Bianca Gold Band 42

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Marin Thomas
Dein allerschönstes Geschenk

Die zierliche Sozialarbeiterin Renée setzt sich dafür ein, dass jedes Kind zu Weihnachten ein warmes Bett und ein Geschenk hat. Duke ist fasziniert: Er will Renée genauso viel Liebe schenken, wie sie in diesem eisigen Winter gibt. Doch sie hat Schreckliches erlebt und kein Vertrauen mehr …

Susan Crosby
Ein verwegenes Spiel in Weiß

Ist das sein Ernst? Der attraktive Manager Gideon Falcon will Denise als Ehefrau buchen! Weil der Auftrag unwiderstehlich lukrativ ist, sagt sie zu – und ahnt noch nicht, dass zarte Küsse im kuscheligen Hotel mitten in einer idyllischen Schneelandschaft dazugehören …

Laura Marie Altom
Ich wünsche mir ’nen (Weihnachts-)Mann

Auf Jess‘ Ranch geht es kurz vor Weihnachten drunter und drüber: Ihre Töchter und die neugeborenen Fohlen halten sie auf Trab. Da kommt ihr die wertvolle Hilfe des schönen Fremden Gage gerade recht. Doch Jess wird das Gefühl nicht los, dass Gage ein dunkles Geheimnis in sich trägt …


  • Erscheinungstag 24.11.2017
  • Bandnummer 0042
  • ISBN / Artikelnummer 8092170042
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Marin Thomas, Susan Crosby, Laura Marie Altom

BIANCA GOLD BAND 42

1. KAPITEL

Renée Sweeney starrte den Kranführer herausfordernd an. Der saß im Führerhäuschen des Abrissfahrzeuges und versuchte, den laut röhrenden Motor zu überschreien.

Doch Renée verstand kein Wort – und das war wahrscheinlich auch gut so. Zweifellos waren es wilde Flüche, die der Mann da ausstieß.

Was für ein Jammer. Wenn es nach ihr ging, dann würde man das 1892 an der Riverfront, dem historischen Flussufer von Detroit, errichtete Fabrikgebäude der Screw & Bolt Factory stehen lassen. Zumindest so lange, bis sie eine Lösung für die sechs kleinen Probleme gefunden hatte, die im Gebäude Zuflucht gefunden hatten.

Der strenge Dezemberwind brachte sie ins Wanken, und nur mit einiger Anstrengung behielt Renée ihr Gleichgewicht.

Einen Moment später verstummte das schleifende Quietschen des Getriebes und eine unheimliche Stille breitete sich um sie herum aus.

Gott sei Dank.

Der Kranführer kletterte aus seiner Kabine und zeigte mit seinem fleischigen Finger auf Renée. „Hey, Lady! Was zur Hölle tun Sie da?“

War das nicht offensichtlich? Ohne zu antworten, starrte sie den Mann weiter an.

„Ich ruf jetzt die Cops“, schimpfte er, zog ein Handy aus seiner Manteltasche und stapfte außer Hörweite. Seinen wilden Handbewegungen nach zu urteilen, musste sich die Telefonistin in der Zentrale einiges anhören.

Renée schmiegte sich in ihren weißen, knöchellangen Gänsedaunenmantel. Sie hatte es so eilig gehabt, zum Flussufer zu gelangen, dass sie zwar noch ihren Schal geschnappt, aber ihre Handschuhe vergessen hatte.

Die Temperaturen fielen gerade rapide von ihrem Tageshöchstwert von drei Grad Celsius auf den vorhergesagten Tiefpunkt von zwölf unter null. Renée konnte nur hoffen, dass ihre Mission erledigt war, bevor ihr alle zehn Finger abfroren. Wenigstens bewahrte der Schal ihre Ohren vor diesem Schicksal.

Mit tränenden Augen suchte sie nach einer windgeschützten Stelle, doch die wenigen knorrigen Bäume, die auf dem betonierten Parkplatz wuchsen, waren nutzlos.

Sie spielte mit dem Gedanken, hinter dem Winterbeerenbusch Zuflucht zu suchen, der die gesamte erste Etage des Gebäudes verdeckte, doch sie fürchtete, der Kranführer könne ihre Abwesenheit nutzen und die Abrissbirne wieder in Schwung setzen.

Ihr Job als Sozialarbeiterin erforderte durchaus schon mal die eine oder andere ungewöhnliche Maßnahme, um ein notleidendes Kind zu beschützen. Sich vor eine zehn Tonnen schwere Stahlkugel zu stellen schien jedoch etwas übertrieben und Renée bezweifelte, dass ihre Chefin ein derartiges Verhalten gutheißen würde.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Parkplatzes kauerten mehrere Bauarbeiter in ihren Fahrzeugen und rauchten, während sich ihr Chef mit dieser neuerlichen Unterbrechung auseinandersetzte.

Ein heißer Kaffee von einem der Männer wäre ein nettes Dankeschön gewesen, dafür, dass Renée ihnen ein so abruptes Ende ihrer Arbeitswoche beschert hatte.

Das Knurren ihres Magens erinnerte sie daran, dass sie das Mittagessen ausgelassen hatte.

Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Uhr. Vier. In wenigen Minuten würde die Polizei da sein. Bis Renée ihre Verwarnung bekommen und des Platzes verwiesen wurde, war es hoffentlich zu dunkel, um das Werk der Zerstörung fortzusetzen.

Der Kranführer legte auf, warf einen wütenden Blick über seine Schulter, dann wählte er eine weitere Nummer. Wahrscheinlich die der Feuerwehr, für den Fall, dass die Polizei von Detroit Wichtigeres zu tun hatte – wie etwa richtige Kriminelle zu verhaften.

Renée wischte ihre tropfende Nase am Ärmel ihres Mantels ab und ließ den Blick über den Fluss schweifen. Um diese Jahreszeit bahnten sich nur wenige Boote ihren Weg durch das Eis, sodass die Riverfront einer nautischen Geisterstadt glich.

Die Screw & Bolt Company befand sich im Zentrum des Lagerhallenviertels inmitten verschiedener Gebäude aus dem letzten Jahrhundert.

Renée fragte sich, wer wohl so dumm sein konnte, dieses verlassene Niemandsland zu kaufen.

Vorhin hatte sie mit ihrem Bruder, einem Detroiter Polizeibeamten, darüber gesprochen. Er hatte erwähnt, dass er auf seiner Streife Abrissmaschinen gesehen hatte. Voller Panik war sie zu der Lagerhalle gefahren und hatte dabei gebetet, noch vor der drohenden Katastrophe dort anzukommen.

Renée wappnete sich innerlich für Runde zwei. Der Kranführer stapfte auf sie zu, einen Zigarettenstummel zwischen den fleischigen blauen Lippen, die Augen zusammengekniffen. Er blieb wenige Schritte von ihr entfernt stehen. Unter seinem gelben Helm leuchteten seine Ohren rot, genau wie seine knollige Nasenspitze.

„Ich habe keine Ahnung, was Sie wollen, Lady. Es ist mir auch völlig egal. Man bezahlt mich dafür, dass ich dieses Gebäude plattmache und den Schutt bis Ende nächster Woche wegschaffe. Wenn ich den Termin nicht einhalte, entgeht mir ein Haufen Geld.“ Er deutete zu einer Gruppe stillstehender Lastwagen. „Sie wollen doch nicht, dass die Jungs da leer ausgehen. Wo ihre Kinder doch in ein paar Wochen Geschenke unterm Weihnachtsbaum erwarten.“

Kinder waren Renées Schwachstelle – warum sonst hätte sie sich zu solch einer Dummheit hinreißen lassen, sich in bitterer Kälte einem Abrisskran in den Weg zu stellen?

Wenn die Arbeiter keinen Gehaltsscheck bekamen, würden ihre Kinder vielleicht nicht jedes Geschenk bekommen, das sie sich gewünscht hatten, aber wenigstens hatten sie am Weihnachtsabend ein Dach überm Kopf und eine warme Mahlzeit – und das war mehr, als die Kinder hatten, die sie vor Bob dem Baumeister und seinem Zerstörungstrupp bewahren wollte.

Polizeisirenen jaulten auf und ersparten ihr, die Frage zu beantworten. Ein Polizeiwagen kam mit quietschenden Reifen zum Stehen, und zwei Uniformierte stiegen aus.

Mist! Ausgerechnet ihr Bruder Rich und sein Partner Pete waren dem Funkspruch gefolgt.

„Hallo, Jungs!“, sagte Renée, als die Cops in Hörweite waren. Sie wollte ihren Bruder aufmunternd anlächeln, tat es aber nur halbherzig, da sie befürchten musste, ihre eiskalte Unterlippe würde dabei aufplatzen.

Petes Blick flog vom Kran zum Vorarbeiter und wieder zurück zu Renée. Rich musterte sie mit einem „Was-hast-du-jetzt-schon-wieder-getan“-Blick, dann baute er sich neben ihr auf.

Renée lachte lautlos auf, als sie sah, wie dem Vorabeiter die Zigarette aus dem Mund fiel und von der Stahlkappe seines Arbeitsstiefels abprallte.

Über die Jahre hatte sie eine freundschaftliche Beziehung mit mehreren Detroiter Polizisten entwickelt. Deren Hilfe benötigte sie häufig, wenn es darum ging, Kinder aus zerrütteten Familien zu holen und sie in die Obhut von Pflegeeltern zu geben.

Die Polizisten waren verständnisvoll und sahen schon mal weg, wenn Renée die Regeln ein wenig zurechtbog. Sie konnte nur hoffen, dass ihr Bruder und sein Partner sich heute ähnlich verständnisvoll zeigen würden.

Die Dämmerung umgab den Parkplatz wie ein schweres Tuch und verbarg das Wasser, die Piere und die vertäuten Schiffe am Fluss.

Plötzlich startete ein ganzer Chor aus Motoren und Maschinen, und die Abrissmannschaft verschwand.

„Was geht hier vor?“, wollte Pete wissen.

Renée klammerte sich an einen Strohhalm und sagte: „Ich bezweifle, dass dieser Gentleman die nötige Genehmigung hat, um das Gebäude hier zu zerstören.“

Rich starrte sie an, als habe sie den Verstand verloren.

Pete kam ihr zu Hilfe. „Was dagegen, wenn ich einen Blick auf die Papiere werfe?“

Der Vorabeiter stampfte wie ein Zweijähriger den Fuß auf dem Boden auf, dann sagte er: „Wer, zum Teufel, ist dieses Weib?“

„Achten Sie auf Ihre Wortwahl, Mister“, warnte ihn Rich.

Wutschnaubend ging der Vorarbeiter zum Kran zurück, kletterte ins Führerhaus, schmiss einige Sachen herum, dann kam er zurück. Sein warmer Atem ließ eine Dampfwolke über seinem Kopf entstehen.

„Die Auftragspapiere.“ Er hielt Pete die Dokumente entgegen.

Überraschenderweise verspürte Renée einen Anflug von Mitgefühl für den Mann, doch sie ignorierte dieses Gefühl. Dass sie die Lagerhalle rettete, war wichtiger, als dass dieser Mann seine Abrissbirne schwingen konnte.

„Sieht in Ordnung aus“, sagte Pete.

„Dann sollte sie mal schleunigst ihren Hintern bewegen und mir aus dem Weg gehen.“

„Kommt darauf an …“

„Worauf?“ Der Blick des Mannes sank zu Petes Pistolenholster hinab.

