Julia Ärzte Spezial Band 6

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INSELGLÜCK MIT DR. KARAVOLIS von MARGARET BARKER
Willkommen im Paradies! Auf der malerischen griechischen Insel Ceres will Cathy sich mit ihrem süßen Baby vom Londoner Großstadtstress erholen. Aber kaum ist sie dem faszinierenden Dr. Yannis Karavolis begegnet, gerät ihr Herz in Aufruhr …

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  • Erscheinungstag 22.07.2022
  • Bandnummer 6
  • ISBN / Artikelnummer 8203220006
  • Seitenanzahl 400

Leseprobe

Margaret Barker, Alison Roberts, Lilian Darcy

JULIA ÄRZTE SPEZIAL BAND 6

1. KAPITEL

Cathy schob den Buggy die malerische Hafenpromenade entlang, vorbei an gut besuchten Tavernen, in denen sich schon zu dieser frühen Abendstunde die ersten Nachtschwärmer einen kühlen Drink gönnten.

Die kleine Rose thronte auf ihrem Kissen im Buggy und wies eifrig mit ihren kleinen Fingern auf etwas, das ihre Aufmerksamkeit erregt hatte.

Lächelnd hielt Cathy den Buggy an und beugte sich zu ihrer Tochter hinunter. „Was ist denn, mein Liebling?“

Mit den Augen folgte sie Roses ausgestreckter Hand und entdeckte den Grund für die Begeisterung ihrer Tochter: Eine schwarz-weiße Katze stolzierte anmutig über die Kaimauer. Rose liebte Katzen.

Eine ältere Frau blieb stehen und strich Rose über den Kopf. „Kali spera“, begrüßte sie Cathy und lächelte das kleine Mädchen wohlwollend an. „Pos se lene?“

Rose beantwortete die Frage nach ihrem Namen nicht.

„Meine Tochter ist erst neun Monate alt“, erklärte Cathy auf Griechisch. „Sie heißt Rose.“

„Horaya!“, befand die Frau und ging weiter.

Cathy wiederholte leise das Kompliment. „Horaya!“ Obwohl sie nicht wusste, ob die Frau den Namen ihrer Tochter oder Rose selbst hübsch fand, konnte sie ihr so oder so nur zustimmen.

Seufzend betrachtete sie den wolkenlosen, noch immer strahlend blauen Abendhimmel, der am Horizont in einem leuchtenden Goldton das Meer berührte.

Wie sehr hatte sich ihr Leben in den letzten achtzehn Monaten doch verändert! Als sie das letzte Mal hier auf der Insel gewesen war, hatte sie noch nicht einmal gewusst, dass sie schwanger war. Was war das für ein Schock gewesen, als sie es bemerkte!

Cathy schämte sich dafür, wie entsetzt sie damals gewesen war. Sie schluckte. Wie arm und bedeutungslos wäre ihr Leben heute ohne ihre geliebte Tochter! Unvorstellbar. Was bedeutete schon ihr beruflicher Erfolg als Ärztin? Neben ihrer Tochter wurde alles andere unwichtig.

Vor achtzehn Monaten war sie zur Hochzeit ihrer Cousine Tanya nach Xeres gekommen. Damals hatte sie sich über die Ablenkung gefreut, denn sie hatte sehr darunter gelitten, wieder einmal eine gescheiterte Beziehung verarbeiten zu müssen.

Als Tanya vorgeschlagen hatte, sie solle sich als Vertretung im Inselkrankenhaus bewerben, war Cathy zunächst begeistert gewesen. Nur zu gern hätte sie Tanya und ihren Mann Manolis vertreten, während die beiden auf Hochzeitsreise waren.

Doch wieder zu Hause in Leeds, hatte sie bemerkt, dass sie ein Kind erwartete. Von Dave, der zu seiner Ehefrau zurückgekehrt war. Schweren Herzens hatte Cathy ihre Bewerbung zurückgezogen.

Doch als Rose ein halbes Jahr alt war, hatte Tanya sie angerufen und ihr erklärt, sie und Manolis würden sich eine sechsmonatige Auszeit vom Krankenhaus in Xeres nehmen, um in Australien zu arbeiten. Es gab also wieder einen Vertretungsposten.

Cathy konnte ihr Glück kaum fassen. Sie bekam eine zweite Chance! Tanya hatte ihr sogar angeboten, in ihrem Haus zu wohnen. Außerdem hatte sie bereits eine Tagesmutter namens Anna für Rose organisiert. Das neue Leben konnte beginnen!

Cathys Herz strömte fast über vor Liebe, als sie nun auf ihre Tochter hinabblickte. Alles würde gut werden. Endlich.

Unwillkürlich beschleunigte Cathy ihren Schritt, um dem zunehmenden Gedränge auf der Promenade zu entfliehen. Am Rande der Bucht gab es eine ruhige Taverne, wo sie gemütlich mit Rose sitzen wollte. Sie konnte sich noch gut an den Ort erinnern, denn ihre Mutter war früher oft mit ihr hier gewesen.

Sie wollte den Sonnenuntergang beobachten und dabei mit Rose plaudern – abwechselnd auf Englisch und auf Griechisch; genau wie ihre Mutter es getan hatte. Rose würde genau wie Cathy zweisprachig aufwachsen. Jeden Sommer hatte Cathys Mutter darauf bestanden, dass sie nach Xeres fuhren, damit Cathy mit ihren Cousinen und Cousins spielen und dabei ihre Sprachkenntnisse verbessern konnte.

Später, während des Medizinstudiums, hatte sie einen Griechischkurs belegt, um ihre Grammatik zu perfektionieren. Der Dozent war ein pensionierter griechischer Arzt gewesen, der ihr an vielen unterhaltsamen Abenden zusätzliche Lektionen in medizinischer Terminologie erteilt hatte. Cathy hatte immer heimlich gehofft, diese Kenntnisse eines Tages anwenden zu können, doch mit diesem Traumjob hatte sie nicht gerechnet.

Plötzlich fiel ihr auf, dass der Buggy ein beunruhigendes, quietschendes Geräusch von sich gab. Das geliehene Uraltmodell war nicht für das Kopfsteinpflaster der Straße ausgelegt. Cathy versuchte, das Quietschen zu ignorieren, und schob energisch weiter. Doch Sekunden später war der Buggy nicht mehr zu bewegen. Was nun?

Sie hatte gleich ein ungutes Gefühl gehabt, als Anna ihr den klapprigen Buggy aus ihrem riesigen Bestand an Kinderzubehör aufgedrängt hatte. Die alte Dame hatte ihr sehr überzeugend erklärt, dass es schwierig war, ein Taxi von Chorio, dem oberen Teil der Insel, nach Yialos, der Gegend um den Hafen herum, zu bekommen.

Der örtliche Bus fuhr nur einmal pro Stunde und war immer völlig überfüllt. Es wäre also viel besser, Rose in dem Buggy die Kali Strata hinabzuschieben.

Cathy kniete sich hin, um das Rad genauer zu betrachten, das sich fest zwischen zwei Pflastersteinen eingekeilt hatte. Rose lehnte sich nach vorn und zerzauste mit sichtlichem Vergnügen Cathys blondes Haar, während Cathy versuchte, das Rad zu befreien.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Die tiefe männliche Stimme ließ sie überrascht aufblicken. Durch ihre dunkle Sonnenbrille hindurch musterte sie die große Gestalt, die wie aus dem Nichts neben ihr aufgetaucht war.

„Ach, Sie sind es! Entschuldigen Sie bitte. Einen Augenblick lang hatte ich Sie gar nicht erkannt, so ganz in … ähm … normaler Kleidung. Hallo, Dr. Karavolis.“

„Bitte nennen Sie mich doch Yannis.“

Als sie ihn heute Nachmittag während einer Operation gestört hatte, war er weit weniger freundlich gewesen. Sein Blick hatte keinen Zweifel an seinem Unmut über die Unterbrechung gelassen. So schnell sie konnte, war Cathy wieder im Vorraum verschwunden.

Schnell richtete sie sich auf, um sich nicht ein zweites Mal an diesem Tag diesem Dr. Karavolis unterlegen fühlen zu müssen.

Tanya hatte vor ihrer Abreise angedeutet, dass ihr Kollege Yannis ein wenig schwierig wäre. Offensichtlich hatte er sich noch nicht von dem tragischen Verlust seiner Frau erholt, die drei Jahre zuvor bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. An seiner Kompetenz als Mediziner bestand nicht der geringste Zweifel, doch zwischenmenschliche Beziehungen schienen ihm nicht zu liegen.

„Lassen Sie mich mal sehen.“

Er bückte sich genau in dem Augenblick, in dem Cathy versuchte, sich einigermaßen grazil aufzurichten. Für den Bruchteil einer Sekunde streifte sein Arm ihre Brust, sodass Cathy zusammenzuckte. Ein Hauch seines Aftershaves lag in der Luft. Anscheinend war sie doch noch nicht völlig immun gegen Männer.

