Historical Gold Extra Jubiläum Band 1

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

IN GEHEIMER MISSION von CAMP, CANDACE
Welch absurdes Vorhaben! Auf den Vorschlag der schönen Camilla Ferrand, sich zum Schein mit ihr zu verloben, reagiert Lord Benedict halb entsetzt, halb amüsiert. Zunächst sträubt sich alles in ihm - doch am Ende sagt er Ja. Wenn auch nur, um in geheimer Mission auf dem Anwesen ihrer Familie zu ermitteln. Das zumindest redet Benedict sich ein, bis er mehr und mehr dem Charme der betörenden Camilla erliegt …

VERRUCHTE KÜSSE EINES GENTLEMAN von MICHAELS, KASEY
Durch einen dummen Zufall landet Eleanora unversehens im Bett eines fremden Gentleman! Als andere Schankstubengäste Zeuge dieser kompromittierenden Situation werden, bleibt Eleanora nur ein Ausweg, um ihre Ehre zu wahren: Sie muss Nicholas Marley zum Gemahl nehmen. Obwohl noch kein Mann derart heftige Gefühle in ihr geweckt hat, ist Eleanora zutiefst verunsichert. Und dann taucht auch noch Nicholas’ Verlobte auf …


  • Erscheinungstag 07.06.2016
  • Bandnummer 1
  • ISBN / Artikelnummer 9783733766498
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Candace Camp, Kasey Michaels

HISTORICAL GOLD EXTRA JUBILÄUM BAND 1

1. KAPITEL

1812

Sie war verloren.

Camilla hatte es schon eine ganze Weile geargwöhnt, und als sie nun den Vorhang beiseiteschob und hinaus in die Nacht spähte, war sie ihrer Sache sicher. Der Nebel, der ihre Kutsche einhüllte, war so dicht, dass sie ebenso gut im Inneren einer Wolke hätte sitzen können. Sie hatte keine Ahnung, wo sie sich befanden. Das Gefährt konnte einen Katzensprung vom Haus ihres Großvaters entfernt sein – oder am Rand einer steil abfallenden Klippe stehen.

„Was soll ich tun, Miss?“, rief der Kutscher ihr zu.

„Bleiben Sie einen Moment sitzen.“ Durch diesen dichten Nebel einfach weiterzufahren, war zu riskant, da man nicht wissen konnte, wo man landen würde. „Lassen Sie mich überlegen.“

Seufzend ließ sie den Vorhang fallen und lehnte sich im gepolsterten Sitz zurück. Sie wusste, dass es allein ihre Schuld war. Wenn sie nur nicht so in Gedanken versunken gewesen wäre, so vertieft in ihre Probleme, hätte ihr auffallen müssen, wie der Nebel dichter wurde, oder sie hätte bemerkt, dass der mit dieser Gegend nicht vertraute Kutscher falsch abgebogen war. Ja, sie hätte im Dorf anhalten und sich von einem Einheimischen den Weg zeigen lassen müssen. Stattdessen hatte sie sich den Kopf nach einer Lösung ihres Dilemmas zerbrochen, nach einem Ausweg aus der Falle, in die sie sich mit ihrer Lüge selbst hineinmanövriert hatte – warum hatte Großpapa es Tante Beryl gesagt? –, dass sie nicht darauf geachtet hatte, welchen Weg der Kutscher einschlug. Und jetzt bekam sie die Rechnung für ihre Unachtsamkeit präsentiert.

Camilla öffnete den Wagenschlag und beugte sich hinaus. Nicht einmal die Köpfe des Leitgespanns ihrer vier Pferde waren zu erkennen. Sie richtete ihren Blick hinunter auf die Straße. Diese konnte sie sehen – deutlich genug, um auszumachen, dass es sich um wenig mehr als eine Wagenspur durch die Heide handelte und mit Sicherheit nicht um den Weg nach Chevington Park. Der Kutscher aus London hatte sie weiß Gott wohin gefahren.

Sich in ihre Pelerine hüllend, die sie eng um den Hals zusammenzog, sprang sie behände hinunter. Der Kutscher fuhr herum und blickte verdutzt auf sie hinunter. „Aber Miss … was soll das?“ Er traf Anstalten, ebenfalls herunterzuklettern. „Hab’ nicht mal den Fußtritt ausgeklappt.“

Camilla bedeutete ihm mit einem Wink, er solle oben bleiben. „Schon gut, machen Sie sich keine Sorgen, ich bin ja schon unten. Ich möchte mich umschauen.“

Der Kutscher zog ein besorgtes Gesicht. „Nein, Sie dürfen nicht einfach so loslaufen, Miss. Man kann bei diesem Wetter ja nicht die Hand vor den Augen sehen.“ Missmutig setzte er hinzu: „Verflixte Gegend, dieses Dorset.“

Insgeheim amüsiert, verkniff Camilla sich die Bemerkung, ob denn London nicht auch unter Nebel zu leiden habe, und fragte stattdessen: „Haben Sie eine Laterne dabei? Die wäre jetzt sehr nützlich.“

„Ja, habe ich, Miss.“ Als er sich hinunterbeugte und ihr die Laterne reichte, verriet seine Miene noch immer Zweifel. Junge Damen von Stand hatten sich nicht allein im Nebel herumzutreiben, ob mit oder ohne Laterne.

Camilla schenkte ihm keine Beachtung und ging, die Laterne in die Höhe haltend, um den Lichtkreis zu vergrößern, zu den Pferden. Der flackernde Kerzenschein vermochte den Nebel zwar nicht zu durchdringen, erhellte aber hinlänglich das Erdreich zu ihren Füßen, sodass sie die schmale Wagenspur ausmachen konnte. Das rechte Leitpferd reagierte auf ihr Nahen, indem es unruhig mit den Augen rollte, doch als sie beschwichtigend auf das Tier einredete und seinen Hals streichelte, beruhigte es sich rasch.

Sie wandte sich wieder an den Kutscher. „Ich glaube, es ist am besten, wenn ich die Pferde am Halfter nehme und sie führe. Damit wird vermieden, dass wir vom Weg abkommen oder in einem Loch landen. Ich kann den Boden vor mir ein ganzes Stück weit gut sehen.“

Der Kutscher machte ein so entsetztes Gesicht, als hätte sie vorgeschlagen, sich ihrer Kleider zu entledigen und schreiend durch die Nacht zu laufen. „Aber Miss, das können Sie doch nicht tun!“

„Warum nicht? Es ist das Vernünftigste.“

„Das schickt sich nicht. Ich werde die Pferde führen.“ Schon wollte er die Zügel aus der Hand legen, doch Camilla widersprach.

„Unsinn! Wer soll das Gespann im Zaum halten, wenn es plötzlich auf die Idee käme durchzugehen? Ich könnte es nicht bändigen, das kann ich Ihnen versichern. Hingegen kann ich sehr gut laufen und auf den Weg vor mir achten. Ich habe den Großteil meines Lebens hier in der Gegend verbracht, es wäre also höchst unlogisch, wenn Sie die Pferde führen.“

„Aber Miss, es wäre nicht schicklich …“

„Ach was, kommen Sie mir nicht mit Schicklichkeit. Die hilft uns jetzt auch nicht aus der Klemme.“

Sie beendete die Debatte, indem sie ihm den Rücken zukehrte. Mit einer Hand das Halfter eines der Pferde fassend, trieb sie es an, während sie mit der anderen Hand die Laterne in die Höhe hielt. Die Tiere trotteten fügsam neben ihr her.

Da es früher am Abend geregnet hatte und der Weg ziemlich aufgeweicht war, zog Camilla es vor, im Gras neben der Wagenspur zu laufen, um ihre Schuhe vor dem Schlamm zu schützen. Allerdings musste sie dafür in Kauf nehmen, dass die Nässe des Unkrauts durch das Leder drang. Der Nebel lichtete sich ein wenig, sodass man da und dort Stechginster und Dornengestrüpp ausmachen konnte, gleichzeitig aber setzte leichter Nieselregen ein. Mit einem tiefen Seufzer streifte Camilla die Kapuze über den Kopf, um ihr Gesicht vor den kalten Tropfen zu schützen.

Schon bald ging das Nieseln in Regen über. Das nasse Gras wurde immer rutschiger, doch der glitschige Schlamm auf dem Weg war ebenso schlimm. Unaufhaltsam durchdrang die Feuchtigkeit Camillas leichten Mantel. Sie spielte kurz mit dem Gedanken, den Schirm aus der Kutsche zu holen, wusste aber nicht, wie sie ihn und die Laterne halten und zugleich ein Pferd am Halfter führen sollte. Ihr blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass der Regen bald aufhören würde. Die bloße Vorstellung, hier draußen auch nur einen Augenblick länger als unbedingt nötig verweilen zu müssen, bereitete ihr Unbehagen. Deshalb stapfte sie unbeirrt weiter, heilfroh, dass wenigstens der Nebel sich hob und sich in einzelne Schwaden und Fetzen auflöste.

Da bemerkte sie plötzlich zu ihrer Rechten eine Bewegung und zuckte mit einem überraschten Aufschrei erschrocken zusammen. Sie hielt ihre Laterne noch höher und spähte in die Nacht. Neben einem Baum stand ein Mann, vom Geäst fast ganz verborgen.

„Sir!“ Sie ließ das Pferdehalfter los und eilte auf den Mann zu. „Sir, könnten Sie mir wohl helfen? Ich fürchte, dass wir uns verirrt haben und …“

Der Mann fuhr herum. Das flackernde Licht ließ sein Gesicht mit den zornig zusammengezogenen Brauen totenbleich wirken. In seiner Hand hielt er eine Pistole mit langem Lauf. „Pst!“, zischte er. „Wollen Sie, dass wir alle umgebracht werden?“

In diesem Moment zerbarst die Laterne mit einem so lauten Knall, dass die Pferde unruhig wieherten und tänzelten. Die Lampe entglitt ihrer Hand, fiel zu Boden, und die Kerze erlosch. Nun war es stockfinster. Camilla schrie erschrocken auf und wollte sofort zu ihrer Kutsche zurücklaufen.

Aber ehe sie auch nur einen Schritt getan hatte, war der Mann mit einem einzigen Satz bei ihr und warf sich mit voller Wucht auf sie. Beide stürzten zu Boden, wobei Camilla so unsanft landete, dass ihr die Luft wegblieb. Der Unbekannte lag mit seinem ganzen Gewicht auf ihr. Noch immer um Atem ringend, versuchte sie, sich unter ihm hervorzukämpfen.

