Der süße Preis sinnlicher Versuchung

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Sinnliche Funken sprühen, als PR-Beraterin Charlotte den italienischen Tycoon Brando Ricci trifft. Doch er ist ihr neuer Klient, Arbeit und Privates trennt sie strikt! Bis Brando sie zu einem glanzvollen Ball nach Florenz einlädt. Hin- und hergerissen zwischen Vernunft und Verlangen, schwebt sie in seinen Armen übers Parkett. Als er sie um Mitternacht hungrig küsst, kann sie nicht länger widerstehen. Für eine einzige heiße Nacht in der Toskana setzt sie alles aufs Spiel: ihre Karriere, ihren Ruf – und ihr Herz! Mit ungeahnten Folgen …
  • Erscheinungstag 23.03.2021
  • Bandnummer 2484
  • ISBN / Artikelnummer 0800212484
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

PROLOG

Silvester

Es gab Regeln, die sie streng befolgte. Ohne Ausnahme. Bei Charlotte Parks waren Arbeit und Privates strikt getrennt, und sie war noch nie versucht gewesen, diese Regel zu brechen … Ganz gleich, wie einflussreich und wohlhabend ihre Kunden waren. Charlotte hatte sich einen guten Ruf bei ihnen erarbeitet und half bei Imageproblemen, PR-Pannen oder Social-Media-Albträumen. Wie könnten sie ihrem Urteil noch trauen, wenn es von persönlichen Emotionen getrübt wäre?

Charlotte nahm ihre Regeln sehr ernst, doch als sie Brando Ricci traf, vergaß sie, warum es so wichtig war, sich daran zu halten. Kurz vor Weihnachten war das Geschäftliche mit der Ricci-Baldi-Familie abgeschlossen gewesen. Da die Riccis es liebten, glanzvolle Partys zu feiern, und dazu auch gern Geschäftskontakte einluden, fand sich Charlotte auf der großen Silvesterparty der Riccis wieder. Den ganzen Herbst hatte sie in Florenz verbracht, um die Wogen innerhalb der Familie zu glätten, die wegen der Erbfrage im Streit lag.

Die Stimmung in der Familie hatte sich deutlich gebessert, und die Riccis zeigten sich in der Öffentlichkeit wieder als Einheit. Auch diese Party diente dazu, ihren Zusammenhalt zu demonstrieren.

Sie hätte heute Abend nicht herkommen sollen. Ihre Arbeit war getan, und sie war angemessen dafür entlohnt worden. Es gab keinen vernünftigen Grund, nur wegen einer Party nach Florenz zu reisen.

Das nächste Lied erklang. Es war eine Ballade. Brando zog sie näher zu sich heran, seine Hand auf ihrem Rücken. Ihre Brüste waren gegen seinen Oberkörper gepresst. Er trug einen eleganten Smoking. „Du denkst zu viel nach“, murmelte er. Sie spürte seinen warmen Atem an ihrem Ohr.

„Das ist wahr“, stimmte sie ihm zu. „Aber das sollte ich auch. Das hier ist gefährlich.“

„Ich würde dir niemals wehtun. Versprochen.“

Das wusste sie. Sie wusste, er würde großartig sein. Und das nicht nur im Bett. Zwischen ihnen hatte es schon bei ihrem ersten Treffen im September gefunkt. Allerdings machte ihr das auch Sorgen, weil sie sich noch nie so zu jemandem hingezogen gefühlt hatte … Sie hatte nie auch nur daran gedacht, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Und jetzt, kurz vor Mitternacht, war sie hier mit ihm. Hin- und hergerissen zwischen Vernunft und Verlangen.

„Ich sollte nicht hier sein“, flüsterte sie und berührte seine Hand. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, Wärme durchströmte ihren Körper, sie fühlte sich unglaublich … erregt. Über ein Jahr war es schon her, dass sie das letzte Mal Sex gehabt hatte … Und so eine starke Anziehung hatte sie noch bei keinem anderen Mann gespürt … Ein Teil von ihr war versucht, dem Verlangen nachzugeben, während der andere, vernünftige Teil sie warnte, dass das ein Fehler wäre, der ihre Karriere und ihren Ruf gefährden könnte …

Und ihr Herz.

