Bianca Exklusiv Band 356

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NIEMAND WIDERSTEHT JACE von TRACY MADISON
Ihr Chef hat angeordnet, dass Melanie eng mit dem attraktiven Jace zusammenarbeiten muss. Von Tag zu Tag kann sie seinem Charme weniger widerstehen. Aber kann sie dem Playboy wirklich vertrauen?

MIT EINEM KUSS FÄNGT ALLES AN von LYNNE MARSHALL
Als sie Lucas’ Lippen auf ihren spürt, vergisst Jocelyn für einen Moment die Welt um sich herum. Aber dann zieht sie sich erschrocken zurück: Sie darf doch ihre langjährige Freundschaft nicht aufs Spiel setzen – auch nicht für eine leidenschaftliche Nacht!

EIN BABY FÜR KIRA von PATRICIA THAYER
Endlich bekommt Kira die Chance, ein Kind zu adoptieren. Inständig bittet sie ihren Ex-Mann Trace, zum Schein zu ihr zurückzuziehen – nur, um die Zusage nicht zu gefährden! Obwohl sie sich insgeheim nach einer Versöhnung sehnt …


  • Erscheinungstag 09.12.2022
  • Bandnummer 356
  • ISBN / Artikelnummer 0852220356
  • Seitenanzahl 512

Leseprobe

Tracy Madison, Lynne Marshall, Patricia Thayer

BIANCA EXKLUSIV BAND 356

1. KAPITEL

Manchmal entwickelt sich ein Tag, der mies anfängt, am Ende doch noch ganz gut. Aber es gibt auch Tage, da wird alles nur noch schlimmer. Obwohl Melanie Prentiss sich wirklich Mühe gab, positiv zu denken, sah es ganz so aus, als ob dieser Tag zur letzteren Kategorie gehörte.

Es fing damit an, dass sie ihr Haar versengte. Dabei wollte sie nur ihren Kajalstift anwärmen, damit die Farbe geschmeidig wurde. Für ein richtig schickes Make-up.

Das wäre der richtige Augenblick gewesen, um sich krank zu melden. Aber das war nicht ihre Art. Also hatte sie sich auf den Weg gemacht – nur um sich im Auto einen Riesenbecher Kaffee über den Schoß zu kippen.

Weil sie schon zu spät dran war, rannte sie ins Gebäude. Prompt blieb sie mit dem Absatz an der Fußmatte hängen. In hohem Bogen landete sie auf dem Boden.

Und jetzt das.

Melanie las die Nachricht von ihrem Chef, der sie dringend sprechen wollte. Kurt war der Chefredakteur, für den sie bei einer kleinen Tageszeitung in Portland, Oregon, arbeitete. Es ging vermutlich um ihre letzte Kolumne.

Sie hatte sich hinreißen lassen, weil ihre Mutter mal wieder Liebeskummer hatte. Das passierte Loretta Prentiss mindestens dreimal im Jahr, und jedes Mal musste Melanie sie trösten. Ihre Mutter war intelligent und attraktiv, eine erfolgreiche Geschäftsfrau … und wild entschlossen, die wahre Liebe zu finden.

Leider hatte sie keinerlei Menschenkenntnis.

Melanie stöhnte. Vielleicht hatte sie Glück, und Kurt würde nur einen anderen Mitarbeiter für ihre Kolumne einsetzen. Es war ja nicht ihr Lebensziel, Kummerkastentante zu sein. Sie hatte den Job nur angenommen, um bei der Zeitung Fuß zu fassen.

Was sollte sie tun, wenn Kurt sie rauswarf? Geld hatte sie kaum, denn sie verdiente nicht viel. Sie schloss die Augen.

„Na, letzte Nacht zu viel gefeiert, Mel?“

„Wohl kaum. Das ist dein Metier, Jace.“

„Da liegst du falsch. Ich bin nicht nur auf Spaß aus.“

Sie machte ein Auge auf und wünschte sich sofort, sie hätte das nicht getan. Noch nie war sie einem Mann begegnet, der ihr so unter die Haut ging wie Jace Foster. Schlank, mit breiten Schultern, langen Beinen, einem markant geschnittenen Gesicht und schokoladebraunen Augen bot er einen Anblick, der lange, heiße Nächte versprach. Aber den Fehler, sich mit dem Playboy des Büros einzulassen, würde sie nicht machen.

„Verschwinde“, sagte sie und schloss wieder die Augen. „Ich muss nachdenken.“

„Mach nur, Süße. Ich soll dir sagen, dass Kurt dich sofort sehen will. Hast du den Chef irgendwie verärgert?“

Sie stand auf, stützte sich mit den Händen rechts und links von Jace auf und beugte sich vor. „Was ist los?“

Er verzog die vollen Lippen zu einem Lächeln, mit dem er bestimmt schon Dutzende, wenn nicht gar hundert Frauen vor ihr verführt hatte. Dann fuhr er ihr sanft übers Haar und zupfte leicht an einer Strähne. „Ich frage mich nur, seit wann verkohlt der letzte Schrei ist, was Frisuren angeht, Mello Yello.“

Augenblicklich verpuffte jeder Anflug von Leidenschaft. Melanie wich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Mieser Morgen. Und, wird mein Tag jetzt noch schlechter?“

„Kommt darauf an, wie du das definierst.“ Jace blinzelte unschuldig mit den unverschämt langen, schwarzen Wimpern, bevor er von ihrem Schreibtisch rutschte. „Ich warte auf dich“, sagte er und schlenderte davon.

Unwillkürlich sah sie ihm nach. Wie viele Frauen hatte er nur mit dem Anblick seiner Beine in diesen hautengen Jeans ins Bett gelockt? Sie würde sich niemals in die lange Reihe seiner Eroberungen einreihen.

Plötzlich fuhr sie zusammen, als sich jemand hinter ihr räusperte.

„Sollen wir uns hier unterhalten oder in mein Büro gehen?“, fragte Kurt und baute sich vor ihrem Schreibtisch auf. „Mir ist beides recht. Aber ich könnte mir vorstellen, dass du dieses Gespräch lieber unter vier Augen führen würdest.“

Er würde sie rausschmeißen. „Dein Büro. Ich war gerade auf dem Weg zu dir“, antwortete Melanie.

Zögernd betrat sie Kurts Büro und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass er es kurz und schmerzlos machen würde.

Kurt saß schon wieder an seinem Schreibtisch und warf ihr einen finsteren Blick zu. „Tür zu.“

Seufzend machte sie einen Schritt vorwärts und schloss die Tür hinter sich. „Ich bin fast fertig mit der Kolumne für nächste Woche“, sagte sie, in der Hoffnung, mit dieser guten Nachricht zu punkten.

„Ich kann es gar nicht erwarten, sie zu lesen“, sagte er sarkastisch. „Aber, Mel …“

„Ich weiß schon, du bist sauer“, unterbrach sie ihn. „Aber ich kann das erklären.“

„Was gibt’s da zu erklären? Du sollst den Leuten gute Ratschläge geben. Wenn du das nicht kannst, dann sagst du ihnen, sie sollen sich um professionelle Hilfe bemühen. Du wirst nicht dafür bezahlt zu schreiben, dass es so etwas wie Liebe nicht gibt und dass Frauen, die daran glauben, sich nur etwas vormachen.“

„Das habe ich nicht! Jedenfalls nicht direkt.“

Kurt ergriff die Zeitung, die neben ihm auf dem Tisch lag. Er blätterte, bis er die richtige Seite gefunden hatte. Dann las er vor: „Ich bin jetzt seit sechs Jahren mit meinem Verlobten zusammen. Er zögert immer noch, ein Datum für die Hochzeit festzulegen. Langsam habe ich das Warten satt. Was kann ich tun? Viele Grüße, Noch-keine-Braut.“

„Ich weiß, was da steht“, protestierte Melanie. „Du musst es mir nicht vorlesen.“

Kurt fuhr fort, als ob sie nichts gesagt hätte. „Liebe Noch-keine-Braut, wenn dein Verlobter so lange damit gewartet hat, dann wird wohl nie geheiratet. Hör auf, dir was vorzumachen. Du bist besser damit bedient, ins Kloster zu gehen, als auf diesen Versager zu warten. Setz ihn vor die Tür. Lebe dein eigenes Leben. So wirst du glücklicher.“ Kurt knallte die Zeitung auf den Tisch.

