Eine Woche Leidenschaft, Eure Hoheit?

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„Ich soll Sie zurückbringen, Prinzessin.“ Marit hätte es wissen müssen! Ihr Bruder, der König, hat ihr seinen engen Vertrauten Lykos Livas hinterhergeschickt. Dabei sehnt sie sich so nach ein bisschen Freiheit fern des Hofs! Weshalb sie dem griechischen Milliardär einen gewagten Vorschlag macht: Sieben Tage lang will sie mit ihm durch Europa reisen, in Clubs soll er mit ihr tanzen, das Flair genießen. Dann ist sie bereit, in den goldenen Käfig zurückzukehren! Aber die rebellische Prinzessin hat nicht bedacht, dass eine Woche auch sieben sinnliche Nächte hat …


  • Erscheinungstag 15.11.2022
  • Bandnummer 2570
  • ISBN / Artikelnummer 0800222570
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

1. KAPITEL

Marit drückte eine Hand auf das weiße Korsett ihres Hochzeitskleids in dem Versuch, ihren unruhigen Magen zu besänftigen. Ihr Herz flatterte, aber nicht, weil sie wie jede Braut nervös war, sondern weil sie Angst hatte. Angst, einen schrecklichen Fehler zu begehen.

Bis sie sich daran erinnerte, warum sie dies tat.

Die Hand auf ihrem Bauch ballte sich zur Faust. Marit hatte ihre Entscheidung getroffen. Vielleicht die letzte leichtsinnige Tat der jüngsten Prinzessin aus Svardia, doch es war wichtig. Sie wusste genau, was sie tat.

Lügnerin.

Die Stimme klang sehr nach Freya. Schuldbewusst dachte Marit an ihre Schwester, die ihr mehr eine Mutter gewesen war als ihre eigene. Nein, Prinzessin Freya würde sicher nicht gutheißen, was sie vorhatte.

Marit warf einen Blick in den Spiegel des Hotelzimmers, und ihre Kiefermuskeln verspannten sich, als sie merkte, dass ihre Lippen zitterten. Sollte eine Mutter am Hochzeitstag ihrer Tochter nicht da sein? Auch die Familie? Freunde?

Während Marit langsam einatmete, warf sie einen kritischen Blick auf das in Serie hergestellte Hochzeitskleid, das sie und André gestern Nachmittag in einer Boutique in Paris gekauft hatten. Der herzförmige Ausschnitt klaffte ein wenig, und das Kleid wirkte zu groß für sie. In dem Rock, der aus mehreren Lagen Tüll bestand, schien sie zu versinken, und die Farbe … das grelle Weiß ließ sie sehr blass aussehen.

Es ist nicht das Kleid, Marit.

Als ihr älterer Bruder Aleksander, König von Svardia, sie vor zwei Wochen in sein Arbeitszimmer im Rilderal-Palast zitiert hatte, hatte sie geglaubt, er habe herausgefunden, was sie im Geheimen plante. Dass vielleicht einer seiner Palastspione ihm von ihren Plänen erzählt hatte, ein Jugendorchester aufzubauen. Marit mochte es zwar nicht erlaubt gewesen sein, an der Universität Musik zu studieren, aber sie könnte der Musik niemals den Rücken kehren. Sie hatte das Projekt geheim gehalten, weil ihre Familie – ihre Eltern – damit rechnen würden, dass sie versagte. So wie immer, seit sie als ungelenke junge Prinzessin über ihre eigenen Füße gestolpert war. Oder Schokoladensoße über ihr Kleid geschüttet hatte, und das nur ein paar Minuten vor dem jährlichen Familienfoto an Weihnachten. Später hätte sie dann beinahe einen internationalen Eklat heraufbeschworen, als sie bei der taiwanesischen Delegation die korrekte Etikette vergessen hatte.

