Ein Liebescoach für alle Fälle

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Jetzt reicht's! Gina will endlich einen neuen Mann in ihrem Leben. Dumm nur, dass sie jedes Mal die Nerven verliert, wenn sie sich wirklich für einen Kerl interessiert. Wie gut, dass sie den attraktiven Daniel kennenlernt, der sich als Beziehungscoach anbietet - mit sich selbst als erstem Testobjekt ...
  • Erscheinungstag 10.08.2014
  • ISBN / Artikelnummer 9783733788391
  • Seitenanzahl 138
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Wow, du siehst ja supersexy aus in deinem Overall!“ Nanthika Funoi, die von allen nur Nana genannt wurde, musterte ihre Freundin Gina begeistert, während die sich kritisch vor dem Spiegel drehte.

„Eher wie ein Ampelmännchen, so knallrot, wie das leuchtet“, erwiderte Gina trocken.

„Ja, das ist doch der Charme an dem Outfit. Man soll eben schon von Weitem erkennen, dass du zum ‚Nanagina-Bringservice‘ gehörst. Solche Motorräder werden bald in ganz Berlin herumfahren.“

Nanas Optimismus konnte manchmal ansteckend sein. Heute wollte Gina allerdings nicht so recht in die begeisterte Stimmung einfallen. Noch kam sie sich in dem feuerroten Overall mit der weißen Aufschrift „Nanagina Frei Haus“ ziemlich dämlich vor. Zumal sie bis auf Weiteres die Einzige war, die in diesem Outfit auf einem alten geliehenen Motorroller durch die Berliner Straßen tuckern würde.

Denn der Nanagina-Bringservice stand erst am Anfang, um genau zu sein. Die Tour, auf die sich Gina gerade vorbereitete, sollte die allererste werden. Noch war keine einzige Essensbestellung eingegangen, und Gina zweifelte ein wenig daran, ob diese Geschäftsidee mit der Freihauslieferung wirklich so genial gewesen war. Doch es musste wirklich dringend etwas passieren. Seit gegenüber das nagelneue todschicke Asia-Restaurant eröffnet hatte, lief das Nanagina nämlich zunehmend schlechter. Sie brauchten unbedingt Geld, sonst würden sie bald keine Miete mehr zahlen können. Ihre Rücklagen waren schon komplett aufgebraucht, und eigentlich benötigte das Lokal dringend eine Renovierung, aber auch die gab es natürlich nicht umsonst.

Als das Telefon klingelte, sprang Nana mit einem einzigen Satz zum Hörer. „Aber selbstverständlich, nein, das ist kein Umweg für uns!“, hörte Gina die Freundin säuseln. „Schöneberg liegt auf unserer Strecke. Zehnmal Huhn mit Kokos. Aber gerne. Ich werde die Bestellung sofort an die Küche weitergeben, und dann wird unsere Fahrerin in einer Dreiviertelstunde bei Ihnen sein. Zu lange? Sagen Sie das nicht. Bei uns wird alles frisch gemacht!“

Kaum hatte Nana aufgelegt, fiel sie Gina bereits um den Hals. „Zehn Portionen. Das geht doch super los.“ Gina musste lachen. Ihre thailändische Freundin hatte eine dermaßen positive Lebenseinstellung, dass sie jeden über kurz oder lang immer irgendwie ansteckte. Auch wenn man wie sie, Gina, die Spaßbremse in diesem Team war. Wieder klingelte es.

„Ich gehe ran!“, kam Gina der Freundin zuvor. Sie wollte auch einmal testen, ob sie diesen verbindlichen Ton hinbekam. Überfreundlich, fast in einem Singsang kam ihr über die Lippen: „Nanagina-Bringservice, was können wir für Sie tun?“ Dann stockte sie: „Wilmersdorf? Nein, nein, das liegt auf unserer Strecke. Einmal Frühlingsrolle? Aber wir sind doch kein China-Imbiss …“

In diesem Augenblick fing sie Nanas Blick auf, in dem geschrieben stand: „Wir machen alles möglich und wenn sie ein mongolisches Rind im Jahrtausende alten Tontopf wünschen!“

„Selbstverständlich, zwei Frühlingsrollen und zweimal Chicken Curry. Aber gern, natürlich, in einer Dreiviertelstunde.“ Der Ton war freundlich, aber die Gesichtszüge hatte Gina nicht mehr so ganz unter Kontrolle. Hastig legte sie auf. Wie sollten sie das bloß schaffen? Und vor allem, wie sollte sie diesen Ton durchhalten? Sie war für ihre direkte Art bekannt. Nicht dafür, dass sie säuselte.

