Julia Ärzte Spezial Band 5

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TURNER, ICH LIEBE SIE von KATE HARDY
Dr. Jack Sawyer ist fassungslos, als Dr. Miranda Turner an seiner Stelle den begehrten Chefarztposten in der Kardiologie bekommt. Doch sie ist nicht nur eine herausragende Ärztin, sondern auch die faszinierendste Frau, die ihm je begegnet ist. Ehe er sich‘s versieht, hat er sein Herz verloren ...

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  • Erscheinungstag 20.05.2022
  • Bandnummer 5
  • ISBN / Artikelnummer 8203220005
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Kate Hardy, Marion Lennox, Helen Shelton

JULIA ÄRZTE SPEZIAL BAND 5

PROLOG

Unmöglich, den Wagen in diese winzige Parklücke neben dem massiven Betonpfeiler zu rangieren. Seb würde sie allein schon wegen eines Schmutzflecks auf seinem kostbaren Wagen umbringen, von einem Kratzer ganz zu schweigen. Und eine Beule erst … dafür auch. Aber ganz langsam.

Vielleicht hätte sie doch nicht kommen sollen. Es war ein Fingerzeig des Schicksals. Wenn sie den Job hätte haben sollen, hätte ihr Wagen keinen Platten gehabt, es wäre genug Zeit zum Parken am Calderford General Hospital gewesen, und zudem wäre sie kurz hinter Edinburgh nicht geblitzt worden!

„Geschieht dir nur recht, Miranda Turner, wenn du glaubst, du könntest zu deinen eigenen Bedingungen nach Haus zurückkehren“, murmelte sie vor sich hin.

Sie bekam fast einen Herzschlag, als unerwartet jemand an ihre Scheibe klopfte. Und es dauerte eine Ewigkeit, ehe sie die Scheibe heruntergekurbelt hatte.

„Ist alles in Ordnung. Kommen Sie zurecht?“ erkundigte sich eine tiefe Stimme.

Den Ton kannte sie genau! Warum fährt die Frau einen solchen Wagen, wenn sie damit nicht umgehen kann? Immer, wenn sie Sebs Auto benutzte, die gleiche Reaktion – entweder verspotteten die Männer sie oder setzten alles daran, sie zu überholen.

Andererseits … vielleicht war dies die glückliche Unterbrechung ihrer Pechsträhne. Sie lächelte zuckersüß. „Ich weiß, das ist keine Entschuldigung“, schnurrte sie buchstäblich, „aber es ist nicht mein Auto. Und ich war schon immer so schrecklich schlecht im Einparken.“ Sie zupfte geziert an ihrem Haar. „Und diese Lücke ist wirklich so wahnsinnig knapp bemessen!“

Er sah sie ungläubig an, dann besah er sich die Parklücke. „Zugegeben, ein wenig eng ist es“, kam die großmütige Antwort.

Sie klimperte mit den Wimpern. „Es ist mir peinlich, so etwas zu fragen … aber könnten Sie vielleicht …?“ Hoffentlich war er scharf darauf, hinter dem Steuer eines MG Roadster zu sitzen.

Er war es. „Selbstverständlich.“

Dankbar schnappte sie sich ihre Handtasche und hüpfte aus dem Wagen. Und musste mit ansehen, wie er den Wagen im Handumdrehen eingeparkt hatte. Locker und passgenau. Warum konnte sie das eigentlich nicht? Nun, Parklücken waren der reine Horror für sie – seit dem Tag nach ihrer Führerscheinprüfung, als sie sich den Wagen ihrer Mutter ausgeliehen und ihm beim Einparken eine kräftige Schramme verpasst hatte. Ihr Vater war die Wände hochgegangen.

„Danke“, sagte sie, als er ihr die Wagenschlüssel gab. „Ich weiß das wirklich zu schätzen.“

„War mir ein Vergnügen. Besuchen Sie hier jemand?“

So könnte man sagen, dachte Miranda. Sie lächelte ihn an. „Hmm.“

„Der Eingang ist dort drüben. Am Empfang kann man Ihnen sagen, wo die Station ist, zu der Sie wollen“, erklärte er ihr freundlich und deutete auf das große Gebäude am anderen Ende des Parkplatzes. „Und Sie brauchen einen Parkschein – Schwarzparker werden unbarmherzig zur Kasse gebeten.“

Nun fühlte sie sich richtig mies. Er war absolut kein Macho, sondern ein sympathischer Kerl, der ihr aus dem Schlamassel half. Ein netter Mann mit einem tollen Lächeln und …

Schluss damit! rief sie sich zur Ordnung. Sehr wahrscheinlich würde sie ihn nie wiedersehen. So wie ihr Tag begonnen hatte, würde sie nicht lange in dieser Gegend bleiben, geschweige denn in Calderford. Und mit Männern hatte sie nichts im Sinn. Seit Rupert waren ernsthafte Beziehungen für sie gestorben.

„Vielen Dank für die Warnung“, sagte sie leichthin.

Die Zeit drängte, sie konnte sich jetzt nicht noch einen Schein holen. Andererseits bekam sie den Job wahrscheinlich sowieso nicht, ein paar Minuten Verspätung machten da auch nichts. Sie konnte froh sein, dass man sie überhaupt zum Vorstellungsgespräch eingeladen hatte. Denn Ralph Turner, Leiter der Klinik und Chef der Pädiatrie, würde niemals zulassen, dass sein einziges Kind eine Stelle als Chefarzt der Kardiologie bekleidete. Nicht in seinem Krankenhaus.

Achselzuckend eilte sie Richtung Parkautomat.

1. KAPITEL

„Ich weiß wirklich nicht, warum wir hier dumm herumsitzen und auf sie warten.“ Jack presste ärgerlich die Lippen zusammen. „Ich habe Visite. Und ich möchte mir Imogen Parker ansehen.“

„Es ist Miss Turners erster Tag, und sie hat dieses Treffen aller Kardiologiemitarbeiter einberufen“, erinnerte ihn Stationsschwester Leila Ward. „Offenbar möchte sie sich uns vorstellen und das Team kennen lernen.“

„Ja. Falls sie jemals auftauchen sollte.“

Leila tätschelte ihm die Hand. „Hör auf zu maulen. Ich weiß, du bist enttäuscht, weil sie den Job bekommen hat, aber gib ihr wenigstens eine Chance.“

„Gut.“ Jack verdrehte die Augen. „Aber vergesst nicht, über wen wir reden. Ihr Dad ist Leiter des Calderford General.“

„Möglicherweise ist sie nett. Möglicherweise auch extrem kompetent. Möglicherweise sogar besser als du“, betonte Leila. „Vielleicht hat sie deswegen den Job bekommen.“

Vielleicht könnte das entscheidende Wort sein.“ Jack seufzte, als er die Gesichter seiner Kolleginnen und Kollegen sah. „Okay, okay, sie bekommt ihre Chance. Aber wenn sie zu spät kommt oder unfähig ist oder es sich herausstellt, sie hat den Job nur bekommen, weil sie die Tochter des Chefs ist, erwartet nicht von mir, dass ich den Mund halte, ja?“

„Wäre nicht schlecht, wenn du ihn jetzt zumachst“, mahnte Leila, als die neue Chefärztin den Raum betrat.

Doch Jack blieb der Mund offen stehen.

Sie war es. Die Frau mit dem Sportwagen. Die, die nicht einparken konnte.

Das hilflose Weibchen.

Nur … diesmal wirkte sie absolut nicht hilflos. Sie trug ein Businesskostüm, wenn auch mit einem kurzen Rock. Ihr schimmerndes dunkles Haar war elegant im Nacken zusammengebunden, und auf der Nase saß eine Brille mit schmalem Metallgestell. Falls sie überhaupt Make-up benutzte, dann so dezent, dass es nicht sichtbar war. Sie wirkte ernst, fleißig – und kompetent.

Oder hatte das Weibchen eine Zwillingsschwester? Als sie sich im Raum umblickte, verriet nichts, dass sie ihn erkannte – und sicherlich würde sie sich doch an jemand erinnern, der ihr erst letzte Woche auf dem Parkplatz aus der Klemme geholfen hatte, oder?

Er presste die Lippen fest aufeinander. Oder sie war es einfach gewohnt, andere Menschen zu benutzen. Dafür brauchte sie sich keine Gesichter zu merken. Egal, er war sowieso nicht an Miranda Turner interessiert.

Muss ausgerechnet mein edler Ritter auf meiner Station arbeiten? dachte Miranda. Denn das bedeutete, sie musste sehr, sehr vorsichtig vorgehen.

Nein. Sie würde einfach ehrlich sein. Irgendwelche Spielchen überließ sie lieber ihrem Vater.

Sie holte tief Luft.

„Guten Morgen, allerseits. Danke, dass Sie es alle geschafft haben herzukommen – und ich verspreche auch, ich werde Sie nicht lange aufhalten. Ich wollte mich nur richtig vorstellen. Ich bin Miranda Turner, und ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen hier am Calderford General.“ Sie lächelte. Nun kam der Knackpunkt. „Sehr wahrscheinlich haben Sie bereits erraten, dass Ralph Turner mein Vater ist. Glauben Sie mir, ein Vorstellungsgespräch mit jemand zu führen, der allerlei peinliche Dinge über einen weiß, ist der reinste Albtraum! Glücklicherweise war er wegen unserer Verwandtschaft bei dieser Personalentscheidung nicht stimmberechtigt.“ Sie hoffte, damit Gerüchte zum Schweigen bringen, sie wäre nur durch ihre Beziehung zu dem begehrten Posten gekommen.

Wieder lächelte sie.

„Einen von Ihnen habe ich bereits kennen gelernt, auch wenn ich es zu der Zeit noch nicht wusste.“ Sie deutete auf ihren Helden. „Er hat mich errettet, als ich leider den Schuhlöffel vergessen hatte und meinen Wagen nicht in die zentimeterbreite Parklücke bugsieren konnte.“

Zu ihrer Erleichterung lachten sogar einige der Anwesenden.

„Ich kann Ihnen versichern, in meinem Beruf bin ich besser als beim Einparken. Ich freue mich wirklich, mit Ihnen zu arbeiten … und lade alle herzlich am Freitagabend um sieben zu einem kleinen Umtrunk ins Calderford Arms ein, um Sie ein wenig besser kennen zu lernen.“ Sie schaute sich um. Keine offene Feindseligkeit – bis auf ihren Retter. Sein Gesicht war zwar ausdruckslos, aber seine Augen blickten keinesfalls freundlich.

