Historical Exklusiv Band 65

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

GERETTET VON DEINER LIEBE von KELLY, CARLA
Jubel begrüßt James Trevenen, den nach einem Schiffbruch alle für tot hielten, bei seiner Heimkehr nach London. Alle Damen der feinen Gesellschaft wollen den mutigen Forscher kennenlernen - doch nur eine kommt ihm näher: die schöne junge Witwe Susannah. Aber wenn sie mit ihm zusammen ist, spürt sie nicht nur prickelnde Sehnsucht nach diesem faszinierenden Mann, sondern auch, dass ihn ein dunkles Geheimnis bedrückt …

ZÄRTLICHER EROBERER von SCOTT, BRONWYN
Sieben Jahre lang musste der attraktive Diplomat Valerian Inglemoore, Viscount St. Just, ein Doppelleben auf dem Kontinent führen. Jetzt ist er endlich wieder in Cornwall und will nur noch eins: Philippa heiraten , die Frau, die er einst aufgegeben musste, obwohl er sie liebte. Doch er hat einen Rivalen um ihre Gunst: Ihren Verlobten - der sie zwar nicht begehrt, aber für Philippas Vermögen alles riskieren würde!


  • Erscheinungstag 13.06.2017
  • Bandnummer 65
  • ISBN / Artikelnummer 9783733768249
  • Seitenanzahl 512
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Carla Kelly, Bronwyn Scott

HISTORICAL EXKLUSIV BAND 65

PROLOG

Gottbewahre! Jedes Mal, wenn ich einen Brief von Sir Joseph erhalte, stockt mir das Blut in den Adern“, verkündete Lord Watchmere beim Frühstück.

Er warf einen Blick zu seiner Frau, den beiden Töchtern und seinem Enkelsohn, ehe er wieder auf das Schreiben starrte. „Es bedeutet nichts Gutes, wenn er mit den Worten beginnt: ‚Mein lieber Watchmere, ich vergaß, Dir mitzuteilen …‘“

„Er muss doch wissen, wie beschäftigt wir sind“, bemerkte Lady Watchmere tadelnd.

Beschäftigt womit? fragte Susannah Park sich. Verglichen mit dem Großteil der Bevölkerung leben wir doch nur in den Tag hinein. Sie beobachtete ihren kleinen Sohn, der sich nicht für das Gespräch interessierte. Eigentlich müsste sie ihm dringend die Haare schneiden, wartete aber stets so lange wie möglich damit, weil seine Locken sie an ihren Ehemann David erinnerten, der nur noch als Miniaturporträt im ovalen Goldrahmen auf ihrem Nachttisch existierte.

Ihre Mutter ergriff wieder das Wort. „Sir Joseph ist zwar dein Verwandter und Susannahs Pate, dennoch ist er eine Last.“

„Und davon haben wir weiß Gott genügend in der Familie“, bemerkte Loisa spitz.

Der kleine Noah schaute zu Susannah auf und rückte näher zu ihr. Sie strich ihm über die Locken und war sich deutlich bewusst, dass Loisa ihr böse Blicke zuwarf. Wie lange willst du mich noch mit Verachtung strafen, Loie? dachte sie. Habe ich dir tatsächlich alle Chancen im Leben verdorben, nur weil ich mit David durchgebrannt bin?

Lord Watchmere klärte die Familie über den weiteren Inhalt des Schreibens auf. Der Mann, der in diesem Jahr von der Royal Society mit der Copley-Medaille ausgezeichnet werden sollte, wurde noch diese Woche in London erwartet, und Sir Joseph Banks, Vorsitzender dieser erlauchten Gesellschaft, bat Lord Watchmere um einen Gefallen. „Hör zu Agatha, hier schreibt er: ‚Ein englischer Marineoffizier, der nach einem Schiffbruch fünf Jahre auf einer einsamen Insel gehaust hat und von Missionaren gerettet wurde, kehrte acht Monate nach seiner Rettung in seine Heimat zurück.‘“

Watchmere stocherte mit der Gabel auf den Brief ein. „Hier kommt es, Agatha: ‚Seine Rettung ist ein Segen und seine wissenschaftliche Abhandlung ein großer Triumph für die Royal Society. Leider macht mir meine Gicht sehr zu schaffen, und ich wäre ein schlechter Gastgeber.‘“

Er las weiter und erklärte dann: „Wir sollen diesen komischen Vogel bis zum Festakt bei uns aufnehmen. Danach steigt er in die Postkutsche und kehrt nach Cornwall zurück. Gütiger Himmel, Cornwall.“ Er dachte mit Grausen an die rauen Küsten dort, während er sich an Susannah wandte. „Und nun komme ich zum Postskriptum, meine Liebe. Sir Joseph wünscht, dass du dich dieses Mannes annimmst.“

„Ich?“

„Clarence! Das schickt sich nicht!“, entrüstete sich seine Frau. „Susannah wird … nirgendwo empfangen.“

„Und ich verdanke ihr meinen gesellschaftlichen Ruin“, bemerkte Loisa bissig. „Soll sie tatsächlich mit einem Bauerntölpel aus Cornwall durch die Stadt flanieren?“

„Dann nimmst du dich eben seiner an, Loisa“, legte Lord Watchmere ihr nahe. „Nach den ausgestandenen Strapazen ist er gewiss ein siecher Mann, der keine Ansprüche stellt, abgesehen von einem gelegentlichen Ausflug in den Hyde Park und einem Glas Milch vor dem Schlafengehen.“

„Ich denke nicht daran!“, rief Loisa empört.

Lord Watchmere wandte sich an Susannah. „Also trifft dich das Los, mein Kind. Du neigst nur noch selten zu Unbesonnenheiten.“ Er hüstelte in seine Serviette. „Jedenfalls seit deinem traurigen Fehltritt.“

„Clarence, Susannah ist fünfundzwanzig“, erinnerte ihn Lady Watchmere.

„Und sie hat mehr Verstand als die meisten Frauen, die doppelt so alt sind wie sie“, beendete ihr Mann die Debatte. „Du kannst Spaziergänge mit ihm unternehmen, Susannah, sofern das Wetter es gestattet. Im Übrigen weißt du, wie sehr ich es hasse, mich mit Fremden abzugeben. So etwas ist ermüdend und zu anstrengend für mich.“

Aber trotzdem versuchte Susannah es erneut. „Aber Papa, dieser Mr. …“

Lord Watchmere warf einen Blick auf das Schreiben. „James Trevenen.“

„Ist dieser Mr. Trevenen ein älterer Herr?“

Er zuckte mit den Achseln. „Die Marineoffiziere Seiner bedauernswerten Majestät sind in der Regel junge Männer, aber wer kann das schon wissen. Mr. Trevenens Abhandlung über Krabben lässt eigentlich auf einen älteren Verfasser schließen.“ Er hob die Hände. „Als Mitglied der Royal Society habe ich das Ding natürlich gelesen. Es ist die reife Arbeit eines Genies.“

Seine Frau und Loisa lachten spöttisch, während Susannah und Noah die Flucht ergriffen. Im Flur setzte Susannah hastig ihre Haube auf, legte das Cape um und nahm Noahs Leinenjacke über den Arm. Wie immer verließen sie das Haus durch einen Seiteneingang, um nicht durch die Halle gehen zu müssen, in der die Tukane ihres Vaters das Regiment führten. Die Vögel machten Noah Angst, und alle Bewohner verabscheuten sie.

Es war ein erstaunlich milder Tag für Ende September. Noah hüpfte voraus und wartete am Zaunübertritt, der das Anwesen von Clarence Alderson, Viscount Watchmere, von Kew Gardens trennte – den königlichen botanischen Garten, um den König George III. sich seit seinem geistigen Verfall nicht mehr recht kümmerte.

Susannah begab sich zuerst ins Rosenhaus, das die Gärtner bereits für sie geöffnet hatten. Heute wollte sie die Stöcke beschneiden und die Beete für den Winter vorbereiten. Während sie die Stängel abschnitt, sammelte Noah die welken Blüten in einen Jutesack. Später sollten sie mit dem Laub, das die Gärtner zusammenharkten, verbrannt werden.

Eigentlich war der Rauch dieser Feuer nicht unangenehm, aber sieben Jahre hatten nicht genügt, um Susannah die schwarzen Rauchsäulen vergessen zu lassen, die damals über Bombay hingen, als die Cholera gewütet und unzählige Menschenleben gefordert hatte.

Ihr Mann David, eines der ersten Opfer, war eines Morgens mit leichten Kopfschmerzen erwacht, und am Abend desselben Tages war er tot. Noch vor Sonnenuntergang hatte man seinen in weiße Tücher gehüllten Leichnam zu den anderen Toten im Innenhof der Gebäude der East India Company gelegt und verbrannt.

Kaum verwunderlich, dass Susannah den Herbstfeuern in Kew Gardens nichts abgewinnen konnte.

Nachdem sie mit den Rosen fertig waren, nahm sie Noah bei der Hand und spazierte mit ihm nach Spring Grove.

„Malst du heute nicht, Mama?“, fragte er.

„Nein. Ich will mit Sir Joe sprechen.“ Sie lächelte. „Und du freust dich gewiss auf Lady Dorotheas Schokoladenmakronen.“

Noah hüpfte voraus, und Susannah blickte ihm lächelnd hinterher. Nur ungern vernachlässigte sie ihre Malerei, da die Royal Society ihr für jedes Blatt einen Schilling bezahlte. Sie hatte den Auftrag, naturgetreue Abbildungen der Pflanzen zu malen, die von Naturforschern auf Expeditionsschiffen nach England gebracht wurden. Sir Joseph hatte die Mitglieder der Royal Society davon überzeugen können, dass Susannah die Arbeiten fortsetzte, die andere Künstler begonnen hatten – allen voran Sydney Parkinson, der berühmte Illustrator, der Sir Joseph in jungen Jahren auf seine erste Forschungsreise in den Südpazifik mit Captain James Cook begleitet hatte. Nachdem sie jede Blüte und jedes Blatt mit Wasserfarben gemalt hatte, brachte ein Sekretär Sir Josephs eine kurze Beschreibung der jeweiligen Pflanze auf der Rückseite der Aquarelle an, um sie für die Wissenschaft zu katalogisieren.

In Spring Grove erfuhr sie, dass Sir Joseph bezüglich seines Gesundheitszustands nicht übertrieben hatte. Lady Dorothea versprach Noah im Flüsterton Schokoladenmakronen im Salon und winkte Susannah den Korridor entlang.

„Ist es schlimm?“, fragte Susannah besorgt.

Lady Dorothea nickte. „Er hat große Schmerzen.“ Ihre Augen wurden feucht. „Trotzdem freut er sich, dich zu sehen.“

Der alte Mann vermochte allerdings kaum den Kopf zu drehen, um sein Patenkind zu begrüßen. Sein Butler Barmley drehte den Rollstuhl seitlich, sodass sein Herr die Besucherin sehen konnte.

Sie schenkte dem Butler ein dankbares Lächeln. Errötend zog er sich zurück und murmelte etwas von Tee.

„Du solltest deinen Charme nicht an meinen Diener verschwenden“, stellte Sir Joseph fest, die Hände im Schoß gefaltet. „Es wäre besser, dein Interesse einem geeigneten Kandidaten zuzuwenden.“

„Ich habe Barmley doch kaum angesehen!“, widersprach sie, gleichfalls errötend.

„Ich wollte dich nur necken“, schmunzelte er und wiegte bedächtig den Kopf. „Ich fürchte, Clarence kommt gar nicht auf die Idee, junge Herren nach Alderson House einzuladen.“

„Wenn ihnen ein … bunter Papagei auf den Schultern säße, hätte er wohl nichts dagegen.“

Sir Josephs Lachen glich einem heiseren Röcheln. „Das Leben mit einem fanatischen Vogelliebhaber muss eine rechte Plage sein.“

Der Butler brachte Tee, verneigte sich und zog sich nach einem prüfenden Blick zu seinem Herrn wieder zurück. Susannah schenkte ein und hielt ihrem Patenonkel die Tasse an den Mund. Dankbar schaute er sie an, bevor er trank.

Dann nippte auch Susannah an ihrem Tee. „Allem Anschein nach gehe ich demnächst öfter aus“, begann sie. „Papa hat mich zur Begleiterin des alten, gebrechlichen James Trevenen bestimmt, der uns demnächst besucht.“

„Alt und gebrechlich?“, wiederholte ihr Patenonkel erstaunt. „Wie kommt mein Cousin zu dieser Schlussfolgerung?“

„Papa geht davon aus, dass jemand, der fünf Jahre auf einer einsamen Insel verbannt war, ein siecher Mann sein muss. Und er behauptet, ein Grünschnabel könnte keine so fundierte Abhandlung verfasst haben.“

„Ja, es ist eine glänzende Arbeit“, bestätigte Sir Joseph. „Vielleicht willst du sie lesen. Nur zu, meine Liebe! Sie liegt auf meinem Schreibtisch.“

Susannah sprang auf und nahm das Manuskript zur Hand. „‚Die Gloriosa Jubilate: Schalentiere, beobachtet in einer stillen Bucht auf einer einsamen Insel irgendwo im Tuamotu-Archipel‘“, las sie laut. Beim Anblick der Zeichnung einer Krabbe auf dem Deckblatt musste sie lächeln. Offensichtlich lagen Mr. Trevenens Talente mehr in der Kunst des Schreibens als in der Malkunst.

Die Widmung rührte sie: Für meine geliebte Mutter, die mir stets nah war, auch über weite Fernen hinweg. Atemlos las sie die einleitenden Worte:

Glücklicher Vorsehung ist es zu verdanken, keineswegs meinen eigenen Anstrengungen, da ich mehr tot als lebendig war, als mein kleines Boot einen Durchlass im Korallenriff fand und mich an die sandigen Gestade meines Exils spülte. Ich war der einzige Überlebende.

„Sir Joe“, hauchte sie. „Darf ich …?“

„Nur zu. Noah wird sich den Bauch mit Makronen vollschlagen, und ich ruhe meine Augen aus.“

Sie streifte die Schuhe ab, machte es sich auf dem Sofa bequem und las.

