Historical Saison Band 82

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Bronwyn Scott
Riskantes Geschäft mit dem Viscount

Sein neuer Geschäftspartner ist eine Frau? Conall Everard, Viscount Taunton, ist schockiert, doch gleichzeitig fasziniert ihn die willensstarke Sofia. Zu ihr fühlt er sich unwiderstehlich hingezogen. Und als sie seine Hilfe braucht, entschließt sich Conall spontan, ihr ein riskantes Geschäft anzubieten …


Bronwyn Scott
Schicksalhafte Nacht mit dem Major

Eine Nacht voller Leidenschaft ist genau das, was Major Cam Lithgow braucht, um seine Sorgen und Pflichten zu vergessen. Die süße Tänzerin aus dem Pub kommt ihm da sehr gelegen. Doch als er ihr auf dem nächsten Ball wieder begegnet, muss er feststellen, dass diese eine Nacht weitreichende Konsequenzen hat!


  • Erscheinungstag 22.06.2021
  • Bandnummer 82
  • ISBN / Artikelnummer 8090210082
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Bronwyn Scott

HISTORICAL SAISON BAND 82

1. KAPITEL

London – Mai 1854

Am besten kann man das Wesen eines Menschen nach seinem Handeln in ganz alltäglichen Situationen beurteilen, dachte Conall Everard. In diesem Fall war es das Versäumnis, ihm einen Drink anzubieten. Allein aufgrund dieser Tatsache wusste er, dass er eine Ablehnung erhalten würde. Er hatte gelernt einzuschätzen, was kleine Gesten bedeuteten – oder warum sie nicht erfolgten.

Obwohl er erst seit anderthalb Minuten im Arbeitszimmer des Duke of Cowden saß, ahnte er bereits einen ungünstigen Verlauf des Gesprächs. An diesem Nachmittag hatte der Duke ihm Platz auf einem mit marokkanischem Leder bezogenen Stuhl angeboten, der eher stilvoll als komfortabel war. Sofort hatte Conall gewusst, was ihm das klarmachen sollte: Seien Sie froh, dass ich Ihnen überhaupt eine Audienz gewähre. Längere Unterhaltungen fanden nicht am Schreibtisch statt, sondern in bequemen Sesseln. Also rechnete er mit ziemlich schlechten Resultaten.

Als ein viel beschäftigter Mann musste der Duke seine Zeit gut einteilen. Um die buhlte ein Großteil der guten Londoner Gesellschaft, wann immer ein Griff in seine vollen Taschen oder ein weiser Ratschlag erhofft wurde. Diese Audienz verdankte Conall nur der Freundschaft seines Vaters mit dem Hausherrn, keineswegs dessen Wunsch, Geschäfte mit dem Sohn des Verstorbenen zu machen. Es sei denn …

Es sei denn, ich kann ihn überzeugen … Mochte der Duke sich auch gegen das Ansuchen entschieden haben – Conall hatte schon härtere Herzen gewonnen, meistens weibliche, wobei es jedoch um andere Interessen gegangen war. Jedenfalls vertraute er seiner Überredungskunst. Zudem hatte er den Titel des Viscount Taunton geerbt, was seinem Status eine neue Autorität verlieh.

Lächelnd beugte er sich zu dem Mann vor, der ihm am Schreibtisch gegenübersaß. „Vielen Dank, dass Sie mir Ihre Zeit opfern, Eure Gnaden. Seien Sie versichert, die Alpakas sind tatsächlich lukrativ. Die Wolle dieser kleinen Lama-Art ist wasserabweisend, hält länger warm als unsere Schafwolle und …“

Mit einer müden Geste unterbrach ihn der Duke. „Ich habe deinen Bericht gelesen, Taunton.“

„Die Alpakas können in England gezüchtet werden“, betonte Conall. Entschlossen ignorierte er den Schmerz in seiner Brust, der immer noch entstand, wenn er mit diesem Namen angesprochen und an den Tod des geliebten Vaters erinnert wurde.

Seit jenem schweren Schicksalsschlag war ein Jahr vergangen. Allmählich begann er sich davon zu erholen. Dabei half ihm, dass er mit dem Titel Verantwortung geerbt hatte – für die Familie und die Menschen, die von ihm abhängig waren und erwarteten, er würde dem Landgut zu neuer Blüte verhelfen. Deshalb musste er bei diesem Gespräch sein Ziel erreichen. „Eure Gnaden, bedenken Sie bitte, was ein direkter Zugang zu der edlen Wolle bedeuten würde. Dadurch ersparen wir uns die Kosten und Komplikationen des Imports.“

„Das weiß ich.“ Cowden schien die Geduld zu verlieren. „Natürlich hat das Aufsichtsgremium den Bericht gelesen, alle zweiundsiebzig Seiten.“

Das Gremium bestand aus dem Prometheus Club, einer Gruppe steinreicher Aristokraten mit einem speziellen Spürsinn für lukrative Investitionen. Ein einziges Wort dieser Gentlemen konnte einem Unternehmer fabelhafte Gewinne einbringen oder ihn vernichten.

Gewiss wäre ein Wort erfreulich, solange es das richtige ist, dachte Conall. Aber es würde ihm nicht genügen, weil er Geld brauchte. Und zwar sofort, denn seine Alpakas waren bereits eingetroffen, rechtzeitig vor der Sommerschur. Dafür hatte er alle seine verfügbaren Vermögenswerte flüssiggemacht. Nun würde er sein Projekt nur verwirklichen können, wenn er eine Spinnerei kaufte.

Und so fuhr er eindringlich fort, ohne die Warnsignale zu beachten, die der Duke aussandte. „Dann wissen Sie, wie profitabel es wäre, wenn die Alpakas auf unserem Land leben und unsere Spinnereien die Wolle verarbeiten.“

Die ergrauten Brauen hochgezogen, spähte Cowden zu der langen Reihe von bodentiefen Fenstern. Zweifellos malte er sich zottige kleine Lamas aus, die auf seinem gepflegten Rasen herumtrampelten.

Sobald Conall seinen Fehler erkannte, verbesserte er sich hastig. „Nur symbolisch ausgedrückt, Eure Gnaden … Derzeit beherrschen die Amerikaner den Baumwollmarkt, und wir müssen ihre Preise zahlen, um unsere Spinner- und Webereien mit der nötigen Ware zu versorgen. Aber so wird es wohl nicht mehr lange weitergehen. In ein paar Jahren wird die Sklaverei die Staaten zerreißen. Sollte es einen Bürgerkrieg geben, werden die Exporte lahmliegen. Und woher nehmen wir dann unsere Wolle? Wenn wir Alpakas haben, können wir einen Großteil unseres Bedarfs aus eigener Kraft decken.“

„Nun, wir haben schottische Schafe“, erwiderte Cowden unbeeindruckt. „Und in einigen unseren Kolonien wird Baumwolle angebaut. Deshalb werden wir den Zusammenbruch des amerikanischen Marktes überstehen.“

„Trotzdem sollten wir viel mehr tun, Eure Gnaden“, konterte Conall, „und die einzigartige Qualität der Alpakawolle nutzen.“ Verstand der Duke denn nicht, welchen fantastischen Profit diese Ware verhieß? Ganz verrückt würden die Damen nach den schönen weichen Tüchern, Schals und Decken sein. Allein schon als Luxusartikel würde die Wolle einen gewissen Markt beherrschen.

Cowden warf ihm einen warnenden Blick zu, der das Ende des Gesprächs bekundete. „Selbstverständlich weiß ich zu schätzen, dass du dich zuerst an meinen Club und mich gewandt hast, Taunton. Aber bei der Abstimmung hat sich die Mehrheit gegen eine Investition in dein Unternehmen gewandt.“

Also eine unwiderrufliche Niederlage? Nur mühsam verbarg Conall seine bittere Enttäuschung. Jetzt gab es niemanden mehr, an den er herantreten könnte. Die Banken und Geldverleiher hatten ihn bereits abgewiesen, weil die Verschiffung der Alpakas von Peru nach England zu riskant wäre und die Tiere die Reisestrapazen womöglich nicht überleben würden. Und so hatte er die einzige Hoffnung, die ihm noch geblieben war, in den Prometheus Club gesetzt. Eine andere Investorengruppe, die ihn wegen der Kontakte zu seinem verstorbenen Vater anhören würde, gab es nicht.

Nun war diese Hoffnung infolge einer Mehrheit bei der Abstimmung zunichtegemacht … Bei diesem Wort unterbrach er seinen Gedankengang. Eine Mehrheit. Kein einstimmiger Beschluss. Plötzlich witterte Conall wieder Morgenluft. Zumindest sah er einen schwachen Silberstreif am Horizont.

„Tut mir leid, dass ich dir keinen besseren Bescheid geben kann, Taunton.“ Der Duke war ein harter Geschäftsmann, aber nicht unfreundlich, und Conall kannte ihn, seit er denken konnte. Zusammen mit den drei Söhnen Seiner Gnaden war er aufgewachsen.

Nun glaubte Cowden gewiss, der Sohn des alten Freundes würde die Niederlage akzeptieren. Da irrte er sich. Conall lächelte. Noch war es nicht vorbei. Nun begann die Phase, in der er seinen Vorteil nutzen musste. Geduldig wartete er, bis der Duke eine zweifellos angemessene Sympathie bekunden würde.

„Soviel ich weiß, hat der Tod deines Vaters einige Probleme offenbart, Taunton. Hätte ich früher davon gewusst …“ Der Duke hob die Arme, eine weit ausholende, aber hilflose Geste.

Probleme? Eine gewaltige Untertreibung, dachte Conall. Sogar seinen nächsten Verwandten hatte der Vater den gigantischen Schuldenberg verheimlicht.

„Ich weiß Ihre Anteilnahme zu schätzen, Eure Gnaden. Und … Vielleicht möchten Sie doch noch etwas für mich tun. Wie Sie vorhin erwähnt haben, wurde die Entscheidung gegen mich nicht einstimmig getroffen. Darf ich nach den Namen der Mitglieder fragen, die an einer Investition interessiert wären? Eventuell würden sie mich privat unterstützen, außerhalb des Clubs.“ Drei oder vier Geldgeber würden genügen. Angesichts der Möglichkeiten die sich bieten könnten, spürte Conall seine beschleunigten Herzschläge. „Auch mit Ihnen würde ich natürlich eine private Geschäftsverbindung begrüßen.“ Ein kühner Vorschlag, da Cowden sein eigenes Votum nicht verraten hatte …

Seufzend legte der Duke die Fingerspitzen aneinander. In seinen Augen las Conall ein gewisses Mitleid und sah seine Hoffnungen erneut schwinden.

„Für ein solches Abenteuer bin ich zu alt, Taunton. Ich will nur mehr meine Profite genießen und den Club für mich arbeiten lassen, nachdem ich ihn jahrelang geleitet hatte. Jetzt möchte ich mich meinen Söhnen und Enkelkindern widmen, solange ich noch die Kraft habe, mich meines Familienlebens zu erfreuen.“

Wieder einmal verbarg Conall seine Enttäuschung und zwang sich zu dem erwarteten Lächeln.

Für diese umfangreiche Familie brauchte der Duke tatsächlich seine ganze Kraft. Vor sieben Jahren hatte der älteste Sohn Frederick geheiratet. Seither hatte seine Frau vier Söhne zur Welt gebracht. Demnächst würde der Zweitgeborene Ferris vor den Traualtar treten und gewiss bald ebenso eifrig für Nachwuchs sorgen. Die Cowden-Männer kannten ihre Pflichten. Abgesehen von Fortis, dem Jüngsten. Trotz seines jugendlichen Ungestüms hatte Fortis eine brillante militärische Karriere und zudem eine erstklassige Partie gemacht, seine Gattin aber seit den Flitterwochen vor sechs Jahren nicht mehr gesehen.