„Siehst du? Ich habe nicht geschrieben, dass es keine Liebe gibt. Und jetzt sei mal ehrlich, dieser Typ will doch ganz offensichtlich nicht heiraten. Ich kann die Frau doch nicht anlügen!“

Kurt bedachte sie erneut mit einem bitterbösen Blick. „Dann sagst du ihr, dass sie mit ihm reden soll, und rätst ihr zur Therapie.“

„Ja, aber …“

„Ich habe dir klar und deutlich gesagt, was wir von dieser Kolumne erwarten.“

Sie zuckte zusammen. „Vielleicht habe ich ein paar Fehler gemacht, aber …“

„Ich mag dich, Mel. Du hast das Zeug, deine Sache gut zu machen.“

Ein winziger Hoffnungsschimmer. „Danke“, sagte sie leise. „Ich verspreche …“

„Aber ich war viel zu nachsichtig mit dir. Und jetzt bist du zu weit gegangen. Letztes Mal habe ich gesagt, dass ich dich rauswerfe, wenn das noch mal passiert.“

In Gedanken zählte sie das Geld in ihrem Geldbeutel und auf ihrem Konto zusammen. „Aber … das tust du doch nicht, oder?“

Nach einer gefühlten Ewigkeit zuckte Kurt mit einer Schulter. „Das liegt ganz bei dir. Ich bin bereit, dir noch eine allerletzte Chance zu geben. Aber von jetzt an wird alles, was du schreibst, von einem Kollegen Korrektur gelesen. Wenn der Betreffende verlangt, dass du etwas änderst, dann machst du das. Kein Widerspruch. Kapiert?“

„Alles, was du willst!“, rief sie. Aber dann hatte sie eine böse Vorahnung. „Wer soll das denn sein, dieser Kollege?“

„Jace.“

Schockiert zuckte sie zusammen. „Jace Foster? Vergiss es. Da lasse ich mich lieber feuern.“

„Schön. Dann bist du hiermit entlassen. Räum deinen Schreibtisch und verschwinde.“

Okay. Also kein Bluff. Melanie holte tief Luft. „Meinst du das ernst? Willst du mich wirklich rauswerfen, wenn ich diesen egoistischen Playboy nicht als Babysitter akzeptiere? Auch wenn ich hoch und heilig verspreche, diesen Fehler nicht noch mal zu machen?“

„Das hast du auch gesagt, als du einer Frau geraten hast, den Mann in ihrem Leben durch einen Hund als Freund und einen Vibrator als Liebhaber zu ersetzen.“ Kurt schlug mit der Faust heftig auf den Tisch. „Dein Problem ist“, sagte er, „dass deine Ratschläge immer auf deinen eigenen Schwierigkeiten mit Männern beruhen.“

Ihr Chef hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. „Allen Männern misstraue ich nicht. Aber muss es ausgerechnet Jace sein?“

„Glaubst du wirklich, dass du noch Ansprüche stellen kannst?“ Kurt fuhr sich durch sein dichtes, krauses Haar. „Außerdem, so schlimm wird es schon nicht. Du hast mich doch angefleht, dir richtige Arbeit zu geben. Und da hätte ich einen Job, an dem du zusammen mit Jace arbeiten könntest. Falls du bleibst.“

„Einen Job? Ein richtiges, echtes Projekt, wo am Ende tatsächlich mein Name unter dem Artikel steht?“

„Dachte ich mir doch, dass dich das interessiert.“

Nun ja, auch wenn sie das nicht zugeben wollte, damit hatte er sie. „Worum geht es?“

„Um einen Leitartikel zum Valentinstag.“ Kurt grinste. „Vielleicht lernst du dabei sogar was über die Liebe.“

„Soll das ein Witz sein? Du willst, dass ich mit Jace einen Artikel voller Gefühlsduselei schreibe?“

„Allerdings. Und du darfst sogar deinen Job behalten. Natürlich liegt das ganz bei dir.“

Das war die Chance, sich zu beweisen. Melanie sollte aufgeregt sein. Stattdessen verspürte sie nur Panik. „Warum ist Jace dazu bereit? Hat er nichts Wichtigeres zu tun?“

„Merkwürdigerweise war die Zusammenarbeit mit dir seine Idee. Du schuldest ihm ein Dankeschön. Ohne ihn wärst du jetzt deinen Job los.“

Jace hatte diese Kooperation vorgeschlagen? So wie sie Jace kannte, ging es bei dieser Abmachung viel mehr darum, sie herumzukriegen, als ihr aus der Klemme zu helfen. Seit ihrem ersten Arbeitstag hatte er unermüdlich mit ihr geflirtet. „Hast du ihn gefragt, was er sich davon verspricht?“

„Das ist mir egal. Wenn du neugierig bist, musst du ihn schon selbst fragen.“

Oh ja, das würde sie. Und dann würde sie ihn erwürgen. „Also gibt es für mich absolut keinen anderen Ausweg?“

„Betrachte Jace einfach ab sofort als deine bessere Hälfte.“ Kurt bedachte sie mit einem flüchtigen Lächeln. „Heißt das, du machst es, Melanie?“

Sie hatte schließlich keine andere Wahl, oder? „Ich nehme die Bedingungen an. Auch wenn sie albern sind.“

Kurt lachte. Melanie drehte sich auf dem Absatz um und flüchtete. Sie musste dringend jemandem den Hals umdrehen.

Jace trank einen Schluck Kaffee und legte betont lässig die Beine auf den Tisch. Dabei war er alles andere als entspannt oder gleichgültig, was seine Gefühle für Melanie anging. Verwirrt passte schon besser.

Er war sich ziemlich sicher, dass sie gleich in sein Büro stürmen würde. Wahrscheinlich würde sie Gift und Galle spucken.

Aber er wollte eine Chance bei ihr. Keine Frau hatte ihn je so berührt wie Melanie. Auch wenn er immer noch nicht wusste, warum das so war.

Melanie war nicht nur anders, sie passte überhaupt nicht ins Bild. Sie war verbissen und nicht entspannt. Widerborstig statt charmant. Und meistens alles andere als elegant.

Lauter Eigenschaften, die unter keinen Umständen attraktiv sein dürften. Aber, Himmel, er fand alles an ihr anziehend. Süß. Manchmal einfach sexy. Seit er Melanie Prentiss zum ersten Mal gesehen hatte, war seine Welt völlig aus den Fugen geraten. Und er hatte keinen Schimmer, was er dagegen tun konnte.

Jace warf einen Blick zur Tür. Dann schaute er auf die Uhr. Inzwischen waren gut zwanzig Minuten vergangen … also, wo zur Hölle steckte sie?

Genervt machte er seinen Laptop an und versuchte, seinen neuesten Artikel Korrektur zu lesen.

Sein Job bei der Zeitung war ziemlich vielseitig. Wie alle Reporter bei der Gazette bekam er verschiedene Projekte zugeteilt. Aber seine Hauptaufgabe waren zwei Kolumnen. „Der Junggeselle ist los!“ war eine Beziehungskolumne aus Sicht des alleinstehenden Mannes. Außerdem schrieb er noch einmal im Monat die Serie „Mann von Welt in der Stadt“ mit Berichten über Veranstaltungen in Portland und Umgebung.

In diesem Artikel hier ging es jedoch um Persönliches. Das Thema war sein Neffe, der vor etwas mehr als drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Sein älterer Bruder Grady, der Vater von Cody, hatte mit dem Kleinen ein paar Tage vor Heiligabend den Weihnachtsmann im Einkaufszentrum besucht. Auf dem Rückweg war ein betrunkener Autofahrer in ihren Wagen gerast. Cody war nur fünf Jahre alt geworden.

Im ersten Jahr war der Schmerz über den Verlust zu groß gewesen, um auch nur daran zu denken, über den Unfall und über Cody zu schreiben. Seither war die Idee Jace jedoch nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Er musste etwas tun. Er wollte die Menschen zum Nachdenken bringen.

Aber er konnte sich nicht konzentrieren und machte den Laptop wieder aus. Wo war Melanie? Kurt konnte unmöglich so lange brauchen, um ihr die Details zu erklären. Vielleicht hatte sie das Angebot abgelehnt und packte gerade ihre Sachen. Nein. Das war lächerlich. Eine Zusammenarbeit mit Jace musste doch besser sein als Arbeitslosigkeit.

Er schob gerade seinen Stuhl zurück, um nachzusehen, was los war, als sie hereinmarschierte. Und sie spuckte Gift und Galle. Also hatte sie sich auf den Deal eingelassen.

Er zwinkerte ihr zu. „Da bist du ja, Süße. Ich habe mich schon gefragt, warum du so lange gebraucht hast.“

„Weil ich deinen Mord geplant habe“, sagte sie und warf ihr karamellbraunes Haar über die Schulter zurück. „Weißt du, was du bist, Jace Foster?“

„Dein Held?“ Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Du musst dich nicht bedanken. Ich helfe gern.“

„Held?“, fauchte sie. „Du glaubst wohl, du kannst mit deiner Selbstsicherheit, deinem Sexappeal und deinem Charisma alles kriegen, was du willst. Ich bin hier, um dir zu sagen, dass dein Charme und … und … dein albernes, sexy Grinsen bei mir nicht wirken.“

„Ich glaube, da habe ich doch tatsächlich ein paar Komplimente herausgehört.“

„Komplimente?“ Sie tippte sich an die Stirn. „Vielleicht solltest du mal mit einem Arzt reden, bevor du noch völlig den Bezug zur Realität verlierst.“

Jace zählte es an den Fingern ab. „Sexappeal. Charisma. Charme. Mein Lächeln ist sexy. Oh, und selbstsicher bin ich auch. Das sind fünf Komplimente.“

„Warst du schon immer so eingebildet?“

„Du hast doch gesagt, dass mein Grinsen sexy ist.“ Provozierend fügte er hinzu: „Und schließlich habe ich dir den Job gerettet. Also wäre ein Dankeschön vielleicht doch angebracht.“

„Das war ganz allein mein Problem. Ich kann es nicht leiden, dass du mit Kurt über mich gesprochen hast. Ich brauche keinen Mann, der mir aus der Patsche hilft.“ Ihre Lippen zitterten, und sie hatte Tränen in den Augen. „Ich brauche keine Helden.“

Ihre Augen schimmerten tränennass.

