Baccara Spezial Band 21

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IN ZWÖLF TAGEN BIST DU TOT von CARLA CASSIDY
„Ich habe eine Frau getötet.“ Zuerst hält Deputy Callie den Anruf für einen geschmacklosen Witz. Doch damit beginnt kurz vor Weihnachten eine grausige Mordserie in Rock Ridge. Das einzig Gute daran ist, dass Callie endlich eng mit sexy Sheriff Mac McKnight zusammenarbeiten muss!

VIER PFOTEN UND EIN SCHUSS von JULIE MILLER
Wenn Lexi mit dem Cop Aiden Murphy einen Tatort untersucht, knistert es zwischen ihnen. Oder bildet Lexi es sich nur ein? Doch was er wirklich für sie empfindet, erfährt sie erst, als sie ins Fadenkreuz eines Killers gerät – und Aidens treuer Spürhund ihre letzte Hoffnung ist …

EIN BODYGUARD ZUM FEST DER LIEBE von JULIE ANNE LINDSEY
Bei einem Schneespaziergang wird die junge, verwitwete Lyndy von einem Maskierten angegriffen. In letzter Sekunde kann sie sich und ihren kleinen Sohn retten. Die Polizei ist hilflos, und in ihrer Angst engagiert Lyndy Bodyguard Cade Lance. Womit sie ihren Stalker bis aufs Blut reizt!


  • Erscheinungstag 09.12.2022
  • Bandnummer 21
  • ISBN / Artikelnummer 8062220021
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Carla Cassidy, Julie Miller, Julie Anne Lindsey

BACCARA SPEZIAL BAND 21

CARLA CASSIDY

In zwölf Tagen bist du tot

Zwei grausame Morde geschehen kurz vor Weihnachten in Rock Ridge. In beiden Fällen ist das Opfer eine zarte blonde Frau. Sheriff Mac McKnight ahnt Schreckliches: Ausgerechnet seine Deputy, die hübsche, liebenswerte Callie Stevens, entspricht genau dem Opferprofil. Wird Mac mit ihr Weihnachten feiern können – oder ist sie dann bereits tot?

JULIE MILLER

Vier Pfoten und ein Schuss

Aiden Murphy hat seinem besten Freund versprochen, dessen Schwester Lexi immer zu beschützen. Als die junge Kriminalistin an einem Tatort im verschneiten Kansas City bedroht wird, weichen Aiden und Blue, sein Polizeihund, nicht mehr von ihrer Seite. Aber plötzlich weiß Aiden nicht mehr, was riskanter ist: der Täter im Schatten – oder seine Lust auf Lexi …

JULIE ANNE LINDSEY

Ein Bodyguard zum Fest der Liebe

„Und wenn wir so tun, als seien wir ein Paar?“ Bodyguard Cade Lance findet Lyndy Wells’ Vorschlag gewagt. Sie hat ihn angestellt, weil sie und ihr Sohn von einem Unbekannten angegriffen wurden und die Polizei nichts unternimmt. Zögernd lässt Cade sich darauf ein, doch schon ein erster Kuss endet gewalttätig: Lyndys Stalker schießt auf sie beide …

1. KAPITEL

Callie Stevens ging mit forschen Schritten auf die Polizeistation zu. Es war der erste Dezember, und damit begann ihre liebste Zeit im Jahr – die Weihnachtszeit.

Hier in Rock Ridge im Bundesstaat Kansas hatte man sich über Nacht viel Mühe gegeben, die Straßen festlich zu schmücken. Von allen Straßenlaternen hingen rote und weiße Lichter in der Form von Zuckerstangen, umrahmt von grünem Blattwerk und Mistelzweigen.

Sie liebte Weihnachten, und sie hatte sich fest vorgenommen, auch ihren Arbeitsplatz ein wenig zu dekorieren. Obwohl das dort eine Art unausgesprochenes Tabu war. Seit zwei Jahren arbeitete sie in der Notrufleitstelle für Sheriff Mac McKnight.

Trotz der schneidenden Kälte stieg ihr die Wärme in die Wangen. Der Gedanke an den heißen Sheriff, wie sie ihn insgeheim nannte, ließ sie erröten. Allerdings wurde der Mann pünktlich zur Weihnachtszeit immer ziemlich missmutig, und sie fürchtete, dass es dieses Jahr nicht anders sein würde.

Inzwischen hatte sie die Polizeistation erreicht und ging um das Gebäude herum. Sie holte noch einmal tief Atem und öffnete die Hintertür. Heute begann ihre Schicht um sechzehn Uhr und endete um Mitternacht, bis Glenda Rivers sie ablösen sollte.

Sie ging zunächst in den Aufenthaltsraum, wo sie von Johnny Matthews mit einem breiten Lächeln empfangen wurde. „Ziemlich kalt da draußen, was?“

„Zu kalt für Anfang Dezember“, bestätigte sie und hing ihren Mantel an einen Haken an der Wand. „Irgendwelche Vorfälle bisher?“, wollte sie wissen.

„Absolut nichts“, erwiderte Johnny und nahm einen Schluck aus seiner Coladose. „Ich glaube, das wird eine lange, langweilige Nacht. Selbst den Verrückten ist es zu kalt draußen.“

Sie lachte. „Sei nicht traurig. So soll es schließlich sein, oder? Wer hat heute Nacht noch Dienst?“

„Cameron und Adam. Sie fahren gerade Streife.“ Johnny leerte die Cola in einem Zug, zerdrückte die Dose in der Hand und erhob sich. Er sah gut aus mit seinem dunklen Haar und seinem Schlafzimmerblick aus den tiefbraunen Augen.

Mehr als einmal hatte er ihr zu verstehen gegeben, dass er gerne mit ihr ausgehen würde, aber Callie hatte kein Interesse an einem Date. Für sie war er mehr wie ein großer Bruder, und sie spürte keine Schmetterlinge im Bauch, wenn sie ihn ansah.

„Na, dann will ich auch mal los“, sagte er und nahm seinen Mantel. „Hast du dich schon nach einem neuen Auto umgesehen?“

„Nein.“ Callie seufzte tief. Vor zwei Monaten hatte ihr altes Auto endgültig den Geist aufgegeben. Die Reparaturkosten hätten den Wert des Fahrzeugs weit überstiegen, daher musste sie es wohl oder übel aufgeben. „Der Gedanke daran, ein neues zu suchen, bereitet mir Kopfschmerzen. Außerdem kann ich zu Fuß zur Arbeit gehen. Und zu fast jedem Geschäft im Zentrum. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt noch ein Auto brauche.“

„Wenn es weiterhin so kalt und windig bleibt, wirst du froh sein, ein Auto zu haben“, erwiderte er. „Denk drüber nach. Bis dann!“

„Pass auf dich auf“, sagte Callie.

„Immer.“ Nachdem er gegangen war, verließ Callie den Pausenraum und ging den Flur entlang in Richtung Empfang.

Auf ihrem Weg kam sie an Sheriff McKnights Büro vorbei. Die Tür war geschlossen, doch sie ahnte, dass er da war. Im Grunde war er immer im Dienst, entweder in seinem Büro oder draußen auf der Straße. Oft saß er bis Mitternacht an seinem Schreibtisch und erschien trotzdem pünktlich um sieben Uhr früh wieder zur Arbeit. Der Mann war definitiv ein Workaholic.

„Hey, Callie“, begrüßte sie Maggie Jones, die sich von ihrem Schreibtisch erhob. „Ich glaube, du wirst dich heute ziemlich langweilen. Das Telefon hat den ganzen Tag nicht geklingelt.“

Maggie war inzwischen zehnfache Großmutter, aber sie weigerte sich, zum alten Eisen zu gehören, wie sie es nannte. Sie war immer gut gelaunt und gehörte auf der Polizeistation seit Jahren praktisch zur Einrichtung.

„Das macht nichts. Ich habe immer ein Buch dabei, falls es nichts zu tun gibt“, gab Callie zurück. „Und außerdem habe ich das mitgebracht.“ Sie griff in ihre Tasche und zog eine rot-weiße Kerze heraus. „Sie riecht nach Pfefferminzbonbons.“

„Oh oh. Du weißt, dass das keine gute Idee ist“, sagte Maggie und warf einen Blick in Richtung Sheriff McKnights Büro.

„Er kann doch wohl nichts gegen eine einfache Kerze haben“, protestierte Callie.

„Eine Kerze, die nach Weihnachten riecht“, korrigierte Maggie und hob die Brauen. „Du weißt, ich liebe Mac wie einen Sohn, aber um diese Zeit wird er so unausstehlich wie der alte Scrooge in der Weihnachtsgeschichte.“

„Er wird bestimmt nichts dagegen haben“, sagte Callie mit gespielter Überzeugung.

Maggie legte ihr lachend die Hand auf den Arm. „Ich hoffe bloß, dass du es überlebst, damit du morgen zu deiner Schicht erscheinen kannst.“ Mit diesen Worten suchte sie ihre Sachen zusammen und verabschiedete sich.

Callie stellte die Kerze auf den Schreibtisch, legte die Handtasche auf den Fußboden und ließ sich in den Bürostuhl sinken. In einer kleinen Stadt wie Rock Ridge war die Notrufleitstelle weder besonders kompliziert noch technisch überfrachtet. Ihr Job war es, ans Telefon zu gehen, sich im Notfall mit den Streifenwagen in Verbindung zu setzen und einen Bericht aufzunehmen, wenn jemand ins Büro kam.

Bei den meisten Anrufen handelte es sich nicht um Notfälle, daher war es ein relativ ruhiger, wenig anspruchsvoller Job. Was sie wirklich wollte, war Deputy zu sein und Seite an Seite mit ihrem Sheriff zu arbeiten.

Nach der Highschool war sie nach Kansas City gezogen, um dort ihren Abschluss in Strafrecht zu machen. Danach war sie Deputy in einer kleinen Stadt außerhalb Kansas geworden. Sie hatte geglaubt, eine rosige Zukunft vor sich zu haben.

Doch dann hatte das Schicksal zugeschlagen.

Sie schüttelte den Kopf. Heute würde sie sich von keinem traurigen Gedanken einholen lassen. Sie nahm ein Feuerzeug aus der Tasche, entzündete die Kerze und begann, sich auf die Arbeit vorzubereiten.

In der kommenden Stunde blieb alles ruhig. Dann hörte sie das vertraute Scharren von Macs Bürotür. Sie beobachtete, wie die Kerzenflamme zu flackern begann, als er die Tür öffnete und durch den Flur in den Empfangsbereich kam.

