Historical Exklusiv Band 95

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EINE HÖCHST UNMORALISCHE WETTE von JULIET LANDON
Caterina ist fasziniert. Meisterhaft gleiten Chase Bostons Finger über die Tasten des Klaviers. Hat sie den attraktiven Baronet falsch eingeschätzt? Sein Spiel bringt eine Saite in ihr zum Klingen, von dessen Existenz Caterina bisher nichts ahnte. Alles verzehrende Leidenschaft erfüllt sie. Doch für diese Erkenntnis scheint es zu spät zu sein: Kurz zuvor hat sie seinen Heiratsantrag noch empört abgelehnt …

LORD RANDALLS LETZTER KUSS von SARAH MALLORY
Auch wenn Justin Latymor, Lord Randall, das königliche Regiment befehligt – Mary denkt gar nicht daran, ihm zu gehorchen! Das lässt die junge Lehrerin ihn bei jeder Gelegenheit wissen, während er sie nach Brüssel begleitet, wo er seine Truppe gegen Napoleon anführen muss … Doch als er sie am Vorabend von Waterloo zärtlich küsst, spürt Mary, dass Justin hinter seinem unbeugsamen Willen ein Herz aus Gold verbirgt. Bleibt ihnen etwa nur eine einzige Nacht des Glücks?


  • Erscheinungstag 03.05.2022
  • Bandnummer 95
  • ISBN / Artikelnummer 0859220095
  • Seitenanzahl 512

Leseprobe

Juliet Landon, Sarah Mallory

HISTORICAL EXKLUSIV BAND 95

1. KAPITEL

Erstaunt betrachtete Miss Caterina Chester die Szene im Hof vor den Ställen. Eben war sie mit ihrer Schwester von einem Ausritt heimgekehrt und erwartete nun, dass wie stets voller Eifer ein Pferdeknecht herbeieilen und ihnen beim Absteigen helfen werde. Stattdessen waren sämtliche Burschen damit beschäftigt, mit reichlich Wasser einen hocheleganten Phaeton vom Schlamm zu befreien, während unter dem Vordach des Stallgebäudes ein fremder Groom, ein großes graues Jagdpferd am Zügel haltend, müßig zuschaute. Niemand bemerkte das Kommen der Damen.

„Vater hat Besuch“, meinte Sara.

„Aber das ist Tante Amelies Phaeton“, wandte Caterina ein. „Warum ist er so unglaublich schmutzig? Joseph!“, rief sie. „Was hat das zu bedeuten?“

Erschrocken ließ der Mann den tropfenden Schrubber, mit dem er beim Werk war, sinken und drehte sich um. „Tut mir leid, Miss Chester, ich habe Sie nicht kommen hören.“ Er trocknete sich die Hände an seiner Schürze und wollte Caterina die Zügel abnehmen.

Doch sie wehrte ab und schwang sich schon aus dem Sattel. „Danke. Hilf lieber Miss Sara. Sag, wer war mit dem Phaeton aus?“

„Master Harry. Gestern Abend hat er ’n ausgeborgt und …“

„Was? Ausgeborgt? Ohne zu fragen?“ Verärgert wandte sie sich an Sara. „Weißt du etwas davon?“

„Aber nein! Tante Amelie hatte den Wagen doch dir überlassen und nicht Harry.“

„Joseph, warum hast du mir heute Morgen nichts davon gesagt, als du unsere Pferde gebracht hast?“

Verdutzt erwiderte der Stallknecht: „Ah, ich dachte, Sie wüssten davon, Miss. Master Harry sagte, Sie hätten es ihm erlaubt, und ich sollte mit Anschirren voranmachen. Hat mich richtig gedrängt, so eilig hat er’s gehabt.“

„Was hatte er denn vor?“

„Das hat er nicht gesagt, Miss. Aber bestimmt wär’ Lady Elyot nicht begeistert gewesen. Seh’n Sie nur, wie schlimm der Wagen aussieht! Dauert noch ’n Weilchen, bis der wieder glänzt. Ist auch erst seit ’ner halben Stunde wieder hier.“

„Und wo war er bis dahin?“, fragte Caterina in scharfem Ton.

Joseph, der gerade Sara behilflich war abzusteigen, seufzte einmal schwer, dann sagte er: „Drüben auf Mortlake. In den Ställen von Sir Chase Boston. Der da“, er wies auf den fremden Knecht, „ist sein Groom. Kam vorhin mit seinem Herrn und brachte den Phaeton zurück. Soll ich ihn mal fragen?“

„Nein, das finde ich schon selbst heraus.“ Caterina wirbelte herum und eilte so rasch die Stufen zum Haus hinauf, dass der weite Rock ihres grauen Reitkleides über das nasse Pflaster fegte. Im Gehen hob sie die Hände, nahm ihren Schleierhut ab und zog die Nadeln aus ihrem Haar. Eine Flut dunkel kupferfarbener Locken ergoss sich über ihre Schultern und sprühte im Sonnenlicht förmlich Funken. Mit der für sie so typischen geschmeidigen Eleganz schritt sie durch die Tür.

„So, das is’ sie also“, sagte der fremde Groom töricht grinsend.

Joseph nahm die Pferde der Damen beim Zügel und führte sie in den Stall. „Ja, das is’ sie. Und gleich kracht es.“

„Da würd’ ich gern dabei sein“, sagte der andere.

Während er den kräftigen grauen Hengst musterte, entgegnete Joseph: „Ich würd’ mir nich’ die Mühe machen, ihn abzusatteln. Dein Herr wird in fünf Minuten wieder draußen sein! Ihm werden die Ohren klingen!“

„Um was wetten wir?“, fragte der Mann und hockte sich auf die Steighilfe beim Stalltor.

Caterina verharrte in der eleganten Halle des Hauses nur für einen kurzen Blick auf die Ablage, auf der ein Biberhut, ein Paar helle Lederhandschuhe und eine Reitgerte mit silberverziertem Griff lagen. Nicht einmal ihrem Bild im Spiegel über dem Tisch schenkte sie Aufmerksamkeit. Aus dem Korridor im Obergeschoss klang Türenschlagen, die halbherzig befehlende Stimme einer Frau und Kinderweinen, vermischt mit beschwichtigenden Worten einer anderen Person und den abgerissenen Tönen eines Wiegenliedes. Caterina verzog ob dieser Kakophonie leicht den Mund und riss die Tür zur Bibliothek schwungvoll auf.

Normalerweise störte es ihren Vater nicht, wenn sie unvermittelt wie ein kleiner Wirbelwind hereinplatzte, doch dieses Mal brach er im Satz ab, wandte sich ihr zu und sagte: „Ah, da bist du ja. Man hat dir also Bescheid gesagt?“ Stephen Chester, ein großer, hagerer Mann mittleren Alters mit ergrauendem Haar, versuchte zu lächeln, doch sein gehetzter Ausdruck sagte deutlich, dass es ihn schwer ankam.

„Nein, Vater, zurzeit scheinen Nachrichten nicht weitergeleitet zu werden – wie die wegen des Phaetons zum Beispiel, die ich auch nicht bekam.“

„Dann hast du ihn schon gesehen. Nun, Sir Chase ist extra von Mortlake hergeritten, um die Lage zu erklären. Ich glaube, ihr kennt euch noch nicht. Sir Chase Boston. Meine älteste Tochter, Sir.“

Caterina hörte ein Geräusch hinter sich und stellte unangenehm berührt fest, dass der Gast ihres Vaters hinter dem Türflügel gelauert haben musste. Nun, nicht direkt gelauert, aber bestimmt hatte er sich doch absichtlich dorthin gestellt, um sie zu beobachten!

Hochgewachsen, wie Caterina war, konnte sie den meisten Männern gerade ins Gesicht schauen, doch dieser Mann hier war nicht nur um einiges größer als sie, sondern auch breitschultrig. Natürlich hatte sie von ihm gehört. Jeder, der sich zum ton zählte, hatte von ihm gehört, von seinen wechselnden Affären, seinen verrückten Wetten, die er stets zu gewinnen pflegte, von seinen verblüffenden Eskapaden bei der Jagd und von seinen phänomenalen Fahrkünsten. Anscheinend gab es nichts, an dem sich der Mann nicht schon versucht hatte – außer heiraten.

Man hätte denken sollen, dass jemand, der im Ruf solcher Exzesse stand, ein sehr verlebtes Äußeres haben müsste, tiefe Falten, fahle Haut, Tränensäcke und dergleichen. Doch er besaß kantige Züge, ein festes Kinn und einen sehr gepflegten Teint und dichtes schwarzes Haar. Der Blick seiner haselnussbraunen Augen bohrte sich forschend und sehr offen in Caterinas.

Ja, dachte sie, selbst sein Äußeres ist außergewöhnlich, wenn auch seine Kleidung in jeder Hinsicht korrekt ist, makellos und von hervorragendem Sitz. Rasch senkte sie die Lider, denn was sie in seinen Augen gelesen hatte, war mehr als höfliches Interesse, sodass sie errötete wie ein Schulmädchen. Sie neigte den Kopf und knickste kaum merklich. „Sir Chase“, sagte sie, „darf ich fragen, wie es kommt, dass Sie den Phaeton meiner Tante zurückbringen, und dann in einem derartig unbeschreiblichen Zustand?“ Der zornige Blick ihrer goldbraunen Augen übte nicht die Wirkung auf ihn aus, mit der sie gerechnet hatte.

„Ich habe ihn gewonnen“, entgegnete er lässig, „samt Gespann. Von Ihrem Bruder.“ Seine Stimme war tief, wie kaum anders zu erwarten bei einem so kraftvollen Mann.

„Die Apfelschimmel meiner Tante? Harry wagte das?“

„Schöne Farbe; passt gut zu dem Braun.“

Caterina verdächtigte ihn, nicht Pferde und Wagen zu meinen. Während sie ihre Handschuhe abstreifte, sagte sie gereizt, aber bewusst förmlich: „Vater, wollen Sie mir bitte sagen, was hier vorgeht? Sie wissen, Tante Amelie hat mir das Gespann geliehen, und …“

„Ja“, kam es verlegen von Mr. Chester, der sich in seiner Haut sehr unwohl fühlte, „und Harry ist heute Morgen mit der ersten Postkutsche nach Liverpool zurückgefahren, ohne nur ein Wort von dieser lächerlichen Wette zu sagen. Sir Chase und er fuhren, scheint’s, ein Rennen rund um Richmond Park – gestern Abend – und Harry verlor. Willst du dich nicht lieber setzen, Liebes?“

„Harry verlor dabei also etwas, das ihm nicht einmal gehört? Ich verstehe!“, fauchte Caterina. „Das heißt, ich verstehe nicht. Sir Chase, wenn Sie wussten, dass mein Bruder nicht der Eigentümer war, wieso …?“

„Ah, aber ich wusste es nicht“, unterbrach sie der Gast. Er verließ seinen Platz und trat neben Mr. Chester. „Er sagte nichts über die Besitzverhältnisse, als er die Wette einging. Es gab keinen Grund anzunehmen, dass der Wagen nicht ihm gehörte. Da er verlor, blieb ihm nichts anderes übrig – er musste ihn mir überlassen. Als ich mir den Phaeton später ansah, fand ich das hier in den Polstern eingeklemmt.“ Er fischte ein zartes, mit Spitze gesäumtes Taschentuch aus seiner Westentasche und reichte es Caterina. „In einer Ecke stehen die Initialen A. C., woraus ich den Schluss zog, dass es Ihrer Tante, Lady Elyot, ehemals Lady Amelie Chester, gehören müsse. Falls sie Wert darauf legt, Pferde und Wagen zurückzubekommen, bot ich Ihrem Vater an, er könne beides auslösen. Der Phaeton ist sicher seine zweihundert wert, und die Pferde …“

„Und mein Bruder musste von Mortlake aus zu Fuß heimkehren? Oder brachten Sie ihn?“

Verächtlich sagte er: „Warum sollte ich? Ihr Bruder schuldete mir Geld, Miss Chester. Warum sollte ich meinem Schuldner auch noch Bequemlichkeit bieten? Tun Sie das?“

„Weißt du, mein Liebes“, warf ihr Vater gequält ein, „Sir Chase kann mit Recht darauf bestehen, seinen Gewinn ausgezahlt zu bekommen. Es ist außerordentlich anständig von ihm, den Wagen mit allem Drum und Dran überhaupt herzubringen – eine Wette ist eine Wette, und …“

„Und es wäre noch anständiger, wenn Sir Chase einen Strich unter diese alberne Angelegenheit zöge und seinen Verlust abschriebe, oder? Letztendlich mangelt es ihm kaum an Pferden oder Wagen, vermute ich. Harry ist zwanzig, ohne Einkommen und neigt zu unverantwortlichem Handeln.“ Das Herz klopfte ihr bis zum Hals; sie konnte nicht erklären, warum sie diesem Mann so feindselig begegnete. Nur, weil er diese Ansprüche erhob? Weil er so unnachgiebig und direkt war? Lag es an seiner Haltung ihrem Vater – ihr selbst – gegenüber? Oder an dem, was sie über seine zahllosen Liebschaften gehört hatte?

