Drei kleine Worte vom Glück entfernt

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„Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten – verkauft!“ Bei einer Wohltätigkeitsauktion ersteigert die hübsche Cassidy ein Date mit ihrem heimlichen Schwarm Tim Duggan. Aber was am Ende ihres romantischen Rendezvous passiert, übertrifft ihre kühnsten Träume …


  • Erscheinungstag 10.05.2021
  • Bandnummer 13
  • ISBN / Artikelnummer 9783751505857
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Cassidy Kaye spürte es sofort, als Tim Duggan den Grünen Raum im Spring Gulch Country Club betrat. Obwohl sie gerade alle Hände voll zu tun hatte, die jungen Frauen zu frisieren, die an der Single-Auktion von Jackson Hole teilnahmen. Sobald der gut aussehende Arzt irgendwo auftauchte, stellten sich bei ihr sämtliche Antennen auf Empfang ein.

Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie er an der Tür stehen blieb. Ein hochgewachsener Mann mit dichtem, rötlich braunem Haar und ausdrucksvollem Gesicht. Die Sommersprossen auf seiner Nase verliehen ihm etwas Jungenhaftes, und sie wusste, dass seine haselnussbraunen Augen sich von einem Moment zum anderen in einen hinreißenden Goldton verwandeln konnten.

Mit ernster Miene blickte er sich um.

Als Cassidy erfahren hatte, dass Tim für seinen Freund Liam Gallagher einspringen würde, konnte sie es zuerst gar nicht glauben. Im Gegensatz zu den anderen Junggesellen, die sich für die Auktion gemeldet hatten, war der Witwer und Vater siebenjähriger Zwillingstöchter eher ein Familienmensch. Abgesehen von den paar Gelegenheiten, wo Cassidy ihn mit der Bibliothekarin Jayne Connors bei öffentlichen Veranstaltungen gesehen hatte, ging er nie aus.

Als Tim sie bemerkte, lächelte er erleichtert, und Cassidy wurde ganz warm ums Herz.

„Bin gleich zurück“, sagte sie zu Zippy Rogers, deren langes dunkles Haar sie gerade zu einer flippigen Frisur hochgesteckt hatte. Mit jedem Schritt, den sie sich Tim näherte, wuchs ihre Aufregung. Ohnehin herrschte in dem Vorraum zum Ballsaal eine erwartungsvoll aufgeladene Atmosphäre.

„Hi, Tim.“ Sie verwünschte das Herzklopfen, das sie jedes Mal in seiner Nähe überfiel. Um möglichst cool zu wirken, lächelte sie ihn kess an. „Dass du dich auch auf den Fleischmarkt wirfst, ist schon Stadtgespräch.“

Er schnitt eine Grimasse, und sie konnte förmlich sehen, wie er versuchte, eine schlagfertige Antwort auf ihre forsche Bemerkung zu geben.

„Das tue ich nur für Liam.“ Er trat von einem Fuß auf den andern. „Der hat leider eine Allergie und sieht aus wie Quasimodo.“

„Der Arme“, sagte Cassidy mitfühlend.

„Er fand es furchtbar, in letzter Minute absagen zu müssen.“

„Also wenn er wie Quasimodo aussieht, war das sicher eine vernünftige Entscheidung“, bemerkte Cassidy trocken.

Tim ließ den Blick über all die aufwendig gestylten Frauen und elegant angezogenen Männer schweifen. Die meisten von ihnen kannte er nur flüchtig. Es waren hauptsächlich Businessleute und um einiges jünger als er. Zu seinem Freundeskreis zählten eher Ärzte und Sozialarbeiter, aber auch junge Unternehmer wie Cassidy. Ihr gehörte der gut gehende Friseursalon Clippity Do Dah in der Innenstadt von Jackson Hole. Im letzten Jahr hatte sie ihr Geschäft vergrößert und bot nun auch Nagelpflege und Styling für Hochzeiten und besondere Anlässe an.