Sie straffte die Schultern und holte tief Luft.

Wie immer, wenn sie ihn sah, begann ihr Herz aufgeregt zu klopfen. Irgendetwas an ihm sorgte dafür, dass sie sich wie ein verliebter Teenager fühlte.

Sie hob den Blick. Er war ein großer, breitschultriger Mann mit kurz geschnittenem, dunklem Haar und fein geschnittenen Gesichtszügen.

Himmel, der Mann war heiß.

Jetzt schnellte der Blick seiner grauen Augen zu der Kerze und gleich darauf zu Callies Gesicht.

„Tag, Callie“, sagte er mit seiner vertrauten, wohlig tiefen Stimme.

„Tag, Sheriff“, erwiderte sie.

Noch einmal sah er auf die Kerze. Sie hörte, wie er tief Atem holte, und jetzt musste er auch den süßen Weihnachtsduft bemerken, den die Kerze ausströmte. „Ich gehe zum Essen ins Café“, sagte er. „Wenn du irgendetwas brauchst, weißt du, wo du mich finden kannst.“

„In Ordnung. Guten Appetit.“ Callie war froh, dass er nichts zu der Kerze gesagt hatte.

Sie sah ihm nach, als er das Gebäude verließ, und unwillkürlich blieb ihr Blick an seinem Po haften, der selbst in der schlichten, khakifarbenen Uniform zum Anbeißen aussah. Nachdem er gegangen war, seufzte sie hörbar auf.

Seit zwei Jahren war sie nun hier beschäftigt, aber an den meisten Tagen schien Mac sie nicht einmal zu bemerken. Ganz offensichtlich hatte er keine Ahnung, wie angetan sie von ihm war.

Sie wünschte, er würde sie einmal wirklich wahrnehmen – und ihr erlauben, ein bisschen Freude in sein Leben zu bringen. Denn nach allem, was sie bisher mitbekommen hatte, schien ihm das zu fehlen. Auf Callie wirkte er immer ein wenig traurig.

Diese Beschreibung hätte ihm allerdings nicht gefallen. Er war ein stolzer, starker Mann, der seiner Stadt gegenüber großes Pflichtgefühl besaß und alles dafür getan hätte, seine Bürger zu beschützen. Seine Angestellten verehrten ihn und schätzten ihn wegen seines großen Sinns für Gerechtigkeit.

Genau diese Eigenschaften machten ihn für Callie zum Mann ihrer Träume.

Zu ihren Träumen gehörte auch, geliebt und geschätzt zu werden und gemeinsam eine Familie zu planen.

Unglücklicherweise sah Mac in ihr bisher nichts weiter als eine fähige Mitarbeiterin am Empfang.

Das Klingeln des Telefons riss sie aus ihren Gedanken.

Etwa eine Stunde lang war sie mit Arbeit abgelenkt, bis Mac von seinem frühen Abendessen zurückkehrte. Sofort beschleunigte sich ihr Herzschlag.

„Wie war das Essen?“, fragte sie.

„Im Café ist es immer gut“, gab er zurück. „Ich hatte das Dienstagabend-Special.“

„Hackbraten mit Kartoffeln und Mais“, sagte sie mit einem Grinsen.

„Du isst wohl oft dort.“

„Wenn ich freihabe, hole ich mir da gerne etwas“, antwortete sie.

„Verstehe ich. Na schön. In den nächsten Stunden bin ich auf Streife.“ Mit diesen Worten war er auch schon wieder verschwunden.

Gegen acht Uhr kehrte er zurück und verzog sich in sein Büro.

Deputies kamen und gingen. Zum Glück nahmen sie sich Zeit, mit Callie zu reden, was die Monotonie ihrer Arbeit immerhin unterbrach.

Gegen Mitternacht erschien Glenda Rivers, um Callie abzulösen. Sie war gerade hereingekommen, als das Telefon klingelte. Callie nahm ab. „Rock Ridge Sheriff’s Department“, meldete sie sich wie gewohnt.

„Ich habe gerade eine Frau getötet. Sie ist in der Main Street“, sagte eine tiefe Stimme.

Callie runzelte die Stirn. Sollte das etwa ein schlechter Witz sein?

„Können Sie mir bitte Ihren vollen Namen nennen?“ Die Anruferkennung zeigte nur eine anonyme Nummer.

„Der tut nichts zur Sache. Sie ist auf einer Bank vor der Poststelle.“ Dann legte der Unbekannte auf.

Callie sprang auf. Sie war so verstört, dass sie nicht daran dachte, Mac über Funk zu benachrichtigen, sondern rannte direkt in sein Büro.

„Mac … Sheriff, ich habe gerade einen Anruf erhalten. Jemand behauptet, die Leiche einer Frau säße auf einer Bank vor der Post“, erklärte sie atemlos.

Mac erhob sich sofort. „Wer hat angerufen?“

„Es war ein Mann, der sich nicht zu erkennen geben wollte. Er hatte eine tiefe Stimme, aber mir kam sie nicht bekannt vor.“

Mac war bereits dabei, den Mantel anzuziehen. Sie suchte seinen Blick. „Mac, könnte ich mitkommen? Glenda hat mich gerade abgelöst. Bitte, du weißt doch, wie gerne ich dir bei der Arbeit zusehen würde, um mehr Erfahrung zu sammeln.“

Er zögerte einen Moment und zog die Stirn kraus. Dann sagte er: „Okay, hol deine Jacke. Wir treffen uns draußen beim Wagen.“

Callie verschwendete keine Sekunde. Sie eilte zurück zum Empfang, um ihre Tasche zu holen, und rannte dann in den Pausenraum, wo ihr Mantel hing.

Das war der Moment, auf den sie so lange gewartet hatte. Jetzt würde er endlich bemerken, dass sie einen guten Deputy abgab. Oder besser noch: eine gute Partnerin.

„Es ist die kälteste Nacht des Jahres, und jemand soll eine Leiche auf eine Bank gesetzt haben? Dabei kann es sich bloß um einen Streich handeln“, überlegte Mac laut, während er den Wagen startete. „Seit vier Jahren hat es hier keinen Mord mehr gegeben. Und bei dem letzten handelte es sich um einen Fall von häuslicher Gewalt.“

„Das war vor meiner Zeit hier“, sagte Callie.

„Ja, stimmt.“ Er warf ihr einen Seitenblick zu. Mit ihren blonden Locken, den leuchtend blauen Augen und dem offenen Lächeln sah sie vielmehr aus wie ein Cheerleader als ein Möchtegern-Deputy.

Sie duftete nach frischen Blumen, mit einem Hauch von Zimt und Vanille unterlegt. Ein betörender Duft. Ein gefährlicher Duft … die Art von Gefahr, die einen Mann in Schwierigkeiten bringen konnte.

Er war sich nicht einmal sicher, warum er sie überhaupt mitgenommen hatte. Vielleicht lag es daran, dass sie schon so oft gefragt hatte, ob sie ihn nicht im Einsatz begleiten durfte. Und nun, überrumpelt von dem seltsamen Anruf, hatte er einen schwachen Moment gehabt.

Er fand sie attraktiv und unglaublich sexy, deswegen hielt er sie auf Abstand. Schließlich hatte er kein Interesse an irgendeiner Art von Beziehung. Lieber blieb er für sich.

Aber jetzt musste er diese Gedanken beiseiteschieben. Er musterte die leeren Straßen und war froh, dass niemand mehr unterwegs war.

Und dann sah er sie.

Trotz allem, was man ihr angetan hatte, erkannte er sie sofort. Die tote Frau auf der Bank war Melinda Tyson, eine Kellnerin aus dem Café.

„Oh mein Gott“, sagte Callie atemlos.

Mac brachte den Wagen zum Stehen. „Du bleibst hier“, sagte er, stieg aus und eilte zu Melinda.

Sie bot einen grauenvollen Anblick: Man hatte ihr eine kleine rote Weihnachtsmannmütze auf das blonde Haar gesetzt – und einen toten Vogel in den Mund gestopft.

Was zur Hölle?

Mac suchte verzweifelt nach einem Zeichen von Leben, doch als er näher kam, wusste er, dass er keines finden würde. Um sicherzugehen, fühlte er trotzdem ihren Puls. Doch da war nichts.

Ihre Augen waren weit geöffnet, doch es lag bereits der fahle Schimmer des Todes in ihnen. Er konnte absolut nichts mehr für sie tun.

Er kehrte zum Wagen zurück, forderte sämtliche verfügbaren Deputies an und verständigte dann den hiesigen Bestatter und Gerichtsmediziner Richard Albertson.

„Im Kofferraum liegt Schutzkleidung“, sagte er zu Callie. „Wir sollten zumindest Plastikhüllen über die Schuhe streifen und Handschuhe anziehen, bis man den Tatort gründlich untersucht hat.“

Dann sah er sie lange an. „Es ist ein ziemlich grausiger Anblick. Bist du in Ordnung?“

„Wenn du denkst, dass ich mich übergeben muss oder hysterisch werde, muss ich dich enttäuschen. Mir geht’s gut.“ Callie reckte das Kinn, als ob sie ihm beweisen wollte, wie stark sie war.

„Dann legen wir mal los.“

Wenige Minuten später hatten sie Schutzhüllen über die Schuhe gezogen. Inzwischen waren auch Johnny Matthews, Cameron Royal und zwei weitere Deputies eingetroffen.

Cameron begann, das Opfer aus jedem Blickwinkel zu fotografieren, während Johnny und die beiden anderen Deputies jegliches potenzielle Beweismaterial sicherten. Mac schrieb seine ersten Eindrücke in ein Notizbuch, und Callie hielt sich im Hintergrund und beobachtete das Vorgehen ihrer Kollegen genau.

Die Wunden an Melindas Körper ließen Mac vermuten, dass man sie mit mindestens fünf Messerstichen getötet hatte. Allerdings fand sich kein Blut auf oder neben der Bank, weswegen er davon ausging, dass sie an einem anderen Ort umgebracht worden war.

Sie trug eine elegant-schlichte schwarze Stoffhose und einen hellblauen Pullover. Von einem Mantel oder einer Tasche fehlte jede Spur.

Die Weihnachtsmannmütze auf ihrem Kopf mochte einfach mit der Jahreszeit zu tun haben, aber was einem das Blut in den Adern gefrieren ließ, war der tote Vogel in ihrem Mund. Was hatte er zu bedeuten?

