Historical Lords & Ladies Band 89

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  • Erscheinungstag 07.01.2022
  • Bandnummer 89
  • ISBN / Artikelnummer 8035220089
  • Seitenanzahl 352

Leseprobe

Amanda McCabe, Bronwyn Scott

HISTORICAL LORDS & LADIES BAND 89

PROLOG

London 1810

Londons Traumpaar …

Jane Fitzwalter Countess of Ramsay hätte fast laut aufgelacht, als sie die Überschrift in der Zeitung entdeckte. Die schwarzen, leicht verschmierten Druckbuchstaben in der Klatschspalte der „Gazette“ wirkten so solide und unerschütterlich. Zudem waren viele Leute der Ansicht, dass eine solche Behauptung, wenn sie denn schwarz auf weiß gedruckt in der Zeitung stand, auch der Wahrheit entsprechen müsse.

Vor einer ganzen Weile hatte sie sogar selbst einmal geglaubt, dass sie eine traumhafte Ehe führte, zumindest eine kurze Zeit lang. Inzwischen aber hatten die Worte einen hohlen, bitteren Beiklang bekommen und schienen sie und all ihre dummen Träume zu verspotten.

Die schönen Ramsays – so jung, so reich, so elegant. Sie besaßen ein prächtiges Stadthaus in London, in dem sie großartige Bälle gaben. Die feine Gesellschaft riss sich förmlich darum, von ihnen eingeladen zu werden. Außerdem zählten sie ein großartiges Landhaus zu ihrem Besitz, in dem sie vornehme Jagdgesellschaften abhielten. Bis zum Morgengrauen wurde gefeiert und gelacht. Lady Ramsays Hüte und Roben, die in einem eigenen großen Zimmer untergebracht waren, wurden von den modebewussten Damen des ton eifrig kopiert.

Alle Welt kannte die romantische Geschichte, die zu ihrer Ehe geführt hatte. Der junge Lord Ramsay hatte die noch jüngere Miss Jane Bancroft bei ihrem Debüt durch all das Gedränge und die wehenden Kopfschmuckfedern der Damen erblickt und sich zielstrebig seinen Weg durch die gaffende Menge gebahnt, um sich ihr vorstellen zu lassen. Im Laufe der darauffolgenden Tage hatten sie bei zwei privaten Bällen und einmal bei Almack’s miteinander getanzt. Und wiederum nur einige Tage später hatte Lord Ramsay sie zu einer Ausfahrt im Hyde Park eingeladen und um ihre Hand angehalten. Janes Tante, die auch ihr Vormund war, hatte Bedenken geäußert. Sie hatte eine Ehe aufgrund der kurzen Bekanntschaft für überstürzt und sie beide zu für jung dafür gehalten. Doch als das Paar damit drohte, durchzubrennen, gab sie ihre Einwilligung, und nur kurze Zeit später erlebte die feine Gesellschaft eine der wohl prächtigsten, glamourösesten Hochzeiten, die London je gesehen hatte.

Prächtig. Glamourös. Elegant. Alle beneideten die schönen Ramsays um ihr Leben.

Lady Ramsay jedoch, nun nicht mehr ganz so jung und naiv, hätte all diese Pracht nur zu gerne aufgegeben und all ihren Reichtum geopfert, um jenen sonnigen Tag im Hyde Park noch einmal zu erleben. Wehmütig erinnerte sie sich daran, wie sie Schulter an Schulter in der Kutsche gesessen und gelacht hatten, wie Hayden heimlich, verborgen durch ihren Sonnenschirm, ihre Hand gehalten hatte. An diesem Tag hatte sie geglaubt, dass ihnen eine verheißungsvolle, rosige Zukunft bevorstehe. Der Tag war ihr wie ein Versprechen erschienen, dass alles, wovon sie geträumt hatte, in Erfüllung gehen würde – die große Liebe, ein richtiges Zuhause und ein unbeschwertes Leben an der Seite eines Menschen, der sie brauchte und liebte.

Wenn sie nur noch einmal von vorn anfangen könnten; Jane würde alles anders machen. Leider war das jedoch unmöglich. Die Welt drehte sich unaufhörlich weiter, und nichts würde sich jemals ändern. Alles würde so bleiben wie bisher, weil sie nun einmal die Ramsays waren und ihren Platz in der Gesellschaft einnehmen mussten. Sie mussten das Leben führen, das ihnen aufgrund ihres Standes bestimmt war.

Aber Jane war dieses Leben gründlich leid. Sie hatte angenommen, dass Haydens Titel die Garantie für eine sorglose, unbeschwerte Zukunft sein würde, die ihr in ihrer Familie bisher nicht vergönnt gewesen war. Eine dumme Vorstellung, denn sie hatte dabei völlig vergessen, dass ein Titel auch Verpflichtungen mit sich brachte, die es zu erfüllen galt, dass ein Titel falsche Freunde anzog und für lieblose Ehen sorgte.

Jane ließ die Zeitung auf den Fußboden fallen und sank zurück in die Kissen. Vermutlich war es schon weit nach Mitternacht. Vor einer geraumen Weile hatte ihre Zofe die Vorhänge schließen wollen, aber Jane hatte sie davon abgehalten. Sie mochte den Anblick des nächtlichen Himmels vor dem Fenster; er hatte eine tröstliche Wirkung auf sie, wie eine samtschwarze, weiche Decke, die sie einhüllte. Der Mond, eine silberne Sichel am Horizont, schien ihr zuzuzwinkern.

In der Stadt, fern von Janes Schlafgemach, wurde auf zahlreichen Bällen gewiss immer noch getanzt, getrunken und gelacht. Vor gar nicht langer Zeit hatte sie selbst an derlei Veranstaltungen teilgenommen, hatte sich darum bemüht, ihren Platz in dieser Gesellschaft zu finden. Nun machte allein der Gedanke an derlei Vergnügungen sie krank.

Sie drehte sich auf die Seite und richtete den Blick auf das prasselnde Feuer im Kamin. Dabei fiel ihr die Flasche Laudanum auf dem Nachttisch ins Auge, die der Arzt ihr gegeben hatte. Mit einer Dosis der Medizin könnte sie alle Erinnerungen auslöschen und im Schlaf Vergessen finden, doch das wollte sie nicht. Sie musste nachdenken, sich der Wahrheit stellen, gleich, wie schmerzhaft sie auch sein mochte.

Sie legte die Hand auf den Bauch, der unter dem Leinennachthemd wieder ganz flach geworden war. Die kleine Wölbung, die gewachsen war und sie so glücklich gemacht hatte, gab es nicht mehr. Seit Tagen schon nicht mehr, als wäre sie nie da gewesen. Unter quälenden Krämpfen hatte sie ihr Kind verloren – und Hayden war wieder einmal nicht an ihrer Seite gewesen. Als sie die Fehlgeburt erlitt, die dritte inzwischen, hatte er sich in irgendeinem Spielsalon vergnügt und natürlich betrunken. Er betrank sich immer. Und ihr war nichts geblieben als eine hohle schmerzliche Leere. Sie hatte ihre Pflicht nicht erfüllt. Wieder einmal hatte sie versagt.

So konnte und wollte sie nicht länger weitermachen. Allmählich zerbrach sie unter dem Druck der Lüge, die sie lebten. Sie hatte geglaubt, mit Hayden eine neue Familie zu bekommen, doch in ihrer Ehe fühlte sie sich einsamer als jemals zuvor.

Unvermittelt vernahm sie ein Krachen und gleich darauf lautes Fluchen. Donnernd wie ein Schuss hallte das Geräusch durch das stille Haus. Schon vor Stunden waren die Dienstboten zu Bett gegangen, und Jane hatte nicht vor Morgengrauen mit Haydens Rückkehr gerechnet.

Offenbar war er dieses Mal früher nach Hause gekommen. Jane stand auf und wickelte sich ein Tuch um die Schultern. Dann verließ sie ihr Zimmer und ging langsam zur Treppe, um in die Halle hinunterzuspähen.

Hayden saß, die Beine weit von sich gestreckt, auf der untersten Treppenstufe. Der Schein der Lampe auf dem Konsoltisch, die der Butler für ihn hatte brennen lassen, flackerte über sein Gesicht. Offensichtlich hatte er den Schirmständer umgerissen, denn die Schirme und Spazierstöcke lagen über den schwarz-weißen Marmorfliesen verstreut.

Mit seltsam traurigem Ausdruck im attraktiven Gesicht betrachtete er das Durcheinander. Das Spiel aus Schatten und Licht ließ seine klassischen Züge geheimnisvoll und verwegen erscheinen, und einen Moment lang erinnerte er sie tatsächlich wieder an den Mann, den sie einst voller Hoffnung geheiratet hatte. War er dieses Leben vielleicht ebenso leid wie sie? Gab es womöglich doch noch eine Chance für sie, einen Neuanfang? Trotz ihrer Resignation und wider jede Vernunft keimte ein Funken Hoffnung in ihr auf.

Sie schickte sich an, die Treppe hinunterzugehen. Das Knarren der Stufen ließ Hayden aufschauen. Einen Wimpernschlag lang spiegelte sich ein ernster, nachdenklicher Ausdruck in seiner Miene, dann malte sich ein Lachen in sein Gesicht und beendete diesen kurzen Moment der Grübelei und Nüchternheit.

Er strich sich eine schwarze Locke aus der Stirn und streckte die Hand aus. Der Siegelring an seinem Finger funkelte im Lichtschein, und Jane entdeckte einen Cognacfleck auf seinem Ärmel. „Jane! Meine wunderschöne Gemahlin hat auf mich gewartet – wie erstaunlich.“

Langsam ging Jane die Treppe hinunter. Der süßlich herbe Geruch des Cognacs umhüllte ihn wie eine Wolke. „Ich konnte nicht schlafen“, sagte sie. Schon seit Tagen fand sie keinen Schlaf mehr.

„Du hättest mich zum Dinner bei den Westins begleiten sollen“, meinte er. „Der Abend war recht vergnüglich.“

Jane fuhr ihm zärtlich durch das Haar. Seine himmelblauen Augen glänzten, als sie ihm über die Wange streichelte. Der Bartschatten, der sich darauf abzeichnete, fühlte sich rau und kratzig unter ihren Fingern an.

Wie attraktiv er doch war, ihr Gatte. Allein bei seinem Anblick schmerzte ihr Herz vor Sehnsucht. „Das sehe ich“, sagte sie.