Sie blickte auf und schaute in sein attraktives Gesicht. Er sah nicht nur gut aus … Er war auch klug, interessant und aufregend. In den Monaten, in denen sie mit den Riccis zusammengearbeitet hatte, hatte er sie immer wieder in seinen Bann gezogen. Er war zwar der Jüngste in der Familie, doch seine Lebenserfahrung verlieh ihm eine ausgesprochene Reife. Deshalb hatte Charlotte auf seine Meinung vertraut und sich sogar an ihn gewandt, als seine Geschwister Enzo, Marcello und Livia zu stur gewesen waren, um sich zu einigen. Sie hatte gehofft, Brando würde sie zur Vernunft bringen. Und genau das hatte er auch getan.

Heute Abend war sie nur seinetwegen nach Florenz zurückgekehrt.

„Wovor hast du Angst?“, fragte er jetzt und betrachtete sie aufmerksam.

Sein prüfender Blick machte sie nervös. „Dass ich die Kontrolle verliere. Und etwas Unvernünftiges tue.“

Er zog den Mundwinkel leicht nach oben und fuhr mit der Hand an ihrem Rücken entlang, bis er fast die Rundungen ihres Pos berührte. „Wir wollen doch beide dasselbe.“

Er presste seinen Körper gegen ihren. Sie spürte seinen muskulösen Oberkörper, sein Becken und die kräftigen Oberschenkel. „Ja, aber Arbeit und Privates sollte man immer trennen …“

„Wir arbeiten nicht mehr zusammen“, erinnerte er sie und senkte den Kopf. Mit den Lippen zeichnete er eine Spur an ihrem Hals entlang.

Sie bekam eine Gänsehaut am ganzen Körper und schloss die Augen. Sie spürte, wie sich ihre Brüste anspannten, die Spitzen hart wurden und ein starkes Verlangen in ihr aufstieg. Es fiel ihr immer schwerer, klar zu denken. Alles, was sie wollte, waren seine Lippen auf ihren, während er sie berührte. Überall. Sie wollte ihn … Wollte seine Haut auf ihrer spüren, wollte, dass er sie verführte und sie eins wurden. Sie wollte keinen anderen. Nur ihn. Brando Ricci. Winzer. Unternehmer. Milliardär.

Liebhaber.

Nein, nicht ihr Liebhaber. Noch nicht.

„Wir sollten das nicht tun“, flüsterte sie und schnappte nach Luft, als er mit dem Daumen an ihrem Hals entlangfuhr.

„Wir haben doch gar nichts getan“, murmelte er. „Wir tanzen doch nur.“

Wir haben noch nichts getan, korrigierte sie ihn im Stillen.

Sie legte den Kopf in den Nacken und sah ihn an. Sah das Feuer in seinen silbergrauen Augen. Monatelang hatte sie gegen diese Anziehungskraft angekämpft, hatte das Verlangen unterdrückt, doch heute Abend würde sie den Kampf verlieren. Allein mit ihm zu tanzen raubte ihr den Atem und machte sie ganz benommen. Ihr Körper bebte vor Erregung.

„Es ist fast Mitternacht“, sagte sie, während sie einen Blick über seine Schulter zu der großen Uhr an der Wand des Ballsaals warf.

Er sah auch auf die Uhr. „Noch zehn Minuten.“

Ihr Blick wanderte zur Bühne, auf der die Band mit ihrer schwungvollen Musik viele Leute auf die Tanzfläche lockte. Die Gäste amüsierten sich prächtig. Wenn es Mitternacht schlug, würden alle in ohrenbetäubenden Jubel ausbrechen.

Charlotte hatte großen Trubel nie gemocht und ging normalerweise nicht auf Partys. Aber als die Riccis sie einluden, hatte sie nicht Nein sagen können.

„Was denkst du, cara?“ Brandos tiefe Stimme klang sanft.

Cara. Italienisch für meine Liebe. Sie spürte ein Kribbeln im Bauch.

Heute Nacht war sie nur seinetwegen gekommen.

Wären da nur nicht ihre verfluchten Regeln.