Es handelte sich um eine Bobtail-Wachtel, einen Vogel, der in diesen Breitengraden häufig vorkam. Mac ahnte, dass das Vogelrätsel den entscheidenden Hinweis auf das Motiv des Mörders geben würde. Aber ging es hier um die Wachtel im Speziellen, oder hätte der Killer auch jeden anderen Vogel genommen?

Richard Albertson erschien nun mit seinem Assistenten Dean Cooper. Mac wich zurück und stellte sich neben Callie, um den Männern Raum für eine erste Untersuchung zu geben.

Mit dem großen, hageren Albertson hatte Mac erst einmal zusammengearbeitet. Während der sieben Jahre, in denen er Sheriff in Rock Ridge war, hatte es nur einen Mordfall gegeben. Den Täter hatten sie damals noch am Tatort überführt: den Ehemann, der sofort zugab, dass er seine Frau in einem Wutanfall mit einem Baseballschläger erschlagen hatte.

Melinda – mit der Mütze auf dem Kopf und dem Vogel im Mund – war eine ganz andere Nummer. Es war die Art von Fall, die den verantwortlichen Ermittlern Albträume bereiteten, bis der Killer gefasst war.

Nach etwa einer Stunde war Albertson bereit, eine erste Einschätzung abzugeben. „Es gibt Fesselspuren an Handgelenken und Füßen. Auf den ersten Blick würde ich sagen, es handelte sich um ein Seil. Doch ich kann erst mehr sagen, wenn ich sie im Labor untersucht habe.“

„Zeitpunkt des Todes?“, fragte Mac.

Richard zog die Stirn kraus. „Bei dieser Temperatur ist es ein bisschen schwierig zu sagen. Wer weiß, wie lange sie der Witterung ausgesetzt war. Aber wenn man bedenkt, dass die Leichenstarre noch nicht eingesetzt hat, würde ich sagen, dass sie noch nicht länger als zwei Stunden tot ist.“

„Todesursache?“ Die war ziemlich offensichtlich, doch Mac wollte es bestätigt hören.

„Ich nehme an Messerstiche, aber auch das wird erst eine Autopsie zu hundert Prozent beweisen. Jedenfalls handelt es sich um einen Mord.“

Seine runden, braunen Augen erinnerten im Licht von Macs Schweinwerfern an eine Eule. „Wenn ihr mit dem Tatort fertig seid, können wir die Leiche mitnehmen. Und vielleicht wissen wir in wenigen Stunden schon mehr.“

„Danke, das hört sich gut an“, sagte Mac.

Es war kurz nach zwei Uhr, als der Tatort endlich geräumt und die Leiche abtransportiert war. Mac und Callie setzten sich in den Wagen.

„Und jetzt kommt der schwierigste Teil des Jobs“, sagte Mac und seufzte tief. Seit dem Moment, in dem er den Leichnam gesehen hatte, hatte er seine Gefühle tief in sich verschlossen. Doch nun spürte er, wie Trauer in ihm aufstieg – und eine ungeheure Wut. Er war fest entschlossen, den Täter zu finden, der einem so jungen Leben ein Ende gesetzt hatte. Und der seine geliebte Stadt in Angst versetzen würde.

„Was meinst du?“, fragte Callie.

„Melindas Eltern verständigen. Ich möchte nicht, dass sie es von irgendjemand anderem erfahren müssen.“

„Zum Glück ist niemand am Tatort gewesen, bis wir dort waren“, meinte sie.

Er nickte. „Ich bringe dich nach Hause, bevor ich zu ihren Eltern fahre.“

„Das ist nicht nötig. Vielleicht kann ich helfen … du weißt schon, die Wärme einer Frau und so.“

Die Wärme einer Frau. Himmel, es war eine Ewigkeit her, dass er die Wärme einer Frau gespürt hatte. Und nun stellte er sich unwillkürlich vor, wie es sich anfühlen würde, wenn Callies zarte Hände seinen Körper berühren würden.

Verdammt noch mal.

Er schüttelte den Kopf, um all diese unangebrachten Gedanken zu verscheuchen. Offensichtlich hatte sein Gehirn kein Problem damit, sich mit der Frau auf dem Nebensitz zu beschäftigen, anstatt mit dem grauenvollen Leichenfund.

Als sie vor dem Haus der Tysons hielten, hatte sich ein fester Knoten in seinem Magen geformt. Er kannte Connie und Eddie Tyson. Es waren gute Menschen, die es immer unterstützt hatten, dass er Sheriff in Rock Ridge war. Und er wusste, wie sehr sie ihre Tochter liebten.

Schweigend blickte er zu dem stillen, dunklen Haus auf.

Er war im Begriff, das Paar zu wecken, um ihnen eine Botschaft zu überbringen, die ihr gesamtes Leben zerstören würde.

Melindas Tod würde für immer ein Loch in ihre Herzen reißen, das sich nie wieder füllen ließe.

„Bringen wir es hinter uns“, sagte er schließlich, und gemeinsam gingen sie zum Haus.

Eine Stunde später kehrten sie zum Wagen zurück.

Mac hatte den Eltern die grausigen Details verschwiegen. Trotzdem war es nicht einfach gewesen, ihnen mitzuteilen, dass ihre wunderschöne Tochter nie mehr nach Hause kommen würde.

Er war froh, dass Callie da war, denn als Connie schluchzend auf dem Sofa zusammengesunken war, hatte Callie die unglückliche Mutter in den Arm genommen und festgehalten, während der Vater laut zu schreien begann und schwor, dass er den Mörder umbringen würde, wenn er ihn in die Finger bekäme.

Als Callie und Mac schließlich gingen, saßen die beiden schweigend auf dem Sofa – zu erschüttert, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Callie war ebenfalls schweigsam, während Mac sie nach Hause brachte, und er war dankbar dafür. Es war inzwischen beinahe drei Uhr, also zu früh, um weitere mögliche Zeugen zu befragen. Er hatte Melindas Eltern einige Fragen gestellt und zumindest erfahren, dass sie zurzeit mit niemandem ausging. Hauptsächlich hatte sie sich mit Kollegen aus dem Café getroffen.

Für gewöhnlich ging sie zu Fuß zur Arbeit, es sei denn, sie wurde von einem ihrer Kollegen mitgenommen. Als sie an diesem Morgen das Haus verlassen hatte, war sie in einen rot-blauen Wintermantel gekleidet gewesen. Sie hatte Frühdienst, und als sie danach nicht gleich heimgekehrt war, hatten ihre Eltern angenommen, sie sei mit Freunden unterwegs.

Denn obwohl Melinda noch im selben Haus wohnte wie ihre Eltern, war sie eine selbstständige junge Frau, die eigene Entscheidungen traf und sich nicht abmelden brauchte, wenn sie ausging.

Dieser grausige Mord an einem freundlichen, jungen Menschen gehörte zu den Dingen, die den Polizisten Albträume bescherten. Vor allem denen, die sie am Tatort auf der Bank sitzen gesehen hatten – mit einem Vogel im Mund und einer Weihnachtsmannmütze auf dem Kopf.

Morgen lag eine Menge Arbeit vor Mac. Er würde sämtliche Kollegen und Freunde von Melinda befragen müssen. Jetzt spürte er, wie sich bohrende Kopfschmerzen bemerkbar machten. Er rieb seinen Nacken in dem Versuch, die Schmerzen zu lindern.

Schon wieder nahm er Callies betörenden Duft wahr. Doch dieses Mal war er froh darüber, weil dieser den Geruch des Todes und der Trauer vertrieb.

Er wusste, dass sie für gewöhnlich zu Fuß nach Hause ging. Aber heute, zu dieser Uhrzeit, mit dem eisigen Wind und einem Mörder auf freiem Fuß, hätte er das niemals zugelassen.

Ihr Haus lag an der Hauptstraße. Er parkte den Wagen vor dem hübschen, gepflegt wirkenden Gebäude und wandte sich dann an Callie.

„Mac.“

Ihr Gesicht sah sehr schön aus im Licht des Armaturenbretts. Hatte sie schon immer diese unglaublich langen Wimpern? Hatte ihr Haar schon immer so einladend weich ausgesehen, als ob man es berühren müsste?

„Ich möchte dir bei den Ermittlungen helfen“, sagte sie jetzt. „Kannst du mich nicht vorübergehend zum Deputy ernennen? Ich würde alles tun, um diesen kranken Killer zu fassen. Und du weißt, dass du jederzeit Dana Jeffries rufen kannst, um mich in der Notrufleitstelle zu vertreten. Sie würde sehr gerne einspringen.“

Sie hatte schnell gesprochen, und ihre Worte hatten etwas Entschlossenes an sich, etwas beinahe Ärgerliches. „Du hast ohnehin nicht viele Deputies zur Verfügung. Außerdem habe ich die notwendige Qualifikation. Ich könnte dir bestimmt nützlich sein. Bitte, Mac. Lass mich mit dir arbeiten.“

Sie sah aus, als sei es ihr absolut ernst damit. Und leider hatte sie recht, denn Macs Team war nicht besonders groß. Allerdings … wäre sie ihm wirklich eine Hilfe, oder vielmehr eine Ablenkung?

„Ich werde darüber nachdenken“, sagte er schließlich.

„Du kannst mir jetzt noch keine Antwort darauf geben?“, fragte sie.

„Ich sagte, dass ich darüber nachdenken werde“, gab er zurück – in einem Tonfall, der jede weitere Diskussion versagte.

„Okay. Dann bis morgen.“ Sie öffnete die Beifahrertür. „Gute Nacht, Mac.“

„Gute Nacht, Callie.“ Er sah ihr nach, bis sie im Haus war.

Dann schlug er die Richtung zu Albertsons Bestattungsinstitut ein. Trotz der späten Stunde hoffte er, dass Albertson neue Erkenntnisse für ihn hatte. Es war das erste Mal in seiner Laufbahn, dass er als Sheriff wirklich herausgefordert wurde. Die Sicherheit seiner Stadt stand auf dem Spiel.

Er war in seinem Leben schon einmal als unzulänglich bezeichnet worden. Und seine Unfähigkeit hatte am Ende dazu geführt, dass er Weihnachten hasste. Schlimmer noch, sie hatte dazu geführt, dass er sein Herz für immer verschlossen hatte.

Aber das war in Ordnung. Was kümmerten ihn die Feiertage? Was kümmerte ihn eine Beziehung?

Seine oberste Priorität war es nun, Melindas Mörder zu finden. Und er hoffte inständig, dass es bei diesem einen Mord bleiben würde.

Dennoch … als er hinter dem Bestattungsinstitut parkte, konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, dass der Schrecken gerade erst begonnen hatte.

