Bianca Extra Band 112

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ALLE LIEBEN GRACIE von CHRISTINE RIMMER
Seine kleinen Töchter lieben Gracie, selbst sein Hund himmelt sie an. Single Dad Dante Santangelo kann es ihnen nicht verübeln. Sie ist einfach hinreißend – und ziemlich sexy. Aber Gracie hat jemanden verdient, der an die Liebe glaubt. Also bestimmt nicht ihn …

MEIN HERZ FÜR EINEN COWBOY von TERESA SOUTHWICK
Sie ist fast dreißig! Fiona träumt von einer eigenen Familie, aber woher soll sie bloß einen passenden Partner nehmen? Bis sie unvermittelt im Dorf einen aufregenden Fremden trifft. Wie ein Blitz trifft sie die Erkenntnis: Das ist er! Auch wenn sie nichts über ihn weiß …

DIE ANTWORT KENNT NUR DIE ZEIT von LYNNE MARSHALL
Das Haar zerzaust, der Smoking zerknittert, der Blick so traurig: Wer ist der Fremde im Diner ihrer Schwester? Hat er ein schmerzliches Geheimnis? Und warum geht Megans Puls auf einmal so schnell, als er sie zögernd anlächelt? Fragen, auf die nur die Zeit die Antworten hat …

EIN SINGLE DAD ZUM VERNASCHEN von ROCHELLE ALERS
Das ist Kieras Dad? Dass Sasha mit ihm über den Job seiner Teenie-Tochter in ihrer Konditorei redet, ist selbstverständlich. Aber je intensiver sie mit dem sexy Zahnarzt spricht, desto stärker wird ein süßer Wunsch in ihr: ihn auch ohne Worte ganz nah zu spüren …


  • Erscheinungstag 26.07.2022
  • Bandnummer 112
  • ISBN / Artikelnummer 0802220112
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Christine Rimmer, Teresa Southwick, Lynne Marshall, Rochelle Alers

BIANCA EXTRA BAND 112

CHRISTINE RIMMER

Alle lieben Gracie

Es ist nur eine kurze Sommeraffäre, versucht Gracie ihre prickelnden Gefühle zu erklären. Doch mit jedem Tag am Strand, Hand in Hand mit Dante, wird ihr klarer: Sie belügt sich selbst – sie liebt ihn!

TERESA SOUTHWICK

Mein Herz für einen Cowboy

Cowboy Brendan bleibt grundsätzlich nie lange an einem Ort. Doch jetzt steht er vor einem Dilemma: Was wird aus ihm und der bildhübschen Fiona, wenn er wie immer packt und weiterzieht?

LYNNE MARSHALL

Die Antwort kennt nur die Zeit

„Könntest du meine Freundin spielen?“ Mark weiß, dass er Megan um einen großen Gefallen bittet. Aber er will seiner Ex eins auswischen. Und Megan in seinen Armen zu halten fühlt sich so richtig an …

ROCHELLE ALERS

Ein Single Dad zum Vernaschen

Der geschiedene Dwight weiß genau, wie bitter Liebe schmecken kann! Aber als seine Tochter bei der Spitzenbäckerin Sasha jobbt, verspürt er das erste Mal seit Jahren unbändigen Hunger auf etwas Süßes …

1. KAPITEL

Grace Bravo wusste, dass sie zu schnell fuhr, aber sie brauchte dringend eine Aufheiterung. Es war ein schöner sonniger erster Juni. Ein perfekter Tag, um mit geöffneten Seitenfenstern an der Küste von Oregon entlangzufahren und laut Shut Up and Drive zu hören. Der warme Fahrtwind zerzauste ihre Haare, als sie im Rhythmus des Popsongs von Rihanna auf das Lenkrad trommelte und schwungvoll die Kurven nahm.

Zu dumm nur, dass sie weder den sonnigen Tag noch die Schönheit ihrer Heimat oder das Lied wirklich genießen konnte, und jetzt ertönte hinter ihr auch noch eine Sirene und LED-Scheinwerfer blitzten auf.

„Das darf nicht wahr sein …“, schrie sie wütend, schaltete das Radio aus und nahm den Fuß vom Gas. Sie fuhr ihren acht Jahre alten SUV an den Straßenrand und stellte den Motor aus. Der Streifenwagen kam hinter ihr zum Stehen. Jetzt bekam sie also auch noch einen Strafzettel. Was für ein Scheißtag!

Sie strich ihre zerzausten Haare aus der Stirn und beobachtete im Seitenspiegel, wie der große, dunkelhaarige und sonnengebräunte Officer ausstieg. Er hatte breite Schultern, wirkte sehr fit, trug eine Sonnenbrille und die blaue Uniform der Polizei von Valentine Bay.

Nach ein, zwei Sekunden erkannte sie den Mann. War das Dante Santangelo? Sie kannte Dante schon seit einer Ewigkeit. Seine einzige Schwester war mit einem ihrer Brüder verheiratet. Ein- oder zweimal die Woche kam er im Sea Breeze vorbei, dem Lokal, in dem sie arbeitete. Sie hatte ihn immer als Freund betrachtet. Bis jetzt jedenfalls.

„Ist das ein Scherz?“, murrte sie, als er sich zu ihrem Autofenster hinunterbeugte.

„Grace, du bist zu schnell gefahren“, schimpfte er, nahm die Sonnenbrille ab und lächelte sie warmherzig an. Auch wenn es ihm leidtat, er musste seinen Job machen. „Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte.“

„Das ist so unfair“, grummelte sie. Aber er sah sie mit seinen kaffeebraunen Samtaugen geduldig an, bis sie ihm ihre Papiere reichte. „In Ordnung.“ Sie nahm den Führerschein aus ihrer Brieftasche, holte die Fahrzeugpapiere aus dem Handschuhfach und reichte ihm beides.

„Danke. Ich bin gleich wieder da.“

„Ich habe schon befürchtet, dass du das sagst.“ Als er zu seinem Streifenwagen ging, seufzte sie frustriert auf, lehnte den Kopf an das Rückenpolster des Sitzes und schloss die Augen. Kurze Zeit später kam er mit einem Klemmbrett zurück und gab ihr die Fahrzeugpapiere und den Führerschein wieder.

„Danke.“ Sie grinste ihn spöttisch an. „Ich habe dir das gute Bier ausgeschenkt und kein Trinkgeld von dir nehmen wollen“, erinnerte sie ihn. Tatsächlich hatte er ihr dennoch welches gegeben. Lachte er etwa leise, während er etwas auf dem Klemmbrett notierte? Für sie hörte es sich definitiv so an.

Er zuckte mit den Schultern. „Ich gebe dir dafür auch den guten Strafzettel.“

„Kein Strafzettel ist gut.“ Sie konnte es genauso gut mit ihren weiblichen Tricks versuchen. Sie warf die zerzausten Haare leicht zur Seite, sah mit traurigen, großen Augen zu ihm hoch und flehte mitleiderregend: „Musst du das denn tun?“ Doch er füllte einfach weiter die nötigen Unterlagen aus. „Ich hatte so einen schlechten Tag“, jammerte sie, „und jetzt das.“

Dante reichte ihr das Klemmbrett und seinen Stift. „Du musst hier unterschreiben.“

„Einhundertsechzig Dollar? Das kann doch nicht dein Ernst sein.“ Aber er sah sie nur weiterhin mit diesem sanften, geduldigen Gesichtsausdruck an, der sie unfassbar ärgerte. Sie seufzte entrüstet, las sich die Papiere in Ruhe durch und reichte sie ihm schließlich unterschrieben zurück.

Er gab ihr den Strafzettel, informierte sie über die Zahlungsfrist und sagte ihr, wie sie rechtlich dagegen Einspruch einlegen konnte. Dann beugte er sich besorgt zu ihrem Fenster hinunter und sagte: „In Ordnung, das wäre erledigt. Und jetzt: Geht es dir gut?“

Sie funkelte ihn wütend an, um keinen Zweifel daran zu lassen, dass es ihr besser gehen würde, wenn er sie nicht angehalten hätte. „Nicht wirklich.“

Ihr war noch nie der Gedanke gekommen, ihre Probleme mit Dante zu besprechen, denn sie hatte ihn nie als einen Freund betrachtet, bei dem man sich ausweinen konnte. Mit seinem guten Aussehen und dem harten, muskulösen Körper war er nämlich ein glühend heißer Typ.

Aber er war zweiunddreißig Jahre alt und damit neun Jahre älter als sie. Außerdem war er geschieden und Vater von zwei Töchtern – von eineiigen Zwillingen. Dante war also ein verantwortungsvoller, gesetzter Mann. Wenn sie ihm von ihrem Streit mit ihrem rechthaberischen ältesten Bruder erzählen und darüber jammern würde, dass sie sich keine eigene Bleibe leisten konnte, würde er sie zweifellos ein bisschen seltsam und zugleich unreif finden.

Es war allein ihre Schuld, dass auf ihrem Bankkonto Ebbe herrschte. Als sie achtzehn Jahre alt geworden war, hatte sie ein bisschen Geld geerbt, doch leider hatte es ihr zu viel Spaß gemacht, es auszugeben.

Sie sollte sich also bei Dante für sein Angebot bedanken, behaupten, dass es ihr gut ging und ihm beim Wegfahren noch einmal zuwinken. Aber Dante war ein knallharter Kerl und ließ nur wenige Leute an sich heran. Er schien wirklich für sie da sein und irgendwie dafür sorgen zu wollen, dass sie sich besser fühlte. „Das wird dir noch leidtun“, warnte sie ihn und wartete darauf, dass er einen Rückzieher machte.

„Um fünf Uhr habe ich Feierabend. Ich sehe dich dann im Sea Breeze.“

„Nein, tust du nicht.“

„Warum nicht?“

„Ich kann mich nicht an meinem Arbeitsplatz bei dir ausweinen. Das wäre total unprofessionell.“ Sie war sich ziemlich sicher, dass die Sache damit erledigt war. Er würde sie ermahnen, vorsichtiger zu fahren, und sich dann zu seinem Streifenwagen umdrehen.

„Wie wäre es dann bei mir zu Hause?“

Grace war das letzte Mal im Alter von sechzehn Jahren in seinem Haus gewesen. Damals hatte sie als Babysitterin für seine Zwillinge ausgeholfen, weil der reguläre Babysitter ausgefallen war. „Du musst das nicht tun.“

„Wofür sind Freunde denn sonst da? Ich mache auch eine Flasche Wein auf.“

„Nach diesem Strafzettel bist du mir eher eine Flasche guten Tequila schuldig. Ich bringe Tacos mit.“

„Um sechs Uhr?“

Zum ersten Mal lächelte sie ihn an. „Ich werde da sein.“

Dante Santangelo besaß ein wirklich schönes, weiträumiges Haus mit Meerblick, zu dem außerdem ein riesiges Grundstück gehörte.

Grace ging zur Haustür. Die Tüten mit den Tacos hielt sie in der Hand.

Er öffnete die Tür, bevor sie klingeln konnte. „Pünktlich auf die Minute, und Tacos hast du tatsächlich auch mitgebracht.“ Er nahm ihr die Tüten ab und befahl dem Hund, der schwanzwedelnd auf Grace zulief: „Owen, sei brav.“

Sie begrüßte den Hund, der ein rotbraunes Fell mit hellen Flecken auf der Brust und den Pfoten hatte. „Ein Elternteil ist ein Golden Retriever, nicht wahr?“, fragte sie Dante, der verblichene Jeans und ein graues T-Shirt trug, das seine muskelgestählten Arme in Szene setzte.

Er nickte. „Zur anderen Hälfte stammt er von einem deutschen Schäferhund ab.“

„Ein schönes Tier.“ Sie kniete sich hin, um den Hund zu streicheln. „Hast du den guten Tequila bekommen?“

„Komm herein.“ Er führte sie zur offenen Küche im Wohnbereich. Auf der Kücheninsel stand eine Flasche. „Bedien dich.“

„Tequila Anejo.“ Der Tequila, von dem jährlich nur hundert Liter in den Verkauf gingen, war in Eichenfässern gereift.

Dante nickte ihr zu und deutete auf die Zitronen in einem Drahtkorb. „Wie trinkst du ihn?“

„Pur natürlich. Als Barista lernst du schnell, wie man guten Alkohol am besten genießt.“ Tatsächlich war es nur ein vorübergehender Job. Sie hatte auf dem Reed College Geschichte und Pädagogik studiert und vor Kurzem ihren Traumjob ergattert. Im Herbst würde sie in der Valentine Bay Highschool Geschichte unterrichten. Bis dahin jobbte sie in wechselnden Schichten im Sea Breeze, denn sie mochte die flexiblen Arbeitszeiten dort.

Sie half ihm, die Flasche Tequila, Gläser, Teller und die Tacos zur Terrasse hinter dem Haus zu tragen. Der Krug mit Eiswasser, den sie ebenfalls mitnahmen, brachte sie zum Lachen. Es war typisch Dante, dafür zu sorgen, dass sie auch genug Wasser zu sich nahmen, während sie sich betranken.