Sie konnte nicht leugnen, dass ihr Körper auf seine Nähe reagierte. Ihr Puls beschleunigte sich, und sie spürte, wie ihr eine leichte Röte ins Gesicht stieg.

Verflixt! Wahrscheinlich musste sie mehr unter Menschen gehen, damit sie sich wieder an die Anwesenheit von Männern gewöhnte. Auch wenn sie natürlich nicht vorhatte, sich mit einem von ihnen einzulassen.

Sie hatte sich oft genug die Finger verbrannt. Auf keinen Fall würde sich es noch einmal versuchen. Niemals!

Egal, wie gut aussehend manche Männer auch sein mochten. Wie zum Beispiel Dr. Karavolis, der wirklich ausgesprochen attraktiv war.

Hätte sie nicht so schlechte Erfahrungen gemacht, dann wäre er genau der Richtige für einen kleinen Flirt gewesen.

Rose lachte übermütig, als sie sich mit ihren kleinen Fingern in Dr. Karavolis’ dichten schwarzen Haaren festklammerte, während dieser ihren Buggy untersuchte.

Verwirrt sah Cathy Yannis an.

Ihre Blicke trafen sich. Einen magischen Moment lang spürte sie ein aufregendes Kribbeln in ihrem Bauch.

Dieser Mann musste in seiner Jugend ein wahrer Herzensbrecher gewesen sein, bevor ein grausames Schicksal ihn zu einem Workaholic gemacht hatte.

Wie gut, dass sie fest entschlossen war, niemals wieder eine Beziehung einzugehen. Denn sonst hätte dieser Blick sicher einige vollkommen unangemessene Gedanken provoziert.

„Vorsicht, Rose. Du tust Dr. Karavolis weh“, ermahnte sie ihre Tochter auf Griechisch.

Rose kicherte unbekümmert.

„Sie bringen Ihrer Tochter Griechisch bei? Das ist gut.“

„Ach, sie wird es ganz nebenbei lernen. So wie ich damals. Tanya und meine anderen Cousins und Cousinen haben sich immer über meine Aussprache lustig gemacht. Also habe ich es aus reiner Notwehr sehr schnell gekonnt.“

Mit einem heftigen Ruck gelang es Yannis, das eingekeilte Rad aus der Fuge zwischen den Pflastersteinen zu befreien. „Hier ist Ihr Rad. Leider hat es sich von der Aufhängung gelöst“, sagte er bedauernd. Er richtete sich auf und hielt dabei den dreirädrigen Buggy fest, um zu verhindern, dass das Gefährt zur Seite kippte.

Cathy sah ihn ratlos an. „Tja, danke. Ich schätze …“

„Hören Sie, ich wollte mich gerade hinsetzen, etwas trinken und mir den Sonnenuntergang ansehen. Wie wäre es, wenn …“

„So ein Zufall“, unterbrach sie ihn. „Aus genau dem gleichen Grund sind Rose und ich auch hier.“

„Wunderbar. Wie wäre es, wenn Sie beide mir Gesellschaft leisten würden?“

Yannis konnte es selbst kaum glauben, dass er sie gerade eingeladen hatte. Normalerweise war Gesellschaft das Letzte, das er nach einem harten Arbeitstag ertragen konnte. Und dann noch eine Kollegin. Mit Kind!

„Wir beide? Rose und ich?“

Er holte tief Luft. „Nun, wir können Rose ja wohl kaum in ihrem kaputten Kinderwagen draußen stehen lassen.“

Geschickt öffnete er ihren Gurt und hob das vor Vergnügen quietschende Kind hoch. Die Selbstverständlichkeit, mit der er ihre Tochter in seinen Armen hielt, machte Cathy klar, dass er sehr kinderlieb sein musste.

Sie überlegte kurz, ob er wohl selbst Vater war. Vielleicht passte eine Tagesmutter oder eine Großmutter tagsüber auf die Kinder auf?

Doch es wäre indiskret gewesen, ihn zu fragen.

Vorsichtig trug er Rose, die inzwischen nicht mehr sein Haar, sondern seine Ohren malträtierte, zu einem Tisch vor der alten Taverne am Ende der Strandpromenade. Der traumhafte Blick über die Bucht verschlug Cathy den Atem.

Sie hatten sich kaum gesetzt, als auch schon der Besitzer zu ihrem Tisch geeilt kam. Auf einem Tablett trug er zwei kleine Gläser. „Ich habe gesehen, wie Sie sich mit dem Buggy abgemüht haben“, sagte er auf Griechisch. „Sie brauchen einen Drink, Ghiatro.“

Er wusste also, dass Yannis Arzt war. Vielleicht kam Yannis öfter nach der Arbeit her.

„Efharisto, Michaelis.“ Yannis stellte Cathy als Dr. Catherine Meredith vor.

Er hatte zwischen seinen Operationen also die Zeit gefunden, einen Blick in ihre Personalakte zu werfen.

Eigentlich hatte sie erst am kommenden Tag anfangen sollen, doch da sie sich gern einen Überblick verschaffen wollte, war sie schon heute in die Klinik gekommen.

Genüsslich roch Cathy an ihrem Glas. Ouzo.

„Mögen Sie Ouzo?“, erkundigte Yannis sich besorgt.

Cathy lächelte. „Man muss sich den Gegebenheiten anpassen. Eigentlich bevorzuge ich Wein, aber ich wollte Michaelis auf keinen Fall enttäuschen. Er scheint Sie gut zu kennen.“

„Oh ja, wir kennen uns seit einer Ewigkeit. Ich habe auf der anderen Seite der Bucht ein Haus. Dies hier ist mein Zufluchtsort am Ende eines anstrengenden Tages.“

„So etwas habe ich mir schon gedacht.“

Mit der inzwischen schläfrigen Rose auf dem Schoß prostete Yannis Cathy zu: „Yamas!“

„Yamas!“

Roses Augen fielen zu. In wenigen Minuten würde sie fest eingeschlafen sein. Sollte sie Yannis von seiner Last befreien? Irgendetwas sagte Cathy, dass ihr Kollege ganz zufrieden damit war, das schlafende Kind in den Armen zu halten, und so schwieg sie.

In einträchtigem Schweigen sahen die beiden auf das türkisfarbene Meer hinunter und beobachteten, wie die Sonne langsam am Horizont verschwand.

Als das beeindruckende Schauspiel zu Ende war, wandte sich Cathy wieder an Yannis. Rose hatte sich an ihn gekuschelt und schlief friedlich.

Yannis bemerkte, dass Cathy ihrer Tochter einen besorgten Blick zuwarf. Behutsam verlagerte er Roses Gewicht in eine noch bequemere Position und lächelte Cathy über den Tisch hinweg beruhigend an. Wie kam es, dass er sich so unglaublich wohlfühlte mit dieser Mutter und ihrem Baby? Für Yannis war dies eine ganz neue Erfahrung. Er spürte, wie die ständige Anspannung langsam von ihm abfiel.

Genau so wäre sein Leben gewesen, wenn nicht … wenn er doch nur …

Nein! Er durfte sich nicht immer wieder mit diesen Gedanken quälen. Vielmehr sollte er dieses kleine Glück des Augenblicks genießen.

Entschlossen zwang er sich, an etwas anderes zu denken. „Rose schläft tief und fest, Cathy. Machen Sie sich keine Sorgen. Wie wäre es jetzt mit einem Glas Wein?“

„Ich weiß nicht …“

„Also, ich hätte jetzt gern etwas Wein.“

Für gewöhnlich saß er abends in Gedanken versunken an einem der Tische hier, nippte an seinem Ouzo, während er den Sonnenuntergang betrachtete, und bestellte dann etwas zu essen. Dazu genehmigte er sich meist ein Glas Wein – allerdings nie mehr als eines, denn er wusste, dass er am nächsten Tag einen klaren Kopf brauchte.

Doch heute war er zum ersten Mal seit langer Zeit in Partystimmung.

Michaelis, der sie von seinem Platz am Eingang aus beobachtet hatte, kam sofort zu ihnen, als sie ihre Diskussion über die Weinfarbe – rot oder weiß? – beendet hatten.

Kurz darauf brachte er ihnen ein Tablett mit einer Auswahl an Mezes und einer Flasche gekühltem Weißwein.

„Wir Griechen essen immer eine Kleinigkeit zum Wein“, erklärte Yannis und wies auf die kleinen Schüsseln mit Meeresfrüchten, Oktopussalat, Calamari und Oliven. „Doch das wissen Sie sicher schon. Schließlich haben Sie griechische Wurzeln. Ich erinnere mich dunkel, Sie auf der Hochzeit von Tanya und Manolis gesehen zu haben. Sie sind also eine Cousine von Tanya?“

„Ja, unsere Mütter sind Schwestern. Jedes Jahr in den Sommerferien habe ich mit meiner Mutter meine Tante und ihre Familie hier auf Xeres besucht, damit die griechische Sprache und Kultur Teil meines Lebens werden. Ich habe immer davon geträumt, eines Tages hier zu leben und zu arbeiten.“

Yannis beugte sich über den Tisch und füllte Cathys Glas erneut. Den Ouzo hatte sie kaum angerührt, doch der Wein schien ihr zu schmecken.