Vor zwei Wochen hatte Marit also im Arbeitszimmer des Königs von Svardia gesessen – in dem sich die neueste Technologie einen Kampf mit der alten Barockeinrichtung lieferte – und in Gedanken eine Verteidigungsstrategie für ihr Jugendprojekt entwickelt, an dem sie seit acht Monaten arbeitete, seit sie die Universität verlassen hatte.

Plötzlich hatte ihr Bruder gesagt: „Freya wird zurücktreten. Sie hat keine andere Wahl, und du auch nicht, denn du wirst nun die Zweite in der Thronfolge sein.“

Zunächst hatte sie ihn nicht verstanden. Ihr Herz hingegen schon. Es verstand viel schneller als ihr Verstand, in welch prekärer Lage sie sich nun befand. Hin- und hergerissen zwischen Kampf oder Flucht hatte es aufgehört zu schlagen. Und nur der unbedingte Wille ihres Körpers zu überleben hatte es wieder in Gang gesetzt. Der dominante Blick ihres Bruders hatte sie in die Realität zurückgeholt. Es gab keine Wahl. Keine Diskussion.

Draußen vor dem Arbeitszimmer ihres Bruders war sie auf Freya getroffen, mit Tränen in den schönen Augen. Die Umarmung der Schwestern verriet die Tiefe und Verzweiflung ihrer gegenseitigen Liebe und ihrer Ängste. Freya war der liebvollste und großzügigste Mensch, den Marit kannte, und es war verheerend, dass sie nie ein Kind würde austragen können. Doch dass Freya glaubte, nicht die Zweite in der Thronfolge bleiben zu können, weil sie keinen Erben produzieren konnte, um die Zukunft der svardischen Monarchie zu sichern, fühlte sich unerträglich grausam an. Freya liebte das, was sie tat, mit einer Leidenschaft, die Marit nur mit ihrer eigenen Liebe zur Musik vergleichen konnte. Und Marit hatte Angst, dass der Verlust dieser Rolle für ihre Schwester zu viel sein könnte.

Sie trauerte um Freyas Verlust. Aber es beschämte sie sehr, dass sie in einem Anflug von Selbstsucht noch mehr um ihren eigenen Verlust trauerte. Den Verlust ihrer Freiheit. Über die Jahre war schmerzlich klar geworden, dass Marit überflüssig wie ein Kropf war. Sie mochte zwar die erforderliche Ausbildung bekommen haben, aber niemand hatte je erwartet, oder gewollt, dass sie königliche Pflichten übernahm. Und die Rolle, die Freya hinterließ, war sehr einschüchternd für eine Prinzessin, die in jeder internationalen Zeitung als die „Rebellin des Königshauses“ dargestellt worden war. Doch Marit würde den Befehl ihres Königs niemals verweigern. Sie würde ihren Bruder und ihre Schwester nie auf diese Weise im Stich lassen. Doch ein letzter Akt der Rebellion blieb ihr noch. Als Zweite in der Erbfolge würde sie einen Mann mit Titel heiraten müssen, einen Mann, den ihr Bruder aussuchen würde.

Und das war ihr schlicht unmöglich.

Der Gedanke, einen Fremden zu heiraten, mit einem Mann intim zu werden, den sie nicht kannte … Ihr Herz bebte, und ihr stockte der Atem, als sie daran dachte, was sie vorhatte. Denn noch war sie nicht die Zweite in der Thronerbfolge. Und falls sie bereits verheiratet war, wenn sie den Platz ihrer Schwester einnahm, dann würden die Gesetze, die den svardischen Prinzessinnen seit Jahrhunderten die Hände banden, nicht auf sie zutreffen.

Genau deshalb stand Marit nun in der besten Suite des Le Jardin Exquis in einem Hochzeitskleid, das Massenware war, kurz davor, André Du Sault zu heiraten. Ihr bester Freund von der Uni, der ihr geholfen hatte, ihr Betriebswirtschaftsstudium zu schaffen, auf dem ihre Eltern bestanden hatten, verstand, warum sie dies tat. Er hatte seine eigenen Gründe, und wie es weitergehen würde, würden sie dann sehen. Aber jetzt war es erst einmal Zeit zu heiraten.