„Dass es Ihrem Bruder an Mitteln mangelt, ist sein Problem, Miss Chester, nicht meines. Wenn er eine Wette eingeht, sollte er sich bewusst sein, eventuell dafür einstehen zu müssen, ohne anderen Verlegenheiten zu bereiten. Der Hinweis auf sein mangelndes Verantwortungsbewusstsein ist lächerlich. Wenn ich eine Wette gewinne, pflege ich nicht eher einen Strich unter die Rechnung zu ziehen, bis sie beglichen ist, und ich spiele auch nicht den Verlierer. Ich bin kein Wohltätigkeitsverein, und es wird Zeit, dass Mr. Chester junior lernt, was Ehre bedeutet.“

„Ich hätte gedacht, Sir, dass Sie in einem Fall wie diesem – Himmel, es geht um Wagen und Pferde – der Ehre nicht so viel Aufmerksamkeit beigemessen hätten. Mir ist klar, dass mein Bruder zu tadeln ist, weil er einen Einsatz bot, der ihm nicht gehörte, aber sicher hat …“ Caterina hielt inne, denn sie merkte plötzlich, dass da wohl noch nicht alles zur Sprache gekommen war.

Stephen Chester hatte noch nie seine Gedanken verbergen können, und nun stand tiefe Besorgnis in seiner Miene zu lesen. Mit einem kläglichen Blick zu Sir Chase seufzte er auf. „Äh … äh …. es ist nicht nur … ach, du lieber Himmel!“

„Vater, was ist? Was gibt es noch?“

Niedergeschlagen murmelte er: „Harry hat gespielt. Er schuldet auch Geld. Sir Chase war gerade dabei, es mir zu sagen, als du hereinkamst. Aber ich finde wirklich, mein Kind, dass du das nicht hören darfst. Als ich nach dir schickte, wusste ich von all dem noch nichts. Vielleicht solltest du doch besser …“

„Wie viel?“, fragte Caterina kurz.

„Ich weiß es nicht. Sir Chase?“

„Er schuldet mir zwanzigtausend, Sir.“

Mr. Chester schlug entsetzt die Hände vors Gesicht, Caterina jedoch starrte Sir Chase mit offenem Mund an. Hatte sie recht gehört? „Zwanzigtausend?“, hauchte sie. „Pfund?“

„Guineen.“

Sie keuchte auf. „Und wie um Gottes Willen hat er … ach, du liebe Güte! Wie konnte er nur? Wie konnte … Vater!“

Sir Chase war bemerkenswert gefasst, so als ginge es um Kleinigkeiten. „Ihr Bruder gab mir einen Schuldschein über die Summe, den er innerhalb eines Tages einzulösen versprach. Als er jedoch gestern Morgen bei mir in London vorsprach, schlug er dieses Rennen um den Richmond Park vor, mit der Vorgabe, dass die Schuld beglichen wäre, wenn er gewönne. An und für sich gehe ich auf solche Angebote nicht ein, aber ich sah, dass er in der Klemme steckte. Allerdings sah ich keinen Grund, meine Forderung gänzlich in den Wind zu schreiben. Warum sollte ich? Wie gesagt, ich bin kein …“

„Ja, wir haben es vernommen, Sir Chase. Erwähnte mein Bruder, wie er das Geld beschaffen wollte?“

„Warum hätte ich ihn fragen sollen? Auf jeden Fall hat er es nicht aufgetrieben, sonst wäre ich jetzt nicht hier.“

„Also kamen Sie her, weil Sie hofften, ihn anzutreffen?“

„So ist es. Und um Lady Elyots Phaeton zurückzubringen.“

Mr. Chester tastete auf dem Tisch nach einem der mit Brandy gefüllten Gläser, und mitleidig schob Caroline es ihm zu, obwohl sie fand, dass er zu viel trank. Sie war so zornig über ihren prinzipienlosen Bruder. Vor einem solchen Schuldenberg zu stehen, hatte ihr Vater wirklich nicht verdient. Zwanzigtausend! Er würde nicht nur dieses Haus hier in Richmond verkaufen müssen, sondern auch das in Buxton. Zwar hatte sein verstorbener Bruder ihm ein beträchtliches Vermögen hinterlassen, doch standen ihm nur die Zinsen daraus zu; das Kapital würde eines Tages auf Harry übergehen.

Seine zweite Frau, wesentlich jünger als er selbst, hatte ihn innerhalb von sechs Jahren zweimal mit Zwillingen beglückt, daher platzte selbst dieses geräumige Haus in der Paradise Road, das ihr Vater von Lady Elyot erworben hatte, aus allen Nähten. Damit es nicht gar so beengt wurde, hatte Harry seine Ferien nicht hier, sondern in London verbracht, das mit dem Wagen nur zwei Fahrstunden entfernt lag.

Offensichtlich war Sir Chase nicht zum Verhandeln hergekommen.

Um ihn aus der Fassung zu bringen, stürzte Caterina sich mit fliegenden Fahnen in die Schlacht. „So leben Sie also von Ihren Gewinnen, Sir Chase?“, fragte sie ätzend.

„Caterina!“, stammelte ihr Vater entsetzt. „Kind, so etwas fragt man einen Herrn nicht! Bitte, du gehst jetzt besser. Sir Chase und ich werden die Angelegenheit besprechen und eine Lösung finden. Die Schuld wird bezahlt werden. Geh du bitte und sieh, was Hannah macht. Sie fragte nach dir.“

Sir Chase war vor ihr an der Tür und hatte schon die Hand am Griff, doch Caterina hielt ihn zurück. „Einen Augenblick bitte“, sagte sie scharf. „Ich weiß ebenso gut wie ein Mann, was Ehre bedeutet, Sir Chase. Wenn ich schon nicht nach Ihren Gewinnen fragen darf, darf ich doch sicher erfahren, ob Sie es wirklich für ehrenhaft hielten, meinen Bruder, der Ihnen sowieso schon Geld schuldete, zu einem Rennen herauszufordern, von dem Sie wissen mussten, das er es nicht gewinnen konnte. Was bezweckten Sie damit, ihn zu einer solchen Verrücktheit zu ermutigen, die nur mit der Beschämung meines Vaters enden konnte?“

Um ihn anzusehen, musste sie den Kopf heben, sodass das Licht auf ihr süßes, herzförmiges Gesichtchen fiel und ihm ihre ganze Lieblichkeit darbot. Das reich gewellte kastanienbraune Haar schmiegte sich sanft an die seidig schimmernde Haut; ihre goldbraunen Augen waren von langen, geschwungenen Wimpern umrahmt, und die vollen Lippen unter der geraden Nase wölbten sich rot und sinnlich. Jetzt gerade flammten die schönen Augen vor Zorn, und Chase zweifelte, dass sie der Anweisung ihres Vaters gefolgt wäre, wenn sie nicht für sich schon längst beschlossen hätte hinauszugehen. Vielleicht wollte sie, dass er sie für unterwürfig hielt, doch er konnte in ihren Augen, an ihrer ganzen Haltung erkennen, dass es nicht so war. Sie würde immer tun, was ihr gefiel.

Mutwillig fachte er ihre Wut noch an, indem er seinen Blick kurz über die Spitzenkrause ihres Reitkleides und über ihren festen, hohen Busen gleiten ließ. „Aber Miss Chester, ich erwähnte doch schon“, sagte er, ohne zu lächeln, „dass Ihr Bruder mich herausforderte, wenn Sie also tatsächlich so viel von Ehre verstehen, benötigen Sie wohl keine weitere Erklärung, oder?“

Obwohl über dieses Thema mehr zu sagen gewesen wäre, wollte sie doch keine Minute länger mit diesem arroganten Mann in einem Raum bleiben, also trat sie zurück, damit er die Tür öffnen konnte. Als er nicht reagierte, hob sie den Kopf und sah, dass er sie unter halbgeschlossenen Lidern hervor musterte. Seine Miene war nur schwer zu entziffern, aber er zwang sie zu warten, bis er bereit war, den Flügel aufzuziehen, und ihr wurde bewusst, dass er auf diese Art ihr Betragen tadelte. Als er die Tür schließlich sehr, sehr langsam öffnete, machte er es ihr unmöglich, genauso aus dem Zimmer zu wirbeln, wie sie es betreten hatte.

Draußen in der Halle verharrte sie. Ihr Herz klopfte so heftig, dass es ihr in den Ohren dröhnte, und in ihr tobte der Wunsch, auszuholen und Sir Chases Habseligkeiten mit einem Schwung von der Ablage zu fegen. Doch da plötzlich lautes Kindergeheul von oben hinunterschallte, seufzte sie nur und eilte die Treppe hinauf.

Die Töne hörte auch Stephen Chester, bevor die Tür endgültig hinter Caterina geschlossen wurde. Bedauernd sah er auf und murmelte: „Ich bitte um Entschuldigung.“

Chase überhörte das höflich. Er setzt sich Mr. Chester gegenüber und nippte an seinem Glas. Nachdenklich schaute er aus dem Fenster, von dem aus man einen hinter dem Haus gelegenen großen Garten überblicken konnte. Durch das Frühlingsgrün der Bäume schimmerte die Themse. Dann musterte er die Bücherschränke entlang der Wände und den schweren Schreibtisch, über dem das Gemälde eines Schiffes mit geblähten Segeln hing. Nichts, was er bisher in diesem Haus gesehen hatte, deutete auf eingeschränkte Verhältnisse hin. Allerdings wunderte er sich über den beträchtlichen Altersunterschied zwischen den vielen Sprösslingen seines Gastgebers, die alle anscheinend große Kosten verursachten. Obwohl er nicht im Sinn gehabt hatte, sich auf Verhandlungen einzulassen, gab es nun einen neuen Faktor zu berücksichtigen: Miss Caterina Chester.

„Ihre Familie, Mr. Chester …“, sagte er beiläufig, „… soweit ich weiß, ist Mrs. Chester Ihre zweite Gemahlin?“

Stephen fuhr glättend über sein sich lichtendes Haar. „Wir sind seit sechs Jahren verheiratet. Sie ist mit den Elwicks aus Mortlake verwandt. Die sind Ihnen vermutlich bekannt.“

Chase hob die dunklen Brauen. „Natürlich kenne ich die Familie. Sind Nachbarn meiner Eltern. Ist nicht der älteste Sohn vor einigen Jahren verstorben?“

„Ja, Mrs. Chesters Bruder Chad. Meine erste Gattin starb vor elf Jahren, und da ich schon drei fast erwachsene Kinder hatte, war ich auf den reichen Familienzuwachs, der sich einstellte, nicht gefasst. Wenn ich geahnt hätte, dass wir bald statt fünf Personen neun sein würden, wäre ich nicht aus Buxton hierher gezogen, denn das Haus in Derbyshire ist viel geräumiger als dieses. Eine Menge mehr Zimmer, ein Park, Obstgärten … Aber meine Gattin mag sich nicht von Surrey trennen, und Caterina und ihre Schwester wollten ebenfalls hierbleiben.“ Nun lächelte er mit väterlichem Stolz. „Caterina hat vorher hier mit ihrer Tante Lady Elyot gelebt, die damals natürlich noch Lady Chester war.“

„Ah, ja, Ihre Tochter. Darf ich fragen, wie alt sie ist?“

„Dreiundzwanzig.“ Jäh schlug Stephen mit der Hand auf den Tisch und sprang auf. „Verdammte dreiundzwanzig und immer noch nicht verheiratet! Und keine Hoffnung, solange sie so wenig liebenswürdig bleibt.“ Mit ein paar Schritten war er beim Fenster und starrte hinaus. „Sie werden ihre offene Art hoffentlich entschuldigen“, fügte er etwas ruhiger hinzu. „Sie ist nicht immer so, doch wir sind augenblicklich alle ein wenig angespannt, und Caterina hat ihren eigenen Kopf. Sara, meine andere Tochter“, sagte er hoffnungsvoll, „ist das genaue Gegenteil …“

„Erzählen Sie mir doch mehr über Miss Caterina, Sir.“

„Äh … ich dachte, Sie hätten schon genug gehört.“

Chase schwieg und lächelte.