„Als ich Sie damals auf der Hochzeit sah, wusste ich gar nicht, dass Sie gerade eine Familie gründen wollten.“

Cathy zog spöttisch eine Augenbraue hoch. „Ich auch nicht. Ich hatte kurz zuvor eine ziemlich unglückliche Beziehung beendet und ahnte nicht, dass ich schwanger war. Tanya hatte mir damals vorgeschlagen, die Vertretung für sie zu übernehmen, und ich hatte mich auch schon dafür entschieden. Doch als ich wusste, dass ich ein Kind erwarten würde, habe ich meine Bewerbung zurückgezogen.“

„Das war sicher eine schwierige Situation. Tut mir leid, dass Ihre Beziehung gescheitert ist.“

„Mir nicht! Es war alles unglaublich kompliziert. Doch am Ende ist alles gut geworden. Ich kann mir ein Leben ohne meine wundervolle Tochter heute überhaupt nicht mehr vorstellen. Sie ist definitiv das Beste, das mir je passiert ist. Haben Sie …?“

Gerade noch rechtzeitig hielt sie inne. Yannis, der mit einer solchen Selbstverständlichkeit ihre Tochter hielt, schien der perfekte Vater zu sein.

Er unterbrach die peinliche Stille, die Cathys unausgesprochener Frage folgte.

„Sie wollten mich gerade fragen, ob meine Frau und ich auch Kinder hatten, nicht wahr?“

Cathy wand sich innerlich vor Verlegenheit. „Nun ja …“

„Die Antwort lautet Nein. Es sollte nicht sein.“

Er hatte es geschafft, über die schrecklichste Zeit seines Lebens zu sprechen, ohne zu stocken. Es war ein Schritt in die richtige Richtung!

Doch er hatte ihr nicht die ganze Wahrheit gesagt. So weit war er noch nicht. Er schaffte es ja kaum, darüber nachzudenken.

Während er an seinem Glas nippte, versuchte Yannis, die Erinnerung an diesen schicksalhaften Tag zu verdrängen, an dem sein Leben sich für immer verändert hatte. Doch es gelang ihm nicht.

Entschlossen setzte er sein Glas ab. Als er Cathys mitfühlenden Blick bemerkte, sprudelte es plötzlich nur so aus ihm heraus.

„Meine Frau ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“ Eigentlich gab es keinen Grund, diese traurige Tatsache weiter auszuführen, doch die Schuldgefühle, die sich immer sofort einstellten, wenn er an das Unglück dachte, waren auch heute da und ließen ihn weitersprechen.

„Ich frage mich oft …“ Er stockte. Sollte er ihr alles erzählen? Konnte er ihr seine quälenden Schuldgefühle zumuten?

„Ich frage mich oft, ob ich es hätte verhindern können.“

Nun war es heraus. Doch anstatt sich furchtbar zu fühlen, spürte Yannis eine gewisse Erleichterung darüber, sein Geheimnis mit dieser mitfühlenden Kollegin geteilt zu haben.

Cathy sah ihn bestürzt an und griff nach seiner Hand, um ihn zu trösten.

Eine Art elektrischer Schlag – allerdings nicht von der schmerzhaften Sorte – durchzog seinen Arm.

Einige Sekunden lang schwiegen sie und sahen sich in die Augen. Cathy glaubte, Tränen glitzern zu sehen, doch sie wusste, dass er sich niemals die Blöße geben würde, in der Öffentlichkeit zu weinen. Dieser Mann war aus einem harten Holz geschnitzt. Er war einer von diesen Männern mit starkem Rückgrat, die sich weder Selbstmitleid gestatteten noch über ihre Trauer sprachen.

Yannis ließ ihre Hand los und lehnte sich zurück, wobei er darauf achtete, Rose nicht aufzuwecken.

„Tut mir leid. Ich habe noch nie zuvor mit jemandem über den Unfall gesprochen. Ich verstehe gar nicht, weshalb ich heute …“

„Vielleicht wäre es gut, wenn Sie es täten.“

„Wenn ich was täte?“ Alarmiert sah er sie an.

„Mit jemandem darüber sprechen. Zum Beispiel mit mir. Es ist immer gut, wenn man mit jemandem über seine Probleme reden kann.“

Yannis schwieg einen Augenblick, während er über die vielen verschiedenen Aspekte von Maroulas tragischem Unfall nachdachte. Nein, er konnte sich dieser Frau dort, die er kaum kannte, unmöglich anvertrauen. Er hatte schon viel zu viel gesagt. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Es fühlte sich an, als hätte er Maroulas Andenken verraten. Das alles ging nur ihn und seine verstorbene Frau etwas an, niemanden sonst. Und doch …

„Natürlich müssen Sie nicht mit mir darüber reden, wenn Sie nicht möchten“, erklärte Cathy sanft. „Das entscheiden Sie ganz allein. Aber ich verspreche Ihnen, dass ich es für mich behalten werde, falls Sie jemals das Bedürfnis haben, mit mir darüber zu sprechen.“

„Danke. Ich werde darüber nachdenken.“

Sein Tonfall war nun sehr bestimmt und ließ keinen Zweifel daran, dass dieses Thema für ihn abgehakt war.

Er bedauerte es bereits, dass er mit einer völlig fremden Person über seine geliebte Maroula gesprochen hatte. Überhaupt – wozu sollte es gut sein, über seine Schuldgefühle zu reden? Nichts konnte Maroula zurückbringen.

Außerdem hatte er sich sehr gut mit seinem neuen Leben als Junggeselle abgefunden. Seine Zukunft lag klar vor ihm, und er hatte nicht die Absicht, sich noch einmal auf eine Frau einzulassen. Es war sicherer, sich nur innerhalb seiner sorgfältig errichteten Schutzmauern zu bewegen. Das war er Maroula schuldig.

Die kleine Rose begann, sich in Yannis Armen zu recken, und rieb sich mit ihren kleinen Fäusten das Gesicht, bevor sie die Augen aufmachte. Als sie zu Yannis’ aufblickte, strahlte sie ihn an.

Schnell stand Cathy auf und ging mit ausgestreckten Armen um den Tisch herum. Rose quietschte vor Freude.

Yannis reichte das kleine Mädchen lächelnd seiner Mutter. „Da ist deine Mami, Rose.“

Michaelis kam zu ihnen heraus, um zu fragen, ob er etwas für das Baby bringen sollte.

„Danke. Ich habe eine Flasche mit Saft für sie dabei“, erklärte Cathy, während sie sich mit Rose auf dem Arm wieder hinsetzte und ihre Tasche durchwühlte.

Doch Rose hatte sich schon über den Tisch gelehnt und nach einem Tintenfischring gegriffen.

„Bravo!“, rief Yannis. „Rose hat also Hunger.“

Lachend nahm Cathy der Kleinen den Tintenfischring aus der Hand und reichte ihr zur Entschädigung die Flasche.

„Ich habe gerade einige Lamm-Souvlaki auf dem Grill“, sagte Michaelis und sah Yannis und Cathy fragend an. „Hätten Sie gern welche?“

Beide nickten spontan und mussten lachen. Wenig später brachte Michaelis die Souvlaki.

„Entschuldigen Sie, dass ich es nicht mehr genau weiß, aber wie lange werden Sie hier bei uns auf Xeres arbeiten?“, fragte Yannis, während sie sich die köstlichen Souvlaki schmecken ließen.

„Sechs Monate. Tanya und Manolis haben sich eine sechsmonatige Auszeit genommen.“

„Ja, natürlich. Manolis hat mich für diese Zeit zu seinem Stellvertreter gemacht, doch im Wesentlichen kümmere ich mich um die medizinische Leitung der Klinik. Den ganzen Papierkram macht zum Glück unsere sehr effiziente Krankenhausverwaltung. Ich wusste, dass Sie morgen bei uns anfangen sollten, doch als Sie dann heute unangekündigt im OP auftauchten, hatte ich keine Ahnung, wer Sie sind. Entschuldigen Sie bitte, wenn ich etwas brüsk war. Es war ein schwieriger Eingriff und …“

„Oh nein! Es war meine Schuld. Ich hätte nicht einfach hereinplatzen dürfen. Mir war nicht klar, dass der OP gerade benutzt wurde.“

„Morgen werde ich Ihnen in Ruhe alles zeigen.“

„Das wäre nett. Danke.“

Rose stopfte sich gerade ein Stück Kartoffel in den Mund und kaute mit ihren vier kleinen, weißen Zähnchen darauf herum. Danach verteilte sie den Rest in ihrem blond gelockten Haar und gluckste fröhlich.

„Ich glaube, Rose und ich sollten nach Hause gehen“, erklärte Cathy bedauernd und griff nach einer Serviette. „In meinem Handy sind die Nummern von den beiden Taxiunternehmen hier auf der Insel gespeichert.“

Inzwischen war es dunkel geworden, und Cathy war sehr froh, dass gleich die erste Taxizentrale versprach, einen Wagen zu schicken.