Ein Aufruhr draußen vor der Suite riss sie aus ihren Gedanken, und sie raffte ihren Tüllrock.

Monsieur, arrêtez! Halt, Monsieur. Sie können da nicht reingehen.“

Die panischen Rufe des Hotelbediensteten waren Marits einzige Warnung, bevor die Tür aufgerissen wurde. Ein Mann mit silbernen Augen und entschlossener Miene stand auf der Schwelle und starrte sie an, als würde er sie kennen.

Entgegen der gängigen Meinung war es nicht Lykos Livas’ Gewohnheit, Frauen an ihrem Hochzeitstag zu entführen. Nicht dass er es nicht schon getan und die Gesellschaft einer oder zweier durchgebrannter Bräute genossen hätte. Doch normalerweise fing Lykos’ Tag nicht damit an, eine Prinzessin am Morgen ihres geplanten Hochzeitstags aufzuspüren und im Namen ihres Bruders wieder nach Hause zu bringen. Er überprüfte die Adresse, die in der Nachricht in seinem Handy stand, hielt es sich dann wieder ans Ohr und lehnte sich gegen seinen silbernen Aston Martin Vantage.

„Bist du sicher, dass sie hier ist?“, fragte er.

„Ich bin sicher, dass ihr Handy sich dort befindet, Lykos. Und da ich derzeit in Norfolk bin, um Trockenmauern auszubessern …“

„Du machst was?“ Verwirrt runzelte Lykos die Stirn. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Theron Thiakos, Chef eines international bekannten Sicherheitsunternehmens, sich ausgerechnet als Heimwerker betätigte.

„Ich repariere endlich das Loch, das Summer in die Wand geschlagen hat.“

„Falls du und Summer gerade mitten in …“

„Lykos, sie ist die Mutter meines Kindes“, raunzte Theron.

„Und sie ist perfekt für dich“, beruhigte er ihn in gönnerhaftestem Ton.

„Das ist sie“, entgegnete Theron selbstgefällig, ohne darauf einzugehen, dass Lykos ihn aufgezogen hatte.

Lykos freute sich für den Mann, mit dem er auf den Straßen Griechenlands aufgewachsen war. Bemüht, den Beschränkungen des Waisenhauses in Piräus zu entkommen, hatten sie in Athen Chaos gestiftet, bis sie von Kyros Agyros entdeckt worden waren. Dass sein Erfolg zum Teil auf den Mann zurückzuführen war, der nicht nur sein Mentor gewesen war, sondern ihn auch hintergangen hatte, setzte Lykos immer noch sehr zu. Doch es war eine wichtige Lektion gewesen, die er nie vergessen würde. Dass der einzige Mensch, dem er in seinem Leben vertrauen konnte, er selbst war.

„Und, erzählst du mir, warum du das Handy der jüngsten svardischen Prinzessin aufspüren musst?“

„Es ist ein Palast-Handy, und der König von Svardia hat mir die Erlaubnis dazu gegeben“, antwortete Lykos, ohne näher darauf einzugehen.

„Das weiß ich, aber welcher Bruder engagiert ausgerechnet dich, um eine zweiundzwanzigjährige Prinzessin aufzuspüren?“

„Was soll das denn heißen?“, wollte Lykos wissen.

„Das soll heißen, dass ich dich kenne.“

„Sie ist eine verhätschelte Prinzessin, die wohl gerade einen Wutanfall hat, also ganz sicher nicht mein Typ“, knurrte Lykos entrüstet.

