu ihrer Rechten sah sie aus dem Augenwinkel, wie sich etwas Großes, Kräftiges vom Ufer löste und lautlos ins Wasser glitt. Der See war hier tiefer, als sie vermutet hatte. Sie trat einen Schritt nach vorn und musste feststellen, dass sie sich auf einer Art Kante bewegt hatte, die hier abrupt endete.

Ihre Beine sanken tiefer ein, und das kühle Wasser schwappte über den Rand ihrer Stiefel, was es noch schwerer machte voranzukommen. Unbeirrt kämpfte sie sich weiter und wagte nicht daran zu denken, was mit dem Wasser noch in ihre Stiefel geschlüpft sein könnte.

„Sicher, dass du da draußen keine Hilfe brauchst?“, schallte die Stimme des Sheriffs zu ihr herüber.

„Nein. Ich schaff das schon.“ Sie versuchte, die Balance zu halten, während sie sich einen Moskito aus den Wimpern wischte. Auf gar keinen Fall wollte sie vor einer Horde kichernder Deputys auf dem Hintern landen. Aber der Untergrund war schlüpfrig, ihre Stiefel schwer und Nikki selbst nicht gerade berühmt für Anmut und Grazie. Sie griff nach einem der Zypressenstümpfe und zog sich daran vorwärts.

„Was siehst du?“, rief Tom wieder vom Ufer.

„Das Opfer ist weiß und männlich. Graues Haar, schmale Statur. Ein älterer Herr, würde ich sagen.“

„Schon eine Idee, wie lange er im Wasser lag? Oder wer er sein könnte?“

„Ich sehe bloß, dass der Körper aufgedunsen ist und aufgestiegen.“ Was bedeutete, dass die Leiche bereits verrottete. Die Gase, die bei dem Prozess entwichen, hatten sie wieder an die Oberfläche befördert.

„Verstehe.“ Tom räusperte sich. „Irgendwelche Wunden?“

„Keine sichtbaren bisher. Ich kann bloß den Hinterkopf und den Rücken sehen.“ Nikki zog eine Kamera aus ihrem wasserfesten Beutel und machte einige Fotos. Dann warf sie einen Blick über die Schulter zurück zum Sheriff. „Schaffen wir ihn hier raus.“

Da bemerkte sie, wie sich der fremde Mann von seinem Platz auf dem Baumstamm erhob. Es sah aus, als wollte er ihr zu Hilfe kommen. Doch dann ging er nur ein paarmal am Ufer auf und ab und setzte sich schließlich wieder hin.

Er wirkte irgendwie … aufgewühlt. Nicht ängstlich oder nervös, aber über die Maßen wachsam. Allerdings war das nicht ungewöhnlich für jemanden, der gerade eine Leiche entdeckt hatte.

Sein Blick war auf den See gerichtet. Betrachtet er den toten Körper oder mich?, fragte sie sich.

Sei nicht albern.

In diesem Aufzug aus Gummistiefeln, Overall und Handschuhen, das Haar zu einem losen Knoten gedreht und das Gesicht rot und verschwitzt, bot sie keinen besonders attraktiven Anblick. Vermutlich war er vielmehr von der Tatsache fasziniert, dass eine Frau diesen Job machte. Eine weibliche Gerichtsmedizinerin war im ländlichen Texas noch immer eine Seltenheit.

„Ich brauche den Haken!“, rief sie nach oben.

Billy Navarro legte die Kamera beiseite und reichte ihr eine lange Teleskopstange über das Wasser. Nikki griff nach dem Ende und befestigte den Haken am Gürtel des Opfers. Während zwei Deputys an der Stange zogen, versuchte sie die Leiche durch das Gewirr aus Wasserpflanzen zu geleiten, ohne dass sie dabei weiteren Schaden nahm.

Sobald der Körper aus dem Wasser geborgen und der Hitze ausgesetzt war, intensivierte sich der Geruch nach Verwesung. Einer der Deputys hustete und wandte den Kopf ab. Ein anderer würgte.

Nikki ließ sich ungerührt neben der Leiche auf die Knie sinken und begann mit der Bestandsaufnahme. Froh, wieder an Land zu sein, untersuchte sie den Körper auf Schnittwunden und Tierbisse.

„Kein Personalausweis?“ Tom ließ sich zur Linken des Toten nieder und wedelte mit der Hand eine Fliege weg.

„Zumindest nicht in den hinteren Hosentaschen“, bemerkte Nikki. „Vielleicht ist die Brieftasche ins Wasser gefallen. Lass ihn uns umdrehen.“

Tom gab den beiden Officers, die die Leiche an Land gezogen hatten, ein Zeichen. Gemeinsam rollten sie den Körper behutsam auf den Rücken.

Das Wasser hatte dem Gesicht des Mannes arg zugesetzt. Seine bleichen Züge waren derart verzerrt, dass man ihn kaum wiedererkennen konnte.

Doch er war kein Fremder.

Das vertraute Funkeln in den ehemals wachen blauen Augen war erstarrt. Doch die Nase war zu erkennen, und der Mund. Und die kleine Tätowierung auf der Innenseite des Handgelenks: der Äskulapstab, das Zeichen der Ärzte.

Ein eiskalter Schauer lief Nikki über den Rücken. Sie sank zurück auf die Fersen und starrte den Leichnam an.

Billy Navarro lehnte sich über Toms Schulter. Der Officer war jung und unerfahren, aber er hielt sich wacker im Vergleich zu den älteren Kollegen, die immer noch damit zu kämpfen hatten, ihre letzte Mahlzeit bei sich zu behalten. „Madre de Dios. Ist das der, für den ich ihn halte?“

Tom nickte. „Es ist zwar schwer zu sagen, so aufgedunsen, wie er ist … und es sieht aus, als hätte ihn etwas angenagt. Aber ich bin sicher, dass das hier Charles Nance ist.“

„Er ist es.“ Nikki berührte mit dem Handschuh das Handgelenk des Toten. „Ich erkenne das Tattoo. Er hat mir mal erzählt, wie er dazu gekommen ist. Es war eine Mutprobe während seiner Ausbildung zum Arzt. Normalerweise hat seine Armbanduhr es verdeckt.“

Tom Brannon stieß einen unterdrückten Fluch aus, während Billy näher herantrat. „Das ist schlecht. Ein schlimmes Omen, Sheriff. Dieser Mann hat mich auf die Welt geholt. Meine Großmutter hat gesagt, dass ich zu früh kam, und ohne Dr. Nance’ Hilfe wären meine Mutter und ich bei der Geburt gestorben.“ Seine Stimme klang ehrfürchtig und ängstlich zugleich, ganz so als ob er fürchtete, durch diese Verbindung könne das Unglück des Mannes auf ihn selbst abfärben.

„Du bist nicht der Einzige, dessen Leben er gerettet hat“, gab Tom zurück. „Sein Tod ist ein harter Schlag für die gesamte Gemeinde.“ Er hob den Kopf und fing Nikkis Blick auf. „Tut mir leid, Nikki. Ich wünschte, du hättest ihn nicht so sehen müssen. Ihr habt euch sehr nahegestanden, nicht wahr?“

„Er war wie ein Großvater für mich“, sagte sie dumpf. „Ein Mentor. Ein Held. Ein Drill-Sergeant, wenn ich einen brauchte. Ohne ihn hätte ich nie die Ausbildung geschafft.“

Tom nickte. „Ich weiß, was du meinst. Er hat so vielen Menschen in dieser Gegend geholfen. Für viele von uns war er wie ein Held.“

Nikki holte tief Luft und verfiel in brütendes Schweigen. Schon spürte sie jenseits des Schocks die Trauer in sich aufsteigen. Tom meinte es gut, aber er hatte keine Vorstellung davon, wie sehr Dr. Nance ihr fehlen würde.

Er war viel mehr als ein Freund und Mentor für sie gewesen. Er war einer der wenigen Menschen in Belle Pointe, die für sie da gewesen waren.

Sie war als Außenseiterin aufgewachsen. Als einsames, verstörtes Mädchen, das am Abgrund stand und sich von der Dunkelheit angezogen fühlte.

Als Toms Vater sie damals als Hauptverdächtige zum Verschwinden zweier ihrer Klassenkameraden vernommen hatte, war Dr. Nance eingeschritten und hatte dem damaligen Sheriff Brannon den Kopf zurechtgerückt.

„Du bist auf dem Holzweg, Porter. Wir wissen doch beide, dass du dieses Mädchen und ihre Freundinnen nur deswegen auf dem Kieker hast, weil sie sich anders geben und anders kleiden als andere. Schwarz zu tragen bedeutet nicht, dass man ein schlechter Mensch ist. Und diese Musik zu hören auch nicht. Nikki hat eine Menge durchgemacht und muss irgendwie damit umgehen. Ich schlage vor, du lässt sie in Zukunft in Ruhe, sonst bist du am Ende derjenige, der wegen übler Nachrede zur Rechenschaft gezogen wird.“

Damals war sie völlig verblüfft darüber, wie leidenschaftlich er sie verteidigte. Niemand hatte sich je für sie eingesetzt, außer ihrem Großvater, doch der war gestorben, als sie neun Jahre alt gewesen war.

Dr. Nance hatte sie ernst genommen. Er hatte sie gesehen und sich nicht von ihren experimentell gefärbten Haaren und der dicken Schicht Make-up, die sie trug, blenden lassen. Es war ihm gelungen, hinter diese Fassade zu sehen, hinter ihre finstere Miene und ihre Komplexe.

Womöglich hatte er in Nikki eine jüngere Version seiner selbst erkannt. Jedenfalls hatte er sie von da an unter seine Fittiche genommen. Er hatte ihr Interesse an Naturwissenschaften gefördert, ihr geholfen, ein Stipendium zu bekommen, und sie maßgebend auf ihrem Weg durch das College und das Studium begleitet.