„Alle haben nach dir gefragt“, fuhr er fort und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Hand. „Unsere Freunde haben dich vermisst.“

„Freunde?“, murmelte sie zweifelnd. Die Westins waren für sie kaum mehr als flüchtige Bekannte, ebenso wie die anderen Gäste. Und umgekehrt war es genauso; sie alle kannten Jane im Grunde genommen nicht. Sie nahm nicht gern an gesellschaftlichen Anlässen teil, weil sie sich unter den vielen Menschen immer unwohl und unsicher fühlte. Ebenfalls eine Sache, bei der sie als Countess versagt hatte. „Mir ist noch nicht nach Gesellschaft zumute.“

„Nun, ich hoffe, das wird sich bald ändern. Die Saison hat gerade erst begonnen, und wir haben recht viele Einladungen erhalten, die wir wahrnehmen müssen.“ Er hauchte ihr einen weiteren Kuss auf die Hand, aber Jane hatte das Gefühl, dass er durch sie hindurchblickte. „Es ist mir verhasst, dich krank zu sehen, Liebling.“

Erneut stieg Hoffnung in ihr auf, und sie ergriff seine Hände. „Vielleicht würde uns etwas Erholung guttun, ein paar Wochen auf dem Land – nur für uns allein. Ich bin sicher, dass es mir an der frischen Landluft bald besser gehen wird. Wir könnten meine Schwester Emma einladen. Ich habe sie so lange nicht mehr gesehen.“

Je länger sie darüber nachdachte, desto besser gefiel ihr die Idee. Ja, ein Urlaub in ihrem Landhaus Barton Park wäre wundervoll. Nur sie drei – keine Gesellschaften, kein Cognac. Sie könnten wieder mehr Zeit miteinander verbringen und sich unterhalten, so wie früher. Vielleicht würde sie trotz ihrer Ängste sogar den Mut aufbringen, erneut den Versuch zu wagen, ein Baby zu bekommen. Sie könnten die eleganten Ramsays hinter sich lassen und einfach nur Hayden und Jane sein. Nichts wünschte sie sich sehnlicher.

Aber Hayden lachte nur, als ob sie einen großartigen Scherz gemacht hätte. Er löste sich von ihr und legte sich quer über die Treppe. „Du willst aufs Land reisen? Jetzt, mitten in der Ballsaison? Jane, Liebling, das ist unmöglich. Wir können jetzt nicht abreisen.“

„Aber es könnte …“

Hayden schüttelte den Kopf. „Wenn du dir Zerstreuung in London suchst, wirst du sicherlich schneller genesen, als wenn du dich auf dem einsamen Land vergräbst. Du solltest mich wieder zu Gesellschaften begleiten, dich amüsieren. Alle erwarten es von dir, von uns.“

„Zu Bällen und Gesellschaften gehen, so wie du?“, fragte Jane verbittert, und der letzte Hoffnungsfunken erstarb in ihr. Nichts hatte sich geändert. Nichts würde sich je ändern.

„Ja, so wie ich, und wie es schon meine Eltern getan haben“, antwortete er. „Das ist besser, als sich allein zu Hause im Elend zu suhlen.“

Jane schlang die Arme um sich, plötzlich fühlte sie sich innerlich hohl und leer. „Ich bin erschöpft. Vielleicht werde ich meine Schwester ohne dich besuchen. Die arme Emma schreibt, dass sie sich in ihrer Schule nicht wohlfühlt, und ich vermisse sie. Ich brauche etwas Abstand von London. Ich möchte nach Hause fahren, nach Barton Park, und dort eine Weile bleiben.“

Hayden schloss die Augen, als ob er ihrer und dieses Gesprächs überdrüssig wäre. Es kam ihr fast so vor, als hätte er es satt, sich mit ihren Empfindungen befassen zu müssen. „Wenn du das so unbedingt möchtest, dann tu es. Du wirst aber vor unserem Ball zum Abschluss der Saison zurückkommen müssen. Alle rechnen fest damit, dich als Gastgeberin dort zu sehen.“

Jane nickte, aber sie wusste bereits, dass sie für keinen Ball der Welt nach London zurückkehren würde. Sie wollte dieses Leben nicht mehr weiterführen. Sie wollte sich selbst wiederfinden, auch wenn sie Hayden nicht klarmachen konnte, dass er dasselbe tun musste, um sich nicht zu verlieren.

Ein leises Schnarchen verriet ihr, dass er mitten im Gespräch auf der Treppe eingeschlafen war. Im Schlaf sah er engelsgleich und friedlich aus. Ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen, als ob er sie bereits verlassen hätte und im Kreise seiner Freunde die nächste Flasche leeren würde. Sie küsste ihn liebevoll auf die Wange und fuhr ihm ein letztes Mal durch die Haare.

„Es tut mir leid, Hayden“, flüsterte sie. „Bitte, vergib mir.“

Dann stand sie auf, trat über ihn hinweg und kehrte in ihr Schlafzimmer zurück. Leise schloss sie die Tür hinter sich. Nicht einmal das Klicken des Schlosses war in dem riesigen Haus zu hören, das nie wirklich ihr Zuhause gewesen war.

Hayden starrte an die Decke, doch er nahm die zuckergussweißen Ornamente kaum wahr. Die harten Stufen in seinem Rücken spürte er ebenso wenig wie das vertraute schmerzende Pochen in den Schläfen. Alles, was er sah, alles, woran er denken konnte, war Jane.

Er schloss die Augen und lauschte aufmerksam, aber sie war schon lange fort. Nur noch Stille umgab ihn, seit sie sich fortgeschlichen und die Tür ihres Zimmers geschlossen hatte. Selbst sein Butler Makepeace hatte ihn längst aufgegeben und ließ ihn auf der Treppe liegen. Der Marmorboden in der Eingangshalle strahlte eine Kälte aus, die ihm unter die Haut kroch.

Mit Schaudern erkannte Hayden, dass er zu dem geworden war, was er nie sein wollte – ein Ebenbild seiner Eltern.

Nun ja, genau betrachtet ähnelte er seinem Vater nicht sehr. Oh nein. Für den alten Earl waren Verantwortung, Pflichterfüllung und das gute Ansehen der Familie immer das Wichtigste gewesen. Haydens Mutter dagegen hatte Gesellschaften und Bälle geliebt, weil die lärmende Menge sie ihren Kummer vergessen ließ. Beide hatten jedoch Cognac und Wein zu sehr gemocht, und das hatte seinen Vater letzten Endes das Leben gekostet.

Seine Mutter, Friede ihrer leichtfertigen Seele, starb im Kindbett, als sie ein letztes Mal versucht hatte, seinem Vater einen weiteren Sohn zu schenken.

Ein qualvoller, brennender Schmerz durchzuckte Hayden, als er sich an den Ausdruck erinnerte, der nach dem Verlust ihres ersten Kindes in Janes Gesicht gestanden hatte. Sie war weiß wie ein Laken gewesen, abgehärmt und vom Kummer sichtlich gezeichnet.

„Wir können es noch einmal versuchen, Hayden“, hatte sie gesagt und nach seiner Hand gegriffen. „Der Arzt sagt, dass ich kerngesund bin. Es gibt keinen Grund, warum es beim nächsten Mal nicht gut gehen sollte. Bitte, Hayden, bleib bei mir.“

Er hatte ihre zitternde Hand umfangen, die richtigen Worte geäußert, sie beschwichtigt, aber in seinem Inneren hatte er einen stummen Schrei ausgestoßen, weil er das alles nicht noch einmal durchmachen wollte. Niemals wieder. Er wollte Jane nicht mehr verletzen, konnte es nicht ertragen, dass sie ebenso litt wie damals seine Mutter.

Bei ihrem Kennenlernen, als er das hoffnungsvolle Licht in ihren schönen haselnussbraunen Augen bemerkt hatte, die süße Röte ihrer Wangen, war ein Gefühl in ihm erwacht, das er längst erloschen geglaubt hatte. Neugier vielleicht oder Freude aufs Leben und die Zukunft. Die Empfindungen, die Jane in ihm entfacht hatte, waren berauschender gewesen als jeder Wein.

Er hatte sich gewünscht, dass dieses Gefühl ewig andauern mochte. Er wollte Jane, begehrte sie, und hatte sich nie Gedanken über die möglichen Konsequenzen gemacht. Bis er dazu gezwungen gewesen war.

Mit dieser überstürzten Ehe hatte er Jane ins Unglück getrieben, weil er ihr keine Gelegenheit gegeben hatte, sein wahres Wesen kennenzulernen. Gleich, was er auch tat, es schien, als könnte er sie niemals glücklich machen. Er wusste nicht, was sie sich wünschte, konnte nicht erkennen, was sie brauchte. Sie sah ihn immer so hoffnungsvoll an, und dabei lag ein solch trauriger Blick in ihren wunderschönen Augen, als ob sie darauf wartete, dass er irgendetwas tat oder sagte. Doch er hatte nicht die leiseste Ahnung, was er tun oder sagen sollte.

Also hatte er in den Dingen Zuflucht gesucht, mit denen er sich auskannte – endlose Vergnügungen mit seinen Freunden, von denen er stets wusste, was sie von ihm erwarteten. Und Janes Blick war mit jedem Tag trauriger geworden, besonders nach den Fehlgeburten. Drei waren es inzwischen.

Hayden rappelte sich langsam auf die Füße und ging die Treppe hinauf. Aus Janes Zimmer hörte er keinen Laut, nur dröhnende Stille. Er öffnete die Tür und lugte hinein.

Sie lag, die Hand unter die Wange geschoben, schlafend im Bett. Das dichte, dunkle Haar war zu einem Zopf gebunden. Mondlicht fiel auf ihr Gesicht, und er bemerkte, dass sie selbst noch im Schlaf die Stirn runzelte. Sie sah so zierlich aus, so zerbrechlich und einsam.

Hayden wusste, dass er sie im Stich gelassen und tief enttäuscht hatte. Aber er schwor sich, dass dies nie wieder vorkommen würde, gleich, welchen Preis er dafür zahlen mochte. Selbst, wenn er sie dafür freigeben musste.

„Ich verspreche dir, Jane“, flüsterte er, als sie sich auf die andere Seite drehte, „ich werde dich nie wieder verletzen.“

1. KAPITEL

Drei Jahre später

Ist das ein Erdbeben? fragte sich Hayden, als er durch ein lautes Poltern geweckt wurde.

Eine andere Erklärung schien es nicht zu geben, denn er war sich sicher, dass keiner seiner Bediensteten es wagte, ihn mitten in der Nacht durch solch einen Lärm aus dem Schlaf zu reißen.

Er wälzte sich auf den Rücken und blickte zum dunkelgrünen Betthimmel hinauf. Er erinnerte sich, wie er mit Harry und Edwards den Club verlassen und singend durch die Straßen gezogen war. Irgendwie hatte er den Weg nach Hause gefunden und es die Treppe hinauf und in sein Bett geschafft. Allein.

Der vertraute Schmerz hinter den Schläfen tauchte wieder auf und wurde durch das unaufhörliche hämmernde Geräusch noch verstärkt.

Das Zimmer selbst aber wackelte nicht. Also konnte es auch kein Erdbeben sein. Nun, da er sich darauf konzentrierte, wurde ihm klar, dass offensichtlich jemand an seine Schlafzimmertür klopfte.