Das Tuamotu-Archipel besteht aus Korallenriffen, die in keiner Seekarte verzeichnet sind. Die Orion, die Taifune und Angriffe der Maori in Neuseeland unversehrt überstanden hatte, wurde von einem Korallenriff der Länge nach aufgeschlitzt und sank in weniger als zehn Minuten. Captain Sir Hugo Marsh warf mir das Logbuch zu, als ich ins Beiboot sprang.

Als Susannah Spring Grove am späten Nachmittag verließ, nahm sie das Manuskript mit. Nach dem Dinner saß sie noch eine Weile mit ihrer Mutter und Loisa im Salon, bevor sie Noah zu Bett brachte.

Anschließend inspizierte sie das Gästezimmer, das ihrem Schlafgemach gegenüberlag. Die Stubenmädchen hatten die weißen Hussen von den Möbeln genommen und das Bett frisch bezogen, nur die gewaschenen Bettbehänge waren noch nicht angebracht. Bald wäre alles für Mr. Trevenens Besuch bereit.

Sie ging zu Bett und las weiter.

Ich entdeckte, dass die Gloriosa Jubilate ein geselliges Wesen ist, das sich gern in Gesellschaft artverwandter Krustentiere aufhält. Wer konnte wissen, wie lange ich hier auf dieser gottverlassenen Insel bleiben würde? Ich hatte keinen Gefährten, also beschloss ich, mich mit diesen kleinen Genossen näher anzufreunden.

Susannah ließ das Manuskript sinken und dachte über ihr eintöniges Leben in Alderson House nach. „Wahrhaftig ein Exil! Ich könnte von einer tropischen Insel träumen“, murmelte sie halblaut. „Die warmen Gewässer des Südpazifik, exotische Früchte, Fische in der Lagune.“

Sie löschte die Kerze und legte das Manuskript auf den Nachttisch. „Ob Sie nun jung oder alt sind, Mr. Trevenen, Sie müssen mir von Ihrem Leben im Paradies erzählen“, sagte sie leise.

Im fahlen Schein des Vollmondes schienen die winzigen Kugelaugen der Gloriosa Jubilate zu leuchten.

1. KAPITEL

Mochte die Orion auch schon vor sechs Jahren gesunken sein, so sträubten sich James Trevenens Nackenhaare dennoch, als die Wirtsfrau das Tuch aufschlug, um für ihn den Tisch in der Schankstube zu decken. Denn das Geräusch erinnerte ihn erschreckend an das dumpfe Donnern, während das Riff den Schiffsrumpf aufgeschlitzt hatte.

Verstohlen flog sein Blick durch den Raum. Hoffentlich hatte niemand bemerkt, wie er den Atem laut eingezogen hatte. Wie lange würde es noch dauern, bis er nicht mehr bei jedem nichtigen Geräusch zusammenfuhr? Die Gaststube war gut besucht, doch niemand achtete auf den Fremden.

Der erzwungene Aufenthalt hier störte ihn nicht. Er hatte weiß Gott gelernt, geduldig zu sein. Laut Auskunft des Kutschers waren vor Kurzem schwere Regenfälle in der Gegend niedergegangen. Durch das Hochwasser war die Brücke zwischen Lovell und dem nächsten Dorf unpassierbar geworden, und die Fahrgäste waren genötigt, in der Poststation zu übernachten.

Ihm war es einerlei. Wie unbequem die bevorstehende Nacht auch werden mochte, nichts konnte annähernd so schlimm sein, wie fünf Jahre allein und hungrig auf einer tropischen Insel ausgesetzt zu sein.

Die Gouvernante mit den zwei Kindern, die während der langen Fahrt in der Postkutsche ihm gegenübergesessen hatte, tat ihm leid. Sie hatte ziemlich verzagt geklungen, als sie mit dem Wirt um den Zimmerpreis feilschte. Durch die unplanmäßige Übernachtung war die Frau im abgetragenen Umhang anscheinend gezwungen, auf ihre eigene bescheidene Barschaft zurückzugreifen. Ihr Dienstherr war offenbar ein Geizkragen, und James hätte gerne seine eigene wohlgefüllte Brieftasche gezückt, um der Frau auszuhelfen, wollte sich aber nicht einmischen.

Gerade war er dabei, den Wirt davon zu überzeugen, dass er nicht den Wunsch habe, ungestört in einem Separee zu speisen, da er nichts mehr verabscheute als Einsamkeit, als ein blasierter Stutzer die Poststation betrat und ein Zimmer verlangte.

Der überforderte Wirt versicherte ihm, es sei nichts mehr frei, Mr. Trevenen habe das letzte Zimmer bekommen.

Der feine Herr wandte sich an James. „Ich bezahle den doppelten Preis.“

Aufgeblasener Affe, dachte James belustigt. Ihm war es egal, wo er die Nacht verbrachte, aber so einfach wollte er es dem Kerl nicht machen. „Und wenn ich ablehne?“

Die leicht vorstehenden Augen des eitlen Pfaus quollen beinahe aus den Höhlen. James beobachtete ungerührt, wie dessen bleiches Gesicht eine fleckige Röte annahm. Euer Gnaden sind wohl nicht an Widerspruch gewöhnt, wie? dachte er spöttisch.

Der Dandy betupfte sich die Stirn mit einem Spitzentuch. „Sie ahnen ja nicht, welche Strapazen ich ausstehen musste“, lamentierte er und wollte nun offensichtlich an James’ Mitleid appellieren.

„Wie könnte ich?“, erwiderte James ungerührt und verkniff sich ein Lächeln, während der nach Lavendel duftende Herr ihm sein Leid klagte.

Irgendwie wirkte der aufgeputzte Pfau tatsächlich derangiert. Die Enden seines breiten Revers hingen schlaff nach unten, die bauschige Seidenkrawatte war verrutscht, und die staubigen Spitzenmanschetten hingen zerknittert über den feingliedrigen Handgelenken.

„Ich überlasse dem Herrn gern mein Zimmer“, sagte James schließlich.

„Aber es ist mein letztes“, gab der Wirt zu bedenken.

Achselzuckend warf James einen Blick in den Schankraum. „Ich kann dort hinten auf der Bank schlafen, wenn Sie mir eine Decke und ein Kissen geben.“

„Sir, das ist …“

„Abgemacht!“, rief der feine Herr, der sich als Sir Percival Pettibone vorstellte, doch seine Begeisterung schwand augenblicklich, als der Wirt die Lage des Zimmers beschrieb.

„Es führt auf den Kuhstall und das stille Örtchen im Hinterhof?“, fragte er in blankem Entsetzen.

„Ja, so ist es.“

Sir Percival hielt sich das Spitzentüchlein unter die Nase, als verursache ihm allein der Gedanke daran bereits Übelkeit. „Ich nehme an, daran lässt sich nichts ändern, wie?“

„Es sei denn, wir drehen das Haus herum“, bemerkte James seelenruhig und zwinkerte dem Wirt zu, der nur mit den Achseln zuckte. „Kann ich mein Gepäck hinter den Schanktisch stellen?“

„Gewiss, Sir“, antwortete der Wirt erleichtert.

James verstaute seine Reisetasche, nahm den Lederbeutel mit seiner Abhandlung heraus und begab sich ins Freie. Hoffentlich habe ich mich nie so benommen wie dieser Stutzer, dachte er. Seine Familie war wohlhabend und besaß große Ländereien, aber keinen Titel, und seine Mutter hatte ihn als wohlerzogenen Knaben zur See geschickt. Seit seiner Rückkehr hatte James einige seiner Landsleute kennengelernt, denen ein paar Jahre Einsamkeit auf einer gottverlassenen Insel kaum geschadet hätten.

Er setzte sich auf eine Bank im Hof, bis die Sonne sank, und blätterte seine Abhandlung durch, obwohl er jeden Satz auswendig kannte. Nachdem ihm auf der Insel die Tinte ausgegangen war und bevor er gelernt hatte, aus der schwarzen Flüssigkeit von Kraken Tinte herzustellen, hatte er ganze Kapitel auswendig gelernt.

Auf dem Deckblatt prangte die Gloriosa. Er war kein Künstler, aber eines Nachts, als er wieder einmal im kalten englischen Sommer frierend am Schreibtisch saß, hatte er die Gloriosa aus dem Gedächtnis gemalt, so gut er es vermochte.

Während er nun die Seiten durchblätterte, dachte er an seine täglichen Beobachtungen auf der Insel. Einigen Krabben hatte er sogar Namen gegeben: Boney war kleiner als die anderen, aber umso kämpferischer; Lord Nelson fehlte ein Augenfühler; Marie Antoinettes Farben leuchteten bei der Paarung besonders prächtig. Alle waren bis heute seine Gefährten geblieben.

Jäh hob er den Kopf und dachte an seinen anderen Gefährten. „Nun gut, Tim. Wo steckst du?“, murmelte er. Mit angehaltenem Atem schaute er sich im Hof um, ohne das vertraute Gesicht zu sehen. Er wagte nicht zu hoffen, Tim habe sich endlich entschlossen, ihn in Frieden zu lassen. Vielleicht aber bereitete es ihm auch Vergnügen in der absonderlichen Art und Weise, die Gespenster an sich hatten, zur Abwechslung Sir Percival Pettibone heimzusuchen.

Auf dem Weg ins Haus suchte er den Nachthimmel in alter Gewohnheit nach dem Kreuz des Südens ab. Auch das muss ich mir endlich abgewöhnen, schalt er sich.

Die Schankstube hatte sich bereits geleert. Auf der Bank lagen ein Kissen und eine Decke bereit, auf einem Schemel daneben stand ein Krug Bier.

Hinter dem Schanktisch spülte der Wirt die letzten Gläser und blickte mürrisch auf.

„Seien Sie unbesorgt wegen Sir Percival“, sagte James. „Mir macht es wirklich nichts aus.“

„Sollte es aber“, entgegnete der Mann mit einem finsteren Blick zur Stiege. „Meiner Meinung nach hatte dieser Robespierre vollkommen recht.“ Er vollführte mit der flachen Hand eine Hackbewegung. „Kopf ab!“

James verzog das Gesicht, und der Wirt machte sich grinsend wieder an seine Arbeit. James legte die Gloriosa auf die Bank, ging durch die Seitentür ins Freie und überquerte den Hinterhof, wo sich das Örtchen befand.

Nachdem er sich die Hose zugeknöpft und den Holzverschlag zugemacht hatte, stieg ihm Rauchgeruch in die Nase. Alarmiert schaute er die Hauswand hinauf. Aus einem Fenster der Kammer, in der er Sir Percival Pettibone vermutete, quoll Rauch. Er eilte zum Haus, während der Dandy im Nachthemd aufgeregt zwischen zwei geöffneten Fenstern hin- und herrannte, und rief mit dröhnender Stimme nach dem Wirt.

Sir Percival streckte unterdessen ein spindeldürres Bein aus dem Fenster und versuchte Halt an einem Mauervorsprung zu finden.

„Nein! Tun Sie das nicht!“, warnte James.

„Hilfe! Retten Sie mich!“

Der Wirt rannte herbei, warf einen Blick nach oben, rief nach seiner Frau und befahl ihr, die Gäste zu wecken und aus dem Haus zu scheuchen. Sir Percival klammerte sich an das Fenstersims, sein Bein hing immer noch in der Luft.

James rüttelte an der Regenrinne, um zu prüfen, ob sie fest im Mauerwerk verankert war. Denk einfach, es ist eine Palme, sagte er sich, zog Stiefel und Strümpfe aus und kletterte behände die Regenrinne hinauf, während der Hof sich mit Menschen in Nachtgewändern füllte.

„Lassen Sie den Unsinn! Zurück ins Zimmer!“, rief er der halb aus dem Fenster hängenden Gestalt zu. „Auf der Stelle!“

Bei all seinem Entsetzen zog Sir Percival einen beleidigten Schmollmund. „Erlauben Sie mal, wie reden Sie mit mir?“

„Ich rede, wie es mir passt!“, rief James wütend. „Und Sie tun, was ich Ihnen sage! Und zwar sofort!“

Das dünne Bein verschwand, ein spitzer Schrei folgte. James zog sich am Fensterrahmen hoch, sprang in die Kammer und hielt sich die Hand gegen den Qualm vor die Nase. Das Publikum im Hof klatschte Beifall.

Er blieb in Kauerstellung, hielt den Kopf gesenkt, während Sir Percival sich an ihn klammerte. „Nehmen Sie sich doch zusammen!“, knurrte James und schüttelte ihn ungeduldig ab. „Ich sehe nicht einmal Feuer.“

Es gab auch kein Feuer. Mit halb zugekniffenen Augen schaute James sich um und entdeckte, dass der Rauch vom Fußende des Bettes aufstieg. Jemand – vermutlich der Schwächling auf dem Fußboden, der nun in sein Taschentuch schluchzte – hatte einen Morgenmantel über die Wärmepfanne geworfen, die mit glühenden Kohlen gefüllt war und deren langer Holzgriff aus dem Bett ragte. Vorsichtig hob James den schwelenden Morgenmantel hoch, warf ihn aus dem Fenster und ließ die angesengte Decke folgen. „Die Gefahr ist vorüber“, rief er.

Der Jubel der Zuschauer unten im Hof amüsierte ihn. In einer scherzhaften Siegerpose verschränkte er die Hände über dem Kopf und verneigte sich dankend vor den Herbergsgästen. Er wollte sich schon tröstend an Sir Percival wenden, der sich schniefend die Nase putzte, als der Gastwirt besorgt die Kammer betrat.

Sein Erscheinen brachte wieder Leben in Sir Percival, der mit seinem knochigen Zeigefinger auf den Mann einstocherte. „Sie haben gefährliche Wärmepfannen!“, erklärte er vorwurfsvoll. „Ich sorge dafür, dass diese Bruchbude von einer Poststation abgerissen und … und dem Erdboden gleich gemacht wird!“

Finster starrte der Wirt Sir Percival an. „Sie haben das Ganze doch verschuldet! Mr. Trevenen ist es zu verdanken, dass niemand zu Schaden gekommen ist und Sie noch am Leben sind!“

„Es war ja nur ein kleiner Schwelbrand“, versuchte James einzulenken.