Sie fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. „Ich trenne …“

„… Arbeit und Privates“, vervollständigte er ihren Satz. „Ich weiß. Aber heute Abend geht es nicht um die Arbeit. Die ist schon erledigt.“

Er berührte ihre Lippen leicht mit seinen. Ein flüchtiger Kuss, der Tausende Schmetterlinge in ihrem Bauch aufflattern ließ.

In ihrem sonst so durchstrukturierten Alltag war normalerweise kein Platz für Leidenschaft und Abenteuer. Aber heute Abend hatte sie das Gefühl, dass es vielleicht doch einen Mann für sie gab. Und sei es nur für eine Nacht.

„Nur diese eine Nacht“, sagte sie mit belegter Stimme. „Versprich es mir, Brando.“

Noch ein flüchtiger Kuss. „Gut. Diese Nacht gehört uns.“

„Und morgen …“

„… spielt keine Rolle. Was zählt, ist das Hier und Jetzt.“

1. KAPITEL

Charlotte Parks schob sich eine Strähne ihres langen blonden Haars hinters Ohr, strich den Kragen ihres eleganten Mantels glatt und klingelte an der Tür der eindrucksvollen Villa aus dem 17. Jahrhundert, die sich im Herzen von Florenz befand. In dem palastartigen Gebäude befanden sich mehrere Privatwohnungen, darunter auch das Apartment des italienischen Tycoons Brando Ricci.

Sie war schon zweimal hier gewesen, einmal geschäftlich letzten Oktober, und einmal – na ja, nicht geschäftlich – an Silvester. Das große Apartment erstreckte sich über zwei Etagen, sodass es einen Moment dauern würde, bis jemand die Tür aufmachte. Also wartete sie ruhig und gelassen.

Charlotte war gut geübt in Gelassenheit. Sie kam mit Stress und Druck zurecht, da sie schon früh gelernt hatte, damit umzugehen. Sie war die Zweitjüngste in einer großen, recht prominenten britischen Familie. Ihre wohlhabenden, adligen Eltern hatten immer wieder neue Ehepartner, von denen sie sich dann wieder scheiden ließen. Auf diese Weise hatten sie ihr ein Dutzend Geschwister, Halbgeschwister und Stiefgeschwister beschert. Charlotte war in England geboren und dann mit ihrer Mutter für zehn Jahre nach Los Angeles gezogen, als diese den berühmten Filmregisseur Heath Hughes geheiratet hatte. Mit fünfzehn Jahren kehrte sie nach Europa zurück, um ein Mädcheninternat in der Schweiz zu besuchen.

Charlottes Geschwister und Stiefgeschwister waren ihrerseits ziemlich berühmt. Sie waren Models, Schauspielerinnen, Rennfahrer und allesamt Personen des öffentlichen Lebens in England. Charlotte hatte insgesamt zwölf Jahre in Amerika verbracht – zehn Jahre mit ihrer Mutter und die letzten zwei Jahre allein in einem hübschen Haus in den Hollywood Hills. Ihr gefiel die Offenheit der Amerikaner und die Art, wie sie Probleme angingen. Denn wohlhabende Amerikaner waren sehr auf ihr Image bedacht. Deshalb spielte das Thema Schadensbegrenzung für sie eine äußerst wichtige Rolle. Und Charlotte war sehr gut in Schadensbegrenzung. So gut, dass sie ihre eigene kleine Firma besaß, die sich zu einer sehr erfolgreichen PR-Firma mit internationaler Kundschaft entwickelt hatte.

Ihr Job führte sie bis nach Florenz, wo die Familie Ricci, eine der berühmtesten Familien Italiens, sie vor neun Monaten wegen eines PR-Problems beauftragte. So hatte sie auch Brando Ricci kennengelernt. Die Streitigkeiten innerhalb der Familie hatten es bis in die Schlagzeilen geschafft, und Charlotte sollte die negative Berichterstattung eindämmen.

Die Riccis waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit ihrem großartigen Chianti-Wein berühmt geworden. Nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterten sie ihr Unternehmen um Mode und Luxuslederwaren. Die drei Ricci-Brüder, Enkelsöhne des Gründers, führten das Geschäft weiter, bis die Erbfolge ihnen Probleme bereitete. Mehr als drei Geschäftsführer waren für ein Unternehmen einfach nicht realistisch. Das Thema sorgte immer noch für Spannungen in der Familie. Dank Charlottes Arbeit wurden die Riccis jedoch nicht mehr in der Boulevardpresse erwähnt, und damit hätte die Sache erledigt sein sollen.