Von der Terrasse aus hatte man nicht nur einen Blick auf den Garten mit den vielen Bäumen, sondern auch auf das weiter entfernte Immergrün am Rand der Klippe, auf das blaue Meer und den Horizont. Ein schmaler Weg führte zum Strand.

Grace setzte sich auf den gepolsterten Liegestuhl. Daneben stand ein gusseiserner Tisch. Ein großer, weißer Sonnenschirm spendete Schatten. Weil Dante darauf bestand, trank sie zuerst ein großes Glas Wasser und aß zwei Tacos, bevor sie sich zurücklehnte und den Tequila genoss. Owen lag ausgestreckt vor ihren Füßen.

„So lässt es sich leben. Was machen denn die Mädchen?“

Dante trank langsam einen Schluck Tequila. Mit Grace hier draußen zu sitzen, war wirklich nett. Sie war umgänglich, und es machte Spaß, mit ihr zusammen zu sein. Außerdem war sie mit ihrer platinblonden Mähne, der hellen Haut, den rosigen Lippen und den saphirblauen Augen zu einer wunderschönen Frau herangewachsen. Aber natürlich würde er sie niemals anmachen, denn ihre gemeinsame Geschichte war viel zu kompliziert.

Ihr drittältester Bruder Connor war seit der Kindheit sein bester Freund gewesen, doch dann hatte Connor gegen den Ehrenkodex verstoßen, indem er sich in Dantes einzige Schwester Aly verliebt und sie geheiratet hatte. Als Connor und Aly aus eigentlich nichtigen Gründen geschieden wurden, hatte Dante ihm sein Verhalten nicht verzeihen können. Damals hatte er sich geschworen, nie wieder mit Connor zu reden.

Im letzten Oktober hatten Connor und Aly dann aber zum zweiten Mal geheiratet, und vor einem Monat war ihre gemeinsame Tochter Emelia geboren worden. Jetzt waren Dante und Connor wieder Freunde.

Außerdem hatte er Grace immer als Kind betrachtet, wenn er an sie gedacht hatte. Bis vor Kurzem jedenfalls. Heute trug sie verwaschene Jeansshorts und ein bauchfreies Top. Als er ihr auf die Terrasse gefolgt war, hatte er sich nicht davon abhalten können, auf ihren Po und ihre schönen Beine zu starren … und auf all die zarte Haut …

„Dante … Hallo?“ Lachend streckte sie den Arm aus und schlug leicht gegen seinen. „Wie geht es Nicole und Natalie?“

„Gut. Wirklich gut.“ Er befahl sich, seine Gedanken wieder zu seinen achtjährigen Töchtern zu lenken. Sie lebten die meiste Zeit über bei seiner Ex-Frau Marjorie in Portland, wo sie zur Schule gingen. Aber sie verbrachten jedes Wochenende und sieben Wochen im Sommer bei ihm.

„Wann kommen sie denn her, um ihre Ferien hier zu verbringen?“

„Samstag in einer Woche.“

„Du zählst bestimmt schon die Tage.“

„Wie immer.“ Er war mit Leib und Seele ein Familienmensch. Marjorie war eine gute Mutter, trotzdem war ihm wohler zumute, wenn die Zwillinge bei ihm waren.

„Wie verstehen sie sich denn mit ihrem Stiefvater?“

An Ostern hatte seine Ex-Frau Dr. Roger Hoffenhower, einen Familientherapeuten und wirklich netten Kerl mit einem großen Herzen, geheiratet. „Bombig.“

„Lächle, wenn du das sagst“, spottete Grace.

„Ich mag Roger wirklich, aber irgendwie hasse ich ihn auch.“

„Warum?“

Er trank sein Glas aus. „Roger ist wahnsinnig gefühlvoll und feinfühlig.“ Mit anderen Worten: Er war alles, was Dante nicht war. „Außerdem mögen Nic und Nat ihn sehr. Kannst du es mir verübeln, dass ich den Typen hasse?“ Er fand ihr kurzes, heiseres Lachen viel zu anziehend.

„Alles, was ich jetzt sage, ist wahrscheinlich verkehrt.“

„Kluges Mädchen. Warum reden wir überhaupt über Roger?“

„Weil du ihn magst und gleichzeitig hasst und mit einer Freundin über deine widersprüchlichen Gefühle reden musst.“

Er starrte sie an. „Wir sind aber nicht hier, um über Roger zu reden.“

„Du hast damit angefangen, Officer.“ Sie zwinkerte ihm zu.

„Du hast dich nach ihm erkundigt.“

„Aber dann hast du mir erzählt, wie du wirklich zu ihm stehst, und das war mein Stichwort, dich dazu zu ermutigen, mehr darüber zu reden.“

„Falsch.“ Er hob sein Glas. „Wir riskieren gerade deinetwegen einen Leberschaden. Du musst mir also alles erzählen, was dir auf der Seele liegt, damit ich versuchen kann, all das hilfreiche Zeug zu sagen, durch das du dich besser fühlst.“

„Offensichtlich bist du genauso feinfühlig wie Roger.“

„Ich würde nicht darauf wetten“, grummelte er. „Aber ich bin immerhin bereit dazu, dir zuzuhören.“ Sie schenkte ihnen beiden noch mehr Tequila ein, den sie ein paar friedvolle Minuten lang schlürften.

„Ich habe mich heute Morgen mit Daniel gestritten“, sagte sie schließlich. Daniel Bravo war der Erstgeborene der Familie und eine Art Vaterfigur für seine Geschwister. Als ihre Eltern vor vielen Jahren während einer Auslandsreise gestorben waren, hatte Daniel das Sorgerecht für seine Geschwister bekommen und sie in ihrem Elternhaus großgezogen.

„Es war ein dummer Streit. Wir haben uns beide hinterher entschuldigt. Daniel und ich sind früher ständig aneinandergeraten, aber in letzter Zeit ist es besser geworden. In der Regel kommen wir ganz gut miteinander aus. Doch ich habe es satt, in meinem Elternhaus zu wohnen, und auch mein großer Bruder hat die Nase voll davon. Obwohl er es nie zugeben würde.“

Während sie und Dante den exquisiten Tequila tranken, erzählte sie ihm von dem kleinen Treuhandfonds, den sie und jeder ihrer Geschwister von ihren Eltern geerbt hatten … von ihren Reisen nach Europa während ihrer Zeit auf dem College und dem Schriftsteller, Bildhauer und Erfinder. Mit jedem dieser Männer hatte sie jeweils einen Sommer lang zusammengelebt und sie mit ihrem Erbe finanziell unterstützt.

„Sie waren brillant und interessant, und ich war in England, Irland und Italien. Das Beste von allem war, dass Daniel nicht dort war und mir nicht vorhalten konnte, dass ich eine verschwenderische Närrin bin, die von verantwortungslosen Männern ausgenutzt wird. Ich habe mich wirklich großartig amüsiert.“

„Aber …?“

Sie verdrehte die Augen. „Aber Niall, Keegan und Paolo waren sehr kostspielig, was bedeutet, dass ich am Ende des dritten Sommers irgendwie pleite war.“

Irgendwie pleite?“

Sie stellte ihr Glas ab und schenkte sich noch einen Tequila ein. Wahrscheinlich hätte er besser vorgeschlagen, dass nach dem dritten Tequila Schluss sein sollte, aber Grace war nicht nur schön anzusehen, sondern auch lustig, klug und hatte viel Herz. Das hatte er schon an den Abenden festgestellt, die er im Sea Breeze verbracht hatte.

Grace Bravo hatte wirklich alles. In ihrer Gesellschaft fühlte er sich irgendwie besser und sah das Leben positiver. Daher hielt er ihr sein Glas hin, und sie schenkte ihm noch einen Tequila ein.

„Doch es gibt auch gute Neuigkeiten.“

„Erzähl sie mir.“

Sie hob ihr Glas, als wolle sie vor dem Pazifischen Ozean salutieren. „Ich habe meinen Traumjob in der Valentine Bay Highschool ergattert. Im Herbst unterrichte ich dort Geschichte.“

„Meinen Glückwunsch. Das ist toll.“ Er stieß mit ihr an.

„Danke. Außerdem war ich in den letzten zwei Jahren sehr sparsam. An Weihnachten habe ich endlich genug Geld zusammen, um mir eine eigene Wohnung leisten zu können.“

„Du hattest also einen Streit mit Daniel, mit dem du dich aber schon wieder versöhnt hast?“

„Ja.“

„Du hast deine Finanzen wieder unter Kontrolle?“

„Stimmt.“

„Das hört sich doch gar nicht so schlecht an.“

„Ich brauche jetzt eine eigene Bleibe. Daniel und Keely sind gut zu mir.“ Keely war Daniels zweite Ehefrau. Seine erste Ehefrau war kurz nach der Geburt der Zwillinge vor fast vier Jahren gestorben. „Doch sie haben die Zwillinge und jetzt auch noch Marie.“ Die gemeinsame Tochter von Daniel und Keely war inzwischen anderthalb Jahre alt.

Grace trank noch mehr Tequila. „Die beiden haben ein Recht auf ihr eigenes Haus, und ich will mein Leben führen können, ohne dass mir mein großer Bruder ständig im Nacken sitzt. Meine besten Freundinnen Carrie und Erin teilen sich schon eine Wohnung. Da ist für mich kein Platz mehr. Ich könnte bei Harper und Hailey einziehen. Sie wohnen in dem großen, alten Landhaus, das Aislinn gehört.“

Harper, Hailey und Aislinn waren ihre Schwestern. Die Erstgeborene Aislinn hatte vor Kurzem geheiratet und war auf die Ranch gezogen, die ihrem Ehemann gehörte.

„Aber Harper und Hailey sind ein eingespieltes Team, da würde ich mich wie das fünfte Rad am Wagen fühlen. Ich hätte ein Zimmer im Haus einer netten, älteren Dame in der Cherry Street haben können. Doch heute Mittag hat Sonja mich angerufen und mir gesagt, dass ihr Sohn unerwartet wieder nach Hause zurückgekehrt ist und daher das Zimmer braucht. Also werde ich wahrscheinlich noch bis Weihnachten im Haus meines Bruders wohnen müssen.“

Er hatte zufälligerweise eine Lösung für ihr Problem. „Willst du die Blockhütte haben?“

„Welche Blockhütte?“ Sie blinzelte und sah sich um. „Bist du schon betrunken?“

Dante zeigte auf das südliche Ende seines Grundstücks, das durch die vielen Bäume halb verdeckt war. „Es ist eine Blockhütte für Gäste. Siehst du den Waldweg da hinten?“

Sie starrte in die Richtung. „Ja, ich sehe sie. Eine Blockhütte aus Holz mit einem grünen Blechdach?“

„Ganz genau. Ein Zimmer und ein Bad. Nichts Tolles, aber du hättest alles, was du brauchst. Strom, heißes und kaltes Wasser und einen Holzofen. Sogar WLAN. Dafür habe ich letztes Jahr gesorgt, als einer meiner Kollegen ein paar Monate lang eine Unterkunft gebraucht hat.“

„Warum vermietest du sie denn nicht regelmäßig?“

„Weil ich nicht möchte, dass eine fremde Person in der Nähe meiner Terrasse wohnt. Aber zum Glück bist du ja keine Fremde. Du kannst umsonst darin wohnen, solange du willst.“

Grace lehnte sich zurück. „Das wäre nicht richtig. Ich kann dir zumindest die Miete bezahlen, die ich auch Sonja bezahlt hätte.“

Er hielt die Hand in die Höhe. „Lass mich das doch einfach für dich tun. Du brauchst eine Bleibe, und die Blockhütte steht sowieso leer.“

„Wir sollten besser morgen darüber diskutieren, wenn wir beide nüchtern sind.“

„Na, komm schon, Gracie. Ich habe gerade dein Problem gelöst. Kannst du nicht einfach sagen: Danke, ich würde sehr gern umsonst dort wohnen.“

„Nicht an dem Abend, an dem es um Tequila und Mitgefühl geht.“ Sie seufzte schwer. „Denn jetzt müssen wir über ein interessanteres Thema reden … über die Liebe.“

„Es reicht.“

„Was?“

Er schnappte sich die Flasche und stellte sie auf seine Tischseite. „Kein Tequila mehr für dich.“

„Du bist so ein harter Hund. Aber ich habe dennoch vor, über die Liebe mit dir zu reden.“

Dante schenkte sich noch einen Tequila ein. Schließlich hatte er jetzt die Kontrolle über die Flasche. „Dann schieß los.“

Sie streifte sich die pinkfarbenen Sneakers ab und massierte Owens Bauch mit ihren Zehen. „Ich liebe deinen Hund.“ Als Owen sich zur Seite rollte und aufstand, sagte sie: „Komm zu mir, Süßer.“

Dante beobachtete, wie sein Hund zufrieden seufzend seinen Kopf auf ihre tollen Oberschenkel legte. Grace streichelte den Hund und kraulte ihn hinter den Ohren. Owen schloss die Augen und sonnte sich in ihrer Aufmerksamkeit.