„Ich weiß überhaupt nicht, was ich hier machen soll“, sagte Tim. „Liam konnte mir das auch nicht so genau sagen.“

„Lexi Delacourt wird dich genauestens informieren. Sie organisiert die Auktion und nimmt die Gebote an.“

„Ah, okay.“ Tim nickte erleichtert.

Lexi war eine gemeinsame Freundin von Tim und Cassidy. Die hübsche Sozialarbeiterin brachte so viel natürliche Klasse und Eleganz mit, dass die Auktion einiges Niveau versprach. Soweit das bei so einer Art Heiratsmarkt möglich war.

„Ich bringe dich zu ihr.“ Cassidy hakte sich bei Tim ein und freute sich über die unerwartete Gelegenheit, ihn zu berühren.

Unauffällig musterte sie ihn. Obwohl sie selbst lebhafte Farben bevorzugte, fand sie Tim in seinen braunen Hosen und dem cremefarbenen Hemd unglaublich sexy. Die warmen Farben machten ihn noch attraktiver und unterstrichen seinen Typ.

Sie blickte an sich herunter und fragte sich, ob ihm ihr knalloranger Rüschenrock und ihr limettenfarbenes, hautenges Top wohl gefielen.

„Hier lang.“ Sie zog ihn am Arm, doch er bewegte sich nicht von der Stelle.

„Ich komme schon alleine klar. Du hast doch so viel zu tun.“

Sie sah zu Zippy hinüber, die sich gerade die Lippen knallrot anmalte. Toll sah das aus, fand Cassidy. Lippen konnten nicht rot genug sein.

„Mach dir keine Gedanken.“ Diesmal zog sie fester an seinem Arm. „Zippy ist die letzte für heute.“

„Na, wenn das so ist.“

„Wie geht’s denn Esther und Ellyn?“

Wie immer leuchteten seine Augen auf, wenn er auf seine Töchter angesprochen wurde. „Alles in Ordnung. Sie schlafen heute bei Oma und Opa.“

„Deine Mutter hat doch bestimmt einen Schock bekommen, als sie gehört hat, dass du für Liam einspringst.“

Suzanne Duggan war pensionierte Lehrerin, Gluckenoma und eine absolute Nervensäge. Bestimmt hatte sie die Nase gerümpft über etwas so Profanes wie die Single-Auktion.

„Sie hat nicht viel dazu gesagt.“

Tims Stimme klang gleichgültig, doch Cassidy ließ sich nicht täuschen. Die Übermutter hatte ihre spitze Zunge garantiert nicht im Zaum halten können.

„Und was hat Jayne dazu gesagt?“ Sie versuchte, lässig zu klingen.

„Jayne?“

„Jayne Connors.“

„Ich habe nicht mit ihr gesprochen.“

Erleichterung durchströmte Cassidy wie ein kühles Bier an einem Sommerabend. Anscheinend waren Tim und Jayne doch nicht so eng zusammen, wie sie dachte. Doch sicher war das nur eine Frage der Zeit. Die Verliebtheit in den Augen der Bibliothekarin war nicht zu übersehen.

„… für einen guten Zweck.“

Cassidy merkte, dass ihr Begleiter etwas gesagt hatte, während ihre Gedanken mit Jayne Connors beschäftigt waren. Aber sie hatte Übung darin, gleich wieder den Faden zu finden. Im Salon schweifte sie öfters mit den Gedanken ab, wenn ihr die Leute alles Mögliche erzählten.

„Ich stehe voll dahinter. Das neue Kinder- und Frauenzentrum ist eine tolle Sache.“ Seine warmherzige Art war ein weiterer Pluspunkt auf der langen Liste seiner Vorzüge. „Es gibt in unserer reichen Stadt viel zu viele bedürftige Frauen und Kinder, die zu kämpfen haben …“

Noch immer spürte Cassidy bei solchen Bemerkungen einen Kloß im Hals, obwohl sie ihre Kindheit längst hinter sich gelassen hatte. Rasch verbannte sie die Vergangenheit in die hinterste Ecke und widmete sich dem Hier und Jetzt.

„Da ist ja Lexi.“ Cassidy bedauerte, Tim an Lexi abgeben zu müssen. Zu gern hätte sie ihn noch eine Weile für sich behalten.

