Cora Collection Band 43

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Wenn zwei Fremde dem Rhythmus der Liebe erliegen, beginnt ein neues Leben!

KOMM ETWAS NÄHER, SÜSSE! von MAUREEN CHILD
Woche für Woche liegt die hübsche Studentin Gina in den Armen des heißen Nick Paretti – bei ihrem gemeinsamen Tanzkurs. Während sie in seinen Armen zu den heißen Rhythmen des Tangos über das Parkett gleitet, kribbelt ihre Haut unter seinen sinnlichen Berührungen. Doch seine Arroganz macht sie rasend!

VERSUCHUNG PUR von SANDRA CHASTAIN
Wer ist bloß dieser Lord Sin? Reporterin Sunny will unbedingt herausfinden, wer der maskierte Nachtclubtänzer ist! Da meldet sich der Unternehmer Ryan Malone bei ihr. Attraktiv, charmant – und ein ebenso guter Tänzer wie Lord Sin, über den er viel zu wissen scheint …

SCHENK MIR DIESEN TANZ, CINDERELLA! von JESSICA HART
Wie Cinderella fühlt Miranda sich in dem geliehenen Ballkleid. Als ihr Traumprinz Rafe sie unter all den anderen Frauen schließlich zum Tanz auffordert, spinnt sie in Gedanken das Märchen weiter. Was wird geschehen, wenn die Uhr Mitternacht schlägt? Ist sie dann wieder die kleine Büromaus und er ihr Big Boss?


  • Erscheinungstag 27.08.2021
  • Bandnummer 43
  • ISBN / Artikelnummer 0815210043
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Maureen Child, Jessica Hart, Sandra Chastain,

CORA COLLECTION BAND 43

1. KAPITEL

„Nehmen Sie die Hand da weg“, verlangte Gina Santini energisch. „Oder ich lasse Sie einfach hier stehen.“

Sergeant Nick Paretti grinste nur und schob seine Hand absichtlich langsam von der Hüfte ihren Rücken hinauf. „Was ist denn, Prinzessin?“, fragte er. „Mache ich Sie nervös?“

Nervös war nicht das richtige Wort, fand Gina. Seit dreieinhalb Wochen verbrachte sie drei Abende pro Woche in den Armen dieses Mannes. Und statt sich an ihn zu gewöhnen, machten ihr die Stunden, die sie gemeinsam verbrachten, immer mehr zu schaffen.

Und das lag nicht in erster Linie daran, dass Nicks Arroganz sie ärgerte, sondern vor allem an der Tatsache, dass sie sich so stark zu ihm hingezogen fühlte. Und dagegen war sie machtlos, denn ihre Hormone spielten verrückt. Es hatte wenig Sinn, dagegen anzugehen. Aber wie, um Himmels willen, konnte sie ein solches Prickeln in Gegenwart eines Mannes empfinden, der nichts anderes im Schilde führte, als sie in Rage zu bringen?

„Sie versuchen schon wieder zu führen.“ Seine tiefe Stimme erzeugte unwillkürlich Wärme in ihrem Innern, und darüber ärgerte sie sich.

Gina legte den Kopf in den Nacken und schaute ihm direkt in die Augen. „Ich müsste ja wohl nicht führen, wenn Sie sich Ihre Schritte merken könnten.“

„Vermutlich würde mir das gelingen, wenn Sie nicht ständig aus dem Takt kämen“, entgegnete Nick ärgerlich.

Sie atmete tief durch und zählte im Stillen bis zehn. Und bis zwanzig. Nein, ihr Zorn ließ nicht nach. Sie versuchte, ihm ihre rechte Hand zu entziehen. Doch das war bei seinem eisernen Griff schier unmöglich. Und dabei hatte sie sich vor einem Monat so sehr auf den Tanzunterricht gefreut. Aber wie hätte sie auch ahnen sollen, dort einen Partner zu bekommen, der zu groß, zu breitschultrig und zu starrsinnig war?

„Hören Sie, General“, begann sie und wurde prompt von ihm unterbrochen.

„Sergeant“, korrigierte er sie. „Oder Sie sagen Nick zu mir.“

Offenbar hatte er heute seinen großzügigen Tag. „Gut, Nick.“ Sie versuchte freundlich auf ihn einzugehen. „Wir zahlen beide eine Menge Geld für diesen Unterricht. Finden Sie nicht, wir sollten uns um eine bessere Zusammenarbeit bemühen, damit wir das Optimale herausholen?“

„Ich für meinen Teil bemühe mich ja, Schätzchen“, erklärte er und schaute ihr dabei eindringlich in die Augen. „Das Problem ist nur, dass Sie versuchen, meinen Teil mit zu übernehmen.“

Also gut, dann hatte sie eben ein kleines Problem mit Führen und Folgen. Aber das war immer noch besser, als würde sie sich von ihm auf die Zehen trampeln lassen. „Na schön!“, entgegnete sie. „Dann führen Sie. Aber bitte achten Sie darauf, mir dabei nicht auf die Zehen zu treten.“

Er hob eine dunkle Braue. „Wenn Sie nicht so große Füße hätten, würde das nicht passieren.“

Gina versteifte sich. Wenn es um ihre Füße ging, war sie ein wenig empfindlich. Sie konnte doch nichts dafür, dass sie von ihrer Mutter nicht die Schuhgröße siebenunddreißig geerbt hatte. „Ob Sie es glauben oder nicht“, bemerkte sie gepresst. „Bisher hat noch niemand Probleme mit meinen Zehen gehabt.“

„Reine Glücksache“, behauptete er.

„Und nennen Sie mich nicht dauernd Schätzchen oder Prinzessin“, verlangte sie und schaute sich im Saal um. Die anderen fünf Paare schienen mühelos über das spiegelblanke Parkett zu gleiten und keine Schwierigkeiten miteinander zu haben. „Müssen wir denn jedes Mal während der Unterrichtsstunden streiten?“, fragte sie im Flüsterton.

„Das tue ich nicht, Prinzessin“, erwiderte Nick und beugte sich zu ihr hinunter. „Solange Sie akzeptieren, dass ich der Mann bin und führen soll.“

Würde er sich als Nächstes in die Brust werfen und einen schrillen Tarzanschrei ausstoßen?

„Na, wie ist es?“, fragte er, als das nächste Stück begann. „Sind Sie bereit?“

„Klar“, antwortete sie.

„Dann wollen wir es hinter uns bringen.“ Er lauschte einen Augenblick der Musik und versuchte, den Rhythmus in sich aufzunehmen. Dann atmete er tief durch und legte schwungvoll los. Als sie ihre erste Drehung ausführten, schenkte er ihr ein Lächeln.

Obwohl es nur ein kleines, flüchtiges Lächeln war, begann ihr Herz zu klopfen. Sein Lächeln war einfach atemberaubend. Kein anderer Mann hatte jemals eine so starke Wirkung auf sie gehabt. Und Gina war nicht sicher, dass ihr das gefiel. Andererseits konnte sie kaum etwas dagegen tun.

In dem Moment, als sie einander zugeteilt worden waren, hatte es gleich ein heftiges Feuerwerk gegeben. Nicht so ein sorgfältig vorbereitetes wie am vierten Juli, bei dem jede Rakete, jeder Stern einer vorher festgelegten Choreographie folgte. Nein, was sich zwischen ihnen abspielte, glich mehr einem zügellosen Versprühen zahlloser Feuerwerkskörper, deren Wirkung man vorher nicht berechnen konnte. Es war schön und gleichzeitig mit dem Gefühl einer nahenden Gefahr verbunden – einer Gefahr, die dem Ganzen erst die richtige Würze verlieh.

Gina schnappte nach Luft, verbannte alle Gedanken an Feuerwerke und Gefahren aus ihrem Kopf und konzentrierte sich ganz aufs Tanzen. Die helle Deckenbeleuchtung verschwamm ein wenig vor ihren Augen, während sie sich über die Tanzfläche bewegten. Wenn sie nach unten blickte, sah sie die Spiegelung der Tanzenden auf dem blank polierten Boden. Es wirkte, als gäbe es neben der wirklichen Welt noch eine andere.

„Wissen Sie, allmählich haben wir den Dreh raus“, raunte Nick ihr zu, und beim Klang seiner Stimme rieselte ihr wieder ein warmer Schauer über den Rücken.

„Werden Sie bloß nicht übermütig“, warnte sie ihn, kurz bevor sie ins Stolpern gerieten.

Er warf ihr einen finsteren Blick zu. „Es würde nichts schaden, wenn Sie ein wenig positiver dächten.“

Ein wenig auf den Rhythmus zu achten, würde auch nicht schaden, dachte Gina, aber sie sprach es nicht aus. Warum macht er diesen Tanzkurs mit? überlegte sie wohl zum hundertsten Mal, seit sie Nick als Partner zugeteilt bekommen hatte. Sie nahm aus gutem Grund an diesem Kurs teil. Tanzen machte ihr Spaß. Jedenfalls bis vor Kurzem.

Aber er war ein Rätsel für sie, dieser große, raubeinige Marinesoldat. Von seinem militärisch kurz geschnittenem schwarzen Haar bis hin zu seinen auf Hochglanz polierten schweren Schuhen schien er einfach nicht der Typ, der sich zum Tanzunterricht anmeldet. Manöver mit anstrengenden Gewaltmärschen und der Umgang mit ausgefeilter Elektronik hätten eher zu ihm gepasst – und Marschmusik statt Walzer.

Obendrein war er beunruhigend attraktiv. Schwarzes Haar, stahlblaue Augen, ein kantiges Kinn und eine Nase, die so aussah, als hätte ihm mal einer einen Hieb verpasst. Gina konnte sich gut vorstellen, warum ihm das passiert war. Und wenn sein Mund sich zu einem spöttischen Lächeln verzog, durchfuhr es sie jedes Mal heiß.

Die Musik verstummte, und Gina löste sich aus seinen Armen. Im selben Moment empfand sie es als Verlust und redete sich ein, es hätte nichts zu bedeuten. Es lag nur daran, dass sie es gewohnt war, von ihm gehalten zu werden.

„Das lief gut!“, rief ihre Tanzlehrerin, Mrs. Stanton, von ihrem Platz am Rand der Tanzfläche. Ihr hellblondes Haar hatte sie zu einem Knoten aufgesteckt, und als sie an ihren Schülern vorbei auf die Tanzfläche schritt, wirbelte ihr weiter Rock um ihre Beine. „Die meisten von Ihnen machen recht gute Fortschritte“, fügte sie hinzu und warf Nick einen eindeutig bewundernden Blick zu. Gina verspürte auf einmal den Impuls, irgendeinem Gegenstand einen kräftigen Tritt zu versetzen. „Aber meine Damen, Sie müssen daran denken, dass Sie Ihrem Partner vertrauen sollten. Die Tanzfläche ist kein Schauplatz für den Kampf der Geschlechter.“

„Aha“, bemerkte Nick halb laut zu Gina. „Glauben Sie, dieses Bemerkung war an Sie gerichtet?“

„Müssen Sie nicht in irgendeinem fernen rückständigen Land den Weltpolzisten spielen?“, erkundigte sie sich honigsüß.

