Bianca Extra Band 117

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VIER PFOTEN FÜR DIE GROSSE LIEBE von KATIE MEYER
Leidenschaftlich kämpft Megan dafür, dass ihr Sohn seine Therapiehündin mit in den Unterricht nehmen darf. Selbst mit dem Schuldirektor Luke Wright legt sie sich an! Wenn er bloß nicht so ein unwiderstehlicher Traummann wäre, der in Megan absolut verbotene Gefühle weckt …

DER DUFT VON HEU IN DEINEM HAAR von JOANNA SIMS
Sie hat den Krebs besiegt, jetzt erfüllt sich City Girl Skyler Sinclair ihren größten Traum: einen Monat auf einer Ranch unter dem weiten Himmel Montanas. Wo der breitschultrige Hunter Brand das Sagen hat – ein Cowboy zum Verlieben. Aber ein Monat vergeht viel zu schnell …

WENN DAS GLÜCK KLOPFT, LASS ES REIN von WENDY WARREN
Was für ein missgelaunter Menschenfeind ist ihr neuer Nachbar Dr. Gideon Bowen! Gibt es denn nichts, was ihn in dieser romantischen Jahreszeit fröhlich stimmt? Denn wenn er Eden – natürlich nur aus Versehen! – anlächelt, fängt ihr Herz plötzlich an zu rasen …

SÜSSE LÜGEN – ECHTE KÜSSE von SHIRLEY JUMP
„Wir sind verlobt.“ Ungläubig hört Beth, wie Grady gerade ihren Vater anlügt. Aber wie lieb von ihm, denn diese süße Lüge tröstet ihren Dad, der nicht mehr lange zu leben hat. Beth ahnt nicht, welche Folgen Gradys Erklärung haben wird – eine verführerischer als die andere!


  • Erscheinungstag 13.12.2022
  • Bandnummer 117
  • ISBN / Artikelnummer 0802220117
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Katie Meyer, Joanna Sims, Wendy Warren, Shirley Jump

BIANCA EXTRA BAND 117

KATIE MEYER

Vier Pfoten für die große Liebe

Als Direktor einer renommierten Schule kann sich Luke keinen Fehler erlauben. Weshalb er seinen sinnlichen Gefühlen für Megan, Mutter eines Schülers, nicht nachgeben darf. Und er tut es trotzdem …

JOANNA SIMS

Der Duft von Heu in deinem Haar

Sich in die schöne Skyler zu verlieben, ist verrückt. Hunter weiß, dass das verwöhnte City Girl es niemals auf dem Land aushalten würde! Aber auch ein Cowboy darf manchmal träumen …

WENDY WARREN

Wenn das Glück klopft, lass es rein

Er will allein sein: So oft hat Gideon es sich gesagt, dass er es selbst glaubt. Bis seine neue Nachbarin Eden Berman ungefragt in sein Leben tanzt. Wunderschön – und gefährlich liebenswert!

SHIRLEY JUMP

Süße Lügen – echte Küsse

Gradys spontane Art hat ihn schon oft in Schwierigkeiten gebracht. Aber noch nie so wie dieses Mal! Er erklärt öffentlich, dass er mit Beth verlobt ist. Dabei hat er sie noch nicht einmal gefragt …

1. KAPITEL

Ins Büro des Schuldirektors gerufen zu werden, war kein Spaß – egal wie alt man war.

Zu diesem Schluss kam Megan Palmer in den fünfzehn Minuten, die sie im Empfangsbereich auf einem alten Plastikstuhl ausharrte, während der Sekundenzeiger der Wanduhr, die vermutlich älter war als sie selbst, behäbig seine Kreise drehte. Mit jedem Ticken wuchs ihre Anspannung.

Eigentlich sollte sie sich längst daran gewöhnt haben. Seit Owen von einer Förderschule für Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen auf eine normale Grundschule gewechselt war, hatte man sie immer wieder herzitiert, um über die Schwierigkeiten ihres Sohnes zu sprechen.

Schwierigkeiten. So nannten die besorgten Lehrkräfte es für gewöhnlich.

Die Schwierigkeiten, die ihr sechs Jahre alter Sohn hatte, waren zahlreich: Schwierigkeiten, sich einzufügen, Schwierigkeiten mit den Übergängen, Schwierigkeiten, Anweisungen zu befolgen – sie hatte schon alles Mögliche gehört. Ja, es war nicht leicht, mit Autismus zurechtzukommen – für Owen. Dieser Aspekt ging in den vielen Gesprächen meist unter. Es ging immer nur darum, wie sein Verhalten den Unterricht, die Routinen und die anderen Kinder beeinträchtigte. Wie sehr Owen sich bemühte und wie überwältigend das alltägliche Leben für jemanden sein konnte, dessen Gehirn ein bisschen anders verdrahtet war, darum ging es nie.

Megan wusste nur zu gut, wie schwierig der Umgang mit ihrem Sohn sein konnte. Sie begleitete ihn schon sein ganzes Leben. Die meiste Zeit davon war sie alleinerziehend gewesen. Aber: Die besten Dinge im Leben waren nun einmal nicht die einfachsten. Ihr verstorbener Mann Tim hatte sich mit diesem Satz immer auf seinen Job als Soldat bezogen. Aber Megan fand, dass er auf viele Dinge zutraf. Deshalb hatte sie ihn in den letzten Jahren zu ihrem persönlichen Mantra gemacht.

Viele Dinge in ihrem Leben waren nicht einfach gewesen: zu hören, dass ihr Mann durch eine Sprengfalle getötet worden war, ihren Abschluss zu machen, während sie um ihn trauerte zum Beispiel, Owen großzuziehen, durchzusetzen, dass er eine reguläre Schule besuchen konnte … Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Die Wahrheit war: Ihr Leben war manchmal verdammt hart. Und sie hatte die leise Ahnung, dass man über ihr heutiges Gespräch mit Direktor Wright etwas ganz Ähnliches würde sagen können.

Dennoch war sie entschlossen, ihren Willen durchzusetzen, egal wie viele bürokratische Hürden ihr im Weg standen. Für Owen. Sie war kein kleines Mädchen mehr, das sich von einem Grundschuldirektor einschüchtern ließ. Sie straffte die Schulter, ging in Gedanken erneut ihre sorgfältig recherchierten Argumente durch und ignorierte das kleine Rinnsal Angstschweiß zwischen ihren Brüsten.

„Mrs. Palmer, Dr. Wright hat jetzt Zeit für Sie“, erklärte Ms. White, die Schulsekretärin. Die Frau mittleren Alters, die eine Hose und eine Polyesterbluse trug, öffnete die halbhohe Pforte, die das Büro in den öffentlichen und nicht-öffentlichen Bereich teilte. „Ich werde Ihnen den W…“

„Ich kenne den Weg.“ Etwas zu gut, wenn es nach ihr ging.

Wahrscheinlich wäre sie inzwischen sogar in der Lage, eine Führung durch die All-Saints-Grundschule zu geben. Zügig schritt sie an der missbilligend dreinblickenden Frau vorbei durch die Pforte und ging den kurzen Flur hinunter, der zu den Verwaltungsräumen führte. Dann bog sie links ab. Drei Türen weiter befand sich ihr Ziel. Die Höhle des Löwen, wenn man so wollte.

Sie klopfte fest – vielleicht etwas zu fest – an die Tür, die dadurch ein paar Zentimeter aufschwang. Die Bewegung erregte die Aufmerksamkeit des Schuldirektors, der sie umgehend hereinwinkte. Er hatte das Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt und tippte genervt auf dem offenen Laptop vor ihm auf dem Schreibtisch herum.

Megan trat ein und nahm auf einem der zwei Stühle vor dem alten, zerschrammten Holzschreibtisch Platz, während Luke Wright sich wieder der Person am anderen Ende der Leitung widmete. Frustration stieg ihn ihr auf.

Warum hatte er sie hereinrufen lassen, obwohl er noch beschäftigt war? Es war nicht so, als wäre dieses Treffen ihre Idee gewesen. Vermutlich war der Mann daran gewöhnt, dass Frauen bereitwillig herumsaßen und auf ein Stückchen seiner wertvollen Zeit warteten. Nicht, weil er der Rektor einer kleinen Privatschule war. Nein, Luke Wright sah einfach umwerfend aus, das musste sie zugeben.

„Umwerfend“ war kein Adjektiv, das sie in Bezug auf Männer oft zu verwenden pflegte, aber auf ihn passte es. Anders als die mürrischen, etwas älteren Exemplare aus ihrer Schulzeit sah Direktor Wright – oder „Mr. Right“, wie sie schon die ein oder andere Mutter hatte sagen hören –aus, als würde er an das Set eines Hollywood-Blockbusters gehören und nicht in ein stickiges, vollgestopftes Büro in der Kleinstadt Paradise in Florida.

Er war über einen Meter achtzig groß und hatte die schlanke, athletische Figur eines Schwimmers oder Surfers. Sein Haar war dunkel und dicht und gerade lang genug, um ihn etwas verwegen aussehen zu lassen. Sein Bart hingegen war sorgfältig gestutzt und seine lilafarbene, mit winzigen Seesternen gemusterte Krawatte perfekt gebunden. Sie hatte genug dieser Treffen absolviert, um zu wissen, dass man an Letzterer die Tageszeit ablesen konnte. Am frühen Morgen saß seine Krawatte wie jetzt gerade. Gegen Mittag würde sie ihm locker um den Hals und am Ende des Tages über der Stuhllehne hängen – zusammen mit dem Jackett, das sie ihn noch nie hatte tragen sehen.

Megan konzentrierte sich auf die Krawatte, damit ihr Blick nicht zu seinen Augen wanderte. Die Augen eines Poeten, hatte sie insgeheim gedacht, als sie zum ersten Mal hergekommen war. Sie waren dunkel und eingerahmt von dichten, schwarzen Wimpern, um die ihn sicher viele Frauen beneideten. Und sie schienen viel zu viel zu sehen. Seine Augen machten sie nervös. Er machte sie nervös. Sie und jede Frau auf der Insel.

Aber im Gegensatz zu ihnen konnte sie es sich nicht leisten, sich von Luke Wrights Aussehen oder seinem berüchtigten Charme ablenken zu lassen. Hier ging es um ihren Sohn. Alles in ihrem Leben drehte sich um Owen. Seinetwegen hatte sie alles gegeben, um ihren Informatikabschluss in der Hälfte der vorgesehenen Zeit zu schaffen. Seinetwegen hatte sie einen Job als Programmiererin angenommen, den sie sowohl tagsüber ausüben konnte, während er in der Schule war, als auch nachts, wenn er schlief. Seinetwegen recherchierte sie in jeder freien Minute nach Fördermöglichkeiten für Kinder mit Autismus. Owen war ihr Ein und Alles. Sie würde nicht zulassen, dass man ihm etwas verwehrte, was er brauchte.

Luke war bewusst, dass er unhöflich war, aber er konnte die wichtigste Wohltäterin der Schule nicht abwimmeln. Nicht, dass er es nicht schon ein- oder zweimal erwogen hatte. Mrs. Cristoff konnte reden, als gäbe es kein Morgen. Bedauerlicherweise schien sie obendrein jede Menge Zeit zu haben. Er hingegen hatte am heutigen Tag noch mehrere aufeinanderfolgende Termine und war bereits im Verzug.

Ein Gebäude voller Schulkinder brachte jede Menge Trubel mit sich und verlangte von ihm, ständig mit mehreren Aufgaben gleichzeitig zu jonglieren. Beides machte ihm nichts aus. Er war sogar gut darin. Was er hasste, war dieser Teil seiner Arbeit. Das Spendensammeln und die Notwendigkeit, sich mit bestimmten Leuten gut zu stellen. Er hatte keine Zeit dafür, über die Farben der Leinentischdecken für die anstehende Schulspendengala zu diskutieren. Was er nicht sagen konnte, ohne einen großen Teil seines Budgets für das nächste Schuljahr zu riskieren. Außerdem würde er diese Unterhaltung so oder so führen müssen: Mrs. Cristoff wohnte ihm gegenüber, was ihr jederzeit einen direkten Zugang zu ihm ermöglichte – auch nach Schulschluss.

Die All Saints war eine kleine Schule und das Schulgeld niedrig, damit es sich auch die weniger gut verdienenden Familien auf der Insel leisten konnten. Deshalb war sie auf das Geld von Sponsoren wie Mrs. Cristoff angewiesen. Also biss Luke die Zähne zusammen und versicherte der älteren Dame am anderen Ende der Leitung, dass er sicher war, dass Chartreuse farblich ausgezeichnet passen würde.

„Warum rufen Sie nicht gleich beim Verleih an, damit Sie sicher sein können, dass der gewünschte Farbton verfügbar ist? Ja, jetzt gleich. Ja, melden Sie sich gerne später noch einmal bei mir. Auf Wiedersehen!“ Er legte den Hörer auf und ertappte Owens Mom mit einem leichtem Schmunzeln im Gesicht.

Owens Mom. So nannte er sie immer, um sich daran zu erinnern, dass sie das Elternteil eines Schülers war. Was um einiges einfacher wäre, wenn sie etwas matronenhafter aussehen würde. Doch mit ihrer zierlichen Statur und den Sommersprossen auf dem Nasenrücken wirkte Megan Palmer eher wie eine Studentin als wie eine Mutter mit einem schulpflichtigen Kind. Zu dumm, dass sein Körper die Notiz mit dem Vermerk „Tabu“ nicht erhalten zu haben schien. Jedes Mal, wenn er die Frau sah, regte sich seine Libido.

Heute war das nicht anders.