„Okay, dann rede ich gleich mal mit ihr.“ Doch er machte keine Anstalten wegzugehen.

Einen Moment lang sonnte Cassidy sich in dem Gedanken, dass es ihm so ging wie ihr und er sich nicht von ihr trennen wollte. Aber wahrscheinlich betrieb er nur Verzögerungstaktik.

Er seufzte. „Ich fürchte, ich werde da oben stehen, und keine Einzige wird für mich bieten. Wer interessiert sich schon für einen Witwer mit zwei Kindern?“

Tim war nicht der Mann, der mit solchen Bemerkungen kokettierte. Cassidy war ziemlich sicher, dass ihm überhaupt nicht klar war, wie attraktiv er auf Frauen wirkte.

„Du bist fünfunddreißig, erfolgreich und sexy.“

Er lachte. „Ja, genau.“

„Falls es dich beruhigt, fange ich mit dem Bieten an. Du wirst sehen, wie das die anderen anstachelt.“

Er lächelte sie dankbar an. „Das würdest du für mich tun?“

„Na klar.“ Sie puffte ihn sanft in den Arm. „Wir sind doch Freunde.“

Okay, vielleicht waren ihre Gefühle nicht rein freundschaftlicher Natur, aber der Satz fühlte sich gut an.

„Du bist wirklich sehr nett.“ Sein Blick verweilte so lange auf ihrem Gesicht, dass ihre Lippen zu prickeln anfingen. Der verrückte Gedanke kam ihr, er könne sie küssen.

Doch er drückte nur dankbar ihren Arm und schlenderte zu Lexi hinüber.

Nachdem es Cassidy gelungen war, ihre Kundin Zippy noch eine Spur atemberaubender aussehen zu lassen, nahm sie sich ein paar Minuten Zeit, um sich selbst zurechtzumachen.

Nebenan hatte die Auktion gerade begonnen. Fünf Frauen und fünf Männer hatten sich angemeldet. Den Anfang machte eine Frau, und dann ging es abwechselnd weiter.

Aus dem Ballsaal waren Gelächter und Beifallsrufe zu hören, während Cassidy vor dem Spiegel stand. Sie legte noch ein wenig Lipgloss auf und zupfte mit den Fingern ihre Frisur in Form. Für heute Abend hatte sie ihr Haar im Blond ihrer Kindheit eingefärbt, mit blauen Spitzen, passend zu ihrer Augenfarbe.

Sie lächelte ihr Spiegelbild strahlend an, um sicherzugehen, dass sich keine Lippenstiftspuren auf ihren Zähnen befanden. Zufrieden tänzelte sie dann auf ihren Highheels in den Ballsaal.

Nachdem sie sich eine Nummer gezogen hatte, sicherte sie sich einen Platz in der Nähe der Bühne. Gerade wurde mit großer Begeisterung für ein Date mit Zippy geboten. Zwei der Männer lieferten sich ein heißes Gefecht, entschlossen, die hübsche Anwältin für sich zu erobern.

Tausend Dollar waren bereits geboten, als einer der Männer aufgab. Dann war Tim an der Reihe, und Lexi trat auf die Bühne, um ihn vorzustellen. Anschließend reichte sie das Mikrofon an ihren Mann Nick, der als Auktionator fungierte.

Tim wirkte äußerlich ruhig, doch Cassidy war sicher, dass er keineswegs so entspannt war, wie es den Anschein hatte.

„Wer bietet die ersten hundert Dollar?“, fragte Nick.

Das war ihr Stichwort. Einen Moment lang war es still im Saal.

Als sie ihr Schild mit der Nummer hob, sah sie, dass eine rothaarige Frau ihres bereits hochhielt. Es war eine ihrer Kundinnen, Leila Daltry, eine vollbusige, attraktive Person im hautengen schwarzen Kleid. Sie war Krankenschwester und arbeitete in derselben Klinik wie Tim.

Als Cassidy ihr Schild für das Zweihundert-Dollar-Gebot hochhielt, funkelte Leila sie mit ihren katzengrünen Augen an. Cassidy lächelte ihr zu.