Conall räusperte sich. „Das verstehe ich, Eure Gnaden. Aber … die anderen Clubmitglieder, die für meine Alpakas gestimmt haben?“ Auf ungebührliche Weise bedrängte er den Duke, das wusste er. Doch er musste sich an jede noch so geringfügige Chance klammern.

„Da gab es nur eine Ausnahme, Taunton.“

Ah … Offenbar hat Cowden die Bezeichnung Mehrheit nur gebraucht, um meine Gefühle zu schonen.

Der Duke holte tief Atem und schien mit sich zu kämpfen. „Ob ich dir einen Gefallen tue, wenn ich den Namen nenne … Da bin ich mir nicht sicher, denn es handelt sich um kein gewöhnliches Clubmitglied. Ich hatte Bedenken, als die … eher geheimnisvolle Person aufgenommen wurde“, gestand er und warf ihm einen scharfen Blick zu. „Glaub mir, Taunton, ich will dich nur mit den besten Investoren zusammenbringen – und nicht verantworten, dass du einen Fehlschlag erleidest.“

Großer Gott, erst verweigert er mir einen Drink, nun einen Namen! Das ist wahrlich nicht mein Glückstag. „Ein Fehlschlag droht mir bereits“, verkündete Conall unumwunden.

Bestenfalls konnte er das Landgut noch eine gewisse Zeit betreiben, bevor die Familie in Armut versinken würde. Nächstes Jahr musste er die Debüt-Saison seiner Schwester Cecilia finanzieren, danach – hoffentlich – ihre Mitgift, im folgenden Jahr das Studium seines Bruders Freddie, außerdem eine schier endlose Liste von Instandsetzungsarbeiten auf dem Landsitz … Ohne den bewussten Namen würde er dieses Zimmer nicht verlassen.

„Erlauben Sie mir, die Qualitäten des Investors selbst zu beurteilen, Eure Gnaden“, verlangte er, obwohl Cowdens Warnung ihn etwas unbehaglich stimmte. Andererseits würde der Prometheus Club seine strengen Maßstäbe nicht leichtfertig lockern. Also musste jenes mysteriöse Mitglied über einen Status verfügen, der die Gentlemen bewog, etwaige Extravaganzen zu dulden.

„Nicht nur deinetwegen habe ich gezögert.“ Der Duke ergriff ein Notizblatt und einen Federhalter. Nachdem er vier Wörter geschrieben hatte, schob er den Zettel über den Schreibtisch hinweg.

Verwirrt las Conall den Namen. La Marchesa di Cremona. „Eine Frau?“ Und eine Ausländerin. Kein Wunder, dass Cowden gezögert hatte, die Identität dieser eventuellen Investorin zu enthüllen … „Ich dachte, der Prometheus Club würde nur Gentlemen aufnehmen.“

„So ist es. Die Dame wickelt ihre Geschäfte unter dem Namen Phillip Barnham ab.“

„Und Sie hüten ihr Geheimnis?“

„Nun … bisher hat sie ein etwas fragwürdiges Leben geführt. Deshalb wird sie von der Gesellschaft nicht allzu wohlwollend beurteilt. Man munkelt sogar, sie sei in einen Skandal verwickelt. Wenn ich ihr Geheimnis nicht bewahre …“ Cowdens Augen verengten sich. „Und wenn du dich indiskret verhältst, wird sie möglicherweise in Schwierigkeiten geraten. Sie benötigt eine lukrative Investition, um ihr Vermögen so zu vermehren, dass sie ihren Lebensunterhalt ehrenhaft bestreiten kann.“

Aha, das Aufsichtsgremium des Clubs weiß nicht, wer unter dem Decknamen agiert, nahm Conall an.

„Der Erfolg der Londoner Weltausstellung war mehreren Gönnern zu verdanken, nicht zuletzt der Marchesa. Unter ihrem Decknamen ließ sie einige besonders interessante Objekte hierherbringen.“ Wollte der Duke damit zum Ausdruck bringen, dass sie vertrauenswürdig war? Er selbst hatte sich, soviel Conall wusste, an der Gestaltung dieser grandiosen Schau beteiligt. „Sie darf also nicht enttarnt werden, Taunton. Anderseits möchte ich nicht, dass deine Hoffnungen enttäuscht werden. Auch deshalb habe ich gezögert, dir ihren Namen zu verraten. Sicher verstehst du das.“

Nachdem hundertfünfzig Alpakas in England eingetroffen waren, konnte Conall sich den Luxus, zu zaudern und zu überlegen, nicht leisten. Er hatte keine Wahl, und das Vertrauen, das Cowden in die Marchesa setzte, musste ihm genügen. „Wie kann ich Verbindung mit ihr aufnehmen?“

„Da hast du Glück.“ Der Duke lächelte breit. „Heute Nachmittag ist sie zum Tee hierhergekommen, und jetzt sitzt sie im Salon. Zusammen mit meiner Frau und meiner Schwiegertochter.“

Wirklich nur reines Glück? Conall hob die Brauen, und Cowden räusperte sich. Vermutlich war ihm der seltsame Zufall bewusst.

„Wegen Ferris’ Hochzeit ist sie hier“, erläuterte er. „Meiner Schwiegertochter Helena zuliebe.“

Die ihm vier Enkel geschenkt hat, entsann sich Conall.

„Noch etwas solltest du wissen, Taunton.“ Der Duke senkte seine Stimme. „Obwohl die Marchesa in keinem guten Ruf steht – sie hat dasselbe Mädchenpensionat wie Helena besucht. Seither sind die beiden befreundet.“ Er zuckte die Schultern und breitete die Arme aus. Offenbar besagte diese Geste, eine Schwiegertochter, die den Fortbestand der Dynastie mit vier Söhnen gesichert hatte, würde eine gewisse Toleranz verdienen. Insbesondere, wenn es um eine Freundin ging, die dem Familienoberhaupt wahrscheinlich enorme finanzielle Vorteile verschaffte …

Wie auch immer, Conall konnte sich Bedenken, die den Leumund der Marchesa betrafen, nicht leisten. Der ging ihn nichts an. Für ihn zählte nur der Kredit, den er für die Spinnerei brauchte. Deshalb war er nach London gereist, fest entschlossen, alles zu tun, um sein Ziel zu erreichen. Dass er es dabei mit einer geheimnisvollen, skandalumwitterten Marchesa zu tun bekommen würde, hatte er sich allerdings nicht ausgemalt.

Er stand auf und verbeugte sich. „Vielen Dank für Ihre Hilfe, Eure Gnaden. Nun werde ich den Damen meine Aufwartung machen.“

„Zweifellos würde meine Gemahlin mich rügen, sollte sie herausfinden, du hättest mich besucht, ohne ihr die Aufwartung zu machen.“ Nachdem das heikle geschäftliche Thema vom Tisch war, schlug Cowden einen jovialeren Ton an. „Du kommst doch zu Ferris’ Hochzeit, Taunton?“

„Sehr gern. Erwarten Sie auch Ihren jüngsten Sohn?“, fragte Conall. Er würde sich freuen, seinen alten Freund wiederzusehen. Da die Hochzeit am Ende dieser Woche stattfinden sollte, müsste Fortis bereits unterwegs sein.

Der Duke schüttelte den Kopf. „Als ich zuletzt von ihm hörte, steuerte er mit den alliierten Truppen Sewastopol an. Auf der Krim wird sich der Konflikt zwischen Russland und dem Osmanischen Reich, das wir unterstützen, demnächst entscheiden.“ Trotz eines Lächelns las Conall kaum verhohlene Sorge in den Augen des Dukes.

Mochte Cowden auch ein harter Geschäftsmann und ein schwerreicher, machtvoller Aristokrat sein, in diesem Moment war er einfach nur ein Vater, der um seinen Sohn bangte. Dazu hatte er auch allen Grund, denn Fortis Tresham neigte zu tollkühnen Aktionen, ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit. Er war ein brillanter Offizier, aber vielleicht kein besonders guter Ehemann. Conall betrachtete ihn als einen seiner besten Freunde.

Jahrelang hatte er sich nicht daheim blicken lassen, und Conall verstand nicht, wie Avaline die fortgesetzte Abwesenheit ihres Gatten ertrug. Danach zu fragen, wagte er nicht. Das war ein zu privates Thema, das nicht zwischen Außenstehenden erörtert wurde, nicht einmal, wenn diese eng befreundet waren.

„Eure Gnaden, Fortis ist ein ausgezeichneter Soldat“, betonte Conall. „Zudem hat er Camden Lithgow an seiner Seite, und der dürfte vernünftig genug für alle beide sein.“ Cam war ebenfalls sein Freund, der Enkel eines Earls, der sich einen Namen machen wollte, ohne die Lorbeeren seiner Ahnen zu nutzen. „Nochmals vielen Dank für Ihren Beistand, Eure Gnaden.“ Nach einer weiteren Verneigung verließ er das Arbeitszimmer.

Auf dem Weg durch die Eingangshalle brauchte Conall keinen Lakaien, der ihn zum Salon führen oder seinen Besuch anmelden würde. Fröhliches Gelächter drang ihm aus der offenen Tür entgegen und verriet, dass hier keine formelle Teeparty stattfand, sondern eine zwanglose Zusammenkunft dreier Frauen.

Zwei dieser Damen kannte er – die dritte fesselte sofort seine Aufmerksamkeit. Wie konnte es auch anders sein? Sie gehörte zu jener Sorte, die sogar in einem großen Raum voller Menschen die Blicke aller Männer auf sich ziehen würde. Ihr blondes Haar mit goldenen Glanzlichtern bildete eine faszinierende Ergänzung zu ihrem Alabasterteint und dem zarten rosigen Hauch auf den Wangen. Der verlieh ihr eine Aura jugendlicher Frische, ebenso wie das lavendelfarbene Musselinkleid.

Doch die Augen verrieten etwas anderes. Leuchtend blau und hart wie Saphire. Die Marchesa hatte wohl schon einige negative Erfahrungen machen müssen. Freimütig und unverwandt erwiderte sie seinen Blick, mit einer Kühnheit, der man bei Damen beim Nachmittagstee nur selten begegnete.

Hat sie mich erwartet – oder sogar um dieses Zusammentreffen gebeten? Conall gewann den verstörenden Eindruck, sie würde ihn kennen. Er kannte sie ganz sicher nicht. Sonst hätte er sich an sie erinnert, selbst wenn er sie nur ein einziges Mal gesehen hätte. Kein Mann würde eine solche Frau vergessen – noch weniger die wahrnehmbare Eifersucht anwesender Geschlechtsgenossinnen.

Lächelnd kam die Duchess ihm entgegen und legte ihm die Hand auf den Arm. „Welch eine nette Überraschung, Taunton!“

Tatsächlich? Irgendwie hatte er das Gefühl, außer ihm sei hier niemand überrascht. Hatten die Damen ihn erwartet? War die Teestunde nur geplant worden, damit er die Marchesa kennenlernte?

Auch Helena, die künftige Duchess of Cowden, erhob sich etwas schwerfällig und küsste ihn freundschaftlich auf die Wange. Offensichtlich war sie erneut guter Hoffnung.

