Himmelfahrtskommando. Ein Mordsacker-Krimi

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Im eigentlich beschaulichen Dorf Mordsacker ist ordentlich was los! Ein altes Fräulein sitzt plötzlich tot an seinem Kaffeetisch. Neben sich ein Abschiedsbrief. Alle glauben an Selbstmord - nur Amateurdetektivin Klara Himmel wittert eine Verschwörung. Hat vielleicht die hübsche junge Schamanin etwas damit zu tun, die seit geraumer Zeit im Ort für Unruhe sorgt? Leider interessiert sich Klaras Mann, der Dorfpolizist, nur noch für die Hühner und Ziegen auf seinem chaotischen kleinen Bauernhof und nicht für die Ermittlungsarbeit. Aber zum Glück gibt es ja Klara, die sich todesmutig an die Arbeit macht.

"Wie gewohnt ist der Kriminalroman mit reichlich Wortwitz, kuriosen Einfällen und Wendungen gespickt"


Leipziger Volkszeitung

"Liebenswert-schräge Ferienlektüre."


Ostsee-Zeitung

"Durch den lockeren, flüssigen und witzigen Schreibstil ist es ein Vergnügen, Klara Himmel bei ihren heimlichen Nachforschungen zu begleiten."


Märkische Lebensart

"Der Krimi ist witzig, Verdächtige gibt es zuhauf, und Autorin Cathrin Moeller stattet jede Figur mit einer schrulligen Eigenart aus."


Schweizer Familie

"Eine rundum gelungene Urlaubslektüre."


Leipziger Volkszeitung über "Mordsacker"

"Cathrin Moellers Roman einer absurden Selbstsuche ist so rasend komisch wie liebenswert schräg. Darauf eine Spreewaldgurke!"


Buchjournal über "Die Spreewaldgurkenverschwörung"

  • Erscheinungstag 02.07.2018
  • Bandnummer 2
  • ISBN / Artikelnummer 9783955767945
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

»Kein Problem wird gelöst, wenn wir träge darauf warten,

dass Gott sich darum kümmert.«

Martin Luther King

Prolog

Das Kribbeln begann im Mund. Anfangs war es nicht unangenehm. Dann wurde es stärker, nahezu übermächtig. Bald fühlten sich Fingerspitzen und Zehen an, als steckten sie in einem Ameisenhaufen, dessen emsige Bewohner gerade in höchstem Aufruhr waren.

Obwohl ihr das Blut in den Adern gefror, strömte ihr gleichzeitig der Schweiß aus allen Poren. Muskeln, Magen und Gedärme verkrampften sich so heftig, dass ihre Sinne zu schwinden drohten. Aber den Gefallen taten sie dem Gehirn nicht. Die Rezeptoren sendeten das Signal Schmerz im Akkord. Die Gegenstände ringsum, die gerade noch im Blickfeld gewesen waren, schienen sich im nächsten Moment in Luft aufzulösen.

Das Telefon! Sie musste versuchen, es zu erreichen. Aber alles um sie versank im Nebel, Arme und Beine zitterten so heftig, dass sie die Kontrolle über sie verlor.

Verzweifelt rief sie um Hilfe, doch ihre Stimme versagte den Dienst. Und wer sollte sie auch hören? Bis jemand sie vermissen würde, war es sicherlich zu spät.

Schmerz … Unerträglicher Schmerz …

Das Summen in ihrem Kopf schwoll unaufhörlich an und erzeugte einen immer größeren Druck. Gewiss würde er gleich explodieren. Gleich war alles vorbei.

Exitus.

Aber der Mensch hängt an seinem Leben. Unser Selbsterhaltungstrieb kämpft, auch wenn es aussichtslos erscheint.

In ihrem Fall war es leider aussichtslos.

Kapitel 1

»… Es bleibt weiterhin heiß. Perfekt. Allen Meckerern sei gesagt, es ist Sommer, Leute! Das waren eure Wetteraussichten von Radio Welle Nord. Kommt gut über den Tag! Hier geht es weiter mit Pohlmann, Wenn jetzt Som…«

Mit spitzen Fingern drehte ich der Quakstimme des übermotivierten Moderators den Saft ab.

Pah! Von wegen perfekt! Vorstufe zur Hölle würde es bei 34 Grad im Schatten plus der Wärme, die der Herd in meiner Küche ausstrahlte, eher treffen. Dagegen war ein Scheiterhaufen im Mittelalter der reinste Gefrierschrank!

Genervt wischte ich mir mit dem Handrücken eine rote Locke von der Wange. Sie war auf meiner schweißnassen Haut quer über dem Gesicht kleben geblieben und ließ sich einfach nicht wegpusten. Mein feuchtes T-Shirt schmiegte sich aufdringlich an Brust, Bauch und Rücken fest. Ich öffnete die Terrassentür zu unserem Frühstücksplatz hinter der Küche, der morgens in der Sonne, aber für den Rest des Tages im Schatten lag.

Mich wehte ein schwülwarmer Luftzug an, der auch keine Abkühlung brachte. Prustend schnappte ich mir den zweiten Eimer mit Kirschen und schüttete ihn in das Spülbecken aus. Nummer eins war bereits fertig entsteint. Die Früchte köchelten mit Wasser, Zucker und einer Prise Chili dampfend im Topf auf kleiner Flamme vor sich hin. Genau wie es in dem Rezept stand, das ich mir aus einer Frauenzeitschrift herausgesucht hatte.

So weit war es schon gekommen, dass ich mir Rezepte ausschnitt. Mann, Mann, Mann!

Schnaubend schüttelte ich den Kopf, zupfte den Kirschen im Spülbecken die Stiele ab, drehte den Wasserhahn auf und rettete noch schnell einen Marienkäfer vorm Ertrinken.

Mein Mann Paul musste heute Morgen in aller Herrgottsfrühe noch vor dem Ziegenmelken und Hühnerfüttern wieder dem Erntewahn verfallen sein, bevor er in seine Uniform geschlüpft war und sich zum Dienst auf der Polizeiwache verabschiedet hatte. Als ich gegen zehn Uhr aufgestanden war, um mir Kaffee zu holen, hatte sich meine Küche in einen Obst- und Gemüseladen verwandelt: Neben Salatköpfen, Gurken, dreckverkrusteten Möhren und mindestens tausend Radieschen standen zwei Zehn-Liter-Eimer gefüllt mit Süßkirschen auf dem Tisch.

Und jetzt erwartete mein Gatte, wie sein Vorfahre aus der Steinzeit, von seinem Weib, dass ich den Tag nutzte und das ganze Grünzeug zu wohlschmeckenden Speisen verarbeitete und irgendwie für den Winter haltbar machte?

Seit wir hier in Mordsacker wohnten, ich zwangsweise zur Hausfrau und mein Mann zum Hobbybauern mutiert war, kam ich mir bereits wie eine Müßiggängerin vor, wenn ich einmal nur meinen Gedanken nachhing oder erst nach sieben aufstand. (Warum sollte ich auch zu Zeiten aus dem Bett hüpfen, wo man eigentlich noch eine Nachtwanderung machen könnte?)

Ich war bestimmt nicht faul, aber es ödete mich an, dass mein Tag lediglich aus Haus- und Gartenarbeit bestand, für die ich als ehemals moderne berufstätige Großstadtpflanze nun mal nicht geschaffen war.

Der Umgang mit Staubsauger, Kochlöffel und Gießkanne forderte mich einfach nicht heraus und fühlte sich wie Zeitverschwendung an. Schon der Gedanke an Tätigkeiten, die in Berlin Dienstleister für mich erledigt hatten, motivierte mich keineswegs auch nur einen Zeh unter der Bettdecke hervorzuschieben.

Oh, wie ich mein Großstadtleben vermisste: den steten, unterschwelligen Lärm, den Gestank von Autoabgasen, die Parkplatzsuche, all die Menschen, die beim Laufen oder in Cafés sitzend wie willenlose Zombies auf ihr Smartphone starrten und ihre Umwelt ignorierten. Ich seufzte, weil mich die Sehnsucht nach meinem alten Leben wie eine Abgaswolke zu ersticken drohte. Der Gedanke an die zufälligen Berührungen von Fremden in der U-Bahn ließ mich vor wohligem Ekel erschauern.