„Ob der Auftrag auch in den Rathausakten vermerkt ist.“

„Woher zur Hölle soll ich das wissen? Das liegt in der Verantwortung des Eigentümers. Mein Job ist es, dieses Rattenloch in Grund und Boden zu stampfen.“

„Morgen ist Samstag“, meldete Rich sich zu Wort. „Da hat das Rathaus geschlossen. Wir werden den Auftrag sofort Montagmorgen überprüfen. Bis dahin müssen Sie Ihren Betrieb hier einstellen.“

„Was gibt es denn für ein Problem, Mr. Santori?“

Renée zuckte beim Klang der tiefen, befehlsgewohnten Stimme zusammen und wirbelte herum.

Der Fremde war groß, hatte breite Schultern, trug eine Schafslederjacke und einen Cowboyhut – eine lächerliche Kopfbedeckung bei diesem Wetter – und kam genau auf die Gruppe zu.

Renées Blick wanderte über seine langen Beine, die in Jeans steckten, und verharrte auf den Stiefeln aus Schlangenleder. Das war kein gewöhnlicher Cowboy von der Stange. Dieser Lassoschwinger stank förmlich nach Geld. Renée fand ihn sofort unsympathisch.

„Mr. Dalton, die Braut hier …“

Rich räusperte sich geräuschvoll und Mr. Santori korrigierte: „Diese Dame hat sich vor meinen Kran gestellt und weigert sich, aus dem Weg zu gehen. Was sollte ich denn machen? Ihr mit zehntausend Kilo Stahl eine Kopfnuss verpassen?“

Der Cowboy grinste und Renée bekam große Lust, ihm eine Kopfnuss zu verpassen. „Nein, wir wollen hier niemanden Leid zufügen, schon gar nicht Ms …“ Seine betörende Stimme verstummte und es dauerte einige Sekunden, bis Renée ihre zerstreuten Sinne wieder beisammenhatte.

„Renée Sweeney.“

„Duke Dalton.“

Duke? Was war das denn für ein Name? Das klang wie der Spitzname einer Bulldogge oder eines Pornostars.

Ihre Hand verschwand in Mr. Daltons festem Händedruck, den sie länger als nötig erwiderte, um die Wärme seiner starken Finger in sich aufzunehmen.

Nachdem er auch Pete und Rich die Hände geschüttelt hatte, trat angespanntes Schweigen ein.

Mit einem empörten Nicken deutete Mr. Santori in Renées Richtung. „Kümmern Sie sich um die, Mr. Dalton. Bevor ich etwas anderes höre, bin ich am Montag in aller Frühe mit meiner Crew wieder hier.“ Weiter vor sich hin schimpfend, ging er zum Kran.

Renée wandte sich Mr. Dalton zu. „Ihnen ist klar, dass wir hier in Detroit sind?“ Die Haare, die unter dem Cowboyhut hervorragten, waren dunkelbraun mit einigen blonden Strähnen dazwischen. „Texas liegt westlich des Mississippi.“

Pete und Rich kicherten, während der Cowboy diese Frechheit mit eiskalter Miene ignorierte. „Welche Organisation vertreten Sie?“

Organisation? „Gar keine. Dieses Gebäude …“, sie deutete hinter sich, „ist von historischem Wert und sollte nicht angerührt werden.“

In Wahrheit war eine Vielzahl der am Ufer gelegenen Lagerhallen von historischer Bedeutung – was jedoch keine Garantie dafür war, dass sie bis in alle Ewigkeit verschont blieben.

„Viel ist an dem Gebäude nicht mehr zu retten“, sagte Mr. Dalton. „Ich habe untersuchen lassen, ob es möglich wäre, die Bausubstanz zu bewahren. Dies wäre jedoch äußerst kostspielig. Ein Neubau kommt wesentlich günstiger.“

Renée war überrascht darüber, dass der Mann offenbar seine Hausaufgaben gemacht hatte, und suchte vergeblich nach einer Antwort. Offenbar hatten die verärgerten Arbeiter die Neuronen in ihrem Gehirn durcheinandergebracht.

Keiner der beiden Cops würde das Feld räumen, bevor sie es tat. Zeit, die Belagerung zu beenden. Doch wie?

Ein heftiger Windstoß blies beißend in ihr ausgetrocknetes Gesicht, und sie fröstelte.

„Warum unterhalten wir uns nicht beim Abendessen darüber?“, schlug Mr. Dalton vor.

Nun, es gab Schlimmeres, als mit einem verstädterten Cowboy essen zu gehen – zum Beispiel sich in einen menschlichen Eiszapfen zu verwandeln. „Das Railyway Diner ist nur ein paar Blocks entfernt. Treffen wir uns doch dort.“

Renée ignorierte den „Wir-reden-später“-Blick ihres Bruders und schleppte sich mit tauben Füßen zu ihrem Auto.

Nachdem sie eingestiegen war, startete sie den Motor und drehte die Heizung auf.

Während Rich Mr. Dalton beiseitenahm – zweifellos um ihm nahezulegen, sich in ihrer Gegenwart zu benehmen –, drückte sie ihre Hände so lange an die Lüftung, bis sie ihre Finger bewegen und das Lenkrad umfassen konnte.

Obwohl sie die Fürsorge ihres Bruders zu schätzen wusste, vertraute sie ihrem Instinkt. Zwischen den Zeilen zu lesen und Lüge und Wahrheit zu unterscheiden war schließlich ein wesentlicher Aspekt ihrer Arbeit.

Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass der Mann, der sich unter der Maske des Cowboys verbarg, nichts Böses im Schilde führte. Er war bestimmt anständig, aber auch kein Weichling.

Renée fürchtete, dass sie ein Wunder brauchte, um ihn von seinen Plänen bezüglich des Gebäudes abzuhalten.

Jetzt ist doch die Zeit für Wunder. Vielleicht würde Duke Dalton sich ja als Renées Weihnachtswunder erweisen.

Duke sah zu, wie Renée Sweeney in ihrem silberfarbenen Ford Focus Kombi davonfuhr – nicht gerade die Art von Fahrzeug, die er bei einer Frau mit einem solch lebhaften Temperament erwartet hatte. Ein roter Mustang hätte besser zu diesem Wildfang gepasst.

Als Santori ihn anrief und von einem Zwischenfall an der Baustelle erzählte, hatte Duke mit einer Gruppe Demonstranten gerechnet, die sich an das Eingangstor gekettet hatten. Nicht mit einer so winzigen Frau, die sich einer Abrissbirne in den Weg stellte.

„Sie ist eine der beliebtesten Sozialarbeiterinnen der Stadt“, prahlte der Cop namens Pete.

Die Blondine war eine Sozialarbeiterin? In ihrem weißen Mantel und dem dazu passenden Schal wirkte sie mehr wie ein Racheengel.

Diese Frau faszinierte Duke und er war fest entschlossen, herauszufinden, warum sie sich der Zerstörung des Gebäudes so widersetzte.

„Renée ist etwas Besonderes.“ Das Leuchten in den Augen des zweiten Polizisten mahnte Duke, auf seine Manieren zu achten.

Der Cop war Mitte fünfzig und die Sozialarbeiterin wirkte nicht älter als dreißig. Waren die beiden ein Paar?

Seit Duke von Detroit hierher gezogen war, hatte er noch nicht viele Freunde gefunden. Es hätte ihm gefallen, Ms. Sweeney näher kennenzulernen. Allerdings war er nicht bereit, im Revier eines anderen Mannes zu wildern.

„Wenn Sie sich mit Renée anlegen, dann legen Sie sich auch mit uns an, ist das klar?“, warnte ihn der Ältere.

„Glasklar.“

Duke eilte über das Gelände, um rasch ins Warme zu kommen.

Die Temperaturen unterhalb des Gefrierpunkts, die den Staat seit letzter Woche im Griff hielten, weckten Zweifel an seiner Entscheidung, seine Firma von Tulsa nach Detroit zu verlegen. Wenn er die Wahl hatte, würde er lieber einen gelegentlichen Eissturm in Kauf nehmen als diese Kühlkammer des Mittleren Westens.

Kaum war er in seinen Truck eingestiegen, stellte er Motor und Heizung an.

Obwohl der Polizist Renée Sweeney zur Tabuzone erklärt hatte, war Duke voll freudiger Erwartung.

Seit seiner Ankunft in der Hauptstadt der Automobilindustrie hatte er kaum ein Wort mit einem Ortsansässigen gewechselt. Jetzt war er begierig darauf, sich mit einer anderen Person zu unterhalten. Und er nahm an, dass diese Sozialarbeiterin so einiges zu sagen hatte.

Duke war nicht entgangen, wie kalt sie ihn gemustert hatte, und er war fest entschlossen, ihre ungute Meinung von ihm zu ändern.

Als Duke auf den Parkplatz des Railway Diner fuhr, erinnerte er sich daran, dass ihm sein Grundstücksmakler den Burgerschuppen vor einigen Monaten empfohlen hatte. Duke war damals in der Stadt gewesen, um die Vertragspapiere für den Kauf der Lagerhalle zu unterzeichnen.

Er parkte drei Plätze von dem silbernen Kombi entfernt, ließ seinen Hut im Truck zurück und eilte zur Eingangstür, hinter der Renée bereits wartete.

„Hoffentlich kriegen wir gleich einen Tisch.“ Er beugte sich zu ihr, um ihre Antwort im überfüllten Wartebereich verstehen zu können, und bemerkte, dass ihre Haare leicht nach Parfum dufteten. Ein angenehmer Gegensatz zum Geruch des fischreichen Flusswassers entlang der Riverfront.

„In fünf Minuten oder weniger hat man mir gesagt.“

Er schlüpfte aus seinem Mantel, dann wollte er Renée helfen. Sie wich ihm jedoch schnell aus und entledigte sich ihrer Jacke selbst.

Wenn sie nicht von ihm berührt werden wollte, warum hatte sie ihm dann auf dem Parkplatz die Hand geschüttelt? Und vor allem: Warum hatte sie seine Finger solange festgehalten?

Die Kellnerin bewahrte die beiden vor weiteren Peinlichkeiten und führte sie die Treppe bis zum Gastraum hinauf. Schon auf halbem Weg stieg Duke der Geruch von gegrillten Zwiebeln und gebratenen Steaks in die Nase.

Duke wartete, bis Renée Platz genommen hatte, dann setzte er sich ihr gegenüber. Eine Kellnerin namens Peggy kam mit den Speisekarten und zwei Wassergläsern. „Burger gibt’s freitags zum halben Preis“, sagte sie. „Kaffee?“

„Gerne.“ Renées Lächeln raubte Duke den Atem. Diese Frau hatte Grübchen auf ihren Wangen und wunderschöne weiße Zähne.

Peggy räusperte sich und Dukes Nacken wurde heiß, als er merkte, dass er beim Gaffen ertappt worden war. „Machen Sie zwei Kaffee draus.“ Als die Kellnerin verschwunden war, sagte er: „Lächeln Sie!“

Renée hob eine Augenbraue. „Warum?“

„Weil ich noch einmal Ihre Grübchen sehen möchte.“

Sie verdrehte die Augen, dann folgte sie seiner Bitte – jedoch nicht mit einem lieblichen Lächeln, sondern einem „Du-kannst-mich-mal“-Grinsen. Er wollte verdammt sein, wenn diese winzigen Grübchen nicht die verführerischsten und frechsten Dinger waren, die er seit Langem gesehen hatte.

Sein Blick wanderte von ihren Wangen zu ihrem Mund, dann zu den tiefblauen Augen. Renée Sweeney war eine ausgesprochen schöne Frau.

Und er war davor gewarnt worden, ihr näherzukommen.

Dieser plötzliche Gedanke hielt ihn jedoch nicht davon ab, sie weiter anzusehen, während sie die Speisekarte studierte.