„Einige von Ihnen mögen befürchten, ich könnte nach dem Motto vorgehen, neue Besen kehren gut, und tief greifende Veränderungen durchsetzen. Ein solcher Aktionismus ist nicht mein Stil“, fuhr sie fort. „Die letzten sieben Jahre habe ich auf der Kardiologie in Glasgow gearbeitet und kann zwar sicher ein paar neue Ideen einbringen, aber ich denke, von Ihnen lerne ich ebenfalls. Ich halte viel von Teamarbeit und hoffe, Sie betrachten mich in erster Linie als Mitglied des Teams.“

Unwillkürlich schaute sie wieder zu ihrem Retter hinüber. Sein Gesicht verriet deutlich, den Gefallen würde er ihr nicht tun. Sie seufzte stumm. Zeit. Mit der Zeit würde sich das geben. „Ich danke allen. Im Verlauf des Tages werde ich mich noch einmal persönlich mit jedem von Ihnen unterhalten.“

Sie war gut. Das musste er ihr zugestehen. Nutzte die Parklückengeschichte als amüsanten Einstieg. Nicht schlecht. Und sie versuchte es eindeutig auf die freundliche Tour, lud alle zu einem Drink ein. Dennoch konnte er ihr die Lüge nicht verzeihen. Hatte so getan, als wolle sie jemanden besuchen. Hätte sie nicht wenigstens sagen können, sie müsse zu einem Vorstellungsgespräch?

Ein Vorstellungsgespräch für denselben Job, für den er sich auch beworben hatte. Den er nicht bekommen hatte. Und wann würde er wohl wieder eine Gelegenheit haben, seiner Familie zu beweisen, dass sich all ihre Opfer gelohnt hatten? Vielleicht in ein paar Monaten, wenn Miss Turner anfing sich zu langweilen und alles wieder hinwarf? Vielleicht aber auch länger, wenn er ihr doch gefiel oder ihr Vater wollte, dass sie blieb … Er seufzte stumm. Er wusste, er musste flexibel sein, wenn er schnell Karriere machen wollte – und bereit fortzugehen, sobald sich die Gelegenheit bot. Aber wie konnte er Calderford verlassen?

„Hallo.“

Das hörte sich unsicher an. Jack verhärtete sein Herz und nickte ihr kurz zu. „Miss Turner …“

„Miranda, bitte“, sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen. „Und ich wollte mich entschuldigen. Wegen der Sache mit dem Wagen.“ Sie verzog das Gesicht. „Vorstellungsgesprächsnervosität.“

„Ja.“ Unwillkürlich ergriff er ihre Hand, um sie zu schütteln. Im nächsten Moment wünschte er, er hätte es nicht getan. Es war wie ein Stromstoß.

Oh nein. Nein, nein, nein! Zwischen ihnen würde nichts laufen. Er würde nicht einmal anfangen, in solchen Begriffen zu denken. Selbst wenn sie nicht seine Chefin wäre. Sie lebten in verschiedenen Welten, und der Lebensstil der Reichen und Verwöhnten lag ihm nicht. Erlebt hatte er sie, aber auf die bittere Tour erfahren müssen, dass er in ihren Kreisen fehl am Platz war. Jessicas Worte hatten sich in sein Gedächtnis gebrannt und seinen Stolz niedergemacht. Ihr Gekicher klang ihm noch in den Ohren, als sie zu ihren Freundinnen sagte: Jack? Ja, er sieht wirklich wahnsinnig aus, doch Mummy hat Recht. Falsche Familie. Für vergnügliche Stunden ist er toll, aber kein Mann zum Heiraten.

Plötzlich wurde ihm bewusst, er hielt noch immer Mirandas Hand. Als hätte er sich verbrannt, ließ er abrupt los. Sie sollte nur nicht denken, dass er sie anziehend fand!

„Tut mir leid, ich habe nicht ganz mitbekommen, was Sie sagten …“

„Nur, dass ich Ihnen für Ihre Hilfe wirklich dankbar war.“

Es hörte sich aufrichtig an. Und ihre Körpersprache unterstrich die freundlichen Worte. Nun fühlte er sich schrecklich. Vielleicht war Miranda Turner doch nicht die harte, egoistische Tochter aus gutem Hause, wie er angenommen hatte. Oder seine Menschenkenntnis versagte. Sie mochte im Augenblick nett sein. Aber das war Jessica auch gewesen.

„Und ich würde Sie gern bei Ihrer Visite begleiten, Dr. Sawyer, wenn Sie nichts dagegen haben.“

Sie hatte seinen Namen auf dem Schild am Kittel gelesen und schien jetzt darauf zu warten, dass er ihr anbot, ihn beim Vornamen zu nennen. Nun, darauf würde sie noch ein wenig warten müssen. Erst musste er richtig einschätzen können, ob sie den Job wirklich verdiente.

„Und ich halte mich dabei gern etwas im Hintergrund. Schließlich kennen Sie die Patienten und das Personal besser als ich.“

„Natürlich.“

„Wollen wir?“

„In Zimmer eins haben wir Imogen Parker. Diagnostiziert wurde eine instabile Angina pectoris“, sagte Jack.

Instabile Angina. Nein. Oh nein! Warum musste ausgerechnet ihr erster Fall auf der Station sie mit dieser Krankheit konfrontieren? Miranda riss sich zusammen. Für Erinnerungen und Gedanken an May war jetzt war nicht der Zeitpunkt. Ihre Patientin ging vor.

Bei einer Angina pectoris, bekannt auch als Herzenge, wurde der Herzmuskel nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Schmerzen und Atemnot unter Belastung, zum Beispiel beim Treppensteigen, waren die Folge. In schweren Fällen wie der instabilen Angina traten selbst im Ruhezustand diese Symptome auf.

„Bei der Einlieferung ließen wir ein EKG schreiben. Ein Belastungs-EKG hatte die Patientin bereits kurz zuvor bei ihrem Hausarzt gemacht. Beide zeigten normale Werte“, fuhr Jack fort.

„Was ist mit Bluttests?“

Jack nickte. „Sind in Ordnung. Diabetes oder Anämie können ebenfalls ausgeschlossen werden“, ergänzte er.

„Was ergab die Herzkatheteruntersuchung?“ fragte Miranda. In solchen Fällen gehörte es zum Standard, Herz und Herzkranzgefäße zu röntgen.

„Sie zeigt eine leichte Verengung mancher Gefäße.“

„Bekommt sie Nitroglyzerin?“ Das Mittel sorgte für Gefäßerweiterung und damit für bessere Durchblutung.

„Darauf reagiert sie mit Kopfschmerzen, daher geben wir Betablocker“, sagte Jack. „Ihr Hausarzt macht sich Sorgen, weil die Medikamente nicht richtig anschlagen und sie auch im Ruhezustand noch Schmerzen hat.“

„Sie erwägen einen Eingriff?“

„Unter Umständen.“

Sie betraten den Raum. „Guten Morgen, Miss Parker“, grüßte Jack lächelnd. „Ich möchte Ihnen unsere neue Chefärztin vorstellen, Dr. Turner.“

„Miranda, bitte“, korrigierte sie sogleich. „Darf ich?“ Sie deutete auf die Bettkante.

„Aber natürlich, Doktor“, sagte die alte Dame.

„Darf ich Sie Imogen nennen?“

Imogen nickte.

Miranda setzte sich und nahm die Hand der alten Dame. Imogen Parker war in ungefähr dem Alter, in dem May jetzt gewesen wäre. Ende siebzig. „Wie fühlen Sie sich heute, Imogen?“

„Gar nicht so schlecht“, erwiderte Imogen ruhig.

Ihr aschgraues Gesicht passte nicht dazu. Jack blätterte kurz in den Unterlagen. „Sie hatten heute Nacht wieder zwei Anfälle?“

„Ach, es war nicht so schlimm.“ Imogen winkte ab. „Ich mag die Schwestern nicht in Anspruch nehmen. Sie haben so viel zu tun.“

„Sie werden noch viel mehr zu tun bekommen, wenn es Ihnen schlechter geht und Sie nicht Bescheid gesagt haben“, erklärte Miranda. Genau das hatte May getan. „Imogen, glauben Sie mir, es ist wirklich keine Belästigung, wenn Sie sie rufen. Sie sind hier, um Ihnen zu helfen.“

„Wann darf ich wieder nach Haus?“

„Das kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen“, erklärte Miranda. „Dr. Sawyer und ich müssen uns erst über Ihre Medikamente unterhalten. Und überlegen, was wir gegen die wiederkehrenden Schmerzen unternehmen können. Haben Sie zu Hause jemanden, der auf Sie aufpasst?“

„Meine Floss – mein kleiner Hund. Sie hasst das Tierheim.“

Jack und Miranda tauschten einen Blick. „Wenn Sie mir sagen, wo sie ist, rufe ich an und erkundige mich, wie es ihr geht“, versprach Miranda.

„Wirklich?“ Imogens Augen schimmerten feucht. „Vielen Dank. Das ist wirklich lieb von Ihnen.“

„Das tue ich gern.“ Miranda drückte ihr die Hand. „Wir sehen uns dann später noch einmal. Und wenn es Ihnen nicht gut geht, sofort den Knopf drücken, ja?“

„Ich verspreche es.“

„Danke. Möchten Sie noch etwas hinzufügen, Jack?“

Er schüttelte den Kopf. „Bis nachher, Miss Parker.“

Als sie wieder im Flur standen, fragte Miranda: „Hat sie Verwandte in der Nähe?“

„Es gibt da eine Großnichte, die jeden Tag entweder anruft oder vorbeikommt. Aber sie hat drei kleine Kinder.“

„Imogen kann also nicht bei ihr wohnen. Weder ist es der Nichte zuzumuten, noch wird die alte Dame dort genügend Ruhe finden, um wieder gesund zu werden.“

„Wollen Sie wirklich im Tierheim anrufen?“ fragte Jack.

„Wenn sie sich echte Sorgen macht, kann das zu einem neuen Anfall führen“, sagte Miranda. Einen anderen Grund brauchte Jack nicht zu wissen – dass sie an Imogen wieder gutmachen wollte, was sie bei May versäumt hatte. „Vielleicht fahre ich selbst hin und bringe Imogen ein Foto ihres Hundes mit, damit sie sich nicht so allein fühlt.“

Das war eindeutig nicht das Verhalten, das er erwartet hatte. Ihn beschlich das unangenehme Gefühl, dass er Miranda Turner unterschätzt hatte.