Mein Göttergatte sah das leider völlig anders. Er mochte das Leben in diesem Kaff, mit den Bewohnern, deren Horizont am Feldrand endete, die ihre Dorffeste mit Saufgelage als Kulturgut pflegten und außer beim Tratsch im Hofladen kaum das Maul aufbekamen. Inbrünstig kümmerte er sich um unsere federn- und felltragenden Mitbewohner und erfüllte sich durch diese Selbstversorgernummer mit Obst, Gemüse, Eiern, Milch und Fleisch seinen Kindheitstraum.

Für mich war es der Albtraum! Leider war ich darin gefangen, denn wir versteckten uns im Rahmen des Zeugenschutzprogrammes hier in der tiefsten mecklenburgischen Provinz mit neuer Identität vor dem Mafiaboss Ricardo Perez. Er hatte ein Kopfgeld auf uns ausgesetzt … na ja, eigentlich speziell auf mich, weil ich als einzige Zeugin den kaltblütigen Mord an Katharina Wolff beobachtet hatte.

Selber schuld! Denn ich hatte Paul hinterherspioniert, weil ich felsenfest davon überzeugt war, er würde mich mit dieser Frau, Katharina Wolff, betrügen. Alle Indizien hatten schließlich dafürgesprochen. Woher hätte ich wissen sollen, dass diese blonde Schönheit seine Informantin war, wenn er nicht mit mir über sein geheimes Projekt redete? Und dann war ich eben irgendwie zwischen die Fronten geraten.

Dank mir war nicht nur die Undercover-Mission meines Mannes aufgeflogen, sondern ich hatte auch den von langer Hand vorbereiteten Schlag des Berliner LKA gegen den größten Drogenring der Hauptstadt zunichtegemacht. Wie gerne hätte ich die ganze Sache unter »Dumm gelaufen!« verbucht. Doch leider hatte ich das Leben meiner gesamten Familie unwillentlich aufs Spiel gesetzt …

Gedankenverloren betrachtete ich das Chaos in meiner Küche. Wie hatte ich es nur so schnell geschafft, alle Arbeitsflächen und Fronten mit Kirschsaft zu beschmieren? Meine Küche sah nun aus wie ein blutverschmierter Tatort. Ungeputztes Gemüse lag zwischen Schüsseln, Löffeln, Messern, Schneidebrettern, Gefrierbeuteln, Tüten mit Gelierzucker und Einweckgläsern herum.

»Pfffhhhhh!« Kirschen entsteinen war wohl meine Strafe, weil ich mich der Todsünde Eifersucht ergeben hatte. Lieber Kirschen als Fegefeuer. Ich liebte meinen Mann auch nach siebzehn Jahren Ehe und hatte um ihn kämpfen wollen. Wer auf die Jagd nach einem Tiger geht, muss damit rechnen, einen Tiger zu finden! Eine Klara Himmel stand zu ihren Fehlern.

Natürlich suchte ich nach einem Ausweg, die mir auferlegten Sanktionen, über die ich mich ja nicht einmal beschweren konnte, im Großen wie im Kleinen so erträglich wie möglich zu gestalten.

Am besten hatte mir das Provinzleben gefallen, als Paul krank gewesen war und ich an seiner Stelle heimlich als selbst ernannte Ermittlerin den Mord an einem Schweinebauern aufgeklärt hatte. Und mit dem Erntewahn meines Gatten war ich zunächst auch gut fertiggeworden. Die erste Kirschschwemme hatte ich einfach eingefroren. Doch nun platzte die Tiefkühltruhe aus den Nähten und alle Einwohner von Mordsacker, die in den letzten Wochen das Zeitliche segneten, waren leider auf natürliche Weise gestorben.

Zu allem Überfluss hatte ich den Kriminalroman, zu dem mich die Ermittlung in meinem ersten Fall inspiriert hatte, schneller geschrieben als gedacht. Das Manuskript war längst an eine Literaturagentur abgeschickt, die mich unter Vertrag genommen hatte und nun meinen Erstling verschiedenen Verlagen zur Veröffentlichung anbot.

Ich saß also gerade in einer Art Warteschleife fest und langweilte mich zu Tode. Paul ahnte nichts von meiner Autorinnenkarriere, denn ich hatte den Vertrag vor zwei Wochen heimlich unterschrieben. Ich konnte es wieder einmal nicht lassen meinen Kopf durchzusetzen, obwohl Paul mich vor den Folgen gewarnt hatte, sollte der Krimi zum Bestseller werden und ich ins Interesse der Medien geraten. Dann würde die Geheimniskrämerei um den Autor die Neugier der Journalisten erst recht anstacheln.

Pah! Dass ich als unbekannte Autorin mit meinem Debüt die Bestsellerliste stürmte, schloss ich als unwahrscheinlich aus – auch wenn ich natürlich von so einem Erfolg träumte.

Dickköpfig sein, das konnte ich!

Was ich nicht konnte, war Kirschmarmelade kochen. Entweder war sie zu dünn oder sie klumpte.

»Mama, mach doch Kirschbrand!«, hatte mir meine erwachsene Tochter Sophie vorgeschlagen. Sie nahm mir nämlich auch keine Kirschen mehr ab und ich hatte keine Ideen, was ich mit den Tonnen von Früchten anstellen sollte.

Als ob das so einfach wäre! Im Hofladen war der Hochprozentige, die Grundlage, vergriffen und erst in ein paar Tagen wieder lieferbar, weil in Mordsacker und Umgebung gerade alle Schnaps brannten. Bis dahin waren die Kirschen verschimmelt, und mein Hobbybauer war sauer, wenn sein Obst in der Mülltonne landete.

Als Paul dann vorgestern seine vollbusige Kollegin Anette Schwanenfuß, die er neuerdings Nettchen nannte, für ihren hausgemachten Fruchtaufstrich – Kirschen in Kombination mit Marzipan – bewundert hatte, hatte mich wieder einmal die Eifersucht gepikst. Diese Superfrau und Göttin am Herd war mir von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen.

Hey, vor zwei Monaten hatte ich Pauls Ehre gerettet und einen Mordfall für ihn aufgeklärt. Im Falle des verstorbenen Biobauern Schlönkamp war er nämlich vorschnell von einem natürlichen Tod ausgegangen, meine Ermittlungen hatten jedoch den Beweis geliefert, dass die Tochter des Opfers ihre Finger im Spiel hatte. Ohne mich hätte er sich also ganz schön blamiert. Doch setzte er mir deshalb ein Denkmal? Nein, aber vor Nettchens Kochkünsten fiel er regelmäßig auf die Knie.

Also hatte ich beschlossen, meine geheime Rivalin zu überbieten und die ultimative Marmelade zu fabrizieren. Mit meinem Käsekuchen hatte ich sie schließlich auch vom Thron gestürzt. Nach mehreren Versuchen hatte ich ein Meisterstück gebacken und damit den Hauptpreis im Tortenwettbewerb der Landfrauen eingeheimst. Seitdem musste ich mir Pauls Aufmerksamkeit zwar mit einer anderen zweibeinigen Diva im Haus teilen, aber der konnte ich wenigstens den Hals umdrehen, ohne dafür verhaftet zu werden, wenn sie mich zu sehr ärgerte.

Leider hatte ich bei meinem neuesten Plan, Anette zu übertrumpfen, nicht bedacht, dass man für Marmelade die Kirschen entsteinen muss. Eine Heidenarbeit.

Ich schnappte mir das Kochmesser und stach mit der Spitze in das Fruchtfleisch hinein, dass der rote Saft nur so herausspritzte.

»Orr, ich hasse Perez! Mordsacker! Anette! Kirschen! Und meine Blödheit!«, fluchte ich dabei. Hätte ich Paul vertraut, würde ich jetzt auf der Terrasse meines Berliner Lieblingscafés sitzen, an einer kühlen Limonade nuckeln und hinter Sonnenbrillengläsern die Leute beobachten, die auf dem Ku’damm vorbeischlendern.

Stattdessen fummelte ich Kirschkerne heraus! Das war ja noch nerviger als Krabbenpulen. Ich schniefte. Im Topf quoll die klebrige Masse der ersten Ladung Marmelade schäumend über den Rand und verbrannte zischend auf dem Ceranfeld. Die verkohlte Kruste stank wie Zuckerwatte.

Widerlich! Ich warf die nächste Kirsche zurück und zog einhändig den Topf so ruckartig vom Herd, dass er überschwappte und ich mir den Handballen verbrannte. »Autsch!«

Genau in diesem Moment klingelte es an der Haustür.

Perfektes Timing!