„Verflucht noch mal!“, rief er und stand auf. „Es ist mitten in der Nacht.“

„Verzeihung, Mylord, es ist tatsächlich schon beinahe Mittag“, erwiderte Makepeace mit ruhiger, aber fester Stimme von der anderen Seite der Tür.

„Zum Teufel“, murmelte Hayden. Er fand seine Hose inmitten der zerknitterten Laken und schlüpfte mürrisch hinein. Auf der Suche nach seinem Hemd fiel sein Blick auf die Uhr auf dem Kaminsims, und er stellte fest, dass Makepeace recht hatte. Es war kurz vor zwölf. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, ging zur Tür und riss sie auf.

„Ist jemand gestorben, oder warum veranstalten Sie solch einen Radau?“, fragte er.

Makepeace zuckte kaum mit der Wimper; die Miene in seinem runden, pausbäckigen Gesicht war so ernst wie immer. Schon seit vielen Jahren stand er im Dienst von Haydens Familie. Man hatte ihn zum Butler befördert, als Hayden etwa zwölf Jahre alt gewesen war, lange vor dem Tod von Haydens Eltern. Makepeace hatte schon so viel im Haushalt der Fitzwalters erlebt, dass ihn nichts mehr erschüttern konnte. „Meines Wissens ist niemand vom Tod ereilt worden, Mylord“, antwortete er. „Dieser Brief ist eben eingetroffen.“

Er streckte ihm ein Silbertablett entgegen. Hayden starrte ungläubig auf den kleinen Umschlag, der darauf lag.

„Ein Brief? Und deswegen wecken Sie mich? Legen Sie ihn mit der restlichen Post auf den Frühstückstisch. Ich lese ihn später.“

Hayden wollte die Tür schon wieder zuschlagen, aber Makepeace stellte schnell den Fuß dazwischen. „Ich bin mir sicher, dass Sie diesen Brief umgehend lesen werden wollen, Mylord. Er kommt aus Barton Park.“

Hayden traute seinen Ohren nicht. Vielleicht befand er sich ja mitten in einem bizarren Cognactraum, denn normalerweise erhielt er keine Briefe aus Barton Park. „Was haben Sie gesagt?“

„Sehen Sie sich den Absender an, Mylord“, erklärte Makepeace. „Es ist die Adresse von Barton Park, weshalb ich dachte, dass Sie sicher gleich darüber informiert werden wollen.“

Mit einem Mal brachte Hayden keinen Ton mehr heraus. Wortlos nickend nahm er das Schreiben vom Tablett. Dann schloss er die Tür und musterte es nachdenklich. Der schneeweiße Umschlag strahlte hell in dem düsteren Zimmer, wie eine seltene exotische Schlange, die darauf wartete, ihn in den Finger zu beißen.

Der Absender lautete tatsächlich „JF, Barton Park“. Und die schwungvolle, ordentliche Handschrift war ihm wohlvertraut. Jane hatte ihm zum letzten Mal vor drei Jahren geschrieben. Damals hatte sie ihm in kurzen Worten mitgeteilt, dass sie gut in Barton Park angekommen sei und bis auf Weiteres dort bleibe. Er schickte ihr monatlich einen Scheck, doch bislang hatte sie keinen davon eingelöst und sich auch nie bei ihm gemeldet. Nur durch die regelmäßigen Berichte seiner Detektive wusste er, dass sie noch lebte und wohlauf war.

Welchen Grund also konnte seine von ihm getrennt lebende Gemahlin haben, ihm zu schreiben? Und warum zum Henker noch mal verspürte er plötzlich einen Funken Hoffnung? Für ihn gab es keine Hoffnung mehr. Jedenfalls nicht auf eine gemeinsame Zukunft mit Jane. Er hatte sie nicht verdient.

Unvermittelt lichtete sich der Alkoholnebel, und all seine Sinne schärften sich. Die vergangenen drei Jahre verblassten, und ein Bild von Jane tauchte vor seinem inneren Auge auf. Ihr dunkles Haar, das im Licht schimmerte, wenn sie lachend neben ihm im Bett ihres von Sonne durchfluteten Zimmers lag. Die leichte Röte, die ihre Wangen färbte, wenn er sie neckte. Die Leidenschaft und Zärtlichkeit in ihrem Blick, wenn er ihr seine Liebe bewies.

All diese Gefühle der Leidenschaft und Wärme waren jedoch erkaltet und zu Eis erstarrt, als sie sich von ihm abgewandt und ihn verlassen hatte.

Und jetzt schrieb sie ihm wieder.

Langsam ging Hayden zum Kamin und legte den Brief auf den Sims neben die Uhr. Dann trat er zum Fenster und zog den Vorhang auf. Jane hatte ihn an einem kalten, regnerischen Frühlingstag verlassen, die Saison war damals in vollem Gange gewesen. Inzwischen waren mehrere Sommer und Winter vergangen, und ein neuer Sommer nahte. Eine Zeit der Wärme und des Lichts und langer Tage voller Müßiggang.

Was hatte Jane in all der Zeit getrieben? Er hatte diesen Gedanken in diesen drei langen Jahren beharrlich verdrängt, und die Erinnerungen an sie bei Kartenspielen und im Alkohol ertränkt, denn wenn er nicht schlief, konnte er auch nicht von ihr träumen. Ohne ihn war sie besser dran, dessen war er sich sicher. Sie hatten viel zu jung geheiratet, waren viel zu naiv gewesen. Inzwischen war es ihm gelungen, sie fast völlig aus seinem Kopf zu verbannen.

Fast.

Hayden öffnete das Fenster. Zum ersten Mal seit mehreren Tagen strömte eine frische, laue Brise in den muffigen Raum – ein Vorbote des bevorstehenden Sommers. Und eine Mahnung, dass sein Leben nicht länger so weitergehen konnte, mit einer endlosen Aneinanderreihung von Gesellschaften und durchzechten Nächten, die in seinem Gedächtnis zu einem undefinierbaren Nebel verschwammen. Doch er kannte es nicht anders; das Leben seiner Eltern war ganz genauso verlaufen. Dennoch hatte er einst geglaubt, er könne einen anderen Weg einschlagen. Diese Wunschvorstellung hatte sich indes als bittere Illusion herausgestellt.

Hayden wandte sich vom Fenster ab und drehte sich zum Spiegel. Fast hätte er sich selbst nicht erkannt. Das schwarze Haar war zerzaust und fiel ihm tief in die Stirn. Er benötigte dringend einen Haarschnitt. Abgenommen hatte er auch; die Kniehose hing locker über seinen schmalen Hüften. Unter seinen Augen lagen dunkle Schatten.

„Jane würde dich gar nicht wieder erkennen, du nichtsnutziger Bastard“, sagte er laut zu sich selbst und stieß ein verbittertes Lachen aus. Er holte das erstbeste Hemd aus dem Schrank, zog es an und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Am liebsten hätte er sich mit seinem Lieblingsgetränk für Janes Brief gestärkt, doch es befand sich kein Cognac in Reichweite.

Und es drängte ihn, den Brief zu lesen.

Hayden nahm ihn vom Sims und brach das Siegel.

„Hayden“, begann er. Kein „Lieber“ oder „Geliebter“. Direkt auf den Punkt.

Es ist schon eine Weile her, dass ich Dir geschrieben habe, und es tut mir leid, dass ich mich so selten bei Dir melde. Hier gibt es jedoch viel zu tun. Wie Du Dich vielleicht erinnerst, wurde Barton Park lange Zeit sehr vernachlässigt, und ich habe mich darum gekümmert, es wieder wohnlich zu machen, was den Großteil meiner Zeit in Anspruch nimmt. Inzwischen ist es jedoch wieder recht gemütlich hier geworden, wie ich finde, und Emma hat die Schule verlassen, um bei mir zu leben. Wir kommen gut miteinander zurecht. Ich hoffe, Dir geht es auch gut.

Ich schreibe Dir aus einem bestimmten Grund. Wir leben schon sehr lange getrennt voneinander, und ich bin der Ansicht, dass diese Situation auf Dauer unhaltbar ist. Du bist ein Earl und brauchst einen Erben, das weiß ich sehr wohl. Mir ist auch bewusst, dass eine Scheidung schwierig und teuer werden wird, aber Du bist ein einflussreicher Mann und hast zahlreiche mächtige Freunde. Wenn Du eine Scheidung in die Wege leiten möchtest, werde ich mich nicht dagegen sperren. Ich führe hier ein friedliches Leben, gänzlich unberührt von Skandalen.

Ich möchte Deiner Zukunft nicht länger im Weg stehen. Und ich vertraue darauf, dass Du, angesichts dessen, was uns einst verbunden hat, auch der meinen nicht im Weg stehen willst.

Grüße

Jane

Fassungslos starrte Hayden auf das Papier. Eine Scheidung? Jane schrieb ihm nach all der Zeit, um ihn um eine Scheidung zu bitten? Er zerknüllte den Brief und warf ihn in den leeren Kamin. Wut loderte in ihm auf, ein heißer Zorn, den er nicht begriff. Was hatte er denn erwartet? Hatte er etwa geglaubt, dass sie für ewig in dieser seltsamen Schwebe verharren würden, verheiratet und doch irgendwie nicht?

Wenn er ehrlich war, musste er sich eingestehen, dass er nicht über ihre Zukunft hatte nachdenken wollen. Nun war er dazu gezwungen. Jane hatte recht. Auch wenn er nicht gern an seine Pflichten dachte, er brauchte einen Erben. Mit Janes Fehlgeburten waren nicht nur ihre Kinder gestorben, sondern auch die Hoffnung auf eine Familie und eine glückliche Ehe. Sie hatte dasselbe Schicksal durchleiden müssen wie seine Mutter, doch zumindest war ihr der Tod erspart geblieben. Jane hatte überlebt, weil sie ihn klugerweise verlassen hatte. Und er stimmte ihr auch darin zu, dass sie dieser Situation ein Ende bereiten mussten.

Zwischen den Zeilen las er jedoch eine weitere Botschaft heraus, etwas, dass sie mit ihren höflichen, sorgfältig formulierten Worten nicht offen aussprach. Er war sich nicht sicher, was sie ihm verschwieg, nur dass sie nicht ganz offen zu ihm war, und es gewiss einen triftigen Grund gab, warum sie ihm ausgerechnet jetzt schrieb.

Ich führe ein friedliches Leben, gänzlich unberührt von Skandalen …

Wie friedlich war ihr Leben in Barton Park tatsächlich? Er wusste nicht, wie sie all die Jahre der Trennung verbracht hatte. Niemand seiner Bekannten und Freunde hatte sie je zu Gesicht bekommen, und nachdem das Interesse der Klatschzungen an ihrer Trennung nachgelassen hatte, erwähnte sie auch niemand mehr. Man behandelte ihn wieder wie einen Junggesellen, als hätte es Jane nie gegeben.

Unvermittelt wurde ihm klar, dass er sie unbedingt wiedersehen musste. Er musste ihre wahren Beweggründe herausfinden, feststellen, was in Barton Park vor sich ging. Sie hatte ihn verlassen, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen. Er würde nicht zulassen, dass sie es sich weiterhin so leicht machte.

