Bianca Exklusiv Band 337

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Tanya Michaels
Neuer Mann – neues Glück?

In Atlanta will Kenzie neu anfangen. Nur ihre Zwillinge sind jetzt wichtig! Doch gleich beim Einzug in ihr neues Zuhause lernt Kenzie ihren Nachbarn Jonathan kennen: attraktiv, faszinierend sexy und … Künstler! Darf sie mit so einem Mann das Wagnis einer neuen Liebe eingehen?


Cara Colter
Nur dir gehört mein Herz

Alan ist fest entschlossen, den letzten Wunsch seines Freundes Mark zu erfüllen: Er soll Marks Frau Tory, die ihn aufopfernd versorgt hat, wieder das Lachen lehren. Es wird ein Tanz auf dem Seil, denn Alan liebt Tory schon lange. Doch er muss warten, bis der größte Kummer vorbei ist – erst dann will er anfangen, um sie zu werben ...


Dixie Browning
Schön wie Cinderella

Seit dem Tod ihrer Eltern führt Cindy im Haus ihrer Tante ein Aschenputtel-Dasein. Als man sie zu Unrecht des Diebstahls beschuldigt, flüchtet sie und trifft unterwegs auf John Hitchcock, ihren heimlichen Jugendschwarm. Der attraktive Junggeselle bietet ihr an, bei ihm zu wohnen, bis sie eine Unterkunft gefunden hat. Sollte das ihre Chance sein, doch einmal Glück im Leben zu haben?


  • Erscheinungstag 18.06.2021
  • Bandnummer 337
  • ISBN / Artikelnummer 0852210337
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Tanya Michaels, Cara Colter, Dixie Browning

BIANCA EXKLUSIV BAND 337

1. KAPITEL

„Peachy Acres ist ein blöder Name“, murrte Drew auf dem Rücksitz.

Danke, Mr. Optimismus. Mackenzie Green, beherzte alleinerziehende Mutter und Besitzerin eines Minivans, der älter war als ihre neunjährigen Zwillinge, seufzte leise.

Kenzie konnte die Traurigkeit ihres Sohnes über den Umzug nachempfinden. Dennoch, seine Abwehrhaltung machte die vierstündige Fahrt von Raindrop, North Carolina, nach Atlanta, Georgia, gefühlsmäßig zu einer endlosen Odyssee quer durchs Land. Zu einer Reise ins Unbekannte.

Hinter Kenzie saß Leslie. Ihre Stimme nahm einen schulmeisterlichen Ton an. „Wahrscheinlich heißt die Wohnanlage Peachy Acres, weil der Spitzname für Georgia ‚Peach State‘ – Pfirsichstaat – ist“, belehrte sie ihren Bruder.

Drew zeigte sich unbeeindruckt. „Schlauberger. Ich hasse es, wenn du so redest, als wärst du älter als ich. Wir sind gleich alt!“

„Ein Mensch muss nicht älter sein, um klüger zu sein.“

„Es reicht!“ Kenzie holte tief Luft. Nur die Liebe zu ihren Kindern hielt sie davon ab, sie für den Rest der Fahrt auf dem Dach des Vans festzubinden. „Hört auf zu streiten.“

Kenzie verspürte immer leichten Neid, wenn sie von unzertrennlichen Zwillingen hörte. Es wäre schon ein Segen, wenn sich ihre Kinder mal einen Tag nicht stritten. Verdammt, eine Stunde. Heute war es besonders schlimm. Die Kinder waren angespannt, weil sie von ihrem Zuhause hatten Abschied nehmen müssen.

Leslie lenkte sich ab, indem sie in einem Jugendlexikon über Georgia zu Zeiten des Amerikanischen Bürgerkriegs las, obwohl ihr beim Lesen während der Autofahrt häufig schlecht wurde. Drew versteckte seit dem Frühjahr seine Traurigkeit hinter zunehmend aggressivem Verhalten. Würde ihm das neue Umfeld, die Chance auf einen Neuanfang guttun? Oder würden sich Kenzies Schwierigkeiten mit ihrem Sohn nur noch verschärfen?

Sie hatte lange überlegt, ob sie das Angebot ihres Arbeitgebers, nach Georgia zu wechseln, annehmen sollte. Doch die große Filialbank in Atlanta bot viel mehr berufliche Möglichkeiten als die kleine Zweigstelle in Raindrop. Hier bekam Kenzie die Möglichkeit, als Darlehensberaterin zu arbeiten, was mit einem wesentlich höheren Gehalt verbunden war.

Ein weiterer Pluspunkt war, dass ihre Schwester in Atlanta lebte. Auch wenn sie sich als Kinder nicht nahegestanden hatten, würde es Kenzie und auch ihren Kindern guttun, Familie in der Nähe zu haben. Eine nette, gefestigte Familie.

Außerdem freute Kenzie sich auf die neue Schule der Kinder.

In der winzigen Grundschule in Raindrop, mit Lehrern, die fast alle kurz vor der Pensionierung standen, war die begabte Leslie nicht ausreichend gefördert worden. Und Drews Lehrerin, die nur noch ein Jahr vor sich hatte, fehlte die Energie, Drews Wutausbrüchen in der Klasse mit Geduld zu begegnen. Nicht, dass Kenzie Mrs. Miller für Drews Verhaltensprobleme verantwortlich machte.

Seit letztem Frühjahr war Drew im außerschulischen Sport sehr aktiv. Und hier war er von Vätern umgeben, die die Teams ihrer Kinder coachten oder freiwillig am Getränkestand arbeiteten. Von Vätern, die jubelten, wenn ihre Söhne beim Fußball ein Tor erzielten oder beim Baseball den Ball ins Outfield schlugen. Dass sein eigener Vater trotz aller Versprechen nie zu einem Spiel kam, darunter litt der Junge sehr.

„Mom?“ Leslies Jammern riss Kenzie aus den Gedanken. „Mir ist …“

„Fahr an die Seite!“, schrie Drew voller Panik. „Schnell! Sie übergibt sich gleich!“

Leichter gesagt als getan mit einem Minivan, der auch noch einen voll beladenen Hänger zog. Hätte Kenzie bloß darauf bestanden, dass Leslie das Buch zur Seite legte und stattdessen zur Radiomusik mitsang! Oder, besser noch, ein Nickerchen machte, damit die Zeit schneller verging.

Im Gras am Straßenrand strich Kenzie ihrer Tochter beruhigend über das blonde Haar und reichte ihr eine Flasche Wasser. Kurz darauf setzten sie ihren Weg fort. Leslie hatte sich mittlerweile genügend erholt, um wieder mit ihrem Bruder zu streiten.

„Kinder? Kinder, wir sind in Tante Anns Straße.“

Beide waren eingeschlafen … zehn Minuten vor dem Ziel. Wie hätte es anders sein können. Vielleicht hätte Kenzie den kurzen friedvollen Moment genossen, wenn sie nicht selbst so müde gewesen wäre.

Als sie das erste Mal in dieser vornehmen Gegend gewesen war, hatte sie mit einem Anflug von Missgunst gerungen – doch wer war sie, dass sie hinterfragte, warum Ann und Forrest Smith für sich allein ein luxuriöses doppelgeschossiges Haus benötigten? Sie konnten schließlich nichts dafür, dass Kenzie und die Kinder eine Secondhand-Couch besaßen, die so grell war, dass man unwillkürlich an Las Vegas dachte. Oder dafür, dass Kenzie nicht in der Lage gewesen war, die defekte Spülmaschine zu ersetzen. Außerdem hatten Ann und Forrest jetzt mit der Familienplanung begonnen, sodass sie in das Haus hineinwachsen würden.

Kenzie war etwas verunsichert, als sie sich der Smith’schen Residenz näherte. Einerseits besaß sie nicht genug Fahrpraxis, um einen Minivan samt Anhänger in die Einfahrt zu manövrieren, die von perfekt geschnittenen blühenden Büschen gesäumt wurde. Andererseits fürchtete sie, dass die Eigentümervereinigung in diesem stinkvornehmen Vorort Regeln aufgestellt hatte, die längeres Parken in der Straße verboten. Trotzdem hielt sie zunächst am Bordstein an. Um irgendwelche überspannten Vorschriften konnte sie sich später kümmern.

Die Haustür wurde geöffnet, und Kenzies Schwester kam heraus. Getauft auf den Namen Rhiannon, war sie jetzt einfach Ann, die Frau eines Wirtschaftsprofessors an einem kleinen, aber angesehenen College. Kenzie, die mit ihren achtundzwanzig Jahren anderthalb Jahre älter war als ihre Schwester, fühlte sich oft als die Jüngere. Ann hatte schon immer alles besser gewusst als ihre verrückten Eltern und ihre ältere Schwester. Im Nachhinein musste Kenzie zugeben, dass ihre Schwester häufig recht behalten hatte.

Nun, achtundzwanzig ist kein Alter, und dieser Umzug ist ein Neubeginn. Kenzie hatte in den vergangenen Jahren einige kleine Veränderungen in ihrem Leben vorgenommen. Diese berufliche Beförderung bot ihr und den Kindern die Chance auf einen Neuanfang. Von jetzt an würde sie die praktisch veranlagte Kenzie Green sein, Darlehensberaterin und Vorstädterin.

Mit Anns Hilfe hatte Kenzie das ideale Heim gefunden. Es war kein großes Haus, doch modern, gut ausgestattet und mit perfekter sozialer Infrastruktur. Der einzige Nachteil war, dass der Verkäufer erst in ein paar Monaten auszog, Kenzies Job aber schon nächste Woche begann. Deshalb hatte sie für den Übergang ein Apartment in der Peachy-Acres-Wohnanlage gemietet. Ann hatte ihr halbherzig die Gästezimmer angeboten, doch auch wenn das Haus sehr groß war, zwei Familien würden sich darin schnell auf die Nerven gehen.

„Wir haben uns schon Sorgen gemacht“, rief Ann. „Wir hatten euch früher erwartet.“

Kenzie streckte sich. „Ich wollte auch früher hier sein, aber wie du weißt, kann man mit Kindern nie genau planen.“

Ann sah Kenzie verständnislos an.

Wie, Baby Abigail durchkreuzte nie irgendwelche Pläne? Das war einfach nicht fair.

Natürlich wünschte sie ihrer Schwester nichts Schlechtes, doch als ihre eigenen Kinder fünf Monate alt gewesen waren, war Kenzie eine neurotische, unter Schlafmangel leidende Frau gewesen, deren Bluse meist vollgespuckt war – Leslie hatte von Geburt an einen empfindlichen Magen gehabt.

Ann dagegen sah in ihrer khakifarbenen Caprihose, der roten kurzärmeligen Bluse und mit den Perlenohrringen aus wie einem Modekatalog entstiegen. Sicher, sie war etwas fülliger als vor der Schwangerschaft, und das Blond ihrer kurzen Haare war nicht echt. Trotzdem, Ann sah fantastisch aus.

Drew zwängte sich zwischen die beiden Erwachsenen. „Es hat so lange gedauert, weil Les alle fünf Minuten spucken musste.“

„Das stimmt doch gar nicht. Ich habe mich nur zweimal übergeben. Und wenn du nicht …“

„Kinder!“ Kenzie schrie nicht, doch ihr Tonfall machte den Zwillingen klar, dass es ihr ernst war. Wenn Leslie je wieder eine Shoppingtour durch Buchhandlungen unternehmen oder Drew noch einmal ein Videospiel spielen wollte, dann hörten sie besser auf zu streiten.