„Wie hinreißend du aussiehst!“ beteuerte er wahrheitsgemäß. Die Schwangerschaft ließ ihre Schönheit noch heller strahlen. Zweifellos muss ihr Ehemann sich glücklich schätzen, dachte Conall wehmütig und ein bisschen neidisch. Frederick besaß alles, was ein Mann einer Gemahlin und einer Familie zu bieten vermochte. Er selbst hatte nur einen geringeren Adelstitel und ein hoch verschuldetes Landgut. Nichts, was er einem Erben, geschweige denn vier Söhnen vermachen könnte …

Lächelnd dankte Helena ihm für das Kompliment. „Komm, mein Lieber, ich möchte dich mit unserem Gast bekannt machen“, erklärte sie und führte ihn zu der Marchesa, die inzwischen aufgestanden war. „Sofia, das ist Viscount Taunton, ein Freund der Familie. Conall – meine liebe Freundin, die Marchesa di Cremona.“

Buongiorno, Marchesa.“ Förmlich beugte er sich über ihre Hand. Hätte er den Blick dabei gesenkt, wäre ihm ein leichtes Unbehagen in ihren Augen entgangen. Missfiel es ihr, wenn sie mit ihrem Titel angesprochen wurde? Beinahe hätte er ironisch die Lippen verzogen. Da empfand sie ähnliche Gefühle wie er selbst.

Sie lachte leise. „Mit mir müssen Sie nicht Italienisch sprechen, Sir. Ich bin Engländerin … Wie ich sehe, scheint Sie das zu verblüffen – ein Grund mehr, meinen Titel wegzulassen, da er die Leute nur verwirrt.“ Mit einem sanften, wenn auch etwas vorwurfsvollen Lächeln wandte sie sich an Helena. „Hier bin ich einfach nur Sofia, meine liebe Freundin. So wie du im Freundeskreis nicht Lady Brixton, sondern Helena bist.“

Verstohlen betrachtete Conall ihre schmalen, eleganten Hände. Kein Ring. Aber für eine Engländerin gab es nur eine einzige Möglichkeit, einen italienischen Adelstitel zu erlangen. Hing damit der Skandal zusammen, den der Duke erwähnt hatte? Weil eine Engländerin mit einem italienischen Marchese verheiratet war?

Nun schlang sie ihre Finger ineinander, als wollte sie das Fehlen des Rings kaschieren. Also war er nicht so diskret gewesen, wie er es erhofft hatte.

Die Duchess bat ihn, Platz zu nehmen, und schenkte ihm eine Tasse Tee ein. Auch die Damen setzten sich wieder.

„Wie ich höre, möchten Sie Alpakas importieren, Lord Taunton“, begann die Marchesa.

Erstaunt über diese kühne, direkte Bemerkung, erwiderte er ihren forschenden Blick. Was sah sie in ihm? Einen Mann, dem sie ihr Geld anvertrauen konnte? Einen Mann, dessen Unternehmen eine Investition lohnen würde?

Genauso abschätzend schaute er ihr ins Gesicht. Von Anfang an wollte er ihr klarmachen, er würde sich nicht einschüchtern lassen. Gewiss, er brauchte einen Kredit – was jedoch keineswegs bedeutete, dass er den Bittsteller spielen würde. Zudem war es von einiger Bedeutung, wer ihm das benötigte Geld zur Verfügung stellen würde, da er an den Ruf seiner Familie denken musste.

„Möchten Sie mir Ihre Pläne bei einem Spaziergang im Garten erläutern, Sir?“, fuhr die Marchesa fort. „Dann würden wir der Duchess und Lady Brixton unsere langweiligen geschäftlichen Gespräche ersparen.“ Seiner Zustimmung offenbar sicher, erhob sie sich. Natürlich wusste sie ebenso wie er, dass er ihren Vorschlag nicht ablehnen konnte.

„Mit dem größten Vergnügen.“ Conall stand auf und bot ihr den Arm, sich bewusst, dass das Verhör, dem er sich stellen musste, über die Zukunft seiner Familie und seines Landguts entscheiden würde. „Gehen wir?“

2. KAPITEL

Hätte sie ihn bloß nicht berührt … Unter Sofias Fingern fühlte sich Tauntons Arm stark und muskulös an, was einen sinnlichen Schauer in ihr auslöste.

Zu lange war sie auf sich selbst gestellt und gezwungen gewesen, Lüstlinge wie Lord Wenderly abzuwehren – nichtswürdige Männer, die ihr unanständige Angebote gemacht hatten. Einfach nur, weil sie allein war, eine vermeintlich leichte Beute … Deshalb überraschte sie diese Reaktion ihres Körpers.

Auf die Wirkung des attraktiven Viscounts in der Blüte seiner Jahre war sie nicht vorbereitet, auf die Intensität seiner Augen, seine vitale, maskuline Ausstrahlung.

Während die eventuelle Alpaka-Investition im Prometheus Club erörtert worden war, hatte Sofia sich vorgestellt, wie ein Mann aussehen mochte, der die Zucht solcher Tiere plante. Sicher ein korpulenter, unansehnlicher Exzentriker in mittlerem Alter, mit schütterem Haar … Da diese Beschreibung auf einige der Clubmitglieder zutraf, hatte die Vermutung nahegelegen, Gleiches würde sich gern mit Gleichem gesellen.

Und so war sie ziemlich verwirrt gewesen, als das exakte Gegenteil dieser Vision den Privatsalon der Duchess betreten hatte – ein hochgewachsener junger Aristokrat, der umwerfend aussah und betörenden maskulinen Charme versprühte.

Natürlich durften diese Vorzüge ihre geschäftliche Entscheidung nicht beeinflussen. Vielmehr müssten diese sie zu Misstrauen ermahnen, da sie schon einmal auf eine imposante äußere Erscheinung und ein charmantes Wesen hereingefallen war. Sie hatte geglaubt, sie wäre seit langer Zeit immun gegen hübsche Gesichter, die nicht unbedingt auf ehrenwerte Absichten schließen ließen. Und doch – Taunton besaß einen gefährlichen, charismatischen Magnetismus, also musste sie auf der Hut sein.

Auf der Wanderung durch den Garten von Cowden House versuchte Sofia ihn möglichst objektiv einzuschätzen. Bist du gewarnt, bist du gewappnet. Sie würde ihn beobachten, die Quelle seine Anziehungskraft entdecken. Noch einmal würde er sie nicht überrumpeln, so wie bei seiner Ankunft im Salon.

An seinem Alter gab es nichts zu bemängeln. Jung, aber nicht zu jung. Vielleicht Anfang dreißig. Silbergraue Augen, dunkles Haar, ebenmäßige Gesichtszüge, deren leichte Strenge ein Lächeln milderte. Das setzte er offenkundig sehr oft ein, eine charmante Waffe. Benutzte er die, um etwas zu gewinnen? Oder um etwas zu verbergen?

Mit seiner großen, schlanken Gestalt musste er den Traum jedes ambitionierten Herrenschneiders darstellen. Taunton kleidete sich elegant, aber nicht geckenhaft. Doch die breiten Schultern wurden ebenso wie die schmale Taille der aktuellen Mode gemäß betont. Sofia registrierte den erstklassischen Schnitt des blauen Gehrocks, das blütenweiße Hemd und die geschmackvoll dezente Weste ebenso wie den teuren Wollstoff der hellen Pantalons und die Schuhe aus feinstem italienischem Leder.

Kein Wunder, dass ihn Alpakas und ihre luxuriöse Wolle interessierten, obwohl sie um die halbe Welt herum aus Peru importiert werden mussten … Mit seinem gewandten Auftreten und dem stattlichen Äußeren gelang es ihm, Eindruck zu machen und mit seiner tiefen, wohlklingenden Stimme zu überzeugen.

Den ganzen Nachmittag hätte Sofia ihm zuhören können, während er die Vorteile seiner geplanten Zucht erläuterte. Aber das war nicht nötig. Denn sie kannte seinen schriftlichen Bericht, und jetzt erfuhr sie kaum etwas Neues. Sie hatte diesen Spaziergang nur vorgeschlagen, weil sie möglichst viel über ihn herausfinden wollte. Was für ein Mann war das, der ihr Geld brauchte und ein geschäftliches Bündnis mit ihr anstrebte? Wenn sie sich darauf einließ, obgleich die Mitglieder des honorigen Prometheus Clubs ihre Skepsis geäußert hatten, müsste er von unzweifelhafter Integrität sein. Diesen Vorzug besaßen bedauerlicherweise nur wenige Männer in ihrem Bekanntenkreis. Einen Charakter falsch zu beurteilen – einen so schwerwiegenden Fehler durfte man sich nicht zweimal leisten. Sollte der Viscount ihre Bedingung bezüglich einwandfreier Integrität erfüllen, würden sie später noch genug Zeit finden, um etwas ausführlicher über die Alpakas zu reden.

Mittlerweile hatten sie das Ende des Gartens erreicht, wo eine kleine runde Laube, eher dekorativ als nützlich, vor einem hohen Zaun stand, der unerwünschte Eindringlinge fernhielt. Eine Erinnerung an die Position des Dukes, an den Unterschied zwischen den Personen, die hierhergehörten und welche nicht … Innerhalb dieser Grenzen wurde Sofia nur von Helena akzeptiert, von einigen geduldet, die der schwangeren Dame einen Gefallen erweisen wollten, und von vielen für gefährlich gehalten. Letztere fürchteten das Unheil, das die Marchesa anrichten könnte, wenn sie die Damen der Oberschicht mit gefährlichen Ideen von Freiheit und Gleichheit aufwiegelte.

Nun überlegte Sofia, was Taunton von ihr halten mochte, wenn er wüsste, wie viele Skandale man mit ihr in Verbindung brachte. Brauchte er ihr Geld so dringend, dass er ihren Leumund ignorieren würde?

Sie waren stehengeblieben, und er wandte sich mit seinem gewinnenden Lächeln zu ihr, nachdem er seinen Vortrag beendet hatte. „Nun, Madam?“ Seine Augen funkelten. „Finden Sie mich annehmbar?“

Spielerisch schlug sie mit ihrem Fächer auf seinen Ärmel und lachte perlend. „So schnell soll ich mich nach unserer kurzen Bekanntschaft entscheiden?“

Allem Anschein nach war er an Frauen gewöhnt, die impulsive Entscheidungen trafen, wenn es um ihn ging. Wie fabelhaft er aussah, wusste er natürlich, und er kannte die Wirkung, die er auf leicht entflammbare weibliche Herzen ausübte. Aber sie war nicht so dumm, ihm ihre Geheimnisse, ihr Herz oder ihr Bankkonto anzuvertrauen, bevor sie genauere Nachforschungen angestellt hatte.

„Eine solche Entscheidung wäre ziemlich überstürzt. Meinen Sie nicht auch, Sir? Sicher würden Sie Geschäfte mit einem spontanen Investor ablehnen, der sein Geld allen x-beliebigen Bittstellern nachwirft.“

Um ihrem Tadel den Stachel zu nehmen, lächelte Sofia sanft. Sie wollte seiner nur sicher sein, ihn aber nicht in die Flucht schlagen. Im Grunde war sein Anliegen ganz einfach – er brauchte Geld. Für sie war ihr Geld ein Mittel, höhere Ziele zu erreichen. Sie brauchte, was man mit Geld kaufen konnte, und zwar möglichst schnell. In diesen Zeiten waren Freiheit und finanzielle Sicherheit teure Annehmlichkeiten, und sie wollte beides erlangen, in ihrem eigenen Interesse. Und für das Wohlbefinden anderer.