Gleich, was sie auch denken mochte, Jane war immer noch seine Gemahlin. Es war an der Zeit, sie an diese Tatsache zu erinnern. Zeit, dass sie sich beide daran erinnerten.

Hayden ging zur Tür und öffnete sie. „Makepeace!“, rief er.

„Mylord?“, kam die Antwort gedämpft von der Treppe. Makepeace hatte Haydens seltsame Angewohnheit, durchs Haus zu brüllen, von jeher missbilligt.

„Lassen Sie mein Pferd satteln. Ich reite aufs Land.“

2. KAPITEL

Wer ist das?“

Haydens bester Freund, Lord John Eastwood, warf ihm einen fragenden Blick zu. Der Tag war lang und langweilig gewesen. Sie standen im royalen Salon und beobachteten, wie die diesjährigen Debütantinnen ihre Knickse vor der Königin vollführten. Johns Schwester Susan war eine der jungen Damen, und man hatte John zu ihrer Begleitung verpflichtet. John wiederum hatte Haydens moralische Unterstützung mit der Behauptung eingefordert, die tödliche Langeweile dieser Veranstaltung nur gemeinsam mit seinem Freund überstehen zu können.

Nur John zuliebe ertrug Hayden diese steife Gesellschaft und das auch nur nach einem großen Schluck Portwein. Seit ihrer Schulzeit waren sie schon befreundet; sie hatten denselben Sinn für Humor und teilten dieselbe Vorliebe für ausschweifende Vergnügungen. Johns Familie hatte Hayden in den Schulferien immer gern aufgenommen, wenn seine Eltern zu beschäftigt gewesen waren, um sich um ihn zu kümmern.

Dennoch bereute er es, dass er sich zu diesem Empfang hatte überreden lassen. Der prächtige Saal war überhitzt und randvoll mit jungen Damen in aufwendigen, unbequem wirkenden Satin- und Spitzenroben und mit zu viel Federschmuck auf dem Kopf. Ganz zu schweigen von ihren scharfäugigen Müttern, die auf der Jagd nach einer guten Partie für das Töchterlein waren und ihn keine Minute aus den Augen ließen. Einen frischgebackenen Earl wie Hayden betrachteten sie als Freiwild, und er hätte sich am liebsten schleunigst aus dem Staub gemacht.

Bis er sie entdeckt hatte.

Sie stand, ebenso aufgetakelt wie die anderen, inmitten der Schar weiß gekleideter Mädchen. In ihrem dunklen Haar thronte ein üppiger Kopfschmuck aus weißen Federn, der ihre zierliche Gestalt aus dem Gleichgewicht zu bringen drohte. Still und wachsam beobachtete sie ihre Umgebung. Sie verhielt sich völlig unauffällig, dennoch stach sie aus der Menge heraus und zog seine Aufmerksamkeit auf sich, als wäre plötzlich in der Dunkelheit das Licht einer Kerze aufgeflackert.

Dabei war sie noch nicht einmal besonders hübsch, jedenfalls nicht in dem Sinne wie die Blonde-Schäferinnen-Schönheiten in ihrer Gesellschaft. Sie war zu schlank, zu bleich, mit braunem Haar und spitzem Kinn und erinnerte ihn an eine Waldfee. Ihr lächerliches Kleid trug sie mit eleganter, anmutiger Würde zur Schau, und auf ihren rosigen Lippen lag ein Lächeln, als ob sie insgeheim etwas Lustiges sähe, das allen anderen entging.

Hayden wünschte sich inständig, sie würde ihm verraten, worüber sie schmunzelte. Niemals hatte jemandes Anblick ihn derart gefangen genommen. Er musste herausfinden, wer sie war.

„Wer ist das?“, fragte er erneut.

Sein eindringlicher Ton sorgte dafür, dass John sich ihm endlich zuwandte. „Wer ist wer?“, fragte er und unterbrach den Blickkontakt mit seinem derzeitigen Schwarm, einer gewissen Lady Eleanor Saunders.

„Das Mädchen dort drüben, im weißen Kleid mit der Silberspitze“, erklärte Hayden ungeduldig.

„Ich sehe ungefähr fünfzig Mädchen in weißen Kleidern.“

„Na, die kleine Brünette natürlich.“ Hayden deutete auf sie und stellte fest, dass sie zu ihm herübersah. Ihr Lächeln war verschwunden, und sie wirkte erschrocken. Ihre Augen hatten einen außergewöhnlichen goldbraunen Ton und schlugen ihn zunehmend in ihren Bann.

„Ach, das. Das ist Miss Jane Bancroft, die Nichte von Lady Kenton.“

„Du bist mit ihr bekannt?“ Wieso war John mit ihr bekannt und er nicht?

„Sie war letzte Woche bei Susan zum Tee eingeladen. Offensichtlich haben die beiden sich im Park kennengelernt und sich angefreundet.“ John musterte Hayden prüfend. „Warum? Möchtest du sie kennenlernen?“

„Ja“, antwortete Hayden schlicht. Er konnte den Blick nicht von ihr lösen, während er versuchte, das Rätsel zu entschlüsseln, warum er sich so unwiderstehlich zu ihr hingezogen fühlte.

„Erstaunlich. Sie ist doch gar nicht dein Typ“, sagte John verwundert.

„Mein Typ?“

„Na, du weißt schon. Aufregend schön und schillernd wie Lady Marlbury. Gewöhnlich würdigst du die Debütantinnen keines zweiten Blickes.“

Obwohl sie mehrere Wochen lang seine Mätresse gewesen war, konnte sich Hayden im Moment nicht einmal mehr an Lady Marlbury erinnern. Seine Gedanken waren ganz erfüllt von Miss Bancroft, die ihn anlächelte und dann rasch mit roten Wangen verlegen den Blick senkte.

„Stell mich einfach vor“, sagte er.

„Wenn du unbedingt willst“, entgegnete John. „Aber sei vorsichtig. Frauen wie sie können Männern wie dir gefährlich werden, das weißt du.“

Hayden fiel darauf keine passende Erwiderung ein. Und überhaupt – wann war er schon jemals vorsichtig gewesen? Ganz gewiss würde er jetzt nicht mit der Vorsicht anfangen, da ihn so viele, völlig neue und aufregende Gefühle durchströmten. Zielstrebig durchquerte er den überfüllten Raum, worauf John nichts anderes übrig blieb, als sich ihm an die Fersen zu heften.

Miss Bancroft sah auf, als Hayden sich ihr näherte. Sie wirkte gefasst, aber er bemerkte, wie sich ihre behandschuhte Hand fester um den Fächer schloss, und sah, wie sich ihr Dekolleté hob, als ob sie scharf den Atem einsog. Er war ihr also auch nicht gleichgültig. Welcher seltsame Zauber ihn auch plötzlich überkommen haben mochte, sie empfand offenbar Ähnliches.

„Miss Bancroft“, grüßte John und verbeugte sich. „Es freut mich, Sie wiederzusehen.“

„Danke, gleichfalls, Mylord“, antwortete sie mit melodischer, leiser Stimme, in der ein Hauch Humor mitschwang. „Sie nehmen Ihre brüderlichen Pflichten wohl sehr ernst, wenn Sie sich Ihrer Schwester zuliebe auf einen Debütantinnenball wagen.“

John lachte. „Darf ich Ihnen meinen Freund Hayden Fitzwalter Earl of Ramsay vorstellen? Er hat ausdrücklich darum gebeten, Ihre Bekanntschaft zu machen. Hayden, ich möchte dir Miss Jane Bancroft vorstellen.“

„Guten Tag“, murmelte sie, knickste und streckte die Hand aus.

Ihre Finger zitterten leicht, als Hayden sie ergriff, und die Röte ihrer Wangen vertiefte sich. Jane, Jane.

Und in diesem Moment verlor er sein Herz …

Semper Vigilare.

Immer achtsam.

Jane musste lachen, als sie einen Strang Efeu von der Gartenbank entfernte und die Inschrift sichtbar wurde. Die Buchstaben waren im Laufe der Zeit verblasst und von Moos und Schmutz überzogen, aber immer noch lesbar. Sie war sich sicher, dass ihre Vorfahren nicht geahnt hatten, welch traurige Ironie diese Worte für ihre Familie bargen.

Sorgfältig wischte sie sich Erde und Laub von den behandschuhten Händen. Ihre Schultern und Knie schmerzten, doch es machte ihr nichts aus, denn so mühsam die Arbeit auch war, sie hielt sie vom Grübeln ab. Und Arbeit gab es viel in Barton Park.

Sie streckte sich und ließ den Blick zum Haus wandern. Es war schon seit Jahrhunderten im Besitz der Familie. Einer Legende zufolge war es ein Geschenk von Charles II gewesen, als Dank dafür, dass einer ihrer Vorfahren – Jane kannte seinen Namen nicht – eine der vielen abgelegten Mätressen des Königs geheiratet hatte. Die Ehe war trotz allem glücklich gewesen, und das Paar hatte Barton Park zum Zentrum rauschender Gesellschaften und allerlei Ausschweifungen gemacht.

Hayden hätte es damals hier gefallen, dachte Jane oft. Hätte sie der ersten Herrin von Barton Park nur ein wenig mehr geähnelt, wäre wohl auch ihre Ehe glücklich verlaufen. Die Nachfahren der Bancrofts zogen indes einen ruhigeren Lebensstil vor. Außerdem mangelte es ihnen am Geschick ihrer Ahnen, sich königliche Gunst und Geschenke zu sichern. Ihr Vermögen schwand zusehends, und als Janes Vater den Besitz erbte, war von dem einstigen Reichtum kaum mehr als das Haus übrig, das ob der jahrelangen Vernachlässigung bereits still und leise verfiel.

Allerdings rankten sich allerlei Mythen um einen versteckten Schatz, der sich auf dem Anwesen befinden sollte. Angeblich war einer der vielen illustren, lasterhaften Gäste der ersten Besitzer von Barton Park ein Straßenräuber gewesen und hatte seine Beute irgendwo im Garten vergraben. Janes Vater war mit fortschreitender Krankheit von der Geschichte völlig besessen gewesen. Immer wieder hatte er Jane davon erzählt und sie sogar an verschiedenen Stellen graben lassen.

Nach seinem Tod hatte ihre Mutter jedoch ganz andere Geschichten erzählt. Vorwurfsvoll und verbittert hatte sie beklagt, wie unsicher die Stellung einer Frau in der Welt doch sei, und ihrer Tochter eingebläut, dass es einzig darauf ankomme, den richtigen Mann – einen reichen Mann – zu finden. Jane mochte nicht recht glauben, dass sie recht gehabt haben könnte. Geld und gesellschaftliche Stellung brachten natürlich ein gewisses Maß an Sicherheit mit sich, und nachdem es in ihrer Kindheit und Jugend an diesem Maß gemangelt hatte, hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht. Aber Geld konnte doch wahrlich nicht alles bedeuten. Sie hatte gehofft, dass auch sie eines Tages eine glückliche Familie haben würde. Dass es ihr gelang, trotz des schlechten Vorbilds, das ihre Eltern abgegeben hatten, eine gute Gattin und Mutter zu werden.