„Bleibt Owen zu Hause, während du arbeitest?“

„Meine Nachbarin Adele hat eine Art Tagesstätte für Hunde. Bei ihr kann ich ihn vorbeibringen und abholen, wie es mir passt. Wenn ich nachts arbeite, bleibt er auch bei ihr.“

Sie lehnte sich zurück und starrte in den Himmel hinauf. „Wo waren wir? Ach ja richtig … bei der Liebe. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob ich jemals wirklich richtig verliebt war.“ Sie seufzte. „Ich war verknallt. Hals über Kopf, weißt du? Leider stehe ich immer auf die brillanten Männer, die niemand versteht und denen man unter die Arme greifen muss. Weißt du, was ich meine?“

Er betrachtete ihren sinnlichen Mund. „Erklär es mir.“

„Männer, die mich sehr teuer zu stehen kommen.“ Sie kicherte kurz, wurde dann aber wieder ernst. „Ich kann mir im Moment keine weitere Beziehung leisten. Könntest du bitte nicht so ein missbilligendes Gesicht machen?“

„Das tue ich gar nicht.“

„Doch, und du erinnerst mich dabei ein wenig an Daniel. Er kann auch eine richtige Spaßbremse sein.“ Sie schob ihr Glas über den Tisch und warf ihm einen bitterbösen Blick zu.

Dante schenkte ihr einen Tequila ein und entschied sich, dass er genauso gut ehrlich zu ihr sein konnte. „Weißt du, wie ich die romantische Liebe sehe? Sie ist totaler Quatsch.“

Sie schlug ihm erneut leicht auf den Arm. „Nimm das sofort zurück.“

„Das kann ich nicht. Tut mir leid. Was du Liebe nennst, ist nur eine Ausrede, um sich danebenzubenehmen.“

„Das stimmt überhaupt nicht.“

„Nimm doch nur meine Eltern.“

„Deine Eltern sind seit einer Ewigkeit glücklich verheiratet, oder nicht?“

„Ja, und wie“, antwortete er angewidert.

„Dante, das ergibt keinen Sinn. Sie sind glücklich miteinander. Geht es nicht genau darum?“

„Es geht darum, dass meine Mom siebzehn Jahre alt und schwanger war, als sie Dad geheiratet hat.“

„Ja, und? Sie sind trotzdem glücklich und seit über dreißig Jahren verheiratet.“

„Nach all den Jahren sind sie immer noch unbändig ineinander verliebt. Weißt du, wie oft ich als Kind meine Eltern beim Sex überrascht habe und wo überall? Nichts, wo man es treiben konnte, war vor ihnen sicher. Anscheinend ist das immer noch so.“ Der Beweis dafür war, dass seine Mom vor einem Jahr im Alter von achtundvierzig Jahren seinen kleinen Bruder Mac geboren hatte.

„Sieh dir meine Schwester an“, fuhr er fort. „Schon als Teenager hat sie deinen Bruder geliebt und war schamlos hinter ihm her, bis sie ihn sich endlich geangelt hatte. Sie hat ihn geheiratet, sich scheiden lassen und ist sieben Jahre später zu ihm zurückgerannt, um ihn erneut zu heiraten.“

„Aber ihre Ehe funktioniert jetzt. Connor und Aly sind sehr glücklich miteinander.“

„Romantische Liebe ist nur eine andere Bezeichnung für Wahnsinn.“ Er trank sein Glas aus. „Ich liebe meine Töchter. Das ist eine wichtige und würdevolle Liebe, die Sinn und Zweck hat.“

„Du bist einfach noch nicht der richtigen Frau begegnet. Das wird schon noch passieren.“

„Nein, wird es nicht, denn ich habe kein glückliches Händchen für Beziehungen, und das ist für mich vollkommen in Ordnung.“

„Das ist traurig.“

„Nein, ist es nicht.“

„Doch, ist es. Es tut mir leid, dass es mit dir und Majorie nicht geklappt hat. Aber fühl dich deshalb nicht schlecht, Dante.“

„Habe ich denn gesagt, dass ich mich deswegen schlecht fühle?“

„Jeder versagt mal in der Liebe.“

„Nicht meine Eltern.“

„Na gut, jeder außer deinen Eltern – und meinen Eltern – jetzt wo ich darüber nachdenke. Die waren auch bis zum Schluss total ineinander verliebt … und Daniel und Keely … und deine Brüder Pascal und Tony. Die sind auch glücklich verheiratet, nicht wahr? Nicht zu vergessen meine Schwester Aislinn und …“

„Stopp.“ Er stellte sein Glas mit mehr Wucht ab als nötig. „All diese glücklichen Paare. Ich halte das nicht mehr aus.“

„Du musst einfach nur Geduld haben. Wenn du Joseph und Randy dazurechnest, habe ich bereits fünf gescheiterte Beziehungen hinter mir, und nach Paolo habe ich Sex und Beziehungen komplett gemieden. Aber das bedeutet nicht, dass ich aufgegeben habe. Ich lege nur eine Pause ein. Das ist alles. Ich könnte jederzeit eine wilde Liebesaffäre haben, und eines Tages finde ich die Liebe, die deine Mom und dein Dad leben. Ich bin nicht entmutigt.“

„Soll das etwa heißen, dass ich entmutigt bin? Ich habe dir schon zwei Mal gesagt, dass ich es nicht bin. Du verstehst es nicht, Gracie. Für mich ist es vollkommen in Ordnung, wie es ist.“

„Hast du etwa gar keinen Sex mehr?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Oooh.“ Sie machte große Augen. „Also nur noch Affären, willst du das damit sagen?“

„Was ich sagen will, ist, dass mir mein Leben gefällt. Ich habe einen Job, der für die Gesellschaft wichtig ist, der mich interessiert und bei dem ich aufsteigen kann. Ich habe außerdem ein großartiges, wunderschön gelegenes Haus, einen guten Hund und zwei gescheite, schöne Töchter.“

Die Sonne war inzwischen untergegangen, und das Licht an der Schiebetür ging automatisch an. „Die Vorstellung an ein Leben ohne die Aussicht auf einen besonderen Menschen, den man liebt, schnürt mir die Luft ab.“

„Wie oft soll ich dir noch sagen, dass ich zufrieden bin, so wie es ist?“

„Ich weigere mich, zu glauben, dass du dich nicht verlieben willst. Dante, du bist ein toller Mann und du bist heiß.“ Mit leicht geöffneten Lippen nahm sie ihn in Augenschein. „Ernsthaft. Du bist wirklich heiß …“ Sie stand auf, ging zu ihm hinüber und setzte sich kurzerhand auf seinen Schoß. Kichernd schlang sie die Arme um seinen Hals und steckte die Zunge in sein Ohr.

Er wusste, was er zu tun hatte – sanft, aber bestimmt ihre Arme zu packen und sie weit genug von sich wegzuhalten, damit er in diese großen blauen Augen sehen und in einem beruhigenden Tonfall sagen konnte: Gracie, das ist keine gute Idee.

Aber ihre Zunge in seinem Ohr zu spüren, fühlte sich wirklich gut an. Fast so gut wie ihr Körper mit all den Rundungen und Kurven an seinem zu spüren. Ihm gefiel es, wie sie sich anfühlte … und sie konnte offenbar den knallharten Beweis dafür spüren, denn sie schnappte nach Luft und wisperte seinen Namen.

Sag ihr, dass das nicht passieren darf. Er öffnete den Mund, um genau das zu tun, aber in diesem Moment presste sie ihre weichen Lippen auf seine. Er gab sich diesem Kuss wie ein Ertrinkender hin, der bereitwillig immer tiefer unter die Wasseroberfläche sank. Gracie schmeckte nach Tequila und Sommer. Ihr Geschmack versprach etwas, das absolut richtig und perfekt war.

Natürlich war es ein leeres Versprechen, weil es nicht eingelöst werden konnte, aber es war verführerisch, weil die Welt dadurch ein viel schönerer Ort zu sein schien.

Auf seiner Terrasse, bei Anbruch der Nacht, wirkten ihr Geschmack, ihr Duft und das Gewicht ihres Körpers magisch auf ihn.

Sie beendete den Kuss jetzt. Aber nur, um mit geöffneten Lippen über seine Kieferlinie zu streichen und an seinem Kinn zu knabbern. Danach küsste sie ihn erneut, und trotz all seiner Einwände stürzte er sich wieder in die Fluten der Leidenschaft.

Er zog sie fest an sich und ließ seine Zunge in ihren Mund gleiten. Er war betrunken, aber nicht betrunken genug, um es nicht besser zu wissen. Sie waren Freunde und so etwas konnte eine Freundschaft ruinieren.

Außerdem verstieß er damit genau wie Connor gegen die eiserne Regel. Ihren Bruder hatte er deswegen einmal grün und blau geschlagen. Grace war Connors kleine Schwester, und ein Mann machte sich nun mal nicht an die kleine Schwester seines besten Freundes heran. Er sollte, konnte und würde nicht …

Aber sie schmeckte so unfassbar gut. Wie ausgezeichneter Tequila und die besten schlechten Entscheidungen … und sie fühlte sich so gut in seinen Armen an, dass alle Einwände der Welt dagegen nichts ausrichten konnten.

Abrupt löste sie sich von ihm und blinzelte ihn an. „Wir sind wohl beide ziemlich betrunken. Irgendwie nutze ich deine momentane Schwäche aus, oder?“

„Was zum … natürlich nicht.“

„Nein?“

Moment mal. Wahrscheinlich sollte er ihr einfach zustimmen, um diese unglaubliche Verrücktheit zu beenden. Sie küsste ihn erneut und vernebelte ihm damit auf die bestmögliche Art und Weise das Gehirn.

Danach legte sie die Hände auf seine Schultern und löste sich von seinem Mund. „Andererseits sind wir beide betrunken, also nutzt niemand den Zustand des anderen aus. Es geschieht in beiderseitigem Einverständnis. Was meinst du?“

Dante nickte, und sie schenkte ihm daraufhin ihr wunderschönes, strahlendes Lächeln.

„Wir sollten nach drinnen gehen, wo die Kondome sind. Du hast doch Kondome hier, oder?“

Jetzt bot sich ihm eine weitere Gelegenheit, ihr zu sagen, dass sie das nicht tun könnten, oder einfach zu lügen und zu sagen, dass er keine Kondome hatte … was auch immer nötig war, um diesem völlig unakzeptablen Verhalten entgegenzuwirken.

Er konnte aus vielerlei Gründen keinen Sex mit Grace haben. Aber keiner der Gründe leuchtete ihm im Moment wirklich ein. Ihr Mund war so verlockend, ihre Lippen waren von den Küssen leicht geschwollen, ihre Haut war gerötet, und ihre Augen so tiefblau. Er zog sie an seine Brust und stand mit ihr zusammen auf.

Er trug sie zur Schiebetür, die sie öffnete, und trat ins Haus, wo noch die Lampen brannten. Er versuchte erneut, einen klaren Gedanken zu fassen, und öffnete den Mund, um das Ganze sanft zu stoppen.

Doch als sie ihn erneut küsste, hüllte ihr Duft ihn ein. Ihre Haut fühlte sich samtweich und ihre Zunge feucht und köstlich an. Seine Einwände lösten sich in Luft auf und für ihn gab es plötzlich nur noch Lust und Verlangen. Sie fühlte sich einfach perfekt in seinen Armen an, schmeckte himmlisch, und ihr Duft brachte ihn um den Verstand. Er trug sie in sein Schlafzimmer.

2. KAPITEL

Grace wachte auf, als die Morgensonne ins Zimmer schien. Sie öffnete die Augen. Dante lag neben ihr. Er schlief tief und fest und sah wirklich friedlich aus, was ihr ein Lächeln entlockte.

Um ihn nicht zu wecken, drehte sie sich vorsichtig auf den Rücken und schloss lächelnd die Augen.

Was für eine Nacht! Wer hätte das gedacht? Sie hatte Dante schon immer heiß gefunden, allerdings auch viel zu kontrolliert. Er war ein wirklich guter Mann, aber er war nicht glücklich. Sie hatte immer angenommen, dass er der Typ Mann war, der sich im Bett nur schwer gehen lassen konnte. Da hatte sie sich offenbar getäuscht.

Als die nicht jugendfreien Szenen aus der vergangenen Nacht an ihrem geistigen Auge vorbeizogen, seufzte sie glückselig. Nach der ersten, wirklich spektakulären Runde hatten sie seine Tiefkühltruhe geplündert und Schokoladen-Eiscreme direkt aus dem Karton verschlungen. Dann hatte er ihr befohlen, noch mehr Wasser zu trinken, damit sie morgens nicht mit einem Kater aufwachen würde. Sie hatte ihn lachend einen Kontrollfreak genannt, das Wasser aber getrunken.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sie das wirklich schlechte Gefühl gehabt, dass er sich zurückziehen würde, aber sie hatte gewusst, wie sie ihn auf andere Gedanken bringen konnte. Sie hatte ihn leidenschaftlich geküsst, was wie ein Zaubertrick funktioniert hatte. Er hatte sie zurück ins Schlafzimmer getragen, wo sie erneut Sex gehabt hatten.

Irgendwann nach Mitternacht waren sie eingeschlafen. Was für eine Nacht. Sie konnte es kaum erwarten, das Ganze zu wiederholen.