„Keine Bewegung!“, knurrte er und presste sie zurück ins Gras. „Auf uns wird geschossen. Wollen Sie getroffen werden, Sie dummes Ding?“

Erst jetzt wurde ihr klar, was der Knall zu bedeuten hatte und wieso die Laterne zersprungen war. Jemand hatte auf sie geschossen! Ebenso wurde sie gewahr, dass sie mehrere Schüsse gehört hatte, während der Mann sie niedergedrückt hatte. Camilla gab vor Entsetzen jeden Widerstand auf.

Von Weitem waren Rufe zu hören, die Schüsse aber waren verstummt. In unmittelbarer Nähe ertönte das Wiehern der durch die Knallerei nervös gewordenen Pferde, die aufgeregt die Köpfe in die Höhe warfen und von dem laut fluchenden Kutscher nur mit Mühe zu zügeln waren.

Der Unbekannte richtete sich ein wenig auf und schaute sich um. Camilla musterte ihn verstohlen. Sein Gesicht war wild und dunkel, mit ausgeprägten Wangenknochen und dichten schwarzen Brauen. Er sieht gefährlich aus, dachte sie, instinktiv überzeugt, dass die Schüsse ihm gegolten hatten.

„Zum Teufel!“, stieß er hervor. „Ich glaube gar, sie nehmen die Verfolgung auf.“

„Was?“ Ihre Stimme wurde schrill. „Was geht hier vor?“

Geschmeidig sprang er auf, und ehe sie wusste, wie ihr geschah, hatte er mit stählernem Griff ihre Oberarme gepackt und zog sie mit sich hoch. „Laufen Sie los!“, befahl er und hatte die Worte kaum ausgesprochen, als er auch schon losrannte und sie mit sich zerrte.

„Loslassen!“ Camilla versuchte, ihren Arm zu befreien, konnte aber gegen seine Kraft nichts ausrichten.

Hinter ihnen wurden zwei weitere Schüsse abgegeben, und Camilla hörte, wie etwas in die Seitenwand der Kutsche einschlug. Der Mann riss den Wagenschlag auf und beförderte sie unsanft ins Wageninnere. Wieder schrie Camilla auf, als sie hart auf dem Boden auftraf. In diesem Moment setzte sich das Gefährt mit einem Ruck in Bewegung, da der Kutscher offenbar außerstande war, die scheuenden Pferde länger im Zaum zu halten.

Der Fremde klammerte sich an die Tür. Zunächst glaubte Camilla, er wolle ihr folgen, dann aber sah sie zu ihrer großen Verblüffung, dass er zum Wagendach griff und sich hinaufschwang, wobei ihm die Tür als Stufe diente.

„Achtung!“, rief sie dem Kutscher zu und hörte auch schon den überraschten Ausruf des Mannes, sodann Geräusche eines Handgemenges, gefolgt von einem dumpfen Aufprall – zweifellos war der arme Kutscher unsanft auf dem Sitz gelandet.

Die Kutsche gewann rasch an Fahrt, da die in Panik geratenen Pferde in gestrecktem Galopp lospreschten. Der Wagen holperte und schaukelte auf dem unebenen Weg. Camilla klammerte sich erschrocken am Sitz fest, da sie befürchten musste, unversehens durch die offene Tür hinausgeschleudert zu werden, wenn die Kutsche sich zur Seite neigte.

Als weitere Schüsse fielen, merkte sie, dass sie direkt auf die Richtung zuhielten, aus der geschossen wurde. Sie erhaschte einen flüchtigen Blick auf dunkle Gestalten, die sich als Männer und Pferde entpuppten. Plötzlich tauchte ein großer Mann aus der Dunkelheit auf, bekam die Tür zu fassen und schwang seine Beine ins Wageninnere. Mit einem Aufschrei versuchte Camilla, von ihm fortzukriechen, und ertastete dabei ihren auf dem Boden liegenden Regenschirm.

Sie griff danach und holte damit gegen den Mann aus, den sie an den Schienbeinen traf. Er brüllte auf, woraufhin sie ihm die Schirmspitze mit aller Kraft in den Leib rammte. Wieder stieß er einen Schmerzensschrei aus, seine Finger verloren den Halt, und er fiel rücklings aus dem Wagen.

Camilla sank auf die Sitzbank und fasste nach dem Haltegurt. Mit der anderen Hand hielt sie den Regenschirm, bereit, jeden weiteren Eindringling abzuwehren. Während sie in einem wahren Höllentempo dahinrasten, schwang der Wagenschlag auf und zu, da das Gefährt unter wildem Gerüttel den unebenen Weg entlangholperte. Camilla rechnete jeden Moment damit, dass die Kutsche umkippen würde. Es goss mittlerweile in Strömen, und der Regen peitschte durch die offene Tür.

Nach einer Weile merkte sie, dass die Fahrt sich verlangsamte und sie nun gemächlicher dahinrollten. Sie nutzte die Chance, rutschte zum Wagenschlag, griff danach und schlug ihn fest zu, als dieser in ihre Richtung schwang. Ihr Blick fiel voller Abscheu auf die große Wasserpfütze, die sich auf dem Boden gesammelt hatte. Nun, dagegen konnte man im Moment nichts machen. Aber ihre durchnässte Pelerine konnte sie endlich ausziehen. Jetzt erst sah sie, dass der Stoff am Rückenteil schlammverschmiert war. Es musste passiert sein, als der Unbekannte sie zu Boden gestoßen hatte.

Der Unbekannte. Ihre Augen wurden ganz schmal, als sie ihre Gedanken um den Mann kreisen ließ. Wer war er, und was trieb er hier draußen an Dorsets einsamer Küste? Gewiss hatte er nichts Gutes im Sinn. Diese Männer hatten auf ihn geschossen, und wenn sie es recht bedachte, hatte er sich hinter dem Baum versteckt – zweifellos, um jemandem aufzulauern. Kein Wunder, dass er auf ihren Hilferuf so wütend reagiert hatte. Sie hatte seine Anwesenheit den anderen verraten und ihnen die Möglichkeit verschafft, sich zu verteidigen. Sie fragte sich, ob er ein Wegelagerer war oder nur irgendein Schurke, der einem Widersacher nach dem Leben trachtete.

Aber wenn man bedenkt, wo wir uns befinden, überlegte sie weiter, könnte es auch etwas mit den „Gentlemen“ zu tun haben, wie man die Schmuggler nannte, die hier seit altersher ihr Unwesen trieben und von denen nur im Flüsterton gesprochen wurde. Alle Welt wusste, dass dieses Gewerbe in Dorset blühte, ebenso wie es ein offenes Geheimnis war, dass manch respektabler Bürger, ja sogar Polizei und Gerichtsbarkeit vor den illegalen Machenschaften die Augen verschlossen. Das stillschweigende Einverständnis ging so weit, dass viele dieser Mitwisser im Morgengrauen nach mondlosen Nächten am Hintereingang regelmäßig eine Lieferung französischen Cognacs vorzufinden pflegten. Meist handelte es sich um Gegner der Zollgesetze, die der Ansicht waren, dass die „Gentlemen“ völlig rechtmäßig handelten, wenn sie die Vorschriften umgingen. Die Bewohner dieser abgelegenen Küstenregionen galten ohnehin als Aufrührer, die sich heftig zur Wehr setzten, wenn die Regierung sich in Dinge einmischte, die sie als ihre ureigenen Angelegenheiten betrachteten.

Im letzten Jahrhundert waren die Schmuggler so mächtig geworden, dass sie sich regelrechte Kämpfe mit der Armee lieferten, wobei die Hawkridge-Bande sich besonders hervorgetan hatte. Diese gesetzlose Zeit gehörte zwar der Vergangenheit an, doch das Schmuggelgeschäft florierte wie eh und je, zumal jetzt, da England durch den Krieg von den begehrten französischen Luxuswaren abgeschnitten war.

Camilla rief sich den Mann in Erinnerung, stellte sich sein Gesicht vor, wie es in der Finsternis über ihr gedräut hatte – die ausgeprägten, hohen Wangenknochen, der harte Mund, die dunklen Augen unter markanten schwarzen Brauen, die dunkle, derbe Kleidung. Ja, entschied sie, er hat ganz wie ein mit seinen Spießgesellen in Zwist geratener Schmuggler ausgesehen oder wie ein Wegelagerer, der einem Reisenden auflauerte, oder einfach wie ein Schurke, der an jemandem Rache üben wollte. Was immer er sein mochte, sie war überzeugt, dass sie sich in einer sehr prekären Lage befand. Sie hatte ihn gesehen, als er nicht gesehen werden wollte, und sie war unfreiwillig der Grund dafür geworden, dass die anderen auf ihn geschossen und seine Verfolgung aufgenommen hatten. Er war schon vorhin wütend auf sie gewesen und würde es zweifellos auch jetzt noch sein. Diese wilde Fahrt über Stock und Stein war vermutlich gar nichts im Vergleich zu dem, was ihr blühte, wenn das Gefährt anhielt.

Was just in diesem Moment der Fall war. Camilla spürte, wie der Wagen die Fahrt verlangsamte. Im nächsten Moment würde er holpernd anhalten, dann würde der Mann herunterspringen und die Tür aufreißen. Er würde sie herauszerren und – nun, sie war nicht sicher, was er tun würde, doch konnte sie sich gut alles mögliche vorstellen – vom Schlagen und Erwürgen bis zu jener Entehrung, vor der ältere Damen junge Mädchen, die so kühn waren, ohne Begleitung auszugehen, in gedämpftem Ton eindringlich warnten.

Camilla umfasste ihren Schirm fester. Er hatte ihr schon vorhin erfolgreich als Waffe gedient. Wenn sie den Schurken überrumpeln konnte, würde sie ihn vielleicht so weit außer Gefecht setzen, dass ihr ein Entkommen glückte.

Als die Kutsche schwankend anhielt, wartete Camilla geduckt neben der Tür. Das Blut rauschte ihr in den Ohren, alle Nerven waren angespannt, während sie angestrengt lauschte. Sie hörte den dumpfen Aufprall, als er heruntersprang, seine knirschenden Schritte, als er zur Tür ging. Der Riegel wurde angehoben, die Tür schwang auf.