Nach dem Tod ihrer Mutter waren Jane und ihre Schwester in die Obhut ihrer Tante gekommen, die beschlossen hatte, Jane in die Londoner Gesellschaft einzuführen und Emma ins Internat zu schicken.

Beides hatte den Schwestern nicht zum Vorteil gereicht. Jane hatte festgestellt, dass sie ihrem träumerischen Vater mehr ähnelte als gedacht. Sie hatte geglaubt, durch die Ehe mit Hayden würde ein Märchen für sie wahr werden, und schließlich festgestellt, dass sie bloß eine Illusion liebte, einen Mann, der außer in ihren Träumen nie existiert hatte. Sie hatte nicht gewusst, wie sie sich in seiner Welt benehmen sollte, wie sie ihren Platz darin finden konnte, und er war ihr keine große Hilfe gewesen. Sie waren so jung gewesen, so töricht, weil sie angenommen hatten, dass ihre Leidenschaft im Schlafzimmer für ein gemeinsames Leben ausreiche.

Es war ein Fehler gewesen, dass ihr Vater an Märchen geglaubt hatte, aber auch ihre Mutter hatte sich getäuscht. Eine Frau brauchte mehr als nur einen reichen Gatten, um glücklich zu werden.

Jane warf die Handschuhe in den Eimer mit dem Unkraut und musterte das Haus genauer. Barton Park war nicht groß, aber einst war es hübsch gewesen, aus rotem Backstein mit einem weißen Säuleneingang und einem schönen Garten, in dem sich ein Heckenlabyrinth und ein kleiner Sommerpavillon befanden. Inzwischen bröckelte das Mauerwerk, einige der Fenster waren gesprungen, und der Garten war verwildert. Zum Labyrinth war sie bisher noch gar nicht vorgedrungen.

Jane gab ihr Bestes. Sie und Emma bestritten ihren Unterhalt von dem kleinen Vermächtnis ihrer Mutter, auf das Hayden vermutlich Anspruch erheben könnte, wenn er wollte. Da das Erbe aber so gering war, fand er dies wohl nicht der Mühe wert. Von ihrem Einkommen konnten sie sich zwar Lebensmittel, eine Köchin, ein Dienstmädchen und Heizmaterial leisten, aber keine Kutsche oder Gärtner, ganz zu schweigen von prächtigen Gesellschaften, aber die war Jane ohnehin leid. Zwar hätte sie die Schecks einlösen können, die Hayden ihr regelmäßig schickte, doch sie brachte es einfach nicht über sich, Geld von ihm anzunehmen.

Seufzend strich sich Jane eine Locke aus der Stirn und schob sie unter ihr Kopftuch. Emma war inzwischen sechzehn Jahre alt. Nicht mehr lang und sie musste in die Londoner Gesellschaft eingeführt werden, obwohl Jane noch nicht wusste, wie sie das nötige Geld dafür zusammenkratzen sollte und ob sie den Klatsch und Tratsch des ton ertragen konnte.

Im Augenblick interessierte sich Emma jedoch nicht im Geringsten für die Londoner Ballsaison. Sie war ein eigenbrötlerisches Mädchen, das sich lieber in seinen Büchern über Botanik vergrub oder in den Wäldern Pflanzen sammelte. Gerne brachte sie von ihren Spaziergängen auch Tiere wie Hasen oder Igel mit. Ihr gefiel das ruhige Landleben ebenso sehr wie Jane. Sie genossen den Frieden. Aber Jane wusste, dass es so nicht ewig weitergehen konnte.

Deshalb hatte sie sich auch dazu gezwungen, Hayden nach all den Jahren zu schreiben. Es hatte Tage gebraucht, bis sie sich dazu überwinden konnte, den Brief abzufassen, und es vergingen einige weitere Tage, ehe sie genügend Mut aufbrachte, um ihn abzuschicken. Und dann … keine Reaktion.

Die Tage verstrichen, ohne dass eine Antwort von ihrem Gatten eintraf.

Ihrem Gatten. Jane presste die Hand auf den Bauch, um den Schmerz zu unterdrücken, den die Erinnerung an ihn stets in ihr hervorrief. Vor ihrem inneren Auge tauchte unvermittelt das Bild auf, wie er schlafend auf der Treppe lag, so schön wie ein gefallener Engel. Wie schrecklich hatten sie einander doch enttäuscht.

Sie versuchte, jeglichen Gedanken an ihn zu verdrängen, nicht an die Zeit nach ihrer Hochzeit zu denken, als sie noch so blauäugig und voller Zuversicht gewesen war. So bezaubert von Hayden und dem, was er ihr schenkte. Allzu bald hatte sich herausgestellt, dass sie nicht einmal die wichtigste Pflicht einer Countess erfüllen konnte. Sie versuchte, nicht an ihre verlorenen Babys zu denken und auch nicht daran, dass ihr der Verlust aufgezeigt hatte, wie hohl und leer doch ihr Leben war.

Tagsüber fiel es ihr leicht, ihr früheres Leben zu vergessen. Es gab immer etwas zu tun, sei es Gartenarbeit oder Buchführung oder der Besuch bei Freunden in der Nachbarschaft zum Tee oder Kartenspiel. Doch in der Nacht war alles anders.

Die Stille und Dunkelheit ließen die Vergangenheit unerbittlich wiederaufleben. Dann kamen ihr wieder die Erinnerungen an ihre Ehe in den Sinn – der guten und der schlechten Tage. Wie sie gemeinsam gelacht hatten, wie sie sich fühlte, wenn er sie küsste und liebkoste. Wie die Momente der Zärtlichkeit ihr die Einsamkeit nahmen, obwohl das letztendlich nur ein Wunschtraum gewesen war. In den schlaflosen Stunden fragte sie sich, was er tat, wie es ihm ging, und beweinte ihren Verlust, obwohl ihr klar war, dass sie etwas betrauerte, das es außer in ihrer Fantasie nie gegeben hatte.

Ja, außer in den Nächten war das Leben hier ganz erträglich. Allerdings machte sie sich nicht nur um Emmas Zukunft Sorgen, sondern auch um ihre eigene. Und auch um die von Hayden, obwohl ihr Gatte stets in der Gegenwart zu leben und sich nicht darum zu scheren schien, was der nächste Tag für ihn bereithielt. Aber er war ein Earl und brauchte einen Erben. Und dafür musste er frei sein, so kompliziert und teuer eine Scheidung auch zu bewerkstelligen sein würde. Sie musste ihn freigeben.

Und auch sie wollte frei sein.

Jane schob die Gedanken an Hayden und den unbeantworteten Brief zur Seite. Sie hatte keine Zeit, sich länger damit zu beschäftigen, denn sie erwartete Gäste zum Tee. Den Eimer in der Hand ging sie den überwucherten Weg entlang zum Haus zurück.

Sie war gerade dabei, den Eimer vor dem Hintereingang abzustellen, als die Tür aufflog und Emma herausstürmte, auf dem einen Arm einen zappelnden Welpen und über dem anderen einen schmutzigen Leinensack, den sie zum Pflanzensammeln benutzte. Ihr goldblondes Haar war zu einem unordentlichen Zopf geflochten, und sie trug eine alte Schürze über dem verblassten blauen Musselinkleid.

Obwohl sie so derangiert wirkte, konnte man erkennen, dass sich Emma zu einer wahren Schönheit entwickeln würde, goldblond, mit hellem Teint und schönen smaragdgrünen Augen wie die ihrer Mutter. Emmas aufblühende Schönheit bot weiteren Anlass zur Sorge, aber Jane wusste, dass sie ihre Schwester nicht ewig auf dem Land verstecken konnte, gleich wie glücklich sie sich auch in Barton Park fühlte.

„Wohin willst du denn so eilig?“, fragte Jane.

„Ich habe gestern eine Pflanze am Straßenrand entdeckt und keine Zeit gehabt, sie näher zu untersuchen“, sagte Emma. „Ich wollte mir etwas davon abschneiden, bevor sie platt getrampelt wird.“

„Es sieht nach Regen aus“, stellte Jane fest. „Und gleich kommen Gäste zum Tee.“

„Ach ja? Wer denn? Schon wieder der Vikar?“, fragte Emma wenig begeistert. Sie setzte Murray, den Welpen, ab, und nahm ihn an die Leine.

„Nein, Sir David Marton und seine Schwester Louisa. Du erinnerst dich doch sicher noch an sie von der Gesellschaft im vergangenen Monat?“ Das letzte gesellschaftliche Ereignis, an dem sie teilgenommen hatten – Tanz und lauwarmer Punsch im Gemeindehaus. Emma erinnerte sich ganz sicher daran, denn sie hatte dagegen protestiert, in eines von Janes abgeänderten Londoner Kleidern gesteckt zu werden. Jeder Mann zwischen fünfzehn und fünfzig hatte ihr schöne Augen gemacht. Sir David hatte sogar einmal mit ihr getanzt und sich den restlichen Abend mit Jane unterhalten.

„Dieser alte, stocksteife, muffelige Langweiler?“ Emma lachte spöttisch. „Will er uns etwa eine Predigt halten?“

„Emma!“, tadelte Jane. „Sir David ist keineswegs alt, noch nicht einmal dreißig. Und ganz sicher ist er nicht jemand, der Predigten hält. Er und seine Schwester sind sympathische Menschen.“

„Er mag ja ganz nett sein, aber trotzdem bleibt er ein steifer, muffeliger Langweiler. Als er mit mir tanzte, hat er endlos von irgendeinem Philosophen mit düsteren Vorstellungen gefaselt. Über Botanik wusste er gar nichts, und seine Schwester scheint sich nur für Hüte erwärmen zu können.“

„Dennoch sind es nette Menschen und außerdem unsere nächsten Nachbarn“, sagte Jane und verkniff sich ein Lachen. „Bitte sorge dafür, dass du bei ihrem Eintreffen anwesend und ordentlich gekleidet bist, und nicht vom Regen durchweicht.“

„Ich bleibe nicht lange, Jane, das verspreche ich dir“, entgegnete Emma. „Ich werde geschniegelt und gestriegelt im Salon sitzen, wenn sie kommen, und höflich mit ihnen bei Tee und Kuchen über Philosophen schwatzen.“

Jane lachte, als Emma ihr die Wange küsste und davonlief. Murray sprang ihr kläffend um die Füße. „In einer halben Stunde bist du zurück, Emma. Keine Minute später.“

„Eine halbe Stunde. Versprochen!“

Nachdem Emma verschwunden war, begab sich Jane in die Küche, wo die Köchin bereits den Tee vorbereitete, den sie sich aus Sparsamkeit nur selten gönnten. Dazu gab es Sandwiches und Zitronenkuchen. Zufrieden ging Jane hinauf in ihr Zimmer, denn auch sie musste sich zurechtmachen, wie sie nach einem Blick in den Spiegel feststellte. Sie sah aus wie eine Spülmagd. Aus rätselhaften Gründen war es ihr wichtig, dass sie einen guten Eindruck auf Sir David und seine Schwester machte.