Stephen trottete zum Tisch zurück, hob sein Brandyglas, betrachtete prüfend den restlichen Inhalt und trank es mit einem Zug leer. Nach einer Weile des Nachdenkens sagte er: „Nun, als Lady Elyot, die die Witwe meines Bruders war, aus Derbyshire fortzog, erlaubte ich Caterina, bei ihr zu wohnen, damit sie hier debütieren konnte. Die beiden sind sehr vertraut miteinander.“

„Ich kenne Lord und Lady Elyot gut, ebenso wie Lord Rayne, Elyots Bruder.“

„Ah, natürlich. Also, Caterina war siebzehn, als sie in die Gesellschaft eingeführt wurde. Sie erregte ziemliches Aufsehen. War sehr begehrt, wie Sie sich vielleicht vorstellen können.“

„Ja, in der Tat. Sie bekam Anträge?“

„Gott, ja, jede Menge. Sie nahm den des Earl of Loddon an.“

„Ja, und?“

„In letzter Minute löste sie die Verlobung, die kleine Hexe. Der Himmel weiß, warum. Machte natürlich ziemlich viel Wirbel. Dann verlobte sie sich mit Viscount Hadstoke. Sie hätte sich nach dem vorherigen Desaster glücklich schätzen müssen. Ein Titel, Vermögen … äh … tja, zwei Tage vor der Zeremonie sagte sie ab. Ich war sicher, nun würde sie keinen Antrag mehr erhalten. Ihr schien das nichts auszumachen, mir aber doch, und ihrer Schwester natürlich.“

„Warum das, Sir?“

Stephen machte eine ratlose Geste, ging aber nicht auf die Frage ein. „Ich bitte Sie, welchen Eindruck macht so etwas denn? Der Klatsch blühte … mehrfach bot man ihr carte blanche, aber natürlich bekam sie keinen Heiratsantrag mehr. Nein, das stimmt so nicht. Letzte Woche bat der Earl of St Helen um ihre Hand, doch glauben Sie, sie schaut ihn auch nur an? Es ist ihre letzte Chance, und sie weigert sich, überhaupt irgendeinen Mann zu erhören. Und er ist ein Earl!“

„Ah, ja … und sie gibt keine Gründe an?“

Verächtlich schnaubte Stephen. „Ha, alberne Mädchenträume … sie will Liebe, Romantik, all diesen Unsinn. Ihr mag das ja richtig erscheinen, aber wirklich, Sir Chase, wer kann sich erlauben, solche Anträge abzulehnen? Ihre Schwester Sara könnte jeden Augenblick heiraten, aber ich lasse es nicht zu, ehe Caterina aus dem Haus ist. Kein verantwortungsvoller Vater erlaubt der jüngeren Tochter, vor der älteren zu heiraten. Es gehört sich einfach nicht.“

„Ich habe es schon anders erlebt.“

„Mag sein, aber nicht in meiner Familie.“

„Dann muss auf Miss Chester ein gewaltiger Druck lasten.“

„Ja. Nun … also … ja, ich will nicht ungerecht sein, vermutlich trug auch die beträchtliche Vergrößerung meiner Familie dazu bei. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe meine Kinder, aber vier Kleinkinder in einem Haus dieser Größe könnten jede junge Frau verstimmen, außer sie wäre sehr mütterlich veranlagt. Was Caterina nicht unbedingt ist. Sie möchte lieber an ihrem Klavierspiel und ihrer Stimme arbeiten. Ah, erwähnte ich, dass sie eine feine Stimme hat?“ Ohne den Ausdruck im Gesicht seines Gastes zu bemerken, fuhr er fort: „Das Singen ist ihr eine Herzensangelegenheit. Sie ist in allen großen Häusern willkommen, und alle möchten sie singen hören.“

„Und Ihr Sohn Harry? Sie sagten, er sei nach Liverpool zurückgekehrt.“

„Heute Morgen mit der ersten Postkutsche. Zu seinem Onkel, wo er zum Bankier ausgebildet wird. Es ist das Geschäft meines verstorbenen Bruders, Lady Elyots erstem Gatten.“

„Seine Version klang ein wenig anders, Sir.“

Stephen sah auf, seine Miene wurde wachsam. „Oh? Was sagte er denn?“

„Dass ihm in Liverpool zwei Banken gehörten und Geld keine Rolle spielte.“

Stephen setzte das Glas, aus dem er gerade getrunken hatte, hart auf den Tisch. Verärgert murmelte er: „Wenn ich den erwische! Will er mich ruinieren? Als hätte ich nicht Probleme genug.“

Eine Weile herrschte peinliche Stille. Naturgemäß sahen die beiden Männer die Probleme von einer unterschiedlichen Warte. Chase interessierte sich mehr für Caterina als für ihre Geschwister. Sie weigerte sich, eine ihr wenig genehme, unpassende Ehe einzugehen, wünschte sich jedoch die Ruhe zurück, die sie einmal gekannt hatte und die der Förderung ihres Talentes notwendig war. Eine Frau wie sie gehörte nicht hierher.

Der Lage seiner Tochter gegenüber völlig blind, hatte Stephen Caterinas Talent mit dem Ausdruck „feine Stimme“ keine Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ihre Stimme war während der in Richmond verbrachten Jahre von dem besten Gesangslehrer des Landes ausgebildet worden, von dem leider im vergangenen Jahr verstorbenen Signor Rauzzini. Für Caterina war das ein schwerer Schlag gewesen, denn er hatte sie, begeistert von ihrem wundervollen Mezzosopran, intensiv gefördert. Sie nahm immer noch Stunden, und ihre Darbietungen waren auf allen Gesellschaften sehr gefragt. Allerdings trug sie schwer daran, dem Drängen ihrer Eltern, sie möge endlich einen Gatten wählen, nachkommen zu müssen. Deshalb hatte ihre Tante Amelie ihr den bewussten Phaeton geliehen, damit sie häufiger dem Haus entkommen konnte.

Chase bezweifelte gewaltig, dass Jung Harry seinen Vater in den Ruin treiben würde, auch war er nicht gewillt, Chester aus der Klemme zu helfen, schließlich war er hier, um eine Schuld einzutreiben, nicht, um sein Mitgefühl zu äußern. Sollte Chester doch mit seinem Sohn machen, was er für richtig hielt. Möglicherweise würde der Schrecken dem jungen Leichtfuß ein wenig Verstand einbläuen. Dann kam ihm der Gedanke, dass für ihn persönlich mehr herausspringen mochte als Geld. „Nun denn, Sir“, sagte er, „kommen wir doch zu einem entsprechenden Betrag … der Wagen … das sind … sagen wir …“

„Äh, Sir …“ Stephen streckte abwehrend eine Hand aus, „… meinen Sie nicht … äh …“

Ungerührt wartete Chase ab. Er wusste, dass man seine Karten nicht zu früh auf den Tisch legte.

„Äh … können wir nicht zu einer anderen Regelung kommen?“ Er sprach weiter, als rede er mit sich selbst. „Ich bin nicht so flüssig, genauso wenig wie mein Hohlkopf von Sohn. Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass es um solche Beträge geht. Das Haus in Buxton würde keine solche Summe erbringen.“ Beunruhigt nagte er an der Unterlippe. „Was könnte ich tun? Lassen Sie mich nachdenken. Die Mitgift. Caterinas Mitgift. Na, sie scheint sie ja wohl doch nicht zu benötigen. Aber für Sara brauche ich natürlich etwas – aber wenn ich deren Mitgift kürze, hat sie noch weniger Chancen, was? Oder gar keine?“, fügte er düster hinzu.

„Die Mitgift? Ist sie beträchtlich, Sir?“

„Ha! Das sicher nicht“, murmelte Mr. Chester trübe. „Bisher bestanden Caterinas Vorzüge in ihrer Abstammung und ihrem Gesicht, aber Letzteres wird ja nicht immer so bleiben. Höchst unwahrscheinlich, dass sie noch heiratet. Außer sie fände jemanden, der ihren Vorstellungen entspricht – und der auch bereit ist sie zu ehelichen.“ Sein Ton triefte vor Sarkasmus.

„Und Sie sind nicht bereit, ihre jüngere Tochter ausnahmsweise zuerst heiraten zu lassen? Um Ihre Kosten zu verringern? Sie müssen zugeben, Sir, es würde sich rechnen.“

„Nein, Sir Chase, unmöglich. Es gehört sich nicht. Außerdem würde ich damit zugeben, dass ich die Hoffnung aufgegeben habe, Caterina zu verheiraten. Damit wäre sie endgültig ein Ladenhüter.“

„Mit dreiundzwanzig? Doch sicher nicht.“

„In dem Alter hatte meine erste Frau schon drei Kinder“, entgegnete er scharf. „Nein, wenn Caterina so schwer zufriedenzustellen ist, neige ich sehr dazu, die Entscheidung für sie treffen. So schlecht würde sie mit St Helen nicht fahren, falls er noch interessiert ist. Obwohl – ohne Mitgift … Und ich wage gar nicht zu denken, was Caterina dazu sagen würde. Vielleicht könnte man ihr einreden, dass es ihre Pflicht ist, aber ich fürchte, es würde ihr quer heruntergehen, wenn sie zu einer Ehe gezwungen wird, während Sara den Mann ihrer Wahl heiraten darf. Trotzdem …“ Er seufzte. „Pflicht ist Pflicht, nicht wahr? Aber zwanzigtausend Guineen würde es mir auch nicht einbringen. Ha, ich könnte meinen Sohn erwürgen! Er weiß, dass man eine Spielschuld zahlen muss! Der Schneider ist natürlich etwas anders …“ Jäh nahm er sich zusammen. „Ah, Sir, verzeihen Sie mir. Ich hätte das alles nicht erwähnen dürfen. Gehört sich nicht, was?“

„Und die Familie Ihrer Gattin würde nicht einspringen?“

„Guter Gott, nein!“ Stephens Stimme schnappte fast über. „Ich würde Mrs. Chester nie ein Wort davon erzählen. Sie hat schon genug mit den vier Kleinen zu tun.“

„Miss Chester würde es ihr nicht sagen?“

„Dass mein Sohn mich mit seinen Schulden sitzen lässt und sich nach Liverpool davongemacht hat?“ Stephen sah Sir Chase an, als ob der den Verstand verloren hätte. „Kaum. Seine Stiefmutter hat sowieso keine gute Meinung von ihm, was ich ihr nicht verdenken kann. Diese Sache würde sie nur darin bestärken, dass ich ihn besser in die Marine gesteckt hätte.“

„Jede Familie hat ihre schwarzen Schafe.“

„Schön zu wissen. Nur mit diesem hier muss leider ich fertig werden. Seien Sie so gut, Sir Chase, erlauben Sie, dass ich Ihnen morgen meine Vorschläge unterbreite. Ich finde Sie in Mortlake?“

„Hm, ich frage mich …“, sagte Chase und schaute angelegentlich aus dem Fenster.

„Äh, ja?“

„Ich frage mich, Sir, ob Sie sich meinen Vorschlag anhören möchten.“

„Wenn Sie mir einen Wucherer empfehlen möchten, nein, das kommt nicht infrage! Ich borge nie!“

„Nein, nichts dergleichen.“ Chase stand auf und stemmte die Hände auf den Tisch, seine ganze Haltung strahlte Willenskraft und Energie aus; auch Chester konnte sich seiner dieser Aura nicht entziehen. „Sie möchten Ihre Tochter verheiraten, und Sie glauben, ihre Chancen schrumpfen. Nun, vielleicht kann ich Ihnen da helfen.“

„Sie kennen jemanden, der interessiert ist?“, fragte Stephen. Dem Klang seiner Stimme war anzuhören, dass er wenig Hoffnung empfand.

Der Mann ist wirklich verbissen, wenn auch nicht ganz grundlos, dachte Chase. Er selbst glaubte nicht einen Moment, dass Caterinas Chancen so schlecht standen, wie ihr Vater annahm. Natürlich waren viele junge Damen mit dreiundzwanzig verheiratet, aber Miss Chester suchte offensichtlich etwas, das weit von den Vorstellungen ihres Vaters entfernt war, und sie schien bereit, darauf zu warten. Ganz bestimmt aber war sie kein Ladenhüter. Im Gegenteil, er fand, dass er seit langem keinen so strahlenden Diamanten zu Gesicht bekommen hatte. Doch sogar einem Trottel musste auffallen, dass ihr Vater und ihre Stiefmutter sie nicht wie eine erwachsene Frau, die wusste, was sie wollte, sondern eher wie ein Kind behandelten. Das mochte aber den Vorteil haben, dass Chester sich förmlich auf sein Angebot stürzen würde. „Ja“, sagte er, „ich kenne jemanden, Sir. Mich, mich selbst.“

„Ah?“ Stephen runzelte die Stirn. Soweit er wusste, heirateten Männer vom Schlage Sir Chases nicht, sie hatten Geliebte. Misstrauisch fuhr er fort: „Oh, nein, Sir, dem kann ich nicht zustimmen – sie wird niemandes Mätresse. Wissen Sie, Sie sind nicht der Erste, der ihr das anbietet. Der Duke of …“

„Nein, nicht Mätresse – Gemahlin. Ich rede von Heirat. Wenn ich sie überreden kann, mich zu heiraten, gebe ich Ihnen den Schuldschein zurück, samt dem, was Pferde und Wagen wert sind. Dann wären Sie wieder in ruhigem Fahrwasser.“

„Und wenn es Ihnen nicht gelingt? Sie will nicht heiraten, Sir Chase. Und Sie sahen doch selbst, wie sie sich Ihnen gegenüber verhielt. Sie würde Sie nicht mal als Freund wollen“, fügte Mr. Chester ziemlich taktlos hinzu.

