e-Motion

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Cassie Hayes ist alles - eine Diva (selten), eine Kratzbürste (manchmal), ein Trotzkopf (fast immer) - nur kein Hausfrau- und Mutter- Typ. Seit ihrer Scheidung gibt es bloß noch einen "Mann" in ihrem Leben: Mr. Coffee - die Kaffeemaschine. Deswegen ist sie auch nicht bereit, von Miami nach London zu fliegen, um endlich Michael zu treffen - den Mann und Autor, mit dem sie seit Jahren (nur) via E-Mail und Telefon Kontakt hält. Und weil Cassie Hayes nicht ist wie jede, muss sie erst einem alten Schriftsteller das Disco Dancing beibringen, ihn dann mit seiner Haushälterin verkuppeln und schließlich deren Kaninchen in Pflege nehmen, bevor sie ihr Laptop schließt und die Reise über den Atlantik antritt.
  • Erscheinungstag 10.12.2012
  • ISBN / Artikelnummer 9783955762544
  • Seitenanzahl 192
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Erica Orloff

e-Motion
Eine transatlantische Liebesgeschichte

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Claudia Wuttke

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MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2012 by MIRA Taschenbuch
in der Harlequin Enterprises GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Spanish Disco

Copyright © 2003 by Erica Orloff

erschienen bei: Red Dress Ink, Toronto

Übersetzt von Claudia Wuttke

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Titel der deutschen Erstausgabe:

Tequila Sunrise

Copyright © by Harlequin Enterprises GmbH

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Titelabbildung: Corbis GmbH, Düsseldorf

Autorenfoto: © by Harlequin Enterprise S.A., Schweiz

Satz: D.I.E. Grafikpartner, Köln

ISBN eBook 978-3-95576-254-4

www.mira-taschenbuch.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net

Meinen Eltern, Walter und Maryanne Orloff, gewidmet.

Und in Erinnerung an Robert und Irene Cunningham.

Danksagung

Ich möchte meiner wunderbaren, unverzichtbaren Agentin Jay Poynor danken, die immer an mich und meine Arbeit geglaubt hat. Du bist mir Freundin, aufmunternde Gefährtin, Kritikerin, Vertraute und Familie in Personalunion.

Meinem Vater, Walter Orloff. Ich bin zuallererst deswegen eine Schriftstellerin geworden, weil du so ein verflucht interessanter Mensch bist. Zweitens bist du der Vater aus Kapitel dreizehn, der mich schon in frühen Jahren an die Bücher herangeführt hat. Alles, was ich bin, bin ich, weil du mich herausgefordert hast.

Meiner Mutter, Maryanne Orloff, die aber auch gar nichts mit der Mutter in diesem Buch gemein hat. Meine Lust am Lesen habe ich von dir geerbt. Ich danke dir, dass du mich schon in der zweiten Klasse mit in die Bücherei genommen hast und ich mir am Freitag sieben Bücher ausleihen durfte, die ich am Montag zurückgebracht habe, um mir die nächsten sieben auszuleihen.

Meinen beiden Schwestern, Stacey Groome und Jessica Stasinos, und meinen Freundinnen Pammie, Cleo, Nancy, Kathy L., Kathy J., Lisa, JoAnn und Meredith … für eure Freundschaft und eure Unterstützung.

Insbesondere Kathy Levinson danke ich, dass sie meine Trips nach New York und damit meine nicht mehr normal zu nennende Flugangst toleriert hat (und dass ich bei ihr wohnen durfte). Du bist mein persönlicher „Flugtherapeut“. Dank auch an Marc Levinson – aus den gleichen Gründen. Erwähnen möchte ich auch Pam Morrell, vor allem, weil sie mich immer irgendwie auf der Gewinnerstraße sah. Den Mitgliedern des Schreibcamps: Pam, Gina, Becky … und Josh.

Den Mitgliedern meiner Frauenlesegruppe: für eure Freundschaft (und das fantastische Essen einmal im Monat).

Bei Red Dress Ink danke ich Margaret O’Neill Marbury: für deine Hellsichtigkeit, deine Erfahrung und deinen Glauben an dieses Buch. Allen aus dem RDI-Team, die dieses Buch möglich gemacht haben, danke ich ebenfalls.

Alexa, Nicholas und Isabella – euch danke ich, dass ihr mir einen Grund zum Atmen gebt.

Meiner Großmutter, Gloria, und meinem Cousin, Joey D., weil ich euch immer versprochen habe, dass ich euch in meinem Buch erwähnen würde.

Dem späten Victor Frankl. Dank Ihrer Philosophie lebe ich.

Ich danke jedem, den ich hier ausgelassen habe. Ihr wisst, dass ich nicht besonders gut organisiert bin, also bitte: Verzeiht mir.

Und schließlich danke ich J. D.: Du kennst alle meine Geheimnisse, selbst die, die ich sonst mit niemandem teile, und du kennst meinen Schmerz und meine Freude. Und obwohl ich dich oft genug umbringen will, bringst du mich jeden Tag zum Lachen.