Sie zog sich das Tuch vom Haar und löste die Schürze, während ihre Gedanken zu ihren letzten Begegnungen mit Sir David schweiften. Er war ein attraktiver Mann mit sandbraunem Haar und von stillem, zuvorkommendem Wesen. Die unaufdringliche Intelligenz, die er ausstrahlte, empfand Jane nach allem, was in ihrem Leben geschehen war, als beruhigend.

Sie genoss die Unterhaltung mit ihm, und auch er schien Gefallen an ihrer Gesellschaft zu finden. Als sie seine Aufforderung zum Tanz abgelehnt hatte, hatte er sie nicht weiter bedrängt, war aber freundlich genug gewesen, Emma aufzufordern und ihr während des Tanzes zuzuhören, als sie von ihren Pflanzen erzählte.

Daher war es Jane auch ganz selbstverständlich erschienen, ihn und seine Schwester zum Tee einzuladen, als sie sich im Dorf über den Weg gelaufen waren, so, wie es sich für höfliche Nachbarn gehört. Mehr konnte ohnehin nicht zwischen ihnen sein. Sie war eine verheiratete Frau, auch wenn sie ihren Gatten seit Jahren nicht gesehen hatte. Dennoch konnte sie nicht leugnen, dass Sir Davids Lächeln und seine Aufmerksamkeit ihr das gaben, was sie lange Zeit vermisst hatte. Sie fühlte sich … bewundert.

Schon lange vor ihrer Abreise aus London hatte sie begonnen, sich unsichtbar zu fühlen. Die einzige Person, deren Aufmerksamkeit und Bewunderung ihr wichtig gewesen wären – ihr Gatte – hatte sie nicht mehr wahrgenommen, und all das Geschwätz in den Klatschspalten über ihre Roben und Frisuren war ihr egal gewesen. Hayden war sie gleichgültig geworden, und das allein zählte. Nachdem sie in ihrer wichtigsten Pflicht versagt hatte und ihrem Gatten keinen Erben schenken konnte, war sie sich selbst immer mehr wie ein Gespenst vorgekommen.

Das Gefühl der Unsichtbarkeit war in Barton Park jeden Tag ein wenig mehr geschwunden. Sie hatte die Sonne auf der Haut gespürt, dem Gezwitscher der Vögel gelauscht. Den verwilderten Garten interessierte es nicht, wie sie aussah, und Emma erst recht nicht. Jane war zufrieden, weshalb es sie nun auch überraschte, wie sehr sie Sir Davids unaufdringliche Aufmerksamkeit genoss.

Sie beugte sich zum Spiegel, um ihr Gesicht in Augenschein zu nehmen.

„In London würde man dich nicht wiedererkennen“, sagte sie lachend zu sich selbst. Und tatsächlich hatte sie keine Ähnlichkeit mehr mit der gut gekleideten Lady Ramsay. Ihr Haar war vom Wind zerzaust, und auf ihrer Nase tanzten blassgoldene Sommersprossen. Sie griff nach der Bürste und machte sich an die Arbeit.

Plötzlich kam sie sich vor wie ein aufgeregtes Schulmädchen, so sehr freute sie sich auf den Tee.

3. KAPITEL

Ramsay? Lieber Himmel, Sie sind es tatsächlich. Was treibt Sie denn in diese gottverlassene Gegend?“

Genau dieselbe Frage hatte sich Hayden auch soeben gestellt. Warum saß er hier in diesem Landgasthof, trank abgestandenes, warmes Ale und lief einer Frau hinterher, die ihn eindeutig nicht in ihrem Leben haben wollte, während in London eine Nacht voller Vergnügungen in den Ballsälen und Spielclubs auf ihn wartete?

Er war soeben zu dem Schluss gekommen, dass eine Nacht mit Spiel und Zecherei keinen Reiz mehr für ihn barg, als man ihn angesprochen hatte – eine willkommene Ablenkung von seinen Grübeleien.

Als er sich nach der Stimme umdrehte, sah er Lord Ethan Carstairs auf sich zukommen. Zwar waren sie nicht miteinander befreundet, aber sie verkehrten in denselben Kreisen, gehörten demselben Club an und begegneten sich oft an den Spieltischen. Lord Ethan war ein ziemlich lärmender Mensch, der meist mehr trank, als ihm guttat, aber gewöhnlich war seine Gesellschaft einigermaßen erträglich. Und in Momenten wie diesen war Hayden über jegliche Zerstreuung froh.

„Carstairs“, grüßte er. „So ein Zufall. Ich hätte nicht gedacht, Sie hier zu treffen. Darf ich Sie zu einem Ale einladen?“

„Da sag ich nicht Nein“, antwortete Carstairs erfreut und gesellte sich zu Hayden an die Theke. Nach seinen geröteten Wangen, dem zerzausten Haar und dem derangierten Zustand seiner teuren Kleidung zu urteilen, war es nicht das erste Glas, das er an diesem Tag trank. „Mein verfluchter Onkel hat mich dazu gezwungen, mich eine Weile aufs Land zurückzuziehen. Er hat mir die Mittel gekürzt, weil ich seiner Meinung nach auf zu großem Fuß lebe, und droht damit, sie mir ganz zu streichen, wenn ich nicht lerne, mich einzuschränken. Deshalb bin ich im Augenblick knapp bei Kasse.“

„Tatsächlich?“, fragte Hayden ohne großes Interesse und bedeutete dem Wirt, einen weiteren Krug Bier zu bringen. Es war allgemein bekannt, dass Carstairs’ puritanischer Onkel, der über das Familienvermögen bestimmte, das zügellose Leben seines Neffen missbilligte. Ein Anflug von Mitgefühl überkam Hayden. Auch sein Vater war die Missbilligung in Person gewesen.

Und nun saß er hier und ertränkte seinen Kummer in Alkohol. Genau wie sein Vater früher. Darüber wollte er ganz bestimmt nicht nachdenken.

„Sehr ungerecht“, brummte Carstairs. Er nahm einen großen Schluck, zog eine goldene spanische Münze aus der Tasche und ließ sie über die Finger gleiten. Hayden erkannte die Münze von den langen Nächten in den Spielsalons wieder. Carstairs hatte behauptet, sie sei sein Glücksbringer. „Ich bin auf dem Weg zu seinem Landsitz, um dort auf ihn zu warten. Aber was machen Sie hier am Ende der Welt?“

Hayden zuckte die Schultern. Er konnte genauso gut die Wahrheit erzählen. Die feine Gesellschaft würde ohnehin früh genug davon erfahren, wenn er entweder mit Jane an seiner Seite nach London zurückkehrte oder skandalöserweise Schritte für eine Scheidung einleitete. „Ich bin auf dem Weg nach Barton Park zu Lady Ramsay.“

„Na so was“, platzte Carstairs heraus. „Ich hatte ganz vergessen, dass Sie verheiratet sind.“

„Die Gesundheit meiner Gemahlin ist angegriffen, daher zieht sie das Landleben vor“, erklärte Hayden wie immer, wenn ihn jemand nach Jane fragte. Kaum einer fragte genauer nach.

„Verstehe. Ich weiß noch, es hieß, sie sei ein hübsches kleines Ding.“ Carstairs musterte ihn aufmerksam, und für einen Augenblick wich der Alkoholschleier aus seinen blutunterlaufenen Augen. „Barton Park, sagen Sie?“

„Das Haus ihrer Familie.“

„Ich glaube, davon habe ich gehört. Es geht das Gerücht, dort sei ein Schatz vergraben.“ Carstairs lachte. „Dann werden wir wohl, wie es aussieht, beide eine Weile auf dem Land verrotten. Verfluchte Familie.“

Verfluchte Familie. Hayden hätte fast bitter aufgelacht und nahm einen weiteren Schluck des grässlich schmeckenden Biers. Er wusste ja nicht einmal, wie es sich anfühlte, eine Familie zu haben. Im Moment jedenfalls nicht. Er lebte schon so lange allein, dass er sich kein anderes Leben mehr vorstellen konnte. Vermutlich war es auch das Beste so, denn nur so konnte er vermeiden, andere zu verletzen.

Einst hatte er darauf gehofft, eine richtige Familie zu haben. Plötzlich erschien ihm das Bild eines sonnendurchfluteten Tages vor seinem inneren Auge. Jane sah lächelnd zu ihm auf, das dunkle Haar fiel ihr offen über die Schultern. Sie ergriff seine Hand und legte sie auf ihren gewölbten Bauch, in dem ihr Kind heranwuchs. Das erste Kind, das sie verloren hatten.

Er wusste inzwischen, dass dieser Moment der perfekteste in seinem ganzen Leben gewesen war. Die Erinnerung daran war alles, was ihm geblieben war. Jane wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. So leicht kam sie ihm jedoch nicht davon. Das würde sie schon bald erfahren.

„Ich muss mich auf den Weg machen“, sagte Hayden und schob das halb volle Glas von sich. „Viel Glück mit dem Landleben, Carstairs.“

Carstairs zwinkerte ihm zu. „Ihnen auch, Ramsay. Vielleicht sehen wir uns ja bald wieder.“

Hayden nickte, obwohl er mit ziemlicher Sicherheit wusste, dass dies nicht der Fall sein würde. Er verließ den stickigen Gastraum und wartete im Hof auf sein Pferd.

Als der Stallbursche es ihm brachte, meinte er: „Sieht nach Regen aus, Mylord. Vielleicht sollten Sie besser noch eine Weile hierbleiben.“

Hayden blickte zum Himmel. Er war strahlend blau gewesen, als er den Gasthof erreicht hatte, doch inzwischen türmten sich graue Wolken auf, und der Wind hatte aufgefrischt.

Der Gedanke, in den Gastraum zurückzukehren und einen weiteren Krug Bier mit Ethan Carstairs zu leeren, erschien Hayden jedoch wenig reizvoll. Er hatte bereits viel zu lange damit gewartet, Jane zur Rede zu stellen, er musste es endlich tun.

„Ich hab es nicht weit“, sagte er und schwang sich in den Sattel.

Er war noch nicht lange unterwegs, als Donner über ihm krachte, und der Himmel seine Schleusen öffnete.

Hayden war jedoch dankbar für den kühlen Regen; er schien ihn vorwärtszutreiben und verschaffte ihm einen klaren Kopf. Im Galopp preschte er über die schmale, unebene Straße, genoss die Geschwindigkeit und die raue Natur. In London fühlte er sich oft wie in einer Falle; gefangen von Lärm, Gebäuden und den vielen Leuten, die ihn beobachteten.

