Jo - wir lieben dich

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Noch nie zuvor hat die Innenarchitektin Jo Montgomery einen Mann so heiß begehrt wie den smarten John Sterling. Wie in einem sinnlichen Rausch erlebt sie in seinen Armen einen Höhepunkt nach dem anderen. Nur einen Schönheitsfehler hat ihre Beziehung: John hat drei Kinder - und Jo will Karriere machen …
  • Erscheinungstag 02.06.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733757410
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Das Telefon schrillte. Jo Montgomery schreckte auf, ohne den Blick vom Bankauszug auf ihrem Schreibtisch zu lösen. ÜBERZOGEN. Stirnrunzelnd nahm sie den Hörer ab. „Montgomery Group Interiors. Jo am Apparat.“

„Hier spricht John Sterling“, meldete sich der Anrufer. „Meine Sekretärin hat letzte Woche mit Ihnen gesprochen wegen eines Auftrags, den Sie für mich übernehmen sollen.“

Jo versuchte fieberhaft, sich zu erinnern. Ihr wichtiger Termin mit den Pattersons heute Nachmittag hatte andere Projekte in den Hintergrund gedrängt. Nette Stimme, dachte sie.

Sie schob den Bankauszug zur Seite und suchte in ihren Akten. „Ja, Mr. Sterling, ich habe meine Notizen vor mir. Wohnhaus am Kings Court 69, sechshundert Quadratmeter.“ Langsam kam die Erinnerung zurück. John Sterling, Architekt aus Atlanta, hatte sich kürzlich in Savannah niedergelassen. „Ihre Sekretärin bemerkte, dass umfangreiche Arbeiten notwendig seien.“

„Ja“, bestätigte John Sterling, „Möbel, Tapeten, Fenster – alles.“ Diese Stimme! „Ich kenne die Straße“, sagte Jo. „Wann könnte ich vorbeikommen, um Ihnen die Muster zu zeigen, Ihnen … und Ihrer Frau?“

Einige Sekunden war es still, und Jo nahm an, der Mann würde im Kalender nachsehen. „Ich bin Witwer“, sagte er leise.

Mit Bedauern in der Stimme erwiderte Jo: „Das tut mir leid.“

„Warum kommen Sie nicht heute vorbei und sehen sich das Haus an?“ Sein Tonfall war wieder geschäftsmäßig. „Wir können uns dann in ein paar Tagen treffen, um alles genauer zu besprechen.“

Heiratsfähig, gut situiert, erfolgreich, und eine sehr sexy Stimme. Natürlich hatte sie Alan, sie war also nicht interessiert. Aber wenn John Sterling passabel aussah, wäre ihre Freundin Pamela sicher begeistert.

„Werden Sie da sein?“, fragte Jo.

„Nein, aber meine Kinder und das Kindermädchen.“

Jo zuckte zusammen. Sie war nie besonders wild auf Kinder gewesen, und bei ihrem letzten Auftrag hatte sie alle Hände voll zu tun gehabt, um den üblen Streichen der fünfjährigen Tyndale-Drillinge zu entkommen „K-Kinder?“, stammelte sie, wobei sie sich um einen fröhlichen Tonfall bemühte.

„Ja“, bestätigte John Sterling, und seine Stimme bekam einen warmen Klang. „Aber keine Angst – meine Kinder sind wahre Engel.“

Jo warf instinktiv die Arme hoch, bevor eine Sekunde später eine Wasserbombe an ihrer Brust explodierte. Nach Luft schnappend, taumelte sie rückwärts. Ihr lachsfarbener Seidenmantel klebte an ihrer Haut, die sorgfältig ausgewählten Broschüren und Muster flatterten um sie herum in die Pfützen, völlig ruiniert. Betreten starrte Jo in das eulenartige Gesicht des blonden kleinen Mädchens, das regungslos vor ihr im Türeingang stand. Die grünen Augen verschwanden fast hinter dicken Brillengläsern.