Ann machte große Augen. „Das klingt mir nach einer ereignisreichen Fahrt. Leslie, kannst du denn schon wieder etwas essen? Ich habe ein Roastbeef im Ofen.“

„Roastbeef? Ich sterbe vor Hunger!“ Drew rannte schon los. Neben Videospielen und Sport war Essen seine Lieblingsbeschäftigung.

„Mein Magen ist wieder in Ordnung“, beteuerte Leslie. „Aber ich würde lieber Abigail auf den Arm nehmen als essen.“

„Vielleicht nach dem Dinner. Sie schläft gerade. Ich will ihren Rhythmus nicht stören.“

Kenzie wäre fast die Treppe zur Veranda hinaufgefallen. Ann hatte es geschafft, ihrem fünf Monate alten Baby einen Rhythmus anzuerziehen? Erstaunlich. Kenzies Erinnerung an das erste Jahr der Zwillinge war verschwommen, doch sie hatten praktisch nie geschlafen … jedenfalls nicht gleichzeitig.

Sollte sie ihre Schwester um Rat bitten, wie sie Drews Launenhaftigkeit in den Griff bekommen konnte? Ann gehörte zu den Menschen, die für alles eine Lösung fanden. Doch jede Unterhaltung über Drews Aggressionen würde unweigerlich zu einer Diskussion über Kenzies Exmann führen – Mick Green, durch Abwesenheit glänzender Vater und Musiker mit hohen Zielen.

Einst war Kenzie sein größter Fan gewesen, ein naiver Teenager, der meinte, den nächsten Springsteen zu heiraten. Im Nachhinein bezeichnete sie ihre Ehe als den größten Fehler, den sie je gemacht hatte, abgesehen von einem … Mick hatte ihr die Zwillinge geschenkt.

Auch wenn Drew gerade aggressiv war und Leslie sich wieder einmal übergab, Kenzie liebte ihre Kinder sehr. Der Gedanke gab ihr Kraft. Ihre kleine Familie würde diese Übergangsphase überstehen.

Die Fehler von gestern waren der Segen von heute. Und die Zukunft lag verheißungsvoll vor ihnen.

„Brauchen Sie Hilfe?“ Der Mann hatte eine interessante Stimme. Irgendwie tief und brummend, aber nicht unangenehm.

Seinem Tonfall nach zu urteilen, schien er nicht erpicht darauf, ihr wirklich zu helfen. Wahrscheinlich hätte er auch gar nichts gesagt, wäre da nicht dieser aufgerissene Karton gewesen, dessen Inhalt über das gesamte Treppenhaus verstreut lag und seinen Weg blockierte.

Sie schaute aus ihrer Hockposition auf und warf einen ersten Blick auf ihren möglichen Retter in der Not. Kein Ritter in schimmernder Rüstung. Genau genommen handelte es sich um einen Mann in farbbeklecksten Jeans und einem ebenso fleckigen T-Shirt. Die neue, pragmatische Kenzie konnte sich keine Träumereien erlauben.

Dann starr ihn nicht länger so an, als wäre der die Verkörperung deiner geheimsten Fantasien.

Offen gesagt, war es lange her, dass sie von einem Mann geträumt hatte. Doch wenn, dann hatte er ausgesehen wie dieser. Dichtes, dunkles Haar, graublaue Augen, energisches Kinn und breite Schultern zum Anlehnen.

Hastig stand sie auf, glitt dabei mit ihren nassen Turnschuhen aus und fiel nach hinten. Der attraktive Fremde griff nach ihrem Ellenbogen. Große Hände, raue Haut. Da er sie möglicherweise davor bewahrte, einen schmählichen Tod in einem düsteren Treppenhaus zu sterben – bei ihrem Glück heute hätte sie sich sonst sicher das Genick gebrochen –, konnte sie ihm verzeihen, dass die Berührung nicht zarter war.

Der Mann schüttelte den Kopf. „Lady.“ Drückte der Unterton Verzweiflung oder Erheiterung aus? Schwer zu sagen, bei einem einzigen Wort.

„Ich heiße Kenzie.“ Sie hielt sich mit beiden Händen am Geländer fest. „Kenzie Green. Und … vielen Dank.“

„Gern geschehen.“

Kenzie blickte auf das Chaos auf den Stufen. „Die Umzugskartons sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren“, murmelte sie. „Halten nicht einmal etwas Regen aus. Sagen Sie, sind Sie zufällig der Handwerker, der den Fahrstuhl reparieren soll?“

„Handwerker?“ Der Traum von einem Mann lachte einmal schallend auf.

„Wohl eher nicht“, murmelte Kenzie. „Schade. Mr. Carlyle hat mir versichert, dass sich heute ein Handwerker um den Fahrstuhl kümmern würde. Ein funktionierender Lift würde mir den Einzug sehr erleichtern.“

„Mr. C. selbst ist der Handwerker, außerdem der Hausmeister und derjenige, der an die Tür klopft, wenn Sie Ihre Miete zu spät zahlen.“

Sie richtete sich auf. „Ich zahle meine Miete immer pünktlich.“

Er zog die Augenbrauen hoch, als er ihren feindseligen Ton hörte. „Entschuldigen Sie, das war nicht ernst gemeint.“

„Geldangelegenheiten sind eine ernste Sache.“ Lass ihn bloß nicht einen dieser charmanten, aber ständig abgebrannten Windhunde sein. Von denen gab es bereits zu viele auf der Welt. Allerdings war dieser Mann auch nicht gerade charmant. Er war heiß, sicher, aber nicht charmant.

Als sie sich vorstellte, wie Leslie reagieren würde, wenn sie hörte, dass ihre Mutter einen Mann „heiß“ nannte, musste Kenzie lächeln. „Nochmals vielen Dank. Es war nett, Sie kennengelernt zu haben. Würden Sie mir auch noch Ihren Namen verraten?“

Er zog die Mundwinkel leicht nach oben. „Ich bin JT. Weiter viel Spaß beim Einzug.“

„Ich will ja nicht aufdringlich sein“, sagte sie, „aber haben Sie es eilig? Ich werde einige Male laufen müssen, bis ich alles in die zweite Etage geschleppt habe. Wenn Sie vielleicht so lange hier bleiben könnten, damit niemand …“ Was, ihre Sachen stahl?

Wer interessierte sich schon für das Buch „101 Witze für Zahlenakrobaten“, das Drew ihr letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte? „Damit niemand stolpert. Ich möchte nicht schon am ersten Tag in dieser Stadt angezeigt werden.“

„Ich habe eine bessere Idee.“ Schon lud er sich den Arm mit ihren Sachen voll. Nach Jahren ohne Mann im Haus erschien es ihr merkwürdig intim, wie dieser kräftige Mann mit ihren Sachen hantierte.

Es sind Bücher, Kenzie, keine Dessous.

Zu zweit hatten sie alles schnell nach oben getragen. In der Etage gab es vier Wohnungen, zwei auf jeder Seite des Flurs. Ihr Apartment war das hintere links. Als sie die Tür aufschloss, hatte sie das Gefühl, dass JT etwas sagen wollte. Doch er blieb stumm. Sie drehte sich um, nahm ihm ihre Sachen ab und dankte ihm ein letztes Mal.

„Jetzt schaffe ich es allein.“ Sie hoffte, wie eine selbstbewusste, unabhängige Frau zu klingen.

„Sicher?“

Sie dachte an alles, was vor ihr lag – der neue Job, diese Wohnung, bevor sie in drei Monaten endlich ihr Haus beziehen konnten, die Kinder, die sie irgendwie beschäftigen musste, bis die Schule begann.

„Absolut“, log sie. Wenn sie ihren Zwillingen das nächste Mal sagte, dass sie nicht lügen durften, dann würde sie in Gedanken eine Ausnahme hinzufügen: Es sei denn, es ist die einzige Möglichkeit, einen Nervenzusammenbruch zu verhindern.

2. KAPITEL

„Du bist spät.“ Sean Morrow, blond, hager und im Designeranzug, blickte von seinem Lunch auf, als JT ihm gegenüber Platz nahm. Die beiden Männer unterschieden sich äußerlich wie Tag und Nacht. „Darf ich annehmen, dass du so sehr in ein neues Bild vertieft warst, dass du die Zeit vergessen hast?“

„Ehrlich gesagt, habe ich einer jungen Frau in Not geholfen.“

Sean schürzte die Lippen, unsicher, ob JT es ernst meinte oder nicht. „Einer attraktiven jungen Frau?“

„Einer völlig durchnässten jungen Frau.“

Heimlich musste JT sich eingestehen, dass die hingeworfenen Worte der Frau, die er soeben getroffen hatte, nicht gerecht wurden. Obwohl Kenzie Green nicht der Typ Frau war, nach dem sich die Männer auf der Straße umblickten, strahlte sie eine gewisse Anmut aus. Sie war schlank und zierlich und hatte hellbraune Haare. Wahrscheinlich ein warmer Honigton, wenn sie trocken waren.

Ihre dunkelblauen Augen hatten die gleiche Farbe wie der Ozean. Ihr schmales Gesicht war reizvoll – klassische gerade Nase, ausgeprägte Wangenknochen und ein fast kämpferisches Kinn, das ihn an eine preisgekrönte Schauspielerin erinnerte, deren Name ihm entfallen war. Holly hätte ihn bestimmt gewusst. Holly war seine Verbindung zur Popkultur gewesen.

Überhaupt war Holly seine Verbindung zur Welt außerhalb seines Ateliers gewesen. Sie hatte ihn daran erinnert, dass ein neuer Film gezeigt wurde, der ihm gefallen könnte, hatte ihm bei Eröffnungen die Namen von Bekannten zugeflüstert und ihn darauf hingewiesen, wenn er wieder einmal fast zwölf Stunden lang nichts gegessen hatte. „Wie kann ich darauf vertrauen, dass du dich mit mir um das Baby kümmern wirst“, hatte sie ihn einmal geneckt, „wenn du dich nicht einmal um dich selbst kümmerst?“

Die Schwangerschaft hatte aus dem schüchtern lächelnden Mädchen, das sie gewesen war, als sie sich kennenlernten, eine aufregende, selbstbewusste junge Frau gemacht. Ich plane, das Kinderzimmer allein zu gestalten – ich weiß, dass du ein großer Künstler bist, aber ich habe Angst, dass es ein Raum voll abstrakter Figuren wird. Ich hingegen denke da eher an kleine Enten und Häschen.

„JT!“ Leichte Verärgerung und Sorge schwangen in Seans Tonfall mit. „Hast du überhaupt gehört, was ich gesagt habe? Du hattest wieder diesen bestimmten Blick.“

Um Zeit zu gewinnen, nippte JT an seinem Wasser, während er versuchte, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. In den ersten Monaten nach Hollys Tod war der Gedanke an sie unglaublich schmerzhaft gewesen. Jetzt, nach zwei Jahren, war die Erinnerung an schöne Momente tröstlich. Daran zu denken war einfacher, als über eine Gegenwart und Zukunft ohne sie nachzugrübeln.

„Es ist schwer“, sagte er schlicht.

„Ich weiß.“ Sean senkte den Blick, und ein Hauch von Traurigkeit schlich sich in seine Stimme. „Aber Holly würde nicht wollen, dass du so leidest. Sie würde wollen, dass du lebst. Und vor allem würde sie wollen, dass du malst.“

Es war nicht so, dass er es nicht versucht hätte. Die Bilderserie, die er in den Wochen nach der Beerdigung geschaffen hatte – einem fürchterlichen Doppelbegräbnis, bei dem er das Gefühl hatte, sein ganzes Dasein unter die Erde zu bringen – war seine beste Arbeit überhaupt.