Hier gab es nichts als Bäume und Wind und das Grollen des Donners. Vielleicht hat sich Jane genau aus diesem Grund hierher geflüchtet, dachte er und ließ das Pferd über einen umgestürzten Baumstamm springen. Um wieder atmen zu können. Er feuerte das Pferd an, versuchte, die Wut hinter sich zu lassen, die in ihm brannte, seit er Janes Brief gelesen hatte. Selbst wenn sie ihr Londoner Leben leid gewesen war, sie hatte Pflichten, verdammt. Pflichten als seine Gemahlin und als Countess. Ohne jegliche Rücksicht darauf hatte sie ihn verlassen. Und nun wollte sie ihre Pflichten – und ihn – endgültig loswerden.

Er musste ihr unbedingt klarmachen, dass eine Scheidung unmöglich infrage kam.

Ein Blitz durchschnitt den Himmel und schlug ein paar Meter weiter in einen Baum. Mit ohrenbetäubendem Krachen brach ein dicker Ast ab und fiel auf die Straße. Haydens Pferd bäumte sich vor Schreck auf, wobei Hayden die nassen Zügel entglitten.

Er spürte, wie er aus dem Sattel stürzte; Himmel, Regen und Schlamm verwischten, und er konnte nicht mehr sagen, wo oben oder unten war. Dann kam er hart auf dem Boden auf, und ein heftiger Schmerz zuckte ihm durch sein rechtes Bein.

Hayden fluchte laut, doch das Grollen des Donners übertönte ihn. Das Pferd setzte die Vorderbeine wieder auf den Boden und preschte die Straße hinunter. Hayden versuchte, sich aufzurichten, doch es gelang ihm nicht, und er sank zurück in den Schlamm.

Er strich sich die nassen Haare aus der Stirn, blickte zum grauen Himmel hinauf und lachte grimmig. Wie es schien, wollte sogar die Natur ihn von Jane fernhalten.

„Haben Sie sich verletzt?“, hörte er eine weibliche Stimme rufen. Er drehte sich um und sah schemenhaft, wie eine junge Frau durch den Regenschleier auf ihn zurannte.

Irgendwie kam ihm die Frau bekannt vor. Sie war nicht sehr groß und viel zu schmal. Die goldblonden Haare trug sie zu einem Zopf geflochten, der ihr über die Schulter fiel, und ihr ausgebleichtes Kleid war vom Regen durchnässt. Ein kläffender Welpe sprang um sie herum. Irgendwie wurde er das nagende Gefühl nicht los, dass er sie kennen müsste, aber er wusste nicht, woher.

Ungeachtet des Schlamms kniete sie sich neben ihn und blickte ihn aus grünen Augen an. Da wurde ihm plötzlich klar, wer die junge Frau war. Janes Schwester. Er hatte sie zuletzt bei seiner Hochzeit getroffen. Natürlich war sie damals noch jünger gewesen, schlaksig und linkisch. Doch inzwischen schien sie erwachsen geworden zu sein.

Unvermittelt erinnerte er sich wieder, dass Jane ihm geschrieben hatte, ihre Schwester lebe bei ihr. Barton Park musste also ganz in der Nähe sein.

„Emma?“, fragte er.

Sie hockte sich auf die Fersen und musterte ihn argwöhnisch. „Ja, ich bin Emma Bancroft. Woher wissen Sie …?“ Scharf atmete sie ein. „Ramsay? Was zum Teufel machst du hier?“

„Erlaubt dir deine Schwester etwa, derart zu fluchen? Sehr undamenhaft“, erwiderte er und wurde sich plötzlich seiner absurden Situation bewusst. Er saß im Regen auf einer schlammigen Landstraße und stritt sich mit seiner Schwägerin, die er kaum kannte, über Sittsamkeit.

Er lachte auf, worauf sie die Stirn runzelte. Der Ausdruck in ihrem Gesicht verriet, dass sie an seinem Verstand zweifelte. Und er fühlte sich auch so, als hätte er den Verstand verloren.

„Natürlich nicht“, sagte Emma. „Aber sie ist ja nicht hier, und die Situation rechtfertigt eindeutig einen Fluch oder zwei. Was tust du hier? Solltest du nicht in London sein?“

„Da war ich, aber jetzt bin ich auf dem Weg nach Barton Park. Zumindest war ich das, bis mich dieses vermaledeite Pferd abgeworfen hat.“

Emma sah über die Schulter und entdeckte das Pferd in einiger Entfernung auf der Straße. „Bist du verletzt?“

„Ja, das Bein. Ich kann nicht aufstehen.“

Ihr misstrauisches Stirnrunzeln wich einer sorgenvollen Miene. Wie ihre Schwester war sie viel zu weichherzig. „Oh nein, ich helfe dir.“

„Ich bin viel zu schwer für dich.“

„Unfug. Ich bin stärker, als ich aussehe.“ Sie legte ihm einen Arm um die Taille, sodass er sich beim Aufstehen auf sie stützen konnte. Sie war tatsächlich ziemlich stark, und mit ihrer Hilfe schaffte er es auch, unter die vor dem Regen Schutz gewährende Krone eines Baumes zu hinken.

„Bleib hier, Ramsay, ich hole dein Pferd“, sagte sie. „Du musst raus aus dem Regen, und dein Bein muss untersucht werden.“

Sie entfernte sich und ließ ihren Hund zurück, der inzwischen mit dem Kläffen aufgehört hatte und ihn nun an ihrer Stelle misstrauisch beobachtete. Kurz darauf kam Emma mit dem Pferd zurück.

„Nach Barton Park ist es nicht weit“, erklärte sie. „Ich kann dich dort hinbringen, wenn du so weit reiten kannst.“

„Natürlich kann ich das, es ist nicht weiter schlimm“, meinte er, obwohl sein Bein höllisch brannte und er ein paar Blutflecken auf seiner durchnässten Hose entdeckt hatte.

„Gut. Du wirst deine Kraft brauchen, wenn Jane dich sieht. Sie weiß nicht, dass du kommen wolltest, oder?“, stellte Emma nüchtern fest, als ob sie jeden Tag auf entfremdete Verwandte traf.

Hayden biss die Zähne zusammen und zog sich in den Sattel. Der Schmerz überflutete ihn wie eine kalte Woge. „Noch nicht.“

Zu seiner Überraschung lachte Emma. „Oh, dieser Tag wird immer interessanter.“

Emma versuchte, ihren Schwager nicht wie eine Schwachsinnige anzustarren, sondern ihn ruhig nach Barton Park zu führen, während Murray neben ihnen herlief. Aber sie konnte nicht anders. Es war kaum zu fassen, dass Lord Ramsay tatsächlich nach Barton Park gekommen und sie mitten auf der Straße über ihn gestolpert war.

Warum wollte er Jane besuchen? Das konnte nichts Gutes bedeuten. Soweit Emma wusste, hatte Jane seit Jahren nicht mehr mit ihm geredet. Sie sprach ja nicht einmal über ihn, daher hatte Emma auch keine Ahnung, was in London vorgefallen war.

Doch sie hatte eine lebhafte Fantasie und stellte sich alle möglichen Szenarien vor, die ihre sanftmütige, verantwortungsbewusste Schwester dazu getrieben haben könnten, ihren Gatten zu verlassen. In Emmas Vorstellung war Ramsay zu einer Art Monster mutiert, weshalb ihr erster Gedanke auch gewesen war, ihn auf der Straße liegen zu lassen und schleunigst davonzulaufen. Besonders nach dem Vorfall im Internat mit ihrem grässlichen Musiklehrer Mr Milne. Ihm war es gelungen, ihr für alle Zeit Furcht vor Männern einzuflößen.

Und doch … Sie erinnerte sich noch gut an den Tag der Hochzeit und daran, wie zärtlich Ramsay Janes Hand gehalten hatte. Er hatte Jane angeschaut, als ob sich die ganze Welt um sie drehen würde. Und Jane hatte an diesem Tag gestrahlt, als ob ein inneres Licht in ihr leuchtete. Emma hatte ihre Schwester nie zuvor so glücklich gesehen.

Was war schiefgelaufen? Warum kam Ramsay nach so langer Zeit nach Barton Park? Emma platzte fast vor Neugier, aber sie sagte gelassen: „Wir sind gleich da. Da vorn ist das Tor.“

„Danke, Emma“, meinte er durch zusammengebissene Zähne. Sie sah ihn an und bemerkte, dass er reichlich blass wirkte. Vermutlich hatte er größere Schmerzen, als er zugeben wollte. Typisch Mann.

„Wenn wir hier links abbiegen, können wir das Haus schon sehen.“ Sie deutete vage in die linke Richtung.

„Danke, Emma“, sagte er abermals. „Also, was machst du hier draußen im Regen?“

„Als ich aufgebrochen bin, hat es noch nicht geregnet“, erwiderte sie. „Und wenn du es unbedingt wissen musst; ich habe gesammelt.“

„Gesammelt?“

„Pflanzen. Für meine Studien.“ Sie hatte tatsächlich ein paar Pflanzen abgeschnitten. Von ihren anderen Erledigungen musste er nichts wissen. Niemand durfte erfahren, dass sie nach dem Schatz von Barton Park suchte. Noch nicht.

Emma presste den Sack, indem sich das kleine Tagebuch befand, fester an sich. Sie hatte es im vergangenen Monat in der Bibliothek gefunden. Auf der Suche nach alten Plänen vom Garten hatte sie die Regale durchforstet, doch das Tagebuch war noch besser. Es hatte der jungen Cousine der ersten Herrin von Barton Park gehört.

Offenbar war sie eine arme Verwandte gewesen, die man nach Barton Park geschickt hatte, um höfische Manieren zu lernen. Emma kannte ihren Namen nicht, aber sie hatte über eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe verfügt und die Menschen und Gesellschaften von damals äußerst detailreich geschildert. Inzwischen war es sehr still in Barton Park geworden, und das Haus verfiel allmählich, doch einst war es voller Leben und Skandale gewesen.

Die Tagebuchschreiberin hatte sich in einen der lasterhaften Gäste verliebt – in jenen Mann, der angeblich auch den Schatz gestohlen und irgendwo im Garten vergraben haben sollte. Aus diesem Grund durchstöberte Emma die vergilbten Seiten immer wieder nach versteckten Hinweisen.

Wenn sie den Schatz fand, hätten ihre Sorgen ein Ende. Jane müsste nicht mehr so hart arbeiten und der verkniffene, besorgte Ausdruck in ihrem Gesicht würde verschwinden. Aber Emma wollte nicht, dass ihre Schwester erfuhr, was sie tat. Sie wollte nicht mit ihrem Vater verglichen werden, der sich so hoffnungslos in seine Träume verrannt hatte, dass er seine Familie im Stich ließ. Daher machte sie sich heimlich auf die Suche, jedoch ohne Erfolg bisher.

Auch den Vorfall mit Mr Milne hatte Emma ihrer Schwester verschwiegen. Der blieb ihren Albträumen vorbehalten. Mit den Männern war sie fertig.