Fluchend lief ich in den Flur und drückte dabei den Brandfleck gegen die kühlende Klinge des Messers. Das tat gut. Der Störenfried ließ nicht locker und klingelte im Intervall. »Mann, ich komme ja schon!«, rief ich und riss die Haustür auf, vor der das Postauto mit laufendem Motor parkte.

»Moin!« Anke, unsere wohlgerundete Postfrau, fächerte sich mit meinen Briefen und einem Werbeprospekt Luft in ihr faltenfreies Gesicht. Anscheinend war die Klimaanlage im Transporter kaputt, denn sie glühte puterrot. Ungeduldig trampelte sie mit ihren krampfaderdurchzogenen Fußballerwaden, die aus dunkelblauen Bermudas hervorlugten, von einem Fuß auf den anderen.

»Na endlich!«, beschwerte sie sich und musterte mich von Kopf bis Fuß. »Ich komme wohl unpassend. Was hast duuu denn für ein Massaker angerichtet?«

Ich folgte ihrem Blick auf das Messer in meiner Hand und das blutrot beschmierte T-Shirt, das mir immer noch nass geschwitzt wie eine zweite Haut am Leib klebte. »Ach, ich hab nur meinen Mann gekillt«, antwortete ich zwinkernd.

Anke grinste. »Du hast ihn also mit Anette im Bett erwischt!«

»Schlimmer!«

»Er hat dir das Haushaltsgeld gekürzt?«

Ich verdrehte die Augen. »Viel schlimmer! Seit einer Woche schleppt er mir schon morgens tonnenweise Kirschen in die Küche.«

»Verstehe! Kann ich dich buchen?« Sie kicherte.

»Haha!«, lachte ich gequält.

Anke drückte mir meine Post in die Hand. Nur belangloses Zeug, das sie auch einfach hätte in den Briefkasten werfen können. Warum hatte sie geklingelt? Ich zog die Augenbrauen hoch, denn sie kramte einen gefalteten Zettel aus der hinteren Hosentasche hervor, den sie mir mit nachdrücklicher Mahnung überreichte: »Du hast für die erste Theaterprobe heute Nachmittag noch nicht zugesagt.«

»Tja, dann werde ich wohl die Absicht haben, nicht teilnehmen zu wollen«, sagte ich schnippisch.

»Als Clubmitglied der Landfrauen kannst du dich unserem Sommerspektakel nicht entziehen. Wir sind das Fundament der Kulturtour. Die Leute kommen jedes Jahr von überall mit dem Fahrrad her, um die Inszenierung von Ritter Runiberts Abenteuern zu sehen. Dagegen sind die Vineta-Festspiele auf Usedom ein Kindergeburtstag.«

»Nun beruhige dich wieder! Zu gegebener Zeit werde ich euch unterstützen. Ich kann ja die Kasse am Einlass übernehmen oder mich um eure Kostüme kümmern.« Ich machte eine bedeutungsschwere Pause, bevor ich weitersprach: »Aber eins werde ich definitiv nicht: auf der Bühne stehen.«

Anke vergaß kurzzeitig das Atmen und guckte wie eine Kuh, wenn’s donnert. »Aber genau dort brauchen wir dich, als Mutter der Bernsteinhexe. Du bist die Einzige, die das authentisch spielen kann.«

Ich schluckte. Niemand konnte wissen, dass ich eigentlich Schauspielerin war. Hatte ich mich irgendwo verplappert? Ich kniff die Augen zusammen. »Sagt wer?«, fragte ich.

»Anette.« Anke nickte eifrig.

Künstlich kichernd wehrte ich ab. »Da überschätzt unser Fräulein von der Staatsmacht meine Fähigkeiten aber total.«

In meinem Gehirn ratterten dabei die Datenbanken. Leider hatte Anette vor einigen Monaten meine Fingerabdrücke an einem umgenieteten Leitpfosten auf der Landstraße kurz vor Mordsacker gefunden und aufgrund von Fahrerflucht ermittelt. Und sich gewundert, dass die Abdrücke zu einer Toten gehört hatten. Zu Franziska Bach, das war mein Name, bevor ich untergetaucht war und mein altes Leben in Berlin samt meiner Schauspielkarriere aufgegeben hatte. Sollte sie tatsächlich weiter nachgeforscht haben?

»Darüber mach dir mal keine Sorgen, wir sind alle nur Laiendarsteller. Aber du bist die Einzige mit roten Haaren.«

Daher wehte der Wind. Erleichtert atmete ich auf. »Wenn es nur darum geht, hat Moni bestimmt eine Perücke in ihrem Friseursalon für diejenige rumliegen, die die Rolle spielt«, sagte ich, zerriss den Infozettel und machte schnell auf dem Absatz kehrt.

Anke drohte mir hinter meinem Rücken: »Okay, dann schick ich dir Steffi und Karen vorbei, die werden dich schon überzeugen.« Ich drehte mich noch einmal um, aber Anke schloss schon grinsend das Gartentor.

Ich rief: »Vergiss es! Wenn ich einmal Nein sage, heißt das Nein!«

Mit der Hand imitierte sie einen Mund, der auf und zuklappte, schickte mir einen Luftkuss und sprang dann hinters Steuer ihres Transporters.

»Das fehlt noch, dass ich mit Amateuren in einem Laientheaterstück auftrete!«, empörte ich mich, knallte die Haustür hinter mir zu und warf die Briefe auf die Kommode. Angriffslustig stürmte ich mit dem Messer voran in die Küche zurück und traute meinen Augen nicht. Der Marmeladentopf lag umgekippt auf dem Herd, die klebrige Masse tropfte an der Küchenfront herunter und den weißen Fliesenboden übersäten rote Spuren in der Form vom Dreizack des Teufels. Meine gefederte Diva hob ihren Kopf mit dem marmeladeverschmierten Schnabel und lugte mich aus ihren Knopfaugen schadenfroh an.

»Na warte!« Mit dem Messer in der Hand sprang ich zu ihr. Wir lieferten uns eine wilde Jagd um den Küchentisch. Pai no joo – das Huhn, das ich beim Tortenwettbewerb der Landfrauen gewonnen hatte – gackerte aufgeregt, schlug mit den Flügeln und versuchte, mich mit verschiedenen Richtungswechseln auszutricksen.

»Morgen gibt’s saures Hühnchen, meine Liebe!«, drohte ich, langte nach dem Vogel und erwischte nur eine Schwanzfeder, die wie alle anderen schwarz gesprenkelt war und an ein Dalmatinerfell erinnerten. Pai no joo gehörte zur Rasse Leghorn. Mit ihren zweieinhalb Kilo war sie schwerer als der Durchschnitt ihrer Artgenossen, im Gegensatz dazu wogen ihre winzigen Eier nur neunundvierzig Gramm. Man rechnete bei der Rasse mit einer üblichen Legeleistung von zweihundert Eiern im Jahr, also mit vier Eiern pro Woche. Woher ich diese ganzen unnützen Details wusste? Von meinem Hobbylandwirt Paul natürlich.

Doch die Diva fühlte sich nicht genötigt, ihren Job zu erledigen und rang sich höchstens zwei Eier pro Woche ab, die sie dann ihrem Traumhahn, Paul, gern als Geschenk direkt ins Bett legte.

Das Zusammenleben mit den anderen Hühnern im Stall schien eindeutig unter ihrer Würde zu sein. Am wohlsten fühlte sie sich in Pauls Nähe und rang erbittert um seine Aufmerksamkeit. Ihre Abneigung gegen mich zeigte sie offen und hackte ständig nach mir. Wahrscheinlich hatte ich ihre Intelligenz unterschätzt und einmal zu oft vorgeschlagen, aus ihr eine schmackhafte Brühe zu kochen. Und das obwohl ich Vegetarierin war!

Aber dieses Huhn nahm sich einfach zu viel heraus, denn es wollte seinen Rang in der Hackordnung unserer Familie zu meinen Ungunsten verbessern. Es drängte sich noch offensichtlicher als Anette zwischen Paul und mich und versuchte, meinen Platz einzunehmen.

So wurde das nix, dieses Vieh war einfach zu clever. Ich blieb stehen und zuckte mit den Schultern. »Du hast gewonnen. Saures Huhn ist von der Speisekarte gestrichen.« Ich legte das Messer auf dem Tisch ab wie ein überführter Gangster, der sich ergibt. Dafür erntete ich ein kehliges »Dok, dok!«, das ziemlich arrogant rüberkam. Pai no joo sonnte sich in ihrem Erfolg. Ein typischer Fehler. Unterschätze niemals deinen Feind! Ich schoss nach vorne und umklammerte das störrische Biest mit einer Hand. »Jetzt gibt es Huhn Stroganoff!«, sagte ich und grinste hinterlistig.