„Was springt denn für dich heraus?“, bohrte Theron weiter, weil er wusste, dass Lykos dies nicht aus reiner Herzensgüte tun würde. Allein der Gedanke war lächerlich. „Wenn das irgendetwas mit Kozlov zu tun hat …“

„Geh wieder zu deiner Trockenmauer, Theron, falls die Kids das heutzutage so nennen“, fiel er ihm ins Wort und zwang sich zu einem unbeschwerten Ton, auch wenn ihm ganz und gar nicht so zumute war. Vielmehr war es beunruhigend, dass Theron erkannt hatte, warum er bereit war, eine Prinzessin zu kidnappen.

„Lykos …“

Er legte auf, bevor Theron seinen Satz beenden konnte, weil er wusste, dass der Grieche nicht verstehen würde, was ihn zu diesem Schritt drängte. Lykos zupfte an seinen Manschettenknöpfen, während er zu dem Vier-Sterne-Hotel in Paris hochsah, in dem die Prinzessin von Svardia in weniger als einer halben Stunde heiraten wollte.

„Auch wenn du dich noch so in Schale wirfst, kannst du die Tatsache nicht auslöschen, dass du nicht mehr als ein Straßendieb bist und immer sein wirst. Den selbst seine Eltern nicht wollten und der im Abfall nach Essensresten suchen muss.“

Die unwillkommene Erinnerung an Ilian Kozlovs Worte lenkte Lykos’ Aufmerksamkeit in eine andere Richtung. Er war dem Russen vor drei Jahren begegnet, als er sich um die Mehrheitsanteile eines Hightech-Unternehmens bemühte. Dass er den „Geschäftsmann“ besiegt hatte, schien den elitären Snob noch wütender zu machen. Kozlov hatte begonnen, sich Lykos’ Wertpapiere zurückzuholen, und als das nicht funktionierte, hatte er eine Linie überschritten, indem er Lykos’ Ruf in Zweifel zog. Und warum? Weil Lykos eine Bedrohung war. Er war einer der wenigen Männer der Welt mit genügend finanziellem Scharfsinn und Rückhalt, um Kozlov zu besiegen.

Und jetzt würde Kozlov zahlen müssen. Höchstpersönlich.

Der König von Svardia hatte endlich zugestimmt, ihm die Anteile zu verkaufen, die Lykos brauchte, um Kozlov aus seinem eigenen Unternehmen zu vertreiben. Und das war, wie Lykos entschieden hatte, genau der Preis, den der Russe für seine Beleidigungen zahlen musste. Und was musste Lykos dafür tun? Nur der Dieb sein, als den Kozlov ihn bezeichnet hatte, und eine Prinzessin stehlen.

Als er das Hotel betrat, dachte er daran, was er in Therons Akte über André Du Sault gelesen hatte. Er hatte genügend Geld auf der Bank, das ihm seine reichen Eltern großzügig zur Verfügung stellten, sodass er Prinzessin Marit überall hätte einquartieren können. Das Hotel war charmant, wie Lykos befand, als er an der Rezeption vorbeiging, als wäre er ein Gast, der ein Recht dazu hatte, hier zu sein. Aber ganz sicher unter Andrés Verhältnissen.

Lykos’ Entschluss festigte sich. So behandelte man keine Frau. Selbst wenn diese Frau eine verwöhnte Prinzessin war, die mit irgendeinem Schwarm von der Universität durchgebrannt war. Er stieg die elegant geschwungene Treppe hinauf, bis zum obersten Stockwerk, wo ihre Suite lag.

„Monsieur?“

Lykos achtete nicht auf den Portier, als er im Flur an ihm vorbeiging.

„Monsieur!“

Mit leicht zusammengekniffenen Augen sah Lykos zu der Suite, die am Ende des Flurs lag.

Arrêtez! Halt, Monsieur! Sie können da nicht rein. Monsieur!“.

Lykos umfasste die Klinke und stieß die Tür auf. Vor einem Spiegel stand Prinzessin Marit, in einem Kleid, das weder ihrer Figur noch ihrem Teint schmeichelte. Und trotzdem war sie die schönste Frau, die er je gesehen hatte.