1. KAPITEL

„Hallo, Sahnestückchen.“

Die meisten Leute werden panisch, wenn morgens um 4.09 Uhr das Telefon klingelt. Sie rechnen sofort mit einem Todesfall, vermuten instinktiv, jetzt ruft die Polizei an, um einem zu sagen, dass sie deine Schwester oder deine Mutter oder deinen Vater wie einen lausigen Iltis vom Asphalt der Interstate 95 gekratzt haben. Mir hingegen war nach Fluchen, als ich seinen Namen in den Hörer zischte: „Michael!“

„Stimmt, Schatz, ich bin’s.“

Vergeblich tastete ich nach dem Lichtschalter. „Ich nehme an, es ist sinnlos, dich zu fragen ob du weißt, wie spät es ist.“

„Was sollte David deiner Meinung nach zum Frühstück essen?“

„Zum Frühstück?“

„Ich glaube nämlich, Eier würden auf ein überraschendes Desinteresse an gesundheitsbewusster Ernährung hindeuten. Immerhin hat seine Frau ihn jahrelang darauf getrimmt, seinen Cholesterinspiegel unter Kontrolle zu halten. Und seine Raucherei. Und das könnte eben seine eigenwillige Art sein, sich zu widersetzen. Seine Art, der Welt ins Gesicht zu sagen: ‚Leck mich‘, wie du, meine Liebe, es ausdrücken würdest.“

„Es könnte aber auch sein, dass er Spiegeleier mit Speck nun mal ganz besonders mag, Michael. Ist es denn wirklich so wichtig, was dein Held zum Frühstück isst?“

Endlich fanden meine Finger die Schnur, mit der ich die Nachttischlampe anknipsen konnte. Ich blinzelte und griff nach dem Glas mit warmem Bourbon und Wasser, das ich für genau solche Unterredungen immer parat hatte.

„Überlebenswichtig.“

„Michael, du weißt nur zu gut, dass ich erst in ungefähr sechs Stunden zur Hochform auflaufe. Und das auch nur nach einer Kanne Kaffee. Hat diese Sache nicht Zeit?“

„Komm, sei ein Schatz“, sagte er und versuchte, mich mit seinem charmanten englischen Akzent zu überreden. „Begrüß den neuen Morgen mit mir.“

„Den neuen Morgen begrüßen? Michael, ich möchte den neuen Morgen nicht mit dir begrüßen. Ich möchte nicht mal den kommenden Mittag mit dir begrüßen.“

„Ich fasse es nicht! Du willst diesen prächtigen Anblick der aufgehenden Sonne nicht von deinem Balkon aus mit mir genießen? Mit deinem Lieblingsautor?“

„Lieblingsautor ist im Moment nicht das Wort, das mir als Erstes zu dir einfällt. Das ist es absolut nicht.“ Ich seufzte. „Solche Huldigungen kommen einem nach einer netten Danksagung besser über die Lippen.“

„Für die weltbeste Lektorin, der Liebe meines Lebens, Cassie Hayes, ohne die dieses Buch niemals möglich gewesen wäre, und ohne die ich die embryonale Grundhaltung einnehmen und auf ewig in ihr verharren würde, denn ein Leben ohne die schöne und kluge Cassie Hayes wäre ganz einfach keins.“

„Das ist doch ein Anfang.“

„Nicht zu vergessen ihr bemerkenswerter Sinn für das Erhabene und ihren unfehlbaren Riecher für jedes wackelige Partizip.“

„Und was noch?“

„Gerade vor Morgengrauen ist sie besonders süß.“

Ich rekelte mich und seufzte erneut. „Okay. Ich ziehe mir etwas über und setze einen Kaffee auf.“

„Bist du etwa nackt, Cassie?“

Michael Pearton war vermutlich der beste Schriftsteller, mit dem ich je zusammengearbeitet hatte. Außerdem hatte er einen geheimnisvollen Zug an sich. Die Porträtfotos auf der Rückseite seiner Bücher zeigten einen Mann mit schwarzem lockigen Haar und einem schiefen Lächeln, das von einer langen, breiten Narbe auf dem zweifellos kantig zu nennenden Kinn vollendet wurde. Er war beides: gut aussehend wie ein Filmstar und bedrohlich wie ein Türsteher. Wir hatten uns noch nie gesehen, aber bereits ausgiebig auf eine Weise geflirtet, die die Grenze zum Telefonsex eindeutig überschritt. Da das die einzige Art von Sex war, die ich überhaupt hatte, tolerierte ich sein Vor-Sonnenaufgang-Gesäusel.

„Warum fragst du? Ja, Michael, das bin ich“, murmelte ich. „Splitterfasernackt. Meine Brustwarzen sind hart, denn wenn du dich an meine Worte erinnerst, kühle ich diese Wohnung auf die Temperatur eines Gefrierschranks herunter, egal wie das Wetter draußen ist. Und besagte Brustwarzen werde ich jetzt in meinen Bademantel hüllen und barfuß in die Küche schlurfen, um mir dort Kaffee aufzusetzen.“

Ich klemmte mir das schnurlose Telefon unter das Kinn, redete mit heiserer Stimme weiter – vor meinem ersten Kaffee bin ich immer heiser – und verknotete den Gürtel meines grünen Seidenkimonos, den mir ein anderer Autor von einer Singapurreise mitgebracht hatte.

„Ich liebe es, wenn du schmutzige Sachen sagst, Cassie.“

„Und ich liebe es, wenn du mich deutlich nach Sonnenaufgang anrufst.“

„Du bist unausstehlich, wenn du deinen Kaffee noch nicht hattest. Dabei weißt du genau, dass du besser auf Tee umsteigen solltest. Hast du eigentlich jemals das Service benutzt, das ich dir geschickt habe?“

Ich machte Licht in der Küche, und, geblendet von dem strahlenden Weiß der Kacheln und Schränke, wandte ich die Augen ab, und mein Blick fiel auf das noch kein einziges Mal angerührte silberne Teeservice, das ich auf meinem Frühstücksregal postiert hatte. Er hatte es auf irgendeinem Flohmarkt erstanden und es mir in die Staaten geschickt. Die Kanne war angelaufen, aber der kunstvoll gearbeitete und reich verzierte Griff war richtig schön barock, und obwohl es zu rein gar nichts in meinem Apartment passte, liebte ich es.

