Bianca Exklusiv Band 353

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DIE HOCHZEIT MEINER SCHWESTER von JANICE KAY JOHNSON
Manchmal glaubt Ben, dass Faith den Glauben an die Liebe verloren hat. Aber auf der Hochzeit ihrer Zwillingsschwester geben ihm ihre sehnsüchtigen Blicke Hoffnung. Auch wenn ihre erste Ehe gescheitert ist, könnte sie dennoch einen Neuanfang wagen – mit ihm!

HERZENSBRECHER, HERZENSRETTER von TERESA SOUTHWICK
Ein Nein hört Dr. Spencer Stone nicht gern. Schon gar nicht von einer so hübschen Frau wie Avery: Die Controllerin weigert sich, teure Geräte für die Klinik anzuschaffen. Doch auf der gemeinsamen Geschäftsreise sagt Avery endlich Ja – leise, sehnsuchtsvoll …

SCHENK MIR DEIN GEBROCHENES HERZ von DIANA PALMER
Seit Jahren ist Maddie in ihren Nachbarn Cort Brannt verliebt. Seit seine Ex ihn verlassen hat, traut der attraktive Rancher keiner Frau mehr. Maddie lässt sich jedoch von seiner schroffen Art nicht entmutigen. Als Cort sie leidenschaftlich küsst, glaubt sie sich am Ziel aller Träume. Doch plötzlich will seine Ex ihn zurück!


  • Erscheinungstag 16.09.2022
  • Bandnummer 353
  • ISBN / Artikelnummer 0852220353
  • Seitenanzahl 512

Leseprobe

Janice Kay Johnson, Teresa Southwick, Diana Palmer

BIANCA EXKLUSIV BAND 353

1. KAPITEL

Ben Wheeler hasste nichts mehr als Misserfolge. Während seiner siebzehn Jahre bei der Polizei hatte er glücklicherweise nicht allzu viele gehabt. Natürlich hatte er einige Rückschläge erlebt. Etwa bei jenem Fall, bei dem er mit einer Kugel im Bauch eine Woche lang auf der Intensivstation liegen musste. Immerhin war es ihm gelungen, seine beiden Gegner niederzustrecken. Man konnte also nicht wirklich von einem Misserfolg reden. Er hatte überlebt – sie nicht. Dann gab es noch jene Mordfälle, die einfach nicht aufgeklärt werden konnten. Die verabscheute er am meisten.

Aber einen gewalttätigen Mann, der seine Frau schlug, nicht ausfindig machen zu können … Ben würde es sich niemals verzeihen, wenn er ausgerechnet in diesem Fall versagen würde. Rory Hardesty war zwar wie vom Erdboden verschluckt, aber aus seinem Versteck drohte er Faith. Er rief sie meistens nachts an und versprach ihr, sie würde ihr blaues Wunder erleben. Ben musste Rory Hardesty unbedingt finden – koste es, was es wolle.

Seine Finger umklammerten das Lenkrad. Verflucht! Wann wurde diese verdammte Umleitung auf der Strecke nach West Fork, die ihn jeden Tag fünfzehn Minuten am Morgen und am Abend kostete, endlich aufgehoben? Schlimmer noch: Sie führte ihn zwei Mal am Tag an der Farm der Russells vorbei, die hinter der lang gezogenen Kurve des Highways direkt am Fluss lag.

Jedes Mal, wenn der Bauernhof vor der Windschutzscheibe seines Wagens in Sicht kam, wurde er an seinen Misserfolg erinnert.

Und das Schlimmste: Die Sache war noch längst nicht ausgestanden.

Er beschloss, an der Farm vorbeizufahren, ohne nach rechts oder links zu schauen. Höchstens ganz kurz, um sich zu vergewissern, dass kein Kranken- oder Streifenwagen auf dem Grundstück stand. Um diese Zeit wäre das allerdings ziemlich ungewöhnlich. Hardesty tauchte meistens nachts auf.

Knapp eine halbe Meile hinter der Russell-Farm mündete der Highway in die Zufahrtsstraße nach West Fork, der Kleinstadt am Fuß des Cascade-Gebirges, das sich durch den gesamten US-Bundesstaat Washington zog.

In dieser Stadt arbeitete Ben seit einem Jahr als Polizeichef. Manchmal zweifelte er immer noch, ob es eine gute Entscheidung gewesen war, hierherzuziehen. Das Leben war auf jeden Fall geruhsamer als in Los Angeles. Wobei geruhsam auch eine freundliche Umschreibung für langweilig sein konnte.

Für einen Polizisten, der sich mit Raub, Mord und Totschlag befasst hatte, fühlte es sich noch immer irreal an, wenn er sich jetzt um gestohlene Sägen oder Graffiti-Schmierereien an Schulwänden kümmern musste. Der gefährlichste Ort in dieser Stadt war das Rathaus, wo er sich mit sturköpfigen Idioten herumschlagen musste, die unfähig waren, die Probleme ihrer Kommune in den Griff zu bekommen. Dummerweise war er von ihnen abhängig – sie zahlten ihm sein Gehalt.

Seine Gedanken schweiften zurück zu Rory Hardesty, zu Charlotte und vor allem zu Faith. Die beiden waren eineiige Zwillingsschwestern – und Faith war Hardestys Exfrau. Faith und Charlotte waren neunundzwanzig. Faith hatte ihr gesamtes Leben in West Fork verbracht – abgesehen von den vier Jahren auf dem College. Charlotte war erst vor Kurzem zurückgekommen – zum einen, weil sie ihren Job in San Francisco verloren hatte; zum anderen, um Faith und ihren Vater auf dem Hof zu unterstützen.

Die Russell-Farm kam in Sicht. Sie war schon lange kein Bauernhof mehr im herkömmlichen Sinne. Faith hatte die Scheune zu einem Laden umfunktioniert, in dem sie Pflanzen, Gartengeräte und Kunsthandwerk verkaufte. Große Schilder am Straßenrand wiesen auf das Angebot hin. Außerdem hatte sie einen Irrgarten zwischen mannshohen Maispflanzen angelegt. Der war besonders bei den Teenagern aus der Gegend beliebt. Ben bezweifelte jedoch, dass sie mit den Eintrittsgeldern und dem Umsatz, den sie im Laden erzielte, die Farm würde halten können. Irgendjemand hatte ihm erzählt, dass die finanzielle Situation der Russells nicht gerade rosig war.

Noch ehe er darüber nachdachte, setzte Ben den Blinker und bog auf die Einfahrt zur Farm. Das ausgerechnet hatte er doch vermeiden wollen! Außerdem hatte er Faith in Sachen Hardesty ohnehin nichts Neues mitzuteilen.

Faiths Wagen stand neben dem zerbeulten Pick-up ihres Vaters vor dem einstöckigen, gelb gestrichenen Bauernhaus. Um diese Zeit war sie bereits aus der Vorschule zurück, wo sie tagsüber arbeitete. Dann widmete sie sich ihrem Laden und löste die Halbtagsangestellte ab, die immer dann einsprang, wenn Charlotte verhindert war. Don Russell, der Vater der Zwillinge, war im August vom Traktor überrollt worden. Inzwischen war es Oktober, und er hatte sich so weit erholt, dass er wieder leichtere Arbeiten erledigen konnte, obwohl er noch immer auf Krücken lief. Der alte Mann litt darunter, dass er seinen Töchtern nicht helfen konnte. Eigentlich hatte er die Farm nur wegen Faith noch nicht verkauft. Sie hatte ihr ganzes Leben hier verbracht. Der Gedanke, irgendwo anders wohnen zu müssen, war ihr unerträglich. Auch wenn die Situation noch so aussichtslos war: Faith würde alles dafür tun, um das Familienerbe zu retten.

Vor dem Bauernladen stand ein weiteres Fahrzeug. Faith hatte Kundschaft. Ben stellte seinen Wagen neben dem anderen ab und zögerte kurz, ehe er ausstieg.

Dunkelrote Astern blühten in einem Beet vor der Scheune. Sonnenblumen schwankten im Wind hin und her. In einem Strohballen steckte eine Vogelscheuche. Getrocknete Maiskolben und eine Reihe von Kürbissen wiesen auf das nahe Halloween hin.

Was hatte er hier eigentlich zu suchen?

Faith sah nie besonders glücklich aus, wenn Ben auftauchte. Ihr Exmann hätte ihr nicht unwillkommener sein können.

Vor mehr als einem Jahr hatte sie sich scheiden lassen. Die Ehe hatte drei Jahre gehalten. Mehr als einmal hatte Rory seine Frau in dieser Zeit krankenhausreif geprügelt. Einmal war er deswegen ins Gefängnis gekommen – leider nicht lange genug. Schließlich hatte sie ihn verlassen. Das alles wusste Ben nur von Charlotte. Sie hatte ihm auch von Faiths Schuldgefühlen erzählt – sie fühlte sich verantwortlich für das Scheitern ihrer Ehe. Das konnte Ben nun überhaupt nicht verstehen. Rory hatte Faith blaue Flecke und Knochenbrüche beschert, und sie machte sich Vorwürfe?

Vor ein paar Monaten hatte Hardesty tatsächlich die Frechheit besessen, auf der Farm aufzutauchen, in der Hoffnung, dass Faith ihm verzeihen könnte. Als er merkte, dass sie nicht im Traum daran dachte, war er durchgedreht.

Im August hatte mitten in der Nacht plötzlich der Bauernladen in Flammen gestanden. Der Schaden war glücklicherweise nicht allzu groß gewesen. Man hatte ihm die Tat zwar nie nachweisen können, aber inzwischen zweifelte niemand mehr daran, dass er den Brand gelegt hatte.

Bei den Ermittlungen hatte Ben die Russell-Schwestern kennengelernt. Ein oder zwei Wochen später landete eine Bombe in ihrem Wohnzimmer, als die beiden gerade am Tisch saßen. Auch dafür hatte man Hardesty nicht zur Verantwortung ziehen können. Neben den zahlreichen Wunden von den Glassplittern der Wohnzimmerscheibe hatte Faith einen Schock erlitten. Nach der Explosion war sie praktisch einen Tag lang taub gewesen. Glücklicherweise hatten ihre Ohren keinen dauerhaften Schaden davongetragen.

Hardesty war nicht in seine Wohnung zurückgekehrt und am nächsten Tag auch nicht bei der Arbeit aufgetaucht. Er war wie vom Erdboden verschluckt – bis zu jener Nacht, in der er Charlotte attackierte, weil er sie für Faith hielt. Mit einer Gehirnerschütterung und zahlreichen Schnittwunden – er hatte sie mit einem Messer angegriffen – wurde sie ins Krankenhaus eingeliefert.

„Rory hätte Charlotte nicht absichtlich verletzt“, beharrte Faith. „Er wollte mich treffen.“

Als ob das eine Entschuldigung wäre! Ben empfand eine riesengroße Wut auf diesen Mistkerl.