Gina folgte Nana, die bereits in der Küche verschwunden war, um ihr zu helfen. Statt aber am Wok zu stehen, saß Nana am Tisch und legte Tarotkarten.

„Du hast Nerven!“, fuhr Gina sie an. „Du musst noch alles vorbereiten.“

Nana ließ sich nicht stören. „Schau doch mal in die Woks. Ich habe mich heute Morgen gefragt: Was werden die Leute bestellen? Und davon habe ich gleich auf Vorrat gekocht.“

„Du hast doch nicht etwa auf Chicken Curry und Huhn mit Kokos gesetzt?“, fragte Gina ungläubig.

Nana aber sah auch nicht von ihren Karten auf, während sie grinsend antwortete: „Ich habe natürlich das Tarot befragt, ob ich damit richtig liege.“

Gina rollte mit den Augen. „Und was machst du jetzt? Fragst du die Karten, wo du die Frühlingsrollen herzauberst?“

„Kühlschrank!“, entgegnete Nana knapp. „Auch beim Thailänder werden immer wieder Frühlingsrollen bestellt. Das weiß ich noch aus der Zeit, als meine Eltern das Restaurant hatten. Meine Mutter sagte dann mit ihrer Berliner Schnauze immer zu meinem Vater: ‚Diskutiere nicht mit den Kunden über Frühlingsrollen, mach sie ihnen einfach.‘“

Wider Willen musste Gina grinsen. Nana war der freundlichste und witzigste Mensch, den sie kannte. Trotzdem, wie oft hatte sich Gina in den letzten Wochen gefragt, ob das eine gute Idee gewesen war, Nanas Teilhaberin zu werden, nachdem Nanas Eltern nach Koh Samui zurückgekehrt waren.

Eigentlich hatten Nana und Gina Lehrerinnen werden wollen. Schon im Studium waren sie unzertrennlich gewesen. Und dann, als sie gerade mit dem Refendariat fertig geworden waren, da hatte Nanas Vater das Haus auf Koh Samui geerbt. Die Funois hatten ihr thailändisches Restaurant in Wilmersdorf zuerst verkaufen wollen, aber in einer feuchtfröhlichen Nacht war der Plan geboren, dass die beiden jungen Frauen es weiter betreiben würden. Nanas Mutter, eine typische Berlinerin, hatte ihre Idee gegen den skeptischen Vater verteidigt und es schließlich durchgeboxt. Jedes Mal, wenn Gina an der Richtigkeit dieses Entschlusses zweifelte, kam sie über kurz oder lang zu demselben Ergebnis: Keinen einzigen Tag im „Nanagina“ würde sie missen wollen!

„Schon wieder die Liebenden. Ich fasse es nicht!“, rief die Freundin nun begeistert aus und fügte schwärmerisch hinzu: „Das kann kein Zufall sein. Das habe ich jetzt schon seit über einer Woche. Ist das nicht wunderbar? Die große Liebe ist zum Greifen nahe.“

Gina sah Nana voller Skepsis an. „Habe ich da etwas verpasst? Meine letzte Information ist, dass du mit deinem Sven so glücklich bist, dass du schon über das Hochzeitskleid sinnierst. Oder soll das heißen, er kommt früher von der Geschäftsreise zurück?“

Nana schüttelte den Kopf. „Aber, Süße, das mache ich doch nur für dich, das mit den Karten. Ich habe dir bereits gesagt, dass der richtige Kerl im Anmarsch ist, aber das kommt davon, dass du nicht zuhörst, wenn ich dir vom Tarot erzähle.“

Gina stieß einen tiefen Seufzer aus. „Und was sagen deine Karten dazu, dass ich in einer Dreiviertelstunde in Schöneberg und Wilmersdorf zugleich sein soll?“

„Spielverderberin!“, maulte Nana und erhob sich widerwillig. „Aber du wirst eines Tages Abbitte leisten und mir dankbar sein, dass ich dich vor dem Alleinsein gerettet habe.“

„Ich bin aber gar nicht allein!“, protestierte Gina energisch, nachdem Nana ihre Köstlichkeiten heiß gemacht hatte und Gina die Gerichte in Boxen verpackte, die das Essen über einen langen Zeitraum warm halten würden.