„Als Nächstes haben wir Sidney Patterson. Er hat ein Aortenaneurysma“, fuhr er dann fort, als sie vor Zimmer zwei standen. „Zeigte keine typischen Symptome, aber sein Hausarzt fand bei der jährlichen Routineuntersuchung Verdächtiges und schickte ihn gleich zur Computertomographie. Die Ausbuchtung der Hauptschlagader misst rund sieben Zentimeter im Durchmesser, deswegen haben wir für Freitagnachmittag eine OP angesetzt.“

Miranda nickte. Aneurysmen dieser Größe konnten jederzeit reißen und waren daher lebensgefährlich. Sie warf einen Blick auf die Unterlagen. „Der typische Kandidat, nicht wahr? Mitte fünfzig, männlich, Bluthochdruck, Arterienverkalkung.“ Sie machte eine Pause. „An meinem letzten Arbeitsplatz führten wir mehrere Operationen ohne offenen Eingriff durch. Entweder endoskopisch oder über einen Katheter in der Leistenarterie, mit dem wir einen Stent an Ort und Stelle transportierten“, beschrieb sie die Gefäßstütze, die dazu diente, das Blutgefäß offen zu halten.

„Um das Aneurysma zu entlasten“, meinte Jack nachdenklich. „So etwas würde ich mir gern einmal aus direkter Nähe ansehen. Hier nehmen wir nur offene Eingriffe vor.“

„Im Prinzip auch richtig. Die minimalinvasive Chirurgie befindet sich immer noch im Experimentalstadium. Aber für die Zukunft können wir solche Therapien ins Auge fassen.“

Wie war das mit dem neuen Besen? dachte er. Sie versucht sich wirklich als Spitzenmedizinerin darzustellen. „Wenn der ärztliche Leiter es gestattet“, erinnerte er sie.

Sie lächelte schief. „Da wird noch eine Menge Überzeugungsarbeit zu leisten sein.“

„Na, dafür sind Sie doch genau die Richtige, oder?“ Jack konnte sich die Bemerkung einfach nicht verkneifen.

Sie zuckte unmerklich zusammen, sodass er sein Verhalten sofort bedauerte. Genauso gut hätte er sagen können, dass sie den Job nur ihrem Vater zu verdanken hatte.

Eine Antwort bekam er nicht. Miranda Turner betrat das Krankenzimmer. Genau wie Imogen nahm sie auch Sid sofort für sich ein.

„Bei Ihnen komme ich also unters Messer, Dr. Turner?“ erkundigte er sich nach der ersten Begrüßung.

„Ich fürchte, nicht“, sagte sie freundlich. „Dr. Sawyer wird Sie in seine fähigen Hände nehmen – ich assistiere nur.“

Sie würde ihm assistieren? Seit wann? Oder wollte sie beweisen, dass sie Kompetenzen nicht einfach an sich riss?

„Erzählen Sie mir, Mr. Patterson, was tun Sie, um Ihren Blutdruck niedrig zu halten?“

„Ich nehme meine Tabletten“, entgegnete er schulterzuckend.

„Und wie oft vergessen Sie sie?“ Ihr verschmitztes Lächeln machte Eindruck auf den Patienten.

„Oh, warten Sie … hab ich vergessen“, scherzte Sid.

„Achten Sie auf Ihr Cholesterin?“

„Darum kümmert sich meine Frau. Den gebratenen Speck vermisse ich allerdings.“

„Gelegentlich schadet er Ihnen nicht. Diät zu halten ist nicht leicht“, meinte sie verständnisvoll, „und wenn Sie eine Aufmunterung brauchen, gönnen Sie sich ab und zu den Genuss. Wichtig ist, dass er gegrillt, mager und ohne Fettrand ist und Sie Vollkornbrot dazu essen.“ Ein Blick auf seine Hände folgte. „Wie steht es mit Rauchen? Ich muss Ihnen doch nicht damit in den Ohren liegen, dass Sie auf Zigaretten verzichten müssen, oder?“

„Meine Tochter hat meinen nicht unbeträchtlichen Vorrat weggeworfen“, bekannte er düster. „Bei uns in der Familie raucht niemand, da riechen sie den Qualm sofort und würden mir die Hölle heiß machen!“

„Das klingt, als seien Sie wirklich in guten Händen“, lobte sie.

Anschließend machte Jack sie mit den anderen Patienten bekannt.

„Was halten Sie von einer Tasse Kaffee und einer kurzen Besprechung?“ meinte Miranda, nachdem die Visite beendet war.

„Gern.“

„Wie trinken Sie Ihren Kaffee?“

„Schwarz, ohne Zucker.“

„Genau wie ich. Gut. Das macht das Leben einfacher.“ Sie füllte zwei Becher und reichte ihm einen. „Mein Büro?“

„Einverstanden.“

War sie penetrant oder nur tüchtig? Am liebsten hätte er sich für das Erste entschieden, ahnte aber, dass eher Letzteres stimmte. Noch schlimmer, er bewunderte sie sogar dafür. Warum konnte Miranda Turner nicht eine ganz normale Person sein? Warum die Tochter des Chefs? Und warum musste sie ausgerechnet auf seiner Station auftauchen und ihn durcheinander bringen?

„Also, Sid wird am Freitag operiert. Jane wartet auf die Untersuchung, ob sie eine neue Herzklappe braucht. Joe steht unter Beobachtung, und Martyn geht nach Haus“, zählte sie die Fälle an den Fingern ab.

Eindeutig tüchtig, dachte Jack. Sie vergeudet keine Worte.

„Bleibt Imogen übrig.“ Sie blätterte die Krankenakte durch. „Ihre Angina ist instabil, und sie spricht auf die Medikamente nicht an. Wir haben zwei Möglichkeiten – Bypass und Angioplastie.“

„Ballonaufdehnungen müssen mitunter wiederholt werden, während ein Bypass bessere Symptomkontrolle bietet.“

„Eine Bypass-Operation hält sie länger im Krankenhaus. Sie wird sich noch mehr Sorgen um ihren Hund machen. Sorgen erhöhen den Blutdruck …“

„… und das Infarktrisiko.“

„Bedenken wir ihr Alter und die Tatsache, dass nur wenige Blutgefäße verengt sind, tendiere ich zu einer Angioplastie.“

„Und wenn es nicht funktioniert?“

„Dann können wir immer noch einen Bypass legen.“ Sie blickte ihn ruhig an. „Halten Sie einen Bypass für die bessere Lösung?“

Er schüttelte den Kopf. „Wir machen, was Sie vorschlagen.“

„Nein, wir sind ein Team. Wir einigen uns auf das, was für den Patienten am besten ist. Für persönliche Eitelkeiten ist da kein Platz.“

„Das ist mir durchaus bewusst“, erwiderte er knapp.

Sie kniff die Augen halb zusammen. „Ich mag keine Spielchen, Dr. Sawyer. Wenn Sie ein Problem mit mir haben, heraus damit, hier und jetzt.“

„Ist das so offensichtlich?“

„Dass Sie etwas gegen mich haben? Ja. Auch wenn ich nicht weiß, was Sie gegen mich aufgebracht hat – abgesehen von der Parkplatzsache. Aber dafür habe ich mich bereits entschuldigt. Außerdem war es eine Situation, von der beide einen Vorteil hatten.“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Sie hatten Ihren Spaß daran, den schnittigen Wagen einzuparken, und ich bin mit dem Leben davongekommen. Seb hätte mich umgebracht, wenn auch nur ein winziger Kratzer im Lack gewesen wäre.“

Ihr Freund? Auch wenn es ihn nichts anging, wollte er es doch wissen. „Seb?“

„Mein Nachbar in Glasgow.“

Sein Herz machte einen Satz. Kein Grund, erleichtert zu sein, ermahnte er sich.

„Mein Wagen wollte nicht anspringen. Seb hatte Mitleid mit mir und lieh mir seinen Roadster. Nicht ohne mir einzuschärfen, in welchem Zustand ich ihn zurückbringen müsse.“

Sah er da Schalk in ihren Augen? Er war sich nicht sicher. „Sie nennen die Dinge gern beim Namen, oder?“

„Es macht das Leben leichter.“

„Okay. Dann sollen Sie auch wissen, dass ich mich ebenfalls um die Stelle beworben hatte.“

„Und Sie glauben, ich habe sie bekommen, weil mein Vater Ralph Turner ist?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Sie denken es.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe den Job meiner Fähigkeiten wegen bekommen, nicht dafür, wer ich bin.“

„Auf der Visite hörte es sich so an, als wüssten Sie, wovon Sie reden.“

„Nun, vielen Dank für Ihr Vertrauen“, sagte sie trocken.

„Entschuldigung, das kam falsch heraus. So war es nicht gemeint.“ Er seufzte. „Wir hatten wohl einen schlechten Start.“

„Hören Sie, mir tut es leid, dass Sie den Posten nicht bekommen haben, aber ich hoffe, wir arbeiten trotzdem gut zusammen. Aus meiner Sicht habe ich einen hervorragenden Oberarzt an meiner Seite, der genau weiß, was er tut. Ich habe nicht vor, Ihre ärztliche Vorgehensweise infrage zu stellen. Sie können weiterhin Arzt sein und Klinikpolitik anderen überlassen. Also, lassen Sie uns neu anfangen. Vielleicht können wir einfach damit beginnen, dass wir uns mit Vornamen ansprechen.“ Sie hielt ihm die Hand hin. „Ich bin Miranda Turner. Freut mich, Sie kennen zu lernen, Jack.“

„Ich freue mich auch, Sie kennen zu lernen, Miranda.“ Jack ergriff die dargebotene Hand. „Ich habe Ihren Lebenslauf gelesen. Wenn er mich nicht überzeugt haben sollte, die Visite zeigte, Sie beherrschen Ihr Metier.“

Ihm fiel auf, sie bestand nicht auf einer förmlichen Entschuldigung. Sie lächelte ihn nur kurz an. „Danke.“

Wieder geriet sein Herz aus dem Takt. Jack versuchte es zu ignorieren. Sie waren Kollegen, nichts weiter.

Nachdem sie ihre Notizen übertragen und Jack einen OP-Termin festgesetzt hatte, war es fast Mittag.