Hinter dem Mädchen erscholl Kriegsgeschrei, und Jo sah starr vor Staunen, wie zwei kleine Wilde um eine Frau mittleren Alters herumhüpften, die auf einem Stuhl festgebunden war. Jeder mit einem Eimer voll Wasserbomben bewaffnet, bewarfen sie abwechselnd ihr Opfer. Wasser rann an den Wänden des großen, unwohnlichen Raums herab auf den Holzfußboden. Farbige Gummireste, darunter auch Zweige des künstlichen Weihnachtsbaums, der verlassen in der Ecke stand, waren im Raum verteilt.

„Hilfe“, schrie die Frau und zerrte mitleiderregend an ihren Fesseln.

Jo strich überflüssigerweise mit den Händen über ihren triefenden Mantel und wandte sich an das bebrillte Mädchen. „Was um alles in der Welt geht hier vor sich?“

Die Kleine schien hauptsächlich daran interessiert zu sein, dass das Buch, das sie in ihrer Armbeuge hielt, in dem Getümmel trocken blieb, trat aber achselzuckend zur Seite, um Jo eintreten zu lassen. „Die Jungs spielen mit Miss Michaels.“

„Helfen Sie mir“, flehte Miss Michaels mit vor Furcht aufgerissenen Augen und wand sich in ihrem Stuhl, um einem neuen Ballon auszuweichen, der auf dem Boden zerplatzte. „Retten Sie mich vor diesen Monstern.“

Diese sprangen schreiend und singend mit nackten, bemalten Oberkörpern umher und schienen von Jos Eintreten keine Notiz zu nehmen. Daraufhin holte diese eine silberne Pfeife aus ihrer Tasche und blies mit voller Kraft.

Die Jungs waren augenblicklich still.

„Wow“, sagte der ältere Junge und starrte Jo ehrfurchtsvoll an. „Kann ich die haben?“

„Nein“, erwiderte Jo schroff. Sie versuchte, ihre Enttäuschung über die unerwartete Situation zu verbergen, und fragte mit ruhigerer Stimme. „Was ist hier los?“ Die Hände auf den Hüften, blickte sie von dem Mädchen zu dem älteren Jungen.

Der rothaarige Junge erwiderte murrend: „Es ist nur ein Spiel. Miss Michaels sagte, wir könnten sie festbinden.“

Jo sah auf die Frau, deren dunkles Jerseykleid an ihrem zerbrechlichen Körper klebte, ihr grau meliertes Haar hing in nassen Strähnen um ihren Kopf. Sie blickte Jo zerknirscht an. „Ich wusste nicht, dass sie Wasserbomben hatten, und ich dachte nicht, dass Jamie …“

„Ich heiße Peter“, brüllte der ältere Junge mit funkelnden Augen.

„Entschuldige“, sagte die Frau hastig, dann fügte sie mit leiser Stimme zu Jo gewandt hinzu, „Jamie denkt, er sei Peter Pan. Wie auch immer“, fuhr sie mit lauterer Stimme fort, „ich hätte nicht gedacht, dass Peter so gut Knoten binden kann.“

Jamie-Peter grinste mit stolz erhobenem Kinn. „Pfadfindertraining“, erklärte er.

Jo wandte sich an Miss Michaels. „Sind Sie Mr. Sterlings Kindermädchen?“

„Ja. Und wer sind Sie?“

Jo blickte auf die Unterlagen, die sie an der Tür fallen gelassen hatte, und fuhr sich mit der Hand durch ihr feuchtes kurzes Haar. „Mr. Sterlings Innenarchitektin. Ich nehme an, das sind seine Kinder?“

Miss Michaels nickte. „Claire ist neun, Jamie …“

„Ich heiße Peter!“

„Peter ist sechs, und der kleine Billy fast drei.“ Als er seinen Namen hörte, streckte der blonde Billy bestätigend drei schmuddelige Finger in die Höhe, dann versteckte er sich hinter Jamie und lugte auf Jo.

Jo schaute Jamie streng an und deutete mit dem Kopf auf Miss Michaels. „Binde sie los.“

Der Junge hielt ihren Blick fest und stellte zunächst ihre Autorität infrage. „Sie sind nicht meine Mutter.“ Seine grünen Augen blitzten empört.