Touché, Madam. Sie sind eine sehr kluge Frau. Jetzt verstehe ich, warum der Duke Ihnen vertraut.“ Um ihre Rüge zu akzeptieren, neigte er den Kopf.

Ernsthaft erwiderte er ihren Blick. Mochten die Frauen, die ihn umschwärmten, auch impulsiv handeln – er selbst neigte anscheinend nicht dazu. In seinen kaum merklich verengten silbergrauen Augen war das mutwillige Funkeln erloschen. Und Sofia las darin, dass er sie genauso zu erforschen suchte wie sie ihn. Für einen kurzen Moment jagte ihr diese Erkenntnis fast Angst ein. Sie hasste es, wenn man sie taxierte, prüfend anstarrte, Vermutungen über ihre Vergangenheit anstellte. Solchen Spekulationen pflegte sie vorzubeugen, indem sie die Oberhand gewann.

„Was möchten Sie sonst noch wissen?“ Jetzt klang Tauntons Stimme etwas schärfer als bei seiner Erklärung über die Alpakas. Der Tonfall eines Mannes, der etwas zu verlieren hatte.

Sehr gut. Mit jemandem, der sich Fehler leisten konnte oder Projekte aus einer Laune heraus in Angriff nahm, um sie wenig später gelangweilt zu verwerfen, wollte Sofia keine Geschäfte machen. Dieses Unternehmen musste dem Viscount wichtig sein, für ihn sollte es um alles gehen. Das wünschte sie aus verschiedenen Motiven. Vordergründig, weil sie finanzielle Erfolge ansteuerte, und anderseits weil sein geschäftliches Engagement ihn von anderen Dingen ablenken würde. Je mehr er sich um die Alpakas sorgte, desto weniger Zeit würde er finden, um seine Neugier auf ihre Person zu befriedigen.

„Was mich am meisten interessiert …“, begann sie. „Wie lange könnte es nach dem Import der Tiere dauern, bis meine Investition den ersten Profit abwerfen würde? Ich will sehen, wo sie untergebracht werden, und mich über Haltung und Zucht der Tiere informieren. Gewiss verfügen Sie über entsprechende Unterlagen, die Sie mir zur Verfügung stellen können.“

„Leider ist das ziemlich schwierig, weil sich die Weiden der Alpakas und die Unterlagen nicht in London befinden.“

Wie sein Achselzucken unverhohlen bekundete, erwartete er, dass sie sich auf das Geschäft einließ, ohne die Örtlichkeiten vorher in Augenschein zu nehmen. Auch nach Jahren staunte sie immer noch über das angeborene Selbstvertrauen des englischen Adels. Offenbar erwartete der Viscount, sie würde ihm aufgrund einiger schriftlicher Unterlagen eine beträchtliche Summe aushändigen.

Aber diese Aristokraten betrachteten das Geld nun einmal mit anderen Augen als die restliche Welt, sogar diejenigen, die hoch verschuldet waren. Und das waren sehr viele. Viel zu unbekümmert gingen sie mit Geld um, fanden es anscheinend unter ihrer Würde, sich mit etwas so Profanem zu beschäftigen. Auch ihr Vater hatte über seine Verhältnisse gelebt, und sie begriff erst seit ihrer Ehe mit dem Marchese, was die Redewendung bedeutete, das Geld zum Fenster hinauszuwerfen.

Taunton lächelte. Wollte er sie beschwichtigen? Jedenfalls schien er nicht gern zu warten. Und sie glaubte nicht nur Ungeduld in seinen Augen zu erkennen, sondern noch etwas … Verzweiflung?

Schließlich fügte er hinzu: „Alle Dokumente werden auf meinem Landsitz in Somerset verwahrt, Madam.“ Glaubte er, das würde eine Nachforschung erübrigen?

Somerset, im Südwesten. Von London aus in vier Stunden mit der Eisenbahn zu erreichen.

Sofia lächelte den Viscount freundlich an, doch ihr direkter Blick duldete keinen Widerspruch. „Wie ich höre, ist Somerset im Frühsommer sehr schön. Nach den Hochzeitsfestivitäten reisen wir ab. Ich kümmere mich um die Arrangements und schicke Ihnen eine Nachricht bezüglich der Einzelheiten.“

Angesichts ihres kühnen, autoritären Auftretens zögerte er einige Sekunden lang. Doch dann schenkte er ihr ein gewinnendes Lächeln. „Also gut – reisen wir nach Somerset, Marchesa. Selbstverständlich werde ich mein Personal in Everard Hall rechtzeitig auf unsere Ankunft vorbereiten.“

Sofia nickte und verabschiedete ihn unter dem Vorwand, sie müsse einiges organisieren und Briefe schreiben. In Wirklichkeit wollte sie, da die nächsten Schritte geklärt waren, keine Zeit mehr in Tauntons Gesellschaft verbringen. Denn er würde ihr zweifellos private Fragen stellen, um herauszufinden, was eine verheiratete Frau mit einem italienischen Adelstitel allein in England machte.

Solche Fragen würde sie niemals beantworten. Je weniger er über sie wusste, desto besser. Nun strebte sie eine baldige Abreise an. Fern von London würden sich Tauntons Chancen verringern, die Wahrheit über ihre unrühmliche Vergangenheit zu erfahren.

Nachdem Taunton gegangen war, begab Sofia sich in den Salon der Duchess, verabschiedete sich von ihrer Gastgeberin und machte sich auf den Heimweg. Die Dinge entwickelten sich nicht so wie geplant. Viel lieber hätte sie weiterhin ihre Geschäfte ausschließlich brieflich erledigt. Hinter der Fassade von Barnhams Namen, in ihrem Reihenhaus in Chelsea versteckt, wollte sie unbehelligt ihr Vermögen vergrößern und ihre Träume verfolgen. An dieser Saison hätte sie niemals teilgenommen, wäre da nicht die Hochzeit des jüngeren Sohnes des Duke of Cowden – und die Lockung des Alpakaprojekts …

Nein, das stimmte nicht ganz. Das waren die Gründe, die sie dazu gelockt hatten, ihr Versteck zu verlassen und sich in Gesellschaft zu begeben. Aber vor allem hatte jene Gefahr eine Rolle gespielt. Sie tastete nach der verborgenen Tasche in den Falten ihrer Röcke und spürte das knisternde Papier, den letzten und bisher unfreundlichsten Brief ihres einstigen Gatten, der kurz nach Helenas Einladung zur Hochzeit eingetroffen war. Die hatte Sofia zunächst ablehnen wollen und sich dann notgedrungen anders besonnen. Weil der Brief eine beklemmende Drohung darstellte.

Trotz all ihrer sorgsam geschmiedeten Pläne, der vom Königreich Piemont-Savoyen offiziell bestätigten Scheidung und der himmlischen dreijährigen Freiheit befand sie sich immer noch in Giancarlos Reichweite. Und der Marchese di Cremona verlangte ihre Rückkehr.

Seit sechs Monaten schrieb er ihr. In den ersten Briefen hatte er sie um Verzeihung gebeten, Besserung gelobt und geschworen, in Zukunft würde er ein vorbildlicher Ehemann sein. Natürlich nahm sie die romantischen Beteuerungen nicht ernst, nachdem er sie jahrelang mit unzähligen Frauen betrogen und grausam behandelt hatte. Aber obwohl sie sich in England sicher fühlte, weckten die Briefe ein wachsendes Unbehagen, weil er sie nach so langer Zeit aufgespürt hatte.

Auf den Kuverts stand die präzise Adresse ihres Hauses – nicht, dass sie sich bemüht hatte, ihren Wohnsitz geheim zu halten. Was sollte Giancarlo ihr schon anhaben? Er war weit weg, die Scheidung legal und unanfechtbar. Zumindest bisher …

Nun hatte sich die Situation anscheinend geändert. In diesem letzten Brief versuchte der Marchese sie nicht mehr mit schönen Worten zu umgarnen, sondern mit unverblümten Drohungen einzuschüchtern. Mochten die Behörden des Königreichs Piemont-Savoyen die Scheidung auch anerkennen – der König höchstselbst war anderer Meinung und wünschte die Rückkehr der Marchesa zu ihrem Ehemann. Und Giancarlo, auf die Gunst Seiner Majestät erpicht, tat sein Bestes, um diese Forderung zu erfüllen.

Entschlossen bekämpfte Sofia die Panik, die ihr die Kehle verengte. Gegen dieses Ansinnen würde sie sich energisch wehren. Diesmal verfügte nicht nur der Marchese über reichliche finanzielle Mittel. Sie besaß Geld. Sehr viel Geld. Die wichtigste aller Waffen. Mit ihrem Geld konnte sie kämpfen, ein ganzes Heer von Anwälten engagieren, jahrelang Gesuche beim Londoner Gerichtshof des Lordkanzlers einreichen.

Doch die tröstliche Wirkung dieser Gedanken verebbte bald. So, wie sie Giancarlo kannte, würde er unlautere Maßnahmen ergreifen. Wenn sie gerichtlich gegen ihn vorging, könnte er mit niederträchtigen Lügen Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit, sogar an ihrer moralischen Gesinnung säen. Sollte das fehlschlagen, würde er eine Niederlage bei einem Gerichtsprozess wohl kaum akzeptieren. Welche Möglichkeiten hätte er dann?

Wird er mich entführen, gewaltsam zurück ins Piemont schleppen?

Dazu müsste er sie erst einmal finden. Notfalls würde sie die entlegensten Winkel von England aufsuchen. Somerset war ein geeigneter Anfang.

Würde der Marchese sie warnen, bevor er den Kanal überquerte? Oder wollte er gar nicht selbst nach England reisen, sondern seine Leute hierherschicken, die mit ihr verhandeln oder sie einschüchtern sollten?

Nein. Mit solchen Spekulationen würde sie sich nicht belasten und sich keine unnötigen Sorgen machen. Sicher versuchte er ihr nur Angst einzujagen. Damit sie nicht vergaß, wer die tatsächliche Macht besaß …

Den Kopf hoch erhoben, ein Lächeln auf den Lippen, betrat sie ihr Haus. Von dieser Drohung durfte Helena nichts erfahren. Sonst würde sie sofort Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ihre langjährige Freundin zu schützen, sogar den Einfluss ihres Schwiegervaters nutzen. Ohne das Ausmaß der etwaigen Konsequenzen zu ahnen …

Nein, niemals würde Sofia die herzensgute Helena in den Sumpf ihres Daseins hineinziehen. Sie hatte ihr nicht alles erzählt, fand keine Worte für die Qualen, die sie nach ihrer Heirat erlitten hatte.

Dies war ihr Kampf, und sie würde ihn allein ausfechten wie so viele Kämpfe in ihrem Leben. Nur wenn sie sich allein verteidigte, war ein Sieg möglich, der ihr zur endgültigen Freiheit verhelfen würde. Wenn andere sich einmischten, mochte es zu … Komplikationen führen.

In zwei Tagen würde sie London verlassen, im Westen Englands untertauchen. Wie ein kluger General würde sie den Rückzug antreten, Kräfte sammeln, ihre neue Position stärken. Vorher musste sie nur die Hochzeit und den festlichen Ball ertragen. Sie hatte schon Schlimmeres überstanden.

3. KAPITEL

Unbehaglich rutschte Conall auf der harten Kirchenbank umher. Hochzeiten zehrten an seinen Nerven, weil sie ihn an eine der Pflichten seines Titels erinnerten: einen Erben zu zeugen. Ohne eine reiche Braut konnte er diese Pflicht nicht erfüllen, und das brachte ihn in eine verzwickte Lage.