Ihr dicker Mantel hatte zuvor ihre Figur verborgen, doch der pinkfarbene Pullover mit Zopfmuster brachte ihre Weiblichkeit voll zur Geltung und schmiegte sich eng an die zarten Wölbungen ihrer Brüste.

Die gepflegten Nägel ihrer zierlichen Finger waren in einem schwachen Rosa lackiert und harmonierten mit der Farbe ihres Pullis.

Alles an dieser Frau schien zu rufen: Drück mich! Zu dumm, dass der Cop bereits das Exklusivrecht für sich beanspruchte.

„Sie starren mich an.“

„Tut mir leid. Ich bin fasziniert …“, von ihrer Schönheit „… davon, dass eine solch kleine Frau es mit einer ganzen Bauarbeitermannschaft aufnehmen kann.“

„Ich habe gewonnen, nicht wahr?“, prahlte sie.

Duke lachte aus voller Brust. „Ja, das haben Sie.“

Schön und stolz. Eine tolle Kombination, wie Duke fand. Zu dumm, dass sie nicht im Mindesten an ihm interessiert schien.

Kellnerin Peggy brachte den Kaffee, dann öffnete sie ihr Notizbuch.

„Ich nehme sieben einfache Cheeseburger und sieben Portionen Pommes“, sagte Renée.

Die Spitze des Bleistifts der Bedienung brach an ihrem Notizblock ab. „Entschuldigen Sie … Wie viele Burger sagten Sie?“

„Sieben Burger, sieben Mal Pommes. Und sechs Portionen bitte zum Mitnehmen.“

„Okaaay. Sir?“

„Einen Burger, einmal Pommes.“ Er gab Peggy die Speisekarte zurück. Kaum war sie weg, spottete er: „Die frische Luft hat offensichtlich Ihren Appetit angeregt.“

„Kaum.“ Dann wechselte sie ziemlich unverblümt das Thema. „Sie kommen nicht ursprünglich aus Michigan.“

„Geboren bin ich in St. Louis. Als ich dreizehn war, bin ich mit meiner Mutter nach Oklahoma gezogen.“ Unter Dukes Protest. Er hatte gehofft, seine arbeitssüchtige Mutter würde nach dem Tod seines Vaters etwas mehr Zeit für ihn haben, doch da hatte er sich leider geirrt.

Noch im ersten Jahr nach dem Tod seines Vaters hatte seine Mutter Dominick Cartwrights Heiratsantrag angenommen. Und Duke musste seine Mutter ganz plötzlich noch mit zwei Stiefgeschwistern teilen.

„Ich dachte mir doch, dass ich einen leichten Akzent herausgehört habe.“ Renée lächelte.

Duke verzog das Gesicht. Er war stolz darauf, seinen Okie-Akzent während seines Studiums der Universität von Los Angeles abgelegt zu haben.

„Was sind Ihre weiteren Pläne für das Fabrikgebäude?“, fragte sie und setzte damit einen Schlussstrich unter ihren beiläufigen Small Talk.

„Ich ziehe mit meiner Firma Dalton Industries von Tulsa nach Detroit. Aus diesem Grund habe ich vor, den Komplex durch ein neues Gebäude mit Büroräumen und Wohnungen zu ersetzen.“

„Womit beschäftigt sich Dalton Industries denn so?“

War sie ehrlich an seiner Firma interessiert oder führte sie etwas Bestimmtes im Schilde? Wenn er nicht achtgab, vergaß er noch, dass Ms. Sweeneys Pläne seinen eigenen entgegenstanden.

Andererseits hatte er schon lange nicht mehr die Möglichkeit gehabt, seine Träume mit einer anderen Person als mit seinen Geschäftspartnern, seinem Immobilienmakler, der Bau-Crew und den Architekten zu teilen.

„Dalton Industries ist in der Informations- und Technologiebranche tätig.“ Als sie ihn erwartungsvoll ansah, fuhr er fort: „Meine Firma wird federführend sein, wenn es darum geht, die Pläne der Stadt umzusetzen und dem Industriegebiet am Detroit River zu neuer Blüte zu verhelfen.“

Sie schnaubte amüsiert.

Erschrocken fragte er: „Was denn?“

„Nichts.“ Ihr Blick wanderte von seinem Gesicht zu dem Serviettenhalter am Ende des Tisches.

„Sagen Sie schon.“

Sie hob ihr zierliches Kinn und ihre Gesichtsmuskeln spannten sich. „Die wohlhabenden Geschäftsleute, denen ich bisher begegnet bin, haben mich zu der Überzeugung gebracht, dass sie lieber ihre eigenen Ziele verfolgen, statt das Richtige zu tun.“

Wieso nahm sie eigentlich an, dass Duke wohlhabend war? „Die Tatsache, dass ich eine Firma besitze, heißt nicht, dass ich im Geld schwimme.“

Wenn er ehrlich war, hatte er die Firma unter anderem deshalb nach Detroit verlegt, um sich dem Einfluss seines Stiefvaters zu entziehen. Dominicks Angebot, in die Firma zu investieren, war aufrichtig gewesen. Duke wollte jedoch beweisen, dass er auf eigenen Beinen stehen konnte – ohne Hilfe des Cartwright Öl-Vermögens. Wie Hunderte anderer Geschäftsleute hatte er Kredite aufgenommen, um sein Unternehmen zu finanzieren.

Renée stach ihm ihren rosa lackierten Fingernagel entgegen. „Alleine Ihr Haarschnitt kostet bestimmt hundert Dollar.“

Duke fuhr sich mit der Hand durch die Haare und brachte mehrere bis dahin perfekt sitzende Strähnen durcheinander. „Fünfunddreißig Dollar. Inklusive fünf Dollar Trinkgeld.“

Sie stutzte. „Und die Schlangenlederstiefel?“

„Ein Geschenk meiner Mutter.“ Sein letztes Geburtstagsgeschenk, bevor sie vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.

„Und was ist mit Ihrem Namen?“

„Was haben Sie gegen Duke?“

„Klingt hochnäsig. Fast aristokratisch.“

„Ich wurde nach meinem Großvater mütterlicherseits benannt, Duke Weatherford. Er war Professor für Naturwissenschaften an der Universität von Cambridge.“ Duke mochte es nicht, aufgrund seines Namens vorverurteilt zu werden. Dafür rechtfertigen würde er sich mit Sicherheit nicht.

„Warum kommen Sie mit Ihrer Firma nach Detroit? Dass Sie nicht hierher passen, ist doch offensichtlich.“

Noch stach er vielleicht heraus, doch er hatte vor, ein echter Detroiter zu werden. Und Michigan war von den Ranchen, dem Öl und dem Einfluss seines Vaters so weit entfernt – da war es zu bezweifeln, dass irgendjemand schon mal etwas von dem Multimillionär Dominick Cartwright gehört hatte. „Die Stadt hat mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Sie meinen Steuervergünstigungen?“

„Ja, genau. Meine Firma wird jedoch einen Fonds zu Erneuerung der Riverfront unterstützen.“

Dass Detroit die einzige Stadt mit ausreichenden finanziellen Vergünstigungen war, die ihm erlaubten, seine Firma ohne die Unterstützung seines Großvaters zu verlegen, verschwieg er jedoch.

Nun war es an ihm, das Thema zu wechseln. „Ihr Lebensgefährte hat mich darüber informiert, dass Sie Sozialarbeiterin sind.“

„Lebensgefährte?“

„Der ältere Polizist, der Ihnen gegenüber so besitzergreifend war.“

„Rich? Er ist nicht mein Freund, sondern mein Bruder.“

Geschwister? Die beiden sahen sich nicht im Mindesten ähnlich. Renée hatte prächtiges blondes Haar. Das des Polizisten war Karottenrot.

Duke spürte, wie ihn die Erleichterung überkam, und er grinste wie ein Idiot.

Die Warnung eines älteren Bruders zu ignorieren, damit hatte er kein Problem. Wenn es nach Duke ging, war das heutige Abendessen der Beginn einer „Lernen-Sie-Ms-Sweeney-besser-kennen“-Kampagne. Aber nur um sicherzugehen … „Gibt es sonst einen Freund oder noch mehr große Brüder?“

„Nein, ich bin im Moment alleinstehend.“

Alleinstehend klang gut. Sehr gut sogar.

„Die Screw & Bolt Company ist schon seit sehr, sehr langer Zeit ein Teil der Riverfront“, wandte sie ein. An einer privaten Konversation mit ihm schien sie nicht das geringste Interesse zu haben.

„Ich bin mir der Bedeutung dieses Gebäudes bewusst. Ich habe mich schlaugemacht, bevor ich ein Angebot abgegeben habe.“

Ihr leises Schnauben deutete darauf hin, dass sie ihm nicht glaubte. Zeit für etwas Geschichtsunterricht. „Die Firma war 1877 auf der Lafayette Street errichtet worden, bevor sie 1892 in die Atwater und Riopelle umgezogen ist.“ Er hielt inne, wartete auf eine Entschuldigung – vergeblich. „1912 hat die Firma ein neues Gebäude errichtet. Dort wurden Schrauben, Muttern und Automobilteile hergestellt. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg ging sie dann pleite. Von da an nutzten verschiedene Firmen das Gebäude als Lagerhalle, bis es endgültig verwaiste.“

„Okay, Sie haben also Ihre Hausaufgaben gemacht“, räumte sie ein.

Peggy kam mit den Burgern und einer großen Tüte zum Mitnehmen. Renée bedankte sich bei ihr, dann stürzte sie sich auf ihr Essen.

Weshalb die Eile? Duke hatte gehofft, herauszufinden, ob sie neben der alten Lagerhalle noch weitere gemeinsame Interessen hatten. „Seit wann arbeiten Sie als Sozialarbeiterin?“

„Seit sechs Jahren.“

„Gebürtig aus Detroit?“

Ein kurzes Nicken. „Wofür braucht eine Sozialarbeiterin ein verlassenes Fabrikgebäude?“

Ganz langsam ließ sie ihren Burger auf den Teller sinken und kaute zu Ende. „Was würden Sie sagen, wenn ich Sie bitte, mit dem Abriss noch einen Monat zu warten?“

Netter Versuch. „Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“

Sie starrten sich an. Er gab als Erster auf. „Nein.“

Er konnte es sich einfach nicht leisten, die Bauarbeiten zu verschieben. Der Mietvertrag des alten Bürogebäudes in Tulsa lief im September nächsten Jahres aus. Damit blieben ihm gerade neun Monate, um sein neues Hauptquartier fertigzustellen. Wenn er ehrlich war, besaß er einfach nicht genügend Rücklagen, um die Miete in Oklahoma weiterzuzahlen.

„Auf ein paar Wochen kommt es doch nicht an“, entgegnete Renée. „Außerdem ist es draußen eiskalt. Mitten im Winter mischt man doch keinen Zement an.“

Er war nicht bereit, sich umzustimmen zu lassen, und schwieg. Renées Augen blitzten verwundert auf, und das Blau darin wurde noch strahlender. „Geben Sie mir eine Woche“, platzte es dann aus ihr heraus.

Offenbar hatte sie gar kein Interesse daran, sich mit ihm anzufreunden. Und mit den Plänen dieser Frau wollte Duke nichts zu tun haben. Wer garantierte ihm, dass sie nichts Illegales im Schilde führte?

Dieses Abendessen hatte sich als enttäuschende Zeitverschwendung erwiesen. Zu schade, dass sie sich nicht unter anderen Umständen kennengelernt hatten.

Renée war die erste Frau, die er in Detroit kennengelernt hatte. Zudem faszinierte sie ihn, und er würde es zutiefst bedauern, sie nie mehr wiederzusehen.