Es war ein Schock, und er konnte sie einen Herzschlag lang nur anstarren. Ihre blonden Locken, die ihn daran erinnerten, wie die Brandung über den Strand von Piräus rollte. Die roten Flecken auf den Wangen, die sich deutlich von ihrer blassen Haut abhoben. Riesige haselnussbraune Augen mit Sprengseln in Gold und Jade, die so hell leuchteten, dass er sie sogar von der Tür aus erkennen konnte. Ihr Mund, halb geöffnet vor Schreck, war das Erotischste, was er in einem Leben voller Ausschweifungen gesehen hatte. Ihre Taille, aufgebauscht durch all den Tüll, schien so schmal, dass er sie mit seinen Händen umfassen könnte. Doch es waren die Sommersprossen auf ihrer Nase, die ihm besonders auffielen, weil sie von einer Unschuld sprachen, der er eindeutig aus dem Weg gehen sollte.

Lykos verkniff sich einen Fluch. Marit war erst zweiundzwanzig, und er bezwang die schockierende Reaktion seines Körpers auf sie mit einer Unbarmherzigkeit, die beinahe schmerzhaft war. Als er sich endlich unter Kontrolle hatte und sie wieder ansah, merkte er, dass ihre Augen Funken sprühten.

Sie war wütend.

Marit drehte sich ganz um, trat mit den Füßen die Röcke aus dem Weg, während Wut und Angst ihr Blut befeuerten.

„Ich nehme an, mein Bruder hat Sie geschickt?“, fragte sie. Doch ihr Versuch, die brodelnde Wut zu bezwingen, ließ sie sehr gebieterisch klingen, und sie zuckte innerlich zusammen, als sie zu sehen glaubte, dass dieser Mann angewidert den Mund verzog.

„Er möchte, dass Sie nach Svardia zurückkehren.“

Instinktiv trat sie einen Schritt zurück. „Das habe ich auch vor, aber zuerst …“

„Unverheiratet“, knurrte der Mann und machte einen Schritt auf sie zu.

Nein. Sie konnte nicht zurück nach Svardia, bevor sie verheiratet war. Denn sonst würde Aleksander einen Ehemann für sie aussuchen. Einen Fremden. Und das durfte sie nicht zulassen.

„Nein.“

„Ja.“

„Ich kann mir vorstellen, dass ein Lakai meines Bruders vergessen hat …“

„Lakai“, wiederholte der Mann, als wäre es eine schwere Beleidigung.

„Wir befinden uns im einundzwanzigsten Jahrhundert und …“

Sie verstummte, als er so entschieden zu ihr kam, dass sie zurückwich. Zumindest versuchte sie es. Denn ihr Absatz verfing sich in all dem Tüll, sodass sie auf dem anderen Bein gefährlich schwankte. Beinahe wäre sie gefallen, doch dann stand der Mann vor ihr, beugte sich leicht, und Prinzessin Marit merkte schockiert, dass er sie über seine Schulter warf.

„Was, verdammt noch mal, machen Sie da?“, schrie sie, während sie mit den Händen verzweifelt nach etwas auf seinem Rücken suchte, woran sie sich festhalten konnte, als er sich wieder hinunterbeugte, ihre Tasche aufhob und sie über die andere Schulter hängte. Sie schüttelte die Haare aus den Augen und schrie nach André. Als sie in den Flur traten, wurde seine Tür aufgerissen, und ihr Verlobter kam eilig heraus, um dann abrupt stehen zu bleiben.

„André! Bitte …“ Ihr versagte die Stimme, weil sie von Übelkeit erfasst wurde, als der Mann, der sie trug, herumschwang, wohl um ihren Verlobten anzusehen. Sie hielt die Luft an und wartete darauf, dass André sie aus den Händen ihres Kidnappers befreite.