Jace nahm die Füße vom Schreibtisch. Mit weinenden Frauen konnte er nicht umgehen. Wenn Melanie anfing zu weinen, würde er ihr alles geben, nur damit sie wieder aufhörte. Sein Auto, sein Haus, sein Geld … sein Herz. Egal. „Ich wollte gar nicht den Helden spielen, sondern mit dir über den Leitartikel für den Valentinstag reden. Und dann habe ich deine Kolumne gelesen.“

Melanie verschränkte die Arme vor der Brust. „Warum bist du zu Kurt gegangen?“

„Weil ich gewusst habe, dass er sauer sein würde.“ Jace zuckte die Achseln. „Ich mag es ja, wenn du die Männerhasserin gibst. Kurt aber nicht. Wir können den Leitartikel nicht zusammen schreiben, wenn du nicht mehr hier arbeitest. Also habe ich mich eingemischt.“

„Ich hasse die Männer nicht. Es ist nur so …“

„… dass du ihnen nicht traust. Ja, das hast du sehr deutlich gemacht.“

„Ich bin ganz einfach noch nie einem Mann begegnet, der mein Vertrauen verdient hätte.“

Jace ahnte, dass mehr dahintersteckte. Er sagte nur: „Jetzt schon.“

Sie prustete. „Mir ist diese Situation zuwider. Ich habe mich nur darauf eingelassen, weil Arbeitslosigkeit schlimmer ist, als mit dir zusammenzuarbeiten. Aber ich gehe nicht mit dir aus. Ich gehe nicht mit dir ins Bett. Ich habe kein Interesse an mehr als beruflicher Zusammenarbeit. Ist das klar?“ Ihre Stimme war hart wie Stahl. Aber ihre Augen glänzten immer noch verdächtig.

„Keine Dates. Kein Sex. Ja, kapiert.“ Er machte die oberste Schreibtischschublade auf und holte zwei Notizblöcke heraus. „Setz dich. Wir haben eine Menge zu besprechen.“

„Los geht’s“, murmelte sie und setzte sich. „Wie ich das hasse.“

„Ist es wirklich so schlimm, mit mir zu arbeiten?“ Er schob einen Block und einen Stift zu ihr hinüber.

„Ich arbeite nicht mit dir zusammen. Du bist der Boss. Da hat sich Kurt ziemlich klar ausgedrückt.“

Also deswegen war sie so stinkig. „Das ist mir egal. Ich sehe uns als gleichberechtigt.“

„Abgesehen davon, dass du alles lesen musst, was ich schreibe. Und wenn du beschließt, dass etwas geändert werden sollte, habe ich zu gehorchen.“

Die Idee, Melanies Arbeit zu kontrollieren, war nicht auf seinem Mist gewachsen. „Wie wäre es, wenn wir einfach nur so tun, als ob? Tu mir den Gefallen und lass die Hasstiraden auf Männer stecken, damit Kurt uns nicht noch am Ende beide feuert.“

Überraschung zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. „Ehrlich? Du würdest deinen Job aufs Spiel setzen, damit wir Partner sind?“

Er würde sogar kündigen, wenn das der Preis war. „Vertrauen gegen Vertrauen. Einverstanden?“ Jace streckte die Hand aus.

„Okay, Jace. Wir sind Partner. Aber kein Flirten. Keine Anspielungen. Das hier ist rein geschäftlich.“

„Klar.“ Sie besiegelten ihre Abmachung mit Handschlag. Ihre Hand war weich und warm, und ihre Nähe ließ seine Haut kribbeln, sein Herz schneller schlagen und benebelte sein Hirn. Jace ließ sie los, bevor er etwas Dummes sagen konnte. Um sein inneres Gleichgewicht wiederzugewinnen, schenkte er ihr sein strahlendstes Lächeln. „Findest du wirklich, dass mein Lächeln sexy ist?“

Ihre Mundwinkel zuckten. „Ich habe schon Schlimmeres gesehen.“

Melanie sah ihre Notizen durch und bemühte sich vergeblich, auch nur einen Hauch Begeisterung aufzubringen. Es lag nicht nur am Thema, sondern auch am Mann. Jace machte sie nervös.

Die einzige Lösung war, den Ansatz für den Valentinstagartikel so zu ändern, dass sie nicht viel Zeit miteinander verbringen mussten. „Vielleicht sollten wir das ganz anders anpacken. Wir haben noch was? Sechs Wochen? Interviews, Recherchieren, Schreiben und den normalen Bürokram. Wenn was schiefgeht, haben wir nicht viel Zeit, um das auszubügeln.“

Er stützte die Ellbogen auf den Tisch und das Kinn in die Hände. „Woran denkst du?“

„Warum entblößen wir den Valentinstag nicht als das, was er wirklich ist, anstatt einen Mythos fortleben zu lassen?“

„Interessantes Konzept. Aber“, er zwinkerte ihr zu, „auch wenn ich sonst liebend gern allerhand mit dir entblößen würde, ich bin mir nicht sicher …“

„Ehrlich, Jace! Du kannst einfach nicht anders, was?“

„Das war doch nur ein Witz.“

„Schön. Aber wenn du jetzt mit Kurt hier sitzen würdest, hättest du diesen Witz dann auch losgelassen?“

„Nein.“

„Genau das meine ich. Du behauptest, wir sind Partner. Dann möchte ich, dass wir das auch wirklich sind. Stell dir einfach vor, ich wäre Kurt.“

„Ich kann nicht so tun, als ob du ein Mann wärst. Aber du hast hundertprozentig recht. Entschuldige bitte. Es tut mir leid.“ Er hörte sich hilflos an. Und – aufrichtig.

„Entschuldigung angenommen.“ Sie tippte sich an die Stirn. „Weißt du, dein Gehirn ist nicht nur fürs Denken da, sondern auch dafür, spontane Impulse zu kontrollieren. Und da hast du ganz offensichtlich Defizite. Darf ich raten? Ich wette, du hast schon jede Menge Produkte aus Werbesendungen gekauft. Wie viele Astronautenhandtücher hast du?“

„Klasse Retourkutsche.“ Seine Lippen zuckten. „Nur um das klarzustellen, Astronautenhandtücher habe ich keine. Aber ich habe ein … oder zwei von diesen Sofadecken mit Ärmeln. Vielleicht auch drei.“

Sie versuchte, sich Jace in einer Ärmeldecke auf dem Sofa vorzustellen, während er ein Footballspiel oder einen Actionfilm schaute. Da musste sie lachen. „Portlands attraktivster Junggeselle im Schnuckelanzug. Das wäre eine Illustration für deine Kolumnen.“

Er zog einen Schmollmund. „Ein Mann hat das Recht, es gemütlich zu haben. Außerdem wärmen diese Dinger wunderbar. Ich kann Popcorn essen, Bier trinken, am Laptop arbeiten oder ein Buch lesen, ohne dass mir kalt wird.“

Sie versuchte, ernst zu bleiben. Aber das gelang ihr nicht. „Jace Foster, unser Mann von Welt in Portland, der die Frauen je nach Windrichtung wechselt, trinkt Bier in der Ärmeldecke. Das passt einfach so gar nicht zu deinem Image.“

„Was soll ich sagen? Ich bin eben der geheimnisvolle Typ.“

„Oh ja. Dein Geheimnis besteht aus drei Sofadecken zum Anziehen.“ Sie wischte sich Lachtränen von den Wangen. „Das muss ich sehen.“

„Nicht in diesem Jahrhundert.“ Jetzt bedachte er sie mit einem wirklich finsteren Blick. „Außerdem bin ich gar nicht so unstetig, was Frauen angeht.“ Er schob ihr eine Wasserflasche hin. „Wenn du dich beruhigt hast, können wir weitermachen?“

Er konnte doch unmöglich ernsthaft sauer sein, oder? Sein Verhalten bei Dates war schließlich zweimal im Monat das Thema seiner dämlichen Kolumne. Melanie trank einen Schluck Wasser und holte tief Luft. „Tut mir leid, wenn ich dich gekränkt habe. Aber du musst zugeben, dass das komisch ist.“

„Sofadecken sind kein bisschen komisch“, sagte er mit gespieltem Ernst. „Aber ich verstehe schon. Du siehst mich einfach als Inbegriff der Männlichkeit. Daher verunsichert es dich, mich von einer anderen Seite kennenzulernen.“

„Aber sicher.“

Einen Augenblick lang betrachtete er sie schweigend. Ohne Vorwarnung änderte sich die Atmosphäre. Irgendwie funkte es zwischen ihnen. Melanie spürte ein Kribbeln. Ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter, und sie bekam eine Gänsehaut.

„Wir sollten wieder aufs Thema zurückkommen.“ Konzentrier dich, ermahnte sie sich. „Der Artikel. Meine Ideen.“

Jace schüttelte den Kopf, als ob er erst wieder wach werden musste. „Gut. Was genau willst du denn aufdecken?“

Melanie musste sich konzentrieren. „Der Valentinstag ist doch ein riesengroßer Schwindel. Nur ein gefundenes Fressen für Grußkartenhersteller, Schokoladenfabrikanten, Floristen und Juweliere. Wenn wir uns auf die Kommerzialisierung des Feiertags und nicht auf diesen ganzen romantischen Schwachsinn konzentrieren, wird die Sache kurz und schmerzlos, und wir sparen uns eine Menge Arbeit.“

„Inwiefern ist der Valentinstag da schlimmer als andere Feiertage?“

Das war ein gutes Argument. Aber zum Glück hatte Melanie auch ein gutes Gegenargument. „Alle Feiertage sind heutzutage hochgradig kommerzialisiert. Aber man kann den Valentinstag nicht in dieselbe Kategorie wie Weihnachten oder Muttertag einordnen.“

„Den Unterschied verstehe ich nicht“, sagte Jace. Seine Augen verdunkelten sich und wirkten jetzt fast schwarz und nicht mehr braun. Wenn sie es zuließe, könnte sie in diesen Augen untergehen.