Der Wirt seufzte resigniert. „Ich hole frisches Bettzeug“, brummte er und wies mit dem Finger auf Sir Percival. „Aber Ihnen bringe ich keine zweite Wärmepfanne!“

„Herzloser Grobian!“ Sir Percival putzte sich die Nase und schrie auf, als er rußigen Schleim in seinem Spitzentüchlein entdeckte. Empört hielt er es hoch. „Ich werde sterben, und der Rohling denkt nur an seine Wärmepfanne!“

Ich bin in ein Irrenhaus geraten, dachte James, auf meiner Insel war ich wenigstens vor Verrückten verschont. „Sie werden es überleben“, beschwichtigte er ihn.

Sir Percival, der immer noch entsetzt auf sein Taschentuch starrte, hob unvermutet den Kopf „Wie heißen Sie?“

„James Trevenen“, antwortete sein Retter. „Ich komme aus der Gegend von St. Ives und bin …“

„Titel, Besitz, Frau und Kinder?“, fiel Sir Percival ihm ins Wort.

„Diese Frage wurde mir in der Navy häufig gestellt“, antwortete James und dachte: Was für ein Dummkopf! Andererseits war etwas Rührendes an dem Kerl, der zusammengekauert auf dem Fußboden hockte und sich für Nichtigkeiten wie Ansehen und Würde interessierte. „Ich rufe Ihren Kammerdiener, Sir.“ James blickte sich ratlos um. „Falls Sie einen haben.“

Sir Percival machte eine wegwerfende Handbewegung. „Wahrscheinlich sitzt er sturzbetrunken in der Schankstube.“

James blinzelte, aber Sir Percival ließ sich zu keiner weiteren Erklärung herbei. Allem Anschein nach begriff er erst jetzt, was geschehen war. „Ich verdanke Ihnen mein Leben“, erklärte er feierlich.

James unterdrückte ein Stöhnen. Guter Gott, es war lediglich eine überhitzte Wärmepfanne und ein schwelender Morgenrock gewesen! Trotzdem legte er die Hand aufs Herz und verneigte sich tief. „Ich bin überglücklich, Sie vor dem Flammentod gerettet zu haben, Sir Percival.“

Bedächtig wiegte Sir Percival den Kopf hin und her. „Mein Tod wäre ein tragischer Verlust für die Welt der Mode und des erlesenen Geschmacks gewesen“, sagte er mit Grabesstimme, und James musste sich abwenden, um die Beherrschung nicht zu verlieren.

Wider Erwarten erholte Sir Percival sich bald, streckte den Arm aus, und James half ihm auf die Beine. „Diese Weste, die Sie da tragen, ist eine bedauernswerte Geschmacksverirrung. Hat man in Cornwall keinen Sinn für Mode?“

„Herzlich wenig, fürchte ich“, antwortete James. „Ich bin erst kürzlich von einer einsamen Insel im Südpazifik zurückgekehrt, und es scheint mir nicht fair, Cornwall die Alleinschuld an meinem Aussehen zu geben.“

Die beiläufige Erwähnung des Südpazifiks hatte den gewünschten Effekt. Sir Percivals Augen schienen abermals aus den Höhlen zu quellen. „Ausgesetzt? Von der Welt abgeschnitten? Und nun kommen Sie nach England, um mir das Leben zu retten!“

„Es war mir ein Ehre, Ihnen zu helfen“, sagte er, und dann ritt ihn der Teufel. „In einer Feuersbrunst zu sterben, ist die grässlichste aller Todesarten.“

Sir Percival erschauerte abermals, fand es aber angebracht, das Thema zu wechseln. „Wir wollen nicht mehr darüber sprechen! Reisen Sie nach London, um dort zu Reichtum zu kommen?“

Ich brauche keinen Reichtum, dachte James. „Nicht unbedingt. Auf meiner Insel habe ich eine Abhandlung über Krabben geschrieben. Es gab ja sonst nicht viel zu tun.“

Sir Percival nickte mit ernster Miene. „Ja, ich weiß, was es bedeutet, ein verregnetes Wochenende auf dem Lande zu verbringen. Man langweilt sich zu Tode. Fahren Sie fort. Sie machen mich neugierig.“

Dieses Maß an Ignoranz verblüffte James. „So kann man es auch sehen. Wie auch immer, ich wurde von Missionaren gerettet …“

„Gütiger Himmel, das klingt noch schlimmer als ein verregnetes Wochenende auf dem Lande“, murmelte Sir Percival.

„Hm, ja … vermutlich.“ Es wäre sinnlos, diesem Narren zu erklären, was es bedeutete, tausendachthundertfünfundzwanzig Tage in verzweifelter Einsamkeit zu verbringen und sich jeden einzelnen Tag zu fragen, ob man am nächsten Tag stirbt oder in einer Woche oder in fünfzig Jahren, ohne je noch ein menschliches Wesen zu Gesicht zu bekommen. „Nach meiner Rückkehr reichte ich meine Abhandlung bei der Royal Society ein und bewarb mich für die Copley-Medaille. Und ich habe den Wettbewerb tatsächlich gewonnen“, schloss er seinen knappen Bericht.

„Die Royal Society.“ Sir Percival beugte sich vor und tätschelte ihm den Arm. „Diese Herren legen bedauerlicherweise keinen großen Wert auf modische Eleganz. Ihre Weste wird in diesem Kreis kaum Anstoß erregen.“

„Das höre ich mit großer Erleichterung“, brachte James mühsam hervor.

„Denken Sie sich nichts dabei.“ Sir Percival schnäuzte sich erneut. „Wo wohnen Sie in London? Können Sie sich eine Unterkunft leisten?“

„Sir Joseph Banks lud mich ein, bei seinem Cousin zu wohnen, einem gewissen Lord Watchmere.“

Sir Percival entfuhr ein Schreckenslaut. „Watchmere? Guter Gott, das kann dem tapferen Helden nicht zugemutet werden, der mich vor einem grässlichen Flammentod gerettet hat! Watchmere hat nichts anderes im Sinn, als Vögel zu beobachten. Im Übrigen hat er noch weniger modischen Geschmack als Sie!“ Er schniefte. „Das ist zwar kaum vorstellbar, aber in dieser Hinsicht können Sie mir voll vertrauen.“

James, der nur mit Mühe einen Lachanfall unterdrücken konnte, sah keinen Grund, noch länger zu bleiben. Der Qualm hatte sich verzogen, und der Wirt stand mit frischem Bettzeug in der Tür. „Gute Nacht, Sir Percival.“ James ergriff die Gelegenheit zur Flucht.

„Ich werde Ihnen Ihre Güte nie vergessen“, versicherte Sir Percival erneut.

Bitte, verschone mich mit deiner Dankbarkeit, dachte James reumütig. Hätte ich dem Einfaltspinsel doch nicht weisgemacht, er habe sich in Lebensgefahr befunden. Mit einem amüsierten Lächeln ging er die Stiege hinunter in die leere Schankstube, um sich schlafen zu legen.

Sein Lächeln schwand. An einem der hinteren Tische saß ein Mann im Halbdunkel. „Verzieh dich, Tim“, knurrte er leise. „Und folge mir bloß nicht bis nach London.“

2. KAPITEL

James wurde vom verlockenden Duft gebratener Würste geweckt, der ihm in die Nase stieg. Er lag auf der schmalen Bank, die Arme vor der Brust verschränkt. Auf seiner Insel hatte es kaum eine Nacht gegeben, in der er nicht von einer deftigen Mahlzeit geträumt hätte.

Er schlug die Augen auf. Zu seiner Überraschung stand auf dem Tisch neben ihm ein Teller mit gebraten Eiern und Würsten. Es gab auch getoastetes Brot, weich in der Mitte, mit einem Flöckchen schmelzender Butter darauf. Er schnupperte. In der kleinen Deckelschale vermutete er Quittengelee.

Bald darauf erschien der Wirt mit einer Platte Rinderbraten, dampfend heiß, in dünne Scheiben geschnitten, zartrosa und saftig im Innern wie … Guter Gott, unvermutet schoss James der Gedanke an Artemisia in den Sinn, Lady Audley mit ihren weit gespreizten Beinen, begierig darauf, ihn zu verführen, waren sie erst aus dem Fieberhafen von Batavia ausgelaufen, um den Indischen Ozean zu überqueren.

Er war ihrer Verführung bedenkenlos erlegen nach fünf entbehrungsreichen Jahren, in denen er auf alle Köstlichkeiten von Bett und Tisch verzichten musste. Möglicherweise wäre er bei seinem ersten Höhepunkt mit ihr in noch größere Verzückungen geraten, hätte er in ein knusprig gebratenes Hühnerbein gebissen, während er Lady Audley im gestreckten Galopp über die Ziellinie ritt.

Deftige Mahlzeiten und Huren, das waren die Freuden der Seefahrer. „Was hat das zu bedeuten?“, fragte er nun und verdrängte seine lüsternen Gedanken.

Der Wirt hielt ihm den saftigen Braten unter die Nase, und James lief das Wasser im Mund zusammen. „Mit den besten Empfehlungen von Sir Percival Pettibone, der nach wie vor davon überzeugt ist, dass Sie ihm das Leben gerettet haben.“ Er zwinkerte verschwörerisch.

„Ich sollte mich schämen, seine Leichtgläubigkeit ausgenutzt zu haben, aber ich konnte nicht widerstehen!“

„Das verstehe ich gut, Sir!“, erklärte der Wirt. „Er ist ein Dummkopf.“

„Richtig. Aber ich muss ihm die Wahrheit sagen.“

„Das halte ich für sinnlos, Mr. Trevenen“, meinte der Wirt. „Er wird Ihnen nicht glauben. Jedenfalls bedankt er sich noch einmal und wünscht Ihnen guten Appetit.“

James richtete sich auf einen Ellbogen gestützt auf und weidete sich am Anblick der köstlichen Speisen. „Das schaffe ich beim besten Willen nicht allein, und es gibt nichts Verwerflicheres, als Essen zu vergeuden.“ Er entsann sich, wie er sich die Finger blutig gerieben hatte bei seinem ersten Versuch, Feuer mit einem Stein und einem Holzspan zu machen, um einen Fisch zu braten. Er hatte es nur ein paar Minuten ausgehalten, den Fisch über dem Feuer zu drehen, bevor er ihn mit Kopf, Gräten und Schwanzflossen verschlang, während ihm Blut und Speichel aus dem Mund getropft waren.

„Erinnern Sie sich an die Gouvernante?“, sagte er. „Laden Sie die Frau und ihre beiden Zöglinge ein, mit mir zu frühstücken. Ich hatte den Eindruck, dass sie sich diesen Aufenthalt nicht leisten kann.“

„Den Eindruck hatte ich auch“, sagte der Wirt. „Zum Abendessen bestellte sie nur zwei Teller Suppe, und raten Sie, wer dabei leer ausging?“

Wehmütig ließ James den Blick über die reich gedeckte Tafel schweifen. Dieses Festmahl hätte die schiffbrüchigen Matrosen in seinem Boot am Leben erhalten, bis alle die Insel erreicht hätten. „Mir bringen Sie bitte eine Schale Haferbrei mit Butter und Dickmilch. Darauf hätte ich Appetit“, sagte er leise.

„Wie Sie wünschen, Sir.“ Der Wirt verschwand in der Küche.

James faltete die Decke zusammen und begab sich in den Hinterhof, um in dem Holzverschlag seine Notdurft zu verrichten. Als er die Gaststube wieder betrat, saßen die Gouvernante und ihre Zöglinge am Tisch.

„So viel Güte haben wir nicht erwartet, Sir“, empfing sie ihn und errötete verlegen.

Er setzte sich zu seinen drei Gästen. „Es war auch für mich eine Überraschung, Miss …?“

„Haverstock, Sir“, stellte sie sich vor, und ein scheues Lächeln flog über ihr reizloses Gesicht.

„Dann wünsche ich allseits guten Appetit“, sagte er einladend. Während die Kinder sich hungrig über Eier und Würste hermachten, beobachtete er Miss Haverstock verstohlen, eine einfache Frau mittleren Alters, die wohl in ihrem ganzen Leben noch nie so viel Aufmerksamkeit erhalten hatte. „Sir Percival wollte anscheinend sicherstellen, dass ich nicht verhungere, bevor die Postkutsche abfährt.“

Lächelnd hob Miss Haverstock den Blick. „Mit Erfolg, will ich meinen, Mr. …?“

„Trevenen. James Trevenen. Unterwegs nach London.“

Zu wohlerzogen, um weitere Fragen zu stellen, nickte sie und widmete sich der Schale Himbeeren mit Schlagsahne.

„Ihr Dienstherr wird nicht verärgert sein wegen dieser Verspätung, will ich hoffen?“, fragte James, der ahnte, dass die Gouvernante kein leichtes Los hatte.

„Ich fürchte doch“, antwortete sie. „Lord Eberly of Maines verabscheut Unpünktlichkeit.“

„Aber Sie können ihm diese unfreiwillige Verzögerung doch erklären, und er wird Ihnen die Kosten erstatten.“ Leise fügte er hinzu: „Ich hatte den Eindruck, Sie haben die Übernachtung aus eigener Tasche bezahlt.“

„Das habe ich.“

Versonnen löffelte James den Haferbrei. Als Sir Percival erschien, hatte er den Eindruck, dieser betrete zum ersten Mal eine Gaststube, in der einfaches Volk einkehrte. Er hielt ein frisches Spitzentuch in der Hand, um es an die Nase zu führen, falls unangenehme Gerüche ihn belästigten.

James wischte sich den Mund ab, stand auf und verneigte sich. „Guten Morgen, Sir Percival“, grüßte er munter. „Danke, dass Sie mich vor dem Verhungern bewahrt haben. Wollen Sie sich nicht zu uns setzen?“

„Nein danke, junger Mann“, entgegnete er. „Ich ließ mir Tee aufs Zimmer bringen und eine Scheibe Brot, leicht getoastet mit einem Hauch Zimt und Zucker bestreut.“

„Davon wird nicht mal ein Sperling satt, Sir Percival. Und mir ließen Sie ein so reichhaltiges Frühstück auftischen, dass ich es mit anderen teilen kann. Darf ich Ihnen Miss Haverstock vorstellen?“

„Gott segne Sie, Sir Percival“, sagte die Gouvernante mit zitternder Stimme und versank in einen tiefen Knicks.