Er war verärgert. Über den Telefonanruf, die Verspätung und vor allem über seine unprofessionelle körperliche Reaktion. Unglücklicherweise ließ er seinen Frust an ihr aus. „Ist irgendetwas komisch?“

Falls sein Tonfall sie verärgert hatte, zeigte sie es nicht. Stattdessen wurde aus ihrem Schmunzeln ein breites Lächeln. „Ich habe mich nur gefragt, ob Sie eine Ahnung haben, welche Farbe Chartreuse ist.“

„Nicht die leiseste.“ Ihr Lächeln war ansteckend, und er merkte, wie ein Teil seiner Anspannung von ihm abfiel. „Eine Art Rosa?“

„Irgendetwas zwischen Grün und Gelb.“ Ihre blauen Augen funkelten amüsiert.

„Tatsächlich?“

Sie nickte, und ein paar Strähnen lösten sich aus dem Dutt, den sie immer trug. Er hatte mehr Zeit als er zugeben wollte damit verbracht, sich zu fragen, wie es wohl aussehen würde, wenn ihr das lange, blonde Haar offen über die Schultern fiel. Wie es sich anfühlen würde, wenn er mit den Händen hindurchfuhr.

„Ist das ein Problem?“

Die Anziehungskraft, die sie auf ihn ausübte? Auf jeden Fall. Aber danach hatte sie nicht gefragt. „Ist was ein Problem?“

„Dass das, worüber Sie gesprochen haben, grün statt rosa sein wird. Ich hoffe doch sehr, dass es nichts Wichtiges ist. Man stelle sich nur vor, Ihr Haus würde in der falschen Farbe gestrichen werden!“

Dachte sie etwa, er wollte in einem rosa Haus wohnen? Bei diesem Gedanken schüttelte er den Kopf. „Nein, es ist nichts Wichtiges. Jedenfalls nicht für mich. Für Mrs. Cristoff hingegen scheint die Farbe der Tischdecken für die Schulspendengala von außerordentlicher Bedeutung zu sein. Wenn es nach mir ginge, könnten sie lila Punkte haben.“

Luke verzog das Gesicht. Er sollte seiner Frustration nicht vor einem Elternteil Luft machen. Aber Owens Mom schien sich nicht daran zu stören. Ihr Lächeln wurde noch breiter. „Partyplanung war wahrscheinlich nicht Teil des Doktorandenprogramms“, bemerkte sie und blickte auf sein Diplom an der Wand.

„Genauso wenig wie Spendensammeln.“ Luke warf einen Blick auf die Aktenmappe auf seinem Schreibtisch, auf der Owens Name stand. Sofort wurde er zurück in die harte Realität katapultiert. Er hasste es, dass er sie immer wieder zu diesen Treffen einladen musste. Noch mehr hasste er es, dass Owen so zu kämpfen hatte.

Er nahm seine Aufgabe als Schulleiter ernst. Wenn einer seiner Schüler Probleme hatte, fühlte er sich persönlich dazu verpflichtet, ihm zu helfen. Doch bei Owen kam er einfach nicht weiter. Luke hatte sich ins Thema Autismus eingelesen, als der Sechsjährige an die Schule gekommen war, aber die Informationen, auf die er gestoßen war, waren so allgemein und abstrakt gewesen, dass sie ihm wenig halfen. Er machte sich zunehmend Sorgen, dass seine Schule dem Jungen nicht das bieten konnte, was er brauchte.

Die All Saints war eine kirchennahe Privatschule und unterlag so nicht dem Americans with Disabilites Act, der dafür gesorgt hätte, dass ein Schüler wie Owen, der besondere Bedürfnisse hatte, das bekam, was er brauchte. Was bedeutete, dass der All Saints keine Bundes- oder Staatsgelder zur Verfügung standen, um damit verbundene Kosten zu decken. Die ganze Angelegenheit war hochgradig frustrierend, und sich eine Niederlage einzugestehen, war nicht Lukes Art. Trotzdem gingen ihm langsam die Optionen aus. Und im Zentrum seines Dilemmas stand Owen, ein kleiner Junge aus Fleisch und Blut, der unter der Situation litt.

Als hätte sie seine Gedanken gelesen, verschwand Megans Lächeln und wurde durch ihr „Mama-Bär-Gesicht“ ersetzt, wie er es insgeheim nannte. Besorgt. Unerbittlich. Bereit, bis aufs Messer zu kämpfen. „Ich nehme an, es gab wieder ein Problem im Klassenzimmer?“ In ihrer Stimme lag Besorgnis.

„In der Kantine, um genau zu sein.“ Er nahm den Bericht aus der Mappe und reichte ihn ihr. „Owen war aufgebracht, weil es eine Änderung im Speiseplan gab. Er hat seine Lasagne nach einem der Mitarbeiter in der Cafeteria geworfen.“

Enttäuschung und Scham überzogen ihr Gesicht, als sie den kurzen Bericht überflog. Aber als sie ihn ihm zurückgab, hatte sie wieder ihr Pokerface aufgesetzt. „Mir wurde versprochen, dass ich bei Speiseplanänderungen informiert werde. Wie Sie wissen, macht Owen die Essenswahl nervös. Deshalb legen wir immer im Voraus fest, was er bestellt.“

„Ich weiß, und es tut mir leid.“ Sein Bedauern war aufrichtig. „Aber das entschuldigt keine Gewalt.“

„Wollte er die Person denn treffen? Er neigt zu Wutanfällen, aber ich habe ihn noch nie gewalttätig erlebt.“

„Ich weiß es nicht, aber es ist ehrlich gesagt auch egal. Das Ergebnis ist das Gleiche. Wir wollen Owen helfen, aber ich muss auch an die Sicherheit der anderen Schüler und des Personals denken. Egal wie sehr alle Beteiligten wollen, dass es funktioniert – vielleicht ist es an der Zeit, eine andere Schulumgebung für Owen in Betracht zu ziehen.“ Die Worte kamen ihm nur schwer über die Lippen. Die meiste Zeit über war Owen ein wunderbarer kleiner Junge. Aber seine Wutanfälle ließen nicht nach. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich selbst oder jemand anderen verletzte.

Megan Palmer zuckte bei seinen Worten zusammen, als hätte er sie körperlich angegriffen. Aber sie war niemand, der schnell klein beigab. Im Gegenteil. Sie straffte die schmalen Schultern, blickte ihm direkt in die Augen und sagte etwas, was bisher noch niemand in dieser Schule zu sagen gewagt hatte. „Nein.“

Megans Hände zitterten leicht, doch sie behielt das Kinn oben, als Luke Wright bei ihren Worten eine Augenbraue hob.

„Wie bitte?“

„Bei allem Respekt, Rektor Wright, ich kenne meinen Sohn. Ich weiß, was das Beste für ihn ist. Die All Saints bietet ihm sowohl die Möglichkeit einer Ausbildung, als auch die der sozialen Entwicklung. Diese Schule ist genau der Ort, an dem er sein sollte.“

„Ich verstehe Ihre Sorge um Ihren Sohn, aber wir kommen mit seinem Verhalten einfach nicht zurecht.“ Das Mitgefühl in seinen Augen milderte die Härte seiner Worte kaum.

Sie hatte damit gerechnet, dass ihr Gespräch in diese Richtung verlaufen würde – was nicht hieß, dass es leicht war, das Urteil des Schulleiters zu hören.

„Ich weiß.“ Megan gab sich Mühe, ruhig und bestimmt zu sprechen, trotz es wilden, verzweifelten Rhythmus, in dem ihr Puls schlug. Sie beugte sich hinunter und spürte, wie sich noch mehr Haare aus ihrem Dutt lösten, als sie einen Stapel Kopien aus ihrer Tasche holte. „Er gibt sich wirklich Mühe. Aber wenn sich wie heute etwas ändert, triggert das seine Ängste und wenn das passiert, hat er einen Blackout. Wir haben eine Strategie, um zu verhindern, dass die Dinge eskalieren, die zu Hause funktioniert. Sie könnte auch hier funktionieren. Wenn Sie erlauben würden, dass er Lily mitnimmt …“

Luke Wright hob eine Hand, um sie mitten im Satz zu unterbrechen. „Nein. Wir haben das bereits besprochen. Eine Schule ist kein Ort für einen Hund. Haustiere müssen zu Hause bleiben.“

Sie runzelte verärgert die Stirn. „Lily ist kein Haustier. Sie ist ein ausgebildeter Autismus-Assistenzhund. Sie würde Owen im Schulalltag unterstützen.“ Der Gedanke an eine Schulbegleitung war bereits diskutiert worden. Aber da die All Saints eine Privatschule war, hätte Megan sie aus eigener Tasche bezahlen müssen. Die Kosten überstiegen bei Weitem ihr ohnehin schmales Budget. „In öffentlichen Schulen ist es ganz normal, dass Kinder mit besonderen Bedürfnissen Unterstützung erhalten.“

„Aber Lily wäre eine Unterstützung, die auf den Teppich pinkeln oder ein Kind beißen könnte.“

„Ich bitte Sie. Dass Lily auf den Teppich pinkelt, ist unwahrscheinlicher, als dass es einige Ihrer Schüler tun. Und sie beißt nicht.“ Im Gegensatz zu Owen. Er hatte an seiner letzten Privatschule sehr wohl einen Schüler gebissen und war daraufhin der Schule verwiesen worden. Paradise war eine Kleinstadt. Wenn er die All Saints auch verlassen musste, blieb keine andere Schule mehr übrig. Die öffentlichen Schulen von Paradise befanden sich auf dem Festland und erforderten tägliches Pendeln, was sie Owen nicht zumuten wollte. Sie konnte nicht zulassen, dass er auch dieser Schule verwiesen wurde.

„An anderen Schulen wurden Assistenzhunde bereits in den Schulalltag integriert – ohne dass es zu Problemen kam.“ Genau genommen handelte es sich bei diesen anderen Schulen um insgesamt drei. Alles kleine Privatschulen wie die All Saints. Das bedeutete allerdings nicht, dass ihre Idee nicht gut war. Nur, dass sie noch keine breite Anwendung gefunden hatte.

„Ich habe einen Brief vom Direktor einer dieser Schulen mitgebracht, in dem er beschreibt, wie ein Assistenzhund die Verhaltensprobleme im Klassenzimmer reduziert und die Lernergebnisse der Schüler mit Behinderungen verbessert hat.“

Ohne ihre Ausführungen zu unterbrechen, schob sie ihm die Unterlagen über den Schreibtisch. „Das hier ist ein Überblick über Lilys Ausbildung und ihre Fähigkeiten“, erklärte sie hastig und legte die Hochglanzbroschüre auf den Brief des Direktoren. „Und das ist ein Bericht von Owens Therapeutin, aus dem hervorgeht, wie sich Owens Angstzustände und Wutanfälle vermindert haben, seit er Lily hat.“ Sie ließ den dicken Stapel handschriftlicher Notizen auf den wachsenden Berg Unterlagen fallen und atmete tief durch. „Denken Sie darüber nach. Ich bin sicher, dass Sie erkennen, wie gut es Owen tun würde, wenn er Lily an seiner Seite hätte.“

„Wie dem auch sei …“

„Lesen Sie die Unterlagen.“ Dieses Mal war es an ihr, ihn zu unterbrechen. „Bitte“, fügte sie hinzu, obwohl sie es hasste, zu betteln.

Nach einem viel zu langen Schweigen seufzte er und nickte dann resigniert.

„Wirklich? Ähm, ich meine, vielen Dank!“

Er machte eine abwehrende Geste. „Danken Sie mir nicht. Ich erkläre mich zu nichts anderem bereit, als die Informationen zu lesen, die Sie mitgebracht haben. Machen Sie sich bitte keine großen Hoffnungen!“

Zu spät. An manchen Tagen war Hoffnung alles, was ihr blieb, und sie hatte sich geschworen, sie sich zu bewahren – komme was wolle. Ohne sie hätte sie es nie so weit gebracht. Und Luke Wright hatte ihren schwindenden Optimismus soeben neu entfacht.

„Natürlich nicht“, log sie. „Aber ich glaube wirklich, dass es funktionieren könnte. Und ich beantworte Ihnen gerne alle Fragen, die Sie zur Umsetzung haben.“

„Ich melde mich bei Ihnen, wenn ich mir die Unterlagen angesehen habe. In der Zwischenzeit sollten Sie sich über eine Alternative Gedanken machen.“

Mit anderen Worten: Sie sollte nach einer anderen Schule suchen. Als hätte sie nicht bereits schon bis zum Erbrechen alle möglichen Bildungseinrichtungen auf der Insel recherchiert. Die All Saints war Owens beste Option. Das öffentliche Schulsystem sah vor, dass er eine spezielle Fördereinrichtung für Kinder mit Behinderungen auf dem Festland besuchte, die über eine Stunde entfernt war. Und die einzigen Privatschulen, die Owen noch nicht besucht hatte, hatten ihre Anfragen bereits höflich, aber bestimmt abgelehnt. Zudem war die All Saints eine der besten Schulen des Bundesstaates. Owen war trotz seiner Schwierigkeiten sehr intelligent – er brauchte genau das, was man ihm hier bieten konnte.

Der Mann, der die Fäden in der Hand hielt, die über Owens Schicksal bestimmen würden, blickte in diesem Moment auf seine Armbanduhr. Ein wenig dezenter Hinweis dafür, dass sie gehen sollte. Na gut. Sie würde gehen. Fürs Erste.