Doch das fieberhafte Schaffen an dieser Serie hatte ihn ausgebrannt und anstelle von Inspiration lediglich ein Gefühl der Leere zurückgelassen. Sean hatte die dunklen Gemälde in seiner Galerie ausgestellt, doch JT brachte es nicht über sich, sie zu verkaufen.

Die Galerie. Es war nicht fair, dass er alles Sean überließ. Sie waren gleichgestellte Geschäftspartner. JT der Künstler, Sean derjenige, der mit Menschen und Finanzen umgehen konnte.

Plötzlich musste JT an das Buch denken, das Kenzie in der Hand gehalten hatte – irgendetwas über Zahlen. Ich sollte sie Sean vorstellen. Ein Treffen wäre leicht zu arrangieren. JT wohnte direkt gegenüber der neuen Hausbewohnerin.

„Du hörst mir schon wieder nicht zu“, murmelte Sean.

„Ich habe gerade daran gedacht, ein Date für dich zu arrangieren.“

„Ernsthaft?“ Sean lachte. „Ich hatte zwar noch nie Probleme, Frauen kennenzulernen, aber ich werte es als gutes Zeichen, dass du überhaupt über das Liebesleben von Menschen nachdenkst.“

„Ich bin kein Mönch“, verteidigte JT sich.

Seit Hollys Tod hatte JT nur mit einer Frau geschlafen, einer Kunsthändlerin. Holly hatte die Frau gemocht und respektiert. Irgendwie hatte JT das Gefühl gehabt, dass seine verstorbene Frau nichts dagegen hätte. Marsha erholte sich gerade von dem Schock, dass ihr Mann sie verlassen hatte. Sie hatte die Bestätigung gebraucht, noch eine attraktive Frau zu sein, und JT hatte sich nach der Nähe eines anderen Menschen gesehnt, um seiner Einsamkeit zu entfliehen.

Ihre Affäre hielt einen knappen Monat, dann trennten sie sich in aller Freundschaft. Beide hatten von der Beziehung profitiert, doch sie wussten auch, dass es keine Zukunft für sie gab.

Glücklicherweise kam in diesem Moment die Kellnerin, um die Bestellung aufzunehmen, sodass JT an etwas anderes denken musste als an seine Unfähigkeit zu malen oder seine Abneigung gegen ein Date.

Würde der Tag kommen, an dem er die Malerei wieder als Freude und nicht als Verpflichtung betrachtete? Würde er Liebe jemals wieder als Segen und nicht als Gefahr ansehen?

Kenzie verspürte überall ein Ziehen – Muskeln, von denen sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierten, machten sich schmerzhaft bemerkbar. Sie sehnte sich nach einem heißen Bad, doch Ann hatte gerade vom Handy aus angerufen, um ihr mitzuteilen, dass sie mit den Kindern und „einem starken Mann“ auf dem Weg zu ihr war.

Mit einer Flasche Wasser setzte sie sich auf den Teppich im Wohnzimmer und wartete auf ihre Familie. Als es klopfte, erhob sie sich schwerfällig. Statt der erwarteten Verwandten stand Mr. Carlyle, ein kleiner Mann unbestimmbaren Alters, vor der Tür. Er hatte schneeweißes, dichtes Haar, und statt des marineblauen Trainingsanzugs von heute Morgen trug er jetzt Jeans und ein T-Shirt mit dem Logo des Baseballteams „Atlanta Braves“.

„Hallo, Miss Green.“ Er blickte an ihr vorbei auf die Umzugskartons. „Ist der Umzug geschafft?“

„Mehr oder weniger.“

„Ich will nicht lange stören. Wollte Ihnen nur sagen, dass der Fahrstuhl wieder funktioniert.“

Was für ein Glückstag! „Das sind tolle Neuigkeiten. Danke, Mr. Carlyle.“

„Ich tue nur meinen Job – und nennen Sie mich bitte Mr. C. Das sagt hier jeder.“

So hatte auch JT den Mann genannt. Einen Moment lag es ihr auf der Zunge, den Hausmeister nach dem attraktiven, geheimnisvollen Mann zu befragen. Sie vermutete, dass JT hier wohnte, wusste es aber nicht sicher.

Kenzie hatte Mr. C. gerade aufgezählt, was in ihrer Wohnung repariert werden musste, als das „Ping“ des Fahrstuhls am anderen Ende des Flurs ertönte. Die Tür glitt auf, und eine wilde Horde stürmte heraus. Vorneweg die blonde Leslie und der dunkelhaarige Drew, zankend und schubsend, da offensichtlich jeder zuerst bei der Mutter sein wollte.

Hinter ihnen schrie Anns kleine Tochter Abigail in ihrem Babysitz Zeter und Mordio. Als Ann sich näherte, sah Kenzie zwei nasse Flecken auf der Bluse ihrer Schwester. Insgeheim war sie erleichtert, dass auch ihre Schwester zur Abwechslung einmal gestresst aussah.

Als Letzter verließ Anns Mann Forrest den Fahrstuhl. Zuerst dachte Kenzie, er führe Selbstgespräche, doch bei näherem Hinsehen bemerkte sie, dass er über Headset telefonierte und sich zu einer Partie Golf verabredete.

Und inmitten des Lärms – oder vielleicht gerade deshalb? – ging die Tür direkt hinter Mr. C. auf. Im Türrahmen stand JT.

JT wohnte in dem Apartment gegenüber?

Ihre Blicke trafen sich, doch die Rufe „Mom! Mom!“ brachen den Bann. Sie blickte auf ihre zwei Kinder und sah aus den Augenwinkeln heraus, dass JT schnell die Tür schloss. Ohne Zweifel lehnte er sich jetzt auf der anderen Seite gegen die Tür und dachte: Himmel, was für eine Heimsuchung!

Den verzweifelten Blicken ihrer Kinder nach zu urteilen, als Kenzie Pappteller auf den Couchtisch stellte, könnte man meinen, sie bekämen ihre Henkersmahlzeit. Sie setzte sich im Schneidersitz auf den Boden vor den Couchtisch. „Kinder, ihr wisst, dass das hier nur vorübergehend so ist. Bald wird alles besser.“

„Du hast leicht reden“, erwiderte ihr Sohn mürrisch. „Du lernst bei deinem Job neue Leute kennen. Aber wie sollen wir hier mitten in den Sommerferien neue Freunde finden?“

Von Mr. Carlyle wusste Kenzie, dass von den zwölf Wohnungen in der Anlage gegenwärtig zehn bewohnt waren, einschließlich ihrer eigenen und Mr. C.s im Erdgeschoss. Er hatte erzählt, dass es einige Teenager im Haus gab und ein Kleinkind, aber keine weiteren Kinder im Grundschulalter.

Drew stieß einen dramatischen Seufzer aus. „Bis die Schule anfängt, sind wir praktisch ans Haus gefesselt!“

Die Zwillinge hatten gegen eine Tagesbetreuung protestiert. Dafür seien sie zu alt, hatten sie gemeint. Also hatte Kenzie widerstrebend zugestimmt, sie während der Sommerferien allein in der Wohnung zu lassen – wobei sie jeden Mittag zum Lunch kommen und auch Ann zwischendurch vorbeischauen würde.

„Die Schule beginnt in wenigen Wochen“, sagte Kenzie. „Die Zeit vergeht schneller, als euch lieb sein wird.“

Leslie stocherte in ihrem Thunfischsandwich herum. „Ich vermisse meine Freunde.“

Nach weniger als vierundzwanzig Stunden? „North Carolina ist nicht weit weg. Wir können ab und zu hinfahren. Und wenn wir erst einmal in unserem Haus wohnen, laden wir Stacy für ein Wochenende ein.“

„Was ist mit Paul?“, fragte Drew und biss von seinem Brot ab. Ihm konnte nichts den Appetit verderben.

„Sicher, wir können auch Paul einladen. Aber nur, wenn ihr beide euch benehmt, und erst, wenn wir uns eingelebt haben.“

„Du meinst, wenn wir wieder Möbel haben?“

Kenzie seufzte. Es kann nur besser werden, sagte sie sich. Vielleicht sollte sie ihr Budget prüfen und an ihren letzten freien Tagen mit den Kindern irgendetwas Schönes unternehmen.

„Es gibt viele tolle Sachen in der Umgebung“, sagte sie. „Zum Beispiel Stone Mountain, den weltgrößten freiliegenden Granitfelsen. Oder das Aquarium in der Stadt, das Coke Museum, ein Planetarium …“ Als sie nur halbherziges zustimmendes Gemurmel hörte, spielte sie ihr Ass aus. „Oder Six Flags, der Freizeitpark?“

Leslie blickte mit strahlend blauen Augen auf. „Wirklich? Ich durfte nie irgendwohin, wo es eine Achterbahn gab!“

„Nun, in Raindrop gab es so etwas ja auch nicht.“

„Versprichst du, mit uns dahin zu gehen?“ Leslie war skeptisch.

„Ja, sobald ich mein erstes Gehalt bekommen habe.“

„Das ist immerhin etwas, worauf wir uns freuen können“, sagte Drew. „Zu Hause gab es vielleicht keine Achterbahn, aber ich hätte bei Paul im Pool schwimmen können. Was ist das überhaupt für eine Wohnanlage, in der es keinen Pool gibt?“

Statt eines Schwimmbeckens gab es eine Gemeinschaftsdachterrasse mit Grill und Gartenstühlen, was ihr die Diskussion darüber ersparte, wie gefährlich es war, wenn Kinder unbeaufsichtigt im Pool tobten. „Diese Wohnanlage ist nicht schlecht. Und es ist die einzige Wohnung mit drei Schlafzimmern, die wir uns leisten konnten.“

„Kleinen Schlafzimmern“, murrte Leslie und schloss sich dem Gejammer ihres Bruders an.

„Wäre euch eine Wohnung lieber, in der ihr ein Zimmer teilen müsst?“

Die Zwillinge tauschten entsetzte Blicke. „Nein, Mom“, beeilten sie sich zu sagen und aßen ihre Sandwiches, ohne sich weiter zu beschweren.

Drew sprach erst wieder, als er fertig war. „Mom, kann ich dich etwas fragen?“

„Natürlich, Sweetheart.“

Leslie warf ihrem Bruder einen warnenden Blick zu und schüttelte energisch den Kopf. Oh, oh. Egal, was jetzt kommen würde, die Zwillinge hatte bereits darüber gesprochen … und waren sich nicht einig. Eigentlich keine große Überraschung.

„Was gibt es?“

„Weiß Dad, dass wir umgezogen sind?“

„Ach, Honey.“ Kenzies Herz zog sich zusammen. „Ich habe ihn nicht erreicht, aber ich habe ihm eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen.“

„Ich hab’s dir doch gesagt. Wenn er daran interessiert wäre, uns zu sehen, hätte er sich längst gemeldet.“

„Das nimmst du zurück! Dad interessiert sich für uns!“

Leslie verdrehte die Augen. „Du bist ja so was von dumm.“

„Leslie Nicole! Entweder du entschuldigst dich bei deinem Bruder, oder du gehst in dein Zimmer!“

Das Mädchen stand trotzig auf.

„Les…“ Drews Stimme klang nicht mehr verärgert, sondern flehend. Sie sollte wie ihr Bruder glauben, dass ihr Vater sie liebte und vermisste und mehr Zeit für sie haben würde, wenn er endlich einen Hit gelandet hatte. Drew war derjenige, der immer noch Hoffnung hegte. Das war auch der Grund, warum er besonders wütend reagierte, wenn Mick sie wieder einmal im Stich ließ.