Und James stellte fest, dass ein Dankeschön für Sir Percival offenbar eine Neuheit war. Der schmalbrüstige Stutzer schien vor Stolz förmlich zu schwellen. Er lächelte huldvoll in die Runde, als habe er fünftausend Hungernde mit Brot und Fisch genährt.

Plötzlich schoss James eine Idee durch den Kopf. „Sir Percival, ich überlege gerade …“, begann er, doch dann winkte er ab. „Nein, das wäre zu viel verlangt.“

Erfüllt von seinem Edelmut als Menschenfreund, lächelte Sir Percival wohlwollend. „Nur zu, junger Mann, schließlich verdanke ich Ihnen mein Leben.“

James räusperte sich und wies auf Miss Haverstock. „Das Fräulein befürchtet, ihre Stellung zu verlieren, wie sie mir gestand. Ihr Dienstherr nimmt es sehr genau mit der Pünktlichkeit, und sie verspätet sich um einen Tag wegen der unpassierbaren Brücke.“

„Hmm“, war alles, was Sir Percival zu sagen hatte.

„Es handelt sich um Lord Eberly of Maines“, fügte James hinzu.

Sir Percival bedachte die Kinder mit einem flüchtigen Blick und knurrte halblaut: „Eberly ist ein elender Geizkragen, Miss Haverstock! Wie kann er seinen Kindern zumuten, in einer holprigen Postkutsche zu reisen? Im Übrigen hat er einen grässlichen Modegeschmack. Ich hoffe, das ist Ihnen bewusst.“

Die Gouvernante blinzelte verständnislos. „Sehr wohl, Sir Percival. Aber ich bin auf die Stellung angewiesen.“

„Ich habe eine glänzende Idee!“, rief Sir Percival begeistert. „Ich begleite Sie und die Kinder und schildere Lord Eberly die Situation. Er bewundert mich wegen meines erlesenen Geschmacks und wird Sie gewiss nicht entlassen.“

„Sie sind zu gütig“, murmelte James.

„Ich bringe die leidige Angelegenheit in Ordnung“, erklärte Sir Percival hochtrabend und wandte sich an James. „Bedauerlicherweise ist in meiner Equipage kein Platz mehr für Sie, mein Freund, sodass Sie gezwungen sind, die Reise nach London in der Postkutsche fortzusetzen.“

„Seien Sie unbesorgt, ich komme zurecht“, beeilte James sich zu versichern und schämte sich seiner großen Erleichterung, den Dandy loszuwerden. Wenn er Glück hatte, würde Sir Percival seine Adresse in London vergessen.

Es dauerte keine Stunde, bis die erste Kutsche aus der Gegenrichtung die Brücke passierte und der Kutscher meldete, dass die Straße wieder frei sei.

James verabschiedete sich mit einer höflichen Verneigung von der Gouvernante. „Viel Glück, Miss Haverstock.“

Sie errötete. „Vielen Dank.“

In diesem Moment stakste Sir Percival geziert die Stiege herunter, gefolgt von seinem Kammerdiener. Er gab Miss Haverstock und den Kindern einen Wink, dem Diener zu folgen. „Ich danke Ihnen für die Güte, die Sie Miss Haverstock erweisen“, sagte James.

„Das ist nichts verglichen mit Ihrer Güte“, versicherte Sir Percival in aufrichtiger Dankbarkeit. „Das werde ich nie vergessen.“

„Ich wünschte, Sie vergessen es bald“, murmelte James.

Durch die offene Haustür sah er, wie der Kutscher seinen hohen Sitz erklomm. „Ich muss gehen, sonst fährt die Postkutsche ohne mich ab“, sagte er.

„Für mich wird es auch Zeit.“ Sir Percival beugte sich vor und raunte James ins Ohr: „Lassen Sie sich bloß von Lord Watchmere nicht aus der Ruhe bringen. Er ist ein verrückter Vogelliebhaber und wird kaum Notiz von Ihnen nehmen. Lady Watchmere bringt nicht einen vernünftigen Satz zustande. Und die Töchter? Eine hat ein rotes Gesicht und schütteres Haar – die Ärmste –, und die andere soll ein skandalumwittertes Leben führen.“

Mit affektierten kleinen Schritten überquerte er den Hof und ließ sich von seinem Diener in den Wagen helfen. James bestieg die Postkutsche, machte es sich in einer Ecke bequem und verbannte den affigen Sir Percival aus seinen Gedanken.

Am frühen Nachmittag erreichte die Kutsche die Vororte der Stadt. James, ermüdet von der holprigen Fahrt, wurde allerdings von Gewissensbissen geplagt, Sir Percival an der Nase herumgeführt zu haben. Um sich abzulenken, dachte er an Sam Higgins, einen seiner Retter aus seinem paradiesischen Gefängnis in der Südsee.

Vor einem Jahr hatte er ihn bei der Missionary Society in Londons Aldergate Street abgeliefert. Sobald die Klosterpforte auf James’ Klopfen geöffnet worden war und sein Begleiter seinen Namen genannt hatte, war keine Gelegenheit mehr gewesen, sich zu verabschieden.

James lächelte in der Erinnerung, wie er auf der Schwelle gestanden hatte, als die Mönche ihren verloren geglaubten Mitbruder unter lauten Danksagungen an Gottes unendliche Güte mit sich schleppten. Achselzuckend hatte er sich auf den Weg nach Admiralty House gemacht, um die Meldung zu überbringen, der einzige Überlebende der vor Jahren gesunkenen Orion zu sein und gleichzeitig seinen Abschied von der Navy zu nehmen.

Damit hatte seine Bekanntschaft mit Sam Higgins ein Ende gefunden.

Als die ersten Häuser von London auftauchten, dachte James an seine Zeit auf der Insel. In den ersten beiden Jahren hatte er fest mit seiner Rettung gerechnet. Im dritten Jahr hatte er die Hoffnung aufgegeben. Angst und Verzweiflung waren einer dumpfen Gleichgültigkeit gewichen, mit der er sich in sein Schicksal ergeben hatte. Kein Schiff war gekommen. Er war dazu verdammt, für immer als König über seine einsame Insel zu herrschen, etwa eine Meile breit und drei Meilen lang, umgeben von Korallenriffen, umspült von den warmen Gewässern des Südpazifik. Er hatte nichts weiter zu tun, als jeden Tag Nahrung zu finden und seine Freunde der Gattung Gloriosa zu beobachten.

Und er hatte sich eine dritte Aufgabe gestellt. Er machte peinlich genaue Aufzeichnungen der Tage, Wochen, Monate und Jahre, und jeden Sonntag deklamierte er mit lauter Stimme sämtliche Artikel des Kriegsrechts, so wie er es von allen Sonntagen an Bord eines Schiffes der Königlichen Marine gewohnt war, und am Abend, wenn er genügend Brennholz hatte, entzündete er ein Feuer. Diese Sonntagsrituale mahnten ihn daran, dass er auch als nackter, von der Sonne verbrannter, zerzauster und bärtiger Wilder immer noch Engländer war.

Nach fünf Jahren war er bereit, auch dieses Ritual zu vernachlässigen, da es ihm allmählich lächerlich erschien. Da er aber reichlich Brennholz gesammelt hatte, entschied er sich für ein letztes Lagerfeuer.

Beim Entfachen des Feuers hatte er ein tief hängendes Wölkchen am westlichen Horizont bemerkt. Am nächsten Morgen hatte die Wolke sich in ein Schiff unter Segeln verwandelt. Zudem entdeckte er ein Beiboot, das durch die Lücke im Korallenriff schoss und direkt in seine Richtung ruderte.

Statt zum Strand zu laufen und seinen Rettern zu winken, versteckte er sich furchtsam hinter den ausladenden Blättern einer Tropenpflanze. Später erklärte er seinen Rettern, er habe sich seiner Nacktheit geschämt, doch das war gelogen. Der Anblick von Menschen hatte ihm Angst eingejagt.

Bei dem Schiff handelte es sich um die Odyssey, die von der Londoner Missionary Society mit Mönchen nach Tonga geschickt worden war, um Heiden zum wahren Glauben zu bekehren. Die Einwohner dieser Insel aber wollten sich nicht bekehren lassen und nahmen die Fremden kurzerhand als Sklaven gefangen. Nun befand sich die Odyssey auf der Flucht mit den Überlebenden an Bord – unter ihnen auch Sam. Es waren nur noch fünf der ehemals zehn Mönche, die fliehen konnten, nachdem sie jahrelang unter einem König von unbeschreiblicher Leibesfülle Sklavenarbeiten verrichtet hatten, der wenig Geduld mit bleichen Männern aufbrachte, die schlecht rochen und ständig etwas an ihm auszusetzen hatten.

Nackt wie am Tag seiner Geburt, fand Lieutenant James Trevenen, Zweiter Offizier auf der Orion der Königlichen Marine, sich an Deck des Missionarsschiffes wieder und bedeckte seine Blöße mit dem geteerten Leinenbeutel, in dem er das Logbuch der Orion und seine Aufzeichnungen über die Gloriosa aufbewahrte.

Als der Kutscher nun in sein Posthorn stieß, schlug James die Augen auf und schaute an sich herab, um sich zu vergewissern, dass seine Lenden bedeckt waren. Er war längst wieder in die Zivilisation zurückgekehrt, sollte demnächst mit einer Auszeichnung geehrt werden, und alles, woran er denken konnte, war die Insel, Sam Higgins und zu allem Überfluss auch noch Lady Artemisia Audley.

Die Kutsche leerte sich rasch, er aber blieb benommen sitzen, da er sich plötzlich bewusst geworden war, dass er keine Pläne für die Zukunft hatte. Sein Landgut in Cornwall wusste er in den fähigen Händen eines Cousins zweiten Grades, der ihm nach seiner wunderbaren Auferstehung von den Toten den Besitz ohne Murren wieder überlassen hatte. Sein Gutsverwalter, ein zuverlässiger Mann, brauchte keine Unterstützung von ihm. James hatte weder Frau noch Kind, die seine Rückkehr herbeigesehnt hätten. Er hatte einen Schiffbruch überlebt, Hungersnot, Verzweiflung und Einsamkeit, und all das hatte eigentlich für niemanden eine Bedeutung.

Schließlich holte er sein Gepäck aus dem Holzkasten hinter der Kutsche und klemmte sich die Ledermappe mit dem Manuskript der Gloriosa unter den Arm. Innerlich aufgewühlt und schlecht gelaunt suchte er das nächste Gasthaus auf und setzte sich in die hinterste Ecke in der Gaststube, nachdem er im Vorübergehen beim Wirt eine Schweinepastete bestellt hatte.

Lustlos würgte er das Essen hinunter, bezahlte und verließ das überfüllte Gasthaus. Bald fand er eine offene Mietdroschke und ließ sich nach Richmond fahren, einem idyllischen Dorf in der Nähe von London, etwa sieben Meilen flussaufwärts.

Nachdem James dem Kutscher eröffnet hatte, er stamme aus Cornwall, machte der Mann ihn auf ein paar Sehenswürdigkeiten aufmerksam, die von der Straße her zu sehen waren. Ein exotisch anmutender hoher Holzbau fesselte seine Aufmerksamkeit. Er beugte sich vor.

„Eine chinesische Pagode? Seltsam.“

Der Kutscher wies mit der Peitsche in die Richtung. „Das komische Ding ließ König George III. erbauen. Zehn Stockwerke hoch. Ich frage mich, ob die Königlichen Hoheiten zum Zeitvertreib dort Fangen spielen.“

Lachend schüttelte James den Kopf. „Ist das der Königliche Botanische Garten?“

„Ja, Sir. Kew Gardens.“

Etwa eine halbe Meile später bog der offene Landauer von der Straße ab und fuhr durch ein verschnörkeltes Eisentor, über dem der Schriftzug Alderson prangte. James bemerkte allerdings auch, dass der Mörtel an den verputzten Backsteinsockeln abbröckelte. Vermutlich schwelgten die Aldersons – Lord und Lady Watchmere, wie er dem Schreiben entnommen hatte – nicht unbedingt in Reichtum.

James entlohnte den Mietkutscher großzügig, stieg die Steinstufen hinauf und klopfte an das Portal des herrschaftlichen, wenn auch leicht verwahrlosten Anwesens. Nichts rührte sich. Er klopfte erneut, und als sich wieder nichts rührte, wollte er schon ein drittes Mal klopfen, da ertönte eine Stimme von innen.

„Treten Sie rasch ein, sobald ich öffne!“

James beeilte sich einzutreten, bevor die Tür wieder zugeschlagen wurde. Zu seiner Verblüffung sah er einen großen, bunt gefiederten Tropenvogel mit einem gewaltigen Schnabel auf einer Marmorbüste sitzen. Ihm gegenüber hockte, gleichfalls auf einer Büste, ein zweiter Vogel; offenbar handelte es sich um Tukane. Beide beobachteten ihn aus argwöhnischen schwarzen Knopfaugen.

Der Butler verneigte sich und fragte höflich, wieso er nicht den Dienstboteneingang genommen hatte.

Ich sehe offenbar zu schäbig aus, um durch das Hauptportal eingelassen zu werden, dachte James ungerührt. „Ich bin James Trevenen aus St. Ives und werde erwartet, denke ich.“

Der Butler blinzelte. „Verzeihung, Sir. Wir erwarteten einen älteren Herrn.“

„Hmm, seltsam.“ Bedächtig zog James den Hut und versuchte das auffallende Interesse des Tukans an seiner Person zu ignorieren, der auf dem Haupt einer Büste hockte, die einem römischen Staatsmann glich. „Julius Cäsar?“, fragte er.