„Wir werden in zehn Minuten abgeholt“, sagte sie, während sie ihr Handy zuklappte.

„Gut. Ich bin froh, dass Sie nicht zu Fuß heimgehen wollen. Am besten nehme ich Ihren Buggy mit zu mir nach Hause. Petros, mein Gärtner, kann ihn bestimmt reparieren. Er kann fast alles wieder in Ordnung bringen.“

Alles außer gebrochenen Herzen schoss es Cathy durch den Kopf, während sie Yannis dankbar anlächelte. Es war offensichtlich, dass Yannis’ Herz dringend die Liebe einer netten Frau brauchte, um zu heilen.

Selbstverständlich war sie selbst nicht diese nette Frau, denn sie hatte genug damit zu tun, ihr eigenes Leben in Ordnung zu bringen. Wer auch immer die Aufgabe übernahm, Yannis über den Verlust hinwegzuhelfen, würde einiges zu tun haben.

Wie gut, dass es nicht ihre Aufgabe war. Abgesehen davon, dass sie letztendlich immer verlassen wurde, war sie auf keinen Fall nach Xeres gekommen, um etwas mit einem Mann anzufangen. Noch dazu mit einem Kollegen, mit dem sie in den nächsten Monaten eng zusammenarbeiten musste. Niemals!

Sie konzentrierte sich wieder auf die Unterhaltung mit Yannis. „Das ist nett. Petros kann sich ruhig Zeit lassen. Anna, unser Kindermädchen, braucht den Buggy nicht so dringend. Rose ist im Augenblick ihr jüngster Schützling.“

„Es muss schwierig für Sie sein – als alleinerziehende Mutter mit einem Vollzeit-Job in der Klinik.“

„Ich habe großes Glück. In England kümmert meine Mutter sich um Rose, während ich arbeite, und hier gibt es Anna. Heute habe ich Rose bereits für einige Stunden bei ihr gelassen, um zu sehen, wie es klappt. Die beiden haben sich großartig verstanden. Anna ist schon ganz vernarrt in die Kleine. Ich kann also guten Gewissens in die Klinik kommen.“

„Aber heute Abend haben Sie sie mitgenommen.“

„Natürlich. Ich versuche, so viel Zeit wie möglich mit Rose zu verbringen. Jede berufstätige Mutter hat Schuldgefühle, weil sie ihr Kind in der Obhut einer anderen Person lassen muss, um arbeiten zu gehen.“

Yannis schluckte. „Schuld ist ein furchtbares Gefühl. Viele Menschen leiden darunter.“

Cathy betrachtete sein trauriges Gesicht und wünschte, sie könnte die fröhliche Unbeschwertheit von vorhin wieder hervorzaubern. Seine sinnlichen Lippen hatten sich zu einem angespannten Strich verzogen, und in seinen Augen lag plötzlich eine Verletzlichkeit, die sie fast zu Tränen rührte.

Sofort ermahnte sie sich innerlich. Sie war nicht an einer Beziehung interessiert! Und Yannis offensichtlich auch nicht. Niemals wieder würde sie sich auf einen Mann einlassen. Nicht nach ihren katastrophalen Beziehungen in der Vergangenheit. Ihr Leben würde um einiges einfacher und besser sein, wenn sie sich von allen Männern fernhielt.

„Ich glaube, Ihr Taxi ist da.“

Mit Rose auf dem Arm stand Cathy sofort auf. „Kali nichta, Yannis.“

Kali nichta, Cathy. Ich …“ Er zögerte. „Ich freue mich schon darauf, Sie morgen wiederzusehen.“

2. KAPITEL

Cathy wartete, bis Rose ruhig und gleichmäßig atmete. Nun würde sie tief und fest schlafen – zumindest für einige Stunden.

Auf Zehenspitzen schlich sich Cathy aus dem Zimmer, doch bevor sie die Tür hinter sich schloss, vergewisserte sie sich noch, dass Roses Teddybär-Bilderbücher griffbereit am Fußende des Gitterbettchens lagen. Wenn Cathy Glück hatte, würde Rose morgen früh noch eine Weile darin blättern. Jede Minute, die sie länger schlafen konnte, war Cathy kostbar.

Hatte sie sich in eine dieser alleinerziehenden, überbesorgten Mütter verwandelt? Wäre ihr Roses Zubettgehen ebenso wichtig, wenn nebenan ein Ehemann oder Liebhaber warten würde?

Nun, das dürfte ganz von dem Mann abhängen.

Seufzend setzte sie sich an ihren kleinen Frisiertisch und blickte sich im Spiegel an. Sie sah eine übernächtigte Frau mit dunklen Ringen unter den Augen, die deutlich älter wirkte als einunddreißig Jahre. Was für ein Tag!

Und es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass sie ihn ausgerechnet mit Dr. Karavolis beenden würde. Vor allem nicht nach ihrem frostigen ersten Zusammentreffen heute Mittag im OP.

Sie hatte offensichtlich keinen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen, als er sie auf Tanyas Hochzeit vor achtzehn Monaten kennengelernt hatte.

Er hingegen … Ein wenig schämte Cathy sich dafür, dass sie sich noch ganz genau an den attraktiven Arzt hatte erinnern können. Sie war damals gerade von Dave getrennt gewesen. Um der lärmenden, feiernden Gästeschar zu entfliehen, hatte sie sich in die Küche zurückgezogen – genau wie Yannis.

Obwohl sie damals bereits den Entschluss gefasst hatte, sich niemals wieder mit einem Mann einzulassen, hatte Yannis ihr Interesse geweckt.

Er besaß zweifellos eine gewisse Anziehungskraft, die durch die Unterhaltung heute noch verstärkt worden war. Seine Verletzlichkeit, seine kompromisslose Liebe zu seiner verstorbenen Frau … Er war ein ganz besonderer Mann.

Doch all das war Cathy egal – musste ihr egal sein! Denn auch wenn sie ihn sehr sexy fand, würde für Yannis Karavolis seine verstorbene Frau immer an erster Stelle stehen. Ein unüberwindbares Hindernis.

Deshalb würde sie es sich niemals erlauben, etwas für ihn zu empfinden. Außerdem war das Thema Männer für sie schon lange erledigt.

Entschlossen griff Cathy nach der Haarbürste und kämmte sich energisch ihr lockiges Haar.

Sie musste hart bleiben. Um ihrer selbst willen. Es wäre unglaublich dumm, wenn sie sich auf Yannis einlassen würde. Schon viel zu oft hatte sie sich durch ihre unüberlegten Entscheidungen in katastrophale Beziehungen hineinmanövriert. Und eines war sicher: Ein Flirt mit Yannis Karavolis würde unweigerlich in einer Katastrophe enden. Diese makellose verstorbene Ehefrau würde immer zwischen ihnen stehen.

Cathy hatte lange genug die zweite Geige gespielt. Dave hatte damals behauptet, er habe sich von seiner Frau getrennt und die Scheidung sei nur noch eine Formsache. Naiv, wie sie nun einmal war, hatte sie ihm geglaubt. Trotz endlos langer Geschäftsreisen und haarsträubender Geschichten. Sie hatte ihn eben geliebt.

Heute schämte sie sich für ihre Dummheit. Doch damals war es einfacher gewesen, ihm zu glauben, als sich der bitteren Wahrheit zu stellen.

Dann kam dieser schreckliche Samstagmorgen, als er ihr erzählt hatte, seine Scheidung werde nun doch nicht stattfinden. Genau genommen hatte er sie gar nicht eingereicht. Er hatte sich auch nicht von seiner Frau getrennt. Bittend hatte er sie angesehen und sich für sein Verhalten entschuldigt.

Doch Cathy hatte längst aufgehört, ihm zuzuhören. Plötzlich war ihr alles klar geworden. Die vielen Reisen, das einsame Weihnachtsfest, als er angeblich bei seiner kranken Mutter gewesen war. Sie hatte nur noch gewollt, dass er für immer aus ihrem Leben verschwand.

Sie legte die Haarbürste auf den Tisch und blickte wieder in den Spiegel. Diesmal sah sie eine schrecklich leichtgläubige Frau, die viel zu wenig aus ihren Fehlern gelernt hatte.

Trotzig lächelte sie ihr Spiegelbild an. Du hast es selbst in der Hand, diesmal klüger zu sein.

Mit diesem tröstlichen Gedanken ging sie zu Bett und kuschelte sich unter ihre Decke. Doch es wollte ihr nicht gelingen, einzuschlafen. Vermutlich litt sie noch immer unter dem Jetlag.

Im Morgengrauen erwachte sie aus einem unruhigen Schlaf und beschloss, aufzustehen und ihre Koffer fertig auszupacken.

Als sie eine halbe Stunde später Roses morgendliches Geplapper hörte, eilte sie zu ihrer Tochter, nahm sie auf den Arm und drückte sie fest an sich.