Jo fühlte aufwallendes Mitleid mit dem Jungen, wusste aber, dass es unklug wäre, dies zu zeigen, wenn man Autorität aufbauen wollte – und sie konnte auf eine Wiederholung des Desasters mit den Tyndale-Drillingen verzichten. Sie ging auf Jamie zu und richtete sich mit verschränkten Armen zu voller Größe auf. „Aber ich bin größer als du“, sagte sie sanft, dann bellte sie, „also beweg dich!“

Zu ihrer Verwunderung gehorchte er. Der Eimer mit den Wasserbomben fiel krachend zu Boden, als er vorwärts sprang, um mit verblüffender Fingerfertigkeit die Knoten am Handgelenk der Frau zu lösen. Innerhalb von Sekunden war Miss Michaels frei.

Erstaunlich beweglich für ihr Alter sprang die Kinderfrau auf, verschwand im Kleiderschrank, um Hut und Mantel zu holen, kramte den Autoschlüssel aus ihrer Handtasche und sagte über die Schulter hinweg zu Jo: „Sie gehören Ihnen, viel Glück.“ Draußen war sie.

Es dauerte eine Weile, bis die Worte der Frau in Jos Bewusstsein drangen. Ihr Magen drehte sich um. „Wie bitte? Warten Sie mal.“ Jo lief der Frau hinterher. „Das meinen Sie nicht ernst. Sie können nicht einfach weggehen.“

Miss Michaels aber saß bereits im Auto, ließ den Motor an und röhrte aus der Ausfahrt.

Von Panik erfasst, drehte Jo sich um und sah, wie die drei Kinder zusammengekauert auf der Schwelle in der warmen Januarsonne saßen und sie argwöhnisch anblickten. War John Sterlings lukrativer Auftrag diese zusätzliche Plage wert? Jo schluckte und versuchte den Angstschweiß zu ignorieren, der sich in ihrem Nacken bildete. Das Einzige, was sie über Kinder wusste, war, dass sie nichts wusste. „Kind“ war für sie immer nur ein Wort mit vier Buchstaben gewesen.

„Miss Michaels war ein zimperliches Kindermädchen“, erklärte Jamie. „Genau wie die andern beiden.“

„Wir kennen Sie nicht“, sagte Claire vorsichtig, streckte eine Hand nach Billy aus und zog ihn näher zu sich. „Und wir sollen nicht mit Fremden reden.“

Jo versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Das Letzte, was sie jetzt brauchen konnte, waren drei hysterische Kinder. Mit einem berufsmäßigen Lächeln ging sie betont lässig zu den Kindern zurück.

„Mein Name ist Jo. Jo Montgomery. So, jetzt bin ich keine Fremde mehr.“

Jamie erwiderte spöttisch: „Jo ist ein blöder Name für ein Mädchen.“

„Es ist eine Kurzform von Josephine. Übrigens kenne ich ein Mädchen, das Jamie heißt.“

„Ich heiße Peter!“, schrie er.

Claires Kinn hob sich. „Wir wollen einen Ausweis sehen, Sie könnten ja eine Entführerin sein.“

Jo lachte trocken. Die einzige Person, bei der es noch unwahrscheinlicher wäre, dass sie ein Kind entführte, war ihr Freund Alan. Sie öffnete die Handtasche, zog ihren Ausweis hervor und reichte ihn Claire. „Siehst du?“

Claire runzelte die Stirn, offenbar noch nicht befriedigt. „Was werden Sie mit uns machen?“

Jo wechselte von einem Fuß auf den andern in der vergeblichen Hoffnung auf eine göttliche Eingebung. „Wann kommt euer Vater nach Hause?“

Claire zuckte mit den Schultern. „Gewöhnlich gegen sieben.“

Jo schaute auf die Uhr. Halb drei, und sie hatte eine Verabredung mit den Pattersons um vier. „Dann wollen wir ihn anrufen und ihn bitten, früher heimzukommen, ja?“ Mit einer unbeholfenen Handbewegung versuchte sie, die kleine Schar ins Haus zu bugsieren.