„Lord Watchmere nennt ihn Don Carlos, und dort drüben sitzt Donna Isabel.“ Dann schmunzelte der Butler. „Sie meinen die Büste, nehme ich an, Mr. Trevenen. Ja, es handelt sich um den bedauernswerten Julius Cäsar, und dort drüben befindet sich die Büste von Octavian.“

Wahrlich bedauernswert, dachte James, als Don Carlos seinen gewaltigen gebogenen Schnabel am Lorbeerkranz des römischen Imperators wetzte. Gestern noch Herrscher über das Römische Weltreich und heute wetzt ein Vogel seinen Schnabel an seinem ehrwürdigen Haupt.

„Mrs. Park unterrichtete mich von Ihrer bevorstehenden Ankunft.“

„Mrs. Park?“

„Lord Watchmeres jüngste Tochter, die Witwe des verstorbenen Mr. Park, der in Indien von der Cholera dahingerafft wurde.“ Er setzte eine würdevolle Miene auf. „Mrs. Park wird sich Ihrer annehmen während Ihres Aufenthalts bei uns, Mr. Trevenen.“

„Ist Lord Watchmere nicht anwesend?“

„Er ist nicht im Haus“, erläuterte der Butler. „Sie werden ihn heute Abend kennenlernen. Für gewöhnlich begibt er sich jeden Morgen auf seinen Hochsitz, um seine gefiederten Freunde zu beobachten, und kehrt erst gegen Abend zurück.“ Er lächelte dünn. „Mr. Trevenen, wir wissen, dass wir ein exzentrischer Haushalt sind.“

„Verbringt der Hausherr tatsächlich den ganzen Tag auf einem Hochsitz?“

„Sehr wohl, Sir. Ich bringe ihm selbstverständlich sein Mittagessen.“

„Auf einen Baum?“, fragte James fasziniert und versuchte sich vorzustellen, wie der Butler mit einem Silbertablett in der Hand würdevoll einen Baum hinaufkletterte.

„Ich lasse Ihr Gepäck auf Ihr Zimmer bringen, Sir. Falls Sie einen kurzen Spaziergang nicht scheuen, finden Sie Mrs. Park im Tropenhaus in Kew Gardens, lässt Sie Ihnen ausrichten.“

Vermutlich mit einem Tukan auf jeder Schulter, dachte James, verwundert über die schrulligen Gewohnheiten der Bewohner von Alderson House.

„Sie begibt sich jeden Tag mit ihrem Sohn nach Kew, um die Blumen zu pflegen. Die Nachmittage verbringt sie damit, exotische Pflanzen zu malen, die mit den Expeditionsschiffen nach England gebracht werden.“

Das leuchtete ihm ein. „Ich diente auf einem Expeditionsschiff. Wir pflanzten tropische Gewächse in Töpfe und brachten sie nach England“, erklärte James.

„Sie malt im Auftrag ihres Paten, Sir Joseph Banks“, klärte der Butler ihn auf. Er dämpfte die Stimme, als vermute er in den Tukanen feindliche Spione. „Sie ist keine Exzentrikerin.“

James nickte und machte sich auf den Weg, den der Butler ihm beschrieben hatte. Er genoss den Spaziergang. Mochte Lord Watchmere auch keinen Wert auf eine saubere Eingangshalle legen, der Garten war gepflegt und voller Vogelgezwitscher. Kein Wunder, dass die Tukane frei fliegen wollten.

Als er den Zaunübertritt zum Königlichen Botanischen Garten passierte, bemerkte er auf dem Kiesweg Fußspuren eines Kindes – der Butler hatte einen Sohn erwähnt – und die einer Frau. Der Abstand der Schritte wies darauf hin, dass sie zierlich gewachsen war, und die Tiefe der Abdrücke sagten ihm, dass sie schlank sein musste. Dann richtete er den Blick nach vorne zu den Reihen der Gewächshäuser. Mit leichter Enttäuschung stellte er fest, dass es sich nicht um himmelwärts ragende Glaskonstruktionen handelte, ähnlich wie die Chinesische Pagode, die zu seiner Linken aus den Baumwipfeln ragte. Diese Gewächshäuser bestanden aus verglasten Holzrahmen. Die schrägen Dächer waren gleichfalls mit Glasscheiben versehen, um Tageslicht einzulassen.

Das Rosenhaus war verschlossen. Vor dem nächsten Gewächshaus kauerte ein kleiner Junge, nicht älter als fünf oder sechs, und spielte mit einem Holzpferd und einem Karren. Als James sich näherte, stand er auf, stellte sich breitbeinig vor den Eingang und drückte sein Spielzeug an sich.

„Tapferes Kerlchen“, sagte James zu sich, hob die Hand und rief ihm zu: „Bist du Master Park?“

Der Junge nickte und schien seine Scheu abzulegen, als James näher kam. „Ja, ich bin Noah Park. Meine Mama ist da drin.“ Den Eingang zum Gewächshaus gab er allerdings nicht frei.

„Ich bin James Trevenen. Euer Butler sagte mir, dass ich deine Mutter hier finde.“

Noah klemmte sich das Spielzeug unter den Arm, jetzt wieder ein kleiner Junge, kein Beschützer. Verschmitzt lächelte er zu James hoch. „Haben Sie die Haustür auch schnell genug zugeschlagen, bevor die Vögel entkommen?“

James nickte.

„Ich kann sie nicht leiden. Ich wünschte, sie würden eines Tages wegfliegen, aber Mama sagt, ich darf keine … keine Revolution anzetteln.“

James verbarg seine Heiterkeit über die altkluge Rede. „Ich hatte den gleichen Gedanken“, gestand er.

Nachdem er den Fremden noch einmal argwöhnisch gemustert hatte, öffnete der Kleine vorsichtig die Tür, darauf bedacht, keinen Lärm zu machen. „Ich will Mama nicht erschrecken, wenn sie malt. Sie wird böse, wenn ihr der Pinsel wegrutscht und sie wieder von vorne anfangen muss“, flüsterte er.

„Das kann ich mir denken“, flüsterte James. „Ist sie eine gute Malerin?“

Es war lächerlich, einem Kind diese Frage zu stellen, aber Noah interessierte ihn.

„Mama ist die beste Malerin auf der ganzen Welt, Sir“, antwortete Noah prompt.

Sie standen in der offenen Tür des Gewächshauses. James schloss kurz die Augen und atmete den Duft tropischer Pflanzen ein, der ihn auf seine Insel zurückversetzte, wenn auch nur für einen flüchtigen Moment.

Noah zupfte ihn am Ärmel. „Mama beobachtet uns“, flüsterte er.

Die Dame, die unter dem einfallenden Licht des Glasdaches saß, blickte den Besuchern entgegen. Sie lächelte, und James spürte, dass sein Herz schneller schlug.

3. KAPITEL

Er hatte ihre Körpergröße falsch eingeschätzt. Obwohl sie saß, wusste er, dass sie größer war, als er vermutet hatte. Das senkrecht einfallende Licht schaffte ideale Lichtverhältnisse und verlieh ihrem ebenmäßigen Gesicht, das ihm zugewandt war, einen transparenten Schein. Bequem saß sie da, mit übergeschlagenen Beinen, und hatte einen ihrer flachen Schuhe halb abgestreift, der locker an ihren Zehen hing. Sie trug ein dunkles Kleid, darüber eine Schürze.

„Ich bin James Trevenen“, stellte er sich ohne Umschweife vor.

Die Überraschung stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Hastig schlüpfte sie in den Schuh, stand auf und legte die Schürze ab.

Sie war schlank und vollbusig. Frauen mit großen Brüsten gefielen ihm. Noch mehr gefielen ihm ihre Augen, groß und braun und warm leuchtend, die einen faszinierenden Kontrast zu ihrem dunkelblonden Haar und dem hell schimmernden Teint bildeten.

Er verneigte sich, und sie versank in einen Knicks. „Ich bin hocherfreut, die Familie Park kennenzulernen“, erklärte er an Mutter und Sohn gerichtet. „Ihr Butler ließ mich wissen, dass Sie mich erwarten.“

Susannah nickte, beugte sich zu ihrem Sohn hinab und flüsterte ihm etwas zu. Noah sauste den Kiesweg zwischen den tropischen Pflanzen entlang und kam mit einem Hocker zurück. Seine Mutter lud den Besucher ein, sich zu setzen.

James betrachtete das Blatt auf der Staffelei. Stiel und Blätter einer blühenden Pflanze waren fertig. Auf einer zweiten Staffelei stand ein Karton, an dem das Original festgesteckt war. Er kannte die Pflanze, ohne ihren Namen zu wissen. „Diese Blume gab es auch auf meiner Insel.“ Er lachte leise. „Und ich weiß, dass sie abscheulich schmeckt und ich hinterher zwei Tage hohes Fieber hatte.“

Susannah neigte sich ihm lachend zu. „Aber wieso in aller Welt kamen Sie auf die Idee, sie zu essen?“

„Ich habe jede Pflanze auf der Insel probiert, ob sie essbar ist.“

Ihre ausdrucksstarken Augen betrachteten ihn mitfühlend. „Sie müssen großen Hunger gelitten haben.“

„Ich hatte ständig Hunger.“ Während er sie beobachtete, fragte er sich, ob sie reagierte wie die meisten Menschen, wenn er über seine Erlebnisse sprach. Manche wechselten das Thema, andere verstummten.

„Wonach schmeckte sie?“, fragte sie stattdessen.

„Schwer zu sagen, ähnlich wie gekochter Kohl, der drei Tage in der Sonne stand“, erklärte er. „Schleimig.“

Sie wandte sich an ihren Sohn. „Hast du gehört, Noah? In Zukunft beschwerst du dich nicht mehr, wenn du deinen Reisbrei aufessen sollst!“

James lachte. „Es gab Zeiten, in denen ich meinen besten Freund für eine Schale Reisbrei verkauft hätte!“

„Wahrscheinlich werde ich doch kein Seefahrer“, erklärte Noah nachdenklich.

„Dann bist du klüger, als ich es war.“

Noah dachte darüber nach und hielt sich am Rockzipfel seiner Mutter fest. „Am Anfang Ihrer Seereise dachten Sie bestimmt nicht, dass sie böse enden wird, nicht wahr?“

Ein kluges Bürschchen, dachte James beeindruckt. „Du hast ganz recht, Noah“, entgegnete er. „Es ist wahrscheinlich besser, dass wir zu Beginn eines Abenteuers nicht wissen, was uns am Ende erwartet, sonst würden wir wohl kein Wagnis eingehen.“

Sanft befreite Susannah ihren Rock aus Noahs kleiner Faust. „Ich muss Ihnen widersprechen, Mr. Trevenen“, erklärte sie. „In meinem Leben gibt es Dinge, die ich wieder tun würde, auch wenn ich den Ausgang gekannt hätte.“

Er dachte an die Gloriosa Jubilate und ihre Folgen. „Sie mögen recht haben, Madam. Ohne das Schiffsunglück und meine kleinen Krabben wäre ich jetzt jedenfalls nicht in Richmond.“

„Und Sie hätten uns nicht kennengelernt“, meldete Noah sich zu Wort.

„Ach Noah. Ich glaube nicht, dass wir Fremde zu Begeisterungsstürmen hinreißen“, sagte Susannah und wandte sich wieder an James. „Ich freue mich jedenfalls, dass Sie bei uns sind. Noah und ich wollten einen Spaziergang nach Spring Grove machen, wo mein Patenonkel wohnt.“ Sie machte eine einladende Geste. „Er freut sich darauf, Sie kennenzulernen.“

„Aber er weiß doch gar nichts über mich“, entgegnete James verdutzt.

„Er ist Sir Joseph Banks und wäre Ihr Gastgeber, wenn seine Gicht ihm nicht so sehr zu schaffen machen würde.“

James entsann sich des Schreibens. „Natürlich. Sie müssen mich für einen Dummkopf halten.“

„Ganz im Gegenteil. Ich habe nämlich Ihre Abhandlung gelesen und bin mit meinem Vater einer Meinung, der ihr Manuskript als ‚das Meisterwerk eines Genies‘ bezeichnet.“ Sie lächelte. „Sie müssen uns verzeihen, aber wir erwarteten einen wesentlich älteren Herrn.“

„Achtundzwanzig, Mrs. Park“, sagte er munter. „Und keineswegs ein Genie. Lediglich ein Mann, der in den letzten Jahren sehr viel Zeit hatte.“

Susannah ordnete kleine Farbtöpfe in einen Malkasten, für Noah offenbar das Zeichen zum Aufbruch. „Da wir von Meisterwerken sprechen, wie alt ist Ihr Sohn?“, fragte James, nachdem Noah aus dem Gewächshaus gehopst war.

„Sechs“, antwortete sie. „Ein aufgeweckter Junge, nicht wahr?“

„Das kann man wohl sagen. Als ich mich dem Gewächshaus näherte, stellte er sich breitbeinig vor den Eingang, als wolle er Sie beschützen. Ein tapferer kleiner Held, Mrs. Park.“

„Ja, wir haben nur uns beide“, sagte sie schlicht und griff nach ihrem Cape. „Lassen Sie uns gehen, Mr. Trevenen, es ist nur ein kurzer Spaziergang nach Spring Grove.“

Schweigend folgte er ihr, unschlüssig, wie er die Unterhaltung weiterführen sollte, bis ihm ihre Worte wieder einfielen. „Mrs. Park, Sie sagten, Sie haben meine Abhandlung gelesen. Darf ich fragen, warum?“

„Denken Sie, ich könnte eine wissenschaftliche Arbeit nicht verstehen, Sir?“ Ihre Frage klang nicht ungehalten, in ihrer Stimme schwang eher ein belustigter Unterton.

„Gottbewahre, nein, Ma’am“, versicherte er. „Ich hoffe lediglich, meine armseligen Bemühungen, die Lebensweise einer bislang unbekannten Gattung kleiner Krustentiere zu erforschen, haben Sie nicht zu Tode gelangweilt.“

„Im Gegenteil, ich fand die Lektüre spannend, Sir.“

James spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. „Ich erröte wie eine schamhafte Jungfer“, scherzte er. „Ich bin nämlich nicht an Schmeicheleien gewöhnt, Mrs. Park.“

„Ich fürchte, Sie sind auch nicht mehr an die Gesellschaft anderer Menschen gewöhnt“, entgegnete sie. „Was hat Ihnen am meisten gefehlt? Andere Menschen oder genug zu essen zu bekommen?“

Das hatte er nun davon. Erst vor ein paar Stunden im Gasthaus hatte er sich vorgenommen, nie von seiner Verbannung zu sprechen, und schon musste er Fragen beantworten. Mrs. Park schien sogar ehrlich interessiert zu sein.