Leise stand sie auf, zog ihre Kleider an und verließ auf Zehenspitzen das Zimmer. Owen wartete auf der anderen Seite der Schlafzimmertür. „Musst du nach draußen?“, flüsterte sie. Der Hund jaulte leise und lief zur Schiebetür. Auf der Terrasse standen noch ihre Sneaker, die sie anzog.

Sie nahm ihre Handtasche mit und ging mit Owen zu den Bäumen, damit er sein Geschäft verrichten konnte. Währenddessen überprüfte sie ihr Handy. Daniel hatte sich zwei Mal gemeldet und sich erkundigt, ob bei ihr alles in Ordnung war.

Oje! Sie hatten vereinbart, dass sie sich meldete, wenn sie über Nacht nicht nach Hause kam. Sie antwortete ihm hastig.

Entschuldige. Ein bisschen zu viel Tequila zu Hause bei Dante Santangelo getrunken. Bin zur Sicherheit hiergeblieben. Mir geht es gut. Komme bald nach Hause.

Sie schrieb nicht, dass sie den besten Sex aller Zeiten gehabt hatte, so genau wollte es ihr großer Bruder bestimmt nicht wissen. Er antwortete sofort.

Dann ist ja alles in Ordnung. Danke, dass du dich gemeldet hast.

Auf dem Rückweg ins Haus nahm sie das Geschirr vom Abendessen, die Gläser und die fast leere Flasche mit. In der Küche lief Owen sofort zu seinem leeren Futternapf und sah sie traurig an. In der Speisekammer fand sie eine Dose Hundefutter und stellte ihm frisches Wasser und einen gefüllten Napf hin.

„Jetzt brauche ich erst mal einen Kaffee.“ Sie ging zur Kaffeekapselmaschine und trank, als Dante in die Küche kam, gerade den ersten Schluck Kaffee. Er trug Jeans und ein frisches T-Shirt.

Bei seinem Anblick ging ihr sofort das Herz auf. Die dicken, welligen Haare und diese braunen Samtaugen … die breiten Schultern und schmalen Hüften … der Waschbrettbauch und die schmale Linie von schwarzen Haaren, die hinunter zu unglaublicher Lust und Ekstase führte.

Er hatte sich auf die beste Art und Weise in ihr Gedächtnis eingebrannt. Doch dann begegnete sie seinem Blick, und noch bevor er den Mund aufmachte, wurde ihr schmerzlich klar: Der Kontrollfreak ist mit aller Macht zurückgekehrt.

„Hey“, sagte er.

„Hey.“

Er streichelte kurz Owen. „Du hast den Kaffee gefunden?“

Sie hob den Becher hoch und rückte ein wenig zur Seite, um Platz vor der Kaffeemaschine für ihn zu machen. Sie schwiegen beide, während er die Maschine in Gang setzte. Grace trank ihren Kaffee und wartete stumm. Ihm die Chance zu geben, sie nicht zu enttäuschen, schien nur fair zu sein.

„Gracie, ich …“

Er bereute, was letzte Nacht passiert war, und würde ihr jetzt sagen, dass dies nie wieder passieren durfte. Aber sie weigerte sich, ihm auf irgendeine Weise dabei zu helfen.

„Gracie, siehst du mich bitte an?“

Sie unterdrückte ein Seufzen und drehte sich zu ihm um. In seinen Augen waren Reue und Selbstvorwürfe zu sehen.

„Es tut mir leid. Ich hätte die Finger von dir lassen müssen. Ich bin zu alt für dich und ohnehin nicht für eine Beziehung geschaffen. Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Aber ich schwöre dir, dass es nie wieder vorkommen wird.“

Was sollte sie darauf erwidern? Was stimmte bloß nicht mit ihm? Kein Wunder, dass die Ehe mit Marjorie nicht funktioniert hatte. Aber sie riss sich zusammen, während er noch weitere Entschuldigungen vorbrachte. Sie betrachtete seinen sinnlichen Mund und fragte sich, wie ein so toller Mann eine solche Spaßbremse sein konnte.

Vielleicht würde er sich ja wieder entspannen, wenn sie ihn küsste. Vielleicht würde er dann zugeben, dass die letzte Nacht einfach sensationell gewesen war. Dass zwischen ihnen die Funken gesprüht hatten, und er nicht auf all das verzichten wollte.

Wenn sie ihn küsste, würde er den Mund halten und wieder bereit für noch mehr heißen Sex sein. Das hatte schließlich schon mehr als einmal funktioniert. Aber sie konnte sich ihm ja nicht jedes Mal an den Hals werfen, wenn er sich Vorwürfe machte.

Eine Frau hatte schließlich auch ihren Stolz. Er hielt letzte Nacht für einen Fehler? Ein oder zwei Minuten lang hatte sie sich erlaubt, zu glauben, dass sie beide viel Spaß miteinander haben könnten, aber er sollte seinen Willen bekommen.

Sie würde ihm zustimmen, ihm aber dann genau vor Augen führen, was ihm entging. Wenn er es dann nicht mehr aushielt und um eine weitere Chance bettelte, würde sie einfach erwidern, dass er zu alt für sie war, und es daher nicht richtig wäre, miteinander ins Bett zu gehen. Nein, sie war überhaupt nicht rachsüchtig …

„Du hast recht, Dante“, sagte sie nun übertrieben ernst. „Es war ein großer Fehler, der nie wieder vorkommen darf. Das Angebot mit der Blockhütte nehme ich aber an. Lieben Dank.“

Für einen Sekundenbruchteil war er perplex, doch dann nickte er ernst. „Nun, dann … in Ordnung.“

„Ist die Hütte möbliert?“ Ihre Möbel mitzubringen, wäre kein Problem. Sie konnte die Einrichtung ihres Zimmers bei Daniel verwenden. Außerdem standen im Keller und auf dem Dachboden ihres Elternhauses viele ausgelagerte Möbelstücke herum.

„Es gibt einen Tisch, ein Bett, eine Kommode, ein paar Stühle und Kücheninventar.“ Er nahm den Schlüssel aus einer Schublade und gab ihn Grace. „Hier. Was du nicht brauchst, kann ich gern hier einlagern. Ich habe genug Platz.“

„Prima. Ich muss heute wieder nicht arbeiten, also könnte ich sofort einziehen.“ Als er die Stirn runzelte, war sie sich sicher, dass er zurückrudern würde. Vielleicht würde er sagen, dass sie die Sache noch einmal überdenken sollten, nachdem sie die ganze Nacht lang fantastischen Sex gehabt hatten.

„Ich habe heute und morgen ebenfalls frei. Das heißt, ich kann dir beim Umzug helfen.“

„Danke, aber das kriege ich schon hin.“ Sie würde einen Transporter organisieren müssen. Außerdem würde ihr einer ihrer Brüder oder einer ihrer Freunde helfen müssen, die schweren Sachen zu tragen.

Dante blickte sie finster an. „Ich habe gesagt, ich helfe dir. Wir können meinen Pick-up nehmen.“

Sie lächelte ihn strahlend an. Er war wirklich ein toller Mann … mal abgesehen davon, dass er eine Spaßbremse war. „Aber ich hasse es, dich weiter zu missbrauchen.“

„Das tust du nicht. Komm schon, lass mich dir helfen.“

„Dann erneut lieben Dank.“

„Grace, hat das Ganze unsere Freundschaft ruiniert?“, fragte er sehr ernst.

Sie hatte ein ungeheures Verlangen danach, ihn leiden zu sehen. Es kostete sie große Mühe, ihn nicht mit unschuldiger Stimme zu fragen, was er mit das Ganze genau meinte.

„Nein, das ruiniert nichts. Jedenfalls nicht für mich.“ Sie erwiderte seinen Blick. Würde er darauf bestehen, darüber zu reden? Würde er ihr all die Gründe darlegen, warum sich die letzte Nacht nicht wiederholen dürfte – und nicht wiederholen würde? Das war das Letzte, was sie gerade brauchte. „Dein Kaffee ist fertig.“

„Richtig.“ Er nahm seinen vollen Kaffeebecher, und einen Moment lang tranken sie beide und sahen sich nicht an. Dann bot er an: „Wie wäre es mit Frühstück?“

„Sehr gern.“

Dante begleitete Grace später zur Blockhütte.

Sie sah sich begeistert um. „Ich liebe diese Hütte. Hier ist Platz für einen Sitzbereich und mein Bett. Ganz zu schweigen davon, dass es tatsächlich eine Küche gibt.“

„Sie ist ziemlich einfach gehalten.“ Sie bestand aus einer kleinen Küchenzeile mit Spüle, Herd, Kühlschrank, Arbeitsplatte und Küchenschränken dazwischen.

„Sag nichts gegen meine neue Küche.“

Sie sieht einfach hinreißend aus in den knappen Jeansshorts und dem T-Shirt, das ihren flachen Bauch entblößt und über ihren Brüsten spannt – Brüste, die er nie mehr berühren und streicheln würde.

„Außerdem ist alles so sauber.“

„Ich habe vor ein paar Wochen durch eine Rabattaktion einen Reinigungsdienst hier gehabt, der neben dem Haus auch die Blockhütte sauber gemacht hat.“

„Über der Spüle gibt es ja sogar ein Fenster.“ Sie lehnte sich über die Spüle, um hinauszuschauen.

Unter dem ausgefransten Saum der Jeansshorts lugte eine Pobacke hervor. Diese Shorts sollten verboten werden. Er biss die Zähne zusammen. Vergiss letzte Nacht und genieß einfach den atemberaubenden Anblick ihres wohlgeformten Pos, ermahnte er sich.

„Perfekt.“ Sie seufzte glücklich und sah sich begeistert das Sammelsurium von Töpfen, Pfannen, Geschirr, Gläsern und Besteck in den Schränken und der Schublade an.

Er beobachtete, wie sie sich streckte, um in die Hängeschränke zu sehen. Ihre Pobacke blitzte mehr als einmal hervor, und unter dem T-Shirt zeichneten sich ihre Brüste ab. Ich muss aufhören, auf ihre Brüste zu starren.

„Ich behalte das Sofa, den Küchentisch und die Stühle. Du hast ja gesagt, du kannst die anderen Sachen irgendwo einlagern, oder?“

„Im Schuppen hinter der Garage. Das ist kein Problem“, meinte er. Sie erzählte ihm vergnügt von einem Flickenteppich in ihrem Elternhaus, der perfekt für die Hütte wäre. Außerdem wollte sie Rhododendren neben der Haustür pflanzen. Er stimmte allem zu, denn sie war eine Freundin, und ein Mann half seinen Freunden. Auch wenn er Grace nach letzter Nacht wohl nie mehr ansehen könnte, ohne sie sich nackt vorzustellen. Sie sah nackt nämlich unglaublich aus. Wenn sie erregt war, schien ihr ganzer Körper zu erröten. Aber daran würde ab jetzt nicht mehr denken.

Zusammen trugen sie die Kommode und das Bett zum Schuppen. Danach folgte er ihr mit dem Pick-up zu ihrem Elternhaus. Ihre Schwägerin Keely war mit den Kindern und ihrer Mutter Ingrid zu Hause. Ingrid gehörte das Sea Breeze.

„Wir müssen reden“, sagte Keely jetzt.

„Du hast recht“, meinte Grace und ging mit ihr in ihr Zimmer.

Dante blieb so lange mit Ingrid, den Zwillingen Frannie und Jake und der kleinen Marie in der Küche.

„Hat dir Gracie erzählt, dass sie ab September nicht mehr für mich arbeitet?“, fragte Ingrid.

„Ja, sie scheint sich sehr darauf zu freuen, als Lehrerin zu arbeiten.“

„Ich hasse es, dass sie aufhört, aber die Guten kann man leider nicht ewig behalten.“

Leider hatte Grace ihm nur für eine Nacht gehört. Von ewig konnte also keine Rede sein. Außerdem war gehören das absolut falsche Wort dafür.

„Dante?“ Sie verbarg ein Grinsen. „Hörst du mir überhaupt zu?“

„Äh, ja. Du hast recht.“

Grace kam nun dicht gefolgt von Keely wieder in die Küche. „Sobald wir all meine Sachen in Dantes Hütte gebracht haben, fahre ich zu Daniel, um mit ihm persönlich zu reden.“ Ihr ältester Bruder leitete das Familienunternehmen Valentine Logging.

„In Ordnung“, sagte ihre Schwägerin.

Als Grace ihn ansah, schien Dante ihren Blick förmlich auf der Haut spüren zu können. Hatte es ihn etwa total erwischt? Darüber dachte er am besten gar nicht nach.

„Bist du bereit, einige Möbel zu deinem Pick-up zu schleppen?“

„Ja, legen wir los.“

Ein paar Stunden später hatten sie ihre Schlafzimmermöbel, Kleider und die Umzugskartons in zwei Autos verfrachtet. Sie fuhren zurück zu seinem Haus und brachten alles in die Blockhütte. Es gab einen Kiesweg, der von der Einfahrt direkt zur Hütte führte. Also konnten sie bis vor die Tür fahren.

Er half ihr, das Bett aufzubauen. Anschließend ließ sich Grace darauf fallen und stöhnte laut, was dazu führte, dass er unwillkürlich an letzte Nacht dachte.