Er lachte und schüttelte den Kopf.

„Also“, fuhr Mrs. Stanton fort und ging zu der kleinen Stereoanlage in der Ecke hinüber. „Jetzt kommen wir zum Cha-Cha-Cha.“

„Oje …“

Nicks Stöhnen löste bei Gina eine diebische Freude aus. „Was ist los, General? Haben Sie Angst?“, fragte sie.

„Sergeant. Gunnery Sergeant, um korrekt zu sein.“ Er bedachte sie mit einem finsteren Blick. „Ich habe es bereits ein paar Mal klargestellt.“

Gina hob die Schultern. „Als ob das einen Unterschied macht.“

„Meine Dame“, erwiderte er und straffte seine bereits breiten Schultern nachdrücklich. „Sie sind …“

„Besser beim Cha-Cha als Sie?“, unterbrach sie ihn frech.

Er blickte sie finster an. „Das wird nicht passieren.“

„Ach, General, das ist wohl eine Herausforderung“, bemerkte Gina und lächelte.

„Nehmen Sie es, wie Sie wollen“, entgegnete er, und zog sie an sich.

„Oh, sehr geschickt“, spottete Gina.

„Wissen Sie, Ihretwegen gibt es den Kampf der Geschlechter“, erklärte er und schaute ihr in die Augen.

Gina legte ihre linke Hand auf seine Schulter und schob ihre Rechte in seine Linke. „Natürlich. Gina Santini ist die Verursacherin aller Probleme zwischen Männern und Frauen.“

„Nicht Sie persönlich“, fuhr er fort und umfasste ihre Rechte fester, als notwendig gewesen wäre. „Sondern Frauen wie Sie.“

„Aha.“ Gina nickte amüsiert. „Frauen, die euch Kriegern nicht gleich zu Füßen fallen?“

Er holte tief Luft, atmete hörbar aus und fragte rau: „Wollen wir jetzt tanzen oder was?“

Sie grinste schief. „Ich warte nur auf Ihr Kommando. Sie sind der unerschrockene Führer, oder haben Sie das schon vergessen?“

Nick murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, begann aber, sich nach dem Rhythmus der Musik zu bewegen. Gina konzentrierte sich darauf, ihm zu folgen, anstatt den Weg über die Tanzfläche bestimmen zu wollen. Sie wusste, dass er Cha-Cha-Cha hasste, aber sie liebte diesen Tanz. Es war aufreizend, wie er sie dabei in den Armen hielt und wie ihre Hüften gegeneinanderstießen.

Nun, darüber sollte sie besser nicht nachdenken.

Sie führten eine Drehung aus, und Gina überlegte, was ihrer Generation durch die wilden Tänze, die heute so beliebt waren, alles entging. Es gab nichts Schöneres als die Nähe, die man in einem Tanzsaal bei klassischen und lateinamerikanischen Gesellschaftstänzen erleben konnte.

Viel zu schön eigentlich, dachte sie, als ihre Hüfte Nicks berührte. Leidenschaft flackerte in ihr auf, und sie schloss kurz die Augen. Als Gina sie öffnete, begegnete sie Nicks Blick. Feuer lag darin. Unwillkürlich ließ er eine Hand auf ihre Hüfte sinken, und Gina hätte schwören können, dass sie jede seiner Fingerspitzen durch die Kleidung hindurch auf ihrer Haut fühlen konnte.

„Viel besser, Sergeant und Gina!“, rief Mrs. Stanton, als sie an ihr vorbeitanzten.

Automatisch straffte Gina sich und reckte ihr Kinn vor.

„Des Lehrers liebstes Kind“, flüsterte Nick und lächelte.

„Und Sie waren der ewige Unruhestifter“, entgegnete sie.

„Wie kommen Sie darauf?“

„Worauf?“

„Dass ich als Kind ein Unruhestifter war.“

Meinte er das ernst? Er trug doch praktisch ein Schild auf der Stirn. „Ich habe hellseherische Fähigkeiten.“

„Schade, dass Sie nicht größer sind“, entgegnete er.

Ein Meter zweiundsechzig war nicht unbedingt eine auffallende Größe, aber sie wurde auch nicht als Kind eingestuft, wenn sie ins Kino ging. „Ich bin nicht klein“, protestierte sie. „Sie sind nur ungewöhnlich groß.“

„Ein Meter neunzig, also kaum Godzilla.“

„Hängt vom Blickwinkel ab.“

Er seufzte gespielt empört. „Ich wollte nicht den Dritten Weltkrieg auslösen“, beschwerte er sich. „Ich will damit nur sagen, mir tut das Genick weh, wenn ich die ganze Zeit zu Ihnen herunterschaue.“

„Na ja, es ist auch kein Kinderspiel, den ganzen Abend zu Ihnen hochzusehen“, konterte sie.

Wie albern es war, sich über solch eine Nichtigkeit zu streiten! Doch es war auf alle Fälle weniger gefährlich, als zu fühlen, wie er auf sie wirkte. Wieder stießen ihre Hüften gegeneinander, und Gina errötete. Ein Stromstoß durchfuhr sie, und ihr Körper reagierte instinktiv auf Nicks Nähe.

Kaum zu glauben, wie sexy Tanzen sein kann, überlegte Nick und drückte Gina unwillkürlich fester an sich. Hoffentlich konnte sie nicht spüren, wie erregt er war. Sie fühlte sich so klein und wehrlos an. Doch noch während ihm dieser Gedanke durch den Kopf ging, musste er unwillkürlich schmunzeln. Gina und wehrlos? Ja, ungefähr so wehrlos wie eine wilde Tigerin.

Diese zierliche Frau war ebenso in der Lage, auszuteilen wie einzustecken und nie um eine freche Antwort verlegen. Deshalb hatte er schon begonnen, sich auf ihre Konfrontationen drei Mal in der Woche zu freuen. Sie hatte verführerische, sinnliche Lippen und weibliche Rundungen überall dort, wo sie hingehörten. Allerdings war sie auch entnervend eigensinnig.

Alles in allem gehörte sie genau zu der Sorte Frauen, für die er sich gleich interessiert hätte, würde er eine suchen. Aber das war nun mal nicht der Fall. Andererseits waren die meisten Männer wohl kaum fasziniert von einer Frau, die bei jeder Kleinigkeit mit Widerspruch reagierte. Nick war jedoch in einer konservativen italienischen Familie aufgewachsen, in der die Liebe selbst im Falle eines Streits in Oktaven gemessen wurde.

Seine Mutter hatte ihm früher einmal erzählt, dass temperamentvoll ausgetragene Meinungsverschiedenheiten die Würze einer Ehe wären. Wenn es wirklich so sein sollte, dann hatten seine Eltern in den vergangenen sechsunddreißig Jahren eine Ehe mit recht wohldosierter Würze geführt.

Er schmunzelte vergnügt, während er sich an ein paar Einzelheiten erinnerte. Seine Brüder, seine Eltern und er selbst hatten am Tisch gesessen, sich über Politik, Religion und Geschichte gestritten oder aber, an ruhigeren Tagen, darüber wer stärker sei, Superman oder Mighty Mouse. Im Haushalt der Parettis ging es lebhaft zu, aber alle waren glücklich.

Der Cha-Cha-Cha endete, und die Paare hielten langsam inne, wandten sich Mrs. Stanton zu und warteten auf neue Anweisungen. Nick ließ Ginas Hand los und ballte seine Finger unwillkürlich zur Faust. So fiel ihm wenigstens nicht mehr auf, dass sich seine Hand ohne ihre plötzlich leer anfühlte.

„Das war es für heute Abend“, verkündete die Lehrerin.

Er ignorierte das Gefühl der Enttäuschung, das in ihm aufstieg. Die zwei Stunden Unterricht waren jedes Mal viel zu schnell um.

„Aber ich möchte Ihnen noch etwas mit auf den Weg geben“, fuhr Mrs. Stanton fort. „Nächsten Monat findet die Bayside Amateur Dance Competition statt, und wir sind eingeladen worden, drei Paare aus unserem Kurs für diesen Wettbewerb anzumelden.“ Sofort wurden Stimmen laut und verstummten jedoch ebenso schnell wieder, als Mrs. Stanton sich erneut zu Wort meldete. „Demnächst werde ich die drei Paare auswählen, die meine kleine Tanzschule vertreten sollen. Also geben Sie bitte Ihr Bestes, und viel Glück.“

Nick fiel das Funkeln in Ginas Augen auf. Sie war begeistert.

Ein Wettbewerb?

In aller Öffentlichkeit? Oh nein, das wollte er nicht.

2. KAPITEL

Als Nick mit Gina das Gebäude verließ, hörte er ihr kaum zu. Stattdessen sah er sich in aller Öffentlichkeit tanzen. Und bei der Vorstellung lief es ihm eiskalt über den Rücken.

Verdammt, der einzige Grund, warum er diesen Tanzkurs besuchte, war schließlich das, was vorgefallen war, als er zuletzt in aller Öffentlichkeit getanzt hatte. Auf dem Ball des Marinekorps vergangenes Jahr war es passiert. Blitzartig sah er es wieder vor sich.

Ein überfüllter Tanzsaal, Hunderte von Leuten tummelten sich dort, und er tanzte mit der Frau eines Majors. Oder vielmehr, er versuchte es. Sie hatte ihn dazu überredet. Widerstrebend hatte er nachgegeben. Aber je länger der Tanz andauerte, desto mehr hatte er sich entspannt … bis zu dem Moment, als er sie herumgewirbelt hatte. Irgendwie war sie ihm entglitten, und er hatte hilflos zusehen müssen, wie sie geradewegs auf die Punschschüssel zu segelte.

Nick schluckte schwer. Der Vorfall war ihm so peinlich gewesen, dass er die Erinnerung gleich wieder verdrängte. Er wollte wirklich nicht daran denken, wie die Schüssel zersprungen, der Punsch ausgelaufen war und die Frau des Majors aufgeschrien hatte. Aber noch weniger wollte er sich vor Augen halten, wie sie hinterher in rubinrotem Punsch getränkt auf der Tanzfläche gesessen hatte.

Stattdessen rief er sich das Gespräch mit dem Major ins Gedächtnis, zu dem er eine Woche später beordert worden war.