„Natürlich. Es ist spitze.“

„Du bist eine ausgesprochen schlechte Lügnerin. Aber ich vermute, dass es wirklich hübsch aussieht, egal wo es steht.“

„Michael, warum überkommt dich die Inspiration eigentlich nur, wenn es bei mir tiefste Nacht ist?“

Meine Kaffeemaschine, Mister Coffee, begann, erste Geräusche von sich zu geben und ich beschwor sie, etwas schneller zu machen.

„Das ist wirklich verrückt. Ich gehe ins Bett, und mitten in der Nacht wache ich auf und weiß genau, wie es weitergehen muss. Ach so … und die Dusche. Unter der Dusche fühle ich mich auch oft inspiriert. Aber jetzt, wo jeder Mensch in London langsam ans Mittagessen denkt, muss ich diese verdammte Szene nur noch zu Ende bringen und … Es ist traurig, wirklich. Ich besitze einen antiken Zwanzigtausend-Dollar-Sekretär aus Kirschholz, der selbst der Queen zur Ehre gereichen würde, aber es will mir nicht gelingen, auch nur ein einziges Wort an ihm zu schreiben.“

Ich wusste, dass er splitterfasernackt mit einer anständigen Erektion in seinem Bett saß, den Laptop neben sich.

„Interessant. Und jetzt sagt dir deine plötzliche Eingebung, dass David sich Gedanken über sein Frühstück macht?“

„Ja. Es ist der Tag, nach dem sein Vertrag nicht verlängert wurde. Er fühlt sich wie ein totaler Versager, kastriert. Und als eine Art Gegenwehr sehe ich ihn Eier essen.“

„Na gut. Dann lass ihn Eier essen.“

„Was für welche?“

„Michael, wen zum Teufel interessiert, was David für Eier isst?“

„Was für welche? Soll er pochierte essen oder lieber Rührei?“

„Ich meine mich zu erinnern, ich hätte etwas von Spiegelei mit Speck gesagt.“

„Das war spontan. Ich glaube nicht, dass du lange genug darüber nachgedacht hast.“

„Pochierte.“

„Meinst du echt? Was hältst du von Eiern-Benedict? Dann würde er nämlich diese geile Sauce Hollandaise dazu essen.“

„Es ist mir egal, Michael. Gib ihm Sauce Hollandaise, wenn es dich glücklich macht. Es ist halb fünf.“

„Ist dein Kaffee endlich fertig? Du bist wirklich sehr gereizt heute Morgen.“

„Michael, ich kenne keinen einzigen Lektor, der sich auf diesen Schwachsinn einlassen würde.“

„Sehr richtig. Deswegen fressen dir die Autoren ja auch aus der Hand, und deswegen besitzt Louis O’Connor das erfolgreichste kleine Verlagshaus in den USA.“

Ich lächelte mit einem erwartungsvollen Blick auf Mister Coffee. „Es dauert nicht mehr lange. Bin gleich soweit.“

Ein oder zwei Minuten später setzte ich mich, einen Ozean von West Side Publishings wertvollstem Autor entfernt, an den Küchentisch. Michaels Finger sausten über die Tastatur, und ich stand ihm per Fernleitung zur Seite, während wir die Szene ausarbeiteten. Er hatte seine typische Schreibblockade gehabt. Ich wusste, dass er über das 14. Kapitel nicht hinauskommen würde. Das war bei jedem Buch das gleiche. Irgendwo in der Mitte verließ ihn die Hoffnung. Er gab auf. Er hatte genug von seinem Buch, von seinem Plot, von seinen eigenen Figuren. Und dann arbeitete er eine Weile nicht, bis er eine Erleuchtung hatte – für gewöhnlich mitten in meiner Nacht. Er rief mich an, wir redeten, warteten auf den Sonnenaufgang und damit auf die Überwindung seiner Krise, von der ich nach wie vor glaubte, dass sie bloß ein Vorwand war, um mehr von meinen Brustwarzen zu hören.

„Michael“, stöhnte ich zwei Stunden später, „die Sonne geht auf.“

„Beschreib es mir“, flüsterte er.

Ich trat auf den Balkon und sah mir den Ausblick an, der in der Miete der Boca Raton-Apartmentanlage inklusive war. „Nun, der Atlantik ist bemerkenswert ruhig heute Morgen und von wunderschönem Azurblau. Ich sehe eine Möwe, die träge dahingleitet, und einen Pelikan, der seinen Kopf unter Wasser taucht. Die Sonne hat es noch nicht ganz geschafft – der Horizont ist rosa- und purpurfarben, darüber erkennt man noch das Dunkel der Nacht. Der zunehmende Mond teilt sich den Himmel mit der aufgehenden Sonne. Da, jetzt sehe ich sie … mein Gott, es ist überwältigend, Michael.“

Die salzige Brise strich sanft über mein Gesicht.