„Dreihundert“, verkündete Nick, als Leila erneut ihr Schild hob.

Cassidy bot vierhundert.

Die Blicke der Zuschauer gingen nun gespannt zwischen ihr und Leila hin und her.

„Höre ich fünfhundert?“, fragte Nick.

Cassidy sah, dass die Rothaarige zögerte. Krankenschwestern verdienten zwar nicht schlecht, doch das Leben in Jackson Hole war teuer, und fünfhundert Dollar waren eine Menge Geld.

Doch Leila hob herausfordernd das Kinn und hielt ihr Schild hoch.

Okay, dachte Cassidy, ich kann mir das zwar nicht leisten, aber ein bisschen geht noch. Sie hob ihr Schild, und Leila bedachte sie mit einem giftigen Blick.

„Wir haben sechshundert. Sechshundert zum ersten, zum zweiten und … zum dritten.“ Nick ließ den Hammer niedersausen.

Immerhin ist es für einen guten Zweck, dachte Cassidy, als sie den Scheck ausstellte.

Sie zuckte zusammen, als plötzlich Tim neben ihr stand. „Tut mir leid, dass es dich erwischt hat. Ich kann dir das Geld zurückgeben.“

Normalerweise war Cassidy nicht um Worte verlegen, doch diesmal verschlug es ihr die Sprache. Sie stoppte ihn mit einer Handbewegung, als er weiterreden wollte. „So leicht kommen Sie mir nicht davon, Dr. Duggan. Ich habe Sie für gutes Geld gekauft.“

Plötzlich lächelte er, ein warmes, entspanntes Lächeln, das seltsame Regungen in ihr auslöste. Und als er ihren Arm nahm, war sie sicher, dass Tim jeden einzelnen Dollar wert war.

Sie gingen in den angrenzenden Saal, wo es Champagner und Häppchen gab. Nachdem sie miteinander angestoßen hatten, schlenderten sie hinaus auf die Terrasse. „Aber du musst mir erlauben, dass ich dich einlade“, sagte Tim entschieden. „Du darfst dir aussuchen, wo du gerne hingehen möchtest. Okay?“

Cassidy überlegte einen Moment, dann nickte sie.

Der Mond strahlte in goldenem Glanz, und eine leichte Brise wehte ihr durchs Haar. Wie schön es war, neben diesem blendend aussehenden Mann zu stehen. Sie konnte den Blick nicht von seinen Lippen wenden. Wie es wohl wäre …

Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, legte sie ihm die Arme um den Hals und küsste ihn.

2. KAPITEL

Zwei Wochen später hatte Tim den heißen Kuss noch immer nicht vergessen. Während er die Einfahrt zum Haus seiner Eltern hochfuhr, spürte er ein erwartungsvolles Kribbeln, denn heute Nachmittag würde er Cassidy zum ersten Mal allein treffen.

In den letzten vier Jahren war es allenfalls seine Freundin Jayne gewesen, die ihn hin und wieder freundschaftlich auf die Wange geküsst hatte. Und dann dieser sinnliche, warme Kuss von Cassidy direkt auf seinen Mund! Das hatte ihn völlig umgehauen, und er hatte all seine Willenskraft aufbieten müssen, um den Kuss nicht leidenschaftlich zu erwidern.

Vielleicht gäbe es ja heute Abend eine Gelegenheit …

„Hurra, wir sind da“, riefen seine Töchter unisono vom Rücksitz, als er vor dem zweistöckigen, mit weißen Holzschindeln verkleideten Haus anhielt, in dem er seine Kindheit verbracht hatte. Zu dem gepflegten Haus gehörte ein riesiger Garten mit sattgrünem Rasen, hohen Laubbäumen und perfekt gestutzten Ligusterbüschen.

Kaum hatte Tim die Wagentür aufgemacht, da sprangen seine Töchter auch schon heraus und sausten auf die Haustür zu.