Als er jetzt vor dem Laden stand, stieß er einen Fluch aus. Sollte er wirklich hineingehen? Möglicherweise reagierte Faith gereizt, wenn sie ihn sah …

Schließlich trat er doch ein. Es dauerte eine Weile, bis sich seine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten. Ein paar Sonnenstrahlen fielen durch schmale Fenster und durch das Tor am anderen Ende des Ladens, das zum Pflanzen- und Gartenbereich führte.

Die Regale an den Wänden waren vollgestellt mit Pflanzen, Gartenutensilien, Töpfen und Vasen aus Ton und Keramik. In der Mitte stand die Ladentheke mit einer altmodischen Registrierkasse. Die Gläser rechts und links davon waren mit bunten Bonbons gefüllt. Es sah aus wie in einem guten alten Tante-Emma-Laden.

Hinter der Theke stand niemand. Eine Kundin füllte Kartoffeln in eine Tüte. Er kannte die Frau von der Bibliothek, wo sie arbeitete.

„Hallo, Miss Taylor.“ Ben nickte ihr zu.

Sie schaute auf. „Mr Wheeler. Was führt Sie her? Doch hoffentlich keine Probleme?“

Ben musste grinsen. „Nicht überall, wo ich bin, gibt es Probleme. Ich wollte mich nur nach Miss Russell und ihrem Vater erkundigen. Aber wo ich schon mal hier bin, könnte ich auch ein Glas Himbeermarmelade kaufen.“

„Die ist wirklich köstlich, nicht wahr? Ich glaube, Faith ist draußen mit einer Kundin.“

„Dann werde ich mal nach draußen gehen.“

Als er sich zur Tür wandte, betraten Faith und eine andere Frau gerade den Laden. Faith zog einen Einkaufswagen mit einer Reihe von Blumentöpfen hinter sich her. Sie unterhielt sich angeregt mit der Kundin und bemerkte ihn nicht sofort.

Faith war eine Schönheit. Das war Ben schon beim ersten Mal aufgefallen. Sie erinnerte ihn an Sonne, Rosen und alles Schöne, was die Natur zu bieten hatte. Instinktiv spürte er, dass er sich bei ihr zu Hause fühlen könnte. So, wie er es nie zuvor erlebt hatte. Sie war alles, was er sich jemals erträumt hatte.

Ein Grund mehr, sich von ihr fernzuhalten. Er war nicht der Mann für eine Frau wie sie – nicht nach dem Leben, das er bislang geführt hatte. Weil seine Mutter drogensüchtig gewesen war, hatte er den größten Teil seiner Kindheit und Jugend in Erziehungsheimen verbracht. Danach war er sofort zur Polizei gegangen und hatte die schmutzigen Seiten des Lebens kennengelernt.

Doch wann immer er Faith begegnete, konnte er den Blick nicht mehr von ihr nehmen. Das strohblonde Haar trug sie meistens in einem locker geflochtenen Zopf, der ihr über die Schulter fiel. Ihr Gesicht war zartgliedrig, die Lippen ihres Mundes voll und … ja, sinnlich war das richtige Wort. Ihre Augen waren blauer als der Himmel. Ihr Körper – schlank und zierlich, mit endlos langen Beinen. Und diese Hände … Trotz der harten Arbeit, die sie auf der Farm leistete, waren ihre Finger schmal und fein. Darüber hinaus achtete sie stets auf gepflegte Fingernägel.

Alles in allem: Sie entsprach Bens Idealbild von einer Frau.

Kein Wunder, dass sie ihn oft nachts in seinen Träumen heimsuchte. Träume, aus denen er oft mit einer kaum zu stillenden Lust aufwachte.

Jetzt wusste er auch wieder, warum er zur Farm gefahren war: um Faith zu sehen. Bei seinem Anblick röteten sich ihre Wangen, und sie riss die Augen auf.

Oje, dachte er. Sie reagierte nicht seinetwegen so. Er war nur der Überbringer von Nachrichten – schlechten Nachrichten. Sie glaubt vermutlich, ich hätte Neuigkeiten von Hardesty.

„Guten Tag, die Damen“, begrüßte er die beiden Frauen. „Sieht ja ganz danach aus, als hätten Sie sich viel Gartenarbeit vorgenommen.“

„Wenn nicht jetzt, wann dann?“, meinte die Kundin.

Nachdem Faith die Rechnung geschrieben und die Frau den Laden verlassen hatte, schaute sie Ben mit ausdrucksloser Miene an. „Gibt es Neuigkeiten, Mr Wheeler?“

Mr Wheeler! Sie nannte ihn niemals Ben.

„Nein“, erwiderte er. „Kein Grund zur Sorge. Ich bin nur vorbeigekommen um nachzuschauen, ob alles in Ordnung ist, und nachzufragen, ob Sie vielleicht etwas von Hardesty gehört haben.“

Bei der Erwähnung seines Namens fiel ein Schatten über ihr Gesicht. Sie schüttelte den Kopf. „Wenn ich wüsste, wo er steckt – glauben Sie nicht, dass ich mich längst bei Ihnen gemeldet hätte?“

Dessen war er sich ganz und gar nicht sicher. Er befürchtete nämlich, dass Faith ihrem Exmann gegenüber sehr gemischte Gefühle hegte. Trotz allem, was er ihr angetan hatte, gehörte sie zu den Frauen, die immer auch an das Gute im Menschen glaubten und stets bereit waren, zu verzeihen. Wenn Ben an die Fotos dachte, die im Krankenhaus von ihr gemacht worden waren, nachdem ihr Mann sie zusammengeschlagen hatte, krampfte sich ihm noch immer der Magen zusammen. Hätte Hardesty ihm in diesem Moment gegenübergestanden – Ben hätte für nichts garantieren können.

Sicher, zuletzt hatte sie sich doch von ihm scheiden lassen. Aber wer weiß, wie es tief in ihrem Inneren aussah.

„Na ja, hätte ja sein können, dass er sich in irgendeiner Form bei Ihnen gemeldet hat“, sagte er schließlich.

„Ich rufe Sie an, wenn ich etwas höre“, erwiderte sie knapp.

Er nickte. „Gut.“ Er räusperte sich. „Üben Sie manchmal noch mit Ihrer Waffe?“

„Nicht sehr oft.“ Sie machte eine hilflose Handbewegung. „Ich habe viel zu tun.“

Das konnte man wohl sagen. Tagsüber arbeitete sie in der Vorschule, und wenn sie nachmittags zurückkam, kümmerte sie sich um den Laden und den Bauernhof. Kein Wunder, dass sie in der letzten Zeit immer erschöpft wirkte. Irgendwann würde sie zusammenbrechen.

„Tragen Sie die Waffe denn immer bei sich?“

„Ich bewahre sie in meiner Handtasche auf.“ Sie machte eine Kopfbewegung zur Ladentheke. „Sie steht unter der Kasse.“

Obwohl Ben wie die meisten Polizisten nichts davon hielt, wenn sich die Zivilbevölkerung mit Waffen eindeckte, beruhigte ihn die Vorstellung, dass Faith nicht vollkommen wehrlos war. Aber würde sie sich im Notfall wirklich verteidigen können? Er bezweifelte es. Andererseits konnte er sie auch nicht rund um die Uhr bewachen lassen, obwohl er fest davon überzeugt war, dass Hardesty irgendwann auftauchen würde. Im Laufe der Zeit war er immer zudringlicher geworden. So schnell gab der Typ nicht auf.

Ben runzelte die Stirn. „Sie sollten sie immer griffbereit haben.“

„Wie denn? Soll ich sie mir in den Büstenhalter stecken?“ Gereizt sah sie ihn an. „Entschuldigen Sie.“

„Schon gut.“ Er bemühte sich, nicht auf ihre Brüste zu starren, die nur von einem dünnen T-Shirt bedeckt wurden. Für Oktober war es noch ziemlich warm, und hier im Laden war es noch ein paar Grad wärmer. Nein, das wäre wirklich kein guter Platz für eine Pistole.

Zwischen dem Saum des T-Shirts und ihrer Hose blitzte nackte Haut auf. Ben räusperte sich. Lass es gut sein!

„Rory würde es nicht wagen, mich hier zu überfallen“, meinte sie schließlich. Überrascht stellte Ben fest, dass sie rot geworden war. Hatte sie etwa seine Blicke bemerkt? Wie unangenehm!

„Ihre Schwester hat er angegriffen“, erinnerte Ben sie. „Wenn Gray nicht aufgetaucht wäre …“

Gray Van Dusen war ein weiteres rotes Tuch für Ben. Der Bürgermeister von West Fork hatte Ben eingestellt, damit er sich um die Sicherheit in der Stadt kümmerte. Insgeheim warf er Ben vor, für die Attacke auf Charlotte verantwortlich zu sein, weil er es nicht geschafft hatte, Hardesty festzunehmen. Denn Bürgermeister Van Dusen war bis über beide Ohren in Charlotte Russell verliebt.

Dabei hatte Ben zunächst geglaubt, sich mit Van Dusen anfreunden zu können. Das konnte er wohl nun vergessen. Wenigstens hatte der Vorfall ihr berufliches Verhältnis nicht beeinträchtigt, aber wenn er nicht bald Resultate präsentieren würde, konnte das durchaus der Fall sein.

„Hier sind doch immer irgendwelche Leute“, fuhr Faith fort. „Und wenn Rory hier zur Tür hereinkommt, werde ich sofort zur Theke laufen und meine Waffe ziehen.“

„Und was machen Sie nachts?“

„Ich lege sie unter mein Kopfkissen.“

Nicht sehr gemütlich, mit einer Waffe unter dem Kopf zu schlafen, überlegte er. „In die Schule können Sie sie wohl nicht mitnehmen, oder?“

Entgeistert starrte Faith ihn an. „Das ist doch nicht Ihr Ernst?“

Er griff sich an den Nacken und massierte einen verspannten Muskel. „Nein. Dort wird Ihnen ja wohl kaum etwas zustoßen.“

„Vielleicht hat er ja auch aufgegeben. Oder er ist über sich selbst erschrocken, als er gesehen hat, was er Charlotte angetan hat. Jedenfalls …“ Sie biss sich auf die Lippen.

„Ja?“, hakte er nach.

„Jedenfalls könnte ich mir das vorstellen.“

Verflucht. Offenbar wollte sie den Tatsachen immer noch nicht ins Auge sehen.

„Man hat mir die Fotos gezeigt, die sie in der Notaufnahme von Ihnen gemacht haben“, fuhr er fort. „Ich habe schon eine Menge gesehen, aber das hat mich wirklich schockiert. Machen Sie sich nichts vor – der Kerl wird sich nicht mehr ändern.“

Sie wollte etwas erwidern, überlegte es sich aber anders. Stattdessen machte sie auf dem Absatz kehrt und ging zur Tür.