„Ich freue mich, mit Ihnen über diese Option zu sprechen, sobald Sie die Gelegenheit hatten, sich in das Thema einzulesen.“ Luke Wright nickte abwesend. Sein Blick war bereits auf seinen Laptop gerichtet. Für ihn schien ihr Gespräch beendet zu sein. Doch Megan gab nicht auf. Wenn es um Owen ging, war sie dazu nicht in der Lage.

„Also, wann haben Sie Zeit?“ Sie lächelte und spürte ein kleines Gefühl der Genugtuung, als er bei ihren Worten etwas verdutzt aus der Wäsche schaute.

„Ähm, was?“

„Wann sollen wir uns treffen, um uns über die Unterlagen zum Thema ‚Assistenzhunde im Klassenzimmer‘ auszutauschen?“

Der Rektor seufzte, und sie wusste, dass sie soeben zumindest einen Teilsieg davongetragen hatte. Luke Wright öffnete seinen Terminkalender auf dem Computer und klickte nach einigem Suchen auf ein leeres Feld. „Wie wäre es am Montag kurz vor Schulschluss, sagen wir um vierzehn Uhr dreißig?“

Megan nickte und stand auf. Fünfzehn Minuten waren wenig, aber besser als nichts. Sie reichte ihm die Hand und bedankte sich, wobei sie im Kopf bereits die Möglichkeiten durchging, die sich für Owen ergeben würden, wenn sie es schaffen würde, den Schulleiter zu überzeugen.

Als er ihre Hand schüttelte, wurde Megan abrupt aus ihren Gedanken gerissen. Kleine, prickelnde Energieblitze strömten von ihren Fingerspitzen durch ihren ganzen Körper und bis zu ihren Zehen. Sie hob blinzelnd den Blick, doch ein Teil ihres Gehirns, der lange Zeit inaktiv gewesen war, hatte das Gefühl bereits registriert und katalogisiert. Anziehung. Pure körperliche Anziehung.

Hastig riss sie die Hand zurück und rieb sich mit der Handfläche über ihre Jeans, als wäre Lust etwas, das man einfach abwischen könnte. Ja, er war einer der attraktivsten Männer, die ihr je über den Weg gelaufen waren. Außerdem war er intelligent und kompetent. Aber das bedeutete nicht, dass sie ihren Hormonen völlige Narrenfreiheit gewähren würde. Nicht jetzt und vor allem nicht bei ihm. Sie hatte eine Mission, und nichts würde sich ihr in den Weg stellen.

2. KAPITEL

Luke sah zu, wie die Tür ins Schloss fiel und atmete aus, als er sich zurück in seinen Stuhl sinken ließ. Er war nicht sicher, wann genau er die Kontrolle über ihr Treffen verloren hatte, aber so war es gekommen. Definitiv. Vielleicht war es der Zeitpunkt gewesen, als sie ihn wegen seiner mangelnden Kompetenz im Reich der Grüntöne geneckt hatte.

Sein Plan war gewesen, Gründe aufzulisten, warum Owen in einer Schulumgebung, die auf ihn zugeschnitten war, besser aufgehoben wäre. Er hatte sogar in Erwägung gezogen, mit ihr die Unterlagen für Owens Entlassung durchzugehen. Stattdessen hatte sie ihn dazu gebracht, einen Stapel Dokumente durchzuarbeiten und einem weiteren Treffen zuzustimmen, für das er eigentlich keine Zeit hatte.

Aber er hatte einfach nicht Nein sagen können. Nicht, weil er sich von ihr angezogen fühlte. Er war professionell genug, um das beiseite zu schieben. Es war ihr leidenschaftlicher Einsatz für ihren Sohn, für den er sie bewunderte. Auch, wenn sie sein Leben damit um einiges schwieriger machte.

Verdammt. Ein weiteres unlösbares Problem war das Letzte, was er gerade gebrauchen konnte. Sein Schulalltag war bereits voll davon. Auf seinem Türschild stand „Schuldirektor“, aber in Wahrheit war sein Job eine Mischung aus Therapeut, Geschäftsführer, Spendensammler, Buchhalter und Zirkusdirektor. Oh, und Handwerker, wenn man die Gelegenheiten mitzählte, bei denen man ihn herbeirief, damit er ein klemmendes Fenster öffnete oder einen losen Türknauf ersetzte. Und das alles für ein Gehalt, das auf dem Papier zwar ganz ordentlich aussah, aber fast vollständig von seinen gigantischen Studienkrediten aufgefressen wurde.

Luke hätte mehr verdienen können, wenn er sich von einer größeren Schule in einer bevölkerungsreicheren Gegend hätte anstellen lassen. In Gegenden wie dem Bundesstaat New York wurden Pädagogen in der Regel viel höhere Gehälter gezahlt. Aber die unzähligen Sonnentage und das behagliche Leben in einer Kleinstadt, in der jeder jeden kannte, waren unbezahlbar. Er hatte Paradise während eines Angelwochenendes in seinem ersten Studienjahr als Lehrer entdeckt. Die winzige Insel am Rande des Meers hatte ihn so fasziniert, dass er sie zwischen Nebenjob und Studium so oft wie möglich besucht hatte. Und als eine Stelle an der All-Saints-Grundschule freigeworden war, hatte er die Gelegenheit beim Schopf ergriffen und war ganz nach Paradise gezogen.

Er war jung für einen Schuldirektor und hatte weniger Erfahrung, als einige der Vorstandsmitglieder sich gewünscht hatten. Trotzdem hatte er sie überzeugt, ihm eine Chance zu gegeben. Dass er das nicht gerade üppige Gehalt akzeptiert hatte, hatte wahrscheinlich auch nicht geschadet. Jetzt musste er ihnen und sich selbst beweisen, dass er der Aufgabe gewachsen war. Dafür galt es, die Eltern bei Laune, die Schüler in der Spur und das Spendenniveau hoch zu halten. Das Wochenende damit zu verbringen, über Assistenzhunde zu recherchieren oder die Mittagspause ausfallen zu lassen, um sich darüber auszutauschen, würde ihm dabei nicht helfen. Und doch hatte er sich soeben genau dazu bereit erklärt. Denn seinen Job richtig zu machen, war das eine. Das Richtige für die Kinder, in diesem Fall Owen, zu tun, das andere.

Das Problem war, dass die Bedürfnisse von Owen Palmer mit den Bedürfnissen seiner Mitschüler, seiner Lehrer und der Schule als Ganzes in Einklang gebracht werden mussten. Ein Hund in der Schule war nicht tragbar. Ein Stapel Unterlagen würde daran nichts ändern. Dennoch ertappte Luke sich dabei, wie er nach den Informationen griff, die Owens Mutter ihm dagelassen hatte, anstatt auf die Budgettabelle zu klicken, mit der er sich eigentlich herumschlagen sollte. Vielleicht war es besser, die Informationen jetzt gleich zu überfliegen, und es hinter sich zu bringen.

Als zwei Stunden später die Glocke läutete und das Ende der letzten Schulstunde ankündigte, war er immer noch am Lesen.

Am heutigen Tag schien ihr Schicksal darin zu bestehen, sich mit starrsinnigen männlichen Wesen herumzuschlagen, dachte Megan und schüttelte ärgerlich den Kopf. Sie hatte ihr Meeting mit Rektor Wright in Anbetracht ihrer Überredungskünste mit einem kleinen Hochgefühl verlassen – das allerdings nur von kurzer Dauer gewesen war.

„Ich hab keinen Hunger.“

Megan holte tief Luft und zählte bis zehn, um Ruhe zu bewahren, während Owen sie stur über seinen Teller mit Chicken Fingers anstarrte. Selbstgemachte Hähnchensticks, die sie nach einem Rezept zubereitet hatte, das sie im Internet gefunden hatte. Die Food-Bloggerin hatte versprochen, dass sie genauso gut schmeckten, wie die Fast-Food-Version, die ihr Sohn so gerne aß.

Owen war offenbar anderer Meinung.

Vielleicht war der Gaumen des Sechsjährigen empfindlicher als der von anderen Leuten. Vielleicht war er auch einfach nur verärgert, dass es zur ihrer selbstgemachten Version kein Spielzeug gab. Wie auch immer, er weigerte sich, das Essen auf seinem Teller anzurühren. Trotz seiner gegenteiligen Behauptungen wusste sie, dass er hungrig war. Und ein leerer Magen machte ihren Sohn zu einer tickenden Zeitbombe. Je hungriger er wurde, desto wahrscheinlicher war ein Wutanfall. Ihren Schätzungen zufolge waren sie etwa fünf Minuten vom totalen Kollaps entfernt.

Owen schob den Teller noch ein Stückchen weiter weg und stieß dabei fast seinen kleinen Milchbecher um.

Vielleicht waren fünf Minuten noch zu großzügig bemessen.

Megan schob das Milchglas vorsichtshalber ein Stück zur Seite und dachte über ihre Optionen nach. Sie könnte Owen weiter dazu drängen, das Essen zumindest zu probieren und sich dann mit dem obligatorischen Wutanfall auseinandersetzen. Viele der Erziehungsratgeber, die auf ihrem Nachttisch lagen, empfahlen genau diese Vorgehensweise. Aber die Autoren dieser Bücher waren Owen nie begegnet. Ihr Sohn hatte ganz andere Bedürfnisse als neurotypische Kinder.

Die weitaus einfachere Option war die Kapitulation. Wenn sie Owen jetzt ins Auto verfrachten und mit ihm zum Drive-in fahren würde, würde er sich eventuell zusammenreißen, bis er etwas im Magen hatte. Doch so verlockend die Idee auch war, wenn sie jetzt einknickte, würde es ihr irgendwann auf die Füße fallen. Ja, Owen großzuziehen erforderte Flexibilität, aber er brauchte auch klare Regeln.

Konsequent und fair. Das hatten die Therapeuten ihr mit auf den Weg gegeben. Im Gespräch hatte sich der Rat gut angehört, hier am Küchentisch erwies er sich allerdings als wenig hilfreich. Megan blickte zu ihrem Sohn, und in ihrem Hals bildete sich ein Kloß. Sein Gesichtsausdruck war trotzig, doch in seinen Augen glänzten die Tränen, die er verzweifelt versuchte, zurückzuhalten. Auch ihre Augen begannen zu brennen. Er war so stark und gleichzeitig so verletzlich. Sie war nicht die Einzige, die einen harten Tag hinter sich hatte. Er war müde, hungrig und mindestens genauso frustriert wie sie. Lily, die es sich unter dem Tisch gemütlich gemacht hatte, drückte ihren Kopf gegen Owens nackten Fuß, was zeigte, dass auch sie die hereinbrechende Gefühlsflut spürte.

Ihr Kind macht Ihnen nicht das Leben schwer, das Leben Ihres Kindes ist gerade schwer.

Dieser Satz – sie hatte ihn in irgendeinem Buch gelesen – hatte ihr einen Aha-Moment beschert. An Tagen wie heute, an denen sie heillos überfordert war, vergaß sie leicht, dass sie im selben Boot saßen.

Sie erhob sich und setzte sich neben ihn, in der Hoffnung, dass er die Veränderung ihrer Körpersprache wahrnehmen würde. Selbst wenn er es nicht tat, half ihr die Nähe zu ihm, der Geruch seines nach Trauben duftenden Kindershampoos, sich den letzten Funken Geduld abzuringen. Er war noch ein Kind. Und er brauchte ihre Hilfe.

„Du magst das Essen nicht, oder?“

Owen schüttelte den Kopf und sein langer Pony fiel ihm über die Augen. Sie würde bald in den sauren Apfel beißen und ihm die Haare schneiden lassen müssen. Aber: eins nach dem anderen.

„Kannst du mir sagen, warum?“ Owen blickte sie wortlos an. Sie versuchte es noch einmal. „Sind die Sticks zu knusprig? Oder zu heiß?“ Kinder auf dem Autismusspektrum hatten manchmal Schwierigkeiten mit sensorischen Reizen. Es konnte nicht nur sein, dass sie bestimmte Dinge mehr oder weniger stark wahrnahmen als andere Menschen – oft fehlten ihnen auch die Worte, ihre Gefühle zu beschreiben. „Wenn du willst, kann ich es für dich schneiden. Soll ich das tun?“

Owen schloss die Augen. Das tat er oft, wenn er kurz davor war, die Fassung zu verlieren. Megan zwang sich ruhig zu warten, während er nachdachte. Schließlich öffnete er die Augen wieder und sah sie an. „Rot.“

Rot? Megan betrachtete die mittlerweile lauwarmen und eindeutig goldbrauen Chicken Fingers. Worauf wollte ihr Sohn hinaus? Redete er überhaupt über das Essen?

„Ich soll dir Rotkäppchen vorlesen, während du isst?“, riet sie.

Owen rollte mit den Augen und deutete energisch auf den Teller. „Roter Dip.“

Die plötzliche Erkenntnis traf sie wie ein Schlag. „Ketchup! Du willst Ketchup zu deinem Hähnchen?“

Er nickte, und Megan fragte sich, warum sie nicht selbst darauf gekommen war. Er dippte seine Hähnchensticks immer in Ketchup oder „den roten Dip“, wie er es nannte. Andere Kinder hätten einfach nach Ketchup gefragt, anstatt das Essen zu verweigern, aber Owen war nun einmal nicht wie andere Kinder. Vermutlich war ihm nicht einmal klar gewesen, was ihm fehlte, zumindest zu Beginn.

Manchmal half es ihr, sich ihren Sohn als geistesabwesenden Professor vorzustellen: Er konnte unzählige Fakten zu einem Thema aufzählen, das ihn interessierte, hatte aber Schwierigkeiten, Informationen wahrzunehmen oder zu behalten, die ihm banal erschienen. Was ihren gemeinsamen Alltag manchmal etwas kompliziert machte.