„Sicher treffen Sie sich mit Ihrem Vater zum Essen?“ fragte Jack.

„Sie machen Witze!“ Er meinte kurz Entsetzen in ihrem Gesicht zu sehen, dann wurde es ausdruckslos. „Ich bezweifle, dass er dazu Zeit hat.“

„Nicht einmal an Ihrem ersten Arbeitstag?“

„Würden Sie von ihm erwarten, dass er mit jedem neuen Chefarzt an dessen erstem Tag zu Mittag isst?“

„Nun, das wohl nicht. Aber Sie sind seine Tochter.“ Seine Mutter hätte es getan. Sein Vater … Nun, Jack versuchte nicht an ihn zu denken. Aber jeder normale Vater würde es wohl tun, oder?

„Hier bin ich Ärztin. Die Familie bleibt außen vor.“

Eine unfreiwillige Entscheidung? Oder hatte sie darauf bestanden? „Was also machen Sie jetzt?“

„Ich dachte, ich unternehme einen kleinen Spaziergang, schnappe ein wenig frische Luft. Vielleicht esse ich ein Sandwich.“

Er zuckte mit den Schultern. „In ungefähr zwanzig Minuten gehe ich in die Kantine, falls Sie Lust haben mitzukommen.“

„Wollen Sie nur nett sein, oder meinen Sie es so?“

Da musste er lächeln. „Sie nennen die Dinge wirklich beim Namen.“

„Und?“

Er war ein wenig überrascht, aber … „Ich meinte es so.“

„Gut. Sie können mir verraten, was man in der Kantine nicht essen sollte. Und da es mein erster Tag hier ist, lade ich Sie ein.“

„Einverstanden.“

Miranda warf Jack einen Blick zu, als sie einen Schluck Kaffee trank. Die Fronten schienen geklärt, nun konnten sie zusammen arbeiten.

Vergiss nicht, es handelt sich um eine berufliche Beziehung, ermahnte sie sich. Ja, Jack Sawyer war durchaus attraktiv, mit tiefgründigen dunklen Augen, leicht gebräunter Haut und einem Lächeln, das ihr Herz schneller schlagen ließ. Sein Mund versprach leidenschaftliche Küsse, und seine Hände … die schlanken Finger mit den wohlgeformten Nägeln regten ihre Fantasie an. Wie sie sich wohl auf ihrer Haut, in ihrem Haar anfühlten …?

Sie wischte die Gedanken beiseite. Wichtig war ihre Karriere. Alles andere nicht.

Jack hielt seinen Becher mit beiden Händen umschlossen. Es war verrückt. Er wollte keine feste Beziehung. Und selbst wenn, dann bestimmt nicht mit seiner Chefin.

Dennoch … Reiß dich zusammen, ermahnte er sich. Es spielte keine Rolle, ob ihre Augen die Farbe der See an einem Wintertag hatten. Oder ihr Mund sinnliche Freuden versprach. Du darfst nicht einmal daran denken, wie es wäre, ihn zu küssen, die Finger in ihre herrlichen Haare zu schieben, darin zu wühlen … Konzentrier dich darauf, dass sie dein Boss ist. Jede Intimität wäre beruflicher Selbstmord. Du hast hart geschuftet, um so weit zu kommen. Also, Hände weg, sonst verdirbst du dir alles!

2. KAPITEL

Als Miranda am Dienstagmorgen ihren Dienst antrat, kam es ihr vor, als hätte sie schon eine Ewigkeit im Calderford General gearbeitet. Das gesamte Team in der Kardiologie schien sie als Mitglied zu akzeptieren, Jack eingeschlossen, und die Stationsroutine wurde ihr rasch vertraut.

Nach der Angina-Sprechstunde machte sie nur eine kurze Frühstückspause, um rechtzeitig im OP zu sein. Kurz bevor Imogen ihre Prämedikation erhalten sollte, klingelte ihr Telefon.

„Miranda Turner.“

„Hi, Miranda, ich bin es, Jordan Francis.“

Es konnte nur einen Grund geben, warum der OP-Koordinator anrief. „Hi, Jordan. Sagen Sie nicht, mein Zwei-Uhr-Termin macht Probleme.“

„Leider doch.“

„Ein Notfall?“

„Nein …“

Klang das schuldbewusst?

„Jordan, ich weiß, es ist nicht Ihre Schuld, aber wir brauchen diesen OP-Termin. Wenn es keinen Notfall gibt, warum wird uns der Termin entzogen?“

„Der Prof braucht ihn.“

„Warum?“

Jordan schien sich zu winden. „Er … benötigt den Operationssaal für eine Präsentation.“

„Tatsächlich?“ sagte sie gereizt. „Wahrscheinlich hat er Ihnen auch erzählt, ich hätte bestimmt nichts dagegen, stimmt’s?“ Sie runzelte die Stirn. Eigentlich hätte sie wissen müssen, dass ihr Vater ihr Knüppel zwischen die Beine werfen würde. Na schön, sie würde ihm zeigen, dass sie sich nicht mehr herumstoßen ließ. „Jordan, es tut mir leid. Ich hätte es nicht an Ihnen auslassen sollen. Danke, dass Sie mir Bescheid gesagt haben. Wann ist der nächste freie zweistündige Termin?“

„Freitagmorgen, halb zehn. Soll ich ihn reservieren?“

„Ja, bitte. Und, Jordan …“

„Ja?“

„Sollte jemand versuchen, ihn für sich zu beanspruchen, außer es ist ein Notfall, möchte er sich mit mir in Verbindung setzen, ja?“

„Klar.“ Ein kurzes Zögern. „Miranda … hätten Sie Lust, mit mir irgendwo ein Glas zu trinken? Oder einen Happen zu essen?“

„Gern.“

„Morgen?“

„Da passt es mir leider nicht. Wie wäre es mit Montag?“

„Großartig. Ich bestelle einen Tisch … sagen wir, um sieben? Mögen Sie italienische Küche?“

„Auf jeden Fall. Danke. Wir unterhalten uns noch darüber.“

Sie beendete das Gespräch, rief die Sekretärin ihres Vaters an und verlangte ihn zu sprechen.

„Er hat gerade Besuch, Miranda.“

„Es dauert nur ein paar Sekunden, Ally. Versprochen. Und es ist dringend. Sonst würde ich nicht darum bitten.“

„Okay. Weil Sie es sind.“

Eine Sekunde später erklang seine barsche Stimme. „Miranda, ich habe jetzt keine Zeit. Ich muss zu einer Präsentation.“

„Ich weiß. Die meinen OP-Termin gekippt hat.“

„Reg dich nicht gleich auf, es ist nur eine Angioplastie. Reiner Routineeingriff. Du kannst ihn jederzeit durchführen.“

„Meine Patientin leidet unter instabiler Angina.“ Hatte er May so schnell vergessen? „Bekommt sie vor der Angioplastie einen Herzinfarkt, muss ich einen Notbypass legen, und das möchte ich ihr ersparen.“

„Das ist nicht wahrscheinlich. Du machst zu viel Wirbel darum.“

„Zu Recht, Professor.“

„Rede nicht in einem solchen Ton mit mir“, tadelte er streng. „Ich bin dein Vater.“

„Wir sind hier im Krankenhaus. Da bin ich in erster Linie Ärztin und erst in zweiter deine Tochter.“

„Miranda, für so etwas habe ich keine Zeit!“

Sie wusste genau, was er meinte. „Du hast meinen Namen auf der Liste gesehen und gedacht, ich mache am wenigsten Schwierigkeiten, wenn ich meinen Termin hergeben muss. Irrtum. Ich erwarte genau die gleiche Behandlung – Höflichkeit und Respekt inbegriffen – wie die anderen Chefärzte. Warum hast du mich nicht vorher gefragt?“

„Darüber reden wir später.“

„Schön. Du findest mein Beschwerdeschreiben auf deinem Schreibtisch, wenn du zurück bist.“

„Diese Präsentation ist wichtig. Sie könnte dem Krankenhaus einige Gelder einbringen.“

„Finanzmittel sind dir wichtiger als die Gesundheit einer Patientin?“ Miranda wurde wütend. „Ich hätte Verständnis, wäre es ein dringender Notfall – aber eine Präsentation? Warum lässt du deine VIPs nicht bei einer festgesetzten Operation zuschauen?“

„Miranda, lass den Unsinn!“

Ihr Blutdruck stieg schlagartig an. Noch immer behandelte er sie wie eine Vierjährige, die von nichts eine Ahnung hatte. Sie war zweiunddreißig und hochqualifiziert! „Unsinn? Manche sagen bestimmt, der Apfel fiele nicht weit vom Stamm, was mich und dich betrifft. Das war vielleicht einmal – als dir Menschen noch wichtiger waren als Krankenhauspolitik“, sagte sie scharf. „Viel Spaß bei deiner Präsentation.“ Sie knallte den Hörer auf.

„Ist alles in Ordnung?“ fragte die Stationsschwester, als sie sie kurz darauf bat, die Prämedikation zurückzuhalten.

„Ja, danke“, log Miranda, obwohl sie insgeheim bebte. „Ich werde Imogen erklären, dass ihre OP verschoben wird, danach bin ich in meinen Büro, falls man mich braucht. Jetzt kann ich mich ja auf den Papierkrieg stürzen, da ich nicht operiere.“

Sie hatte gerade das sorgfältig formulierte Schreiben an ihren Vater ausgedruckt, da klopfte es. Jack stand in der Tür.

„Alles klar?“ erkundigte er sich.

„Ja“, erwiderte sie gepresst.

Er zog die Augenbrauen hoch. Miranda seufzte. „Verzeihung. Ich bin nur sauer, weil man meinen OP-Termin in letzter Minute gestrichen hat. Imogen steht jetzt für Freitagmorgen auf dem Plan.“

„Ein Notfall?“

„Überhaupt nicht. Krankenhauspolitik.“ Schwungvoll setzte sie ihre Unterschrift. „Und dies hier ist mein offizielles Beschwerdeschreiben. Ich wollte es gerade zu Ally bringen.“

„Beziehungen spielen lassen?“

Nahm er wirklich an, sie würde bei der ersten Schwierigkeit zu Daddy rennen?