Um eine reiche Partie zu machen, brauchte man Geld. Oder man entschied sich für eine wohlhabende Bürgerliche. Keine junge Dame von edler Herkunft wollte einen verarmten Adeligen heiraten. Das hatte Olivia de Pugh ihm gnadenlos mitgeteilt und die bevorstehende Verlobung mit ihm abgesagt, als Conall nach dem Tod seines Vaters zu ihr gegangen war, um ihr gutgläubig seine finanzielle Situation zu erklären. Seine Ehrlichkeit hatte sie kein bisschen beeindruckt.

Außerdem erinnerten Hochzeiten ihn an das geschäftliche Risiko einer Ehe. Sicherheiten gab es nicht, was seine Mutter auf die harte Tour hatte erfahren müssen. Nur bis zum Tod ihres Ehemanns war die Illusion ihres gesicherten Lebens gewahrt worden. Sogar in ihrem Witwenstand verfolgten sie die Konsequenzen ihres Jaworts, einen Ausweg gab es nicht. Für immer hieß für immer.

Conall hatte fünf Reihen hinter der Familienbank der Herzöge von Cowden Platz genommen. Nun schaute er sich unauffällig um.

Hinter ihm saßen Lord und Lady Fairchild. Beide besuchten regelmäßig Spielsalons, niemals gemeinsam. Vielleicht suchten sie eine aufregende Abwechslung von ihrer langweiligen Ehe. Zu seiner Linken erkannte er Lord Duchaine, der wie üblich allein eingetroffen war. Lady Duchaine weilte in Paris. Jedes Jahr dauerte ihre Reise nach Frankreich etwas länger. Einem Gerücht zufolge hielt sie in einem Luxusapartment an der Rue du Faubourg Saint-Honoré einen Liebhaber aus, dessen glutvolle Qualitäten sie anscheinend bewogen, den Freuden der Londoner Saison zu entsagen.

Auch die übrigen Hochzeitsgäste musterte Conall nachdenklich – alle nach der neuesten Mode gekleidet, alle mit dem gleichen falschen Lächeln. Die Schicksale der Fairchilds und Duchaines waren keineswegs ungewöhnlich. Welch eine Ironie … Alle versammelten sich in der Kirche St. George’s, um ein weiteres Ehepaar in ihren Kreisen zu feiern. Eigentlich sollten sie es eher bemitleiden und warnen, statt es heuchlerisch zu beglückwünschen, wo sie doch aus Erfahrung wussten, dass eheliches Glück nur in Wunschträumen oder Liebesromanen vorkam.

Auf der anderen Seite des Mittelgangs erschien Olivia de Pugh, weizenblond und bildhübsch in einem hellgelben, mit winzigen Primeln bestickten Kleid, von ihrer Familie und dem schwerreichen Baron Crossfield begleitet. Als sie Conall entdeckte, nickte sie ihm zu. Habe ich’s nicht gesagt? bekundete ihr Lächeln.

Vermutlich hätte ihn die vorsätzliche Kränkung zu einem früheren Zeitpunkt geschmerzt. Jetzt ließ ihn Olivias traditionelle englische Schönheit kalt. Gerade noch einmal davongekommen, entschied er. Welcher Mann wollte schon nur wegen seines Geldes oder seines Adelstitels geheiratet werden? Steckte dieses Kirchenschiff nicht voller Menschen, die genau wussten, wie unbefriedigend solche Prinzipien letztlich waren? Trotzdem beharrten sie darauf, Reichtum und Aristokratie zu vereinen, als glaubten sie, es wäre irgendwann gut und richtig, wenn sie es immer wieder taten.

Oder vielleicht gehörten zu den Hochzeitsgästen auch Menschen, die so wie er selbst einmal gehofft hatten, das Schicksal würde ihnen das ersehnte Eheglück gewähren. Immerhin war es den Treshams vergönnt. Wegen ihrer zahlreichen Liebesheiraten wurde die Familie des Duke of Cowden glühend beneidet.

Conall schaute nach vorn, zu der Kirchenbank, wo der Herzog und seine Herzogin saßen, die Köpfe einander zugeneigt. Neben ihnen versuchte Helena ihre Schwangerschaft unter einer ungewöhnlich weiten Krinoline zu verbergen, um der strengen Kritik prüder Matronen zu entrinnen. Avaline, die zweite Schwiegertochter, hielt den Kopf hoch und trotzte den Klatschgeschichten über ihren ständig abwesenden Ehemann. Bei ihrem Anblick beschloss Conall, beim Hochzeitsfrühstück mit ihr zu reden und ihr ein bisschen Trost zu spenden.

Ein paar Schritte vor dem Altar wartete Ferris Tresham auf seine Braut, unterstützt von seinem älteren Bruder, der neben ihm stand. Aber Frederick hatte nur Augen für die Mutter seiner Söhne, die bald das fünfte Kind zur Welt bringen würde. Nach sieben Ehejahren vergötterte er Helena immer noch, und er machte keinen Hehl daraus.

Früher hatte Conall von einer ebenso innigen Beziehung geträumt – mit einer Frau, die seine Liebe mit gleicher Hingabe und Treue erwidern würde. Doch der Tod des Vaters hatte ihn verändert. Jetzt setzte er andere Hoffnungen in eine Ehe. Eine Vernunftehe mit einer reichen Braut sollte ihm ermöglichen, die Zukunft seiner Mutter zu sichern, die Mitgift seiner Schwester, die Ausbildung des jüngeren Bruders und den Fortbestand des Landguts zu finanzieren. Da er erreichen musste, was seinem Vater misslungen war, war er bereit, auf sein persönliches Glück zu verzichten. Bei solchen Gedanken mischten sich immer wieder Zorn und bittere Enttäuschung in die Trauer um den Verstorbenen.

Ringsum bewegten sich die Leute, spähten über ihre Schulter nach hinten zum Kirchenportal und begannen zu tuscheln. Conall drehte sich um und erwartete das Erscheinen der Braut, das Zeichen, dass alle Hochzeitsgäste aufstehen sollten. Aber niemand war zu sehen.

„Falscher Alarm?“, flüsterte er und stieß seinen Freund Lord Hargreaves an, der neben ihm saß.

„Wohl kaum.“ Die blonden Brauen hochgezogen, wies Hargreaves mit seinem Kinn zur letzten Kirchenbank in der Reihe auf der anderen Seite des Mittelgangs, und Conall schaute hinüber.

Dort nahm gerade eine Frau in einem zart violettfarbenen Kleid Platz. Conall grinste. Lavendel? Die Farbe der Halbtrauer. Gab es hier jemanden, der von Hochzeiten ebenso wenig hielt wie er selbst? Der Schleier eines eleganten Huts auf goldblondem Haar verdeckte das Gesicht der Dame, ohne ihre Identität zu verbergen.

Kein Mann würde eine solche Frau vergessen …

Trotz – oder wegen – des Schleiers wirkte sie verlockend. Mysteriös und umso verführerischer. Selbst wenn sie es wollte, könnte die Marchesa di Cremona sich nicht in einer größeren Menschenmenge verstecken. Und an diesem Tag wollte sie es offensichtlich nicht.

„Dass sie es wagen würde, hätte ich nicht gedacht“, murmelte Hargreaves. „Anderseits – sie hat schon so viel gewagt.“ Milder Tadel verzog seine Lippen. „Nun frage ich mich, ob Lady Brixtons Toleranz sogar das gutheißt.“

Diesen Moment wählte die Marchesa, um den lavendelfarbenen Schleier zu heben, über den Hut zu legen und ihren Alabasterteint zu entblößen.

In ihren Augen lag eine sanfte Provokation, die zu besagen schien: Sollen sich die Leute doch sattsehen. Reglos und kerzengerade saß sie da, gewappnet gegen das Gemunkel hinter vorgehaltenen Fächern.

Hargreaves neigte sich näher zu Conall. „Gestern hörte ich im White’s Club, die Marchesa habe Wenderlys Avancen brüsk zurückgewiesen“, flüsterte er. „Angeblich hat sie ihn sogar geohrfeigt.“

Verärgert über den leicht verächtlichen Tonfall seines Freundes, konterte Conall: „Warum hätte sie sich darauf einlassen sollen? Wenderly ist über fünfzig. Beinahe könnte er ihr Vater sein.“

Nicht nur das Alter erboste ihn. Er wusste von den speziellen erotischen Gelüsten des Mannes. Und der Gedanke, die Marchesa könnte in die Fänge eines solchen Monstrums geraten, drehte ihm fast den Magen um.

Schon wieder hob Hargreaves die Brauen. „Nun, man fragt sich, wovon sie lebt, wenn sie Männer wie Wenderly verächtlich abweist.“ Worauf er anspielte, war eindeutig – alleinstehende Frauen brauchten einen Beschützer. „Übrigens, diese Abfuhr hat ihn ein paar hundert Pfund gekostet und seinen Stolz verletzt, nachdem er so sicher war, er würde die Wette gewinnen. Jetzt stellt man wilde Spekulationen an und wartet gespannt ab, wen sie sich angeln wird, nachdem sie ein so großzügiges Angebot minderwertig fand. Immerhin hätte Wenderly sie mit Juwelen und sündteuren Kleidern überhäuft, weil sie dank ihres Aussehens eine Augenweide an seiner Seite wäre. Und ihre Zukunft wäre für einige Zeit gesichert.“

Irritiert runzelte Conall die Stirn. Also deshalb hatte Cowden betont, die Marchesa müsse eine Möglichkeit finden, ihren Lebensunterhalt ehrenhaft zu bestreiten. Der Duke fürchtete, ohne eine erfolgreiche Investition könnte sie ein weniger ehrbares Angebot akzeptieren, das ihr ein angemessenes Auskommen garantieren würde.

Die Erkenntnis, welch heftige Begierden die Marchesa in gewissen Männern weckte, missfiel ihm. Natürlich aus geschäftlichen Gründen. Wenn sie ihr Geld in sein Projekt steckte, würde man seine Familie mit ihr in Verbindung bringen.

Vielleicht sollte er herausfinden, ob sich die Gerüchte bewahrheiten würden, bevor er eine finanzielle Allianz mit dieser Frau einging. Nur eine knappe Stunde hatte er in der Gesellschaft der Marchesa verbracht. Verdiente sie das Getuschel, das sie in der Kirche verursachte? Seine Intuition sagte ihm etwas anderes.

Nur wegen der Abwesenheit ihres Ehemanns durfte man sie nicht verunglimpfen. Schon gar nicht wegen ihrer Schönheit und ihrer exquisiten Eleganz. Wie eine Halbweltdame kleidete sie sich ganz sicher nicht. An diesem Tag war alles an ihr korrekt – das lavendelblaue Kleid, der geschmackvolle, dezente Schmuck, die ruhige Haltung. Ohne das Geraune ringsum würde man sie für die Gattin irgendeines Gentlemans halten.

Und wie viele der Gentlemen, die hier saßen, mochten überlegen, ob sie ihnen gehören könnte? Als sich seine Gedanken in dieselbe Richtung bewegten, verdrängte Conall sie hastig. Nein, auf eine so niedrige Ebene mancher Männer wollte er nicht sinken. Wenn es auch reizvoll wäre, mit einem Finger die zarten Linien ihres Kinns nachzuzeichnen, die rosigen Lippen zu berühren, über den schlanken Hals zu streichen bis zum dezenten Dekolleté … Stattdessen stellte er sich vor, was die Abwesenheit eines Mannes an der Seite einer Frau ausmachte. Dieser Gedanken erinnerte ihn an seine Schwester Cecilia, die sich für eine leidenschaftliche Verfechterin einer befreiten Weiblichkeit hielt.