Leslie gab sich gleichgültig. Wenn das Thema aufkam, behauptete sie, ihren Vater nicht zu vermissen. Doch Kenzie hatte Leslie nach diesen Erklärungen hinter verschlossener Tür weinen hören. Sie blickte ihrer Tochter nach und überlegte, wie sie am besten mit dieser Situation umging. Was war schlimmer? Wenn sie ihren Ex schlechtmachte und ihre Kinder desillusionierte, oder wenn sie es zuließ, dass die beiden sich weiter Hoffnungen machten?

„Dad wird uns wieder besuchen.“ Drew blieb dabei. „Irgendwann.“

Sie wussten nie, wann Mick wieder mal in ihr Leben trat. Seine sporadischen Anrufe kamen – zu unpassender Uhrzeit – von dort, wo er gerade mit seiner Band spielte. Zu Weihnachten schickte er meist kleine Geschenke, die er in irgendwelchen Fernfahrerkneipen erstanden hatte und die sein Sohn wie einen Schatz hütete.

Dreimal hatte er Kenzie nach der Scheidung Geld geschickt. Mick Green war kein schlechter Mann, doch er war unzuverlässig, launenhaft und naiv. Immer noch träumte er von Ruhm und Geld und klammerte sich an einen Jugendtraum.

Vielleicht wäre es das Beste, wenn er sich gar nicht mehr bei den Kindern meldete. Doch so wie Drew sie jetzt ansah, würde sie es nicht übers Herz bringen, Mick darum zu bitten.

„Es könnte sein, dass er kommt“, sagte sie schließlich. „Ich halte es zwar für unwahrscheinlich, dass er in naher Zukunft hier auftaucht, aber man weiß nie.“

In Kenzies Leben gab es keinen anderen Mann. Dafür hatte sie gar keine Zeit gehabt. Doch wenn sie sich jemals wieder auf einen Mann einließ, dann würde es ein solider Mann ohne künstlerische Ambitionen sein. Jemand, auf den sie sich verlassen konnte.

Und bis dahin würde sie sich nur auf sich selbst verlassen.

3. KAPITEL

Obwohl JT regelmäßig das Gefühl für Zeit verlor, meldete sich sein Magen freitags pünktlich um sechs Uhr. Es war der Abend für Enchiladas oder vielleicht auch Tacos. An seiner Tür klingelte es exakt zur erwarteten Zeit, er konnte die Uhr nach Mrs. Sanchez stellen. JT knüllte die Zeichnung zusammen, an der er gerade gearbeitet hatte, und warf sie in den überquellenden Papierkorb. Der gehört auch einmal geleert. Mrs. Sanchez würde ihm was erzählen wegen der Unordnung!

Er öffnete die Wohnungstür. Roberta Sanchez, die vier Kinder großgezogen hatte und bald doppelt so viele Enkelkinder hatte, wohnte unter ihm mit ihrem Mann, einem Busfahrer. Als sie hörte, dass ein Witwer in die Wohnanlage gezogen war, hatte sie bereits am ersten Abend mit einem Topf Tortillasuppe mit Hühnerfleisch vor seiner Tür gestanden. Seitdem bekochte sie ihn jeden Freitagabend, und am Geburtstag gab es einen Kuchen.

Buenas noches, Jonathan.“ Sie brachte die gläserne Auflaufform, die sie mit Alufolie abgedeckt hatte, in die Küche.

„So nennt mich niemand“, erinnerte er sie.

Sie warf ihm über die Schulter einen finsteren Blick zu. „Bin ich etwa niemand?“

„Natürlich nicht.“

„Dann seien Sie so lieb und geben mir einen sauberen Löffel, falls es so etwas hier überhaupt gibt. Kein Wunder, dass Ihnen die Inspiration fehlt, etwas Schönes zu schaffen. Bei der Unordnung! Haben Sie diese Woche überhaupt gemalt?“

Er wühlte in einer Schublade. „Sie reden schon wie Sean.“

„Erinnern Sie mich nicht an diesen unmöglichen Menschen!“ Sie schnaubte. „Sie hätten hören sollen, wie er im Aufzug mit meiner Tochter Rosa geflirtet hat. Es gehört sich einfach nicht, solche Dinge zu einer verheirateten Frau zu sagen.“

JT musste insgeheim grinsen. Er wusste genau, dass Mrs. Sanchez Sean vergötterte. Wie es auch umgekehrt der Fall war, auch wenn Sean sie einen alten Drachen nannte.

„Sie erwarten ihn doch nicht, oder? Vielleicht hätte ich mehr bringen sollen.“

JT blickte in die Auflaufform. „Davon wird eine ganze Kompanie satt. Arbeitet Enrique heute Abend? Sie könnten mit mir essen.“

„Wenn Sie wollen, dass ich mit Ihnen esse, dann räumen Sie erst einmal auf.“ Trotz ihrer Worte holte sie zwei Teller aus dem Schrank. „Ich bleibe. Sie leben ja wie ein Einsiedler, Jonathan.“

„Ich bemühe mich, das Bild des zurückgezogen lebenden Künstlers aufrechtzuerhalten.“

„Um sich als Künstler zu bezeichnen, müssten Sie dann nicht auch in irgendeiner Weise Kunst produzieren?“

Eins zu null für Mrs. Sanchez. „Mecker, mecker, mecker. Mich wundert, dass Ihre Kinder nicht weiter weg gezogen sind.“

Sie schnaubte wieder und würdigte seine Spöttelei mit keinem Wort.

Die Sanchez führten ein Familienleben, wie weder JT noch Holly es je gekannt hatten. Holly hätte Mrs. Sanchez geliebt. Nur aus dem Grund hatte er sich anfangs auch ihre Einmischung gefallen lassen. Aber dann hatte sie ihn mit ihrer liebevoll herrischen Art und ihren blitzenden dunklen Augen für sich gewonnen.

Sie schien zu verstehen, wie sehr er unter dem Verlust seiner Frau litt, ohne ihm jemals übertriebenes Mitgefühl auszudrücken, was in ihm nur den Wunsch geweckte hätte, sich noch weiter in sein Schneckenhaus zurückzuziehen. Außerdem waren ihre Kochkünste anbetungswürdig.

JT besaß keinen Küchentisch, sondern nur drei gepolsterte Hocker mit hohen Rückenlehnen, die vor dem Küchentresen standen. Er räumte einen Stapel Werbepost und einen leeren Pizzakarton weg. Mrs. Sanchez holte Milch aus dem Kühlschrank, öffnete die Packung und zog eine Grimasse.

„Jonathan, diese Milch ist älter als einige meiner Enkelkinder.“

„Ein unfairer Vergleich. Alle zehn Minuten bekommen Sie ein neues Enkelkind!“ Er sagte es leichthin, doch die Sanchez-Babys waren der Grund gewesen, warum er die Feier auf der Dachterrasse anlässlich des amerikanischen Unabhängigkeitstages gleich wieder verlassen hatte.

Roberta hatte ihn gedrängt teilzunehmen, doch er hielt es nicht lange aus. Genauso wie er in dem Haus, in dem er mit Holly gelebt hatte, den Anblick des leeren Kinderzimmers nicht hatte ertragen können. Die Krippe, die er zusammengebaut hatte, stand unbenutzt herum, und einen Monat, nachdem er seine geliebte Frau und die Tochter, die er nicht einmal kennenlernen durfte, verlor, hatte er sich darübergebeugt und endlich geweint.

Anschließend war er geradeswegs ans Telefon gegangen und hatte das Haus zum Verkauf angeboten. Ihm war es egal, wo er wohnte. Hauptsache nicht in diesen Räumen.

„Jonathan.“ Mrs. Sanchez stand neben ihm und berührte seine Schulter. „Setzen Sie sich. Essen Sie. Sie brauchen etwas für Ihr leibliches Wohl.“ Sie segnete das Essen und machte dann eine kleine Pause, bevor sie Amen sagte und sich bekreuzigte. Hatte sie ein stilles Gebet für ihn hinzugefügt?

Es war merkwürdig. Er war als einziges Kind eines wohlhabenden Paares aufgewachsen und hatte seine Eltern damit enttäuscht, dass er Maler wurde anstatt Jura zu studieren und in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Statt seine Zeit mit Diskussionen und einem schlechten Gewissen zu verschwenden, ging JT seinen künstlerischen Ambitionen nach und ignorierte die höhnischen Worte, die sein Vater für seine „unsinnige Kritzelei“ übrig hatte. Du bist im besten Mannesalter, Sohn. Benimm dich auch so!

Jetzt aber, da er nicht malte und spürte, dass er damit Sean und Mrs. Sanchez enttäuschte, quälte ihn das schlechte Gewissen. Anders als seine Familie waren es Menschen, die ihn besser behandelten, als er es eigentlich verdiente.

Obwohl er nicht besonders hungrig war, zwang er sich, einen Bissen von den Enchiladas zu essen, und wurde sofort mit einem unvergleichlichen Gaumenerlebnis belohnt. „Das schmeckt wirklich gut.“

„Sie wollten wohl sagen, fantastisch.“

„Ja, das wollte ich.“

Sie griff nach ihrem Glas Wasser. „Sie sind ein guter Mensch, Jonathan. Auch wenn Sie ein Chaot sind.“

Er überraschte sie beide mit seinem ehrlichen Lachen.

Mrs. Sanchez schien erfreut über diesen kleinen Fortschritt. „Mr. C. hat mir erzählt, dass jemand in die Wohnung gegenüber eingezogen ist. Das freut mich. Es ist zu ruhig hier oben. 3A ist unbewohnt, und die Flugbegleiterin aus 3B ist die meiste Zeit unterwegs.“

„Die ruhigen Tage scheinen gezählt. Die neue Nachbarin hat Kinder. Zwei, vielleicht sogar drei.“

„Zwei“, bestätigte Mrs. Sanchez. „Ich habe Mr. C. gefragt. Er hat auch erwähnt, dass sie keinen Mann hat.“

War Kenzie geschieden? Oder verwitwet wie er? Vielleicht war sie auch nie verheiratet gewesen. Sie könnte einen festen Freund haben. JT verspürte einen merkwürdigen Stich in der Brust, den er nicht näher analysieren wollte.

JT entschied, dass jetzt genau der richtige der Zeitpunkt war aufzuräumen. Er ging an die Spülmaschine.

„Sie haben mir erzählt, dass sie Kinder hat“, sagte Mrs. Sanchez. „Haben Sie die Kleinen schon kennengelernt?“

„Nein, nur die Mutter. Kurz.“

„Und?“, drängte Mrs. Sanchez. „Wie ist sie?“

„Ich weiß nicht. Etwa so groß wie Sie, blond. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen.“

„Nein.“ Mrs. Sanchez Stimmte klang beunruhigend sanft. „Natürlich nicht.“

„Wenn Sie so neugierig auf Kenzie sind, dann hätten Sie ja ihr die Enchiladas bringen können statt zu mir zu kommen.“

Mrs. Sanchez überging seine Unhöflichkeit geflissentlich. „Ich werde am Wochenende vorbeischauen. Ich wollte sie nicht schon am ersten Tag überfallen. Sie ist wahrscheinlich erschöpft vom Umzug, und ich hasse es zu stören“, fügte sie herausfordernd hinzu.

JT brachte sie an die Tür. „Das weiß ich, Mrs. Sanchez. Wir sind alle froh, Sie hier im Haus zu haben.“

„Natürlich seid ihr das.“

„Übrigens, Sie haben doch nicht vor, mit ihr über mich zu sprechen, oder?“ Beunruhigt sah JT Mrs. Sanchez an. Er wusste, dass sie ihn nur zu gern verkuppelt hätte.