„Der Prof ist derjenige, der uns den OP-Termin genommen hat, ohne die Freundlichkeit zu haben, vorher Rücksprache zu halten“, erwiderte sie empört. „Und die Beschwerde richtet sich gegen ihn.“

„Aha.“

„Machen Sie sich keine Sorgen, Sie bleiben außen vor.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Der Prof muss dringend daran erinnert werden, dass ich nicht bereit bin, zu allem Ja und Amen zu sagen. Und ich kämpfe für die Rechte meiner Abteilung.“

Jack atmete langsam durch. „Ich sollte mich auf Ihre Seite stellen, wenn mir mein Leben lieb ist, oder? Muss ich Leila bitten zu verbreiten, dass Sie sich in einen Rambo verwandeln, wenn Ihnen jemand quer kommt?“

Plötzlich wich die Spannung von ihr, und sie lächelte ihn verlegen an. „Tut mir leid. Aber wenn die Krankenhauspolitik auf Kosten meiner Patienten geht, sehe ich rot. Allerdings sollte ich es nicht an Ihnen auslassen.“

„Hört sich an, als könnten Sie Schokolade gebrauchen“, sagte er und zauberte einen Riegel aus seiner Kitteltasche. „Fangen Sie!“

„Danke.“ Sie brach sich ein Stück ab und warf ihm den Rest wieder zu. „Vielleicht ist heute sogar mein Glückstag – wenn ich einen Oberarzt habe, der Gedanken lesen kann.“

Ihre Blicke trafen sich, ihr Lächeln verblasste. Hoffentlich konnte er nicht wirklich ihre Gedanken lesen. Denn eigentlich wollte sie gar keine Schokolade. Sie wollte, dass Jack Sawyer den Arm um sie legte. Sie küsste, liebkoste …

Erschrocken rief sie sich zur Ordnung. „Danke für die Aufmunterung. Jetzt will ich dies hier aber abgeben. In fünf Minuten bin ich zurück. Verständigen Sie mich über den Pager, wenn’s brennt.“

„Okay, Boss.“

Jack hatte es mehr seinetwegen gesagt. Denn sie so dasitzen zu sehen löste das starke Verlangen in ihm aus, den Arm um sie zu legen und ihr zu sagen, alles würde wieder gut werden. Und sie fest an sich zu drücken. Und … zum Teufel mit dem Job …

„Das lasse ich mir nicht bieten!“ Ralph stürmte in ihr Büro und schwenkte drohend das Schreiben. „Was denkst du dir eigentlich?“

„Ich hatte dir versprochen, ich würde mich über dein Benehmen beschweren. In Zukunft erwarte ich als deine Mitarbeiterin professionelle Höflichkeit“, betonte sie.

Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Auf solche Spielchen kann ich verzichten!“

„Ich auch, es sind nämlich keine!“ erwiderte sie hitzig. „Hier geht es um meine Abteilung. Meine Patienten stehen für mich an erster Stelle.“

„Du hörst dich an wie May.“

Miranda lächelte kühl. „Danke für das Kompliment.“

„Du benimmst dich unmöglich. Genau deswegen wollte ich nicht, dass du hier arbeitest.“

„Weil ich dir nicht nach dem Mund rede? Ich glaube, das hätte Jack Sawyer auch nicht getan. Aber selbst wenn er die Stellung bekommen hätte, hättest du ihm nicht den OP-Termin genommen, ohne ihn vorher zu fragen, oder?“

„Als Klinikleiter muss ich manchmal unpopuläre Entscheidungen treffen.“

„Völlig richtig. Aber sie müssen nicht dumm sein.“

„Miranda …“, sagte Ralph warnend.

„Professor, ich weiß, du wirst es nicht zugeben, aber du hast dich falsch verhalten. Sollte so etwas noch einmal vorkommen, beschwere ich mich wieder, aber dann geht jeweils eine Kopie an den Vorstandsvorsitzenden und die Personalabteilung.“

„Nur zu deiner Information – auch wenn ich es nicht nötig habe, dir Erklärungen zu liefern –, ich habe diese Präsentation schon vor Wochen abgesprochen. Jemand anders brauchte heute den OP-Saal, den ich dafür vorgemerkt hatte, wegen seiner speziellen Ausstattung, und so musste ich mehrere Termine ändern. Nicht nur deiner hat sich verschoben.“

„Oh.“ Miranda wurde rot. Das hatte sie nicht gewusst. Jordan hatte es ihr nicht erzählt.

„Deswegen schlage ich vor, du überprüfst das nächste Mal erst die Fakten, bevor du einen solch pampigen Brief schreibst.“

Miranda holte tief Luft. Noch bevor sie sich entschuldigen konnte, klopfte es an der Tür. Jack schaute herein.

„Oh, Verzeihung. Ich komme später noch einmal vorbei.“

„Nicht nötig. Wir sind gerade fertig geworden. Kommen Sie herein.“ Ralph lächelte ihn an. „Ich wollte Sie sowieso sprechen.“

Mich lächelt er nie an, dachte sie.

„Wir bekommen morgen eine kleine Patientin mit Verdacht auf Fallot-Tetralogie. Ich möchte, dass Sie sie sich einmal ansehen.“

Entschuldige, ich bin der Chefarzt der Abteilung, dachte Miranda säuerlich. Aber offenbar schätzte ihr Vater Jacks fachliche Qualitäten höher ein als ihre.

„Ist das in Ordnung für Sie?“ fragte Jack und blickte sie an. „Oder brauchen Sie mich hier?“

Ihr blieb keine Wahl. Sagte sie Nein, würden beide denken, sie wäre kleinlich, wenn nicht sogar neidisch. Natürlich war sie neidisch auf Jack und auf die Tatsache, dass der Klinikchef ihn eindeutig respektierte. Ein Respekt, den er für seine Tochter nicht hegte. „Kein Problem. Gibt es sonst noch etwas, Professor?“

„Nein.“ Seine Stimme war um einige Grade kühler. „Denk nur über das nach, was ich dir gesagt habe.“

Sie nickte mit zugeschnürter Kehle. Immer wieder dasselbe. Sie hatte gedacht, wenn sie mit ihrem Vater zusammen arbeitete, könnte sie ihn von ihren Fähigkeiten überzeugen. Das Gegenteil schien der Fall zu sein.

Sobald Ralph gegangen war, fragte Miranda Jack barsch: „Also, was gibt’s?“

Er hob beide Hände. „He, was habe ich getan?“

„Nichts.“

„Wo liegt dann das Problem?“ Als sie nicht antwortete, verschränkte er die Arme. „Was ist mit Ihrer Offenheit passiert?“

„Also, wenn Sie es unbedingt wissen wollen: Der Professor hat mich zur Schnecke gemacht. Seinen Worten nach hat er diese Präsentation schon vor Ewigkeiten angemeldet. Unser Termin heute war nicht der einzige, den er umgeworfen hat.“

Jack zuckte mit den Schultern. „Wäre vielleicht nicht schlecht, sich eingehend zu informieren, bevor man handelt.“

Sie blickte ihn scharf an. „Meine Reaktion war also unvernünftig?“

„Ja und nein. Es ist lobenswert, wenn Sie sich für unsere Abteilung stark machen, aber Sie hätten erst die Fakten abklopfen müssen.“ Vielleicht hätte er sie warnen sollen, dass Jordan ein Schussel war, der nicht unbedingt sofort mit allen Informationen herausrückte. Aber er wollte fair sein, damit sie sich selbst ein Urteil über den OP-Koordinator bilden konnte.

„Großartig. Dann halten Sie mich also auch für unfähig.“

Jack runzelte die Stirn. „Nein, natürlich nicht.“ Ihr Vater sicher auch nicht, sonst hätte er verhindert, dass sie den Job bekam. „Nur … Sie spielen ein gefährliches Spiel.“

„Was soll ich machen? Mich beim Professor einschmeicheln?“

Dachte sie das von ihm, weil er zugesagt hatte, sich das Kind anzusehen? Nein, er war fachlich interessiert, und nur weil Miranda einen Privatkrieg mit dem Professor führte, würde er sich solche Gelegenheiten nicht entgehen lassen. Fast hätte er ihr das ins Gesicht gesagt.

„Wenn Sie sich mit Ihrem Vater streiten“, bemühte er sich um Sachlichkeit, „so ist das Ihre Sache. Die Abteilung sollten Sie dabei aus dem Spiel lassen.“

Ihre Augen verdunkelten sich. „Ich spiele keine Spielchen.“

Na klar! Genau wie Jessica, dachte er bitter. „Sie hatten mich um meine Meinung gebeten.“

„Okay. Tut mir leid. Weswegen wollten Sie mich sprechen?“

Es fiel ihm nicht mehr ein. Weil sie ihn dazu gebracht hatte, an Jessica zu denken. „Es war nicht wichtig. Ein andermal.“ Abrupt drehte er sich um, ging hinaus und schloss leise die Tür. Am liebsten hätte er sie schwungvoll zugeworfen. Nein, er würde nicht zulassen, dass Dr. Miranda Turner ihm den Kopf verdrehte!

„Dr. Sawyer, haben Sie einen Moment Zeit für mich?“

Miranda hatte einer Praktikantin angeboten, ein EKG vorzunehmen und ihr die Resultate zu erklären.

„Sicher.“ Jacks Lächeln verschaffte ihr weiche Knie. „Was gibt es denn?“

„Ich brauche eine Testperson. Ich möchte Hannah durch ein 12-Punkt-EKG führen, und sie scheut sich, es an einem Patienten auszuprobieren.“

„Sie haben es also auf meinen Körper abgesehen?“

Entschlossen verscheuchte sie die erotischen Bilder, die sofort durch ihre Fantasie geisterten. „Stimmt. Kommen Sie bitte in mein Sprechzimmer, und machen sich oben frei.“

Sie hatte Mühe, Professionalität zu wahren, als er seinen weißen Kittel auszog, Hemd und Krawatte ablegte und eine breite Brust mit dunklen Härchen entblößte. Stell dir vor, er ist ein Mann mittleren Alters mit Bauchansatz, ermahnte sie sich.

„Okay, Hannah“, ermunterte sie die Medizinstudentin. „V1 liegt rechts direkt am Brustbein. Zählen Sie die Rippen ab, bis Sie zum vierten Zwischenrippenraum kommen.“

„Hier?“ Hannah deutete auf den Punkt.

„Genau. Und V2 kommt an der linken Seite des Patienten auf die gleiche Stelle.“

Hannah tat wie geheißen.

„Nun ist V4 an der Reihe. Wissen Sie, warum?“

„Nein“, gab Hannah zu.