2. KAPITEL

Wenige Minuten nach sieben Uhr sank Mac in seinen Bürostuhl und öffnete eine Aktenmappe.

Erst um vier Uhr hatte er etwas Schlaf gefunden, und das Klingeln des Weckers hatte ihn aus seltsamen Träumen gerissen. Unglücklicherweise war Albertson bei seinem Besuch noch nicht mit der Untersuchung fertig gewesen. Doch nun hielt er endlich den Bericht in den Händen.

Er begann zu lesen. Sein einziger Trost war, dass es ihnen gelungen war, Melinda zu finden, bevor sie irgendjemand sonst in der Stadt zu Gesicht bekam. Denn die grausigen Details, wie den Vogel, würde er der Öffentlichkeit vorenthalten.

Gerade, als er sich in den Bericht vertieft hatte, klopfte es an der Tür. „Herein“, rief er.

Überrascht hob er die Brauen, als Callie das Büro betrat. „Guten Morgen“, begrüßte sie ihn mit einem strahlenden Lächeln. Sie trug eine enge Jeans, die ihre langen, schlanken Beine zur Geltung brachte, und eine königsblaue Bluse, die ihre leuchtenden Augen betonte. Sofort erfüllte ihr Duft den Raum. Ein Duft, an den er sich gewöhnen könnte, dachte er unwillkürlich.

In den Händen hatte sie einige bedruckte Papiere und einen Kaffee aus seinem Lieblingsladen. „Das ist für dich“, sagte sie und stellte den Becher auf seinen Schreibtisch. „Genau, wie du ihn magst: Kaffee mit einem Teelöffel Zucker und einem Schlag Sahne.“

Er starrte den Becher an und hob dann den Blick zu ihrem Gesicht. „Ist das eine Art Bestechung, damit du den Job als Deputy bekommst?“

Ihre Augen weiteten sich, und eine zarte Röte stieg in ihre reizenden Wangen. „Oh … so habe ich das nicht gemeint.“ Sie wirkte aufrichtig schockiert, dass er daran überhaupt gedacht hatte. „Ich … ich dachte, dass du bestimmt kaum geschlafen hast. Und vorhin habe ich gesehen, wie du mit diesem Automatenkaffee in deinem Büro verschwunden bist, der gar nicht schmeckt, und da dachte ich …“ Sie verstummte.

„Ist schon gut, Callie“, sagte er und lächelte. „Ich weiß das zu schätzen. Und falls du in Zukunft noch einmal versuchen solltest, mich zu bestechen, dann bring noch einen Muffin und eine Zimtschnecke mit.“

Sie grinste. „Das merk ich mir.“ Geschmeidig glitt sie in den Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Ich habe letzte Nacht noch ein bisschen recherchiert. Über die Bobtail-Wachtel.“

Er sah sie überrascht an. Um diese späte Stunde hätte sie auch gleich zu Bett gehen können, doch sie hatte sich die Mühe gemacht aufzubleiben. Das war an sich schon bemerkenswert, aber noch besser war, dass sie mitgedacht und sich mit einem womöglich entscheidenden Detail des Falls befasst hatte.

Ihm war bewusst, dass ihm die Zeit davonlief. Zwei seiner Deputies waren bereits damit beschäftigt, mögliche Zeugen zu finden, und Mac wollte so schnell wie möglich selbst ins Café, um Befragungen durchzuführen.

„Was hast du herausgefunden?“

Sie blickte auf die Papiere. „Ich erspare dir jetzt mal alle ornithologischen Details über das Verhalten der Wachteln, ihren Lebensraum und so weiter. Auch die verschiedenen Unterarten der Wachteln sind gewiss nicht ausschlaggebend für den Fall. Was ich allerdings interessant finde, ist, dass ihr Ruf wohl genau so klingt wie ‚bob-WHITE‘. Könnte ja sein, dass das eine Ableitung vom Namen des Mörders ist. Außerdem hat man früher angenommen, dass diese Spezies monogam lebt, aber jetzt ist bewiesen, dass sie bisexuell sind – und polygam.“

Sie hob den Blick. „Langweile ich dich? Oder soll ich fortfahren?“

„Bitte fortfahren“, antwortete er. Ihm war noch nie zuvor aufgefallen, was für eine angenehme Stimme sie hatte. Sie war voll und wohlklingend und definitiv sexy.

Viel wichtiger war natürlich, was sie herausgefunden hatte.

Sie blätterte in den Papieren. „Tja, das einzig weitere Interessante ist wohl, dass die Vögel sehr scheu sind und sich meist zurückziehen. Sie tarnen sich und ihre Nester.“

Als sie wieder aufsah, hatte sich eine winzige Falte zwischen ihren Brauen gebildet. „Vielleicht heißt unser Verdächtiger irgendetwas mit White. Und womöglich ist er schüchtern und lebt zurückgezogen.“

„Vielleicht. Danke für deine Recherchen. Du hast mir auf jeden Fall Zeit gespart.“ Er musterte ihr Gesicht. Ihre Schicht am Empfang hätte erst um sechzehn Uhr begonnen. Aber da saß sie nun, um sieben Uhr früh, und hatte nahezu die Nacht durchgemacht, um Recherchen zu betreiben.

Sie zeigte Eigeninitiative, und das gefiel ihm. Außerdem lag in ihren Augen eine Entschlossenheit, über die nicht viele Menschen verfügten.

Er zog die Schublade auf und nahm eine Deputy-Marke heraus, eine Dienstwaffe und ein Pistolenhalfter. Er legte alles auf den Schreibtisch und schob es ihr zu.

Ihre Augen weiteten sich erneut, und gleich darauf strahlte sie ihn freudig an.

Himmel, er konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal echte Freude verspürt hatte.

„Wirklich?“, fragte sie atemlos.

„Bedien dich. Und hol dir eine Uniform aus dem Lagerraum. Du kannst sie gleich anziehen. Für deine Schicht bist du heute ein Deputy, und dann sehen wir weiter. Weil du noch nicht offiziell vereidigt bist, fährst du bei mir mit. Du tust genau das, was ich dir sage – nicht mehr. Wir treffen uns in fünfzehn Minuten bei meinem Wagen. Es liegt ein langer Tag vor uns.“

Sie nahm als Erstes die Marke und befestigte sie exakt über ihrem Herzen. Dann nahm sie Pistole und Halfter an sich und sprang auf. „Ich verspreche, das wird dir nicht leidtun“, sagte sie und rannte buchstäblich aus dem Büro.

Mac griff nach dem Telefon, machte rasch einen Anruf und nahm dann seinen Mantel. Auf dem Weg durch den Flur kam er an dem Pausenraum vorbei. Durch die offene Tür konnte er den ausgestopften Weihnachtsmann sehen, der auf dem Getränkeautomaten saß.

Er wusste, dass das Callies Werk war. Niemand sonst hätte den Mut gehabt, irgendetwas Weihnachtliches auch nur in seine Nähe zu bringen. Seine Mitarbeiter wussten alle, wie er zu den Feiertagen stand.

Allerdings hatte er gerade Wichtigeres im Kopf als Deko.

Als er in den Hof kam, stand Callie bereits neben der Beifahrertür. Beim Anblick der schlichten, khakigrünen Uniform wäre ihm nie das Wort sexy eingefallen, aber an Callie war sie genau das – unwahrscheinlich sexy.

Das Shirt schmiegte sich an ihren schmalen Körper und die Rundung ihrer Brüste, und die Stoffhose war wie gemacht für ihre langen, schlanken Beine.

Trotz der eisigen Temperatur stieg eine Hitzewelle in ihm auf.

Er schloss den Wagen auf und hob verwundert die Brauen, als sie erst ihren Mantel auf den Rücksitz warf und dann einstieg.

Nun saßen sie nebeneinander. Womöglich war es keine gute Idee, sie in seiner Nähe zu haben. Andererseits wollte er auf jeden Fall vermeiden, dass sie einen Alleingang startete. Sie war zwar wild entschlossen, den Mörder zu fassen, aber noch zu unerfahren, um als Deputy alleine zu agieren.

„Ich habe gerade den Autopsiebericht gelesen“, begann er.

„Und?“

Er spürte ihren erwartungsvollen Blick auf seinem Gesicht. „Für bestimmte Ergebnisse werden wir die Laborwerte abwarten müssen, aber zumindest wissen wir jetzt, dass sie mit dreiundzwanzig Stichen getötet wurde.“

„Wow, das sieht mir nicht nach einem zufälligen Mord aus“, sagte sie.

Mac war von ihren Worten positiv überrascht. Er nahm dasselbe an, hatte allerdings nicht erwartet, dass sie es sagen würde. „Gut, und was schließt du daraus noch?“, wollte er wissen.

„Dass es ein persönliches Motiv gab. Vielleicht stammt der Mörder aus ihrem nahen Umfeld.“

„Das ist anzunehmen. Wir fahren jetzt zum Café und sprechen mit ihren Kollegen. Hoffentlich finden wir dort etwas heraus.“

„Hört sich gut an“, stimmte sie zu.

Allerdings bezweifelte er, dass in dem Café irgendjemand etwas über den Mord wusste – ausgenommen der Killer selbst. Noch hatten sich schließlich keine Reporter eingeschaltet.

„Was ist mit ihrem Mantel und ihrer Tasche? Glaubst du, der Mörder hat sie behalten? Als Trophäen?“, fragte sie.

„Zu diesem Zeitpunkt ist das schwer zu sagen. Aber ich hatte Männer losgeschickt, die letzte Nacht noch sämtliche Abfalltonnen in der Gegend um den Tatort abgesucht haben. Die vermissten Gegenstände wurden dabei nicht gefunden.“

„Und die Fesselspuren?“

„Albertson ist sich zu neunzig Prozent sicher, dass die Striemen von einem Seil stammen“, erwiderte er. „Offensichtlich war sie mit Hand- und Fußgelenken an etwas gefesselt.“

„Es ist so tragisch“, sagte sie sanft.

„Ja. Das ist es“, bestätigte er.

Mac musste einen Block weiter parken, da sämtliche Parkplätze vor dem Café bereits belegt waren. Bei den Einheimischen war das Café sehr beliebt, sowohl zum Frühstück als auch zur Mittags- und Abendessenszeit. Hier traf man sich, um den neusten Klatsch auszutauschen, das Essen war immer grundsolide gut und der Kaffee zu jeder Tageszeit frisch und heiß.