„Sind Sie …“

Camilla schnellte aus ihrer kauernden Haltung mit einem schrillen Aufschrei hoch und sprang hinaus, wobei sie mit aller Kraft mit ihrem Schirm gegen das Gesicht des Kerls ausholte. Der Knauf traf ihn mit einem dumpfen Geräusch an der Wange, so fest, dass der Stock entzweibrach und der Mann laut fluchend nach hinten taumelte.

Camilla lief laut schreiend davon. Sie wusste zwar, dass sie in dieser Einöde vermutlich niemand hören würde, doch versuchen musste sie es, ebenso wie sie fliehen musste. Ihre Röcke raffend, flog sie nur so den schlammigen Weg entlang. Dabei gewahrte sie weder den Regen, der sie durchnässte, noch den Morast, der an ihren Schuhen zerrte.

Innerhalb weniger Sekunden hatte der Mann sie eingeholt, obwohl sie so schnell rannte, dass sie glaubte, ihr Herz würde zerspringen. Seine Hand legte sich wie ein stählernes Band um ihren Arm und brachte sie zum Stehen.

„Schluss mit dem Geheul!“, herrschte er sie an. „Verdammtes Frauenzimmer, was soll denn das? Sie werden uns noch die ganze Umgebung auf den Hals hetzen!“

Camilla schwieg still, aber nur, weil sie völlig außer Atem war. Tief durchatmend fuhr sie blitzschnell herum und ließ ihre geballte Faust vorschnellen.

Sie traf nur seine Brust, worauf glühender Schmerz ihren Arm durchzuckte und der Mann fluchend nach ihrem Handgelenk fasste. Aber Camilla, die sich heftig zur Wehr setzte, drehte und wand sich in seinem Griff und traktierte ihn mit Hieben und Fußtritten.

„Zum Donnerwetter, Sie dummes Weibsstück, still jetzt! Haben Sie denn völlig den Verstand verloren?“

Inzwischen waren beide vom Regen total durchweicht, nahmen es jedoch nicht wahr, als sie in der Finsternis miteinander rangen. Da der Mann viel größer und stärker als Camilla war, bestand über den Ausgang dieses Kampfes nicht der geringste Zweifel, doch kämpfte sie um ihr Leben, setzte sich wild zur Wehr und teilte etliche schmerzhafte Püffe und Tritte aus, während er sie zu bezwingen versuchte. Er schaffte es, einen Arm um sie zu schlingen und sie hochzuheben, doch Camilla gelang es, sich umzudrehen und ihm mit ihren Fingernägeln ins Gesicht zu fahren. Er zuckte zurück, und ihre Finger verfehlten nur knapp sein Auge. Aus dem Gleichgewicht geraten, fiel er rücklings um.

Als sie zu Boden gingen, wurde ihr Fall durch den Schlamm, in dem sie landeten, gemildert. Da den Mann der volle Aufprall traf, lockerte er unwillkürlich den Griff. Camilla wollte die Gelegenheit nutzen, aber noch ehe sie sich aufraffen konnte, hatte er ihren Arm gepackt und hielt sie mit einem Ruck zurück, sodass sie mit dem Gesicht voran in den Schmutz stürzte. Unter wütendem Prusten kam sie hoch und holte erneut gegen ihn aus. Er hielt ihre Arme fest und bemühte sich, diese herunterzudrücken, da sie jedoch vor Nässe und Schlamm glitschig war, gelang es ihm nicht, sie richtig festzuhalten. In ein wildes Handgemenge verstrickt, wälzten sie sich im Schlamm.

Camilla wehrte sich verzweifelt. Während des Kampfes spürte sie seine Hand über ihre Brust gleiten, eine intime Berührung, die sie nach Luft schnappen ließ. Es war ein Kontakt, der sie zutiefst erschreckte und beunruhigte, ebenso wie die ungewohnte, plötzliche Hitze, die ihren Körper durchströmte.

Auch er schien verblüfft und zögerte für den Bruchteil einer Sekunde. Geistesgegenwärtig ergriff sie die Chance und versuchte aufzustehen, er aber bekam abermals ihre Arme zu fassen. Da gab der nasse Stoff ihres Kleides nach, und Camillas Angreifer hielt plötzlich nur noch den Ärmel in der Hand. Sie riss sich los, und er war mit einem Satz hinter ihr her. Wieder landeten sie im Morast, und sein Gewicht drückte sie ins weiche Erdreich. Er packte ihre Handgelenke und richtete sich auf. Dabei stützte er sich auf ihre Arme, um sie zu Boden zu drücken. Seine Beine umklammerten eng die ihren, sodass sie bewegungsunfähig unter ihm lag.

Der Mann schaute auf sie hinunter. Seine Brust hob und senkte sich unter raschen Atemzügen. Er war durchnässt und über und über mit Schlamm bedeckt, sein grobes dunkles Hemd klaffte über der Brust auseinander, da beim Kampf die Knöpfe abgerissen worden waren. Zwischen dem Stoff schimmerte nackte Haut – glatt, gebräunt und nass. Sein Haar lag eng am Kopf an. An der Wange hatte er eine Platzwunde, die vom Hieb mit dem Schirm herrührte. Er funkelte Camilla wütend an.

Angst schnürte ihr die Kehle zu. Der Fremde sah furchterregend und wild aus, überaus männlich und rasend vor Zorn. Camilla war sich der zweideutigen Natur ihrer Position nur zu deutlich bewusst, als sie sein Gewicht auf ihren Beinen spürte. Gleichzeitig konnte sie sich eines merkwürdigen Gefühls nicht erwehren, einer sonderbaren Mischung aus Wut und Erregung, und einer anderen flüchtigen Empfindung, die sie nicht zu benennen vermochte. Sein Blick ruhte unverwandt auf ihr. An der Reaktion seines Körpers erkannte sie, dass er das nasse, an ihren Brüsten klebende Mieder bemerkt hatte.

„Lassen Sie mich los!“

„Nicht, ehe ich ein paar Antworten bekommen habe!“, erwiderte er drohend. „Wer, zum Teufel, sind Sie, und was treiben Sie hier?“

„Was ich hier treibe?“, keuchte sie empört. „Es ist mein gutes Recht, hier entlangzufahren. Sie sind es, der offenkundig nichts Gutes im Sinn hat! Sie lauern in der Dunkelheit anderen auf, und auf Sie wird geschossen. Lassen Sie mich sofort los, oder Sie geraten in noch viel größere Schwierigkeiten.“

„Sie sind wohl kaum in der Lage, Befehle zu äußern“, erinnerte er sie spöttisch.

Sein Lächeln wäre durchaus anziehend gewesen, hätten die scharfen Züge nicht jeden Anflug von Charme zunichtegemacht. Seine Belustigung auf ihre Kosten erboste Camilla. Sie fuhr mit aller Kraft auf und versuchte, ihn abzuschütteln. Natürlich war er viel zu schwer und stark für sie, und ihre Bemühungen, sich aus dieser verfänglichen Lage zu befreien, scheiterten kläglich.

Um ihre Angst zu überspielen, schürzte sie verächtlich die Lippen. „Ganz klar, Sie sind ein Schuft“, erklärte sie kühl. „Ich rate Ihnen, nicht auch noch zum Schwerverbrecher zu werden.“

Seine Augenbrauen schossen in die Höhe, sodass sie spitz nach oben ragten und seinem dunklen Antlitz einen geradezu teuflischen Ausdruck verliehen. „Gut gesagt, Madam. Aber ich muss Sie wohl kaum daran erinnern, dass man jemanden ohne Zeugen schwerlich eines Vergehens beschuldigen kann.“ Er machte eine Pause, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, und setzte dann mit kaltem Lächeln hinzu: „Außerdem wüsste ich nicht, was ich verbrochen haben soll. Es ist doch wohl kaum strafbar, sich einer Kutsche zu bemächtigen, um eine Dame vor einer Schurkenbande zu retten.“

„Sie wissen so gut wie ich, dass jene Männer mit mir nichts zu schaffen hatten“, konterte Camilla. „Sie waren es, auf den gefeuert wurde.“

Er verzog grimmig den Mund. „Mag sein, aber das wäre gewiss nicht passiert, wenn Sie nicht laut schreiend und eine Laterne schwenkend aufgetaucht wären.“

„Woher hätte ich wissen sollen, dass Sie in dunkle Machenschaften verwickelt sind? Ich suchte Ihre Hilfe – offenkundig ein vergebliches Unterfangen, aber ich kannte ja Ihren Charakter nicht, wie ich ihn jetzt kenne. Ich wusste nicht, dass ich es mit einem Dieb zu tun hatte.“

„Ich bin kein Dieb.“

„Ha!“ Camilla bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick. „Was treiben Sie dann bei Nacht und Nebel hier draußen?“

„Das geht Sie gar nichts an, und wenn Sie nicht so übereifrig gewesen wären, würden wir nicht in dieser Klemme stecken.“

„Ich hätte wissen müssen, dass Sie zu den Zeitgenossen gehören, die ihre Schuld auf andere abwälzen. Als ob ich für Ihre Helfershelfer oder Ihre Feinde oder was immer diese Menschen waren, verantwortlich wäre.“

„Oh Gott, was für eine spitze Zunge!“ Unvermittelt sprang er auf und zog sie mit sich. „Ich habe keine Lust, mir hier mit Ihnen Wortgefechte zu liefern. Diese Männer können uns jeden Moment wieder angreifen.“

Er umfasste mit einer Hand ihren Arm und wollte sie mit sich zur Kutsche ziehen, aber Camilla rührte sich nicht von der Stelle. „Warten Sie! Mit Ihnen gehe ich nirgendwohin.“

„Ich glaube, Sie wären in Edgecombe viel besser aufgehoben als hier in der Finsternis und Einöde, wo sich scharenweise bewaffnete Halunken herumtreiben.“

„Ich habe nicht behauptet, dass ich hier bleiben möchte! Ich meinte nur, dass Sie mit meiner Kutsche nirgendwohin fahren werden.“

Er sah sie lange und eindringlich an, ehe er ihren Arm losließ und zurücktrat. „Natürlich, Sie haben recht. Es ist Ihr Gefährt, auf das ich keinen Anspruch habe. Ich werde Sie also hier verlassen. Guten Abend, Madam.“

Er machte kehrt und stapfte davon. Camilla blickte ihm wie benommen nach. Erst jetzt fiel ihr ein, dass der Kutscher bewusstlos war. Sie konnte zwar ein leichtes Gig fahren, war indes außerstande, ein Vierergespann zu lenken. Hinzu kam, dass die Bande womöglich noch immer ihre Kutsche verfolgte.