Er schob das dumpfe Gefühl in seiner Magengegend auf das Essen, stand auf und ließ den halben Burger auf dem Teller zurück. „Keinen einzigen Tag, geschweige denn eine Woche.“

Renée verzog unzufrieden den Mund. „Sie gehen, bevor wir die Angelegenheit ausdiskutiert haben?“

Als „Diskussion“ würde er ihr Gespräch nicht bezeichnen. Mehr eine Art einseitige Meinungsverschiedenheit.

Er holte einen Fünfzigdollarschein aus seiner Brieftasche und warf ihn auf den Tisch, dann griff er nach seinem Mantel. „Was mich betrifft, ist alles gesagt.“

In der Hoffnung, sie würde ihre Meinung noch ändern, hielt er einen Moment lang inne. Doch ihr aufmüpfiger Blick verriet, dass sie von ihrer Position nicht zurückweichen würde.

Er holte einen Kugelschreiber und eine Visitenkarte aus seiner Tasche, dann kritzelte er den Namen seines Hotels sowie seine Zimmernummer auf die Rückseite.

„Wofür ist das?“ Sie hielt die Karte mit spitzen Fingern, als sei sie von Viren befallen.

„Für den Fall, dass Sie irgendwann einmal bereit dazu sind, mir die Wahrheit zu sagen. Wenn Sie mir nicht verraten, was Sie wirklich im Schilde führen, Renée, beginnen wir am Montag mit dem Abriss.“

2. KAPITEL

Ein anhaltendes Klickgeräusch hieß Renée willkommen, als sie das Zwei-Zimmer-Häuschen ihrer Mutter in der Church Street von Corktown – Detroits ältestem Viertel – betrat. „Hey, Mom, ich bin’s!“

„Hier drin, Liebling.“

Renée verstaute die Zwei-Liter-Packung Eis, die sie gekauft hatte, in der Kühltruhe, dann legte sie ihre Handtasche auf die goldgesprenkelte Küchenablage. Nachdem sie den Mantel ausgezogen hatte, begab sie sich zu ihrer Mutter ins Wohnzimmer.

Wie erwartet, saß die Neunundsiebzigjährige in ihrem Fernsehsessel und sah sich eine Polizeireportage an. Mit ihren knochigen, arthritischen Fingern ließ sie dabei zwei Stricknadeln in Lichtgeschwindigkeit klacken. In ihrem Schoß türmten sich bereits mehrere Reihen grauer Stoff auf. Der fast leere Weidenkorb neben ihrem Stuhl erinnerte Renée daran, bald wieder mit ihr einkaufen zu gehen.

Bernice Sweeney strickte Deckchen und Pullis, die sie den Obdachlosenheimen der Stadt sowie dem Winterverkauf der hiesigen Most Holy Trinity Church spendete.

Mit einem Stoßseufzer ließ sich Renée auf die Couch fallen. Seit sie sich mit Duke zum Abendessen verabredet hatte, war es ihr nicht gelungen, ihn wieder aus ihren Gedanken zu verbannen. Falsch: Seit sie sich vielmehr nur wegen der draußen herrschenden Kälte mit ihm zum Abendessen getroffen hatte.

Andererseits war das schnelle Mahl mit dem Cowboy einer Verabredung nähergekommen als alles andere, was sie in den letzten Monaten erlebt hatte.

Bernice spähte über den Rand ihrer Brille und fragte: „Stimmt irgendwas nicht?“

„Nein.“ Ja. Warum musste der neue Eigentümer der Screw & Bolt Factory so gut aussehend sein? So höflich? Und gleichzeitig so stur?

Renée bemühte sich um ein Lächeln, da sie ihre Mutter nicht beunruhigen wollte – eine Frau, die ihr halbes Leben damit verbracht hatte, auf die Uhr zu sehen und auf einen Anruf mit einer Hiobsbotschaft zu warten.

Aus dem Fernseher schallten Schüsse. Einen Moment lang folgte Renée dem dramatischen Geschehen auf dem Bildschirm. Sie hatte längst aufgehört, die Sucht ihrer Mutter nach Polizeidokus zu kritisieren. Inzwischen hielt sie es sogar für möglich, dass diese Sendungen einen therapeutischen Nutzen besaßen.

Bernices Ehemann war Polizist gewesen und vor einunddreißig Jahren im Einsatz getötet worden. Renée tat es leid, dass Bernice ihren Ehemann in so jungen Jahren und auf solch brutale Weise verloren hatte.

Andererseits hätte sie ohne diese Tragödie vermutlich nie Renée adoptiert. Und ein Leben ohne Bernice und Rich konnte Renée sich nicht vorstellen.

Kaum war der Verdächtige im Fernsehen verhaftet, sprach ihre Mutter weiter: „Irgendetwas bedrückt dich.“

Nicht etwas … Jemand. „Mir geht’s gut“, gab sie zurück.

Nachdem sie ihre üblichen Wochenendbesorgungen erledigt hatte, hatte sie über Dukes Drohung nachgegrübelt. Sie fürchtete, dass es ihm ernst damit war, das Fabrikgebäude am Montag abzureißen.

Das Klickgeräusch hörte auf, und Bernice hob eine ihrer dicken, grauen Augenbrauen. „Du warst doch erst gestern hier.“

Renées Haus lag genau neben dem ihrer Mutter. Sie hatte das Zwei-Zimmer-Häuschen vor drei Monaten gekauft. Dank der Hilfe ihres Bruders hatte sie genug Bares für die Anzahlung zusammengekratzt.

„Kann eine Tochter denn nicht einfach Zeit mit ihrer Mutter verbringen?“ Es ging Renée gegen den Strich, dass sie sich dank der Begegnung mit Duke wie ein kleines Kind aufführte, das sich an ihre Mutter anschmiegen musste.

Verdammter Cowboy! Nicht nur, dass er ihr Sorgen bereitete … er war einfach faszinierend.

Als sie ihm gestern Abend am Tisch gegenübergessen hatte, da waren all ihre Sinne hellwach gewesen, um jede Kleinigkeit an ihm wahrzunehmen. Seinen Duft, seine Stimme … seine Erfahrenheit. Es waren jedoch seine warmen braunen Augen, die ihr am meisten zusetzten. Sie bettelten förmlich darum, ihm ihr Vertrauen zu schenken.

Eine ganz schlechte Idee.

„Ich habe einen Mann kennengelernt. Er heißt Duke Dalton.“

„Duke? Etwa der Duke von England?“ Ihre Mutter kicherte über ihren eigenen Witz.

„Ich bezweifle, dass in Oklahoma Angehörige der britischen Königsfamilie leben. Duke ist von Tulsa hierhergezogen.“

„Ein Okie also.“

„Weißt du irgendetwas über Okies?“

„Als junges Mädchen bin ich mal mit einem ausgegangen.“

Renée schnippte mit den Fingern. „Ich habe ganz vergessen, dass deine Eltern in Oklahoma Wanderarbeiter waren, bevor sie nach Detroit gezogen sind.“

„Daddy war ganz wild darauf, Autos zu bauen. Unser Leben hat sich wirklich verbessert, seit er begonnen hat, Stoßstangen zu montieren.“ Vor dem Niedergang der Automobilindustrie hatten hier viele ein ausgesprochen gutes Leben geführt.

„Duke gehört eine Softwarefirma. Und er hat vor, den Lagerhallenkomplex an der Riverfront abzureißen und ein neues Gebäude zu errichten.“ Wenn Renée ihrer Mutter verriet, weshalb es ihr so wichtig war, dass das Gebäude intakt blieb, würde sie sofort ihre Hilfe anbieten. Und Bernice war zu alt, um Pflegekinder bei sich aufzunehmen. „Ich kann nicht ins Detail gehen, aber ich habe Duke gebeten, den Abriss um eine Woche zu verschieben. Er hat abgelehnt.“

Die Stricknadeln hielten inne. „Du führst doch irgendetwas im Schilde, nicht wahr, junge Dame?“

Renée verfolgte zwar stets die besten Absichten, dennoch hatte sie die Angewohnheit, sich in Situationen zu verstricken, mit denen sie ihrer Chefin ziemliche Schwierigkeiten bereitete. Sie steckte einen Finger in ein Loch im Couchbezug und protestierte: „Überhaupt nicht.“

„Dann nutz deine von Gott gegebenen Talente, um diesen Mann umzustimmen.“

Ihre Mutter war der Meinung, dass ihre Tochter nur ihre Grübchen zur Schau stellen musste, um andere nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen.

„Ich hab’s versucht“, grummelte Renée.

„Und?“

„Er will nicht nachgeben.“

Bernices Miene wurde weicher. „Dann lässt du ihn am besten in Ruhe.“

Das war nicht gerade der Rat, den Renée sich erhofft hatte.

Ein Klingeln an der Tür rettete sie vor einer Antwort. Renée stürzte von der Couch auf, hielt ihr Auge an den Türspion, dann unterdrückte sie ein Stöhnen und öffnete die Tür. „Hey, Rich.“

Das gelbe Licht der Verandalampe reflektierte Richs rotbraunes Haar, sodass es aussah, als würde sein Kopf in Flammen stehen. Renée grinste. „Es ist Samstagabend. Hast du keine Verabredung?“

Ihr Bruder war geschieden, hatte keine Kinder und war immer auf der Suche nach der nächsten Mrs. Perfect.

„Frechdachs“, murmelte er, wischte sich eine Haarsträhne aus der Stirn und drückte sich an ihr vorbei ins Zimmer. „Hey, Mom.“

„Hallo, mein Sohn.“ Die Nadeln klickten wieder schneller. Bernice schien es allmählich zu nerven, dass ihr ruhiger Abend gestört wurde. „Erstaunlich. Ein Besuch von beiden Kindern an nur einem Abend.“

Rich sah Renée an und machte eine Kopfbewegung Richtung Küche.

„Hast du Lust auf ein Eis?“, fragte Renée.

„Klar.“ Er folgte ihr aus dem Zimmer.

„Was ist denn los?“, flüsterte sie dann. Dabei war ihr sehr gut bewusst, warum ihr Bruder vorbeigekommen war.

Als sie nach der Eispackung greifen wollte, hielt Rich sie am Handgelenk fest. „Nein, danke.“ Seit seinem fünfzigsten Geburtstag hielt ihr Bruder strenge Diät, in der Hoffnung, die überflüssigen Pfunde loszuwerden, die sich in den letzten Jahren angesammelt hatten.

„Was hast du dir dabei gedacht, dich einem Kran in den Weg zu stellen?“

„Ich habe mir dabei gedacht, dass ich nicht möchte, dass das Gebäude abgerissen wird.“

„Zuerst bittest du Pete und mich, verstärkt an der Riverfront Streife zu fahren, dann finde ich heraus, dass du dich mit einem Bautrupp anlegst. Welche Art von Ärger beschwörst du da wieder herauf?“ Er atmete tief durch die Nase – ein Zeichen, dass er kurz vor der Explosion stand.

„Deine Nüstern blähen sich auf“, neckte sie ihn.

„Das ist nicht lustig. Schon gar nicht, wenn du das Gesetz brichst.“

„Dir geht es immer nur ums Gesetz, nicht wahr?“

Sein Blick wurde finster.