War sie aber nicht.

Normalerweise machte Charlotte nur selten Fehler. Doch an Silvester hatte sie den wohl gravierendsten Fehler ihres Lebens begangen. Sie hätte niemals eine Nacht mit Brando Ricci verbringen dürfen. Ja, es war eine fantastische Nacht gewesen. Aber so eine Nacht blieb nicht ohne Folgen.

Jetzt war sie hier und fürchtete den Moment, in dem sie ihm wieder gegenüberstehen würde. Brando war intelligent, einflussreich, scharfsinnig, aufregend. Er löste Gefühle in ihr aus, die sie noch nie zuvor erlebt hatte, und das, während sie noch auf der Tanzfläche waren.

Mit ihm zu schlafen hatte alles verändert. Sie war keine Jungfrau mehr gewesen, aber so etwas wie mit ihm hatte sie noch nie erlebt. Der Sex war so unglaublich gut gewesen, dass sie geblendet, völlig hingerissen und wie benommen nach Hause geflogen war.

Zum Glück trennten sie fast zehntausend Kilometer voneinander. Eine Reise, bei der mindestens ein oder zwei Zwischenstopps nötig waren, je nach Airline und Route. Es war also nicht so einfach, mal eben hierher zu fliegen, um Hallo zu sagen. Als sie nach Hause zurückgekehrt war, war sie fest entschlossen gewesen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich auf die Zukunft zu konzentrieren. Sie wollte nicht mehr daran denken, dass er ihr das Gefühl gab, die begehrenswerteste Frau der Welt zu sein.

Es würde keine Treffen geben, keine Wochenendtrips. Ihre Affäre war das Aufregendste und Sinnlichste gewesen, das sie je erlebt hatte. Aber sie würde nicht den Kopf verlieren wegen atemberaubendem Sex mit dem heißesten, sinnlichsten und umwerfendsten Mann, den sie je getroffen hatte. Das wäre einfach nur naiv. Vielleicht war sie heimlich ein bisschen vernarrt in Brando, aber sie war nicht dumm. Er spielte in einer komplett anderen Liga. Das hatte sie ihm auch gesagt, als er anrief, um ihr mitzuteilen, dass er nach Los Angeles kommen und sie bei der Gelegenheit gern wiedersehen würde.

Allein der Klang seiner Stimme am Telefon ließ in ihr Erinnerungen wach werden an die gemeinsame Nacht in Florenz. Er hatte sie an ihrer intimsten Stelle geküsst und sie so kundig mit der Zunge verwöhnt, bis sie zu einem Höhepunkt kam, der sie erzittern ließ. Sie war es nicht gewohnt, derart von Gefühlen überschwemmt zu werden. Ihrer Ansicht nach waren Gefühle wohldosiert und in Maßen zu genießen. Aber die Gefühle, die Brando in ihr hervorrief … In ihrem Leben war wirklich kein Platz dafür, sich wie berauscht zu fühlen.

Deshalb stand sie nun also vor Brandos Haustür mit einem Geheimnis unter ihrem eleganten Vintage-Mantel. Ein Geheimnis, das sie lüften musste, weil man es nicht länger verbergen konnte. Es gab bereits eindeutige körperliche Anzeichen. Ihren runden Bauch konnte sie mittlerweile unmöglich verstecken. Jetzt wappnete sie sich für eine Unterhaltung, von der sie nicht gedacht hätte, dass sie sie jemals führen müsste. Weil sie die Pille genommen und er ein Kondom benutzte hatte, und trotzdem …

Charlottes Herz klopfte wie wild. Sie atmete in einem Stoß aus und versuchte dann, ihren Atem zu beruhigen. Sie klingelte noch einmal und hielt den Klingelknopf dieses Mal etwas länger gedrückt.

Als sie das letzte Mal hier gewesen war, hatte Brando sie fast an Wunder glauben lassen. Aber es gab keine Wunder. Es gab nur verletzte Prinzipien, gebrochene Regeln und herzzerreißende Konsequenzen.