„Vielen Dank, Dante. Du bist so eine große Hilfe. Jetzt suche ich in all den Kisten nach einem Stück Seife und einem Handtuch, dusche kurz und fahre anschließend zu meinem großen Bruder, um ihm zu sagen, dass ich eine neue Bleibe gefunden habe.“

Er bemerkte, dass er einen Riesenhunger hatte. Das Frühstück war ihre letzte Mahlzeit gewesen. „Komm doch zuerst ins Haus. Du solltest etwas essen. Wir können Sandwiches machen.“ Doch sie blieb liegen und sah mit den weit ausgestreckten Armen viel zu einladend aus.

„Das geht nicht. Ich muss Daniel noch erwischen, bevor er nach Hause fährt.“

Sie setzte sich hin und löste das Gummiband, mit dem sie die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Sie fielen ihr nun über die Schultern und auf den Rücken.

Er wollte sie am Arm packen, hochziehen, ihre platinblonde Mähne um seine Hand wickeln und ihren Kopf nach hinten beugen, damit er an ihrem Hals knabbern konnte.

„Das Frühstück ist schon ewig her.“ Er hörte sich wie eine Glucke an und sollte daher besser sofort den Mund halten. „Du solltest wirklich etwas essen.“

Ihr Lachen weckte die Sehnsucht nach etwas in ihm, das er nie bekommen würde. Wenn ihm die Lust nach ihr zwischenzeitlich nicht das Gehirn vernebelte, dachte er daran, dass sie vielleicht darüber reden sollten, was gestern Nacht passiert war. Aber was sollte er sagen? Wahrscheinlich war es besser, die ganze Sache einfach auf sich beruhen zu lassen.

„Ich hole mir auf dem Weg einen Hamburger. Versprochen.“

Dante ließ ihr ihren Willen. Nachdem sie sich noch einmal bedankt hatte, kehrte er mit Owen in sein Haus zurück.

Grace ging direkt in Daniels Büro. Er saß am Schreibtisch vor dem Laptop und sah auf, als sie hineinkam. „Keely hat gesagt, dass du vorbeikommst.“ Er stand auf und setzte sich mit ihr auf das Sofa. „Was gibt es?“

„Dante Santangelo hat angeboten, dass ich in der Blockhütte auf seinem Grundstück wohnen kann. Ich habe zugesagt und bin heute sofort umgezogen.“

„Sind Dante und du …?“, fragte er vorsichtig.

„Wir sind Freunde. Mit gewissen Vorzügen – aber nur für eine Nacht. Wir haben uns im Sea Breeze besser kennengelernt. Er kommt dort ein paarmal in der Woche auf ein Bier vorbei.“

„Dante ist ein guter Mann.“

Grace bemerkte, dass ihr übergriffiger großer Bruder sie auf einmal wie eine Erwachsene behandelte und er schon zum zweiten Mal andeutete, dass Dante und sie vielleicht auf dem Weg waren, ein Paar zu werden. „Wie gesagt: Dante ist nur ein Freund.“

Daniel musterte sie einige Sekunden lang, bevor er sanft sagte: „Dein Zimmer steht weiterhin für dich bereit. Komm zurück nach Hause, wann immer du ein Zuhause brauchst.“

Ihre Kehle wurde eng. „Ich werde mir große Mühe geben, es nicht zu tun. Du solltest mein Zimmer als Gästezimmer benutzen. Du musst es nicht einmal ausräumen, weil ich all meine Sachen mitgenommen habe.“

„Ohne dich wird es nicht mehr dasselbe sein.“

Er hörte sich an, als wenn er auch gerührt wäre. Das war seltsam, denn seit sie elf Jahre alt geworden war, schienen sie sich ständig zu streiten. Aber im Moment empfand sie nur Zuneigung und Dankbarkeit dafür, dass er die Familie zusammengehalten hatte, nachdem ihre Eltern gestorben waren. „Es tut mir leid, dass wir nicht immer gut miteinander ausgekommen sind. Ich glaube, meine eigene Bleibe zu haben, wird gut sein, weißt du?“

„Ja.“

Es war der richtige Zeitpunkt, um ihm zu sagen, was sie wirklich über ihn dachte. „Du bist toll, aber wir verlassen uns alle zu sehr auf dich. Ich habe dich sehr lieb, Daniel.“

„Ich dich auch, und ich bin stolz auf dich, Gracie. Du machst die Dinge auf deine Art, und ich lerne allmählich zu akzeptieren, dass du nicht länger meine kleine Schwester, sondern erwachsen bist.“ Als sie aufstand, nahm er sie in die Arme. „Brauchst du Hilfe beim Umzug?“

„Nein, das ist schon erledigt. Aber danke.“

„Melde dich, wenn ich irgendetwas für dich tun kann.“

„Dasselbe gilt für dich.“ Sie lächelte ihn an.

Auf dem Rückweg aß sie einen Hamburger und kaufte Lebensmittel ein. Es war schon sieben Uhr abends, als sie fast alle Lebensmittel weggeräumt hatte und Dante an die Tür klopfte.

Du meine Güte, sah er gut aus. Offenbar hatte er geduscht. Er war frisch rasiert, duftete nach Aftershave und trug eine schwarze Jeans und ein kariertes Hemd. Die Ärmel hatte er hochgekrempelt, was ihren Blick auf seine muskulösen Unterarme lenkte. „Genau der Mann, den ich sehen wollte. Ich habe etwas für dich.“

„Was denn?“, fragte er besorgt.

„Du bist immer so argwöhnisch.“ Sie ließ ihn und Owen herein. „Hier.“ Als sie den Umschlag mit dem Scheck aus der Tasche ihrer Shorts zog, hob er abwehrend die Hände.

„Lass es gut sein. Ich habe dir doch gesagt, dass es nicht nötig ist.“

„Das sind die fünfhundert Dollar, die ich Sonja als Miete bezahlt hätte.“

„Behalte sie.“

„Nein.“

„Gracie.“

„Hör mir zu. Ich weiß, dass die Miete für eine wohnliche Blockhütte im Wald mit einem Weg zum Strand erheblich höher ist. Aber zumindest kommt der Betrag für die monatlich anfallenden Kosten auf.“

„Nein, vergiss es.“

„Fünfhundert Dollar monatlich.“ Sie reckte das Kinn. „Wenn du das Geld nicht annimmst, zwingst du mich, meine Sachen wieder in mein Auto zu laden und erneut bei Daniel einzuziehen. Ich liebe meinen großen Bruder, und er liebt mich, aber es ist definitiv an der Zeit, dass ich bei ihm ausziehe.“ Sie drückte ihm den Scheck in die Hand.

Er sah auf den Umschlag und dann wieder zu ihr. Owen, der zu ihren Füßen saß, blickte sie beide an und winselte.

„Alles in Ordnung“, sagte sie zu dem Hund. „Dein Herrchen ist nur stur. Aber wir kriegen das hin.“

„Du gibst nicht auf, nicht wahr?“, fragte er verärgert.

„Nein, und du musst den Scheck in den nächsten Tagen einlösen. Wenn du es nicht tust, weiß ich, dass es dir lieber ist, wenn ich nicht mehr hier wohne. Dann ziehe ich sofort aus.“

„Jetzt drehst du den Spieß also einfach um?“

„Willst du nicht, dass ich ausziehe?“

„Natürlich nicht.“

Sie war sehr erleichtert, denn sie hatte irgendwie befürchtet, dass er es nach letzter Nacht vorziehen würde, wenn sie nicht auf seinem Grundstück wohnte. „In Ordnung“, sagte sie. „Dann also fünfhundert Dollar im Monat.“

„Mach doch, was du willst.“

„Wir wissen beide, dass es ein Schnäppchen ist. Die Hütte ist so viel besser als ein Zimmer in einem Haus.“ Sie ging zurück zur Küchentheke, um die restlichen Lebensmittel wegzuräumen. Da er keinen Ton sagte, warf sie einen Blick über die Schulter. Er stand immer noch mitten im Raum und war von Plastiktaschen, Umzugskartons und Koffern umgeben.

„Wie kann ich dir helfen?“

Sie drehte sich zu ihm um. „Du hast mir den ganzen Tag über geholfen. Geh nach Hause, mach eine Pause oder trink im Sea Breeze ein Bier.“

„Hast du etwas gegessen?“

„Ja, Mama.“

„Du musst erschöpft sein.“

Das war sie nicht wirklich. Sie hatte eine Menge Energie und war außerdem aufgeregt, weil sie endlich ihre eigene Bleibe hatte. Vielleicht würde sie einen Spaziergang am Strand machen, bevor sie ins Bett ging. „Ich glaube, ich habe meinen toten Punkt überwunden, und das Bett ist schon gemacht.“ Allerdings lagen zwei Koffer und ein Stapel Handtücher darauf. „Wenn ich müde bin, kann ich einfach alles runternehmen und ins Bett fallen.“

Dante starrte auf den Flickenteppich, der noch zusammengerollt neben dem Sofa lag. „Lass uns den Teppich hinlegen.“

Sie stemmte die Hände in die Hüften. „Du kannst einfach nicht aufhören zu helfen, nicht wahr?“ Als er sie breit anlächelte und seine perfekten weißen Zähne aufblitzten, geriet sie ein wenig in Verzückung.

„Ich weiß, dass du Hilfe brauchst, um die Möbel aus dem Weg zu räumen.“

Das stimmt. „Nun ja, da du mich so nett darum bittest …“ Gemeinsam schoben sie die Möbel zur Seite, legten den Teppich an den dafür vorgesehenen Platz und stellten die Möbel darauf. „Das sieht gut aus. So gemütlich und anheimelnd.“

Er ging zu den Koffern hinüber, die auf dem Bett lagen. „Wir sollten das Bett freimachen und herausfinden, wo wir all die Sachen unterbringen können.“

Da sie wusste, was in den Koffern war, wollte sie ihn beinahe stoppen. Doch dann erinnerte sie sich daran, dass sie ihm vor Augen führen wollte, was er sich entgehen ließ. Aber er hatte ihr nicht nur die Hütte zur Verfügung gestellt, sondern ihr auch beim Umzug geholfen. Der Mann war ein wahrer Freund.

Nachtragend zu sein, weil er gesagt hatte, dass er keinen Sex mehr mit ihr haben wollte, war nicht richtig. Andererseits machte ihr kleiner Racheplan zu viel Spaß, um ihn einfach aufzugeben. Außerdem war Dante viel zu angespannt, und sie half ihm nur zu gern dabei, lockerer zu werden.

Sie ging zum Bett und stellte sich neben ihn. Er öffnete den Koffer, in dem stapelweise hübsche BHs, sexy Slips und hauchdünne Nachthemden lagen. Er starrte auf all die verführerische Wäsche und wusste offenbar nicht so recht, was er jetzt sagen sollte.

„Ich gebe zu, dass ich eine Schwäche für Lingerie habe“, sagte sie. „Im letzten Jahr habe ich meine Sucht nach schönen Dessous eingeschränkt, um endlich ein bisschen Geld zu sparen, aber ich habe immer noch so viel Unterwäsche, dass sie nicht in die Schubladen passt.“

Grace schnappte sich einen knappen rosaroten Satintanga und einen schwarzen Pantie, der fast nur aus Spitzenstoff bestand. „Was meinst du? Einen String?“ Sie ließ das Stückchen Stoff an der Spitze ihres Zeigefingers baumeln. „Oder Panties?“ Sie wedelte mit dem schwarzen Spitzenstoff.

Er warf ihr einen sehr geduldigen Blick zu, konnte ein gewisses Glühen in seinen Augen aber nicht verbergen. „Die Schubladen sind schon alle voll, sagst du?“

„Ja.“ Sie drückte beide Slips an ihre Brüste.

„Ich schlage vor, wir holen die Kommode wieder aus dem Schuppen.“ Er zeigte auf eine leere Ecke neben dem Fenster auf der anderen Seite des Betts. „Dort sollte sie hinpassen.“

Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Genial.“ Wie weit sollte sie dieses Spiel noch treiben? Er schien noch gar nicht bemerkt zu haben, dass zwischen all der Lingerie aus Seide, Spitze und Satin auch noch fünf Sexspielzeuge lagen. Denn eine Frau, die romantischen Verwicklungen eine Weile aus dem Weg ging, brauchte definitiv ab und zu ein wenig Stimulation. Sie war kurz davor, ihren Lieblingszauberstab zu nehmen und mit diebischer Freude damit hin und her zu wedeln.

Doch er war schon im Begriff, sich zur Tür umzudrehen. „Dann mal los. Holen wir die Kommode.“

Nachdem sie diese wieder in die Hütte getragen hatten, bestand sie erneut darauf, dass er schon genug getan hatte, aber er ließ sich nicht davon abhalten, ihr dabei zu helfen, die Plastiktüten, den anderen Koffer und die Kartons auszuräumen. Irgendwie fanden sie für alles einen Platz. Ihre Lingerie und die Sexspielzeuge räumte sie allerdings allein weg.