„Ich kann’s dir nicht verraten, Rich. Noch nicht. Versprich mir bitte, dass du deine Streife noch eine Weile fortsetzt.“

„Verdammt, Renée. Sollten da jemals Kriminelle herumgehangen haben, sind sie längst verschwunden. Die Gegend ist ein Friedhof.“ Er verschränkte die Arme vor seiner Brust. „Wenn ich dir dabei helfe, das Gesetz zu brechen, riskiere ich meinen Job.“

„Ich verbiege es nur etwas, aber ich breche es nicht.“

Ihr Blick schien aufrichtig zu wirken, denn Rich wechselte das Thema. „Worüber hast du mit diesem Duke beim Abendessen gesprochen?“

„Mr. Dalton verlegt seine Softwarefirma von Tulsa nach Detroit.“

„Und …?“ Rich legte seinen Handballen demonstrativ auf den Griff seiner Pistole.

Du liebe Zeit. „Er hat mich nicht bedroht.“ Jedenfalls nicht direkt.

„Ist er daran interessiert, mit dir auszugehen?“

„Ich tu mal so, als hätte ich das nicht gehört.“

„Komm schon, Renée. Mom nervt mich jeden Tag damit, dass ich einen Mann für dich auftreiben soll. Wir haben einen netten Cop in unserem Revier. Er wurde von Cleveland hierher versetzt.“

„Nein, nein und nochmals nein!“ Jeder Cop in Detroit wusste, dass Renée die kleine Schwester von Rich war. Und die meisten kannten die Umstände, die zu ihrer Adoption geführt hatten.

Das Letzte, was sie wollte, war ein Mann, der Mitleid mit ihr empfand. Es gab ohnehin schon zu viele Menschen, die sie mit Samthandschuhen anfassten. Vielleicht war es das, was sie an Duke Dalton so anziehend fand. Er wusste nichts über ihre Vergangenheit. Ihre sehr öffentliche Vergangenheit.

„Schade. Dalton scheint ganz okay zu sein.“ Rich spähte ins Wohnzimmer, dann warnte er sie: „Halt dich von der Lagerhalle fern.“

„Aber …“

„Wenn du Dalton Ärger bereitest, wird er Beschwerde im Polizeipräsidium einreichen. Und ich stehe dann zwischen den Fronten.“

Ihren Bruder in Schwierigkeiten zu bringen war wirklich das Letzte, was sie wollte. Sie musste einen Weg finden, Duke aufzuhalten, ohne dabei drastischere Maßnahmen ergreifen zu müssen.

Mit gekreuzten Fingern erinnerte sie sich an den Rat ihrer Mutter und stellte ihre Grübchen zur Schau. „Ich verspreche dir, dass ich diesem Mann nicht in die Quere komme.“

Am späten Samstagabend – genau während eines Footballspiels zwischen den Lions und den Bears, betrat Renée das Marriott-Hotel von Detroit.

Schon kurz darauf stand sie vor Dukes Zimmertür und biss sich so lange auf die Lippe, bis sie Blut schmeckte. Sie unterdrückte einen Fluch, dann hämmerte sie mit den Knöcheln gegen das Holz.

„Es ist offen. Kommen Sie rein!“, rief er.

Hatte er sie durch den Türspion beobachtet? Neugierig drückte sie die Klinke, betrat das Zimmer – und stöhnte. Duke stand vor einem Flachbildschirm und war nur mit einem weißen Handtuch bekleidet, das er um seine Hüften geschlungen hatte. Wasser tropfte von seinem Kopf und Tropfen rannen über seine glatte, haarlose Brust.

„Renée? Was machen Sie denn hier?“

Sie zwang sich dazu, ihren Blick von seiner Brust zu nehmen und auf sein Gesicht zu richten. Es war vier Uhr nachmittags, und er hatte sich noch nicht rasiert. Die dunklen Stoppeln an seinem Kinn trugen auf verwegene Weise zu seinem Cowboy-Image bei und machten aus ihm eine völlig neue Erscheinung: einen Cowboy-Piraten.

Die Worte Ich komme später wieder blieben ihr im Hals stecken, während sie nach der Türklinge griff.

„Warten Sie!“ Er trat vor, wobei das Handtuch auf Hüfthöhe verrutschte. Mit einem verlegenen Lächeln band er den Knoten enger. „Ich habe eigentlich den Zimmerservice erwartet. Machen Sie es sich doch bequem, während ich mich anziehe.“

Er zog sich ins Badezimmer zurück und hinterließ freie Sicht auf das ungemachte Bett.

Renées Tagtraum, in dem sie und Duke sich auf der Matratze vergnügten, wurde von einem Räuspern hinter ihr jäh unterbrochen.

Ein Zimmerkellner stand in der geöffneten Tür. Renée trat beiseite. Der Mann rollte den Wagen an ihr vorbei und deckte den Cocktail-Tisch in der Ecke für zwei Personen. Dann ging er wieder, ohne auf Trinkgeld zu warten.

Mist! Duke hatte eine Verabredung. Was für ein verdammt schlechtes Timing.

Als sie sich Duke und eine andere Frau bei einem gemütlichen Essen vorstellte – und bei dem, was danach folgen mochte –, verspürte sie einen Stich der Eifersucht. Sie ignorierte ihn und beschloss, sofort zur Sache zu kommen.

Ihre Aufmerksamkeit pendelte zwischen dem Essen, dem Football-Spiel im Fernsehen und der Badezimmertür hin und her. Es war reiner Zufall, dass ihr Blick gerade auf die Badezimmertür gerichtet war, als Duke in Jeans und einem weinroten Rollkragenpulli herauskam.

Er hatte sich rasiert. Renée war ein wenig enttäuscht, als sie sein glattes Profil inspizierte. Er warf einen kurzen Blick auf das Spiel, dann blieb er genau vor ihr stehen.

Eternity. Der schwache Duft des Aftershaves hüllte sie ein und Renée atmete tief durch. Eternity for Men war einer ihrer Lieblingsdüfte. Letztes Weihnachten hatte sie ihrem Bruder eine Flasche davon geschenkt.

Duke hob einen Mundwinkel und Renée konnte es sich gerade noch verkneifen, das Lächeln zu erwidern. Das war ein Geschäftstreffen, kein freundschaftliches Beisammensein. „Ich wollte Ihr …“, sie deutete auf den Tisch „… romantisches Abendessen nicht stören.“

Er kam näher und der Duft wurde stärker. Neben dem Parfum bemerkte Renée den Geruch von Seife und Rasierschaum.

„Ich habe keine Verabredung“, sagte er. „Die decken hier immer für einen möglichen Gast mit. Möchten Sie dieser Gast sein?“ Er ging durchs Zimmer und hielt inne, um die Bettlaken glatt zu ziehen. „Entschuldigen Sie die Unordnung. Am Wochenende verzichte ich auf den Zimmerservice.“ Er zog einen Stuhl für sie heran und wartete.

Die Anziehungskraft seiner braunen Augen ließ sie beinahe ihre Mission vergessen. „Ich bin hier, um über Geschäftliches zu sprechen.“

„Essen wir doch erst die Pizza, danach können wir sprechen, worüber Sie möchten.“

Was war schon dabei? Zu Hause warteten nur ihre Wäsche und einiger Papierkram auf sie.

Im Vorbeigehen legte Renée ihren Mantel auf das Fußende des Bettes, dann setzte sie sich zu ihm an den Tisch.

Er schenkte ihr ein kleines, neckisches Lächeln, und ihr Herz schlug Purzelbäume in ihrer Brust.

Dieser Mann ist einsam, das ist alles.

Er hatte Freunde und Familie in Tulsa zurückgelassen. Vielleicht auch eine Geliebte.

Nun, zur Familie gehörte Renée nicht. Und sie bezweifelte, dass sie das Zimmer als seine Freundin verlassen würde. Und als seine Geliebte … Träum weiter!

„Sie sind ein Lions-Fan?“, fragte sie, während er zwei Gläser Rotwein aus einer Flasche einschenkte, die wahrscheinlich mehr gekostet hatte, als ihr ganzer Wocheneinkauf.

„Ich habe vor, einer zu werden.“ Er legte ihr ein Stück Pizza auf den Teller.

Renée nippte an ihrem Weinglas und wartete ab, ob er das Besteck benutzen würde. Aber er nahm das Pizzastück in die Hand. Sein ungezwungenes Verhalten ließ auch sie lockerer werden. Nach einem Bissen sagte sie: „Das ist ausgezeichnet.“

„Barbecue.“

„Eine Spezialität aus Oklahoma?“

„Das Rezept der Haushälterin unserer Familie. Ich habe es den Hotelköchen überbringen lassen. Die waren ganz begeistert davon und haben es auf die Karte gesetzt.“

Während sie aßen und sich das Spiel ansahen, breitete sich eine angenehme Stille zwischen ihnen aus. „Mögen Sie Football?“, fragte er während einer Werbeunterbrechung.

„Normalerweise habe ich keine Zeit, mir ein Spiel anzusehen. Ich bin zu sehr damit beschäftigt, eine Krise nach der anderen zu bewältigen.“

Er hörte auf zu kauen. „Arbeiten Sie etwa sieben Tage die Wochen?“

„Manchmal. Samstags und sonntags habe ich Bereitschaft. Die meisten meiner Kolleginnen sind verheiratet und haben Familie, deshalb kümmere ich mich am Wochenende um die Notfälle.“

„Sie müssen ja wahnsinnig viele Überstunden angesammelt haben.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe ein festes Gehalt. Aber der Kombi, den ich fahre, ist eine Art Firmenwagen.“ Rich hatte mit mehreren seiner Kollegen eine Sammelaktion gestartet, um Renée den Wagen kaufen zu können. Die Leute, die am wenigsten besaßen, hatten am meisten gespendet – wie immer, wenn es um „Detroits kleinen Engel“ ging.

„Wie ist das eigentlich, wenn man seine Zelte abbricht und in einer anderen Stadt, in der man niemanden kennt, bei null beginnt?“

Davon hatte sie schon geträumt, fühlte sich jedoch ihrer Mutter und Rich gegenüber verpflichtet, da die beiden ihr ein unbeschwertes Leben ermöglicht hatten. Nun wurde sie zu sehr von ihrem Job eingenommen, um einen Umzug auch nur in Erwägung zu ziehen.

„Nicht so schwer, wie ich dachte. Detroit gefällt mir.“ Als er ihr Augenrollen bemerkte, setzte er nach: „Hier ist sehr viel los, da die jüngere Generation die älteren Stadtteile in Beschlag nimmt und sie erneuert. Ich hoffe, dass die Riverside schon bald eine ähnliche Wiederauferstehung feiern kann.“

„Gar nicht so leicht, sich einen Cowboy vorzustellen, der sich mit Arbeitern aus der Automobilindustrie anfreundet.“

„Ich bin nicht wirklich ein Cowboy.“

Dieses verwegene Lächeln … der muskulöse Körper … dieses selbstsichere Auftreten … Ja, genau. „Die Stiefel und der Hut sind also nur Show?“

„Den Hut trage ich mehr aus Gewohnheit. Und die Stiefel sind ein Geschenk meiner Mutter, wie gesagt. Sie gab sie mir kurz vor ihrem Tod. Und eine Schafslederjacke ist in der Kälte einfach unschlagbar.“

„Tut mir leid wegen Ihrer Mutter.“

„Wollen wir jetzt über die Lagerhalle sprechen?“, fragte er und ignorierte Renées Beileidsbekundung. Das Thema war offensichtlich ein wunder Punkt.