Unauffällig spähte er wieder zur letzten Kirchenbank und beobachtete, wie die Marchesa eine Hand hob und mit ihrer Perlenkette spielte – das erste Anzeichen, das ihr Unbehagen verriet. Hörte sie, was in ihrer Nähe geflüstert wurde?

Auch Hargreaves musterte die Marchesa. „In der Tat, eine Schönheit. Und mit ihren europäischen Erfahrungen müsste sie eine gewisse Pikanterie ins Bett eines weltoffenen Lebemanns bringen.“

Jetzt reichte es. Conall stand auf. Noch länger würde er nicht hier sitzen und schmutziges Getratsche über eine Frau ertragen, die sich nicht gegen üble Gerüchte verteidigen konnte, mochten sie verdient sein oder nicht. Ohne einen Mann an ihrer Seite war sie den gehässigen Attacken der Londoner Oberschicht hilflos ausgeliefert.

„Wohin gehst du, Taunton?“, fragte Hargreaves verblüfft. Dann bemerkte er die Blickrichtung seines Freundes und grinste wissend. „Ah, willst du dein Glück versuchen? Sei bloß vorsichtig! Wenderly war nicht der Erste, der einen Fehlschlag erlitt. Dem Vernehmen nach gleicht die Dame einer fleischfressenden Pflanze, die arglose Insekten anlockt und mit ihren Blütenblättern gefangen nimmt. Was mich betrifft, ich hätte nichts dagegen, wenn diese Blütenblätter mich ganz fest umschließen würden – falls du verstehst, was ich meine.“

„Das verstehe ich sehr gut“, antwortete Conall mit gepresster Stimme. „Entschuldige mich bitte …“ Dann folgte er dem Mittelgang zur letzten Kirchenbank und setzte sich auf den leeren Platz neben der Marchesa.

Im selben Moment öffnete sich das Portal von St. George’s, und die Braut trat am Arm ihres Vaters ein. In ihrem traumhaften weißen Kleid, die personifizierte Reinheit, lenkte sie die Aufmerksamkeit von der skandalumwitterten Marchesa ab, die atemlos wisperte: „Was beabsichtigen Sie, Taunton?“

Während sich die Versammlung unter geräuschvollem Geraschel erhob, lächelte Conall. „Am besten genießt man Hochzeiten zusammen mit einem Freund, und ich hatte das Gefühl, Sie würden einen brauchen.“ Höflich legte er eine Hand unter ihren Ellbogen, und sie standen gemeinsam auf.

„Vielen Dank, aber ich kam sehr gut allein zurecht.“ Nur sekundenlang erwiderte sie sein Lächeln. „Hoffentlich werden Sie Ihre Galanterie nicht bereuen. Nach der Ansicht diverser Klatschmäuler bin ich eine sehr gefährliche Frau.“ Nach einer kurzen Pause fuhr sie etwas leiser fort: „Und bilden Sie sich bloß nicht ein, Sie könnten mit Schmeicheleien und Geschäker meine Geldbörse öffnen.“

„Das hatte ich niemals vor“, erklärte er wahrheitsgemäß und hielt ihrem durchdringenden Blick stand. Aus Gründen, die er nicht näher erforschen wollte, hatte er es nicht über sich gebracht, diese Frau auf sich allein gestellt zu lassen.

Lag es an einer gewissen Verletzlichkeit, die er hinter dem Selbstvertrauen und der kühlen, fast harten Haltung der Marchesa spürte? Diese gut getarnte Verwundbarkeit verstärkte die mysteriöse Aura und faszinierte ihn.

Ja, vielleicht war es das, was ihn dazu ermutigt hatte, der verachteten „Fremden“ ritterlich beizustehen. Wenn sie sich mit seiner Hilfe besser gegen die Giftpfeile der Londoner Gesellschaft behaupten konnte, würde es ihm eine persönliche Genugtuung bereiten. Denn er erinnerte sich nur zu deutlich, wie schwer es ihm gefallen war, nach dem Tod seines Vaters in den gehobenen Kreisen zu verkehren – insbesondere, als sich seine katastrophale finanzielle Situation herumgesprochen hatte. So verlegen und unsicher war er gewesen … So viele Leute hatten nicht mit ihm, sondern über ihn geredet.

Jetzt erging es der Marchesa ebenso. Und er war der Einzige, der sich nicht so verhielt wie alle anderen Hochzeitsgäste.

Die Finger zwischen den Falten ihres Rocks in ein Taschentuch gekrallt, bereute Sofia, dass sie in die Kirche gekommen war. Sie hätte bedenken müssen, wie elend sie sich stets bei Hochzeiten fühlte. Denn die erinnerten sie an ihre eigene, die sie vergessen wollte.

Mit strahlendem Lächeln, in unschuldigem Weiß, schritt die Braut an ihr vorbei. Sofia biss sich auf die Lippe. Auch sie hatte damals so ähnlich ausgesehen. In einer festlich geschmückten Kirche voller Menschen war sie zum Altar gegangen. Umhüllt von weißem Satin und Spitzen, errötend unter dem Tüllschleier, hatte sie sich auf das Abenteuer ihrer Ehe gefreut.

Dieses Abenteuer war nicht gut verlaufen. Seltsamerweise … Eigentlich hätte alles wunderbar sein müssen. Ihr Ehemann, ein attraktiver, schwerreicher Aristokrat, bewohnte einen prächtigen Palast in Turin, der Hauptstadt des Piemont. Zudem besaß er ein Schloss auf dem Land, einen Jagdsitz in den Dolomiten und eine weitere Residenz auf Sardinien, wo er die meisten Sommermonate verbrachte. Im Winter amüsierte er sich in den Spielsalons von Nizza oder Venedig. Er hatte sie mit genug Juwelen überhäuft, um einem unerfahrenen Mädchen, wie sie es gewesen war, den Kopf zu verdrehen.

Damals hatte sie geglaubt, ein Märchen zu erleben, das Wirklichkeit geworden war. Ihre Eltern hätten es allerdings besser wissen und den Heiratsantrag des Marchese ablehnen müssen. Doch sie hatten das Geld dringend gebraucht und sich nicht darum gekümmert, wie es ihrer Tochter an der Seite dieses Mannes ergehen würde.

Jetzt war Sofia klüger. Sogar viel klüger als der Viscount. Dachte er tatsächlich, ein Mann an ihrer Seite würde genügen, um eine „anständige“, gesellschaftlich anerkannte Frau aus ihr zu machen? Sie hatte erwartet, in der letzten Kirchenbank würde sie unbeachtet bleiben. Doch seit der attraktivste Hochzeitsgast zu ihr gekommen war, musste sie die Hoffnung auf eine gewisse Diskretion endgültig aufgeben. Alle anwesenden Frauen hatten ihn zu ihr gehen sehen und sofort wieder eifrig getuschelt. Was die Gentlemen vermuteten, erriet sie mühelos – nämlich, der Viscount würde ebenso wie Wenderly versuchen, ihr Interesse an einer Affäre zu erregen.

Verstohlen warf sie ihm einen Seitenblick zu. Glaubte er, das müsste ihm eher gelingen, weil er besser aussah als Wenderly, und er könnte mit amourösen Erfolgen leichter an ihr Geld herankommen? Falls er diese Taktik anstrebte, würde sie ihm eine bittere Enttäuschung bereiten. Zweimal würde sie nicht den gleichen Fehler machen. Keinem Mann genügten ein hübsches Gesicht und galante Avancen, wenn er ihr Vertrauen gewinnen wollte. Da verlangte sie viel mehr.

Sollte sie feststellen, Taunton würde zur selben Kategorie zählen wie gewisse andere Gentlemen, wäre sie dem Duke nicht dankbar für seine Vermittlung. Um sich vor solchen Männern zu schützen, erledigte sie ihre Geschäfte unter dem Decknamen Barnham. Und sie hatte sich darauf verlassen, dass Cowden den Viscount gründlich überprüfen würde, bevor er ihn über ihre heikle Situation informierte.

Inzwischen hatte die Braut den Altar erreicht, und alle Geladenen setzten sich wieder. Als die Zeremonie begann, verdrängte Sofia die Erinnerungen an ihre eigene Hochzeit und konzentrierte sich auf das Alpakageschäft.

Mehrmals hatte Taunton betont, der Verkauf der Wolle der peruanischen Lamas würde sich als enorm lukrativ erweisen, und hatte entsprechende Recherchen erwähnt. Falls die zutreffen, überlegte Sofia, könnte ich meine Investitionen sogar verdoppeln. Allerdings war die Finanzierung der teuren Spinnerei mit einem gewissen Risiko verbunden, und sie müsste einen Großteil ihres Geldes in ein einziges Unternehmen stecken statt in verschiedene Projekte, was sie ursprünglich vorgehabt hatte. Geldanlagen möglichst breit zu streuen – zweifellos eine Strategie, bei der sich der Fehlschlag eines Geschäfts leichter verkraften ließ … Und meistens dauerte es sehr lange, bis ein Darlehen zurückgezahlt wurde.

Mit halbem Ohr hörte sie Ferris Tresham sein Ehegelübde sprechen. „… in guten und in schlechten Tagen, in Reichtum und Armut …“

Armut.

Falls sich die Investition als Fehlschlag erwies, musste sie ihre Träume, die Welt für Frauen und Kinder lebenswerter zu gestalten, begraben. Oft genug hatte sie sich ausgemalt, einen Ort zu schaffen, wo sie angemessen bezahlte Arbeit fanden und in Frieden leben konnten. Von diesem Ziel war sie noch viele Jahre entfernt.

Und warum sollte sie warten, bis ihr Geld für den Aufbau eines kompletten eigenen Gewerbezentrums reichen würde? War es nicht vernünftiger, Tauntons Spinnerei zu nutzen und rings um diesen Betrieb eine Gemeinde zu gründen? Die würde dank der verheißungsvollen Alpakawolle blühen und gedeihen …

Dann ermahnte sie sich erneut zur Vorsicht. Erst einmal musste sie herausfinden, ob der Viscount sein Projekt tatsächlich auf einer gesunden Basis aufbaute, bevor sie in das Unternehmen investierte.

Die Gedanken an ihren Traum beschäftigten sie – bis der Bräutigam die Braut küsste. Ein Schwindelgefühl erfasste sie. Während das glückstrahlende Paar durch den Mittelgang zum Ausgang schritt, atmete Sofia tief durch. So viel hatte sie überlebt – wenn auch keineswegs unversehrt.

„Fühlen Sie sich nicht gut, Madam?“, erkundigte Taunton sich leise.

Sie standen auf, und er bot ihr seinen Arm, um sie zwischen anderen Gästen aus der Kirche zu führen.

Am Vortag hatte sie die Stütze dieses Arms nicht so dringend gebraucht wie jetzt. Oh, wie sie die Erkenntnis hasste, dass sie auf die Hilfe eines praktisch Fremden angewiesen war, der den Helden spielen wollte … Doch das hinderte sie nicht daran, die Wärme seiner Berührung zu spüren.

„So blass sind Sie geworden, Madam.“ In seinen silbergrauen Augen las sie Besorgnis und eine fordernde Frage.

Aber jetzt wollte sie ihm keine Antwort geben. „Es geht mir gut, ich bin nur ein bisschen müde.“ Dann zog sie den Hutschleier hinab, als würde er die Neugier des Viscounts im Zaum halten.