In seinem Schlafzimmer, durch dessen große Fenster er einen grandiosen Blick auf die vom Mondschein erhellte Nimborio-Bucht hatte, wälzte auch Yannis sich schlaflos hin und her.

Der Abend mit Cathy und der kleinen Rose war überraschend nett gewesen. Natürlich hatte er anfangs nicht geplant, sie zum Abendessen einzuladen, doch er musste zugeben, dass er sich seit Maroulas Tod nicht mehr so gut gefühlt hatte.

Er schlug seine Decke zurück, denn es war einfach zu heiß, um zugedeckt zu schlafen. Er war überhaupt nicht müde. Im Gegenteil. Seit Monaten hatte er sich nicht mehr so lebendig gefühlt. Aber da war ein bitterer Beigeschmack.

Fühlte er sich unterbewusst ein wenig schuldig, weil er einen angenehmen Abend in netter Gesellschaft gehabt hatte? Durfte er sein Leben genießen, noch dazu mit einer netten jungen Kollegin, obwohl Maroula tot war?

Er hatte schließlich nicht mit ihr geflirtet! Hoffentlich hatte sie seine Höflichkeit nicht falsch interpretiert. Glaubte sie womöglich, er wäre sexuell an ihr interessiert?

Nun, wenn er ehrlich war, dann musste er zugeben, dass er sich in der Tat körperlich zu ihr hingezogen fühlte.

Dies war eine weitere Erkenntnis dieses Abends. Seit Maroulas Tod war ihm das nicht mehr passiert, denn er hatte peinlich genau darauf geachtet, niemals mit einer attraktiven Frau allein zu sein.

Mehr als drei Jahre lang hatte er wie ein Mönch gelebt. Doch heute war sie wieder da gewesen, die lange verdrängte Sehnsucht nach Nähe und Zärtlichkeit.

Lag es daran, dass er in Cathy eine Leidensgenossin zu sehen glaubte? Eine Frau, die ebenfalls Schweres durchgemacht hatte und verletzlich war?

Ihre Schönheit, ihre Warmherzigkeit und ihre Offenheit hatten ihn sehr beeindruckt. Ebenso die diskrete Anteilnahme, mit der sie ihm Fragen gestellt hatte.

All das hatte dazu geführt, dass er unachtsam geworden war und völlig unpassenden Gefühlen Raum gegeben hatte.

Er hatte geschworen, dass er Maroulas Andenken immer bewahren würde. Dass sie für alle Ewigkeit seine große Liebe bleiben würde. Sie war in der Blüte ihres Lebens verunglückt, und er hatte damals beschlossen, ihr für immer treu zu bleiben.

Langsam wurde er müde. Sein letzter klarer Gedanke, bevor er endlich einschlief, war die Vorstellung, wie wundervoll es wäre, Cathy hier neben sich im Bett zu haben. Seine Sehnsucht nach ihrer Nähe wurde immer heftiger. Er könnte Cathys verführerischem Körper kaum widerstehen. Doch Yannis wusste, dass er sich diese Schwäche niemals eingestehen würde.

Hastig eilte Cathy die Straße hinunter. Ihr war klar, dass sie es nicht mehr schaffen würde, rechtzeitig in der Klinik zu sein.

Nach dieser unruhigen Nacht hatte sie viel zu viel Zeit damit vertrödelt, mit Rose zu frühstücken, sie anzuziehen und noch ein wenig mit ihr zu spielen. Als sie ihre Tochter schließlich bei Anna abgegeben hatte, war es schon fast acht Uhr gewesen.

Atemlos betrat sie die Eingangshalle der Klinik, wo die Pförtnerin sie abfing. „Dr. Karavolis möchte Sie in seinem Büro sprechen, Dr. Meredith.“

Cathy lächelte. Zumindest wurde sie heute erwartet. „Danke. Wo finde ich Dr. Karavolis’ Büro?“

Die Pförtnerin zeigte ihr den Weg, und Cathy beeilte sich, zu ihrem neuen Chef zu kommen. Energisch klopfte sie an.

„Herein!“

Sie öffnete die Tür und fand Yannis hinter einem imposanten Schreibtisch vor, wo er angestrengt auf einen Computerbildschirm starrte.

Als er sie sah, sprang er auf und kam ihr entgegen. Fürsorglich rückte er ihr einen Stuhl zurecht.

Cathy setzte sich, erstaunt darüber, dass sie sich plötzlich so unbehaglich fühlte. Lag es daran, dass der Mann, um den ihre Gedanken die ganze letzte Nacht gekreist waren, so gar keine Ähnlichkeit mit dem ernsthaften, professionellen Arzt hatte, der jetzt vor ihr saß?

Hatte sie die Situation gestern Abend völlig falsch interpretiert?

Im Grunde hatten sie doch nur zufällig ein Glas Wein zusammen getrunken und eine Kleinigkeit gegessen. Mehr nicht. Und das war gut so.

„Sind Sie gestern gut nach Hause gekommen?“, fragte Yannis steif.

„Ja, das Taxi hat uns bis vor die Haustür gefahren. Und Sie?“

„Ich wohne ganz in der Nähe von Michaelis’ Taverne, sodass ich nur ein kurzes Stückchen gehen musste. Petros, mein Gärtner, wird später am Morgen den Buggy von Rose abholen und versuchen, ihn zu reparieren.“

Stille. Nur das Ticken einer Uhr und das Summen des Computers waren zu hören.

Cathy räusperte sich verlegen. „Wo soll ich heute anfangen?“

Er nahm einen Stapel Akten vom Schreibtisch. „Ich habe für Sie einen Dienstplan erstellt. Sie werden jeden Tag in einer anderen Abteilung arbeiten. Alle notwendigen Informationen finden Sie in dieser Mappe. Heute haben wir eine offene Sprechstunde für ambulante Patienten. Ich habe der Hebamme bereits gesagt, dass Sie sie heute früh unterstützen werden. Sie war sehr erfreut darüber, denn schwangere Frauen lassen sich viel lieber von Ärztinnen als von Ärzten behandeln. Heute wird es sicher noch ruhig zugehen. Die Saison hat gerade erst angefangen. Im Laufe des Sommers werden wir dann zunehmend in Arbeit ersticken, aber bis jetzt war wenig los. Mal abgesehen vom Osterwochenende.“

„Was ist denn an Ostern passiert?“

Einen Augenblick lang entspannten sich seine Züge, und ein sehr attraktives Lächeln huschte über sein Gesicht.

Da war sie wieder, diese Anziehungskraft, die Cathy schon gestern gespürt hatte. Sie musste dieses Gefühl unbedingt ignorieren!

„Es war wie jedes Jahr.“ Mit einem versonnenen Lächeln lehnte er sich zurück und streckte seine langen Beine aus.

Sie wartete auf eine weitere Erklärung.

„Die Osterfeiertage sind hier auf Xeres etwas ganz Besonderes. Sie dauern eine Woche, und jeden Abend gibt es Feuerwerk. Sie können sich sicher vorstellen, was da alles passieren kann. In unserer Notaufnahme war tagelang die Hölle los.“

Er stand auf, vermutlich, um ihr klarzumachen, dass das Gespräch beendet war.

Cathy erhob sich, griff nach der Mappe und ging zur Tür.

„Ich komme im Laufe des Vormittags bei Ihnen vorbei“, versprach Yannis, während er ihr die Tür öffnete.

Cathy lächelte. „Danke … ähm … also … bis später.“

Ihr war plötzlich aufgefallen, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie ihn hier bei der Arbeit ansprechen sollte. Schnell machte sie sich auf den Weg zurück in die Eingangshalle.

Sie spürte, wie ihr Puls raste. Würde Yannis von nun an immer diese Wirkung auf sie haben? Falls ja, dann standen ihr einige harte Monate bevor.

Yannis war in der offenen Tür stehen geblieben und sah ihr nach. Zum Glück war es ihm gelungen, sachlich und zurückhaltend zu bleiben. Zumindest hier in der Klinik würde er auf jeden Fall eine professionelle Haltung einnehmen.

Doch er hatte keine Ahnung, wie er sich außerhalb der Arbeit verhalten sollte.

Vielleicht sollte er es einfach vermeiden, Cathy in der Freizeit zu treffen. Aber der Abend mit ihr und Rose war so angenehm und entspannend gewesen, dass eine Vermeidungsstrategie im Grunde keine Option war. Er wollte sie wiedersehen.

Er musste einfach nur vorsichtig sein und darauf achten, dass er die Situation immer unter Kontrolle behielt.

Nachdem er die Tür geschlossen hatte, kehrte er zu seinem Computer zurück und versuchte, sich auf die Erstellung des Dienstplans zu konzentrieren, was ihm überraschend schwerfiel.

Es war schon lange her, dass eine Frau ihn so durcheinandergebracht hatte.

Er nahm sich vor, sehr vorsichtig zu sein.

Cathy folgte den Hinweisschildern, die sie direkt in die Ambulanz führten. Als sie sich zur Schwangerschaftssprechstunde durchgefragt hatte, wurde sie dort freundlich von der diensthabenden Hebamme begrüßt.