„Wenn es so ist …“ Chase richtete sich auf. „Es war nur ein Vorschlag. Nehmen Sie es nicht übel. Dann sehe ich Sie morgen in Mortlake, Sir.“

Mr. Chester wedelte mit einer Hand und beeilte sich aufzustehen. „Nein, nein, Sir, laufen Sie doch nicht gleich davon. Kommen Sie, darf ich Ihnen nachschenken? Oh, … Sie haben noch … Also habe ich Sie recht verstanden? Sie bitten mich um die Hand meiner ältesten Tochter? Sie möchten sie heiraten? Richtig?“

„Richtig.“

„Und damit sind die Schulden erlassen? So lautet das Geschäft?“

„Richtig.“

„Das kann doch nicht alles sein. Wo ist der Haken?“

„Es gibt keinen Haken, außer ich kann Miss Chester nicht für mich gewinnen. Dann stünden wir wieder am Anfang.“

„Dann muss man ihr eben vorschreiben, was sie zu tun hat. Aber …“ Er heftete den Blick auf die glänzende Tischplatte, als stünde da etwas Wichtiges, „… ich weiß kaum etwas über Sie, Sir, und so sehr Ihr Angebot auch verlockt und … und ich Ihnen dafür danke, würde ich doch gern wissen, ob Caterina … wie soll ich sagen …“

„Ob sie in guten Händen wäre?“

„Ja. Ja, so kann man sagen. Sie müssen verzeihen, Sir Chase, aber mancher Vater würde angesichts Ihres Rufes ein paar … äh … Zweifel hegen.“ Ja, mancher Vater würde diesen Mann nicht als geeigneten Gatten für seine Tochter ansehen, obwohl manche Tochter sich eben dieser süßen Vorstellung hingeben mochte, die Gemahlin dieses attraktiven, aufregenden Mannes zu werden. Jedoch war die Verlockung, zwei Probleme mit einem Streich zu lösen, zu groß, um es nicht zumindest in Erwägung zu ziehen. „Und wenn Sie sie nicht überreden können?“

„Dann ist die Summe fällig, wie schon gesagt. Sie fürchten, ich werde scheitern?“

„Sir Chase, ich weiß nicht, wie überhaupt jemand im Augenblick sich ihr empfehlen könnte. Sie haben es vorhin selbst erlebt. Dennoch, wenn Sie meine Zweifel ausräumen können, werde ich als Respekt heischender Vater alles in meiner Macht Stehende tun, um meiner Tochter ihre Pflicht klarzumachen. Bisher habe ich davon abgesehen, meine Autorität auszuüben, was ich vielleicht längst hätte tun sollen.“

„Sir, ich würde mir lieber Zeit lassen. Meiner Erfahrung nach nähme eine Dame wie ihre Tochter es sehr übel, wenn man übereilt vorginge und sie drängte.“

„Ihrer Erfahrung nach. Ja, die haben Sie wohl reichlich, nicht wahr?“

„Ich bin zweiunddreißig, Sir, welcher Mann hat die in diesem Alter nicht?“

Zum Beispiel Stephen Chester. Ohne jedoch darauf einzugehen, fragte er: „Und Ihre Eltern leben in Mortlake?“

„Ja, auf Boston Lodge. Sir Reginald und Lady FitzSimmon. Sir Reginald ist mein Stiefvater, ich bin der einzige Sohn. Mein eigener Wohnsitz ist in der Halfmoon Street in London, wo ich seit einigen Jahren permanent lebe, außer ich besuche eines meiner anderen Besitztümer im Norden des Landes.“

Nach beruflichen Aktivitäten musste man angesichts dieses offensichtlichen Reichtums nicht fragen. Bostons Eltern schwammen im Geld – wie Stephen es für sich undelikat ausdrückte –, Sir Chase selbst besaß diverse Anwesen überall im Land verteilt, dazu war er ein Freund des Prinzregenten und hatte nichts zu tun, als hin und wieder zu seinem Geld noch mehr dazuzugewinnen. Das hatte Stephen zumindest von Lord Elyot und dessen Bruder gehört, die den Mann aber anscheinend leiden mochten. Von den beiden hatte er auch erfahren, dass Sir Chase Mitglied des ‚Four Horse Club‘ war. Hätte Harry das nur gewusste, ehe er ihn zu diesem verrückten Rennen herausforderte!

„Ach, Ihr Name, Sir Chase? Eine Abkürzung? Ein Spitzname?“

„Ist aus meiner Kindheit an mir hängen geblieben. Mein Vater nannte mich so nach meinen ersten stürmischen Erlebnissen bei der Jagd. Meine Mutter nennt mich stets Charles, ganz wie es sich gehört.“

„Und gibt es im Augenblick irgendeine … lockere Affäre?“

Völlig ruhig antwortete Chase: „Nichts von Bedeutung.“

„Und wenn Ihnen das Wunder gelänge, wo würden Sie sich mit meiner Tochter niederlassen?“

Am besten weit weg von dieser Familie, hätte Chase gesagt, wenn er weniger diplomatisch gewesen wäre. „Wo immer Miss Chester wünscht. Sollten ihr die vorhandenen Häuser nicht zusagen, kann ich jederzeit etwas Passendes erwerben.“

„Das ist nun wirklich verlockend. Wenn ich etwas über Frauen weiß, so dies, dass sie in der Wahl ihres Wohnsitzes sehr heikel sein können. Trotzdem, Sie sind ein recht ungewöhnlicher Mann, Sir, nicht wahr?“

„Ich hätte wohl gedacht“, entgegnete Chase, sich der Worte Caterinas bedienend, „dass Ihre Tochter an einem nüchternen, schwerfälligen, engstirnigen Ehegatten wenig interessiert wäre. Ich halte sie für eine temperamentvolle Frau, die einen Mann braucht, der es mit ihr aufnehmen kann. Sie brauchen nicht zu fürchten, Sir, dass ich sie in Spielhöllen schleife oder ihr untreu bin oder zulasse, dass sie sich in Schwierigkeiten bringt. Wenn ich mich bemühe, etwas für mich zu gewinnen, werde ich anschließend gut darauf Acht geben. Und was mein Alter angeht – wie alt waren die Männer, mit denen sie verlobt war? Loddon, dieser Hohlkopf, der am Schürzenzipfel seiner Mutter hängt, ist über die besten Jahre hinaus. Hadstoke ist mindestens fünfzig und hat erwachsene Kinder, na, und St Helen … also, wie verzweifelt muss eine Frau sein, um diesen lahmen Tropf zu nehmen?“

„Ja, aber Geld und Titel. Das ist Frauen wichtig.“

„Vätern ist es wichtig, Sir, wenn ich das sagen darf. Ich, Sir, besitze die Baronetswürde, die an meinen Erben, so ich einen haben sollte, übergehen würde, mitsamt den dazugehörigen Gütern. Außerdem sprechen Kraft und Gesundheit für mich. Und wenn, was ich annehme, Miss Chester es genießt, mit diesem Phaeton zu fahren, dann würde ihr mein Lebensstil gewiss zusagen.“

„Ach, ich wünschte, Lady Elyot hätte ihr den Wagen nicht geliehen. Es ist viel zu gefährlich, damit zu fahren.“

„Das ist Geschmackssache. Aber habe ich Sie beruhigt?“

Falls das nicht ganz der Fall war und Stephen Chester diesen herrischen Mann nicht für einen geeigneten Schwiegersohn hielt, so ließ er das nicht in seine Entscheidung einfließen, die er schon längst getroffen hatte. Dieses Kreuzverhör veranstaltete er nur pro forma. Caterina musste verheiratet werden, um jeden Preis. „Waren Sie schon einmal verheiratet?“, fragte er, um nicht zu eifrig zu erscheinen.

„Nein, ich halte heute zum ersten Mal um eine Dame an.“

„Dann gehen Sie ein großes Risiko ein und brauchen eine Menge Glück für Ihr impulsives Spiel. Aber Sie haben ja nicht viel zu verlieren, was?“

Chase staunte über die nachgerade peinliche Offenheit seines Gastgebers. „Ja, es ist ein Wagnis. Aber Sie und Ihre Gattin werden mir Ihre volle Unterstützung gewiss nicht versagen.“

„Ach, natürlich, darauf können Sie jedenfalls zählen. Caterinas Stiefmutter wird ihre ganze Überzeugungskraft …“

„Nein, Sir, vielen Dank“, warf Chase ein, „wenn Sie erlauben, möchte ich lieber persönlich überzeugen. Selbstverständlich wird Mrs. Chester mit mir einverstanden sein müssen, aber ich wäre außerordentlich dankbar, wenn Sie alles andere mir überlassen wollten. Ich fürchte, Miss Chester wird sich querstellen, wenn man sie unter Druck setzt.“

In der letzten Zeit hatte Miss Chester nichts anderes getan, als sich querzustellen, und es würde schwer, wenn nicht gar unmöglich sein, Hannah angesichts der guten Nachricht, dass sich doch noch jemand um Caterinas Hand bewarb, ruhig zu halten. „Verlassen Sie sich darauf, Sir Chase“, beteuerte Stephen deshalb.

„Nun, dann werde ich mich verabschieden und es Ihnen überlassen, Miss Chester von meinem Antrag in Kenntnis zu setzen. Das kann wohl kaum schaden.“

„Schaden? Äh, Sir, einen Moment … ob es …?“ Stephen fasste sich zweifelnd an die Stirn.

„Ob was, Sir?“

„Also, Caterina verbringt dieses Wochenende bei den Ensdales – sie geben eine große Gesellschaft. Sie kommt erst Dienstag zurück. Ob ich nicht besser erst danach mit ihr spräche? Wissen Sie, sie wird dort singen, und wie es scheint, schlägt es ihr auf die Stimme, wenn sie … äh … sich aufregt, sich ärgert. Verstehen Sie?“

Wie taktlos kann man denn noch sein, fragte sich Chase ziemlich ratlos. Doch immerhin hatte der Bursche noch genug Anstand, sich über den richtigen Zeitpunkt Gedanken zu machen. „Ich verstehe vollkommen“, sagte er, dachte indes bei sich, ob man es ihr angesichts der besonderen Umstände überhaupt mitteilen sollte. Aber vermutlich konnte man die Lage nach dem Wochenende besser einschätzen. Ob allerdings die Stimme der Dame versagen würde, daran zweifelte er nach der eben gewonnenen Erfahrung sehr. Eher umgekehrt, und er würde im Mittelpunkt ihrer Stimmgewalt stehen. Sich fassend merkte er an: „Noch etwas – Sie erwähnten Miss Chesters Mitgift – nun, da Sie meinen Antrag wohlwollend erwägen, habe ich sicher das Recht zu erfahren, was zu erwarten ist.“ Er würde den Mann nicht davonkommen lassen, ohne ihm diesen Stich zu versetzen.

Das Kinn in die Hand gestützt, als ob es ihm sonst heruntersinken würde, machte Stephen sich für die nächsten unangenehmen Minuten bereit. Es widerstrebte ihm immer, sich von Geld trennen zu müssen. „Setzen wir uns noch einmal, Sir Chase.“

Während dieser Verhandlungen kam auch die Frage nach einem Termin auf. Mr. Chester hätte die Sache gern bis zum Winter hinausgezögert, um, wie er sagte, Sir Chase genügend Zeit für seine Werbung einzuräumen, Chase neigte dazu, die Herausforderung zu suchen, und am Ende einigte man sich auf den Herbstanfang.

Kurz darauf sah man die beiden Männer zu den Ställen gehen, um den bewussten Phaeton zu begutachten, doch Mr. Chester wurde von einem Lakaien dringend zu seiner Gattin gebeten. Nachdem er sich von Sir Chase verabschiedet hatte, stieg er mit gekünstelter Heiterkeit die Treppe hinauf zu Hannah.

Als Caterina ihren Vater in dem lärmigen Kindertrakt verschwinden sah, huschte sie leise die Treppe hinunter in den Garten, wo man durch eine Pforte in der steinernen Umfriedung und über ein paar Stufen zu den Ställen gelangte. Sie wollte nachsehen, ob der Phaeton und die Apfelschimmel wirklich unversehrt waren. Wenn Harry die Pferde ruiniert hatte, würde es Ärger geben.

Überrascht und irritiert stellte sie fest, dass das graue Jagdpferd und der grün livrierte Groom immer noch da waren. Schlimmer noch, eben kamen Joseph und Sir Chase aus dem Kutschenhaus und konnten sie klar und deutlich hier draußen mitten in der Sonne stehen sehen. Sie war heftig versucht, ins Haus zurückzukehren, doch es wäre unverzeihlich, einen Gast ihres Vaters – selbst diesen Gast – derart zu schneiden. „Ich wollte gerade nach den Grauschimmeln sehen“, sagte sie und ärgerte sich sofort über diese Erklärung, die sie nun wahrhaft nicht geben musste. „Ich bin für sie verantwortlich“, fügte sie ein wenig scharf hinzu.

Chase lächelte und kam ihr, die noch auf der letzten Stufe stand, entgegen. „Eben das sagten Ihr Stallknecht und ich auch gerade.“

„Sie müssen abgespritzt werden, wenn Sie sie in dem gleichen Zustand wie den Phaeton zurückbrachten“, erklärte sie, ohne ihn anzusehen.

„Nicht nötig“, sagte er entschieden. Er streckte ihr seine Hand entgegen, um ihr von der letzten Stufe zu helfen.

Zwangsläufig musste sie seine höfliche Geste annehmen. Sie spürte den warmen Griff seiner Finger und die unnachgiebige Kraft seines Armes und musste daran denken, was ihr über seine legendären Fecht-, Reit- und Boxkünste zu Ohren gekommen war. Allerdings auch an die enormen Schulden, zu denen er ihren Bruder verleitet hatte. Wenn all die Gerüchte stimmten, war dieser Mann für Frauen und Männer gleichermaßen gefährlich. Ohne ein Wort des Dankes löste sie ihre Hand aus der seinen, nachdem sie die Stufe überwunden hatte. „Ah, Sie haben sie putzen lassen?“

Die Frage schien ihn zu amüsieren. „Es ist eine Sache, einen Wagen verschmutzt abzugeben, immerhin zeigt das, wie miserabel er gefahren wurde. Aber man kann die Pferde nicht in diesem Zustand lassen. Meine Leute brauchten verflixt lange, um sie zu säubern. Übrigens würde ich an Ihrer Stelle sie das nächste Mal, wenn Ihr Bruder herkommt, im Stall einschließen, sonst gibt es noch ein gebrochenes Bein.“

„Danke für den Rat“, entgegnete sie eisig, „aber wenn mein Bruder das nächste Mal kommt, werden wir vielleicht besser ihn einschließen, damit er nicht Männern unter die Füße kommt, die seine kindischen Wetten annehmen.“

„Dann könnten Sie ihn vielleicht auch gleich noch lehren, mit der Wahrheit etwas sorgfältiger umzugehen, Miss Chester. Es wird nichts besser dadurch, dass man über seine finanziellen Umstände Märchen erzählt.“ Mühelos hielt er mit ihr Schritt, als sie rasch zum Stallgebäude eilte.

„Also fabeln Sie nie über die Ihren, Sir Chase?“

„Das hatte ich nie nötig. Wollen wir einmal nachsehen?“ Er blieb bei den Türen stehen und streckte einladend einen Arm aus.