„Warten Sie!“, rief sie, und als der Fremde nicht sogleich innehielt, folgte sie ihm besorgt. „Bleiben Sie stehen! Bitte!“

Er drehte sich um und sah sie mit fragend hochgezogenen Brauen an. „Nun?“

„Gehen Sie nicht fort. Ich … ich kann die Kutsche nicht nach Edgecombe fahren.“

„Hm. Mir scheint, als hätten Sie ein kleines Problem mit Ihrem Gefährt. Gute Nacht.“

„Ach, seien Sie nicht so ungehalten! Ich sagte doch eben, dass Sie mich nach Edgecombe begleiten können.“

„Sie wollen damit wohl andeuten, dass ich die Ehre habe, Sie zu kutschieren?“, fragte er spöttisch. „Wie nett von Ihnen. Aber ich kann diese Ehre leider nicht annehmen, da ich lieber laufe. Ein einzelner Mensch fällt im Nebel viel weniger auf als eine große Reisekutsche.“

„Pferde sind schneller!“

Achselzuckend wandte er sich wieder um.

„So bleiben Sie doch stehen! Sie können nicht einfach verschwinden! Kein echter Gentleman würde eine Dame hilflos zurücklassen!“

„Tja, Sie haben zweifellos bemerkt, dass ich kein echter Gentleman bin, und was Ihre Eigenschaften als Dame betrifft, so sind sie mir bislang nicht aufgefallen.“

Camilla funkelte ihn an. „Na schön. Haben Sie Ihr Verlangen, mich zu beleidigen, ausreichend befriedigt? Dann wollen wir gehen. Wir beide wissen, wie absurd es ist, dass Sie allein laufen, wenn doch eine Kutsche hier steht. Wir sind einander nicht genehm, aber wir könnten handelseinig werden – Ihre Fahrkünste gegen die Benutzung meiner Reisekutsche.“

Ohne ein weiteres Wort kehrte er um und schwang sich auf den Kutschbock. Camilla stieg rasch ein, und fort ging es, diesmal mit einer Geschwindigkeit, die dem holprigen Weg angemessener war, aber immer noch so schnell, dass Camilla auf ihrem Sitz hin und her geworfen wurde. Sie argwöhnte, dass der schreckliche Mensch absichtlich jedes Schlagloch ansteuerte, um sie zu ärgern.

Das Unbehagen wurde durch ihr derangiertes Äußeres noch gesteigert. Am Morgen hatte sie in dem zart gemusterten hellen Musselinkleid und den grünen Stiefeletten zauberhaft ausgesehen. Aus dem auf dem Hinterkopf aufgetürmten Haar hatten sich modische Korkenzieherlocken auf ihre Schultern geringelt. Jetzt waren ihre Schuhe durchnässt und mit Morast bedeckt, das Kleid und die Frisur befanden sich in einem ähnlich schrecklichen Zustand. Sie war nass bis auf die Haut. Die einst glänzenden Locken waren schlammverkrustet, und sie spürte, wie auch auf ihrer Haut der Schmutz zu trocknen begann.

Wie sollte sie das bei der Ankunft in Chevington Park erklären? Tränen stiegen ihr in die Augen. Als ob sie nicht schon genug Probleme gehabt hätte – mit Großpapa und den schrecklichen Lügen, die sie sich ausgedacht hatte … Nun auch noch wie eine Vogelscheuche aufzukreuzen, war höchst beschämend!

Tapfer unterdrückte sie ein Schluchzen. Sie wollte nicht weinen, weil die Tränen Spuren auf ihren schmutzigen Wangen hinterlassen und aller Welt gezeigt hätten, dass sie geweint hatte. Sicher würde er glauben, sie hätte seinetwegen geweint. Bei dem Gedanken an den schrecklichen Menschen, der sie praktisch entführt hatte, verzog sie das Gesicht.

Er war ungehobelt, derb, ein Lümmel durch und durch. Er hatte sie abscheulich behandelt. Kein Mann von Stand und Erziehung hätte sie so grob angefasst oder sie gar zu Boden gedrückt. Sie dachte an seinen unverschämten Blick, der ihren Brüsten unter dem dünnen, nassen Stoff gegolten hatte. Mit glühenden Wangen erinnerte sie sich daran, wie seine Beine die ihren umklammert hatten, wie intim er sich gegen sie gepresst hatte – und wie schockierend sein Körper reagiert hatte. Es war so merkwürdig gewesen, fast lachhaft, obwohl es zugleich völlig unschicklich und empörend war.

Sie zupfte an dem nassen Kleid. Mit jeder Minute wurde ihr unbehaglicher zumute, da der Schlamm allmählich trocknete und der Stoff erstarrte. Und das Schlimmste war, dass die nassen Sachen eiskalt waren und sie fast unausgesetzt zitterte. Am liebsten hätte sie sich ganz fest in ihre Pelerine gehüllt, um sich ein wenig zu wärmen, scheute sich aber, die Innenseite auch zu beschmutzen. Dennoch … sie konnte nicht einfach dasitzen und sich eine Erkältung holen. Sie begutachtete ratlos das Cape, als sie merkte, dass die Kutsche über Kopfsteinpflaster holperte. Mit einem unterdrückten Aufschrei schob sie den Vorhang beiseite und blickte hinaus. Sie hatten das Dorf erreicht.

Gleich darauf bogen sie in den Hof des „Blue Boar“ ein. Camilla atmete erleichtert auf. Trotz ihrer Bemühungen, den Gedanken zu verdrängen, hatte sie insgeheim befürchtet, der Unbekannte würde sie nicht ins Dorf fahren, sondern auf einem dunklen, einsamen Weg aussetzen – oder ihr noch Schlimmeres antun, da ihm sicher klar war, dass er Gefahr lief, von ihr identifiziert zu werden.

Sie riss den Wagenschlag auf, ehe das Gefährt vollends angehalten hatte, und sprang hinaus. „Junge, kümmere dich um die Pferde“, rief sie dem Stallknecht zu, der auf den Wagen zulief. „Und sieh nach meinem Kutscher. Wir werden vielleicht einen Arzt holen müssen.“

Der Bursche blieb vor ihr stehen und glotzte sie an, ohne dass Camilla es wahrgenommen hätte, da sie schon zur Eingangstür eilte, einzig beseelt von dem Gedanken, ins Innere und in Sicherheit zu gelangen, ehe der auf dem Kutschbock sitzende Fremde sie einholen konnte.

Kaum hatte sie die Schankstube betreten, verstummten sämtliche Gespräche. Alle Anwesenden drehten sich zu ihr um und starrten sie an. Camilla hielt beklommen inne. In ihrer Erleichterung, den Dorfgasthof erreicht zu haben, hatte sie ihre äußere Erscheinung ganz vergessen. Nun aber riefen ihr die verdutzten Blicke in Erinnerung, wie sie aussehen musste. Verlegen tastete sie nach den schlammstarrenden Locken und blickte an sich hinab. Das nasse Kleid, dem zudem ein Ärmel fehlte, zeichnete ihre Figur höchst unschicklich nach. Sie errötete bis an die Haarwurzeln.

Der Wirt, ein großer vierschrötiger Mann, ließ seinen Zapfhahn im Stich und kam auf sie zu.

Camilla schaute ihn erleichtert an. „Saltings! Wie froh ich bin, Sie zu sehen!“

Sie tat einen oder zwei Schritte in seine Richtung, blieb jedoch wie angewurzelt stehen, als er protestierte: „Aber Miss, was soll denn das? Dies ist ein anständiges Haus, und wir wollen keine …“

„Saltings!“, rief Camilla erschüttert aus. „Erkennen Sie mich nicht?“ Tränen der Demütigung stiegen ihr in die Augen. Es war einfach unglaublich – das schreckliche Ende eines ganz und gar schrecklichen Tages –, dass Saltings, der sie ihr Leben lang gekannt hatte, sie für irgendeine dahergelaufene Schlampe hielt. Würde er sie am Ende hinauswerfen?

Der Mann stutzte und betrachtete sie genauer. „Kenne ich Sie?“

„Ich bin es doch! Camilla Ferrand!“ Nun traten ihr Tränen in die Augen, die sie nicht mehr zurückhalten konnte. Sie liefen über ihre Wangen und hinterließen deutliche Spuren.

„Miss Ferrand!“, wiederholte er fassungslos. „Allmächtiger, was ist geschehen? Was tun Sie hier in diesem Aufzug?“ Er nahm sie sanft beim Arm und führte sie zu dem kleinen Privatsalon, der an die Schankstube grenzte. Plötzlich hielt er inne. „Ach, herrje, da drinnen sitzt ein Gentleman.“ Wieder sah er Camilla an, die verdreckt, aufgelöst und gegen Tränen ankämpfend neben ihm stand. Sein nächster Blick galt den Gästen, die sie alle neugierig anstarrten. „Tja, hier können Sie nicht bleiben“, meinte er seufzend.

Er klopfte laut an die Tür des Salons und öffnete sie, als eine Männerstimme antwortete. „Entschuldigung, Sir“, begann Saltings und schob Camilla in den Raum. „Ich bedauere, Sie stören zu müssen, aber wir haben hier ein kleines Problem. Da wäre eine Dame, die nicht draußen bei den anderen Platz nehmen kann.“

Camilla schaute sich um und unterdrückte ihre Tränen. Der Gentleman vor dem Feuer – so zweifelsfrei ein Gentleman, wie der Unbekannte in der Heide ein Schurke war – erhob sich und zog erstaunt die Brauen hoch. Er war untadelig gekleidet, vom schlichten, doch eleganten Halstuch bis zu den Spitzen seiner makellos polierten Stulpenstiefel. Das Haar hatte er … la Brutus frisiert.

Nach einem flüchtigen Blick auf Camilla erwiderte er: „Saltings, Sie haben ganz recht. Die Dame braucht ein eigenes Zimmer. Leider erwarte ich einen Besucher … Ach, da ist er ja, und er sieht mit Verlaub gesagt aus, als hätte er das Abenteuer dieser jungen Dame geteilt.“

Bei seinen Worten drehte Camilla sich um. „Sie!“, rief sie voller Abscheu aus.

In der Tür stand ihr Peiniger.

2. KAPITEL

Der Mann bedachte Camilla mit einem Blick, der wenig Zweifel daran ließ, dass er ihre Gefühle teilte. Von Ärger beflügelt, richtete sie sich kerzengerade auf. Dass er ebenso schmutzig und durchnässt war wie sie, war zumindest ein kleiner Trost.