Natürlich musste sie mit Konsequenzen rechnen, wenn sie ihn im Ungewissen ließ. Wenn sie nicht anwesend war, würden andere Leute aufgrund ihrer eigenen Spekulationen seine Fragen beantworten. Wie lange mochte es dauern, bis er noch schlimmere Gerüchte hören und sie zur Rede stellen würde? Damit sie ihm die ganze Wahrheit über ihre Vergangenheit sagte?

Im hellen Sonnenschein vor dem Kirchenportal nahm Sofia die Hand von Tauntons Arm. „Wenn Sie mich entschuldigen – ich werde nicht am Hochzeitsfrühstück teilnehmen, weil ich Kopfschmerzen habe. Bitte richten Sie dem Brautpaar meine Glückwünsche aus.“

Ehe er protestieren konnte, tauchte sie in der Gästeschar unter. Immerhin hatte sie sich eine Atempause verschafft. Bis zum nächsten Mal. Und es würde ein nächstes Mal geben. Vielleicht würde sie davor noch den Hochzeitsball unbeschadet überstehen, dann die vierstündige Bahnfahrt zum Landsitz des Viscounts in Somerset. Dort würden sie genug Zeit für Fragen und Antworten finden.

4. KAPITEL

Er würde Sofia zurückgewinnen. Selbst wenn er den Kanal überqueren musste. Allerdings hoffte er, dazu würde es nicht kommen. Von England hielt er nicht viel. Giancarlo Bianchi, der Marchese di Cremona, stand an einem Fenster seines Palazzo und genoss die Aussicht auf die Piazza San Carlo. In der Mitte des Platzes ragte die berühmte Reiterstatue des Emanuele Filiberto von Savoyen empor. Ringsum reihten sich prächtige Patrizierhäuser und andere Palazzi aneinander.

Welch ein Unterschied zu den langweiligen Londoner Häusern! Und wie schmutzig jene Stadt war! So viel Ruß und Unrat in den Straßen! Trotz mancher Erneuerungen konnte sich die englische Metropole nicht mit seiner Stadt Turin messen, einem kulturellen Zentrum, wo sich bekannte Künstler aus vielen Ländern trafen, wo namhafte Gelehrte an der berühmten alten Universität unterrichteten.

Seit er vor fast dreizehn Jahren seine Braut erwählt hatte, war er nicht mehr nach England gereist. Wenn alles gut verlief, müsste ihm das jetzt erspart bleiben, denn Andelmo, der ihm treu ergeben war, würde Sofia zu ihm bringen.

Leider erwies sie sich als problematischer, als es zu vermuten gewesen war, was Giancarlo gleichermaßen ärgerte und erregte.

Sein Kammerdiener betrat die Privatsuite und schleppte einen großen Koffer mit der neuen Sommergarderobe herein. Sekunden später erschien auch der Sekretär, und Giancarlo ging mit ihm zum Schreibtisch vor dem Erkerfenster. „Was für Neuigkeiten haben Sie? Irgendwelche Nachrichten aus London?“

Der Sekretär reichte ihm ein Telegramm. „Bisher ließ sie sich nicht blicken, in ihrem Haus hat Ihr Beauftragter sie nicht angetroffen, Marchese.“

„Sonst noch was? Oder ist das alles?“ Die Stirn gerunzelt, las Giancarlo die kurze Information. Seine Ungeduld wuchs. Irritiert trommelte er mit den Fingern auf die Tischplatte.

Seine Briefe hatte Sofia nicht beantwortet, und er wusste nicht einmal, ob sie zu ihr gelangt waren. Deshalb hatte er Andelmo vor ein paar Wochen nach London geschickt. Dort sollte der Mann feststellen, ob die Adresse stimmte, Sofia das Angebot vorlegen und ihre Antwort abwarten. Wenn sie sich für die falsche Antwort entschied, sollte er sie notfalls an den Haaren ins Piemont zurückschleifen.

Seither waren mehrere Wochen verstrichen, und Giancarlo hatte nur erfahren, es handle sich um die richtige Adresse und die Marchesa sei unauffindbar. Erbost seufzte er. „Schreiben Sie Andelmo, er soll in das Haus eindringen, nach Spuren suchen, die eventuell auf ihren derzeitigen Wohnort hinweisen, und einige Wertgegenstände entwenden oder zerstören.“ Das müsste sie aus der Reserve locken und seinem Handlanger die Suche erleichtern, wenn sie sich immer noch in London aufhielt. Wenn nicht, haben meine Briefe sie vielleicht in die Flucht geschlagen – oder zur Kapitulation bewogen, dachte Giancarlo.

Hoffentlich Letzeres … Er faltete das Telegramm zusammen und steckte es in die Tasche seines Jacketts. Allein schon der Gedanke an Sofia erhitzte sein Blut und weckte drängende Gelüste. Mit einer knappen Geste entließ er den Kammerdiener, dann den Sekretär mit der Anweisung: „Teilen Sie dem Koch meine Wünsche für das Abendessen mit, und verschaffen Sie mir Gesellschaft für heute Nacht, vorzugsweise eine Dame mit einer Schwester.“

Nachdem die beiden den Raum verlassen hatten, setzte er sich an den Schreibtisch und starrte vor sich hin. Wahrscheinlich würde Sofia zurückkommen. Die Frage lautete nur – wann? Bis seine Frau das Londoner Quartier zu beengt fand? Bis sie seine feudalen Wohnsitze vermisste? Wollte er so lange warten?

Ein Reihenhaus in Chelsea, hatte Andelmo ihm mitgeteilt. Wieso entschied sie sich für eine solche Unterkunft, obwohl sie an Paläste gewöhnt und mit Luxus überschüttet worden war? Vielleicht blieb ihr nichts anderes übrig, als ein Reihenhaus zu bewohnen. Wegen ihres ruinierten Rufs würde die gute Gesellschaft, die im exklusiven Stadtteil Mayfair residierte, sie nicht empfangen. Und in ihre jetzige Bleibe lud sie sicher niemanden ein.

Giancarlo grinste. Davor hatte er sie gewarnt. Einer geschiedenen Frau würde die Londoner Oberschicht den Rücken kehren. Möglicherweise konnte sie in Chelsea anonym und zurückgezogen leben. Wahrscheinlich legte man dort weniger strenge Maßstäbe an.

Wie beurteilte sie jetzt ihre grandiose Freiheit, nachdem sie drei Jahre lang geächtet worden war? Mittlerweile würde jede andere Frau ihn anflehen, er möge sie wieder aufnehmen.

Bedauerlicherweise hatte er Sofia falsch eingeschätzt und erwartet, sie würde schon nach kurzer Zeit reumütig zu ihm zurückkriechen. Die Szene, wie sie ihn auf Knien um Verzeihung bat, hatte er sich sogar mehrmals genüsslich ausgemalt. Andererseits – sie war eine ungewöhnliche Frau. Giancarlo rutschte rastlos auf seinem Stuhl umher, denn seine Erregung wuchs, während er an seine Gattin dachte – diese zauberhafte Haarpracht, die wie gesponnenes Gold über ihre Schultern floss, das herausfordernde Glitzern in ihren Augen, wenn er ihr seine Befehle gegeben hatte …

Bück dich, Sofia! Entblöße dich für meine Peitsche! Es sei denn, du ziehst es vor, dass Andelmo dir beim Ausziehen hilft. Die Strafe, die du dir mit deinem Ungehorsam einhandelst, kennst du …

Oft genug hatte er sich vergeblich bemüht, ihren Widerstand zu brechen. Ehe es ihm gelungen war, hatte sie ihn verlassen. Nicht nur das – sie hatte ihn herausgefordert und gewagt, davonzulaufen. Zweimal. Trotz der Strafen, die er ihr angedroht hatte.

Das hatte den Reiz des Spiels erhöht. Nie zuvor war eine so köstliche Beute in seine Fänge geraten. Niemals hatte er auch nur geahnt, dass das unschuldige junge Mädchen, das er geheiratet hatte, seine Gelüste dermaßen anstacheln würde.

Und jetzt? Wie würde Sofia reagieren, wenn er sie wieder in seine Gewalt brachte? Würde sie kämpfen? Um Gnade flehen?

Lächelnd drehte er seinen schweren Siegelring hin und her. Den würde er auf ihren hinreißenden Kampfgeist wetten. Diese Gewissheit erleichterte ihm die Geduldsprobe.

O ja, er würde sie finden, und all seine Mühe würde sich lohnen. Wenn ihr Haus an der Margaretta Terrace fast dem Erdboden gleichgemacht war, musste sie merken, welch harter Kampf ihr drohte.

An seinem Sieg zweifelte er nicht, weil er sich keine Niederlage leisten durfte. Zu viel stand auf dem Spiel. Vittorio Emanuele der Zweite, der neue König von Piemont-Savoyen, hatte ihm gegenüber seinen Unmut geäußert. Denn er misstraute einem geschiedenen Mann. Eine seiner ersten Maßnahmen war die Aufhebung eines Gesetzes gewesen, das sein Vater erlassen hatte, nämlich die Legalisierung von Scheidungen. Der fromme Monarch legte großen Wert auf ehrbare, verheiratete Aristokraten in seinem Reich. Und deshalb hatte er den Marchese di Cremona bei diversen Vergünstigungen übergangen.

Allerdings hatte Vittorio Emanuele der Zweite betont, das würde sich ändern, sobald der Marchese seine Gemahlin zurückgeholt habe. Giancarlos Angebot, eine andere zu heiraten, wurde abgelehnt. Der König war tiefreligiös, ein überzeugter Katholik. Für ihn kam die zweite Heirat eines geschiedenen Mannes der Sünde des Ehebruchs gleich. Nur die erste Frau des Marchese, seine einzige, würde das Problem lösen.

Und so waren die Gunst des Königs und die damit verbundenen Privilegien ein zusätzlicher Anreiz, der ihn sogar zu einer Reise in das verachtete England animieren könnte. Dort würde er seine widerspenstige Gattin einfangen und hart genug bestrafen, um ihr die rebellischen Ideen endgültig auszutreiben. An seinem Erfolg zweifelte er nicht, weil die Konsequenzen, die Sofia infolge ihrer Flucht erleiden würde, sogar der kühnsten Frau kalte Angst einjagen mussten.

Beklommen stand Sofia vor dem großen Spiegel in Helenas Schlafgemach. So elegant hatte sie schon lange nicht mehr ausgesehen – das kunstvoll geflochtene Haar hochgesteckt, Diamanten an den Ohren, in einem hellblauen schulterfreien Seidenkleid, nach der neuesten Mode geschnitten, aber so schlicht, wie es ihrem Geschmack entsprach.

Gewiss, sie war zufrieden mit ihrer Erscheinung, was sie allerdings nicht von ihrer Furcht befreite. „Nein, Helena, ich kann dich nicht zum Ball begleiten.“ Wehmütig drehte sie sich vor dem Spiegel hin und her, ließ den edlen Stoff um ihre Fußknöchel schwingen. Natürlich wäre es eine Schande, in einem solchen Kleid nicht Walzer zu tanzen. Diesen Tanz liebte sie.

Doch der Preis, den sie für das Vergnügen zahlen müsste, wäre zu hoch. Man würde die Frau, die sie im Spiegel sah, taxieren und über sie lästern, manche Gentlemen würden ihr eventuell in aller Heimlichkeit fragwürdige Anträge machen. Wenn sie die ablehnte, könnten sie ihr noch krassere Beleidigungen zumuten, als Wenderly es getan hatte. Und die Damen würden einander zuflüstern, sie versuche begehrenswerte Junggesellen von ehrbaren heiratsfähigen Mädchen wegzulocken. Eine sündige Verführerin würde man sie nennen und Schlimmeres.