„Die Sache mit dem Sonnenaufgang erklärst du sehr gut, Cassie.“

„Ich nehme an, ich hätte sie nicht beobachtet, wenn du nicht angerufen hättest, also sollte ich dir wohl danken. Doch das werde ich nicht. Ich gehe jetzt zurück ins Bett.“

„Du hast eine Kanne Kaffee getrunken. Bist du nicht völlig aufgedreht?“

„Nein, Michael. Bin ich nicht. Gute Nacht.“

„Guten Morgen, Cassie. Du bist die Allerbeste. Danke.“

„Auf dass ich deine Stimme das nächste Mal höre, wenn die Sonne ihren Zenit überschritten hat.“

Ich legte auf und fuhr mir mit der Hand durch meine vom Schlaf verwuschelten schwarzen Locken. Dann trottete ich zurück in mein Schlafzimmer, schloss die Jalousien einen Spalt, ließ meinen Kimono fallen und krabbelte wohlig unter die Laken. Ich liebte den Luxus, ein zweites Mal in einer Nacht ins Bett gehen zu können. Erneut nahm ich den Hörer in die Hand und rief unter der Durchwahl 303 im Büro an.

„Lou … ich bin’s. Michael Pearton hatte wieder eine seiner Vor-Sonnenaufgangskrisen. Wir haben bis eben die angemessensten Frühstücksgewohnheiten seines Protagonisten diskutiert. Es ist halb sieben. Ich bin müde. Wenn du Glück hast, komme ich frühestens um zwölf.“

Ich schloss meine Augen und fand, dass ich den Tag im Büro ganz knicken sollte. Dank Rufumleitung und E-Mail und dank der rückhaltlosen Bewunderung meines Chefs, war es mir gestattet, drei Tage in der Woche zu Hause zu arbeiten. Freitag hätte ich eigentlich in den Verlag gemusst, aber egal. Ich schaltete mein Telefon auf stumm und schlief sofort ein. Ich träumte davon, in Pools mit Sauce Hollandaise zu schwimmen.

Um elf Uhr hörte ich das gedämpfte Klingeln aus der Küche. Mir entging nicht, dass der Anrufer es wacker immer wieder probierte, obwohl niemand abnahm. Es klingelte viermal, das Band sprang an. Auflegen. Viermal Klingeln. Das Band. Auflegen. Viermal Klingeln …

„Ist ja schon gut, zum Kuckuck. Was willst du, Lou?“ Es war mir schließlich doch gelungen, den Hörer neben meinem Bett zu angeln.

„Woher hast du gewusst, dass …?“

„Du bist der einzige Mensch, der ignorant genug ist, um sich so etwas zu erlauben.“

„Ich brauche dich heute hier.“

„Tut mir Leid. Ich habe meine Stunden letzte Nacht, besser gesagt heute Morgen, aber du verstehst schon, was ich meine, mit unserem neurotischen Engländer abgeleistet. Wir sehen uns Montag.“

„Es geht um eine große Sache.“

„Was soll das heißen?“

„Größer als Stephen King, richtig groß. Das könnte mir Millionen einbringen. Und dir einen Bonus, mit dem du in Frührente gehen kannst.“

„Schieß los, wer ist es?“

„Kann ich dir nicht sagen.“

„Lou, wir sind hier nicht auf der High School. Nicht, dass ich glaube, dass du sie je besucht hättest. Du kamst auf die Welt und hast erstmal deine Geschwister gefressen.“

„Cassie, mein Herz, du spazierst hier ein und aus, wie es sich für eine Diva gehört. Diesmal aber rate ich dir ernsthaft, deinen Hintern hochzukriegen, dich anzuziehen und mich im Verlag zu treffen. Ich werde eine Leitung von der Kaffeemaschine in dein Büro legen lassen.“

„Ich hoffe, die Sache ist es wert.“

„Ist sie. In höchstem Maße.“

Ich kroch, für meinen Geschmack noch immer bedeutend zu früh, aus dem Bett, warf den gebrauchten Filter in den Müll und bereitete Mister Coffee, den einzigen Mann, der dieses Apartment in den vergangenen anderthalb Jahren gesehen hat, auf die zweite Kanne an diesem Tag vor. Nachdem das Koffein seine Wirkung getan, ich heiß geduscht, meinen karminroten Lippenstift aufgetragen und meine Haare etwa so durchgewuschelt hatte, dass sie an ein zotteliges Hundefell erinnerten, zog ich mir Jeans und T-Shirt an, schlüpfte in einen Leinenblazer, und machte mich auf den Weg über den Florida Ocean Highway hinunter in Richtung des West-Side-Publishings-Verlagsgebäudes.

Ich bin mir nicht mehr sicher, wie es mich eigentlich in einen Landstrich verschlagen konnte, der sich durch rosafarbene Paläste und ewigen Sonnenschein auszeichnete. Das passt nicht zu meiner Persönlichkeit. Als Lou von New York hierher zog, hat er mich vermutlich einfach mitgenommen. Er kam zum Fischen und wegen der Sonne her. Er kam, weil er nach Helens Tod aus New York weg wollte. Und ich kam, weil er kam.

Ich stieg aus meinem so gut wie nagelneuen Cadillac, den ich für einen Spottpreis aus dem Nachlass eines älteren Herren erstanden hatte. Seine Kinder wollten Bares. In Florida kann man jede Menge Schnäppchen machen, wenn man sich nicht daran stört, dass die Sachen Toten gehörten. Als Lou ihn zum ersten Mal sah, dachte er, nun wäre ich komplett übergeschnappt. „Ein bananengelber Caddy? Fährst du gern als Obst durch die Gegend?“ Aber ich bin klaustrophobisch. Ich bewege mich gern in luxuriösen Straßenpanzern.

Im Fahrstuhl drückte ich die siebte Etage und rauschte vollverglast nach oben zu den Büros von West Side.

„Morgen Cassie“, begrüßte mich Troy, Empfangschef und Lektoratsassistent, je nachdem.

„Mo’gen“, murmelte ich.