„Warum sollte ich? Ist sie eine Kunstkritikerin?“

„Nein, aber Sie sind dafür bekannt, dass Sie mit Ihrer Meinung nicht hinterm Berg halten. Und Sie haben nicht erst einmal gesagt, dass ich weibliche Gesellschaft gebrauchen könnte.“

„Ich habe auch gesagt, dass Sie regelmäßiger essen, diesen Schweinestall aufräumen und wieder malen sollen. Warum sollte ich Sie mit einer Frau verkuppeln, die schon genug damit zu tun hatte, zwei Kinder aufzuziehen? Jonathan, mijo, Sie sind wahrscheinlich das Letzte, was die gute Frau jetzt braucht.“

Er blickte verstohlen zu Kenzies Tür und überlegte, was er in diesem Stadium seines Lebens einer Frau bieten konnte. „Sie haben zweifellos recht.“

Am Samstagnachmittag ging Kenzie unter dem Vorwand, nach der Post sehen zu wollen, nach unten. Sie erwartete keinen wichtigen Brief, doch sie hielt es keine Minute mehr in der Wohnung aus. Die Kinder tobten herum, und es gab keinen Garten, in den sie sie zum Spielen schicken konnte.

Während Kenzie auf den Fahrstuhl wartete, dachte sie über den vor ihr liegenden Abend nach. Würden ihre durch den Umzug etwas strapazierten Finanzen ein Essen im Restaurant und einen Kinobesuch erlauben? Vielleicht, wenn sie zuerst ins Kino gingen und die günstigeren Preise der Frühvorstellung nutzten und beim Dinner Leitungswasser tranken, statt für Mineralwasser zu zahlen …

Kenzie erreichte das Erdgeschoss und holte aus der Tasche den kleinen silbernen Schlüssel, den Mr. C. ihr gegeben hatte. Sie nahm ihre Post aus dem Kasten und sortierte sie im Fahrstuhl auf dem Weg nach oben. Coupons, Kataloge, ihre Handyrechnung und ein gelber Umschlag für Jonathan Trelauney. Ihr Vormieter? Als sie das „3C“ bemerkte, wurde ihr klar, dass der Postbote den Brief in den falschen Kasten gesteckt hatte.

Jonathan Trelauney musste JT sein. Der Name kam ihr bekannt vor, doch da sie in der Bank mit so vielen Menschen zu tun hatte, war ihr irgendwie jeder Name vertraut.

Kenzie trat aus dem Fahrstuhl und blickte nachdenklich auf den an JT adressierten Umschlag. Sie hatte den ganzen Tag ausgepackt und fühlte sich dreckig. Ihre Haare waren zwar in Ordnung, aber sie war nicht geschminkt.

Ach, verdammt! Um dem Mann einen Brief auszuhändigen, brauchte sie weder Mascara noch Parfum. Besaß sie überhaupt noch ein Parfum? Der größte Luxus, den sie sich in den letzten Jahren geleistet hatte, war eine duftende Duschlotion gewesen.

Verärgert über sich selbst, klopfte sie energischer als nötig an seine Tür. Zuerst dachte sie, es sei niemand zu Hause, doch dann hörte sie Schritte. JT öffnete die Tür, unrasiert und ohne Hemd!

Bevor die Tür aufgegangen war, hatte Kenzie tief Luft geholt. Jetzt verschluckte sie sich fast daran. „Ich … komme ich ungünstig?“, stammelte sie.

Er rieb sich das Gesicht. „Ich habe gerade auf der Couch gelegen und etwas geschlafen.“

„Oh.“ Was für ein Luxus, sich mitten am Tag ein Nickerchen gönnen zu können! Aber er hatte auch keine Kinder und unzählige Kartons, die ausgepackt werden mussten. „Ich wollte nicht stören.“

Er betrachtete sie interessiert. „Brauchen Sie etwas?“

„Ich wollte Ihnen nur diesen Brief bringen. Es steckte in meinem Kasten.“ Ihre Finger berührten sich, als er den Umschlag nahm, und sie sagte sich, dass es unmöglich die flüchtige Berührung sein konnte, die sie so durcheinanderbrachte. Es war wohl der Anblick der nackten Haut, der ihr Herz schneller schlagen ließ. JT musste von Natur aus eine goldbraune Hautfarbe haben, seine Bräune schien nicht künstlich zu sein. Meine Güte, starrte sie ihn etwa schon wieder an?

Weil sie es tatsächlich tat, bemerkte sie einen dunkelvioletten Farbspritzer an seinem Brustkorb. Und plötzlich machte es klick. „Jonathan Trelauney! Ich kenne Sie. Besser gesagt, ich habe von Ihnen gehört. Sie sind Maler!“

Zwei Dinge verwirrten Jonathan – drei, wenn er ehrlich war, doch er hatte versucht, das unerwartete Kribbeln zu ignorieren, das durch seinen Körper geschossen war, als ihre Hände sich berührten. Er glaubte nicht, dass seine Reaktion auf die flüchtige Berührung zurückzuführen war. Doch in Kenzies Augen hatte so etwas wie Begierde aufgeflackert, und das war ihm unter die Haut gegangen. Schon lange hatte ihn keine Frau mehr so angesehen.

Abgesehen davon, dass seine Hormone plötzlich verrücktspielten, überraschte es ihn, dass Kenzie von ihm gehört hatte. Seine Werke wurden zwar in gewissen Kreisen bewundert, aber sein Name war nicht jedermann bekannt. Und dann die Art, wie sie „Sie sind Maler!“ ausgerufen hatte. Als erfüllte der Gedanke sie mit Entsetzen. Genauso gut hätte sie sagen können: „Sie sind leprakrank.“

Er runzelte die Stirn. „Interessieren Sie sich für Kunst?“ Es schien der einzig logische Grund dafür, dass sie seinen Namen kannte, erklärte aber nicht ihre negative Reaktion.

„Nein. Meine Hippie-Eltern kennen sich in der Kunstszene aus. Bei meinen seltenen Besuchen bei ihnen habe ich das eine oder andere aufgeschnappt.“ Obwohl ihre Stimme ganz sachlich klang, drückte ihr Gesichtsausdruck eine gewisse Verachtung aus. Die Wärme, die JT eben noch in ihren Augen gesehen hatte, war gänzlich verschwunden.

Hippie-Eltern? „Verstehe.“

Sie stemmte die Hände an die Hüften. „Was verstehen Sie?“

„Ihre Eltern waren künstlerische, übermäßig gefühlsbetonte Typen, und Sie …“, er riskierte eine Vermutung, „… Sie haben dagegen rebelliert, indem sie stockkonservativ wurden.“

Ihr Lachanfall überraschte ihn. „Was auch immer passiert, wechseln Sie von der Malerei nicht in die Seelenheilkunde, denn davon haben Sie keine Ahnung. Meine jüngere Schwester Ann ist die Konservative in der Familie. Ich habe mit achtzehn einen Musiker geheiratet.“

Er blickte auf ihr schlabbriges T-Shirt, die Turnschuhe und die zusammengebundenen Haare. „Sie haben einen Musiker geheiratet?“

„Ja. Und mit neunzehn hatte ich zwei Babys, die gefüttert und gekleidet werden mussten, deshalb habe ich gewisse Entscheidungen mein Leben betreffend neu überdacht.“

JT wünschte, die Bemerkung hätte zynisch und nicht so verletzt geklungen. Er empfand … nun, er war sich nicht sicher, schließlich war sie praktisch eine Fremde. Er sollte gar nichts empfinden. Wenn er nicht so verschlafen, sondern mit klarem Kopf an die Tür gegangen wäre, hätte er sich für die Post bedankt und Kenzie ohne weitere Unterhaltung verabschiedet.

Er könnte es jetzt noch versuchen. „Okay, danke für …“

Hinter ihr wurde die Tür zu Wohnung 3D geöffnet, und zwei Kinder steckten ihre Köpfe hinaus. Sie schienen überrascht, ihre Mutter in einer Unterhaltung mit einem halb nackten Mann zu sehen.

„Mom!“, rief das Mädchen empört. Der Junge starrte schweigend in JTs Richtung.

Zu allem Überfluss wurde Kenzie rot, als wäre sie bei etwas Verbotenem erwischt worden. „Was ist?“

„Wir haben uns Sorgen um dich gemacht.“ Das Mädchen stemmte die Hände in die Hüften. „Du wolltest nur die Post holen, und dann bist du nicht zurückgekommen. Wir hatten Angst, dass der Fahrstuhl stecken geblieben ist.“

Der Junge wirkte leicht enttäuscht. „Ich habe mir schon überlegt, wie ich die Tür aufhebeln kann. Wer ist das?“

„Kinder, das ist unser Nachbar, Jonathan Trelauney.“

„JT“, sagte er zu den Kindern. „Freut mich, euch kennenzulernen.“

„Das sind meine Zwillinge“, sagte Kenzie. „Drew und Leslie.“

„Keine eineiigen Zwillinge“, warf Drew ein.

JT verkniff sich ein Lächeln. „Das ist mir nicht entgangen.“

„Warum hast du kein Hemd an?“ In der Stimme des Jungen schwang Argwohn mit. „Funktioniert deine Klimaanlage nicht? Wenn dir heiß ist, dann zieh besser Shorts an als Jeans.“

Kenzie warf ihrem Sohn einen warnenden Blick zu. „Sei nicht so vorlaut, Drew.“

„Aber, Mom, ich wollte nur …“

„Kommt, wir gehen zurück in die Wohnung und lassen Mr. Trelauney allein.“

Ja, dachte JT erleichtert. Allein lassen war gut. Er versuchte erneut, sich zu verabschieden. „Also, danke …“

Das Ping des Fahrstuhls erklang und erinnerte JT daran, dass Mrs. Sanchez Kenzie heute offiziell willkommen heißen wollte.

„… für die Post“, stieß er hervor. Dann schlug er die Tür zu. Mrs. Sanchez sollte gar nicht erst auf irgendwelche Ideen kommen.

Einen Moment später klopfte es wieder an seine Tür.

