Das Schankmädchen und der Söldner

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Im letzten Moment rettet Rhain das betörende Schankmädchen Helissent aus den Händen ihrer brutalen Angreifer und bietet ihr Begleitschutz auf der Flucht nach York. Ein Fehler? Helissent weckt längst vergessene Gefühle in Rhain; immer mehr fühlt er sich zu ihr hingezogen. Gefährlicher als Helissents Verfolger ist bald die unbezähmbare Leidenschaft, die zwischen Rhain und ihr brennt. Denn seit er sich als Söldner verdingen muss, ist ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt – jeder, dem er zu nahekommt, gerät ebenfalls ins Visier seiner Feinde! Trotzdem kann er nicht widerstehen, Helissent zu küssen, zu berühren …


  • Erscheinungstag 15.06.2021
  • Bandnummer 369
  • ISBN / Artikelnummer 0814210369
  • Seitenanzahl 256

Leseprobe

1. KAPITEL

Er war wieder da.

Helissent stieß hastig den Atem aus und rückte ein weiteres Mal die Krüge auf dem Tablett zurecht. Er war wieder da. Es war der zweite Abend, an dem er herkam, doch das war nicht der einzige Grund, wieso er ihr sofort aufgefallen war.

„Beeil dich, Mädchen, die Gäste haben Durst.“

Helissent drehte sich nicht zu Rudd um. Überhaupt sah sie ihn nie an, den Sohn des ehemaligen Wirts, der nun selbst der Wirt war. Sie versuchte keinerlei Notiz von ihm zu nehmen, doch das half ihr nicht weiter. Sein Blick war jeden Tag ein wenig berechnender als zuvor, so als wäre sie eine ihm ausgelieferte Mastgans, die schon bald lange genug gemästet sein würde.

„Wenn du noch länger nur da herumstehst“, fuhr er fort und schlug mit seinem Handtuch so in die Luft, dass es einen Knall erzeugte, „werde ich noch einen Krug mehr dazustellen und dich das Tablett auf dem Kopf tragen lassen.“

Würde er noch irgendetwas dazustellen, würde sie den Krug über seinem Kopf auskippen. Aber was würde ihr das bringen, außer dass sie dann ohne Obdach sein würde?

Sie setzte ein Lächeln auf, das ihre Narben umso ausgeprägter erscheinen ließ. Mit Unschuldsmiene erwiderte sie dann: „Ich will mich nur vergewissern, dass alles seine Ordnung hat, damit die Gäste bekommen, was sie haben wollen.“

Rudd ließ sich keine Reaktion auf ihr durch die Narben verzerrtes Lächeln anmerken. Das war die eine Sache, die ihr die größte Angst bereitete – dass sie ihn nicht erschrecken konnte. Jeder erschrak beim Anblick ihrer Narben, die von der Schläfe bis zu den Füßen die gesamte rechte Seite ihres Körpers überzogen. Diese Narben waren es, die Gäste auf der Durchreise davon abhielten, sich ihr zu nähern.

„Wenn du weiter versuchst, mir das Leben schwer zu machen, werde ich dafür sorgen, dass die Gäste das bekommen, was sie wirklich haben wollen …“, gab er zurück und wickelte sich das Handtuch um die zur Faust geballten Hand.

Sie nahm das Tablett an sich und überwand Wut und Angst, die an die Oberfläche drängten, was sie aber nicht zulassen durfte. In ihrem Dorf gab es nicht viele Straßen, auf denen sie hätte leben können, und ganz gewiss war niemand sonst bereit, ihr ein Dach über dem Kopf zu geben.

Dass dieses winzige Dorf überhaupt noch existierte, verdankte es einzig dem Umstand, dass es an Straße lag, die London und York miteinander verband. Die meisten Reisenden rasteten hier, blieben aber nicht über Nacht. Wie gern wäre sie auch von hier weggegangen. Aber sie konnte nirgendwohin. Hier im Dorf wussten die Leute, wieso sie so entstellt war. In jedem anderen Dorf und jeder Stadt hätte man geglaubt, sie wäre mit einem Fluch belegt. Oder, was noch schlimmer gewesen wäre, man hätte sie bemitleidet.

Hier dagegen nahm man einfach keine Notiz von ihr. Ausgenommen Rudd, eine Zeitlang der verlorene Sohn seiner Familie, der einen Monat nach dem Tod seiner Eltern hierher zurückgekehrt war. Er nahm Notiz von ihr, sehr sogar.

Also war es an ihr, einen großen Bogen um ihn zu machen und sich ganz auf die Gäste im Wirtshaus zu konzentrieren. Manche waren Reisende, der größte Teil bestand aus Stammgästen … und heute gehörte er auch wieder zu den Besuchern. Sie konnte spüren, dass er den Wortwechsel zwischen Rudd und ihr aufmerksam verfolgte.

Sie umrundete die schmale Theke, wich einem wankenden Mann aus und ging zu den Gästen, die am großen Fenster saßen, wo sie das Tablett in der Tischmitte absetzte. Für einen kurzen Moment hielt sie mit geschlossenen Augen inne, um den wärmenden Sonnenschein zu genießen, der durch das Fenster drang. Oft war das für sie die einzige Gelegenheit, um am Tag etwas von der Sonne zu erhaschen.

Dann lächelte sie die Gäste am Tisch freundlich an, Stammgäste, die ihr in die Augen sahen und ein paar freundliche Worte für sie übrighatten. Gäste, die schon ihre Familie und auch John und Anne gekannt hatten, die früheren Wirtsleute, die sie bei sich aufgenommen hatten, nachdem sie durch ein Feuer ihr Zuhause und ihre Familie verloren hatte.

Seitdem war sie für jede freundliche Geste dankbar, die ihr zuteilwurde. Das war vermutlich auch der Grund, wieso ihr Blick immer wieder zu ihm wanderte. Zu dem Mann, der weiter hinten an einem in Schatten getauchten Tisch saß. Doch obwohl er sich drinnen aufhielt, schob er nie die Kapuze nach hinten.

Er beobachtete sie, was sie bei jedem anderen Mann wütend gemacht und sie dazu veranlasst hätte, den Kopf so zu drehen, dass die Gaffer ihre Narben ganz genau sehen konnten. Sie mochte es, wenn die Männer vor Schreck zusammenzuckten oder vor Scham einen roten Kopf bekamen und sich wegdrehten.

Ihr gefiel es nicht etwa, weil es ihnen unangenehm war, sondern weil sie selbst dadurch an ihre Schande, ihre Feigheit und all den Schmerz erinnert wurde, der mehr als verdient war.

Doch bei dem Mann im Schatten legte sie es nicht darauf an, ihn zu erschrecken, denn er hatte Rudd gesagt, ihre Honigküchlein seien einzigartig gut. Deshalb war er heute auch hierher zurückgekehrt. Er hatte weitere Küchlein bestellt und im Voraus dafür bezahlt, und nun war er hier, um sie abzuholen.

Aus einem unerfindlichen Grund verspürte sie eine innere Unruhe, während sie an ihm vorbeiging, um zur Küche im hinteren Teil des Gebäudes zu gelangen. Den Kopf hatte er ein wenig nach vorn gebeugt, sodass sie seine Augen immer noch nicht erkennen konnte, dennoch nickte sie zum Gruß. Früh am Morgen war sie aufgestanden, um fünfundzwanzig Küchlein zu backen. Sie wurde ob ihrer Backkunst oft gelobt, jedoch hatte noch nie zuvor jemand darum gebeten, so viele Küchlein gebacken zu bekommen. Sie war bis dahin keinem Mann mit einer solchen Vorliebe für Süßes begegnet, sodass sie es gewagt hatte, Rudd auf den Fremden anzusprechen.