Aber hey, heute hatten sie es hinbekommen. Megan holte die Plastikflasche mit dem Ketchup, gab einen großzügigen Klecks auf Owens Teller und erlaubte sich einen Moment der Selbstzufriedenheit. Sie hatte weder die Beherrschung verloren noch hatte sie nachgegeben. Stattdessen hatten sie einen kooperativen Weg gefunden.

An diesem Abend schmeckte ihr Triumph nach selbstgemachten Hähnchensticks.

3. KAPITEL

Samstag war ihr Lieblingstag. An den Wochentagen war Owen in der Schule, und sie machte sich tagsüber ständig Sorgen, wie es ihm ging oder ob sie einen Anruf bekommen würde, dass sie ihn früher abholen müsste. Und am Sonntag wollte nicht nur die nächste Woche vorbereitet werden – sie gingen auch in die Kirche, wo Megan die missbilligenden Blicke ertragen musste, wenn Owen auf der Kirchenbank herumturnte und – zappelte, bis die Kinder in die Sonntagsschule entlassen wurde. Doch am Samstag gab es keine Verpflichtungen und keinen Zeitplan. Sie konnten den ganzen Tag mit Lily im Garten verbringen – was sie auch oft taten. So wie heute: Megan in einem alten Gartenstuhl und Owen knietief in einem Matschloch.

Ihr Handy begann in ihrer Shorts zu summen und Megan warf einen Blick auf das Display. Es war ihre Mom. Sie rief jeden Samstagmorgen an, egal, wo auf der Welt sie sich gerade befand.

„Hey Mom.“

„Hallo. Wie geht es meiner Lieblingstochter?“

„Ich bin deine einzige Tochter, und es geht mir gut. Und euch? Wie ist Brüssel?“

Ihr Dad hatte seine Laufbahn beim Militär zwar vor zwei Jahren beendet, doch seine jahrzehntelange Erfahrung hatte ihm zu einer zweiten Karriere als Berater für Nukleartechnik verholfen. Anstatt sich zur Ruhe zu setzen, reisten ihre Eltern deshalb durch die Welt. Megan war stolz auf die beiden, obwohl sie manchmal wünschte, dass Owen Großeltern hätte, die in der Nähe wohnten.

Tims Eltern waren kurz nach dem Tod ihres Sohn nach North Carolina gezogen. Sie schickten Owen jedes Jahr zwei Karten mit einem Fünf-Dollar-Schein. Eine zu seinem Geburtstag und eine zu Weihnachten. Doch sie waren nie zurückgekehrt, um ihn zu besuchen.

„Hallo?“ Die Ungeduld in der Stimme ihrer Mutter sagte ihr, dass sie mit ihren Gedanken kurz abgeschweift war.

„Sorry Mom, die Verbindung ist kurz abgebrochen“, flunkerte sie. „Was hast du gesagt?“

„Ich habe gefragt, wie es für Owen in der Schule läuft.“

Sie berichtete ihrer Mom von den Geschehnissen der Woche und ihrem Treffen mit Owens Schulleiter.

„Weißt du Megan, dein Vater und ich wissen, dass du es nicht leicht hast. Aber wir sind sehr beeindruckt, wie gut du das alles meisterst.“

Megan freute sich über das seltene Lob. „Danke. Ich tue was ich kann.“ Dann holte sie tief Luft. „Aber weißt du, ich hatte gehofft, dass du und Dad uns vielleicht etwas öfter besuchen könntet.“

„Oh Liebes. Das würden wir gerne. Aber dein Dad hat im Moment so viel zu tun. Ich habe keine Ahnung, wann wir aus Europa zurückkehren.“

„Was ist mit Weihnachten? Wenn Dad so viel zu tun hat, könntest du vielleicht alleine kommen?“ Sie wusste, dass ihr Flehen sinnlos war. Sie konnte es beinahe vor sich sehen, wie ihre Mutter mit einem zusammengekniffenen Gesicht den Kopf schüttelte.

„Ich fürchte, wir werden Weihnachten in der Schweiz verbringen. Ein europäischer Außenminister organisiert in seinem Chalet eine Art Denkfabrik, und er möchte, dass dein Vater daran teilnimmt.“

Bittere Enttäuschung stieg in Megan auf und vertrieb die gute Stimmung, in der sie sich noch vor wenigen Minuten befunden hatte. Sie hätte sich keine Hoffnungen machen sollen. Es war Jahre her, dass sie gemeinsam unter dem Weihnachtsbaum gesessen hatten. Aber war es denn so falsch, sich für ihren Sohn ein großes Familienfest zu wünschen?

„Okay, dann lass mich wissen, wohin ich eure Geschenke schicken lassen soll“, sagte sie knapp und fügte dann hinzu: „Mom, ich muss nach Owen sehen. Wir hören uns nächste Woche.“

„Megan, ich verstehe, dass du verärgert bist, aber bitte …“

„Bis bald, Mom!“ Megan legte auf und atmete tief durch. Sie würde sich diesen Samstag nicht vermiesen lassen. Gerade, als sie das Handy beiseitelegen wollte, läutete es erneut. Entnervt hob sie ab, ohne auf das Display zu sehen.

„Was ist, Mom?“

In der Leitung war es kurz still, dann fragte eine Stimme, die so gar nicht nach ihrer Mutter klang: „Entschuldigen Sie, ist da Megan Palmer?“

Erschrocken riss Megan das Telefon vom Ohr, um den eindeutig männlichen Anrufer zu identifizieren. Eine lokale Nummer, die sie nicht kannte. Für den Bruchteil einer Sekunde erwog sie, aufzulegen und so zu tun, als hätte sie nichts gesagt, aber ihre Südstaatenmanieren hinderten sie daran. Also schluckte sie ihre Verlegenheit hinunter. „Am Apparat.“

„Gut, ich hatte gehofft, dass ich Sie erreiche.“

Die Stimme kam ihr bekannt vor, auch wenn sie sie nicht zuordnen konnte. „Verzeihung, aber wer spricht da?“

„Luke Wright von der All Saints.“

Ihr Magen wurde flau. Sie hatte sich so bemüht, sich Owens Direktor gegenüber professionell zu verhalten und nun hatte sie ihn „Mom“ genannt!

„Oh, hallo Rektor Wright. Entschuldigen Sie, ich dachte, Sie wären jemand anderes.“

„Den Eindruck hatte ich auch.“ Seine Belustigung war durch die Leitung sehr gut zu hören.

Leicht empört setzte Meghan sich auf. Ja, sie hätte auf das Display schauen sollen, um den Anrufer zu identifizieren. Aber so ein Fehler konnte doch jedem mal passieren. Er hatte sie noch nie persönlich angerufen, und außerdem war Samstag! Es bestand kein Grund, dass er sie anrief.

Es sei denn, er hatte es so eilig, Owen rauszuwerfen, dass er nicht bis Montag warten wollte. Ihre Gedanken überschlugen sich, und es dauerte einen Moment, bis ihr aufging, dass er auf eine Antwort wartete.

„Ähm, was kann ich für Sie tun?“

„Nun, ich bin gestern die Unterlagen über Assistenzhunde durchgegangen, die Sie mir gegeben haben, und hätte ein paar Fragen. Und na ja, ich habe mich gefragt, ob ich Ihren Hund kennenlernen könnte.“

„Owens Hund“, korrigierte sie ihn automatisch, während es in ihrem Kopf weiter ratterte. Hieß das, dass er offen für den Vorschlag war, dass Lily Owen in die Schule begleitete? „Wann haben Sie Zeit?“ Sie würde Lily vorher baden müssen. Vielleicht sollte sie ihr auch etwas von dem Hundeparfüm aufsprühen, das Owen ihr unbedingt hatte kaufen wollen.

„Na ja …“ Luke Wright lachte, und das Geräusch jagte ihr trotz der Hitze einen kleinen, wohligen Schauer über den Körper. „Ich stehe bereits in Ihrer Einfahrt. Ich hatte spontan die Idee, vorbeizukommen. Mir ist erst später eingefallen, dass ich vorher anrufen sollte. Deshalb der Anruf.“

Er war hier. In ihrer Einfahrt!

Megan blickte an sich hinunter und betrachtete ihre zerschlissenen Shorts und nackten Füße. Dann ließ sie ihren Blick zu Owen und Lily im Garten schweifen, die – beide von Kopf bis Fuß mit Schlamm überzogen –, einen Tunnel ins Nirgendwo bauten. Sie war nicht sicher, ob sie lachen oder weinen sollte. Am Ende tat sie weder das eine noch das andere und wies Owens Schulleiter stattdessen den Weg zum Tor an der Seite des Hauses.

Eine Minute später kam er um die Ecke. Er wirkte selbst in seinen lässigen, khakifarbenen Shorts, einem leichten Buttondown-Hemd mit kurzen Ärmeln und Bootsschuhen tadellos gekleidet. Unsicher schob sie den herunterhängenden Träger ihres ausgeleierten Tanktops zurück an seinen Platz und setzte ein Lächeln auf.

„Möchten Sie etwas trinken? Ich habe Eistee oder Wasser.“

„Eistee. Wenn es keine Umstände macht.“

„Überhaupt nicht. Ich wollte sowieso gerade nachschenken.“ Megan beugte sich vor und griff nach ihrem Glas, das auf dem Betonboden neben ihrem Gartenstuhl stand. „Ich bin gleich zurück.“

Sie überlegte, ob sie Owen herrufen sollte, damit er seinen Schulleiter begrüßte, entschied sich aber dagegen. Er befand sich gerade in seiner ganz eigenen Welt, und sie wusste, dass der Versuch, ihn dort herauszuholen, mehr Mühe kosten würde, als es wert war. Außerdem wollte sie nicht, dass er ihr Gespräch mit Luke Wright mithörte. Wenn es schlecht lief, würde sie ihm alles erklären, sobald sie unter vier Augen waren.

Sie führte ihren Besucher zu der Sitzgruppe auf der Terrasse und ging ins Haus, wobei sie darauf achtete, die Schiebetür zu verschließen, damit die drückende Hitze nicht ins Haus dringen konnte. Selbst jetzt, kurz vor Herbstbeginn, hatte die uralte Klimaanlage Mühe, die Temperaturen im Haus auf einem erträglichen Niveau zu halten. Was sie zurück zu ihrem prekären Kontostand führte. Irgendwann würde sie genug Geld gespart haben, um in ein neues Haus zu ziehen. Ein Haus mit einer guten Isolierung und Geräten, die nicht älter waren als sie selbst.

Was davon abhing, dass sie ihr Arbeitspensum schaffte, brachte Megan sich in Erinnerung, während sie ein zweites Glas aus einem Küchenschrank holte und Luke und sich Eistee einschenkte. Die Kommunikation mit dem europäischen IT-Unternehmen, bei dem sie angestellt war, fand abends statt, wenn Owen im Bett war. Der ursprüngliche Plan war gewesen, die eigentliche Programmierarbeit tagsüber zu erledigen. Doch die Realität sah anders aus: Wenn Owen in der Schule war, machte Megan sich so viele Sorgen, dass es wieder einen Vorfall geben würde, dass sie kaum etwas zustande brachte. Um die liegengebliebene Arbeit aufzuholen, arbeitete sie oft bis in die späten Nachtstunden, und der fehlende Schlaf ging ihr langsam an die Substanz.

Einfach alles hing davon ab, ob Lily Owen in die All Saints begleiten durfte. Sie wusste, wie sehr der Hund Owen mit seiner Selbstbeherrschung half. Mit Lily würde es ihm gut gehen. Und die Entscheidung lag allein in den Händen von Luke Wright. Der in diesem Moment in ihrem Garten saß.

Megan war überzeugt, dass er einwilligen würde, wenn er sah, wie brav Lily war und was für einen beruhigenden Einfluss sie auf Owen hatte. Sie warf einen Blick aus dem Fenster. Selbst jetzt wachte sie mit Argusaugen über ihr kleines Herrchen. Owen war noch immer mit seinem Erdloch beschäftigt. Dann, als hätte er auf wundersame Weise mitbekommen, dass seine Mutter an ihn dachte, hielt er plötzlich in seinem Tun inne und blickte um sich. Megan konnte sogar vom Küchenfenster aus verfolgen, wie er langsam begriff, dass nicht länger sie auf der Veranda saß, sondern jemand anderes.

Dann fing er an zu brüllen.

Als der erste Schrei ertönte, sprang Luke aus seinem Stuhl und sprintete quer durch den Garten. Owens Geschrei war so urgewaltig, dass es Schutzinstinkte auslöste, von deren Existenz er gar nicht gewusst hatte. Was um alles in der Welt konnte passiert sein? Ein Bienenstich? Feuerameisen? Eine Klapperschlange? Seine Gedanken überschlugen sich, und sein Herz raste, als er den Jungen erreichte, der sich zu einem Ball zusammengerollt hatte und sein Gesicht an die sorgenvolle Labradordame presste.

„Geht es dir gut?“

Falls er eine Antwort bekam, wurde sie von dem schlammigen Fell des Hundes verschluckt. Immerhin war aus dem Schreien mittlerweile ein leises Wimmern geworden. Luke fiel auf die Knie und suchte Owen nach sichtbaren Verletzungen ab. Wegen der dicken Schmutzschicht, die das Kind überzog, war es allerdings unmöglich, etwas zu erkennen. Er legte eine Hand auf Owens Schulter, und das Gebrüll setzte von Neuem ein.