Esther und Ellyn waren leidenschaftlich gern bei ihren Großeltern, und für Tim waren seine Eltern allzeit bereite Babysitter. Heute allerdings hätte er lieber die Tochter seiner Freunde engagiert, die auch gelegentlich auf die Mädchen aufpasste, doch die hatte keine Zeit.

Dummerweise hatte er seiner Mutter von dem Date mit Cassidy erzählt, und er wusste, sie würde ihm mit ihren Einwänden zusetzen. Sicher würde er sich gleich anhören müssen, dass Cassidy ja nur darauf aus sei, sich einen reichen Arzt zu angeln.

Er atmete tief durch, bevor er zögernd seinen Töchtern folgte.

Zum Glück kam in diesem Moment sein Vater ums Haus. Steve Duggan trug Gartenhandschuhe und hielt eine gefährlich aussehende Baumschere in der Hand. Vor Kurzem war der Bauingenieur in Rente gegangen und vertrieb sich nun die Zeit mit Gartenarbeit. Mit seinen sechsundsechzig Jahren wirkte Steve mindestens zehn Jahre jünger. Er war ein hochgewachsener Mann mit rotblondem Haar, in das sich zunehmend silberne Fäden mischten. Den rötlichen Farbton hatte er seinen drei Kindern vererbt.

Als Tim in die warmen braunen Augen seines Vaters blickte, wurde ihm nicht zum ersten Mal bewusst, was für ein Glück er hatte, in einer Familie mit liebevollen, fürsorglichen Eltern aufgewachsen zu sein. Von dem Moment an, als seine Zwillingstöchter zur Welt kamen, hatte er beschlossen, ihnen ein ebenso liebevolles Elternhaus zu schaffen. Leider musste er nach dem Tod seiner Frau Caro nun Vater und Mutter zugleich sein.

Die Mädchen brauchen eine Mutter.

Wie oft meldete sich diese Stimme in ihm, und jedes Mal bekam er Angst. Angst, dass er den Mädchen etwas vorenthielt, indem er beschlossen hatte, Single zu bleiben. Doch er hatte einen so anstrengenden Beruf, dass ihm abends gerade noch Zeit für seine Töchter blieb. Daneben auch noch die Ansprüche einer Frau zu erfüllen wäre ihm unmöglich.

Außerdem reichte es, dass er bei einer Frau versagt hatte. Denselben Fehler würde er nicht noch mal machen.

„Na, ist das wieder eine von Moms Beschäftigungstherapien“, sagte Tim mit Blick auf die Baumschere.

Sein Vater lachte etwas gequält. „Die To-do-Liste deiner Mutter wird mich bis ins nächste Jahrhundert beschäftigen.“

Die beiden Männer lächelten sich verständnisinnig an.

Während Tim neben seinem Vater auf das Haus zuging, spürte er dessen neugierigen Seitenblick. „Ich war überrascht, als Suzy mir erzählte, dass du die Kinder schon um vier vorbeibringst. Ist das nicht ein bisschen früh für ein Date?“

Ja, ihm kam es auch ein bisschen früh vor, aber schließlich hatte Cassidy sechshundert Dollar für ihn bezahlt. Wahrscheinlich wollte sie möglichst viel für ihr Geld bekommen.

„Ja, Cassidy hat einen richtigen Plan ausgearbeitet. Zuerst gehen wir Pizza essen, und dann will sie mit mir zu irgendeinem Volksfest.“

„Erstaunlich, dass die Frau heute freinehmen kann“, meldete sich seine Mutter zu Wort. Sie stand auf der Veranda, eine schlanke, attraktive Frau mit braunem, kinnlangem Haar und strahlend blauen Augen. „Wenn man einen Schönheitssalon hat, ist Samstag doch der Hauptgeschäftstag.“

„Es ist ihr eigener Salon, da kann sie sich das einrichten.“ Tim bemühte sich um einen milden Ton. Er würde sich nicht wieder auf eine fruchtlose Diskussion einlassen. „Was machen die Mädchen gerade?“

Bei der Erwähnung „ihrer“ Mädchen wurde Suzannes angespannte Miene weich. Esther und Ellyn waren ihre einzigen Enkel. Allerdings war Tim sicher, dass seine Schwester Lindsey auch bald für Nachwuchs sorgen würde.