„Jetzt erzähle mir bloß nicht, du willst keinen Freund? Mir musst du nichts vormachen, aber es wird allerhöchste Zeit, dass du deine Schüchternheit Männern gegenüber endlich los wirst …“

„Ich bin nicht schüchtern. Ich habe Anlaufschwierigkeiten. Außerdem fühle ich mich nur anfangs ein bisschen hilflos, wenn mir einer wirklich gefällt.“

„Genau, du wirst rot, fängst an zu stottern, und schließlich haust du ab. Ich kann mich noch gut an Svens süßen Freund erinnern. Haben wir dich da nicht aus einem Schrank geholt, nachdem er weg war?“

„Es war die Garderobe. Ich habe hinter einem Mantel gestanden. Na und?“

„Mit dem Ergebnis, dass du dich seitdem nicht einmal mehr richtig verknallt hast und das ist immerhin …“

„Ein Jahr, zwei Monate und dreizehn Tage her. Ich weiß das genau, weil ich an dem Tag dem Sex abgeschworen habe“, ergänzte Gina den Satz ihrer Freundin.

„Aber das wird sich nun ändern! Du musst rangehen, ihn ansprechen, ihm selbstsicher gegenübertreten. Das habe ich bei Sven damals auch getan. Und es hat geklappt“, erklärte Nana entschieden, während sie die Boxen in einer Tasche verstaute, um sie dann zusammen mit Gina zum Motorrad zu tragen und auf dem Gepäckträger festzuzurren.

Mit einem Seufzer sah Gina an sich runter. „Ich bin mir sicher, die Männer werden mir heute in Scharen hinterherfahren, weil sie wissen wollen, bei welcher freiwilligen Feuerwehr sie auch Mädchen nehmen!“

Ihre Freundin ließ sich nicht beirren. „Ich finde dich sexy darin!“

„Ja, du liebst mich ja auch in meinem Flanellschlafanzug mit den Wölkchen und den weißen Schäfchen!“

Nana grinste. „Viel Glück!“, rief sie.

„Das kann ich gebrauchen“, erwiderte Gina, während sie versuchte, das alte Motorrad anzulassen. Beim dritten Mal klappte es endlich, und sie fuhr los. Es war viel Verkehr, und sie musste sehr aufpassen, mit ihrem wackeligen Gefährt nicht aus der Spur zu kommen. Außerdem hatte sie das Gefühl, alle Autofahrer würden sich breit grinsend nach ihr umdrehen.

Das Liefern selbst war gar nicht so schlimm. Sie war durchaus in der Lage, die Kunden anzulächeln und ihnen freundlich das Essen zu überreichen. In Schöneberg bekam sie sogar Trinkgeld und in Wilmersdorf fragte der Kunde – ohne zu grinsen –, wo sie den witzigen Overall gekauft hätte. Das wäre genau das Richtige für seine Freundin. Gina verkniff sich zu fragen, wofür. Zum nächsten Fasching vielleicht, um ein paar weiße Punkte darauf zu nähen und damit als Fliegenpilz durchzugehen?

„Kann ich euren Flyer haben?“, fragte der Kunde schließlich.

„Flyer?“, wiederholte Gina verlegen.

„Na ja, damit wir den an unsere Pinnwand heften können, falls wir euch wieder brauchen.“

Flyer! Daran hatten sie gar nicht gedacht. Gina lief mindestens so rot an wie ihr Overall und stotterte: „Ich schreib mal unsere Nummer auf.“

Nachdem der Kunde ihr einen Zettel und einen Stift gereicht hatte, notierte sie die Nummer des „Nanagina“. An der Art, wie der Kunde den Zettel einsteckte, konnte Gina erahnen, wo er landen würde. Im Abfall!

Wir brauchen unbedingt Flyer, schoss es ihr durch den Kopf und sie fragte sich in demselben Augenblick, wovon sie das wohl bezahlen sollten. Es war wie verhext! Wo sie doch eigentlich genau wussten, dass sie den Laden zum Laufen bringen konnten – aber ihnen fehlten einfach die nötigen Mittel. Natürlich konnte sie ihre Eltern anpumpen, die zurzeit in Tokio lebten, wo ihr Vater einen lukrativen Job bei einem Elektrokonzern hatte. Bloß war dafür sie viel zu stolz, außerdem konnte sie die Worte ihres Vaters nicht vergessen, als sie ihm bei ihrem letzten Besuch vom Nanagina gebeichtet hatte: „Das wird nichts. Jede Wette!“

Seufzend stieg sie wieder auf das alte Motorrad und machte sich zum Nanagina auf. Sie war nur noch ein paar Straßen von dem Restaurant entfernt, da kam sie in letzter Sekunde vor einem Zebrastreifen zum Halten. Vor ihren Augen überquerte er die Straße. Groß, blond, und ein Lächeln zum Niederknien. Gina konnte es nicht glauben. Dieser Traummann dort wandte seinen Blick zur Seite und lächelte. In ihre Richtung. Der meinte doch nicht etwa sie? Ihr Herz begann zu rasen.