Schwester Maria informierte sie gleich über die Krankengeschichte der aktuellen Patientin. „Ariadne ist eine Musterpatientin“, sagte sie.

Die junge Frau lächelte. „Sie übertreiben wie immer, Schwester.“

Cathy sah zu Ariadne herunter. „Ich hoffe, es stört Sie nicht, dass ich so einfach in Ihre Untersuchung hineinplatze. Ich bin Cathy Meredith und habe gerade erst hier angefangen. Aber daheim in England habe ich bereits lange Zeit in der Geburtshilfe gearbeitet.“

„Ihr Griechisch ist sehr gut, Frau Doktor“, lobte die Patientin.

„Ich war als Kind oft hier, und mir blieb gar nichts anderes übrig, als es zu lernen. Andernfalls hätten sich meine Cousins und Cousinen immer über mich lustig gemacht.“

Maria und Ariadne lachten, und Cathy freute sich, dass es ihr gelungen war, das Eis zu brechen.

In diesem Augenblick kam eine junge Krankenschwester herein und bat Maria um Hilfe bei der Patientin nebenan.

Maria entschuldigte sich. „Hier ist Ariadnes Krankenakte, Cathy. Sie versteht alles genau, denn früher hat sie selbst als Krankenschwester gearbeitet.“

„Würden Sie mir etwas über Ihre Familie erzählen, Ariadne?“, bat Cathy.

„Die Zwillinge werden Nummer vier und Nummer fünf bei uns sein“, sagte Ariadne nicht ohne Stolz und tätschelte ihren Bauch. „Eigentlich hatten wir beschlossen, nur vier Kinder zu bekommen, doch wir waren beide überglücklich, als sich herausstellte, dass es Zwillinge werden. Je mehr, desto besser, sagt mein Mann immer. Er macht gerade einige Besorgungen und wird gleich hier sein. Mein Rücken tut schon seit einiger Zeit ziemlich weh, sodass ich kaum noch aus dem Haus komme. Zum Glück wohnt meine Mutter in der Nähe und hilft mir.“

„Nun, wie ich sehe, sind Sie sehr vernünftig“, lobte Cathy. „Der Entbindungstermin ist Anfang August?“

„Ja, es dauert noch eine Ewigkeit. Schwester Maria hat gesagt, dass es eine Kaiserschnittentbindung wird, weil die Kinder so groß sind.“

„Ja. Eine natürliche Geburt würde einen zu großen Druck auf den Beckenboden ausüben. Doch da hier auf Xeres keine großen Operationen gemacht werden, müssen Sie zur Entbindung nach Rhodos hinüber.“

„Ich habe das bereits mit Dr. Karavolis besprochen und ihn darum gebeten, dass er den Kaiserschnitt vornimmt. Er wird eine Ausnahme für mich machen, weil ich eine ausgebildete Krankenschwester bin und die Risiken abschätzen kann. Dr. Karavolis ist ein ausgezeichneter Chirurg, und ich vertraue ihm voll und ganz. Außerdem ist das Krankenhaus hier mit allen notwendigen Geräten ausgestattet. Der Facharzt in Rhodos, bei dem ich letzten Monat war, hatte auch keine Einwände. Er hat verstanden, wie wichtig es mir ist, dass auch meine beiden jüngsten Kinder auf unserer geliebten Insel das Licht der Welt erblicken.“

Cathy lächelte und bewunderte insgeheim die optimistische Einstellung ihrer Patientin. „In diesem Fall würde ich sehr gern ebenfalls bei Ihrer Entbindung dabei sein und Dr. Karavolis assistieren.“

„Vielen Dank. Das wäre wunderbar.“

Schwester Maria kam zurück, um Ariadne zum Ultraschall zu bringen. Bevor sie die Patientin hinausschob, überreichte sie Cathy die nächste Krankenakte.

„Wie kommen Sie zurecht?“ Urplötzlich stand Yannis in der Tür.

Kein Lächeln, kein Anzeichen dafür, dass sie mehr als Kollegen waren. Ganz genau so sollte es sein. Warum also spürte Cathy diese leise Enttäuschung? „Großartig.“

„Ich würde Ihnen gern den OP zeigen, bevor ich mit dem heutigen Programm anfange. Falls ich Sie während einer Operation brauchen sollte, werde ich sicher keine Zeit für Erklärungen haben. Schwester Maria weiß schon, dass sie für eine Weile ohne Sie auskommen muss.“

Er verließ den Raum, und Cathy musste fast rennen, um mit ihm Schritt zu halten.

„Ich dachte, es wäre eine gute Idee, wenn Sie sich mit dem OP vertraut machten“, nahm Yannis das Gespräch wieder auf. „In Ihrem Lebenslauf habe ich gelesen, dass Sie bereits umfangreiche Erfahrungen in der Chirurgie sammeln konnten.“

„Ja, ich hatte Glück mit meiner ersten Stelle. Ich durfte von Anfang an sehr viele verschiedene Eingriffe durchführen. Eine Zeit lang habe ich überlegt, mich auf ein chirurgisches Fachgebiet zu spezialisieren, doch dann erschien es mir vernünftiger, mich für die Allgemeinmedizin zu entscheiden. Das lässt sich besser mit einem Familienleben vereinbaren.“

„Sie haben also vor, sich niederzulassen und eine Familie zu gründen?“ Er war stehen geblieben, um die attraktive Frau neben sich besser ansehen zu können.

Erleichtert über die Atempause, lächelte Cathy ihn an. „Im Grunde habe ich am Anfang meiner Karriere keine konkreten Entscheidungen getroffen. Nur in einem Punkt war ich mir sicher: Ich wollte Ärztin werden. Doch die Fachrichtung …“ Hilflos zuckte sie die Schultern. „In diesem Punkt habe ich meine Meinung immer wieder geändert, denn jede neue Abteilung hatte ihre Reize und Vorteile.“

Yannis konnte sich nicht dagegen wehren, ihre strahlend blauen Augen zu bewundern, die anfingen zu leuchten, sobald sie über ein Thema sprach, das sie interessierte.

„Sie haben eine Unmenge von Erfahrungen gesammelt, die vor allem in einem kleinen Krankenhaus wie dem Xeres Hospital unglaublich wertvoll sind. Hier auf der Insel sind wir bei Notfällen oft auf uns allein gestellt und müssen schnell entscheiden, ob jemand hier versorgt werden kann oder nach Rhodos gebracht werden sollte. Falls die Zeit knapp ist oder die Wetterbedingungen ungünstig sind, müssen wir die verschiedensten Eingriffe selbst vornehmen. Sie haben also in möglichst viele Abteilungen hineingeschnuppert, weil Sie Hausärztin werden wollten?“

„Ja, ich dachte, wenn ich meinen Lebenspartner gefunden hätte und mit ihm eine große Familie gründen würde, dann ließe sich die Arbeit als Hausärztin viel besser damit vereinbaren, als wenn ich im Schichtsystem einer Klinik arbeiten würde.“

„Ihren Lebenspartner also …“ Er sah ihr in die Augen. Cathy hielt die Luft an, wie gebannt von seinem Blick.

„Glauben Sie daran, dass es immer irgendwo einen Menschen gibt, der unser vorherbestimmter Lebenspartner ist? Unser Seelenverwandter?“

Um Himmels willen! Cathy wünschte, sie hätte die Unterhaltung nicht in diese Richtung gelenkt.

„Vielleicht“, antwortete sie leise, ohne den Blickkontakt zu unterbrechen. „Zumindest habe ich daran geglaubt, als ich noch jünger war. Bevor ich … desillusioniert wurde.“

„Oh nein, Sie dürfen niemals glauben, dass Liebe nur eine Illusion ist!“, sagte er mit rauer, sehr verführerischer Stimme.

Ohne es zu wollen, hob er seine Hand und strich ihr zärtlich über die Wange. Ihre Haut war so weich, ihr Gesichtsausdruck so verletzlich.

„Sie haben einfach bisher Pech gehabt“, murmelte er leise. „Aber Sie dürfen die Hoffnung nicht aufgeben.“ Er schluckte. „Wir sollten jetzt weitergehen. Ich werde bald zu Operationen erwartet.“

Endlich hatten sie ihr Ziel erreicht. Er zeigte Cathy den OP Nummer 3, der gerade nicht benutzt wurde.