„Ihretwegen habe ich zweihundertfünfzig Dollar bezahlt“, hatte der Offizier gesagt. „Es scheint, selbst die beste Reinigung kann roten Punsch nicht aus eierschalenfarbener Seide bekommen.“

Obwohl er sich nicht so fühlte, hatte Nick betont lässig dagestanden und erwidert: „Ich ersetze Ihrer Frau gern das Kleid, Sir.“

„Nicht nötig“, entgegnete der Major, stand hinter seinem Schreibtisch auf und kam zu ihm herum. Dicht vor ihm blieb er stehen. „Aber ich schlage vor, Sie sorgen dafür, dass so etwas nie wieder vorkommt.“

„Das verspreche ich Ihnen“, versicherte Nick ihm. „Ich werde die Tanzfläche meiden wie die Pest.“

„Das wollte ich damit nicht sagen.“

„Sir?“

Der Major setzte sich auf den Rand des Schreibtischs, verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf. „Sie wissen genauso wie ich, dass bei solchen gesellschaftlichen Anlässen Anwesenheit erwartet wird und dass der Aufmerksamkeit der Leute nicht die geringste Kleinigkeit entgeht.“

Nick zuckte innerlich zusammen. Der Mann hatte recht. Natürlich war die Teilnahme an solchen Veranstaltungen keine dienstliche Pflicht und konnte deshalb nicht offiziell verlangt werden. Aber es gehörte einfach mit dazu und wurde stillschweigend vorausgesetzt. So lauteten nun einmal die Spielregeln.

„Also ehe Sie eine andere arme Frau in eine Punschschüssel wirbeln, schlage ich vor, dass Sie lernen, sich auf einer Tanzfläche sicher zu bewegen, Sergeant“, bemerkte der Major bissig.

Panik erfasste Nick, als ihm aufging, worauf der Offizier hinauswollte. „Das ist nicht Ihr Ernst, Sir. Ich soll einen Tanzkurs besuchen?“

Sein Gegenüber starrte ihn eine geraume Weile an, ehe er entgegnete: „Sehe ich so aus, als wollte ich einen Scherz machen?“

Nick stöhnte innerlich auf, ehe er die Erinnerung an diesen peinlichen Augenblick in die hinterste Ecke seines Gedächtnisses verbannte. Verdammt! Er war sicher der erste Soldat in der Geschichte, dem befohlen worden war, einen Tanzkurs zu besuchen.

Na ja, nicht wortwörtlich befohlen, sondern vorgeschlagen. Mit sanftem Druck. Nick wäre es jedoch lieber gewesen, der Major hätte ihn mit ein paar langen Märschen bestraft oder nach Grönland versetzt.

Aber nein. Das wäre ja eine viel zu milde Strafe gewesen.

Stattdessen musste Nick jetzt diesen Tanzkurs mitmachen, als könnte er es Fred Astaire auch nur annähernd gleich tun. Was würden seine Freunde sagen, wenn sie wüssten, was er hier machte? Nach dem Vorfall hatte er sich wochenlang von seinen Kumpeln verspotten und aufziehen lassen müssen. Wenn sie jemals erfuhren, dass er extra deshalb Tanzunterricht nahm, würden sie gnadenlos Witze über ihn reißen und ihm keine Sekunde mehr Ruhe gönnen. Dann würde er das Marinekorps verlassen müssen.

Nein, er musste einfach diesen dämlichen Tanzkurs so schnell wie möglich hinter sich bringen und darauf hoffen, nie wieder in die Nähe von Bowleschüsseln zu geraten, wenn er mit einer Frau übers Parkett wirbelte. Allerdings würde er Gina nicht mehr wieder sehen, wenn der Kurs vorbei war. Überraschenderweise störte ihn das mehr, als er gedacht hätte.

Eine kühle Brise wehte vom Meer herüber und fegte die alten Erinnerungen und Bedenken mit weg. Er richtete seine Aufmerksamkeit im rechten Moment auf die kleine Frau, die neben ihm ging.

„Hören Sie mir überhaupt zu?“, fragte sie und ihrem entrüsteten Tonfall nach wollte sie das wohl nicht zum ersten Mal wissen.

Nick blieb stehen. „Wenn Sie von dem Wettbewerb sprechen, nein.“

Empört breitete sie ihre Arme aus und ließ sie gleich darauf sinken. „Warum nicht?“

Ihre Lippen sahen selbst noch dann verlockend aus, wenn sie böse war. Trotzdem wollte er nicht an dem Wettbewerb teilnehmen. Und wenn er seine Hormone ignorierte, dann konnte Gina Santini ihn zu nichts überreden. „Ich möchte lieber wissen, warum Sie so wild darauf sind, an einem Wettbewerb teilzunehmen, wenn Sie sich jedes Mal beschweren, wie schlecht ich tanze.“

Der Wind peitschte ihr die dunkelbraunen Locken ums Gesicht. Gina strich sie sich mehrmals aus den Augen. „So schlecht sind Sie nun auch wieder nicht.“

Wie liebenswürdig von ihr. „Ach ja“, versetzte er bissig. „Vielen Dank auch.“

Sie holte tief Luft, was ihn für einen kurzen Moment ablenkte, da sein Blick unwillkürlich auf ihre vollen Brüste fiel. Dann seufzte sie übertrieben. „Es ist ein Wettbewerb“, meinte sie, als würde das alles erklären. „Wo bleibt Ihr Sportsgeist? Wollen Sie nicht gewinnen?“

Wieder leuchteten ihre Augen auf, und in gewisserweise bewunderte Nick sie. Gute Wettbewerbe mochte er auch. Er zog es jedoch vor, nur an solchen teilzunehmen, bei denen er sich wenigstens eine kleine Gewinnchance ausrechnete.

„Wir können nicht mit den anderen mithalten“, erklärte er kurz angebunden und wandte sich zum Gehen, in der Hoffnung, sie würde das Thema fallen lassen.

Er hätte es besser wissen müssen.

Dicht hinter sich hörte er das Klappern ihrer Absätze auf dem Asphalt, als sie ihr Tempo beschleunigte, um mit seinen langen Schritten mitzuhalten.

„Wir könnten es aber“, widersprach sie ihm. „Uns mit den anderen messen, meine ich.“

Nick lachte spöttisch.

„Wir brauchen nur ein bisschen zusätzliches Training.“

„Ja“, stimmte er ihr zu. „Vielleicht ein oder zwei Jahre lang.“

„Um Himmels willen, General“, wandte Gina ein und trat ihm in den Weg, sodass er wieder stehen bleiben musste. „Geben alle Marines so schnell auf wie Sie?“

Empörung flammte in ihm auf. „Marines geben nie auf, Prinzessin“, versetzte er und musterte sie scharf von oben herab. Das war bei ihr schließlich nicht schwer, da sie recht klein war. „Wir suchen uns nur unsere Schlachten aus.“

„Ach so. Offenbar wählen Sie nur die, bei denen Sie sich sicher sind, dass Sie gewinnen.“

„Hören Sie“, begann er erneut und warf einen sehnsüchtigen Blick zu seinem Wagen hinüber, ehe er Gina fixierte. Offenbar würde er hier nicht ohne einen neuerlichen Streit davonkommen. Und dabei hatte es ihn vorhin noch gestört, dass er sie nicht wieder sehen würde. Lieber Himmel, was hatte er bloß verbrochen, dass das Schicksal ihm so eine attraktive, aber ungeheuer zänkischen Tanzpartnerin beschert hatte?

Die Antwort war einfach. Er hatte die Frau des Majors in die Punschschüssel segeln lassen. „Sie haben eben selbst gesagt, wir streiten uns nur. Sollen wir wirklich noch mehr Zeit miteinander verbringen?“

Gina verschränkte ihre Arme unter den Brüsten, und er weigerte sich standhaft, seinen Blick dieser Bewegung folgen zu lassen. Es war nicht leicht, aber er schaute ihr in die Augen. Sie zog eine ihrer fein geschwungenen Brauen hoch. „Wir würden uns nicht so viel streiten, wenn Sie nicht so stur wären.“

„Ach ja? Ich bin stur?“

Sie warf ihm einen Blick zu, der einen weniger tapferen Zeitgenossen das Fürchten gelehrt hätte. Dann bemerkte sie entsprechend verärgert: „Warum rede ich überhaupt mit Ihnen?“

„Endlich haben Sie es begriffen, Prinzessin.“

„Würden Sie endlich aufhören, mich Prinzessin zu nennen?“

„Sobald Sie aufhören, sich wie eine zu benehmen.“

Ihre großen braunen Augen weiteten sich, und ihr Blick wirkte bedrohlich. „Was soll das denn bedeuten?“

Ach, verflixt. Das hatte er nicht wirklich laut aussprechen wollen. „Vergessen Sie es.“

„Kommt nicht infrage! Erklären Sie es mir.“

„Es gibt keinen Grund, sich damit weiter auseinanderzusetzen“, wich er ihr aus, denn er wollte ihre Gefühle nicht verletzen. Aber an dem Wettbewerb konnte er einfach nicht teilnehmen. „Es ist spät. Ich muss zur Einheit zurück.“

Sie lehnte sich gegen seinen Wagen und schüttelte ihren Kopf. Obwohl sie klein war, kam sie ihm so standhaft wie eine Festung vor. „Sie haben angefangen, Sergeant. Jetzt führen Sie die Sache auch zu Ende.“

Das war seine eigene Schuld. Er hätte niemals sagen sollen, was er dachte. Doch Gina hatte eine Art, ihn zu reizen, wie niemand anders zuvor. Er musterte sie von Kopf bis Fuß, ehe er ihr in die wunderschönen braunen Augen schaute. Zum Donnerwetter noch mal, sie wusste genau, wie hübsch sie war. Eingebildet schien sie jedoch nicht, aber sie besaß ein Selbstbewusstsein, das dem Wissen um ihre Wirkung entsprang. Je mehr er darüber nachdachte, desto deutlicher wurde ihm, wie recht er mit seiner Einschätzung hatte. Umsorgt, verwöhnt und ganz offensichtlich gewohnt, ihren Willen durchzusetzen, war sie nicht darauf vorbereitet, dass ihr jemand Widerstand leistete und ihr eine Bitte abschlug.

„Und, General?“, fragte sie. „Erklären Sie es mir jetzt, oder sollen wir die ganze Nacht hier stehen?“

Die anderen Kursteilnehmer machten sich auf den Heimweg. Der kleine Parkplatz leerte sich rasch. Über ihnen segelten dunkle Wolken am schwarzen Himmel, verdeckten die Sterne und kündeten Regen an. Selbst in Südkalifornien konnte das Wetter im Januar unberechenbar sein. Und falls es gleich anfangen sollte zu regnen, konnte er diese Debatte ein für alle Mal beenden. Wenn sie unbedingt die Wahrheit hören wollte, würde er ihr sie sagen.