Erst nach neun Uhr kehrte er zurück zu seinem Haus. Sie stand an der Tür, als er ging. „Der Umzug ist fast erledigt. Danke nochmals.“

„Jederzeit. Komm, Owen.“

Sie sah ihm hinterher, als er mit dem Hund zu seinem Haus ging. Nein, sie hatte ihren Plan noch nicht aufgegeben, ihn vor lauter ungestillter Lust in den Wahnsinn zu treiben, aber das brauchte Zeit, denn er war eine harte Nuss. Glücklicherweise wohnte sie jetzt hier und hatte alle möglichen Gelegenheiten, ihn sexuell gefügig zu machen – und das würde ihr sehr viel Spaß bereiten.

3. KAPITEL

Dante stand vor der Terrassentür und starrte auf den Weg, der zum Strand führte, während die Sonne endgültig hinter dem Horizont versank.

Er hatte vorhin ihre pinkfarbenen und violetten Sexspielzeuge gesehen.

Wenigstens hatte Grace sie in die Kommode geräumt, ohne sie in Szene zu setzen. Ihr plötzlicher Anfall von Diskretion hatte ihn überrascht. Schließlich hatte sie ihn zuvor gefragt, welche Dessous er bevorzugte. Er hatte nicht geglaubt, dass sie sich die Chance entgehen lassen würde, ihn damit zu reizen.

Aber diese Frau würde ihn auch ohne die Dessous und Sexspielzeuge in den Wahnsinn treiben. Er wollte sie berühren, sie an sich ziehen, ihre schönen Lippen küssen. Er wollte stundenlang mit ihr im Mondlicht auf der Terrasse sitzen und ihr irgendetwas zuflüstern, um ihr Lachen hören zu können und sich in ihrem hinreißenden Lächeln zu sonnen.

All das klang so verdammt romantisch, aber es würde niemals stattfinden. Er hatte es wirklich vermasselt. Zuerst hatte er zu viel Tequila getrunken und dann dem Verlangen nach Sex mit einer guten Freundin nachgegeben. Mit jemandem, der ihm am Herzen lag, und den er nicht verlieren wollte. Jetzt wollte er seine Freundin zurückhaben, würde aber gleichzeitig nie mehr vergessen können, wie sie nackt aussah.

Ihm war klar, dass sie ihn absichtlich mit den Dessous gequält hatte. Grace war jung, unbefangen und unkonventionell. Sie war ganz anders als er und passte daher nicht zu ihm – selbst wenn er auf der Suche nach einer Partnerin wäre, was nicht der Fall war. Sein Leben war so, wie es war, genau richtig, und bei dem Versuch, eine richtige Beziehung zu führen, würde er wahrscheinlich alles vermasseln.

Er hätte nicht mit ihr schlafen dürfen, dennoch konnte er sich nicht dazu bringen, es zu bereuen. Die Nacht war perfekt und der Sex überwältigend gewesen. Dennoch war sie immer noch die schlagfertige Gracie mit ihrem übersprudelnden Lachen. Gracie, die sich genau richtig in seinen Armen anfühlte, wie sich herausgestellt hatte.

Aber das war letzte Nacht gewesen. Jetzt wollte er nur noch ihr Freund sein. Das starke Verlangen nach einer Wiederholung würde bestimmt im Laufe der Zeit nachlassen. Ihr eine Weile aus dem Weg zu gehen, war alles, was er tun musste. Dann würde sich das Problem garantiert von selbst lösen.

Seit Dante Detective war, arbeitete er tagsüber, und nachts hatte er Bereitschaft, falls schwere Verbrechen passierten, was in Valentine Bay aber nur sehr selten vorkam. Doch er versuchte, flexibel zu sein und für andere Kollegen einzuspringen, um mehr Spielraum zu haben, wenn seine Töchter wieder bei ihm waren.

Daher hatte er für die nächsten fünf Tage die Nachtschicht übernommen. In Valentine Bay kämpfte man als Polizist während der Nachtschichten meistens nur gegen die Langeweile an. Dieses Mal hatte die Nachtschicht aber einen positiven Nebeneffekt.

An fünf aufeinanderfolgenden Tagen würde er erst um neun Uhr morgens nach Hause kommen. Anschließend trainierte er immer eine Stunde im Fitnessstudio, frühstückte und schlief dann bis zum Nachmittag.

Sie hingegen arbeitete entweder von mittags bis abends um zehn Uhr oder von sechs Uhr abends bis zur Sperrstunde. Also waren sie beide zu vollkommen unterschiedlichen Schichten eingeteilt. Nicht im Sea Breeze vorbeizuschauen, war alles, was er tun musste, um Grace nicht zu sehen. Aus den Augen, aus dem Sinn, das sagte man doch, oder?

Bis auf die Tatsache, dass er nicht aufhören konnte, an sie zu denken. Außerdem hatte er sie an den meisten Nachmittagen vor Augen, wenn sie vor der Hütte Rhododendren pflanzte. Dabei trug sie ein winziges, bauchfreies Top und diese Jeansshorts, die verboten gehörten, oder einen sehr knappen Bikini, wenn sie zum Strand hinunterging.

Offenbar war sie in dieser Woche zur Spätschicht eingeteilt, weshalb er den ganzen Nachmittag über und den größten Teil des Abends auf der Terrasse ihren Anblick genießen konnte. Er ertappte sich dabei, dass er jetzt ständig aus dem Fenster sah … und dann war da auch noch Owen. Der verdammte Hund hatte sich offenbar in Grace verliebt und haute jedes Mal ab, um zur Hütte zu laufen, wenn Dante die Tür öffnete.

Wenn sie daheim war, brachte sie Owen zu seinem Haus zurück, was sehr nett von ihr war. Dann bedankte er sich bei ihr und machte ihr die Tür vor der Nase zu, denn Grace aus nächster Nähe zu sehen und sie sich dabei nicht nackt vorzustellen, war wirklich hart – und die Betonung lag auf hart.

Am Samstagnachmittag rief sie ihn an, um ihm zu sagen, dass das Rohr unter dem Waschbecken im Bad undicht war. Sie hatte einen Topf darunter gestellt und fragte, ob sie einen Klempner anrufen sollte.

„Ich kümmere mich selbst darum“, antwortete er.

Sein Dad hatte das Sanitärfachgeschäft von seinem Vater geerbt. Als Dante noch auf die Highschool gegangen war, hatte er jeden Sommer bei seinem Vater gearbeitet. „Jetzt gleich?“

„Das wäre super.“

Als er in der Hütte eintraf, trug sie einen kurzen Morgenmantel im Kimonostil und vermutlich nichts darunter. Als sie sich hinkniete, um Owen zu streicheln, versuchte er, nicht auf ihre nackten, geschmeidigen Beine und nicht in den weiten Ausschnitt des Kimonos zu blicken.

„Ich wollte gerade duschen, als ich das Wasser auf dem Boden gesehen habe.“

Jetzt stellte er sich unweigerlich vor, wie sie nackt unter der Dusche stand. Es gab endlos viele Möglichkeiten, sich Grace nackt vorzustellen, und er musste unbedingt aufhören, es zu tun.

Sie erhob sich. „Komm. Ich zeige es dir.“ Er gab sich große Mühe, nicht auf ihren perfekten, runden Po zu starren, der sich unter dem Seidenstoff abzeichnete, als er ihr ins Bad folgte. Die Türen des kleinen Schranks unter dem Waschbecken standen offen.

Dante drehte das Wasser auf und kniete sich dann davor, um nachvollziehen zu können, wo das Rohr ein Leck hatte. Es waren mindestens zwei undichte Stellen. Er stellte das Wasser ab und stand auf. „Das gesamte Rohr muss ersetzt werden. Aber zuerst muss ich die Ersatzteile besorgen.“

Grace stand barfuß an der Tür und schlang die Arme um ihre Taille. „Kann ich in der Zwischenzeit duschen? Ich beeile mich auch.“

„Äh, sicher. Das Wasser zum Waschbecken ist zwar abgestellt, aber die Dusche funktioniert noch.“

„Musst du heute Abend arbeiten?“

„Von zehn Uhr bis morgen früh um halb sieben.“

„Und jetzt musst du dich auch noch für den Rest des Nachmittags und Abends um die Reparatur kümmern. Das tut mir leid.“

Als wenn er irgendetwas Wichtiges zu tun hätte. Wenn sie in seiner Nähe war, wurde ihm mit aller Macht bewusst, wie kurz das Leben war – und dass er zu viel Zeit damit verbrachte, routiniert seine Alltagspflichten zu erfüllen.

Ja, er war in seinen Gewohnheiten festgefahren, aber Grace um sich zu haben, machte das Leben viel interessanter. Wahrscheinlich versuchte sie, ihm mit den Jeansshorts, dem Kimono, den Dessous und ihrem neckischen Lächeln den Kopf zu verdrehen, und in diesem Moment hoffte er, dass sie niemals damit aufhören würde.

Deshalb verbrachte er nur zu gern den Nachmittag damit, das Rohr unter ihrem Waschbecken zu reparieren. Er mochte es, Dinge für sie zu erledigen, denn er war nicht nur total verrückt nach ihr, sondern wollte sie auch in die Arme nehmen. Was immer sie brauchte, er wollte sicherstellen, dass sie es bekam.

Gleichzeitig hatte er es sich aber auch zur Aufgabe gemacht, nicht dem überwältigenden Verlangen nachzugeben, sie sich zu schnappen und ihr das knappe Kleidungsstück vom Leib zu reißen, das sie jeweils gerade trug. „Du kannst nichts dafür. Rohre werden ab und zu undicht.“

Als er nach einer Stunde vom Baumarkt zurückkam, duftete die Hütte nach tropischen Blumen – wahrscheinlich ihr Duschgel. Sie trug eine dunkle Jeans und ein T-Shirt mit der Aufschrift Sea Breeze.

„Ich muss los. Es ist Samstag und Sommer. Dann ist das Lokal ab nachmittags bis zur Sperrstunde rammelvoll. Ingrid braucht heute alle verfügbaren Mitarbeiter.“

Obwohl er sie die ganze Woche über gemieden hatte, war er enttäuscht. „Kein Problem. Ich schließe ab, wenn ich fertig bin.“

„Danke. Oh, und noch etwas.“ Sie nahm einen frankierten Umschlag, der auf der Küchentheke lag. „Das ist der Scheck für den Strafzettel, den du mir gegeben hast. Kann ich ihn einfach in den Hausbriefkasten werfen?“

„Ja.“

„Großartig.“ Sie streichelte kurz Owen und ging zur Tür. Dann drehte sie sich noch einmal zu Dante um. „Alles in Ordnung bei dir?“

„Natürlich“, antwortete er viel zu schnell und machte es dann noch schlimmer, indem er hinzufügte: „Mir geht es gut. Warum?“

Sie lächelte ihn sanft und vielsagend an. „Wann ist dein nächster freier Tag?“

„Dienstag.“

„Perfekt, da habe ich auch frei. Dann koche ich dir etwas zum Abendessen, als Dank für die Hütte und das, äh …“

„Mach jetzt keinen dreckigen Witz über das Wasserrohr“, warnte er sie.

Sie unterdrückte ein Kichern und versuchte, unschuldig auszusehen. „So etwas würde ich doch niemals tun. Also Dienstag? Zum Abendessen bei mir?“

Er sollte sie nicht auch noch ermutigen, aber es gab nichts auf der Welt, was er lieber täte, als seinen freien Abend mit ihr zu verbringen. „Sehr gern.“

Am nächsten Tag ging Grace zum Familienessen, das immer sonntags in ihrem Elternhaus stattfand. Auch ihr Bruder Connor und seine Ehefrau Aly waren mit ihrer kleinen Tochter Emelia dort.

Nach dem Essen blieb ein Teil der Familie am Esstisch sitzen und der andere Teil ging in die Küche oder in den Garten. Grace setzte sich mit Aly auf das Sofa und hatte so endlich die Gelegenheit, das neun Monate alte Baby auf den Arm zu nehmen. „Sie ist so hinreißend“, sagte sie zu ihrer Schwägerin und küsste Emelias perfektes Näschen.

„Mit ihr hat man alle Hände voll zu tun, aber auf die bestmögliche Weise. Ich habe gehört, dass du in die Hütte auf dem Grundstück meines Bruders gezogen bist.“

„Ja, es ist wunderschön dort, und die Hütte fühlt sich für mich wie ein Zuhause an.“

„Geht er denn richtig mit dir um?“

Was genau meint sie damit? Sie antwortete vorsichtig: „Er ist ein guter Freund und hat mir die Hütte sogar umsonst überlassen wollen. Ich musste ihn dazu überreden, wenigstens die Miete dafür zu akzeptieren, die ich für ein Zimmer in einem Haus bezahlt hätte.“

„Ein guter Freund, hm?“

Sie sah ihrer Schwägerin in die Augen. „Worauf willst du hinaus? Sag es einfach.“

„Connor und ich haben euch zusammen gesehen.“

„Mich und Dante?“ Außer den paar Stunden vergangene Dienstagnacht waren Dante und sie nie zusammen gewesen. Auf jeden Fall nicht so, wie Aly es andeutete.