Sie nickte anerkennend. „Sie haben eine beeindruckende Ausstattung.“

Yannis stimmte zufrieden zu. „Ja, es ist alles da. Sowohl für allgemeinchirurgische Eingriffe als auch für fast alle anderen Operationen.“

Eine Krankenschwester trat ein. „Wir sind jetzt fertig, Dr. Karavolis.“

„Ist der Anästhesist schon da?“

„Ja, er wartet auf Ihre Anweisungen.“ Sie zögerte. „Es tut mir leid, aber Ihr Assistenzarzt wurde aufgehalten. Die Morgenfähre von Rhodos hat Verspätung, weil es so stürmisch ist. Wir versuchen gerade, einen Ersatz aufzutreiben.“

„Kein Problem. Ich bin mir sicher, dass Dr. Meredith mir gern assistieren wird, oder?“ Fragend sah er Cathy an. „In der ambulanten Sprechstunde war nicht so viel los. Hier im OP brauche ich Sie dringender. Was meinen Sie?“

„Natürlich. Ganz wie Sie möchten.“

„Es ist nur für die erste OP. Ein Blinddarm. Es dauert also nicht lange.“

Er drehte sich zu der Krankenschwester um. „Ist die Patientin schon da?“

„Ja. Alles ist vorbereitet.“

„Großartig.“

Cathy seifte sich neben Yannis die Hände ein und streckte dann ihre Arme aus, damit die Schwester ihr das OP-Hemd überstreifen konnte. Eine andere Schwester zog ihr sterile Handschuhe an.

Yannis war schon fertig. „Na dann los!“

Sie folgte ihm in den OP-Saal und bemerkte, dass dieser Raum identisch mit dem OP war, den er ihr gezeigt hatte. Das Team sah sie erwartungsvoll an.

Yannis beugte sich über die bereits narkotisierte Patientin und sah Cathy an. „Skalpell, bitte, Cathy.“

Sie reichte ihm das Instrument und war erleichtert darüber, dass er sie Cathy genannt hatte. Dem Team hatte er sie als Dr. Cathy Meredith vorgestellt, doch es gefiel Cathy, dass er einen freundschaftlichen Umgangston mit ihr pflegte. Ja, sie konnten Freunde sein. Aber nicht mehr.

Während der nächsten halben Stunde war sie vollkommen auf den Eingriff konzentriert.

Routiniert und mit großer Geschicklichkeit führte Yannis das Skalpell und entfernte den entzündeten Blinddarm. Danach betrachtete er die umliegenden Organe aufmerksam.

„Anscheinend keine weiteren Infektionen“, bemerkte er zufrieden.

In diesem Augenblick kam ein junger Mann in den OP gehetzt. „Oh, Nikolas! Schön, dass Sie da sind. Ich weiß schon, dass die Fähre Verspätung hatte. Vielen Dank, Cathy. Sie waren mir eine große Hilfe. Bis später.“

Cathy lächelte dem jungen Kollegen zu, dessen grünliche Gesichtsfarbe sie auf dem Weg hinaus zögern ließ.

„Sind Sie sicher, dass Sie übernehmen können, Nikolas?“, flüsterte sie leise.

„Ich möchte keinen Ärger mit dem Chef“, antwortete er ebenfalls fast unhörbar. „Ich bin noch neu hier und …“

„Genau wie ich.“ Sie zog ihren Mundschutz herunter und lächelte den jungen Mann an, der alles andere als glücklich aussah.

„Sobald Sie mit Ihrer Plauderei fertig sind, Nikolas, wäre es schön, wenn Sie den nächsten Patienten hereinbringen würden“, erklärte Yannis spöttisch.

Cathy drehte sich zu ihm um und bemerkte, dass er ihr zuzwinkerte.

3. KAPITEL

Cathy streifte die sterilen Handschuhe ab und warf sie in den Mülleimer, bevor sie sich die Hände wusch. Es waren schon einige Wochen vergangen, seitdem sie das letzte Mal mit Yannis im OP gestanden hatte.

Immer wieder hatte sie überlegt, ob sie bei der ersten gemeinsamen Operation vielleicht irgendetwas falsch gemacht hatte. Doch dann fiel ihr ein, dass Yannis ihr zum Abschied zugezwinkert hatte, was für den ernsthaften Chefarzt ganz und gar untypisch gewesen war.

Was mochte es zu bedeuten haben? Oder hatte sie es sich doch nur eingebildet? Seit dem Tag hatte er sie jedenfalls kaum noch beachtet.

Natürlich hatten sie sich in der Klinik getroffen, über Patienten gesprochen und dienstliche Angelegenheiten geregelt. Doch außerhalb der Arbeit hatte sie ihn nicht ein einziges Mal gesehen.

Da er am Strand wohnte und sich ihr derzeitiges Zuhause in der Stadtmitte befand, war es aber auch nicht sonderlich wahrscheinlich, dass sie sich zufällig über den Weg liefen.

Heute Morgen war sie jedoch mit einem aufgeregten Kribbeln im Bauch zur Arbeit gekommen, denn Yannis hatte sie für den OP eingeteilt. Sie würde den ganzen Vormittag mit ihm zusammenarbeiten.

Einerseits hatte sie sich darüber gefreut, doch auf der anderen Seite hatte sie ein wenig Angst gehabt, etwas falsch zu machen.

Während der letzten Tage war er betont professionell und eher kühl gewesen, sodass Cathy befürchtet hatte, sie habe seine Freundlichkeit am Anfang falsch interpretiert.

Daher war sie sehr erleichtert darüber, dass heute Morgen im OP alles gut verlaufen war.

Prüfend sah sie ihr Spiegelbild an, während sie sich die Hände einseifte.

Im Hintergrund bemerkte sie, wie sich die Tür öffnete.

Yannis trat ein, zog seinen OP-Kittel aus und warf ihn in den Wäschekorb neben der Tür.

Dann blieb er hinter ihr stehen. Fragend sah sie sein Spiegelbild an und bemerkte, dass ein Lächeln über sein Gesicht huschte.

„Soll ich Ihnen aus dem OP-Kittel helfen?“

Schützend verschränkte Cathy die Arme vor ihrer Brust. „Nein, das geht nicht. Ich ziehe mich in der Damenumkleide um. Ich … nun ja, ich habe nicht allzu viel darunter an.“

„Das hätten Sie mir besser nicht gesagt“, erwiderte er mit heiserer Stimme. Er trat einen Schritt zurück, um seine Hormone wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Es war ihm während der letzten zwei Wochen nicht leichtgefallen, seine Gedanken im Zaum zu halten. Fast schien es, als würde er wieder zum Leben erwachen. Es war ein wunderbares Gefühl, doch Yannis wusste nicht so recht, wie er damit umgehen sollte.

Immer, wenn er Cathy irgendwo in der Klinik begegnet war, hatte er sich wie ein verliebter Teenager gefühlt.

Abrupt drehte er sich um, damit sie ihm nicht in die Augen sehen konnte. In seinem Inneren herrschte ein Tumult aus Schuldgefühlen und Verlangen.

Er hatte sie heute Morgen bei sich im OP eingeteilt, weil er sich selbst beweisen wollte, dass der Bann gebrochen und er immun gegen sie war.

Doch leider hatte er sich überschätzt.

„Danke für Ihre Hilfe“, sagte er steif und ging schnell zur Tür, damit sie nicht erkannte, wie es in seinem Inneren aussah. Doch kurz bevor er hinausging, hielt er inne und drehte sich wieder zu ihr um.

Cathy bemerkte alarmiert, dass sein Gesichtsausdruck sehr ernst war. Hatte sie doch etwas falsch gemacht?

„Cathy, ich habe mich gerade gefragt, ob Sie vielleicht Lust hätten, heute Abend etwas mit mir zu unternehmen. Wir haben beide frei.“

Noch immer lächelte er nicht, denn er hatte genug damit zu tun, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten.

Auch Cathys Reaktion auf die Einladung war widersprüchlich. Einerseits würde sie nur zu gern den Abend mit diesem attraktiven griechischen Arzt verbringen. Doch eine mahnende Stimme in ihrem Inneren ließ sie zögern. Sie würde sehr vorsichtig sein müssen. Am ersten Abend war ihr Treffen zufällig gewesen, doch dies hier klang nach einer richtigen Verabredung.

War es klug, Arbeit und Privatleben miteinander zu vermischen? Noch dazu mit ihrem Chef? Wie sollte sie weiter mit ihm zusammenarbeiten, wenn sie anfing, mit ihm auszugehen?

„Yannis, ich kenne Sie kaum“, platzte sie schließlich heraus. „Meinen Sie nicht, dass es noch ein bisschen zu früh für eine Verabredung ist?“

Einen Augenblick lang war er völlig perplex. Doch er fing sich schnell wieder. Ruhig antwortete er: „Ich glaube, Sie haben die Situation falsch verstanden, Cathy. Ich wollte mich nur einmal in Ruhe mit Ihnen über Ihre Arbeit hier im Krankenhaus unterhalten.“

Um Himmels willen! Sie war schon wieder ins Fettnäpfchen getreten. Wie peinlich!

Zögernd sah sie ihn an. Sein Vorschlag war also vollkommen harmlos.

„Nun, unter diesen Umständen sage ich gerne zu. Es wäre wirklich nett, in Ruhe über alles zu sprechen. Wo wollen wir uns treffen?“

Während Yannis sie aufmerksam betrachtete, versuchte er, so gelassen wie möglich auszusehen. Wie hatte er sich nur so lächerlich machen können? Wie zum Teufel war er auf die Idee gekommen, sie so plump um eine Verabredung zu bitten?