„Manchmal sehnte ich mich danach, eine menschliche Stimme zu hören. Und dann wieder wünschte ich mir nichts mehr, als eine Schüssel Haferbrei zu verschlingen.“ Er spürte, wie seine Gesichtsröte sich vertiefte. „Sie müssen mich für einen Narren halten.“

„Wohl kaum“, sagte sie. „Hier ist der Zaunübertritt. Noah, gib mir deine Hand.“

Ihr Sohn stieg über den niedrigen Zaun und streckte seiner Mutter die Hand entgegen. Als sie die Röcke raffte, erhaschte James einen Blick auf ihre schlanken Fesseln. Er ignorierte den Übertritt und sprang über den Zaun.

Bewundernd sah Noah ihm zu. „Wenn ich älter bin, mache ich das auch.“

„Davon bin ich überzeugt“, meinte James und blickte in die Ferne. „Ist das Spring Grove?“

Auf einer flachen Erhebung thronte ein ansehnliches Herrenhaus. Über den gepflegten Rasen davor lief ihnen ein riesiger schwarzer Hund entgegen, dessen Schnauze bereits ergraut war. Noah sauste voraus und begrüßte den Hund überschwänglich. Susannah beobachtete die Szene mit leiser Wehmut.

„Alle Bewohner in Spring Grove sind alt und grau, einschließlich Neptun“, erklärte sie ihrem Begleiter. „Nur der Butler Barmley ist unter fünfzig.“

Noah rannte im Zickzack über den Rasen, während Neptun ihm hechelnd folgte. „Mein Sohn ist ein wahrer Wirbelwind, er hopst ständig herum, bis er vor Müdigkeit umfällt.“

James dachte an seine Kindheit. „Schicken Sie ihn zur See“, riet er. „Ich erinnere mich an einen zehnjährigen Matrosen, der bereits mit einem Sextanten umgehen und die Entfernung zwischen Teneriffa und Lissabon berechnen konnte.“

„Waren das etwa Sie?“, fragte Susannah.

„Ja, ich.“ Ihr entsetztes Gesicht beunruhigte ihn und erinnerte ihn an die langen Briefe seiner Mutter, die in beinahe jedem Hafen auf ihn gewartet hatten. Er hatte sie immer wieder gelesen und sich damit in den Schlaf geweint. Die kleinen Matrosenanwärter, die es in jenen frühen Jahren auf See am leichtesten hatten, waren die Waisen. Nach drei oder vier Jahren hatte sich auch sein Heimweh gelegt.

„Vielleicht wird er einmal ein Wissenschaftler wie Sir Joseph, Mrs. Park“, murmelte er. „Sehen Sie nur, Noah bleibt an jedem Maulwurfshügel und jedem Astloch stehen.“

Auch Susannah war stehen geblieben. „Sie fuhren bereits als Zehnjähriger zur See?“

„Genauer gesagt, als Achtjähriger“, antwortete er. „Die Trevenens sind seit jeher Seefahrer. Damals hatte ich noch einen älteren Bruder, der den Familienbesitz erben sollte. Wie sich herausstellte, führte ich trotz feuchtem Schiffszwieback und fauligem Wasser ein gesünderes Leben als er.“

„Mein Gott“, flüsterte sie, da sie begriff, was er damit meinte. „Haben Ihre Eltern Sie nach dem Tod Ihres Bruders nicht zurückgeholt?“

Er schüttelte den Kopf. „Damals war ich zehn und an mein Leben auf See gewöhnt, genau wie meine Eltern, nehme ich an.“

„Ich könnte niemals …“ Sie stockte. „Damit will ich keine Kritik an Ihren Eltern üben, Mr. Trevenen. Du liebe Güte, Sie halten mich gewiss für taktlos.“

„Aber nein, wo denken Sie hin, Mrs. Park?“, widersprach er energisch. „Nicht jeder Mann eignet sich zum Seefahrer. Aber mir gefiel dieses Leben.“

Sie näherten sich dem Herrenhaus von der Rückseite, schlenderten durch einen geometrisch angelegten Garten nach französischem Vorbild, in dem ein paar Gärtner die Beete für den Winter vorbereiteten. Alle hoben die Köpfe und winkten Susannah und Noah zu. Die beiden erfreuen sich allgemeiner Beliebtheit, wie ich sehe, dachte James, und auch ich finde sie ausgesprochen sympathisch, obgleich ich sie noch keine halbe Stunde kenne.

Eine Frage, die ihn schon während der Fahrt von Cornwall nach London beschäftigt hatte, kam ihm nun wieder in den Sinn. „Mrs. Park, wissen Sie vielleicht, warum Ihr Patenonkel mich bereits zwei Wochen vor der Verleihung der Copley-Medaille zu sich eingeladen hat?“

Susannah runzelte die Stirn. „Ich bin mir nicht sicher, Mr. Trevenen, aber ich nehme an, er will mit Ihnen über die Südsee reden.“

„Ich fürchte, meine Geschichten sind weniger unterhaltsam als langweilig. Das Thema wäre gewiss an einem, höchstens zwei Abenden erschöpft.“ Er neigte sich ihr zu und hoffte, nicht zu vertraulich zu wirken. „Ich kann ihm alle Pflanzen aufzählen, die ich gekaut und wieder ausgespuckt habe, und etwa fünfhundert Arten, Kokosnüsse zuzubereiten.“ Er hob die Hände in einer hilflosen Geste. „Seeleute sind keine großen Redner, Mrs. Park.“

„Unsinn.“

„Sie sind zu gütig.“ James machte eine Pause. „Niemand verehrt Sir Joseph Banks und unseren großen Captain Cook mehr als wir Seefahrer.“ Er merkte selbst, dass seine Worte beinahe wie die eines ehrfürchtigen Kindes klangen.

„Wenn Sie fünf Jahre auf einer gottverlassenen Insel überlebt haben, brauchen Sie keine Angst vor Sir Joseph zu haben.“

Und so war es auch. James wusste nicht, was er erwartet hatte, gewiss aber keinen beleibten, an den Rollstuhl gefesselten alten Mann, der sehr leidend wirkte; nur seine dunklen Augen glänzten wach und lebendig.

Susannah stellte den Gast ihrem Patenonkel vor, und James war gerührt von der liebevollen Verehrung in ihrer Stimme.

Er verneigte sich. „Sir Joseph, Sie kennenlernen zu dürfen, ist mir eine größere Ehre als die Auszeichnung der Copley-Medaille. Ich verehre und bewundere Sie seit vielen Jahren.“

Der alte Herr neigte den Kopf beinahe unmerklich zu einem Stuhl in der Nähe. „Nehmen Sie Platz, Lieutenant.“ Mit einem Blick zu seinem Patenkind fügte er hinzu: „Susannah, sag Dorothea Bescheid, dass wir eine kleine Erfrischung wünschen.“

Susannah drückte Sir Joseph einen Kuss auf die Stirn und verließ das Zimmer.

Der große Forscher und Wissenschaftler schwieg einen Moment, und James war zu beeindruckt, um die Stille in dem sonnendurchfluteten Salon zu brechen. Schließlich sah sein Gastgeber ihn an. „Lieutenant Trevenen – Verzeihung, Mr. Trevenen –, ist sie nicht ein Schatz?“

James hoffte, seine Verblüffung wäre ihm nicht allzu deutlich ins Gesicht geschrieben. „Ja … in der Tat, Sir Joseph.“ Als der alte Herr schwieg und ihn lediglich mit belustigt funkelnden Augen musterte, stotterte James weiter: „Ich … ich wundere mich nur, wieso eine so bezaubernde junge Frau nicht wieder geheiratet hat.“

Was rede ich denn da? fragte er sich peinlich berührt.

Sir Joseph hatte die Güte, keine Bemerkung über seine Verlegenheit zu machen. „Vielleicht wird Sie es Ihnen erzählen, Mr. Trevenen. Darf ich Sie James nennen?“

„Aber gerne, Sir“, antwortete er schüchtern wie ein frischgebackener Kadett.

„Gut, James. Ich halte nicht viel von Förmlichkeiten. Sie haben eine ausgezeichnete Abhandlung verfasst.“

„Vielen Dank.“

Wieder schwieg der alte Herr und musterte ihn prüfend. „Wahrscheinlich fingen Sie an zu schreiben, um nicht wahnsinnig zu werden.“

James stutzte. „Woher wissen Sie das, Sir?“

„Ich kenne diese Inseln. Sie sind wunderschön anzusehen, aber tödlich, wenn man dort gestrandet ist. Bereits nach einigen Wochen auf Otaheite fragte ich mich, ob das Paradies wirklich ein Ort ist, nach dem wir uns sehnen sollten.“

Die beiden Männer tauschten wissende Blicke.

„Sir Joseph, wollen Sie tatsächlich in den nächsten zwei Wochen Erinnerungen an die Südsee mit mir austauschen?“

„Nur zum Teil“, antwortete der alte Herr. „Meine Expeditionsreise mit Captain Cook war die größte Herausforderung meines Lebens, verbunden mit großen Strapazen, und dennoch hatte ich immer den Wunsch, in die Südsee zurückzukehren. Ich will natürlich alles über Ihre Abenteuer erfahren und …“ Er hielt inne und musterte James wieder prüfend. „Und außerdem will ich, dass Sie etwas für mich tun.“

„Alles, was in meiner Macht steht, Sir.“

„Ich will, dass Sie meine Patentochter heiraten.“

„Wie bitte?“ James glaubte, sich verhört zu haben. „Sir?“

„Mir bleiben nicht mehr viele Jahre, um große Umstände zu machen“, antwortete Sir Joseph seelenruhig und betrachtete James nachsichtig über seine lange Nase hinweg. „Hoffentlich habe ich Sie nicht in Ihren Grundfesten erschüttert. Sie scheinen mir ein anpassungsfähiger Mann zu sein.“

„Anpassungsfähig?“ James machte nicht den Versuch, sein Befremden zu verbergen. „Ich bin zwar kein Experte, Sir – weit davon entfernt –, aber eine Ehe erfordert mehr als … Anpassungsfähigkeit.“

„Nicht unbedingt. Im Übrigen werden Sie sich mit der Zeit an den Gedanken gewöhnen“, antwortete der alte Herr rätselhaft. „Liebe hilft natürlich, aber sind Sie sich eigentlich bewusst, wie Sie meine Patentochter angesehen haben?“

„Wer würde Mrs. Park nicht bewundern?“, versuchte James sich zu verteidigen.

„Leider zu viele Männer“, entgegnete Sir Joseph trocken. „Sie haben ja keine Ahnung, wie viele Einfaltspinsel in diesem Land herumlaufen.“

Das kann doch nicht sein Ernst sein, dachte James erschrocken. Wie soll ich diesem Sturkopf mit vernünftigen Argumenten beikommen? Vorsichtig lenkte er vom Thema ab. „Mrs. Park sagte mir, ihr Vater hält meine Abhandlung für das ‚reife Meisterwerk eines Genies‘.“

„Das stimmt“, lautete die gelassene Antwort. „Selbst Watchmere hat gelegentlich wache Momente.“

„Nun, das Wort reif weist auf ein gewisses Alter hin. Und Sie hielten mich für einen fünfzigjährigen Mann! Sie hätten sich doch sicher keinen … keinen Methusalem als Ehemann für ihre Patentochter gewünscht!“

Sir Joseph verschränkte seine wulstigen Finger über seiner Leibesfülle. „Nach der Lektüre Ihrer Abhandlung nahm ich Verbindung mit den Lords der Admiralität auf und ließ mir eine Abschrift Ihrer Dienstpapiere als Marineoffizier schicken. Wenn ich mich recht entsinne, werden Sie im Mai nächsten Jahres achtundzwanzig.“

„Neunundzwanzig. Ich werde neunundzwanzig.“

„Das ist immer noch jung.“

„Wenn Sie mein Dienstregister gelesen haben, wissen Sie, dass ich ein Mörder bin!“ Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, wurde ihm klar, wie absurd sie klangen. Draußen im Korridor näherten sich Schritte. „Sie wissen gar nichts über mich!“

„Im Gegenteil. Seit der Lektüre Ihrer Arbeit über die Gloriosa Jubilate weiß ich alles über Sie. Sie sind tapfer, intelligent, geistreich und fantasievoll, vielleicht sogar weise, obwohl ich mir über den letzten Punkt nicht sicher bin.“ Sir Joseph nickte ihm gütig zu. „Das ist nur eine Vermutung, junger Mann.“

James wusste nicht, wieso er sich weiter auf dieses sinnlose Gespräch einließ. Die Schritte wurden lauter, und er dämpfte die Stimme. „Mrs. Parks Vater hält mich offenbar für einen Greis, deshalb hat er ihr den Auftrag gegeben, sich um mich zu kümmern“, flüsterte er. „Er wird seine Meinung ändern, wenn er mich sieht. Und ich werde gar keine Gelegenheit haben, sie näher kennenzulernen.“ Er errötete. „Vorausgesetzt, ich würde mich auf Ihr Ansinnen einlassen!“

„Sie kennen Lord Watchmere nicht. Er ist der verrückteste Mensch, der mir je begegnet ist. Er wird seine Meinung nicht ändern.“ Der alte Herr seufzte. „Sie haben zwei Wochen Zeit. Sehen Sie auch zu, was sie für Susannahs Schwester Loisa tun können. Und lassen Sie die Tukane frei. Sie machen Noah Angst.“

Die Tür wurde geöffnet. „Wie schön, meine Liebe! Du bringst uns Erfrischungen. Barmley soll ein Fenster öffnen. Ich fürchte, unserem Gast ist warm geworden.“

Zwei Wochen, dachte James voller Entsetzen, als Susannah eintrat. Etwas an der gelassenen Art der schönen Frau beruhigte ihn allerdings.