Eine Berührung am Knie ließ sie zusammenfahren, und sie sah hinunter in Billys große grüne Augen. Unter all der Kriegsbemalung war er vermutlich ein niedliches Kind. Er zog an seinen ausgebeulten Baumwollshorts, der einzigen Bekleidung, die er trug. Jo fröstelte. „Es ist zwar warm heute, aber immer noch Winter. Wo sind deine Sachen?“

„Kaka macht“, verkündete er mit ernster Miene und streckte die Arme hoch.

Jo verdrehte die Augen. Das auch noch.

Sie bückte sich, hob das Kind vorsichtig hoch und ging ins Haus. Die Duftwolke nahm ihr fast den Atem.

„Claire, Billy braucht eine neue Windel“, sagte Jo und versuchte mit spitzen Fingern, ihn abzusetzen. Aber der Kleine hielt sich an ihrem Nacken fest.

„Neeeiiinn“, schrie er. Seufzend richtete Jo sich wieder auf.

„Er ist schwierig“, bemerkte Claire überflüssigerweise und schob ihre Brille auf der Nase zurecht.

„Geh doch einfach und hol eine Windel“, sagte Jo, wobei sie mit einer Hand nach John Sterlings Visitenkarte kramte. Jamie ging ihr voran zum Telefon in der Küche. Auf dem Weg dorthin ließ Jo ihren geübten Blick im Haus umherwandern.

Die zwei Wörter, die ihr in den Sinn kamen, waren „groß“ und „kahl.“ Die Räume waren gut geschnitten, aber Jo hatte noch nie einen derartigen Mangel an Farbe und Stil gesehen. Die Holzfußböden waren fantastisch, die Sockel und Decken mit wundervollen Ornamenten verziert, aber die spärliche Möblierung wirkte trist und unwohnlich, die Wände waren nackt.

„Er möchte, dass Sie das Haus wohnlicher machen“, hatte John Sterlings Sekretärin ihr gesagt. Ziemliches Kunststück, dachte Jo, als diese sich am Telefon meldete.

„Hallo Susan, hier ist Jo Montgomery von Montgomery Group Interiors. Ich möchte Mr. Sterling sprechen.“ Jo verlagerte Billys Gewicht etwas tiefer auf ihre Hüfte und fühlte, wie ihr der Schweiß den Rücken herunterlief.

„Mr. Sterling ist nicht da, kann ich ihm eine Nachricht hinterlassen?“

Jo holte tief Luft. „Ich bin in seinem Haus, und das Kindermädchen hat gerade gekündigt. Er muss sofort nach Hause kommen.“ Ein Schmerz im linken Ohrläppchen ließ ihr fast schwarz vor Augen werden. „Au“, schrie sie, und hielt Billys Hand fest, der an ihrem Ohrring zog.

„Mr. Sterling ist unterwegs im Flugzeug von Fort Lauderdale. Er wird nicht vor …“, sie machte eine Pause, und Jo hörte Papier rascheln, „18.15 Uhr in Savannah ankommen“, säuselte Susan.

Jo sagte bestimmt: „Ich habe in eineinhalb Stunden eine wichtige Verabredung – was soll ich tun?“

„Ich habe nicht die geringste Idee“, flötete Susan.

Jo holte tief Luft und machte noch einen Versuch. „Haben Sie eine Liste mit Babysittern, die Mr. Sterling engagiert?“ Jo sah hoch und bemerkte, wie Jamie, ein Plastikschwert schwingend, auf dem Couchtisch stand, das Ende eines Vorhangs in der Hand, und die Entfernung zum Boden abschätzte. „Jamie!“, schrie sie.

„Ich heiße Peter“, brüllte dieser und sprang vom Tisch. Der Vorhang krachte herunter und begrub ihn unter sich.

Jo ließ den Hörer fallen und sprang hinüber zu dem Jungen. „Alles in Ordnung?“, fragte sie atemlos.