Er hatte einen unglaublich großen Einfluss auf ihr Leben gehabt.

Und sein Tod würde das auch tun.

Es würde Monate, vielleicht Jahre dauern, bis Nikki die Ereignisse wirklich verarbeitet hätte.

Sie atmete schwer ein, als ihr bewusst wurde, wie die Zukunft ohne ihn aussehen würde. „Das ergibt doch keinen Sinn“, stieß sie hervor. „Er hat so viel Zeit hier draußen auf dem Wasser verbracht. Er liebte sein Boot, und er liebte das Angeln. Außerdem war er ein exzellenter Schwimmer.“

„Auf dem Wasser kann alles Mögliche passieren“, gab Tom zu bedenken. „Vor allem, wenn man allein hier draußen ist. Und er war nicht mehr der Jüngste.“

„Dreiundsiebzig“, murmelte sie. „Und fit wie eh und je.“

„Vielleicht hatte er einen Herzanfall. Oder einen Schlaganfall. Wer weiß?“ Tom hob die Schultern, aber die Geste war alles andere als gleichgültig. „Trotzdem frage ich mich, warum ihn niemand als vermisst gemeldet hat. Ganz offensichtlich liegt er seit Tagen im Wasser. Jemand muss ihn doch gesucht haben. Freunde, Patienten, sein Hausmädchen. Irgendjemand.“

„Wahrscheinlich dachten sie, er wäre nicht in der Stadt. Letzte Woche hat er mir erzählt, dass er zu einer Konferenz in Houston fahren will. Und er wollte noch ein paar Tage dranhängen, damit er vor Galveston Hochseefischen gehen kann, wenn er schon einmal in der Nähe ist. Aber das erklärt nicht, wieso wir ihn hier gefunden haben.“

„Vielleicht hat er in der letzten Minute seine Pläne geändert. Solche Dinge passieren. Wie kam er dir bei eurem letzten Treffen vor?“

Nikki erinnerte sich an das Gespräch. Dr. Nance hatte sie wie üblich geneckt.

„Na, willst du nicht doch einem alten Mann einen Gefallen tun und mitkommen? In einer Woche könnten wir schon am Meer sein und alle Sorgen hinter uns lassen. Vielleicht fahren wir weit genug raus, um einen großen Blauen zu fangen. Anders als meine Patienten werden sich deine ja wohl nicht beschweren, wenn du ein paar Tage freinimmst.“

„Er war guter Dinge.“ Ihre Stimme zitterte. „Er hat sich auf die Angeltour gefreut.“

„Gab es irgendwelche Probleme? Hat er sich über seine Gesundheit beklagt? War irgendetwas anders als sonst?“

Nikki dachte angestrengt nach. Hatte er nicht irgendwie abgelenkt gewirkt, oder spielte ihr die Erinnerung einen Streich? Hatte er blass ausgesehen? Womöglich war ihr entgangen, dass seine Laune trotz der Neckerei in Wahrheit gedämpft gewesen war.

„Zumindest ist mir nichts aufgefallen“, antwortete sie niedergeschlagen. „Aber ich war in Eile. Ich musste zurück zur Arbeit. Ich hätte besser aufpassen sollen. Vielleicht war er krank.“

„Mach dir keine Vorwürfe. Es kann tausend Gründe geben, warum er seine Pläne geändert hat. Vielleicht hat er die Konferenz abgesagt, um hier draußen ein bisschen Ruhe zu finden.“

Tom ließ den Blick über den See schweifen. „Ich werde die Organisatoren der Konferenz kontaktieren und fragen, ob Dr. Nance abgesagt hat. Wenn sein Auto hinter seiner Hütte steht, haben wir vielleicht Glück und finden Unterlagen darin. Papiere, die uns etwas über seine Pläne verraten. Und womöglich stoßen wir dort auch auf seine Brieftasche und die Armbanduhr. Auf jeden Fall würde ich vorschlagen, dass wir Dr. Ramirez die Autopsie überlassen.“

Nikki nickte langsam. Zusätzlich zu ihrem Job als Gerichtsmedizinerin war sie als Pathologin am Northeast Texas Forensic Center angestellt. Im Bundesstaat Texas wurde jeder Todesfall, der keine offensichtlichen medizinischen Ursachen hatte, mit einer Autopsie untersucht. Und da das Labor die gesamte ländliche Gegend um Piney Woods abdeckte, gab es für sie und ihre Kollegen immer etwas zu tun.

„Ich kann noch immer nicht fassen, dass er tot ist“, flüsterte sie. Auch wenn sie mit dem Tod mehr als vertraut war. Ihr geliebter Großvater war viel zu früh von ihr gegangen, und ihre Großmutter, bei der sie aufgewachsen war, hatte sie vor zwei Jahren verlassen.

Ihre Eltern waren vermutlich noch am Leben, aber sie hatte seit Jahren nichts von ihnen gehört.

Und jetzt war Dr. Nance auch tot.

„Das wird auch noch eine Weile dauern“, sagte Tom sanft. „Ohne ihn wird das Memorial Hospital nie mehr dasselbe sein. Sein Urgroßvater hat das Krankenhaus damals gegründet. Seither ist es immer von einem Nance geleitet worden. Himmel, die Nances waren sogar unter den ersten Siedlern, die sich in dieser Gegend niedergelassen haben. Dass er aber auch ausgerechnet jetzt sterben muss, so kurz nach all den Problemen, die wir hier hatten …“ Er schüttelte den Kopf. „Nach den jüngsten Ereignissen sind die Leute sowieso schon auf der Hut. Wenn sie das auch noch hören, werden sie gleich vom Schlimmsten ausgehen. Wir müssen die Gerüchte also im Keim ersticken. Das schulden wir der Gemeinde und Dr. Nance. Ich würde gerne so schnell wie möglich eine Pressekonferenz einberufen. Und es wäre mir lieb, wenn du auch dabei wärst.“

Bei dem Gedanken, mit einer Horde Reportern über Dr. Nance’ Tod sprechen zu müssen, erschauerte Nikki in der schwülen Luft. „Wäre es nicht besser, damit bis nach der Obduktion zu warten?“

„Wie lange wird das dauern?“

„Ich spreche mit Dr. Ramirez. Vielleicht können wir den Fall vorziehen. Morgen ist Freitag, und wir haben schon alle Hände voll zu tun. Ich nehme an, vor Montag wird das nichts.“

„Bis dahin ist es das Stadtgespräch Nummer eins“, sagte Tom besorgt. „Ich will nicht, dass die Leute übers Wochenende die Geschichte aufbauschen. Ich muss zumindest eine Erklärung abgeben. Zum Glück komme ich gerade ganz gut mit den Zeitungsleuten aus. Wenn ich sie bitte, sich zurückzuhalten, werden sie das hoffentlich auch tun.“

Nikki wiegte den Kopf. Sie dachte an Toms bevorstehende Hochzeit mit Rae Cavanaugh, deren Familie die Echo Lake Star gehörte. Doch dann wurde ihre Aufmerksamkeit erneut von dem Fremden gefesselt, der noch immer finster auf den See starrte. „Wer ist das?“

„Er hat meinem Kollegen erzählt, dass er am See spazieren war, als er die Leiche entdeckte.“

Durch Toms verspiegelte Sonnenbrille konnte sie seinen Blick nicht deuten, aber irgendetwas in seiner Stimme ließ sie aufhorchen. „Du glaubst ihm nicht?“

„Dafür gibt es keinen Grund.“

„Und warum dieser Ton?“

Tom presste die Lippen aufeinander. „Wir hatten schon genug Ärger im County. Drogenhandel, Vermisstenfälle, Mord. Ich hege einfach ein natürliches Misstrauen gegenüber Fremden, die zufällig über Leichen stolpern. Andererseits ist er nicht wirklich ein Fremder.“

2. KAPITEL

„Wie meinst du das? Du kennst den Mann?“ Nikki spähte zur Seite und versuchte, den Mann aus dem Augenwinkel zu beobachten. Gerade erhob er sich von seinem Platz auf dem Baumstamm, streckte sich und kreiste mit den Schultern, als ob er die Spannung in den Muskeln lösen wollte.

Dann ging er am Absperrband entlang, trat neben einen Baum und lehnte sich dagegen, die Hände in den Taschen vergraben. Der Leichengeruch schien ihm nichts auszumachen. Auf den ersten Blick wirkte er sogar teilnahmslos, doch bei genauerer Betrachtung bemerkte sie die Anspannung in seinem Gesicht.

„Wer ist er?“, fragte sie gedämpft. „Woher kennst du ihn?“

„Persönlich kenne ich ihn nicht. Sein Name ist Adam Thayer. Er ist gerade in das alte Haus seiner Großmutter gezogen – das Haus auf der anderen Seite der Brücke.“

Überrascht sah sie ihn an. „Das ist Betsy Thayers Enkel?“ Hatte sie ihn dort schon einmal gesehen – wenn er zu Besuch bei seiner Großmutter war? „Ich dachte, seine Familie wollte das Haus verkaufen, nachdem sie gestorben war.“

„Wahrscheinlich sind sie es nicht losgeworden“, vermutete Tom. „Das Grundstück hat zwar eine tolle Lage für Angler, aber das Haus selbst ist ziemlich renovierungsbedürftig. Und dass es mal einem Kidnapper als Versteck gedient hat, macht es vermutlich auch nicht attraktiver. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es vielleicht ganz gut, dass Thayer für eine Weile dort einzieht. Leerstehende Häuser ziehen alle Arten von kriminellen Machenschaften an.“

„Nicht nur Häuser.“

„Nein. Nicht nur Häuser.“

Gleichzeitig standen sie auf und schauten über den Uferrand und die Baumwipfel zu dem alten Schornstein, der aus dem Wald aufragte. Von hier aus war nur der hohe Rauchfang zu sehen, der zu der Ruine des ehemaligen psychiatrischen Krankenhauses gehörte.