Bei der Trauung in St. George’s hatte sie das bösartige Gemunkel zur Genüge über sich ergehen lassen müssen, und sie wollte solche Demütigungen nicht noch einmal verkraften.

Lächelnd saß Helena auf der Chaiselongue, streichelte ihren runden Bauch und zuckte unbeeindruckt die Achseln. „Erzähl mir bloß nicht, nach all den Jahren würden dich die Klatschmäuler immer noch stören! Das Mädchen, mit dem ich im Pensionat war, hat sich nie darum gekümmert, was die Leute dachten, schon gar nicht ein paar missgünstige alte Schachteln.“ Wie üblich wusste sie ganz genau, welchen Fehdehandschuh sie der Freundin hinwerfen musste.

„Klar, das ist mir auch jetzt egal. Aber sie sollten sich diskreter verhalten. Wie unverschämt, über mich zu reden, als wäre ich nicht da – als würde ich nicht hören, dass sie mich verunglimpfen, obwohl ich direkt vor ihnen stehe.“ Widerstrebend öffnete Sofia den Verschluss ihres Colliers aus Diamanten und Saphiren und legte es auf den Toilettentisch. Ohne Viscount Tauntons Hilfe hätte sie die Trauung nicht ertragen und wäre aus der Kirche geflohen. Aber er hatte neben ihr Platz genommen und sie gezwungen, bis zum Ende der Zeremonie durchzuhalten. Dieses gesellschaftliche Wagnis, sich zu ihr zu setzen, hätte sie ihm schlecht gedankt, wäre sie davongelaufen.

Und wie sie sich eingestand, war es ihr an der Seite eines Verbündeten leichter gefallen, die Tortur zu bewältigen. Sie griff nach einer Haarnadel und zog sie aus ihrer eleganten Zopfkrone. Je schneller sie ihren spontanen Entschluss verwirklichte, auf den Ball zu verzichten, desto besser.

„Taunton wird den Ball besuchen“, verkündete Helena, als die Zofe eintrat, das Ballkleid ihrer Herrin über einem Arm.

Unwillkürlich hielt Sofia inne. „Ja, selbstverständlich – immerhin ist er ein enger Freund der Familie“, erwiderte sie möglichst beiläufig und musterte Helena im Spiegel. Worauf will sie hinaus?

„Er wird mit dir tanzen.“ Schwerfällig rappelte sich die Schwangere von der Chaiselongue hoch und begann ihre eigenen Vorbereitungen für das Fest zu treffen. „Frederick ebenso. Diesem Beispiel zweier ehrenwerter Gentlemen werden andere folgen. Also wirst du nicht wie ein Mauerblümchen in der Ecke stehen. Und … Ich dachte, du magst Taunton?“

„Nun, ich erwäge ein Geschäft mit ihm, weil er mir von deinem Schwiegervater empfohlen wurde. Das ist alles“, betonte Sofia und wich dem Blick ihrer Freundin aus, die nicht zum ersten Mal versuchte, als Kupplerin zu agieren.

Die Zofe streifte ein grünes, mit Rosen bedrucktes Seidenkleid über den Kopf ihrer Herrin.

„Glaub mir, Taunton ist ein anständiger, tüchtiger Mann.“ Helenas Kopf tauchte im Ausschnitt des Ballkleids auf. „Jederzeit würde Frederick für ihn bürgen.“

„Ich muss mich vergewissern, ob er ein guter Geschäftsmann ist. Wenn es um Investitionen geht, gehörte die Alpakazucht keineswegs zu normalen Geldanlagen.“ Sofia beobachtete, wie Helena den Rockstoff über ihrem Bauch glättete und sich vor dem Spiegel seitwärtsdrehte, um ihre immer umfangreichere Silhouette kritisch zu mustern.

In diesem Moment beneidete Sofia ihre Freundin. Helena führte ein perfektes Leben in komfortabler häuslicher Sicherheit, mit einem liebevollen Ehemann und vier Kindern. Bald würde ein fünftes zur Welt kommen. Natürlich wünschte sie auch ihr ein solches Glück.

Aber davon konnte Sofia nur träumen. Diese Chance hatte ihr die Ehe mit Giancarlo verdorben. Und bei der Scheidung hatte sie ihre letzten Hoffnungen selbst begraben. Kein ehrenwerter Engländer würde eine geschiedene Frau von zweifelhaftem Ruf heiraten. Doch das strebte sie auch gar nicht an. Nie wieder würde sie ihre Freiheit einem Mann opfern.

„Ich möchte nicht mit Taunton tanzen. Sicher wäre es eine schlechte Idee.“ Weil er genau der Schwiegersohn war, den die Mamas junger Debütantinnen ersehnten – attraktiv, ehrenhaft, liebenswürdig, aristokratisch. Deshalb werden sie mich hassen, dachte Sofia, wenn ich die Aufmerksamkeit dieses idealen Heiratskandidaten von all den erwartungsvollen Töchtern ablenke. Um ihren Standpunkt zu unterstreichen, entfernte sie noch eine Nadel aus ihrem Haar und spürte, wie sich die Zopfkrone lockerte.

„Wenn nicht Taunton – wer dann?“ Helenas scharfer Blick schien sie zu durchbohren. „Und wann? Drei Jahre ist es her, Sofia. Willst du für dein restliches Leben in der Versenkung verschwinden?“

„Ja, genau das, und je eher du es akzeptierst, desto schneller würden wir das leidige Thema vergessen.“

Jetzt nahm Helenas Miene etwas sanftere Züge an. „Dafür bist du zu jung, meine liebe Freundin. Wirklich, du müsstest wieder heiraten und noch einmal von vorn anfangen.“

„Niemals mit einem Mann wie Taunton, der könnte sich meinesgleichen gar nicht leisten.“ Das meinte Sofia nicht in finanzieller Hinsicht, und Helena wusste es ebenso gut. Als Gatte der skandalumwitterten Marchesa würde jeder adelige junge Engländer mit gesellschaftlichen und politischen Ambitionen seine Zukunft aufs Spiel setzen.

Helena wandte sich ab, zupfte an ihren Röcken und schwieg eine Zeit lang. Aber sie gab sich keineswegs geschlagen. „Vielleicht ein Witwer auf dem Land, der nicht mehr allein sein will …?“, begann sie schließlich. „Da draußen werden die Gerüchte wohl kaum kursieren. Übrigens – Taunton ist kein Stadtmensch. Letztes Jahr war er nur ein paar Wochen in London, weil er nach dem Tod seines Vaters irgendwelchen Papierkram mit dem Anwalt erledigen musste. Soviel ich weiß, zieht er es vor, auf seinem Landgut zu leben.“

„Da er den Titel eines Viscounts geerbt hat, wird er seine Lebensweise ändern“, entgegnete Sofia, um die albernen Ideen der Freundin im Keim zu ersticken.

„So leicht gibt er seine Prinzipien nicht auf. Das würde nicht zu seinem Wesen passen, Sofia.“

Ein Klopfen unterbrach Helenas Versuch, ihr Interesse an dem Mann zu fördern, nicht nur im geschäftlichen Sinn.

„Soeben treffen die ersten Gäste ein, Mylady!“, rief ein Lakai durch die geschlossene Tür.

Helena spähte ein letztes Mal in den Spiegel. „Diesmal wird es sicher ein Mädchen. Der Bauch hat sich nach oben bewegt, ganz anders als bei den vier Jungen. Und ich bin schon im sechsten Monat viel dicker.“ Seufzend streckte sie eine Hand nach Sofia aus und wandte sich zu ihr. „Heute Abend werde ich zum letzten Mal ein Fest genießen. Für sehr lange Zeit … Danach darf ich mich nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen, ich würde unangenehm auffallen. Bitte komm mit mir, liebe Freundin“, flehte sie mit einem sanften, unwiderstehlichen Lächeln. „Wir zwei haben nichts zu verlieren, wenn wir zusammenhalten.“

Prompt geriet ihr Entschluss ins Wanken. Noch nie konnte ich ihr einen Wunsch abschlagen … „Also gut, ich begleite dich. Lass mich nur mein Haar ordnen und das Collier anlegen.“

Ja, sie musste Helena gegen die Klatschbasen verteidigen, die ihre Nasen rümpfen würden, weil sie sich noch immer nicht aus dem gesellschaftlichen Leben zurückgezogen hatte, obwohl sie hochschwanger war. Das war sie der Freundin schuldig, die ihr zuliebe einige Schwierigkeiten erduldete.

Bedrückt begann Sofia ihre Zopfkrone wieder festzustecken. Sie hätte Helenas Einladung, ihr in den Wochen bis zu Ferris’ Hochzeit Gesellschaft zu leisten, gar nicht annehmen dürfen. Zu spät hatte er erkannt, dass sie der Familie des Dukes schaden würde. Jetzt war sie verpflichtet, an dem großen Hochzeitsball teilzunehmen. Wenig später würde das junge Paar abreisen, die Flitterwochen auf den griechischen Inseln verbringen.

„Sehr gut.“ Helena atmete auf, sichtlich erleichtert, weil sie die Freundin doch noch umgestimmt hatte. „Versuch dich heute Abend zu amüsieren.“

Die stumme Botschaft war unmissverständlich. Das Letzte, was sie vorerst für mich tun kann – ein glanzvoller Ball …

Daraus sollte sie das Beste machen, bevor sie in die Anonymität ihres Reihenhauses zurückehren würde, zu der Nachbarschaft aus dem Mittelstand. Wochenlang war sie nicht in ihrem kleinen Heim gewesen, und sie vermisste es. Niemand in Chelsea wusste, wer sie war. Und die Leute kümmerten sich auch gar nicht darum. In der ruhigen Umgebung hatte sie ihre Zukunft geplant, ein neues Leben aufgebaut, eine gewisse Zufriedenheit gefunden. Abgesehen von ihren Geschäften hinter der Barnham-Fassade hatte sie für die Frauenwohlfahrt gearbeitet, in einem Waisenhaus und einer Schule ausgeholfen. Ein Anfang, bevor sie ihre größeren Träume verwirklichen würde …

Arm in Arm mit der Freundin stieg sie die breite Freitreppe aus Marmor hinab und neigte sich zu ihr. „Für mich warst du wunderbarer als die guten Feen in all den Märchen.“

Um Mitternacht wird das Märchen in der exklusiven Welt des Herzogs enden, dachte Sofia. Es war nur eine Illusion gewesen, wie so vieles andere. Doch das hatte sie stets gewusst.

5. KAPITEL

Hör endlich auf, über ihren Zauber zu staunen! Conall sah die Marchesa zum dritten Mal. Und wie zuvor nahm sie ihm den Atem. Sogar hier, in Cowdens opulentem Ballsaal, wo sich die schönsten, elegantesten Frauen von London drängten, fesselte sie sein Augenmerk, sobald sie an Helenas Arm eintrat. „Umwerfend“, murmelte er.

Dass er seine Gedanken ausgesprochen hatte, erkannte er erst, als Frederick neben ihm lachte.

Autor

Bronwyn Scott
Bronwyn Scott ist der Künstlername von Nikki Poppen. Sie lebt an der Pazifikküste im Nordwesten der USA, wo sie Kommunikationstrainerin an einem kleinen College ist. Sie spielt gern Klavier und verbringt viel Zeit mit ihren drei Kindern. Kochen und waschen gehören absolut nicht zu ihren Leidenschaften, darum überlässt sie den...
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