Mit einem Schwung wurde plötzlich die Haustür geöffnet. In der Tür stand eine große schlanke Frau. Sie hatte langes dunkles Haar, das ganz zerzaust war, und rote Lippen. Ein weißer, seidener Morgenmantel bedeckte ihren ansonsten nackten Körper. Unter dem durchsichtigen Stoff konnte man ihre dunklen Brustwarzen sehen.

Charlotte erkannte das Model sofort. Sie war eine argentinische Schönheit, die die Modewelt gerade im Sturm eroberte.

„Si?“, fragte Louisa gedehnt, wobei der Morgenmantel ihr die Schulter herunterrutschte und an ihrem dünnen Arm entlangglitt.

„Brando è disponible?“, fragte Charlotte in dem Italienisch, das sie im Mädcheninternat in der Schweiz gelernt hatte.

Das Model musterte sie von oben bis unten, und ein listiges Lächeln umspielte ihre Lippen. „È un po legato.“

Er ist gerade beschäftigt.

„Wären Sie bitte so nett, ihn zu holen?“, fragte sie höflich auf Italienisch. „Sagen Sie ihm, dass Charlotte Parks hier ist. Ich werde im Großen Salon auf ihn warten“, fügte sie hinzu, betrat das Haus und ging zielstrebig den weißen Marmorflur entlang in Richtung des edlen Salons.

Charlotte hörte, wie Louisa geräuschvoll die Tür schloss und dann die Wendeltreppe zum zweiten Stock hinaufging. Brandos Schlafzimmer war dort oben. Charlotte wusste das, weil sie bei ihrem zweiten Besuch in diesem Haus dort gewesen war. Damals hatte er sie nackt ausgezogen und sie so erregt, dass sie vor Verlangen gebebt hatte. Sie war viel zu fasziniert von ihm gewesen und viel zu sehr davon überzeugt, dass sie schon mit ihm zurechtkommen würde. So wie sie auch sonst mit allem im Leben zurechtkam. Aber sich mit Brando Ricci einzulassen war eine Sache für sich. Man durfte ihn nicht unterschätzen.

In diesem Moment betrat er, glücklicherweise angezogen, den Salon. Er war achtundachtzig groß und sah gut aus in der ausgewaschenen Jeans, die seine muskulösen Oberschenkel bedeckte, und dem grauen Kaschmirpullover mit V-Ausschnitt über seiner durchtrainierten Brust. Der Kaschmirpullover passte perfekt zu seinen silbergrauen Augen und seinem dunkelbraunen Haar.

Er war groß, schlank, elegant und sah noch besser aus, als sie ihn in Erinnerung hatte. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, was nicht gerade dazu beitrug, dass sie sich beruhigte. Als sie einen kurzen Blick auf seinen Hals erhaschte, erinnerte sie sich daran, wie es sich angefühlt hatte, seine nackte Haut auf ihrer zu spüren. Sein Körper sah nicht nur umwerfend aus. Brando wusste auch, wie er ihn bewegen musste. Und als er in ihr gewesen war, fühlte sie sich befriedigt, so befriedigt, so … wie noch nie zuvor in ihrem Leben.

Mit ihm zu schlafen war nicht nur ein körperliches Vergnügen gewesen. Bei ihm hatte sie sich glücklich und geborgen gefühlt. Was allerdings unsinnig war, weil Brando in der Vergangenheit schon viele Herzen gebrochen hatte. Seine Beziehungen hielten nie lange. Er wollte keine Verpflichtungen.

Deshalb sollte er mit ihrem Vorschlag einverstanden, ja sogar erleichtert sein, dass sie das alles allein bewältigen würde.

„Charlotte“, sagte er, kam auf sie zu und beugte sich hinunter, um ihr jeweils einen Kuss auf beide Wangen zu geben. „Was führt dich nach Florenz?“

„Du.“ Sie lächelte ihn an. „Ich hoffe, ich habe dich nicht bei irgendetwas Wichtigem gestört.“

Mit einem lässigen Schulterzucken deutete er an, dass er genauso gut wusste wie sie, dass sie eben das getan hatte.

„Wollen wir uns nicht setzen?“, schlug er vor und machte eine Handbewegung in Richtung der schicken Sessel. Der Salon war in Weiß gehalten mit ein paar roten und korallenfarbenen Akzenten.