Rudd kannte seinen Namen nicht, wusste aber, dass er mit fast zwanzig anderen Männern vor ein paar Tagen hier angekommen und nun so wie sie in einem der Gasthäuser am Dorfrand untergebracht war. Eigentlich nur Reisende, doch zwei von ihnen trugen Sporen. Nämlich dieser Mann, der sein Gesicht unter der Kapuze verbarg, und ein anderer, der so enorm groß war, dass er den Kopf einziehen musste, um sich nicht an den Deckenbalken zu stoßen.

Am ersten Tag hatten er und die anderen Männer auf verschiedene Tische verteilt gesessen. Es wurde viel geredet, manchmal in einer Sprache, die ihr fremd war. Die Männer wandten sich in Abständen mit irgendwelchen Anliegen oder Fragen an den Mann mit der Kapuze. Weder sah sie sein Gesicht noch konnte sie seine Stimme hören, obwohl seine Leute zu Letzterem in der Lage sein mussten. Schließlich lachten sie über manches, was er zu ihnen sagte, dann wieder nickten sie, als würden sie ihm zustimmen. Es war offensichtlich, dass er in der Rangordnung über ihnen stand.

Fasziniert beobachtete sie die Gruppe, wann immer sich eine Gelegenheit ergab. Sie fragte sich, wer diese Männer wohl waren und wohin sie als Nächstes reisen würden. Nicht dass es sie etwas anging, aber es war für sie selbst ein kleines Vergnügen, das sie sich erlauben konnte.

Am zweiten Tag kamen nur er und der Riese her. An dem Tag hätte sie schwören können, dass er sie nicht aus den Augen ließ. Bei dieser Gelegenheit trug er anders als zuvor keine Sporen, dennoch war sie sich sicher, dass es sich bei ihm um einen Ritter handelte. Die Kleidung, die er anhatte, war nicht von besonderer Qualität, doch es war nicht zu übersehen, mit welcher Eleganz er sich bewegte. Er war von großer, schlanker Statur, und seine Haltung hatte nichts mit der jener Bauern gemeinsam, die in diesem Dorf und in der Umgebung zu Hause waren.

Auch konnte er nicht das Schwert unter seinem Mantel verbergen, das er bei sich hatte. Es wirkte wie ein Teil von ihm – ein natürlicher, räuberischer, tödlicher Teil.

Am dritten Tag tauchte nur er im Wirtshaus auf. Es war der Tag, an dem er seine Bestellung abholen wollte. Während sie die Küchlein mit großer Sorgfalt in die Reisetaschen packte, wanderte ihr Blick zu den Tischen. Sie fragte sich, ob er wohl diesmal den Kopf heben würde, sodass sie sein Gesicht sehen konnte.

Rhain betrachtete die Gäste in diesem schäbigen Wirtshaus, das sich in nichts von den Hunderten anderen unterschied, in die er in den letzten fünf Jahren eingekehrt war. Für Söldner wie ihn und seine Männer zählten nur die Lage eines solchen Wirtshauses und die Frage, welche Informationen es dort zu sammeln gab. Hier traf weder das eine noch das andere zu. Das Einzige, was dieses Dorf zu bieten hatte, waren Schafe in sehr großer Zahl. Selbst wenn ein kräftiger Wind über das Land hinwegfegte, waren der Geruch und der Lärm unverkennbar, den Schafe verursachten.

Nur wenige Tagesritte entfernt lag in nördlicher Richtung Tickhill Castle, inzwischen dem Befehl des Königs unterstellt und von großer strategischer Bedeutung. In einer Burg wie dieser mit all ihren Annehmlichkeiten würde man ihn und seine Leute willkommen heißen. Zu Beginn dieser Reise war es seine Absicht gewesen, dort unterzukommen, denn eine Burg war genau der richtige Ort, um an viele Informationen zu gelangen. Doch das konnte er sich jetzt nicht länger erlauben. Stattdessen hatte er entschieden, im Verborgenen zu bleiben, was nichts mit seinem Broterwerb als Söldner zu tun hatte. Daher hatte er in diesem heruntergekommenen Dorf Halt gemacht.

Die Quartiere ein Stück weiter die Straße entlang boten angemessenen Schutz vor dem Regen, doch dieses Wirtshaus …

Rhain ließ den Kopf sinken, als die Frau an seinem Tisch vorbeikam. Dennoch registrierte er, dass sie ihn grüßte. Es wäre schwierig gewesen, diese Frau nicht zu bemerken. Als er vor zwei Tagen das Wirtshaus zum ersten Mal betreten hatte, wäre ihm beinahe die Kapuze vom Kopf gerutscht. Die Frau hatte dort am Tresen gestanden und Krüge sortiert, als er die Tür zum Lokal geöffnet hatte. Der Sonnenschein hatte sie erfasst, und auch wenn er sie nur im Profil gesehen hatte, war das für ihn Grund genug gewesen, so plötzlich stehen zu bleiben, dass seine Männer gleich hinter ihm ihn fast umgerannt hätten.

Sie war einfach nur wundervoll. Diese perfekte Blässe ihrer Haut, die dichten Wimpern. Das Licht im Schankraum reichte nicht aus, um die Farbe ihrer Haare genauer zu bestimmen, aber es musste in etwa kastanienbraun sein. In vollen Wellen fiel es ihr lang über den Rücken. Dann hob sie das Tablett, und er konnte den Schwung ihrer Kurven sehen. Ihm entging auch nicht die anmutige Art, mit der sie sich bewegte. In dieser Spelunke war mit ihr eine Frau zugegen, die ins Bett eines Königs gehörte.

Er musste es schließlich wissen. Er war von Reichtum und Privilegien umgeben aufgewachsen, er kannte den König persönlich, von daher wusste er um die Besonderheit einer Frau wie ihr. Aber ihre Anwesenheit war nicht das Einzige, was ihn wunderte.

Es war der Abstand, den alle Gäste zu ihr hielten. Um diese Zeit war das Wirtshaus gut besucht, und eigentlich hätte die Frau damit beschäftigt gewesen sein müssen, sich zumindest die betrunkeneren Männer vom Leib zu halten. Wäre sie jemandes Ehefrau oder Schwester gewesen, hätten einige der Männer auf eine freundliche, vertraute Weise mit ihr reden müssen. Stattdessen tat jeder so, als würde er sie nicht sehen …

Es war, als wäre sie eine Aussätzige. Während sie die Krüge zurechtrückte und als sie dann das Tablett hochnahm, um sich zu den Gästen umzudrehen, kehrten ihr alle beharrlich den Rücken zu.

Die Tür fiel hinter ihm zu, und dann auf einmal konnte er sehen, was ihr Profil von der linken Seite aus betrachtet verborgen hatte. Im gleichen Moment begriff er, warum sie in einem Schankraum voller trinkfreudiger Männer unbehelligt blieb. Ihre rechte Seite war von Narben übersät, allem Anschein nach vor langer Zeit verheilte Verbrennungen. Ihr musste Schlimmes widerfahren sein.