„Das bedeutet nur, ich kenne Sie besser, als Sie glauben.“

„Tatsächlich?“

Es bedurfte keiner großen Analyse, um sie zu durchschauen. Sie war italienischer Abstammung. Er auch. Und wenn er sich mit etwas gut auskannte, dann mit italienischen Familien.

„Sie sind die Jüngste in Ihrer Familie, nicht wahr?“

Sie zuckte kurz zusammen. „Na und?“

„Daddys Augapfel?“

Sie löste sich vom Wagen, straffte die Schultern, reckte das Kinn und warf ihm einen finsteren Blick zu. „Was wollen Sie damit sagen?“

Aha … mitten ins Schwarze getroffen. „Ich bin überzeugt, dass Sie Ihr ganzes Leben lang bekommen haben, was Sie wollten, nur wegen Ihres entzückenden Augenaufschlags.“ Er beugte sich zu ihr und wusste sofort, das war ein Fehler. Der Duft ihres Parfüms lenkte ihn ab, aber er wappnete sich dagegen und sagte das, was er sich vorgenommen hatte. „Nun, bei mir funktioniert das nicht, Prinzessin. Wir sind Partner auf der Tanzfläche, weil es sich so ergeben hat, mehr nicht. Sie können sich Ihren becircenden, unschuldigen Blick für die jungen Burschen vom College aufheben.“

Sie brauchte einen Augenblick, um sich zu beruhigen und ihm zu antworten. Dann stieß sie hervor: „Sie sind der unmöglichste, überheblichste, anmaßendste …“ Sie hielt inne und presste die Lippen zusammen.

Lippen, die er plötzlich am liebsten geküsst hätte.

Ein paar Scheinwerfer leuchteten auf, streiften ihre Gesichter und verloren sich wieder. Zurück lieb nur der matte Schein der gelblichen Parkplatzbeleuchtung. Graue feuchte Nebelschwaden wehten vom Meer herüber und zogen um ihre Beine. Es machte den Eindruck, als wären sie in einer andersartigen Welt.

Die Sekunden verrannen, während Gina und Nick sich anstarrten. Sie war ihm so nah. Er hätte sie küssen können. Und berühren. Schon streckte er seine Hand aus. Doch gerade als er den Kopf neigte, ertönte eine Hupe und zerriss den seltsamen Zauber, der sich über sie gelegt hatte.

Gina machte ein Gesicht, als würde sie aus einem Traum aufwachen. „Ich muss gehen.“

„Ja, ich auch.“

Sie wollte noch etwas erwidern, öffnete den Mund, schloss ihn dann jedoch. Ohne Nick eines weiteren Blickes zu würdigen, wandte sie sich um und marschierte zu ihrem Wagen.

Nick schaute ihr nach und redete sich ein, er täte das, um sicherzugehen, dass sie unbehelligt ihren Wagen erreichte. Schließlich war sie eine hübsche Frau auf einem verlassenen Parkplatz. Da verstand es sich von selbst, dass er ein wenig Acht gab. Doch er verharrte noch an demselben Platz und sah ihr nach, als sie längst den Parkplatz verlassen hatte und weggefahren war.

Am nächsten Tag betrat Nick nach der Arbeit das Gebäude, in dem das Offizierscasino und andere Gesellschaftsräume untergebracht waren. Geistesabwesend lief er den breiten Flur entlang, stieg eine kleine Treppe hinunter und ging an einem kleinen Empfangsbereich vorbei. Dahinter lag der dunkle Ballsaal. Als er den vertrauten Raum betrat, wandte er sich nach rechts und blieb am langen Mahagonitresen der Bar stehen. Er ließ seinen Blick durch den halbdunklen Raum schweifen. Der Saal war groß und wirkte mit den wenigen Tischen fast leer. Aber wenn er für einen Ball oder eine Party geschmückt und hergerichtet worden war, wirkte er prächtig.

Die wenigen Offiziere, die an den Tischen saßen, würdigten ihn nicht mal eines Blickes. Nur ein paar der Gesichter waren ihm vertraut. Aber bei einem so großen Stützpunkt wie Camp Pendleton war es nichts Ungewöhnliches, an einem solchen Ort neben einer Reihe von Freunden auch vielen Fremden zu begegnen.

Er stützte sich mit den Ellenbogen auf die Bar, bestellte sich ein Bier und rief sich, wie er es den ganzen Tag schon getan hatte, die letzten Augenblicke mit Gina draußen auf dem dunklen Parkplatz ins Gedächtnis. Innerlich knirschte er mit den Zähnen und kam nicht zum ersten Mal heute zu dem Schluss, dass er kein Recht gehabt hatte, ihre Gefühle so zu verletzen, wie er es getan hatte. Sicher, sie brachte ihn zur Weißglut. Aber das gab ihm noch längst nicht das Recht, ihr dermaßen heftig entgegenzutreten.

Verdammt, er war sicher, dass ihre Augen feucht geworden waren.

Großartig, dachte er, als der Barkeeper ihm das Bier hinstellte. Ein großer, starker Marine bringt eine Frau zum Weinen.

Er trank einen großen Schluck Bier, als könnte er dadurch den bitteren Nachgeschmack hinunterspülen, den seine Überlegungen bei ihm hinterlassen hatten. In dem Moment kam ein weiterer Soldat an die Bar und gesellte sich zu ihm.

„Paretti?“

Er wandte sich leicht um, musterte den Mann und erkannte an den Dienstabzeichen auf seinem Hemdsärmel, dass auch der andere ein Gunnery Sergeant war. „Ja.“

Der Mann hielt ihm die Rechte hin und meinte: „Ich dachte mir, dass Sie es sind. Ich heiße Davis Garvey.“

„Ich habe Sie schon mal hier gesehen“, erwiderte Nick und schüttelte dem Mann die Hand. Dann wandte er sich zu dem Barmixer um und bezahlte das Bier. „Möchten Sie auch etwas?“, erkundigte er sich bei Davis.

„Nein, danke“, antwortete er und winkte dem Barmixer ab. „Ich bin auf dem Heimweg und wollte vorher eigentlich noch zu Ihnen.“

„Warum denn das?“, fragte Nick, trank einen weiteren Schluck und wünschte sich, der Mann möge gehen und ihn mit seinem schlechten Gewissen wegen Gina allein lassen.

Sein Gegenüber lächelte und stützte sich mit einem Ellenbogen auf dem Tresen auf. „Das habe ich meiner Schwägerin versprochen, wenn Sie so wollen.“

Verwundert musterte Nick den Mann und hätte gern gewusst, was hier ablief. Soweit er sich erinnerte, hatte er in letzter Zeit keine Verabredungen mit einer Frau gehabt, die einen Schwager hier auf dem Stützpunkt hatte. Also konnte es sich nicht um eine Angelegenheit zur Verteidigung der persönlichen Ehre handeln. Und falls das Ganze auf eine erzwungene Heirat hinauslaufen sollte, konnte der Mann ja mal sein Glück versuchen. Auf keinen Fall würde Nick Paretti noch einmal mit einer Frau vor den Altar treten. Das hatte er sich geschworen.

„Also gut“, meinte Nick nach kurzem Schweigen. „Ich bin ganz Ohr. Um was geht es denn?“

Die Unterhaltung um sie herum verebbte nicht. Die Soldaten wollten ihr Vergnügen nach harter Arbeit. Entsprechend laut und oft wurde gelacht. Aber Nick achtete nicht darauf. Er konzentrierte sich vielmehr auf den Mann, der ihn angrinste wie ein Narr.

„Nach dem, was ich gehört habe“, meinte Davis, „haben Sie Gina in der Tanzschule das Leben schwer gemacht.“

Es durchzuckte Nick heiß. „Halt!“, warf er rasch ein und musterte dann die Männer rechts und links neben ihnen, um sich zu vergewissern, dass sie kein Wort von dem Gesagten mitbekommen hatten. Nachdem er sich so angestrengt hatte, seine Tanzstunden geheim zu halten, wollte er auf keinen Fall tatenlos zusehen, wie Davis Garvey dafür sorgte, dass die Nachricht hier die Runde machte. Wenn das geschah, würde bis zum Morgen jeder auf dem Stützpunkt wissen, was er an drei Abenden in der Woche trieb. Er konnte sich bereits ausmalen, was er dann von seinen Kameraden zu hören bekommen würde.

War es nicht geradezu selbstverständlich, dass Gina dahinter stecken musste? Seine Gewissensbisse verflüchtigten sich sofort, als er die Empörung spürte, die diese Frau bei ihm erzeugte.

„Wollen wir nach draußen gehen und in Ruhe darüber reden?“, schlug er vor und trank noch einen großen Schluck Bier.

Davis’ Lächeln verstärkte sich, und seine Augen leuchteten wissend auf. Ja, er durchschaute, warum Nick versuchte, ihn zum Verlassen des Saals zu überreden. „Ach, ich weiß nicht, mir gefällt es hier.“

Nick warf ihm einen düsteren Blick zu. „Hören Sie, hier drinnen werde ich kein weiteres Wort über die Sache verlieren, verstanden?“

Er drehte er sich auf dem Absatz um, marschierte nach draußen und die Treppe hinunter, als würde er an einer Parade teilnehmen. Er warf keinen Blick über die Schulter, um zu überprüfen, ob Garvey ihm folgte oder nicht. Er lief einfach weiter, durch den Empfangsraum, die kleine Treppe hinauf und durch den Ausgang in die Dämmerung des Spätnachmittags. Er schritt schnurstracks zu seinem Wagen. Dort blieb er stehen und wartete.

Ein oder zwei Minuten später erschien Davis Garvey, die Hände lässig in den Hosentaschen und immer noch grinsend.

„Also, worum geht es?“, fuhr Nick ihn an.

„Das habe ich Ihnen doch gesagt. Um Gina.“

Aber natürlich. Es reichte nicht, dass sie ihn in dem Kurs schon verrückt machte. Jetzt war ihr auch noch eine Möglichkeit eingefallen, ihn am Arbeitsplatz zu belästigen. Er durfte nicht darüber nachdenken, dass er fast den ganzen Tag damit verbracht hatte, sich wegen seine ruppigen Verhaltens ihr gegenüber Vorwürfe zu machen. „Sie ist Ihre Schwägerin, ja?“

„Ja. Ich habe ihre Schwester Marie vor ein paar Wochen geheiratet.“

„Herzlichen Glückwunsch!“, erklärte Nick und wünschte dem armen Kerl im Stillen wirklich viel Glück. Das konnte er sicher gebrauchen, falls seine Frau ihrer Schwester auch nur ein winziges bisschen ähnelte.