Nikkis Gedanken wanderten in die Vergangenheit, und sie vermutete, dass auch Tom an die schrecklichen Geschehnisse vor fünfzehn Jahren zurückdachte. Damals waren drei Jugendliche in der Nacht des Blutmondes in „die Ruine“ eingestiegen, wie die Einheimischen es nannten. Eine davon war Toms jüngere Schwester Ellie gewesen.

Es hieß, ein ehemaliger Patient der psychiatrischen Anstalt, von allen nur „der Prediger“ genannt, habe die anderen beiden Mädchen verschleppt.

Tom fand seine Schwester am folgenden Morgen am Ufer des Sees. Sie lag reglos am Boden, das Gesicht zur Erde gedreht. Es war ihm gelungen, sie wiederzubeleben, doch sowohl Tom, Ellie als auch die gesamte Kleinstadt Belle Pointe waren danach nie mehr dieselben gewesen.

Tage später war eines der beiden vermissten Mädchen allein auf einem Feldweg aufgetaucht. Jenna Malloy war allerdings derart verstört gewesen, dass sie der Polizei keine Aussage darüber machen konnte, ob sie entführt worden oder was ihnen zugestoßen war. Das dritte Mädchen blieb spurlos verschwunden. Ebenso wie der Prediger.

Trotz der finsteren Geschichte der Ruine hatte Nikki nie die Angst der Leute aus dem Ort geteilt. Für sie war die verlassene Anstalt mitten im Wald eine Oase der Ruhe und der Einkehr, in der sie Entspannung und Trost gefunden hatte.

Aber ihr Faible für das Gebäude war ihr damals zum Verhängnis geworden. Bereits vor dem Verschwinden der drei Mädchen hatte die Gerüchteküche über sie gebrodelt, aber danach hieß es vermehrt, Nikki würde einem satanischen Kult angehören und düstere Rituale abhalten.

Tom löste den Blick von dem Schornstein und holte sie zurück in die Gegenwart. „Thayer ist erst seit ein paar Tagen in der Stadt, aber alle scheinen davon zu wissen. Es überrascht mich, dass du noch nichts von ihm gehört hast.“

„Ich gehe nicht viel aus.“ Sie sprach mit gesenkter Stimme, da der Fremde sich inzwischen fast in Hörweite befand. Verstohlen musterte sie ihn aus dem Augenwinkel. Er war ein großer, schlanker Mann in Cargo-Shorts, einem einfachen grauen T-Shirt und durchnässten Turnschuhen. Sein Haar war sehr kurz geschoren, und als er sich bückte, um nach einem Moskito auf seinem Knöchel zu schlagen, bemerkte Nikki die Narbe, die von seiner Stirn aus über den Kopf verlief.

„Was macht er so?“, fragte sie leise.

„Er ist Detective bei der Mordkommission“, entgegnete Tom. „Arbeitet in Dallas. Wurde im Dienst verletzt, laut meiner Schwester. Eine gewöhnliche Verhaftung stellte sich wohl als Falle heraus, und es gab eine Schießerei.“

„Das erklärt die Narbe.“ Nikki versuchte, den Fremden nicht allzu offensichtlich anzustarren. Zum einen war sie neugierig, zum anderen spürte sie die ganze Zeit seinen Blick auf sich ruhen, und dieser hatte etwas seltsam Anziehendes.

„Woher kennt Ellie ihn?“

„Morgens geht sie immer rüber zum Thayer-Haus, um die Pfauen zu füttern. Da saß er eines Tages plötzlich auf der Veranda und trank Kaffee. Offensichtlich war er in der Nacht dort eingezogen. Zunächst war sie argwöhnisch, aber inzwischen scheinen sie sich gut zu verstehen.“

Nikki hob die Augenbraue. Sein Tonfall verriet mehr als seine Worte. „Und das gefällt dir nicht?“

Ganz offensichtlich nicht.

Tom erhob sich und ging hinunter ans Wasser. Mit einer leichten Kopfbewegung bedeutete er Nikki, ihm zu folgen. Sie zog die Handschuhe aus und trat neben ihn. „Ganz unter uns: Ich habe vor, ihn im Auge zu behalten“, raunte er.

„Wegen deiner Schwester?“

Er zögerte. „Sagen wir mal, ich traue keinem, der in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in die Stadt kommt. Ist es nicht seltsam, so umzuziehen? Und seltsam war auch die Schießerei, bei der er verletzt wurde. Ich habe mich ein bisschen umgehört. Das Dallas Police Department bewahrt aus irgendeinem Grund Stillschweigen über den Vorfall. Das muss nichts mit ihm persönlich zu tun haben, aber ich finde es eigenartig, dass er in eine Kleinstadt wie Belle Pointe zieht.“

Jetzt hatte er bei Nikki einen empfindlichen Nerv getroffen. Auch sie war einst zu Unrecht in Verdacht geraten, und das ausgerechnet durch seinen Vater. In einer Kleinstadt gab es viel Gerede, und auch aus diesem Grund war sie bereit, dem Fremden einen Vertrauensvorschuss zu geben.

Sie mochte Tom. Er war ein guter Mann und der Polizist mit der besten Intuition, mit dem sie je zusammengearbeitet hatte. Trotzdem klang ihre Stimme nun einen Hauch kühler, als sie sagte: „Vielleicht ist er hier, um wieder zu Kräften zu kommen.“

„Und stolpert dabei ganz zufällig über die Leiche unseres beliebtesten Arztes?“

Sie sah ihn vorwurfsvoll an. „Das klingt jetzt aber nach wilden Verdächtigungen. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass er etwas mit Dr. Nance’ Tod zu tun hat. Warum sollte er? Wenn er neu in der Stadt ist, bezweifle ich, dass er ihn überhaupt kannte.“

„Du hast selbst gesagt, dass Dr. Nance viel Zeit hier draußen am See verbrachte.“

Sie hielt inne. „Du denkst, er könnte etwas beobachtet haben?“

„Ich glaube, ich habe schon zu viel gesagt“, murmelte Tom. „Du hast recht. Ich stelle wilde Vermutungen an. Wir müssen auf den Autopsiebericht warten, ehe wir vorschnelle Schlüsse ziehen.“

„Was war denn so seltsam an der Schießerei?“, wollte Nikki nun doch wissen.

Tom wirkte bekümmert. „Die Tatsache, dass darüber so gründlich geschwiegen wurde. Sowohl in den Zeitungen als auch in den sozialen Medien. Thayer trafen zwei Kugeln in der Brust. Eine dritte streifte seinen Kopf. Eigentlich hätte er tot sein müssen. Das heißt, er war tot, nach allem, was ich gehört habe. Sein Herz hat aufgehört zu schlagen, noch bevor die Sanitäter eintrafen. So ein Vorfall – in den obendrein ein Cop involviert ist – erregt für gewöhnlich viel Aufmerksamkeit.“

Auch Nikki wurde nun unwohl zumute. „Was willst du damit sagen, Tom?“

„Nichts. Aber bitte sorge dafür, dass Dr. Ramirez bei der Autopsie sehr gründlich vorgeht.“

„Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Er ist der Beste, den ich kenne. Er weiß, wonach er zu suchen hat, und ich werde ihm assistieren. Vier Augen sehen mehr als zwei. Aber du darfst keine Wunder erwarten. Nachdem jemand so lange im Wasser gelegen hat …“

Sie ließ den Satz unvollendet und wandte den Blick zum See. Nach einer Weile sah sie zurück. Adam Thayer beobachtete sie aus intensiven, grüblerischen Augen.

In diesem Moment überkam Nikki ein Déjà-vu. Ihr Nacken prickelte. Sie war sich jetzt sicher, dass sie diesem Mann schon einmal begegnet war. Wann, wo oder wie vermochte sie nicht zu sagen. Aber sie wusste es, und selbst aus der Ferne glaubte sie nun auch in den Augen des Fremden den Funken des Wiedererkennens aufglimmen zu sehen.

Unter seinem durchdringenden Blick wuchsen ihre dunklen Vorahnungen umso mehr. Es kam ihr vor, als wüsste er genau, was sie gerade dachte.

Selbst mit modernster Technik und hochwertigem Equipment würde es schwierig werden, die genaue Todesursache festzustellen, nachdem der Körper für so lange Zeit im See war.

Niemand würde das besser wissen als ein Detective der Mordkommission.

Adam Thayer schlug nach einem Moskito in seinem Nacken und fluchte innerlich. Verdammter Sumpf. Er wurde hier draußen bei lebendigem Leibe aufgefressen.

Echo Lake war ein herrliches Fleckchen Erde, ein natürliches Paradies aus Flussläufen, Tümpeln und offenem Gewässer, aber an die Tierwelt musste man sich erst einmal gewöhnen.

In den fünf Tagen, seit er in das Haus seiner Großmutter eingezogen war, hatte er schnell gelernt, stets das Moskitospray zu benutzen, bevor er das Haus verließ. Besonders in den schlaflosen Nächten, in denen er ruhelos über die Brücke wanderte oder auf seiner Veranda saß. Und ausgerechnet heute hatte er vergessen, sich einzusprühen, als er zu einem Spaziergang aufgebrochen war.

Warum es ihn hier ans Ufer gezogen hatte, wusste er selbst nicht. Vielleicht war es Instinkt gewesen. Oder hatte ihn der subtile Geruch nach Verwesung unterbewusst hierhergeführt?

Immerhin kannte er diesen Geruch nur allzu gut. Nicht, dass er ihm angenehm gewesen wäre. Aber alles, was dieser Geruch mit sich brachte – das Untersuchen eines Tatorts, die Zeugenvernehmung, die Spurensuche –, löste einen Adrenalinrausch in ihm aus, den er vermisste.

Er vermisste seine Arbeit und das Leben, wie es vor der Schießerei gewesen war.