„Ich bin es, Sean“, rief sein Freund. „Ich weiß, dass du zu Hause bist. Ich habe gerade noch gesehen, wie du dieser armen Frau die Tür vor der Nase zugeschlagen hast.“

JT ließ ihn herein. „Sag jetzt nichts. Es ist kompliziert. Möchtest du ein Bier? Ich könnte eins gebrauchen.“

Sean, wie immer untadelig gekleidet, runzelte die Stirn. „Hast du überhaupt Bier?“

„Nein.“ An seinem Hochzeitstag im Februar hatte JT sich sinnlos betrunken. Danach machte ihn monatelang allein der Gedanke an Alkohol krank, und so hatte er gar keinen mehr in der Wohnung. „Kann ich dir eine Limonade anbieten?“

„Klar, aber bitte nur eine. Ich muss noch fahren“, erwiderte Sean trocken. „Und jetzt erzähl mir von diesem heißen Feger.“

„Kenzie ist doch kein heißer Feger“, widersprach JT, während er die Limonade aus dem Kühlschrank holte. „Sie hat zwei Kinder.“

„Den Jungen und das Mädchen? Sie wirkt für Kinder in dem Alter viel zu jung.“

JT erzählte seinem Freund nicht, dass sie schon als Teenager geheiratet hatte. Es ging ihn nichts an. „Warum bist du hier? Und jetzt sag nicht, dass du mich nur fragen wolltest, ob ich gerade an einem Bild male. Ich war bis zum Morgengrauen auf, habe skizziert und Farben gemischt, bis alles vor meinen Augen verschwommen ist.“

Sean machte ein gequältes Gesicht, was besorgniserregend war. Normalerweise ließ er sich durch nichts verunsichern. „Werd jetzt bitte nicht wütend.“

JT kniff die Augen zusammen. „Was hast du getan?“

„Ich habe dabei nur an dein Wohl gedacht“, sagte Sean. „Hauptsächlich zumindest. Wir sind Geschäftspartner. Finanziell sitzen wir in einem Boot.“

„Das ist mir bewusst. Komm zur Sache.“

Sean schluckte. „Ich habe einen Auftrag für dich angenommen.“

„Du hast was?“

„Gestern Abend kam ein älteres Paar, die Owenbys, in die Galerie. Die beiden werden dir gefallen. Echte Liebhaber vom Meeresleben, große Unterstützer des Aquariums …“

„Sean!“

„Sie haben dein Wandbild mit der abstrakten Seelandschaft in Tennessee gesehen und möchten, dass du ihnen eine kleinere Version für ihr Haus malst.“

„Nein.“

„Ich habe gesagt, dass Sie mir den Vorschuss geben können und dass ich alle Einzelheiten mit dir ausarbeite. Sieh mich als deinen Agenten.“

„Was du aber nicht bist.“

„Willst du gar nicht wissen, was sie zu zahlen bereit sind?“

„Du durftest keinen Scheck von den Leuten annehmen!“, brüllte JT. Er würde das Ehepaar anrufen und den Auftrag ablehnen. Sean würde das Geld zurückzahlen. Und damit wäre die Sache erledigt.

„Ich möchte dir nur helfen.“ Auch Sean hatte die Stimme erhoben. „Falls du es noch nicht bemerkt hast, du hast einen wirklichen Tiefpunkt erreicht.“

„Na so etwas! Das ist mir ja völlig entgangen!“

„JT, ich bin dein bester Freund. Jetzt steck nicht länger den Kopf in den Sand, sondern denk darüber nach. Der Auftrag erfordert keine Kreativität. Du musst nur etwas bereits Existierendes kopieren.“

Gab es wirklich Menschen, die bereit waren, ihm dafür Geld zu zahlen?

Er überlegte, wie der Stand seines Girokontos im Moment war. Er hatte in letzter Zeit von früheren Kapitalanlagen gelebt, von seinem Hausverkauf und seinem Anteil an den Einnahmen in der Galerie. Doch wie Sean ihm neulich beim Essen gesagt hatte, nahmen diese Einnahmen seit einem Vierteljahr rapide ab.

Sein Verhalten Sean gegenüber war einfach erbärmlich. Sein Freund machte fast die ganze Arbeit in einem Unternehmen, das eigentlich ein Joint Venture war, und füllte seit zwei Jahren JTs Lücke aus. Er schämte sich.

Vielleicht war dies der Weg, wieder Fuß zu fassen. Sich in seiner Wohnung zu verstecken und auf die nächste künstlerische Eingebung zu warten, hatte zu keinem Ergebnis geführt.

„Ich dachte, dieser Auftrag hilft dir, wieder künstlerischen Antrieb zu bekommen.“

„Ja, sicher. Ich klatsche nur ein paar schnörkelige Linien auf eine Leinwand, und schon sind wir alle glücklich, was?“ Doch JTs Sarkasmus hatte an Schärfe verloren. Sich mit einem alten Werk zu beschäftigen, würde ihm vielleicht helfen, neu zu erleben, was Malerei einst für ihn bedeutet hatte.

Er würde den Auftrag annehmen, trotzdem ärgerte er sich über Seans selbstherrliches Vorgehen. War wütend, dass er darauf reduziert wurde, Aufträge auszuführen. Er trank einen Schluck von seiner Limonade, dann ging er mit beiden Gläsern an Sean vorbei.

„Wohin willst du damit?“

„In mein Atelier. Vielleicht finde ich dort noch etwas Gift, das ich in deine Limo mischen kann.“

„Das bedeutet also Ja?“

„Du solltest besser verschwinden, bevor ich meine Meinung ändere.“

Sean war aus der Wohnung, bevor JT den Satz überhaupt beendet hatte. Er hörte noch den leisen Triumphschrei seines Freundes, dann war er allein mit seinen zwei Gläsern Limonade und seiner Angst zu versagen.

Andrerseits, was hatte er zu verlieren?

4. KAPITEL

„Ich weiß nicht, Mom“, sagte Leslie. Sie saß auf ihrem Sitzsack und las in ihrem Lieblingsbuch. „Es hängt immer noch schief.“

„Ausgerechnet diejenige, die lieber liest als dass sie hilft, muss herumkritisieren.“ Kenzie blickte von der Leiter auf ihre Tochter hinab.

„Lässt du uns denn helfen?“, fragte Drew aufgeregt und vergaß für einen Moment sein Videospiel. „Ich dachte, ich dürfte nicht mit dem Hammer auf die Leiter steigen.“

„Es gibt noch viele andere Dinge zu tun, wenn ihr helfen möchtet. Ihr könntet zum Beispiel die Küchenschränke und Schubladen mit einem feuchten Tuch auswischen, damit ich die restlichen Küchensachen einräumen kann.“

Drew verzog das Gesicht. „Langweilig.“

Langweilig, soso. Sie selbst hatte große Befriedigung empfunden, als sie endlich damit fertig gewesen war, die Schrankböden mit einer Schutzfolie auszulegen, und sie wollte sich nicht überlegen, was das über sie selbst aussagte.

Der Moment des Triumphs hatte allerdings nicht annähernd so lange angehalten wie das erregende Prickeln, das ihr beim Anblick von JTs nackter Brust durch den Körper geschossen war.

„Mom?“

Sie schreckte zusammen – keine gute Reaktion auf der obersten Stufe einer Leiter. „Ja, Drew?“

„Warum hängst du das eigentlich alles auf? Wenn wir in ein paar Monaten umziehen, musst du es wieder abnehmen.“

Zur Abwechslung klang er wegen des Umzugs einmal nicht verbittert, sondern lediglich neugierig.

„Ich möchte, dass wir uns auch in der kurzen Zeit wohlfühlen und glücklich sind.“ Sie deutete auf die Bilder, die sie bereits aufgehängt hatte. „Und dazu tragen diese Bilder bei.“ Kenzie fuhr fort, einen Nagel in die Wand zu hämmern, und hörte erst, dass jemand an die Tür klopfte, als Drew sie darauf aufmerksam machte.

„Ich komme!“ Kenzie stieg von der Leiter.

„Glaubst du, es ist dieser große Mann?“, fragte Leslie. „Der von gegenüber?“

„JT? Ich glaube nicht. Ich denke eher, es ist Mr. C. Er wollte irgendwann diese Woche kommen, um den Ventilator in meinem Schlafzimmer zu reparieren. Wie kommst du darauf, dass es JT sein könnte?“

Leslie zuckte mit den Schultern. „Er ist irgendwie merkwürdig. Wie er gestern die Tür geöffnet und wieder geschlossen hat, ohne ein Wort zu sagen. Und wie er heute ohne Hemd und mit zerzausten Haaren dort stand. Wie dieser unheimliche Professor in dem Krimi, den ich einmal gelesen habe, wo …“

„Später, Les, okay?“ Kenzie wollte nicht die Tür öffnen, solange ihre Tochter sich noch über JTs Verhalten ausließ. Mein Kind urteilt entweder vorschnell, oder es ist ungewöhnlich scharfsichtig. Aber waren nicht viele Künstler exzentrisch?

Musiker zum Beispiel.

Sie sagte sich, dass ihre heftige körperliche Reaktion auf JT nur auf den Umstand zurückzuführen war, dass sie schon lange keinem halb nackten Mann mehr gegenübergestanden hatte. Doch sollte sie jemals wieder ernsthafte Gedanken an einen Mann verschwenden, dann würde es kein Künstler sein. Nein, sie würde sich einen Mann aussuchen wie diesen attraktiven, schick angezogenen Fremden, der gerade in dem Moment im Flur aufgetaucht war, als JT sich ohne ein Wort des Abschieds in sein Apartment zurückgezogen hatte. Les hat recht. Er ist schon etwas komisch.

Glücklicherweise war nicht jeder in dieser Wohnanlage so geheimnisvoll wie dieser ungesellige Mensch, der nicht einmal lachen konnte. Kenzie öffnete die Tür und erblickte eine kleine dunkelhaarige Frau, die sie über den Rand einer mit Folie abgedeckten Auflaufform hinweg anstrahlte.

„Ich bin Roberta Sanchez“, sagte die Lady mit leichtem Akzent. „Willkommen in Peachy Acres!“

„Danke.“ Kenzie war gerührt. „Kommen Sie doch bitte herein. Ich bin Kenzie Green, und das sind meine Kinder Drew und Leslie.“

Drew schnupperte. „Was ist in der Schüssel?“

„Drew, benimm dich.“ Man könnte meinen, ich ließe meine Kinder verhungern, dachte sie bei sich.

„Ich benehme mich doch.“ Er verdrehte die Augen. „Ich möchte nur wissen, was in der Schüssel ist. Es riecht so lecker.“

Mrs. Sanchez lächelte Drew zu und senkte die Stimme zu einem konspirativen Flüstern. „Es ist ein mexikanisches Gericht, ein Maismehlauflauf.“

Es duftete köstlich, und Kenzies Magen begann zu knurren. Sie nahm Mrs. Sanchez die warme Auflaufform ab und atmete begierig den Duft von scharf gewürztem Fleisch und geschmolzenem Käse ein. „Leslie, sag unserem Gast Hallo.“

Glücklicherweise ließ das Mädchen das Buch fallen – nachdem es sorgfältig ein Lesezeichen zwischen die Seiten gelegt hatte. „Hallo, ich bin Leslie. Wohnst du auch in diesem Haus?“

Mrs. Sanchez nickte. „Ihr werdet euch hier wohlfühlen.“

„Wir bleiben nicht lange.“ Drews Blick hing sehnsüchtig an der Kasserolle in Kenzies Hand. Wann essen wir endlich, schien sein Blick zu fragen.

„Nein?“ Mrs. Sanchez wirkte geknickt. „Das ist aber zu schade. Ich habe meinen Enkeln schon erzählt, dass jetzt Kinder hier wohnen, mit denen sie spielen können, wenn sie zu Besuch kommen. Und Jonathan – JT – könnte auch etwas Gesellschaft gebrauchen.“

„Bist du sicher, dass er überhaupt Gesellschaft haben möchte?“, fragte Leslie. „Er erinnert mich ein bisschen an diesen Mann in einem Krimi, der immer für sich blieb und diesen wirren Blick hatte. Niemand konnte etwas beweisen, aber die anderen vermuteten …“

„Leslie. Hol bitte Teller. Lasst uns diesen köstlich duftenden Auflauf essen, bevor er kalt ist“, sagte Kenzie.

Leslie seufzte. „Niemand will hören, was ich lese. Ich dachte, Eltern freuen sich, wenn ihre Kinder gern lesen.“

„Jetzt geh bitte und stell Teller auf den Tisch.“ Kenzie drehte sich zu Mrs. Sanchez um, die ein Lächeln unterdrückte. „Entschuldigen Sie, sie sind nicht immer so.“ Manchmal sind sie viel schlimmer.