So hatte sie sich das nicht vorgestellt! Sie konnte das Gefühl nicht unterdrücken, dass Sir Chase ein Talent dafür hatte, Leute in unerwünschte Situationen zu manövrieren. Genau so musste er es mit ihrem albernen Bruder gemacht haben.

Durch die großen Fenster des Stallgebäudes fiel reichlich Licht und erhellte den Raum mit den aus brusthohen Bohlen gebauten Boxen mit den aufgesetzten eisernen Trenngittern. Eine dicke Strohschicht dämpfte das Scharren der vielen Hufe. Man hörte zufriedenes Kauen und hier und da ein leises Wiehern. Es duftete nach Heu und Leder.

In zwei hinteren Boxen standen die bewussten Apfelschimmel, blitzblank, mit glänzendem Fell und gebürsteter Mähne, sogar mit geölten Hufen. Man hatte größte Mühe aufgewandt, die Schäden, die die rasende Fahrt hinterlassen hatte, zu beseitigen, dennoch unterließ Caterina den längst fälligen Dank. Sie trat in die Box und untersuchte eines der Tiere flüchtig, sagte jedoch schließlich nur: „Gut.“

„Es war das Mindeste“, entgegnete er.

„Nein, Sir Chase. Das Mindeste wäre gewesen, wenn Sie meinem Vater den Kummer erspart hätten, das Geld für die Spielschulden meines Bruders auftreiben zu müssen. Mag sein, dass zwanzigtausend Guineen für Sie eine Kleinigkeit sind, aber die Umstände meines Vaters sind nicht ganz so üppig, wie es scheinen mag. Er wird Ihnen nicht gesagt haben, wie problematisch diese Sache für ihn ist, dazu ist er zu stolz. Ich bin es jedoch nicht, Sir. Glauben Sie mir, er kann es sich nicht erlauben.“

„Natürlich ist das kein geringer Betrag, Miss Chester, andernfalls hätte ich ihn kaum eingefordert. Davon abgesehen, sollte man Ihrem leichtsinnigen Bruder beibringen, dass ein Mann sich nicht ohne ernstliche Folgen einer Ehrenschuld entzieht. Es hätte ihn ruhig ein wenig schmerzhafter treffen können. Wie es ist, hat nur sein Stolz gelitten.“

„Nein, mein Vater ist der, den es trifft. Und mich, vermutlich.“ Sofort bereute sie die scharfe Entgegnung, die er provoziert hatte, denn nun würde er wissen wollen, was sie meinte.

„Sie, Miss Chester? Inwiefern sind Sie betroffen?“

„Ah, nur indirekt“, wehrte sie ab. „Nicht der Rede wert. Ich hätte es gar nicht erwähnen sollen. Denken Sie bitte nicht mehr daran.“ Sie wandte sich ab und wollte davoneilen, doch mit ein paar raumgreifenden Schritten hatte Sir Chase sie eingeholt, stemmte seinen ausgestreckten Arm gegen eines der Trenngitter und versperrte ihr so den Weg. Verärgert runzelte sie die Stirn, musste sich allerdings eingestehen, dass sie sich selbst in diese Klemme gebracht hatte.

„Sie machen mich neugierig.“ Mehr herausfordernd als überredend schaute er auf sie nieder. „Was genau sollte Sie persönlich betreffen? Geht es hier um Ihre Mitgift?“

Mit flammendem Blick sah sie ihn an; ihre Haltung sagte deutlich, wie widerwärtig es ihr war, antworten zu müssen. „Dieses Thema möchte ich mit Ihnen nicht diskutieren, Sir. In der Tat werde ich es, Gott sei gedankt, mit Ihnen nie diskutieren müssen.“

„Ah, dann ist es die Mitgift – die Ihre wird also beträchtlich kleiner ausfallen, falls Ihr Vater beschließt, sie zur Zahlung der Schulden zu benutzen. Ein Jammer, Miss Chester. Aber wie er zu zahlen gedenkt …“

„Er gedenkt wohl kaum. Sie lassen ihm keine Wahl“, zischte sie. „Und nun lassen Sie mich vorbei, Sir, dieses Thema ist höchst anstößig.“

„Nun kommen Sie aber!“, sagte er leicht spöttisch. „Ihr Zartgefühl wird wohl kaum wichtiger sein als der vorgebliche Kummer Ihres Vaters! Nach allem, was ich gesehen habe, halte ich Sie nicht für so zimperlich. Also reden Sie um Himmels willen.“

„Ich kann nicht, Sir Chase. Sie sind für mich ein Fremder.“

„Wissen Sie, ich bin immerhin der Gläubiger“, murmelte er, sich ihr vertraulich zubeugend. „Wenn Sie also mit mir nicht darüber reden können, mit wem dann? Werden Sie Ihre Mitgift denn in naher Zukunft benötigen?“

„Weder in naher noch ferner Zukunft“, hauchte sie. „Da haben Sie Ihre Antwort. Und nun lassen Sie mich vorbei.“

Er tat nicht so, als verstünde er sie nicht, betrachtete sie jedoch eine Weile nachdenklich, ehe er antwortete. Leise fragte er: „Warum nicht?“

Sichtlich um Ruhe bemüht, entgegnete sie: „Wenn nicht einmal mein Vater und meine Stiefmutter meine Gründe verstehen, kann ich das von Ihnen erst recht nicht erwarten, Sir Chase.“

„Und Sie selbst? Wissen Sie, warum?“, flüsterte er.

Ihr zitternder Atemzug verriet ihm, dass er die Schwachstelle in ihrem Schutzwall gefunden hatte. „Oh“, stieß sie leise aufkeuchend hinter vorgehaltener Hand hervor.

Er ließ den Arm sinken, und sie hastete, beinahe im Laufschritt, aus dem Stall über den Hof und die kleine Treppe hinauf, die zum Garten führte. Mit einem metallischen Geräusch fiel das Tor hinter ihr zu. Sir Chase lehnte sich gegen einen Stützbalken und kraulte gedankenverloren einem der Pferde die Mähne. „Na, mein Hübscher, das ist mal eine interessante Abwechselung“, murmelte er. „Wie viel Zeit habe ich? Fünf Monate?“

Hinter dem Tor sank Caterina schwer gegen die Mauer und wartete, bis ihr Herz zu rasen aufhörte. Atemlos lauschte sie den vertrauten Geräuschen, die von den Ställen herüberklangen. Im Stillen grollte sie sich, weil es diesem grässlichen Mann gelungen war, ihr so schnell unbedachte Äußerungen zu entlocken, musste sich jedoch gleichzeitig eingestehen, dass er immerhin wesentlich scharfsichtiger war, als man von einem Fremden erwartete. Er hatte mit Recht gefragt, ob sie ihre eigenen Gründe verstand, die so widersprüchlich waren, gleichzeitig fatalistisch und kompromisslos.

Sie war nicht von Natur aus pessimistisch, ähnelte aber auch nicht ihren Geschwistern, die mit der heiteren Überzeugung durchs Leben gingen, alles werde sich schon irgendwie richten, wenn man nur nicht zu tief darüber nachgrübelte. Sie selbst jedoch grübelte ständig darüber, ob sie das Recht hatte, auch an ihre eigenen Bedürfnisse zu denken, oder ob sie sie ihren Eltern zu Gefallen unterdrücken musste. In den letzten Jahren vertrugen sich diese beiden Gesichtspunkte immer weniger miteinander, denn ihre ungeklärte Zukunft türmte sich derart drohend zwischen ihnen auf, wie es, als ihr Vater Hannah Elwick heiratete, nicht vorherzusehen gewesen war.

Bevor ihr Vater nach Richmond zog, waren Caterina und Hannah, die in der unmittelbaren Nachbarschaft lebte, befreundet gewesen. Die beiden trennten nur sechs Jahre Altersunterschied, und Hannah mit ihrem sanften Wesen musste man einfach mögen, deshalb war Caterina zuerst sehr erfreut gewesen, als Stephen um die Freundin anhielt. Keiner jedoch hatte damit gerechnet, dass Hannah sich als so überaus fruchtbar erweisen würde. Bald schon mussten in dem Haus an der Paradise Road Musiksalon, Studio und Bibliothek weichen und wurden zu Kinderzimmern und einem Arbeitszimmer für den Hausherrn umfunktioniert. Auch blieb kein Platz mehr, um Gäste aufzunehmen, und Caterina musste ihr eigenes Zimmer mit Sara teilen.

Nicht, dass sie die kleinen Geschwister nicht gemocht hätte, im Gegenteil freute sie sich, dass Hannah so bald schon ihren mütterlichen Neigungen frönen konnte und ihr Vater wieder eine getreue, liebevolle Gefährtin hatte. Was sie jedoch zusehends unerträglicher fand, war die Tatsache, dass Hannah die Haushaltspflichten als ihre ganz persönliche Aufgabe ansah, die keinesfalls an irgendjemanden abgegeben werden durften, wie eine Dame es sonst zu tun pflegte. Zwar hatte sie zwei Kinderfrauen, denen sie jedoch nur wenige Aufgaben überließ. Vor allem stillte sie die Kinder selbst, und dieser Rhythmus schien den ganzen Haushalt zu bestimmen. Ihr Versuch, Caterinas und Saras Interesse für die Kinderpflege zu wecken, indem sie drauf hinwies, dass es für die beiden jungen Damen eine Schule fürs Leben sei, schlug fehl, da beide solch überbordender Mütterlichkeit zurzeit nicht viel Begeisterung entgegenbringen konnten.

Sara hätte viel lieber Freunde besucht oder neue Tänze gelernt, und Caterina waren ihre Gesangsstunden wichtiger. Unter den herrschenden Verhältnissen konnte sie nur auf Sheen Court in Tante Amelies Musiksalon üben, entkam allerdings so auch der beengenden Umgebung, die sie mittlerweile unerträglich fand. Tante Amelie hatte mittlerweile drei eigene, ganz entzückende Kinder, doch betrachtete sie es nicht als ihre Pflicht, ihre gesamte Lebensführung darauf auszurichten, und außerdem war Sheen Court natürlich viel größer als das Haus in der Paradise Road Nr. 18.

Wegen der Enge im Haus hatte Caterina ihren Bruder nicht davon abzubringen versucht, seinen Urlaub in London zu verbringen, was sie nun bitter bereute, und als die Älteste fühlte sie sich in gewisser Weise verantwortlich für das Geschehene. Wahr jedoch blieb, dass sie sich gerade wegen Hannahs speziellem Verständnis von Familienleben nicht in die Arme des ersten besten Bewerbers um ihre Hand hatte treiben lassen, sondern es hatte eher den gegenteiligen Effekt gehabt, da ihr ständig die unangenehmen Seiten der Ehe vor Augen geführt wurden, die ihr dann auch bald blühen mochten – Hannah wirkte kränklich, blass und überanstrengt, ihr Vater war missgelaunt, ungeduldig und unausgeschlafen.

Der Earl of Loddon hatte ihr, nachdem er die Verlobungsanzeige in der Times veröffentlicht hatte, klargemacht, dass sie mit seiner betagten Mutter in Cornwall zu leben hätte, während er in London seinen Interessen nachging. Und über Viscount Hadstoke war in dem Augenblick das Urteil verhängt, als er sie zu küssen versuchte. Die Vorstellung, im Ehebett noch mehr als das ertragen zu müssen, war ihr schrecklicher gewesen als die schwierigen Zustände in ihrem Heim. Selbst für einen Titel hätte sie das nicht über sich gebracht.

Mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter über Liebe zu sprechen war sinnlos, da beide darauf beharrten, dass solche Gefühle erst in der Ehe wüchsen. Caterina wusste es besser, wenn auch ihre angeführten Beispiele eher die Ausnahme als die Regel waren und somit nicht viel Gewicht hatten. Tante Amelie und ihr Gatte, Lord Nicholas Elyot, hatten sich schon vor der Heirat geliebt, und dessen Bruder Lord Rayne war vor sechs Jahren Caterinas erste Liebe gewesen. Nach einiger Zeit hatte sie sich davon erholt, doch das Hochgefühl, das Verlangen, den Rausch der Liebe konnte sie nie vergessen. Und die Torheit, die damit einherging. Seitdem wusste sie, dass sie tiefe Liebe empfinden konnte, und wollte nicht für den Rest ihres Lebens darauf verzichten. Alles andere wäre nur ein Kompromiss, das Zweitbeste – und schlimmer als gar nicht zu heiraten.

Als sie nun an der Mauer lehnte, spürte sie staunend, wie ihr Herz in diesem altvertrauten, erregenden Rhythmus pochte. Und warum hatte sich das Bild dieses Mannes schon tief in ihr Gedächtnis gegraben? Sie sah sein dichtes schwarzes Haar, seine Augen mit dem unverschämten Blick, die beeindruckend breiten Schultern, die schmalen Hüften. Nichts war ihr entgangen, obwohl sie sich nicht beim Hinschauen hatte erwischen lassen wollen. Welch Ironie, dass ausgerechnet ein Mann von seinem Ruf, den zu kennen gefährlich sein konnte, der Einzige war, der fragte, warum sie nicht heiraten wollte. Was konnte es ihn nach so kurzer Bekanntschaft überhaupt interessieren?