Während er weitere Moskitos verjagte, beobachtete er, wie sich der Sheriff und die Gerichtsmedizinerin leise unterhielten. Er kannte dieses Prozedere und wusste, dass sie sich über Zeitpunkt und Todesursache austauschen würden.

Und ihm war bewusst, dass er bald vom Zeugen zum Hauptverdächtigen aufsteigen würde. Ein Fremder kommt in die Kleinstadt und findet prompt eine Leiche – wenn das nicht verdächtig ist.

Sobald sie wussten, ob es sich um einen natürlichen oder einen herbeigeführten Tod handelte, würden sie ihn vernehmen.

Vielleicht war er auch einfach einer dieser Menschen, die Ärger magisch anzogen. Aber er hatte oft genug auf der anderen Seite des Befragungstischs gesessen, um zu wissen, wie man sich behauptete. Und hatte Stephanie nicht immer gesagt, in seinen Adern fließe Eiswasser?

Trotzdem konnte er gut und gerne auf die Rolle des Verdächtigen verzichten. Er hasste es, wenn man ihn unter Beobachtung stellte und ihm jedes Wort im Mund umdrehte. Das hatte er nach der Schießerei schon oft genug durchmachen müssen.

Natürlich war ihm bewusst gewesen, dass es Gerede geben würde, wenn er in das Haus am See einzog – angeblich, um es zu renovieren und zum Verkauf vorzubereiten. Womit er nicht gerechnet hatte, war, dass er den einzigen seiner Kontakte in dieser Stadt tot auffinden würde.

Er veränderte seine Position, um einen besseren Blick auf die Leiche zu erhaschen, und ignorierte das dumpfe Pochen hinter seinen Schläfen. Seit der Schießerei war Schmerz sein ständiger Begleiter geworden.

Selbst nach monatelangem Training und ebenso langer Physiotherapie war er noch immer nicht der Alte. Er schlief schlecht. Ging viel spazieren und dachte viel nach. Er machte Krafttraining, verbrachte Zeit im Schießstand und versuchte sich gesund zu ernähren. Er hatte sogar den Alkohol aufgegeben.

Abgesehen von den anhaltenden Kopfschmerzen befand er sich in einer exzellenten körperlichen Verfassung. Und wenn es nicht dieses verdammte psychologische Gutachten gegeben hätte, wäre er längst wieder im Dienst gewesen. Es war der größte Fehler seines Lebens gewesen, der Psychologin von seinen Albträumen zu erzählen.

Nun, vielleicht der zweitgrößte. Der größte Fehler war, sich Stephanie anzuvertrauen.

Aber die Zeit ließ sich nicht zurückdrehen, und die Fehler waren nun einmal gemacht. Jetzt gab es ein neues Problem. Dr. Nance war tot. Das bedeutete, dass der alte Mann mit seinen Vermutungen wohl richtiggelegen hatte.

Irgendetwas stimmte nicht in Belle Pointe.

Adam ließ den Blick erneut über den leblosen Körper des Arztes streifen. Bei ihrem letzten Gespräch hatte Nance all seine Überredungskunst eingesetzt, um ihn hierherzulocken.

„Solltest du herkommen und feststellen, dass ich bloß ein alter Trottel mit Wahnvorstellungen bin, der gegen Windmühlen kämpft, dann kannst du direkt umkehren und nach Dallas zurückfahren. Wir werden nie wieder darüber sprechen. Aber ich sage dir, Adam: Irgendetwas geht hier vor. Etwas Finsteres. Und ich glaube, das geht schon seit Jahren so.“

Jetzt bin ich also hier, dachte Adam. Und dort drüben liegt ein ziemlich toter Dr. Nance.

Was nun?

Noch vor wenigen Stunden hätte er am liebsten seine Sachen gepackt, das friedliche Landleben hinter sich gelassen und wäre in die lärmende Großstadt zurückgekehrt, zu der er eine seltsame Hassliebe hegte. Mit ein bisschen Nachdruck wäre es ihm vielleicht gelungen, seinen Job wiederaufzunehmen und die Scherben seines Lebens zusammenzufügen. Vielleicht hätte er sogar Stephanie angerufen.

Er verzog das Gesicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass er tatsächlich den Kontakt zu seiner Ex-Verlobten wiederaufnahm, war in etwa so groß wie die, dass er dem Rätsel um Dr. Nance einfach den Rücken kehrte.

Sie ging gegen null.

Auf keinen Fall würde er den letzten Wunsch dieses Mannes ausschlagen.

Als ob er Adams Gedanken gelesen hätte, drehte sich der Sheriff in diesem Moment um und nickte ihm zu. Dann sagte er etwas zu der Gerichtsmedizinerin und kam auf ihn zu.

Auch sie wandte den Kopf und sah Adam direkt an.

Es war, als würde eine lange begrabene Erinnerung aufsteigen, doch Adam konnte sie nicht greifen.

Wer bist du?, fragte er sich im Stillen. Woher kenne ich dich?

Er hatte das sichere Gefühl, ihr schon einmal begegnet zu sein.

Sie hatte eine schlanke Statur, und das glatte, dunkle Haar war im Nacken nachlässig zu einem Knoten gedreht.

Nicht unbedingt schön, aber sehr attraktiv. Unwillkürlich kam ihm das Wort „rätselhaft“ in den Sinn – ein Wort, das er für gewöhnlich selten gebrauchte.

Da wurde die Luft plötzlich von einem schrillen Schrei durchbrochen. Er war so durchdringend, dass der Sheriff innehielt und den Kopf hob. Auch alle anderen am Tatort Versammelten zuckten erschrocken zusammen.

Nur die Gerichtsmedizinerin blieb davon unbeeindruckt. Sie hielt ihre dunklen Augen noch immer unverwandt auf Adam gerichtet.

3. KAPITEL

Eine unbehagliche Stille hatte sich über den See gelegt.

Die feinen Härchen in Adams Nacken stellten sich auf, und unwillkürlich glitten seine Finger über den Rand der Narbe, die zu pochen begonnen hatte.

Einer der Officer lachte verlegen und durchbrach damit die Stille. „Was zur Hölle war denn das?“, fragte er.

„Das war ein Pfau!“, rief Sheriff Brannon ihm zu. „Ist wahrscheinlich vom Thayer-Haus rübergekommen.“

„Ein Pfau? Sicher?“, fragte ein anderer Officer und ließ den Blick über den See schweifen. „Für mich hörte sich das an wie eine Frau, die sich die Seele aus dem Leib schreit.“

Der junge Officer, den der Sheriff vorhin Navarro genannt hatte, bekreuzigte sich. „Vielleicht war es genau das.“

Ein älterer Kollege sah Navarro befremdet an. „Wovon redest du, Junge?“

Navarro sah hinaus auf das Wasser, auf dem sich die Schatten zu einer dunklen Masse verdichtet hatten. „Meine Großmutter sagt, dass es auf dem See spukt. Wenn man hier um Mitternacht allein rausfährt, kann man noch immer die Schreie der Geisteskranken hören, die in der Anstalt gefoltert wurden.“

Jemand begann die Titelmelodie der Serie Twilight Zone zu summen. Daraufhin war leises Gekicher zu hören.

Sheriff Brannon ignorierte die Unruhe. „Ihre Großmutter ist eine feine Frau, Navarro, aber auf ihre Geistergeschichten würde ich nicht allzu viel geben.“

Doch Navarro fuhr unverdrossen fort: „Nicht nur meine Großmutter hat das erzählt. Der Freund ihrer Cousine hat in der Anstalt gearbeitet, bevor die Regierung sie geschlossen hat. Er sagt, dass dort viele schlimme Dinge passiert sind. Sie haben alle möglichen Experimente durchgeführt. Dinge, die wir uns nicht einmal vorstellen können. Und die schwierigsten Patienten haben sie im dritten Stock in Käfigen eingesperrt. Stellt euch das mal vor … Ihre Seelen sind bestimmt noch da oben gefangen.“ Sein Blick glitt hinauf zu dem schwarzen Umriss des Schornsteins, der sich nur noch undeutlich vor der aufsteigenden Dunkelheit abhob.

Seit er in Belle Pointe angekommen war, hatte Adam der Ruine noch keinen Besuch abgestattet. Aber es reizte ihn sehr, das Gebäude im Mondschein zu betreten. Ob es noch da ist?, fragte er sich unwillkürlich. Das Geheimnis, das er damals unter einer losen Diele entdeckt hatte?

Erneut strich er über seinen geschorenen Kopf, um das unangenehme Prickeln zu vertreiben.

Sheriff Brannon seufzte müde. „Die Anstalt wurde geschlossen, weil die Fördergelder ausgingen. Das ist damals überall im Land passiert. All das Gerede über verbotene Experimente sind bloß düstere Legenden.“

„In Legenden steckt oft eine Menge Wahrheit“, schaltete sich die Gerichtsmedizinerin ein.

Brannon grollte leise. „Jetzt bestärke du ihn nicht auch noch in diesem Unsinn.“ Lauter sagte er: „Das war ein Pfau. Und jetzt ist Schluss damit. Kein Wort mehr über Heimsuchungen und Geister. Wir haben hier einen Job zu erledigen, also los.“

Daraufhin wandten sich alle wieder ihren Aufgaben zu.

Sheriff Brannon trat vor Adam, stellte sich vor und nahm die verspiegelte Sonnenbrille ab. Adam war dankbar dafür. Er sah seinem Gesprächspartner gerne in die Augen. Tom Brannons waren grau und aufmerksam. Womöglich auch ein wenig misstrauisch.