»Pffft«, machte es und meine Hose war gesprenkelt mit Hühnerkacke. »Du Mistvieh, ich hole den Kochtopf!«, rief ich empört und schnappte mir das Messer erneut.

Mittenhinein schrillte die Türklingel. »Orr, das sind bestimmt schon Ankes Busenfreundinnen. So eine Petze!« Ich beschloss, den Besuch zu ignorieren, zischte Pai no joo an: »Schnabel halten!«

Das Huhn in meinem Arm verstummte. Ich flüsterte: »Kluge Entscheidung.« Doch Pai no joo hatte nur genügend Luft geholt, um dann extra laut zu kreischen. Anscheinend hoffte es auf Hilfe, denn durch die offene Küchenterrassentür hörte man das Geschrei bestimmt im ganzen Dorf.

Kies knirschte. Das mussten Steffi und Karen sein, die mich davon überzeugen sollten, dass ich bei diesem blöden Theaterstück mitspielte. Die waren echt dreist, stolzierten einfach hinten herum in unseren Garten, dachte ich verärgert. Ich hatte keine Lust mit ihnen zu reden. »Wenn du nicht willst, dass ich dich sofort absteche, dann vertreib sie, so wie du es immer mit mir machst!« Pai no joo zuckte nicht mit der Federspitze. Ich ließ sie los und huschte in die Speisekammer, um mich zu verstecken.

Ha! Keiner zu Hause!

Ich hörte eine Männerstimme: »Hallo? Frau Himmel?«

Oberstaatsanwalt Kühl?

Noch ehe ich mich sammeln konnte, jammerte er: »Lass das! Au!« Ich staunte nicht schlecht.

Mit einem Schritt trat ich aus der Speisekammer und scheuchte Pai no joo weg, die den Eindringling wie befohlen attackierte. Von wegen dummes Huhn!

Oberstaatsanwalt Kühl musterte mich irritiert. So verschwitzt, wie ich war, mit zerzausten Haaren, kirschsaftbeschmiertem Shirt, meiner hühnerkackeverzierten Hose und dem Messer, das ich immer noch in der Hand hielt, musste er mich für irre halten.

»Entschuldigung! Ich dachte …«

»Keine Angst, hier sind Sie sicher«, beruhigte er mich. Bedeutungsschwanger fügte er hinzu: »Das heißt, noch.« Er stellte seinen Aktenkoffer ab, richtete das schüttere Haar, nahm seine Brille von der Nase und betupfte seine Stirn mit einem Stofftaschentuch, das er aus der Westentasche hervorzog. Trotz der tropischen Temperaturen trug er einen Anzug mit weißem Hemd, dessen Kragen ein korrekt gebundener Schlips zusammenhielt.

»Was treibt Sie nach Mordsacker? Ist etwas passiert?«, fragte ich und spürte wie mir die Knie etwas weich wurden. Denn eigentlich war es unüblich, dass der ermittelnde Oberstaatsanwalt ohne vorherige Ankündigung Kontakt zu seinem Kronzeugen aufnahm und ihn noch dazu am Ort, wo dieser mit neuer Identität lebte, aufsuchte. Wenn es etwas zu besprechen gab, dann wurden solche Treffen sehr aufwendig von Mittelsmännern an sicheren Orten organisiert und durchgeführt. Es war nämlich immer damit zu rechnen, dass die Gegenseite den anklagenden Staatsanwalt bei allen Schritten beobachtete, die er unternahm. Dass er jetzt hier ohne Vorwarnung auftauchte, konnte nur Gefahr im Verzug bedeuten.

»Wenn Sie mit Martin … ich meine Paul, reden wollen …, der ist noch auf der Dienststelle. Ich kann ihn anrufen«, bot ich an. Vielleicht waren die beiden ja verabredet, und Paul hatte nur vergessen, es mir zu sagen. Ja, das konnte eine Erklärung sein. Verzweifelt versuchte ich, meinen Puls wieder auf Normalfrequenz zu drücken.

Der Skeptiker meldete sich in mir: Einem Treffen bei uns hätte Paul nie zugestimmt!

Kühl wischte meinen Küchenstuhl mit seinem Taschentuch ab, bevor er sich setzte. »Wenn Sie ein Glas Wasser hätten? Die Hitze …«

»Natürlich, Entschuldigung!« Ich sprang zum Kühlschrank: »Sie können auch gerne ein kaltes Bier …«

Er wehrte ab. »Danke, aber ich bin mit dem Wagen.«

»Klar.« Mit zitternden Händen stellte ich ihm Mineralwasser und ein Glas hin.

Während ich auf einem Fingernagel herumkaute, goss er sich ein, trank in großen Schlucken und putzte sich dann den Mund ab. »Setzen Sie sich! Sie machen mich ja ganz nervös«, bat er.

Ich nahm ihm gegenüber Platz. Er griff sich an den Schlips, fragte: »Darf ich?«, und lockerte ihn, als ich nickte. »Und wie geht’s?«

»Geht so!«, murmelte ich.

»Wie ich sehe …« Er zeigte auf das Chaos. »… haben Sie sich eingelebt.«

Was sollte das denn jetzt heißen? »Ich bemühe mich. Paul und Sophie fällt es leichter, sich mit der neuen Lebenssituation anzufreunden. Ich bin eine Großstadtpflanze und vermisse mein Berlin«, sagte ich.

Ich seufzte.

Er tupfte sich den Schweiß vom Hals. »Der Überfluss an Stille, Weite und Natur wäre mir auch zu eng.«

»Mir fehlt dieses Irrenhaus. Niemand ranzt einen an, weil man ihm den Parkplatz weggeschnappt hat, einfach schrecklich!« Wir lachten.

Sein Gesichtsausdruck wurde ernst. »Ich komme besser schnell zur Sache. Es tut mir leid, aber Ricardo Perez hat das Gefängnis als freier Mann verlassen. Für das Berliner Gericht ist der Fall erledigt.«

Ich nickte betreten. »Wir haben es in den Nachrichten gesehen. Was passiert denn jetzt?

»Ich habe die Absicht gegen das Urteil Berufung einzulegen. Das weiß noch niemand. Denn das macht nur Sinn, wenn Sie vor Gericht aussagen.«

»Wird er weiter nach uns suchen?«, fragte ich erschrocken.

»Ich fürchte ja. So lange Sie am Leben sind, stellen Sie als einzige Zeugin ein Sicherheitsrisiko für ihn dar.«

»Aber wir sind doch tot, hochoffiziell bei einem Autounfall verbrannt«, protestierte ich.

»Glauben Sie wirklich, dass er diese Lüge geschluckt hat? Er ist der Kopf eines organisierten Verbrecherclans. Der kennt unsere Methoden, Kronzeugen aus der Schusslinie zu bringen.«

Ich spürte, wie sämtliches Blut mein Gesicht verließ, mir wurde eiskalt. Und ich beschwere mich noch über mein langweiliges Leben …

Ängstlich wandte ich mich an den Oberstaatsanwalt: »Also ist es nur eine Frage der Zeit, dass er uns hier aufspürt?«

»Ich will ehrlich sein, früher oder später wird er Sie finden.« Kühl putzte seine Brille akribisch. Er sah mir direkt in die Augen, bevor er forderte: »Sagen Sie gegen ihn aus!«

Ich war hin- und hergerissen, wusste gar nicht, wo ich hingucken sollte. Meine Füße besaßen plötzlich ein Eigenleben und zappelten nervös. Er trank einen Schluck aus seinem Wasserglas und beobachtete mich dabei aufmerksam.

Dann sprach Kühl langsam, aber bestimmt, weiter: »Er wird verurteilt … und ich verspreche Ihnen … dass Sie dann nach Berlin zurückkehren können.«

Mir blieb vor Schreck der Mund offen stehen. Zurück nach Berlin, diesen Albtraum hier hinter uns lassen … Was sollte ich dazu sagen? Was würde mein Mann Paul davon halten, meine Tochter Sophie?

Der Oberstaatsanwalt unterbrach meine Gedanken. »Franziska, ähm … Klara, Sie können mir doch nicht erzählen, dass es Ihnen egal ist, wenn dieses miese Schwein ungeschoren davonkommt.«

»Nein, natürlich nicht, aber …« Ich hörte, dass die Haustür geöffnet wurde.