Die Bibel will uns glauben machen, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschuf, überlegte er; vermutlich geschehen merkwürdigere Dinge auf Erden als das Wunder, dass zwei Menschen sich in zwei Wochen ineinander verlieben.

Er dachte an sein allgegenwärtiges Phantom. Er durfte das Wagnis gar nicht eingehen, sich zu verlieben.

4. KAPITEL

Susannah hatte den Eindruck, Mr. Trevenen wirke nicht nur erhitzt, sondern auch ziemlich verstört. „Gewiss“, sagte sie und nickte Barmley zu, der sich beeilte, das Fenster zu öffnen. „Mr. Trevenen, Sie sehen tatsächlich erhitzt aus. Lockern Sie getrost Ihre Krawatte, wenn sie Ihnen zu eng sitzt.“

Wortlos lockerte er die Halsbinde, während Susannah sich an ihren Paten wandte. „Sir Joe, hast du unseren Gast etwa einem Verhör unterzogen?“

Womit mochte er den armen Kerl nur verwirrt haben, fragte sie sich, während sie eine Tasse Tee auf den Tisch neben den Rollstuhl stellte und James, der ans offene Fenster getreten war, eine zweite brachte.

Sie versuchte, ihn ein wenig aufzuheitern. „Mr. Trevenen, seien Sie froh, dass Sie ein Fremder in diesem Haus sind. Vor zwei Jahren traf mein Patenonkel die Entscheidung, ich sei nun lange genug Witwe. Damals gab es einen schüchternen jungen Herrn, der mir gelegentlich seine Aufwartung machte. Und stellen Sie sich vor, Sir Joe forderte ihn auf, mir einen Heiratsantrag zu machen!“ Sie lachte. „Der Bedauernswerte ergriff mit wehenden Rockschößen die Flucht.“

„Dieser kleinliche Pedant hätte dich bereits nach einer Woche in den Wahnsinn getrieben“, stellte Sir Joseph seelenruhig fest. „Nein, meine Liebe, du brauchst einen anpassungsfähigen Mann.“

Susannah hörte, wie James’ Tasse auf der Untertasse klirrte. „Liebster Patenonkel, wir wollen unsere exaltierten Scherze doch nicht mit einem Gast treiben, der uns kaum kennt und uns vielleicht für normal hält!“ Sie wandte sich an James. „Mr. Trevenen, achten Sie nicht auf das, was mein Onkel gesagt hat!“

„Gewiss“, antwortete er höflich und holte tief Luft.

Susannah hielt sich stumm im Hintergrund, während die Herren sich unterhielten. In den Jahren nach ihrer schmachvollen Rückkehr aus Indien, mit dem Kind ihres verstorbenen Ehemanns, hatte sie gelernt, sich unsichtbar zu machen, was ihr nun den Vorteil verschaffte, James ungestört beobachten zu können.

Sie wusste, dass er seinen Abschied aus der Marine genommen hatte, aber das Gebaren eines Seefahrers hatte er beibehalten. Er stand breitbeiniger da als sogenannte Landratten, einen Fuß vorgestellt, wie zum Sprung bereit, um sich in Sicherheit zu bringen, falls plötzlich Gefahr drohte.

Er war von mittlerer Statur und stämmig gebaut. Seit seiner Rückkehr von der Insel schien er gut und regelmäßig gegessen zu haben, dennoch wirkte er immer noch irgendwie ausgehungert. Die Haut spannte sich über hohe Wangenknochen seiner markant geschnittenen Gesichtszüge. Er hatte grüne Augen, jenes tiefe Grün des Meeres, woran sie sich von der Schiffsreise nach Indien entsann. Sein brünettes Haar schien kürzlich geschnitten worden zu sein, als habe sein Kammerdiener – vorausgesetzt, er hatte einen Diener – ihm vor der Reise einen Haarschnitt verpasst, der allerdings weit entfernt von der modischen Haartracht eines eleganten Herrn war.

Nichts an James Trevenen konnte als ungewöhnlich bezeichnet werden, bis auf die Farbe seiner Augen. Aber seine Haltung, sein ganzes Erscheinungsbild vermittelte den Eindruck, dass er über Durchsetzungsvermögen verfügte. Er wirkte wie ein Mann der Tat.

Sir Joseph war inzwischen verstummt, und Susannah berührte leicht James’ Arm. „Wir sollten das Gespräch besser auf einen anderen Tag verschieben.“

James nickte und verneigte sich vor ihrem Patenonkel. „Lassen Sie mich wissen, wenn Sie über die Südsee sprechen wollen, Sir Joseph, ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung.“

Susannah gab dem alten Mann einen Abschiedskuss auf die Wange, und Barmley hielt die Tür auf. „Ich muss meinen Sohn holen“, sagte sie im Korridor, „und will Ihnen Lady Dorothea und Miss Sophia, Sir Josephs Schwester, vorstellen. Die Damen würden Noah mit Süßigkeiten füttern, bis er platzt. Zum Glück schläft er meist vorher ein.“

Noah schlief tatsächlich in einem Schaukelstuhl, mit einem mit Schokolade verschmierten Mund und Kuchenkrümeln auf dem Hemd. Auf einem Sofa saßen die Damen von Spring Grove, wie gewöhnlich mit einer Schiffchenarbeit beschäftigt, einer Zierknüpftechnik, mit der sie zarte Spitzendeckchen, kleine Kragen und Bordüren für Taschentücher anfertigten.

„Mr. Trevenen, darf ich Ihnen meine Patentante Lady Dorothea Banks und ihre Schwägerin Miss Sophia Banks vorstellen? Meine Damen, dies ist Mr. James Trevenen, der in diesem Jahr mit der Copley-Medaille ausgezeichnet wird.“

Der Gast verneigte sich ehrerbietig vor den Damen des Hauses, während Susannah Noah weckte und ihm die Schokoladenreste vom Mund wischte. „Zeit zu gehen, mein Schatz, nachdem du alle Makronen gegessen hast.“

„Nur drei, Mama“, behauptete er gähnend.

Spielerisch legte sie ihm die Hand an die Stirn. „Du scheinst nicht krank zu sein. Wieso diese Zurückhaltung?“

Mit einem Achselzucken rieb er seine bestrumpften Füße am Fell des alten Hundes, der ihm zu Füßen lag. „Eine habe ich an Neptun verfüttert.“

„Er ist ohnehin zu dick und soll keine Süßigkeiten fressen“, ermahnte sie ihn mit leisem Vorwurf. Sie warf James einen Seitenblick zu, der dankend eine Schokoladenmakrone von der Gastgeberin entgegennahm. In stiller Belustigung beobachtete sie, wie er zwei weitere Markronen heimlich in die Tasche seines Gehrocks schob.

Susannah plauderte mit den Damen, bewunderte ihre Schiffchenspitzen, bis der Diener ankündigte, die Kalesche sei vorgefahren. Sie nickte in James’ Richtung. „Nach jedem Besuch in Spring Grove werden wir mit der Kutsche nach Hause gebracht.“

„Selbstverständlich“, sagte Lady Dorothea, ohne von dem Schiffchen aufzublicken, mit dem sie die Seidenfäden zu Knoten und Ösen schlang. „Es ist spät geworden.“ Dann warf sie dem Gast einen strahlenden Blick zu. „Und Sie, Mr. Trevenen, sind gewiss noch ermattet von den vielen Jahren, die Sie ausschließlich in der Gesellschaft von Krabben zugebracht haben.“

Dankenswerterweise ließ James sich nicht einmal durch ein Blinzeln sein Erstaunen über diese seltsame Logik anmerken. Er verneigte sich höflich und bedankte sich für die Gastfreundschaft. Susannah glaubte zwar, ein leises Zucken um seine Mundwinkel wahrzunehmen, aber offenbar war er ein Mann, den nichts so schnell aus der Fassung bringen konnte.

Der treue Neptun begleitete die Gäste bis zu den Stufen vor dem Portal, als sei er sich seiner Rolle als Gastgeber wohl bewusst. Zur Susannahs Erheiterung nahm er auf James’ Stiefelspitzen Platz, der den alten Hund freundlich tätschelte, worauf Neptun sich mit wohligen Brummen auf den Rücken legte.

„Sie haben einen Freund gewonnen, Sir“, sagte Susannah.

Lachend ging James in die Hocke und kraulte Neptuns Bauch. „Sei froh, dass du nicht mit mir auf der Insel warst“, murmelte er. „Wahrscheinlich hätte ich dich schon in der ersten Woche aufgegessen.“

„Nicht später?“, neckte Susannah.

„Ich fürchte nicht. Einsamkeit ist vermutlich leichter zu ertragen als Hunger.“

Auf der Fahrt schwieg Susannah, da Noah für gewöhnlich noch einmal einnickte. Auch diesmal enttäuschte er sie nicht. Die Lider wurden ihm schwer, und dann legte er seufzend den Kopf in ihren Schoß.

Verstohlen warf sie James einen Seitenblick zu, der aufrecht neben ihr saß und mit gefurchter Stirn hinausschaute. Nichts Ungewöhnliches, diese Anspannung bei einem Mann, der täglich gezwungen war, Beute zu jagen, um nicht zu verhungern, überlegte Susannah und dachte an die Makronen, die er sich heimlich in die Tasche gesteckt hatte. Wenigstens war die Jagd mittlerweile einfacher geworden.

Um ihm die Befangenheit zu nehmen, sagte sie: „Mr. Trevenen, ich weiß zwar nicht, was mein Onkel von Ihnen verlangt hat, aber ich versichere, was auch immer es sein mag …“ Plötzlich geriet sie in Verlegenheit und stockte mitten im Satz.

Den Blick auf Noah gerichtet, meinte James leise: „Er fragte mich, ob ich etwas wegen der Tukane tun könne. Er sagte, sie machen Noah Angst.“

„Ja. Wir haben alle Angst vor den Vögeln. Nur gut, dass man die Eingangshalle verschlossen halten kann.“ Sie strich ihrem Sohn über die Stirn. „Noah fürchtet sich davor, dass er eines Nachts aufwacht und die Tukane am Fußende seines Bettes hocken.“

„So etwas würde jeden kleinen Jungen erschrecken“, bekräftigte James und blickte wieder in die zunehmende Dämmerung.

Seinem Gesichtsausdruck entnahm sie, dass ihn noch etwas anderes beschäftigte. „Sprechen Sie weiter, Mr. Trevenen“, forderte sie ihn auf.

„Sir Joseph will außerdem, dass ich etwas für Loisa tue.“ Er beugte sich vor. „Ihre Schwester?“

„Ja. Loisa ist siebenundzwanzig und wartet immer noch vergeblich auf einen Verehrer. Sie gibt mir die Schuld an ihrem Unglück.“

„Wieso in aller Welt …“, begann er und presste die Lippen aufeinander.

„… sollte ich Schuld daran haben?“, vollendete sie den Satz. „Das ist eine lange Geschichte, Mr. Trevenen.“

„Wären zwei Wochen ausreichend, sie mir zu erzählen?“, fragte er.

Sie hatte ihre Meinung so lange für sich behalten, dass ihr das Schweigen zur zweiten Natur geworden war. Einen winzigen Moment lang geriet sie in Versuchung, diesem Fremden ihre ganze Last zu Füßen zu legen, doch dann fasste sie sich wieder.

„Ein alter Familienstreit“, antwortete sie knapp. „In mancher Hinsicht hat sie ja auch recht.“

Zu ihrer Erleichterung hakte er nicht nach, sondern murmelte nur: „Ja, die Familie.“

Als die Kutsche in die Auffahrt zum Haus ihres Vaters einbog, wachte Noah auf und streckte sich. „Besuchen wir Spring Grove morgen wieder?“, fragte er schlaftrunken.

„Das hängt von Mr. Trevenens Plänen ab, mein Sohn“, erklärte sie. „Wir haben nämlich den Auftrag, ihn während seines Aufenthalts in London zu begleiten.“

Mit ernster Miene wandte der Junge sich nun an James. „Lady Dorothea und Miss Sophia sagten mir, dass die Makronen zu hohen Bergen anwachsen, wenn ich sie nicht esse.“

„Aber Noah! Damit wollen sie dich nur necken“, erklärte seine Mutter lachend.

Noah schüttelte entschieden den Kopf. „Das würden sie niemals tun, Mama.“

Liebevoll fuhr sie ihm durchs Haar. „Dummerchen! Damit haben sie mir auch gedroht, als ich noch ein Kind war.“

Noahs Augen weiteten sich. „Aber Mama, stell dir nur vor, wie hoch die Berge gewachsen sein könnten, seit du klein warst!“

James lachte laut, während sich die Kutsche dem Halbrund vor dem Portal näherte. „Ich hoffe, Ihre Eltern fühlen sich durch meine Anwesenheit nicht zu sehr gestört“, sagte er. „Ich hätte in einem Hotel absteigen können, aber nach meiner Inseleinsamkeit fühle ich mich in Gesellschaft wohler.“

„In meiner Familie lebt jeder in seiner eigenen Welt, und alle sind mit ihren eigenen kleinen Nöten beschäftigt. Es würde ihnen nicht einmal auffallen, wenn Sie grüne Haare hätten“, erklärte Susannah scherzend.

Er wirkte überrascht. „Ist das in allen Familien so?“

„Jedenfalls in meiner“, entgegnete sie trocken. „Gibt es in Ihrer Familie denn keinen Exzentriker?“

„Nicht, dass ich wüsste“, antwortete er achselzuckend. „Ich kam schon in sehr jungen Jahren zur Marine. Vermutlich habe ich eine allzu romantische Vorstellung vom Familienleben.“

Dumme Gans, schalt sie sich, ich habe wenigstens eine Familie, auch wenn ich mir manchmal vorkomme wie in einem Irrenhaus. „Tut mir leid.“

Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Keine Ursache. Was man nicht kennt, vermisst man schließlich nicht, oder?“

Noah blickte ängstlich zum Portal. „Müssen wir durch die Vordertür ins Haus, Mama?“

„Nein, nein“, beruhigte sie ihn. „Mr. Trevenen, gewöhnlich benutzen wir einen Seiteneingang, um den Tukanen nicht zu begegnen. Es wäre empfehlenswert, wenn Sie dies auch tun, solange Sie bei uns wohnen.“

„Nicht nötig“, entgegnete er munter, als Noah vorausrannte. „Sir Joseph bat mich, die Vögel freizulassen, und das werde ich tun, Mrs. Park. Auf meiner einsamen Insel habe ich gelernt, nichts vor mir her zu schieben. Geben Sie mir einen Tag Zeit, und die Tukane sind nur noch Geschichte.“

„Wie wollen Sie …“

Langsam schüttelte er den Kopf. „Je weniger Sie wissen, desto weniger müssen Sie sich rechtfertigen.“

„Nun ja, wie Sie meinen“, entgegnete sie mit einem verwirrten Lächeln.