Vorsichtig sah sie nach links und rechts. Links von ihr saß ein pickeliger Jüngling auf einem Mofa, rechts von ihr eine ältere Dame mit einem burschikosen Kurzhaarschnitt in einem Jeep. Doch, er meinte sie! Es dauerte einen Augenblick, da traute sich Gina zurückzulächeln.

Zu spät, er hatte die Straße längst überquert. Dafür hupten die Wagen hinter ihr und einer brüllte lautstark: „Hey, Feuermelder, mach die Bahn frei!“

Erschrocken versuchte Gina anzufahren, aber vor lauter Aufregung würgte sie ihr Motorrad ab. Eine Männerstimme fragte: „Darf ich Ihnen etwas helfen?“, aber Gina antwortete, ohne hochzugucken: „Nein, ich schaffe das schon.“

Erst als die Stimme sich entfernte, blickte Gina auf und sah den großen Blonden nur noch von hinten. „Mist!“, rief sie aus. „Verdammter Mist!“

Das Gepöbel hinter ihr wurde immer lauter. „Olle, bist wohl mit ’nem Klammerbeutel gepudert?“, meinte ein besonders witziger Typ in einem Mercedes.

Mit hochrotem Kopf, Ton in Ton mit ihrem Overall, versuchte sie noch einmal, das Motorrad zu starten. Es gab ein blubberndes Geräusch, und Gina hoppelte von dannen.

Im nächsten Augenblick sah sie den Supermann in einem Hauseingang in der Blissestraße verschwinden. Ihr Fluchtimpuls und ihr Wunsch, ihn noch einmal lächeln zu sehen, fochten in ihrem Inneren einen schweren Kampf aus. Sie überlegte noch, ob sie Nana anrufen und um Rat fragen sollte, als sie ihre Freundin in Form einer inneren Stimme förmlich sagen hörte: „Los, ran. Das ist er!“

Gina stieß einen tiefen Seufzer aus, doch da antwortete ihr Motorrad für sie. Es machte nur noch blubbblubb, und sie würgte ihr Gefährt erneut ab. Hastig schob sie es zur Seite und näherte sich vorsichtig dem Eingang der Nummer neunzehn.

Mit klopfendem Herzen betrachtete sie die Messingschilder mit den Namen. Offensichtlich wohnten in diesem Haus nur zwei Männer ohne Anhang. Matthias Reimann und Daniel Brauer. Leider stand nicht dabei, ob sie blond waren und ein unwiderstehliches Lächeln besaßen.

Vor lauter Nervosität biss Gina sich auf dem Fingernagel herum. Sie konnte doch schließlich nicht bei diesen beiden wildfremden Männern klingeln und fragen:“ Hallo, haben Sie mir gerade zugelächelt? Ich bin der kleine Feuerball auf der Rostlaube.“

Sie seufzte. Es nützte nichts. Wenn es nach ihr ginge, würde sie den Mann schnellstens wieder vergessen. Einerseits – aber anderseits spukte ihr diese blöde Tarotkarte im Kopf herum. Die Liebenden. Natürlich hatte Nana recht. Sie sehnte sich nach der großen Liebe. Und wie! Aber was, wenn sie ihm gleich wirklich gegenüberstand? Würde sie nicht rot anlaufen, die Sprache verlieren und dann doch noch flüchten? Und was, wenn dann das Motorrad nicht ansprang? Nein, das wäre alles nur noch peinlich. Gina atmete einmal tief durch.

In diesem Augenblick trat jemand aus der Tür. Ihr Herz klopfte bis zum Halse. „Suchen Sie etwas Bestimmtes?“, fragte der schwarzhaarige Lockenkopf grinsend.

„Nein, äh, ich habe eine, äh, Lieferung für Brauer“, erwiderte sie, ohne zu überlegen.

„Brauer? Das ist ja lustig! Ich habe doch gar kein Essen bestellt. Aber ich liebe Thai.“

Ginas Gesicht glühte vor lauter Verlegenheit. „Nein, ich meine, nein, also das ist eine Bestellung für Reimann, meine ich!“, stotterte sie.