„Sie sind sofort zu Miss Priss und ihren Jungen abgeschwirrt.“

Tim lächelte. „Wie geht’s denn Prissy?“

Letztes Jahr hatten seine Eltern widerstrebend die Katze ihres pflegebedürftigen Nachbarn in Obhut genommen. Der alte Mann hatte den Gedanken nicht ertragen können, dass seine treue Gefährtin in einem Tierheim landen würde, wenn er ins Pflegeheim ging. Er hatte Tims Eltern versichert, dass Miss Priss sämtliche Impfungen hatte und auch sterilisiert war.

Doch vor sechs Wochen hatte die Katze, oh Wunder, vier Junge bekommen.

„Es geht ihr gut. Sie ist eine sehr liebevolle Mutter“, erwiderte Suzanne lächelnd.

„Das Vieh ist total verzogen“, brummte Steve. „Kannst du dir vorstellen, dass sie nicht aus einer Schale trinken will? Man muss ihr immer den Wasserhahn in der Badewanne aufdrehen.“

„Sei still, Steve. Angeblich ist das bei Katzen ein Urinstinkt.“

„Habt ihr denn schon jemanden für die Jungen gefunden?“

„Bisher nur für drei, den hässlichen Zwerg will keiner“, erwiderte Suzanne seufzend.

Steve zwinkerte seinem Sohn zu. „Deine Töchter vergöttern den hässlichen Zwerg.“

Tim hob abwehrend die Hände. „Irgendwann bekommen sie ein Haustier. Im Moment ist das unmöglich.“

Sein Vater blickte nachdenklich vor sich hin. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die besten Dinge oft die sind, die einem unerwartet passieren.“

Tim ließ das unkommentiert, auch weil seine Mutter ihn mit der Frage überfiel: „Wieso bist du für ein Date so lässig angezogen?“

Offenbar war Suzanne der Meinung, ihr Sohn müsse sein Image in der Stadt wahren.

„Wir gehen doch nicht zu einem Ball. Außerdem ist es kein Date im üblichen Sinn.“

Für ihn war es das allerdings schon. Es war das erste Mal seit dem Tod von Caro vor vier Jahren, dass er mit einer Frau ausging. Ab und zu begleitete er seine Freundin Jayne Connors zu öffentlichen Veranstaltungen, aber das zählte für ihn nicht.

„Da hast du absolut recht, es ist kein Date.“ Seine Mutter nickte zufrieden. „Genau das habe ich zu Paula auch gesagt, als sie ganz aufgeregt anrief.“

Paula Connors war Suzannes beste Freundin – und Jaynes Mutter. Die beiden Frauen telefonierten mindestens einmal täglich oder schickten sich Nachrichten. Sie gehörten denselben Clubs an, arbeiteten ehrenamtlich im Krankenhaus und waren in sämtlichen Komitees der Stadt vertreten.

„Was interessiert es denn Paula, mit wem ich ausgehe?“

„Oh, Tim.“ Seine Mutter schnalzte ungeduldig mit der Zunge. „Natürlich wegen Jayne. Du weißt, dass Paula genau wie ich immer noch hofft, dass ihr beide zusammenkommt.“

Tim stöhnte auf. Wieder mal war er darauf reingefallen.

Ein Jahr nach Caros Tod hatte er die Kinderfreundschaft mit Jayne wiederbelebt. Dabei hatte er von Anfang an klargestellt, dass er nicht an einer Beziehung interessiert war. Und zum Glück dachte Jayne genauso, zumindest sagte sie das. Nur ihre Mütter wollten das nicht wahrhaben.

„Jayne und ich sind Freunde, Mutter.“ Am liebsten würde er den Satz einmal aufnehmen und ihn abspielen, sobald seine Mutter wieder davon anfing. Die Vorstellung, wie Suzanne darauf reagieren würde, entlockte ihm ein Grinsen.