„Du siehst furchtbar aus.“

„Danke.“

„Keine Ursache. Kaffee?“

„Intravenös.“

„Du hast es erkannt.“ Er reichte mir einen Becher. „Fürs erste kannst du damit anfangen. Ich bring dir frischen, sobald er durchgelaufen ist.“

Ohne anzuklopfen öffnete ich die Tür zu Lous Büro.

„Es sollte die Sache wirklich wert sein. Ich bin heute extrem schlecht gelaunt“, sagte ich und postierte den Becher zwischen Stapeln mit von West Side veröffentlichten Büchern auf einem kleinen Mahagonitisch, bevor ich mich auf einer buttercremefarbenen Couch niederließ.

„Dann ist ja alles wie immer.“

„Wenn mir nach Beleidigungen wäre, hätte ich mit meiner Mutter gesprochen.“

„Rate mal, wer mich heute Nacht angerufen hat?“

„Was meinst du, Lou, gibt es da so eine Art Verbindung: Autoren und die Tiefe der Nacht?“

„Nun rate schon.“

„John Updike?“

„Größer.“

„Ich hab keine Ahnung.“ Ich stützte mich auf einen Ellbogen und trank einen Schluck aus meinem Becher.

Lou nahm die unangezündete Zigarre aus seinem Mund und legte sie in seinen Waterford Aschenbecher.

„Roland Riggs.“

„Ach du Scheiße!“ sagte ich, während ich den heißen Kaffee gleich wieder ausspuckte.

2. KAPITEL

Lou grinste mich an. „Ich wusste, dass dich das umhaut!“

Ich wischte mir den Kaffee vom Kinn, hatte mich von dem Schock allerdings längst nicht erholt. Es gelang mir gerade noch, ein „Was wollte er?“ zu stammeln.

„Du kennst meine berühmte Roland-Riggs-Geschichte doch, oder?“

„Ob ich sie kenne? Ich musste mir deine Roland-Riggs-Geschichte auf jeder Cocktailparty anhören, auf der wir jemals zusammen waren. Schlimmer noch, ich musste sie mir aus zweiter Hand von Leuten anhören, die sie gehört hatten und das Bedürfnis verspürten, sie mir zu erzählen. Für gewöhnlich schmücken die sie noch mehr aus.“

Troy brachte mir meine zweite Tasse Kaffee.

„Danke.“ Ich nahm einen großen Schluck und verbrannte mir dabei die Zunge.

Nachdem Troy die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte, setzte Lou eine beleidigte Miene auf: „Na gut. Dann hast du die Geschichte also schon gehört. Die Sache ist … Roland Riggs reißt mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf und sagt, hör gut zu: ‚Lou, ich glaube, damals mit dem Computer, da habe ich mich geirrt.‘“

Und das war Lous Roland-Riggs-Geschichte: 1968 war Lou zum Fischen auf Key West. Unterwegs mit dem besten Kapitän der ganzen Umgebung, hatte er nach zwei Tagen auf hoher See noch immer keinen einzigen Tunfisch geangelt und sich entschieden, den Mahi-Mahi, den Fisch, zu vergessen und sich stattdessen einem ausgiebigen Saufgelage hinzugeben. So saß Lou also draußen vor einer Bar und leerte gerade eine Flasche deutschen Importbiers, als ein abgerissener Typ, der etwa Lous Alter hatte, sich neben ihn setzte und sagte: „Die Deutschen sind die Einzigen, die Bier brauen können, das nicht nach Pisse schmeckt.“

Lou war zu dem Zeitpunkt schon ein Komet am Verlegerhimmel. Er wusste, dass es Riggs war, obwohl der Schriftsteller sich nach seinem letzten Umschlagfoto einen Vollbart hatte wachsen lassen. Doch selbst so galt Roland Riggs noch als die Stimme einer Generation. Mit seinem Verleger lag Riggs kontinuierlich im Clinch, aber er hatte Simple Simon geschrieben. Von dem Buch hatte sich jede Neuauflage gut verkauft, und noch immer machte er damit ein anständiges Geschäft. Beinahe auf jeder amerikanischen High School gehört es zur Pflichtlektüre. Roland Riggs hatte den Jackpot mit einer Geschichte geknackt, die seine Version der einsamen Angst und des Krieges waren, mit dem die fünziger Jahre ausklangen, wo alle Unschuld und Konformität sich verlor und das ungeschickte Gefummel auf der Rückbank von Daddys geliehenem Wagen ein Ende fand. Und nun wartete die Welt auf seinen nächsten Roman.

Die beiden fingen ein Gespräch an. Riggs Vortrag über die deutschen Brauereitalente machte den Anfang. Dann kam das Thema auf Frauen (sie bemerkten, dass sie beide launische Brünette bevorzugten), auf Musik (beide verabscheuten alles Pseudo-Folkloristische mit einem Tamburin), Bücher (außer Riggs, Faulkner und Hemingway war niemand eines Blickes würdig), Missstände in der Gesellschaft (Marihuana sollte legalisiert werden), den Preis des Ruhms (Leute wie Riggs mussten sich lächerliche Bärte stehen lassen, um nicht von Fremden belästigt zu werden) und den Preis des Vietnamkrieges (die Seele der Vereinigten Staaten).

Sie hatten ihre Unterhaltung am Freitagabend um zehn Uhr begonnen, und hörten bis Sonntag Mittag nicht damit auf. Die letzten Sätze, die sie wechselten, hatten mit der Zukunft der technischen Entwicklung zu tun.