Paul.

Er schäkerte anscheinend mit Anette, denn ihr Kichern erklang. Meine Nackenhaare richteten sich auf wie bei einem wütenden Kampfdackel im Angriffsmodus. Beinahe hätte ich geknurrt.

Mein Mann rief: »Klara? Wie geht’s meinen Ziegen?« Pause. Dann rief er lauter: »Klara?«

»Keine Ahnung«, rief ich zurück. »Ich kann mich nicht zweiteilen. Außerdem habe ich Besuch«, warnte ich ihn vor.

Im nächsten Moment stand Paul, gefolgt von Anette, in der Küchentür. Seine gute Laune erstarb augenblicklich. Ich spürte seine plötzliche Anspannung. Pauls Stimme nahm einen förmlichen Ton an, während sich die Blicke der beiden Männer für einen Moment trafen. »Oh, du hast Besuch.«

»Das habe ich dir gerade gesagt.«

»Guten Tag, Herr …?«

»Rot«, stellte sich Kühl mit falschem Namen und verkniffenem Lächeln vor.

»Himmel, ich bin der Ehemann und das ist meine Kollegin Schwanenfuß.« Anette drängte sich mit ihrem Busen dicht an Paul vorbei und reichte Kühl die Hand. Ihre Uniform schmiegte sich straff an den Barbiekörper und betonte ihn aufreizend. Trotz der hohen Temperaturen schwitzte sie kein bisschen. Das Make-up saß genauso perfekt wie ihre blonde Mähne. Wäre das hier ein Junggesellenabschied, würde ich sie für die Überraschung halten – eine Stripperin, die sich im nächsten Moment tanzend auszieht.

Mein Gatte zeigte auf Kühls Aktenkoffer. »Und was machen Sie?«

»Oh, ich berate.«

»Aha! Das sind die Schlimmsten«, zischte Paul warnend in meine Richtung und fragte dann Kühl: »Zu welchem Thema beraten Sie denn so?«

»Ich kläre über Möglichkeiten auf, Umstände zu optimieren, wenn der Energiefluss an einem Ort oder in einem Haus auf Dauer gestört ist«, improvisierte Kühl mit einer verschlüsselten Botschaft.

Paul sah Anette missbilligend an, weil sie gleich begeistert quietschte: »Oh! Feng-Shui, das kenne ich. Das ist sooo interessant.«

Ich täuschte ein Lächeln vor, obwohl ich spürte, wie sehr sich mein Mann zusammenreißen musste. Betont scherzhaft sagte er: »Eigentlich müsstet ihr Mädels doch von Schneewittchen gewarnt sein, dass Haustürgeschäfte tödlich enden können.«

Kühl hustete hinter vorgehaltener Hand.

»Kommen Sie immer unangemeldet?«, fragte Paul barsch.

»Ihre Frau hat mich gerufen, ihr bereitet der Platz Unbehagen«, log er und zeigte mit einer Hand nach oben.

Paul runzelte die Stirn. »So?« Er nahm seine Habachtstellung ein. »Darüber hat sie mich gar nicht informiert?« Sein eisiger Blick drang bis in mein Gehirn. Hoffentlich sah er dort, dass ich völlig unschuldig war.

»Ich bin gekommen, um mit Ihnen eine gut ausbalancierte Lösung zu erarbeiten, damit sich in Zukunft positive Auswirkungen auf Ihr Wohlbefinden ergeben.«

Anette jauchzte: »Das Qi muss fließen, Paul! Nur wenn sich Yin und Yang im Einklang befinden, kann man sich die Kräfte der vorhandenen Energien zunutze machen.«

»Unser Yin und Yang befindet sich hier in bester Harmonie … Es gibt keinen Grund, irgendetwas zu verändern«, bügelte Paul seine Kollegin und den falschen Feng-Shui-Berater ab. Anette redete auf ihn ein: »Typisch Mann! Keine Ahnung, was sich positiv auf unser Wohlbefinden auswirkt, aber erst mal dagegen sein. Paul, lass Klara doch mit Herrn Rot einen Weg finden, eure Lebenssituation zu verbessern. Was kann denn falsch daran sein, ein paar Dinge anders zu platzieren?« Dann wandte sie sich an Kühl und fragte: »Wie gehen Sie vor? Untersuchen Sie auch die Merkmale der Umgebung, wie den Verlauf von Wasser und messen Sie dafür die Richtungsaspekte mit dem Luo Pan aus?«

Kühls Lächeln schien in Stein gemeißelt. Paul gönnte dem Oberstaatsanwalt sichtlich, dass er ins Schleudern kam.

Ich sprang ihm bei und fragte Anette: »Luo Pan?«

»Das ist dieser spezielle Kompass, den die Feng-Shui-Gelehrten benutzen. Damit untersuchen sie, aus welcher Richtung das Qi in deinem Haus ankommt und wohin es wieder abfließt«, belehrte sie mich.

Kühl nickte immer noch lächelnd: »Die Kollegin Ihres Mannes kennt sich aus.« Mit einem eindringlichen Blick forderte er Paul allerdings stumm auf, ihm die uniformierte Frau vom Hals zu schaffen.

Doch Paul ließ ihn zappeln. Im Gegenteil, er brachte Kühl noch weiter in Bedrängnis. »Ich will mir ja nicht nachsagen lassen, dass ich mich von vornherein neuem Gedankengut versperre. Also, ich höre. Wie beseitigen wir den Störfaktor?«

»Für die Aufnahme eines Verfahrens ist zur Neubewertung der Situation zuerst die Aussage Ihrer Frau erforderlich«, sagte Kühl verschwörerisch.

Anette mischte sich ein: »Paul, im Feng-Shui braucht es eine gründliche Analyse über den Istzustand der Bedürfnisse der Bewohner eines Hauses. Du kannst doch nicht von Herrn Rot erwarten, dass er ohne eure Mithilfe Lösungen aus dem Ärmel zaubert, damit Klara in ihrer Umgebung das Gefühl von Stärke, Schutz und Geborgenheit empfindet.«

Mein Mann lachte. »Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen sie Ihren Arzt oder Apotheker. Klara! Feng-Shui ist definitiv die falsche Methode, um deine Lebensenergie in Schwung zu bringen.«

Ich guckte Paul feindselig an. Er musste doch merken, wie ängstlich und verzweifelt ich war.

»Lass dich nicht täuschen. Alles Humbug! Der Einzige, dem diese Methode nützt, ist der Herr Feng-Shui-Berater«, zischte Paul verächtlich, wandte sich an Anette und schob sie zur Tür: »Komm Anette, wir müssen! Viel zu tun. Und der liebe Herr Rot hat bestimmt gleich den nächsten Termin …«

»Eine Verbrechenswelle in Mordsacker hat natürlich Priorität«, schnaubte der Staatsanwalt herablassend.

Anette protestierte: »Wir haben doch gar nichts zu tun!«

»Ah! Und der Fall des verschwundenen Huhns aus Oma Birkes Garten? Der muss dringend als Anzeige aufgenommen werden.«

Kühl gab noch nicht ganz auf: »Falls Sie es sich doch anders überlegen, Frau …«

»Das wird sie definitiv nicht! Sie können sich also den Weg hierher sparen«, erwiderte Paul bestimmt und wartete, bis der Oberstaatsanwalt vor ihm die Küche verließ, bevor er mir einen eiskalten Blick zuwarf und flüsterte: »Wir sprechen uns später!«

Anette lief dem falschen Feng-Shui-Berater hinterher, kam aber kurz darauf schon wieder zurück: »Er ist einfach davongefahren. Dabei wollte ich ihn für mich engagieren. Hast du eine Karte von ihm?«, fragte sie mich.

»Nein«, erwiderte ich genervt.

Paul sagte: »Feierabend!«

»Und die Anzeige?«, warf Anette ein.

»War ein Vorwand. Du hast selbst gesagt, wir haben nichts zu tun.«

Anette war sichtlich verwirrt. »Verstehe ich nicht.«

»Nettchen, ich wollte diesen Berater loswerden.«

»Was hat das denn mit dem verschwundenen Huhn von Oma Birke zu tun?«

»Nichts!« Mein Mann lugte in den Kühlschrank, öffnete sich ein kaltes Bier und trank gleich aus der Flasche.