Ben folgte ihr. „Faith …“

Sie drehte sich zu ihm. „Warum sind Sie hergekommen?“, herrschte sie ihn an.

Um dich zu sehen. Um zu sehen, ob es dir gut geht.

„Ich mache meine Arbeit.“

„Und die besteht darin, mich in Angst und Schrecken zu versetzen? Und einzuschüchtern?“

„Nichts liegt mir ferner.“ Er bemühte sich, ruhig zu bleiben. „Aber Sie warnen, ja, das will ich. Damit Sie endlich einsehen, dass Hardesty zu allem fähig ist …“

„Das weiß ich längst“, schrie sie ihn an. „Ich habe gesehen, was er Charlotte angetan hat. Ich weiß, was er mir angetan hat.“ Ihre Stimme wurde zu einem Flüstern. „Das alles habe ich doch mitbekommen.“

Unwillkürlich streckte Ben die Arme aus, um sie an sich zu ziehen. Sie trat so schnell zurück, dass sie gegen einen Stuhl stieß. Als er noch einen Schritt näher kam, stellte sie sich hinter den Stuhl und umklammerte die Lehne mit beiden Händen, als wollte sie sich damit gegen Ben zur Wehr setzen. „Bitte gehen Sie jetzt“, forderte sie ihn auf.

„Ich wollte Sie nicht …“

„Sofort!“

Abwehrend hob er die Hände. „Schon gut, Faith. Tut mir leid.“

Sie funkelte ihn nur wütend an, ohne ein Wort zu sagen. Er hatte recht gehabt mit seiner Vermutung: Sie mochte ihn ebenso wenig wie ihren Exmann.

Wahrscheinlich hasste sie ihn in diesem Moment sogar noch mehr. Denn wenn von Rory Hardesty die Rede war, wurde ihre Stimme oft weich und ihr Blick wehmütig.

Vielleicht sollte er ihr wirklich aus dem Weg gehen. Wenigstens das kann ich für sie tun, dachte er grimmig. Und ihr erst wieder unter die Augen treten, wenn Hardesty hinter Gittern saß. Oder wenn er, was Gott verhüten möge, mitten in der Nacht zur Russell-Farm gerufen wurde, weil der Mistkerl zurückgekommen war und Faith bedrohte.

Ohne sich noch einmal umzudrehen, stieg Ben in den Streifenwagen und fuhr los. Er hatte ein ungutes Gefühl. Ein sehr ungutes Gefühl.

2. KAPITEL

Den ganzen Tag über musste Faith an Ben Wheeler denken. Sein Besuch hatte sie mehr aus der Fassung gebracht, als sie sich eingestehen wollte.

Genau genommen war er ihr schon vorher nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Seitdem sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Von Anfang an hatte sie ihn attraktiv gefunden. Von Liebe konnte natürlich keine Rede sein, aber sie empfand mehr für ihn als einfach nur Lust auf seinen Körper. Vielleicht könnte sie sich sogar in ihn verlieben – ein bisschen … Besonders erschreckte es sie, dass sie so intensive Gefühle Rory gegenüber nie empfunden hatte. Sie waren mehr als ein Jahr zusammen gewesen, ehe er ihr einen Heiratsantrag gemacht hatte. Sie hatte ihn gemocht und sich in seiner Gesellschaft sehr wohlgefühlt. Außerdem schien er perfekt in das ruhige Leben zu passen, das sie sich vorgestellt hatte …

Ben dagegen würde wie ein Wirbelwind alles durcheinanderbringen und ihr Dasein auf den Kopf stellen.

Es hatte sie tatsächlich verletzt, als Ben Charlotte und nicht sie zum Essen eingeladen hatte. Obwohl das Verhältnis zu ihrer Zwillingsschwester nicht immer das beste gewesen war, so hatte es doch nie Eifersüchteleien zwischen den beiden Frauen wegen eines Mannes gegeben. Doch als Ben an jenem Abend mit Charlotte ausgegangen war, hatte sie den ganzen Abend voller Neid an sie denken müssen.

Bis heute wusste sie nicht, was zwischen den beiden passiert war. Charlotte hatte zwar gesagt, dass es nicht gefunkt hätte und dass sie fest davon überzeugt sei, dass Ben an Faith und nicht an ihr interessiert sei. Manchmal dachte Faith das auch. Doch jedes Mal, wenn sie einander begegneten, empfand sie diese Unsicherheit. Sie hatte den Eindruck, dass Ben sich über seine Gefühle nicht im Klaren war. Und wenn doch, dann hatte er nicht den Mut, sie ihr zu gestehen … Wenn denn überhaupt Gefühle im Spiel waren. Nicht einmal dessen konnte Faith sich sicher sein.

Vielleicht verhielt er sich ihr gegenüber auch so, weil er keine Gefühle zulassen wollte.

Wie dem auch sei: Immer, wenn sie ihn sah, spürte sie diesen undefinierbaren Schmerz.

Sie hätte ihm vielleicht von Rorys letztem Anruf erzählen sollen, aber dann wäre er vielleicht noch ungehaltener – oder besorgtergewesen. Er verstand ebenso wenig wie ihr Vater und Charlotte, warum sie es drei Jahre lang mit einem Mann ausgehalten hatte, der sie misshandelte. Und im Grunde verstand sie es selbst nicht. Ja, es gab Momente, in denen sie sich sogar deswegen verachtete.

Charlotte war stets mutig und draufgängerisch und setzte immer ihren Kopf durch. Faith dagegen gab rasch klein bei, war fügsam und konfliktscheu. Die perfekte Beute für einen Typen wie Rory Hardesty. Das war ihr inzwischen klar geworden.

Faith hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie Ben belogen hatte. Denn Rory hatte sich ja gemeldet, aber seine Stimme hatte ganz anders geklungen – als täte es ihm leid, was er ihr und ihrer Schwester angetan hatte. Er hatte sie gefragt, ob er sie besuchen dürfte, aber sie hatte sofort abgelehnt. Um ihn sich vom Leib zu halten, hatte sie ihm erzählt, dass es einen anderen Mann in ihrem Leben gab. Überraschenderweise war Rory nicht wütend geworden. Damit hätte sie besser leben können als mit der Traurigkeit, die sie aus seinen Worten zu hören glaubte.

Auch deshalb hatte sie Ben nichts von dem Gespräch erzählt. Wahrscheinlich hätte er erst recht kein Verständnis dafür gehabt, dass sie sogar so etwas wie Mitleid mit ihrem Exmann empfand.

Aber der Polizist schien zu spüren, dass sie ihm etwas verheimlichte. Das machte ihn ärgerlich. Am liebsten hätte er wohl gehabt, dass Faith sich ihm voll und ganz anvertraute. Doch so weit war sie noch nicht – wenn sie es überhaupt irgendwann tun würde. Deshalb hatte sie sich entschlossen, ihn zum Gehen zu bitten, obwohl er es doch nur gut mit ihr meinte.

Sie musste sich auf sich selbst verlassen. Im Grunde war das gar nicht so schlecht. Faith hatte sich ihr ganzes Leben lang an ihre Zwillingsschwester geklammert – so sehr, dass Charlotte am Ende vor ihr geflohen war. Danach hatte sie sich an Rory geklammert und sich von ihm viel zu viel bieten lassen – weil er alles gewesen war, das sie hatte.

Inzwischen war sie nicht mehr die alte Faith. Sie und Charlotte hatten sich ausgesprochen und wieder zueinander gefunden, und dafür war Faith ausgesprochen dankbar. Nicht noch einmal würde sie die Fehler machen, die dazu geführt hatten, dass sie einander fremd geworden waren. Inzwischen lebte Charlotte mit Gray zusammen. Im November wollten sie heiraten. Bis dahin, so hofften alle, würde auch ihr Vater wiederhergestellt sein, der nach einem Unfall, bei dem er unter den Traktor geraten war, ziemlich lange gebraucht hatte, um auf die Beine zu kommen.

Das Läuten des Telefons riss sie aus ihren Gedanken. „Hallo, Schwesterherz“, meldete sich Charlotte am anderen Ende der Leitung. „Wie wär’s, wenn wir beide morgen Nachmittag nach der Arbeit schwimmen gingen? Oder brummt der Laden so sehr, dass du nicht freimachen kannst?“

Leider nicht, dachte Faith bekümmert. Doch da sie in letzter Zeit so wenig Gelegenheit gehabt hatten, gemeinsam etwas zu unternehmen, stimmte sie zu. Sie würde Marsha bitten, ein paar Stunden zu arbeiten. Marsha sprang häufig ein, wenn die Zwillingsschwestern anderes zu tun hatten. Obwohl sie den zusätzlichen Lohn kaum abzweigen konnte, da sie in letzter Zeit nur wenig verkauft hatte, beschloss sie, sich ein wenig abzulenken und Spaß zu haben.

„Morgen wird’s bestimmt wieder heiß“, sagte Faith. „Kommst du mich abholen?“

„Wird gemacht. Sagen wir um vier?“

„Vier Uhr“, stimmte Faith zu.

Charlotte war schockiert, als sie ihre Schwester im Bikini sah. Faith hatte ja noch mehr abgenommen.

Als Teenager war Charlotte die Bohnenstange gewesen. Sie war dauernd in Bewegung und aß nur wenig. Irgendwann hatte sie sich die blonden Haare dunkel gefärbt, um nicht mit ihrer Schwester verwechselt zu werden. Sie hatte es immer gehasst, ständig jemanden um sich zu haben, der genauso aussah wie sie. Schon als Kind hatte sie sich hartnäckig geweigert, die gleichen Sachen anzuziehen wie Faith. Ihr war es ganz recht gewesen, dass Faith irgendwann die Kräftigere war. Charlotte, die Dürre, und Faith, die Pummelige. Verwechslungen ausgeschlossen. Endlich!

Doch jetzt war Faith noch dünner geworden, und das konnte nicht gesund sein. Die Sache mit Rory, der Unfall ihres Vaters, die Arbeit in der Vorschule, auf dem Bauernhof und im Laden – das alles war wohl einfach zu viel für sie.

Ihr Vater hätte den Hof wohl aufgegeben. Er war mittlerweile neunundfünfzig Jahre alt und hatte keine Lust mehr auf die harte körperliche Tätigkeit. Außerdem würde er nach seinem Unfall nicht mehr so arbeiten können wie vorher. Aber für Faith war die Farm ein Stück Heimat, das sie jetzt, nachdem ihre Ehe gescheitert war, noch dringender brauchte.