Er beobachtet sie weiter. Es kam ihm so vor, als hätte ihr Anblick etwas in ihm berührt. Sie machte ihn … neugierig. Er vermochte nicht zu sagen, was genau ihn ansprach. Es hatte nicht nur damit zu tun, dass sie sich allein durch ihr Geschlecht von jedem hier abhob. Es war etwas an ihrer Art. Dem Wirt begegnete sie sichtlich mit Argwohn, während sie zu den Gästen freundlich war. Und sie hatte etwas Kämpferisches an sich, als würde sie darauf bestehen, Reisenden wie ihm ihre Narben zu zeigen.

Also ließ er sie auch nicht aus den Augen, während er an einem Tisch weiter hinten Platz nahm, dünnes Ale trank und auf Speisen wartete, die für diese schäbige Spelunke einfach viel zu köstlich waren.

Der Wirt selbst war ein hünenhafter Tölpel, dessen schmieriges Verhalten Rhain verärgerte. Auch wenn er überall auf der Welt schon viel Grausames zu sehen bekommen hatte, störte er sich in zunehmendem Maß daran, mit welchen Worten der Wirt über die Frau herzog. Mehr als einmal verspürte er den Wunsch, nach seinem Dolch zu greifen und ihn in Richtung des Wirtes zu schleudern. Es war ein beunruhigendes Verlangen, denn normalerweise hatte er sich immer gut im Griff.

Dennoch kam er zum Essen wieder her, da es ihm so ausgezeichnet schmeckte, was er niemals erwartet hätte. Zugegeben, die Stücke Fleisch, die im Eintopf schwammen, sahen kläglich aus, und das Gemüse schmeckte nicht frisch. Aber anstatt den Eintopf mit Fett und Knorpel zu strecken, waren Kräuter und Gewürze hineingegeben worden. Das Mehl für die kleinen Brote musste sorgfältig gesiebt worden sein, da der Teig leicht und locker war. Auch ihm war mit einem Hauch von Kräutern zu einem einzigartigen Geschmack verholfen worden. Vom Wirt wusste er, dass sie fürs Kochen zuständig war.

Das Dorf war winzig und ein Reinfall, was brauchbare Informationen anging. Für seine üblichen Geschäfte war es damit gänzlich ungeeignet, und eben deshalb würde ihn hier niemand vermuten. Außerdem waren seine Männer hier geschützt untergebracht und mussten keinen Hunger leiden. Es war schon sehr vielsagend gewesen, dass keiner von ihnen irgendeinen Einwand dagegen erhoben hatte, als er entschieden hatte, dass sie für ein paar Tage hier verweilen würden.

Und da hatte er noch nicht geahnt, dass man ihm hier Küchlein servieren würde, die einerseits leicht und locker, andererseits aber mit so viel Honig zubereitet worden waren, dass jedes Stück damit getränkt war. Der Wirt mochte zwar ein großer Einfaltspinsel sein, aber sein Können in der Küche war unerreicht.

Zwei Beutel wurden ihm auf den Tisch gestellt. Es war die Frau, die sie ihm brachte. Die eine Hand war makellos, die andere von einem Geflecht aus Narben entstellt. Narben, die ihr von einem Feuer zugefügt worden sein mussten, das auch ihre rechte Gesichtshälfte und die rechte Seite ihres Halses erfasst hatte – und ohne Zweifel den Rest ihrer rechten Seite, wenn er danach urteilte, wie sie sich bewegte. Eine Seite wunderschön, die andere verunstaltet.

Bedächtig legte er den Kopf ein wenig in den Nacken, nicht zu weit, damit die Kapuze nicht ins Rutschen geriet, aber weit genug um ihre Augen sehen zu können, deren Farbe er nicht erahnen konnte. Grün? Grau? Braun? Nein, er konnte die Augenfarbe auch jetzt nicht bestimmen. Auf jeden Fall waren sie klar und strahlten Verstand, Skepsis und einen Funken Stolz aus.

Die Narben ihrer Brandverletzungen hatten den äußeren Augenwinkel ein klein wenig nach unten gezogen und auch ihre vollen Lippen hatten ein wenig gelitten. Ihre Nase war völlig unversehrt geblieben, während Wange und Ohr tief zerfurcht waren.

Es war das erste Mal, dass er es gewagt hatte, ihr ins Gesicht zu sehen. Gerade er wusste nur zu gut, wie es sich anfühlte, wenn man von anderen angestarrt wurde. So verlockend es auch war, versuchte er diese Frau nicht unentwegt mit seinen Blicken zu verfolgen. Und dennoch …

Ihre Stimme klang melodisch, sie drückte sich kultiviert aus und redete mit einem Anflug eines französischen Akzents. Ihre Zähne waren weiß und ebenmäßig. Es war genauso widersprüchlich wie alles an ihr und diesem Wirtshaus.

Eine heruntergekommene Gaststätte, in der gleichzeitig gute Speisen serviert wurden. Eine Frau, die wunderschön und zugleich entstellt war. Eine Stimme, die von Freude hätte erfüllt sein sollen, die aber nur Traurigkeit verbreitete.

Es war diese Traurigkeit, die er so deutlich hören konnte. Seine Hände zitterten beinahe, als er ein paar Silbermünzen aus dem Beutel nahm und auf den Tisch legte. Vermutlich mehr als eigentlich nötig, doch er wagte es nicht nachzusehen, da sie sonst seine momentane Schwäche bemerkt hätte. Niemand sollte seine Schwäche zu sehen bekommen.

„Bis morgen benötige ich noch fünfzig Stück.“

Ihre Hände zuckten, als hätten seine Worte sie überrascht. „Fünfundzwanzig kann ich bis morgen früh backen, die anderen fünfundzwanzig bis zum Nachmittag. Die Öfen sind für fünfzig Küchlein zu klein.“

„Ich werde am Morgen abreisen, und ich benötige fünfzig Stück. Ich bezahle auch den doppelten Preis.“

Sie sah kurz zu ihm, dann schob sie mit ihrer unversehrten Hand die Münzen zur Tischkante. Ihre Bewegungen waren elegant, aber viel auffälliger war, dass sie dabei kein Geräusch verursachte. Sie benahm sich, als wollte sie niemanden wissen lassen, dass sie viele Münzen einsteckte.

Abermals wagte er es, sie anzuschauen, auch wenn er ihr dabei die Gelegenheit gab, einen Blick auf sein Gesicht zu werfen. Niemand durfte ihn sehen – nicht seiner eigenen Sicherheit wegen, sondern um seine Männer zu schützen. Er war nicht bereit, ihre Neugier zu stillen, auch wenn er ihr die deutlich anmerkte, da es ihm ähnlich ging.

Ihre Miene war undurchschaubar. Bei genauerem Hinsehen entpuppte sich ihr Gesicht als gar nicht so verheerend vernarbt. Die Narben waren etwas harmloser und blasser und in ein helles Rosa getaucht. Die tiefen Furchen auf ihrem Handrücken standen allerdings für eine ganz andere Geschichte. Entgegen seiner Annahme war ihre Hand keineswegs nur kurz von Flammen versengt worden. Solche Verletzungen konnten nur über einen längeren Zeitraum entstanden sein.