„V3 kommt zwischen V2 und V4, deshalb bietet es sich an, zuerst V4 anzulegen“, erklärte Jack.

Miranda musste ihm in die Augen sehen. Beinahe wäre sie rot geworden. Hoffentlich konnte er ihre Gedanken nicht lesen. „Richtig. V4 überträgt den Herzspitzenstoß des Patienten.“ Sie fand den Punkt, musste mit den Fingerspitzen leicht über Jacks Haut streichen. Nur gut, dass er ein EKG machen lässt und nicht ich, dachte sie dabei, denn ihr Herz schlug rasend schnell.

„Können Sie mir zeigen, wo Sie V5 anlegen?“

Hannah nickte. „Hier.“

„Ausgezeichnet.“ Miranda lächelte sie an und fuhr fort mit ihren Erklärungen.

Wie sich herausstellte, lagen Jacks Werte im Normbereich. Sie konnte nicht anders, sie musste ihn anschauen. In seinen Augen meinte sie eine Frage zu lesen, die sie nicht zu beantworten wagte. Sie zwang sich, wieder an die Arbeit zu denken.

„Haben wir eine Mappe mit Beispielkurven, Jack?“

„Für den Unterricht? Ja, ich hole sie.“ Er entfernte die Kabel und zog sich wieder an. „Anfangs wird Ihnen alles verwirrend erscheinen“, meinte er zu Hannah, „aber wenn Sie Fragen haben, scheuen Sie sich nicht, uns damit zu löchern. Wir …“

Da ertönte draußen der laute Ruf: „Notfallteam!“

„Wir machen später hier weiter. Kommen Sie, wir werden gebraucht.“ Alarmiert eilte Miranda auf den Flur. Über Zimmer eins blinkte das Lämpchen. Ihr sank das Herz. Nein, bitte nicht Imogen, dachte sie.

Leila bereitete den Defibrillator vor.

„Kammerflimmern“, sagte sie dabei. Was bedeutete, Imogens Herz schlug zwar schnell, aber nicht effektiv.

Miranda legte die Elektroden auf die Brust der alten Dame. „Weg vom Bett!“ befahl sie.

„Kammernflimmern setzt sich fort“, las Leila ab.

„Haben Sie Ihr Adrenalin gegeben?“ fragte Miranda.

„Noch nicht.“

„Hannah, holen Sie mir Adrenalin“, wiederholte Miranda. „Ladung 360 – und Achtung!“

„Noch immer Kammerflimmern“, berichtete Leila.

„Laden. Und los!“ Miranda setzte die Elektroden erneut auf.

„Sinuskurve wieder vorhanden“, sagte Leila. „Gut gemacht.“

Miranda brannten auf einmal die Augen. Gott sei Dank. „Jack, wir können mit der Operation nicht bis morgen warten.“

„Bypass?“ fragte er.

„Ja. Ich rufe Jordan an, er soll uns sofort einen freien OP besorgen. Können Sie sie vorbereiten?“

„Mach ich.“

„Hannah, fragen Sie Leila, ob sie Sie irgendwie benötigt, sonst dürfen Sie gern mitkommen und zuschauen“, fuhr Miranda fort.

„Danke.“ Das junge Mädchen errötete leicht.

Miranda bekam den OP. Auf dem Weg dorthin erlitt Imogen erneut einen Herzstillstand. Jack gelang die Wiederbelebung, doch noch bevor Miranda den ersten Schnitt setzen konnte, blieb es zum dritten Mal stehen.

Diesmal war der Kampf hoffnungslos.

„Wir haben sie verloren.“ Zwanzig Minuten später stoppte Jack Mirandas verzweifelte, aber vergebliche Versuche, die alte Dame ins Leben zurückzuholen. „Lassen Sie sie gehen.“

Miranda nickte müde, warf einen Blick auf die Uhr. „Todeszeitpunkt fünfzehn Uhr vierundzwanzig.“ Sie strich der alten Dame über die Stirn. „Es tut mir leid, Imogen, es tut mir so leid.“ Traurig wandte sie sich ab und ging hinaus, um Imogens Großnichte anzurufen.

Miranda legte langsam den Hörer auf und barg das Gesicht in den Händen. Das Gespräch mit der Nichte war schwer gewesen. Selbstvorwürfe und Schuldgefühle quälten sie.

Sie hörte ein Geräusch an der Tür und drehte sich um. Jack hatte ihre offene Bürotür geschlossen. Er kam näher und legte ihr die Hand auf die Schulter.

„He, es ist nicht Ihre Schuld. Bei ihrem Zustand bestand ein hohes Risiko. Das wissen Sie.“

„Ich habe sie verloren, Jack.“

„Wir können nicht alle retten, Miranda“, sagte er sanft. „Ich weiß, wie Ihnen zu Mute ist. Sie war ein lieber Mensch. Aber nun hat sie ausgelitten, und Sie haben Ihr Bestes gegeben.“

„Nein, das habe ich nicht. Ich hätte darauf beharren müssen, dass der Prof seine Präsentation sonst wo zeigt und mir meinen OP-Termin zurückgibt.“

„Aber sie hätte auch gestern auf dem Weg zum OP einen Herzstillstand bekommen können.“ Er zog einen Stuhl neben ihren und legte ihr den Arm um die Schultern. „Sie dürfen sich keine Vorwürfe machen, Miranda.“

Ihr Verstand riet, sich nicht bei ihm anzulehnen. Doch ihr Herz verlangte dringend nach Trost.

„Was steckt wirklich dahinter? Jedem von uns geht es an die Nieren, wenn wir einen Patienten verlieren. Aber dieser Fall scheint Sie richtig umzuhauen. Sie haben für Imogen mehr getan, als die Pflicht erfordert.“

Miranda zuckte mit den Schultern. „Ich mochte sie.“

„Und?“

„Wahrscheinlich erinnerte sie mich an meine Großtante May.“ Eigentlich hatte sie ihm nicht mehr erzählen wollen, aber nun strömten die Worte förmlich heraus.

„May war vor Jahren Kardiologieschwester, und von ihren Geschichten über die Abteilung war ich von Anfang an fasziniert. Durch sie begann ich mich für dieses Fachgebiet zu interessieren. Mein Vater wollte nicht, dass ich Kardiologin werde, nicht einmal Ärztin, aber May unterstützte mich, sagte immer wieder, ich solle meinem Herzen und Willen folgen. Sie bot mir sogar finanzielle Hilfe während des Studiums an, falls mein Vater es ablehnte.“

Jack stieß einen leisen Pfiff aus. „Ich wette, das hat ihm gar nicht gefallen.“

Miranda nickte. „Sie empfahl mir auch, in Glasgow zu studieren, weit weg von ihm. Ihr Rat war genau richtig.“

„Und weil wir Imogen nicht retten konnten, haben Sie Ihrer Großtante gegenüber Schuldgefühle?“

„So ähnlich.“

„He.“ Er strich ihr vorsichtig mit dem Daumen über die Wange. „Sie hat im Krankenhaus gearbeitet. Sie weiß, auch wenn man sein Bestes gibt, man kann nicht jeden Patienten retten. Ich wette, wenn Sie mit ihr reden, wird sie Ihnen das Gleiche sagen.“

„Ich wünschte, ich könnte es.“ Miranda schluckte. „Vor zwei Jahren ist sie gestorben. Sie … litt an einer instabilen Angina. Wir wussten es nicht, weil sie es uns nie erzählt hatte. Eines Tages hatte ich ein ungutes Gefühl, als ich sie telefonisch nicht erreichen konnte. Nach der Arbeit fuhr ich bei ihr vorbei … und fand sie. Sie hatte einen schweren Herzinfarkt. Und …“ Sie schloss die Augen. „… für Hilfe war es zu spät.“

Jack stöhnte. „Ach, verdammt. Tut mir leid. Kein Wunder, dass Sie sich so aufregen. Ich hatte keine Ahnung. Ich wollte es nicht noch schlimmer machen.“ Er beugte sich vor, küsste ihr eine einzelne Träne von der Wange. „Miranda …“

Hinterher war sie nicht mehr sicher, wer den nächsten Schritt getan hatte. Sie erinnerte sich nur, dass er sie küsste. Richtig küsste, warm und fordernd. Und sie erwiderte diesen leidenschaftlichen Kuss, schob ihm die Finger ins Haar und zog ihn an sich.

Er umfasste ihre Taille und hob sie auf seinen Schoß, ohne die Lippen von ihren zu lösen. Erst als er ihr Haar aus der Spange befreite, wich sie zurück.

„Nein. Wir müssen aufhören.“

Seine Pupillen waren fast schwarz, die Lippen voll und leicht geschwollen, die Wangen gerötet und die Haare zerwühlt. Wenn sie jetzt nicht von seinem Schoß runterkam, würde sie weitermachen. Sie wünschte sich, dass er sie streichelte, am ganzen Körper, ihr den Schmerz nahm mit seinen geschickten Fingern und dem wundervollen Mund …

Sie riss sich zusammen und stand auf.

„Miranda, ich …“, begann er.

„Ich weiß.“ Sie legte die Hände auf den Rücken und verschränkte fest die Finger miteinander. Sonst hätte sie seine Lippen berührt. „Wir haben uns unprofessionell verhalten. Aber das war verständlich. Uns beiden macht es zu schaffen, dass wir einen Patienten verloren haben. Wir beide brauchten Trost – und wir waren zusammen hier.“

„Ja.“ Sein Blick strafte die Worte Lügen. Ich will dich, sagte er, und du willst mich auch. Um Trost geht es hier nicht.

„Wir sind Kollegen, es würde nicht funktionieren“, entgegnete sie spontan.

„Nein.“ Woher willst du das wissen, wenn wir es nicht ausprobiert haben? las sie in seinen Augen.

„Und ich …“ Gerade noch rechtzeitig unterbrach sie sich. Sie würde nicht darauf hinweisen, dass sie seine Vorgesetzte war. Schließlich hatte er den Job auch gewollt. Warum Salz in die Wunde reiben? „Ich bin nicht auf der Suche nach einer Beziehung. Meine Karriere ist mir das Wichtigste im Leben.“

„Mir auch.“

„Gut. Dann sind wir uns ja einig – dass dies ein Ausrutscher war, nicht von Bedeutung.“

„Ja.“

Sie senkte den Blick. „Ich … stürze mich jetzt wohl besser in den Papierkrieg. Und ich hatte Emma versprochen, etwas wegen Floss zu unternehmen. Es ist das Letzte, was ich für Imogen tun kann.“ Sie blickte ihn fragend an. „Haben … hast du einen Hund?“

„Nein, und das wäre auch nicht fair. Ich lebe allein, arbeite im Schichtdienst.“

„Was ist mit deiner Familie?“

„Wie steht es mit deiner?“ wich er aus.