„Lassen Sie uns Klartext reden. Ich muss darauf bestehen, dass Sie den Abriss um eine Woche verschieben.“

„Nennen Sie mir einen Grund.“

Mit einem Mal verging ihr der Appetit. Sie stand auf und ging zum Panoramafenster am anderen Ende der Suite, das vom Boden bis zur Decke reichte. Jenseits des Flusses funkelten die Lichter von Windsor, Ontario. „Können Sie mir nicht einfach vertrauen?“

„Ihnen vertrauen? Ich kenne Sie doch gar nicht.“ Er kam zu ihr ans Fenster und fuhr mit den Fingern durch seine dunklen, frisch gekämmten Haare. „Da müssen Sie schon mit deutlich mehr kommen, um mich dazu zu bringen, irgendetwas zu verschieben.“

Als sie den Blick beharrlich auf die kanadische Seite gerichtet hielt, umfasste er ihre Schultern mit einem festen, aber behutsamen Druck. „Vielleicht kann ich Ihnen ja sogar helfen. Ich verfüge über einigen Einfluss bei …“

Sie trat zur Seite und entzog sich seiner Berührung. Wohlhabende Leute dachten immer, sie hätten für jedes Problem eine Lösung parat. Dabei machte ihre Einmischung oft alles nur noch schlimmer.

Momentan lag sie mit einem Entwicklungskomitee der Gemeinde im Clinch, das sich aus lokalen Geschäftsleuten zusammensetzte. Sie benötigte deren Zusage für ein Erholungszentrum für Kinder aus schwierigen Verhältnissen, das seine Pforten im Lagerhallen-Distrikt aufschlagen wollte.

Die Mitglieder des Komitees hatten ihren Antrag abgelehnt – mit der Begründung, ein Zentrum für Problemkinder würde sich negativ auf das Viertel auswirken, das doch neue Firmen anziehen sollte.

Über ein Jahr hatte Renée unermüdlich an dem Projekt gearbeitet, und nun wurden die Kinder ihrem Schicksal überlassen. Genau wie jene, mit denen sie sich aktuell beschäftigte.

„Wie lautet Ihre Antwort, Renée?“

Großer Gott, sie konnte nur hoffen, dass sie nicht den größten Fehler ihres Lebens beging. „Ich kann’s Ihnen nicht sagen. Ich muss es Ihnen zeigen.“

3. KAPITEL

Als Renée und Duke das Hotel verließen, wurden sie von einem funkelnden Sternenhimmel begrüßt. „Vielleicht sollten wir bis morgen warten“, schlug Duke vor. „Nach Anbruch der Dunkelheit ist es an der Riverfront nicht ganz ungefährlich.“

„Warum verlegen Sie dann Ihre Firma hierher, wenn Sie sich um die Sicherheit sorgen?“ Sie steuerte den Besucherparkplatz an.

Duke folgte ihr und beschleunigte seine Schritte. „Mein Firmengebäude wird vierundzwanzig Stunden am Tag von Kameras und Sicherheitspersonal überwacht.“

„Keine Sorge. Ich glaube, nicht einmal Kriminelle sind so dumm, bei diesen Temperaturen ins Freie zu gehen.“

Doch auch die Tatsache, dass Renée in Detroit aufgewachsen war und die Gegend gut kannte, konnte seine Sorge nicht mindern. „Soll ich Ihnen hinterherfahren?“

„Wir nehmen mein Auto.“

Als sie den Kombi erreichten, öffnete er ihr die Fahrertür, dann eilte er um den Kühler herum und schwang sich auf den Beifahrersitz. Seinen Sitz schob er so weit wie möglich zurück. Dennoch berührten seine Knie das Handschuhfach.

Sie beäugte seinen zusammengefalteten Körper. „Würden Sie lieber Ihren Truck nehmen?“

„Ach, das geht schon, solange Sie nicht abrupt auf die Bremse steigen.“

Sie schwiegen während der Fahrt. Schließlich lenkte Renée den Wagen auf den Parkplatz der Screw & Bolt Factory und vorbei an dem Kran, bis zum anderen Ende, wo die finsteren Umrisse des Gebäudes zu erkennen waren.

Dukes Muskeln spannten sich an, während er seine langen Beine auseinanderfaltete und aus dem Auto stieg. Sein sechster Sinn sagte ihm, dass es besser für ihn wäre, nie zu erfahren, was Renée mit der Lagerhalle im Sinn hatte.

„Da lang.“

Als sie dem Gebäude näher kamen, bemerkte er ein verrostetes Schild: Öffentliches Warenlager.

Renée hielt inne, um eine Taschenlampe aus ihrer Manteltasche zu ziehen. Sie knipste sie an, dann betraten sie das Gebäude durch eine Seitentür.

Der gelbe Lichtkegel tanzte über die beschädigte Ziegelwand und zerrte das Kunstwerk eines lokalen Graffiti-Künstlers aus der Dunkelheit.

Duke erkannte das Bild einer männlichen Bärengestalt, die von kleineren Bärenfrauen umringt war. „Ziemlich gut getroffen.“

„Ich habe Troy angespornt, auf die Kunsthochschule zu gehen.“

„Sie kennen den Jungen, der sich an diesem Gebäude vergriffen hat?“ Dukes Blicke erforschten die Umgebung, während sie die erste Etage durchquerten. Unter ihren Schritten hallte das Knirschen von Glas durch die Dunkelheit.

„Troy ist neunzehn. Er hat keinen Job und treibt sich mit einer Bande Nichtsnutze herum.“

Der Junge sollte Besseres mit seinem Talent anfangen, statt öffentliche Lagerhallen zu verschandeln. Duke stellte sich die Gesichter seiner Kollegen vor, wenn er Troy damit beauftragte, die Lobby im neuen Gebäude von Dalton Industries zu verschönern.

„Passen Sie auf, wohin Sie treten“, sagte Renée, als sie das Treppenhaus betraten.

Im dritten Stock fiel das Licht des Vollmondes durch ein Loch in der Wand und beleuchtete die ramponierten Teile jahrzehntealter Autos, die als Übungsfläche zum Sprayen benutzt worden waren.

Im vierten Stock war eine Skateboard-Rampe untergebracht. Irgendjemand hatte sehr viel Zeit und Energie investiert, um die großen Sperrholzbretter vier Stockwerke nach oben zu schleppen und daraus die Rampe zu zimmern.

Sie gingen weiter in den vierten und fünften Stock. Duke und sein Immobilienmakler hatten sich nicht die Mühe gemacht, das oberste Stockwerk zu begutachten. Sie hatten einfach angenommen, dass sie dort dasselbe vorfinden würden wie in den anderen Etagen: Schutt und Abfall.

Renée klopfte einmal an die Tür. Nach einer kurzen Pause klopfte sie zwei weitere Male.

War das ein Signal? Wer oder was hielt sich im fünften Stock auf?

Den Strahl ihrer Taschenlampe nach vorne gerichtet, öffnete Renée die Tür.

Zeitungsstapel und leere Essensbehälter lagen auf dem Boden verstreut. Nach einigen Schritten hob sie eine Hand und blieb stehen. Der Lichtstrahl bewegte sich über ein Labyrinth aus Pappkartons, die so ineinandergeschoben waren, dass sie einen Tunnel bildeten. Der Eingang wurde von einem Handtuch verdeckt.

„Ich bin’s. Alles in Ordnung da drin?“ Renée hatte die Stimme zu einem Flüstern gesenkt.

Sekunden vergingen, ohne dass etwas zu hören war. Schließlich wurde das Handtuch von einer kleinen Hand beiseitegeschoben und ein Gesicht kam zum Vorschein. Das Gesicht eines Kindes.

Obwohl sich die Temperatur im Raum unter dem Gefrierpunkt bewegte, bildeten sich Schweißtropfen auf Dukes Stirn. Bilder einer Abrissbirne, die in die Wand des Gebäudes donnerte, und von Kindern, die in den Tod stürzten, blitzten vor ihm auf.

Ein weiteres Gesicht kam hinzu. Drei … vier … du meine Güte … Eine Jugendgang hatte sich in seiner Lagerhalle breitgemacht.

Renée ignorierte, dass Duke scharf Luft holte, und konzentrierte sich auf die Jugendlichen. „Hallo, Leute. Ich habe einen Freund mitgebracht.“ Duke Dalton war zwar alles andere als ein Freund, allerdings wollte sie den Kindern auch keine Angst einjagen.

Renée hatte die Gruppe vor ein paar Tagen gefunden. Zu verdanken hatte sie das dem Tipp einer Frau aus einem der städtischen Obdachlosenheime.

Die ältere Dame hatte gehört, wie sich ein paar Teenager im Flüsterton über eine Gruppe Kinder unterhalten hatte, die in einem Gebäude an der Riverfront Zuflucht gefunden hatte. Diese Information hatte die Frau an das Heimpersonal weitergegeben.

Bis auf eines der Kinder kannte Renée alle. Die meisten hatte sie in den vergangenen Jahren immer wieder in unterschiedlichen Pflegefamilien untergebracht.

Timmy, ein schüchterner, zierlicher Junge, kam als Erster aus dem Tunnel gekrochen. „Hast du was zu essen mitgebracht?“

Oh, Scheibenkleister. Sofort überkamen sie Schuldgefühle, weil sie in Dukes Hotelzimmer Pizza gegessen hatte, während die Kinder auf ihr Abendessen warteten. Und sie hatte es schlichtweg vergessen.

„Ms. Sweeney wollte zuerst wissen, worauf jeder von euch Lust hat.“ Dukes männliche Stimme sorgte dafür, dass Timmy sofort wieder im Tunnel verschwand.

Renée warf Duke einen erschrockenen Blick zu. Es überraschte sie, dass Duke ihr zu Hilfe kam. Verwirrt sagte sie: „Mr. Dalton tut euch nichts.“

Crystal, ein dreizehnjähriges Gothic-Mädchen, kam heraus. Sie war von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet und trug eine Cargohose mit silbernen Ketten am Bund. Dazu ein T-Shirt und klobige Armeestiefel. Die Augen waren von dunklen Mascara-Ringen umrandet und ihre Wimpern waren schwarz gefärbt – passend zum ebenso finsteren Nagellack. Ihr drohender Blick war auf Duke gerichtet und sie knurrte: „Wer ist das?“

„Das ist Mr. Dalton. Er hat angeboten, heute das Essen zu zahlen.“ Als keiner der anderen mehr herauskam, fügte sie hinzu: „Ich muss mich versichern, dass es jedem gut geht. Wer nicht rauskommt, bekommt nichts zu essen.“

„Ich habt Ms. Sweeney gehört“, rief Crystal über ihre Schulter. „Macht schon! Ich bin am Verhungern.“

Einer nach dem anderen kamen die sechs Kinder aus ihrem schlichten Versteck gekrochen. „José, wo ist deine Jacke?“ Der Fünfzehnjährige – und damit der Älteste in der Gruppe – reckte aufmüpfig sein Kinn nach vorne. „Hier ist es heiß.“

„Draußen aber nicht.“ Sie hielt Josés Blick stand, nicht gewillt, ihm den Sieg zu überlassen.

Der zottelköpfige Teenager war dünn und schlaksig und überragte Renée um einige Zentimeter. Er litt an starker Akne, und Renée nahm an, dass die ungekämmten Ponyfransen die Pickel auf seiner Stirn verbergen sollten.

Nach ein paar Sekunden der Anspannung kroch er wieder in die Kartons, um seine Jacke zu holen.

Evie, Crystals siebenjährige Schwester, bewegte sich vor. „Kann ich heute etwas Milch haben?“ Die Wangen des kleinen Unschuldsengels glommen in einer rosigen Farbe. Renée wischte ihr eine blonde Strähne beiseite und legte ihre Finger auf die Stirn des Kindes. Erleichtert stellte sie fest, dass sie sich kühl anfühlte. „Ja, du bekommst deine Milch.“

José kam jetzt wieder heraus. Er trug eine Jacke mit Ärmeln, die weit vor seinen knochigen Handgelenken endeten. Renée nahm an, dass ihn ein Wachstumsschub ereilt hatte.