Noch eine Münze fiel in ihre aufgehaltene Hand, den Rest ließ sie auf dem Tisch liegen. „Das ist zu viel. Es ist mehr als das Doppelte.“

Ah, sie hatte also mitgerechnet. Kultiviert klingender Tonfall, und auch noch gebildet. Widersprüche, die seine Neugier nur noch mehr anstachelten. Es war schon gut, dass er morgen früh aufbrechen musste. Seit Jahren hatte ihn nichts und niemand mehr neugierig gemacht. Und jetzt hatte er keine Zeit, um seine Neugier zu befriedigen.

„Dann nehme ich so viele Küchlein, wie morgen früh fertig sind“, sagte er.

Sie ließ die überzähligen Münzen auf dem Tisch liegen. Auch noch ein ehrliches Wirtshaus.

„Der Rest ist für Euch“, sagte er. Obwohl er den Kopf nicht hob, um sie anzuschauen, konnte er sehen, dass sie den Kopf schüttelte.

„Der doppelte Preis wird genügen“, erwiderte sie. „Ich werde mit dem Wirt reden, aber ich habe keinen Zweifel daran, dass Ihr Eure Küchlein bekommen werdet.“

Behagen erfüllte ihn. Noch eins von diesen Gefühlen, für das er keine Zeit hatte. Aber wenn ein paar Münzen ihm solch köstliche Empfindungen bereiteten – wenn auch nur für einen Moment –, dann würde er das zu seinem Vorteil nutzen. So wie er immer alles zu seinem Vorteil nutzte. Es lag ihm im Blut, und derzeit sogar noch mehr als sonst.

„Vielen Dank!“, rief er ihr nach, als sie wegging. Er schnürte einen der Beutel auf, die vor ihm auf dem Tisch standen, und nahm ein Küchlein heraus. Es war noch warm, und das Aroma von Butter und Honig war so intensiv, dass es den muffigen Geruch im Wirtshaus überlagerte. Das Küchlein lag perfekt in seiner Hand, der Teig federte leicht, als er den ersten Bissen probierte.

Er wusste, der Geschmack war sogar noch viel besser, wenn man diese Speise aus der Düsternis dieses Wirtshauses herausholte. Als Mann von seinem Reichtum und Status, als Mann, der sein Geld mit seinen Fertigkeiten als Söldner und mit Diplomatie verdiente, wusste er um die hohe Kunst der Geduld. Er konnte warten, bis er die Unterkünfte seiner Männer erreicht hatte – er wollte es nur nicht.

Küchlein. Für die meisten ein schnelles Vergnügen, aber für ihn umso kostbarer, seit ein Preis auf seinen Kopf ausgesetzt worden war.

2. KAPITEL

Es ist schon spät. Ich übernehme die erste Wache“, erklärte Rhains Stellvertreter und ältester Freund Nicholas, der eben sein Stück Brot aufgegessen hatte und sich die Finger an seiner Hose abwischte.

„Nein, das ist meine Wache“, sagte Rhain und aß das letzte Küchlein auf. Zwei seiner Männer mochten sie nicht. Narren, dachte er über sie. Doch dass sie ablehnen würden, hatte er schon gewusst, und genau deshalb hatte er sie auch gekauft. „Du hast mit den Männern den ganzen Tag über Kampfübungen gemacht. Du hältst heute Nacht gar nicht Wache.“

„Habe ich etwa mehr getan als du?“

„Ich habe eine Pause eingelegt.“

„Ah, richtig. Dein Ausflug zum Wirtshaus.“

„Ich musste noch warten, bis die Küchlein fertig waren.“

Nichts davon traf zu, doch Rhain wusste, dass Nicholas das verstand. Sie führten eine Unterhaltung, die von den anderen Männern mitangehört werden konnte. Von den Männern, die er seit fünf Jahren für ihre Loyalität gut entlohnte. Fünf Jahre zu einer Gruppe zu gehören, war unter Söldnern eine lange Zeit, vor allem mit Blick auf ihre Loyalität.

Soweit er wusste, standen sie immer noch loyal zu ihm, und bis vor zwei Monaten hatte er ihnen blind vertrauen können. Außerdem konnte er sicher sein, dass er Nicholas immer noch vertrauen konnte, da sie beide gemeinsam an Edwards Hof großgezogen und ausgebildet worden waren.

Was den Rest der Männer anbetraf, galt das Gleiche wie für jeden Söldner: Loyalität konnte von dem erkauft werden, der den höchsten Preis bot. Folglich war sein Vertrauen in diese Männer nicht mehr grenzenlos. Momentan befanden sie sich auf dem Weg in den Norden, um sich mit den Kriegern zu treffen, die König Edward dort zusammenzog. Sollte er vorher zu Tode kommen, dann würde Nicholas derjenige sein, der sie für ihre Dienste bezahlte. Er erwartete von ihnen nicht, dass sie um ihn trauerten. Sie waren nicht seine Freunde. Er wollte auch keine Freunde haben.

Anfangs hatte er versucht Nicholas loszuwerden, der sich ihm angeschlossen hatte, nachdem er gut ein Jahr auf Reisen gewesen war. Schließlich hatte er aufgegeben. Er erlaubte sich in seinem Leben einige Privilegien, aber nicht alles. Vertrauen, Loyalität und Freundschaft hatten ihre Grenzen, da das von ihm geführte Leben eine Lüge war. Doch das war etwas, womit er Nicholas nicht belasten wollte.

Eine Lüge und eine Suche. Als er vor fünf Jahren sein Zuhause in Wales verlassen hatte, da war er von Hass erfüllt und von Rachsucht getrieben gewesen. Und davon, Fehler der Vergangenheit zu berichtigen. Und seinen Vater zu finden und von ihm Antworten zu fordern.

Wer sein Vater war, wusste er nicht. Die bittere Ironie war dabei, dass er bis vor fünf Jahren auch nicht gewusst hatte, wer seine leibliche Mutter war. Es war ein schreckliches und todbringendes Geheimnis gewesen. Sein Leben lang hatte Rhain geglaubt, er wäre der zweitgeborene Sohn von William, Lord of Gwalchdu, und dessen Ehefrau Ellen. Demnach wäre er auch der jüngere Bruder von Teague gewesen, dem derzeitigen Lord of Gwalchdu.

Es war ein gutes Leben gewesen, bestimmt von Wohlstand und Privilegien – und von der Tatsache, dass er als der zweitgeborene Sohn keinerlei Pflichten zu übernehmen hatte. Diesen Umstand hatte er immer genossen, denn es war sein älterer Bruder Teague, der die schwierigen Entscheidungen treffen musste.

Als Rhain zur Welt kam, starb seine Mutter noch bei der Geburt, und sein Vater William war nur wenige Augenblicke zuvor getötet worden. Daher wurde Teague mit gerade einmal fünf Jahren der Lord of Gwalchdu und ein walisischer Herr der Marken. Nachdem Teague von einem walisischen Prinzen hintergangen worden war, wandte er sich dem englischen König Edward zu und schwor ihm die Treue.

Rhain war viel zu jung, um ein politisches Verständnis zu haben, aber er verehrte seinen Bruder und zweifelte nie an dessen Loyalität, die immer der Familie und Gwalchdu galt. Rhain wurde von König Edward erzogen und ausgebildet, ehe er nach Gwalchdu und zu seinem Bruder zurückkehrte, der Schwierigkeiten hatte.