Ihre Mutter würde das Tier vielleicht nehmen, ihr Vater hingegen rundweg ablehnen. Sie seufzte. „Also gut, ich hänge einen Zettel ans Schwarze Brett im Personalraum. Vielleicht haben wir Glück, und sie findet ein neues liebevolles Zuhause.“

„Gut. Ich muss zur Visite.“

Wenn er so hinausging, würde der Tratsch Überstunden machen.

„Du … solltest vielleicht besser vorher etwas mit deinem Haar machen“, sagte sie, suchte in ihrer Schublade und holte einen Kamm heraus.

„Lass deins, wie es ist“, sagte er heiser. „Es wäre eine Sünde, diese wunderschönen Haare zu verstecken.“

Miranda wurde rot.

Jack hätte sie am liebsten wieder geküsst.

Er sollte sich wirklich zusammenreißen.

„Wir sehen uns am Ende der Visite“, sagte sie. „Nimm Hannah mit.“

„Ja, Boss.“

Sie war bereits dabei, ihr Haar wieder zusammenzustecken, die Fassade der forschen und tüchtigen Chefärztin wieder herzustellen. Leider hatte Jack einen Blick dahinter geworfen, was er nicht vergessen würde.

Mit dem Ergebnis, dass er mehr wollte.

3. KAPITEL

„Wie fühlen Sie sich, Sid?“ fragte Miranda.

„Ein wenig nervös bin ich schon“, gab er zu. „Meine Frau hat sich im Internet informiert. Es ist eine wirklich riskante Operation, nicht wahr?“

Sie hatten alles schon besprochen, bevor er seine Einverständniserklärung unterschrieb. Aber Miranda kannte diese Nervosität in der letzten Minute.

„Natürlich besteht ein Risiko, aber nichts zu tun ist weitaus riskanter. Wenn das Gefäß reißt, was in den nächsten fünf Jahren sehr wahrscheinlich ist, verlieren Sie massiv Blut, und Ihre Chance, dass Sie es noch rechtzeitig ins Krankenhaus schaffen, liegt bei fünfzig Prozent. Die Überlebenschance während der Notoperation beträgt ebenfalls fünfzig Prozent.“ Miranda drückte ihm die Hand. „Im Vergleich mit der Erfolgsquote der jetzt bevorstehenden Operation ist das wenig. Die beläuft sich im Durchschnitt nämlich auf fünfundachtzig bis neunzig Prozent. Dr. Sawyer ist ein sehr erfahrener Arzt. Vertrauen Sie ihm und dem Team, dem ich auch angehören werde.“

„Bronny sagt, es gibt eine Operation, bei der Sie mich nicht aufschneiden müssen.“

„Sie meinen die minimalinvasive Methode? Ja, aber sie ist noch in der Probephase. Deswegen sollten wir in Ihrem Fall auf herkömmlichem Weg vorgehen.“

„Okay, Doc.“ Trotzdem behielt er seine düstere Miene bei.

„Kopf hoch, Sid! Morgen sind Sie wieder auf den Beinen, und in vier, fünf Tagen essen Sie dann schon ganz normal.“ Sie lächelte ihn zuversichtlich an. „Ich weiß, es ist schwer, sich keine Sorgen zu machen, aber versuchen Sie es, Sid. Claire Barker gibt Ihnen jetzt die Prämedikation, und ehe Sie sich’s versehen, kommen Sie im Aufwachraum wieder zu sich und haben alles hinter sich.“

Sie ging zu Jack. „Bereit?“

„Ja.“

„Miranda?“ Claire eilte besorgt heran. „Sid Patterson klagt über Schmerzen im Rücken, zwischen den Schulterblättern.“

Jack und Miranda wechselten einen Blick.

„Hat er auch Schmerzen in der Brust, den Armen oder im Magen?“

„Nein. Nur, dass er sich ein wenig komisch fühlt und sein Rücken schmerzt.“

„Bringen wir ihn gleich runter“, sagte Miranda.

Die Ausbuchtung befand sich im absteigenden Teil der Aorta, gleich unter dem Herzen. „Ein Aneurysma wie es im Buche steht“, vermeldete Jack. „Glücklicherweise ist kein Riss zu sehen. Hoffen wir also, dass die Rückenschmerzen auf seine Nervosität zurückzuführen sind. Können wir?“

„Alles klar“, kam es unisono.

„Okay, dann mal los.“

Jack arbeitete zügig, klemmte die Schlagader ab, ließ sich regelmäßig vom Anästhesisten die Blutdruckwerte geben, schnitt den beschädigten Teil der Aorta heraus und setzte eine Kunststoffprothese ein.

Er ist gut, musste Miranda anerkennen. Sogar sehr gut. Er würde einen exzellenten Chefarzt abgeben.

Und wie die Dinge zwischen ihr und dem Prof standen, würde er es vielleicht über kurz oder lang auch werden.

„Bereit zum Entfernen der Klemmen?“ fragte sie.

Er nickte. „Erhöhen wir den Fließdruck und sehen, was geschieht.“ Scharf beobachtete er die Nähte. „Sieht aus, als würde es halten.“

„Dann bitte vorsichtig die Klemmen lösen“, instruierte Miranda.

„Geschafft“, sagte Jack kurz darauf erleichtert.

„Soll ich die Wunde schließen?“ bot Miranda an.

Wieder nickte er. „Den Doppellumentubus lassen wir bis morgen drin.“

„Okay. Du kannst duschen gehen, ich beende das hier.“

„Danke.“ Er rollte die verspannten Schultern. „Eine Rückenmassage ist nicht drin, oder?“

Immerhin war er nicht nachtragend, nachdem er neulich aus ihrem Büro gestürmt war. Zwischen ihnen herrschte der übliche neckende Umgangston, der ihr das Gefühl gab, tatsächlich zum Team zu gehören.

„Verschwinde, Sawyer“, scheuchte sie ihn fort. „Wir sehen uns nachher auf der Station.“

„Vielen Dank, Dr. Sawyer.“ Bronny Patterson schüttelte Jack die Hand.

„Gern geschehen“, erwiderte Jack lächelnd. Er wartete, bis Bronny sich an Sids Bett niedergelassen hatte, und fing dann Miranda ab, die gerade hinausgehen wollte. „Ich bleibe heute Nacht hier“, sagte er. „Nur für den Fall der Fälle.“

„Das wirst du nicht“, widersprach sie fest. „Du hast dienstfrei, und ich habe den Pager dabei.“

„Aber …“

„Außerdem erwarte ich dich im Calderford Arms“, fügte sie hinzu. „Als ich sagte, ich würde jedem auf der Station einen ausgeben, meinte ich auch jeden.“

„Was ist mit dem Nachtdienst?“

„Auch für die ist gesorgt. Ich habe ihnen etwas zum Knabbern und ein paar alkoholfreie Getränke hingestellt.“ Sie lockerte die Schultern. „Wir hatten eine anstrengende Woche. Ein wenig Entspannung können wir alle gut gebrauchen.“ Sie lächelte ihn an. „Also, mach dich fein!“

„Ja, Boss.“

Er wusste es jetzt schon. Der Rest des Teams würde voll gestylt daherkommen, während sie bestimmt immer noch ihr Businesskostüm trug, dazu die Haare streng hochgesteckt.

„Gut, dann sehen wir uns dort. Punkt sieben.“

„Ich werde da sein“, versprach er. „Allerdings hoffe ich nicht, dass du dich jetzt noch mit Papierkram befasst.“

„Wir sehen uns im Calderford Arms.“

Als sie pünktlich in die Bar geschlendert kam, stieß Leila Jack in die Seite. „Mach den Mund zu!“

Miranda trug ihr Haar offen. In dunklen, seidig schimmernden Wellen fiel es ihr über die Schultern. Make-up hatte sie kaum benutzt – nur ein Hauch Lipgloss und Mascara. Ihr Outfit jedoch haute ihn um. Zu einer schwarzen, eng anliegenden Hüfthose trug sie ein kurzes Top, modische Highheels und – er fasste es nicht – einen Diamanten im Bauchnabel.

Ein umwerfender Anblick! Jack musste sofort an den Kuss in ihrem Büro denken, und sein Verlangen nach ihr war vielfach verstärkt wieder da.

„Guten Abend, allerseits“, sagte sie im gleichen kultivierten Ton, als wäre sie im Dienst. Ihm war, als arbeite sein audiovisuelles System nicht synchron. Sie hörte sich wie die effiziente Ärztin an, sah jedoch aus wie ein Traumgeschöpf in erotischen Männerfantasien.

„Was möchtest du?“ Sie blickte Jack an.

Dich. Bitte. Nur dich, dachte er. Es dauerte eine Sekunde, bis er sich im Griff hatte. „Orangensaft, bitte.“

Sie runzelte die Stirn. „Du musst heute Abend nicht wieder ins Krankenhaus, das habe ich dir bereits gesagt. Ich sehe später noch einmal nach Sid. Trink also ruhig ein Bier oder was immer du willst.“

„Orangensaft“, wiederholte er lächelnd.

„Okay.“ Sie bestellte die erste Runde, und als alle ausgetrunken hatten, spendierte sie noch eine.

Jack sah zu, wie sie sich mit den einzelnen Mitarbeitern unterhielt. Es wirkte völlig ungezwungen, so, als würde sie alle schon seit Jahren kennen. Selbst die eher zurückhaltenden Schwestern reagierten, als wären sie lebenslange Freundinnen.

Nach dem Kuss hatte er selbst auch Erkundigungen eingezogen. Das mit der Karriere stimmte. Freunde in Glasgow hatten ihm von ihrem Ruf berichtet, unnahbar zu sein. Zwar verabredete sie sich gelegentlich, aber nie öfter als zwei Mal mit demselben Mann.

Eigentlich ging ihn all das nichts an. Selbst wenn sie nicht seine Chefin wäre, zwischen ihnen würde es nicht klappen. Welten trennten sie. Und doch war etwas an ihr. Etwas, das ihn dazu trieb, seine persönlichen Regeln brechen zu wollen.