„Ich kenne das. Ich habe vier Kinder.“ Aus dem Blick der Frau sprach Erheiterung und gleichzeitig Anteilnahme. „Man hat alle Hände voll zu tun. Sind Sie mit den Kindern allein?“

Kenzie nickte. „Leider sehen die Kinder ihren Vater nicht besonders häufig.“ Mrs. Sanchez hatte etwas an sich, das in Kenzie den Wunsch weckte, ihr all ihre Probleme und Zweifel anzuvertrauen.

Dieses impulsive Bedürfnis überraschte sie. Ihre Eltern waren keine Verfechter strenger Erziehung gewesen, aus Angst, zu viele Regeln könnten Kenzies Individualität beschneiden. So hatte sie von klein auf eigene Entscheidungen treffen müssen – einschließlich der, Mick zu heiraten.

Die Schwangerschaft war keine bewusste Entscheidung gewesen, sondern das Ergebnis einer spontanen Feier nach einem Auftritt, der Micks Band berühmt machen sollte. Sie bedauerte nie, die Zwillinge bekommen zu haben, aber nach der Geburt musste sie sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um zwei kleine, hilflose Babys kümmern.

Kenzie riss sich zusammen. Der Umzug musste sie wirklich erschöpft haben, dass sie sich an die Schulter einer Fremden anlehnen wollte. „Essen Sie mit uns, oder wartet ihre Familie auf Sie?“

„Enrique und ich, wir haben schon gegessen. Er behauptet, nachts Sodbrennen zu bekommen, wenn er zu spät isst. Aber ich würde gern noch ein paar Minuten bleiben, um ein bisschen mit Ihnen zu plaudern.“

Kenzie gab den Auflauf auf drei Teller und schenkte süßen Tee ein. Als sie den ersten Bissen aß, seufzte sie genüsslich auf. „Hmm, ist das lecker!“

Im Laufe des Gesprächs erfuhr Kenzie, dass Mrs. Sanchez tagsüber meistens zu Hause war. Sie überlegte, die ältere Frau um ihre Telefonnummer zu bitten, sodass die Kinder im Notfall einen Ansprechpartner im Haus hatten. Weiter hörte sie, dass im Erdgeschoss außer Mr. C. noch ein junges Paar mit einem zweijährigen Kind wohnte, außerdem ein Student der technischen Hochschule in Atlanta und die mürrischen Wilders.

„Sie sind seit fast vierzig Jahren verheiratet und Meister im Zanken“, erzählte Mrs. Sanchez, als die Kinder den Tisch abgeräumt hatten und zu ihrem Buch und dem Videospiel zurückgekehrt waren.

In der ersten Etage lebten außer Familie Sanchez eine Frau mit sechs Katzen und eine Familie mit zwei Töchtern im Teenageralter. Sollte Kenzie jemals einen Babysitter benötigen, könne sie die fünfzehnjährige Alicia anrufen, empfahl Mrs. Sanchez.

„Nicht die ältere Schwester. Die ist verrückt nach Jungen. Wenn sie an einen Jungen denkt oder mit einem telefoniert – was sie meistens tut – würde sie nicht einmal bemerken, wenn ein Kind sich vor ihren Augen von der Dachterrasse stürzt.“

Sie machte eine kurze Pause. „Ja, und in der zweiten Etage wohnt außer Ihnen eine Flugbegleiterin namens Meegan und natürlich Jonathan. Haben Sie ihn schon kennengelernt?“

Kenzie nickte. Tausend Fragen lagen ihr auf der Zunge, doch sie hielt sich zurück. „Er … scheint nett zu sein. Wir haben nicht viel miteinander gesprochen, aber er hat geholfen, als mir ein Umzugskarton auf der Treppe runtergefallen ist.“

„Er ist ein guter Mann“, sagte Mrs. Sanchez mit Wehmut in der Stimme. „Manchmal wünschte ich, ich hätte ihn kennengelernt, bevor …“

„Bevor was?“ Die Frage sprudelte ungewollt aus ihr heraus.

Zu ihrer Überraschung hielt Mrs. Sanchez sich mit Informationen über JT zurück. „Bevor er hier einzog“, sagte sie nur, „muss er ein völlig anderer Mensch gewesen sein. Vielleicht lernen Sie ihn am Labor Day beim Picknick auf der Dachterrasse besser kennen. Alle werden da sein! Meegan natürlich nur, wenn sie nicht gerade wieder unterwegs ist. Sie wohnen dann doch noch hier, oder? Der Labor Day ist ja schon bald.“

Kenzie nickte. „Wir können erst in ein paar Wochen in unser Haus.“

„Sie werden sich hier wohlfühlen! In Peachy Acres wohnen nette Leute, auch wenn sie vielleicht etwas neugierig sind.“ Mrs. Sanchez grinste. „Sobald die anderen Mieter erfahren, dass ich bei Ihnen war, werden sie alles über die Lady in 3D wissen wollen.“

„Es gibt nicht viel zu erzählen“, sagte Kenzie. „Mutter von zwei Kindern mit einem Job bei der Bank. Ziemlich langweilig, was?“

Mrs. Sanchez zog eine Augenbraue hoch. „Ich bin sicher, das ist nicht alles.“

Wenn es nach mir geht, schon. Nach einer unorthodoxen Kindheit und einer turbulenten Ehe hoffte Kenzie auf ein Leben ohne große Überraschungen. Obwohl nicht alle Überraschungen schlecht waren, fügte sie in Gedanken hinzu, als sie Mrs. Sanchez an die Tür brachte und ihr nochmals für das köstliche Essen dankte.

Gedankenverloren blickte sie an der älteren Frau vorbei auf die verschlossene Tür von Wohnung 3C. Die Worte der älteren Frau gingen ihr durch den Kopf. Er muss ein völlig anderer Mensch gewesen sein.

Welche Überraschungen hatte das Leben Jonathan Trelauney beschert?

Ein Student der Malerei konnte ganze Semester mit dem Studium der Perspektive verbringen. Es stand außer Frage, dass JT seine Perspektive ändern musste. Frustriert stand er auf.

Früher hatte er die vertrauten Gerüche in seinem Atelier geliebt – die feine Schärfe des Öls, den süßen Duft des Bienenwachses, mit dem er manchmal arbeitete. Doch jetzt war das alles für ihn nur noch der bestialische Geruch seines eigenen Versagens. Er brauchte unbedingt frische Luft. Ausgerüstet mit Skizzenblock und Kohlestiften machte er sich auf den Weg auf die Dachterrasse. Vielleicht fand er dort die nötige Inspiration.

Er setzte sich auf einen der Stühle und blickte finster auf seinen Stift, als wolle er ihn allein durch seine Willenskraft zwingen, etwas zu zeichnen. Irgendetwas. Nach Seans gestrigem Besuch hatte JT versucht, an dem in Auftrag gegebenen Bild zu malen. Warum hielt er sich eigentlich so lange mit etwas auf, das bereits existierte? Theoretisch musste er das Bild nur kopieren. Jeder halbwegs talentierte Fälscher, jeder Student im ersten Semester könnte das!

Schließlich bewegte sich seine Hand über den Block. Als sie wieder innehielt, starrte er auf den mit fetten Buchstaben geschriebenen Satz: Ich bringe Sean um. Freund oder nicht, der Mann hatte nicht das Recht, in JTs Namen einen Job zu anzunehmen.

Das Scharren der Metalltür auf dem Betonboden erregte seine Aufmerksamkeit. Kenzies Tochter trat ins Freie. Sie blinzelte.

Als sie ihn sah, erstarrte sie. „Du bist dieser Typ von nebenan!“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Und du bist Kenzies Tochter.“

„Leslie.“ Sie hielt ihr Buch wie ein Schild vor ihren Körper. „Mom hat mir erlaubt, hierherzukommen, um zu lesen.“

Jeder Mieter hatte das Recht, auf der Dachterrasse zu sein. Deshalb nickte JT nur und hoffte, dass sie sich in ihr Buch vertiefen und ihn in Ruhe lassen würde.

Es dauerte etwa zwei Sekunden, bis ihm klar war, dass dies nicht der Fall sein würde.

„Was machst du da?“, fragte sie neugierig.

„Arbeiten.“

Sie verstand den Wink nicht. „Was arbeitest du?“

„Ich male.“

„Stimmt nicht.“ Sie legte das Buch auf einen Stuhl und musterte JT mit autoritärem Gesichtsausdruck. „Du hast nicht einmal Farbe dabei.“

„Ich skizziere zuerst meine Ideen, dann male ich.“

„Ach so. Darf ich sehen, woran du arbeitest?“ Rein rhetorische Frage, denn sie kam bereits zu ihm.

„Nein, ich …“ Hastig schloss er seinen Block. Zu spät.

„Sean umbringen?“ Sie riss ihre blauen Augen weit auf.

Ohne Zweifel würde sie ihrer Mutter erzählen, dass ihnen gegenüber ein gemeingefährlicher Irrer lebte. „Frag mich nicht. Es ist eine lange Geschichte.“ Und geht dich nichts an, fügte er in Gedanken hinzu.

„Glaubst du etwa, ich verstehe es nicht, nur weil ich noch ein Kind bin?“

„Ich …“

„Mrs. Griffin, unsere Bibliothekarin, hat gesagt, dass ich eine der schlausten Schülerinnen auf der ganzen Grundschule bin!“ Leslies Unterlippe bebte verräterisch. „Und jetzt werde ich weder sie noch die anderen Lehrer noch die Kinder in meiner Klasse wiedersehen. Nur, weil wir umziehen mussten. Ich wollte in Raindrop bleiben!“

Es war nicht seine Aufgabe, ihr zu erklären, dass das Leben oft unerwartete Wege einschlug. Außerdem war er ganz sicher nicht der Richtige, ihr einen Rat zu geben, wie sie diese Situation meistern konnte. Schließlich hatte er sich von seinem eigenen Verlust noch gar nicht erholt. Ratlos deutete er auf ihr Buch und sagte fast barsch: „Wolltest du nicht lesen? Ich jedenfalls muss arbeiten.“

Sie brach in Tränen aus.

Verdammt. „Warte, ich … nein, bitte nicht weinen.“

Er stand auf, obwohl er nicht wusste, was er tun sollte. Zu ihr gehen? Er konnte ein kleines Mädchen nicht trösten. Was sollte er sagen – dass alles gut werden würde? Sehr überzeugend, vor allem, wenn es von ihm kam.

Panik ergriff ihn. Was, wenn sie hysterisch wurde? Sollte er Kenzie holen?

„Du weinst ja immer noch“, sagte er hilflos.

Merkwürdigerweise ließ ihr Schluchzen nach, und sie sah ihn aus feuchten Augen an. „Du merkst auch alles.“

Ihre Reaktion erheiterte ihn. „Bist du nicht zu jung, um so sarkastisch zu sein?“

„Nein.“

Auch gut. Was wusste er schon über Kinder? Er erinnerte sich, wie aufgeregt seine Frau immer gewesen war, wenn sie darüber gesprochen hatten, dass sie Eltern wurden. Ob er ein guter Vater geworden wäre?

„Ich habe nicht wegen dir geweint. Nur damit du’s weißt.“

„Gut.“

„Es ist nur … ich mache alles falsch. Ich habe meinen Dad einmal gestört, als er an einem Lied gearbeitet hat. Da hat er mich angeschrien.“

So ein Mistkerl. Nicht, dass JT sich vorbildlich verhalten hatte, aber ihr Vater sollte es eigentlich besser wissen.