„Wow, was mein Nachbar doch immer für ein Glück hat. Die hübschesten Frauen wollen immer nur zu ihm.“ Mit diesen Worten strahlte er sie an.

„Ist Ihr Nachbar so ein, so ein attraktiver großer Blonder mit einem Lächeln, das …?“, stammelte Gina und unterbrach sich hastig. Wenn überhaupt möglich, dann grinste der dunkelhaarige Lockenkopf noch ein bisschen breiter.

„Also, ich bin da gerade erst eingezogen. Sein Lächeln hat er mir noch nicht geschenkt, aber groß ist er, blond ist er, und ja, ich denke, er sieht auch gut aus.“

„Ja, vielen Dank!“, brachte Gina heraus und drehte sich einfach auf dem Absatz um. Bloß weg hier, war ihr einziger Gedanke.

„Soll ich Ihnen nicht die Tür aufmachen?“ Er schüttelte den Kopf und sah ihr hinterher, wie sie auf ein rostiges Motorrad stieg und wegfahren wollte. Interessiert beobachtete er, wie sie sich vergeblich abmühte, es anzulassen.

Das konnte er nicht mit ansehen.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er. Mit einem gezielten Griff brachte er die Maschine zum Laufen.

„Ich bin Daniel, Daniel Brauer!“, meinte er dann und wollte ihr die Hand entgegenstrecken, aber da rauschte sie bereits davon.

Er blickte ihr noch eine Weile hinterher und fragte sich, warum er vom ersten Augenblick nur einen einzigen Gedanken gehabt hatte. Dass er ihr gern den Overall ausziehen würde. Und er wusste nicht, was ihn mehr ansprach: dieses knallrot angelaufene Gesicht unter ihrem weizenblonden Haar oder der rote Einteiler? Es wird der Overall sein, dachte Daniel, als sein Handy klingelte.

Sein erster Impuls war, sie wegzudrücken. Sandra, die ihn kürzlich wegen eines guten Jobs verlassen hatte und nun ohne ihn in London lebte. Es ging ihm besser, wenn sie sich gar nicht meldete. Das merkte er besonders in diesem Augenblick: Hatte er nicht eben gerade zum ersten Mal wieder einer Frau hinterhergeguckt?

Wenn Trennung, dann auch ganz und gar, dachte er entschieden. Über vier Wochen hatte er nichts mehr von ihr gehört. Und das nach vier Jahren Beziehung. Es hatte ihn sehr verletzt, wie problemlos sie sich für ihren Job und gegen ihn entschieden hatte. Warum ließ sie ihn nicht endlich in Ruhe? Widerstrebend nahm er ihren Anruf an und versuchte dabei, sich Sandra gerade in einem knallroten Overall vorzustellen. Merkwürdig, dachte er, das würde ihr gar nicht wirklich stehen. Ohnehin bevorzugte sie den Business-Stil. Kostüme und weiße Blusen. Sandra mit wehenden Haaren in einem knallroten Overall auf einem Motorrad. Unvorstellbar!

Ich glaube, ich werde mir mal was bei dem Nanagina-Bringservice bestellen müssen, dachte er belustigt.

Sandras Stimme brachte ihn in die Realität zurück. Sie erzählte ihm von ihrem geplanten, baldigen Besuch. Noch vor wenigen Tagen hätte ihn so eine Ankündigung von Sandra in einen wahren Freudentaumel versetzt, und er hätte das als späte Einsicht und neuen Hoffnungsschimmer interpretiert, aber in diesem Augenblick berührte es ihn zu seiner eigenen Verwunderung nur mäßig.

„Willst du denn gar nicht wissen, was ich mit dir bereden will?“, hörte er sie erstaunt ausrufen, während er sich fragte, ob auf dem Overall eine Telefonnummer gestanden hatte. Sonst musste er sich die aus dem Telefonbuch suchen.

„Doch, natürlich, bin ich gespannt.“

„Weißt du, manchmal bereue ich, dass ich mich so schnell gegen unsere Beziehung entschieden habe“, gestand sie ihm.

„Ja, das ist schon blöd, wenn man merkt, dass man den Partner dann doch vermisst …“, erwiderte er gedankenverloren.

„Sag mal, Daniel, träumst du, oder warum sprichst du mit mir, als wäre ich deine Versicherungsagentin?“, hörte er wie aus weiter Ferne, weil ihm die Nummer, die in weißer Schrift auf dem roten Overall gestanden hatte, gerade wieder eingefallen war. Erst ein längeres Schweigen am anderen Ende der Leitung riss Daniel aus seinen Gedanken.