Erst nach großer Mühe kam ans Licht, dass Teague von Schwester Ffion bedroht wurde, der Schwester von Ellen. Schwester Ffion litt zeitweise an Wahnsinn und Krampfanfällen. Mit dieser Krankheit hatte sie ihr Leben lang gerungen, begleitet von Gerüchten, dass das Blut des Teufels durch ihre Adern floss.

Nachdem sie gefasst worden war, starb Schwester Ffion, doch zuvor konnte sie noch das schreckliche Geheimnis preisgeben, dass nämlich sie die leibliche Mutter von Rhain war. Sie tat ihren letzten Atemzug ohne ein Wort darüber zu sagen, wer sein Vater war. Lediglich eine Halskette hatte sie ihm hinterlassen, die ihren Worten zufolge ein Hinweis auf seinen Vater darstellte.

Seit fünf Jahren versuchte er nun, diesen und andere Hinweise zu entschlüsseln, die er auf seiner Reise bekam. Wahrscheinlich war sein Vater der Hauptmann der ehemaligen Soldaten von Gwalchdu gewesen. Ein Stück einer Stickerei legte die Vermutung nahe, dass die Kette ursprünglich nicht nur aus silbernen Gliedern bestanden hatte, sondern dass auch ein großer Anhänger dazugehört haben musste, den sein Vater vermutlich mitgenommen hatte.

Rhain hatte herauszufinden versucht, in welche Richtung der Hauptmann gereist sein mochte, doch dieser Weg führte zu nichts. Also hatte er sich darangemacht, die Goldschmieden aufzusuchen, die derartige Halsketten anfertigten oder verkauften – in Spanien und Frankreich, in Wales und in London.

Während dieser Reisen hatte er mit dem Schwert seinen Lebensunterhalt bestritten und einen guten Ruf erlangt, der sich herumsprach, was dazu führte, dass andere Söldner sich ihm anschlossen. Egal wo er war, überall stellte er Fragen, weil er Antworten haben wollte. War Schwester Ffion wirklich seine Mutter? Warum hatte sein Vater sie verlassen? Wusste sein Vater, dass das Blut des Teufels durch ihre Adern geflossen war? Litt sein Vater auch unter Krämpfen?

Es waren ganz einfache Fragen. Ein goldenes Leben war innerhalb von Augenblicken in einen Haufen rostiges Eisen verwandelt worden. Ein sorgenfreies Leben. Ein Leben, das ihm durch sein gutes Aussehen und seinen Reichtum Freunde und Frauen beschert hatte.

Jetzt hatte er keine Familie mehr. Sein Bruder war nicht sein Bruder, seine Mutter war tot.

Er war allein, und er würde allein bleiben, weil er das Blut des Teufels in seinen Adern hatte.

Seit dem Tag, an dem ihm klar geworden war, dass Schwester Ffion seine Mutter war. Eine Frau, die unter Krampfanfällen gelitten hatte. Auch wenn er selbst noch keinen dieser Anfälle erlebt hatte, konnte er gar nicht anders als an das Blut zu denken, das durch seine Adern strömte. Es war besudelt.

Als Folge davon konnte es für ihn keine Ehefrau und damit auch keine Kinder geben. Und damit auch keine Zukunft. Trotzdem hatte er sich ein Leben geschaffen, mit dem er durchaus zufrieden hätte sein können. Bis es zu dem Vorfall in London gekommen war. Nur Nicholas wusste davon, da er dabei gewesen war, als Rhain es abgelehnt hatte, Guy of Warston zu dienen, und er ihn in einem unüberlegten Akt getötet hatte. Nun war ihm Guys Bruder Reynold auf den Fersen. Eine der mächtigsten Familien Europas hatte ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Ein gedankenloser Augenblick, und prompt hatte er alles verspielt, was von seinem Leben noch übrig gewesen war. Zudem waren durch ihn seine eigenen Männer in Gefahr geraten.

Von dem sorglosen Mann früherer Zeiten war nichts mehr geblieben, und auch das beschauliche Leben, das er geführt hatte, existierte nicht länger. Das Einzige, was er jetzt noch tun konnte, war die Dinge wieder ins Lot zu bringen, indem er mit seinen Leuten Edwards Lager erreichte, damit sie dort geschützt waren. Nicholas wusste von all den Ereignissen, und vermutlich hatte man auf seinen Kopf auch einen Preis ausgesetzt. Was ihn anging, konnte Rhain nur hoffen, dass er lange genug lebte, um ihn vor dem Schlimmsten zu bewahren.

Dieses Dorf war klein, aber es lag an einer Hauptstraße, die von vielen Reisenden genutzt wurde. Er und seine Männer hatten sich überall einquartiert, wo man ihnen Unterkunft gewährt hatte, was aber auch hieß, dass sie auf verschiedene Häuser verteilt waren. Seine Hauptsorge galt Nicholas, doch selbst in diesem Augenblick konnte der Feind damit beschäftigt sein, das Dorf einzukreisen und eine Falle zu stellen. Er konnte hierbleiben und die anderen beschützen, doch das würde ihnen nicht genug Zeit geben, um sich den Vorteil zu verschaffen, den er sich erhoffte.

Rhain stand auf. „Ich bin rastloser, als ich dachte“, sagte er. „Ich werde noch einen Gang um das Dorf herum unternehmen, wenn du hier doch Wache hältst. Ich bin bald wieder da.“

Nicholas zog eine Augenbraue hoch, nickte dann aber nur.

Es gab keinen vernünftigen Grund, sich in diesem verschlafenen Dorf umzusehen. Mehr als ein Mann wäre nötig, um die Söldnertruppe zu besiegen. Aber ein einziger ausgebildeter Kämpfer würde genügen, um einen einzigen Mann zu schlagen. Rhains Leben mochte bedeutungslos sein, er mochte das Blut des Teufels in seinem Leib tragen. Doch er war fest entschlossen, vor seinem Tod noch seine Männer zu Edwards Lager zu bringen und damit eine gute Tat zu tun.

3. KAPITEL

Helissent legte das Tuch enger um sich, damit es sie vor der frischen Brise schützte. Der Frühling war zwar angenehm warm, doch wenn es Nacht wurde, brachte die Dunkelheit auch immer kalte Luft mit sich, die ihr nach der Hitze in der Küche besonders eisig vorkam.

In der ersten Zeit hatte die Hitze, die in der Küche herrschte, sie wegen ihrer empfindlichen Haut fast davon abgehalten, sich den Öfen zu nähern. Doch inzwischen wusste sie, wie sie sich davor schützen konnte. Zudem hatte sie sich an die stechende Hitze gewöhnt, weil ihr die Arbeit Freude bereitete. So auch in diesem Moment, obwohl sie erschöpft war, nachdem sie die Hälfte der bestellten Küchlein gebacken hatte – was sie in fast völliger Dunkelheit hatte erledigen müssen. Vor dem Morgen musste der Rest der insgesamt fünfzig Küchlein auch noch fertig sein, doch Rudd achtete peinlich genau darauf, dass die Bestände so sparsam wie möglich zum Einsatz kamen – und das galt auch für die Kerzen, in deren Schein sie am Abend arbeiten musste.

Sie konnte es nicht wagen, sich Rudds Zorn zuzuziehen, nur weil sie zu verschwenderisch mit den Kerzen umgegangen war. Von ihm erhielt sie nur einen bescheidenen Lohn dafür, dass sie zubereitete, was sie den Reisenden im Wirtshaus servierte. Es war alles, was sie hatte, aber ihr Stolz verlangte von ihr, dass sie das beste Essen weit und breit kochte.