»So ein netter Herr. Schade, von dem hätte ich mir gern die Lebensenergie in Schwung bringen lassen. Und du hast wirklich keine Kontaktdaten von ihm?«, fragte sie mich verzweifelt.

»Natürlich habe ich Kontaktdaten von ihm. Aber die muss ich erst suchen. Guck doch mal, wie es hier aussieht.«

Neugierig blickte sie sich um. »Du kochst Marmelade? Hast du ein besonderes Rezept? Wir können uns austauschen. Paul liebt ja meine Kirschmarmelade mit Marzipan.« Sie himmelte ihn an.

»Macht das mal. Ich kümmere mich jetzt um meine Ziegen.« Er zog die Schuhe aus. Während er bereits sein Uniformhemd aufknöpfte, verschwand er nach oben, um sich umzuziehen. Uns ließ er einfach stehen.

Ich verabschiedete Anette. Sie fragte, ob ich nachher zum Treffen ins Gemeindehaus kommen würde.

»Nein. Ich kann nicht Theaterspielen«, wehrte ich ab.

»Es macht wirklich Spaß«, versuchte sie mich zu überreden, und ich leierte denselben Text noch einmal herunter, den ich Anke schon vorgetragen hatte.

»Du bist aber die Einzige mit roten Haaren, die vom Alter her als Mutter der Bernsteinhexe passt.«

Wie bitte?

So sah mich Fräulein Kurvenwunder also, als alternde Hexe. Innerlich kochend schob ich das blond gelockte Pin-up-Girl zur Haustür hinaus, obwohl ich es am liebsten gemeinsam mit unserem Divenhuhn abgemurkst hätte.

Kapitel 2

Paul trabte in Arbeitsklamotten die Treppe hinunter und blieb stehen. »Du hast dich bei Kühl über unsere Lebenssituation beschwert?« Sein Blick war finster.

»Das stimmt nicht.« Das schlechte Gewissen schlängelte sich heiß an meinem Hals nach oben. Mein Gesicht nahm garantiert die Farbe meines kirschbefleckten T-Shirts an.

»Wie kommt er dann zu der Aussage, dass dir der Platz hier ›Unbehagen‹ bereitet?«, bohrte mein Mann gnadenlos nach.

Oh, er sieht genau, dass ich lüge.

Ich setzte zu meiner Verteidigung an, doch Paul hob die Hand. »Vergiss es! Ich kenne dich und ich kenne Kühl! Du würdest unser Leben aufs Spiel setzen, damit du dein Ziel erreichst!« Schroff schob er mich beiseite, weil er seine Gummistiefel anziehen wollte, die hinter mir vor dem Hauseingang standen.

»Du denkst, ich habe ihn herbestellt?«, fragte ich entrüstet.

»Nein, so weit bist du nicht gegangen. Er ist gekommen, weil er seinen Prozess verloren hat und nun blöd dasteht. Du hast die Gelegenheit genutzt.« Paul stieg in seine Stiefel. »Warum hast du ihn ohne mein Wissen hereingelassen und mich nicht sofort angerufen?«

Ich zischte: »Ich hab ihn nicht reingelassen, die Terrassentür war offen, da stand er plötzlich in der Küche.«

Paul ließ mich stehen und stapfte mit den erdverkrusteten Stiefeln durch Flur und Küche zur Terrassentür hinaus, dass die Erdklumpen nur so herumflogen. In jeder anderen Situation hätte ich lauthals protestiert, mich ihm in den Weg geworfen und ihn zur Haustür zurückgeschickt. Heute formulierte ich mein Anliegen vorsichtiger: »Könntest du vielleicht etwas weniger schwungvoll auftreten?«

Meine Bitte prallte an ihm ab wie ein Ball an der Hauswand. Er kriecht ja auch nicht auf allen vieren herum und wischt die Spuren weg, dachte ich. Orr! Jetzt war ich auch in Rage und das nicht nur wegen des verdreckten Fußbodens. Allmählich färbte das Verhalten der Eingeborenen von Mordsacker auf ihn ab. Anstatt mit mir seinen Ärger zu besprechen, kriegte er einfach das Maul nicht auf.

Ich folgte ihm im Stechschritt bis in den Ziegenstall, einem Nebengebäude mit dicken Lehmmauern und niedrigen Decken, das sich gleich an das Wohnhaus anschloss und laut Architekt eigentlich zu einem Badehaus mit Innenpool und Sauna umgebaut werden sollte. Als viel zu dekadent und teuer hatten wir den Vorschlag abgelehnt.

Eigentlich hätte ich die windschiefe Hütte am liebsten abreißen lassen. Sie störte mein ästhetisches Empfinden, so wie sie an unserem Wohnhaus klebte. Doch Paul wollte Ziegen halten. Das Gebäude bot sich an, war es doch groß genug für den starken Bewegungsdrang der Tiere. Weil Ziegen es hell, trocken und gut belüftet mochten, kalkte er die Wände weiß, legte den Boden mit Stroh aus und kaufte Futterkrippen. Er baute Sichtschutzwände, Brettergerüste und Liegenischen, die Konflikte zwischen den Ziegen verhindern sollten.

Und schon bald merkte ich: Wer Ziegen hielt, brauchte Humor!

Sie fraßen einfach alles, was aus Holz war oder zumindest so erschien, und sich nicht wehren konnte. Gartenmöbel? Auch davor machten sie nicht Halt. Jeden Tag zeigten uns die liebenswerten Tiere außerdem, wo unser Zaun oder der Stall Schwachstellen hatte.

Was als Hobby mit einem Bock und fünf Geißen begonnen hatte, war nun zu einem Kleinbetrieb angewachsen, denn alle fünf waren hochträchtig. Fehlte nur noch der Wolf, dann konnten wir Grimms Märchen mit Doppel- und Dreifachbesetzung spielen.

Mit heraushängenden Zungen und einem »Mhhhäää« beklagten sich fünf kugelrunde Geißen auf dünnen Stöckchenbeinen über fehlendes Wasser im Trog. Paul gab die Beschwerde mit einem strafenden Blick an mich weiter. Zeigte er mir gegenüber die Empathie eines Holzscheits, so fühlte er bei seinen Viechern schon mit, wenn bei ihnen nur ein Barthaar schief hing.

»Du kannst nicht erwarten, dass ich deinen Hobbybauernhof im Alleingang schmeiße!«, motzte ich ihn an.

Stumm und verbissen befüllte er die Tröge mit dem Wasserschlauch, wobei er mich völlig ignorierte. Was mich nur noch wütender machte.

Breitbeinig verschränkte ich die Arme vor der Brust. »Fakt ist, Perez ist frei. Ich bin ein Sicherheitsrisiko für ihn. Er wird uns, mich, so lange suchen …«

Paul unterbrach mich: »Hör auf! Ich will nicht darüber reden!«

»Aber ich will mit dir darüber reden!«

Paul drehte den Wasserhahn aus und legte den Schlauch beiseite.

»Wenn ich diese Aussage vor Gericht mache und er eingesperrt wird, kann er mich nicht mehr verfolgen.«

Paul lachte bitter auf. »Weißt du eigentlich, wer da hinter uns her ist, seitdem du so dämlich warst, mir eine Affäre zu unterstellen und nachzuspionieren?«

Ich schluckte. So hart und deutlich hatte er es noch nie in Worte gefasst. »Ja, ich habe mit eigenen Augen gesehen, wozu Perez fähig ist«, sagte ich kleinlaut.

»Dann erübrigt sich ja die Diskussion.« Paul tastete die schwangeren Bäuche der Ziegen ab und verzog das Gesicht schmerzerfüllt, als würde er selber in den Wehen liegen.

»Es geht los!«

»Nein«, entgegnete ich.

»Doch, Frau Schmidt krampft. Hier ist lauter Fruchtwasser.« Er zeigte auf blutiges Stroh in einer Nische. Die braun gescheckte Ziege mit Namen Schmidt jammerte und legte sich hin. »Was meinst du, schafft sie das allein?«

»Das hat die Natur eigentlich bei allen Lebewesen so vorgesehen«, antwortete ich barsch und wagte einen erneuten Vorstoß, weil er sein Schutzschild abgeworfen hatte. »Kühl meinte, Perez kennt die Tricks, mit denen ihr Kronzeugen aus der Schusslinie bringt.«

»Nur zwei Leute wissen von unserem Identitätswechsel und wo wir sind: Mein Kollege Max und Kühl. Max vertraue ich zu einhundert Prozent. Wenn die Pappnasen von der Staatsanwaltschaft keine Verbindung zu uns aufgenommen hätten, hätte Perez keine Chance gehabt, uns zu finden. Aber jetzt, wo Kühl hier aufgekreuzt ist …«

»Das macht mir Angst.« Ich berührte ihn am Ärmel. Eine vertraute Geste, mit der ich wieder Nähe schaffen wollte.