Charlotte hatte beschlossen, ihre Schwester in dieser schwierigen Situation zu unterstützen. Nachdem sie ihren Job in San Francisco ohnehin verloren hatte, war sie zurückgekehrt. Zuerst wollte sie nur ein paar Wochen bleiben, aber dann hatte sie einen neuen Job bei einer Softwarefirma in der Nähe gefunden, der es ihr außerdem ermöglichte, ihre Arbeit von zu Hause aus zu erledigen. So konnte sie sich ihre Stunden einteilen und nebenbei auf der Farm mithelfen. Ihrem Verlobten Gray war das recht. Er hatte gleich zwei Jobs – Bürgermeister von West Fork und Leiter eines Architekturbüros – und arbeitete oft bis spät in den Abend und am Wochenende.

Jetzt nahm Charlotte ihre Schwester in den Arm. „Alles in Ordnung?“

„Alles bestens“, lautete die Antwort.

Es versetzte Charlotte einen Stich ins Herz, als sie Faith tapfer lächeln sah. Dann nahm sie sie bei der Hand und führte sie zu ihrem Lieblingsplatz – einer schattigen Stelle am Ufer, die außer ihnen noch niemand gefunden zu haben schien.

Nachdem sie eine Weile in der Sonne gelegen hatten, schwammen sie ein paar Runden im eiskalten Wasser, bis ihre Lippen blau und ihre Finger schneeweiß waren. Anschließend ließen sie sich wieder von der Nachmittagssonne aufwärmen und blinzelten in den stahlblauen Himmel.

„Du hast immer noch kein Kleid.“ Faith klang ganz schuldbewusst.

Charlotte weigerte sich, ein Hochzeitskleid ohne ihre Schwester zu besorgen, aber Faith hatte in den vergangenen Tagen kaum Zeit gehabt.

„Nächstes Wochenende klappt’s bestimmt“, versprach Faith.

„Das ist immer noch rechtzeitig genug“, tröstete Charlotte sie.

Sie und Gray wollten ihre Hochzeit im kleinen Kreis feiern. Charlotte hatte nicht vor, Tausende von Dollar für ein Hochzeitskleid auszugeben. Das erzählte sie Faith allerdings nicht. Ihre Schwester war mehr an den Vorbereitungen zur Trauung interessiert als sie selbst. Sie kümmerte sich gern um den Blumenschmuck, das Essen, die Getränke.

„Willst du am Sonntag nicht mit Gray zu uns zum Abendessen kommen?“, schlug Faith vor. „Dad mag Gray sehr gern.“

Charlotte lachte. „Ich weiß. Alle mögen Gray. Wäre er sonst zum Bürgermeister gewählt worden?“

Faith lachte ebenfalls. „Stimmt. Ich finde ihn übrigens auch sehr sympathisch.“

Die beiden waren sogar zweimal ausgegangen. Damals kannte er Charlotte noch nicht. Aber zwischen Faith und Gray hatte es nicht gefunkt. Ganz anders dagegen war es ihm mit Charlotte ergangen. Es sei Liebe auf den ersten Blick gewesen, hatte er ihr später gestanden. Charlotte, die zunächst überhaupt nicht wusste, wie sie ihn einschätzen sollte, war es ähnlich ergangen. Obwohl es dann noch eine Weile gedauert hatte, bis sie so weit war, es sich einzugestehen.

„Hast du Ben in letzter Zeit noch mal gesehen?“, wollte Charlotte jetzt wissen.

Faith rollte auf den Bauch und stützte das Kinn auf die verschränkten Hände. „Mhm. Vor ein paar Tagen ist er bei uns gewesen. Aber etwas Neues konnte er mir nicht erzählen. Es schien ihm nicht zu passen, dass ich meine Pistole nicht rund um die Uhr bei mir trage.“

„Warum auch? Jetzt wirst du sie ja auch nicht dabeihaben.“

„Doch.“

Erstaunt starrte Charlotte ihre Schwester an. „Das ist doch wohl ein Witz?“

„Nein. Sie ist in meiner Strandtasche.“

Respektvoll betrachtete Charlotte die gelb-weiß gestreifte Tasche. „Wow!“

„Außer uns ist hier niemand“, erklärte Faith. „Stell dir vor, Rory taucht auf einmal auf. Selbst wenn wir um Hilfe riefen, würde uns keiner hören.“

Unwillkürlich warf Charlotte einen Blick über ihre Schultern. Dann schaute sie Faith in die Augen.

„Allzeit bereit“, meinte Faith mit einem sarkastischen Unterton.

Hatte sie sich wirklich so sehr verändert? Oder hatte sie sich nur ein dickes Fell zugelegt, hinter dem sie ihre Angst und Unsicherheit versteckte?

Warum zum Teufel war die Polizei nicht in der Lage, Rory zu finden? Charlotte spürte, wie sie wütend wurde.

„Soll ich heute Nacht bei euch bleiben?“, fragte sie.

Faith schüttelte den Kopf. „Nicht nötig. Du könntest ohnehin nichts tun.“

„Ich kann immerhin den Baseballschläger griffbereit neben mein Bett legen.“

„Wir haben sämtliche Türschlösser ausgewechselt. Dad würde aufwachen, wenn Rory eine Fensterscheibe einschlägt.“ Er schlief noch immer in dem Spezialbett, das sie ins Wohnzimmer gestellt hatten, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden war.

Zweifelnd sah Charlotte sie an. „Hört er überhaupt etwas – so laut, wie er schnarcht?“

Sie mussten beide kichern. „Vielleicht solltet ihr beiden so lange bei uns wohnen, bis Ben Rory gefasst hat“, schlug Charlotte vor, nachdem sie wieder ernst geworden waren. Gray hatte bestimmt nichts dagegen – obwohl er natürlich lieber mit Charlotte allein war.

„Drei Jahre lang habe ich mich von ihm terrorisieren lassen“, entgegnete Faith. „Ich werde mich nicht vor ihm verstecken. Außerdem – wie lange würden wir in Grays Haus wohnen müssen? Zwei Wochen? Zwei Monate? Was, wenn Rory überhaupt nicht mehr zurückkommt? Oder wartet, bis Dad und ich ins Haus zurückgehen? Nein. Danke für das Angebot, aber – nein, danke!“

Ein Schweigen entstand, in dem jede ihren Gedanken nachhing. Schließlich ergriff Charlotte das Wort. „Solltest du deine Meinung ändern, seid ihr jedenfalls herzlich willkommen.“

Faith setzte sich auf und umarmte Charlotte. „Vielen Dank, Schwesterherz“, flüsterte sie. „Ich hab dich lieb.“

„Ich dich auch.“ Wie leicht ihr diese Worte inzwischen über die Lippen kamen. Charlotte war froh, dass das Band zwischen ihr und ihrer Schwester wieder so eng war wie zu jener Zeit, als sie Kinder waren.

Nach einer kühlen Dusche fühlte Faith sich angenehm erfrischt. Selbst in ihrem Zimmer erschien es ihr nicht mehr so stickig wie zuvor. Dad schlief bereits, sein Schnarchen war bis in den ersten Stock zu hören. Faith lächelte. Ohne das Licht anzuknipsen, trat sie ans Fenster und schaute hinaus in die Dunkelheit. Hinter den Maisfeldern verlief der Highway, und rechts glitzerte der Fluss im Schein des Mondes, der groß und gelb am Himmel hing. In einem Monat, um Allerheiligen herum, würde er orangefarben leuchten – der Erntemond.

Ohne die Vorhänge zuzuziehen legte sie sich ins Bett und genoss den Luftzug des Ventilators, der sich an der Decke drehte. Das leise Summen hatte etwas Hypnotisches. Kurz darauf war Faith eingeschlafen.

Sie schlief nicht tief. Manchmal schreckte sie aus dem Schlaf auf. Das war nicht ungewöhnlich. Alte Häuser machten Geräusche, und manchmal stand ihr Dad nachts auf, um ins Bad zu gehen.

Sie schlug die Augen auf. Hatte da gerade eine Diele geknarrt? Faith ließ die Tür ihres Zimmers immer ein Stück weit auf für den Fall, dass ihr Vater nachts nach ihr rief. Regungslos lauschte sie in die Dunkelheit.

Nichts. Kein Geräusch. Die Anspannung ließ nach. Sie atmete tief durch und schloss die Augen. Auf einmal spürte sie eine große Müdigkeit …

Da. Wieder ein Knacken. Es war näher gekommen. Auf der Treppe, im Korridor … Faith versteifte sich. Da war noch ein anderes Geräusch. Als ob jemand mit der Hand an den Wänden vorbeistrich.

Ihr Puls raste, und das Blut rauschte in ihren Ohren. War es Rory? Wie war er ins Haus gekommen, ohne eine Fensterscheibe einzuschlagen? Die Türschlösser jedenfalls waren bombensicher.

Ohne das dunkle Rechteck der Tür aus den Augen zu lassen, tastete sie nach dem Telefon. Ehe sie auch nur in seine Nähe kam, sah sie die schwarze Silhouette im Dunkeln.

Fürs Telefon war es zu spät. Faith schob die Hand unters Kopfkissen und griff nach der Waffe.

Ich kann das nicht.

Jetzt hörte sie das Atmen. Nicht nur ihr eigenes. Er war in ihr Schlafzimmer eingedrungen. Der dunkle Umriss kam näher, hatte ihr Bett fast erreicht.

Faith schrie laut auf. Mit der einen Hand knipste sie die Nachttischlampe an, mit der anderen umklammerte sie die Waffe.

In der plötzlichen Helligkeit warf er sich auf Faith. Seine Gesichtszüge waren wutverzerrt. In der rechten Hand hielt er ein Messer.

Faith erstarrte. Nur ihre Hand bewegte sich, als gehörte sie nicht zu ihrem Körper.

Als Rory die Hand mit dem Messer hob, drückte sie ab.

Das Schrillen des Telefons riss Ben aus dem Schlaf. Es war, als hätte jemand einen Eimer eiskaltes Wasser über ihn ausgegossen. Fluchend griff er nach dem Hörer.

„Wheeler“, brummte er unwirsch.

„Chef, Ron Meagher hier.“ Einer seiner jungen Kollegen. Ein ziemliches Greenhorn in dem Job. „Sie wollten sofort verständigt werden, wenn irgendetwas Ungewöhnliches auf der Russell-Farm passiert.“

„Ja.“ Er schwang die Beine aus dem Bett. „Was gibt’s denn?“

„Faith Russell hat gerade angerufen. Sie sagt, sie habe ihren Exmann niederschossen.“

Verdammt. Hastig griff Ben nach seinen Jeans, die er auf einen Stuhl gelegt hatte, und zog sie an.

„Ist er tot?“

„Das glaubt sie wohl. Der Kollege, der den Notruf entgegengenommen hat, sagt, sie habe sehr cool geklungen.“

Cool? Faith? Vielleicht nach außen. Aber innerlich war sie vermutlich total aufgelöst.