„Meine Schwester hat mir von Ihnen erzählt. Sie haben ihr wohl einen schönen Schrecken eingejagt.“

„Ich war selbst erschrocken, als sie plötzlich auf meiner Veranda stand. Ich hatte mit niemandem gerechnet. Vor allem nicht so früh am Morgen.“

Brannon nickte. „Sie hat Ihrer Großmutter versprochen, sich um die Pfauen zu kümmern. Seither hat sie die Vögel gefüttert.“

„Das ist sehr nett von ihr. Meine Großmutter wüsste das sicher zu schätzen. Es hätte ihr das Herz gebrochen, hätte sie die Tiere weggeben müssen.“

Tom sah ihn direkt an. „Meine Schwester hatte schon immer eine Schwäche für Streuner. Sogar für solche, die beißen.“ Die Anspielung war nicht gerade subtil. „Können Sie mir noch einmal berichten, wie Sie die Leiche gefunden haben?“

„Wie gesagt, ich hatte den ganzen Tag im Haus gearbeitet und beschloss, einen Spaziergang zu machen, um frische Luft zu schnappen. Für gewöhnlich gehe ich nur bis zur Brücke, aber heute zog es mich weiter. Nach dem Renovieren war die leichte Bewegung eine Wohltat für meinen Rücken. Dann habe ich im Wasser den leblosen Körper entdeckt und sofort den Notruf verständigt. Während ich gewartet habe, ging ich am Ufer entlang. Dabei fiel mir das Boot unter der Brücke auf. Von der anderen Seite aus war es nicht zu erkennen gewesen. Es war gekentert, also bin ich ins Wasser gewatet, um zu sehen, ob jemand darunter eingeklemmt ist. Und dann habe ich bereits die Sirene gehört.“

Sheriff Brannon sagte nichts dazu. Nach einem kurzen Moment des Schweigens fragte er: „Das Haus Ihrer Großmutter liegt direkt am Wasser. Ist Ihnen in den vergangenen Tagen irgendetwas Ungewöhnliches auf dem See aufgefallen?“

„Da ich noch nicht so lange hier bin, wüsste ich nicht, was ungewöhnlich ist. Aber manchmal höre ich Boote. Zu den ungewöhnlichsten Zeiten. Offensichtlich geht man hier gerne nachts angeln.“

„Unter anderem“, sagte Brannon finster. Mit einem Kopfnicken deutete er auf den Leichnam von Dr. Nance. „Haben Sie diesen Mann je auf dem Wasser gesehen? Er besitzt eine Hütte auf der gegenüberliegenden Seite des Sees. Hat er sich dort aufgehalten?“

„Nein, ich habe Dr. Nance dort nie gesehen.“

Brannon sah ihn lange an. Sollte er überrascht sein, dass Adam den Arzt kannte, ließ er es sich zumindest nicht anmerken. Er konnte nichts wissen von der Freundschaft der beiden. Und er konnte erst recht nichts von jenem letzten Telefonat wissen, das sie geführt hatten.

Es sei denn, Dr. Nance war so verzweifelt gewesen, dass er auch die örtliche Polizei um Hilfe gebeten hatte. So oder so: Es war klüger, mit Brannon zusammenzuarbeiten und nichts zu verschweigen.

„Ich habe ihn eben wiedererkannt, als Sie ihn umgedreht haben. Er war lange Zeit der Arzt meiner Großmutter. Sie hat große Stücke auf ihn gehalten.“

„Das tun wir alle. Er war ein bemerkenswerter Mann. Wir werden ihn sehr vermissen.“

Klang Sheriff Brannon ein wenig vorwurfsvoll? Oder werde ich langsam paranoid?, überlegte Adam. „Das glaube ich. Als sich der Gesundheitszustand meiner Großmutter verschlechterte, ließ mein Vater sie nach Dallas in eine Klinik bringen. Dr. Nance sah trotzdem weiterhin nach ihr. So oft er konnte, kam er sie besuchen. Dabei haben wir uns angefreundet. Wir waren beide bei ihr, als sie starb. Er war ein sehr gütiger Mann und hat mich nachhaltig beeindruckt. In unserem Job erfährt man so etwas nicht allzu oft.“

Brannon nickte. Dann glitt sein Blick zu Adams Narbe. „Ellie sagte, Sie waren Detective.“

„Das bin ich immer noch.“

Der Sheriff blieb unbeeindruckt. „Sie sagte, Sie sind im Dienst verwundet worden und fast gestorben.“

Adam zögerte. Er war bereit, über Dr. Nance zu sprechen – aber nicht über diesen Vorfall und alles, was er nach sich gezogen hatte. Die Drohungen. Die Verdächtigungen. Stephanies Verrat. Die politischen Hintergründe, wegen derer er noch nicht in den Dienst zurückberufen worden war.

„Ich möchte nicht darüber sprechen. Das werden Sie verstehen. Schließlich haben Sie sich jüngst in einer ähnlichen Situation befunden.“

Brannon hob überrascht die Augenbrauen. „Ellie hat Ihnen davon erzählt?“

„Sie sagte nur, dass Sie angeschossen wurden. Mehr nicht. Und ich habe nicht weiter nachgefragt. Das ist Ihre Sache, und was in Dallas passiert ist, ist meine Sache. Es hat nichts mit Dr. Nance’ Tod zu tun.“

„Vielleicht nicht. Aber ich frage mich, was ein Mann wie Sie in eine Kleinstadt wie Belle Pointe treibt. Das Haus Ihrer Großmutter steht schon eine ganze Weile leer. Warum sind Sie ausgerechnet jetzt hergekommen?“ Er sah über die Schulter zu der Leiche. „Unter diesen Umständen werden Sie verstehen, warum ich neugierig bin.“

Tom Brannon war nicht dumm, das spürte Adam. Er ermahnte sich, seine nächsten Worte sehr sorgfältig zu wählen. „Tatsächlich war das Timing kein Zufall“, gab er zu. „Ich bin hergekommen, weil Dr. Nance mich darum gebeten hat.“

„Er hat Sie gebeten, nach Belle Pointe zu kommen? Weshalb?“

„Er sagte, dass hier etwas Seltsames vor sich geht. Etwas Finsteres. Das waren seine Worte, nicht meine.“

Zum ersten Mal wirkte der Sheriff verwundert. „Was hat er damit gemeint?“

„Das weiß ich nicht. Am Telefon wollte er es mir nicht sagen. Ich habe ihm vorgeschlagen, sich damit an Sie zu wenden, aber er meinte, er würde sich nicht lächerlich machen wollen, bis er sicher ist, dass seine Vermutung stimmt. Also bat er mich, in die Stadt zu kommen und mir anzusehen, was er entdeckt hatte, und zu bestätigen, dass er nicht verrückt ist. Ebenfalls seine Worte.“

Der Sheriff neigte den Kopf und dachte einen Moment nach. „Wann war das?“

„Er hat Anfang letzter Woche angerufen. Dienstag, glaube ich. Ich schuldete ihm einen Gefallen, also beschloss ich, seiner Bitte nachzukommen.“

„Einfach so.“ Ein Hauch Misstrauen färbte Brannons Stimme.

Adam hob die Schultern. „Mehr oder weniger, ja.“

Der Sheriff musterte ihn nachdenklich. „Ellie meinte, Sie wären diesen Sonntag angekommen. Heute ist Donnerstag. Ich nehme an, dass er länger als fünf Tage im Wasser gelegen hat. Haben Sie sich keine Sorgen gemacht, als Sie hier nichts mehr von ihm gehört haben?“

„Er hatte mir gesagt, dass er für einige Tage wegfahren würde. Zu einer medizinischen Konferenz in Houston, glaube ich. Trotzdem beschloss ich, ein bisschen früher anzureisen, um mich hier einzuleben. Ich wusste ja nicht, ob das Haus meiner Großmutter überhaupt noch bewohnbar ist. Demnach war ich nicht sonderlich beunruhigt, dass er sich nicht gemeldet hat.“

Brannon schaute grimmig drein. „Er ist nie zu der Konferenz gefahren. Warum, glauben Sie, hat er seine Pläne im letzten Moment geändert? Wollte er Sie womöglich hier am See treffen?“

Das Pochen in Adams Schläfen verstärkte sich, und er widerstand dem Drang, die Fingerspitzen an den Kopf zu legen. „Das bezweifle ich. Er wusste ja nicht, dass ich schon hier war.“

Dann änderte Brannon die Richtung des Gesprächs. „Wie kam er Ihnen vor, als Sie das letzte Mal mit ihm gesprochen haben?“

„Er schien mir nicht ganz er selbst zu sein“, sagte Adam vorsichtig. „Ich kannte ihn als sehr sachlichen, ausgeglichenen Menschen. Aber an diesem Tag war er fahrig und wirkte gehetzt. Vielleicht sogar ein bisschen paranoid. Ich glaube, er begann selbst an sich zu zweifeln. Das war ein weiterer Grund, warum ich herkommen und mir selbst ein Bild machen wollte.“

Der Blick des Sheriffs glitt über den See hinaus. Wie zu sich selbst sagte er: „Eine beginnende Demenzerkrankung wäre für einen Mann wie ihn ein harter Schlag gewesen.“

„Es wäre für jeden ein harter Schlag“, gab Adam zu bedenken. Er folgte Brannons Blick zu dem gekenterten Boot. „Wollen Sie damit andeuten, dass er sein Boot absichtlich gegen den Brückenpfeiler gelenkt hat?“

Der Sheriff runzelte die Stirn. „Ich will gar nichts andeuten. Ich habe nur laut gedacht.“

„Gibt es einen Hinweis auf Fremdeinwirkung?“, fragte Adam.

Nun hatten sie die Rollen getauscht, und Sheriff Brannon schien das nicht zu gefallen. „Darüber können wir noch nichts sagen. Wir müssen Dr. Dresdens Autopsiebericht abwarten.“

„Dr. Dresden?“ Der Name sandte ein Prickeln über seine Kopfhaut, als hätte ihn ein elektrischer Schlag getroffen.

„Nikki Dresden. Die Gerichtsmedizinerin von Nance County.“

Adam sah zu der Frau hinüber, die noch immer neben dem Leichnam kniete.