„Manchmal frage ich mich, ob Dad noch bei uns wäre, wenn Drew und ich nicht so genervt hätten. Dann hätten wir vielleicht in Raindrop bleiben können. Als Familie.“

Warum half ihm denn keiner? Warum waren jetzt nicht Mrs. Sanchez oder Sean hier, die immer wussten, was sie sagen mussten? „Ich, ähh … Atlanta ist gar nicht schlecht. Es gibt viele schöne Dinge hier“, sagte er unbeholfen.

„Was denn?“

„Wir haben Bibliotheken, genau wie Raincloud.“

„Raindrop.“ Sie seufzte traurig. „Aber es gibt keine Mrs. Griffin hier.“

„Irgendwann wirst du sie nicht mehr so sehr vermissen“, murmelte er.

„Das hilft mir jetzt nicht weiter.“

Leslies nüchterne Aussage war so wahr, dass er ihr einen bewundernden Blick zuwarf. „Du bist wirklich ein kluges Kind.“

„Sag ich doch.“ So arrogant ihre Worte klagen, so unsicher wirkte das Mädchen in diesem Moment. Verletzlich wie ihre Mutter. Überlegte Kenzie vielleicht ebenso wie ihre Tochter, ob etwas falsch gelaufen war und ob es ein Fehler gewesen war, nach Atlanta zu kommen?

„Außerdem gibt es ein wunderbares Aquarium“, sprach er weiter. „Und ein paar tolle Restaurants. Den Zoo. Museen. Ich habe ein Wandgemälde für ein Kinderkunstmuseum angefertigt.“

Skeptisch blickte sie ihn an, dann sagte sie: „Ich glaube fast, du bist wirklich ein Maler.“

„Natürlich bin ich das.“ Oder war es zumindest einmal. „Ich habe sogar eine VIP-Karte für das Museum. Ich kann Gäste mitbringen. Sie müssen keinen Eintritt bezahlen und können auch nach Schließung des Museums noch bleiben.“

Er hatte die Karte nie benutzt, und dieses Kind machte gerade eine schwere Zeit durch. Noch schreckte er vor einer Einladung zurück. Aber war er wirklich so ein herzloser Einzelgänger, dass er nicht ein paar Stunden seiner Zeit opfern und diese Familie durch das Museum führen konnte? Vielleicht würde ihn die Tour sogar inspirieren.

„Wenn ihr nächstes Wochenende noch nichts vorhabt und deine Mom einverstanden ist, dann könnte ich euch ins Museum einladen und euch zeigen, dass Atlanta gar nicht so schlecht ist.“

„Wirklich?“ Über Leslies Gesicht ging ein Strahlen, das beinahe der Sonne Konkurrenz machte. „Das wäre cool. Lass uns Mom fragen.“

„Was, jetzt?“

Sie nickte, nahm ihr Buch und rannte zur Tür. Sie warf einen Blick zurück über die Schulter, als wollte sie sich vergewissern, dass er ihr folgte. Als fürchtete sie, er könne seine Meinung ändern, wenn er nur Gelegenheit dazu hatte.

Ja, dachte er, Leslie ist wirklich ein kluges Mädchen.

5. KAPITEL

Kenzie glitt tiefer in das nach Vanille duftende Schaumbad. Ein wohliger Seufzer kam ihr über die Lippen, als die Hitze ihren geplagten Körper umhüllte. Ah, das war genau, was sie gerade brauchte! Drew saß vor dem Fernseher, und Leslie war mit einem Buch auf der Dachterrasse.

„Mom! Mom!“

Nein. Aus der Traum von einer friedvollen halben Stunde. „Was ist, Leslie?“

„Ich muss dich etwas fragen!“

„Hat es noch etwas Zeit, Honey?“

Bildete Kenzie es sich ein, oder war da tatsächlich eine Männerstimme im Flur? Sie öffnete die Augen. „Leslie, ist Mr. Carlyle bei dir?“

„Nein. JT ist da.“

Kenzie hätte nicht schneller nach einem Handtuch greifen können, wenn ihre Tochter sie darüber informiert hätte, dass JT Röntgenaugen hatte. „Biete ihm etwas zu trinken an. Ich bin gleich da.“

Mit einem letzten sehnsüchtigen Blick auf die Badewanne schlüpfte Kenzie in ihre Unterwäsche, ein verwaschenes Polohemd und Shorts.

Was tat JT hier? Sie bezweifelte, dass er ihr einen nachbarschaftlichen Essensgruß überbringen wollte.

„Mr. Trelauney. Was verschafft uns die Ehre Ihres Besuchs?“

Leslie wippte auf den Fußballen auf und ab. „JT nimmt uns mit in ein Museum! Er ist ein ganz berühmter Maler!“

„Übertreib mal nicht, Mädchen.“ Der hünenhafte Künstler wirkte merkwürdig eingeschüchtert neben ihrer Tochter – wie ein Schäferhund, der Angst vor einem Chihuahua hatte. Er wandte sich an Kenzie. „Berühmt ist zu viel gesagt. Aber ich habe einmal für ein Museum gearbeitet, für das ich jetzt eine VIP-Karte habe. Ich habe Leslie vorgeschlagen, dass wir an irgendeinem Wochenende dorthingehen … wenn Sie nichts dagegen haben.“

„Bitte, Mom!“, bettelte Leslie. Seit ihrer Ankunft in Atlanta war sie nicht mehr so lebhaft gewesen. „Ich war noch nie in einem Museum. Du hast gesagt, das Schöne am Leben hier sind die vielen Dinge, die es in Raindrop nicht gibt. Was meinst du, Drew?“, fragte sie ihren Bruder, der ihr und dem unerwarteten Gast in die Küche gefolgt war.

„Ich würde zwar lieber zu einem Baseballspiel gehen, aber ein Museum ist auch okay.“

„Gehen wir also, Mom?“

„Sieh dir mit Drew den Film an und lass mich mit JT sprechen, okay?“

„Gut. Aber denk daran, er hat uns eingeladen. Und es wäre unhöflich, die Einladung abzulehnen.“

„Raus jetzt!“

Kaum war Leslie fort, wünschte Kenzie, sie hätte nicht so übereilt gehandelt. Jetzt war sie allein mit JT, dessen T-Shirt seinen Oberkörper aufreizend umspannte. Er sah mit Shirt genauso gut aus wie ohne. Kenzie, du bist eine erwachsene Frau, kein von Hormonen getriebener Teenager.

„Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“

„Nein, danke, ich will nicht stören.“

„Scheint mir eher, dass meine Tochter sich Ihnen aufgedrängt hat. Hat sie etwa bei Ihnen geklopft?“

„Ich war auf der Dachterrasse, um zu skizzieren. Sie kam, um zu lesen, und hat mich angesprochen.“

Dachte ich es mir. Wenn Kenzie Leslie für etwas brauchte, konnte sie ihre Tochter nicht von ihren Büchern weglocken. Aber wenn JT in Ruhe arbeiten wollte, wurde ihr Bücherwurm zu einer Schnattertante. „Tut mir leid, wenn sie gestört hat.“

Er verlagerte unbehaglich sein Gewicht. „Unsere Unterhaltung lief nicht sehr gut.“

„Das müssen Sie mir erläutern.“

„Sie endete mit Tränen.“

Kenzie runzelte die Stirn. „Sie haben Leslie zum Weinen gebracht?“

„Ich habe versucht zu arbeiten und sie gebeten, ihr Buch zu lesen, statt mich zu nerven. Natürlich habe ich es nicht so direkt gesagt“, fügte er schnell hinzu. „Aber sie fing an zu weinen. Hat erzählt, dass sie ihren Vater auch beim Arbeiten gestört hat, woraufhin er sie angeschrien hat.“

„Verstehe.“ Sie verstand wirklich. Nicht JT war Schuld an Leslies Tränen, sondern Mick.

Kenzie hatte noch in den Ohren, wie er sie anblaffte, dass er längst einen Hit geschrieben hätte, wenn die Kinder ihn nicht immer ablenken würden. Natürlich hatte er sich später entschuldigt. So war es immer gewesen. Was sich geändert hatte, war Kenzies Entschluss, diese Entschuldigungen nicht länger zu akzeptieren.

„Ich werde mit ihr sprechen“, versprach sie müde. „Und vielen Dank für die Einladung. Sie ist nett gemeint, aber …“

„Eigentlich würden Sie mir damit einen Gefallen tun.“ Es überrascht ihn selbst genauso wie Kenzie, dass er nicht die Gelegenheit ergriff, um sich aus der Affäre zu ziehen. „Sean, mein Geschäftspartner, meint, ich müsste mehr rausgehen. Vielleicht hilft mir die Kunstbegeisterung eines anderen, meine eigene zurückzugewinnen.“

„Künstlerische Blockade?“

„So etwas in der Art.“

In seinem Ton schwang eine gewisse Verwundbarkeit mit. Kenzie fühlte sich merkwürdig hingezogen zu diesem Mann, auf dem große Probleme zu lasten schienen. Eine Sekunde verspürte sie das Bedürfnis, die Hand auszustrecken und ihn durch eine zärtliche Berührung zu trösten. Albern. Jonathan Trelauney war kein kleiner Junge, der bemuttert werden musste.

Er war wie Mick, ein Mann, der darauf wartete, dass die Muse ihn küsste. Während andere Menschen von neun bis fünf Uhr schufteten, verbrachte JT den Tag rastlos auf der Suche nach Inspiration. Wenn er nicht gerade auf der Couch oder sonst wo lag und einen Mittagsschlaf hielt. Wahrscheinlich hatte er Leslie nicht angeblafft, weil sie ihn genervt hatte, sondern weil er über sich selbst frustriert war.

Das kannte sie alles zur Genüge.

„Mr. Trelauney, vielen Dank für die Einladung, doch ich halte es für besser, wenn die Kinder und ich uns Ihnen nicht anschließen.“ Ihre Stimme hatte denselben freundlichen, aber bestimmten Ton, den sie auch annahm, wenn sie einem Bankkunden den Kredit verwehrte. JT musste begriffsstutzig sein, wenn er die Botschaft nicht verstand.

Er näherte sich ihr fast unmerklich. „Sie mögen mich nicht, oder?“

„Ich kenne Sie nicht.“

„Und Sie wollen mich auch gar nicht kennenlernen, wie?“ Er klang fast amüsiert.

Autor

Dixie Browning

Dixie Browning, Tochter eines bekannten Baseballspielers und Enkelin eines Kapitäns zur See, ist eine gefeierte Malerin, eine mit Auszeichnungen bedachte Schriftstellerin und Mitbesitzerin einer Kunstgalerie in North Carolina. Bis jetzt hat die vielbeschäftigte Autorin 80 Romances geschrieben – und dabei wird es nicht bleiben - sowie einige historische Liebesromane zusammen...

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Cara Colter

Cara Colter hat Journalismus studiert und lebt in Britisch Columbia, im Westen Kanadas. Sie und ihr Ehemann Rob teilen ihr ausgedehntes Grundstück mit elf Pferden. Sie haben drei erwachsene Kinder und einen Enkel.
Cara Colter liest und gärtnert gern, aber am liebsten erkundet die begeisterte Reiterin auf ihrer gescheckten Stute...

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Tanya Michaels
Tanya Michaels, die eigentlich Tany Michna heißt, hat schon über 25 Auszeichnung für ihre Bücher gewonnen und wurde mehrfach für den RITA-Award, die wichtigste Auszeichnung für Liebesromane, nominiert. Daher wundert es nicht, dass ihre gefühlvollen und mitreißenden Geschichten in viele Sprachen wie Deutsch, Spanisch, Holländisch, Französisch, Griechisch, Koreanisch und Italienisch...
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