Lou sagte: „Merk dir meine Worte, Riggs. Eines Tages wird jeder Mensch einen Computer haben, auch du. Und das wird unser gesamtes Denken und Handeln verändern. Selbst das Verlegen von Büchern.“

Riggs hatte seinen Blick starr auf das Meer gerichtet, dessen Blau sich in seinen Augen widerspiegelte. „Ich werde niemals von meiner Schreibmaschine lassen, Lou. Du hast zu viel deutsches Bier getrunken.“

Mit diesem Satz stand der brillante Roland Riggs auf, verneigte sich vor Lou und ging zum Ufer des türkisfarbenen Ozeans. Er zog sich das Shirt aus und tauchte in das Wasser. Nachdem er etwa zehn Minuten darin herumgetollt hatte, kam er wieder heraus, schüttelte sich wie ein nasser Hund, und lief mit nackter Brust den Strand entlang, bis Lou ihn nicht mehr sehen konnte.

„Und du glaubst, Roland Riggs erinnert sich nach mehr als dreißig lausigen Jahren noch an die letzten Worte eures Gesprächs?“

„Dieses Wochenende hat unsere Leben verändert, Cassie. Ich weiß es noch wie heute.“

„Du weißt es noch wie heute, weil es Roland Riggs war. Wäre es irgendeine dahergelaufene Strandbekanntschaft, würdest du dich an nichts mehr erinnern.“

„Du unterschätzt mich.“ Lou stand auf und ging – barfuß – zu seinem Bücherregal hinüber. Mit seinem Umzug nach Florida hatte Lou sich von seinen Anzügen getrennt. Und von seinen Schuhen. Er kam mit Badelatschen ins Büro, die er auszog, sobald er den plüschigen, königlich-purpurfarbenen Teppichboden von West Side unter sich spürte. Lou ermunterte jeden von uns, es ihm nachzutun: „Das ist gut für die Fußsohlen … verstehst du?“

Er legte sein abgegriffenes Exemplar von Simple Simon zur Seite.

„Dieses Buch hat das Leben der Menschen verändert.“

„Lou, wo hast du deinen Zynismus gelassen? Ein Anruf von diesem Typ, und dein Verstand setzt aus. Eine Generation von Kindern wurde in den Krieg geschickt, und er hat ihnen eine Stimme verliehen, gut. Aber lebensverändernd? Und das sagt ein Mann, der Eliza James einen Vortrag gehalten hat, weil sie behauptete, Lyndon Johnsons Schwanz gelutscht zu haben.“

„Du bist zu jung, um die wahre Bedeutung dieses Buchs schätzen zu können. Ich kann mich an Leute erinnern, die sich bei dem verflixten Roman die Augen aus dem Kopf geheult haben. Erzähl das mal einem Stephen King.“

„Bei Danielle Steel heulen die Leute.“

„Danielle Steel könntest du ein neues Gehirn transplantieren, und sie würde doch nie den Pulitzer-Preis gewinnen.“

„Schön. Ich gebe zu, dass das Buch wichtig war, großartig. Aber als ich all die Artikel über Riggs gelesen habe, hat er mir vor allem Leid getan. Er hat den ganzen Rummel gehasst.“

Junge, vom Krieg verfolgte Männer, die in Vietnam ihre Beine verloren haben, errichteten vor dem Haus, in dem Riggs wohnte, regelrechte Camps. Die Bilder von ihnen in ihren Rollstühlen, die sich dicht an dicht unter seinen Fenstern an der Upper East Side drängelten, hatten es bis in die Zeitschrift Life geschafft. Sie schrieben ihm körbeweise Briefe. Aber Riggs schien von dem Staub, den sein Buch aufwirbelte, eher verschreckt. Er hatte seine bezaubernde junge Frau Maxine und mehr brauchte oder wollte er nicht. Also packten sie ihre Sachen und zogen aufs Land nach Maine. Dort arbeitete er an seinem nächsten Buch. So wollte er sich mit der Öffentlichkeit verständigen. Über seine Worte. Und so hätte er es auch in Zukunft gehalten, wenn Maxine nicht umgebracht worden wäre.

Maxine war in der literarischen Welt etwa das Gegenstück zu Jackie Kennedy. Sie traf Riggs als achtzehnjähriger Freigeist, und als sie den gut aussehenden, langhaarigen Mann heiratete, war sie neunzehn und er dreißig. Maxine hatte lange schwarze Haare und Augen, die man „smaragdgrün“ nannte. Sie kleidete sich stilvoll und mit Geschmack, und die wenigen Journalisten, denen sie ein Interview gab, betörte sie mit ihrer Schlagfertigkeit und einem ansteckenden Lachen. Nachdem aber die Veteranen sie zu belagern begonnen hatten, zogen Maxine und Riggs sich zunehmend zurück, und jeder Schritt in der Öffentlichkeit wurde zum Futter für die Klatschspalten.

Die Zeitungen hatten es als tragischen Unfall dargestellt. Maxine hatte vor der Terrassentür ihres weißen Holzhauses gestanden, als die Kugel eines Wilderers sie erwischte. Eine Minute vorher hatte sie Roland noch angelächelt und gesagt, sie würde ein paar Tomaten für den Salat zum Abendessen aus dem Garten pflücken. Und im nächsten Moment lag ihr lebloser Körper blutüberströmt nur ein paar Meter von den liebevoll gepflegten Beeten entfernt am Boden. Kugeln, die einen Hirsch erlegen sollen, hinterlassen klaffende Löcher. Der Jäger wurde nie gefasst. Eine Anklage hatte es nie gegeben.