Zunächst wollte Mac mit Jimmy Jo Jacobs sprechen. JJ, wie er zumeist genannt wurde, war der Besitzer und Chefkoch des Cafés.

Er war nicht nur berühmt für sein gutes, reichhaltiges Essen, sondern auch für seine lautstarken Wutanfälle.

Nachdem er den beiden alle möglichen Gerichte angeboten hatte – die beide dankend ausschlugen –, führte er sie in sein provisorisches Büro und ließ sie auf altersschwachen Bürostühlen Platz nehmen.

Die Nachricht vom Tod seiner Kellnerin traf ihn allerdings offensichtlich hart. Wie ein angestochener Ballon sank der große, glatzköpfige Mann in sich zusammen und starrte Mac ungläubig an. „Ich habe mich schon gefragt, warum sie heute Morgen nicht zur Arbeit gekommen ist.“

„Hat sie gestern gearbeitet?“

„Ja. Bis um elf.“ Jimmy schüttelte den Kopf. „Ist sie wirklich tot? Ich kann’s nicht glauben. Sie war ein gutes Mädchen. Und eine eifrige Angestellte.“

„Hat sie erwähnt, wo sie gestern nach der Arbeit hinwollte?“, fragte Callie.

Jimmy schüttelte den Kopf. „Zumindest nicht mir gegenüber. Aber vielleicht hat sie es Shelly Steward gesagt. Sie und Melinda waren gute Freundinnen. Soll ich Shelly holen?“

„Das wäre gut“, antwortete Mac.

Während sie warteten, versuchte Mac nicht daran zu denken, wie es weitergehen würde. Die Nachricht von Melindas Tod würde sich jetzt rasend schnell verbreiten. Und die Bewohner von Rock Ridge würden schnelle Ergebnisse erwarten.

Er warf Callie einen Seitenblick zu. Jetzt, da sie an den Ermittlungen beteiligt war, lastete der hohe Druck auch auf ihr: der Stress der Ermittlungen und die Hoffnungen der Bevölkerung.

War sie dem schon gewachsen?

Und, wichtiger noch: War er es?

Callie saß still daneben und beobachtete, wie Mac das Gespräch führte.

Sie bewunderte seine ruhige Art und die Sanftheit, die er der verstörten jungen Frau entgegenbrachte. Als sie vom Tod ihrer Freundin hörte, war sie in Tränen ausgebrochen.

Mac hatte gewartet, bis sie sich einigermaßen erholt hatte, und dann begonnen, Fragen zu stellen. Noch nie hatte sie ihn so behutsam mit jemandem umgehen sehen, und diese neue Seite an ihm fand sie äußerst attraktiv.

„Was ist mit Männern?“, wollte Mac nun wissen. „Wissen Sie, ob sie mit irgendjemandem ausgegangen ist?“

„Nein, sie hatte keine Dates mehr. Für eine Weile ist sie mit Roger Lathrop ausgegangen. Aber dann wurde er ziemlich kontrollsüchtig, deswegen hat sie Schluss gemacht. Es war kein schönes Ende. Seither war sie Single“, sagte Shelly mit tränenerstickter Stimme.

„Wann haben sich die beiden getrennt?“ Mac lehnte sich in seinem Stuhl vor.

„Vor ungefähr drei Wochen.“ Shellys Augen weiteten sich. „Glauben Sie etwa, dass er … dass er sie umgebracht hat?“

„Im Augenblick wissen wir noch gar nichts. Wir haben gerade erst angefangen zu ermitteln. Wissen Sie, ob Melinda mit irgendjemandem Schwierigkeiten hatte? Mann oder Frau?“, fragte Mac.

Shelly schüttelte entschieden den Kopf. „Nein, mit niemandem. Melinda ist … war … total umgänglich. Und jeder mochte sie.“ Erneut traten Tränen in ihre Augen. „Ich kann nicht glauben, dass sie tot ist. Ich kann mir nicht vorstellen, warum jemand sie einfach … einfach umbringen sollte.“

„Shelly, es tut uns so leid um deine Freundin“, sagte Callie sanft. „Gestern trug sie einen hellblauen Pullover. Weißt du zufällig, ob sie sich umgezogen hat, bevor sie das Café verlassen hat?“

„Das hat sie immer gemacht. Sie hat die Arbeitskleider gegen normale Alltagskleider getauscht, bevor sie nach Hause gegangen ist.“

„Und hat sie das T-Shirt mitgenommen, das sie zur Arbeit getragen hat?“, hakte Callie nach.

Shelly nickte. „Das hat sie immer gemacht. Sie hat es zusammengerollt und in ihre Tasche gesteckt.“

„Danke, dass Sie mit uns gesprochen haben“, sagte Mac und erhob sich. Er reichte Shelly seine Karte. „Wenn Ihnen irgendetwas einfällt, was uns weiterhelfen könnte – ganz gleich, ob es weit hergeholt erscheint –, rufen Sie mich an. Egal um welche Uhrzeit.“

Mac und Callie befragten noch drei weitere Kellnerinnen. Aber keine der drei konnte ihnen einen Hinweis darauf geben, wohin Melinda nach ihrer Schicht im Café gegangen war.

Dann war es an der Zeit, sich Roger Lathrop vorzunehmen. Callie graute ein wenig vor dem Gespräch.

„Er müsste jetzt bei der Arbeit sein“, bemerkte Mac, als sie wieder im Wagen saßen.

Roger Lathrop hatte sich als Versicherungsvertreter selbstständig gemacht und arbeitete allein in einem Büro etwas abseits der Main Street. Der große, blonde, attraktive Mann war als Frauenheld bekannt.

Callie hatte noch nie ein Wort mit ihm gewechselt und bezweifelte, dass er überhaupt wusste, wer sie war. Sie dagegen hatte genug über ihn gehört, um zu wissen, dass er ihr ziemlich unsympathisch war.

Davon abgesehen war ihr Herz bereits vergeben. Wenn auch an einen Mann, der keine Ahnung hatte, was sie wirklich für ihn fühlte. Sie blickte Mac von der Seite an. Er war so attraktiv, auch wenn gerade eine kleine, steile Falte zwischen seinen Augenbrauen stand und seine Hände krampfhaft das Steuer umfassten. Es musste zermürbend sein, der Hauptverantwortliche für die Suche nach dem schrecklichen Mörder zu sein.

Als sie schließlich vor Rogers Büro hielten, rief Mac zunächst seinen Deputies an, um sich auf den neuesten Stand der Ermittlungen zu bringen.

„Bist du bereit?“, fragte er schließlich.

„Bereit, wenn du es bist“, entgegnete sie mit dem Anflug eines Lächelns.

Sie stiegen aus, und Callie nahm den Mantel vom Rücksitz. Der eisige Wind schnitt ihnen ins Gesicht, und Callie war froh, als sie in die Wärme des Büros traten.

Bei ihrem Anblick erhob sich Roger sofort von seinem Platz hinter dem modernen, schwarz-silbernen Schreibtisch. „Sheriff, es ist mir eine Ehre“, sagte er, kam auf sie zu und schüttelte Macs Hand.

Dann fiel sein Blick auf Callie. Seine strahlend blauen Augen musterten sie eilig von oben bis unten, obwohl sie in ihren dicken Wintermantel gehüllt war. „Ich habe Sie schon einmal in der Stadt gesehen, aber wir sind uns noch nicht vorgestellt worden.“ Er reichte ihr die Hand.

„Deputy Stevens“, sagte sie förmlich und schüttelte kurz seine Hand.

Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln, das seine ebenmäßigen weißen Zähne zum Vorschein brachte. „Hat Deputy Stevens auch einen Vornamen?“

„Callie“, sagte sie widerwillig.

„Freut mich sehr, Callie. Also, was kann ich für Sie beide tun? Brauchen Sie eine Versicherung?“ Sein Blick ging von Callie zurück zu Mac.

„Melinda Tyson wurde gestern Nacht ermordet“, sagte Mac ohne Umschweife.

Rogers Augen weiteten sich. Er wich einen Schritt rückwärts.

„Das ist ein Scherz, oder? Ein wirklich schlechter Scherz!“ Unsicher huschte sein Blick zwischen Mac und Callie hin und her. „Bitte sagen Sie mir, dass das ein Witz ist.“

„Nein. Das ist kein Witz“, sagte Mac knapp. „Wir würden gerne wissen, wo Sie sich gestern zwischen zwanzig Uhr abends und Mitternacht aufgehalten haben.“

Roger trat zurück hinter den Schreibtisch und ließ sich kraftlos in seinen Bürostuhl sinken. Dann bedeutete er ihnen, auf den Stühlen ihm gegenüber Platz zu nehmen. „Ich war zu Hause.“

„War irgendjemand bei Ihnen, der das bezeugen kann?“, wollte Mac wissen.

„Ich … nein … ich war allein. Ich habe das Büro um neunzehn Uhr verlassen, bin nach Hause gefahren und habe noch etwas ferngesehen. Dann bin ich zu Bett gegangen.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht fassen, dass sie tot ist.“

„Wo waren Sie gestern Mittag zwischen elf und dreizehn Uhr?“

Roger zog die Stirn kraus. „Hier. Ich war gestern den ganzen Tag im Büro. Nur gegen dreizehn Uhr bin ich kurz bei Billy’s Burgers vorbeigefahren, um Lunch zu holen.“

„Wie wir wissen, wurde Ihre Beziehung zu Melinda kürzlich ziemlich heftig beendet“, fuhr Mac fort.

„Heftig …?“ Seine Augen weiteten sich. „Moment mal … glauben Sie etwa, ich hätte etwas damit zu tun? Glauben Sie im Ernst, ich hätte sie umgebracht?“ Er lachte heiser. „Mein Gott, Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen.“ Er lachte und schüttelte den Kopf.

„Leider gibt es da gar nichts zu lachen, Roger“, sagte Mac. „Stimmt es, dass Sie verärgert waren, weil Melinda die Beziehung beendet hat?“

„Nun, ich war nicht gerade glücklich darüber, aber es war nicht so, als wäre ich unsterblich in sie verliebt gewesen. Wir sind nur etwa einen Monat lang miteinander ausgegangen. Ich war jedenfalls nicht so unglücklich darüber, dass ich sie umgebracht hätte.“

Mac fuhr mit der Befragung fort.

Callie behielt Roger sehr genau im Auge. Gab es Anzeichen dafür, dass er log? Es war schwer zu sagen. Vor allem, weil er ständig zu ihr hinübersah. Sein Blick war irgendwie herausfordernd, ganz so, als ob er mit ihr flirtete. Das war nicht nur unangenehm, sondern völlig unangebracht und Callies Meinung nach ziemlich schäbig.