„Gut. Kein Einwand. Sie machen mir das Leben leicht. Ich vertraue darauf, dass Sie mir demnächst ein wenig über Loisa erzählen.“

Ihr Lächeln schwand. „Sie ist schon seit Jahren nicht gut auf mich zu sprechen und gibt mir alle Schuld an ihrem Unglück. Ich fürchte, dagegen können auch Sie nichts tun.“

„Vertrauen Sie mir“, entgegnete er gelassen. „Ich habe gelernt, Probleme zu lösen. Von den Tukanen können Sie sich schon mal verabschieden.“

„Der Umgang mit meiner Schwester erfordert das Geschick eines Diplomaten“, sagte sie.

Noah stand bereits wartend am Seiteneingang. Zu ihrer Überraschung forderte James ihn auf, ins Haus zu gehen.

„Wir kommen gleich nach, mein Junge“, rief er ihm zu. Er zögerte einen Augenblick zu lang, bevor er das Wort wieder an sie richtete, und plötzlich wusste sie, was er sagen wollte. Sir Joe, dachte sie in hellem Entsetzen, warum hast du das getan?

„Mein Patenonkel wünscht, dass Sie mich heiraten“, erklärte sie, bevor James die richtigen Worte fand.

Er nickte. „Er sprach diese Bitte so gelassen aus, als gebe er mir Anweisung, die Zimmerpflanzen zu gießen. Stell diesen Trevenen einfach vor vollendete Tatsachen, bevor er Zeit hat, nachzudenken … so ungefähr.“

„Es tut mir furchtbar leid“, sagte Susannah zerknirscht.

Verwirrt sah er sie an. „Sie sind gewiss eine wunderbare Frau, aber ich bleibe nur zwei Wochen. Ich könnte mich zwar irren, aber meiner Meinung dauert es ein wenig länger, bis zwei Menschen sich verlieben und beschließen zu heiraten.“

„Sir, es gibt Menschen, die sich auf den ersten Blick verlieben“, entgegnete sie, ohne nachzudenken.

„Aber nur im Roman“, wandte er rasch ein.

Gut, dachte Susannah beruhigt, demnach haben wir beide nichts vom anderen zu befürchten. Sie würde ihn durch London begleiten, ihm alle Sehenswürdigkeiten zeigen und ihn anschließend erleichtert nach Cornwall reisen lassen.

Spontan streckte sie ihm die Hand entgegen, die er ohne Zögern nahm. „Abgemacht, Sir“, erklärte sie. „Wir würden meinen Patenonkel nur beunruhigen, wenn wir ihm von diesem Gespräch erzählen. Es bleibt unter uns. Soll er getrost seinen Spaß haben!“

James hob ihre Hand und berührte sie – beinahe – mit den Lippen. „Einverstanden, Madam.“

Susannah lächelte, während James ihr die Tür öffnete und ihr den Vortritt ließ. „Zuerst die Tukane, Mr. Trevenen“, sagte sie leise. „Und dann Loisa.“

5. KAPITEL

Die Sache mit den Tukanen ist so gut wie erledigt“, versprach er seiner reizenden Gastgeberin zuversichtlich. Soweit er die Lage beurteilte, würde Lord Watchmere ihn allerdings eigenhändig aus dem Haus werfen, wenn er seinen geliebten Tieren auch nur ein Federchen krümmte.

James hatte nichts für Vögel übrig. Das Federvieh auf seiner Insel war zu klug gewesen, um in seine unbeholfen aufgestellten Fallen zu gehen, wodurch er gezwungen war, sich vorwiegend von Fisch und Krustentieren zu ernähren.

Gemeinsam mit Susannah ging er zur Treppe. Die geschlossene Tür zu seiner Rechten musste in die Halle führen, in der die Tukane herrschten. Er blieb stehen.

„Jetzt gleich?“, fragte Susannah verdutzt.

„Ich gehöre nicht zu denen, die auf den perfekten Moment warten“, erklärte er. „Will man ein Problem lösen, tut man es.“

„Haben Sie das auch auf Ihrer Insel gelernt?“

„Schon früher. Wenn einem das Wasser bis zum Hals steht bei einem Schiffsunglück, bleibt nicht viel Zeit, große Überlegungen anzustellen.“

Sie schürzte die Lippen. „Mr. Trevenen, Sie sind ein Mann der Tat, und ich bin ein Drückeberger. Ich weiß zwar nicht, was Sie vorhaben, um meinem Sohn die Angst vor den Tukanen zu nehmen. Aber nur zu, ich folge Ihnen!“

Ihr Mut gefiel ihm, aber er schüttelte den Kopf. „Nein, Mrs. Park. Ich schlage vor, Sie begeben sich mit Noah nach oben. Dies ist meine Aufgabe.“

„Wie Sie meinen“, sagte sie nach kurzem Zögern. „Wir essen um sechs. Schrecklich früh, aber Papa hat nun mal seine Eigenheiten.“ Sie nahm Noah bei der Hand, ging mit ihm nach oben und warf noch einen Blick über die Schulter.

James horchte eine Weile. Während der kurzen Unterhaltung mit Susannah hatte er das Flattern der Vögel gehört. Vermutlich lauerten sie darauf, das Weite zu suchen, sobald die Tür geöffnet wurde.

Reglos stand er da und atmete kaum, wie er es so oft auf seiner Insel getan hatte. Auf seiner ständigen Nahrungssuche war es ihm zur Selbstverständlichkeit geworden, still zu stehen wie ein Baum. Allerdings habe ich nicht erwartet, diese Gewohnheit in London wieder aufzunehmen, dachte er belustigt.

Er hörte das Klappern der Schnäbel und dann das leise Geräusch der Flügelschläge, als die Vögel sich von der Tür entfernten. Schnell riss er die Tür auf und schlug sie schleunigst wieder hinter sich zu.

„Du meine Güte!“, murmelte er und richtete den Blick angewidert auf den mit Vogelkot beschmutzten Parkettboden. Lord Watchmere war offenbar an Exzentrik nicht zu überbieten, so etwas zu dulden. Gegen ein paar Kanarienvögel in einer Voliere hätte James nichts einzuwenden gehabt. Aber wer in aller Welt ließ schon so große Vögel frei fliegen und die elegante Eingangshalle seines Herrenhauses völlig verdrecken?

Die Tukane hatten sich auf ihren römischen Marmorbüsten niedergelassen und beäugten James hasserfüllt, wie ihm schien. Überall auf der dicken Schicht Vogeldreck standen Schalen mit Nüssen und halb verfaultem Obst herum.

„Freunde, ich weiß, was es bedeutet, gefangen zu sein“, erklärte er den Tieren. „Kein Wunder, dass ihr auf jede Gelegenheit lauert, die Flucht zu ergreifen.“ Mit energischen Schritten durchquerte er den Raum und riss das Portal auf. Ohne einen Laut von sich zu geben, breiteten die Vögel ihre Schwingen aus und flogen lautlos wie zwei Schatten an ihm vorbei.

Leichten Herzens schaute er ihnen hinterher. Auch er hatte damals bei seiner Rettung keinen Blick auf seine Gefängnisinsel zurückgeworfen, genau wie die Tukane es jetzt nicht taten.

Er drehte sich nach dem Butler um. „Ich habe sie freigelassen“, erklärte er gelassen.

„Nicht auszudenken, was Lord Watchmere dazu sagt“, brachte der Butler mit brüchiger Stimme hervor.

„Er wird mir danken“, entgegnete James. „Ich gehe nun auf mein Zimmer. Wenn Sie Lord Watchmere sehen, sagen Sie ihm bitte, ich wünsche ihn in einer äußerst dringenden Angelegenheit zu sprechen.“

James schloss die hohe Eingangstür und schaute sich noch einmal um. Nach einer gründlichen Reinigung würde die Halle wieder im alten Glanz erstrahlen. Allerdings wäre es nötig, die Büsten von Julius Cäsar und Oktavian zu entfernen, die durch die ätzenden Exkremente der Vögel bleibende Schäden davongetragen hatten. Er wandte sich wieder an den Butler. „Sagen Sie mir bitte, in welchem Zimmer ich untergebracht bin?“

Der Diener bedachte ihn mit einem verstörten Blick, bevor er sich wieder fasste. „Im ersten Stock, den Flur entlang, die dritte Tür rechts.“

„Vielen Dank. Ich hoffe, bald von Lord Watchmere zu hören.“ Wahrscheinlich wirft er mich durch das geschlossene Fenster, überlegte James. Ein Zimmer im Parterre wäre ihm lieber gewesen.

Im ersten Stock angelangt, änderte er allerdings seine Meinung beim Anblick des Porträts eines schmalbrüstigen Herrn mit einem verträumten Gesichtsausdruck und schütterem Haar. Ein kleines Messingschild unten am Goldrahmen wies den Porträtierten als Lord Watchmere aus.

„Das lässt sich gut an“, sagte James halblaut und betrat summend das ihm zugewiesene Zimmer.

James musste nicht lange auf den Hausherrn warten. Er befand sich gerade im angrenzenden Ankleideraum, wo ein Diener seine zerknitterte Kleidung aufgehängt hatte, als ein markerschütternder Schrei von unten heraufdrang. Dann hörte er, wie ein paar Türen geschlagen wurden, fand es allerdings klüger, sich nicht auf den Korridor zu wagen. Dieses Gespräch sollte unter vier Augen geführt werden. Wenig später polterte jemand eilig die Treppe herauf.

Die Tür wurde aufgerissen und schlug krachend gegen die Wand. Lord Watchmere, der eine große Ähnlichkeit mit dem Gemälde aufwies, stand vor ihm, allerdings hatte sein Gesicht eine Farbe, die von der Natur für ein menschliches Antlitz nicht vorgesehen war. Er trug eine merkwürdige Mütze aus Blättern und Zweigen, die er sich wütend vom Kopf riss und gegen seinen Schenkel schlug, bis die Blätter flatternd zu Boden gingen. Sein grüner Wollumhang war mit Blättern aus Stoff bedeckt.

Ich habe es mit einem Verrückten zu tun, dachte James, während er sich mit ausgesuchter Höflichkeit verbeugte. „Guten Tag, Lord Watchmere, wie ich annehme?“

Der seltsam gekleidete Herr öffnete und schloss den Mund mehrmals. Seine ungesunde Gesichtsfarbe nahm einen beängstigend bläulichen Ton an. Schließlich drohte er mit zitterndem Zeigefinger. „Sie! Sie!“, schnaubte er. „Wie kann ein Gast meines Hauses es wagen, mir so etwas Abscheuliches anzutun?! Wo sind meine Ramphastos Tucani?“

James legte einen Finger an den Mund und schloss leise die Tür. „Ich sah mich gezwungen, rasch zu handeln, Mylord“, erklärte er mit gedämpfter Stimme, um seinen wutschnaubenden Gastgeber zu zwingen, ihm Gehör zu schenken. „Sie waren in großer Gefahr.“

Seine Worte erzielten den gewünschten Effekt. Lord Watchmere ließ die Hand sinken und zog die Stirn in Falten. „Was soll das heißen, Sie unverschämter Kerl?“, knurrte er.

„Es handelt sich nicht um Ramphastos Tucani, sondern um Ramphastos Tucani incogniti, eine völlig andere Vogelart“, erläuterte James und spann sich bedenkenlos eine Lügengeschichte zusammen. „Ich lernte diese Vogelart in Guyana kennen, als wir vor Jahren in einem kleinen Hafen ankerten.“ Er gab einen tiefen Seufzer von sich, der sogar in seinen eigenen Ohren überzeugend klang. „Mylord, ich bin glücklich, rechtzeitig zur Stelle gewesen zu sein.“

Der maßlose Zorn, der Lord Watchmere die Treppe herauf und ins Zimmer hatte stürmen lassen, wich rasch. „Es existiert eine Unterart meiner Tukane?“, fragte er staunend. „Sagen Sie, junger Mann, worin begründet sich Ihre Besorgnis, die Sie veranlasste, meine Vögel freizulassen?“

James warf vorsichtige Blicke um sich. „Wir wollen uns von der Tür entfernen“, schlug er vor und wies auf zwei Lehnstühle vor dem Kamin. „Ich möchte nicht, dass wir belauscht werden. Es handelt sich um ein ausgesprochen heikles Thema.“

Lord Watchmere entledigte sich seines kuriosen Umhangs und ließ ihn achtlos zu Boden fallen. „Sprechen Sie, Mann!“, forderte er ungehalten.

Autor

Carla Kelly
… arbeitete vor ihrer Karriere als Schriftstellerin als Park Ranger für die Nationale Gedenkstätte Fort Laramie. Dieses Fort war ein wichtiger Militärstützpunkt auf dem Weg in den amerikanischen Westen und für viele Siedler der letzte sichere Anlaufpunkt vor den Rocky Mountains. Die vielen Schicksale, die so eng mit diesem historischen...
Mehr erfahren
Bronwyn Scott
Bronwyn Scott ist der Künstlername von Nikki Poppen. Sie lebt an der Pazifikküste im Nordwesten der USA, wo sie Kommunikationstrainerin an einem kleinen College ist. Sie spielt gern Klavier und verbringt viel Zeit mit ihren drei Kindern. Kochen und waschen gehören absolut nicht zu ihren Leidenschaften, darum überlässt sie den...
Mehr erfahren