„Was, zum Teufel, treiben Sie hier?“, fragte er heiser. „Werde ich Sie denn nie los?“

„Dasselbe könnte ich von Ihnen sagen.“

„Ich nehme an, dass ihr beide euch kennt“, sagte der Gentleman am Kamin so nonchalant, als befände er sich in einem Londoner Salon.

Ihr unbekannter Weggefährte trat ein. „Leider wurden wir einander nicht vorgestellt“, erklärte Camilla eisig.

„Ach, Benedict.“ Der Gentleman seufzte. „Du wirst wohl nie Manieren lernen“, sagte er und ging auf Camilla zu. „Gestatten Sie, dass ich dieses Versäumnis nachhole, meine Teuerste. Ich bin Jermyn Sedgewick, und das ist, hm, Benedict …“

„Mr. Sedgewick, es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen“, erwiderte Camilla höflich und bemühte sich, darüber hinwegzusehen, wie absurd die förmliche Vorstellung angesichts ihres derangierten Äußeren war, und warf dabei dem anderen einen flammenden Blick zu. „Leider kann ich nicht behaupten, dass es mich ebenso freut, Mr. Benedict kennenzulernen.“

Mr. Sedgewick wollte etwas entgegnen, verkniff es sich aber und schaute den anderen schmunzelnd an. „Du musst wie üblich einen charmanten Eindruck hinterlassen haben.“

Benedicts einzige Erwiderung war ein unwilliges Brummen. Er trat ans Feuer und streckte den Flammen seine Hände entgegen.

Ohne sich weiter um ihn zu kümmern, wandte Mr. Sedgewick sich an den Wirt: „Saltings, ich glaube, hier wäre heißer Rumpunsch angebracht. Bringen Sie uns nur die Zutaten. Ich mische selbst alles zusammen.“

„Selbstverständlich, Sir.“ Saltings entfernte sich zögernd und unter vielen Verbeugungen.

Camilla wusste, dass er zu gern den weiteren Verlauf der Unterhaltung verfolgt hätte.

Sedgewick drehte sich zu Camilla um. „Nun, Miss …?“

„Verzeihen Sie, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Camilla Ferrand.“

„Miss Ferrand, es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, auch wenn die Bedingungen beklagenswert sind. Bitte, treten Sie ans Feuer, und wärmen Sie sich. Sie müssen ja halb erfroren sein.“ Er geleitete sie zu einem Stuhl vor dem Kamin.

Dankbar ließ sich Camilla auf den Sitz sinken und beugte sich vor, um die Wärme auf sich einwirken zu lassen. Benedict, um dessen Mund es bei ihrem Anblick verächtlich zuckte, trat beiseite und stützte, ihr den Rücken zukehrend, seine Ellbogen auf den Kaminsims.

Sedgewicks Blick wanderte zwischen den beiden hin und her, da er sich aber jeglicher Bemerkung enthielt, dehnte sich das Schweigen unendlich in die Länge.

Schließlich wurde an die Tür geklopft, und Saltings trat geschäftig ein, gefolgt vom Schankburschen, der die beste silberne Punschbowle des Hauses und ein Tablett mit den Ingredienzen auf die Anrichte stellte. Der Wirt machte sich im Raum noch ein wenig zu schaffen, ehe Benedict unmissverständlich die Tür öffnete und die beiden mit einer Handbewegung hinauskomplimentierte.

„Das wird Sie wieder beleben, Miss Ferrand“, versprach Sedgewick. „Normalerweise ist es natürlich kein Getränk, das ich einer jungen Dame zumuten würde, aber in Anbetracht der Umstände halte ich es für das Geeignetste.“

Er begann fachmännisch, den Punsch zu mixen, tat Rum, Zucker und Zitronen dazu, bis er sich überzeugt hatte, dass die Mischung das richtige Aroma hatte. Als er Camilla eine Silbertasse reichte, nahm sie diese dankbar in Empfang. Ein so starkes Getränk hatte sie noch nie gekostet, da es, wie Mr. Sedgewick betont hatte, für Damen als unpassend galt. Camilla, die nichts von Konventionen hielt, nutzte gern die Gelegenheit, ein wenig davon probieren zu können. Sie schmeckte etwas heraus, das die fruchtige Süße des Punsches ein wenig herb färbte, aber alles in allem war er weder so stark noch so schlimm, wie sie befürchtet hatte, und vor allem war er wundervoll warm. Die Flüssigkeit floss feurig durch ihre Kehle und wärmte sie bis in die Zehenspitzen. Nachdem sie die Tasse geleert hatte, fühlte sie sich schon wesentlich besser.

„Das war hervorragend, Mr. Sedgewick, vielen Dank“, sagte sie, worauf er zuvorkommend alle Tassen nachfüllte.

„Miss Ferrand, Sie müssen mir unbedingt erzählen, wie Sie auf Mr. … hm … Benedict gestoßen sind.“

Camilla warf diesem einen vernichtenden Blick zu. „Er hat mich entführt.“

„Oh Gott“, stieß Benedict schroff hervor und drehte seinen Rücken dem wärmenden Feuer zu. „Nicht schon wieder.“

„Fast wäre ich ums Leben gekommen“, erklärte Camilla und verschränkte die Arme.

„Aber Benedict!“ Mr. Sedgewick starrte ihn verblüfft an. „Was hat sich denn wirklich zugetragen?“

„Pure Übertreibung. Es war gar nichts.“ Er ließ eine wegwerfende Handbewegung folgen. „Man hat auf uns geschossen.“

„Geschossen?“, wiederholte Sedgewick fassungslos. „Und das nennst du nichts?“

Benedict zuckte mit den Schultern. „Niemand wurde verletzt. Die Schüsse kamen aus so großer Entfernung, dass sie nicht einmal eine Scheune getroffen hätten.“

„Was heißt hier, niemand wurde verletzt!“, rief Camilla empört aus. „Was ist mit meinem Kutscher? Sie haben ihn womöglich getötet!“

Benedict hob den Blick zur Zimmerdecke. „Ich habe ihn bewusstlos geschlagen“, erläuterte er Mr. Sedgewick betont geduldig, um dann an Camilla gewandt hinzuzufügen: „Er war deshalb so lange besinnungslos, weil er den ganzen Abend lang die Flasche nicht aus der Hand gelegt hat und völlig betrunken war. Kein Wunder, dass er sich verfahren hat.“

„Er hat sich verfahren?“, wiederholte Sedgewick. „Sie Ärmste, Sie müssen ja einen schrecklichen Tag hinter sich haben.“

Der Gedanke, wie schrecklich der Tag auch schon vor Mr. Benedicts Auftauchen gewesen war, trieb Tränen in Camillas Augen. „Sie haben ja keine Ahnung, Sir.“ Sie konnte nicht weitersprechen, da sie sich bemühte, die Tränen wegzublinzeln. „Es war der schrecklichste Tag meines Lebens!“ Und plötzlich schluchzte sie zu ihrer eigenen Überraschung laut auf.

Sedgewick starrte Camilla mit einer Miene an, die sein Entsetzen darüber ausdrückte, sich einem völlig aufgelösten weiblichen Wesen gegenüberzusehen. „Meine Liebe“, flehte er, „bitte weinen Sie nicht. So schlimm kann es doch gar nicht sein.“

„Doch!“ Camilla schlug die Hände vors Gesicht. „Sie haben ja keine Ahnung, wie schrecklich!“

„Also, eine Tragödie ist das nicht“, äußerte Benedict ungerührt. „Sicher ist es nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass Sie sich verirren. Wir befanden uns nie wirklich in Gefahr.“

„Ach, Sie …“ Am liebsten hätte Camilla ihn angeschrien, dass sie nicht so einfältig war, nur deshalb in Tränen auszubrechen, weil ihr Kutscher sich verfahren hatte, doch sie brachte vor lauter Erschöpfung kein Wort heraus. Unter anderen Umständen wäre sie vor Scham in den Erdboden versunken, weil sie sich vor zwei Fremden so aufführte, aber heute war sie zu müde und niedergeschlagen, als dass es sie gekümmert hätte.

„Du hättest ihr den Rumpunsch nicht geben sollen“, meinte Benedict tadelnd. „Sie ist schon beschwipst.“

Sedgewick warf ihm einen ungehaltenen Blick zu. „Lächerlich.“

„Glaube mir, sie ist beschwipst.“

„Unsinn!“, protestierte sie erzürnt. Der Ärger über seine ungehobelte Bemerkung siegte über ihre Gefühlsaufwallung. Wütend wischte sie sich die Tränen von den Wangen. „Ich bin nur müde und am Boden zerstört. Alles ist … ist ruiniert.“

Benedict zog spöttisch eine Braue hoch. „Muss ein Ball abgesagt werden? Heiratet Ihr Verehrer eine andere?“

Mit einem Wutschrei sprang Camilla auf. „Wie können Sie es wagen, sich über meine … meine … Ach, wie ich Sie hasse! Mein Großvater liegt im Sterben!“ Wieder brach sie in Tränen aus und ließ sich verzweifelt auf den Stuhl sinken.

Sedgewick schaute Benedict vorwurfsvoll an, und dieser besaß immerhin so viel Anstand, ein betroffenes Gesicht zu machen.

„Das tut mir leid“, sagte er steif. „Ich hatte ja keine Ahnung …“

„Meine Liebe.“ Sedgewick ergriff ihre Hand. „Es tut mir ja so leid. Falls ich etwas für Sie tun kann …“

„Man kann überhaupt nichts tun“, erklärte Camilla, nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte. „Er ist alt und schwach. Nach einem Schlaganfall kann er schon monatelang sein Zimmer nicht mehr verlassen. Sein Arzt …“, sie schluckte schwer, „sein Arzt meint, er habe nicht mehr lange zu leben, aber er hält sich tapfer.“ Sie lächelte unter Tränen. „Hartnäckig war er immer schon.“

„Sicher liegt ein langes, erfülltes Leben hinter ihm“, versuchte Sedgewick, sie zu trösten.