„Bin schon unterwegs.“ Er legte auf, zog sich das T-Shirt von gestern über den Kopf, schlüpfte in seine Turnschuhe, griff nach seiner Dienstwaffe und rannte aus dem Haus.

Während er über die nächtlichen Straßen sauste, ohne auf das Tempolimit zu achten, sandte er Stoßgebete zum Himmel. Hoffentlich ist er nicht tot. Lass ihn bloß nicht tot sein. Faith würde das nicht aushalten. Es wäre die Hölle für sie.

Außer ihm war niemand unterwegs. Schon von Weitem sah er die rot-blauen Signallichter der Einsatzfahrzeuge und des Krankenwagens durch die Nacht blitzen.

Er bog in die Einfahrt ein und bremste mit quietschenden Reifen neben Faiths SUV. Die Szene erinnerte ihn an jene vor einigen Wochen, als er ebenfalls mitten in der Nacht zur Russell-Farm fahren musste, weil der Mistkerl Charlotte krankenhausreif geschlagen hatte.

Hoffentlich ist der Notarzt nicht wegen Faith hier, überlegte er, während er aus dem Wagen sprang. Wenn sie Rory Hardesty tatsächlich umgebracht hatte, würde es schlimmer für sie sein als die schlimmste Verletzung, die ihr Exmann ihr jemals zufügen konnte.

Burgess, Meaghers Kollege, stand mit zwei Sanitätern in der Küche.

„Tot?“, fragte Ben. Alle nickten.

Burgess sagte etwas, das nicht bis zu Ben durchdrang. Er ging ins Wohnzimmer, aus dem er Stimmen hörte.

Faith saß neben ihrem Vater auf dem Sofa. Meagher, der in seiner Uniform wie ein Achtzehnjähriger aussah, fragte sie gerade, ob sie einen Waffenschein besäße.

„Ja, den hat sie“, schnauzte Ben ihn an.

Sie schaute auf, machte aber nicht den Eindruck, als freue sie sich oder sei erleichtert, ihn zu sehen. Ihr Blick war ausdruckslos. Solche Augen hatte Ben während seiner langen Dienstjahre häufig gesehen. Leer, als hätte Faith ihre Seele verloren. Am liebsten hätte er sich neben sie gesetzt und sie in den Arm genommen.

Die Miene ihres Vaters war angespannt. Er berührte sie nicht. Vermutlich wollte sie nicht von ihm berührt werden. Ihr Rücken war kerzengerade, die Hände lagen in ihrem Schoß, als ob sie nur zu Besuch wäre und sich dabei ziemlich unwohl fühlte.

Ben legte eine Hand auf ihre Wange. Sie war genauso kalt wie ihre Hand. „Sie steht unter Schock. Meagher, besorgen Sie ihr einen heißen Tee oder sonst irgendwas Heißes. Und zwar sofort!“ Er schaute sich um und nahm die Decke vom Bett ihres Vaters, der ihm dabei half, sie ihr um die Schultern zu legen.

„Mir geht’s gut“, sagte Faith leise. Das Zittern ihres Körpers strafte ihre Worte allerdings Lügen.

„Klar.“ Ben setzte sich neben sie und wollte sie in den Arm nehmen. Sie stieß ihn zurück.

„Lassen Sie mich.“

Ben achtete nicht auf ihren Protest und legte den Arm um sie. Nach einer Weile fügte sie sich. Sie erschauerte erneut, und ihre Zähne begannen zu klappern. Hilflos sah ihr Vater zu.

Warum braucht Meagher so lange, um Wasser in der Mikrowelle heiß zu machen? fragte Ben sich wütend. Er schmiegte sein Kinn in ihr Haar, das noch feucht vom Duschen war. „Es tut mir so leid, Faith. Dass Sie so etwas erleben müssen.“

Sie erwiderte nichts, hörte jedoch auch nicht auf zu zittern.

Ben warf ihrem Vater einen fragenden Blick zu. „Weiß Charlotte schon Bescheid?“

Er zuckte zusammen, als habe ihn die Frage aus seinen Gedanken gerissen. „Nein. Ich mache das sofort. Ich wollte Faith nicht allein lassen …“

Doch Faith brauchte ihre Schwester wahrscheinlich mehr als jeden anderen Menschen auf der Welt. Obwohl Ben es lieber gesehen hätte, wenn er dieser Mensch gewesen wäre. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um daran einen Gedanken zu verschwenden.

Don Russell erhob sich mühsam und humpelte mit einer Krücke zum Beistelltisch neben seinem Bett, wo das Telefon stand.

„Gray? Hier ist Don“, meldete er sich, nachdem er die Nummer gewählt hatte. „Hardesty ist heute Nacht bei uns eingebrochen. Nein, das weiß ich nicht. Faith hat ihn erschossen. Sie …“ Er warf ihr einen unbehaglichen Blick zu. „Wenn Charlotte kommen könnte … okay, vielen Dank.“

Er legte den Hörer auf und suchte Bens Augen. „Sie sind auf dem Weg“, sagte er unnötigerweise. Obwohl es mitunter immer noch eine unterschwellige Spannung zwischen den Schwestern gab, die Ben nie verstanden hatte, war ihm klar, dass sie füreinander bis ans Ende der Welt reisen würden, wenn die eine die andere brauchte. Abgesehen von einer kurzen Ehe war er die meiste Zeit seines Lebens allein gewesen, und er fragte sich, wie es wohl wäre, von einem anderen Menschen so geliebt zu werden.

Endlich kam Meagher mit einem Becher heißer Schokolade zurück. Faith trank in kleinen Schlucken. Allmählich kehrte die Wärme in ihren Körper zurück.

Es klopfte an der Haustür. Jemand öffnete, und Charlottes und Grays Stimmen wurden lauter.

„Ihre Schwester ist gekommen“, bemerkte Ben, der den Arm immer noch um Faiths Schulter gelegt hatte.

Charlotte eilte zu ihrer Schwester und nahm sie in den Arm. Ben rückte ein wenig zur Seite.

„Faith, um Himmels willen. Was ist geschehen?“

Gray Van Dusen war an der Tür stehen geblieben. Er war ebenso groß wie Ben, fast ein Meter neunzig, und mit seinen vierunddreißig Jahren fünf Jahre jünger als der Polizeichef. Er hatte braune, von der Sonne gebleichte Haare, graue Augen und eine freundliche Art, die sekundenschnell einem harten, entschlossenen Tonfall Platz machen konnte. Er warf Faith einen mitfühlenden Blick zu. Sein Ausdruck änderte sich sofort, als er Ben anschaute.

„Was zum Teufel ist passiert?“, blaffte er ihn an.

„Ich weiß es noch nicht. Faith stand unter Schock, als ich gekommen bin. Ich wollte in ihrer Nähe bleiben. Jetzt ist ja Charlotte da.“

Nach kurzem Zögern nickte Gray zustimmend. Auch ihm war das Befinden von Faith wichtiger als der Fortgang der Ermittlungen.

„Ich werde dann mal weitermachen“, verkündete Ben und verließ das Wohnzimmer, ohne Gray eines weiteren Blickes zu würdigen.

Überraschenderweise hatte der junge Meagher bereits die Spurenermittler und einen Gerichtsmediziner angefordert. Ben überlegte, ob er den Fall wegen Befangenheit möglicherweise abgeben musste. Wenn sich herausstellen sollte, dass der Tote gar nicht Hardesty war oder dass er keine Waffe bei sich getragen hatte, konnte es kompliziert werden.

Ben ging hinauf in den ersten Stock. Don Russells Zimmer befand sich gleich neben der Treppe. Gegenüber war das Zimmer, in dem Charlotte gewohnt hatte und in dem sie von Hardesty attackiert worden war. Links dahinter lag das Bad, an das sich Faiths Zimmer anschloss.

Die Tür stand weit offen. Die Nachttischlampe brannte. Hatte Faith sie angeknipst? Oder sollte es dieser Trottel von Meagher gewesen sein? Falls er mehr getan hatte, als sich davon zu überzeugen, dass der Eindringling tot war, würde er ihn sich vorknöpfen.

Ben streifte sich die Latexhandschuhe über, ehe er das Zimmer betrat.

3. KAPITEL

Die Leiche lag ausgestreckt neben dem Bett, mitten in einem riesigen Blutfleck, der sich auf der Bettdecke ausgebreitet hatte. Die war zu Boden gerutscht. Nach dem Blutverlust zu urteilen, musste Faith ihn mitten ins Herz getroffen haben.

Vorsichtig betrat Ben den Raum. Er bewegte sich so nahe wie möglich an der Wand entlang – was der Eindringling bestimmt nicht getan hatte –, um keine Spuren zu verwischen. Dann hockte er sich vor den Toten, um sein Gesicht sehen zu können.

Rory Hardesty, stellte Ben erleichtert fest. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass Faith sich so wirkungsvoll zu wehren wusste.

Auf den ersten Blick konnte Ben keine Waffe entdecken, was ihn ein wenig beunruhigte. Natürlich hatte Faith allen Grund, sich gegen den Mann zu verteidigen; er hatte sie schließlich ziemlich oft misshandelt. Aber der Sachverhalt wäre einfacher, wenn er eine Pistole oder sonst etwas bei sich gehabt hätte …

Aha, da lag es ja, das Messer. Halb verborgen unter dem Bett. Es musste ihm aus der Hand gefallen sein. Es war ziemlich groß, mit einem Griff aus Hartgummi, wie es Soldaten und Jäger benutzten. Die Klinge war mindestens fünfzehn Zentimeter lang. Wahrscheinlich war es dasselbe Messer, mit dem er auch Charlotte attackiert hatte.

Gut, Faith hatte also eindeutig aus Notwehr gehandelt. Das würde es für sie allerdings nicht einfacher machen.

So vorsichtig, wie er den Raum betreten hatte, verließ er ihn wieder. Wie zum Teufel war der Mistkerl ins Haus gekommen? Die einfachste Möglichkeit: eine Glasscheibe aus der Hintertür zu schlagen, mit der Hand hineinzufassen und den Schlüssel zum neuen Schloss umzudrehen. Aber das war nicht der Fall. Abgesehen davon wären Don oder Faith von dem Lärm zersplitternden Glases bestimmt aufgewacht.

Am Treppenabsatz blieb Ben stehen. Tief atmete er ein, als er daran dachte, wie knapp Faith dem Tod entronnen war. Oder hatte Hardesty nur ihr Gesicht zerstören wollen, um sie zu bestrafen? Das wäre mindestens genauso schlimm.

Schließlich ging er hinunter, wo Burgess und Meagher ihn bereits erwarteten.