Eine Sekunde, zwei.

Nichts.

Angst erfasste sie, als der Mann sich wieder umdrehte und auf die Treppe zusteuerte. Sie blinzelte gegen die Feuchtigkeit in ihren Augen an und warf einen wütenden Blick zu André, der sich weigerte, sie anzusehen und stattdessen mit den Lippen eine jämmerliche Entschuldigung formte. Marit versuchte, nicht schlecht über den Freund zu denken. Es war nicht Andrés Schuld, sondern die ihres Bruders. Und die des Mannes, der sie über der Schulter trug wie ein …

Voller Wut schlug sie mit den Fäusten auf seinen Rücken. Ohne innezuhalten, bewegte er seine Rückenmuskeln. Marit spürte sie durch all den Stoff, und sie verrieten eine Kraft, auf die ihr Körper in schockierender Weise reagierte.

„Danke, glykia mou. Ich wollte mich in nächster Zeit sowieso mal massieren lassen.“

Marit wollte ihm gerade eine passende Antwort geben, als sie seine Hand auf ihrem Po spürte, die sie entschieden festhielt.

„Aufhören, Prinzessin, sonst fallen Sie herunter. Und Sie sind kein Paket, das versichert ist, wenn es zerbricht.“

Seine Worte hätten sie vor Wut erröten lassen sollen. Aber das war es nicht, was Marits Wangen brennen und einen süßen Schmerz zwischen ihren Beinen aufflammen ließ. Peinlich berührt über das, was sie fühlte, bemerkte sie kaum den Hotelpagen, der ihr erst vor einer Stunde das Hochzeitskleid in ihre Suite gebracht hatte.

„Eure Hoheit?“ Sichtlich schockiert starrte er sie an. „Moment!“

Marit war überrascht, als der Mann, der sie trug, stehen blieb und sich umdrehte.

„Wer sind Sie, und was machen Sie mit Prinzessin Marit?“, fragte der junge Page. Seine Stimme zitterte zwar, aber er klang entschlossen. Er konnte höchstens neunzehn sein, nur ein paar Jahre jünger als sie selbst, aber sicher sehr viel jünger als der Fremde, der sie über der Schulter trug.

Sie spürte, dass der Fremde leicht den Kopf neigte, ehe er leise grummelte, als würde er dem Jungen Respekt dafür zollen, dass er ihn in die Schranken gewiesen hatte.

„Lykos Livas. Rufen Sie diese Nummer an“, sagte er und gab dem Pagen eine Karte, die er aus seiner Tasche gezogen hatte. „Falls Ihnen das nicht reicht, rufen Sie die Polizei an.“

Lykos. Ein seltsamer Name, dachte Marit. Vielleicht griechisch. Wolf. Sie dachte an silberne Augen, die Kraft, die er verströmte und seinen geschmeidigen Gang. Ja, der Name passte zu ihm.

„Woher weiß ich, dass Sie der sind, für den Sie sich ausgeben?“, hörte sie den Pagen fragen, ohne sehen zu können, wie der Mann darauf reagierte. Doch sie spürte beinahe sein arrogantes Grinsen, bevor er antwortete.

„Recherchieren Sie im Internet.“

Lykos drehte sich auf dem Absatz um und marschierte aus dem Gebäude. Der Auftritt des Pagen hatte ihm wieder ein wenig Vertrauen in die Menschheit zurückgegeben. Was für eine Welt war das, die es erlaubte, dass eine Frau ohne deren Einwilligung von einem völlig Fremden aus ihrem Hotelzimmer verschleppt wurde, ohne dass ein einziger Mensch sie aufhielt?

Dass er selbst besagter Kidnapper war, spielte jetzt keine Rolle. Es war einfach empörend.