Camilla nickte. „Das stimmt. Ich hatte mich mit seinem Tod ohnehin schon abgefunden, es ist nur … Ach, ich habe alles schrecklich verpatzt.“ Zu Sedgewick aufblickend, kämpfte sie erneut mit den Tränen. „Es war wirklich nicht meine Absicht. Ich wollte nur das Beste … Aber jetzt muss ich ihm und allen anderen wohl die Wahrheit gestehen. Und ich habe solche Angst, dass es ihn umbringen wird. Dabei sollte mein Schwindel nur dazu dienen, ihm seine letzten Tage zu erleichtern. Nie hätte ich gedacht, dass er es Tante Beryl erzählen würde!“

„Nein, natürlich nicht“, versicherte der völlig verwirrte Sedgewick, der ihr indes voller Mitgefühl zuhörte.

„Ich habe Großpapa seit seinem ersten Zusammenbruch nicht besucht, weil ich Tante Beryl nicht ertrage. Sie wird alle möglichen bohrenden Fragen stellen und wissen wollen, wo er ist. Eine unmögliche Situation. Und jetzt ist auch noch Lydia da und bricht unter der Last der Lüge fast zusammen. Nicht, dass sie nicht imstande wäre, Tante Beryl mit wahrer Unschuldsmiene anzuschwindeln.“ Ein Anflug von Neid schwang in ihrer Stimme mit. „Leider lässt sie sich von ihren Lügen mitreißen und plappert so hemmungslos drauflos, dass sie sich am Ende selbst nicht mehr auskennt. Deshalb musste ich kommen, um die Wahrheit zu beichten.“

„Was Sie sagen, ergibt überhaupt keinen Sinn“, erklärte Benedict lakonisch.

„Benedict …“

„Nein, er hat recht. Ich bin völlig durcheinander.“ Camilla massierte sich die schmerzenden Schläfen. Dann sah sie Sedgewick an und nickte kurz, als hätte sie sich zu einem Entschluss durchgerungen. „Man kann Ihnen doch trauen? Sie würde es keiner Menschenseele verraten, oder?“

„Natürlich nicht!“ Er schien beleidigt, dass sie seine Integrität auch nur anzweifeln konnte. „Falls es Ihnen indes peinlich ist, sollten Sie besser nicht weitersprechen.“

„Nein, nein, ich habe das Gefühl, dass ich zerspringe, wenn ich es niemandem sage. Auf der Fahrt habe ich die ganze Zeit darüber nachgegrübelt. Offen gestanden habe ich seit Wochen kaum an etwas anderes gedacht. Ich weiß nicht, was ich tun soll, um mich aus diesem selbst geschaffenen Wirrwarr zu befreien.“

„Sie haben mein Ehrenwort, dass nichts von dem, was Sie sagen, über die vier Wände dieses Raumes hinausdringen wird“, versicherte ihr Sedgewick ernst. „Reden Sie frei von der Leber weg.“

Camilla warf Benedict einen unsicheren Blick zu, der aber schnitt eine Grimasse und brummte: „Miss Ferrand, Sie können darauf bauen, dass ich Ihre Jungmädchengeheimnisse nicht in ganz London breittreten werde.“

Hastig warf Sedgewick ein: „Für Benedicts Verschwiegenheit verbürge ich mich. Also, verraten Sie jetzt endlich, welches Problem Ihnen so zu schaffen macht?“

Camilla zögerte mit einem Blick auf das Punschgefäß. „Meinen Sie … Könnte ich wohl noch etwas Punsch haben? Er wärmt so schön.“

„Natürlich.“ Sedgewick griff zuvorkommend nach ihrer Tasse und füllte diese sowie seine eigene und die Benedicts von Neuem.

„Bald wirst du es mit einem angeheiterten Frauenzimmer zu tun haben“, warnte Benedict ihn trocken, nahm seinen Becher in Empfang und trank daraus.

„Reden Sie keinen Unsinn“, erwiderte Camilla empört. „Ich war … hups, noch nie im Leben beschwipst.“ Dann trank sie einen Schluck, holte tief Atem und fing an: „Wie gesagt, Großpapa hatte einen Schlaganfall, sodass der Arzt ihn ins Bett steckte und ihm prophezeite, er hätte nicht mehr lange zu leben. Kaum hatte ich davon erfahren, brach ich natürlich unverzüglich nach Chevington Park auf.“

„Nach Chevington Park?“, wiederholte Sedgewick erstaunt. „Soll das heißen … Ihr Großvater ist …“

„Der Earl of Chevington.“ Camilla nickte. Da sie auf die Tasse in ihren Händen blickte, entging ihr der rasche Blick, den ihr Wohltäter Benedict zuwarf. „Meine Mutter war seine Tochter. Da ich meine Eltern früh verlor, wurde ich von meinen Großeltern und von Tante Lydia, Lady Marbridge, erzogen. Sie war die Frau meines Onkels, des Erben des Earls. Dieser starb jedoch, als ihr Sohn Anthony noch klein war. Es war sehr gütig von ihr, dass sie mich bei sich aufnahm. Wir alle lebten bei meinen Großeltern auf Chevington Park. Deshalb steht mein Großvater mir auch so nahe. Meine Großmutter ist leider schon seit ein paar Jahren tot. Als ich von Großvaters Krankheit erfuhr, kam ich sofort. Der Arzt sagte, wir müssten Aufregung vermeiden, um ihn zu schonen. Aber ich konnte nicht verhindern, dass er sich um mich Sorgen machte. Und zwar deswegen, weil ich noch ledig bin. Ständig sagte er, dass ich einen Mann brauche, der sich um mich kümmert, was völlig absurd ist, da ich sehr wohl selbst dazu imstande bin!“

Benedict gab ein ersticktes Geräusch von sich, was ihm einen scharfen Blick Camillas eintrug, den er mit einer wahren Unschuldsmiene erwiderte und ihr bedeutete, sie möge fortfahren.

„Er machte sich also große Sorgen. Sie müssen wissen, dass Großpapa ziemlich altmodisch und daher überzeugt ist, dass ich heiraten sollte.“

Sedgewick räusperte sich. „Nun, das wäre das Übliche für eine junge Dame.“

„Ja, aber ich bin nicht die übliche junge Dame. Ich möchte nicht heiraten.“

„Ach, wirklich?“

„Ja.“ Sie nickte energisch. „Die Ehe ist eine zum Vorteil der Männer ersonnene Institution, sodass ich für eine Frau keinen Vorteil in einer Heirat sehe.“

„Wie bitte?“

„Aber es stimmt doch. Männern steht es nach der Eheschließung frei zu tun, was sie wollen, da sie als Familienoberhaupt fungieren, während ihren Frauen nicht die geringste Freiheit gestattet wird. Von ihnen wird nur erwartet, dass sie sich ihren Ehemännern unterordnen, ihre Erben großziehen und das Haus führen. Sie haben weder Rechte noch Freiheit.“

Sedgewick ließ ein schwaches Lächeln sehen. „Miss Ferrand, Sie übertreiben.“

„Wirklich?“ Sie straffte kampflustig die Schultern. „Sobald eine Frau heiratet, geht ihr Eigentum in den Besitz ihres Mannes über, ja, sie selbst wird sein Eigentum. Er hat das Recht, über sie zu verfügen, ihr Tun und Lassen zu bestimmen, sie sogar zu schlagen. Und sie darf nicht wählen.“

„Wählen? Gütiger Himmel, Sie wollen doch nicht etwa das Stimmrecht?“

„Warum nicht? Aber eigentlich ist das nebensächlich. Ob ich es will oder nicht, ich darf nicht wählen. Ich habe eine hervorragende Erziehung genossen und verfüge über Verstand, wie ich sehr wohl behaupten darf. Doch der dümmste Tropf darf im Gegensatz zu mir politische Entscheidungen treffen, nur weil er ein Mann ist.“

„Gott stehe uns bei“, bemerkte Benedict trocken. „Ein Blaustrumpf.“

Camilla warf ihm einen Blick zu, der einen Schwächeren getötet hätte. „Ich begreife nicht, was an einer Frau mit Verstand und Bildung so abstoßend sein soll. Zweifellos gehören Sie zu der Sorte Mann, die der Meinung sind, Frauen sollten sich um ihre Handarbeiten kümmern, ungefragt kein Wort äußern und nichts anderes als Kleider und Frisuren im Kopf haben.“

„Nein, Miss Ferrand, im Gegenteil, von hohlköpfigen Frauenzimmern habe ich genug.“ Er verbeugte sich mit einem angedeuteten Lächeln, das ihr den Eindruck vermittelte, er zähle sie zu dieser Gattung.

Sedgewick war es, der das Gespräch wieder auf das eigentliche Thema zurückbrachte. „Und deshalb sind Sie unverheiratet geblieben?“

„Ja. Ich sehe keinen Grund, einem Mann Verfügung über mich oder mein Eigentum einzuräumen. Ich bin für mich selbst verantwortlich und werde es bleiben, solange ich nicht heirate. Daher bin ich fünfundzwanzig und eine alte Jungfer, was meinem Großvater schon lange Anlass zur Sorge gibt, obwohl ich mich allein sehr wohl fühle. Und nachdem er aufs Krankenlager geworfen wurde, sorgt er sich noch mehr. Immer wieder erklärt er mir, ihm sei der Gedanke unerträglich, dass er sterben und mich schutzlos zurücklassen müsse. Da nützt es nichts, dass ich ihn mit dem Einwand beruhige, ich hätte ja den Besitz, den meine Eltern mir hinterließen, und könne ein unabhängiges Leben führen. Für ihn ist es ein unnatürliches Leben, obwohl ich anstandshalber eine Gesellschafterin habe und daher nicht allein bin. Aber er will, dass ich Kinder bekomme und einen Mann habe, all das, was in seinen Augen für eine Frau richtig und natürlich ist.“ Sie hielt inne, um dann seufzend zu gestehen: „Und so kam es, dass ich sagte, ich sei verlobt.“

Benedict lachte kurz auf. „Ach, das ist ja großartig – eine Frauenrechtlerin, die vorgibt, sie hätte sich einen Ehemann geschnappt.“

„Ich wollte nicht, dass er sich sorgt!“, stieß Camilla hervor. „Sie würden natürlich nie auch nur versuchen, jemandem Schmerz oder Angst zu ersparen.“

„Sie können sagen, was Sie wollen, es ist eine Lüge“, hob er hervor.