„Wann?“

„Letzten Sommer im Sea Breeze. Es war nur ein kurzer Moment. Du hast hinter der Theke gearbeitet und er hat sich irgendetwas geholt. Ihr habt miteinander gelacht. Da war so eine Energie zwischen euch … es war offensichtlich, dass die Chemie gestimmt hat. Connor war derselben Meinung und wirklich stinksauer deswegen.“

„Warum?“

Aly zuckte mit den Achseln. „Wahrscheinlich war es so ein Männerding.“

„Vermutlich …“

„Es freut dich bestimmt zu hören, dass ich Tacheles mit Connor geredet habe, und schließlich hat er zugegeben, dass es allein deine und Dantes Angelegenheit ist und er sich heraushalten sollte.“

„Letzten Sommer? Wow.“ Das schien schon eine Ewigkeit her zu sein. Damals hatte es zwischen ihr und Dante wirklich keine romantischen Verwicklungen gegeben, und das war jetzt immer noch der Fall, weil er glaubte, zu alt für sie zu sein, und keine Beziehungen eingehen wollte. Langsam schüttelte sie den Kopf. „Wir sind wirklich nur Freunde.“

Aly lachte, beugte sich zu ihr hinüber und flüsterte: „Das glaube, wer will. Wenn Dante noch keinen Annäherungsversuch gestartet hat, ist er ein Dummkopf.“

„Findest du nicht, dass er zu alt für mich ist?“

„Definitiv nicht. Du bist genau die Frau, die er braucht. Damit will ich nichts gegen seine Ex-Frau Marjorie sagen, es ist nur … nun, zwischen ihnen hat es einfach nie richtig gefunkt. Sie haben sich getrennt, und es war vorbei. Sie ist zurück nach Portland gezogen. Aber dann hat sich herausgestellt, dass sie mit den Zwillingen schwanger ist. Also haben sie standesamtlich geheiratet und versucht, wie eine richtige Familie zu leben.“

„Das wusste ich gar nicht.“

„Dante würde mir auch die Hölle heißmachen, wenn er herausfindet, dass ich es dir erzählt habe.“

„Ich werde keinen Ton sagen.“

„Ich glaube, dass man mit Ehrlichkeit am weitesten kommt, und ich kann mit meinem Bruder umgehen. Wenn er Ärger macht, bekommt er eine Retourkutsche. Er ist total in Ordnung und meint es immer gut. Aber er glaubt zu wissen, wie die Dinge zu sein haben, und in mindestens der Hälfte der Fälle liegt er falsch.“

Am Dienstag stand Dante um drei Uhr nachmittags auf. Draußen schien die Sonne, und irgendetwas lag in der Luft … vielleicht ein Versprechen oder eine Erwartung.

Sei kein Idiot. Es handelte sich nur um ein Abendessen. Zwischen Grace und ihm würde heute Abend nichts passieren. Heute und auch in Zukunft nicht. Das würde er nicht zulassen. Was jedoch nicht bedeutete, dass sie sich nicht ab und zu an der Gesellschaft des anderen erfreuen konnten, oder? Sie waren immerhin Freunde, und Freunde verbrachten nun mal Zeit miteinander.

Nachdem er einen Kaffee getrunken und seinen freien Tag genossen hatte, stand er vor dem Fenster über der Spüle und starrte hinaus auf den Kiesweg, der von der Einfahrt zur Hütte führte. In diesem Moment tauchte Grace auf. Sie trug zerrissene Jeans sowie ein seidiges Top und keinen BH darunter. Es war mit großen, tropischen Blumen bedruckt und ihre platinblonde Mähne fiel ihr über die Schultern.

Sie sah aus wie eine Märchenprinzessin in einem Disney-Film. Nur schöner und auch heißer. Sie kam direkt auf das Haus zu, dabei schwangen ihre Hüften, und ihre Brüste wogten leicht. Er sagte sich, dass er sich wegdrehen sollte. Doch er blieb stehen, bis sie die Stufen zur Terrasse hochging und aus seiner Sicht verschwand. Owen lief glücklich zur Terrassentür.

Dante folgte ihm und kam im selben Moment vor der Glastür an wie Grace auf der anderen Seite. Einen Augenblick lang standen sie einfach nur da und starrten sich durch die Glasscheibe an. Ganz langsam verzog sie den Mund zu einem Lächeln und tat so, als würde sie anklopfen, ohne das Glas tatsächlich zu berühren.

Er öffnete die Tür. „Willst du einen Kaffee?“

„Nein, danke. Ich bin nur hier, um dir zu sagen, dass das Essen um sieben Uhr fertig ist, und du eine Stunde vorher zur Hütte kommen sollst. Ich hätte dir auch eine Textnachricht schicken können, aber was macht das für einen Spaß?“

„Ich werde da sein.“ Er sah in ihre schönen, blauen Augen, das hielt ihn davon ab, auf ihre Brüste zu starren.

„Es gibt Brathähnchen.“

„Klingt gut. Ich bringe eine Flasche Wein mit.“

Owen war schon in der Hütte, als Dante pünktlich um sechs Uhr eintraf. Grace trug immer noch das seidene Top, das ihn so sehr ablenkte. Aber seit Dienstag lenkte ihn alles an ihr ab. Sie könnte auch eine Burka tragen, und er würde sich immer noch wie besessen vorstellen, was sich darunter verbarg.

Er überreichte ihr den Wein, den sie zur Küchentheke trug, um ihn zu öffnen. „Hier duftet es aber gut.“ Als Owen ihn begrüßte, streichelte er den Hund. „Du hast sogar einen Futter- und Wassernapf für ihn?“ Die Näpfe standen auf dem Boden neben der Küchentheke. In einem war Wasser, der andere war leer.

„Setz dich.“ Sie entkorkte die Flasche. „Ich verspreche, deinen Hund niemals zu füttern.“

„Aber ich wette, du hast Trockenfutter vorrätig.“

„Nur für alle Fälle.“ Sie reichte ihm ein Weinglas.

„Danke.“

Sie setzte sich ihm gegenüber und kostete den Wein. „Ich passe sehr gern auf Owen auf, wenn ich zu Hause bin.“

Dante musste lachen. „Das machst du doch schon die ganze Zeit über.“

„Owen kommt nur her, um mich zu besuchen, das ist alles.“

Er betrachtete ihr Gesicht und fragte sich, warum sie immer irgendwie zu leuchten schien. „Das macht aber keinen großen Unterschied.“

„Da bin ich anderer Meinung, und das Angebot steht. Sag einfach, wenn ich auf ihn aufpassen soll.“

Er warf einen Blick auf den Hund, der einen äußerst glücklichen Eindruck machte. „Dann danke ich dir für das Angebot, doch jetzt sollten wir uns einem interessanteren Thema zuwenden.“

„In Ordnung.“

Sie starrten sich an. Er wollte sie so gern berühren, wusste aber, dass er es nicht tun durfte. Gleichzeitig bereute er es, dass er gesagt hatte, dass sie über etwas Interessanteres reden sollten. Denn interessantere Themen konnten schnell gefährlich werden, und in diesem Moment könnte alles, was sie sagten, zu einer ehrlichen Unterhaltung führen.

Dann würde er nämlich vielleicht mit etwas herausplatzen, was vollkommen unakzeptabel war – zum Beispiel damit, dass er nicht mehr aufhören konnte, an sie zu denken … oder dass er die Laken seit der gemeinsam verbrachten Nacht nicht mehr gewechselt hatte. Sie dufteten immer noch nach ihr, wenn auch nur noch schwach … nach Blumen und Sex.

Sie stellte ihr Glas auf den Tisch. „Das Hähnchen braucht noch eine halbe Stunde und muss dann noch eine Weile ruhen. Wie wäre es mit einem Strandspaziergang?“

„Einverstanden.“

Sie gingen mit Owen den Weg zum Strand hinunter, der um diese Tageszeit vollkommen verlassen war. Die Strahlen der untergehenden Sonne glitzerten auf dem Wasser. Sie zogen die Schuhe aus und liefen dicht an der Brandung entlang.

Es war schön, aber zu still. Er hasste es, dass sie so vorsichtig miteinander umgingen. Aber wenn er etwas zu Bedeutungsvolles sagte, könnte das Gespräch schnell eine Wendung nehmen, auf die er nicht vorbereitet war.

Als sie zurück zur Hütte gingen, versuchte er, nicht auf ihre nackten Schultern und ihre wunderschönen Haare zu sehen … auf all das, was er haben wollte, sich jedoch nicht nehmen sollte.

Grace saß mit Dante am Tisch und wusste nicht, wie sie weiter vorgehen sollte. Ihn zu verführen, bis er schließlich schwach wurde, schien nicht zu funktionieren. Außerdem war es irgendwie kindisch.

Aber der Mann war einfach unmöglich. Sie könnten so viel Spaß zusammen haben, wenn er nur endlich damit aufhören würde, sich zu benehmen, als wäre es seine heilige Pflicht, sie nie wieder zu berühren.

Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte sie sich zu einem Mann hingezogen, der nicht nur wollte, dass sie seine Kunst oder sein nächstes Experiment finanzierte. Alles, was Dante von ihr wollte, war Kameradschaft und heiße, sexy Zeiten, auch wenn er sich weigerte, es zuzugeben.

Er war der erste normale Mann, der sie interessierte, und seit der heißen Nacht mit ihm interessierte er sie sogar sehr. Er hatte einen ausgeprägten Beschützerinstinkt, war besonnen, aufmerksam und glühend heiß – wenn er sich nicht gerade wie ein verdammter Idiot aufführte und sie abwies.

Nach dem Essen half er ihr, den Tisch abzuräumen und das Geschirr zu spülen. Es dauerte nicht allzu lange. Danach bedankte er sich für den Abend und sagte, dass er jetzt gehen musste. Sie war so entmutigt, dass sie ihn nicht einmal aufzuhalten versuchte. Vielleicht musste sie einfach akzeptieren, dass sich diese eine sensationelle Nacht, die sie miteinander verbracht hatten, nicht wiederholen würde.

Die restliche Woche über trug sie bei der Gartenarbeit einen BH und ihre älteste, weite Cargohose. Sie sah Dante nur dann, wenn sie Owen zu ihm zurückbrachte, oder wenn sie zufällig beide zur selben Zeit draußen waren.

Offenbar hatte sie es total vermasselt und einen wirklich guten Freund verloren, weil sie mit ihm geschlafen hatte. Das ist eine weitere Lektion fürs Leben. Konstruktiv und deprimierend.

Manche Frauen hatten in Bezug auf Männer einfach kein glückliches Händchen. Aber das bedeutete nicht, dass sie kein erfülltes und sinnvolles Leben haben konnte. Es war an der Zeit, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen. Die Sache mit Dante und ihr war vorbei gewesen, bevor sie überhaupt richtig angefangen hatte.

4. KAPITEL

Am Samstagmorgen um zehn Uhr kam Dante zu dem vereinbarten Platz neben der Straße auf der Hälfte der Strecke zwischen Valentine Bay und Portland, um seine Töchter mitzunehmen.

Wie immer war er pünktlich. Marjorie und die Mädchen kamen wie üblich zu spät. Er versuchte, nicht ungeduldig zu werden, während er wartete. Nach zwanzig Minuten hielt Roger endlich hinter Dantes Transporter an. Marjorie saß auf dem Beifahrersitz. Nicole und Natalie rannten auf ihn zu und kreischten ausgelassen, als er die Arme weit ausbreitete, seine Töchter auffing und an sich drückte.

„Daddy!“, schrie Nic. „Wir sind da!“

Er hatte den Eindruck, dass sie seit ihrem letzten Besuch vor vier Wochen gewachsen waren. Sie dufteten nach dem Mango-Shampoo, das Marjorie für sie gekauft hatte, und er vergaß augenblicklich seinen Ärger darüber, dass Roger zu spät gekommen war. Ihm bedeutete es einfach alles, seine Töchter in den Armen halten zu können.

Als er sie wieder losließ, erzählten sie ihm, dass sie es kaum erwarten konnten, ihre Verwandten und Freundinnen in Valentine Bay wiederzusehen. Seit sie drei Jahre alt waren, verbrachten sie jeden Sommer bei Dante und fühlten sich daher in Valentine Bay wie zu Hause.

Roger stieg ebenfalls aus und schüttelte Dante die Hand. Die Zwillinge holten ihre vielen Sachen und die Kindersitze aus dem Auto. Dante half ihnen, alles zum Transporter zu tragen und die Kindersitze zu befestigen. Zehn Minuten später fuhren Roger und Marjorie davon und winkten zum Abschied.

Die Heimfahrt dauerte eine Stunde, aber schon nach fünf Minuten versuchten die Mädchen ihn dazu zu bringen, anzuhalten, um Hamburger bei Camp 18 zu essen. Natürlich könnten sie auch zu Hause Sandwiches essen, aber er war ein alleinstehender Vater, der seine Töchter seit einem Monat nicht mehr gesehen hatte. Ihr Wunsch war ihm daher Befehl, und das wussten sie ganz genau.

„Bitte, Daddy.“

„Können wir?“

Sie hielten jetzt vor dem Restaurant im Blockhausstil an. Dort wollten sie fast alles bestellen, was auf der Karte stand. Er schüttelte immer wieder den Kopf, bis sie sich dann mit Hamburgern, Pommes frites und Zitronenlimo begnügten.