Der Gedanke frustrierte sie. Diese Kinder sollten nicht in Pappkartons leben. In einem verlassenen Gebäude mit nächtlichen Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Jedes Kind verdiente ein warmes Bett und drei Mahlzeiten am Tag. Und Umarmungen. Kinder mussten umarmt werden.

Das erinnerte sie an etwas. Sie hielt Timmy eine Hand entgegen. Der Junge kam stolpernd zu ihr und zog dabei einen Fuß hinter sich her. Von Geburt an hatte er einen Klumpfuß, der nie medizinisch versorgt worden war.

„Geht’s dir gut?“, fragte sie und legte ihren Arm um seine Schulter. Nach dieser schnellen Umarmung richtete sie die Taschenlampe auf Timmys sommersprossiges Gesicht und suchte darin nach Anzeichen einer Verletzung oder einer Krankheit. Lächelnd entblößte er eine Zahnlücke.

„Wann hast du denn deinen Schneidezahn verloren?“

„Heute Morgen. Ricci hat ihn mir gezogen.“

„Wenn Ricci groß ist, sollte er vielleicht Zahnarzt werden.“ Renée zwinkerte dem Achtjährigen zu.

„Kommt nicht in die Tüte“, protestierte der Junge. „Ich werde Rennfahrer.“

Renée hätte diese Antwort vielleicht amüsant gefunden, hätte sie nicht gewusst, dass der hispanische Junge bereits zweimal von der Polizei bei illegalen Straßenrennen erwischt worden war. Er hatte zwar nur auf dem Beifahrersitz gesessen, doch Renée befürchtete, dass er sich eines Tages selbst hinters Steuer setzen würde. Wenn Renée keine anständige Pflegefamilie für ihn fand, würde er noch vor seinem zwölften Geburtstag im Jugendgefängnis landen.

„Ich werde mal Pilot“, prahlte Willie. Der sechs Jahre alte Afroamerikaner streckte die Hände zu Flügeln aus, umkreiste die Runde und gab dabei laute Motorengeräusche von sich.

Willie war ein Crack-Baby. Seine kognitiven Fähigkeiten waren etwas schwach ausgeprägt, aber nicht besorgniserregend. Es waren seine Hyperaktivität und seine Gefühlsausbrüche, die dafür gesorgt hatten, dass er bisher aus jeder Pflegefamilie geflogen war. Die meisten Pflegeeltern kamen mit seinen Verhaltensauffälligkeiten einfach nicht zurecht.

Während die Kinder sich freundschaftlich kabbelten, umarmte Renée jedes von ihnen, um sicherzustellen, dass alle ihre Liebe zu spüren bekamen.

„Dieser Typ …“ Crystal deutete auf Duke. „Hat der irgendwas mit dem Kran zu tun, den wir vorhin gesehen haben?“

„Ja.“ Sie konnte die Kinder nicht anlügen, doch die ganze Wahrheit behielt sie lieber für sich. Womöglich würden die Kinder in Panik geraten und davonlaufen. „Mr. Dalton gehört das Gebäude.“

Die Kinder drängten sich aneinander – José und Crystal stellten sich schützend vor die Jüngeren.

Duke ächzte bei dieser Reaktion der Gruppe und Renée wollte ihm versichern, dass er nichts falsch gemacht hatte.

Straßenkinder vertrauten niemandem. Und auch wenn sie selbst seine Größe und seinen Körperbau, sein markantes Kinn und seine dunklen Augen anziehend fand, wirkte er auf die Kinder zweifellos einschüchternd. „Mr. Dalton, ich möchte Ihnen Ihre vorübergehenden Mieter vorstellen.“

Als Duke Renée zurück zum Kombi begleitete, sah er immer wieder besorgt über seine Schulter. Der kalte Wind schlug ihm ins Gesicht, doch wegen seiner heißen Wut spürte er ihn nicht.

Er fühlte sich, als habe ihm ein Profiboxer einen Schlag in den Magen versetzt, und er unterdrückte das Verlangen, Renées Arm so sehr zu drücken, dass es ihr die Blutzufuhr abschnürte.

Er war kurz davor, die Kontrolle zu verlieren, stand am Rand einer emotionalen Klippe. Der Aufruhr seiner Gefühle quälte ihn psychisch wie physisch. Er hatte keine Ahnung, wie er sie in den Griff bekommen konnte.

Angst.

Diese Kinder hätten tot sein können, wäre Renée nicht rechtzeitig auf der Bildfläche erschienen, um die Abrissbirne aufzuhalten.

Wut.

Darüber, dass Renée ihm nicht bereits beim Essen am Freitag reinen Wein eingeschenkt hatte.

Empörung.

Darüber, dass die Kinder ihrem Schicksal überlassen worden waren und wie ein Rudel streunender Hunde für sich selbst sorgen mussten.

Und nicht zuletzt Schuldgefühle.

Weil er heute Nacht in einem warmen, weichen Bett schlafen würde, während sich die Kinder im fünften Stock in einem Pappkarton aneinanderdrängten.

Als sie das Auto erreichten, riss Renée die Fahrertür auf, dann kletterte er auf den Beifahrersitz. Noch nie hatte er das Sprichwort „Unwissenheit ist ein Segen“ besser verstanden als heute.

Die ganzen letzten Jahre hatte er immer wieder in der Zeitung über Obdachlose gelesen und Fernsehberichte gesehen. Ihm war bewusst, dass solche Menschen existierten. Bis heute waren sie jedoch nie Teil seiner Welt gewesen.

„Duke?“ Die sanfte, leicht schwankende Stimme durchdrang seine Wut.

„Ich denke nach“, blaffte er zurück. War er verrückt? Er war ein Idiot, wenn er gedacht hatte, dass er die Firma einfach so nach Detroit verlegen konnte, ohne dabei auf Komplikationen zu stoßen.

Er hatte sich vorgestellt, wie ein neuer Komplex aus Stahl und Metall anstelle der alten Lagerhalle entstehen würde. Ein architektonisches Vorzeigestück, das sich groß und mächtig aus dem Schutt erhob.

War er so entschlossen gewesen, aus dem Schatten seines Stiefvaters zu treten? Hatte er sich deshalb eingeredet, dass es eine weise Entscheidung war, diesen Schutthaufen zu erwerben?

„Alles in Ordnung?“ Eine Sorgenfalte grub sich in Renées Stirn.

„Nichts ist in Ordnung.“ Er ballte die Hände zu Fäusten. „Und Sie sollten es auch nicht in Ordnung finden, dass diese Kinder in diesen Zuständen hausen.“

Renée zuckte zusammen, als habe er ihr eine Ohrfeige verpasst.

Jetzt kam auch noch Reue zu seinen ihn quälenden Gefühlen dazu.

„Es ist eine lange Geschichte.“ Ihr Seufzen traf ihn bis tief ins Herz. „Sind Sie sicher, dass Sie sie hören wollen?“

„Ich habe ja wohl keine andere Wahl, oder?“

Sie startete den Wagen und steuerte ihn aus dem Parkplatz.

Während sie durch den spärlichen Sonntagabendverkehr fuhr, murmelte er: „Ich bekomme ihre Gesichter nicht aus dem Kopf.“ Diese verlassene Kinder hatten etwas fast zwingend Anrührendes an sich.

Auch Duke hatte sich nach dem Tod seines Vaters alleine gelassen gefühlt. Aber er hatte wenigstens noch seine Mutter gehabt. Zwar hatte sie wenig Zeit für ihn gehabt, doch wenigstens hatte sie ihn nicht sich selbst überlassen, wie es diesen Kindern widerfahren war.

„Ich habe in meinem bisherigen Job mehr Schlechtes als Gutes gesehen. Glauben Sie mir, es gibt Kinder, die sind noch schlimmer dran.“

„Man sollte ihnen nicht erlauben, dort zu leben“, wandte Duke ein.

„Das wird ihnen ja auch nicht erlaubt. Dass niemand sich darum schert, dass sie in einem verlassenen Gebäude hausen, hat einen Grund.“

„Ich höre.“

„Die Stadt verfügt nicht über genügend Pflegefamilien. Wenn ein Kind seinen Eltern weggenommen oder auf der Straße gefunden wird, landet es meist im Heim, während wir uns mit seiner Situation beschäftigen und versuchen, es dauerhaft irgendwo unterzubringen.“ Sie bog links ab, in eine Straße mit zahlreichen Fast-Food-Restaurants. „Während der Feiertage ist das besonders schwer. Für die meisten Eltern ist es auch so schon nicht leicht, für Geschenke und ein gutes Essen zu sorgen. Viele Pflegeeltern weigern sich auch, ein Problemkind während einer Zeit aufzunehmen, in der die Familie gemeinsam zur Ruhe kommen will.“

„Warum bringen Sie die Kinder nicht über Weihnachten in ein Obdachlosenheim? Die holen sich doch den Tod bei diesen Temperaturen.“

„Obdachlosenheime sind nicht ganz ungefährlich für Kinder und Jugendliche.“

„Lieber das Risiko eingehen, als zu erfrieren.“

„Der typische Kommentar von jemandem, der nicht den Hauch einer Ahnung hat.“ Renées Finger ballten sich zusammen bis ihre Knöchel weiß hervortraten. Duke hatte das Gefühl, dass sie sie lieber um seine Kehle gelegt hätte als um das Lenkrad.

„Dann belehren Sie mich.“

„Heime sind ein wahrer Magnet für Pädophile und Straßengangs. Kinder laufen dort Gefahr, vergewaltigt, misshandelt oder geschlagen zu werden.“ Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. „Sie täuschen sich, wenn Sie auch nur eine Sekunde lang glauben, dass diese Kinder in einem Heim sicherer wären als draußen in der Kälte.“

„Okay, dann gibt es eben ein paar Probleme mit diesen Heimen. Aber die existieren doch auch auf der Straße. In einem Heim schlafen sie wenigstens in einem Bett statt auf dem nackten Asphalt. Und sie bekommen regelmäßige Mahlzeiten.“

Renée erwiderte nichts mehr. Stattdessen steuerte sie ein Drive-in-Restaurant an und bestellte dort achtzehn Tacos sowie zwölf Tüten Milch.

Duke zückte seine Brieftasche. „Ich gebe ja zu, dass ich in Verhältnissen aufgewachsen bin, von denen andere Kinder nur träumen können.“ Sogar bevor sein Vater gestorben war und seine Mutter mit ihrem zweiten Ehemann zusammengekommen war, hatte seine Familie in einem schönen Haus in einer guten Nachbarschaft gelebt.

„Stecken Sie Ihre Brieftasche wieder ein“, grummelte sie und kramte in ihrem Portemonnaie.

„Ich bestehe darauf.“ Er bezweifelte, dass eine Sozialarbeiterin genug verdiente, um sich selbst angemessen zu versorgen, geschweige denn sechs Kinder. Als Renée die Zwanzigdollarnote, die er ihr entgegenhielt, ignorierte, steckte er sie in ihr Portemonnaie, das auf dem Sitz zwischen ihnen lag. „In ihrem Alter habe ich mir den Kopf über mein nächstes Baseballspiel zerbrochen. Diese Kinder müssen darüber nachdenken, woher ihre nächste Mahlzeit kommt.“

„Sie verhungern schon nicht.“ Sie fuhr weiter zum Fenster und bezahlte. „Bis wir Plätze im Waisenhaus finden, kümmere ich mich um sie, soweit möglich.“

Das grelle Licht aus dem Restaurant flutete das Wageninnere, sodass Duke unnatürliches Schimmern in Renée Augen bemerkte. Er drängte einen Fluch zurück. Er hatte sich so sehr in seinen eigenen Ärger hineingesteigert, dass er gar nicht darüber nachgedacht hatte, wie schwer die ganze Situation für Renée sein musste.