„He, nur weil du heute Nachmittag eine schwere OP hattest – die du exzellent durchgeführt hast, nebenbei gesagt –, musst du nicht so trübsinnig dasitzen. Was ist los?“

Er riss den Blick von dem funkelnden Nabelschmuck los. „Nichts.“

„Dann lächle, Jack. Nein, richtig.“ Sie verdrehte die Augen. „Okay, dir gefällt mein Bauchnabelpiercing nicht.“

Nein, im Gegenteil. „Ich … hätte bei dir nicht mit so etwas gerechnet.“

Sie lachte. „Weil ich so vernünftig bin? Oder zu korrekt?“

„Beides“, gab er zu. Verflucht, waren ihm seine Gedanken an der Nasenspitze anzusehen?

„Manchmal muss man aus sich herausgehen.“

Oh ja, so wie Jessica. Spaß haben.

„Kommst du mit?“

„Wohin?“ Bildete er es sich ein, oder lag Herausforderung in ihren Augen? Nein, es musste Einbildung sein. Er sah das, was er sehen wollte. Interesse. Verlangen.

Er musste langsam wirklich aufhören, ständig an den Kuss zu denken!

„Ins Louie’s?“

Louie’s war ein kreolisches Restaurant in Calderfords Innenstadt, in dem man auch tanzen konnte. „Willst du essen oder tanzen?“

„Beides. Aber vorher gebe ich noch eine Runde aus.“

Nein, die Herausforderung war eindeutig. Miranda war in Stimmung, Spielchen zu spielen. Gut, er auch. „Ich bin bereit, wenn du es auch bist“, sagte er und leckte sich provozierend die Lippen.

Es gefiel ihm, dass sie rot wurde.

Tüchtig wie sie war, hatte Miranda für alle Taxis bestellt. Jack fand sich neben ihr im Wagen wieder, und er hätte schwören können, dass, obwohl sie bei Mineralwasser geblieben war, sie einen leicht beschwipsten Eindruck machte.

Sie bestellte für sich Shrimps und Okra-Gumbo. Und machte sich lustig über seine Wahl – Huhn, wie langweilig – und bestand darauf, dass er einen Bissen von ihrem Essen probierte.

„Na los, solange man dies hier nicht probiert hat, weiß man nicht, was Genuss ist!“

Da sie ihm die Gabel direkt vor den Mund hielt, blieb ihm nichts anderes übrig, oder? Seine Fantasie ging eigene Wege. Er malte sich aus, wie er sie mit Delikatessen fütterte, wenn sie allein waren. Ungestört. Und … Nein. Sein Verstand holte ihn auf die Erde zurück.

„Nun?“ fragte sie.

„Es ist besser, als ich dachte.“

Lachend schob sie den nächsten Bissen auf die Gabel. „Komm, einen Happen noch. Meeresfrüchte und Gemüse. Du bist Kardiologe. Du weißt, das ist gut für dich.“

„Und ich vermute, das ist jetzt das Obst, oder?“ meinte er, als der Nachtisch kam.

„Erdbeeren, genau“, meinte sie schelmisch.

„Und Doughnuts“, sagte er. „Was nicht zählt.“

„Genauer gesagt, es sind Beignets.“ Sie brach ein Stück ab und hielt es ihm an die Lippen. „Hefekringel.“

Zugegeben, sie schmeckten gut. Und dass sie ihn auch noch damit fütterte … Jack unterdrückte ein Stöhnen.

„Dann bist du also oft hier?“ fragte er.

„In Glasgow betreibt Louie noch ein Restaurant“, erklärte sie. „Die meisten Krankenhauspartys werden dort gefeiert. Essen und Musik sind hervorragend.“

„Du kannst nach kreolischer Musik tanzen?“ Die Worte waren heraus, ehe er sie zurückhalten konnte.

„Man nennt sie Zydeco.“ Miranda sah ihn verschmitzt an. „Sag bloß, das kannst du nicht?“

„Ich tanze überhaupt nicht.“

Das hätte er nicht sagen sollen. Sie packte seine Hand und zog ihn hoch. „Dann wird es höchste Zeit, dass du es lernst.“

„Miranda …“

„Nach dieser Woche brauche ich es“, sagte sie da sanft.

Ihm wurde der Mund trocken. Sollte das heißen, sie wollte ihn? Aber … sie hatte doch mit dem Küssen wieder aufgehört. Hatte sie ihre Meinung geändert?

Genau wie Jessica, dachte er bitter. Erst schlief sie mit ihm, dann war sie kalt wie ein Eisblock. Er hatte geschworen, sich nie wieder in eine solche Situation zu begeben. Nie wieder sollte eine Frau ihre Spielchen mit ihm treiben. Auch Miranda Turner nicht.

„Danke, aber ich möchte lieber sitzen bleiben“, erwiderte er steif.

Aber sie ließ seine Hand nicht los. „Ich habe nicht vor, dich zum Narren zu machen, Jack.“

Was wusste sie über seine Vergangenheit? Er runzelte die Stirn.

Nein, sie konnte nichts von Jessica wissen. Außer … Er spürte einen dumpfen Druck im Magen. Hatte sie zu Jessicas Clique gehört? War sie eins der Mädchen gewesen, die vor Jahren über ihn gelacht hatten? Er konnte sich nicht an sie erinnern. Sie musste in seinem Alter sein, Anfang dreißig. Sicher sah sie jetzt völlig anders aus als damals.

Vielleicht tat er ihr auch Unrecht.

„Tanz mit mir. Bitte.“

Er sollte Nein sagen. Stattdessen ließ er sich auf die Tanzfläche führen.

„Es ist einfacher, wenn man eng tanzt“, sagte sie und stellte ihre Füße zwischen seine. „Leg deine linke Hand auf meine Schulter und mach mir einfach alles nach.“ Sie legte ihm die Hand auf den Rücken und zog ihn an sich. Dicht genug, dass er ihr Parfüm riechen konnte.

Miranda führte ihn gekonnt durch die einzelnen Schritte. Und dann ergriff sie seine rechte Hand, hob sie hoch und kam dichter heran. Und wenn sein Leben davon abhinge, er hätte nicht zurückweichen können.

„Du lernst schnell. Du hast ein natürliches Rhythmusgefühl“, sagte sie anerkennend.

Rhythmus. Das Wort hätte sie besser nicht gesagt. Ihm schossen auf einmal eine Menge beunruhigender Gedanken durch den Kopf. Hoffentlich merkte sie nicht, wie sein Herz plötzlich hämmerte. Er zwang sich, über ein neutrales Thema zu sprechen.

„Wie kommt es, dass du so gut tanzt?“

„Weil ich Sport hasse und deswegen nie einen Fuß in ein Fitness-Studio setze. Schwimmen ist langweilig, aber beim Tanzen hält man die Figur genauso gut, und es macht mehr Spaß.“

Und was für eine Figur. Er konnte nicht widerstehen, ließ eine Hand über ihren Rücken gleiten. Die nackte weiche Haut unter seinen Fingern machte ihn fast verrückt. Gut, dass sie hier im Restaurant unter Leuten waren, sonst hätte er etwas getan, was sie beide später bedauert hätten.

„Sag mal“, murmelte er an ihrem Ohr und widerstand nur knapp der Verlockung, an ihrem Ohrläppchen zu knabbern, „ist das in deinem Bauchnabel ein echter Diamant?“

„Ja. Er ist eine Hälfte des Geschenks, das ich von meinen Eltern zum einundzwanzigsten Geburtstag bekam.“

Das passte ins Bild. Sehr wahrscheinlich bekam sie zum Siebzehnten den Führerschein, zum achtzehnten Geburtstag dann den schicken neuen Wagen, dazu eine Riesenparty. Sein eigener einundzwanzigster war ein wenig anders verlaufen. Seine Mutter und Brüder hatten Geld zusammengelegt und ihm einige Fachbücher geschenkt, die er sich selbst nicht hatte leisten können.

„Ich habe ihn neu fassen lassen.“

Sein Gehirn arbeitete wirklich nicht auf vollen Touren. Nicht, wenn sie so dicht war. Sie hatte den Diamanten neu fassen lassen?

„Willst du sagen …?“

„Meine Rebellion gegen die Eltern kam ein wenig verspätet“, meinte sie mit schiefem Lächeln. „Ich habe mir das Piercing zum Examen geleistet. Als Dad herausfand, dass ich meinen Bauchnabel mit einem Teil des Diamantrings verzierte, blieb ihm die Luft weg.“

„Das würde unseren Patienten wohl auch passieren“, entgegnete er. „Wenn du so auf der Station auftauchst …“

„Ich trage meinen Arztkittel über dem Top, und er ist zugeknöpft. Niemand weiß davon.“

Außer mir, dachte er. Wenn er sie das nächste Mal im Dienst sah, würde er sofort daran denken und Probleme bekommen. Seine Erinnerung würde ihm ihr Bild vorgaukeln, wie sie in seinen Armen lag. Dicht an ihn geschmiegt. Verführerisch duftend, mit samtweicher Haut …

Mit Jack zu tanzen war gefährlich. Verrückt. Besonders nach diesem Kuss im Büro. Was um alles in der Welt war nur in sie gefahren, dass sie ihn förmlich gedrängt hatte, mit ihr zu tanzen?

Aber es war wundervoll. Die Musik passte zu ihm: dunkel und intensiv. So wie seine Augen.

Sie blickte auf und wünschte im nächsten Moment, sie hätte es nicht getan. Es erinnerte sie zu sehr an den Moment, als er sie geküsst und ihr Haar gelöst hatte.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte er: „Du hast herrliches Haar. Wie auf einem der lasziven Bilder von Rossetti. Ich sehe dich gerade vor mir, in blauer Seide, mit einem Granatapfel in der Hand.“

Oh. Nun konnte sie sich auch so sehen. Blaue Seide, die sie zu Boden gleiten ließ, damit er … Rasch vertrieb sie den Gedanken. „Im Dienst ist das ein wenig unpraktisch.“

Autor

Kate Hardy
Kate Hardy wuchs in einem viktorianischen Haus in Norfolk, England, auf und ist bis heute fest davon überzeugt, dass es darin gespukt hat. Vielleicht ist das der Grund, dass sie am liebsten Liebesromane schreibt, in denen es vor Leidenschaft, Dramatik und Gefahr knistert? Bereits vor ihrem ersten Schultag konnte Kate...
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