Stephen Chester war nicht wirklich gewissenlos, wenn es auch, als er über die Zukunft seiner Tochter einen Handel abschloss, so erschienen sein mochte. Aber nur selten erhielt ein Mann schlechte Nachrichten und gleichzeitig eine Möglichkeit geboten, sie auszugleichen. Außerdem kämpfte er schon seit Jahren mit dem Problem, was er mit seiner ältesten Tochter anfangen sollte, und war immer mutloser geworden. Bestimmt konnte man ihm vergeben, dass er diese Gelegenheit beim Schopfe gepackt hatte, ohne sein Gewissen zu erforschen und ohne große Seelenqualen. Und ohne dass es ihn etwas kostete.

Natürlich hatte er hoch hinausgewollt, vielleicht zu hoch. Dukes, Earls, Viscounts und Lords hatten Interesse gezeigt, zu Caterinas Amüsement und mit wenig Entgegenkommen ihrerseits. Sie alle hatten sich, ihre Wunden leckend, zurückgezogen, und ihm war schon der Gedanke gekommen, ob es ihnen wirklich um Caterinas strahlende Schönheit oder vielleicht doch um ihre Mitgift ging, die, wenn auch nicht überwältigend, immerhin den einen oder anderen verlockt haben mochte. Doch dieser Sir Chase Boston war offensichtlich weniger an der Mitgift als an der Herausforderung interessiert. Seltsam, dass es Menschen gab, denen es nichts ausmachte, zwanzigtausend Guineen zu verlieren.

Ja, Stephen Chester spürte sein Gewissen, doch nicht allzu heftig und auch nicht eben schmerzhaft. Soweit er wusste, war Sir Chase ein Lebemann, ein Frauenheld und Spieler; das durfte man nicht außer Acht lassen. Wenn auch nur von niederem Adel, war er doch überaus vermögend und hatte versprochen, gebührend für Caterina zu sorgen. Wobei er den Nagel auf den Kopf traf, als er meinte, dass ein langweiliger Ehemann vielleicht nicht nach ihrem Geschmack wäre.

Zwar wusste Mr. Chester mittlerweile kaum noch, was Caterina gefallen mochte, doch da sie sich nicht überwinden konnte, einen rechtschaffenen, ganz gewöhnlichen Earl zu nehmen, würde sie sich möglicherweise von einem ungewöhnlichen Baronet erobern lassen.

Tief aufseufzend fingerte er an dem Stöpsel der Brandykaraffe herum. Was den Druck betraf, den er auf seine eigenwillige Tochter ausüben musste – nun, sie wusste über die Höhe der Schuld Bescheid und würde ihre Pflicht kennen. Wenn man sie dazu bringen konnte, die Angelegenheit unter dem Gesichtspunkt zu betrachten, würde sie Sir Chase als Gemahl hoffentlich ernsthafter ins Auge fassen als ihre vorherigen Verehrer. Was war schon ein wenig väterliches Drängen im Vergleich zu einer ungeheuren Schuldsumme, die wie ein Damoklesschwert über einem hing?

Er hob die Karaffe und hielt sie gegen das Licht. Hannah hatte also schon wieder seinen Brandy verdünnt! Kein Wunder, dass Sir Chase davon nicht sehr angetan war. Dem zum Trotz goss er sich ein weiteres Glas ein und nahm es mit zu dem großen Walnussschreibtisch, den er erst kürzlich für teures Geld erworben hatte.

2. KAPITEL

Caterina lenkte die Apfelschimmel geschickt durch das schmiedeeiserne Tor, das in die Ulmenallee von Sheen Court führte. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Sara ihren Schutenhut festhielt. „Nimm ihn ab!“, rief sie ihr lachend zu. „Wen soll es schon stören? Lass dir so wie ich den Wind durchs Haar wehen.“

Gutmütig lächelnd entgegnete Sara: „Gern, wenn ich dabei aussähe wie du, aber ich sehe nur aus, als ob ich besser einen Hut getragen hätte.“

„Unsinn, jeder weiß, wie hübsch du bist!“

Mit ihren neunzehn Jahren war Sara sehr darauf bedacht, immer besonders gut auszusehen, während sie versuchte, ihrer Schwester nachzueifern, die in den vergangenen Jahren Haltung erworben und einen ganz eigenen Stil entwickelt hatte. Zu Saras Verdruss gehörte sie selbst zu den ätherischen Blondinen, denen das sturmzerzauste Äußere und ein kühner Kleiderstil nicht so gut standen. Das passte besser zu Caterinas sinnlichen Kurven, die ihr selbst leider fehlten. Allerdings gab es reichlich junge Herren, die ihre Zierlichkeit bevorzugten, vor allem, wenn ihnen dadurch Gelegenheit gegeben wurde, den hilfreichen Kavalier zu spielen. Die gleichen Dienste Caterina anzubieten war viel weniger befriedigend, da immer der Eindruck blieb, sie fände es eher amüsant und unnütz als rührend und hilfreich. Für die zarte, feenhafte Sara war die Liebe wie ein Menuett, getragen, kunstvoll und anmutig und mit einem vorgegebenen Ende. Für Caterina war Liebe eher ein Ritus, bei dem das Sein und nicht das Denken wichtig war. Sie wartete darauf, dass sie ihr wieder begegnen möge, doch dann mit einem Mann, der den gleichen urtümlichen Rhythmus vernahm wie sie.

Vor ihnen tauchte die hell in der Sonne schimmernde Fassade von Sheen Court auf. Ein von korinthischen Säulen getragener Portikus überdachte die dreigeteilte Freitreppe, vor der Caterina den Phaeton zum Halten brachte. Sofort eilten Lakaien herbei, um die Pferde zu übernehmen, und ihnen folgte gemächlich ein hochgewachsener Gentleman, von zwei gefleckten Windhunden umsprungen.

„Schau, Lord Elyot“, flüsterte Sara. „Ich weiß nie, was ich mit ihm reden soll.“

„Das ist nicht Lord Elyot“, entgegnete Caterina, „es ist sein jüngerer Bruder, Lord Seton Rayne.“

Weit riss Sara die Augen auf. „Oh … du meinst Seton? Der, den du …“

„Still! Das ist ewig her. Ich wusste gar nicht, dass er heimgekehrt ist.“

„Wo war er denn?“

„Bei der Armee.“ Während er näher kam, hob er grüßend eine Hand, und Caterina rief: „Lord Rayne! Was machen Sie hier?“

„Ah, ich habe hier mal gewohnt, wissen Sie noch?“ Mit blitzenden Zähnen lachte er ihr zu.

„Himmel, ja. Fast hatte ich es vergessen“, neckte sie, aus dem Wagen kletternd.

Er reichte ihr die Hand. „Kommen Sie, lassen Sie sich helfen, Miss Caterina Chester, und stellen Sie mich Ihrer reizenden Begleiterin vor, oder haben Sie auch Ihre Manieren vergessen?“ Mit raschem Griff fing er sie auf und erwiderte ihre schwesterliche Umarmung.

Sie hatte sich oft gefragt, wie sie beide sich seit ihrem letzten Treffen wohl verändert haben würden. Damals, als er zu seinem Regiment musste, hatte sie sich genauso freundschaftlich von ihm verabschiedet wie die anderen Freunde und Familienmitglieder, obwohl ihre Gefühle für ihn ganz anderer Art waren. Aber damals hatte sie sich auch geschworen, nie wieder um einen Mann zu weinen, und den Schwur hatte sie bisher gehalten.

Sie war siebzehn gewesen, er fünfundzwanzig, und alles war sehr zivilisiert abgelaufen, voller Verständnis und Güte von seiner Seite und mit viel Einsicht von ihrer. Er hatte gesagt, dass sie zu jung für ihn sei, dass er für lange Zeit fort müsse und dass er sie nicht verdiene. Weder damals noch heute glaubte sie, dass Liebe viel mit Verdienst zu tun hätte, aber sie hatte seine Erklärung als vernünftig akzeptiert, weil ihr nichts anderes übrig blieb.

Damals als unfertiges, linkisches, unschuldiges Mädchen konnte sie ihm nicht genügen, wenn auch bereits sehr hübsch, reichte sie nicht an die hinreißende Schönheit heran, die sie heute war. Natürlich hatten sie keine Intimitäten getauscht, sodass sie ihm nichts vorzuwerfen hatte, außer dass er sie nicht liebte. Nachdem ihr Verhältnis zueinander dann geklärt war, verhielten sie sich in den letzten Wochen vor seiner Abreise eher wie Bruder und Schwester, wobei scherzhaftes Necken ihre vorherige einseitige Anbetung auf tröstliche Weise ersetzte.

Diese unerfüllte Liebe zu überwinden war für Caterina eine harte Lehre gewesen, die sie mit Tante Amelies Unterstützung nach und nach meisterte und mit bewundernswerter Würde zu tragen lernte, denn all das geschah, als sie gerade in die Gesellschaft eingeführt und gleichzeitig ihre erstaunliche Singstimme entdeckt wurde, durch die sie einige Berühmtheit erlangte.

Heute nun, da sie sich mit Lord Rayne messen konnte, stellte sie fest, dass, wenn ihr Herz nicht ganz ruhig schlug, es nur an ihrer großen Wiedersehensfreude lag und er tatsächlich nur geschwisterliche Gefühle in ihr entfachte. Voll neugierigem Interesse, wie er sich verändert haben mochte, beobachtete sie, wie er Sara aus dem Wagen half und stellte ihn dann vor.

Die Zeit in der Armee hatte ihn äußerlich wenig verändert, er war schlanker geworden, sehniger, mit militärischer Haltung; die gebräunte Haut spannte sich über seinen Wangenknochen, und ein paar Fältchen hatten sich um seine Augen eingenistete, nicht durch Kummer, sondern durch Wind und Sonne verursacht.

Lord Rayne hatte sich äußerlich jedenfalls weniger verändert als Caterina und sah immer noch genauso hervorragend aus wie früher, makellos gekleidet, das dunkle Haar raffiniert ungeordnet, und mit schlicht gebundenem strahlend weißem Krawattentuch.

Rosig überhaucht ließ Sara es zu, dass er sie unterhakte und mit ihr die Freitreppe hinaufstieg. Caterina an seiner anderen Seite fragte eifrig: „Seit wann bist du wieder zu Hause? Hast du die Armee verlassen? Und hat man dir schon ein Amt angeboten?“

Er drückte ihren Arm und schaute lächelnd auf die Masse kastanienfarbener Locken nieder, die ebenso widerspenstig waren wie ihre Besitzerin. Aufblickend präsentierte sie ihm ihren makellosen Teint, die von der Sonne zart überhauchten Wangen und die langen, dichten Wimpern. Wie sehr sie sich verändert hatte! Ihre Bewegungen waren nun nicht weniger anmutig als die ihrer eleganten Tante, ihre Haltung drückte Selbstsicherheit aus. „Nur ein paar Tage“, sagte er. „Aber das soll uns nicht verdrießen. Erzähl mir von den unziemlichen Anträgen, die du bekommen hast, Cat. Ich dachte, du hättest inzwischen einen Haufen Gören am Rockzipfel hängen.“

„Wie ordinär du bist“, schalt sie ihn. „Und schwindele gefälligst nicht. Du hast nicht eine Sekunde an mich gedacht, nicht wahr?“

„Doch, habe ich, ein- oder zweimal. Aber ich hätte nicht geglaubt … nun …“

„Nun was?“

„Dass du dich so herausgemacht hättest. Wir haben uns viel zu erzählen.“ Er wandte sich an Sara: „Singen Sie auch?“

„Nicht so gut, Mylord“, antwortete sie. „Meistens begleite ich Caterina auf der Harfe. Das fällt mir leichter.“

Lord Rayne lächelte nachsichtig und dachte, wie unähnlich die Schwestern einander waren. Da er Caterinas hohe Ansprüche kannte, wenn es ums Singen ging, glaubte er nicht, dass es leicht war, sie zu begleiten. „Signor Cantoni ist schon hier. Hättest du gern Zuhörer bei deiner Gesangsstunde?“

„Solange du nicht durch dein Schnarchen störst“, spottete Caterina.

Lady Elyot begrüßte ihre Nichten eher wie Schwestern, umarmte sie und fasste sie bei den Händen. Sie bemerkte das Entzücken ihres Schwagers sehr wohl. „So habt ihr euch also wiedergetroffen. Nun, Seton, hat sie sich verändert?“

„Sehr, dem Himmel sei Dank“, sagte Seton neckend.

„Immer noch kein Gentleman“, schoss Caterina zurück. „Er hat sich nicht verändert. Sara, erwarte nur keine Komplimente. Lord Rayne hat sogar das Einzige vergessen, das er kannte.“

Sara kicherte; sie verstand den Scherz, konnte sich mit ihrer Schwester bei witzigen Bemerkungen aber nicht messen. „Wir haben den Phaeton zurückgebracht, Tante Amelie. Cat hielt es für besser, weil wir ja morgen nach Wiltshire fahren. Und Hannah kommt doch nicht mit, weil die Zwillinge wieder irgendetwas ausbrüten.“

„Ach je, das tut mir leid. War Dr. Beale schon da?“ Lady Elyot schaute betroffen. Sie war nur wenig kleiner als Caterina und hinreißend anzusehen. Mit ihren dreißig Jahren brachte sie immer noch alle Männerherzen zum Schmelzen. Trotz ihrer drei Kinder hatte sie ihre schlanke, straffe Gestalt behalten und kleidete sich immer noch elegant und modisch. Unter ihrer Leitung war Caterina zu der selbstbewussten jungen Frau geworden, die sie heute war, was sie bis heute auf eine besondere Weise miteinander verband.

„Als wir fuhren, traf er gerade ein. Hannah will Tante Dorna bitten, als Anstandsdame für uns zu fungieren. Sie kommt sowieso mit“, erklärte Sara.