„Ganz einfach.“ Sie senkte den Blick. „Am Muttertag werden die Mütter geehrt. Mütter gibt es wirklich. Mütter sind eine Tatsache. Beim Vatertag geht es um Väter, also gilt das Gleiche.“ Auch wenn sie persönlich keinen Grund hatte, den Vatertag zu feiern. „Beide Feiertage beruhen auf Tatsachen. Beim Valentinstag ist das anders.“

Jace seufzte tief. „Ich verstehe immer noch nicht, worauf du hinauswillst.“

„Valentinstag beruht auf einem Gefühl. Nicht auf Tatsachen.“

„Du übersiehst die Tatsache, dass der Valentinstag ursprünglich der Namenstag eines Heiligen war. Und zwar …“

„Ja, ja, die Geschichte kenne ich“, unterbrach ihn Melanie. „Aber deswegen wird der Feiertag heute nicht mehr begangen.“

„Zugegeben.“ Jace räusperte sich. „Soll ich das so verstehen, dass du nicht an die Liebe glaubst?“

„Ich liebe meine Mutter. Ich habe Freunde, die mir viel bedeuten. Aber“, sagte sie langsam, „romantische Liebe ist doch was ganz anderes. Glaubst du etwa daran?“

„Ehrlich gesagt, ja. Aus ganzem Herzen“, sagte er mit vollem Ernst. „Ich habe gesehen, wie Liebe heilen und unglaubliche Widerstände überwinden kann. Und ich hoffe sehr, dass ich das irgendwann selbst erleben darf.“

Stumm vor Staunen starrte sie ihn an. „Trotzdem ist der Valentinstag immer noch ein künstlicher Feiertag. Männer und Frauen werden durch den Medienrummel manipuliert, Geld für Geschenke auszugeben, um ihre Liebe zu beweisen. Ich … also, das ist total albern. Und zum Thema Valentinstag erwarten alle überschwängliche, sentimentale Artikel. Warum können wir uns nicht mal an die Leser wenden, die lieber Single sind?“

„Jetzt bin ich wirklich neugierig“, sagte Jace. „Wer hat dir den Gedanken an die Liebe so vermiest. Ich will Namen und Adresse.“

Bei diesen Worten schnürte es ihr die Kehle zu. Sie versuchte, die Situation zu entschärfen. „Warum?“, scherzte sie. „Willst du da mit einem Baseballschläger auftauchen und ihm eins überbraten?“

„Nein“, sagte er und sah ihr in die Augen. „Gewalt löst keine Probleme. Aber eine Unterhaltung wäre sicher keine schlechte Idee. Ich könnte ihm klarmachen, was für ein Idiot er ist, weil er … getan hat, was auch immer er getan hat.“

„Also …“ Auf einmal wurde ihr von Kopf bis Fuß warm. Wie albern. „Leider muss ich zugeben, dass es da niemanden gibt. Mit gebrochenen Herzen habe ich keine Erfahrung.“

Ungläubig starrte Jace sie an. Aber er beharrte nicht auf dem Thema. „Wir können den Artikel nicht so dramatisch ändern. Kurt hat dem Projekt nur in der geplanten Form zugestimmt.“

Sie warf ihren Bleistift auf den Schreibtisch. „Das hättest du gleich sagen können.“

„Aber wir sind Partner. Deine Meinung ist wichtig. Außerdem konnte ich ja nicht wissen, ob wir deine Idee einarbeiten können.“

Es gab keinen Ausweg. „Dann müssen wir wohl nur noch überlegen, wie wir verliebte Pärchen für die Interviews finden. Wie die Nadel im Heuhaufen.“

„Liebe ist überall“, widersprach Jace.

„Nein. Paare, die behaupten, dass sie sich lieben, sind überall.“ Melanie bekam schon Kopfschmerzen, wenn sie nur daran dachte.

Jace lachte leise. „Ich kann gar nicht erwarten, dir das Gegenteil zu beweisen.“

„Das wird nicht passieren.“

„Vielleicht hast du hinterher eine ganz andere Meinung über den Valentinstag und die Liebe.“ Er zuckte die Schultern.

Die Beziehungskatastrophen ihrer Mutter ließen das als unwahrscheinlich erscheinen. „Sorry“, sagte sie. „Finde dich einfach damit ab, Jace. Sonst wirst du nur enttäuscht.“

Jace musterte sie nachdenklich. „Hast du Lust auf eine kleine Wette, Mel?“

„Wie meinst du das?“

„Eine Wette unter Kollegen. Ich wette, dass deine Meinung über die Liebe sich im Laufe dieses Projekts ändert. Wenn ich recht habe … dann gehst du einmal mit mir aus.“

Beinahe lachte sie. „Das ist keine Wette. Du hast keine Chance.“

„Du hast Angst. Sonst hättest du schon zugestimmt.“

„Wenn ich mitmache, was springt für mich dabei raus?“

Er runzelte die Stirn. „Wie wäre es mit einem romantischen Abend in meiner Gesellschaft?“

Jetzt musste sie doch noch lachen. „Netter Versuch. Aber es bleibt bei meinem Nein.“

„Okay“, sagte er. „Was willst du?“

Die Antwort war einfach. „Ein Bild von dir im Schnuckelanzug. Und wenn Kurt mitmacht, verwenden wir das Bild einen Monat lang als Illustration für deine Kolumnen.“ Sie stützte die Hände auf den Tisch und beugte sich vor. „Ich darf die Pose und den Hintergrund bestimmen. Was sagst du dazu?“

Natürlich glaubte sie keine Sekunde lang, dass er sich darauf einlassen würde. Schließlich musste er auf sein Image als Playboy achten. Sie wollte sich schon zurücklehnen, als er ihre Hände festhielt. „Ich verliere nicht gern. Du musst dir sicher sein, dass du dieser Herausforderung gewachsen bist, Mel. Denn leicht mache ich es dir nicht.“

„Oh, das schaffe ich schon. Wie steht es mit dir?“

„Ich kann es gar nicht abwarten.“ Er hob eine Hand und zupfte sanft an ihrem Haar. „In der Zwischenzeit fange ich schon mal an, unser Date zu planen. Ich verspreche dir, das wird ein unvergesslicher Abend.“

„Ja, ja. Mach mal. Ich überlege mir inzwischen ein paar lustige Posen für Ärmeldeckenträger.“ Endlich war sie an der Reihe, ihm mal zuzuzwinkern. „Jetzt steckst du so richtig in Schwierigkeiten.“

„Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es steht mindestens fünfzig-fünfzig.“

Urplötzlich war es um ihre Zuversicht wieder geschehen. Alle Alarmglocken in ihrem Kopf schrillten und erinnerten sie daran, dass sie sehr, sehr vorsichtig sein musste, wenn es um Jace Foster ging. Dieser Mann konnte sie dazu bringen, sich nach etwas zu sehnen, an das sie nicht glaubte.

2. KAPITEL

Ein paar Stunden später schloss Melanie die Tür zum Haus ihrer Mutter auf. Zu ihren Ritualen gehörte mindestens eine gemeinsame Mahlzeit pro Woche.

Sie waren einfach ein Team, seit David Prentiss seine Frau und seine Tochter urplötzlich verlassen hatte. Damals war Melanie erst sieben gewesen.

Melanie nahm eine Packung Nudeln und eine Dose Tomatensoße aus dem Küchenschrank. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war Dienstag. Ihre Mutter würde ihren Friseursalon um sechs schließen und bis um halb sieben zu Hause sein.

Als der Salat fertig war, die Pasta kochte und die Soße simmerte, ließ Melanie sich auf einen Stuhl fallen. Hoffentlich wollte ihre Mutter an diesem Abend nicht noch einmal ihren letzten gescheiterten Beziehungsversuch analysieren.

Insofern hatte Melanie Jace mit ihrer Erklärung angelogen, dass sie keinen Liebeskummer kannte. Denn jedes Mal, wenn ihrer Mutter das Herz gebrochen wurde, litt sie mit. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie zusammenzuckte, als ihr Handy klingelte. Das ist bestimmt Mom, dachte sie. Ohne aufs Display zu sehen, sagte Melanie: „Alles fertig, außer du willst noch Nachtisch.“

Kaum hatte sie ausgesprochen, da hörte sie, wie die Haustür aufging.

„Abendessen? Ich habe schon gedacht, du würdest nie fragen.“ Das war Jace. „Klingt großartig. Wo soll ich hinkommen?“

Oh nein. „Das war eine Verwechslung. Du bist selbstverständlich nicht eingeladen. Tut mir leid, wenn du dir jetzt Hoffnungen gemacht hast.“

Ihre Mutter kam in die Küche und lächelte zur Begrüßung. „Wer will denn zum Essen kommen? Ist es Tara?“, fragte sie und meinte damit Melanies beste Freundin. „Lade sie doch ein!“

Bevor sie antwortete, musterte Melanie ihre Mutter. Ihre blaugrauen Augen waren klar. Also hatte sie nicht geweint. Außerdem bemerkte Melanie, dass sie einen neuen Haarschnitt hatte. Ihr mittelbraunes Haar trug sie jetzt in einem wuscheligen Bob, der ihre feinen Gesichtszüge betonte. Sie sah gut aus. Sogar glücklich. Also war sie auf dem Weg der Besserung.

„Hallo?“, fragte Jace laut. „Hast du etwa einfach aufgelegt, Mello Yello?“

Die Augen ihrer Mutter funkelten neugierig. „Diese Stimme hört sich aber sehr männlich an. Wer ist denn dran, Liebes?“

„Nur ein Kollege.“ Dann sagte sie ins Handy: „Du hast fünf Sekunden, Jace. Was willst du?“

„Das ist eine zweideutige Frage, Mel. Aber da ich versprochen habe, alle Anspielungen einzustellen, komme ich gleich auf den Punkt.“

„Jace? Jace Foster? Ich lese alle seine Kolumnen!“, rief ihre Mutter. „Warum will er zum Essen kommen? Seid ihr etwa ein Paar?“

„Nein“, antwortete sie ihrer Mutter. Zu Jace sagte sie: „Ja, bitte. Das wäre …“ Das Geräusch von überkochendem Wasser unterbrach sie. „Warte mal ’ne Sekunde.“ Melanie legte das Handy hin, rannte zum Herd und nahm den Nudeltopf vom Feuer.