„Ja, danke.“ Sie setzte sich auf den Sessel ihm gegenüber. Die Sessel standen etwas näher beieinander, als ihr lieb war. Aber es tat gut, sich hinzusetzen, weil ihr Herz wieder anfing schneller zu schlagen und ihre Ruhe und Selbstsicherheit sich zunehmend auflösten. Brando hatte eine außergewöhnliche Ausstrahlung, die sie stark und irgendwie anziehend fand. In ihrer Familie gab es viele attraktive Menschen, aber Brando strahlte eine ganz eigene Attraktivität und Männlichkeit aus.

Von seiner Männlichkeit hatte er sie vor sechs Monaten in ebendiesem Haus mehr als überzeugt.

Die Silvesternacht. Eine Nacht, die alles verändert hatte …

Allein die Erinnerung daran erregte sie und verursachte ein Kribbeln in ihrem Bauch. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um in Erinnerungen zu schwelgen. Brando war nur eine Armlänge von ihr entfernt, und seine Geliebte wartete oben im Bett auf ihn.

„Louisa wird bestimmt schon ungeduldig“, sagte Charlotte.

Er lächelte schwach, fast sanftmütig. „Louisa kann sich gut alleine beschäftigen.“ Er lächelte immer noch, doch seine Gesichtszüge verhärteten sich. „Seit wann bist du in Italien?“

„Seit heute Mittag. Ich habe meine Koffer im Hotel gelassen, aber noch nicht eingecheckt.“

„So dringend wolltest du mich sehen?“

„Ich war nicht sicher, ob du hier sein würdest oder auf deinem Landsitz. Wenn du dort gewesen wärst, hätte ich ein Auto gemietet und wäre hingefahren, um dich zu treffen.“

„Ich fahre morgen.“ Er betrachtete sie aufmerksam. „Du siehst gut aus.“

„Danke. Ich fühle mich auch gut.“ Sie zögerte und suchte nach Worten. Ihre sorgfältig einstudierte Rede war vergessen. Sie hatte sich selbst eingeredet, dass er sich für ihre Angelegenheiten nicht interessieren würde. Hatte gedacht, er würde darüber erleichtert sein, dass sie alles allein schaffen wollte. Plötzlich war sie sich seiner Reaktion jedoch nicht mehr so sicher. Ihr Herz raste, und Angst machte sich in ihr breit. „Darf ich meinen Mantel ausziehen? Es ist sehr warm.“

„Ja, deine Wangen sind ziemlich rot.“

Sobald sie den Mantel auszog, würde er es sehen. Dann würde er es wissen. Sie hielt inne, ihre Hände zitterten, ihre Sicherheit war dahin.

Was, wenn es nicht so lief wie erwartet? Was, wenn er …

Sie stoppte sich selbst an der Stelle. Sie konnte sich kein anderes Szenario vorstellen als das, auf welches sie sich vorbereitet hatte. Er war Junggeselle. Ein Playboy. Kein Familienmensch.

„Charlotte, geht es dir gut?“, fragte er.

Sag’s ihm. Sag’s ihm jetzt einfach.

Mit trockenem Mund und Herzklopfen befreite sie stattdessen langsam und vorsichtig die Arme aus den Ärmeln ihres Mantels, ließ ihn an ihren Schultern hinuntergleiten und auf den Sessel fallen.

Sie trug ein eng anliegendes smaragdgrünes Kleid aus weichem Strickstoff, der ihrer zierlichen Figur schmeichelte und ihren Babybauch betonte. Gerade in diesem Moment verpasste ihr das Baby einen Tritt, und sie berührte ihren Bauch, unschlüssig darüber, ob sie das Baby beruhigte oder sich selbst.

„Ich bin im sechsten Monat“, sagte sie mit leiser, aber fester Stimme. „Die Schwangerschaft ist bisher einfach verlaufen, ohne Komplikationen. Ich wollte nichts sagen, bis ich das erste Trimester überstanden habe …“ Sie verstummte.