„Sie haben es nötig!“, äußerte Camilla hitzig. „Sie Dieb oder Schmuggler oder was immer Sie sind! Sie zögern keine Sekunde, einen Wagen zu stehlen und Menschen zu entführen oder jemanden niederzuschlagen und einen unschuldigen Augenzeugen in einen Kampf zu verwickeln, aber eine Notlüge, die einem Todgeweihten seine letzten Tage erleichtern soll, ist unter Ihrer Würde!“

„Benedict …“ Sedgewick warf dem Freund einen warnenden Blick zu. „Schenken Sie ihm keine Beachtung, Miss Ferrand. Benedict kann mit uns gewöhnlichen Sterblichen und unseren belanglosen Problemen wenig anfangen. Es ist nur zu verständlich, dass Sie Ihrem Großvater diese Geschichte auftischten, damit er ruhig sterben kann.“

„Danke.“ Camillas Lächeln war voller Dankbarkeit, als sie wieder einen Schluck trank. Der Punsch bewirkte, dass angenehme Wärme sie durchströmte und ihre Lebensgeister sich ein wenig hoben. Dass sie sich schon viel besser fühlte, war ihrer Meinung nach dem Umstand zu verdanken, dass eine Beichte eine überaus wohltuende Wirkung auf die Seele ausübte. „Sie sind sehr verständnisvoll“, sagte sie mit warmem Lächeln zu Sedgewick. „Ich bin ja so froh, dass ich Ihnen alles anvertraute. Ich wollte Großpapa nicht belügen, aber es erschien mir als vertretbare Unwahrheit, die ihn glücklich machen würde. Er war so krank, dass er mich nur wenig über den Mann oder über die Umstände unseres Kennenlernens ausfragte. Er hielt mir auch keine Standpauke, weil ich mich verlobt hatte, ohne dass mein Bräutigam zuerst bei ihm um meine Hand angehalten hatte. Er war einfach glücklich und beruhigte sich, so sehr, dass es ihm bald besser ging und er sich erholte. Und ehe wir wussten, wie uns geschah, schimpfte er mit seinem Kammerdiener, wollte aufstehen und verwünschte den Arzt, weil der es ihm nicht erlaubte. Je mehr sich sein Zustand besserte, desto drängender fragte er mich über meinen Verlobten aus, und meine Lage wurde immer peinlicher. Natürlich musste ich alles erfinden, und bald fühlte ich mich schrecklich und bereute alles, konnte ihm andererseits aber meinen Schwindel nicht eingestehen, aus Angst, er würde wieder einen Schlaganfall erleiden. Schließlich hielt ich es nicht länger aus und flüchtete zurück nach Bath, ohne zu ahnen, dass er mir dorthin ständig Briefe schreiben würde, in denen er mich drängte, meinen Verlobten endlich vorzustellen. Seither habe ich mir vergeblich den Kopf nach einem Ausweg zerbrochen.“

„Sagen Sie doch einfach, der Bursche hätte Sie sitzen gelassen“, schlug Benedict gallig vor. „Dann ist die Sache erledigt, zumal es sehr glaubwürdig ist. Ihre heutige Eskapade allein wäre für einen Mann ein ausreichender Grund, seine Verlobung zu lösen.“

Camilla drehte sich mit einem Ruck zu ihm um. „Sie besitzen die Frechheit, mir die Schuld an dem zu geben, was heute passierte? Außerdem gehört mein Verlobter nicht zu der Sorte Männern, die jemanden ‚sitzen lassen‘, wie Sie es so vulgär ausdrücken.“

Er lachte laut auf. „Großartig. Da Ihr Verlobter nur in Ihrer Fantasie existiert, könnte ich mir denken, dass er tut, was immer Sie wünschen.“

„Ich meine damit, dass der Mann, den ich meinem Großvater schilderte, sich nie so schändlich benehmen würde. Zweifellos übersteigt dies aber Ihr Verständnis, doch die meisten Gentlemen halten sich an einen gewissen Ehrenkodex.“

„Ja, das ist mir fürwahr viel zu hoch, Miss“, gab er darauf zurück, ländliche Sprechweise nachäffend. „Davon weiß ich gar nichts.“

„Ach, sei still, Benedict“, wies Sedgewick ihn zurecht. „Sie konnte ihrem Großvater doch keine Lösung der Verlobung vorgaukeln, weil man den alten Herrn nicht aufregen darf.“

„So ist es“, rief Camilla aus, erfreut, dass sie bei ihm auf Verständnis stieß. „Großpapa ist noch immer leidend. Der Arzt meint, es sei ein wahres Wunder, dass er noch am Leben ist. Deshalb suchte ich ständig nach Ausflüchten, wenn Großpapa sich erkundigte, wann Mr. Lassiter und ich endlich kommen würden.“

„Mr. Lassiter?“, fragte Benedict.

„Mein Verlobter.“

„Ach ja, natürlich.“

„Benedict, würdest du Miss Ferrand wohl in ihrer Geschichte fortfahren lassen?“, fragte Sedgewick. „Ich kann es kaum erwarten, von Tante Beryl zu hören.“

„Ach die!“, sagte Camilla geringschätzig. „Sie entschied, dass Großpapa dringend ihrer Pflege bedürfe, und zog samt Mädchen und allem in Chevington Park ein. Tante Lydia sagte, sie hätte sich nur die Tatsache zunutze gemacht, dass Großpapa zu krank sei, um sie hinauszuwerfen. Aber das ist Nebensache. Wichtig ist nur, dass Großpapa Tante Beryl von meiner Verlobung erzählte. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass er das tun würde, denn als ich ihm mein Lügenmärchen auftischte, glaubte ich, er hätte nur mehr wenige Tage zu leben.“

„Ich verstehe. Und da Tante Beryl nun davon weiß, sieht die Sache wohl ganz anders aus.“

„Ja.“ Camilla schüttelte traurig den Kopf und trank einen Schluck. Trotz ihrer schrecklichen Situation machte sich ein angenehmes Gefühl in ihr breit. „Tante Beryl ist die schlimmste der ganzen Verwandtschaft. Da sie zwei todlangweilige Töchter hat, die sie unter die Haube bringen möchte, lebt sie in ständiger Angst, ich könnte mir jemanden angeln, ehe sie es geschafft hat, ihre Brut irgendwelchen armen, ahnungslosen Tröpfen aufzuhalsen.“

„Haben Sie ihr denn Ihre Einwände gegen die Ehe nicht erläutert?“, erkundigte Benedict sich spöttisch.

„Natürlich, aber sie glaubt mir nicht. Sie ist der Meinung, ich wolle damit nur rechtfertigen, dass ich eine alte Jungfer bin, während ich in Wahrheit nach einem Mann auf der Lauer liege wie ihre Töchter.“

„In Anbetracht der Tatsache, dass Sie vorgeben, verlobt zu sein, eine grobe Fehleinschätzung der Lage.“

Camilla ignorierte Benedict und richtete ihre Worte allein an Sedgewick: „Tante Beryl hat es nicht geglaubt – dass ich verlobt bin, meine ich. Sie muss sich deshalb mit Großpapa gezankt haben. Lydia hat es erfahren, als sie in Chevington Park eintraf. Der Arzt war so außer sich, dass er Tante Beryl riet, das Thema vor Großvater nie wieder zur Sprache zu bringen. Aber Lydia schrieb mir, dass die beiden einander deswegen ständig in den Haaren liegen und Tante Beryl spitze Bemerkungen mache, weil ich meinen Verlobten noch nicht vorgestellt hätte.“ Tränen schossen ihr in die Augen. „Ich komme mir ja so schlecht vor! Was wird er nur von mir denken, wenn er dahinterkommt! Denn das wird er. Lydia schrieb mir, ich müsse sofort kommen, denn Großpapa frage immerzu nach mir. Ich fürchte nur, er wird nicht lange …“ Sie konnte nicht weitersprechen, da ihr die Kehle eng wurde.

„Schon gut, meine Liebe“, tröstete Sedgewick sie und tätschelte ihre Hand.

Camilla schenkte ihm ein Lächeln unter Tränen. „Sie sind sehr gütig. Das alles geht Sie gar nichts an, und doch haben Sie mir Ihr Ohr geliehen.“

„Aber was wollen Sie tun?“, fragte er.

„Ich muss die Wahrheit sagen.“ Sie stieß einen Seufzer aus. „Lydia meint zwar, wir könnten Tante Beryls Fragen abwehren, aber ich wüsste nicht wie, da sie mich sicher gründlich über meinen Verlobten verhören wird und ich mir immer neue Lügen ausdenken müsste. Andererseits ist es mir unerträglich, alles zu gestehen. Wenn ich an Tante Beryls bedauernde und überlegene Blicke denke … und an Großpapa – was, wenn er sich so aufregt, dass er stirbt? Nicht auszudenken.“ Plötzlich stand sie auf und begann erregt, im Raum auf und ab zu laufen. „Wenn ich nur einen Ausweg wüsste! Seit Tagen zermartere ich mir den Kopf, aber mir will nichts, einfach gar nichts einfallen!“

Eine Zeit lang herrschte Schweigen, bis Sedgewick leise sagte: „Und wenn ich eine Lösung wüsste?“

Camilla und Benedict drehten sich überrascht zu ihm um.

„Was, zum Teufel …“, setzte Benedict an.

„Wie bitte?“, fragte Camilla mit aufkeimender Hoffnung. „Ist das Ihr Ernst? Sie wissen einen Ausweg aus meiner Lage?“

Er nickte. „Vielleicht … wenn Sie gewillt sind, das Risiko auf sich zu nehmen.“

„Ich würde alles tun!“, versicherte sie eifrig. „Sagen Sie nur, was!“

„Sie sollen heute in Chevington Park mit einem Verlobten eintreffen.“

„Allerdings …“ Camilla runzelte verwirrt die Stirn. Hatte sie sich nicht klar genug ausgedrückt? „Aber wie …? Wer …?“

Sedgewick lächelte und wies mit einer Kopfbewegung auf Benedict. „Er wird Ihr Verlobter sein.“

3. KAPITEL

Camilla starrte Sedgewick fassungslos an, während Benedict seiner Meinung drastischer Ausdruck verlieh: „Um Himmels willen, Jermyn, hast du den Verstand verloren?“

„Ganz und gar nicht. Wenn ihr es euch überlegt, werdet ihr sehen, dass es die ideale Lösung ist.“

„Ich sehe nur idealen Irrsinn“, erwiderte Benedict. „Wenn du glaubst, ich würde mich verloben, und noch dazu mit dieser … dieser …“

Camilla drehte sich mit gefährlich funkelndem Blick zu ihm um. „Mit wem, Mr. Benedict?“

„Ach, komm, Benedict, du bist doch sonst nicht so schwer von Begriff“, tadelte Sedgewick ihn leichthin. „Ich meine natürlich keine richtige Verlobung. Ihr sollt nur so tun, als ob. Du fährst mit Miss Ferrand nach Chevington Park, wirst ihrer Familie präsentiert, sprichst mit ihrem Großvater und so fort. Nach ein paar Tagen behauptest du, du müsstest in die Stadt zurück, und reist ab. Der Earl wird beruhigt und glücklich sein, dem Drachen von Tante ist das Mundwerk gestopft, und du … nun, du hast ein paar Tage auf Chevington Park, einem sehr vornehmen Landsitz, verbracht.“

Benedict, der kritisch die Augen zusammenkniff, lag eine Erwiderung auf der Zunge, doch hielt er sich damit zurück. Er drehte sich um und sagte nach einer Weile grollend: „Du bist genauso verrückt wie sie. Es ist unmöglich.“

„Warum? Einen Gentleman zu spielen, werden Sie wohl imstande sein, oder?“, sagte Camilla keck.