Er rückte die Prinzessin auf seiner Schulter zurecht, zog mit der freien Hand die Fernbedienung für sein Auto aus der Tasche und drückte auf die Taste, um die Verriegelung zu lösen. Dann ging er zur Beifahrerseite, ignorierte die verblüfften Blicke der Pariser Fußgänger, öffnete die Tür und warf zuerst die Tasche ins Auto, ehe er die Prinzessin auf dem Sitz ablud.

Gerade wollte er die Tür schließen, als eine Stimme, die unter all dem Tüll hervordrang, forderte: „Passen Sie auf das Kleid auf.“ Er verdrehte die Augen, stopfte den Stoff in den Fußraum und schloss sorgfältig die Tür. Dann ging er zur Fahrerseite, doch als er gerade nach der Türklinke griff, schoss eine zarte Hand unter all dem Tüll hervor und drückte auf die Verriegelung.

Er drückte wieder auf den Schlüsselanhänger.

Und genauso schnell drückte sie wieder auf die Verriegelung.

Seine Geduld hing an einem seidenen Faden. Lykos konnte Marits Gesicht zwar nicht sehen, aber er vermutete, dass sie ihn genau beobachtete. Wieder drückte er auf den Schlüsselanhänger, und wieder drückte sie auf die Verriegelung.

Er musste sich etwas einfallen lassen, sonst konnte sich dieses Spiel noch eine Ewigkeit fortsetzen. Und er hatte da auch schon eine Idee …

„Oh nein, Officer“, sagte er, setzte eine entsetzte Miene auf und hob die Hände. „Ich schwöre, es ist nicht das, wonach es aussieht …“

Im Wagen bewegte sich etwas unter den Massen von Tüll, und er drückte rasch den Entriegelungsknopf und riss die Tür auf, bevor sie merken konnte, dass es nur ein Ablenkungsmanöver gewesen war. Schnell schlüpfte er auf den Fahrersitz und schloss die Tür wieder hinter sich.

„Polizei! Polizei!“

„Tut mir leid, Prinzessin. Hier ist kein Polizist.“

„Wie bitte?“ Mit zornig funkelnden Augen sah sie ihn an. Er tat es mit einem Achselzucken ab, ließ den Wagen an und hatte das Gefühl, die Kontrolle wieder zurückgewonnen zu haben, als er das Schnurren des Motors hörte.

Bevor er den Gang einlegte, sagte er warnend: „Ich weiß, dass Sie darüber nachgedacht haben, aber ich möchte Sie bitten, hier im Wagen keinen Ärger zu machen, während ich fahre. Es ist gefährlich, und Sie könnten sich verletzen. Oder mich. Ihr Bruder hat mir erzählt, dass Sie zwar draufgängerisch sind, aber nicht dumm. Ich zähle darauf.“

Ihre Wangen röteten sich, was die Sommersprossen auf ihrer Nase noch mehr betonte. Er nahm ihr Schweigen als Kapitulation, nickte zufrieden und fuhr los.

In Paris Auto zu fahren war genauso verrückt wie in Athen. Trotzdem hatte Lykos seit Jahren nicht mehr so viel Spaß gehabt. Das laute Hupen, die Flüche und die erhobenen Fäuste zwangen ihn, sich auf den chaotischen Verkehr zu konzentrieren statt auf die Anziehungskraft dieser Frau im Brautkleid. Zwanzig Minuten später bog er in die Tiefgarage unter seinem Apartment ein und stellte den Motor ab.

„Und was jetzt?“ Die Frage kam von der Tüllwolke neben ihm, und ihr Ton kratzte an seinem Gewissen.

„Wir rufen Ihren Bruder an und sorgen dafür, dass Sie nach Hause geschickt werden.“

Er sah, dass sie eine ihrer kleinen, blassen Hände zur Faust ballte. Er konnte förmlich spüren, dass sie aufbegehren wollte, aber inzwischen sollte sie wissen, dass es sinnlos war.