„Dort ist das Haus“, sagte sie, froh, dass der Regenschleier verbarg, wie schäbig es war. Wenn sie nur Zeit gehabt hätte, Jane Bescheid zu sagen. Womöglich hatte der Überraschungseffekt aber auch etwas für sich.

Ramsay glitt langsam aus dem Sattel, einen angespannten Ausdruck im attraktiven, markanten Gesicht.

Emma lief die Stufen hinauf und stürmte durch die Tür. Murray kam ihr zuvor und verteilte bellend schlammige Pfotenabdrücke auf dem Parkett.

„Jane, Jane!“, rief sie, ohne Rücksicht auf Anstand und Sitten. Ihr blieben nur Sekunden, um ihre Schwester vorzuwarnen.

Mit verwunderter Miene kam Jane aus dem Salon. Sie trug inzwischen ihr bestes Tageskleid, eine hellgrüne Musselinrobe mit hohem Rüschenkragen. Ihr braunes Haar war sorgfältig hochgesteckt und mit einem grünen Band geschmückt. Einen Moment lang fragte sich Emma, warum sich ihre Schwester so herausgeputzt hatte.

Dann erschienen Sir David und seine alberne Schwester hinter ihr in der Tür, und Emma erinnerte sich wieder. Sie hatten Gäste, die Jane aus irgendeinem rätselhaften Grund beeindrucken wollte.

„Emma, warum schreist du denn so, um Himmels willen?“, fragte Jane, während Sir David sie missbilligend musterte und seine Schwester in ihr Taschentuch kicherte.

„Er ist hier!“, verkündete Emma. Sie konnte sich jetzt keine Gedanken über die Martons machen, nicht, wenn Ramsay ihr so dicht auf den Fersen war.

„Wer ist hier?“, fragte Jane. „Emma, Liebes, geht es dir nicht gut?“

In diesem Moment trat Ramsay durch die Tür. In seinen Augen flackerte kurz ein seltsam glühendes Funkeln auf, doch gleich darauf war seine Miene wie versteinert und völlig ausdruckslos.

„Hallo, Jane“, sagte er. „Es ist lange her, zu lange. Du siehst wie immer bezaubernd aus.“

Emma drehte sich zu Jane um. Das Gesicht ihrer Schwester war aschfahl geworden, und Emma befürchtete schon, sie würde in Ohnmacht fallen. Doch als Emma sie stützen wollte, winkte Jane ab.

„Oh verflixt noch mal“, flüsterte sie. „Ausgerechnet jetzt …“

„Du kannst es noch nicht spüren“, sagte Jane lachend. „Es ist noch viel zu früh.“

Hayden legte sich neben sie in das sonnenbeschienene Bett und presste das Ohr auf die leichte Wölbung ihres Bauches. Es war früh, der Doktor hatte eben erst bestätigt, dass Jane guter Hoffnung war. Doch seine Frau schien bereits aufzublühen. Sie war nicht mehr so schmal, und ihre Wangen hatten eine rosige Farbe bekommen. Seit vier Monaten waren sie verheiratet, und nun war ein Kind unterwegs. Ihr erstes Kind.

Sie lachte wieder, als er vorsichtig ihren Bauch streichelte. Ihre Haut war so warm, so weich und sie so süß und lebendig. „Ich zerbreche schon nicht, Hayden. Der Doktor sagt, ich bin kerngesund.“

Hayden konnte es nur hoffen. Er wusste nicht, was er in seinem verfluchten Leben getan hatte, um eine Frau wie Jane zu verdienen, aber er wollte sie nicht verlieren. Sein Herz schmerzte allein beim Gedanken an die Möglichkeit, dass er nie wieder ihr Lachen hören und ihre stille, beruhigende Gesellschaft genießen könnte. Dass sie von einem Moment auf den anderen nicht mehr da sein würde.

So wie seine Mutter.

Jane spürte seine Furcht. Sanft strich sie ihm über die Haare. „Alles wird gut, Hayden. Ich bin mir sicher. Und in ein paar Monaten haben wir einen kleinen Lord oder eine kleine Lady. Eine neue Familie. So, wie wir es uns in den Flitterwochen ausgemalt haben.“

Ihre Flitterwochen – diese perfekten Tage und Nächte, nur sie beide auf dem Land. Zurück in London hatte Jane ein wenig verloren gewirkt, so viele Augen ruhten auf der neuen Countess, aber nun wirkte sie zufrieden. Bald würden sie eine Familie sein. Und vielleicht würden sie ein anderes Leben führen, als er es von seinen Eltern kannte. Er konnte dafür sorgen, dass ihr Leben in anderen Bahnen verlief.

Doch ein winziger Funken der altbekannten Angst blieb …

4. KAPITEL

Möchtest du mich deinen Gästen nicht vorstellen?“

Hayden. Hayden war hier, in ihrem Haus. Eben noch hatte sie höflich Konversation betrieben, während sie den Tee ausschenkte und sich fragte, wo Emma wohl stecken mochte, und in der nächsten Sekunde sah sie sich ihrem Gatten gegenüber. Nach all den Jahren. Fassungslos starrte sie ihn an; sie war wie gelähmt. Leibhaftig vor ihr stehend, erschien er ihr noch attraktiver als in ihren Träumen. Das schwarze, nasse Haar schmiegte sich an seine Wangen und klebte ihm an der Stirn, wodurch seine aristokratisch kantigen Gesichtszüge noch markanter wirkten.

Unbewegt erwiderte er ihren Blick aus den klaren himmelblauen Augen, in die sie sich einst verliebt hatte. Einen Augenblick lang fühlte sie sich in die Vergangenheit zurückversetzt. Mit einem Mal kam sie sich wieder vor wie das romantische Mädchen von früher, voller Hoffnung und bis über beide Ohren verliebt. Damals war sie sich sicher gewesen, dass sich ihre Gefühle in seinen Augen widerspiegelten und sie mit ihm endlich alles gefunden hatte, was sie sich im Leben ersehnte. Und nun war er zu ihr gekommen!

Sie war schon fast versucht, einen Schritt auf ihn zuzumachen und die Hand nach ihm auszustrecken, als sich plötzlich ein Lächeln auf seinem Gesicht abzeichnete. Es war jedoch kein herzliches Lächeln, sondern wirkte verbittert und distanziert, ja geradezu aufgesetzt. Ein Lächeln, das Jane daran erinnerte, was aus ihren romantischen Träumen und ihrem Gatten geworden war – ein Mann, den sie nicht mehr kannte, vielleicht nie wirklich gekannt hatte. Während er sein turbulentes Leben in London führte, hatte sie auf dem Land versucht, wieder zu sich selbst zu finden. Hayden war ihr im buchstäblichen Sinne ein Fremder geworden.

Sie ließ die Hand sinken, und der Nebel ihrer Träume, der eben noch die Wahrheit verschleiert hatte, lichtete sich. Einen Augenblick lang hatte Jane nur Hayden gesehen, doch nun stand sie wieder mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen. Die Wirklichkeit hatte sie eingeholt, und sie nahm nun ihre Umgebung nur allzu deutlich wahr. Den Regen, der prasselnd an die Fenster schlug; Emma, die sie mit besorgter Miene beobachtete. Und die Martons neben ihr, die bedauerlicherweise Zeuge dieses bizarren, unerwarteten Wiedersehens geworden waren.

Hayden hielt sich an dem alten, wackeligen Konsoltisch fest. Seine elegante, maßgeschneiderte Hose war zerrissen, und regenfeuchte Blutflecken tränkten den Stoff.

Janes Kehle schnürte sich zu, als ihr bewusst wurde, dass er Schmerzen haben musste. „Was ist passiert?“, fragte sie mit brüchiger Stimme.

Emma antwortete ihr. „Ich habe ihn auf der Straße gefunden. Sein Pferd hat ihn abgeworfen, und sein Bein ist verletzt.“

„Abgeworfen?“, fragte Jane ungläubig, weil sie sich das überhaupt nicht vorstellen konnte. Hayden gehörte zu den besten Reitern, die sie kannte. Trotz ihrer Zweifel war sie jedoch besorgt um ihn.

„Ein Blitz hat das Pferd erschreckt“, erklärte er bemerkenswert ruhig für einen völlig durchnässten und verletzten Mann, der unangemeldet ins Haus seiner von ihm getrennt lebenden Frau hineingeschneit war. „Ich bedaure, wenn ich ungelegen komme.“

„Ich … nein, du kommst nicht ungelegen“, brachte Jane erstickt hervor. „Ich habe unsere Nachbarn zum Tee eingeladen. Darf ich vorstellen – Sir David Marton und seine Schwester Miss Louisa Marton. Lord Ramsay, mein … Gatte.“

„Ihr Gatte?“, rief Miss Louisa. „Wie aufregend. Wir hatten nicht erwartet, Sie anzutreffen, Mylord.“

„Nein, vermutlich nicht“, murmelte Hayden. „Guten Tag.“

Miss Louisa kicherte, Sir David hingegen schwieg. Jane spürte, dass sein Blick auf ihr ruhte, aber darum konnte sie sich im Augenblick keine Gedanken machen. Sie musste sich um Hayden kümmern. Sie ging zu ihm und ergriff seinen Arm.

Einen Augenblick glaubte sie schon, er würde ihre Hand abschütteln, so steif machte er sich unter ihrer Berührung. Dann aber stützte er sich auf sie.

Aus der Nähe konnte sie erkennen, wie mühsam er sich aufrecht hielt, sah die dunklen Schatten unter seinen Augen. Er erschien ihr sehr viel schmaler als bei ihrer letzten Begegnung, doch sein Duft war immer noch der Gleiche – dieser saubere, frische Geruch nach Sonne, Zitrone und Mann, der sie einst dazu gebracht hatte, sich voller Sehnsucht an ihn zu schmiegen. Leicht roch er auch nach Ale, doch der Cognacgeruch von früher war verschwunden.

„Wir müssen dich nach oben bringen und den Doktor holen“, stellte Jane ruhig fest. Offensichtlich litt er größere Schmerzen, als er zugeben wollte.

Autor

Amanda Mc Cabe
Amanda McCabe schrieb ihren ersten romantischen Roman – ein gewaltiges Epos, in den Hauptrollen ihre Freunde – im Alter von sechzehn Jahren heimlich in den Mathematikstunden. Seitdem hatte sie mit Algebra nicht mehr viel am Hut, aber ihre Werke waren nominiert für zahlreiche Auszeichnungen unter anderem den RITA Award. Mit...
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Bronwyn Scott
Bronwyn Scott ist der Künstlername von Nikki Poppen. Sie lebt an der Pazifikküste im Nordwesten der USA, wo sie Kommunikationstrainerin an einem kleinen College ist. Sie spielt gern Klavier und verbringt viel Zeit mit ihren drei Kindern. Kochen und waschen gehören absolut nicht zu ihren Leidenschaften, darum überlässt sie den...
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