„Sind Sie wirklich Jace Foster?“, fragte ihre Mutter hinter ihrem Rücken. „Ich bin Loretta Prentiss. Melanies Mutter. Ich bin ein großer Fan von Ihnen. Wirklich! Ich lese die Gazette seit Jahren.“

Wehe wenn sie losgelassen wird, dachte Melanie amüsiert. Aber ihre Mutter konnte sich gern mit Jace unterhalten, während Melanie sich um die Nudeln kümmerte und das Abendessen auf den Tisch stellte.

„Sie sollten wirklich zum Essen kommen, Jace!“, rief Loretta überschwänglich.

„Mom! Nein!“, protestierte Melanie lautstark. Vielleicht zu laut. „Gib mir mein Telefon wieder.“

„Entschuldigen Sie mich bitte einen Augenblick, Jace. Meine Tochter will mit mir sprechen. Ja, ich weiß, sie kann ziemlich hartnäckig sein.“ Sie drehte sich zu Melanie. „Was ist denn?“

Melanie senkte die Stimme. „Ich habe jetzt schon den ganzen Tag seine Gesellschaft genossen. Da will ich nicht auch noch den Abend mit ihm verbringen.“

Loretta musterte sie nachdenklich. „Ich glaube, da steckt mehr dahinter.“ Dann presste sie das Handy wieder ans Ohr. „Es tut mir leid, Jace, aber anscheinend braucht meine Tochter mich heute Abend.“

„Danke.“ Melanie nahm das Knoblauchbrot aus dem Ofen. Was wollte Jace eigentlich?

Ihre Mutter ging in der Küche auf und ab, während sie sich mit ihm unterhielt. „Also, das ist aber nett von Ihnen!“, sagte sie. „In diesem Fall müssen Sie mit uns essen.“

Das durfte einfach nicht wahr sein. „Mom? Ich habe gedacht …“

„Nein, nein, machen Sie sich keine Sorgen. Wir halten alles warm, bis Sie da sind. Gar kein Problem. Vor allem, wo Sie sich so viel Mühe machen.“ Sie nannte Jace die Adresse. „Okay, Jace. Dann bis gleich.“

Melanie starrte ihre Mutter ungläubig an. „Was war das denn gerade?“

„Sieh mich nicht so an, Melanie. Ich hatte keine andere Wahl. Er tut dir einen Gefallen. Für die Mühe können wir ihn wenigstens zum Essen einladen.“

„Oh nein. Für heute habe ich genug von Jace Foster.“ Vor allem, weil er sie zu dieser lächerlichen Wette überredet hatte. „Was ist es denn diesmal?“

Loretta schüttete die Nudeln in eine große Schüssel. „Er bringt dir deinen Laptop vorbei. Anscheinend hast du das Ding heute bei ihm im Büro vergessen. Wenn er schon vorbeikommt, kann er doch auch gleich mitessen.“

Oh, verdammt. „Na toll.“

„Wie schlimm kann ein Abendessen schon sein?“, fragte ihre Mutter.

Melanie nahm drei Teller und drei Schüsseln aus dem Schrank und fing an, den Tisch zu decken. Jace, dachte sie. Hier. Zum Abendessen. Sie hatte allmählich das Gefühl, dass sich das ganze Universum gegen sie verschworen hatte. „Bitte versteh das nicht falsch, aber Jace und ich sind nur Kollegen. Könnten wir daher beim Essen im Gespräch alles Persönliche außen vor lassen?“

„Was ist denn zu persönlich für dich?“, fragte ihre Mutter amüsiert.

„Alles, was mit Dad zu tun hat. Und dein Liebesleben und meine Verabredungen.“

Ihre Mutter schnaubte. „Welche Verabredungen?“

„Genau. Alles in der Art.“

„Denn ich habe keine Ahnung, mit wem du ausgehst.“ Ihre Mutter musterte sie durchdringend. „Ich weiß nicht einmal, ob du überhaupt schon Sex hattest.“

„Mom! Himmel. Genau das meine ich. Glaubst du nicht, dass es Dinge gibt, die Mutter und Tochter nicht voneinander wissen müssen?“

„Mir hat es nie etwas ausgemacht, mit dir über Sex zu reden“, erklärte ihre Mutter. „Du bist diejenige, die es nicht erträgt, über intime Themen zu sprechen.“

„Weil intime Themen für die meisten Leute eben privat sind. Und warum musst du diese Frage unbedingt jetzt stellen, wenn mein … Kollege jederzeit hier sein kann?“

Natürlich ignorierte ihre Mutter diese Frage: „Hast du überhaupt schon mal tollen Sex gehabt?“

Melanie stöhnte und deckte weiter den Tisch.

„Das heißt dann also Nein“, sagte ihre Mutter und stellte die Gläser auf den Tisch. „Das tut mir ja so leid für dich. Jede Frau hat es verdient, richtig tollen Sex zu haben.“

„Darüber will ich nicht reden.“

„Wie komme ich bloß zu einer Tochter, die solche Angst davor hat?“

„Ich habe keine Angst davor, Mom.“ Vielleicht war sie vorsichtig. Na und? „Ich mag mein Leben so, wie es ist. Sex hat damit nichts zu tun.“

„Hm“, murmelte ihre Mutter. „Und genau deswegen weiß ich, dass du noch nie tollen Sex hattest.“

Es klingelte. Jace war da. Ihre Mutter deutete mit einem Kopfnicken auf die Haustür. „Vielleicht solltest du mit ihm eine heiße Affäre haben. Er wirkt auf mich wie ein Mann, der weiß …“

„Mom, hör jetzt bitte auf, über Sex zu reden.“

„Ich wusste es doch! Du magst ihn.“ Ihre Mutter lächelte und tätschelte ihr die Wange. „Hör auf, dir Sorgen zu machen, Melanie. Ich benehme mich schon.“

Melanie drehte sich auf dem Absatz um. Dank ihrer Mutter würde sie sich konzentrieren müssen, um eine normale Unterhaltung mit Jace zu führen. Ohne an tollen Sex zu denken.

Melanie öffnete die Tür. Ihre Schultern wirkten verspannt. Die Lippen hatte sie zusammengepresst.

„Hier ist dein Laptop.“ Jace reichte ihr das Gerät. Dann hob er den Karton hoch, den er in der anderen Hand hielt. „Du hast gesagt, dass kein Nachtisch da ist. Also habe ich unterwegs einen Apfelkuchen besorgt.“

„Wenn das nicht Jace Foster ist“, sagte sie. „Mein Held! Ich glaube, ich bin verliebt.“

„Wahnsinn, Mel, so einfach habe ich noch nie eine Wette gewonnen.“ Er hakte die Daumen in seine Jeanstaschen und lehnte sich an den Türrahmen. „Nur mit einem Apfelkuchen. Gut, dass ich unsere Verabredung schon geplant habe. Hast du am Wochenende Zeit?“

Nervös fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen. „Du bist ulkig.“ Sie klemmte sich den Laptop unter den Arm. „Danke, dass du den Laptop vorbeigebracht hast. Das war wirklich eine sehr nette Geste.“

„Ich bin eben ein netter Kerl. Also, dann. Schönen Abend noch. Wir sehen uns morgen.“

„Oh, verdammt. Wenn du mitessen willst, bitte.“ Sie lächelte verhalten. „Außerdem würde mir deine Anwesenheit ein Verhör ersparen.“

„Mütter lieben es, ihre Kinder auszuquetschen. Meine Mutter ist ganz raffiniert. Meistens merkst du überhaupt nicht, dass du ausgehorcht wirst, bis du ihr alles erzählt hast, was sie wissen wollte.“

Melanie lachte. Beim Klang ihres Lachens schlug sein Herz höher. „Jetzt komm rein, bevor ich meine Meinung wieder ändere.“

„Bist du sicher?“

„Nein. Aber komm trotzdem rein.“

Er folgte ihr und sah sich um. Das Haus war klein und schlicht, aber es sah gemütlich aus.

An der Rückwand des Wohnzimmers stand ein großes Sofa. Daneben eine passende Chaiselongue und auf der anderen Seite zwei Sessel. Die vielen Pflanzen ließen vermuten, dass Melanies Mutter einen grünen Daumen hatte.

Melanie stellte den Laptop und den Kuchen ab. „Lass uns essen. Ich habe keine Ahnung, wo meine Mutter abgeblieben ist. Aber ich muss dich warnen. Die Pasta ist jetzt schon eine Weile fertig. Kann gut sein, dass sie inzwischen nicht mehr ganz so lecker ist.“

„Mit Soße kann man alles essen.“

„Das ist wahr. Ich sehe mal nach meiner Mutter.“

„Nur zu.“ Er ging zum Sofa und nahm sich eine Zeitschrift vom Couchtisch. „Lass dir Zeit.“

Da kam eine Frau herein, die über das ganze Gesicht strahlte. Melanies Mutter hätte er überall erkannt. Die Ähnlichkeit mit ihrer Tochter war verblüffend.

„Mom, was ist los?“, fragte Melanie besorgt.

Loretta ignorierte ihre Tochter und eilte auf Jace zu. Völlig unbefangen musterte sie ihn. „Ich habe ja gewusst, dass Sie unverschämt gut aussehen. Aber das Foto in der Zeitung wird Ihnen wirklich nicht gerecht.“ Jetzt kniff sie die Augen zusammen und stupste sein Kinn an. „Drehen Sie mal den Kopf, damit ich Ihren Haarschnitt besser sehen kann.“

Er wagte es nicht zu widersprechen und drehte den Kopf.