Wenn er schon nach einer Begegnung mit den Kindern so aufgewühlt war, konnte er sich nur zu gut vorstellen, wie es für Renée war, die täglich mit ihnen zu tun hatte.

Das Fenster fuhr herunter und Duke verpasste seine Chance, sich zu entschuldigen. Renée legte die Essenstüten auf den Rücksitz, dann fuhr sie weiter.

„Erzählen Sie mir etwas über diese Kinder.“

„Crystal und Evie sind Schwestern“, begann sie. „Ihre Mutter sitzt seit zwei Jahren im Gefängnis und dem BKFA ist es bisher nicht gelungen, ihren Vater ausfindig zu machen.“

„Und dieses BK …?“

„BKFA – Behörde für Kinder- und Familienangelegenheiten.“

„… findet kein Waisenhaus für die Mädchen?“

„Für Evie haben wir eine Pflegefamilie gefunden. Bei den Jüngeren ist das immer einfacher. Doch als sie erfahren hat, dass ihre Schwester nicht mit ihr kommen kann, ist sie ausgerissen. Crystal hat es für genau einen Tag in einer Obdachlosenunterkunft ausgehalten, bevor sie wieder auf der Straße gelandet ist. Ein Freund von Crystal hat zum Glück Evie gefunden und sie zu Crystal gebracht, die mit anderen Kindern in einem Park gelebt hat.“

Duke lief es kalt über den Nacken, wenn er sich auch nur vorstellte, was den Mädchen alles hätte passieren können. „Und der Junge mit dem kaputtem Fuß?“

„Timmy. Er ist neun.“

„Sie machen Witze. Ich hätte ihn auf sechs geschätzt.“ Aber was wusste er schon von Kindern.

„Wir sollen eigentlich keine Lieblinge haben, aber Timmy ist etwas ganz Besonderes. Er hat sein ganzes Leben in Pflegefamilien verbracht. Seine Mutter hat ihn gleich nach der Geburt zur Adoption freigegeben.“

„Warum ist er nicht im Heim?“

„Er wurde vor zwei Jahren missbraucht. Jetzt ist er ein Ausreißer. Rennt weg, sobald seine Pflegeeltern mal einen Moment lang nicht aufpassen.“

„Ist er ein intelligentes Kind?“

„Er ist ein ausgezeichneter Schüler und liebt es zu lernen. Allerdings hatte er es in der Schule nicht leicht. Seine Mitschüler haben ihn ständig gehänselt.“

Wie ungerecht. Der Junge war schlau genug, trotz seiner Behinderung etwas aus sich zu machen, und dann wurde ihm diese Chance von ein paar Idioten genommen.

„Ricci ist acht. Er treibt sich meistens mit einer Gang herum, die Straßenrennen fährt. Seine Mutter ist von Methamphetamin abhängig. Wir haben versucht, ihr Hilfe zu besorgen, aber sie hat sie nicht angenommen. Ich glaube, dass Ricci mit dieser Gruppe abhängt, weil seine Mutter einen Mann bei sich zu Hause hat. Wenn beide Drogen nehmen, ist Ricci in der Lagerhalle besser aufgehoben.“

„Wie alt ist José?“

„Fünfzehn.“

„Und was ist seine Geschichte?“

„Er saß eine Zeit lang im Jugendgefängnis. Wegen bewaffneten Raubes. Na ja, so was in der Art.“

„In der Art?“

„José hat einen Gemischtwarenladen mit einer Spielzeugpistole überfallen. Eine Pflegefamilie für ihn zu finden ist fast unmöglich. Und wenn er in ein Heim kommt, wird er zu seinem Schutz einer Gang beitreten.“

Duke konnte sich dennoch nicht vorstellen, dass diese Kinder in einem Schutthaufen besser aufgehoben waren. „Bleibt noch der kleine Pilot.“

„Willie. Er ist sechs. Wie Timmy hat er sein ganzes Leben in unterschiedlichen Pflegefamilien verbracht. Seine Verhaltensauffälligkeiten sorgen dafür, dass er früher oder später aus jeder Familie fliegt. Jetzt verstehen Sie vielleicht, warum ich Zeit brauche.“

Duke verstand die schwierige Lage, in der Renée sich befand. Und er war überzeugt, dass sie nur das Beste im Sinn hatte. Doch sein Gewissen bestand darauf, dass diese Kinder aus dem Gebäude gebracht wurden, und zwar pronto. Ganz unabhängig davon, ob der Abriss durchgeführt wurde oder nicht.

„Bis Dienstag schaffen Sie die Kinder da raus.“

„Das ist nicht so einfach.“ Nichts in Renée Sweeneys Leben war einfach. Sie biss sich auf ihre Unterlippe.

„Was ist denn?“, drängte er.

„Ich habe meiner Chefin noch gar nichts von den Kindern erzählt. Außer Ihnen und mir weiß niemand, dass sie in dem Gebäude leben.“

Na toll. Bat sie ihn etwa, ihr Komplize zu werden?

„Wenn ich die Behörden informiere, bin ich dazu verpflichtet, sie in eine Notunterkunft zu bringen. Andernfalls riskiere ich meinen Job.“

Duke war fassungslos.

„Ich verspreche, dass ich bis Weihnachten Pflegefamilien auftreibe.“

„Weihnachten ist in drei Wochen. Diese Kinder brauchen noch heute eine Unterkunft. Mein Gott, Renée, die Verbrechensrate in diesem Viertel ist immens hoch.“

„Mein Bruder und sein Partner fahren hier Streife.“

„Die Polizei ist in Ihren irrwitzigen Plan eingeweiht?“

„Nein“, stöhnte sie. „Die haben keine Ahnung, warum ich sie gebeten habe, verstärkt in der Gegend zu patrouillieren.“

„Ganz schön gutgläubige Leute.“

„Ich bitte Sie doch nur, Ihre Pläne noch eine Weile zu verschieben.“

„Nein, Sie wollen, dass ich die Augen davor verschließe, dass Sie das Gesetz brechen.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Wagen Sie es nicht, mir zu drohen, Duke Dalton. Nicht, wenn Sie nicht bereit sind, die Konsequenzen für Ihr Handeln zu tragen.“

Sie war wirklich mutig. Nur an Renées bebenden Lippen erkannte Duke, dass sie seine Warnung ernst nahm. Diese Kinder in dem Gebäude zu lassen widersprach allem, was er für moralisch richtig hielt.

Ein Aufschub des Abrisses kostet außerdem Geld, das du dir nicht leisten kannst zu verlieren.

Sie musste gespürt haben, dass er nicht nachgeben würde. „Im selben Moment, in dem die Polizei und das Jugendamt im Gebäude auftauchen, suchen die Kinder das Weite. Man kann sich kaum vorstellen, was sie dann alles durchmachen müssen, bevor ich sie wiederfinde.“

Verdammt, Renée drängte ihn in die Enge! Wenn die Kinder wegliefen und ihnen irgendetwas zustieß, würde Duke sich das niemals verzeihen.

Gib ihr eine Woche, dann kannst du dich der Situation ohne Schuldgefühle entziehen.

Nachdem sie den Wagen am anderen Ende des Parkplatzes abgestellt hatte, ließ Renée den Motor und die Heizung laufen. „Bitte, Duke.“ Sie griff nach seiner Hand und drückte sie. Er spürte die Berührung bis tief in sein Herz hinein. „Jedes Kind verdient es, Heiligabend in einem warmen Bett zu verbringen und am Morgen ein Geschenk unter dem Baum zu finden. Hilf mir, das auch diesen Kindern zu ermöglichen.“

Diesen wunderschönen, flehenden blauen Augen hatte er nichts entgegenzusetzen. „Eine Woche. Wenn sie dann noch nicht weg sind, ruf ich die Polizei.“

4. KAPITEL

Ein schrilles Geräusch bohrte sich in Dukes vernebelten Verstand.

Die Augen geschlossen, schlug er mit der Hand auf das Nachtschränkchen, bis er sein Handy ertastete. Er fummelte einige Sekunden daran herum, dann ließ er ein unwilliges „Dalton“ vernehmen.

„Es neun Uhr“, sagte der Anrufer tadelnd. „Warum bist du noch immer … Ups. Du hast jemanden bei dir, oder?“

Schön wär’s. „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, Sam. Ich liege ganz alleine in meinem Bett.“

Duke liebte seine jüngere Stiefschwester, doch in diesem Moment überkam ihn die Versuchung, einfach aufzulegen.

Vor ein paar Tagen hatte sie ihn noch mit der Bitte genervt, Weihnachten auf der Ranch zu verbringen. Er hatte sich jedoch geziert, irgendetwas zu versprechen. Auf keinen Fall würde er Detroit verlassen, bevor Renée die Situation mit den Kindern nicht geklärt hatte.

„Einen Moment“, murmelte er. Nachdem er sich ausgiebig gestreckt hatte, setzte er sich auf. „Okay. Ich bin wach.“

Sam sprach lang und breit über die Feiertage, doch Duke hörte nicht wirklich zu. Seine Gedanken kreisten um den Traum, den er in der Nacht gehabt hatte. Er hatte Renée geküsst, sie ausgezogen. Ihre süßen kleinen Grübchen liebkost. Was hätte er nicht alles dafür geben, sie jetzt neben sich im Bett zu haben.

Seine Gedanken wurden jugendgefährdend, als er sich vorstellte, wie sich ihre verschwitzten, bebenden Körper …

„Duke!“

„Autsch.“ Er hielt den Hörer von seinem Ohr weg.

„Sorry. Ich hatte das Gefühl, dass du mit den Gedanken woanders bist. Bist du krank?“

„Mir geht’s gut, Sam.“

Als Duke und seine Mutter damals auf der Cartwright-Ranch in Oklahoma angekommen waren, war Sam zehn Jahre alt gewesen. Duke wollte mit seiner neuen Familie und der Ranch zunächst nichts zu tun haben. Doch dann hatte Sam sich wie ein verirrtes Hündchen an ihn geklettet.

Auch wenn ihn das genervt hatte, so war er für diese Aufmerksamkeit doch dankbar gewesen. Seine Mutter war zu sehr damit beschäftigt gewesen, sich mit ihren Stiefkindern anzufreunden und ihrem neuen Ehemann zu gefallen, um Zeit mit ihrem trauernden Sohn zu verbringen.

„Es ist bald Weihnachten, Duke. Du willst die Feiertage doch nicht alleine in Detroit verbringen. Juanita hat versprochen, dass sie dir deine Lieblingsgerichte macht, wenn du nach Hause kommst.“

Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Seit Sam und Matts Mutter die Familie verlassen hatte, als die beiden noch Kleinkinder waren, gehörte die Haushälterin zum Inventar der Lazy River Ranch.

„Ich kann nichts versprechen. Ich muss hier noch ein paar Dinge erledigen, sonst verschiebt sich das Projekt noch weiter nach hinten.“

„Okay, dann verbringe ich Weihnachten bei dir. Ich war noch nie in Detroit. Und es macht bestimmt Spaß, in Kanada shoppen zu gehen.“

Autor

Susan Crosby
Susan Crosby fing mit dem Schreiben zeitgenössischer Liebesromane an, um sich selbst und ihre damals noch kleinen Kinder zu unterhalten. Als die Kinder alt genug für die Schule waren ging sie zurück ans College um ihren Bachelor in Englisch zu machen. Anschließend feilte sie an ihrer Karriere als Autorin, ein...
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