„Haben Sie nachgeschaut, wo er ins Haus eingedrungen ist?“

Beide nickten eifrig. Jason Burgess, der seit zwei Jahren bei der Polizei war, antwortete: „Er ist durch die Waschküche gekommen.“

Die Tür zur Waschküche lag hinter der Treppe. Die Glasscheibe über der Waschmaschine und dem Trockner fehlte. Ben nickte nachdenklich. Da der Raum etwas abseits lag, war es in der Tat die einzige Möglichkeit, ins Haus einzubrechen, ohne dass die Bewohner vom Lärm aus dem Schlaf gerissen wurden.

Er ging nach draußen, holte eine Taschenlampe aus seinem Wagen und machte eine Runde um das Haus. Unter dem Fenster zur Waschküche stand eine Leiter. Die Scheibe war sauber herausgeschnitten worden. Allerdings womit? Ben ließ den Kegel der Taschenlampe umherwandern.

Als er ins Haus zurückging, waren die Kollegen von der Spurensicherung bereits eingetroffen. Er führte den Pathologen in die erste Etage, nachdem er seine Kollegen angewiesen hatte, sich draußen gründlich umzusehen. Anschließend kehrte er ins Wohnzimmer zurück. Hoffentlich war Faith inzwischen vernehmungsfähig.

Don lag in seinem Bett. Charlotte saß neben Faith auf der Couch und hielt ihre Hand. Gray stand mit dem Rücken zum Fenster und beobachtete die beiden Frauen. Alle Augen richteten sich auf Ben, als er eintrat.

„Er ist durch die Waschküche gekommen“, erklärte er seinen Zuhörern. „Die Scheibe ist sauber herausgeschnitten. Damit.“ Er hielt eine Plastiktüte hoch, in der ein Glasschneider steckte, den er vor dem Waschküchenfenster entdeckt hatte. „Was die Leiter angeht – entweder hat er sie auf dem Grundstück gefunden oder eine eigene mitgebracht. Sie steht noch unter dem Fenster.“

„Wir haben eine Leiter“, sagte Don. „Sie ist ziemlich alt – fast so alt wie die Mädchen. Die Farbe ist abgeblättert, und die Sprossen sind ziemlich morsch …“

Ben schüttelte den Kopf. „Die hier sieht ziemlich neu aus.“

Don schaute ihn zweifelnd an. „Meinen Sie, er hat sie von zu Hause mitgebracht?“

„Unwahrscheinlich. Haben Sie schon mal einen Einbrecher erlebt, der meilenweit mit einer Leiter unterm Arm durch die Gegend läuft? Davon müssen wir nämlich ausgehen, da sein Auto nicht in der Nähe steht.“

„Möglicherweise hat er sie bei den Nachbarn geklaut. Die haben ihre Leiter nämlich schon immer neben der Garage stehen lassen. Ich habe sie mehr als einmal darauf hingewiesen, wie leichtsinnig das …“

Faith stieß einen erstickten Laut aus. „Weiß seine Mutter schon Bescheid?“

Typisch. Selbst in dieser Situation dachte sie an andere.

„Nein“, erwiderte er. „Ich warte die Untersuchung des Gerichtsmediziners ab. Das wird noch ein paar Stunden dauern. Dann kümmere ich mich darum.“

Faith schien in sich zusammenzusinken.

Ben räusperte sich. Wie gerne hätte er sie in Ruhe gelassen. Aber er musste seine Arbeit machen. „Ich habe noch ein paar Fragen an Sie.“

Sie schluckte und sah ihn an. „Der Officer hat das eben auch schon versucht, aber … ich konnte nicht.“

„Das verstehe ich.“ Er versuchte, so sanft wie möglich zu klingen. „Erzählen Sie mir einfach, was passiert ist – so, wie Sie es erlebt haben.“

„Ja.“ Mit stockender Stimme begann sie zu erzählen. Sie sei plötzlich aus dem Schlaf geschreckt. Etwas hatte sie geweckt. „Ich habe allerdings sowieso nicht gut geschlafen.“ Zuerst habe sie gedacht, es sei nur eines dieser Geräusche gewesen, die man nachts in alten Häusern hört. Aber dann habe sie dieses Schleifen gehört – als striche jemand mit der Hand an der Wand entlang.

„Plötzlich stand er da in der Tür. Es war dunkel, aber die Gestalt war noch dunkler. Da wusste ich, dass es zu spät war, um die Polizei zu verständigen.“ Ihr Atem ging schneller, und Charlotte legte ihr beruhigend die Hand aufs Knie. „Ich habe Ihnen ja erzählt, dass ich die Waffe nachts unter dem Kopfkissen aufbewahre. Ich zog sie hervor und wollte die Nachttischlampe einschalten. Da kam er schon auf mich zugelaufen. Er hielt ein Messer in der Hand. Er war schon fast bei mir … da habe ich abgedrückt. Einmal. Oder zwei Mal. Drei Mal vielleicht. Ich weiß es nicht mehr.“ Ihre Augen waren blicklos ins Leere gerichtet. Ben befürchtete, dass die Nachwirkungen des Schocks wieder einsetzten. „Er begann zu schwanken … und stürzte zu Boden. Ich habe die Lampe angeknipst und das Blut gesehen.“

„Was haben Sie dann getan?“ Ben klang gelassen, obwohl es in seinem Inneren ganz anders aussah. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt.

„Ich habe geschrien und bin aus dem Bett geklettert – auf der anderen Seite. Dann bin ich auch hingefallen und habe ihn gesehen – unter dem Bett hindurch.“

„Und die Pistole?“

„Die hatte ich noch in der Hand.“

„Okay. Und dann?“

„Ich bin aufgestanden und um das Bett herumgegangen. Die Pistole hatte ich immer noch in der Hand. Für alle Fälle … Aber meine Hände zitterten so sehr, dass ich nicht noch einmal getroffen hätte.“

„Haben Sie ihn berührt?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich konnte sein Gesicht sehen.“ Das bisschen Farbe auf ihren Wangen wich. Sie wurde kreideweiß. „Ich muss … ich …“ Sie hielt sich die Hand vor den Mund, sprang auf und hastete aus dem Wohnzimmer. Charlotte folgte ihr.

„Hätten Sie damit nicht noch warten können?“, fragte Gray ärgerlich.

Ben sah ihn an. „Nein, hätte ich nicht.“ Er klang bockig wie ein Teenager, denn er befürchtete, dass die anderen zu viel von seinen Gefühlen mitbekommen hatten.

Gray musterte ihn durchdringend. Dann nickte er.

Ein langes Schweigen entstand. Nach fünf Minuten kamen die beiden Frauen zurück. Charlotte stützte ihre Schwester. „Tut mir leid“, wisperte Faith, während sie sich auf die Couch setzte und die Decke um sich schlang. Ohne Umschweife nahm sie ihre Erzählung wieder auf. „Ich bin aus dem Zimmer gegangen, ohne das Telefon auf dem Nachttisch zu benutzten. Ich wollte ihm nicht zu nahe kommen. Ich wusste zwar, dass er tot war, aber … ich hatte Angst, dass er wieder aufwachen und nach mir greifen könnte. Ich weiß, es ist dumm, aber …“

„Nicht dumm. Im Gegenteil. Er hätte ja tatsächlich so tun können als ob. Es war gut, dass Sie das Zimmer verlassen und die Polizei vom anderen Apparat aus angerufen haben.“

Nach einer Weile nickte sie. Ben bezweifelte, dass er sie überzeugt hatte.

„Ich bin hinuntergelaufen“, fuhr sie leise fort. „So schnell, dass ich auf den letzten Stufen gefallen bin.“ Sie hielt inne. „Wahrscheinlich habe ich Schrammen und blaue Flecken abbekommen. Obwohl ich im Moment nichts spüre.“

„Haben Sie das Telefon in der Küche benutzt?“

Sie schüttelte den Kopf. „Dad rief mich, und ich bin ins Wohnzimmer gegangen. Ich habe ihm erzählt, was passiert ist. Er wollte die Polizei verständigen, aber ich hatte das Gefühl, dass ich das selber machen sollte. Und dann habe ich gewartet, bis die Polizisten an die Tür geklopft haben.“

„Von den Schüssen bin ich wach geworden“, schaltete sich ihr Vater ein. Ben drehte sich zu ihm um. „Und von Faiths Schreien.“ Er schüttelte den Kopf. „Als Erstes habe ich Faith die Pistole aus der Hand genommen. Sie werden also auch meine Fingerabdrücke darauf finden.“

Ben hatte die Waffe bereits entdeckt. Sie lag auf dem Nachttisch. „Haben Sie die Mündung oder den Griff angefasst?“

„Ich weiß nicht … So …“ Don tat so, als wollte er nach der Waffe greifen. Es stellte sich heraus, dass er weder den Griff noch den Abzug berührt hatte.

Ben wandte sich wieder an Faith. „Haben Sie gesehen, dass es Ihr Exmann war, bevor Sie geschossen haben?“

„Ja.“

„Wie hat er das Messer gehalten, als er auf Sie zukam?“

Sie starrte ihn an.

Er nahm die TV-Fernbedienung vom Nachttisch und demonstrierte die beiden Möglichkeiten: einmal die Klinge nach oben gehalten, wie er es wohl getan hatte, als er Charlotte verletzte, oder mit der Spitze nach unten. Was darauf hindeutete, dass er zustechen wollte.

Gray legte die Hand auf die Schulter seiner Verlobten. Die Erinnerung an das, was ihr widerfahren war, machte ihn wütend.

„Nach unten“, erwiderte Faith. „Er wollte zustechen.“

„Sie haben genau das Richtige getan“, versicherte Ben ihr so ruhig wie möglich. „Andernfalls wären Sie jetzt tot.“

Zweifelnd schüttelte sie den Kopf. „Ich weiß nicht. Als ich das Licht angeknipst habe, muss er die Waffe gesehen haben. Da stürzte er sich auf mich. Vielleicht hatte er nur vor, mir Angst einzujagen.“

„Das glauben Sie doch selbst nicht“, meinte Ben über die heftigen Proteste der anderen hinweg.

Faith schüttelte noch immer den Kopf. „Ich weiß nicht“, flüsterte sie. „Wie auch?“ Sie schaute ihn an. „Er ist tot? Ich habe ihn tatsächlich umgebracht?“

„Er ist tot, Faith. Aber Sie dürfen sich keine Vorwürfe machen.“ Er hockte sich vor sie hin und legte eine Hand auf ihr Knie. „Denken Sie bloß daran, dass er Sie vor der Scheidung schon einmal fast umgebracht hätte.“

„Aber er war wütend …“

„Vergessen Sie nicht, was er Charlotte angetan hat.“

„Vielleicht wollte er …“ Das Kopfschütteln wurde stärker.

„Verdammt noch mal, nein!“ Alle starrten ihn verdutzt an. „Auch dieses Mal war er wütend. Er wollte Sie umbringen, Faith. Sie haben Ihr Leben gerettet, und vielleicht auch das Ihres Vaters.“

„Ich hätte niemals geglaubt …“ Sie sprach ganz langsam, als müsste sie sich ihre Worte noch überlegen.