Loretta schnalzte mit der Zunge. „Wer macht denn Ihr Haar, bitte?“, fragte sie und schnaubte empört. „Benutzen die eine Schere oder ein stumpfes Messer?“

„Eine Schere“, sagte er vorsichtig. „Und wer … also, ich gehe einfach hin und wieder zu einem Friseur im Einkaufszentrum.“

Melanie kicherte. „Oh, das war die falsche Antwort. Das wird sich jetzt ändern“, sagte sie. „Aber Mom, auch wenn es mir schwerfällt, euch zu unterbrechen, wir haben Jace zum Essen eingeladen.“

Loretta stemmte die Hände in die Hüften. „Von jetzt an bin ich Ihre Friseuse.“

„Ja, Ma’am“, antwortete er augenblicklich. Er war zu klug, um der Mutter einer Frau zu widersprechen, für die er sich interessierte. „Alles, was Sie wollen.“

„Allerdings müsst ihr ohne mich essen, fürchte ich.“ Loretta nahm ihre Handtasche. „Ich habe heute Abend eine Verabredung. Melanie, bitte schließ ab, wenn du gehst. Und mach dir bitte keine Sorgen.“

„Du gehst wieder aus? Jetzt schon?“

Jace konnte Lorettas Gesicht nicht sehen. Aber er konnte die Vorfreude aus ihrer Stimme heraushören. „Du bist immer viel zu besorgt. Heute Abend werde ich meinen Spaß haben. Ich erzähle dir alles morgen, versprochen. Haarklein.“

Melanie verzog das Gesicht. „Sei vorsichtig, Mom. Ich … ruf mich einfach an, wenn du nach Hause kommst und noch reden willst.“

Mutter und Tochter umarmten sich. Loretta flüsterte Melanie etwas ins Ohr, das Jace nicht verstehen konnte. Melanie errötete heftig. „Viel Spaß, ihr zwei!“, rief Loretta. Dann war sie weg.

Sichtlich erschüttert ließ Melanie sich in einen Sessel fallen. „Ich kann einfach nicht glauben, dass sie sich das schon wieder antut.“

„Was denn? Auf mich hat deine Mutter ganz glücklich gewirkt.“ Jace setzte sich in den anderen Sessel.

„Liebe“, sagte Melanie giftig. „Das ist nicht nur das Thema von unserem Artikel, sondern das Lebensmotto meiner Mutter. Sie vergeudet ihr ganzes Leben damit, danach zu suchen …“

Jace starrte sie an und überlegte, was er tun sollte. Melanie drängen, sich ihm anzuvertrauen? Oder schweigen? Ganz spontan fragte er: „Mel? Was kann ich für dich tun?“

„Ich weiß nicht“, sagte sie erschöpft, beinahe tonlos. „Vermutlich bin ich nur müde.“

„Soll ich gehen?“ Das wollte er auf keinen Fall. Aber er würde es tun, wenn sie das wollte.

„Ich weiß nicht“, wiederholte sie. „Ich will nur … Verdammt. Ich habe das Gefühl, als ob ich die Mutter hier bin, so wie ich mir Sorgen um sie mache.“

„Du hast sie lieb“, sagte er. „Wer würde sich da keine Sorgen machen?“

„Sie begeht immer wieder die gleichen Fehler.“

„Willst du darüber reden?“

„Nein.“

„Okay“, sagte er. „Wir können einfach etwas essen, ein, zwei Stunden fernsehen, und dann mache ich mich auf den Weg. Oder ich kann gleich gehen. Wie du willst.“

Sie sprang auf. „Oh nein! Das Abendessen. Das ist jetzt bestimmt ruiniert.“

„Dann machen wir eben was anderes.“ Jace bereitete sich schon innerlich darauf vor, zur Tür begleitet zu werden.

Aber stattdessen nickte Melanie. „In Ordnung. Essen und Fernsehen. Wobei ich überrascht bin, dass du nichts Besseres zu tun hast. Warten keine Frauen aus deinem Harem sehnsüchtig auf deinen Anruf?“

„Im Augenblick gibt es nur zwei Frauen in meinem Leben. Meine Mutter und meine Schwägerin“, sagte er. „Wann begreifst du endlich …“ Er brach ab und schüttelte den Kopf. „Niemand wartet auf mich“, beendete er den Satz. „Dann lass uns mal nach dem Essen sehen.“

Die Spaghetti waren ungenießbar. Sie entschieden sich, Burger zu machen.

Mit den Tellern in der Hand gingen sie schließlich wieder ins Wohnzimmer, wo sie einen grottenschlechten Horrorfilm schauten. Es gab nicht viele Frauen, die so etwas würdigen konnten. Melanie schon. Das überraschte und freute ihn. Abwechselnd kommentierten sie die weit hergeholte Handlung, die unterdurchschnittlichen Spezialeffekte und den bizarren Dialog.

Als er sich auf den Weg machen musste, meinte Jace: „Also, wegen morgen … ich habe Nachforschungen eingeplant. Da kannst du problemlos heute aufbleiben und auf deine Mutter warten. Wir können uns nachmittags treffen. Wäre das okay für dich?“

„Das würde mir wirklich helfen.“ Sie gähnte. „Und Jace? Danke, dass du heute Abend da warst. Das war schön.“

„Gern geschehen“, sagte er mit seltsam belegter Stimme. „Bevor sie gegangen ist, hat dir deine Mutter etwas zugeflüstert. Was hat sie da gesagt?“

Melanie zögerte. Sie zog die Unterlippe in den Mund. In dieser Sekunde hätte er sie an sich ziehen und küssen können. Als ob sie seine Gedanken lesen konnte, verzog sie die Lippen zu einem sinnlichen Lächeln.

„Normalerweise“, sagte sie so verführerisch, wie er sie noch nie gehört hatte, „würde ich dir das nie sagen. Aber du warst so nett heute Abend. Also, wenn du versprichst, das nie wieder zu erwähnen …“

„Ich verspreche es. Hoch und heilig.“

„Okay. Also.“ Wieder saugte sie an ihrer Unterlippe, und er bekam prompt keine Luft mehr. „Meine Mutter denkt anscheinend, dass ich dringend tollen Sex nötig habe. Und sie scheint zu glauben, dass du genau der richtige Mann dafür bist.“

Bei diesen Worten gab Melanie der Tür einen Stoß, sodass sie mit einem dumpfen Knall ins Schloss fiel. Jace stolperte zu seinem Auto. Wenn sie damit das letzte Wort haben wollte, hatte sie das geschafft. Und zwar so gründlich, dass er wahrscheinlich die ganze Nacht wach liegen würde.

3. KAPITEL

Melanie ging die Stufen zu ihrer Doppelhaushälfte hinauf. Obwohl sie das nicht geplant hatte, war sie die ganze Nacht bei ihrer Mutter geblieben. Sie war einfach zu besorgt gewesen. Aus reiner Erschöpfung war sie so gegen drei Uhr eingeschlafen und erst wieder aufgewacht, als Loretta gegen sechs Uhr früh endlich nach Hause gekommen war.

Melanie schloss ihre Haustür auf. Dann stolperte sie beinahe über ein in rotes Geschenkpapier gewickeltes Päckchen auf der Türschwelle. Im letzten Monat hatte sie bereits zwei solche Geschenke erhalten. Wahrscheinlich war auch diesmal wieder keine Karte dabei. Neugierig und genervt zugleich hob sie das Geschenk auf und betrat ihr Wohnzimmer.

Sie warf das Geschenk auf ihr Secondhand-Sofa, das sie mit einer Husse wieder aufgemöbelt hatte, und ging in die Küche, um sich einen Kaffee zu machen. Das Koffein würde hoffentlich die Kopfschmerzen lindern, die ihr die Neuigkeiten ihrer Mutter verpasst hatten.

Verlobt. Ihre Mutter wollte den Mann heiraten, der vor einer Woche mit ihr Schluss gemacht hatte. Das würde höchstwahrscheinlich in einer Tragödie enden. Als Melanie sagte, was sie darüber dachte, war es zum Streit gekommen.

Es war noch nicht mal neun Uhr. Sie hatte Zeit, wach zu werden und zu duschen, bevor sie Jace anrief.

Oh Mann. Die Teamarbeit für einen Artikel über die Liebe würde ihre Laune nicht gerade verbessern. Sie trank einen Schluck Kaffee und seufzte. So kühl, wie sie Jace gestern empfangen hatte, verblüffte es sie, dass er überhaupt geblieben war. Bei dem Gedanken wurde ihr dann doch ein bisschen warm ums Herz. Entsetzt stellte sie fest, dass sie sich in seiner Gesellschaft wohlgefühlt hatte.

Natürlich hatte das nichts weiter zu bedeuten. Der Mann konnte eben nett sein, wenn nötig. Na und? Warum fühlte sie sich, als ob da auf einmal mehr zwischen ihnen war als vorher?

Sie wollte nicht mehr. Schon gar nicht mit Jace.

Dann verkrampfte sich ihr Magen beim Anblick der roten Verpackung, die neben ihr auf dem Sofa lag. Das war jetzt schon das dritte Geschenk dieser Art.

Das erste Geschenk hatte sie ungefähr eine Woche vor Weihnachten bekommen. Eine Puppe aus den Zwanzigerjahren. Melanie war keine große Sammlerin. Aber sie hatte ein paar alte Puppen, die ihre Mutter ihr geschenkt hatte, als sie noch klein war – vor dem Verschwinden ihres Vaters. Die Puppen bedeuteten ihr viel. Aber wer außer ihrer Mutter und Tara wusste davon?