Verdammt. Er war nicht einmal zwei Minuten lang mit dem Jungen allein gewesen.

„Es ist alles okay, Owen. Ich bin hier.“ Megan war wie von Geisterhand erschienen und drängte sich an ihm vorbei, um zu ihrem Sohn zu gelangen. „Ich war nur im Haus. Es tut mir leid, ich hätte es dir sagen sollen.“ Owen hörte nicht auf zu schreien, verringerte jedoch die Lautstärke um ein paar Dezibel.

„Ich habe nicht gesehen, was passiert ist.“ Schuldgefühle brannten wie Säure in Lukes Magen. „Ich bin sofort hingerannt. Geht es ihm gut?“

„Ja, wenn Sie von ihm weggehen.“ Sie war in die Hocke gegangen und blickte zu ihm auf. „Entschuldigen Sie, das war nicht so gemeint. Es ist nur … Er braucht gerade einfach etwas Raum.“ Sorge und etwas, das nach Scham aussah, trübten ihre Augen.

„Ähm, klar.“ Luke ging zur Terrasse hinüber und stellte fest, dass die Glasschiebetür einen Spalt offen stand, was eine willkommene Einladung für Moskitos darstellte.

Er schickte sich an, die Tür zu schließen – bis sein Blick das Chaos dahinter streifte. Der Küchenboden war nicht nur mit Scherben übersät, sondern auch mit Eistee überflutet. Die klebrige Flüssigkeit bahnte sich bereits ihren Weg in den mit Teppich ausgelegten offenen Wohnbereich. Ein Blick über seine Schulter offenbarte einen noch immer über seine Hündin gebeugten Owen, der den Kopf über etwas schüttelte, das seine Mutter sagte, und keine Anstalten machte, sich zu bewegen.

Megan wirkte frustriert, aber nicht länger panisch, was hoffentlich bedeutete, dass nichts Ernstes vorgefallen war. Doch so wie er Owen kannte, konnte es selbst bei Dingen, die aus Erwachsenensicht Kleinigkeiten waren, Stunden dauern, bis er sich wieder beruhigte.

Deshalb war er auch mehr als nur ein wenig überrascht, als Mutter und Kind nur fünfzehn Minuten später durch die Hintertür traten.

Megan ihrerseits war geradezu schockiert, als sie die Küche betrat. Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie von dem wieder makellos sauberen Boden zum Herd, an dem Luke gerade stand, in der Hand einen Pfannenwender.

„Was … Was machen Sie da?“

Luke zuckte mit den Schultern und wendete das mittlerweile perfekt gebräunte Grilled-Cheese-Sandwich. „Ich war mir nicht sicher, wie viel Zeit Owen braucht, und es war Mittagszeit. Also habe ich Sandwiches gemacht.“

Sie blinzelte. „Sie haben Sandwiches gemacht?“

„Ja.“ Er deutete auf die Pfanne. „Grilled-Cheese-Sandwiches mag jeder, dachte ich.“

Sie ignorierte seine Bemerkung. „Und was ist mit dem Boden?“

„Den habe ich sauber gemacht.“

„Sie haben ihn sauber gemacht?“, wiederholte sie ungläubig. „Sie haben die Scherben aufgesammelt und … gewischt?“

Er zuckte mit den Schulter. „Sie sind barfuß. Ich wollte nicht, dass Sie oder Owen sich verletzen.“

„Oder Lily“, meldete sich Owen von der Türschwelle, wo er dem Hund mit einem Mikrofasertuch den Schlamm aus dem Fell wusch. „Sie ist auch barfuß. Sie ist immer barfuß.“

Luke verschlug es den Atem. So viel hatte er Owen noch nie sagen hören. Selbst an einem guten Tag brachte der Junge kaum mehr als zwei aufeinanderfolgende Wörter hervor. Und nach Situationen wie eben verstummte er oft völlig.

Luke wandte sich Megan zu, um zu sehen, ob sie ähnlich verblüfft war. Doch sie schien sich mehr über den unerwarteten Lunch zu wundern als darüber, dass Owen das Wort ergriffen hatte. Vielleicht verhielt sich Owen in seinem Zuhause anders als in der Schule. Oder es lag doch an dem Hund. Selbst jetzt lag die schmutzige Hand des kleinen Jungen auf dem Fell des Tieres, als würde er aus dem Kontakt Kraft schöpfen.

Nein, Kraft war nicht das richtige Wort. Es war etwas Subtileres. Eine Art emotionalen Frieden. Die Hündin strahlte eine ruhige Zuversicht aus, die selbst ein Skeptiker wie er wahrnahm.

Um den Moment nicht zu zerstören, hielt er den Blick abgewandt, als er mit gelassener Stimme antwortete. „Da hast du recht, Owen. Ihr alle hättet euch an den Scherben verletzen können.“

„Nun, vielen Dank, schätze ich.“ Megan kaute auf ihrer Lippe herum und blickte ihn misstrauisch an. „Aber ich hätte das selbst wegräumen können.“

„Sicher. Aber jetzt ist es schon erledigt.“ Luke verfrachtete die zwei Sandwiches auf einen Teller und schaltete den Herd aus.

Megan blickte ihn verwirrt an. „Wollen Sie nichts essen?“

„Ich bin nicht wirklich hungrig“, gab er zu. „Außerdem dachte ich nach der Sache im Garten, dass ich besser gehen sollte.“ Das war nur ein Grund. Beim Blick in ihren Kühlschrank und ihre Speisekammer waren ihm ihre spärlichen Lebensmittelvorräte aufgefallen. Vielleicht hatte das nichts zu bedeuten. Aber er kannte ihre finanzielle Situation nicht und würde sich hüten, einer alleinerziehenden Mutter und ihrem Kind auf der nicht gerade prall gefüllten Tasche zu liegen.

Megan schürzte die Lippen, als würde sie widersprechen wollen, doch es war Owen, der das Wort ergriff.

„Ich teile meins mit dir.“ Der kleine Junge sah ihn an, sein Blick intensiv. Was bei Owen keine Besonderheit war.

„Teilen ist gut. Ich bekomme einen Aufkleber, wenn ich teile.“

Luke schüttelte den Kopf. „Ja, Teilen ist wirklich gut, aber …“

„Lassen Sie ihn.“ Megan legte eine Hand auf seinen Arm. Sie zog ihn ein kleines Stück zu sich heran und senkte die Stimme. „Spontanes Teilen ist etwas, woran seine Therapeutin mit ihm arbeitet. Das ist eine große Sache für ihn. Bitte.“

Megan hasste es zu betteln, aber sie wäre sogar auf die Knie gegangen, um Luke davon abzuhalten, die Situation zu vermasseln. Ein Bild, wie sie aus einem ganz anderen Grund vor ihm kniete, blitzte vor ihrem inneren Auge auf, und Hitze schoss ihr ins Gesicht. Woher war das nur gekommen? Wie konnte sie an so etwas denken, wenn Owen im Raum war! Owen, der just in diesem Moment einen wichtigen Schritt gemacht hatte. Sie sollte mit ihm feiern, anstatt über seinen Schuldirektor zu fantasieren.

Lukes Augen suchten die ihren, aber falls die Röte in ihrem Gesicht ihre völlig unangebrachten Gedanken verraten hatte, zeigte er es nicht. Stattessen nickte er nur und schnappte sich einen dritten Teller. „Danke, Kumpel. Das ist echt nett von dir.“

Megan ließ die Luft aus ihren Lungen entweichen. Krise abgewendet. Als sie sich wieder Owen zuwandte, lächelte sie ihn strahlend an und ließ ihren Stolz alle anderen Gedanken verdrängen. „Das ist wirklich großzügig von dir. Wieso klebst du nicht gleich einen Aufkleber auf deine Karte? Dann vergisst du es nicht.“

Owen freute sich sichtlich über ihr Lob und verschwand in sein Zimmer. Megan wurde warm ums Herz. Owen eine Mutter zu sein war harte Arbeit, aber in Momenten wie diesen zahlte sich alles aus.

„Danke“, wandte sie sich an Luke.

Er zuckte mit den Schultern und schnitt ein kleines Stück von Owens Sandwich ab. „Zählt das als Teilen? Ich will nicht, dass er nicht satt wird, nur weil er höflich sein will.“

Seine Sorge rührte sie. „Ich denke, es ist der Gedanke, der zählt.“ Mit Ausnahme ihrer erotischen Gedanken an ihn. Die zählten definitiv nicht. Sie würde diesen Ausrutscher unter „schräge Stressreaktion“ verbuchen.

„Okay.“ Unbeholfen zwängte Luke sich in einen der Stühle an ihrem kleinen Küchentisch. Seine Beine waren viel zu lang, um darunter zu passen. Er wirkte viel zu groß für ihre Küche. Es war sehr lange her, dass Megan eine Mahlzeit mit jemand anderem als Owen eingenommen hatte, und sie war nicht sicher, ob sie noch wusste, wie man mit einem Erwachsenen Tischkonversation betrieb.

Aber sie hätte sich keine Sorge machen müssen, denn sie kam gar nicht zu Wort. Owen riss das Gespräch an sich und löcherte Luke unentwegt mit Fragen, während dieser sein Bestes gab, mitzuhalten. Derweil saß Lily die ganze Zeit über ruhig an Owens Seite, ihr Kopf lag in seinem Schoß.

Megan ertappte Luke einige Male dabei, wie er die Interaktion zwischen ihrem Sohn und der Hündin beobachtete. Bemerkte er, wie Owen kurz davor war, die Fassung zu verlieren, als seine Gabel zu Boden fiel und sich sofort beruhigte, als Lily ihm am Arm anstupste? Sie hoffte es.

Oder hatte der Zwischenfall im Garten ihn nur noch mehr in seiner Überzeugung bestärkt, dass Owen die Schule wechseln musste? Ihr Sandwich, das eben noch so köstlich geschmeckt hatte, verwandelte sich bei diesem Gedanken in Sägemehl. Vielleicht war der Schulleiter am Wochenende hergekommen, weil er nicht wollte, dass Owen am Montag in die Schule zurückkehrte.

Die Angst, die sie bis jetzt erfolgreich unterdrückt hatte, drängte plötzlich an die Oberfläche und suchte ein Ventil. Sie versuchte, sie zurückzudrängen, doch es gelang ihr nicht. Abrupt stand sie auf. „Ich … Ich glaube, ich habe etwas auf der Terrasse vergessen. Ich bin gleich wieder da!“

Die schwere, feuchte Luft, die sie auf der Terrasse empfing, bot ihr keine Zuflucht. Megan hatte Mühe, ihre aufkeimende Panik zu unterdrücken.

Hinter ihr ertönte das bekannte Quietschen der Schiebtür, die erst geöffnet und dann geschlossen wurde. Ganz leise – das konnte nicht Owen sein.

„Ist alles in Ordnung?“

Seine unverschämte Frage ließ sie herumwirbeln. „Warum sagen Sie es mir nicht einfach?“

„Was?“ Verwirrung überschattete seine fast zu perfekten Züge. In einer Situation, in der nicht alles, was Owen und sie in den letzten Jahren erreicht hatten, auf dem Spiel stand, hätte sie sein Gesichtsausdrück womöglich zum Lachen gebracht.

„Wollen Sie Owen von der Schule werfen? Sind Sie deshalb hier?“ Sie gab sich Mühe, nicht die Stimme zu erheben. Owen war direkt hinter der Tür, und die dünnwandigen Fenster waren nicht gerade schalldicht. „Denn wenn das der Grund für Ihren Besuch ist, ist definitiv nicht alles in Ordnung.“

„Hey, langsam!“ Luke hob beschwichtigend die Hände. „Nein, das ist nicht der Grund für meinen Besuch.“

„Nicht?“ Das Rauschen ihres Pulses ebbte so weit ab, dass sie die Zikaden in den Bäumen wieder hören konnte. „Was dann?“

Er zuckte mit den Achseln und sah dabei fast jungenhaft aus. „Ich weiß nicht genau. Aber ich habe mich gestern Nacht in das Thema Assistenzhunde eingelesen und …“

„Wirklich?“ Hoffnung verdrängte ihre Panik. „Sie haben die Unterlagen gelesen?“

Er nickte. „Und noch einiges mehr. Meine Google-Recherche war ziemlich aufschlussreich. Aber irgendwann wurde mir klar, dass ich keine Entscheidung treffen kann, ohne Lilys Bekanntschaft zu machen. Ein anderes Tier mag Wunder wirken, aber trotzdem wäre es möglich, dass Ihr Hund ein schlecht erzogener Albtraum ist. Ich habe im Internet einige Geschichten über gefakte Assistenzhunde gefunden …“

„Lily ist nicht gefakt!“ Megans Wangen färbten sich angesichts dieser Unterstellung rot.

„Nein, natürlich nicht.“ Luke grinste verlegen. „Zumindest wirkt es nicht so. Aber das musste ich erst mit eigenen Augen sehen. Ich konnte mich nicht allein auf Ihr Wort verlassen.“

Megan nickte. Da konnte sie ihm ausnahmsweise nur beipflichten. „Heißt das, dass Owen Lily mit in die Schule nehmen kann? Hat sie sich in Ihren Augen bewährt?“ Plötzlich fiel ihr Blick auf ein paar Spritzer Schlamm auf Lukes zuvor so makelloser Kleidung und erschrak. „Ich meine, ich weiß, das heute war kein besonders guter Auftakt. Mit Owen, der ausgeflippt ist, und den ganzen Scherben und …“ Verdammt. Sie machte alles nur noch schlimmer.