„Darf man dich beglückwünschen?“

„Dann gilt der Glückwunsch auch für dich.“

Es gab eine kurze Pause. „Willst du etwa damit sagen, dass es von mir ist?“

„Ja.“

„Bist du sicher?“

„Ja.“

Sie schauten sich an. Sein Blick war stechend. In seinen Augen war weder Verurteilung noch Tadel oder Schock zu sehen. Nicht einmal Enttäuschung. „Wir haben verhütet.“

„Anscheinend will dieses Kind unbedingt auf die Welt kommen“, entgegnete sie. Sie saß gerade und mit zurückgezogenen Schultern.

„Das Kind weiß wohl, was es will“, erwiderte er.

Sie lächelte ihr charmantestes Lächeln und wusste, dass sie beide jetzt das gleiche Spiel spielten. „Das ist eine bewundernswerte Eigenschaft.“

„Das stimmt.“ Er zögerte. „Hast du nie über eine Abtreibung nachgedacht?“

„Nein.“ Sie sah ihn aufmerksam an. „Hättest du gewollt, dass ich abtreibe?“

„Ich bin Italiener. Katholisch. Also nein.“

„Ich bin keins von beiden, aber es kam trotzdem nie infrage.“

Er hielt den Blick auf sie gerichtet. „Und jetzt bist du hier.“

„Ja.“ Sie blickte auf, ihre Stimme blieb fest. Solange alles nach Plan lief und sie die Kontrolle behielt, war alles in Ordnung. „Ich wollte es dir persönlich sagen. Es wäre nicht fair, alle Entscheidungen zu treffen, ohne vorher mit dir darüber zu sprechen.“

Brando hob eine Augenbraue. „Und doch hast du bis jetzt gewartet.“

Die Stille zog sich hin, und ihr Puls entwickelte sich zu einem unangenehmen Pochen, das sie im ganzen Körper spürte. Das ist nicht der Brando, den sie das letzte Mal gesehen hatte. Genau genommen erkannte sie diesen Brando gar nicht wieder. Sie waren wie zwei Fremde. Dabei waren sie das letzte Mal, als sie sich gesehen hatten, unglaublich intim miteinander gewesen. Sie hatte sich ihm völlig hingegeben und es niemals bereut …

„Dass ich schwanger bin, war ein Schock für mich“, sagte sie jetzt. „Das hatte ich nicht geplant, und ich brauchte ein paar Wochen, um das alles zu verarbeiten. Aber jetzt freue ich mich eigentlich sehr darauf, Mutter zu werden.“

„Und was genau willst du jetzt mit diesem Gespräch erreichen? Willst du Geld? Finanzielle Unterstützung?“

„Nein.“

„Was dann?“

Ihr Plan war, ihm genau das anzubieten, wovon sie wusste, dass er es nicht wollte – die Möglichkeit, ein Vater zu sein. Sie würde ihm das gemeinsame Sorgerecht anbieten. Ein Angebot, das er mit Sicherheit ablehnen würde. Und wenn er zurückschreckte, würde sie ihm vorschlagen, sich allein um das Kind zu kümmern. Er würde erleichtert zustimmen, und damit wäre die Sache geklärt. Brando sah gut aus und war intelligent, aber er war noch nicht bereit für eine eigene Familie. Seine Schwester hatte das mehrmals erwähnt. Brando war der Letzte, der sich einer Familie verpflichten würde. Er war der Rebell und schätzte seine Freiheit. Das konnte Charlotte gut verstehen, denn sie schätzte ihre auch.

„Ich möchte, dass du der Vater dieses Kindes wirst“, sagte sie ruhig, „wenn du das denn willst.“

„Weiß deine Familie von der Schwangerschaft?“

„Nein. Ich habe es bisher geschafft, sie geheim zu halten, aber das ist jetzt nicht mehr möglich. Es ist schon offensichtlich.“

„Warum hast du es deiner Familie nicht gesagt?“

„Es geht sie nichts an.“ Sie legte wieder die Hand auf den Bauch und spürte erneut eine leichte Bewegung. „Wenn ich diese Neuigkeiten schon mit jemandem teile, dann solltest das du sein.“

Charlotte Parks war genauso schön wie das letzte Mal, als er sie gesehen hatte. Damals hatte sie nackt in seinem Bett gelegen, ihre langen goldenen Haare ausgebreitet auf dem Kissen, ihr Mund geschwollen von seinen Küssen. An diesem Morgen wirkte sie so distanziert und hatte dennoch eine unglaubliche Ausstrahlung. Die Schwangerschaft stand ihr gut. Ihre Haut sah noch strahlender aus, ihre Augen waren blauer und leuchtender, und ihre langen goldblonden Haare schimmerten im Sonnenlicht, das durch die großen Fenster fiel.