Die mit Honig getränkten Küchlein waren mit das Beste, was sie backen konnte, das wusste sie genau. Sie hätte noch länger aufbleiben können, doch dann hätte sie riskiert, dass die Öfen zu heiß wurden. Es war besser, sie erst einmal ein wenig abkühlen zu lassen. Wenn sie früh am Morgen weitermachte, würden sie immer noch warm genug sein, um sie innerhalb kurzer Zeit wieder auf die erforderliche Temperatur zu bringen.

Sie stolperte und straffte die Schultern. Erschöpfung war ein zu harmloses Wort, um die Müdigkeit zu beschreiben, die ihr in den Knochen steckte.

Sie hatte buchstäblich den ganzen Tag gearbeitet, immerhin war sie ja schon früh am Morgen aufgestanden, um die Küchlein zu backen, die bis zum Vormittag hatten fertig sein sollen. Sie fühlte sich todmüde, und Rudd kannte erst recht kein Erbarmen. Seit er vor ein paar Monaten hergekommen war, ließ er sie doppelt so schwer arbeiten, obwohl er anders als seine Eltern weder alt noch gebrechlich war. Zum Ende hin hatte sie zu ihrer eigenen auch noch deren Arbeit erledigt.

Als sie dann beide bettlägerig geworden waren, hatte Helissent sie auch noch gepflegt. All das hatte sie für die zwei getan, weil die beiden ihrerseits stets so gut zu ihr gewesen waren. Sie fehlten ihr so sehr. Immerhin waren sie es auch gewesen, die sie bei sich aufgenommen und sie geheilt hatten, als sie vollkommen allein gewesen war.

Jetzt waren sie beide tot, und sie hatte schon wieder niemanden. Außer Rudd, aber den wollte sie um keinen Preis haben. Sie betete, dass es bei ihrer Heimkehr spät genug war und er bereits schlief. In vier Stunden musste sie die nächsten Küchlein backen, und sie brauchte die Zeit bis dahin, um sich auszuruhen.

Fünfzig Küchlein für den doppelten Betrag. Sie war noch immer völlig begeistert. Rudd vermutlich auch, wenn sie seinen lüsternen Blick und den Speichel in seinem Mundwinkel richtig gedeutet hatte, nachdem sie ihm das Geld überreicht hatte, das ihr von dem Schattenmann auf den Tisch gelegt worden war.

Sie hoffte, dass ihn das wenigstens zufriedenstellte.

Einen Moment lang war sie versucht gewesen, die Summe, die er zu viel gezahlt hatte, einfach selbst einzustecken. Für so viel Geld hätte sie alles getan. Immerhin hatte der Schattenmann den Betrag mit ihr ausgehandelt, und Rudd war nicht in ihrer Nähe gewesen, als sie die Münzen erhalten hatte. Sie hätte ihm eine Hälfte geben und die andere behalten können. Es war zwar nicht genug, um davon bis in die nächste Stadt zu kommen, jedoch wäre es ein Anfang gewesen.

Aber der Schattenmann wusste nicht, dass die Küchlein ihr Werk waren, und sie konnte es auch nicht wagen, dass Rudd von dem doppelten Preis erfuhr. Er machte ihr auch so schon genügend Angst. Sein Verhalten war ihr nur allzu vertraut, und da sie wusste, wie maßlos seine Habgier war, hatte sie ihm von vornherein das gesamte Geld ausgehändigt. Wenn sie ihm zeigen konnte, dass ihre Kochkünste für ihn von größerem Wert waren, würde er sie vielleicht in Ruhe lassen und darauf verzichten, dass sie bei ihm lebte und für ihn die Dienerin spielte.

Ihr brannten die Augen, so dringend brauchte sie ihren Schlaf.

Nur noch ein paar Schritte, dann konnte sie sich ausruhen.

„Wo bist du gewesen?“ Rudd trat aus dem Schatten neben ihrem Zuhause.

Abrupt blieb sie stehen. Es war mitten in der Nacht, im Dorf herrschte Stille. Es gab keinen Grund, wieso er noch auf war.

„Warum seid Ihr hier?“, platzte sie heraus ohne nachzudenken.

Er warf ihr einen finsteren Blick zu und verzog die Lippen zu einem grausamen Lächeln. „Warum ich hier bin, hat dich gar nichts anzugehen. Aber es geht mich etwas an, warum du nachts unterwegs bist.“

Eine eigenartige Erleichterung überkam sie. Sie war so erschöpft, dass sie nicht klar denken konnte. Rudds Eltern waren immer in Sorge gewesen, wenn sie spät heimgekehrt war, weil sie noch ein Rezept ausprobiert hatte. „Entschuldigt, ich war noch in der Küche. Ich hätte Euch sagen sollen …“

„Denkst du, ich weiß nicht, wo du warst und womit du dir dein Geld verdienst?“ Rudd hielt seine Geldbörse hoch. Sie wusste, er hatte längst die Münzen herausgenommen, die als Bezahlung für die Küchlein gedacht gewesen waren. „Du hältst mich wohl für dumm. Niemand verdient so viel mit ein paar kleinen Kuchen.“

Rudds Tonfall war so boshaft wie immer, doch was ihr Herz schneller schlagen ließ, waren die Worte, die er sprach, dazu die Tatsache, dass er die eigentlich so gut wie leere Geldbörse hochhielt. Dennoch widersprach sie ihm.

„Natürlich ist das für die Küchlein. Ich habe Euch die Münzen gegeben und erklärt, dass dieser Mann fünfzig Küchlein bis morgen früh haben will. Ich musste einige davon noch heute Abend backen.“

„Ja, das Feuer kann ich an dir riechen“, sagte Rudd, während er an ihr schnupperte. „Ich weiß, dass du in der Küche warst. Aber ich sehe keine Küchlein. Ich sehe nur dich, wie du nach Hause kommst.“

Dieses Zuhause war nur noch ein paar Schritte entfernt. Hier befanden sie sich auf der dunklen, ruhigen Seite des Hauses. Hätte sie es bis zur Eingangstür geschafft, wäre sie jetzt von den Lichtern der anderen Häuser und des Wirtshauses umgeben.

„Es war nicht freundlich von dir, so spät heimzukommen und uns alle warten zu lassen.“ Rudd machte einen etwas wackligen Schritt auf sie zu, konnte sich aber weiter auf den Beinen halten. Er hatte bereits getrunken, aber es war nicht genug gewesen, um ihn unsicher werden zu lassen.

Sie wünschte, er hätte mehr getrunken, denn dann wäre da nicht dieser argwöhnische Unterton in seiner Stimme gewesen. Und er hätte nicht auf der Seite des Hauses gewartet, auf der niemand sie sehen konnte. Ihr Herz geriet ins Stocken, ihre Nackenhaare richteten sich auf, weil dies hier nichts Gutes verhieß.