Die Zwillinge hatten ihren Spaß, und alles lief großartig, bis Nic genau in dem Moment ihr volles Glas hob, als Nat sich zu ihr beugte, um ihr etwas zuzuflüstern.

Nic brach in Lachen aus und passte nicht auf den Plastikbecher mit der Limonade auf, den sie in der Hand hielt. Der Becher kollidierte daraufhin mit der Tischkante, und die klebrige Limonade landete auf ihrem türkisfarbenen Tanktop, der Jeans und sogar auf ihren Sneakers. Erschrocken schrie sie auf und starrte entsetzt auf den Schlamassel.

„Nic, du musst wirklich vorsichtiger sein“, ermahnte Nat sie sanft.

Ihre Zwillingsschwester brach nun in Tränen aus. „Oh, halt doch den Mund, daran bist nur du schuld.“

„Bin ich nicht.“

„Doch.“

Die nette Kellnerin kam jetzt mit Tüchern an den Tisch, und Dante wurde zum Transporter geschickt, um Nic trockene Kleider zu holen, während die Kellnerin und Nat die schluchzende Nic zum Waschraum brachten. Natürlich kam er mit den falschen Kleidern zurück.

„Das ziehe ich nicht an“, protestierte Nic hinter der geschlossenen Toilettentür. „Nat, du musst ihm zeigen, was ich brauche.“

Einen Moment später kam Nat mit trockenen Kleidern zu ihm. „Sie ist komplett durchnässt“, sagte sie ernst, „und sehr durcheinander.“ Sie tätschelte seinen Arm. „Komm, Daddy.“

Nat fand bei Nics Sachen die passenden Kleider samt Unterwäsche und ähnlichen Schuhen. Dante blieb vor der Tür des Waschraums stehen, und wartete, bis seine Töchter wieder auftauchten. Nic hatte ihre Fassung mittlerweile wiedererlangt und reichte ihm eine Tüte.

„Meine Sachen sind alle klebrig“, sagte sie mit Abscheu.

„Zu Hause stecken wir sie in die Waschmaschine, dann sind sie wieder so gut wie neu.“

„Ich weiß, Daddy. Es ist nur so peinlich.“

„So etwas passiert doch jedem ab und zu mal.“

Sie schob die Unterlippe vor und sagte dann leise: „Tut mir leid, Daddy.“

„Es war ein Missgeschick.“ Er wagte es, sie zu umarmen. „Wollen wir jetzt nach Hause fahren?“ Wie er gehofft hatte, nickten die Zwillinge.

Abends um neun Uhr schliefen die Mädchen tief und fest, und er war total erschöpft. Er duschte kurz, nahm sich ein Bier aus dem Kühlschrank und ging damit auf die Terrasse. Ihm wurde erst bewusst, dass Owen wieder zu Grace entwischt war, als sie mit dem Hund auftauchte.

Er beobachtete, wie sie in der Dämmerung auf ihn zukam. Sie trug eine Jeans, ein weißes T-Shirt und – wie ihm nicht entging – darunter einen BH. Seine Enttäuschung darüber war größer, als sie sein sollte.

„Owen“, befahl er dem Hund, der jetzt zu ihm lief. „Platz.“ Dann winkte er Grace zu, die im Begriff war, sich wieder zur Hütte umzudrehen. Er hatte den ganzen Tag mit zwei Achtjährigen verbracht und sehnte sich daher danach, mit einer Erwachsenen zu reden. „Grace.“

Sie drehte sich wieder zu ihm um und stemmte die Hände in die Hüften. „Was habe ich jetzt wieder verbrochen?“

„Willst du ein Bier?“ Sie schien unsicher zu sein, ob sie die Einladung annehmen sollte. Er war ihr aus dem Weg gegangen, und sie hatte den Wink, angesichts der Tatsache, dass sie einen BH trug, offenbar verstanden. „Komm schon. Nur ein Bier.“ Als sie mit den Schultern zuckte und auf ihn zukam, fügte er hinzu: „Setz dich.“ Er stand auf, holte ein Bier und reichte es ihr, bevor er sich ihr gegenübersetzte.

Einige Minuten lang nippten sie schweigend an dem Bier. Er bemerkte unwillkürlich, wie gut sie im Lichtschein der Lampe aussah, und vermisste es, keinen Blick auf ihre zarte, helle Haut werfen zu können, die jetzt unter der Jeans und dem T-Shirt verborgen war.

„Deine Töchter sind reizend.“

Er runzelte die Stirn. „Bist du ihnen begegnet?“

Sie lachte. „Ich war einmal ihr Babysitter hier in diesem Haus, als sie noch sehr klein waren.“

„Das habe ich komplett vergessen.“

„Ich hatte damals alle Hände voll zu tun, aber sie waren wirklich süß.“ Sie stellte die Flasche auf den Tisch. „Heute Nachmittag sind sie zur Hütte gekommen, um Owen zu holen.“

„Ich hätte es mir denken können. Da habe ich wohl gerade ihre Karaoke-Maschine in Gang gebracht.“

„Ich finde, dass sie für eineiige Zwillinge ziemlich leicht auseinanderzuhalten sind.“

„Ja, das stimmt. Nat ist athletischer und kontaktfreudiger. Nic ist introvertierter und wiegt vielleicht fünf Pfund mehr als ihre Schwester, was ein sehr heikles Thema für sie ist.“

„Sie sind beide zauberhaft.“

„Da bin ich ganz deiner Meinung.“

„Haben sie auch für dich gesungen, nachdem die Karaoke-Maschine funktioniert hat?“

„Sagen wir es mal so: Let It Go muss ich wirklich nie wieder hören.“ Er betrachtete sie, als sie ihre wunderschönen Haare zurückstrich. Sie raubte ihm den Atem. Was hatte sie nur an sich?

„Du bist wirklich ein guter Dad.“

„Danke. Ich vermisse sie so sehr, wenn sie weg sind.“ Ihre Blicke trafen sich für einen langen Moment, dann brach sie den Bann und sah weg.

„Nic und Nat freuen sich sehr, hier zu sein. Sie haben mir erzählt, dass sie immer in die Ferienfreizeit im Valentine City Park gehen und es kaum erwarten können, ihre Freunde wiederzusehen.“

„Ja, wenn sie hier sind, kann ich mir meine Schichten so einteilen, dass ich Dienst habe, während sie im Tagescamp sind. Sie wollen außerdem ihre Grandma besuchen und bei ihren Cousinen und Freundinnen in der Stadt übernachten. Außerdem wollen sie mich dazu überreden, ihnen Kostüme für den Mittelalter-Jahrmarkt zu kaufen. Diese müssen angeblich etwas ganz Besonderes sein, die man nicht einfach in einem Discounter kaufen kann.“

„Meine Schwestern leiten die Medieval Faire. Ich könnte deinen Mädchen vielleicht Kostüme besorgen. Harper hat ein Händchen dafür. Mit etwas Stoff und ein paar Zackenlitzen näht sie ruckzuck tolle Kostüme.“

Er wollte sie wirklich küssen, aber er würde es nicht tun. Aber er wollte es so sehr. Egal, welche Kleider sie trug, die gemeinsam verbrachte Nacht würde er niemals vergessen.

„Dante?“ Sie beugte sich nach vorn. „Wo bist du gerade in Gedanken?“

„Ich bin hier.“ Er musste sich nur nach vorn lehnen, um sie küssen zu können. Das bedeutete aber nicht unbedingt, dass sie noch daran interessiert war. Als sie sich zurücklehnte und nach ihrem Bier griff, befahl er sich, sich zu konzentrieren. „Das macht bestimmt viel Mühe und Arbeit, und ich will dich nicht ausnutzen.“

„Oh, bitte. Du hast schon so viel für mich getan. Die Kostüme zu organisieren ist das Mindeste, was ich tun kann. Außerdem macht es garantiert Spaß.“

Sie wieder nackt zu sehen … das würde ihm Spaß machen … Was ist nur mit mir los? Ich muss aufhören, an so etwas Schmutziges zu denken! In Bezug auf Grace war er zweifellos ein hoffnungsloser Fall.

„Geht es dir nicht gut, Dante? Du scheinst irgendwie … ich weiß nicht … irgendetwas scheint dich zu beschäftigen.“

Ihm fehlte nichts, was eine weitere Nacht mit ihr nicht kurieren könnte – zumindest bis zum darauffolgenden Abend, wenn er die nächste Nacht mit ihr verbringen wollte. „Alles in Ordnung“, log er. „Noch ein Bier?“

„Nein, danke.“ Sie stand auf. „Ich muss gleich ins Sea Breeze und mich vorher noch umziehen. Ingrid braucht dringend Verstärkung. Morgen rede ich mit meinen Schwestern über die Kostüme für die Zwillinge und sage dir dann Bescheid.“

Dante nickte. „Danke.“ Er sah ihr hinterher, als sie wegging, und fühlte sich niedergeschlagen, weil sie nicht mehr bei ihm war. Mach dich nicht lächerlich. Entweder musste er aufhören, sich nach etwas zu sehnen, das er sich nicht erlauben wollte, oder er musste es sich einfach holen. Wenn sie ihn überhaupt noch wollte, und er nicht jegliche Chance vermasselt hatte, die er vielleicht bei ihr gehabt hatte.

Während des Familienessens bei Daniel am nächsten Tag redete Grace mit Harper. Ihre Schwester sagte ihr, dass sie die mittelalterlichen Kostüme für Dantes Zwillinge sehr gern entwerfen und nähen würde.

Bei ihrer Rückkehr beschloss sie zu warten, bis die Zwillinge um neun Uhr im Bett lagen, um es Dante zu sagen. Sie war gern mit ihm allein, denn dann lag immer ein Knistern in der Luft, und wenn er sie ansah, verspürte sie ein Kribbeln im Bauch. Manchmal wagte sie, sich vorzustellen, dass er eines Tages zugeben würde, dass er ebenfalls darauf brannte, die Nacht mit ihr zu verbringen. Würde sie ihn dann, wie ursprünglich geplant, abblitzen lassen? Es war wahrscheinlich besser, nicht darüber nachzudenken.

Als er allein auf der Terrasse saß, ging sie zu ihm. Er deutete auf den Stuhl ihm gegenüber, holte noch ein Bier aus der Küche und reichte es ihr.

„Harper näht die Kostüme sehr gern. Ich könnte die Zwillinge am Dienstag vom Tagescamp abholen und sie zum Haus meiner Schwestern fahren. Dann nimmt Harper die Maße und macht Entwürfe, die sie den Mädchen zeigen kann. Etwa eine Woche später könnten die Kostüme fertig sein.“

„Das hört sich großartig an. Wie viel bin ich dir und deiner Schwester schuldig?“

Sie verdrehte die Augen. „Nichts. Das habe ich dir doch schon gesagt. Ich kümmere mich darum.“

„Was heißt das?“

„Ich fahre die Mädchen ja nur hin und bringe sie wieder nach Hause, und mit Harper habe ich einen Preis für die Kostüme vereinbart, den ich bezahlen werde.“

„Nein, das tust du nicht.“

„Das ist lächerlich. Lass es gut sein.“

Er setzte eine schroffe, undurchdringliche Miene auf. „Ich bin nur bereit, dich auszunutzen, weil du so verdammt stur bist und ich es leid bin, mich deswegen mit dir zu streiten.“

„Oh, Gott.“

„Aber wenn Harper Kostüme für meine Mädchen näht, wird sie auch von mir dafür bezahlt.“

Nachdem sie eine Weile auf ihrem jeweiligen Standpunkt beharrt hatten, gab Grace schließlich nach. Er ging ins Haus, holte einen Scheck und reichte ihn ihr. Widerstrebend nahm sie das Geld und stand auf.

„Setz dich wieder und trink dein verdammtes Bier aus“, befahl er.

Sie zog eine Grimasse. „Weil es so viel Spaß macht, mit dir zusammen zu sein?“ Als er zu ihr hochsah, fiel ihr auf, wie schwarz und kräftig seine Wimpern waren. Sie wollte sie am liebsten mit den Fingerspitzen berühren, ihn wieder auf den sexy Mund küssen und seine muskulösen Arme und seine Hitze spüren, wenn er sie an sich zog.

„Bitte.“

Seine Stimme klang plötzlich rau. Ihm scheint wirklich etwas daran zu liegen, dass ich noch hierbleibe. Seit wann hatte sie eine derartige Schwäche für diesen Mann? Seit dem Abend, an dem sie Tequila getrunken hatten? Wahrscheinlich hatte es schon lange vorher angefangen, als er immer ins Sea Breeze gekommen war und ihr bei der Arbeit Gesellschaft geleistet hatte.

Wenn sie nicht zu beschäftigt gewesen war, hatten sie sich unterhalten und er war ein sehr guter Zuhörer. Vielleicht zu ernst, aber es interessierte ihn wirklich, wie es einer Freundin ging, und ob alles in Ordnung bei ihr war. „Hattest du einen schlechten Tag?“, fragte sie.

„Nach zwei kompletten Tagen, an denen ich meine Töchter um mich hatte, bin ich ganz froh, sie morgen ins Tagescamp bringen und arbeiten gehen zu können.“

Autor

Christine Rimmer
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