Nach einem schrecklichen, reißenden Geräusch erschien Jamies grinsender Kopf. „Das war super.“

Jo schnaubte. „Komm raus und setz dich ruhig hin, bis ich fertig bin mit Telefonieren.“ Sie eilte zurück zu dem hängenden Hörer. „Sind Sie noch da?“

„Ja“, sagte Susan mit unschuldiger Stimme.

„Also, haben Sie eine Liste mit Babysittern?“

„Ich hatte eine.“

„Sie hatten eine?“

„Ich bekam eine kurze Liste, bald nachdem Mr. Sterling in die Stadt gezogen war. Jetzt gibt es keine Tagesmutter mehr in der Stadt, die die Jungen nehmen will.“

„Sie machen Scherze.“

„Nein, das ist die Wahrheit.“

„Nun, wenn Sie mir nicht helfen wollen, werde ich selbst jemanden finden.“

„Viel Glück“, sagte Susan und legte auf.

Claire erschien mit leeren Händen. „Die Windeln sind alle.“

Jo schloss die Augen und zählte bis zehn. „Claire, gibt es einen Nachbarn, bei dem ihr für ein paar Stunden bleiben könnt, bis euer Vater heimkommt?“

Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Wir dürfen nicht zu den Nachbarn gehen.“

„Nicht einmal im Notfall?“

Claire schüttelte den Kopf noch heftiger. „Sie haben Schilder aufgestellt, dass Jamie draußen bleiben soll.“

„Ich heiße Peter.“

„Sie haben Schilder aufgestellt?“

Claire nickte. „Ja.“

„Ich werde es wahrscheinlich bedauern, gefragt zu haben, aber warum?“

„Er hat Rauchbomben in die Mülltonnen geworfen.“

„Pfadfindertraining“, unterbrach Jamie stolz.

„Claire, hast du eine Liste von Babysittern, die dein Vater engagiert?“

„Hinten im Telefonbuch.“

Jo nahm das Telefonbuch und schlug die Rückseite auf. Etwa fünfzehn Namen standen handgeschrieben unter „Babysitter“, aber alle waren mit einem schwarzen Filzschreiber ausgestrichen. Jo entschied sich, es dennoch zu probieren.

„Hallo?“

„Hallo“, sagte Jo freundlich. „Ist dort Carla?“

„Ja“, sagte das Mädchen vorsichtig.

„Mein Name ist Jo Montgomery, und ich suche einen Babysitter für die Kinder von John Sterling …“

Klick.

„Hallo?“, fragte Jo. „Hallo?“

Nachdem sie von den beiden nächsten Babysittern dieselbe Antwort bekam, sah Jo nervös auf die Uhr. Wenn sie die Verabredung um vier verpasste, würde sie den größten Auftrag ihres Lebens aufs Spiel setzen und möglicherweise ihr ganzes Geschäft ruinieren.

Die Kinder bei Susan abzuliefern, würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen, da John Sterlings Büro auf der anderen Seite der Stadt lag.

Völlig entnervt rief Jo nochmals Susan an, um ihr mitzuteilen, dass sie die Kinder mit in ihr eigenes Büro nehmen würde, und hinterließ Adresse und Telefonnummer.

„Okay, Kinder“, erklärte sie übertrieben fröhlich. „Ihr kommt mit mir.“

„Das geht nicht“, sagte Claire mit ernstem Gesicht. „Wir dürfen nicht mit Leuten gehen, die wir nicht kennen.“

Jo nickte geduldig. „Und das ist auch sehr klug. Aber wie die Dinge liegen, habe ich keine andere Wahl, als euch mitzunehmen. Hör mal, warum schreiben wir nicht eine Notiz für deinen Papa und legen sie ihm hin für den Fall, dass er heimkommt, bevor wir zurück sind, okay?“

Claire dachte nach, dann sagte sie in förmlichem Ton. „Aber ich werde die Notiz schreiben.“

„Prima“, sagte Jo mit einem Blick auf die bemalten Oberkörper der Jungen. „Und ich werde die beiden waschen. Wo ist das Badezimmer?“

Jamie ging voran, eine gewundene Treppe hinauf in ein Schlafzimmer mit zwei Betten auf dem Fußboden, das aussah, als hätte darin ein Orkan gewütet. „Das ist unser Zimmer“, erklärte er. „Meins und Billys.“

Jo lächelte etwas gequält beim Anblick dieser Unordnung. Spielzeug lag zerbrochen und verstreut am Boden, das Bettzeug war völlig durcheinander, die Wände voller Dellen und Flecken von Schuhen, Kreide und Filzstiften. Leere Saftkartons und Chiptüten pflasterten den Boden, auf einem zerbrochenen Tisch in der Ecke blubberte ein Aquarium mit verdächtig dunkelrotem Wasser.