Allerdings machte ihn das noch lange nicht zum Mörder.

Schließlich erhob sich Mac. „Sie bleiben in der Stadt, falls wir weitere Fragen haben?“

„Natürlich.“ Roger stand ebenfalls auf. „Aber wenn Sie glauben, dass ich irgendetwas mit dem Mord an Melinda zu tun habe, dann sind Sie auf dem Holzweg.“

Sein glattes Lächeln streifte Callies Gesicht. „Aber wenn Sie noch weitere Fragen haben, bringen Sie doch wieder Deputy Callie mit.“

Callie atmete auf, als sie aus dem Büro traten. „Dieser Typ ist ein Widerling ohne jeglichen Sinn für Anstand oder Pietät“, beschwerte sie sich, als sie wieder im Wagen saßen.

„Schon, aber ist er auch ein Killer?“ Mac ließ den Wagen an, wandte aber zunächst den Kopf, um sie anzusehen.

„Schwer zu sagen. Er sah ernsthaft überrascht aus, als er von dem Mord hörte. Aber vielleicht ist er nur ein ziemlich guter Schauspieler.“

Da wurde das Gespräch vom Knistern des Sprechfunks unterbrochen. „Sheriff, hier ist Pete. Ich dachte, das würde Sie interessieren: Gestern Abend gegen zwanzig Uhr hat Claudia Graham ihren Laden abgeschlossen, als sie gesehen hat, wie Nathan Brighton an dem Geschäft gegenüber noch etwas repariert hat. Möglich, dass er zur Tatzeit etwas gesehen hat.“

„Sehr gut, danke, Pete. Haben Sie eine Ahnung, wo Nathan sich gerade aufhalten könnte?“, fragte Mac.

„Nein, tut mir leid.“

„Wir werden ihn finden“, versicherte Mac und beendete das Gespräch.

Callie sah ihn an. „Wenn Nathan den Mörder oder die Leiche gesehen hätte, dann hätte er sich doch längst bei dir gemeldet, oder?“, überlegte Callie.

„Man sollte es annehmen. Aber da er etwa zur Tatzeit in der Gegend war, muss ich ihn befragen. Allerdings bin ich mir nicht einmal sicher, ob er ein Handy hat. Wir fahren zuerst mal zu seinem Haus.“

„Gestern Nacht war es schrecklich kalt. Eigentlich zu kalt, um draußen noch etwas zu erledigen“, gab Callie zu bedenken.

„Soweit ich weiß, würde Nathan auch einen Job in der Hölle annehmen“, gab Mac zurück.

Callie lachte. Nathan war eine Art Handwerker und Mädchen für alles. Viele in der Stadt nahmen seine Dienste in Anspruch. Er war immer in einem alten, verrosteten schwarzen Pick-up-Truck unterwegs, der bis obenhin mit Werkzeug beladen war.

Während Mac die Richtung zu Nathans Haus einschlug, glitt Callies Blick zu der Uhr auf dem Armaturenbrett. Ihre Zeit als Deputy neigte sich dem Ende zu. „Vielleicht solltest du mich zuerst ins Büro bringen“, sagte sie zögernd. „Meine Schicht fängt bald an.“

„Du gehst nicht zurück in die Notrufleitstelle“, sagte Mac. „Ich habe heute Morgen Dana angerufen. Sie wird deinen Job übernehmen, solange die Ermittlungen andauern.“ Er warf ihr ein flüchtiges Lächeln zu. „Du bleibst also vorerst Deputy, wenn du das noch immer möchtest. Aber du wirst nur in meiner Begleitung arbeiten.“

„Oh, Mac, danke.“ Freude stieg in ihr auf. „Du wirst es bestimmt nicht bereuen! Ich will von dir lernen, und ich werde der beste Deputy, den du je hattest.“

Und vielleicht … vielleicht würde er irgendwann mehr in ihr sehen als einen Deputy, nämlich die liebevolle, warmherzige Frau, die in seinem Leben fehlte. Die er nicht nur brauchte, sondern auch wollte.

Allerdings mussten sie zuerst diesen Fall lösen und einen Geisteskranken hinter Gitter bringen.

3. KAPITEL

Nathan wohnte in einem winzigen Haus am Rande der Stadt. Auf dem Grundstück gab es noch eine alte Holzscheune, doch davon war kaum mehr übrig als das Skelett und ein paar Reste des eingefallenen Dachs.

Dem Wohnhaus ließ sich ebenfalls nicht ansehen, dass hier ein fähiger Handwerker lebte. Die Fassade war von Wind und Wetter gezeichnet und hätte dringend einen neuen Anstrich benötigt, und die Stufen zur Haustür sahen geradezu gefährlich aus.

„Offensichtlich ist er nicht zu Hause. Sein Truck ist nicht da“, bemerkte Mac, als er an dem Häuschen vorbeifuhr. „Wir fahren durch die Stadt, bis wir seinen Truck entdecken. Er wird bei irgendjemandem arbeiten.“

„Mir ist aufgefallen, dass du mit niemandem über den Vogel gesprochen hast. Oder über den Hut“, sagte Callie.

„Es sind wichtige Details, die wir für uns behalten. Nur wir wissen davon – und der Mörder selbst. Wenn also irgendjemand etwas darüber sagt, wird er etwas mit dem Mord zu tun haben.“

Ein eisiger Schauer lief über Callies Rücken. „Es ist schwer vorstellbar, dass ein so grausamer Killer unter uns leben soll. Hier, im kleinen Rock Ridge.“

„Es zeigt, dass man nie weiß, welche Abgründe sich in einem Menschen auftun können. Sie zeigen dir ihre nette, freundliche Fassade, und mehr wirst du nie erfahren.“

„Schon. Aber für gewöhnlich passieren solche Dinge in Großstädten.“

„Mag sein. Aber ich glaube keine Sekunde, dass das ein zufälliger Mord von jemandem auf der Durchreise war“, sagte Mac.

„Stimmt. Nicht mit dreiundzwanzig Messerstichen“, räumte Callie ein.

„Schön, dass wir uns einig sind“, bemerkte Mac und schenkte ihr ein flüchtiges Lächeln, das ihr Herz erwärmte.

„Wenn wir uns mal nicht einig sind, wirst du das ganz schnell merken“, sagte sie frech.

Er lachte. „Davon bin ich überzeugt.“

Callie lehnte sich zurück. Während Mac durch die Straßen fuhr und sie Ausschau nach dem schwarzen Pick-up hielten, holte sie tief Atem. Der Geruch nach dem Reinigungsmittel der Ledersitze mischte sich mit Macs Rasierwasser. Es war eine angenehme, anziehende Mischung.

Beinahe acht Stunden hatte sie nun mit ihm verbracht, und er hatte nichts getan oder gesagt, dass ihn für sie weniger attraktiv gemacht hätte.

Im Gegenteil.

Ihr Blick ruhte auf seinen Händen. Es waren große, vertrauenerweckende Hände, und für einen Moment stellte sie sich vor, wie es wäre, von ihnen berührt zu werden – wenn seine Hände langsam über ihren nackten Körper glitten … Ein Prickeln rann über ihre Haut, und eine wohlige Wärme breitete sich in ihrem Magen aus.

„Da ist er.“ Macs Stimme riss sie aus ihren Tagträumen.

Er parkte hinter Nathans Truck am Straßenrand und stieg aus.

Callie drehte sich um, um ihren Mantel vom Rücksitz zu fischen.

„Warum lässt du den Mantel eigentlich nicht an?“, wollte Mac wissen.

„Man ist so eingeengt im Auto. Und außerdem ist es mir zu warm“, entgegnete sie.

„Habe ich die Heizung zu hoch gedreht?“

„Nein, überhaupt nicht. Es ist nur so ein Tick von mir.“ Inzwischen hatten sie den Eingang des großen, gepflegten Ranchhauses erreicht.

Mac klopfte, und gleich darauf wurde ihnen von einem Mann geöffnet, den Callie schon einmal in der Stadt gesehen hatte.

„Hey, Simon“, begrüßte Mac den Mann.

„Mac, komm doch rein, es ist kalt draußen.“ Simon trat zurück, um sie einzulassen. Er schenkte Callie ein Lächeln und nickte ihr zu. Dann fragte er an Mac gewandt: „Ist etwas nicht in Ordnung?“ Sein Lächeln war herzlich, doch nun trat Sorge in seine Augen.

„Nein, es ist alles gut“, sagte Mac. „Wir würden bloß gerne mit Nathan sprechen. Wir haben seinen Truck vor dem Haus gesehen.“

Simon deutete den Flur hinab. „Er streicht gerade unser Gästezimmer. Es ist die zweite Tür rechts.“

Callie hielt sich hinter Mac, der kurz an die ausgewiesene Tür klopfte und dann öffnete. Das Zimmer war völlig kahl, alle Möbel waren ausgeräumt, und die beiden Fenster waren weit geöffnet, um die Ausdünstungen der frischen Farbe auszulassen.

Nathan sah Mac überrascht an. „Sheriff, was machen Sie denn hier?“ Nathan war ein Mann mittlerer Größe, mehr drahtig als massig, mit einem runden Gesicht und großen, braunen Augen, in denen etwas Unschuldiges lag.

„Hi, Nathan. Wir haben ein paar Fragen an Sie. Wir würden gerne wissen, was Sie gestern Nacht in der Main Street gemacht haben“, begann Mac.

Nathan legte die Farbrolle auf ein Abtropfsieb und hob dann den Blick. „Ich habe ein paar morsche Trittbretter am Eingang von Trisha’s Schatzkästchen ausgewechselt. Das ist der Laden mit Modeschmuck und solchem Kram. Warum? Hab’ ich was falsch gemacht?“ Besorgt sah er Mac an.

„Nein. Ich habe mich nur gefragt, warum Sie das so spät am Abend erledigt haben“, antwortete Mac.

„Trisha wollte das nicht während der Öffnungszeiten machen, deswegen habe ich gewartet, bis sie Schluss hatte.“

„Und um wie viel Uhr war das?“, hakte Mac nach.

Nathan kräuselte die Stirn. „So um sieben.“

„Und wie lange haben Sie gebraucht, um die Bretter auszuwechseln?“

„Oh, etwa eine halbe Stunde. Warum?“ Er spähte zu Callie und zurück zu Mac.