Auf Maxines Beerdigung war Roland Riggs Haar schon komplett weiß. Er war in vier Tagen um zehn Jahre gealtert. Innerhalb einer Woche löste er seinen Haushalt in Maine auf und zog an Orte, die niemand kannte. Er veröffentlichte kein zweites Buch. Er gab keine Interviews. Niemand außer seinem Verleger hörte je wieder von ihm. Dann starb sein betagter Verleger, und von da an hörte niemand außer der Honorarabteilung seines Verlages von ihm.

„Er sagte, dass ich ihn verstehen würde.“ Lou betrachtete versonnen den Umschlag von Simple Simon. „Er hat in Publisher’s Weekly den Artikel über West Side gelesen. Wie ich nach Helens Tod hierher kam. Cassie, er will, dass ich … wir sein nächstes Buch machen.“

Ich überlegte kurz, ob ich zur dramatischen Steigerung von der Couch fallen sollte, aber ich blieb sitzen und bemühte mich um einen möglichst intelligenten Tonfall.

„Warum du? Weil du Witwer bist?“

Ich sah Lou an. Das wenige Haar, das er noch hatte, war silberfarben, und er trug eine Brille mit Goldrand. Klein und von schmaler Statur hätte man ihn für elegant halten können. Bis er seinen Mund aufmachte. Dann war der New Yorker Slang nicht mehr zu überhören. „Ach, Scheiße, wenn ich’s nur wüsste, wirklich, Mann. Er hat von der Nacht damals auf Key West gesprochen. Dass wir sofort einen Draht hatten. Er sprach darüber, wie er seine Frau in ihrem Garten gefunden hat. Er hat gesagt: ‚Ich lebe seit über zwanzig Jahren mit ihrem Geist. Sie verlässt mich nie. Und es wird nicht besser.‘“ Lou suchte meinen Blick. „Genau so geht es mir mit Helen.“

„Ich weiß“, sagte ich leise.

„Er sucht nicht nach irgend so einem gesichtslosen Fuzzi, der sein Buch rausbringt. Er will mich. West Side. Uns. Wenn er Publisher’s Weekly liest, dann weiß er, wie die Verleger sich gegenseitig auffressen. Nicht mehr lange, und es gibt nur noch ein gigantisches Scheißverlagshaus, und jedes Buch gehört dem einen dreckigen Konzern. Wenn es erst soweit ist, wird ihm kein Mensch mehr die Beachtung schenken, die er verdient.“

„Blödsinn. Wir reden von Riggs. Und der Fortsetzung von Simple Simon. Um das Buch machen zu können, würde jeder Verleger dem Teufel seine Seele verkaufen, kaum dass du ihm die erste Zeile gezeigt hast.“

„Dazu müssten sie allerdings eine Seele haben.“

„Sie würden ihm einen Vorschuss von zwei Millionen Dollar zahlen. Garantiert würden sie das. Was kannst du ihm denn anbieten? Unsere üblichen fünfzehntausend?“

„Nun … ehrlich gesagt, er will gar keinen Vorschuss. Er will nur einen Haufen Kontrolle.“

„Kontrolle?“

„Soll ich weiterreden?“ Er zog die Augenbrauen hoch, eine Geste, die er immer macht, wenn er mir etwas sagen will, das mir möglicherweise nicht gefallen könnte. Hochgezogene Augenbrauen, und ich soll ein Buch in zwei Wochen druckreif bearbeiten.

„Er möchte, dass du sein Buch betreust.“

Ich glaubte, mein Herz setzte einige Schläge aus, und in der Stille hörte ich die Uhr auf Lous Regal ticken.

„Ich?“ Ich fing wieder an zu atmen. „Wie hat er denn von mir gehört?“

„Du warst in dem Artikel auch erwähnt.“

„Ich fühle mich geschmeichelt, hätte es allerdings auch nicht akzeptiert, wenn du das Buch jemand anderem gegeben hättest.“

„Ich bin froh, dass du so darüber denkst.“ Pause. Hochgezogene Augenbrauen. „Er möchte nämlich, dass du bei ihm wohnst, während du an dem Text arbeitest.“

„Wie bitte?“ Ich stellte meinen Kaffeebecher ab.

„Ja. Er will, dass du für einen Monat bei ihm einziehst. Du sollst das Manuskript einmal so richtig durch den Wolf drehen.“

„Durch den Wolf drehen?“

Lou zuckte mit den Schultern.

„Roland Riggs’ Roman durch den Wolf drehen? Man dreht Texte eines Genies und Pulitzer-Preisträgers nicht einfach durch den Wolf.“

„Vor einer Minute hast du noch gemeckert und behauptet, Simple Simon sei nichts Besonderes. Es würde die Leute nicht verändern. Und weinen würden sie nur, wenn sie meine Liste für die Wäscherei sähen.“

„Vor einer Minute war ich aber auch noch nicht Roland Riggs’ neue Lektorin. Vor einer Minute musste ich mein schönes Strandapartment auch noch nicht gegen sonst was für eine Behausung eintauschen, um mit diesem Einsiedler zu leben, der nach allem, was ich gehört habe, mit den Jahren ein Fall für die Klapsmühle geworden ist. Himmel, er klingelt dich mitten in der Nacht wach, um an eine dreißig Jahre zurückliegende Unterhaltung anzuknüpfen.“