Paul schüttelte meine Hand jedoch ab. »Das ist aber neu. Erinnerst du dich? Noch vor einer Woche, als wir schon wussten, dass Perez frei ist, haben wir über den Agenturvertrag und die mögliche Veröffentlichung deines Krimis unter Pseudonym gestritten. Da hatte ich nicht den Eindruck, dass du Angst hast. Kühl hat dich eingelullt. Was hat er dir versprochen, wenn du aussagst?«

Betreten sah ich zu Boden. »Dass wir nach Berlin zurückkehren können.«

»Darum geht es dir.« Er lachte schrill auf. »Es ist ja auch so schrecklich hier auf dem Land. Nicht auszuhalten mit mir und diesen primitiven Menschen, die dir alle nicht das Wasser reichen können.« Er stemmte die Hände in die Hüften.

Ich imitierte seine Pose. »Ah, ich bin also arrogant!«

»Lieber bringst du dich und uns ein zweites Mal in Lebensgefahr, als den Versuch zu unternehmen, dich zu integrieren.«

»Die Leute hier mögen mich nun mal nicht.«

Er zeigte mit dem Finger auf mich. »Andersherum. Du magst die Leute nicht, weil du dich für etwas Besseres hältst und das spüren sie.«

»Pah!«, schnaubte ich.

»Ha! Da bist du sprachlos.« Paul ging in die Hocke und strich Frau Schmidt über die Hörner.

Ich protestierte. »Ich hole nur Anlauf!«

»Du bist ein elender Sturkopf. Wenn du wirklich auf die Menschen hier zugehen willst, warum schlägst du dann ihr Angebot aus, beim Theaterspektakel mitzumachen?«

»Wer hat das denn gesagt?«, fragte ich.

»Anette.«

Die schon wieder! Na, das war ja klar!

Mein Gatte versuchte mich zu überreden. »Dort könntest du dich endlich mit deinen Fähigkeiten einbringen. Dein Beruf fehlt dir doch so.«

»Es ist ein Laienspiel!«, empörte ich mich.

»Du tust ja gerade so, als hättest du mit deinem Talent den Grimme-Preis gewonnen und dich in Berlin vor Angeboten kaum retten können.«

»Und du bist ein Egoist, ein kleiner Möchtegernbauer, der im Stall seine idyllische Kindheit wiederfinden will …« Ich stampfte auf. Der Bock im Gatter interpretierte meine Haltung anscheinend als Kampfansage. Er scharrte mit den Hufen und rammte seinen Kopf gegen die Bretterwand, vor der ich stand.

»Ja, das möchte ich wirklich. Und ich will nicht in die Großstadt zurück. Dein geliebtes Berlin ist ein brutales Pflaster, ein Nest für gescheiterte Existenzen, ein Sumpf, in dem früher oder später jeder untergeht. Und ich habe das Herumwühlen in diesem Dreck so satt.«

Es war zwecklos, mit ihm zu diskutieren.

Eine weitere Ziege legte sich jammernd ins Stroh. Paul betrachtete das Elend und wurde nervös wie ein werdender Vater: »Klara, was mache ich denn jetzt?«

»Keine Ahnung«, sagte ich gleichgültig und marschierte zum Stallausgang.

»Wo willst du denn hin?«

»Ich denke, ich soll mich integrieren?«, erwiderte ich herausfordernd und verabschiedete mich. Dann würde ich halt zum Treffen der Landfrauen gehen, die das Sommerspektakel in Mordsacker inszenieren wollten.

Sollte er doch zusehen, wie er mit seinen Ziegen allein zurechtkam!

Mein eigener Mann denkt, dass ich mich für etwas Besseres halte? Pah!

Ungewollt schossen mir die Tränen in die Augen. Meine emotionale Stabilität glich der einer Pusteblume. Als Schauspielerin eigentlich die beste Voraussetzung für eine steile Karriere.

Am Ende der Fahrt mit dem Gedankenkarussell fand ich mich vor meinem Kleiderschrank wieder und öffnete seine Holztüren, die immer etwas klemmten. Aber so war das eben bei Möbeln mit Geschichte. Wenn ich in meinem Alter meine Gelenke nicht mit Sport ölte, knirschten sie auch wie eingerostet.

Ich zog das befleckte T-Shirt aus und wischte mir damit die Schniefnase ab. Voller Kleiderschrank und doch nichts anzuziehen! In Berlin hätte ich bei der Auswahl meines Looks sorgsam darauf geachtet, was gerade angesagt ist. Schaulaufen auf dem Ku’damm, als wäre man gerade dem neuesten Modemagazin entsprungen.

Ich atmete tief durch. Und durchsuchte den Hosenstapel, zog eine weiße Jeans heraus und legte sie aufs Bett. Dann zerrte ich eine orangerote Bluse vom Kleiderbügel und hielt sie mir vor die Brust. Zu grell und viel zu overdressed, befand ich und schmiss die Klamotte auf den Sessel neben dem Fenster, an dem Hinrichs Tauben gerade ihre Bürzel abschmierten. Forsch klopfte ich gegen die Scheibe, um sie zu verscheuchen.

Wie sagte schon Albert Einstein: »Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.« Vielleicht musste ich einfach Geduld aufbringen, Paul vertrauen und mich auf meine Umgebung einlassen? Wenigstens vorübergehend.

»Hah!« Im Grunde war es hier doch auch ganz schön, versuchte ich mir selbst einzureden. Anstatt der Bürgersteige und Plätze, kackten die Tauben in Mordsacker bloß die Fenster zu. Der Gedanke heiterte mich auf.

Ich griff nach einem schwarzen Shirt und einer ebensolchen Leinenhose im Haremsstil, kombinierte es mit üppiger Glasperlenkette und Espadrilles in meiner Lieblingsfarbe grün sowie einem grün-türkisen Webschal. Den schlang ich mir wie einen Turban um den Kopf, denn meine roten Locken klebten an diesem Bad Hair Day wie verkochte Spaghetti am Kopf. Die musste ich unbedingt verstecken. Zufrieden betrachtete ich mich im Spiegel. So war der Schlabberlook dem Anlass angemessen.

Okay, ich gucke mir diesen Laientheaterverein an. Niemand soll behaupten, ich gehe nicht auf die Leute zu oder bin arrogant.

»Auch wenn es noch so banal und amateurhaft ist, was die Landfrauen da produzieren wollen. Du hältst dich mit deinem Urteil zurück und erteilst keine wohlmeinenden Ratschläge!«, murmelte ich meinem Spiegelbild mahnend zu.

Kurz nach drei! Auch wenn ich mich noch so beeilte, würde ich zu spät kommen. Trotzdem schnappte ich mir das Fahrrad und trat in die Pedale. Ich raste die Dorfstraße entlang, als gälte es die Tour de France zu gewinnen.

Worüber war ich eigentlich wütender? Dass Paul mir die Aussage vor Gericht verbot oder dass er mich als überheblich abstempelte? Während ich nach der Antwort suchte, holten mich die quietschenden Bremsen eines mattschwarzen Mercedes CLS abrupt in die Wirklichkeit zurück. Er schoss aus der Seitenstraße heraus, die zur Kirche und zum Friedhof führt und die ich gerade überquerte. Ich sprang vom Rad, ließ es los und fing mich an der Kühlerhaube des Wagens ab. Die Sonne blendete mich.

Der Fahrer fluchte so laut: »Kruzifix!«, dass ich es durch die geschlossenen Autofenster hörte. Er ließ die Seitenscheibe herunter und brüllte mich an: »Ist der Teufel hinter Ihnen her? Oder sind Sie einfach nur lebensmüde?«

Erschrocken fasste ich mir an die Brust.

Das war knapp!

Dann wurde ich sauer und meckerte zurück: »Ja, Herrgott! Das ist eine Dorfstraße, nicht der Nürburgring.«

Die letzten hundert Meter zum Gemeindesaal schob ich das Fahrrad neben mir her. Der Schock saß mir noch in den Knochen. Außerdem eierte das Vorderrad.