„Die Küchlein stehen in der Küche, damit sie abkühlen. Ihr könnt nachsehen, wenn Ihr es mir nicht glaubt. Am Morgen werde ich noch mehr backen müssen.“ Sie zog das Tuch enger um sich und wollte um Rudd herumgehen. „Ich muss mich jetzt hinlegen und ein bisschen schlafen. Wenn die Küchlein nicht fertig sind, werden wir das Geld zurückgeben müssen. Lasst uns morgen weiterreden.“

Er ließ ein raues Lachen vernehmen. „Oh, du wirst dich ganz bestimmt hinlegen. Aber du wirst nicht schlafen.“

Um die andere Ecke des Hauses kamen zwei Männer, wie sie im Mondschein erkennen konnte. Zwei Männer, die sie früher am Tag in der Taverne gesehen hatte. Beide waren sie in eine hitzige Diskussion mit Rudd vertieft gewesen, dazwischen hatten sie sie immer wieder angesehen. Rudd schaute sie überlegen an. Viel zu überlegen.

Sie straffte die Schultern, ihre Erschöpfung war mit einem Mal vergessen. Das Herz pochte ihr wild in der Brust. Die beiden Männer versperrten ihr den Weg zur Haustür, während Rudd verhinderte, dass sie in die andere Richtung floh. Sie konnte nur dorthin ausweichen, woher sie gekommen war, doch auf diesem Weg gelangte sie nur zur Küche. Das bedeutete aber noch mehr Dunkelheit, zudem wäre sie dort noch weiter von allen Leuten entfernt, die ihr hätten helfen können.

Falls ihr überhaupt jemand helfen wollte.

„Was soll das?“

„Du weißt genau, was das soll. Du hältst mich tatsächlich zum Narren. Ich gebe zu, ich hatte meine Zweifel, als du mir so viele Münzen für deine Küchlein gabst. Aber dann haben mir diese beiden Männer erklärt, was ich bislang falsch gemacht habe. Sie haben mir gezeigt, wie viel mehr ich verdienen kann, wenn ich eine wie dich habe.“

Sie sah zu den Männern, die sich nicht rührten, was sie umso bedrohlicher machte. Als würden sie nur darauf warten, dass sie versuchte wegzurennen. Das hätte sie auch gern gemacht, doch wegen der vernarbten Haut, die ihr Bein so straff umgab, wusste sie, sie würde nicht weit kommen.

Ihre einzige Chance bestand darin, so viel zu reden, dass sie sich unbeschadet aus der Affäre ziehen konnte. Vielleicht sollte sie an die Habgier der Männer appellieren. „Ich habe die Münzen für meine Küchlein erhalten, Rudd. Diese Küchlein werde ich nie wieder backen, wenn Ihr das hier geschehen lässt. Ich schwöre bei Euren Eltern …“

„Lass meine Eltern aus dem Spiel! Erwähne mir gegenüber ja nie wieder meine Eltern!“

Wut und Angst schlugen ihr entgegen. Die beiden Männer, die sie schweigend beobachteten, veränderten ein wenig ihre Körperhaltung, als hätten sie gespürt, dass sich die Schlinge zuzuziehen begann, die sie ihr um den Hals gelegt hatten. Sie selbst spürte es auch.

Verwirrung mischte sich nun unter ihre Angst. Das hier erschien ihr zu persönlich. Es ging hier um Rudd, also um den Sohn, der nie zu Besuch gekommen und der erst nach Hause zurückgekehrt war, als seine Eltern tot waren und er alles für sich beanspruchen konnte. Er, der Sohn des Wirtsehepaars, von dem die Mutter einmal angefangen hatte zu erzählen, bis ihr die Stimme versagt hatte und der Vater für den Rest eingesprungen war. Er war ein schrecklicher Mann, der sich nie um seine Eltern gekümmert hatte.

Und doch war er jetzt wütend.

„Ich kann auch mehr backen.“ Sie deutete auf die Geldbörse. „Ich kann mehr Küchlein backen und mehr Geld einbringen. Aber bitte tut das nicht.“

„Ich soll das nicht tun“, sagte er und schüttelte die Börse leicht. „Es sieht doch ganz danach aus, als würdest du es bereits tun. Ich werde lediglich mehr davon profitieren als gedacht. Diese freundlichen Gentlemen haben auch schon Geld geboten. Nicht so viel, wie dir dieser Ritter in die Hand gedrückt hat, aber abgemacht ist nun mal abgemacht. Außerdem musst du noch die Schulden abzahlen, die du bei meinen Eltern hattest.“

Das war eindeutig etwas Persönliches. „Schulden?“

„Davon weißt du nichts?“ Rudd lachte auf. „Umso besser, dass ich dir diese Geschichte erzählen kann. Dann sehe ich wenigstens deinem hässlichen frommen Gesicht an, wie ich dir das Herz breche.“

Rudd ließ den Blick über ihren Körper wandern, dann nahm sein Lachen eine gehässigen Unterton an.

„Du meinst, sie haben dir ein Dach über dem Kopf gegeben und dich durchgefüttert, weil sie Mitgefühl mit dir hatten? Und du meinst, du hast den ganzen Tag gearbeitet, bis deine Finger blutig waren, weil du sie ebenfalls geliebt hast?“

Sie hatten ihr tatsächlich gesagt, dass sie sie liebten. Zu der Zeit hatte sie so viel Schmerzen erdulden müssen. So viele Tränen hatte sie wegen ihres schlechten Gewissens vergossen, weil sie ihre Schwester, ihre Seele und ihre Eltern enttäuscht hatte. Sie selbst liebte sich nicht, doch die Wirtsleute liebten sie. Selbstverständlich hatte sie alles für sie getan, sogar bis sie sich die Finger blutig gearbeitet hatte. Und das würde sie jetzt auch noch immer machen.

„Oh, ich kann dir ansehen, dass du es nicht glaubst. Aber die beiden haben dich bloß gekauft. Zwei alte Wirtsleute, die nicht mehr so konnten, wie sie wollten, brauchten eine billige und willige Hilfe. Obwohl ich nicht glaube, dass du für sie tatsächlich so billig warst. Ich glaube, du hast noch hohe Schulden.“

„Ich habe gar keine Schulden“, protestierte Helissent, während sie die Männer nicht aus den Augen ließ, die noch etwas näher gekommen waren. Zu nah, wie sie fand. Sie wich ein paar Schritte zurück und bemerkte, dass das Grinsen der beiden nur noch breiter wurde. Was hatten diese beiden Kerle damit zu schaffen? „Ich weiß nicht, was diese Männer damit zu tun haben, aber ich habe keine Schulden zu begleichen.“

„Oh doch, das hast du“, beharrte Rudd und strich mit dem Finger mitten über sein Gesicht. „Meine Eltern haben dich zusammengeflickt.“ Er verzog den Mund, als hätte er auf etwas Abscheuliches gebissen. „Es war ihr Geld, mit dem die beste Heilerin bezahlt wurde, die sie finden konnten.“ Er spie aus. „Du denkst, mit den Habseligkeiten aus der Asche deines Elternhauses wäre diese Heilerin bezahlt worden. Nein, es waren meine Eltern, und sie haben die Heilerin mit meinem Erbe bezahlt. Oh, es war geschickt von ihnen, für deine Heilung aufzukommen. Aber ich weiß es besser. Diese Leute haben mich zur Welt gebracht und großgezogen. Und klar wurde mir schließlich alles, als ich dieses Pergament vorgelesen bekam, auf dem geschrieben stand, dass meine Eltern sich fragten, ob ihre Sklavin wohl bald für sie arbeiten würde.“

Für einen winzigen Moment glaubte sie seinen grausamen Worten. Sie spürte den Schmerz, der in ihnen mitschwang. Aber das konnte ihr nicht diese plötzliche Sehnsucht und diese stechende Verzweiflung nehmen, von der sie erfasst wurde. Denn Rudd hielt in seinen Händen etwas, das kostbarer war als alles, was sie zu sehen gehofft hatte. Ein Pergament, einige Worte von den beiden Menschen, die sie über alles geliebt hatte. Alles würde sie geben, um noch einmal von ihnen zu hören.