„Nachdem Sie mit der Arbeit fertig waren, sind Sie noch in der Nähe geblieben? Waren Sie in der Main Street?“

„Es war ziemlich kalt, und da war niemand, der mir Gesellschaft geleistet hätte, also bin ich direkt nach Hause gegangen“, antwortete Nathan.

„Und Sie haben niemanden auf der Straße gesehen?“

Genau wie bei Roger suchte Callie bei Nathan nach irgendeinem Anzeichen dafür, dass er log. Doch es war schwer, in seinem Gesicht zu lesen – mit diesen großen, unschuldigen Augen und den irgendwie schlaffen Gesichtszügen.

„Haben Sie ein Handy, Nathan? Ich hatte gehofft, Sie könnten mir Ihre Nummer geben“, meinte Mac jetzt.

„Oh, ich habe kein Handy. Die sind viel zu kompliziert für mich. Aber ich habe ein Haustelefon. Ist sogar ein Anrufbeantworter drin.“ Er lächelte breit. „Die Nummer kann ich Ihnen geben.“

Mac stellte noch einige weitere Fragen, doch entweder hatte Nathan wirklich nichts Verdächtiges gesehen, oder er war selbst verantwortlich für Melindas Tod.

„Was denkst du?“, fragte Callie, sobald sie wieder im Wagen saßen.

„Schwer zu sagen.“ Mac wiegte den Kopf.

„Nicht böse gemeint, aber glaubst du, Nathan ist schlau genug, um so etwas einzufädeln? Ich meine, er hätte Melinda irgendwie ködern müssen, sie an einem anderen Ort umbringen und dann unbemerkt zur Main Street zurückschaffen müssen. Er scheint mir doch ein bisschen … langsam zu sein. Er hält Handys für zu kompliziert.“

„Schon. Bisher erscheint mir Nathan auch wenig verdächtig. Es bedurfte Planung und Energie, um Melinda auf diese Weise umzubringen.“ Mac seufzte tief.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte sie.

„Wir klopfen an alle Haustüren und fragen, ob jemand etwas gesehen hat. Wo ist Melinda nach ihrer Schicht hingegangen? Stand ein verdächtiges Fahrzeug vor der Post?“ Er warf ihr einen raschen Seitenblick zu. „Du weißt schon, dass an solchen Ermittlungen nichts Glamouröses dran ist.“

Überrascht sah sie ihn an. Dann lachte sie. „Warum, glaubst du, suche ich nach Glamour?“

„Manchmal sehen die Leute Mordermittlungen im Fernsehen und glauben, es ist immer aufregend und interessant. Dabei ist das meiste davon bloß harte Arbeit. Und Überstunden.“

„Mac, ich habe nichts gegen harte Arbeit. Alles, was ich will, ist, diesen Mörder zu fassen. Außerdem hast du meine Frage nicht beantwortet. Wie kommst du darauf, dass ich nach Glamour suche?“

„Ich weiß nicht. Du bist immer schick angezogen, wenn du zur Arbeit kommst. Für mich hat das etwas Glamouröses“, sagte er nach kurzem Zögern.

Sie betrachtete das Profil seines Gesichts, während ein warmer Schauer durch ihren Magen rieselte. Also hatte er sie doch bemerkt.

„Danke für das Kompliment. Aber mal ehrlich, Mac, wenn ich mir Glamour gewünscht hätte, dann wäre ich in Kansas City geblieben, statt in die Kleinstadt zu ziehen. Glaub mir, ich bin genau da, wo ich sein will, und mit dir zu arbeiten, ist genau das, was ich mir schon lange gewünscht habe.“

Mac manövrierte den Wagen in eine leere Parkbucht am Ende der Main Street. „Hier fangen wir an. Wir müssen mit jedem Ladenbesitzer sprechen. Vielleicht haben sie Melinda oder ein verdächtiges Fahrzeug gesehen.“

Callie nickte. Sie war noch immer angetan von der Tatsache, dass Mac sie bemerkt hatte. Ihre Kolleginnen trugen meistens schlichte Jeans und Sweatshirts, aber das war einfach nicht ihr Stil. Es gefiel ihr, sich ein bisschen hübsch zu machen. Vor allem für ihren Boss. Und jetzt wusste sie, dass es ihm nicht entgangen war.

„Fangen wir an“, sagte sie motiviert.

Nach einem langen, erfolglosen Tag hatte Mac für den Abend eine Konferenz mit allen vierzehn Deputies anberaumt, und so fuhren sie zurück zur Polizeiwache. Doch leider gab es kaum etwas Neues zu berichten.

Nur Deputy Dwight Mayfield brachte einen neuen Namen auf die Liste der möglichen Verdächtigen. „Ich habe mit Derek Bowman gesprochen, und der erzählte mir, dass er gestern Abend noch schnell etwas im Laden einkaufen wollte, als er Ben Kincaid gesehen hat. Das war um etwa zwanzig Uhr in der Nähe der Poststelle.“

„Hat er gesagt, was Ben gemacht hat?“, wollte Mac wissen.

„Wie ich Ben kenne, hat er mit den Geistern Zwiesprache gehalten. Oder die Götter des Windes besungen“, meinte Johnny trocken.

Ben Kincaid war definitiv ein Exzentriker und der bunte Hund von Rock Ridge. Er glaubte nicht nur an Geister, sondern auch daran, dass Menschen von einem anderen Planeten unter ihnen wandelten – manche von ihnen gut, andere böse. War es möglich, dass er Melinda für eine der Bösen gehalten hatte? Könnte er sie deswegen umgebracht haben?

„Gut, ich werde mal mit ihm sprechen“, sagte Mac. Dann stellte er Callie als neues Teammitglied vor. Die anderen begannen sie freundschaftlich zu necken, doch damit war rasch Schluss, als Mac sich räusperte.

„Na schön, zurück an die Arbeit. Wer jetzt schon Feierabend hat, sollte das auch ausnutzen und sich ausruhen. Es liegt viel Arbeit vor uns. Wir werden in den kommenden Tagen all unsere Kräfte brauchen.“

Nachdem die Männer gegangen waren, fragte Callie: „Fahren wir jetzt zu Ben?“

Er sah sie erstaunt an. „Möchtest du nicht nach Hause gehen? Es war ein langer Tag.“

„Du machst doch auch noch nicht Schluss“, bemerkte sie und reckte das Kinn. „Gehen wir?“

Draußen war es bereits dunkel.

Callie blickte nach vorn durch die Windschutzscheibe. „Ich habe Ben hin und wieder in der Stadt gesehen. War er schon immer ein bisschen … komisch?“

Mac lachte. Es war ein tiefes, angenehmes Lachen, das ihr einen wohligen Schauer über die Haut jagte. „Ich bin mit Ben zur Grundschule und in die Highschool gegangen. Er war schon immer anders.“

Sie verließen die Hauptstraße, bogen links ab und wandten sich wenig später erneut nach links, bis sie in einen Feldweg bogen. Ben wohnte etwas außerhalb in einem kleinen Ranchhaus.

„Interessant“, bemerkte Callie, als sie die Lichter bemerkte.

Sowohl das Haus als auch der Hof wurden von einem Dutzend Lampen erleuchtet. Jenseits des Hofs standen große, alte Bäume, die in einen kleinen Wald übergingen. In den Zweigen hingen unzählige Windspiele, kleine Püppchen und andere sonderbare Gegenstände.

Als sie ausstiegen, war die Luft erfüllt von dem Klingen und Klirren der Glöckchen und Metallstäbe, die sich sanft im Wind wiegten. Ein alter, rostroter Buick stand in der Einfahrt, von dem Callie annahm, dass es Bens Wagen war.

Als Mac an die Tür klopfte, brauchten sie nicht lange zu warten.

Ben öffnete. Er war ein kleiner Mann mit zerzaustem schwarzem Haar und intensiv grünen Augen. „Sheriff, sagen Sie nicht, es gab schon wieder eine Beschwerde über die Sachen in meinem Hof.“

„Nein, nichts dergleichen“, sagte Mac. „Dürfen wir reinkommen? Es ist ein bisschen laut hier draußen.“

Ben zögerte einen Moment. Dann öffnete er die Tür ein wenig weiter, um sie einzulassen. Das Innere des Hauses war ebenso merkwürdig wie alles draußen.

Ein Futon war an die Wand gerückt, und an der gegenüberliegenden Wand hing ein Fernseher. Das war allerdings schon alles, was an diesem Haus normal war.

Die Wände waren vollständig bedeckt mit Bildern von großäugigen Aliens und wütenden Dämonen. Auf jeder verfügbaren Fläche, jedem Beistelltischchen und jeder Kommode befanden sich Engelsstatuen und andere ätherische Figuren.

Ben zeigte einladend auf den Futon, doch Mac blieb stehen, und so tat Callie es ihm nach. „Ben, wir wollen dich nicht lange stören. Ich möchte dir bloß ein paar Fragen stellen.“

Ben starrte Mac aus seinen unheimlich grün leuchtenden Augen an, ohne zu blinzeln. „Fragen? Wozu?“

„Wie wir wissen, warst du letzte Nacht in der Main Street unterwegs.“

Bens Blick schnellte zu Callie und zurück zu Mac. „Ist das ein Verbrechen?“

„Natürlich nicht“, antwortete Mac. „Es ist eine Leiche gefunden worden, auf einer Bank vor der Poststelle. Offensichtlich handelt es sich dabei um Mord. Du musst etwa um dieselbe Zeit unterwegs gewesen sein, und wir haben uns gefragt, was du dort gemacht hast.“

„Ah, das erklärt einiges“, sagte Ben mit einem wissenden Blick und schüttelte den Kopf.

„Was erklärt das?“

„Ich brauchte ein paar Sachen zum Abendessen, und als ich aus dem Laden kam, hatte ich plötzlich das Gefühl, dass sich etwas Böses nähert. Ich bin die Main Street auf- und abgegangen und habe gebetet, damit es fortbleibt. Aber wie es aussieht, kamen meine Gebete zu spät.“

„Ist dir dabei irgendetwas Außergewöhnliches aufgefallen?“, wollte Mac wissen.

Callie bezweifelte, ob Ben unter etwas Außergewöhnliches dasselbe verstand wie andere Leute.

Der Mann war erfüllt mit rastloser Energie. Ständig rieb er die Fingerspitzen aneinander, und sein rechter Augenwinkel zuckte von Zeit zu Zeit. Gehörte das schlicht zu seiner Person, oder war es ein Anzeichen von Schuld?

Mac stellte ihm noch weitere Fragen, doch Ben hatte wenig zu sagen. Bevor er abends losgezogen war, um einkaufen zu gehen, hatte er den ganzen Tag über das Haus nicht verlassen.