„Ehrlich gesagt kann ich das noch nicht sagen“, erklärte Luke, der von ihrem wirren Gestammel unbeeindruckt schien. „Ich meine, wie sich ein Hund in seinem eigenen Garten verhält, sagt nicht unbedingt etwas darüber aus, wie er sich in einem Klassenzimmer voller Kinder verhalten wird.“

„Lily ist toll in Menschenmengen.“ In ihrer Stimme schwang Zuversicht mit. Sie mochte ab und an ihre eigene Kompetenz in Frage stellen, aber in Lilys Fähigkeiten hatte sie vollstes Vertrauen.

Luke nickte, als hätte er mit dieser Antwort gerechnet. „Wenn das so ist: Wie wäre es mit einem Test?“

„Ein Test? Wie soll der aussehen?“

„Das überlasse ich Ihnen. Wenn Owen, Lily und Sie mich an diesem Wochenende davon überzeugen, dass der Hund in jeder Situation auf sich selbst aufpassen kann und im Unterricht eine Bereicherung sein wird, stimme ich einem Probelauf in der Schule zu.“ Luke zog eine Augenbraue hoch. „Was sagen Sie? Nehmen Sie die Herausforderung an?“

Ihre Gedanken rasten. Dafür, dass Owen an der Schule bleiben konnte – noch dazu mit Lily an seiner Seite –, würde sie alles tun. Doch als sie zustimmend nickte, begannen in einem anderen, weniger rationalen Teil ihres Gehirns die Alarmglocken zu schrillen. Wenn dreißig Minuten mit Luke Wright ausreichten, um ihre Hormone so auf Touren zu bringen wie jetzt gerade, wie sollte sie dann den Rest des Wochenendes mit ihm überstehen?

4. KAPITEL

Megan war sich nicht sicher, wann genau es geschehen war, aber irgendwann zwischen ihrem Besuch im Freibad und der kurzen Autofahrt in die Stadt hatte sich ihre Nervosität in Luft aufgelöst. Ihre normalerweise so harte Schale war mittlerweile so weich wie das Eis, das Luke ihnen unbedingt hatte kaufen wollen. Sie schob sich einen Löffel von der eisigen Köstlichkeit in den Mund und fragte sich vage, ob der Zucker ihr Gehirn vernebelte oder warum sie sonst so entspannt war, obwohl so viel auf dem Spiel stand.

Normal war das nicht, das stand fest. Sorgen und Zweifel waren ihre ständigen Begleiter.

Und doch saß sie hier, auf einer klebrigen Bank neben einem noch klebrigeren Owen und aß Eis, während Lily zu ihren Füßen döste und Luke, der Mann, der über die Zukunft ihres Sohnes entscheiden würde, Serviettennachschub holte. Doch anstatt sich wie gewöhnlich in ihren Sorgen zu verlieren, amüsierte sie sich. Ja, man konnte es nicht anders nennen. Sie hielt inne, den Löffel auf halbem Weg zum Mund, und versuchte, sich an das letzte Mal zu erinnern, als das passiert war.

„Stimmt etwas nicht?“ Lukes tiefe Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Verlegen schob sie sich schnell die schmelzende Ladung Eis in den Mund, um nicht antworten zu müssen. Leider schien er von der hartnäckigen Sorte Mensch zu sein. Anstatt ihre Nicht-Antwort zu akzeptieren, stützte er sich auf die Tischplatte, musterte sie und wartete auf ihre Antwort.

„Nein. Ich habe nur nachgedacht.“ Megan wich seinem Blick aus und konzentrierte sich auf die Suche nach einem der Schokostückchen, die in der Kugel Eis mit Espressogeschmack versteckt waren.

„Worüber?“

Sehr hartnäckig. Aber irgendwie war es schön, dass jemand zur Abwechslung zumindest ein beiläufiges Interesse an ihren Gedanken hatte. So schön, dass sie sich dabei ertappte, ehrlicher zu antworten als beabsichtigt. „Ich habe gerade darüber nachgedacht, wie toll der heutige Tag war.“

Sobald die Worte aus ihrem Mund geschlüpft waren, wurde ihr bewusst, wie lächerlich sie klangen. Besorgungen machen und schwitzend neben einem Planschbecken stehen, in dem sich eine kreischende Horde Kinder tummelte, war nicht das, was die meisten Menschen einen tollen Tag nennen würden – von der Eiscremepause einmal abgesehen. „Ziemlich lahm, ich weiß.“

Luke schüttelte den Kopf und schob sich das letzte Stück seiner Eiswaffel in den Mund. „Nein, nicht lahm. Wir wären alle glücklicher, wenn wir die einfachen Dinge im Leben mehr zu schätzen wüssten.“

„Dinge, wie Besorgungen erledigen?“, fragte sie herausfordernd.

„Dinge wie sonnige Tage und ein Eis.“ Er hielt inne, sein Blick ruhte auf ihr. „Und Freunde.“

„Freunde.“ Sie wiederholte das Wort, dessen Geschmack viel süßer war, als der des Espressoeises, das ihr noch auf der Zunge lag.

Als Tim und sie nach Paradise gezogen waren, hatte sie sich mit den Partnerinnen von einigen der anderen Soldaten auf der Insel angefreundet. Doch die zarten Bande, die sie geknüpft hatte, waren zu jung gewesen, um dem Tsunami der Trauer standzuhalten, der nach Tims Tod über sie hereingebrochen war.

Sie hatte sich damals komplett zurückgezogen, wie ein verletztes Tier, das in seinen Bau kriecht, um sich die Wunden zu lecken. Nachdem sie wieder auf die Beine gekommen war, hatte sie sich voll und ganz auf Owens Bedürfnisse konzentriert. Zwischen ihren elterlichen Verpflichtungen und ihrem Studium hatte sie einfach keine Zeit gehabt, sich über fehlende Freundschaften den Kopf zu zerbrechen, geschweige denn, neue zu knüpfen.

Vielleicht war jetzt der richtige Zeitpunkt. Ermutigt von ihrer Idee und dem Zucker, der durch ihre Adern floss, fühlte sie sich selbstbewusst genug, um die Frage zu stellen, die ihr durch den Kopf ging, seit Luke am Morgen in ihrem Garten aufgetaucht war. „Also, so unter Freunden: Was sagst du?“ Sie waren zum Du übergangen.

„Wozu?“

Megan nickte in Richtung Lily, die zu Owens Füßen lag, die Reste ihres Hundeeises zwischen den Pfoten. „Lily. Der Test. Alles.“

„Ah, das.“ Luke neigte den Kopf zur Seite, als würde er nachdenken. „Ich denke, es ist noch zu früh, um irgendwelche Schlüsse zu ziehen. Lily ist ein toller Hund, das muss man ihr lassen. Und sie kommt mit Menschenmengen besser zurecht als so mancher Mensch, den ich kenne. Aber wir sind erst ein paar Stunden unterwegs, und wir reden von einem ganzen Schultag. Fünf Tage die Woche.“

Megans Herz sank. Seine Antwort war nachvollziehbar, trotzdem hatte sie auf eine andere gehofft. Trotzdem, er hatte nicht Nein gesagt. Also schluckte sie ihre Enttäuschung zusammen mit dem letzten Löffel Eis hinunter und zwang sich zu einem Lächeln. „Okay. Das verstehe ich.“

„Gut. Außerdem: Wenn ich jetzt Ja sagen würde, würde ich die Gelegenheit verpassen, den Rest des Wochenendes mit dir zu verbringen.“

Luke hatte seine Bemerkung spielerisch gemeint, doch ein Blick in Megans Gesicht sagte ihm, dass er mit seinen Worten eine Grenze überschritten hatte. Statt ihr Gemüt zu beruhigen wie beabsichtigt, hatte er mir ihr geflirtet! Zumindest ließ der völlige perplexe Blick darauf schließen, den sie ihm gerade zuwarf.

Er strengte seine in der Sonne gebrutzelten Gehirnzellen an. Es musste eine Möglichkeit geben, wie er sich erklären konnte, ohne sich noch tiefer in die Misere zu reiten. Leider fiel ihm beim besten Willen keine ein. Obwohl Megan von seinen Avancen sichtlich schockiert war, fragte er sich angesichts der Röte in ihren Wangen, ob sie wirklich auf taube Ohren gestoßen waren.

Nicht, dass es eine Rolle spielte. Er war der Schuldirektor ihres Sohnes, und obwohl sein Freundschaftsangebot aufrichtig gewesen war, konnten sie niemals mehr als Freunde sein. Er hatte gerade erst an der All Saints angefangen und konnte sich keinen Patzer leisten.

„Was ich meinte, ist: Wenn ich den Rest des Wochenendes zu Hause verbringen würde, würde ich nur über meinen Unterlagen und Budgetplänen hängen. Ich hasse Budgetpläne. Zu viele Zahlen.“

„Ah, verstehe.“ Megan senkte den Kopf und wischte über den Tisch, auf dem ein paar Streusel klebten. Als sie wieder aufblickte, war jedes Anzeichen von Verlegenheit oder Verwirrung verschwunden. Genau wie das Funkeln in ihren Augen.

O Mann. Er war wirklich ins Fettnäpfchen getreten. Was war mit seinen zwischenmenschlichen Fähigkeiten passiert, auf die er sich mal etwas eingebildet hatte? Sein karges Sozialleben hatte ihn anscheinend so einrosten lassen, dass er Schwierigkeiten hatte, mit einer schönen Frau zu plaudern.

Und Megan war schön. Verdammt schön sogar. Er hatte sie schon in den förmlichen Kleidern für sexy gehalten, in denen sie bei ihren offiziellen Terminen in seinem Büro erschienen war. Aber ihr Anblick in einem Tank-Top und den Shorts, die viel gebräunte Haut offenbarten, war fast hypnotisch. Kein Wunder, dass sein Gehirn in den Flirtmodus gewechselt war.

Obwohl es nicht sein Gehirn gewesen war, das dieses Missgeschick zu verantworten hatte. Seit dem Moment, in dem er vor ihrem Haus aufgetaucht war, fand in ihm ein unerbittlicher Kampf zwischen Vernunft und Libido statt. Seine Ratio war kurz davor gewesen, sich zu verabschieden, als sie vor wenigen Minuten einen Tropfen Eiscreme von ihrer Unterlippe geleckt hatte. Seitdem vermochte er es nicht, seinen Blick von ihrem Mund loszureißen und wünschte, er könnte ihre Lippen schmecken.

Zum Glück schien Megan nicht bemerkt zu haben, in welche Richtung seine Gedanken gingen. Zumindest bis zu seiner unbedachten Äußerung.

Entschlossen, sich wie ein erwachsener Mann und nicht wie ein hormongesteuerter Teenager zu verhalten, lehnte er sich ein Stück zurück und tat so, als würde er auf die große Uhr der First Coast Bank auf der anderen Straßenseite blicken. „Also, was steht als Nächstes auf der Tagesordnung?“

„Noch mehr Besorgungen. Nichts sehr Aufregendes, fürchte ich. Ich muss noch ein paar Sachen bei der Post abgeben.“ Megan schärfte sich ein, dass sie sich nicht schuldig fühlen sollte. Es war Lukes Idee gewesen, Lily und Owen zu begleiten, um zu sehen, wie der Hund ihren Alltag meisterte. Sie war sich nur nie bewusst gewesen, wie langweilig dieser Alltag war, bis sie ihn mit den Augen eines anderen sah.

„Perfekt.“

„Ach ja?“, platzte es aus ihr heraus. Jap, ihre Sozialkompetenz ließ eindeutig zu wünschen übrig.

„Ja. Ich muss sowieso ein paar Briefmarken kaufen.“

„Oh. Okay.“ Vielleicht war ihr Leben doch nicht so anders als das der anderen. Trotzdem fiel es ihr schwer, zu glauben, dass Luke seine Zeit nicht auf eine andere, bessere Weise verbringen konnte.

Als sie wenige Minuten später ins Auto gestiegen waren und an einer der wenigen Ampeln in Paradise hielten und warteten, entschied Megan, ihm eine letzte Gelegenheit zu geben, aus der Sache rauszukommen. „Bist du wirklich sicher, dass wir dich nicht von irgendetwas abhalten? Ich würde es wirklich verstehen, wenn du …“

Luke legte seine Hand auf ihre, und sie brach mitten im Satz ab. Ihr Blick blieb an seiner Hand hängen, die auf ihrer über dem Schaltknüppel ruhte, bevor seine Stimme ihre Aufmerksamkeit auf sein Gesicht lenkte. „Tu das nicht.“

„Was? Es ist nur, dass …“ Mist, was hatte sie noch mal sagen sollen? Die Wärme seiner Haut hatte die Worte von ihrer Festplatte gelöscht. Hinter ihr ertönte ein Hupen, und sie riss die Hand weg. Schon während sie unter dem nun grünen Licht anfuhr, vermisste sie seine Berührung.

„An mir zweifeln.“

„Ich habe nicht …“ Es waren eher ihre eigenen Unsicherheiten, die ihr einen Streich spielten. „Es ist nur, dass …“

„Du musst aufhören, das zu sagen.“

„Was zu sagen?“

Es ist nur, dass …“ Er ahmte ihre Stimme nach und verzog danach das Gesicht. „Nach diesem Satz kommt nie etwas Gutes.“

Megan öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber sein finsterer Blick ließ sie verstummen. „Na schön“, seufzte sie. „Es ist dein vergeudetes Wochenende.“ Sie hatte sich und Owen ein halbwegs passables Leben erkämpft und nicht vor, sich schlecht zu fühlen, nur weil irgendjemand es eintönig finden könnte.