Als Louisa nach oben gekommen war und ihm gesagt hatte, dass da eine Frau an der Tür war, die ihn sehen wollte, hatte er verwundert eine Augenbraue gehoben, war aber nicht beunruhigt. Als er dann Charlotte im Salon vorgefunden hatte, war er neugierig geworden. Charlotte, die reizende Charlotte, verlangte nie etwas, und doch war es das pure Vergnügen mit ihr im Bett gewesen. Aber jetzt war ihm nicht nach Spaß zumute. Denn offensichtlich war sie schwanger. Mit seinem Kind.

So etwas passierte ihm nicht zum ersten Mal. Vor einigen Jahren war er in der gleichen Situation gewesen. Zum Glück hatte er einen Vaterschaftstest gefordert, der sich als negativ herausgestellt hatte. Ihm war ein riesiger Stein vom Herzen gefallen.

Aber jetzt … Jetzt wusste er nicht, was er denken sollte. Sein Blick streifte Charlotte, ihre langen blonden Haare und die hohen, eleganten Wangenknochen. Dann wanderte er mit den Augen zu ihren vollen Brüsten und ihrem straffen, runden Bauch. Sie sah zwar großartig aus, war aber nicht ganz so gelassen, wie er anfangs gedacht hatte. „War es nicht schwierig, das geheim zu halten?“, fragte er.

„Nein.“

„Wirklich nicht?“

Sie zuckte die Achseln. „Ich bin niemand, der Dinge besprechen muss, um Entscheidungen zu treffen. Und den Rat von anderen brauche ich auch nicht. Ich brauchte nur Zeit, und die hatte ich. Jetzt bin ich hier und bereit, über die Zukunft zu sprechen.“

„Für mich kommt das ziemlich unerwartet.“

Farbe huschte über ihre anmutigen Wangenknochen, und sie senkte den Kopf. „Das stimmt.“ Sie schaute auf, und ihre Blicke trafen sich. „Ich nehme an, du bestehst auf einem Vaterschaftstest. Ich habe schon nachgeschaut, welche Kliniken hier in Florenz diesen Test durchführen. Der Ablauf ist einfach … Wir müssen nur beide Blut abgeben und auf das Ergebnis warten.“ Sie hielt kurz inne. „Wenn möglich, würde ich das gern heute noch erledigen. So haben wir das Testergebnis schneller.“

„Und wenn ich der Vater bin?“

„Du bist auf jeden Fall der Vater. Aber bitte lass mich dir versichern, dass ich alles im Griff habe. Ich verlange nichts von dir. In deinem Leben muss sich nichts verändern. Ich wollte nur fair sein und …“

Er lachte. Ein tiefer, heiserer Laut, der sie mitten im Satz unterbrach.

Sie sah ihn an, zog ihre geschwungenen Augenbrauen höher und errötete noch mehr. „Das sollte kein Scherz sein“, sagte sie angespannt.

„Mag sein, aber ich finde es komisch, dass du sagst, in meinem Leben müsse sich nichts verändern. Bella, alles in meinem Leben wird sich ändern. Es hat sich schon in dem Moment verändert, als ich gerade erfahren habe, dass ich bald Vater werde.“

„Du musst dich zu nichts verpflichtet fühlen. Ich habe kein Problem damit, alleinerziehende Mutter zu sein.“

„Wenn es nicht mein Kind ist, habe ich nichts dagegen. Aber wenn es von mir ist, dann werde ich mich natürlich um mein Kind kümmern.“

Autor

Jane Porter

Bereits in der Grundschule schrieb Jane ihr erstes Manuskript: Es war 98 Seiten lang und wurde von einem Jungen in ihrer Klasse zerrissen. Jane weinte, der Junge musste die zerrissenen Seiten zusammenkleben und kam mit einer Verwarnung davon, während Jane fürs Schreiben im Unterricht bestraft wurde und so lernte, dass...

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