„Danke.“

Nick wollte die Familie des Mannes nicht schlecht machen, aber er konnte ebenso wenig still halten und sich alles gefallen lassen. „Als Schwager müssten Sie wissen, wie Gina ist.“

„Charmant?“, bot Davis an. „Wunderschön? Amüsant?“

Trifft alles zu, dachte Nick, und es kommt noch einiges dabei. „Vergessen Sie nicht, sie kann einen verärgern, ist verbissen und starrköpfig …“ Er hielt inne und erkundigte sich: „Muss ich noch mehr dazu sagen?“

„Nein.“ Davis lachte. Kopfschüttelnd räumte er ein: „Ich glaube, ich verstehe schon.“

„Da bin ich mir nicht so sicher.“

„Hören Sie“, erklärte Davis, „Gina hat erzählt, Sie würden es ihr schwer machen, und deshalb wollte ich mal mit Ihnen reden.“

Empört wehrte Nick ab. „Seltsam, sie kam mir nicht vor wie eine Frau, die jemanden braucht, der für sie kämpft.“

„Das braucht sie auch nicht“, gab Davis zu. Sein Grinsen war verschwunden. „Aber sie gehört jetzt zur Familie. Und ich kümmere mich um meine Familie.“

Nick musterte den Mann von Kopf bis Fuß und nickte verständnisvoll. Treu zur Familie stehen war etwas, was er kannte. „Ich würde nicht anders reagieren.“

„Dann werden Sie es Gina leichter machen?“

„Ich eröffne das Feuer nur, wenn auf mich geschossen wird“, behauptete er ernst.

Davis lächelte wieder. „Klingt durchaus in Ordnung für mich.“ Er streckte ihm erneut die Rechte entgegen, und Nick schüttelte ihm die Hand. „Nett, Sie kennengelernt zu haben.“

„Ganz meinerseits“, antwortete Nick.

Doch während der andere Mann zu seinem Wagen ging, überschlugen sich Nicks Gedanken. Gina Santini hatte also Verstärkung angefordert. Na ja, es war möglich, dass sie ihren Schwager nicht offen darum gebeten hatte, mit ihm zu reden, aber sie hatte es vermutlich von ihm erwartet. Das bedeutete nicht, sie hatte sich zurückgezogen, sondern dass ihre Truppen neu ordnete.

Auch wenn sie die erste Schlacht gewonnen hatte, ging der Krieg zwischen ihnen, was Nick betraf, weiter.

3. KAPITEL

Ein gemeinsames Abendessen bei den Santinis war immer wieder interessant. Wenigstens einmal die Woche, gleichgültig welche Verpflichtungen sie sonst hatten, trafen sich alle Santinis zum Abendessen. Für ein paar Stunden berichteten sie sich ihre jeweiligen Neuigkeiten, lachten miteinander und aßen gut.

Gina warf einen Blick in die vertraute Runde und musterte die Gesichter ihrer Angehörigen. Ihre Mutter, Marianne Santini, war zwar einsamer, seit der Vater vor zwei Jahren gestorben war, aber immer noch gleichbleibend lebhaft. Sie zeigte ein reges Interesse an allem, was ihre Töchter machten. Da war Angela, die älteste der drei Schwestern, die bereits selbst Witwe war und nach dem Tod ihres Mannes vor drei Jahren mit ihrem Sohn Jeremy ins Elternhaus zurückgekehrt war. Jeremy ist ein lieber Junge, dachte Gina mit einem Seitenblick auf ihren Neffen. Und es tat ihm mächtig gut, dass er sich an Davis, Maries frisch angetrautem Ehemann, orientieren konnte. Jeremys Vater war kein besonders gutes Vorbild für den Jungen gewesen und hatte kaum Familiensinn gehabt. Er hatte ihnen das Leben schwer gemacht, und wenn jemand hier gewillt war, es zuzugeben, dann würde jeder bestätigen, dass Angela heute tatsächlich glücklicher war, als sie es jemals in ihrer Ehe gewesen war.

Aber natürlich würde das niemand laut aussprechen.

Dann war da noch Marie. Gina schmunzelte ein wenig, als sie ihre ältere Schwester anschaute. Seit sie Davis kennengelernt und sich in ihn verliebt hatte, war Marie wie umgewandelt. Sicher, sie war immer noch eine fantastische Automechanikerin und verbrachte viel Zeit damit, sich um ölverschmierte Teile zu kümmern und das eine oder andere zu reparieren. Aber ihre Augen leuchteten, und sie strahlte etwas aus, was sie vorher nicht besessen hatte.

Im Grunde genommen waren alle hier versammelten Familienmitglieder glücklich. Gina runzelte die Stirn. Abgesehen natürlich von ihr.

„Ich bin heute deinem Sergeant Paretti begegnet“, meinte Davis und griff nach der Schüssel Nudeln.

Nun, das traf Gina wie aus heiterem Himmel.

Sie schaute empört auf. „Er ist nicht mein Sergeant“, wehrte sie ab und stach mit der Gabel in den Salat.

„Na ja, ich habe mich jedenfalls mit ihm unterhalten“, fuhr ihr Schwager fort und blickte auch noch recht selbstzufrieden drein.

Hastig schluckte Gina ihren Bissen hinunter und erkundigte sich erstaunt: „Du hast mit ihm geredet? Wann? Wo? Was soll das heißen? Was hat er gesagt?“

Davis hob die Schultern, lächelte seiner Frau zu und wandte sich wieder an Gina. „Um deine Fragen der Reihe nach zu beantworten … nach der Arbeit in der Bar. Ich habe ihm bloß gesagt, dass du meine Schwägerin bist und ich es gut fände, wenn er sich etwas mehr zurückhalten würde.“

„Na großartig!“ Sie ließ ihre Gabel auf den Teller fallen und lehnte sich zurück.

„War das nicht nett von Davis?“, fragte ihre Mutter, ohne jemanden direkt anzusprechen, und tätschelte Davis die Hand.

„Nett?“, wiederholte Gina und starrte ihre Mutter an. „Du findest das nett?“

„Was hast du denn?“, wollte Marie wissen. „Davis wollte dir nur ein wenig helfen.“

„Wenn er mir helfen wollte, dann hätte er den Mann einfach an der nächsten Ecke überfahren sollen“, entgegnete Gina erbost und warf ihrer Schwester einen finsteren Blick zu.

„O, das klingt einleuchtend“, meldete sich Angela zu Wort.

„Wen überfahren?“, fragte der achtjährige Jeremy sofort interessiert.

„Einen netten Soldaten wie Davis, mein Schatz“, bemerkte Marianne Santini und reichte ihm noch ein Stück Knoblauchbrot. Sie zeigte sich unbeeindruckt wie immer und ließ sich durch nichts von dem leckeren Essen ablenken.

„Nein, ist er nicht“, erklärte Gina rasch.

„Er ist nicht nett?“, wollte ihre Mutter wissen.

„Nicht so wie Davis“, stellte Gina richtig.

„Was habt ihr denn eigentlich?“, fragte Angela und schenkte ihrem Sohn noch etwas Milch ein. „Davis hat mit ihm geredet. Du regst dich unnötigerweise auf, Gina.“

„Was für eine Überraschung“, bemerkte Marie.

„Ich rege mich gar nicht auf“, widersprach Gina heftig. „Wie sieht denn das aus? Jetzt glaubt er, ich habe mich bei meinem Schwager ausgeheult und um Hilfe gefleht.“

„Das hast du doch auch getan“, erinnerte Marie sie und verteidigte ihren Mann wie eine Löwin ihr Junges.

„Das habe ich nicht gemacht“, brauste sie auf und schaute von Marie zu Davis. „Habe ich dir jemals gesagt, du sollst mit dem Mann reden? Habe ich dich um Hilfe gebeten?“

„Nein, aber …“ Davis wand sich auf seinem Stuhl.

Normalerweise hätte Gina Mitleid mit ihm gehabt. Schließlich war er der einzige Mann unter so vielen Frauen. Jeremy zählte nicht. Aber heute Abend kannte sie derartige Gefühle nicht.

„Hör auf, Gina“, verlangte Marie in scharfem Ton. „Davis wollte dir wirklich nur helfen, zum Donnerwetter. Es ist deine Schuld. Du hast dich schließlich ständig über den Mann beschwert, seit du in der Tanzschule bist.“

Sicher, sie hatte sich ein bisschen beklagt. Aber war für so etwas nicht die Familie da? Durfte sie sich da nicht aufregen und ein wenig Dampf ablassen? Schließlich war auch niemand auf die Idee gekommen, ihr neue Kleidung zu besorgen, als sie sich über ihre Garderobe beschwert hatte.

„Papa hätte sich jedenfalls gefreut, wie Davis sich für dich eingesetzt hat“, erklärte Marianne. „Es gehört sich in der Familie so, dass sich jeder um den anderen kümmert.“

Um Himmels willen, sie sagte das, als wären sie in der Mafia. Was mochte als Nächstes passieren? Würden sie vorschlagen, Nick einen toten Fisch, eingewickelt in Zeitungspapier, zuzuschicken?

„Aber …“, wandte Gina ein.

„Davis hat sich extra angestrengt, um den Mann zu finden, weißt du. Er wollte dir einen Gefallen tun. Zumindest kannst du ihm dankbar sein.“ Marie warf ihr einen verärgerten Blick zu und wartete stumm darauf, dass Gina etwas sagte.

Vier weitere Augenpaare richteten sich ebenfalls auf sie. Das Ticken der Uhr im Wohnzimmer war überdeutlich zu hören. Niemand bewegte sich. Verdammt! Konnten sie denn nicht begreifen, dass Davis, auch wenn er es nur gut gemeint hatte, eine bereits schwierige Situation noch verschlimmert hatte?

Sofort fiel ihr all das wieder ein, was Nick ihr nach der letzten Tanzstunde an den Kopf geworfen hatte. Sie sei eine verwöhnte Prinzessin. Nun ja, dank Davis gut gemeintem Vermittlungsversuch würde Nick sich im Recht sehen.

Warum musste ihr Leben plötzlich so kompliziert sein?

Männer! Das war der ganze Grund.

Zuerst war da Richard gewesen. Er war Anwalt, und sie waren eine ganze Zeit lang zusammen ausgegangen. Von ihm hatte sie sich überreden lassen, einen Tanzkurs zu besuchen, damit sie sich in seinen Gesellschaftskreisen sicher bewegen konnte. Doch sie hatte sich schon nicht mehr mit ihm getroffen, als der Folgekurs anfing. Obwohl Richard ein ganz netter Kerl war, hatte es zwischen ihnen einfach nicht gefunkt.

Funken. Feuerwerk. Raketen …

Bei dem Gedanken fiel Gina unwillkürlich der Mann ein, der jüngst in ihr Leben getreten war: Nick Paretti. Das Blut rauschte ihr in den Adern. In ihrem Bauch kribbelte es.