„Dorna als Chaperon?“ Amelie hob eine Braue. „Aber ich bin sicher, sie wird zusagen, wenn auch eher der Form halber als tatsächlich.“

„Solange diese ehrenvolle Pflicht nicht Dornas eigenes Vergnügen behindert“, meinte Lord Rayne. „Gott sei Dank bin ich auch eingeladen – man hat mich als ihren Partner vorgesehen –, aber ich bin sicher, sie hat keine Lust, ihren kleinen Bruder am Hals zu haben. Ich hatte mich ganz darauf eingerichtet, mir zum Zeitvertreib ein naives Schwesternpaar zu suchen, da kommt ihr beiden Hübschen mir gerade recht.“

„Vielen Dank“, sagte Caterina trocken, während sie von einem Lakaien ihre Mappe mit den Noten entgegennahm. „Aber wir wollen keine Lückenbüßer sein. Wir sind bei Weitem nicht naiv genug für dich. Aber ich wusste nicht, dass du auch eingeladen bist.“

„Nicht nach Sevrington Hall eingeladen?“, meinte er gespielt empört. „Die Ensdales würden nie eine Wochenendgesellschaft ohne mich geben. Ich stehe immer auf ihrer Gästeliste – du weißt schon, begehrter Junggeselle und so.“

„Sehr gut, dann kennst du dich ja aus. Sara und ich sind gebeten worden vorzutragen.“

„Oh, Gott!“ Er tat völlig entsetzt.

„Und nun dürfen wir Signor Cantoni nicht länger warten lassen. Tante Amelie, danke, dass du uns den Phaeton geliehen hast. Er ist heute Morgen noch gereinigt worden. Es war ein solches Vergnügen, ihn zu fahren.“

„Dann kannst du ihn jederzeit wieder haben, Liebes. Geht doch hinüber in die Galerie. Dürfen wir später ein wenig lauschen?“

„Sicherlich. Wir üben die Lieder für das Wochenende.“

Ein heller, glasüberdachter Korridor führte in den Seitenflügel, wo ein früherer Lord Elyot eine lange Galerie mit deckenhohen Fenstern an den Stirnseiten hatte bauen lassen, um dort seine Kunstsammlung und die Ahnenporträts unterzubringen. Heute wurde der Raum oft für Musikvorträge genutzt. Als die beiden Schwestern eintraten, saß Signor Cantoni schon am Flügel und improvisierte.

„Geht es dir auch gut, Cat? Ich meine, nachdem du ihn wiedergesehen hast“, fragte Sara leise.

Caterina ging es hervorragend. Ja, vor einigen Jahren noch hatte sie sich davor gefürchtet, Lord Rayne erneut zu begegnen, der ihr, wie sie sich vorstellte, eine schöne, elegante Frau am Arm ein mitleidiges Lächeln schenkte. Nun hatten sie sich getroffen, und er hatte ihre vertrauten Kabbeleien wieder aufgenommen, die kleinen Sticheleien und Neckereien, die viel erträglicher waren als angestrengte Höflichkeit, die nur Bedauern verschleiert. Sie hatte sich verändert, und zum ersten Mal erkannte sie, dass er damals geahnt haben musste, wie ihre Bedürfnisse über die romantischen Träume eines Backfisches hinauswachsen würden. Wie dankbar war sie ihm nun, weil er ihr gesagt hatte, es werde andere Männer als ihn für sie geben, wenn sie es damals auch nicht hatte hören wollen.

Sie legte ihrer Schwester einen Arm um die Schultern und drückte sie leicht an sich. „Ja, es ist längst vorbei“, hauchte sie ihr ins Ohr. „Wirklich, glaub mir. Wir drei werden gut miteinander auskommen.“

Nachdem sie den Gesangslehrer herzlich begrüßt hatten, suchten sie die passenden Noten heraus und begannen ernstlich zu proben. Die Musik war für Caterina ein Lebensquell und hatte ihr über die schwierigen Umstände der letzten Jahre hinweggeholfen. Sie war als Sängerin begehrt, man bemühte sich, und man bat sie zu den erlesensten Gesellschaften, um ihre herrliche Stimme zu hören. Anfangs hatte ihr Vater Einwände erhoben, sah jedoch auf Zureden bald ein, dass eine solche Stimme nicht im Verborgenen blühen durfte.

Schon nach kurzer Zeit fanden sich immer mehr Mitglieder des Haushaltes an den Türen der Galerie ein und lauschten verzückt Caterinas herrlichem Mezzosopran, der die göttliche Musik der berühmtesten Komponisten so ausdrucksvoll wiedergab. Da Caterina ihrem Lehrer zugewandt stand, merkte sie kaum etwas von der wachsenden Zuhörerschaft, bis Sara in einer Pause flüsterte: „Da ist Lord Elyot.“

„Schau einfach nicht hin“, entgegnete Caterina, dann wandte sie sich an Signor Cantoni, merkte etwas zu einem Stück an und machte sich eine Notiz in den Noten. Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, dass sich Lord Elyot in der Tat unter den Zuhörern befand und an seiner Seite ein Gast, ein Mann, der ihm an Höhe der Gestalt gleichkam, ein Mann, dem sie heute Vormittag noch unter sehr anderen Umständen daheim gegenüber gestanden hatte.

Normalerweise litt sie bei ihren Auftritten nicht unter Nervosität, doch nun spürte sie, wie ihr die Brust eng wurde, und als Signor Cantoni sein Spiel wieder aufnahm, verpasste sie ihren Einsatz. „Verzeihen Sie, Signore. Noch einmal bitte.“

Dieses Mal traf sie den Takt und wandte sich bewusst ihrem Publikum zu, um zu zeigen, dass sie sich, anders als bei ihrem Gespräch mit Sir Chase, vollkommen in der Gewalt hatte.

Sie hätte gern vermieden, abermals auf ihn zu treffen, doch das war leider nicht möglich, denn Lord und Lady Elyot hatten erfahren, dass er und Miss Chester einander bereits vorgestellt worden waren. Es sei ihm ein Vergnügen, sie erneut zu treffen. Falls sie geglaubt hatten, die Freude wäre beiderseitig, mussten sie bald erkennen, dass Caterina seine Gratulation mit eisiger Kälte entgegennahm und sich gleich wieder entfernte. Natürlich wollte sie ihn nicht offen schneiden, das hätte zu viele Fragen aufgeworfen, sie mochte aber nicht das Interesse eines Mannes entgegennehmen, der ihren Vater um eine große Summe zu bringen gedachte, deshalb nahm sie Amelies kleinen Sohn bei der Hand und führte ihn zum Flügel, wo sie mit dem gelehrigen Knaben ein einfaches Duett spielte.

Als sie alle schließlich zurück in den Salon wanderten, stellte sich jedoch heraus, dass Lady Elyot sehr wohl etwas bemerkt hatte. „Was ist los, Cat?“, fragte sie gedämpft. „Passt es dir nicht, dass wir Sir Chase erlaubten, dir zuzuhören? Er war sichtlich interessiert.“

„Nein, das nicht, es ist mir gleich, wer mich hört. Ich mag den Mann einfach nicht.“

„Aber er erzählte, dass er dir erst heute Morgen begegnete. Was missfällt dir denn so?“

„Oh, alles, was allgemein über ihn bekannt ist. Mir sträubt sich einfach alles gegen ihn. Ich weiß, manche halten ihn für einen Vorreiter der Mode, aber Eleganz entschuldigt nicht Lasterhaftigkeit.“

„Cat! Nicht doch! Da übertreibst du aber! Wenn er tatsächlich so arg wäre, würde mein Gemahl ihn mir nicht ins Haus bringen.“

„Lord Elyot hat ihn eingeladen?“

„Ja, Liebes. Sie waren im selben Regiment und sind seit Jahren befreundet. Du hast ihn nur noch nie hier getroffen, weil er die meiste Zeit in London oder auf seinen Gütern verbringt. Natürlich treiben die Männer allerlei Unsinn, von dem ich nicht zu viel erfahren möchte. Selbst Nick erzählt mir nicht von jedem Streich, den sie sich in der Armee leisteten.“

„Nun, mit Letzterem hast du gewiss recht. Aber trotzdem, je weniger ich von dem Mann sehe, desto besser.“

Lady Elyot, die Sir Chase während Caterinas Vortrag unauffällig beobachtet hatte, war überzeugt, dass dessen Gedanken nicht im selben Gleis verliefen. Es würde interessant sein zu sehen, wie lange er brauchte, um ihre Nichte umzustimmen, denn er war gewiss kein Mann, der aufgab, wenn er auf Widerstand traf. Und er hatte ein Auge auf ihre Nichte geworfen. Ob er deshalb Stephen aufgesucht hatte?

Caterina war jedoch nicht zum letzten Mal mit Sir Chase zusammengestoßen. Als Signor Cantoni sich verabschiedet hatte, bat Sara darum, noch bleiben zu dürfen, um ihr Harfenspiel zu üben. „Ob ich dich wohl überreden könnte, mich heimzufahren?“, wandte Caterina sich an Lord Rayne und hakte sich ostentativ bei ihm ein.

„Kannst du nicht laufen?“, antwortete er grob.

„Seton!“, rief Amelie. „Wie unhöflich du bist!“

„Lass nur, Tante Amelie“, sagte Caterina, „er scherzt nur.“

„Wie kommst du darauf?“, fragte er unschuldig tuend.

Und dann lief es nicht ganz nach Caterinas Vorstellung, denn obwohl Chase die Neckerei sehr wohl verstand, ergriff er die Gelegenheit beim Schopf, mit der unwilligen Dame allein sein zu können. Rasch trat er hinzu und sagte: „Erlaube mir, Seton, mein Karriol steht draußen bereit. Ich wäre glücklich, Miss Chester heimfahren zu dürfen.“

„Nein … nein, danke sehr … das ist nicht nötig. Wirklich nicht.“ Bedeutungsvoll drückte sie Setons Arm.

Doch der ahnungslose Gentleman meinte nur: „Schau da. Problem gelöst. Und er ist nicht schlecht mit den Zügeln, Cat. Du wirst bei ihm ganz sicher sein.“

Verärgert ließ sie Seton ohne ein weiteres Wort los. Was immer sie sagen konnte, würde nur zu Peinlichkeiten führen. Allerdings war der Gedanke, gleich dicht neben Sir Chase sitzen zu müssen, gleichermaßen irritierend wie aufregend – aus Gründen, die zu erforschen sie sich weigerte. Musste man noch sagen, dass sie nach dem morgendlichen Scharmützel lieber zehnmal zu Fuß gegangen wäre, als mit ihm fahren zu müssen?

Leider blieb ihr nichts anderes übrig, als sein Angebot schweigend anzunehmen; nur zeigte sie Seton sehr deutlich, dass er sie im Stich gelassen hatte, indem sie ihn völlig ignorierte und sich nur von Lord und Lady Elyot an der Haustür herzlich verabschiedete.

„Ah, so rasch schneidest du mich?“, rief er schalkhaft.

„Ja.“ Sie warf sich ihren Schal über die Schultern. „Dein amateurhafter Fahrstil hat mir sowieso nie gefallen.“

Lord Elyot lachte und rief: „Bravo, Cat, das geschieht dem ungalanten Burschen recht!“

Doch Caterina wurde schon zu dem auffallenden Sportgefährt geleitet, dessen schmaler Sitz sich ebenso hoch über dem Boden befand, noch höher als die Rücken des Gespanns, so wie bei dem Phaeton ihrer Tante. Der einzige Unterschied war, dass der Phaeton vier Räder hatte, das Karriol jedoch nur zwei; noch dazu kutschierte er nicht wie üblich mit zwei Pferden, sondern hatte vier exakt aufeinander abgestimmte feurige Braune vorgespannt. Ungläubig zögerte sie, und er musste ihr wohl ansehen, dass sie beeindruckter war, als sie zeigen wollte.

Die Höhe zu erklimmen machte Caterina keine Angst. Mit einem kurzen, unterstützenden Griff von Sir Chase war sie oben und drückte sich in eine Ecke des Sitzes, als ihr einfiel, dass sie etwas vergessen hatte. Während sie in ihrem Retikül kramte, rief sie: „Lord Rayne, wären Sie zumindest so freundlich, meiner Tante das hier zu geben? Ich fand es in ihrem Phaeton.“ Sie ließ ein kleines Spitzentüchlein in seine Hand flattern. „Oh, so wetterwendisch, Cat?“, fragte er lachend. „Erst die kalte Schulter, und dann lässt du dein Taschentuch fallen? Was soll ich denn nun glauben?“

Der Wagen senkte sich ein wenig, als Sir Chase aufstieg und sich neben sie auf den Sitz quetschte, enger als es ihr angenehm war. „Denk, was du willst!“, rief er seinem Freund zu. „Du hast deine Chance verpasst.“ Unterdrückt lächelnd musterte er Caterina, die steif neben ihm thronte, eine Hand am Rand des Verdecks, die Füße so weit wie möglich von ihm entfernt. „Fertig?“, fragte er. Er hob die Peitsche, nickte gleichzeitig dem Groom zu loszulassen, und nach einer kurzen, raschen Berührung mit der Peitschenspitze zogen die Pferde so sanft an, dass man es kaum merkte.