„Ob du es glaubst oder nicht, ich amüsiere mich prächtig.“

Sie verdrehte die Augen und bog auf den winzigen Parkplatz des ebenso winzigen Postamtes. Sie ergatterte eine Parklücke in der Nähe des Eingangs und bot Luke an, die Fenster herunterzukurbeln, wenn er im Auto warten wolle.

„Auf keinen Fall“, sagte er mit einem leichten Grinsen im Gesicht. „Ich brauche Briefmarken, schon vergessen?“

„Wie du willst.“

Drinnen stellte Megan sich in die Warteschlange und versuchte anhand der Anzahl der Pakete, die die Personen vor ihr trugen, auszurechnen, wie lange es dauern würde, bis sie dran war. Owen war kein großer Fan von Warteschlangen und sie ehrlich gesagt auch nicht.

Sie hatte schon einige Male über eine andere Lösung nachgedacht, damit sie nicht extra herkommen musste, doch eine Abholung der Pakete kostete extra, und bisher war es ihr das einfach nicht wert gewesen. Zumindest bis zum heutigen Tag, an dem die ältere Dame vor ihr ein halbes Dutzend Pakete verschicken wollte, auf all denen die Adresse fehlte und die alle an verschiedene Adressen gingen. Im Gegenteil, die zusätzlichen Gebühren wirkten urplötzlich wie ein richtiges Schnäppchen. Wenigstens lag Owen ihr nicht in den Ohren, wie lange es noch dauerte.

Als sie nach unten blickte, stellte sie jedoch fest, dass Owen irgendwann zwischen der Frau, die einzelne Flaschen mit ätherischen Ölen verschickt hatte, deren jeweiligen wundersamen Eigenschaften sie ausführlich beschrieben hatte, und der zerstreuten älteren Dame, die immer noch versuchte, herauszufinden, welches Paket zu welchem Enkelkind gehörte, von ihrer Seite gewichen war.

Was nicht weiter schlimm war. Es war ja nicht so, als könnte er sich in einem derart winzigen Gebäude verlaufen. Außerdem gab es immer noch Lily. Trotzdem sah es ihm nicht ähnlich. Mehr aus Neugier als aus Besorgnis ließ sie den Blick durch den kleinen, überfüllten Raum schweifen, um Owen schließlich an dem allerletzten Ort zu finden, an dem sie ihn vermutet hätte.

Ihr Sohn, der kaum mit Fremden sprach, Körperkontakt im Allgemeinen scheute und unter Höhenangst litt, befand sich rund einen Meter und achtzig Zentimeter hoch in der Luft auf Lukes Schultern und unterhielt sich mit einem Postangestellten.

Sie starb fast vor Neugier und wünschte, sie wäre nah genug am Geschehen, um zu hören, worüber sich die beiden unterhielten. Statt dem Impuls nachzugeben, und die Schlange zu verlassen, verstärkte sie jedoch ihren Griff um den dicken Umschlag in ihren Händen, der den Vertrag für ihr neuestes und bisher größtes Projekt enthielt. Der Anblick ihres Sohnes, der lebhaft gestikulierte, während er sich mit einem völlig Fremden unterhielt, war erfüllender als jeder Gehaltscheck. Sie beobachtete die Szene aus der Distanz und fragte sich, welche Überraschungen das Wochenende wohl noch bereithalten würde.

Luke zuckte zusammen, als sich Owens kleine Finger in seine Haare krallten, aber er hütete sich, einen Mucks zu machen. Er hatte beobachtet, wie Owen Lilys Fell auf die gleiche Weise umklammerte, wenn er in herausfordernden Situationen Halt suchte. Und wenn Lily das ertrug, konnte er das auch. Außerdem wollte er das Gespräch nicht unterbrechen. Seine eigenen Hände fest um Owens Knöchel und Lilys Leine um sein Handgelenk geschlungen, hörte er zu, wie der Sechsjährige sehr zur Freude eines Postangestellten namens Greg Statistiken über verschiedene Haiarten herunterratterte.

Wie sich herausgestellt hatte, war das Auffüllen der Regale mit Versandmaterial nur Gregs Wochenendjob. Unter der Woche erforschte er im Rahmen seines Meeresbiologiestudiums Haie und Rochen, weshalb er eine Menge über die Wanderungsbewegungen der Schwarzspitzenhaie wusste.

Owen für seinen Teil schien dem jungen Mann in seiner Hai-Expertise überraschenderweise in nichts nachzustehen. So gut die schulische Ausbildung an der All Saints auch sein mochte, im Unterricht hatte er diese Dinge garantiert nicht gelernt.

Lukes eigenes Wissen über Haie beschränkte sich auf das, was er während der Hai-Themenwoche im Fernsehen aufgeschnappt hatte. Als Owen an seiner Hand gezerrt und auf ein Plakat gezeigt hatte, das für eine Briefmarkenserie mit verschiedenen Unterwasserlebewesen warb, hatte Luke angenommen, es handele sich um kindliche Neugier und hatte Owen bereitwillig auf seine Schultern gehoben, damit er es sich besser ansehen konnte. Wer hätte gedacht, dass er es mit einem kleinen Jacques Cousteau zu tun hatte, der plötzlich mit Begriffen wie Hautdentikel und Lorenzinische Ampullen um sich warf?

„Hey Leute, was ist denn hier los?“ Megan, die offenbar alles erledigt hatte, trat neben sie.

Er erwiderte ihr fragendes Lächeln mit einer selbstironischen Grimasse. „Diese beiden Intelligenzbestien lassen mich ziemlich dumm dastehen, das ist los.“ Er deutete mit dem Kopf in Richtung des Plakats. „Owen wollte sich mit mir über die neueste Briefmarkenkollektion austauschen. Als er gemerkt hat, dass ich ihm beim Thema Meerestiere nicht das Wasser reichen kann, ist Greg eingesprungen.“

Megans Stirn legte sich verwirrt in Falten, was Owen zu einem Kichern veranlasste. „Greg ist Ikthyologe.“

„Ichthyologe“, korrigierte Greg mit einem Lächeln. „Zumindest arbeite ich daran. Ich hoffe, dass ich nächstes Jahr mit der Doktorarbeit fertig bin.“

„Ah!“ Die Falten zwischen Megans Augen glätteten sich. „Ein Austausch unter Haiexperten!“

„Hai ist so ziemlich das einzige Wort, das ich verstanden habe. Der Rest war weit über meiner Gehaltsklasse.“

„Mach dir nichts draus“, versicherte Megan Luke, und ihre Augen funkelten. „Er hat meinen Wissensstand zu diesem Thema schon vor einer ganzen Weile übertroffen. Zum Glück gibt es in der Bibliothek eine gute sortierte Abteilung für Meereskunde.“

Sie blickte auf die Uhr an der Wand und warf ihrem Sohn einen vielsagenden Blick zu. „Apropos, wenn wir dir noch Nachschub besorgen wollen, müssen wir uns beeilen. Am Wochenende schließt die Bibliothek früher.“ Sie hielt inne und bedachte Greg mit einem herzlichen Lächeln. „Danke, dass Sie …“ Ihre Stimme stockte, und Luke sah, wie sie schwer schluckte, bevor sie fortfuhr. „Dass Sie sich mit ihm unterhalten haben. Nicht jeder hätte sich die Zeit genommen.“

„Hey, das hab ich echt gerne gemacht. Sie haben einen tollen Sohn. Warum kommen Sie mit ihm nicht mal nach Harbor Branch? Wir bieten Führungen an, und wenn Sie vorher anrufen, schaue ich, ob ich ihm das Labor zeigen kann.“

Owen begann aufgeregt auf- und abzuhüpfen und wäre Luke in seiner Begeisterung fast von den Schultern gerutscht. Megan nickte nur, und ihre Augen strahlten, als sie sich die Kontaktdaten des jungen Mannes notierte. Noch wenige Minuten später, als sie vor ihnen zum Auto ging, strahlte sie in ihrem Stolz auf ihren Sohn heller als die heiße Sonne Floridas, die auf den Asphalt des Parkplatzes brannte.

„Passiert so etwas oft?“, fragte Luke, als sie wieder im Auto saßen und Richtung Bibliothek fuhren.

Megan warf einen Blick in den Rückspiegel, bevor sie antwortete. Wahrscheinlich, um sicherzustellen, dass Owen seine Kopfhörer trug.

„Fast nie. Ehrlich gesagt kann ich mich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal freiwillig mit einem Fremden gesprochen hat. Als ich euch gesehen habe, wusste ich gar nicht, worüber ich mich mehr wundern sollte: dass Owen mit jemandem spricht, den er nicht kennt, oder dass er es von so weit oben in der Luft tut“, erklärte Megan und bremste wegen eines Fußgängers ab, der die Straße überquerte. „Aber er wirkte völlig entspannt, als er auf deinen Schultern saß.“

„Na ja, da wär ich mir nicht so sicher.“ Luke rieb sich seine schmerzende Kopfhaut. „Er hat sich an mir festgekrallt, als stünde sein Leben auf dem Spiel. Wie hat er all das Wissen angehäuft?“

„Dokumentarfilme, Bücher, das Internet. Er ist total auf das Thema Haie fixiert. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kinder auf dem Autismusspektrum wie besessen von einem bestimmten Thema sind.“

„Wie Dinosaurier oder Züge oder so etwas?“ Luke war sich ziemlich sicher, dass er auf einer der Webseiten, die er sich am Abend zuvor angesehen hatte, etwas darüber gelesen hatte.

„Genau. Für Owen sind es Haie. Na ja, eigentlich Fische im Allgemeinen, aber sein Fokus liegt auf Haien. Man sollte meinen, dass er in einer Küstenstadt oft auf Gleichgesinnte träfe, aber für Kinder in seinem Alter geht er zu sehr ins Detail, und sie sind schnell überfordert.“

„Das kann ich gut nachempfinden.“ Luke schmunzelte.

„Ja. Und Erwachsene haben nicht unbedingt Interesse daran, sich mit einem Sechsjährigen über Fische zu unterhalten. Deshalb ist er …“

„Einsam.“ Luke kannte das Gefühl. Seit seinem Umzug nach Paradise fühlte er sich oft einsam. Doch er war ein Erwachsener, der hergekommen war, um sich einen Berufswunsch zu erfüllen – kein kleiner Junge, der akzeptiert werden wollte. Wie viel schwieriger musste es für Owen sein?

„Ja. Das ist einer der Gründe, warum ich denke, dass es gut für ihn wäre, Lily in der Schule zu haben. Er weiß nicht immer, wie er sich im Umgang mit anderen Menschen verhalten soll. Lily schon. Sie könnte eine Art Brücke zwischen ihm und den anderen Kindern in seiner Klasse sein.“

Luke schüttelte angesichts ihrer verbissenen Beharrlichkeit den Kopf, auch wenn er ihr insgeheim Respekt zollen musste, weil es ihr gelang, das Gespräch immer wieder auf dieses eine Thema zu lenken. Außerdem hatte sie durchaus recht. Im Moment war Owen für alle der Junge, der anders war. Aber mit Lily an seiner Seite würde er der Junge mit dem Hund sein. Was in den Augen seiner Schulkameraden definitiv ein Upgrade sein würde.

Als Megan das erste Mal mit ihrer Idee an ihn herangetreten war, hatte er nur an das Risiko gedacht, das von Lily ausgehen könnte. Heute konnte er zum ersten Mal sehen, wie viel für Owen und seine soziale Entwicklung auf dem Spiel stand.

Lily im Klassenzimmer zu haben, schien tatsächlich der beste Weg zu sein, um Owen zu helfen und etwas von der Sorge zu lindern, die er so in Megans Augen sah. Trotzdem, Lukes Berufsethos verbat es ihm, sein Einverständnis für einen Testlauf zu geben, bevor er sich vergewissert hatte, dass das Arrangement für alle Anwesenden sicher war.

„Ich verspreche dir, dass ich der Erste bin, der Lily am Montag in der Schule willkommen heißt, wenn sie sich an diesem Wochenende bewährt.“

Megan nickte. Ihre Schultern waren wie immer angespannt, als würde sie eine ständige, schwere Last tragen.

Am liebsten hätte er den Arm ausgestreckt, um etwas von der Anspannung wegzureiben, doch er ließ die Hand in seinem Schoß. Dem Reiz, den sie auf ihn ausübte, nachzugeben war keine Option.

Trotzdem hasste er den Gedanken, dass sie mit all diesen Dingen allein fertig werden musste. Owen hatte seine Mom und Lily, die ihm Trost schenkten.

Aber wen hatte Megan?

5. KAPITEL

Alles war wunderbar gelaufen. Jedenfalls bis zum Zwischenfall in der Kirche.

Obwohl ein Sonntagmorgen niemals mit einem Wecker beginnen sollte, hatte Luke sich nicht über das Klingeln geärgert, als es ihn geweckt hatte. Eigentlich war er sogar ungewöhnlich gut gelaunt für einen Mann, der sich bis in die frühen Morgenstunden mit der Budgetplanung herumgeschlagen hatte und dem in der kommenden Nacht dasselbe bevorstand. Jede zurechnungsfähige Person wäre genervt über die Menge an Zeit, die er mit seinem albernen Test für Lily verplemperte. Ja, es erfüllte ihn mit Stolz, stets sein Bestes für seine Schüler zu geben. Aber bedeutete das, dass er sein ganzes Wochenende einem einzigen Schüler opfern musste – auch wenn es ein Schüler mit besonderen Bedürfnissen war?