Um Himmels willen! dachte sie. Ich will das nicht.

„Gina!“ Marie riss sie mit ihrem nachdrücklichen Ton aus ihren Gedanken. „Du kannst wenigstens zuhören, wenn wir uns streiten.“

„Oh ich höre dir zu“, erwiderte Gina und fuhr gereizt fort: „Ich habe auch nur gesagt, dass Nick Paretti ein …“

„Gina!“ Marianne schnitt ihr energisch das Wort ab.

Gina verstummte und seufzte. „Ist ja schon gut.“

Marianne nickte zufrieden.

Jeremy kicherte, bis seine Mutter ihn ermahnte. Offenbar ließ er sich nicht von dem Ablenkungsmanöver seiner Tante irreleiten und konnte sich denken, was sie hatte sagen wollen.

„Ich wollte dir wirklich nur helfen“, erklärte Davis.

Sofort bedauerte Gina, dass sie ihn angefahren hatte. Er hatte es wirklich gut gemeint. Und wenn sie jetzt im Nachhinein darüber nachdachte, dann war es ja wirklich sehr lieb von ihm gewesen, die Rolle des großen Bruders zu übernehmen. Als Kind hätte sie sich gefreut, ihn um sich zu haben.

„Ich weiß“, lenkte sie ein, lächelte und gab ihm zu verstehen, dass sie ihm verziehen hatte. Es war wirklich nicht seine Schuld, dass sie sich mit derart zwiespältigen Gefühlen für Nick herumplagte. Dann überwand sie sich, noch hinzuzufügen: „Danke, Davis. Du bist wie ein Bruder. Das ist nett von dir.“

Er strahlte. „Ja, daran kann ich mich gewöhnen.“

Danach nahmen sie ihre allgemeine Unterhaltung wieder auf, doch das Geredete rauschte an Gina vorbei. Niemand schien jedoch zu merken, dass sie sich nicht mehr am Gespräch beteiligte.

„Also, raus mit der Sprache“, verlangte Gina, als sie die Tanzschule verließen.

„Womit?“ Nick schaute zum sternenübersäten Himmel auf und zog seine Jacke enger um sich.

„Ich habe den ganzen Abend darauf gewartet“, erklärte sie und fasste ihn am Arm, um ihn festzuhalten.

Verärgert schaute er zu ihr hinunter. Er hätte wissen müssen, dass sie es nicht schaffen würden, auch nur einen Abend hinter sich zu bringen, ohne in Streit zu geraten. Dabei war der Abend bis jetzt ruhig verlaufen. Sie hatten wenig miteinander geredet, und tanzen konnten sie bereits besser. Vielleicht war Schweigen das beste Mittel, um mit Gina Santini auszukommen.

„Worauf gewartet?“, fragte er.

„Dass Sie eine bissige Bemerkung über meinen Schwager vom Stapel lassen, der Sie extra auf dem Stützpunkt ausfindig gemacht hat.“

„Ach so …“ Nick bejahte und verstand sofort. Sie hatte gegrübelt, warum er das nicht erwähnt hatte. Doch der Grund dafür war recht einfach. Er hatte viel nachgedacht, seit Davis Garvey ihn vor ein paar Tagen angesprochen hatte. Tatsächlich hatte er versucht herauszufinden, warum Gina Santini so mit ihm aneinandergeriet, und das mehr als nur einmal. Er war wesentlich öfter aus der Haut gefahren, seit er sie kannte, als in den vergangenen fünf Jahren. Und das war eine Tatsache, die ihm überhaupt nicht gefiel.

Denn gestern Abend war ihm endlich klar geworden, warum das so war. Gina erinnerte ihn an seine Exfrau, und das sogar viel zu sehr. Sie ähnelte ihr zwar äußerlich in keiner Weise und war wesentlich netter als Kim, aber es gab zu viele Gemeinsamkeiten, um darüber hinwegzusehen.

Beide waren verwöhnt und gewohnt, ihren Willen zu bekommen. Und beide scheuten nicht davor zurück, ihr Aussehen einzusetzen, wenn es ihnen beim Erreichen ihrer Ziele half. Jedes Mal, wenn Gina versuchte, sich mit Flirten einem Streit zu entziehen, schaltete Nick unwillkürlich auf Abwehr. Er hatte sich einmal in eine schöne Frau verliebt, die wenig Herz hatte. Das würde ihm nicht wieder passieren.

Was das Treffen mit ihrem Schwager betraf, gab es nichts zu kritisieren. Nick hätte nicht anders gehandelt als Davis, wäre er an seiner Stelle gewesen. Im Haushalt der Parettis galt, solange Nick sich zu erinnern vermochte, eines auch: Die Familie stand an erster Stelle.

„Vergessen Sie es“, erklärte er schließlich, und sah, wie sich neben Erleichterung Misstrauen in ihrem Gesicht abzeichnete. Offenbar wollte sie ihm gern glauben, vermochte es aber nicht.

„Warum sind Sie plötzlich so nett?“

„Kann ich etwa nicht nett sein, ohne irgendwelche geheimen Motive zu haben?“

„Ich weiß nicht.“

Schön zu wissen, dass sie ihn für einen hinterlistigen Fiesling hielt. „Hören Sie, warum wollen wir nicht für die Dauer des Tanzkurs die Waffen ruhen lassen?“

„Die Waffen ruhen lassen?“

„Ja, Sie wissen doch sicher, was ein Waffenstillstand ist.“

„Ja, das weiß ich. Ich verstehe nur nicht, warum Sie mir das anbieten.“

Nick atmete hörbar tief durch und ließ die kalte Luft bis in seine Lungen dringen, um seinen aufflammenden Zorn zu beschwichtigen. Selbst wenn er sich bemühte, freundlich und entgegenkommend zu sein, widersprach sie ihm. „Wir wollen beide diese verdammten Tänze lernen, nicht wahr?“

„Jawohl.“

„Dafür müssen wir uns nicht mögen. Wir brauchen nur miteinander zu tanzen.“ So, deutlicher konnte er es wirklich nicht aussprechen. „Abgemacht?“ Er hielt ihr seine Rechte hin.

Wärme entstand, als sie sich die Hand gaben, und Nick ließ Ginas Hand rasch los. Sie schenkte ihm ein strahlendes Lachen, und er musste sich nachdrücklich daran erinnern, dass er ihrem Charme widerstehen wollte.

„Wenn wir schon so freundlich miteinander umgehen“, erklärte Gina, während sie sich auf den Weg zu ihren Autos machten. „Wollen Sie sich dann nicht auch noch mal überlegen, ob wir an dem Wettbewerb teilnehmen sollen?“

Er schnaubte verächtlich. Ein Waffenstillstand war eine Sache. Jedoch in aller Öffentlichkeit zu zeigen, dass er an einem Tanzkurs teilnahm, war etwas völlig anderes. „Auf keinen Fall, Prinzessin.“

„Das also ist ein Waffenstillstand“, bemerkte sie.

„Ich werde nicht an einem Wettbewerb teilnehmen.“

„Aber wir werden immer besser“, wandte sie ein.

„Kommt nicht infrage“, versetzte Nick.

Sie fasste ihn am Arm und trat näher an ihn heran. „Sie könnten es sich wenigstens noch einmal überlegen.“

Ihr Parfüm wehte ihm entgegen, und er atmete den verführerischen Duft tief ein. Es war ein leichtes Parfüm mit blumiger Note und weckte bei ihm Vorstellungen von warmen Sommernächten. Ihre Hand auf seinem Arm erzeugte Wärme und fühlte sich viel zu gut an. Er wagte es nicht, Gina auch nur anzuschauen. Zweifellos machte sie einen flehenden Schmollmund und setzte darauf, ihn damit zu überreden. So gern er vorgeben wollte, er könnte ihr widerstehen, er wusste, das war glatter Selbstbetrug.

„Sergeant Paretti?“, rief eine Frau ihm zu, die sich ihnen näherte.

Nick wandte sich ihr zu und starrte sie wie gelähmt an. Lieber Himmel! Das war die Frau des neuen Colonels. Verschiedene Gedanken schossen ihm durch den Sinn. Würde sie merken, dass Gina und er aus der Tanzschule kamen? Nein, nicht unbedingt. Ganz in der Nähe waren auch ein Theater, das Bayside Seafood Restaurant, eine Kunstgalerie und eine Drogerie. Sie hätten in einem dieser anderen Geschäfte oder Gebäude gewesen sein können. Nein, er hatte Glück gehabt.

Leicht beruhigt lächelte er ihr zu und begrüßte sie: „Guten Abend, Mrs. Thornton.“

„Hallo“, erwiderte sie und lächelte ihnen beiden, Gina wie ihm, herzlich zu.

Gina.

Ach du je! Wie konnte er ihr stumm mitteilen, dass sie nicht durchblicken lassen sollte, was sie in Wirklichkeit miteinander verband?

„Mrs. Thornton, das ist Gina Santini“, stellte er die beiden einander vor.

„Nett, Sie kennenzulernen“, bemerkte Gina höflich.

„Ganz meinerseits.“ Die Frau des Colonels bedachte beide mit einem Lächeln, ehe sie erklärte: „Was für ein nettes Paar Sie sind.“

Nick vermochte nichts zu erwidern. Seine Kehle war wie zugeschnürt.

Gina schmunzelte.

„Waren Sie im Kino?“, fragte die Frau.

Gina wollte schon etwas erwidern, doch Nick kam ihr rasch zuvor. „Ganz genau.“

Gina musterte ihn stirnrunzelnd, aber er ignorierte ihren Blick und legte seinen Arm um ihre Schultern. Sollte die Frau des Colonels glauben, Gina und er seien ein glückliches Liebespaar, dann würde er sie gern in dem Glauben lassen. Jedenfalls war das besser, als würde er ihr die Wahrheit gestehen müssen.

„Nun, es freut mich, dass ich Ihnen beiden begegnet bin“, stellte Cecilia Thornton fest.

„Ma’am?“ Rasch überlegte Nick, unter welchem Vorwand er sich mit Gina davonmachen konnte. Aber es gab keine höfliche Möglichkeit, die Frau des Colonels einfach allein auf einem Parkplatz stehen zu lassen. Deshalb konnte er nur hoffen, dass er diese Begegnung heil überstehen würde.

„Wie Sie wissen, sind wir gerade erst auf dem Stützpunkt angekommen …“

„Ja, Ma’am.“ Er musterte Gina prüfend. Was dachte sie?

„Der Colonel und ich wollen in ein paar Wochen eine kleine Gesellschaft für die Mannschaft geben. Natürlich sind die Frauen auch eingeladen. Sollte das Wetter mitspielen, werden wir grillen.“

Nick wusste, es war Sitte, dass ein neuer Offizier sich bemühte, die ihm unterstellten Soldaten auf diese Art kennenzulernen.