Ich stellte den Drahtesel an der Hauswand der Dienststelle des Polizeipostens ab, die sich im gleichen roten Backsteingebäude direkt neben der Durchfahrt zum Innenhof befand. Dort parkte der Streifenwagen. Das Rad anzuschließen sparte ich mir, obwohl Paul mich immer ermahnte, nicht so leichtsinnig zu sein.

Das war auch ein Vorteil gegenüber Berlin! Dort wusste man nie, ob selbst der mit einem Bügelschloss gesicherte Drahtesel nach zehn Minuten noch stand, wo man ihn abgestellt hatte. Hier besaßen die Menschen ein Urvertrauen, dass sie sogar ihre Haustüren offen stehen ließen. Pluspunkt für Mordsacker!

Gute Idee, so eine Pro-und-Kontra-Liste könnte mir helfen, mich mit der Situation abzufinden.

Ich lauschte. Im Gemeindesaal ging es anscheinend schon heiß her, denn die Stimmen überschlugen sich. Vorsichtig öffnete ich die Tür, wollte ich mich doch unauffällig in die letzte Reihe schleichen und erst einmal hören, was die Landfrauen ausgeheckt hatten.

Es gab keine letzte Reihe. Zwölf Frauen, darunter zwei, die den Altersdurchschnitt auf unter vierzig drückten, saßen im Stuhlkreis. Anscheinend war ich nicht die Einzige, die zu spät kam, denn vom Landfrauenclub fehlten auch noch Anette und Moni. Die beiden Jungschen kannte ich nur vom Sehen. Die Hübsche war neu im Dorf. Ihre großen braunen Kuhaugen blickten unschuldig und sie hatte eine bezaubernde kleine Stupsnase. Die vollen roten Lippen bildeten einen interessanten Kontrast zur porzellanweißen Haut mit zartrosa Wangen und rotbraunen Haaren. Ich hatte sie mehrmals aus Karens Pension »Zum Henker« herauskommen sehen und vermutet, Karen hatte das Mädchen angestellt. Vielleicht machte sie aber auch ein Schülerpraktikum im Hotelwesen, denn ich schätzte ihr Alter höchstens auf achtzehn Jahre.

Gegenüber dieser grazilen Gestalt, edel wie ein Hannoveraner, wirkte die Andere mit den derben Knochen, dem teigigen Mondgesicht und den kurzen schwarzen Haaren wie ein Haflinger. Genauso trampelig wütete sie lautstark vor sich hin, während ich mich leise auf einen der freien Stühle setzte.

»Was hat die hier zu suchen? Die gehört nicht zum Dorf. Seit wann spielen Fremde in unserem Spektakel mit?«, ereiferte sich der Ackergaul mit ganzem Körpereinsatz.

Ich war irritiert. Meinte die mich?

Bärbel Fries sagte: »Es gibt keine Satzung, die das verbietet.« Ich guckte fragend in die Runde.

»Dann wird es Zeit, so eine Regel festzulegen.«

»Du hast doch nur Angst, dass Alina dir auch noch die Hauptrolle wegschnappt«, warf Steffi Wels, die Fischbudenbesitzerin, ein. Mit den harten Zügen um den Mund herum, sah sie stets aus, als würde sie gegen den Wind ankämpfen. Sie sprach emotionslos, ohne eine mimische Regung. Allein, dass sie die Arme in Zeitlupe auf dem etwas vorquellenden Bauch ablegte, zeigte, dass der Ärger über den Streit der beiden in ihr kochte.

Die Grobschlächtige fühlte sich ertappt und lächelte verkniffen. Sie zeigte mit dem Finger auf die Hübsche und verkündete: »Glaubst du, diese Hexe hängt grundlos ständig mit Cynthia zusammen?«

Wer war denn nun Cynthia? Diese Frage flüsterte ich unserer Postbotin Anke, die neben mir saß, ins Ohr. »Unsere Regisseurin und Textbuchautorin. Kommt gleich. Moni holt sie gerade ab. Schön, dass du es dir anders überlegt hast.« Anke zwinkerte mir grinsend zu.

»Dass du diese Person verteidigst?« Die Dralle schüttelte den Kopf, sprang auf und watschelte drohend auf die Hübsche zu, die dem feindseligen Blick der Angreiferin standhielt. Einziger Makel ihrer vollkommenen Schönheit war eine winzige Lücke zwischen den Schneidezähnen. Das zeugte von einem eingewachsenen Lippenbändchen, das unbehandelt geblieben war. Steffi warf sich mit einer ruckartigen Armbewegung zwischen die Kampfhennen. »Wiebke! Reiß dich zusammen!«

»Wenn es nun einmal Cynthias Wunsch ist, dass ich die Bernsteinhexe spiele? Was willst du dagegen tun, Wiebke Möllenhoff?«, fragte die Hübsche mit verschlagenem Lächeln von oben herab und fuhr sich beinahe gleichgültig mit den Fingern durchs Haar. Ein Rubin im Silberring an ihrer Hand reflektierte das Licht.

Wiebke platzte nun völlig der Kragen. »Sag ich doch, die beiden haben das längst abgemacht.« Sie pfefferte ihren Stuhl in die Ecke. »Wenn du denkst, dass ich mir das gefallen lasse, hast du dich geirrt!«

Der Kampf zwischen den beiden Frauen schien eröffnet.

Ich guckte Anke neben mir fragend an. Interessierte mich doch der Grund der Feindseligkeit brennend. Sie flüsterte: »Seit Alina aufgetaucht ist, verschmäht Thorben seine Zukünftige. Das ärgert Wiebke hauptsächlich.«

Was verständlich war. Theatralisch marschierte die Verlassene aus dem Raum. An schauspielerischem Talent mangelte es ihr nicht, denn ihr Auftritt glich einem gut inszenierten Bühnenabgang. Dass sie dabei Moni in die Arme lief und sie schwungvoll zur Seite schubste, machte den Schmerz über den erlittenen Verlust noch authentischer. Besser hätte ich es nicht spielen können.

»Ey!«, beschwerte sich Moni, bevor sie ratlos rief: »De Cyndhia machd de Düre nich auff. Ich hab beschdimmd zwanz’ sch Mal geglingeld. Endweder hadse de Hörgeräde nich im Ohr oder s’is was bassierd, denn dr Fernseher läufd.«

Die Friseurmeisterin wedelte aufgeregt mit ihren rot lackierten Krallen, die einen Kontrast zum schwarzen Haar bildeten, das wie Lackleder glänzte. Sie hatte etwas Südländisches an sich – kein Wunder, sie stammte ja auch aus Sachsen.

Alle guckten sich an. Ein Raunen ging durch die Runde: »Nich to glöven! Eigentlich ungewöhnlich … immer so akkuraat …«

Die sitzende Damenwelt von Mordsacker erhob die Hintern fast synchron und drängelte sich aufgeregt zum Ausgang. Da ich im Moment nichts anderes vorhatte und absolut keine Lust verspürte, dem schlecht gelaunten Paul bei der Geburt seiner Ziegen beizustehen, ließ ich mich von den Mädels anstecken und marschierte mit ihnen im Pulk zum Haus der Vermissten.

Unterwegs hetzte uns Anette entgegen. »Entschuldigt, ich hab beim Umräumen des Schlafzimmers die Zeit vergessen.« Sie kicherte verlegen: »Hihi!« Als niemand darauf reagierte, ereiferte sie sich: »Mein Bett stand völlig falsch und hat den Durchfluss des Qi blockiert. Kein Wunder, dass ich so schlecht schlafe.«

Armes Nettchen. Ich verdrehte die Augen.

Als die Mädels trotzdem weiterliefen, wunderte sie sich: »Wo wollt ihr denn hin?« Ah! Sie dachte anscheinend, wir waren geschlossen losmarschiert, um Fräulein Staatsmacht abzuholen.

»Nach Cynthia sehen. Da stimmt was nicht. Der Fernseher läuft, aber sie öffnet nicht.«

»Vielleicht hat sie ja nur die Hörgeräte rausgenommen«, mutmaßte Anette.

Autor

Cathrin Moeller

In der Grundschule ließ Cathrin Moeller noch andere für sich schreiben: Ihre Mutter verfasste die verhassten Deutsch-Aufsätze. Erst später, in ihrem Beruf als Theaterpädagogin, entdeckte sie den Spaß am Schreiben. Seitdem schleicht sie sich täglich morgens um fünf Uhr ins Wohnzimmer und kuschelt sich mit dem Hund Giovanni aufs Sofa,...

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