„Cass, selbst wenn er ein Fall für die Klapsmühle wäre, könntest du ihn zu deiner ersten Tasse Kaffee weichkauen und wieder ausspucken. Mit Michael Pearton bist du ja auch fertig geworden. Und der ist nicht gerade das, was man einen kleinen Fisch nennt. Er hat es so manches Mal bis auf die New York Times Bestsellerliste geschafft! Meine Güte, wenn er sich mit seinen Büchern nur nicht so viel Zeit lassen würde. Na, egal. Pearton ist eben einfach ein bisschen verrückt. Wie viel schlimmer kann Riggs da noch sein?“

„Mit Michael ist es anders.“

„Sicher. Ihr habt Telefonsex.“

„Lou, ich habe dir das schon mal bei ein paar Margaritas gesteckt, aber du kannst es offensichtlich nicht lassen, mir diese Sache bei jeder sich bietenden Gelegenheit vorzuhalten.“

„Ich finde es lustig.“

„Lustig? Der Typ ruft mich morgens um drei an. Er gibt keine Ruhe, bombardiert mich mit E-Mails.“

„Und er macht dich und mich reich.“

„Faktisch macht er dich bedeutend reicher als mich.“

„Für deine vierunddreißig Jahre stehst du so schlecht nicht da. Und im Vergleich zu dem, was Roland Riggs dir bringen kann, ist das noch gar nichts.“

„Das sagt der Richtige.“

„Logisch. Aber ich meine damit nicht das Geld. Es geht um Simple Simon. Es geht um die Erfahrung einer ganzen Generation von Menschen, die dieses Buch gelesen hat und es nicht vergessen kann.“

„Vielleicht ist das nächste nicht mehr so gut.“

„Vielleicht aber auch doch.“

„Lou, was hat eigentlich dir Simple Simon bedeutet? Vielleicht hat es ja eher damit zu tun.“

Er sah zur Seite.

„Okay, darüber willst du nicht reden. Aber ich kann meine anderen Autoren und Projekte nicht einfach einen Monat vergessen.“

„Es gibt E-Mail. Nimm deinen Laptop mit. So viel bist du sowieso nicht im Büro. Außerdem hat der Typ Telefon.“

„Ich weiß nicht. Die Sache hört sich einfach … komisch an.“

„Nun tu mal nicht so, als wollten wir dich zu irgendeinem abgerissenen Hausierer in die Pampa schicken.“

„Gutes Stichwort, wohin schickt ihr mich eigentlich?“

„Er hat ein großes Haus auf Sanibel Island.“

„Sanibel? Da gehe ich hin, wenn ich sterben will.“

Sanibel ist eine winzig kleine Insel vor Floridas Westküste im Golf von Mexiko. Die Vorstellungen, die die konservative Regierung dort von wirtschaftlicher Entwicklung hat, sind sehr eigen: keine mehrgeschossigen Wohnanlagen, kein gutes Roggenbrot, kein New Yorker Käsekuchen, kein Nachtleben. Wer weiß, was die mir da als Kaffee unterjubeln wollen.

„Er hat eine Haushälterin, die gleichzeitig seine Chefköchin ist. Das Haus liegt direkt am Strand. Es gibt einen abgetrennten Wohnbereich für Gäste. Und einen Swimmingpool.“

„Du tust gerade so, als würde ich ins Hilton ziehen.“

„Hör mal, Cassie, wir hatten schon lange keinen richtigen Erfolgstitel mehr. Ich würge jeden Monat einen anderen Verleger am Telefon ab, der uns schlucken will. Ich werde alt. Ich bin mir nicht sicher, wie lange ich unsere Unabhängigkeit noch verteidigen kann. Ich brauche das Buch. Wir brauchen es.“

„Du könntest West Side nicht verkaufen. Das würdest du nicht tun. Es ist dein Kind.“

„Kind hin oder her. Es wird eng. Wir hatten ein paar echte Flops. Das verdammte Buch mit der Schauspielerin – warum habe ich das gekauft? Wir sind in Schwierigkeiten, und es ist wichtig, dass du losläufst und so tust, als würdest du nach Vegas gehen. Du gehst nach Vegas und hast unsere gesamten Chips im Gepäck, und du setzt sie alle auf Schwarz. Im großen Verlagsroulette kriegst du die Chance, ein Vermögen zu machen. Und uns ein Denkmal zu setzen.“

„Ich brauche noch einen Kaffee. Ich muss mit Grace absprechen, was sie von meinem Kram erledigen kann, wenn ich weg bin. Ich muss ein Dutzend Telefonate führen. Ich habe nicht geschlafen. Ich habe noch nichts gegessen. Und ich bin wirklich schlecht gelaunt.“

Lou lächelte mich an. „Ein ganz normaler Tag im Büro also.“ Wenn er lächelte, was seit Helens Tod erheblich seltener vorkam, war er noch immer der gut aussehende Junge bei Doubleday, der sich einen Namen machte, weil er länger und härter arbeitete und dabei charmanter war als jeder andere. Seine blauen Augen strahlten.

Ich winkte ihm kurz zu, ging in mein Büro und zog mir die Schuhe aus. Lous Gewohnheiten und meine hatten sich auf bemerkenswerte Weise einander angepasst. Ich warf meine eigene Kaffeemaschine an – ich kann mit anderen weder gut zusammenarbeiten noch spielen, und meine Kaffeekannen teile ich grundsätzlich nicht. Als ich das Zischeln des flüssigen Ecstasy hörte, lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und legte meine perfekt pedikürten Füße mit den in knallroter Kirsche lackierten Zehennägeln auf den Schreibtisch. Was nimmt man mit, wenn man einen Pulitzer-Preisträger trifft? Darf er einen morgens noch vor der ersten Tasse Kaffee zu Gesicht kriegen?

Autor

Erica Orloff
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