„Das freut mich, Ma’am.“ Er hatte bereits von der bevorstehenden Party gehört und wollte daran teilnehmen. Allerdings wollte er sich auch so rasch es möglich war, wieder verabschieden. So wie jeder andere Soldat, den er kannte. Diejenigen, die verheiratet waren, blieben bei solchen Veranstaltungen länger, hauptsächlich ihren Frauen zuliebe, denen so etwas sehr viel Spaß machte.

„Ich hoffe, Sie werden als Sergeant Parettis Gast mitkommen, Gina“, bemerkte die Frau des Colonels, und Nick stockte der Atem. Nun, damit hatte er nicht gerechnet. Vielleicht war es doch nicht so eine gute Idee gewesen, sich als Paar auszugeben.

„Also …“ Gina zögerte und schaute zu Nick auf.

Stumm bemühte er sich, ihr klarzumachen, dass er eine höfliche Ablehnung hören wollte. Er drückte ihr kräftig die Schulter, als würde er sich freuen, doch gleichzeitig hob er die Brauen und bedachte sie mit einem warnenden Blick.

Sie hatte verstanden, was er von ihr wollte. Er erkannte es in ihren Augen. Natürlich tat sie ihm nicht den Gefallen. Im Gegenteil, sie lehnte sich bei ihm an, legte eine Hand auf seine Brust und lächelte die Frau des Colonels an. „Vielen Dank für die Einladung“, sagte sie. „Nicky und ich freuen uns darüber.“

Nicky?

Einen Moment lang setzte seine Vernunft aus, und er genoss es, dass Ginas Hand auf seiner Brust lag. Oh sie gefällt sich mächtig in der Rolle, dachte er, als sie sich an ihn schmiegte. Und obendrein fühlte es sich auch für ihn verdammt gut an.

Ein paar Minuten vergingen, während Gina und die Frau des Colonels noch ein paar Worte miteinander wechselten. Er hörte nicht mal, was sie redeten. Nick plagte sich in Gedanken mit Mordabsichten, während er nach außen weiterhin den wohlwollenden Freund spielte.

Als die Frau des Colonels sich schließlich verabschiedete und zur Drogerie hinüberging, packte Nick Gina am Arm und riss sie zu sich herum. „Was sollte das? Haben Sie nicht mitbekommen, dass ich eine höfliche Absage von Ihnen hören wollte?“

„Natürlich habe ich das verstanden“, erwiderte Gina und entzog sich ihm grinsend. „So schwer war das nicht zu erkennen.“

„Aber warum haben Sie das dann nicht getan?“

„Weil mir da plötzlich etwas eingefallen ist, Nicky“, betonte sie amüsiert.

„So?“ Das gefiel ihm überhaupt nicht. Ihr Blick sagte alles. Sie war sich ihrer Sache offensichtlich mehr als sicher.

Lachend schob sie ihre dunkelbraunen Locken aus der Stirn. Ihre braunen Augen blitzten übermütig, und er wusste, es war verloren.

„Sie wollten nicht, dass sie von Ihrem Tanzkurs erfährt, nicht wahr?“

Nick schob die Hände in die Gesäßtaschen seiner Hose. „Nein.“

„Das dachte ich mir“, meinte Gina und nickte bedächtig.

„Schön, aber warum haben Sie zugestimmt, zu der Party zu kommen?“

„Damit ich eine bessere Möglichkeit habe, um zu verhandeln.“

Jetzt geht es los, dachte er, und versuchte sich, auf das vorzubereiten, was unweigerlich auf ihn zukommen musste. Verdammt, er war bereits in schlimmeren Situationen gewesen. Sicherlich konnte er verkraften, was Gina Santini ihm vorschlagen wollte. „Was gibt es zu verhandeln?“

„Ich werde mit Ihnen zu der Party gehen, und Sie werden dafür mit mir an dem Tanzwettbewerb teilnehmen.“

Das war es also. Ein Überraschungsangriff, sozusagen. „Hoppla“, stellte er fest und hob abwehrend eine Hand. „Rückzug, und neu ordnen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Wie bitte? Ich verstehe die Sprache der Soldaten nicht.“

Trotz des Rauschens in seinen Ohren, verlangte er: „Erklären Sie mir das noch mal, etwas langsamer bitte.“

Da lachte sie. „Kein Problem. Ich werde der Frau des Colonels gegenüber nichts verraten, und dafür werden Sie mit mir am Wettbewerb teilnehmen.“

„Das ist Erpressung“, stellte er fest und freute sich, dass er ihr in gleichmütigem Ton zu antworten vermochte.

„Ich würde es lieber als netten kleinen Deal bezeichnen“, entgegnete sie lächelnd. „Das klingt wesentlich freundschaftlicher, finden Sie nicht auch?“

Er schaute auf die Frau hinunter, die ihn so geschickt in die Falle gelockt hatte. Wirklich, so viel Raffinesse hatte er ihr nicht zugetraut.

„Natürlich können Sie Mrs. Thornton gern erzählen, wir hätten uns getrennt“, meinte Gina und strahlte förmlich übers ganze Gesicht. „Aber dann könnte ich allein zu der Party gehen, da ich ja immerhin eingeladen bin, und jedem Soldaten dort erzählen, dass wir uns in der Tanzschule kennengelernt haben.“

„Prinzessin, warum wollen Sie unbedingt mein Leben ruinieren?“, fragte er.

„Nehmen Sie es nicht so schwer, General“, tröstete sie ihn und tätschelte seinen Arm. „Wer weiß, wir gewinnen vielleicht.“

Er war geschlagen. Das musste er sich eingestehen. Sie hatte ihn meisterhaft über den Tisch gezogen. Entweder er ließ sich vor Fremden erniedrigen oder aber vor seinen Freunden. Die Siegesgewissheit stand ihr im Gesicht geschrieben, aber ehe er endgültig kapitulierte, musste er wenigstens noch eines wissen. „Warum sind Sie so sehr an dem Wettbewerb interessiert?“, forschte er.

Bei Ginas Lächeln liefen ihm wohlige Schauer über den Rücken. „Es ist ein Wettbewerb“, erklärte sie, als würde das alles erklären. Mit einem leichten Schulterzucken fügte sie hinzu: „Ich siege gern.“

„Schön, das verstehe ich. Ich siege auch gern. Und noch eins, Prinzessin. Ich verliere nur selten.“

4. KAPITEL

„Was soll das heißen?“, fragte Gina und wich einen Schritt zurück, ohne Nick aus den Augen zu lassen.

„Das heißt, es ist nicht immer klug, einen Marine zu erpressen.“

Er musterte sie prüfend. Sein Blick wirkte fast drohend, und seine Kiefernmuskeln waren sichtlich angespannt. Er hatte die Zähne fest aufeinandergebissen. Offenbar versuchte er, sie einzuschüchtern. Das hätte ihm vermutlich mühelos gelingen können, hätte sie nicht bereits drei Wochen in seiner Gesellschaft verbracht und ihn anders erlebt. Dadurch wusste sie ganz genau, dass Nick Paretti, gleichgültig wie wütend er wurde, immer ein Gentleman blieb.

„Wissen Sie was?“, meinte Gina. „Mit Ihrem grimmigen Gesicht jagen Sie vielleicht irgendwelchen Rekruten Angst ein, aber bei mir hat es keine Wirkung.“

Er stöhnte, fuhr sich mit einer Hand durchs Haar und murmelte etwas Unverständliches vor sich hin, was sie nicht ganz verstand. Vermutlich ist das besser so, dachte sie. Er ist bestimmt stinksauer auf mich.

„Womit kann ich Sie denn verschrecken?“

Eigentlich müsste sie sich vor den Gefühlen fürchten, die er bei ihr erzeugte. Leider sehnte sie sich jedoch danach, diese Gefühle auszukosten. „Sie machen mehr aus der Sache als dran ist“, erklärte sie ihm und legte ihm beschwichtigend eine Hand auf den Arm.

„Entschuldigen Sie“, erwiderte er und rieb sich den Nacken. „Aber ich bin noch nie erpresst worden.“

„So schlimm wird das nicht“, meinte Gina und zog ihre Hand zurück. Sie hatte deutlich seine angespannten Muskeln gefühlt.

„Für Sie vielleicht nicht.“

Um Himmels willen. Das war doch kein Weltuntergang. Es handelte sich nur um einen Tanzwettbewerb. „Ehrlich, Nick, man könnte glauben, ich hätte Sie gebeten, mit einer Wasserpistole gegen Terroristen vorzugehen.“

Einen Augenblick lang schaute er sie fast hoffnungsvoll an. „Das wäre einfacher für mich.“

Gina lachte, und er ließ sich widerstrebend zu einem Lächeln hinreißen.

„Na prima, dann nehmen wir eben an dem Wettbewerb teil“, gab er nach.

„Großartig.“ Lächelnd griff sie in ihre Handtasche und suchte nach den Wagenschlüsseln.

„Aber wenn wir schon an diesem dämlichen Wettbewerb teilnehmen, dann müssen wir unbedingt auch dafür sorgen, dass wir gewinnen“, fügte er hinzu.

„Der Ansicht bin ich auch“, stimmte sie ihm zu und runzelte die Stirn, weil sie in ihrer Tasche nicht fand, was sie suchte. Erneut kramte sie darin herum. Ihre Suche war jedoch vergebens.

„Das bedeutet zusätzliches Üben.“

„Was?“ Sie schaute verwundert auf.

„Mit drei Mal die Woche schaffen wir es nicht, Gina. So wie ich das sehe, werden wir fast jeden Abend, an dem wir keinen Unterricht haben, üben müssen.“

„So oft?“

„Jeder Soldat kann Ihnen bestätigen, dass man alle Punkte immer wieder durchexerzieren muss, um für den Ernstfall gewappnet zu sein.“

„Wird das Tanzen jetzt zu einem militärischen Manöver umgestaltet?“, erkundigte sie sich etwas spitz.