Nikki Dresden. Lieber Himmel. Jetzt erinnerte er sich daran, wo er ihr schon einmal begegnet war. Und jetzt war ihm auch klar, warum er so heftig auf ihren Namen reagierte.

Zunächst hatte er sie nicht erkannt. Kaum verwunderlich, nachdem er sie fünfzehn Jahre nicht gesehen hatte. Menschen veränderten sich. Sie wurden erwachsen – die meisten zumindest. Er war auch nicht mehr der Junge, der er mit siebzehn gewesen war.

Nikki Dresden hatte sich jedenfalls dramatisch verändert. Er hätte sie nie zuordnen können, wenn er nicht ihren Namen gehört hätte. Nun, sie waren auch nie Freunde gewesen. Nicht einmal lose Bekannte.

Während des Sommers, den er damals bei seiner Großmutter verbrachte, hatten sie nicht einmal ein Dutzend Worte ausgetauscht. Und doch, so seltsam es auch klang: Es hatte eine Zeit gegeben, in der er glaubte, Nikki Dresden sogar besser zu kennen als sich selbst.

Er musterte ihr Gesicht. Da war keine Spur mehr von dem exzentrischen Mädchen von damals. Keine schwarze Kleidung mehr, kein gefärbtes Haar und keine dicke Schicht Schminke.

Ihr Haar war zwar noch immer dunkel, aber natürlich und glänzend, und ihr Gesicht ganz rein und frei von Make-up.

Im Augenblick wirkte sie hoch konzentriert und ein bisschen angespannt, aber ihr war anzusehen, dass sie in ihrem Element war. Sie sammelte Proben in einem geöffneten Köfferchen und zog dabei angestrengt die Stirn in Falten.

Trotzdem wurde Adam das Gefühl nicht los, dass sie genau wusste, dass er sie beobachtete.

Sheriff Brannon riss ihn aus seiner Betrachtung. „Ich nehme an, Sie werden eine Weile hierbleiben.“

„Das kann schon sein. Am Haus meiner Großmutter ist eine Menge zu tun.“ Adam strich sich über den Kopf und löste den Blick von der Gerichtsmedizinerin.

„Na, dann viel Erfolg. Ich möchte mir gerne Ihre Nummer notieren, für den Fall, dass Sie eine Aussage machen müssen. Und ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie vorerst nichts über diese Ermittlung verlauten lassen.“

Adam kam seinem Wunsch nach und verabschiedete sich dann. Er zog sich in die länger werdenden Schatten des Waldes zurück und legte beide Hände an die Schläfen. Er hatte das Gefühl, sein Kopf würde jeden Augenblick explodieren.

Vielleicht war er doch alles andere als genesen. Vielleicht war die exzellente körperliche Verfassung nichts als eine Illusion.

Womöglich würde er nie mehr derselbe werden, der er vor der Schießerei war.

Doch daran wollte er nicht denken.

Es war einfacher, sich in der Vergangenheit zu verlieren als in einer ungewissen Zukunft. Und es faszinierte ihn ungemein, was für eine unglaubliche Veränderung die Gerichtsmedizinerin durchgemacht hatte.

„Nikki Dresden.“ Unwillkürlich war ihr Name über seine Lippen gekommen. Kaum mehr als ein Flüstern, das der Wind mit sich trug – bis hinunter ans Ufer des Sees, denn mit einem Mal hob sie den Kopf und suchte mit den Augen den Waldrand ab, bis sie ihn zwischen den Bäumen entdeckte.

Ihre Blicke trafen sich.

In diesem Moment durchrieselte das seltsame Prickeln nicht nur seine Kopfnarbe, sondern seinen gesamten Körper. Er spürte es bis in die Fingerspitzen.

Sie schien es auch zu spüren, denn ihr Blick veränderte sich. Erkannte sie ihn wieder? Ihre dunklen Augen weiteten sich, und etwas wie Angst schien darin aufzuglimmen.

Aus gutem Grund.

Ich weiß, wer du bist, Nikki Dresden. Ich weiß, was du in diesem Sommer getan hast.

4. KAPITEL

Der Himmel hatte nach und nach die gesamte Palette von purpurn über violett bis schwarz gezeigt. Der Mond war aufgegangen, und eine leichte Brise stieg vom Wasser auf, doch die Luft war noch immer schwül und schwer.

Nikki hatte den Abtransport von Dr. Nance’ Leichnam überwacht, anschließend hatte sie sich umgezogen und war in bequeme Turnschuhe geschlüpft. Als alle gegangen waren, hatte sie sich dem Pfad am Ufer zugewandt. Sie folgte ihm um den See herum, bis sie vor sich die Umrisse der Ruine aufragen sah.

Erst kürzlich war sie hierhergerufen worden, als eine Leiche im Fahrstuhlschacht entdeckt worden war. Der Einsatz hatte alte Erinnerungen in ihr wachgerufen, und seither hatte sie noch einmal zurückkommen wollen, doch es hatte nie gepasst.

Als Kind war die Ruine ihre Zufluchtsstätte gewesen. Stundenlang war sie durch das Labyrinth der Gänge gewandert und hatte aus den Fenstern auf den See geblickt. Hier draußen hatte sie sich nie so einsam gefühlt wie in der Schule oder zu Hause.

Erst nachdem Riley Cavanaugh verschwunden war, kam sie seltener her. Eigentlich weniger aus Angst, sondern weil es sich wie Frevel anfühlte – als würde sie einen heiligen Ort entweihen.

Monatelang hatte man nach Riley gesucht. Man hatte Bluthunde eingesetzt und Psychologen, schließlich sogar ein Medium. Doch ohne Erfolg. Das Mädchen blieb verschwunden, und seine Familie musste unendliches Leid durchleben.

Nikki griff nach einigen Ranken und zog sich daran die steile Böschung hinauf. Nach wenigen Metern stand sie vor der bröckelnden Fassade und ließ den Blick daran hinaufgleiten.

Die meisten Fenster waren zerbrochen, das Dach zum Teil eingefallen. Dichter Efeu rankte sich die Wände empor, kletterte durch die Fensterrahmen und eroberte langsam das Innere des Gebäudes.

Es musste einmal ein herrliches Haus gewesen sein. Mit den anmutigen Bögen und prächtigen Stützpfeilern sah es noch immer sehr stattlich und würdevoll aus.

Nikki schaltete ihre kleine Taschenlampe ein, stieg vorsichtig durch eines der zerbrochenen Bogenfenster im Erdgeschoss und betrat die Eingangshalle.

Das Licht fiel auf eine dämonische Wandmalerei. Das teuflische Wesen mit den roten Augen sollte wohl den Prediger darstellen. Hatte er wirklich Riley Cavanaugh verschleppt? Bis heute blieb es ein Rätsel. Ein Rätsel, das noch immer die gesamte Stadt heimsuchte.

Wachsam stieg Nikki die verfallenen Treppen hinauf in den dritten Stock. Hier gab es am Ende des Flurs ein großes, rundbogenförmiges Fenster. Am Tag ließ es das Sonnenlicht hinein, in der Nacht den Mondschein. Sie hatte oft hier gesessen, um nachzudenken, zu schreiben oder sich einfach ihren Träumereien hinzugeben.

Während sie nun behutsam durch den Flur schlich, vermied sie es, zum rückwärtigen Teil des Hauses zu schauen. Sie wollte nicht an die armen Seelen denken, die dort einmal gefangen gehalten worden waren.

Dann betrat sie ihren Raum. Der Boden war uneben, die Decke stellenweise eingesunken. Die Möbel waren schon lange entfernt worden, die Betten abtransportiert, die alten Matratzen achtlos in den Keller gestopft, wo jetzt eifrig Ratten nisteten.

Die Eisengitter waren von den Fenstern gerissen worden, womöglich um sie beim Altwarenhändler zu verscherbeln.

Im Flur und in einigen der Zimmer prangten Graffiti an den Wänden – manche seltsam verstörend, andere durchaus schön und kunstvoll.

Sie trat weiter in den Raum und berührte schließlich mit der Spitze ihres Turnschuhs das lose Dielenbrett. Nikki widerstand dem Drang, es anzuheben.

Aber war sie nicht genau deswegen gekommen? Um sich den Teil ihrer Vergangenheit wiederzuholen, den sie vor so vielen Jahren hier versteckt hatte?

Was war aus ihren dunklen Geheimnissen geworden, die sie atemlos in ihr Tagebuch geschrieben hatte? Waren sie von den Ratten zernagt worden?

Als sie später nach Austin gezogen war, hatte sie das Tagebuch und all ihre schwarzen Kleider hinter sich gelassen. Sie hatte ganz von vorn anfangen wollen. Aber die Vergangenheit ließ sich nie vollständig begraben.

Jetzt, da sie älter war, hatte sich ihre Sicht auf die Dinge verändert. Vielleicht wäre es sogar heilsam, einen Blick in die Seele des seltsamen, dramatischen, unglücklichen Mädchens zu werfen, das sie einst gewesen war.

Doch jetzt brauchte sie erst einmal ein paar Minuten, um den Tod von Dr. Nance zu verarbeiten. Sie hielt sich am Fensterrahmen fest, kletterte auf den Sims und ließ die Beine ins Freie baumeln. Ihr Blick glitt hinaus aufs Wasser. Der Mond hing über der Fischerhütte, als hätte die Welt für Dr. Nance in der Dunkelheit ein Licht angezündet.

Warum hatte er im letzten Moment seine Pläne geändert? Wieso war er hier herausgefahren? Und wie konnte ein geübter Schwimmer wie er einfach ertrinken?

Fragen über Fragen.

Nikki hoffte inständig, dass die Autopsie zumindest eine davon beantworten würde.