Während der ersten Minuten war Caterina ganz damit in Anspruch genommen, zuzusehen, wie geschickt Sir Chase dieses Vierergespann meisterte, die Pferde zu einer Einheit versammelte, während sie die steinige Allee hinabfuhren und mit elegantem Schwung durch das Tor in die Paradise Road einbogen. Wie tief beeindruckt sie auch war, hätte sie doch um nichts in der Welt eine bewundernde Bemerkung gemacht, noch hätte sie zugegeben, wie prickelnd sie diese Fahrt fand. Trotzdem nahm sie schließlich das Wort, allerdings um ihn zu reizen. „Wieso geben Sie Ihre Grundsätze auf, Sir Chase?“

„Welche genau, Miss Chester?“

„Einem Schuldner nicht auch noch eine Fahrgelegenheit zu bieten.“

„Aber Sie schulden mir nichts! Und Ihr Vater und ich haben die Sache einverständlich und auf freundlicher Basis beigelegt.“

„Ah, so rasch?“

„Ja, aber das war doch Ihr Wunsch, nicht wahr?“

„Schon, aber wie denn? Haben Sie ihm eine Frist eingeräumt? Oder hat er Ihnen etwas verkauft?“

„Weder, noch. Wir haben einfach eine Absprache getroffen.“

„Daran glaube ich nicht“, wandte sie hartnäckig ein. „Solch eine Summe kann er unmöglich so schnell aufbringen. Was also hat er Ihnen verkauft? Das Haus?“

„Fragen Sie ihn“, meinte er lakonisch.

„Das werde ich.“

„Fein. Dann können wir uns nun erfreulicheren Themen widmen.“

„Erfreulicher als klingende Münze, Sir? Schöneres gibt es doch nicht für Sie“, sagte sie scharf.

„Doch, Miss Chester, Ihr Gesang zum Beispiel.“

Sie konnte ihn nicht erneut abblitzen lassen, also hielt sie lieber den Mund.

Es war nicht weit bis zur Paradise Road, aber als sie ein Stück offene Strecke vor sich hatten, zügelte Sir Chase unter einer großen, eben frisch ausschlagenden Eiche die Pferde und wandte sich Caterina zu.

Als er ihr ins Gesicht sah, regte sich ganz kurz ihr Widerspruchsgeist. Sie hatte es nie gemocht, in eine unerwünschte Lage manövriert zu werden, und obwohl sie gern gefragt hätte, warum er angehalten hatte, unterließ sie es, weil er eben diese Frage erwartete. Wütend schaute sie ihn an und registrierte erneut seinen durchdringenden arroganten Blick, der in ihr zu lesen schien wie in einem Buch, bis sie schließlich die Lider senkte. Selbst dann noch spürte sie, dass er sie forschend betrachtete; seine Beine waren ihr viel zu nahe, und sie war sich unangenehm seiner kraftvollen Gestalt, seiner irritierend breiten Schultern bewusst. Jäh stockte ihr der Atem, und die Kehle wurde ihr trocken.

„Nun, Madam, sagen Sie mir doch, wie gut Sie mit Rayne bekannt sind“, sagte er sanft. „Sind Ihre Neckereien nur ein Deckmäntelchen für tiefere Gefühle, oder ist es eher eine geschwisterliche Beziehung?“

Selbst von einem Freund hätte sie diese Frage vielleicht als aufdringlich empfunden. Von ihm war es einfach eine unverschämte Einmischung. „Sir Chase“, entgegnete sie übertrieben süß, „auch wenn mein Vater Ihr Schuldner ist, erlaubt Ihnen das nicht, sich in meine Angelegenheiten zu mischen, so lieb es Ihnen auch wäre. Wenn ich je Interesse dafür anmelden sollte, wie viele Affären Sie im letzten Jahr hatten, dann dürfen Sie mich erneut fragen. Einverstanden?“

Er verzog seinen festen, schön geformten Mund zu einem breiten Lächeln. „Ha! Wie ich es liebe, wenn Sie so bissig sind! Wie viele Affären ich hatte? Das also macht Ihnen Kummer? Wollen Sie es wirklich wissen?“

„Nein, bestimmt nicht!“, fauchte sie.

„Das denke ich auch. Bedienen Sie sich häufig dieser Sprache?“

„Ich muss selten genug mit Leuten Ihrer Art reden.“

„Meiner Art? Was ist meine Art?“ Vertraulich neckend senkte er die Stimme, was ganz anders klang, als wenn Lord Rayne seine brüderlichen Neckereien anbrachte.

„Diese Unterhaltung ist lächerlich. Fahren Sie bitte weiter.“

Er senkte den Kopf ein wenig, um ihr ins Gesicht sehen zu können, das sich langsam mit zarter Röte überzog. „Nun, Miss Chester, da Sie die Frage aufbrachten, lassen Sie sich sagen, dass ich Schulmädchen, sauertöpfische Frauen, alte Damen und Vogelscheuchen niemals verführe. Das sollte Ihren Seelenfrieden sichern. Weitere Kümmernisse?“

Peinlich berührt wandte sie den Kopf ab und flüsterte: „Bitte, bringen Sie mich heim.“

Völlig ungerührt fragte er: „Haben Sie schon einmal ein Vierergespann gelenkt?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Möchten Sie es versuchen?“

Nur zu gern, schrie es in ihr, aber er würde Vergnügen daran haben, es sie zu lehren, und sie wünschte ihn keinesfalls zu freundschaftlichem Verhalten zu ermutigen. Trotzdem schaute sie sehnsüchtig auf die Zügel nieder, die er so meisterlich hielt, und auf die unruhigen Braunen, ließ den Blick über die Straße hin und den Park entlang schweifen, wo die Spaziergänger Miss Caterina Chester sehen würden, wie sie eine vierspännige Rennkutsche lenkte. Einen solchen Anblick würden sie nicht allzu oft genießen können. Zum Teufel mit dem Mann! Warum musste ausgerechnet er es sein!

Ihr langes Zögern war die Antwort. Ohne ein weiteres Wort nahm er ihre Hand und legte sie über seine eigene. „Und nun“, sagte er, „nehmen Sie mir die Zügel genau in der Ordnung ab, in der ich sie halte.“ Ausführlich erklärte er, wie sie die Zügel einsetzen musste, um die Leitpferde zu lenken, und fügte schließlich hinzu: „Und keine Sorge, wenn Sie ermüden, übernehme ich wieder.“

Gewissenhaft leitete er sie an, murmelte ermunternde oder lobende Worte, und die Pferde reagierten sofort, als Caterina sie mit leichter Hand antrieb, erst zum Schritt, dann nach der ersten Kurve zu einem leichten Trab. Nach einer Weile sagte er: „Sie sind gut damit, sehr gut. Schmerzen Ihre Arme?“

„Nein, noch nicht.“

„Dann weiter. Halten Sie sich links. Da, achten sie auf die Kurve … sehr gut.“

Als hätten sie es abgesprochen, fuhren sie an Caterinas Heim vorbei und weiter die Straße in Richtung Stadt entlang, bis sie schließlich nach einigen weiteren Kurven zugeben musste, dass ihr die Arme wehtaten. Sie verringerte die Geschwindigkeit und hielt am Rand des Fahrwegs, wo sie Sir Chase zögernd die Zügel übergab. Der jedoch lenkte das Gespann Richtung Hill Street und Caterina wurde klar, dass er vorhatte, ihr Vergnügen noch ein wenig zu verlängern.

„Wohin fahren wir?“, fragte sie leise.

Er trieb die Pferde den Hügel hinauf zu einem flotten Trab an. „Sie brauchen Bewegung“, erklärte er, „also dachte ich, wir könnten den Weg quer durch den Park nehmen. Und Sie sehen aus, als genössen Sie es, den Wind in den Haaren zu spüren.“

„So?“

Er schenke ihr ein Lächeln, ehe er sich wieder den Pferden widmete, so, als ob er wüsste, dass sie ihm widersprochen hätte, wenn sie nicht so schrecklich gern im Sonnenschein hinter einem hervorragend aufeinander abgestimmten Gespann an der Seite eines bewundernswerten Fahrers dahingebraust wäre. Obwohl sie sein Lächeln nicht erwiderte, sah er an ihrem Blick, dass er recht hatte und sie um eines solchen Abenteuers willen ihre Abneigung eine Weile vergessen würde.

Caterina fand, dass sie noch nie einen so geschickten Fahrer gesehen hatte und dass es ungeheuer aufregend war, in einem leichten Wagen hinter vier schnellen Pferden dahinzurasen; man konnte fast glauben, man flöge. Sir Chase ließ dem Gespann über eine weite Strecke freien Lauf, erst als sie durch das Tor zum Richmond Park einbogen, zog er die Zügel an und lenkte den Wagen an den Rand des Fahrwegs. „So, nun sind Sie an der Reihe“, sagte er. „Zuerst lassen Sie sie traben, dann versuchen wir ein oder zwei Runden zu drehen.“

Sie übernahm die Zügel, wobei sie krampfhaft überlegte, wie sie ihre Begeisterung zeigen konnte, ohne ihre vorherige Missbilligung aufzugeben. Der Weg im Park lag offen vor ihnen, sodass sie die Pferde am liebsten hätte laufen lassen, doch Sir Chase spürte es und warnte: „Belassen Sie es beim Trab.“

Nach einiger Zeit begannen ihre Arme abermals vor Anstrengung zu schmerzen, aber sie fühlte sich so lebendig und frei, so konzentriert und geistig gesammelt, dass sie völlig vergaß, wie es zu dieser irritierenden Situation gekommen war oder was daraus folgen mochte.

Nach etwa einer Meile nahm Sir Chase ihr die Zügel ab und ließ die vier Renner in wildem Galopp über die Parkwege brausen. Spaziergänger blieben gaffend stehen. Ein paar junge Offiziere erkannten Sir Chase, winkten und riefen einen Gruß, während einige Fußgänger bewundernd der schönen jungen Frau mit dem wehenden roten Haar nachschauten.

Sir Chase musste ihr nicht erst sagen, dass sie sich in den Kurven gut festhalten solle; einen Fuß gegen das Abschlussbrett, den andern nicht ganz damenhaft an die obere Kante gestemmt, fing sie die Bewegungen des Wagens auf und fühlte sich atemberaubend lebendig. Das war Freiheit, Entkommen! Sonne, Wind, rasende Schnelligkeit, das war sogar besser als der Applaus, der ihr nach dem Singen gespendet wurde. In diesem Moment war es ihr gleich, dass sie gegen den Mann geschleudert wurde, dass ihr Knie sich gegen seinen Schenkel drückte, wenn sie die Kurven nahmen wie die Wagenlenker in einer römischen Arena. Und seine meisterliche Handhabung der Zügel erhöhte dieses Vergnügen noch, denn sie brauchte nicht einmal Angst zu haben, dass er die Kontrolle verlieren könnte.

Erst als sie die Hügelkuppe erreichten, verlangsamte er das Tempo, lenkte die Tiere im Schritt durch das Parktor und hielt den Wagen kurze Zeit später an einer Stelle an, von wo sie ganz Richmond überblicken konnten. Eine ganze Weile saßen sie schweigend und schauten auf die Stadt im Frühlingsgrün mit dem silbernen Band der Themse hinab. Chase musste nicht fragen, ob sie diesen Ausflug in die Freiheit genossen hatte; ihre funkelnden Augen, ihre rosigen Wagen und ihre zerzauste Mähne sprachen für sich.

Schließlich sagte er: „Fahren wir besser, die Pferde sind schweißnass.“ Eindringlich, ohne zu lächeln, sah er sie an. „Sollten Sie Ihr Haar ordnen, ehe ich Sie heimbringe?“

Die Frage, mit seiner tiefen, ein wenig rauen Stimme gestellt, klang irritierend verschwörerisch und zeigte ihr, wie klar ihm war, dass ihre Eltern ihr heutiges Verhalten, ihr zerzaustes Äußeres, missbilligen würden. Wieder ertappte sie sich bei der Frage, ob er diese Dinge auch anderen Frauen schon gesagt hatte. Schweigend zog sie ihren Schal wie eine Kapuze über das Haar und schlang sich die Enden um den Hals, dann, die Füße dicht nebeneinander gesetzt, richtete sie sich zu der einer Dame geziemenden Haltung auf und sah ihn erwartungsvoll an.

Er zog mit den Zähnen seinen Reithandschuh von der rechten Hand und wischte Caterina mit dem Daumen einen Staubfleck von der Nase, wobei er ihr leicht amüsiert in die Augen schaute.

„Danke“, flüsterte sie, nachgerade erschreckt über die weiche Haut seines Fingers und darüber, dass sie diese Berührung zugelassen hatte. Es schien ihr, als habe sie damit einen ersten Schritt getan.

Mit einer geschickten Geste trieb er die Pferde an und lenkte sie im Schritt den Hügel hinab. „Das war ungefähr die Route, die Ihr Bruder und ich gestern fuhren“, sagte er, „aber da war es vom Regen ziemlich schlammig.“

Autor

Juliet Landon
Juliet Landon hat Anleitungen für Stickarbeiten veröffentlicht. Die Umstellung ins Romangenre war für sie kein großer Wechsel, die Anforderungen sind ähnlich: große Fantasie, einen Sinn für Design, ein Auge fürs Detail, genauso wie Liebe zu Farben, Szenen und Recherche. Und ganz wichtig, bei beidem muss man bereit sein, innere Gedanken...
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Schon immer hat die in Bristol geborene Sarah Mallory gern Geschichten erzählt. Es begann damit, dass sie ihre Schulkameradinnen in den Pausen mit abenteuerlichen Storys unterhielt. Mit 16 ging sie von der Schule ab und arbeitete bei den unterschiedlichsten Firmen. Sara heiratete mit 19, und nach der Geburt ihrer Tochter...
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