„Dass Sie Ihre Pistole würden benutzen müssen?“

Sie nickte. In diesem Moment hätte Ben alles darum gegeben, mit ihr allein zu sein und sie in den Arm nehmen zu können. Stattdessen wiederholte er nur: „Sie haben genau das Richtige getan.“ Er nahm die Hand von ihrem Knie und fuhr sich durchs Haar. Dann erhob er sich und wandte sich an Gray. „Könnten Sie Faith und Don mit zu sich nach Hause nehmen?“

„Das hatte ich sowieso vor“, erwiderte Gray. „Machen Sie sich keine Sorgen um Faith.“ Auf einmal klang er ganz mitfühlend. Ben war überrascht. So hatte er seinen obersten Chef noch nie erlebt. „Sie sind bis morgen früh hier fertig?“

„Bestimmt.“

Ehe er das Zimmer verließ, warf er Faith einen letzten Blick zu. Sie war noch immer kreideweiß, wirkte aber etwas gefasster.

„Soll ich bei dir im Zimmer schlafen?“ Charlotte steckte den Kopf zur Tür herein. Faith saß auf der Luftmatratze, die Gray aufgeblasen und in die Bibliothek gelegt hatte. In der Hand hielt sie eine heiße Tasse Tee.

„Nein. Ich weiß gar nicht, ob ich schlafen kann. Ich will dich nicht stören …“ Sie musste an Ben denken. Wie er sie berührt hatte. An seinen besorgten Blick, als er seine Hand auf ihr Knie gelegt hatte. Wenn er jetzt hier bei ihr wäre … Faith war sich nicht sicher, ob sie sein Angebot, die Nacht mit ihr zu verbringen, hätte ablehnen können.

„Außerdem will ich allein sein“, fügte Faith hinzu.

„Bist du sicher?“

„Ja.“ Sie nahm einen Schluck von der heißen Flüssigkeit. Noch immer fror sie erbärmlich.

„Weck mich, wenn irgendetwas ist, ja?“

Faith nickte und war froh, als Charlotte die Tür hinter sich schloss. Ihrem Dad hatte sie das bequemere Bett im Gästezimmer überlassen. Jetzt zog sie die Bettdecke bis zum Kinn hoch. Die kleine Lampe neben dem Bett ließ sie brennen. Eigentlich fürchtete sie sich nicht im Dunkeln, aber im Moment hatte sie das Gefühl, dass es eine Weile dauern würde, ehe sie wieder ohne Licht einschlafen konnte.

Trotz der zwei Decken, die Charlotte ihr gegeben hatte, zitterte sie am ganzen Körper.

Mir ist so kalt.

Sobald sie die Augen schloss, sah sie die dunkle Gestalt auf sich zukommen. Rasch schlug sie die Augen wieder auf und lauschte in die Stille hinein. Grays Haus war in einen Hang am Fluss hineingebaut und so weit vom Highway entfernt, dass die Verkehrsgeräusche nur wie ein leises Summen an ihr Ohr drangen. Hin und wieder erklang Hundegebell von den benachbarten Grundstücken.

Faith beschloss, am nächsten Tag zurückzukehren. Wenn sie länger hierbliebe, traute sie sich möglicherweise gar nicht mehr, das Haus zu betreten, das seit jeher ihr Zuhause gewesen war. Ihr altes Zimmer würde sie allerdings vermutlich nicht behalten wollen.

Das Zimmer, in dem sie ihren Exmann erschossen hatte.

Sein Gesicht tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Die Wut, die der Überraschung wich, nachdem sie abgedrückt hatte. Und dann dieser schmerzverzerrte Ausdruck in seiner Miene …

Sie bohrte die Fingernägel in die Handflächen, bis es schmerzte. Und was, wenn er sie gar nicht hatte töten wollen?

Auf diese Frage würde sie jedoch niemals eine Antwort finden. Damit musste sie nun fertigwerden.

Glaubten Charlotte und Dad, Ben und Gray tatsächlich, dass sie ihr Leben nur auf diese Weise hatte retten können, oder sagten sie es nur, um sie zu beruhigen?

Was hätte sie ohne ihre Waffe getan?

Hätte sie es geschafft, aus dem Bett zu springen und zu fliehen?

Die Erinnerung an diesen schrecklichen Moment überflutete sie wie eine gigantische Welle. Erneut begann sie zu zittern, und ihre Zähne klapperten so laut, dass sie befürchtete, die anderen Hausbewohner damit aufzuwecken.

Vielleicht wäre sie doch besser umgezogen – nach Phoenix oder Tampa Bay, weit weg von ihm. Selbst dort hätte er sie finden können. Denn er war entschlossen, sich für die Scheidung und die Demütigung zu rächen.

Jetzt war er tot. Sie brauchte ihn nicht länger zu fürchten.

Nur die Albträume, die sie nachts heimsuchen würden.

Falls sie jemals wieder würde schlafen können …

Einer Mutter zu erzählen, dass ihr Sohn erschossen wurde, war so ziemlich der schrecklichste Start in einen Tag.

Ben, der die Nacht durchgearbeitet hatte, war von Michelle Hardestys Reaktion nicht überrascht. Hätte er sie nicht festgehalten, wäre sie zusammengebrochen. Er brachte sie ins Wohnzimmer und setzte sie behutsam auf die Couch.

Die Frau tat ihm leid. Sicher, ihr Sohn war kein Engel gewesen, im Gegenteil, und wer weiß, wie viel sie mit ihrer Erziehung dazu beigetragen hatte. Aber er war ihr einziges Kind, und was dieser Verlust für eine Mutter bedeutete, vermochte Ben sich kaum vorzustellen. Er wusste nur von einem Kollegen, dessen Tochter als Sechzehnjährige von einem Betrunkenen erschossen worden war, dass er auch dreißig Jahre nach dem Vorfall nicht über diesen Verlust hinweggekommen war.

Glücklicherweise hatte Michelle Hardesty eine Schwester in Mount Vernon, die sich sofort bereit erklärt, zu kommen, nachdem er ihr die Situation geschildert hatte. Er verließ das Haus erst, nachdem sie eingetroffen war.

Erleichtert stieg er in seinen Wagen. Er spürte einen beginnenden Kopfschmerz und rieb sich die brennenden Augen. Außerdem hatte er Hunger. Er wollte irgendwo etwas essen und dann noch einmal nach Faith sehen.

Ob sie überhaupt ein Auge zugetan hatte?

Wahrscheinlich nicht. Nur zu gut erinnerte er sich noch an die beiden Male, als er selber einen Menschen hatte erschießen müssen. In beiden Fällen hatte man ihm kein Fehlverhalten nachweisen können, dennoch hatten ihm die Vorfälle jahrelang zu schaffen gemacht. Wie musste es da erst Faith ergehen, der Vorschullehrerin, der nichts ferner lag als die Vorstellung, sich gegen einen gewalttätigen Menschen zur Wehr setzen zu müssen, und deren sehnlichster Wunsch darin bestand, eine Familie zu haben? Wie würde sie mit diesem Ausbruch von Gewalt fertigwerden können?

Seufzend startete er den Motor. Ein paar Minuten später parkte er vor Claras Café. Bei seinem Eintreten verstummten sämtliche Gespräche, und alle Köpfe drehten sich in seine Richtung. Oje, dachte er. Offenbar hatten die nächtlichen Vorkommnisse auf der Russell-Farm in Windeseile die Runde gemacht. Hinzu kam, dass Ben in seinen Jeans, T-Shirt und Turnschuhen ziemlich wild aussah. Normalerweise erschien er nur in Uniform zur Arbeit. Außerdem musste er schrecklich übernächtigt wirken.

Vielleicht wäre ich besser am Drive-in vorbeigefahren. Oder gleich nach Hause gegangen.

Er nickte in die Runde und setzte sich an den nächsten freien Tisch. Die Kellnerin folgte ihm mit einer Kaffeekanne und der Speisekarte. Er bestellte sofort, um so schnell wie möglich wieder verschwinden zu können.

„Mr Wheeler.“ Die volltönende Stimme gehörte Harvey Dexter, Chiropraktiker, Präsident der Handelskammer von West Fork und zu Bens großem Kummer auch Mitglied des Stadtrats. Dexter blieb neben seinem Tisch stehen. „Das war ja eine richtige Tragödie letzte Nacht“, begann er.

„Klatsch verbreitet sich rund um die Uhr“, seufzte Ben.

„Es ist also nichts dran?“ Dexter musterte ihn durchdringend.

„Ich weiß nicht, was man sich genau erzählt.“

„Dass Faith Russell ihren Ehemann getötet hat.“

Seine Stimmung sank noch tiefer. „Exmann. Die Scheidung liegt mehr als ein Jahr zurück. Nachdem er sie fast zu Tode geprügelt hatte.“

Dexter nickte betrübt. „Davon habe ich gehört. Und außerdem, dass er nicht bereit war, das … Ende seiner Ehe zu akzeptieren.“

„Eine Frau zu verfolgen mag eine Art sein, seine Gefühle zu zeigen. Aber ihre Schwester krankenhausreif zu schlagen ist eine andere.“ Verdammt. Er musste aufpassen, was er sagte, solange nicht alle Fakten auf dem Tisch lagen. Nachher hängte ihm irgendjemand noch üble Nachrede an. Irritiert fuhr er sich über die Stirn. „Hardesty ist gestern Nacht in die Russell-Farm eingebrochen. Faith ist aufgewacht, bevor er in ihr Zimmer kam. Er hatte ein Messer in der Hand, um sie zu erstechen. Da hat sie geschossen.“

„Also war es Selbstverteidigung?“

„Auf jeden Fall. Hätte sie nicht geschossen, wäre sie jetzt tot.“

Dexter runzelte die Stirn. „Ich hoffe, Don ist nichts passiert.“

Ben entspannte sich. Er konnte den Mann zwar nicht leiden, aber er schien sich wirklich um das Wohlergehen der Russells zu sorgen. Gut möglich, dass er mit Don Russell die Schulbank gedrückt hatte.

„Ihm geht’s gut. Es hat ihn natürlich erschüttert. Er und Faith haben die Nacht bei Van Dusen verbracht.“

„Das ist gut. Don hat ja in letzter Zeit viel Pech gehabt.“ Nach einer Weile fügte er hinzu: „Faith ist eine nette Frau. Es tut mir wirklich leid, dass es so kommen musste.“

„Mir auch.“

Die Kellnerin erschien mit Bens Frühstück, und Harvey ging weiter. Ben aß so schnell wie möglich und hoffte, dass er abweisend genug aussah, um andere Gäste davon abzuhalten, mit ihm ein Gespräch anzufangen. Aus den Augenwinkeln nahm er allerdings wahr, dass sie an den Tischen die Köpfe zusammensteckten und aufgeregt tuschelten.