Plötzlich hörte sie hinter sich im Flur eine Diele knarren. Sie wandte den Kopf und glaubte, eine dunkle Silhouette im Türrahmen zu sehen. Hastig zog sie die Beine an, drehte sich auf dem Sims herum, schaltete ihre Taschenlampe an und sprang auf den Fußboden. „Wer ist da?“

Eine tiefe Stimme erklang aus den Schatten. „Adam Thayer. Tut mir leid. Ich wollte Sie nicht erschrecken. Ich hätte nicht gedacht, dass jemand hier oben ist.“

Wirklich? Er war in den dritten Stock gestiegen und hatte sich ausgerechnet zu dem Raum verirrt, den Nikki früher immer ihre Zuflucht genannt hatte?

„Was tun Sie hier?“

„Ich mache eine kleine Erkundungstour.“ Vor der Türschwelle erkannte sie seine hohe, schmale Gestalt und den durchdringenden Blick, der sogar die Dunkelheit zu zerteilen schien. „Sie sind Dr. Dresden, richtig? Ich habe Sie vorhin am Ufer gesehen.“

Nikkis Griff um die Taschenlampe wurde fester. Eigentlich gab es keinen Grund, sich von Adam Thayer bedroht zu fühlen, und trotzdem standen ihre Nerven unter Strom. „Richtig. Ich habe Sie auch gesehen. Sie haben Dr. Nance’ Leichnam gefunden.“

Er trat einen Schritt nach vorn, blieb aber im Türrahmen stehen und sah sich um. War ihm bewusst, dass sie beide vollkommen allein waren? Allein an diesem abgelegenen Ort?

Auch wenn Nikki Fremden gegenüber nicht misstrauisch sein wollte, so riet ihr doch eine kleine Stimme in ihrem Inneren, mit diesem Mann vorsichtig zu sein.

„Ich dachte, Sie hätten den Tatort vorhin mit den anderen verlassen.“

Hätte ich das bloß gemacht, dachte sie, sagte aber: „Ich habe Zeit zum Nachdenken gebraucht. Diesen Ort habe ich immer schon als sehr friedvoll empfunden.“

Diesen Ort?“

Seine aufrichtige Ungläubigkeit führte dazu, dass sie sich entspannte. Sie brachte sogar ein leichtes Lächeln zustande. „Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen merkwürdig.“

Er fuhr sich mit der Hand über das kurz geschorene Haar und sah sich im Raum um. „Nein, das verstehe ich. Glaube ich. Wenn man Ruhe und Frieden sucht, ist man hier eigentlich genau richtig. Und von hier aus ist die Aussicht auf den See einmalig. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich näher komme?“

Sie trat beiseite, um ihn ans Fenster zu lassen, und behielt dabei immer die Tür als Fluchtweg im Auge.

Als er über das lose Dielenbrett lief, hätte sie schwören können, dass er für einen Moment innehielt. Gleich darauf sagte sie sich, dass es sicher nur Einbildung gewesen war.

Er stützte die Hände auf den Sims und lehnte sich nach draußen, sodass sie sein Profil im Mondlicht betrachten konnte.

„Von hier aus kann ich das Haus meiner Großmutter sehen“, sagte er, und seine volle, tiefe Stimme klang angenehm in der Dunkelheit. Trotzdem hatten sich die feinen Härchen in Nikkis Nacken aufgestellt.

Wer bist du, Adam Thayer?

„Wenn im Winter die Blätter gefallen sind, kann man bis nach Louisiana schauen“, erklärte sie.

Er wandte sich um und sah sie an. „Ich nehme an, Sie sind sehr oft hier gewesen.“

„Ja, früher. Heute nicht mehr.“ Zu ihrer eigenen Überraschung trat sie dicht neben ihn ans Fenster und blickte hinaus auf den mondbeschienenen See.

„Hatten Sie dann gar keine Angst vor all den verlorenen Seelen?“ Sein neckender Tonfall schaffte unwillkürlich eine vertrautere Atmosphäre zwischen ihnen. Doch Nikki wollte nicht mit Adam Thayer vertraut sein. Weder jetzt noch in Zukunft.

„Vor so etwas hatte ich nie Angst. Es gibt sehr viel gruseligere Dinge als Geister. Das wissen Sie vermutlich besser als ich“, sagte sie mit Blick auf seine Narbe.

Er lehnte sich an den Fensterrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich nehme an, Sie haben in Ihrem Leben auch schon genug erlebt. Es ist immer schlimm, wenn man das Opfer kennt. Standen Sie und Dr. Nance sich nahe?“

„Er war ein Mentor und Freund“, sagte sie, und die Worte klangen hohl in ihren eigenen Ohren.

„Bevor meine Großmutter gestorben ist, haben wir ziemlich viel miteinander gesprochen“, meinte er. „Immer wieder hat er eine Nikki erwähnt. Er war sehr stolz auf Sie.“

Nikki räusperte sich. „Er war ein ganz besonderer Mensch.“

„So kam es mir auch vor.“ Adam drehte sich wieder um und blickte aus dem Fenster. „Glauben Sie wirklich, dass es ein Unfall war?“

„Das kann ich noch nicht sagen. Wir müssen die Autopsie abwarten.“

Er nickte. Dann rieb er sich unvermittelt die Schläfen.

„Geht es Ihnen gut?“

Sofort ließ er die Hände sinken. „An Ihrer Stelle würde ich mir den toxikologischen Bericht sehr genau ansehen“, wechselte er das Thema. „Kleinste Spuren von Gift können im Körper leicht übersehen werden.“

„Auch jenseits der Großstadt wissen wir, wie man gründlich arbeitet“, erwiderte sie ärgerlich.

„Natürlich. Ich wollte Sie nicht kränken.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich würde bloß zu gerne wissen, was tatsächlich vorgefallen ist. Dr. Nance hat mich gebeten, herzukommen. Er sagte, etwas Finsteres würde in Belle Pointe vorgehen. Er machte vage Andeutungen von irgendwelchen wichtigen Notizen. Davon, dass alles irgendwo schwarz auf weiß geschrieben steht.“

Nikki sah ihn erstaunt an. Sie hasste es, die nächste Frage stellen zu müssen. „Glauben Sie, er litt an … Wahnvorstellungen?“

Er zuckte mit den Schultern. „Bis zu unserem letzten Treffen kam er mir völlig normal vor. Wissen Sie, ob er irgendwelche Medikamente nahm?“

„Eigentlich keine. Aber die Autopsie wird das hoffentlich klären.“ Sie musterte erneut sein Profil, unfähig, die vage Erinnerung an sein Gesicht zuzuordnen. Und plötzlich wurde sie von einem übermächtigen Gefühl erfasst. Ganz so, als wäre dies ein schicksalhafter Moment.

„Ich sollte Sie mit Ihren Gedanken allein lassen“, meinte er unvermittelt und löste sich vom Fensterrahmen.

„Nein, warten Sie. Ich muss Sie noch etwas fragen.“

Er blieb stehen und sah auf sie hinab. Seine Augen waren so dunkel wie ihre, nur mit einem leichten goldenen Schimmer versetzt. Oder spielte ihr das Mondlicht einen Streich?

„Das hört sich jetzt wahrscheinlich ziemlich klischeehaft an“, begann sie vorsichtig, „aber ich habe das Gefühl, wir sind uns schon einmal begegnet. Sie kommen mir irgendwie bekannt vor, aber ich komme einfach nicht darauf, woher.“

„Ich habe auch eine Weile gebraucht, bis es mir eingefallen ist.“

Sie sog scharf die Luft ein. „Dann sind wir uns doch schon einmal begegnet. Wann? Und wo?“

„Genau hier.“

„Hier? Sie meinen in der Ruine?“ Ihr Herz begann wild zu pochen. Unwillkürlich glitt ihr Blick zu der losen Diele zu ihren Füßen.

Davon konnte er nichts wissen. Niemand konnte davon wissen. Weder von ihrem Tagebuch noch von dem, was sie getan hatte.

Und doch … so, wie er sie nun ansah … wie er vertraulich die Stimme senkte …

Sie fröstelte. „Tut mir leid. Ich kann mich noch immer nicht erinnern.“

„Es war in dem Sommer, als dieses Mädchen verschwand. Riley Cavanaugh.“ Sein Blick ruhte auf ihrem Gesicht. „An die werden Sie sich gewiss erinnern.“

Adam beobachtete sehr aufmerksam ihre Reaktion. Sie zuckte zwar nicht gerade zusammen, aber ihr Blick wurde eine Spur wachsamer.

„Natürlich. Riley Cavanaugh war das Stadtgespräch. In gewisser Weise ist sie es bis heute“, sagte sie betont unbeteiligt. „Aber sind wir uns hier begegnet? Haben wir miteinander gesprochen?“

„Ich habe Sie öfter hier gesehen. Sie haben immer gelesen oder geschrieben. Miteinander gesprochen haben wir nur ein einziges Mal, und da haben Sie ziemlich deutlich gemacht, dass Sie Ihre Ruhe haben wollen. Also habe ich mich ferngehalten.“

In einer hilflosen Geste schüttelte sie den Kopf.

Es hätte Adam amüsieren sollen, dass jemand ihn so gründlich aus seinem Gedächtnis gestrichen hatte. In Dallas passierte es ihm öfter, dass Menschen auf ihn zukamen, um sich für einen Job zu bedanken. Für Nikki Dresden schien er hingegen überhaupt nicht mehr zu existieren.

Aber sie gab sich Mühe, so viel musste er ihr lassen. „Waren Sie öfter mit den Kids aus Belle Pointe unterwegs?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich hatte hier keine Freunde. Ich bin damals nur hergekommen, um zu arbeiten.“

„Wo denn?“ Sie biss sich auf die Lippen. „Entschuldigung. Das geht mich alles gar nichts an. Es macht mich nur ganz wahnsinnig, dass ich mich nicht erinnern kann.“

„Schon in Ordnung. Irgendwann wird es Ihnen wieder einfallen.“ Oder auch nicht. Und vielleicht war es besser so. Sie hatte schon genug Raum in seinen Gedanken eingenommen.