Jo bahnte sich einen Weg durch das Chaos ins Badezimmer. Dort hing ein Duschvorhang an drei Ringen, der Spiegel über dem zahnpastabespritzten Waschbecken war zerbrochen, die Löcher über dem vorhanglosen Fenster deuteten auf ein weiteres von Jamies Abenteuern hin.

„Also los“, rief Jo gespielt fröhlich, „raus aus den Klamotten und unter die Dusche.“

„Wir duschen nicht, wir baden immer“, sagte Jamie mit verschränkten Armen.

Erst als Jo ihm vorflunkerte, dass Peter Pan auch immer duschte, ließ Jamie sich dazu herab, Shorts und Unterwäsche auszuziehen. Er ballte alles zu einem Knäuel, das er direkt an ihrem Kopf vorbei ins Kinderzimmer feuerte, und sprang fröhlich in die Wanne.

„Wo ist die Seife?“, fragte sie.

„Unter meinem Bett“, murrte er, „müssen wir Seife benutzen?“

Jo ging seufzend ins Kinderzimmer, griff unters Bett und schrie entsetzt auf, als ihre Hand an etwas Warmes, Pelziges stieß, das nach ihr schnappte.

„Was ist los?“, rief Jamie.

„Eine Ratte!“ Jo sprang kreischend auf einen Stuhl.

Jamie kicherte. „Das ist nur Tinker, mein Hamster.“ Er bückte sich und nahm das Tier auf.

Mit schlotternden Knien stieg Jo vom Stuhl herunter, griff nochmals beherzt unters Bett und seufzte erleichtert, als ihre Hand sich um ein Stück staubige Seife schloss. Sie ging ins Bad und schnappte sich Billy, um ihm endlich die volle Windel auszuziehen. Von dem entsetzlichen Geruch drehte sich ihr Magen um.

„Puuuu!“, kreischte Jamie unter der Dusche.

„Puu“, kicherte Billy und steckte seine Finger in den stinkenden Haufen.

„Nein!“, schrie Jo und ergriff sein Handgelenk. „Ich glaub’ das alles nicht“, murmelte sie.

„Bist du fertig, Jamie?“

„Ich heiße Peter!“, brüllte er.

„Bist du fertig?“

„Jaaa“, sagte er, und stieg auf die Badematte, die Jo auf den Boden gelegt hatte.

Jo sah auf seinen immer noch farbbekleckerten Körper und wies mit dem Daumen in Richtung Wanne. „Zurück, Mister, und einseifen bitte.“ Sie stellte Billy unter die Dusche und befahl Jamie, nach ihm zu sehen, während sie auf die Suche nach einer Bürste ging. Mit Claires Hilfe fand sie eine im Abstellraum. „Kannst du bitte einen Waschlappen holen und dich um Billy kümmern?“, sagte Jo, rollte ihre Ärmel hoch und rannte zurück ins Bad. „Ich übernehme Jamie.“

„Wie viel?“, fragte Claire, ohne mit der Wimper zu zucken.

Jo drehte sich um. „Was wie viel?“

„Wie viel zahlst du mir?“

Jos Kinnlade fiel herunter. „Bezahlen? Du scherzt, ja?“

Claire schürzte die Lippen und schüttelte langsam den Kopf.

Mit einem Blick auf die Uhr entschied Jo, die Moralpredigt, die sie auf der Zunge hatte, zu verschieben. „Ein Dollar.“

„Zwei Dollar.“ Nach einigem Hin und Her einigte man sich auf einen Dollar und fünfundsiebzig Cents.