Dann war letzte Woche das zweite Geschenk aufgetaucht: eine signierte Ausgabe von einem Lieblingsbuch aus ihrer Kindheit. Bei Recherchen im Internet hatte sie herausgefunden, dass die Puppe und das Buch ein- bis zweihundert Dollar gekostet haben mussten. Inzwischen wusste sie nicht mehr, ob sie sich geschmeichelt fühlen oder sich Sorgen machen sollte.

Und jetzt das. Sie betrachtete das Päckchen. Beim Öffnen dieser Geschenke hatte sie immer gemischte Gefühle: Einerseits freute sie sich, dass jemand an sie gedacht hatte. Andererseits fragte sie sich, wer ihr Wohltäter war, und ob sie sich wegen Belästigung Sorgen machen sollte. Außerdem bekam sie Schmetterlinge im Bauch bei dem Gedanken, dass die Geschenke von einem heimlichen Verehrer stammen könnten.

Sie überlegte kurz, es später zu öffnen, aber die Sache aufzuschieben würde nichts am Inhalt oder an ihren Gefühlen ändern. Sie holte tief Luft und riss das Geschenkpapier herunter. Wieder keine Karte. Ein Blick auf das Geschenk, und ihr lief ein Schauer den Rücken hinunter.

„Alice im Wunderland“. Ihr Vater hatte ihr immer daraus vorgelesen.

Melanie hielt das Buch fest, schloss die Augen und lehnte sich auf dem Sofa zurück. Urplötzlich sah sie sich selbst, wie sie sich im Bett an ihren Vater kuschelte. Seine Stimme in ihrem Kopf, die sie jetzt schon so lange nicht mehr gehört hatte, zog sie in den Bann ihrer Erinnerungen.

Ihr Herz klopfte heftig. Sie hatte sich getäuscht. Die Geschenke waren nicht von einem Verehrer. Diese Gaben mussten von ihrem Vater stammen. Nur das ergab einen Sinn, so wie die Geschenke ihre Kindheit widerspiegelten. Aber warum? Wollte er sich einschmeicheln, bevor er sie um Verzeihung bat? Niemals!

Wenn David Prentiss dachte, dass so etwas wie Vergebung möglich war, dann würde er sich noch wundern.

Und wenn er Kontakt zu ihrer Mutter suchte? Sie hatte immer gesagt, dass David Prentiss die Liebe ihres Lebens war. Würde sie ihn wiederhaben wollen? Wahrscheinlich nicht. Schließlich war sie momentan mit einem anderen verlobt.

Am späten Nachmittag betrat Melanie den Coffeeshop im Zentrum von Portland, wo sie sich mit Jace treffen wollte, und stellte fest, dass Jace noch nicht da war. Sie setzte sich an einen Tisch in einer hinteren Ecke und zog ihren Notizblock aus der Tasche.

Sie hatte das Telefonbuch durchgeblättert, um ihren Vater zu finden. Ohne Erfolg. Entweder hatte er eine Geheimnummer, oder er war weggezogen.

Womit hatte er eigentlich sein Geld verdient? Melanie versuchte sich zu erinnern, aber vergebens. Sie wusste nur noch, wie frustriert ihre Mutter immer gewesen war, weil ihr Vater kein regelmäßiges Einkommen hatte.

Sie zuckte zusammen, als der Stuhl ihr gegenüber weggezogen wurde. „Du siehst müde aus“, sagte Jace.

„Mir geht’s prima“, erwiderte sie kurz angebunden. Bei seinem Anblick entschlüpfte ihr ein Seufzer. Unrasiert und mit zerzaustem Haar sah er unglaublich verwegen und attraktiv aus.

Er musterte sie zweifelnd. „Sicher? Alles okay mit deiner Mutter?“

„Nein. Ja.“ Sie schaute weg. „Bleibt abzuwarten.“

„Ja, dann lass uns loslegen. Ich möchte allerdings erst mal einen Kaffee. Du auch?“

Erleichtert, dass er sie nicht weiter ausfragte, griff sie nach ihrer Handtasche. „Klar. Warte, ich gebe dir das Geld …“

„Das geht auf mich.“ Er stand auf. Wenn er lächelte, wirkten seine kantigen Gesichtszüge ganz sanft. „Was hättest du gern?“

„Überrasch mich einfach. Wenn du mich schon einlädst …“

Er schlenderte davon, und sie schaute ihm nach. Hatte sie ihn schon mal in einem anderen Outfit als in Jeans gesehen? Sie konnte sich nicht erinnern. Aber sie wusste genau, dass sie noch nie einen Mann gekannt hatte, der in Jeans so heiß aussah wie Jace.

Da kam er auch schon mit dem Kaffee zurück. Er stellte ihr eine Tasse hin, bevor er sich ebenfalls setzte und sein Flanellhemd aufknöpfte. Das Hemd zog er aus. Darunter trug er ein enges, schwarzes T-Shirt. „Bisschen warm hier.“

„Ja.“ Melanie bemühte sich, ihn nicht anzustarren. Seine Arme waren sehnig und kräftig. Als ob er die Muskeln auf die altmodische Art und Weise bekommen hatte – durch harte Arbeit, nicht mit Training im Studio. „Danke für den Kaffee. Was für einer ist es denn?“

„Gern geschehen. Irgendwas mit Zimt.“ Er räusperte sich und fuhr sich durchs schwarze Haar. Dadurch wirkte er merkwürdig nervös und verletzlich. „Ich habe gedacht, wir könnten heute ein paar Details klären.“

„Darum sind wir hier“, sagte sie. Warum war Jace so nervös? „Was ist los?“

„Erst mal müssen wir entscheiden, wie viele Paare wir uns vornehmen wollen.“

„Egal wie viele wir brauchen, damit ich die Wette gewinne“, sagte sie, halb zum Scherz, halb im Ernst.

„Das könnte ich auch sagen“, erwiderte er. „Aber ich glaube, drei wäre eine gute Zahl. Sagen wir mal, ein frisch verlobtes oder verheiratetes Paar, ein Pärchen, das schon fünf bis zehn Jahre durchgehalten hat, und dann noch ein Ehepaar, das seit Jahrzehnten verheiratet ist.“

„Klingt gut.“

Er lächelte. „Gut, da sind wir uns einig. Hast du Ideen, wie wir an geeignete Kandidaten kommen?“

„Wir könnten Leute auf dem Standesamt beiseitenehmen.“ Nachdenklich biss sie sich auf die Unterlippe. „Und uns an ein paar Seniorengruppen wenden.“

„Gute Idee“, sagte Jace. „Ich denke, wir sollten meinen Bruder und seine Frau interviewen. Die beiden haben eine schwere Zeit hinter sich und sind immer noch zusammen …“

„Nein.“ Melanie schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall.“

„Und warum nicht?“

„Das wäre unfair. Dein Bruder und deine Schwägerin sind bestimmt wunderbar. Aber das würde dir einen Vorteil verschaffen.“

„Grady und Olivia sind aber genau die Art von Paar, um die es in dem Leitartikel geht.“ Jace verschränkte die Arme. „Wenn wir mit ihnen reden, brauchen wir nur noch zwei weitere Paare und würden Zeit sparen.“

Das war natürlich ein gutes Argument. „Ich mache mit, wenn wir die Wette sausen lassen. Dann muss ich mich nur noch auf den Artikel konzentrieren.“

„Heißt das, du kannst dich nicht konzentrieren, solange die Wette läuft?“ Jace verzog amüsiert den Mund. „Wahnsinn, Mel. Ich hatte ja keine Ahnung, dass du dir solche Sorgen wegen einer Verabredung mit mir machst. Hast du etwa Angst, ich beiße?“

„N-nein. N-natürlich nicht“, stammelte sie.

„Du wirst ja rot!“

„Unsinn! Es ist einfach äh … warm hier. Das ist alles.“

„Wie dem auch sei. Ich verspreche, ich beiße wirklich nicht … es sei denn …“ Er schluckte. „Sorry. Keine Anspielungen. Das vergesse ich immer wieder.“

Konzentrier dich, ermahnte sie sich. Sie hob das Kinn und sagte mit so viel Nachdruck wie möglich: „Das überrascht mich nicht. Was Hänschen nicht lernt …“

Jace lachte. „Ich bin immer bereit, noch was dazuzulernen.“

Melanie suchte nach einer passenden Erwiderung und trank erst mal einen Schluck Kaffee.

Prompt verbrannte sie sich den Mund. Sie presste die Lippen zusammen, um den Kaffee nicht in alle Richtungen zu prusten. Tränen traten ihr in die Augen. Blindlings griff sie nach einer Serviette. Wieder glühten ihre Wangen, diesmal, weil ihr das alles so peinlich war.

Jace war sofort an ihrer Seite. Er legte ihr die Hand zwischen die Schultern und rieb ihr den Rücken. „Hast dich verschluckt?“, fragte er sanft.

Melanie nickte. Nur eine harmlose Bemerkung, und sie war nicht mehr in der Lage zu trinken. Wieso hatte Jace diese … diese Macht über sie? Sie war schließlich schon mehr gut aussehenden, charmanten Männern begegnet.

Aber Jace war irgendwie anders. Zum ersten Mal in ihrem Leben konnte sie nachfühlen, warum Frauen sich manchmal wegen eines Mannes wie die Verrückten aufführten. Verdammt noch mal, Jace war nicht unwiderstehlich. Das war bestimmt nur der Reiz des Neuen und bald vorbei.

Vielleicht sollte sie so viel Zeit wie möglich mit Jace verbringen. Würde seine … Anziehungskraft an Wirkung verlieren, wenn sie sich an ihn gewöhnte?

„Alles wieder okay?“, fragte Jace und musterte sie.