Er hätte sich wirklich besser für den Drive-in entschieden!

Nachdem er gezahlt hatte, fuhr er nach Hause, nahm eine Dusche und wollte in seine Uniform schlüpfen, als er zögerte. Die Dienstkleidung würde für Distanz zwischen ihm und Faith sorgen. Dabei wollte er doch auch als Freund kommen.

Freund? Er schnaubte verächtlich. Wem machte er denn etwas vor?

Na gut, vergiss den Freund. Dennoch wollte er, dass sie mehr in ihm sah als nur einen Polizisten. Bisher war er damit nicht sonderlich erfolgreich gewesen. Im Gegenteil, er hatte das Gefühl, sie bei den letzten Begegnungen nur noch mehr verärgert zu haben, weil er ihren Exmann so sah, wie er wirklich war – und nicht durch die rosarote Brille, die sie aufzusetzen schien, wenn es um ihn ging.

Aber war er, Ben, denn der Richtige für sie? Von dem Moment an, als er Faith zum ersten Mal begegnet war, befürchtete er, ihr eher zu schaden als zu nützen, wenn er etwas mit ihr anfinge. Waren sie nicht viel zu unterschiedlich? Andererseits hieß es doch immer „Gegensätze ziehen sich an“.

Das sind doch bloß Kalendersprüche!

Doch jetzt brauchte sie ihn. Er wusste am besten, wie es um sie stand und wie sie sich fühlen musste. Keiner aus ihrer Familie hatte davon auch nur die geringste Ahnung. In den dunklen Stunden, die vor ihr lagen, Stunden voller Selbstvorwürfe und Zweifel, konnte nur er ihr eine Unterstützung sein.

Als Freund. Nicht als Vertreter des Gesetzes. Deshalb entschied er sich für eine Freizeithose und ein schwarzes T-Shirt und machte sich auf den Weg zu Van Dusens Haus.

Auf sein Klingeln öffnete Charlotte die Tür.

„Ben.“ Überraschenderweise schien sie froh zu sein, ihn zu sehen. Dabei hatte sie ihn in den vergangenen Wochen ebenso distanziert behandelt wie ihre Schwester. Entweder war sie sauer auf ihn, weil es ihm nicht gelungen war, Hardesty zu fassen, oder sie spürte instinktiv, dass es Spannungen zwischen ihm und ihrer Schwester gab. „Kommen Sie herein. Faith und ich frühstücken gerade. Haben Sie schon etwas gegessen?“

„Ja, vielen Dank. Ein Kaffee wäre mir aber sehr recht.“

Aufmerksam schaute sie ihn an. „Sie sehen nicht aus, als hätten Sie letzte Nacht viel geschlafen.“

„Stimmt.“

Sie biss sich auf die Lippen und senkte die Stimme. „Ich fürchte, Faith ist es genauso ergangen.“

„Das wundert mich nicht.“

Charlotte führte ihn in die offene Küche, an die sich das Wohnzimmer anschloss, von dem aus man einen atemberaubenden Blick auf die Landschaft hatte. Aber Ben hatte nur Augen für Faith. Sie saß am Tisch und sah genauso schlecht aus wie vergangene Nacht. Ihr Anblick versetzte ihm einen Stich ins Herz.

„Hallo“, begrüßte er sie, zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich ihr gegenüber. Sie hatte ihr Frühstück – Rührei und Toast – nicht angerührt.

„Mr Wheeler“, erwiderte sie tonlos. „Sie haben wahrscheinlich noch weitere Fragen.“

„Nein.“

Erstaunt sah sie ihn an. „Warum sind Sie dann hier?“

„Ich wollte sehen, wie es Ihnen geht.“

„Mir geht’s gut. Ich möchte nur endlich so schnell wie möglich nach Hause.“

Es schien ihr ernst damit zu sein. Er warf Charlotte einen Blick zu. Sie stellte gerade einen Becher Kaffee vor ihn hin und quittierte Faiths Antwort mit einem ratlosen Schulterzucken.

„Jemand muss sauber machen. Und das Fenster muss repariert werden.“

„Darum werde ich mich kümmern“, sagte Charlotte. „Mir macht es nichts aus, Rorys Blut wegzuwischen. Du wirst das nicht tun, Faith. Und Gray hat bereits mit einem Glaser gesprochen.“

Ben nickte. „Und wo ist Don?“

„Er hat sich nach dem Frühstück wieder hingelegt.“ Charlotte schob ihren Teller beiseite und stützte die Arme auf den Tisch. „Er sah ziemlich mitgenommen aus.“

Faith wandte sich an ihre Schwester. „Ich kann dich das nicht allein machen lassen.“

„Doch, das kannst du, und das wirst du.“

„Warum bleiben Sie nicht ein paar Tage hier?“, schlug Ben vor.

Faith schüttelte den Kopf. „Nein. Dad und mir wird es besser gehen, wenn wir erst wieder zu Hause sind. Rory wird es nicht schaffen, mich vom Haus fernzuhalten.“

Halb erstaunt und halb bewundernd sah er sie an. War sie wirklich so stark, oder machte sie sich und den anderen nur etwas vor? Mit einem Blick auf ihren Teller sagte er: „Sie haben noch gar nichts gegessen.“

„Es ging nicht.“

„Faith, ich kann mir vorstellen, wie Ihnen zumute ist, aber Sie müssen auf sich achtgeben.“

Müde schaute sie ihn an. „Habe ich das letzte Nacht nicht getan?“

„Letzte Nacht haben Sie getan, was Sie tun mussten“, erwiderte er. „Und das müssen Sie jetzt weitertun. Auf sich achtgeben, meine ich. Sie sind ja nur noch Haut und Knochen.“

„Mir geht’s gut“, wiederholte Faith störrisch. „Ich möchte nur nach Hause.“

Ben hatte das Gefühl, dass sie sich unheimlich beherrschen musste, um nicht zusammenzubrechen. Wie lange würde sie das noch durchhalten? Er überlegte, ob er ihr empfehlen sollte, einen Arzt aufzusuchen. Früher oder später würde sie Beruhigungsmittel brauchen.

„Können Sie noch eine Weile bleiben?“, fragte Charlotte. „Dann würde ich jetzt zur Farm fahren.“

Der Gedanke, dass Charlotte das Haus sauber machte, behagte ihm ebenfalls nicht. Aber er nickte. „Ja, das kann ich machen.“

„Leg dich doch ein bisschen hin, Faith“, schlug Charlotte vor. „Ich kümmere mich schon um alles.“

Faith wollte aufstehen. „Ich komme mit …“

„Nein, das wirst du nicht tun.“ Charlotte legte ihr die Hände auf die Schultern und drückte sie auf den Stuhl zurück. Dann beugte sie sich zu ihr hinunter, umarmte sie kurz und verschwand aus der Küche.

Faith blieb bewegungslos sitzen. Ohne Ben anzuschauen, sagte sie: „Sie müssen nicht hierbleiben. Ich werde mich schon nicht aus dem Fenster stürzen oder sonst etwas Dummes tun.“

„Ich gehe nirgendwohin“, entgegnete Ben. „Wir können uns entweder unterhalten, oder Sie legen sich hin. Sie treffen die Entscheidung.“

Sie schaute ihn an. Unter ihren Augen waren dunkle Ringe. „Sie können mich zu nichts zwingen.“ Dann senkte sie den Blick und tat so, als sei er gar nicht vorhanden.

Ben biss die Zähne zusammen. Wenn sie glaubte, dass sie ihn so leicht loswerden konnte, hatte sie sich geirrt. Er würde sie nicht alleinlassen. Nicht jetzt und auch nicht in den nächsten Tagen. Nicht, solange sie ihn brauchte.

Und sie brauchte ihn. Auch wenn ihr das noch nicht klar war.

4. KAPITEL

Faith wachte wie aus einer tiefen Narkose auf. Überrascht blinzelte sie in das grelle Sonnenlicht. Hatte sie wirklich so lange geschlafen?

Als die Erinnerungen zurückkamen, versteifte sie sich automatisch. Sie war in Grays Haus. Da sie nicht länger in Bens Gesellschaft bleiben wollte, war sie in die Bibliothek gegangen und hatte sich auf die Luftmatratze gelegt. Sie hatte seine besorgten und irgendwie auch zärtlichen Blicke nicht länger ausgehalten. Da sie nicht damit gerechnet hatte, einschlafen zu können, hatte sie ein Buch aus dem Regal genommen. Doch über die erste Seite war sie nicht hinausgekommen.

Jetzt war sie hellwach. Zwei Dinge fielen ihr auf: Sie hatte sich vorhin auf das Bettzeug gelegt, aber nun war sie zugedeckt. Und sie hörte jemanden atmen, langsam und tief – und sie spürte einen warmen Hauch in ihrem Nacken.

Sie lag nicht allein auf der Luftmatratze. Deshalb fühlte sich die Matratze so starr an. Bens Gewicht drückte die Luft auf ihre Seite.

Offenbar hatte er es ernst gemeint, als er ihr sagte, er würde nirgendwohin gehen. Er war ihr wie ein Schatten gefolgt.

Sie versuchte, sich darüber zu ärgern. Wie kam er dazu, sich einfach zu ihr ins Bett zu legen? Seltsamerweise wollte sich der Ärger jedoch nicht einstellen. Es störte sie nicht einmal. Ihre Gefühle waren … taub.

Autor

Janice Kay Johnson
Janice Kay Johnson, Autorin von über neunzig Büchern für Kinder und Erwachsene (mehr als fünfundsiebzig für Mills & Boon), schreibt über die Liebe und die Familie und ist eine Meisterin romantisch angehauchter Krimis. Achtmal war sie für den renommierten Romance Writers of America (kurz RITA) Award nominiert, 2008 hat sie...
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Teresa Southwick
Teresa Southwick hat mehr als 40 Liebesromane geschrieben. Wie beliebt ihre Bücher sind, lässt sich an der Liste ihrer Auszeichnungen ablesen. So war sie z.B. zwei Mal für den Romantic Times Reviewer’s Choice Award nominiert, bevor sie ihn 2006 mit ihrem Titel „In Good Company“ gewann. 2003 war die Autorin...
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Diana Palmer
Die US-amerikanische Schriftstellerin Diana Palmer ist für ihre zahlreichen romantischen Liebes- und Familienromane bekannt, die seit 1979 veröffentlicht werden. Über 150 Bücher wurden von der erfolgreichen Autorin bisher verfasst, die weltweit gern gelesen werden. Der Roman „Diamond Girl“ wurde 1998 für das US-amerikanische Fernsehen verfilmt. Für ihr Werk erhielt sie...
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