„Bar im Voraus“, sagte Claire und hielt ihre kleine Hand auf.

Seufzend holte Jo ihre Handtasche und zählte die Münzen in Claires Hand. „Wie ich sehe, haben wir einen künftigen Anwalt in der Familie. So, jetzt sollten wir zusehen, dass wir deine Brüder gewaschen kriegen.“

Jamie gab einen ohrenbetäubenden Gesang von sich, und aus Billys Mund kam eine riesige Seifenblase. Als er lachte, folgten weitere Seifenblasen.

„Er hat in die Seife gebissen“, unterbrach Jamie seinen Gesang.

„Oh, mein Gott!“ Jo schrie auf und ergriff Billy bei den Schultern. „Wir müssen den Notdienst rufen.“

„Das macht ihm nichts aus“, erklärte Claire ungerührt, „das hat er schon mal gemacht.“

Jo versuchte mühsam, sich zu beruhigen. „Gehen wir an die Arbeit.“

„Auuuuu!“, schrie Jamie, als Jo die Bürste über seinen Rücken schrubbte.

„Halt still“, befahl diese und schrubbte unter seinen Protesten rücksichtslos alle Farbreste von seinem Körper, während Claire versuchte, den protestierenden Billy abzuwaschen.

Jo sah auf die Uhr. Noch 45 Minuten, und die Fahrt würde 15 Minuten dauern.

Claire hatte zwei Handtücher gefunden, und bald waren die Jungen trockengerubbelt, ihre Haut glänzte rosarot.

„Zieh dich an“, befahl Jo Jamie.

„Wir haben keine Windeln mehr für Billy“, erinnerte Claire.

Jo stöhnte. „Such ein weißes Tuch.“

Es dauerte eine Weile, bis Jo eine geeignete Methode gefunden hatte, das Tuch um den strampelnden Billy zu wickeln. „Solltest du nicht schon sauber sein?“, knurrte sie den Kleinen an.

„Er ist schwierig“, wiederholte Claire.

„Ich bin fertig.“ Gekleidet in einen grünen Jogginganzug à la Peter Pan, stand Jamie stolz da, die Arme in die Seiten gestemmt, um den Kopf hatte er ein schwarzes Tuch gebunden, das den Rücken herabhing.

„Was will er mit dem Tuch?“, fragte Jo flüsternd Claire.

„Das ist sein Schatten“, flüsterte diese zurück. „Weißt du denn gar nichts über Peter Pan?“

Jo räusperte sich verlegen und wies Claire an, Sachen für Billy zu suchen. Dann scheuchte sie alle nach unten. Eilig fügte sie Claires Notiz einige Zeilen hinzu, dann schloss sie die Haustür mit einem Schlüssel, den Claire an einer Kette um den Hals trug.

Als Jo ihren Sportwagen aufschloss, stutzte Claire. „Wo ist der Kindersitz?“

Jo blinzelte. „Kindersitz?“

„Für Billy, er braucht einen Kindersitz.“

Jo kaute an ihrer Unterlippe. „Wirklich?“

Jamie runzelte angewidert die Stirn. „Bist du keine Mami?“

Mit dem dummen Gefühl, gerade die schlimmste Beschimpfung erfahren zu haben, erwiderte Jo mit hochgezogenen Augenbrauen: „Nein, wie du siehst, bin ich keine Mami.“

„Wir haben noch einen Kindersitz im Haus“, schlug Claire vor und rückte ihre Brille zurecht.

Es folgten noch zwei weitere Gänge zurück ins Haus, um Billys Schmusedecke zu holen und ein Buch für Claire.

Als endlich alle im Auto saßen, blieben Jo noch elf Minuten. Kaum hatte sie den Motor angelassen, bimmelte ihr Autotelefon.

Es war ihre Tante. „Josephine, wo zum Teufel bleibst du?“

„Ich bin auf dem Weg, Hattie. Sind die Pattersons angekommen?“

„Ja, gestiefelt und gespornt.“

„Sie sollen warten – ich bin in ein paar Minuten da.“

„Jo, wie war der Sterling-Termin?“

In diesem Moment fiel Billys Schmusedecke auf den Boden, gefolgt von einem schauerlichen Gebrüll des Kleinen.