Dennoch hatte er ein dämliches Lächeln im Gesicht gehabt, als er sich in den frühen Morgenstunden aus seinem Bett geschält hatte.

Natürlich war es nicht der Gedanke an seine Arbeit gewesen, der ihn dazu gebracht hatte, in Windeseile zu duschen und sich in die lange Warteschlange bei der Sandcastle Bakery einzureihen, um Donuts und zwei Coffee-to-go zu kaufen. Es war der Gedanke daran, mehr Zeit mit Megan Palmer zu verbringen. Was irgendwie verrückt war.

Oder?

Er hatte Megan und Owen abgeholt und trotz eines kleinen Sockenproblems – Owen hatte eine Weile gebraucht, seine Socken so anzuziehen, dass ihn die Nähte nicht mehr störten – waren sie so früh in der Kirche gewesen, dass Luke vor dem Gottesdienst noch ein paar Minuten mit der Leiterin der Sonntagsschule plaudern konnte, während er beobachtete, wie Lily mit all dem Trubel zurechtkam.

Einmal mehr beeindruckte ihn die Hündin, die stets an der Seite ihres Herrchens saß oder lag und auch in einem Raum voller Kinder die Ruhe selbst war. Die Lehrerin Mrs. Dunn, eine ältere, resolute Dame in einem geblümten Kleid, hatte ihm versichert, dass Lily niemals auch nur den geringsten Ärger verursacht hatte und Owen in der Gruppe viel besser zurechtkam, seit er die Hündin an seiner Seite hatte. Megan hatte kein Wort gesagt, doch ihr zufriedenes Lächeln und die hochgezogene Augenbraue signalisierten ihm sehr deutlich: „Hab ich’s dir nicht gesagt?“

Anschließend hatten Megan und er auf einer fast leeren Kirchenbank im hinteren Teil der Kirche Platz genommen. Ein paar Leute, die er von seiner Arbeit kannte, hatten ihm überrascht zugewunken. Doch dann hatte der Chor eingesetzt, und Luke war zu sehr mit dem Gottesdienst beschäftigt gewesen, um sich darüber Gedanken zu machen, was die Leute wohl dachten, wenn sie Megan und ihn zusammen sahen.

Alles in allem schien der Vormittag reibungslos zu verlaufen. Doch gerade als sich das letzte Kirchenlied dem Ende neigte, tauchte eine aufgeregte Teenagerin im Gang neben ihrer Kirchenbank auf. Sie deutete auf Megan und signalisierte Luke, sie auf sich aufmerksam zu machen.

Er hasste es, sie aus dem Moment zu reißen. In ihren Augen lag ein Frieden, den er bei ihr noch nie gesehen hatte. Widerstrebend tippte er gegen ihren Ellenbogen und versuchte, das Verlangen zu ignorieren, den die unschuldige Berührung in ihm auslöste.

Megan wandte sich zur Seite, und ihre Augen weiteten sich beim Anblick des Mädchens. „Was ist los, Laura?“

Laura antwortete im Flüsterton. Ob sie es tat, um den Gottesdienst nicht zu stören oder um die Angelegenheit vertraulich zu halten, konnte Luke nicht deuten. Auf jeden Fall war es unmöglich, das Mädchen vor der lauten Musik zu verstehen. Megan drückte sich auf der engen Kirchenbank an ihn, als sie sich über ihn lehnte und Laura bat, das Gesagte zu wiederholen.

Die Teenagerin verstand und erhob die Stimme. Dieses Mal hätte Megan sie wohl auch vor einem Düsentriebwerk verstanden, ganz zu schweigen vom Chor. Was völlig in Ordnung gewesen wäre – hätte der Chor nicht just in dem Moment sein Lied beendet, in dem die arme Laura ihren Satz beendete und ihm, Megan und der versammelten Gemeinde mitteilte: „Owen hat alles vollgekotzt!“

Eine angespannte Stille erfüllte den Raum, als die beiden sich ansahen, wobei Lauras Gesicht im Gegensatz zu Megans plötzlicher Blässe hochrot anlief. Beide wirkten mehr als ein wenig peinlich berührt, wobei Luke ahnte, dass Megans wahre Sorge nicht dem Zwischenfall, sondern ihrem Sohn galt. Nachdem der Pfarrer sich versichert hatte, dass sich das Malheur nicht im eigentlichen Kirchenraum zugetragen hatte, wies er die Gemeinde glücklicherweise an, sich zum Gebet zu verneigen, was die neugierigen Blicke einfing.

„Ich muss zu Owen“, flüsterte Megan.

„Ich komme mit“, gab er zurück.

Nach sechs Stunden harrte Luke noch immer an ihrer Seite aus. Trotz ihrer Proteste hatte er nicht nur darauf bestanden, sie und den von einem Magen-Infekt geplagten Owen nach Hause zu bringen, sondern auch, ihr bei seiner Pflege zu helfen. Er hatte das Haus nur kurz verlassen, als sie Owen endlich so weit beruhigt hatte, dass er eingeschlafen war. Bei dieser Gelegenheit war Luke zum Laden gelaufen, um Suppe, Kekse und Medikamente zu holen. Außerdem hatte er Megan ein Sandwich aus dem Deli mitgebracht und darauf bestanden, dass sie sich hinsetzte und es aß, während er Owen eine Geschichte vorlas.

Als Megan jetzt den Flur hinunterging, ertappte sie sich dabei, wie sie hoffte, dass er immer noch da war. Ein Gedanke, für den sie sich sofort schalt. Owen war bereits aus dem Gröbsten raus. Mrs. Dunn zufolge war der Mageninfekt, der gerade unter den Schuldkindern umging und unter dem wohl auch Owen litt, für gewöhnlich nach vierundzwanzig Stunden ausgestanden. Es gab also keinen Grund für Luke, noch länger zu bleiben.

Trotzdem war er noch da. Sie fand ihn in der Küche, wo er ihren Kühlschrank inspizierte, während sich frischer Kaffee zischend und stotternd seinen Weg durch das Innere der uralten Maschine auf ihrem Tresen bahnte und in die Kaffeekanne lief. Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus. Er war geblieben, und er hatte Kaffee gekocht. Für eine Frau wie sie, die süchtig nach Koffein war, gab es nichts, das ihn begehrenswerter hätte machen können. Wie es wohl wäre, mit jemandem wie ihm zusammen zu sein? Jemandem, der in der Küche herumhantierte und ihr Kaffee kochte?

So schnell der Gedanke in ihrem Gehirn aufploppte, so schnell verscheuchte sie ihn wieder. Diese Art von Leben war nicht mehr Teil ihrer Realität.

„Woher wusstest du, dass ich mich nach einer Tasse Kaffee verzehre?“

Er grinste. „Woher weißt du, das er für dich ist? Vielleicht habe ich ihn ja für mich gemacht?“

Sie schüttelte den Kopf. „Keine Chance. Meine Kaffeemaschine, mein Kaffee. An deiner Stelle würde ich ihn mir kampflos überlassen.“

Luke lachte. „Schon gut, er ist für dich. Mir ist es für Kaffee zu spät, aber ich habe noch nie erlebt, dass du bei einem Schultreffen ohne einen Coffee-to-go aufgetaucht bist – egal, wie spät es war.“

Die Erkenntnis, dass er ihre Gewohnheiten nicht nur bemerkt hatte, sondern sich sogar an sie erinnerte, verschlug ihr kurz die Sprache. Sie war sich nicht sicher, ob es auf diesem Planeten noch irgendjemand anderen gab, der von ihrer Kaffeesucht wusste. Aber er tat es. Was hatte es zu bedeuten, dass er sie so gut kannte? Und wie jämmerlich war es, dass niemand sonst in ihrem Leben es tat? Und überhaupt, warum machte sie sich so viele Gedanken um etwas so Unbedeutendes wie Kaffee? Sie sollte sich wirklich um ihre Gemütsverfassung sorgen, wenn eine solche Banalität sie so emotional machte.

Im Versuch, ihre Aufgewühltheit zu verbergen, griff Megan die Kanne, noch bevor der Kaffee ganz durchgelaufen war. Die heiße Flüssigkeit zischte, als sie auf die Warmhalteplatte traf, als würde sie ihre Ungeduld verhöhnen. „Owen schläft. Sein Fieber ist schon wieder gesunken. Es sieht so aus, als hätte Mrs. Dunn recht damit, dass die Sache schnell wieder abklingt. Ich schätze, für heute ist er außer Gefecht gesetzt.“

„Gut. Das bedeutet, wir müssen nicht in zwei Schichten essen!“

„Was?“ Megan drehte sich um. „Du willst bleiben?“ Sie beäugte den Karton Eier in seinen Händen. „Und du kochst?“ Erst machte er ihr Kaffee und jetzt auch noch Abendessen? Falls er vorgehabt hätte, sie zu verführen, hätte er keine bessere Strategie wählen können. Sie war sich nur zu bewusst, dass ihre Überlegungen in diese Richtung eher von der langen erotischen Dürreperiode rührten, in der sie sich befand, als von echten Absichten seinerseits. Leider.

„Freu dich nicht zu sehr. Es gibt nur Rührei und Toast.“

Ihre Haut begann zu prickeln. Aber nicht wegen des Essens. Owens Krankwerden hatte sie abgelenkt. Erbrochenes war nun einmal kein guter Nährboden für Romantik. Doch nun, da die Krise abgewendet war, drohten die Gefühle überzukochen, die immer dann aufkamen, wenn Luke in der Nähe war. Wer hätte es ihr auch verdenken können? Der Mann war nicht nur unglaublich attraktiv – als Owen sich auf sein Bett erbrochen hatte, war es Luke gewesen, der das Bettzeug zusammengerollt und in die Waschmaschine gesteckt hatte, während sie ihren Sohn gebadet hatte. Seine Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit übertraf alles, was sie je von einem Mann erwartet hätte, und war um einiges heißer als ein Strauß Rosen.

Natürlich tat das überhaupt nichts zur Sache. Ab morgen würde ihr Leben wieder zur Normalität zurückkehren. Aber für den Moment konnte es nicht schaden, sich zurückzulehnen und die Anwesenheit dieses Mannes zu genießen, der für sie kochte und sich um sie kümmerte. Also tat sie genau das. Sie nahm ihren Kaffee mit an den kleinen, zerkratzten Küchentisch, setzte sich und sah ihm genüsslich zu.

„Weißt du was?“, erklärte sie nach dem ersten herrlichen Schluck des dunklen Gebräus. „Es ist herrlich, zur Abwechslung mal nicht kochen zu müssen. Ich könnte mich glatt daran gewöhnen.“

„Du hast es dir verdient, mal die Füße hochzulegen. Wann hattest du das letzte Mal einen Abend frei, an dem du nicht kochen musstest?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Als alleinerziehende Mutter hat man nicht allzu viele freie Abende. Aber das macht mir nichts aus.“

Er kaufte ihr den kleinen Schwindel ab und nickte.

Die Wahrheit war, dass seine Hilfe am heutigen Tag sehr wohl eine große Sache für sie war. Und wenn sie ihr Herz nicht bald davon überzeugte, dass all das nichts zu bedeuten hatte, war sie auf dem besten Weg, in beträchtliche Schwierigkeiten zu geraten.

Luke schlug die Eier kräftiger auf als nötig. Er brauchte ein Ventil für die Gefühle, die in ihm aufwallten.

Seine Mutter hatte ihn allein aufgezogen, nachdem sein Vater gestorben war. Er hatte immer angenommen, dass er wusste, mit welchen Herausforderungen die alleinerziehenden Eltern zu kämpfen hatten, deren Kinder seine Schule besuchten. Er kannte die finanziellen Schwierigkeiten und die logistischen Probleme, die von den langen Arbeitszeiten herrührten, die nötig waren, um die Rechnungen zu bezahlen. Alles, was mit der emotionalen Belastung zu tun hatte, hatte er jedoch stets aus der Perspektive des Kindes betrachtet. Was logisch war: Er war das Kind einer alleinerziehenden Mutter und hatte in der Schule vorwiegend mit den Problemen der Schüler zu tun, nicht mit denen der Eltern. 

Nun war er plötzlich mit der Perspektive eines Elternteils konfrontiert. Ein Teil von ihm wollte in dieser Minute zum Hörer greifen und seine Mutter anrufen, um ihr für alles zu danken, was sie getan hatte, um ihm ganz alleine ein Zuhause zu schaffen. Aber noch mehr wollte er einen Weg finden, Megan zu helfen.

Sie tat zwar so, als wäre alles, was sie leistete, keine große Sache, doch er wusste, dass sie bis zum Umfallen schuftete, um ihre eigene Karriere am Laufen zu halten und sich gleichzeitig um Owen zu kümmern. Diese zwei Aufgaben allein waren für eine Person schon kaum zu schaffen – und dann kamen noch die Ferien und Krankheitszeiten hinzu. Er fragte sich, wann Megan die Zeit fand, sich um sich selbst zu kümmern. Wahrscheinlich blieb dieser Punkt bei all ihren Verpflichtungen auf der Strecke.

Das Schlimmste daran war, dass er nichts tun konnte, außer ihr ein Rührei zu braten, für die sie ihm viel zu dankbar war.

Autor

Katie Meyer

Katie Meyer kommt aus Florida und glaubt felsenfest an Happy Ends. Sie hat Englisch und Religion studiert und einen Abschluss in Veterinärmedizin gemacht. Ihre Karriere als Veterinärtechnikerin und Hundetrainerin hat sie zugunsten ihrer Kinder und des Homeschoolings aufgegeben. Sie genießt ihre Tage gerne mit der Familie, ihren vielen Haustieren,...

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