Sedgewicks graue Augen funkelten amüsiert. „Einen etwas raubeinigen zwar, aber schließlich gibt es auch solche Lords.“

„Einen Lord brauche ich gar nicht“, warf Camilla ein. „Ein Gentleman tut es auch.“

Benedict drehte sich zu ihr um. „Erzählen Sie mir nicht, dass Sie einen so hirnverbrannten Plan ernsthaft in Erwägung ziehen.“

Camilla, die nicht die Absicht gehabt hatte, auf Mr. Sedgewicks Plan einzugehen, wurde durch Benedicts geringschätzigen Ton in ihrem Entschluss schwankend und entschied, dass der Vorschlag zumindest eine Überlegung wert war. Sie erwiderte trotzig Benedicts Blick. „Warum nicht? Er käme meiner Absicht entgegen. Mögen Ihre Manieren auch ungehobelt sein, Ihre Redeweise ist die eines Gentleman. Es könnte uns glücken, für einige Tage alle hinters Licht zu führen. Natürlich würde ich Sie bezahlen. Wäre das nicht ein besserer Weg, Geld zu verdienen, als mit Diebereien? Und mein Problem wäre damit gelöst. Großpapa wäre glücklich, und später könnte ich sagen, mir wäre klar geworden, dass wir nicht zusammenpassen. Oder noch besser …“ Ihre Miene erhellte sich. „Ich werde sagen, dass Sie gestorben sind. Das wäre ideal.“

„Für Sie vielleicht.“

„Natürlich nur, insofern meine Familie betroffen ist.“

„Glauben Sie nicht, dass es peinlich wäre, wenn mir jemand in ein paar Monaten über den Weg liefe?“

„Lächerlich. Warum sollte Ihnen jemand begegnen?“

„In London, auf der Straße beispielsweise. Immerhin steht es mir trotz meiner nicht vorhandenen Manieren frei, mich in London frei zu bewegen.“

„Ach so … Nun, dann werde ich mich eben mit der Geschichte von unserer Trennung begnügen müssen.“ Sie seufzte. „Schade. Die andere Version wäre viel dramatischer.“

„Ganz recht“, pflichtete Sedgewick ihr mit enttäuschter Miene bei, während seine Augen amüsiert glitzerten. „Die langweiligere Geschichte muss reichen.“

„Würdet ihr wohl mit diesem Unsinn aufhören?“, stieß Benedict hervor. „Ich werde keinesfalls Ihren Verlobten spielen. Unglaublich, dass Sie es überhaupt in Erwägung ziehen. Sie müssen betrunken sein.“

„Bin ich nicht.“ Gewiss, sie fühlte sich warm und aufgemuntert, und ihr Verstand war ein wenig, nun, durcheinander, aber der Rumpunsch hatte bei ihr nur für Entspannung gesorgt und keineswegs ihr Denkvermögen beeinträchtigt. „Ich bin eben aufgeschlossen genug, den Wert von Mr. Sedgewicks Idee zu erkennen, während Ihre Sturheit Sie daran hindert.“

„Es freut mich, dass wenigstens eine Seite meine Bemühungen anerkennt“, sagte Sedgewick, seine Schnupftabakdose hervorziehend, die er mit einer Hand gekonnt aufspringen ließ. „Eine Prise, mein lieber Benedict?“

Sein Freund murmelte etwas Unverständliches. „Offenbar bin ich hier der einzige vernünftige Mensch.“ Er ging zur Tür, öffnete sie und drehte sich um. „Mir egal, was ihr beiden Verrückten ausbrütet. Ich mache ohnehin nicht mit.“ Damit ging er hinaus und knallte die Tür hinter sich zu.

Sedgewick und Camilla standen da und starrten die Tür an, ehe sie sich einander zuwandten und Sedgewick mit einem tiefen, nachdenklichen Blick fragte: „Wären Sie gewillt, es zu tun?“

Camilla erwiderte seinen Blick mit großen Augen. War sie denn bereit dazu? Es war ein Plan, der jedes traditionsgebundene weibliche Wesen zutiefst schockiert hätte, sie aber war unkonventionell und fühlte sich jeder Situation gewachsen. Natürlich war es sehr sonderbar, dass ein Fremder wie Mr. Sedgewick sie so bereitwillig aus dem Dilemma befreite, aber nur weil jemand hilfsbereit war, hieß das noch lange nicht, dass man seinen Vorschlag ablehnen sollte. Das Schlimmste an dem Plan war, einen so unerträglich ungehobelten Menschen wie Benedict tagelang um sich dulden zu müssen. Da sie aber vernünftig und besonnen war, würde sie sicher sowohl mit der Situation insgesamt als auch mit ihm fertig werden. Das Schicksal hatte ihr diese Möglichkeit geboten, und es wäre töricht gewesen, nicht zuzugreifen.

„Ja“, erwiderte sie fest. „Ich bin gewillt.“

Sedgewick schenkte ihr ein Lächeln. „Dann werde ich mit Benedict sprechen. Inzwischen können Sie sich … hm, zurechtmachen.“

Fast hätte Camilla aufgelacht, so wenig wurde seine höfliche Umschreibung der nun vor ihr liegenden Aufgabe gerecht. Über und über mit einer Schlammkruste bedeckt, konnte sie sich nicht vorstellen, wie sie Haut und Haar säubern sollte, ohne ein Vollbad zu nehmen.

„Das Mädchen wird Ihnen Wasser und eine Waschschüssel bringen. Sicher haben Sie im Wagen frische Sachen dabei.“ Auf Camillas Nicken hin fuhr er fort: „Mein Diener wird Ihr Gepäck holen, damit Sie sich umziehen können.“

„Danke.“

„Keine Ursache.“ An der Tür hielt er inne. „Vielleicht möchten Sie sich mit noch einer Tasse Punsch stärken.“

Benedict ging nur bis zur Bank vor dem Haus und setzte sich, um eine Zigarre zu rauchen, überzeugt, dass Sedgewick ihm sofort folgen würde. Hatte Jermyn sich erst etwas in den Kopf gesetzt, dann konnten ihn auch seine tadellosen Manieren nicht daran hindern, hinter dieser Idee herzujagen wie ein Hund hinter einem Knochen, und Benedict war sicher, dass er von seinem neuesten Plan nicht so leicht ablassen würde.

Die Zigarre brannte kaum, als Jermyn auch schon aus dem Haus trat, zur Bank ging und stehen blieb, um auf Benedict hinunterzublicken. Dieser stieß eine Rauchwolke aus und ignorierte seinen Freund geflissentlich.

„Nun?“, fragte Jermyn schließlich. „Würdest du mir wohl erklären, weshalb du diese goldene Chance nicht nutzen willst?“

Benedict sah ihn indigniert an. „Goldene Chance? Wofür? Um noch größeren Wirrwarr zu schaffen? Um die kostbare Zeit zu vergeuden, die uns noch bleibt? Ich glaube, du hast wirklich den Verstand verloren.“

„Zumindest bin ich nicht mit Blindheit geschlagen. Oder ist es hoffnungslos? Hast du schon aufgegeben?“

Auf diese Bemerkung hin sprang Benedict auf. „Kein Mensch, auch du nicht, kann mir vorwerfen, dass ich aufgebe.“

„Ach, lass das, Rawdon“, gab sein Freund ruhig zurück. „Ich weiß besser als jeder andere, dass du nie resignierst. Als dich in Spanien alle schon aufgegeben hatten, war ich der Einzige, der sicher wusste, dass du zu den eigenen Linien zurückfinden würdest – mit deinen Kameraden. Schließlich war ich immer derjenige, der jeden von dir ausgeheckten Lausbubenstreich bis zum bitteren Ende ausbaden musste. Aber ich kann nicht begreifen, warum du dieser Idee so ablehnend gegenüberstehst.“

Benedict schüttelte fassungslos den Kopf. „Jermyn, du musst verrückt sein. Es ist unmöglich. Ich soll so tun, als ob ich mit dieser … dieser Range verlobt bin? Das würde keinen einzigen Tag gut gehen. Schon nach einer halben Stunde würden wir einander an die Kehle fahren. Niemand würde uns die Heiratspläne glauben.“

„Warum nicht? Sie ist attraktiv … unter dem Schmutz.“

„Wie kannst du das sagen? Aber darum geht es nicht. Ich gebe zu, dass sie ein nettes Gesicht hat.“

Jermyn stöhnte auf. „Nett? Hast du ihre Augen nicht gesehen? Blau und leuchtend …“

„Und eine passable Figur.“

Autor

Candace Camp

Bereits seit über 20 Jahren schreibt die US-amerikanische Autorin Candace Camp Romane. Zudem veröffentlichte sie zahlreiche Romances unter Pseudonymen. Insgesamt sind bisher 43 Liebesromane unter vier Namen von Candace Camp erschienen. Ihren ersten Roman schrieb sie unter dem Pseudonym Lisa Gregory, er wurde im Jahr 1978 veröffentlicht. Weitere Pseudonyme sind...

Mehr erfahren
Kasey Michaels
Als Kasey Michaels ihren ersten Roman geschrieben hatte, ahnte sie noch nicht, dass sie einmal New York Times Bestseller-Autorin werden würde. Und es hätte sie auch nicht interessiert, denn damals befand sie sich in der schwierigsten Phase ihres Lebens: Ihr geliebter achtjähriger Sohn benötigte dringend eine Nieren-Transplantation. Monatelang wachte sie...
Mehr erfahren