„Jo? Höre ich ein Baby?“

„Schsch“, raunte Jo Billy zu. Eine Hand am Lenker und ein Auge auf der Straße, streckte sie sich so weit sie konnte nach hinten, kam aber nicht an die Decke heran, ohne Leib und Leben zu riskieren.

„Jo? Bist du noch da?“

Billys Geschrei wuchs zum Crescendo an. „Hattie“, keuchte Jo. „Ich bin gleich da.“ Sie knallte den Hörer auf und versuchte Billy zu trösten, der wütend um sich schlug.

Ein Blick in den Rückspiegel überzeugte sie, dass weder von Claire, die ihre Nase im Buch hatte, noch von Jamie, der damit beschäftigt war, dem Mädchen im Nachbarauto Grimassen zu schneiden, Hilfe zu erwarten war. Beide schienen an die Wutanfälle ihres kleinen Bruders gewöhnt zu sein.

Bei der nächsten roten Ampel öffnete Jo ihren Gurt und holte die Decke, aber Billy war nicht gewillt, die Herrschaft über sein Publikum aufzugeben. Das Auto zu ihrer Linken hupte, und Jo sah, dass die Frau am Steuer ihr Fenster heruntergeleiert hatte. „Sie können wohl Ihre Kinder nicht unter Kontrolle halten? Dieser Junge macht meiner Kathy Angst.“

„Jamie!“, rief sie über Billies Schreien hinweg.

„Ich heiße Peter.“

„Hör auf, Grimassen zu schneiden.“

Jamie setzte sich beleidigt zurück, dann brüllte er „Bi-Ba-Butzemann.“

„Was?“, fragte Jo in jammerndem Ton.

„Sing ‚Bi-Ba-Butzemann‘“, schrie Jamie, „das ist Billys Lieblingslied.“

Jo rollte mit den Augen und erklärte kategorisch: „Ich singe nicht.“ Aber Minuten später, als Billy schon blau angelaufen war, seufzte sie und begann, tief und falsch zu singen.

Billy hörte sofort auf und sah Jo erwartungsvoll an.

„Du musst auch die Bewegungen machen“, fügte Jamie mit gelangweilter Stimme hinzu.

Jo lehnte sich nach vorne und begann, mit dem Kopf langsam gegen das Lenkrad zu schlagen.

2. KAPITEL

John Sterling machte es sich in seinem Erste-Klasse-Sitz bequem und steckte einen Kaugummi in den Mund, um den Ohrendruck zu mildern. Hinter ihm begann ein Kind zu schreien, und er hoffte, die Mutter wäre in der Lage, es zu beruhigen. Gleich darauf schüttelte er über sich selbst den Kopf. Als sei er der Super-Vater, der andern schlaue Ratschläge geben könnte!

Die Gesichter seiner Kinder zogen vor seinem inneren Auge vorbei – Claire und Billy, die beiden Blondköpfe, und Jimmy, kastanienrot wie er selbst. Sein Herz tat einen Sprung, wie immer, wenn er an seine Rasselbande dachte. Als die Maschine normale Höhe erreichte und die Drinks serviert wurden, schob er eine Kreditkarte in das Telefon an seinem Vordersitz und nahm den Hörer ab. Nach fünf Freizeichen ertönte Jamies raue, kindliche Stimme:

„Hier ist der Anschluss der Sterlings und des großen Peter Pan. Hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Pfeifton, und mein Daddy wird Sie zurückrufen.“

Autor

Stephanie Bond

Das erste Buch der US-amerikanischen Autorin Stephanie Bond erschien im Jahr 1995, seitdem wurden über 60 Romane von ihr veröffentlicht. Ebenfalls schrieb sie Bücher unter dem Pseudonym Stephanie Bancroft. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, beispielsweise erhielt sie 2001 den RITA-Award. Im Jahr 1998 bekam Stephanie Bond den “Career Achievement...

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