Als er daraufhin fragte: „Was hast du gesagt?“, ertönte nur noch ein empörtes Schnauben und dann – nichts. Offensichtlich hatte sie aufgelegt. Und das Merkwürdige daran? Sein Herz machte keinen Aussetzer, und er hatte auch nicht das geringste Bedürfnis, sofort bei ihr anzurufen, sie um Verzeihung zu bitten und sie anzuflehen, ihm zu sagen, was sie von ihm wollte. Die Aussicht, dass sie ihn besuchte und dann wieder abrauschte, missfiel ihm außerordentlich. Er fühlte sich langsam auf dem Weg der Besserung und war nicht gewillt, das Ganze noch einmal zu erleben. Denn eins wusste er ganz genau: Er war nicht der Typ für eine On- und Off-Beziehung.

2. KAPITEL

Gina kam außer Atem und völlig verschwitzt zurück ins Nanagina. Inzwischen hatte Nana das Restaurant zwar geöffnet, aber es war gähnend leer. Bis auf einen einzigen besetzten Tisch. Dort saß ihr Vermieter Kuno Brandes mit seiner Gattin, einer Boutiquenbesitzerin, die schon länger scharf darauf war, diese Räumlichkeiten für einen neuen Laden zu kapern. „Na, kreisen die Geier mal wieder, um zu gucken, wann sie uns fressen können?“, raunte Gina ihrer Freundin zu. Nanthika hatte eigentlich immer gute Laune, aber die war ihr beim Anblick ihrer einzigen Gäste gründlich vergangen.

„Die kriegen mich nicht klein!“, fauchte sie, setzte ein strahlendes Lächeln auf, trat auf den Tisch zu und nahm die Bestellung entgegen. Zweimal Tee, hörte Gina den Vermieter sagen. Zweimal Tee? Davon ließ sich die Miete nun wirklich nicht bezahlen!

„Du bist so rot im Gesicht“, bemerkte Nana, als sie fünf Minuten später ebenfalls Tee tranken.

„Ich habe ihn gesehen!“, antwortete Gina ohne Umschweife.

„Wen?“

„Den Mann, in den ich mich auf den ersten Blick rettungslos verknallt habe.“

Die Antwort war eine stürmische Umarmung. „Ich habe es doch gewusst! Und, wie sieht er aus?“

Gina stieß einen tiefen Seufzer aus: „Er ist groß, hat ein wunderbares Lächeln und schwarze Locken …“ Sie stockte und verbesserte sich hastig. „Quatsch, er hat blonde glatte Haare …“

Nana sah die Freundin verwirrt an. „Also, das ist ja wohl ein kleiner Unterschied.“

„Ja, ja“, entgegnete Gina unwirsch. „Ich hatte aus Versehen den anderen vor Augen.“

„Welchen anderen?“

„Seinen Nachbarn!“

„Du kennst schon seinen Nachbarn? Erzähl!“

„Nein, also, ich kenne nur seinen Nachbarn. Den Daniel Brauer. Matthias habe ich noch gar nicht angesprochen.“

„Aber, du weißt immerhin, wo er wohnt?“

Seufzend nickte Gina und berichtete in allen Einzelheiten, was sie erlebt hatte. Sie endete ihre Schilderung mit den Worten: „Und nun muss ich ihn schnellstens wieder vergessen!“

Nana sah ihre Freundin verdutzt an. „Aber wieso?“

„Es hat mich erwischt, und wie du weißt, ist dann alles vorbei. Ich kann doch schlecht bei ihm klingeln und sagen: Hallo, ich habe mich in dich verguckt. Darf ich mal reinkommen? Ganz davon abgesehen, dass ich das im Leben nicht bringen würde. Mir würden schon allein die Hände so sehr zittern, dass ich den Klingelknopf nicht treffen würde.“

„Du musst bei ihm klingeln. So habe ich das bei Sven damals auch gemacht. Er war Stammgast im Nanagina, hat mich aber nie angesprochen, und da bin ich eines Tages hinterher, habe geklingelt und gesagt: Sie haben Ihren Schal bei uns liegen gelassen.“ Gina sah Nana beifallheischend an.

„Aber ich kann ihn doch nicht fragen, ob er seinen Schal bei mir hat liegen lassen.“

Nana verdrehte die Augen, sagte: „Komm mit!“ und verschwand in der Küche. Gina folgte ihr.

Autor

Linda Rudolph
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