Von ihrer eigenen Familie war ihr nichts geblieben, aber Anne und John waren danach zu ihrer zweiten Familie geworden. Es gab etwas von ihnen, das sie lesen und in den Händen halten konnte, das ihr das Gefühl geben konnte, wieder ihre Stimmen zu hören.

Als Rudd bemerkte, wie sie auf das Pergament starrte, begannen seine Augen zu leuchten. Sollte er doch glauben, er hätte ihr mit seinen Worten wehgetan, auch wenn ihr in Wahrheit zu schaffen machte, dass er ihr das Schriftstück vorenthielt. Er würde den wahren Grund nie erfahren.

„So wie ich das sehe, schuldest du mir was, Mädchen. Und es gibt nur einen Weg, wie eine abscheuliche Kreatur wie du mir diese Schulden zurückzahlen könnte.“

Beide Männer packten sie auf einmal an den Armen. Sie schrie auf und trat um sich. Zu spät. Sie war so auf das Pergament konzentriert gewesen, dass sie darüber die Männer völlig vergessen hatte.

„Gehört sie jetzt uns?“, fragte der Mann zu ihrer Linken, dessen Atem intensiv nach Zwiebeln roch.

„Bei dem Preis, den ihr bezahlt habt – wie könnte sie euch da nicht gehören?“ Rudd wandte sich wieder ihr zu. „Kannst du dir vorstellen, dass irgendein Mann dafür bezahlen würde, um zwischen deinen Schenkel liegen zu dürfen? Aber diese Männer haben sogar großzügig dafür bezahlt. Sie scheinen es zu mögen, wenn eine Frau einen Makel hat. Deine Hässlichkeit füllt meine Geldbörse.“

„Eine Verbrannte hatten wir noch nie“, erklärte der Zwiebelesser fröhlich. „Die Letzte war verkrüppelt. Und weißt du noch: die Blinde?“

Der Mann links von ihr schloss die Augen, als würde er die Erinnerungen genüsslich noch einmal durchleben. Angewidert versuchte sie, sich dem Griff zu entwinden.

„Unsere Vereinbarung war, dass ich sie zuerst bekomme“, sagte Rudd, warf das Pergament achtlos zur Seite und fasste nach seinem Gürtel.

„Ich kriege die hässliche Hälfte“, hauchte der Aletrinker.

„Nein, die hässliche Hälfte will ich haben!“, protestierte der andere.

In ihrem Bemühen sich zu befreien, zog Helissent die Gruppe ein paar Schritte weit mit sich, dann erst stemmten sie sich ihr entgegen. Entsetzen bohrte sich ihr wie Scherben aus Eis durch die Haut. Es würde geschehen, und sie würde nichts dagegen unternehmen können.

Rudd lachte ausgelassen. „Mir egal, wer von euch welche Hälfte bekommt, ich will nur die untere Hälfte. Drückt bloß ihr Gesicht in den Morast. Das will ich nicht sehen müssen, bis ich ihr die Röcke bis über den Kopf gezogen habe.“

Die anderen Männer lachten ebenfalls, dabei lockerten sie einen Moment lang den Griff um ihre Arme. „Nein!“ Sie riss sich los und rannte davon. Ihr Herz raste wie verrückt, sie hatte den Geschmack von Blut auf der Zunge. So wie sie befürchtet hatte, begann sie ihr rechtes Bein hinterherzuziehen. Hinter ihr waren laute, trampelnde Schritte zu hören, gleich darauf wurde sie so an den Armen gepackt, dass es schmerzte, und man stieß sie auch schon zu Boden. Schlamm gelangte in ihren Mund und überdeckte den Blutgeschmack.

Jemand rammte ihr das Knie ins Kreuz, brutale Schmerzen jagten durch ihren Körper. Sie warf sich nach links und trat um sich, irgendetwas traf sie dabei. Dann schloss sich eine Hand um ihr Fußgelenk. Ihre Beine wurden auseinandergedrückt.

Sie schrie und versuchte wieder, um sich zu treten. Grunzen und Keuchen war von den beiden Männern zu vernehmen, von denen sie auf den Boden gedrückt wurde. Sie wehrte sich noch energischer, bekam daraufhin aber einen Tritt in die Rippen und einen Fausthieb gegen die Wange.

So sehr sie auch um sich schlug, biss und kratzte, nichts konnte Rudds Gelächter verstummen lassen. Er kam zu ihr geschlendert, die Hände am Gürtel, den er aufzuziehen begann. Ihr wurde übel. Ihre Unterlippe war aufgeplatzt, dennoch würde sie nicht aufgeben. Sie atmete ein, so tief sie konnte, dann setzte sie zu einem lauten Schrei an, der schnell wieder erstickt wurde, da einer der Männer ihr seine morastige Hand auf den Mund drückte.

Plötzlich ertönte ein unheimliches Knurren, und mit einem großen Satz kam eine Gestalt aus der Dunkelheit gesprungen. Der Umhang umgab den Mann wie ein schwarzer Wirbel, sein Schwert blitzte auf, als es vom Mondschein erfasst wurde, dann war der Mann aus ihrem Blickfeld verschwunden.

„Lasst sie los!“, befahl er.

Als sie seine frostige Stimme hörte, stellten sich ihr alle Nackenhaare auf, ihr Entsetzen steigerte sich noch. Sie sollten sie loslassen? Und was dann? Die beiden Männer hielten sie daraufhin umso fester umklammert, dabei pressten sie ihr auch noch die restliche Luft aus der Lunge. Durch den Schleier aus Tränen in ihren Augen sah sie, dass Rudd den Gürtel wieder zuschnürte und eine gefällige Miene zur Schau trug. Sie kannte dieses falsche Lächeln, das er benutzte, wenn er einen unzufriedenen Kunden beschwichtigen wollte.

„Kommt schon, das hier geht Euch nichts an“, sagte Rudd. „Es ist schon spät, und hier gibt es nichts für Euch zu sehen. Wir wollen nur unsere Ruhe haben.“

„Ihr verletzt eine Frau. Ihr habt kein Recht auf Ruhe. Außer auf die ewige Ruhe.“

Die Worte wurden bedrohlich ruhig gesprochen. Der Mann hatte ein Schwert. Warum ließen sie nicht von ihr ab? Sie drehte den Kopf zur Seite, um nach Luft zu schnappen, da stach ihr etwas in die Seite.

Sie würde sterben! Die Männer hielten sie mit einem Messer in Schach. Sie konnte nur beten, dass der Tod schnell kommen würde.

Autor

Nicole Locke

Nicole Locke las ihren ersten Liebesroman als Kind im Wandschrank ihrer Großmutter. Später siedelte sie dann mit ihrer Lektüre ins Wohnzimmer um. Und noch später fing sie an, selbst Liebesromane zu schreiben. Sie lebt mit Mann und zwei Kindern in Seattle.

Foto: © David Garfield

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