„Waffenstillstand?“

Schweigen folgte, bis der Tüll raschelte, als hätte sie genickt. Lykos stieg aus dem Wagen und wartete. Nichts geschah. Er bezwang seine Ungeduld, ging zur Beifahrerseite und öffnete die Tür für sie. Ein silbern beschuhter Fuß kam unter dem Rock hervor, gleichzeitig eine Hand, die Lykos nur ergriff, weil er sonst keinen anderen Weg sah, Marit aus dem Wagen zu bekommen. Doch als er sanft an ihrer Hand zog und ihr beim Aussteigen half, war sie ihm plötzlich näher, als er beabsichtigt hatte.

Große Augen sahen ihn an, umrahmt von langen dichten Wimpern. Sein Blick fiel auf ihre glänzenden, kirschroten Lippen, und Verlangen erfasste ihn.

Bis er sich daran erinnerte, wer sie war. Und wer er war.

Marit stieß die Luft aus, als sie die Veränderung in seinem Blick bemerkte. Noch vor einem Moment hatte sie etwas gefühlt … Sie schüttelte den Kopf. Nein, sie war nur gestresst gewesen, wegen all dem, was an diesem Tag schon passiert war.

Allerdings hatte sie den Mann, der sie gekidnappt hatte, zum ersten Mal richtig ansehen können. Seine Augen waren von einem hellen Grau, deshalb hatte sie vorher geglaubt, sie seien silbern. Er hatte hohe Wangenknochen, ein kantiges Gesicht und war ein ganzes Stück größer als sie, sodass sie sich winzig fühlte. Für einen Moment war es ein schönes Gefühl gewesen.

Bis sein Blick eisig wurde. Sie sah über seine Schulter zu dem Ausgangsschild. Vielleicht könnte sie …

„Denken Sie nicht einmal daran“, befahl er, während seine Hand sich um ihren Arm legte und er sie zu den Aufzügen führte.

Schweigend starrten sie auf die Anzeige, bis der Aufzug unten angekommen war. Als sich die Türen öffneten und ein älteres Paar ausstieg, wusste sie nicht, wer mehr überrascht war, sie oder Lykos.

„Alles in Ordnung, mein Kind?“ Das faltige Gesicht der Frau wirkte eindeutig besorgt.

Die Frage ließ Marit innehalten. Niemand hatte sie das je gefragt, und für einen Moment glaubte sie, weinen zu müssen.

Bis Lykos sie rüde an seine Seite zog, sodass ihr die Luft wegblieb.

„Ach, es ist so traurig“, sagte er, schüttelte den Kopf und schob Marit in den Aufzug. „Vor dem Altar sitzen gelassen.“ Das schockierte Keuchen des Paars war zu viel, und Marit biss die Zähne aufeinander, während er seine Karte für die Penthouse-Suite vor den Scanner hielt. „Ich persönlich gebe dem Kleid die Schuld daran“, fügte er noch hinzu, ehe sich die Aufzugtüren schlossen.

2. KAPITEL

Wie konnte er es wagen?

Marit wusste, dass es lächerlich war, auf Lykos wegen seines Kommentars über ein Kleid wütend zu sein, das weder ihrer Figur noch ihrem Teint schmeichelte. Trotzdem kochte sie vor Zorn.

Es war ihr Hochzeitskleid! Oder zumindest wäre es das gewesen, wäre er nicht aufgetaucht, um sie zu entführen. Und je gelassener Lykos erschien, desto wütender wurde sie.

Nein, schlimmer noch, ihr Zorn schien ihm Spaß zu machen.

Autor

Pippa Roscoe

Pippa Roscoe lebt mit ihrer Familie in Norfolk. Jeden Tag nimmt sie sich vor, heute endlich ihren Computer zu verlassen, um einen langen Spaziergang durch die Natur zu unternehmen. Solange sie zurückdenken kann, hat sie von attraktiven Helden und unschuldigen Heldinnen geträumt. Was natürlich ganz allein die Schuld ihrer Mutter...

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