Stephanies Verrat saß ihm noch immer tief in den Knochen, und er hatte nicht vor, sich auf irgendjemanden einzulassen. Weder oberflächlich noch tiefergehend.

Nikki Dresden übte eine unleugbare Faszination auf ihn aus, und das war nie ein gutes Zeichen.

„Ich habe für meine Großmutter gearbeitet“, fügte er nach einer kurzen Pause hinzu. „Ich hatte gerade die Highschool abgeschlossen und den Fehler gemacht, meiner Familie zu eröffnen, dass ich nicht aufs College gehen will. Also hat mein Vater mich hergeschickt, damit ich die Sturmschäden am Dach und am Bootsanleger repariere. Er dachte wohl, ein paar Wochen harte Arbeit in der Hitze würden mich kurieren.“

„Und? Hat es das?“

„Kann man so sagen. Als ich am Ende des Sommers nach Hause kam, war ich wild entschlossen, Detective zu werden.“

Sie sah ihn lange an, ganz offenbar in keiner Eile, das Gespräch zu beenden. „Was für eine Wandlung. Wie kam es dazu?“

„Es hat mit Rileys Verschwinden zu tun.“

„Kannten Sie sie?“

„Nein. Aber irgendwie war das wohl der Auslöser“, sagte er. „Ich dachte, es muss doch möglich sein, herauszufinden, was ihr passiert ist.“

„Erstaunlich.“

Wieder fielen sie in Schweigen. Adam betrachtete ihr Profil. Sie war Leichenbeschauerin, doch er fand keine Spur von Tod und Trauer in ihren Zügen. Im Gegenteil. Sie wirkte jugendlich und energetisch und strahlte Vitalität aus. Und jene geheimnisvolle Rätselhaftigkeit, die er schon am Ufer aus der Ferne gespürt hatte.

„Es kam mir vor, als wäre Belle Pointe nach Rileys Verschwinden nicht mehr dieselbe Stadt gewesen“, sagte sie jetzt.

Er nickte. „Vorfälle wie diese verändern die Gemeinschaft. Vor allem, wenn es nie zu einer Verhaftung kommt. Das gegenseitige Misstrauen wächst. Die Gerüchteküche brodelt.“

„Oh ja, das hat sie“, bestätigte sie.

„Offenbar glaubte man, ein ehemaliger Psychiatriepatient namens Silas Creed hätte die Mädchen entführt. Sie nannten ihn den Prediger, wegen der feurigen Predigten, die er auf der Eingangstreppe hielt, als das Haus geschlossen werden sollte. Sind Sie ihm je begegnet?“

Sie zögerte. „Hier nie. Aber in der Stadt. Er nahm alle möglichen sonderbaren Jobs an, um über die Runden zu kommen. Meine Großmutter sagte immer, ich solle mich von ihm fernhalten. Aber eigentlich kam er mir immer harmlos vor. Er hat mir sogar leidgetan.“

„Glauben Sie, er war es?“

„Ich weiß es wirklich nicht. Nach jener Nacht, in der Riley verschwand, hat ihn niemand je wieder gesehen. Das war natürlich verdächtig, aber andererseits hat er vielleicht gut daran getan, zu verschwinden. Manchmal denke ich, er wusste ganz genau, dass jeder zuerst ihn verdächtigen würde. So ist das mit Außenseitern.“

Adam betrachtete ihr Gesicht. Im Mondlicht wirkte ihre Haut sehr hell, beinahe durchscheinend, und ihre Augen waren dunkel und unergründlich. Etwas regte sich in seinem Inneren. Etwas völlig Unerwartetes. Und nicht gerade Willkommenes. Er musste vorsichtig sein.

„Er war nicht der einzige Sündenbock in Belle Pointe, habe ich recht?“

„Nein.“ Sie blickte zum Himmel auf.

„Damals sahst du ganz anders aus“, ließ er sich hinreißen zu sagen.

Kurz zuckte sie zusammen, als sie den sanften Klang seiner Stimme vernahm und die vertraute Anrede. Doch sie biss sich auf die Lippe, wies ihn nicht zurecht. Einem unerklärlichen Teil von ihr gefiel diese Vertrautheit langsam. Auch wenn sich ihr Verstand mahnend dagegen wehrte. Sie schluckte und straffte die Schultern. „Ja. Deswegen gerieten meine Freunde und ich auch in Verdacht. Du hast sicher die Gerüchte um uns gehört.“

„Über satanische Kulte und Teufelsanbetung? Ich fürchte, ja.“

Sie warf ihm einen Seitenblick zu. „Und du hast keine Angst, mit mir allein hier draußen zu sein?“

„Kein bisschen.“

Er hatte es voll Überzeugung gesagt, und das schien sie zu irritieren. „Vielleicht solltest du aber.“

„So leicht kann man mich nicht erschrecken.“

Sie schwieg einen Moment. „Sie nannten uns die Belle Pointe Five. Die Art, wie wir uns kleideten, die Musik, die wir hörten … es war ihnen suspekt. In der Kleinstadt herrscht auch viel Kleingeist.“

„Nicht nur dort. Aber ich habe die Gerüchte sowieso nie geglaubt.“

„Warum? Du kanntest mich doch gar nicht.“

Weil ich dein Tagebuch unter dem Dielenbrett gefunden habe. Weil ich all deine Geheimnisse gelesen habe und weiß, dass du und deine Freunde auch nur harmlose Außenseiter wart.

Harmlos … aber auch nicht gänzlich unschuldig.

„Ich wollte mir selbst eine Meinung bilden“, formulierte er vorsichtig. „Ich habe jeden Schnipsel gelesen, den ich über das Verschwinden der Mädchen finden konnte. Und wenn ich den ganzen Tag lang in der sengenden Sonne gearbeitet hatte, kam ich abends hierher, um nach irgendwelchen Hinweisen auf Rileys Verschwinden zu suchen. Ich dachte, vielleicht würde ich etwas entdecken, was der Polizei entgangen war.“

„Hast du etwas gefunden?“

Eine Fangfrage.

Er zögerte. „Nichts, was mich zu Riley Cavanaugh geführt hätte.“

Sie verfiel erneut in Schweigen und sah hinaus in die Nacht.

Adam folgte ihrem Blick hinab auf die stillen, dunklen Tiefen des Sees. Die Erinnerungen an jenen alten, nie geklärten Fall hatte ihn für einen Augenblick vergessen lassen, warum er wirklich hier war. „Irgendetwas geht hier vor. Etwas Finsteres. Und ich glaube, das geht schon seit Jahren so.“

„Da unten ist jemand“, sagte Nikki unvermittelt.

Diese Feststellung brachte ihn rasant in die Gegenwart zurück. „Was? Wo?“

Sie deutete auf das Ufer. „Er ist da, hinter der großen Zypresse. Ich habe ihn schon seit etwa einer Minute gesehen. Anfangs dachte ich, es wäre ein Busch oder ein Schatten. Aber jetzt hat er sich bewegt. Er ist in Richtung Wasser gegangen und scheint auf irgendetwas zu warten.“

„Könnte es ein Angler sein?“, fragte Adam und kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können.

„Das bezweifle ich“, murmelte sie. „Ich habe kein Boot gehört. Bestimmt ist er über die Brücke zum anderen Ufer gelaufen.“

Natürlich hätte er einen ganz harmlosen Grund haben können, sich hier aufzuhalten. Aber Adams Misstrauen war geweckt. Schließlich hatte er exakt an dieser Stelle vor wenigen Stunden Dr. Nance’ Leiche gefunden. Oder war dieser Kerl einer von denen, die sich aus morbider Neugier an Tatorten herumtrieben?

Adam schaltete seine Taschenlampe ein und richtete sie aufs Ufer, doch ihr Schein war kaum hell genug, um die Zypresse zu erreichen.

Allerdings hatte er die Aufmerksamkeit des nächtlichen Besuchers geweckt.

Anstatt wegzulaufen, richtete er einen starken Strahler genau auf die Stelle, an der sie am Fenster standen.

5. KAPITEL

„Verdammt.“

Adam knipste die Taschenlampe aus und bedeutete Nikki, vom Fenster wegzugehen.

Sie drückte sich an die kalte Wand, während sich ihr Atem beschleunigte. „Was macht er da?“

„Keine Ahnung.“ Sein Gesicht hatte einen grimmigen Ausdruck angenommen, und sein gesamter Körper war angespannt. „Aber für einen harmlosen Wanderer ist das ein ziemlich starkes Licht.“

Mit einem Mal sah Adam selbst ziemlich bedrohlich aus. Nikki hatte jahrelang mit Polizisten gearbeitet, aber irgendetwas an Adam Thayer brachte sie aus der Ruhe, auch wenn sie nicht wusste, was genau das war.

„Auf dem Wasser benutzen die Leute alle möglichen Scheinwerfer.“ Unwillkürlich hatte sie die Stimme zu einem Flüstern gesenkt, auch wenn der Fremde weit entfernt war. „Sie brauchen sie, um Baumstämmen, Zweigen oder anderem Treibgut ausweichen zu können.“

„Schon. Aber wie du selbst sagtest: Er ist nicht mit dem Boot gekommen.“ Daraufhin schlich er zum Türrahmen, spähte in den Flur und kam schließlich zurück.

„Du glaubst doch nicht, dass jemand hier raufkommt?“, fragte sie nervös.

„Ich wollte nur sichergehen.“

„Vielleicht ist es ein Drogendealer. Wir haben hier ein großes Problem mit Meth und Fentanyl.“

Autor

Janice Kay Johnson
Janice Kay Johnson, Autorin von über neunzig Büchern für Kinder und Erwachsene (mehr als fünfundsiebzig für Mills & Boon), schreibt über die Liebe und die Familie und ist eine Meisterin romantisch angehauchter Krimis. Achtmal war sie für den renommierten Romance Writers of America (kurz RITA) Award nominiert, 2008 hat sie...
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