„Schön, dass du das so amüsant findest“, erwiderte Suzanne in eisigem Ton. Dann kam sie näher und baute sich vor ihrem Sohn auf. Sie war zwar einen Kopf kleiner als er, aber dafür umso resoluter. Man konnte sich gut vorstellen, wie sie früher eine Klasse aufmüpfiger Teenager in Schach gehalten hatte. „Hör zu, mein Sohn, ich sage dir jetzt was.“

Aus dem Augenwinkel bemerkte Tim, dass sein Vater ihm einen mitfühlenden Blick zuwarf, bevor er sich auf leisen Sohlen davonmachte.

„Jayne ist eine fantastische Frau, und ihr beide passt perfekt zusammen. Wohingegen diese Cassidy …“

„Nein, nein, kein Wort mehr“, unterbrach Tim sie, und Suzannes Mund klappte erschrocken zu. „Cassidy Kaye ist eine Frau“, fuhr Tim fort, „die von allen gemocht und respektiert wird. Ich werde nicht zulassen, dass du ihren Charakter infrage stellst.“

Suzanne blinzelte und wollte den Mund zum Widerspruch öffnen, doch Tims eisiger Blick hielt sie davon ab.

Tim nahm den Moment der Stille wahr, um das Thema zu wechseln. „Macht es dir wirklich nichts aus, die Mädchen über Nacht zu behalten? Ich bin bestimmt noch früh genug zu Hause, um sie wieder abzuholen.“

Suzanne winkte ab. „Nein, nein. Sie freuen sich doch schon darauf, hier zu übernachten.“

„Na gut.“ Er überlegte noch, ob er sich von seinen Töchtern verabschieden sollte, aber die hatten ihn über den Kätzchen bestimmt längst vergessen. „Nochmals danke.“

Als er gerade ins Auto steigen wollte, rief seine Mutter: „Tim!“

Er drehte sich zu ihr um und sah, wie sie sich auf die Lippen biss. „Ich wünsche dir einen schönen Abend.“ Sie brachte sogar ein Lächeln zustande.

„Danke, Mom.“

Als Cassidy den ersten Happen von ihrer Pizza abbiss, seufzte sie genüsslich. „Mhm, ist das köstlich.“

Tim saß ihr gegenüber und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Als sie ihn gefragt hatte, welche Art von Pizza er mochte, hatte er gemeint, alles, was nicht nach Sardellen schmeckt.

Daraufhin hatte sie ihre Lieblingspizza für sie beide bestellt, die nun knusprig und nach mediterranen Kräutern duftend auf dem Tisch stand.

Tim nahm sich auch ein Stück, und sie beobachtete ihn, während er hineinbiss. „Hm, schmeckt super.“

Sie lächelte zufrieden.

Während sie aßen, blickte Tim sich in der gut besuchten Pizzeria um. „Kaum zu glauben, dass nachmittags um vier so viele Leute Lust auf Pizza haben.“

Cassidy dachte bei sich, dass der Mann einfach zu selten ausging. Jeder wusste doch, dass die beste Pizzeria in der Stadt immer voll war, vor allem am Wochenende. „In einer Stunde kriegst du hier nur noch einen Stehplatz“, erklärte sie.

„Ah, deshalb wolltest du dich so früh treffen. Gute Idee.“ Er lächelte sie an. „Verrätst du mir auch, was du für den Rest des Abends geplant hast?“

Cassidy nahm sich in aller Ruhe ein neues Pizzastück. Sie wusste, dass Tim ein vielbeschäftigter Frauenarzt war, der seine Arbeit und sein Leben einem exakten Zeitplan unterwarf. Absichtlich hatte sie ihm verschwiegen, was sie alles an Aktivitäten vorgesehen hatte, und lediglich angedeutet, dass sie zu einem Volksfest gehen würden. Er sollte sich unbefangen auf den Abend freuen – und auf sie.

Allzu große Hoffnungen, dass sich aus dem Date etwas entwickeln würde, hegte sie nicht. Tim und sie kamen aus zu unterschiedlichen Welten. Schon damals in der Highschool hatte sie gewusst, dass es zu nichts führte, sich in Jungs wie ihn zu verlieben.

Autor

Cindy Kirk
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