„Wenn es hilft.“

„An zusätzliches Üben habe ich nicht gedacht“, räumte sie ein und holte, immer noch auf der Suche nach den Schlüsseln, ein paar Sachen aus ihrer Umhängetasche. „Hier“, meinte sie und drückte ihm das Zeug in die Hände, „halten Sie mal.“

Automatisch hielt er die Hände auf, und Gina begann ein Teil nach dem anderen hineinzulegen. „Was zum Donnerwetter …?“

„Ich denke aber, das wird möglich sein, außer Freitagsabends, da habe ich Unterricht.“

Nick starrte auf den wachsenden Berg verschiedener Utensilien. „Also, wenn Sie nicht die Zeit haben …“

„Ich werde mir Zeit dafür nehmen“, versicherte sie ihm und legte wieder ein paar Teile in seine Hände. „Meinetwegen können wir bei mir üben.“

„Haben Sie denn Platz genug?“

„Na ja, mein Zimmer ist kein Ballsaal“, gab sie zu. „Aber es wird sicher gehen.“

Obwohl sie sich insgeheim eingestand, dass ihre kleine Wohnung über der Garage, die sie von Marie übernommen hatte, als ihre Schwester Davis geheiratet hatte und in eine größere Wohnung gezogen war, sehr eng erscheinen würde, sobald dieser Mann in ihrem Zimmer stände. Vielleicht war das mit dem Üben doch keine so eine gute Idee. Sie brachte sich möglicherweise damit nur in größere Schwierigkeiten. Wenn sie schon bei kleinen Berührungen so heftig auf ihn reagierte, musste sie doch davon ausgehen, dass enger Körperkontakt nur gefährlich werden konnte.

Aber ehe sie noch darüber nachdenken konnte, meinte Nick: „Wissen Sie, das ist ziemlich komisch.“

„Was? Wie bitte?“ Sie legte ihr Handy, einen Schokoladenriegel und einen kleinen Schraubenzieher auf den Stapel, den er bereits in Händen hielt.

„Na, das hier“, erklärte er. „Ich bin bislang keiner Frau begegnet, die ein halbes Sandwich, eine Taschenlampe und das Taschenspiel ‚Flottenmanöver‘ in ihrer Handtasche mit sich herumträgt.“

Sofort verteidigte sie sich ein wenig gereizt: „Ich habe heute Mittag keine Zeit gehabt, um das Sandwich aufzuessen; auf Parkplätzen ist es abends schon mal dunkel, und mein Neffe mag das Spiel.“ Endlich! Sie hielt die Schlüssel hoch, als hätte sie eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen ergattert.

„Die Handtasche wiegt bestimmt so viel wie das Marschgepäck eines Soldaten.“

„Was?“ Rasch steckte sie ihren Schlüssel in ihre Jackentasche und beförderte sämtliche Sachen aus seinen Händen zurück in die Tasche. Bei jeder noch so flüchtigen Berührung seiner Hände durchzuckte es sie, als flösse auf geheimnisvolle Weise Strom von ihm zu ihr.

Er musterte sie verwundert. „Es überrascht mich, dass eine zierliche Frau wie Sie von dem Gewicht der Tasche nicht umfällt.“

Gina hängte sich den Tragegurt höher über die Schulter. „Ich bin klein, ja, aber hart im Nehmen.“

Nick betrachtete sie eingehend, und sein Blick entfachte ein wahres Feuer in ihrem Innern. „Das ist mir aufgefallen.“

Auch das noch. Jetzt steckte sie wirklich in ernsthaften Schwierigkeiten. Aber es war einfach zu spät, sich da herausretten. Schließlich war es ihre Idee gewesen, an dem Wettbewerb teilzunehmen. Wenn sie jetzt einen Rückzieher machte, würde er wissen wollen, warum. Sie konnte ihm jedoch unmöglich gestehen, dass sie plötzlich Angst davor hatte, etwas Verrücktes zu tun, wenn sie so viel zusammen waren. Außerdem wollte sie unbedingt bei dem Wettbewerb mitmachen.

„Hören Sie“, begann sie und verspürte plötzlich das Bedürfnis, etwas Abstand zu gewinnen. „Kommen Sie morgen um sieben zu mir, dann können wir über die Übungszeiten reden, ja?“

„In Ordnung“, pflichtete er ihr bei und öffnete ihr die Wagentür, nachdem sie aufgeschlossen hatte. Während sie hinter das Steuer glitt, erkundigte er sich: „Wollen Sie mir nicht sagen, wo Sie wohnen?“

„Oje! Natürlich.“ Automatisch fasste sie nach ihrer Tasche. „Ich werde es Ihnen aufschreiben.“

Er stützte sich mit einem Arm auf dem Wagendach auf und beugte sich zu ihr herunter. „Vergessen Sie es“, erklärte er. „Sagen Sie mir die Adresse. Ich habe nicht mehr so viel Geduld, Ihnen zuzusehen, wie Sie Ihre Sachen erst sortieren müssen.“

Stirnrunzelnd schaute sie zu ihm auf. „Sind Sie zu allen Frauen so zuvorkommend? Oder nur mir gegenüber?“

Er dachte einen Augenblick darüber nach, dann nickte er. „Eigentlich nur zu Ihnen.“

„Wunderbar.“

„Hören Sie, Erpresserinnen dürfen nicht damit rechnen, dass man sie mag“, konterte er, und bei diesen Worten huschte ein Lächeln über sein Gesicht.

Für einen kurzen Augenblick empfand Gina ein schlechtes Gewissen, aber das verdrängte sie sofort wieder. Gut, erpressen hätte sie ihn wirklich nicht sollen, aber er hatte sie auf die Idee gebracht, weil er die Frau des Colonels belogen hatte. Warum sollte sie sich den Kopf zerbrechen, wenn er eigentlich hätte nur die Wahrheit sagen müssen?

So. Jetzt fühlte sie sich gleich wieder besser.

„In Ordnung“, erwiderte sie. „Ich kann mich nach Ihnen richten. Das macht mir nichts aus.“

„Wenn Sie sich nach mir richten würden, Prinzessin, würden wir nicht an dem Wettbewerb teilnehmen“, entgegnete er leise.

Sie holte tief Luft und atmete langsam aus. „Hören Sie, ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich kann nicht den ganzen Abend hier stehen bleiben und mich mit Ihnen streiten. Ich muss morgen sehr früh raus.“

„Ich auch. Also geben Sie mir Ihre Adresse, dann können wir uns verabschieden.“

Das tat sie. Dann schlug sie die Wagentür so heftig zu, sodass er erschrocken zurückwich. Gleich darauf drehte sie den Zündschlüssel und startete den Motor. Erst da fiel ihr auf, dass er noch da stand und sie beobachtete.

Empört kurbelte sie das Fenster herunter und schaute ihn an. „Was ist denn noch?“, fuhr sie ihn unbeherrscht an.

„Nichts.“ Er schob seine Hände in die Taschen und hob kurz die Schultern an. „Ich wollte nur darauf achten, dass Sie sicher loskommen.“

Unwillkürlich wurde ihr warm ums Herz. Selbst wenn er sich mit ihr über jede Kleinigkeit stritt, so hielt er auf einem dunklen Parkplatz Wache für sie. Wenn er streitsüchtig war, wurde sie leicht mit ihm fertig. Aber wenn er anfing, nett zu werden … „Sind Sie allen Erpressern gegenüber so rücksichtsvoll?“, fragte sie.

„Nein“, erwiderte er und schaute ihr dabei in die Augen. „Nur bei Ihnen.“

Ach du je! Auch das noch. „Also dann, vielen Dank“, sagte sie und wich seinem Blick aus. „Bis morgen.“

„Um sieben, jawohl.“

Gina beließ es dabei, trat aufs Gaspedal und ließ Nick Paretti allein auf dem Parkplatz zurück.

„Wie ist es, hast du Lust auf ein Billardspiel heute Abend?“, erkundigte sich First Sergeant Dan Mahoney.

Nick schaute von einem Stapel Papier auf, den er bearbeitete, und musterte seinen Freund kurz. Dan rieb sich insgeheim schon die Hände in und freute sich darauf, Nick wieder ein paar Dollar abzuluchsen. Das kam nicht von ungefähr. Er hatte vergangene Woche erst zwanzig Dollar von Nick beim Billardspielen gewonnen. „Nein, danke, ich bin beschäftigt.“

„Womit denn?“ Dan ließ sich Nick gegenüber im Stuhl nieder und schwang seine Füße auf die Schreibtischkante. „Oder sollte ich besser fragen, mit wem?“

Nick murmelte etwas Unverständliches vor sich hin und schaute seinen Gegenüber an. „Wie kommst du darauf, es könnte sich um eine Person handeln? Ich bin im Rückstand mit diesen Inventarunterlagen, habe jede Menge anderen Papierkram durchzuarbeiten und muss außerdem übermorgen mit meiner Kompanie einen Geländemarsch machen. Hört sich das etwa so an, als ob ich Zeit zum Billardspielen hätte?“

„Klingt für mich, als müsstest du dringend mal zur Abwechslung Billard spielen“, behauptete Dan lächelnd.

Was Nick hätte dringend tun müssen, war Gina Santini endlich zu vergessen. Doch es sah ganz so aus, als würde er in nächster Zeit nicht dazu kommen.

Er seufzte und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Dann warf er den Stift auf den Schreibtisch, hob seine Arme hoch und reckte sich, um die verspannten Muskeln zu lockern. Büroarbeit war er nicht gewohnt, und sie gehörte auch nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Er war schließlich nicht zum Militär gegangen, um hinter dem Schreibtisch zu hocken. Lieber bildete er einen Trupp Männer aus oder nahm an Manövern teil. Solche Aufgaben machten ihn glücklich. Doch mit einem Stift in der Hand am Schreibtisch vor einem Stapel Papier wurde er regelmäßig schon nach kurzer Zeit nervös.

Deshalb würde er niemals der Forderung seines Vaters nachgeben, die Marine zu verlassen und ins Familienunternehmen einzusteigen. Nick Paretti war kein Geschäftsmann. Er war mit Leib und Seele Soldat und würde bei der Marine bleiben, bis man ihn in Pension schickte.

Der einzige Vorteil, der sich ihm bei der Büroarbeit bot, war, dass er weniger Zeit hatte, an Gina zu denken und daran, worauf er sich eingelassen hatte. Es war schon schwer genug, die Hitze zu ignorieren, die zwischen ihnen entstand, wenn sie sich auf der Tanzfläche, umgeben von anderen Paaren, in den Armen hielten. Wie würde es sein, wenn sie allein wären? Noch dazu in Ginas Wohnung …?

Dem Vorschlag hätte er niemals zustimmen dürfen. Er hätte ihre Drohung gleich als Bluff enttarnen sollen. Vermutlich hätte sie es nicht gewagt, allein zu Party der Thorntons zu gehen und herumzuerzählen, woher sie ihn kannte. Doch zuzutrauen wäre es diesem kleinem Biest schon.

„Nick!“

„Was ist denn?“ Er blinzelte und merkte in dem Augenblick, dass sein Freund noch immer im Raum war.

Autor

Maureen Child

Da Maureen Child Zeit ihres Lebens in Südkalifornien gelebt hat, fällt es ihr schwer zu glauben, dass es tatsächlich Herbst und Winter gibt. Seit dem Erscheinen ihres ersten Buches hat sie 40 weitere Liebesromane veröffentlicht und findet das Schreiben jeder neuen Romance genauso aufregend wie beim ersten Mal.

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