Er behauptete nicht nur, Melinda nicht gesehen zu haben, sondern war sich nicht einmal sicher, wer die junge Frau war. Viel mehr war ihm nicht zu entlocken.

„Das ist definitiv ein seltsamer Kerl“, sagte Callie, als sie wieder im Wagen saßen.

„Schon. Aber ist er unser Mann?“

Callie entging nicht, wie müde und frustriert Mac auf einmal klang.

Auch sie war ein wenig enttäuscht. Der erste Tag ihrer Ermittlungen hatte sie kaum vorangebracht. Sie hatten nur Vermutungen – keine echte Spur, der sie hätten nachgehen können.

Schließlich hielt er vor ihrem Haus. „Wir sehen uns morgen“, sagte er zu ihr.

Ohne nachzudenken, streckte sie den Arm aus und legte die Hand auf seine. „Wir finden ihn, Mac. Wir werden ihn finden und dafür sorgen, dass er im Gefängnis landet.“

Er schwieg einen Moment. Dann entzog er ihr die Hand. „Das ist das Ziel“, meinte er.

Es entstand ein peinlicher Moment der Stille. Dann murmelte Callie ein leises „Gute Nacht“, stieg aus und nahm den Mantel vom Rücksitz.

Sie wusste, dass er warten würde, bis sie im Haus war, und an der Tür winkte sie ihm noch einmal zu.

Erst im Haus merkte sie, wie erschöpft sie war. Und frustriert.

Natürlich war es albern, anzunehmen, dass sie den Fall an einem Tag lösen würden. Vor ihnen lag kein Sprint – vielmehr ein Marathon.

Seufzend sah sie sich im Wohnzimmer um. Sie war noch zu aufgekratzt, um sofort zu Bett zu gehen. Daher nahm sie sich vor, den Baum zu schmücken, den sie bereits aufgestellt hatte.

Nachdem sie die Lichterketten angebracht hatte, öffnete sie behutsam die Schachteln mit dem Baumschmuck.

Unweigerlich musste sie dabei an ihre Familie denken.

Über zwei Jahre waren vergangen, seit ihr Vater, ihre Mutter und ihre jüngere Schwester bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Ein Betrunkener war frontal auf ihren Wagen aufgefahren.

Die Erinnerungen an diese Tragödie verfolgten sie bis heute in ihren Träumen.

Trotzdem war sie nach Rock Ridge zurückgekehrt, in das Haus ihrer Eltern.

Sie hätte in Kansas bleiben und das Haus verkaufen können, doch am Ende hatte sie das nicht übers Herz gebracht.

Erinnerungen erfüllten dieses Haus. Warme, gute Erinnerungen, voll Lachen und Fröhlichkeit. Es war ein gutes Haus, und Callie konnte sich vorstellen, hier ihre eigenen Kinder aufwachsen zu sehen. Dafür brauchte sie bloß noch diesen einen, besonderen Mann.

Und sie glaubte, ihn in Mac gefunden zu haben.

Doch bevor sie ihm ihre wahren Gefühle offenbarte, musste sie versuchen, der beste Deputy zu sein, den er sich vorstellen konnte.

4. KAPITEL

Am folgenden Morgen saß Mac an seinem Küchentisch und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Er überflog die Notizen vom Vortag, doch immer wieder erschien Callies Gesicht vor seinem inneren Auge.

Er musste zugeben, dass sie ihn mit ihrem scharfen Verstand und ihrer fleißigen Arbeitsmoral positiv überrascht hatte. Natürlich war dies nur der erste Tag, und sie hatte sich womöglich bloß Mühe gegeben, ihn zu beeindrucken. Erst die kommende Zeit würde zeigen, ob sie sich auch im Alltag beweisen konnte.

Aber es war nicht nur das. Mit ihrem strahlenden Lächeln und ihrer lebensbejahenden Art hatte sie irgendetwas in ihm zum Klingen gebracht. Er konnte selbst jetzt noch die flüchtige Berührung ihrer kleinen, warmen Hand auf seiner spüren.

Na schön, er fühlte sich von ihr angezogen.

Aber er würde dem Gefühl nicht nachgeben. Es wäre ihr gegenüber nicht fair, denn er wusste genau, dass es für sie beide keine Zukunft gab. Und er glaubte, dass es ihm gelingen würde, ihr Verhältnis auf rein beruflicher Ebene zu halten.

Schließlich erhob er sich, um duschen zu gehen.

Seit drei Jahren lebte er hier in diesem kleinen, minimalistisch eingerichteten Apartment. In dem Haus hatte er es damals nicht mehr ausgehalten.

Hier gab es alles, was er zum Leben brauchte, und davon abgesehen verbrachte er die meiste Zeit ohnehin auf dem Revier.

Auf dem Weg dorthin zerbrach er sich den Kopf darüber, was der Vogel zu bedeuten haben könnte. Irgendwie spielte der Vogel eine wichtige Rolle in der Psyche dieses kranken Killers. Aber welche? Und wie in aller Welt sollte man sich in einen kranken Geist hineinversetzen, wenn man nicht einmal den geringsten Anhaltspunkt hatte?

Mac blickte hinauf in den wolkenverhangenen Himmel. Laut Wetterbericht sollte die Kälte anhalten, und für die kommenden Tage war Schnee gemeldet.

Er sehnte sich bereits jetzt nach dem Frühling.

Als er das Revier betrat, fand er Callie im Aufenthaltsraum auf einem Tisch sitzend. Sie las etwas auf ihrem Handy und hatte eine Tasse Kaffee vor sich.

Außerdem bemerkte er in der Mitte jedes Tisches einen kleinen Weihnachtsbaum aus Plastik. „Guten Morgen, Callie“, begrüßte er sie.

Sie zuckte ein wenig zusammen. „Guten Morgen, Mac.“

Sein Blick huschte über die Dekoration. „Was bist du – ein Weihnachtself?“

Sie lachte, allerdings klang es ein bisschen nervös. „Dann bist du wohl der Grinch. Ich dachte, ich könnte ein bisschen entgegenwirken.“

Auf keinen Fall wollte er ihr erklären, warum er Weihnachten hasste. Für ihn waren die Feiertage verbunden mit Wut, Enttäuschung und Verrat.

Allerdings musste er zugeben, dass die negativen Gefühle inzwischen ein wenig verblasst waren. Der Gedanke an Weihnachten war nicht mehr so schmerzvoll wie noch im letzten Jahr.

„Wirst du mich jetzt zwingen, diese fröhlichen kleinen Bäumchen wieder einzupacken? Willst du etwa allen anderen auch die Freude an Weihnachten nehmen?“ Herausfordernd reckte sie das Kinn.

So viel musste man ihr lassen: Sie hatte mehr Mumm als all ihre männlichen Kollegen.

„Nein“, sagte er ruhig. „Für die nächste halbe Stunde bin ich in meinem Büro. Dann müssen wir wieder los.“

„Warum hasst du Weihnachten so sehr?“, wagte sie zu fragen.

Er sah sie an. „Das ist eine lange Geschichte. Und jetzt muss ich arbeiten.“

Als er allein in seinem Büro saß, ging er noch einmal die Liste der Hauptverdächtigen durch.

Roger Lathrop hatte zumindest ein Motiv, da er wohl nicht mit der Trennung einverstanden war, laut Melindas Freundin.

Ben Kincaid war sowieso schon schwer zu durchschauen, und niemand konnte wissen, von welchen finsteren Gedanken er heimgesucht wurde. Aber allein die Tatsache, dass er zur fraglichen Zeit in der Gegend gewesen war, machte ihn noch lange nicht zum Mörder.

Außerdem war noch immer nicht geklärt, wo Melinda umgebracht wurde. Laut Autopsiebericht hatte sie eine Menge Blut verloren. Wo war all das Blut geblieben? Zumindest nicht auf der Bank. Wurde sie in jemandes Wohnhaus umgebracht, und das Blut einfach in der Badewanne weggespült? Oder in einer Garage?

Leider fehlten ihm die Beweise, um irgendwo eine Hausdurchsuchung anordnen zu dürfen.

Sein Blick fiel auf die Uhr. Es war erst halb acht am zweiten Tag der Ermittlungen, und schon fühlte er sich entmutigt.

Bisher war seine Karriere ziemlich glatt verlaufen. Vor sieben Jahren, im Alter von gerade mal sechsundzwanzig, war er zu Rock Ridges Sheriff ernannt worden.

Und außer ein paar Kneipenschlägereien und dem eindeutigen häuslichen Gewaltverbrechen hatte er es nie mit etwas Komplizierterem zu tun gehabt.

Schon stieg in ihm das Gefühl auf, ein Versager zu sein.

Als er eine halbe Stunde später in den Aufenthaltsraum kam, waren Callie und die anderen Deputies in eine lebhafte Diskussion über Serienkiller vertieft.

„In Ordnung, Leute. Zum Glück haben wir es nicht mit einem Serienkiller zu tun“, sagte Mac. „Und jetzt zurück an die Arbeit.“

Callie folgte ihm nach draußen zum Wagen. „Ich habe gestern Nacht noch ein bisschen recherchiert“, sagte sie beim Einsteigen.

Er hob die Brauen. „War das bevor du die Bäumchen geholt hast, oder danach?“

„Danach.“ Sie grinste. „Ich habe die Redewendung ‚Vogel im Mund‘ gegoogelt.“

„Ha, ich bezweifle, dass das zu irgendetwas geführt hat“, sagte er.

„Tja, zu meinem größten Erstaunen hatte ich zwei Treffer. Der erste führte zu einem Gedicht, das ich nicht wirklich verstanden habe, und bei dem zweiten fand ich eine Kurzgeschichte, die ziemlich merkwürdig war. Ich habe beides mehrmals gelesen, aber ich glaube kaum, dass es etwas mit unserem Mörder zu tun hat.“

„Kannst du mir die Seiten aufschreiben, auf denen du die Texte gefunden hast?“

„Natürlich.“ Sofort begann sie etwas auf einen Zettel zu schreiben und legte ihn auf die Mittelkonsole.

„Und was steht heute auf dem Plan?“, wollte sie dann wissen.

„Wir machen mit den Befragungen weiter. Irgendjemand muss gesehen haben, wie Melinda das Café verlassen hat.“

„Bestimmt. Je mehr Leute wir befragen, desto größer ist unsere Chance, etwas herauszufinden.“

Autor

Carla Cassidy
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Julie Miller
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Julie Anne Lindsey
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