„Ich bin manchmal … ungeschickt.“

Er lächelte. „Ist mir schon aufgefallen. Wie oft hast du dir als Kind was gebrochen?“

„Gar nicht. Ich bin nur im Alltag ein echter Tollpatsch.“ Sie zuckte die Schultern. „Wenn’s gefährlich wurde, wie beim Bäumeklettern, hatte ich nie Probleme.“

„Du bist eine interessante Frau, Mel.“

„Danke. Gibt es sonst noch was, das du besprechen wolltest?“

„Wir haben doch gerade über Grady und Olivia gesprochen“, erinnerte Jace sie.

Was für ein Dickschädel! Melanie seufzte. „Mir wäre lieber, wenn wir bei diesem Projekt das Persönliche außen vor lassen.“

„Warum lernst du sie nicht erst mal kennen?“, drängte er. „Ganz unverbindlich, vielleicht beim Lunch?“

„Und wenn ich meine Meinung nicht ändere?“

„Dann höre ich auf, dich deswegen zu nerven. Aber bei der Wette bleibt es.“ Er trank seinen Kaffee aus. „Sie sind wirklich besondere Menschen. Ich kann dir hoch und heilig versprechen, dass sie den Valentinstag nur feiern, weil sie sich lieben.“

„Na schön. Ich treffe mich mit ihnen und entscheide dann.“

Jace warf einen Blick auf die Uhr. „Mist, ich muss bald los. Aber ich habe da noch eine Idee, die ich gern mit dir besprechen würde.“

Er musste weg? Schade. Warum in aller Welt machte ihr das etwas aus? „Schieß los.“

„Wir sollten die Geschichte mit der Wette zu einem Teil des Artikels machen.“

„Will heißen …?“

„Wir erklären die Wette und den Einsatz.“ Jace runzelte die Stirn. „Wenn du gewinnst, kriegt sowieso die ganze Welt das Foto von mir in der Ärmeldecke zu sehen. Und wenn ich gewinne …“ Er verstummte und schaute weg. Anscheinend kamen ihm Zweifel, wie er diesen Satz beenden sollte.

„Wenn du gewinnst, dann untermauert das nur deinen Ruf als Casanova, richtig?“ Sie warf ihm einen finsteren Blick zu. „Nur mal angenommen, ein Wunder geschieht, und du gewinnst die Wette. Willst du unsere Verabredung dann auch in deiner Kolumne verwursten?“

„Nein, Mel. Das würde ich nicht tun. Es sei denn, wir einigen uns vorher darauf.“ Er runzelte noch stärker die Stirn. „Dauernd denkst du das Schlimmste von mir. Warum?“

Sie atmete aus. Wenn sie die nächsten paar Wochen überstehen sollte, musste sie sich entspannen. „Keine Ahnung“, gab sie leise zu. „Aber in deiner Kolumne gehst du sonst ziemlich ins Detail, was deine Verabredungen betrifft. Warum sollte ich mir deswegen keine Gedanken machen?“

„Vielleicht, weil wir Kollegen sind? Könntest du mich ausnahmsweise mal nicht vorschnell verurteilen?“ Seine Augen verdunkelten sich, und sein Blick wurde kalt. „Ich brauche keine Tricks, um eine Verabredung für meine Kolumne verwerten zu dürfen.“

„Klar“, erwiderte sie. „Die Frauen, mit denen du ausgehst, genießen es bestimmt, wenn du sie in deiner verdammten Kolumne analysierst. Vermutlich betteln sie darum. Wahrscheinlich schneiden sie das Ding auch noch aus und zeigen es herum, bevor sie es gerahmt an die Wand hängen.“

„Vielleicht ein paar“, sagte Jace ruhig. „Andere nicht. Aber hast du jemals einen Namen in meiner ‚verdammten Kolumne‘ gelesen? Nein. Weil ich diese Informationen nie veröffentliche. Ich respektiere Frauen, Mel. Hör endlich auf, mir immer das Schlimmste zu unterstellen.“

„Ich werde es versuchen.“

Jace sah zum dritten Mal auf die Uhr. „Ich muss jetzt wirklich los. Ich denke, wir sollten am Montag mit den Interviews anfangen.“ Er verstaute seinen Laptop und stand auf. „Schönen Abend noch, Mel.“

Als er den Coffeeshop verließ, fühlte sie sich plötzlich einsam und verlassen.

Am Samstagnachmittag wollte Jace mit einer Flasche Bier und einer Schüssel Popcorn ins Wohnzimmer. Das Telefon hatte er zwischen Schulter und Ohr geklemmt. „Danke, dass du zurückgerufen hast“, sagte er zu Kurt. „Tut mir leid, dass ich dich am Wochenende störe, aber ich wollte dein Okay, damit wir Montag loslegen können.“

Kurt war seit Donnerstag wegen einer Grippe nicht in der Redaktion gewesen. Also hatte Jace ihm schließlich eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Außerdem wollte Jace mit ihm darüber sprechen, die Kolumne „Der Junggeselle ist los!“ abzusetzen.

„Mir ist ganz egal, wie du diesen Artikel angehst. Denk einfach dran, dass er für gute Laune sorgen soll“, krächzte Kurt.

„Kein Problem.“ Jace stellte die Flasche und die Schüssel auf den Beistelltisch und setzte sich in seinen Ledersessel. „Ich denke, dass dieses Format Melanie entgegenkommt. Da kann sie mal zeigen, was sie draufhat.“

Kurt schnaubte. „Ich weiß genau, was sie kann. Leider hat sie keine Lust, Anweisungen zu befolgen.“ Er hustete. „Das ist Melanies allerletzte Chance. Momentan steht für uns viel auf dem Spiel.“

Verdammt. „Wie schlimm ist es, Kurt? Muss ich mich nach einem neuen Job umsehen?“

„Nein!“ Kurt hustete noch einmal. „Für dich besteht kein Grund zur Sorge. Solange du weitermachst wie bisher.“

„Klar. Einfach weiter so. Toll. Wo hakt es denn? Ist das Geld knapp, verlieren wir Leser, sind die Kosten zu hoch … was ist los?“

„Darüber darf ich eigentlich nicht sprechen.“

„Ach, komm schon, Kurt. Du kannst keine Andeutungen machen, ohne mir alles zu erzählen.“ Außerdem spürte Jace, dass Kurt darüber reden wollte. „Ich bin auch die Verschwiegenheit in Person.“

Damit hatte er anscheinend genau das Richtige gesagt. Denn Kurt erklärte: „Solche Probleme sind es nicht. Aber die Zeitung wird vielleicht bald verkauft, und die potenziellen neuen Eigentümer sind dafür bekannt, nach einer Übernahme erst mal drastische Einschnitte zu machen.“ Kurt seufzte. „Ich muss dafür sorgen, dass alles rundläuft, Jace. Und das gilt auch für Melanie und ihre Kolumne. Verstehst du?“

„Ja.“ Kurt machte sich Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz. Jace holte tief Luft. „Ich werde tun, was ich kann.“

„Sorge einfach dafür, dass Melanie das auch tut.“

„Klar.“ Sie unterhielten sich noch ein paar Minuten. Dann beendete Jace das Gespräch: „Also, dann gute Besserung.“

Nachdem er aufgelegt hatte, saß Jace regungslos da und starrte Löcher in die Luft. Die Gazette wurde vielleicht verkauft. Er war nicht dumm. Mit diesem Damoklesschwert über dem Kopf würde Kurt nie zustimmen, dass Jace mit seiner Kolumne aufhörte. Jace könnte natürlich bei der Gazette kündigen. Jedes Jahr erhielt er mehrere Jobofferten. Aber der Gedanke sagte ihm nicht zu.

Erstens wollte er in Portland bleiben. Zweitens beruhten diese Angebote darauf, dass er seine Kolumne mitbringen würde. Und das war ausgeschlossen.

Als er damals mit der Kolumne anfing, hatte er über sich selbst geschrieben: ein Junggeselle, der das Leben und die Liebe genießt. Die Kolumne war sofort ein voller Erfolg gewesen. Jace war stolz gewesen.

Welcher junge Mann wäre nicht begeistert, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von schönen, alleinstehenden Frauen zu stehen? So viele Verabredungen zu haben, wie er wollte, und dann auch noch für eine stetig wachsende Leserschaft über seine Erlebnisse zu schreiben?

Und er hatte hart gearbeitet, um die Kolumne über die Irrungen und Wirrungen romantischer Verwicklungen humorvoll zu gestalten. Und die Frauen … Frauen faszinierten ihn. Wie sie in der einen Sekunde einen Mann verführen konnten, nur um ihn in der nächsten eiskalt abzuservieren.

Er schrieb wahnsinnig gern über Frauen. Aber er hatte Melanie nicht angelogen. Noch nie hatte er eine Frau in seiner Kolumne namentlich erwähnt. Stattdessen hatte er sich eine Methode ausgedacht, die Frauen, mit denen er ausging, nach – nun ja – Typ einzuordnen.

Dafür zog er Eissorten heran.

Erdbeereis, zum Beispiel, war seine Bezeichnung für eine Frau, die gern Spaß hatte, während er mit Vanille den Durchschnittstyp beschrieb. Wenn er schrieb, dass er einen Abend lang mit einer leckeren Zitroneneisdame verbracht hatte, dann meinte er damit eine Frau, die gern flirtete. Eine Schokoladefrau war richtig heiß. Und Eis mit Nussstückchen sparte er sich für Frauen auf, die aus irgendeinem Grund einfach schwierig waren.

Irgendwann hatte sich etwas geändert. Jace genoss das Junggesellendasein nicht mehr. Er wollte mehr. Sicherheit. Beständigkeit. Eine einzige Frau in seinen Armen, in seinem Bett, in seinem Leben. Die ständigen Verabredungen waren inzwischen eine lästige Pflicht und kein lustiges Abenteuer.

Autor

Patricia Thayer
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