„Wie wäre es, wenn Sie zum Abendessen zu mir kämen?“

Cathy zögerte erneut. Nachdem sie vorhin alles falsch verstanden hatte, musste sie nun ihren Fauxpas wieder wettmachen. Es gab keinen vernünftigen Grund, der gegen ein Abendessen unter Kollegen sprach.

Sie holte tief Luft. „Ja, sehr gern. Danke für die Einladung.“

Yannis hoffte, dass sie ihm seine Erleichterung nicht ansah.

„Prima. Meine Haushälterin wird begeistert sein! Sie ist eine ausgezeichnete Köchin, doch ich gebe ihr nur selten Gelegenheit, ihre Kochkünste unter Beweis zu stellen.“

Da er sehr nervös war, sprach Yannis viel zu schnell.

„Oh, und bitte bringen Sie Rose ruhig mit. Die Taxifahrer wissen alle, wo ich wohne – das dürfte also kein Problem sein. Passt Ihnen acht Uhr?“

„Ja, sehr gut.“

Fluchtartig verließ er den Raum. Auf dem Gang lehnte er sich einige Sekunden an die geschlossene Tür. So. Er hatte den ersten Schritt gemacht. Den ersten Schritt … wohin eigentlich? War es die richtige Richtung? Oder steuerte er auf eine Katastrophe zu? Er fühlte sich hin- und hergerissen.

War es ein Verrat an Maroulas Andenken, wenn er einen Abend mit einer anderen Frau verbrachte? Noch dazu mit einer so attraktiven Frau?

Seufzend machte er sich auf den Weg in sein Büro. Er musste abwarten, was die Zukunft ihm bringen würde. Bestimmt würde er am Ende des Abends klarer sehen.

Cathy war so nervös wie bei ihrer allerersten Verabredung. Sie musste sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass es nur ein Arbeitsessen war. Die Haushälterin ihres Chefs würde eine Kleinigkeit kochen – es war nichts Besonderes.

Der prüfende Blick in den Spiegel stimmte sie einigermaßen zufrieden. Da sie nach der Arbeit noch ein wenig mit Rose draußen gespielt hatte, überzog eine sanfte Bräune ihr Gesicht. Außerdem hatte sie etwas Lippenstift aufgetragen.

Ihr Handy klingelte. Der bestellte Taxifahrer ließ ausrichten, dass er am Ende der Straße wartete. Schnell griff Cathy nach ihrer Tasche und stürmte hinaus.

Während sie die wackligen Stufen der alten Holztreppe hinuntereilte, hatte sie plötzlich die Befürchtung, dass dieser Abend alles andere als ein harmloses Essen unter Kollegen werden würde.

Yannis wartete bereits an der Auffahrt zu seinem imposanten Haus auf sie.

Sprachlos sah Cathy sich die beeindruckende Fassade an. „Ihr Haus ist einfach unglaublich! Es muss schon sehr alt sein, nicht wahr?“

Doch statt auf ihre Frage zu antworten, griff er nervös lächelnd nach ihrer Hand. „Haben Sie Rose nicht mitgebracht?“

Er schien ehrlich enttäuscht zu sein.

„Anna hat darauf bestanden, dass es besser für Rose wäre, heute Nacht bei ihr zu schlafen. Und da ich nicht gern mit einer Frau streiten wollte, die so viel älter und erfahrener ist als ich, habe ich zugestimmt.“

Er hielt noch immer ihre Hand und hob sie nun an seine Lippen. Ohne sich von der Stelle zu rühren, sahen sie sich sekundenlang tief in die Augen. Beiden war klar, dass sie die Anziehungskraft des anderen nicht länger leugnen konnten. Der Abend versprach, nervenaufreibend zu werden.

„Tut mir leid, aber das Haus ist längst nicht so alt, wie es aussieht“, erklärte Yannis und öffnete die Tür. „Als ich es kaufte, war es völlig verfallen. Es zu sanieren, hat länger als ein Jahr gedauert. Mein Architekt hatte viele gute Ideen, und so ist dieses moderne, doch gleichzeitig sehr traditionelle Haus dabei entstanden.“

Inzwischen waren sie in der offenen Eingangshalle mit ihren hohen Decken und den riesigen Dachfenstern angekommen. Cathy konnte den vom Sonnenuntergang orange gefärbten Himmel sehen. Nachts musste man von hier aus einen atemberaubenden Blick auf die Sterne haben.

„Es ist wunderschön! Die Decke sieht fast so aus wie in einer Kathedrale. Wie um alles in der Welt konnten Sie …“ Verlegen brach sie den Satz ab. Sie musste es sich endlich abgewöhnen, immer so indiskrete Fragen zu stellen.

Als könnte er ihre Gedanken lesen, antwortete Yannis dennoch. „Sie fragen sich, wie ich mir so ein Haus leisten konnte, stimmt’s? Zwei Jahre bevor ich zurück nach Xeres kam, verstarb meine Mutter und hinterließ mir das Haus, in dem ich geboren wurde. Es steht auf der anderen Seite der Insel.“

„Sie wurden auf Xeres geboren? Ich dachte, Sie kämen aus Athen.“

„Nein, ich bin nur zum Medizinstudium nach Athen gegangen. Dort habe ich dann Maroula kennengelernt.“

Er hielt inne und wünschte, er hätte diesen Umstand nicht erwähnt. Es war an der Zeit, damit aufzuhören, sie bei jeder Gelegenheit zu erwähnen. Vor allem, da er wirklich nach vorn blicken wollte.

Er schluckte, als ihm klar wurde, was er sich gerade eingestanden hatte. Stimmte es denn? Wollte er es wagen? Wie sollte er mit den Schuldgefühlen fertigwerden, die sich unvermeidlich einstellen würden?

Verwirrt sah Cathy ihren Gastgeber an. Irgendetwas hatte ihm die Sprache verschlagen.

Besorgt legte sie ihre Hand auf seinen Arm. „Ist alles in Ordnung, Yannis? Sie sehen …“

Er lächelte sie verlegen an. „Es geht mir gut. Danke.“ Zärtlich legte er seine Hände auf ihre Schultern und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Als Cathy überrascht zu ihm aufblickte, küsste er sie auf die Lippen. Einfach so.

Er trat einen Schritt zurück und sah in ihre verwirrend blauen Augen. Es war schon eine Ewigkeit her, dass er so starke Gefühle für eine Frau gehabt hatte. Egal, wie schlimm die Schuldgefühle später sein würden – dieser Abend war es wert.

Cathy war so verwirrt, dass es ihr kaum gelang, wieder zur Tagesordnung überzugehen. „Sie … du hast also dein … Elternhaus verkauft und mit dem Geld dieses Haus hier restauriert.“

„Ja.“ Er nahm sie an die Hand und führte sie in eine Küche, die in einer Lifestyle-Zeitschrift als Wohnküche im Landhausstil beschrieben worden wäre.

Cathy sah sich fasziniert um. Der Boden war mit geschmackvollen Terrakottafliesen ausgelegt, und durch ein sehr großes Fenster hatte man einen fantastischen Blick auf den Strand und über das Meer.

„Dieser Raum ist unglaublich! Hast du das alles selbst entworfen, Yannis?“

„Teilweise“, gab er bescheiden zu. „Ein Freund von mir, ein Architekt, hat mir sehr geholfen. Ich habe ihn in Athen kennengelernt. Maroula und ich haben ihm genau gesagt, wie wir uns alles vorstellen. Es sollte so ähnlich aussehen wie das Haus, das wir in Athen hatten.“

In diesem Augenblick kam eine kleine, mollige Frau durch die Tür. „Yannis! Ich habe die Kräuter für die Suppe geholt, um sie gleich in den Topf …“

„Eleni, darf ich Ihnen Cathy vorstellen? Sie ist die neue Ärztin bei uns im Krankenhaus.“

Cathy und Eleni schüttelten sich herzlich die Hände. „Schön, Sie kennenzulernen, Frau Doktor. Es freut mich, dass Sie Yannis heute Abend Gesellschaft leisten. Er ist viel zu viel allein. Es ist nicht gut für einen Mann, wenn …“

„Vielen Dank, Eleni. Ich werde die Kräuter selbst in den Topf geben. Sicher möchten Sie gern nach Hause gehen.“

„Nun ja. Brauchen Sie mich wirklich nicht mehr?“

„Das Essen steht im Ofen. Ich denke, wir werden allein zurechtkommen, Eleni. Danke, dass Sie alles vorbereitet haben. Bis morgen dann. Kali nichta.

Kali nichta, Yannis. Cathy.“ Sie nickte den beiden freundlich zu und verschwand.

„Sie ist ein wahres Goldstück“, erklärte Yannis, während er zum Kühlschrank ging. „Hättest du gern etwas Champagner?“

„Das wäre wundervoll.“ Sie sah neugierig durch die Scheibe des Backofens. „Was ist da drin?“

Vorsichtig öffnete Yannis die Flasche. „Ich glaube, Eleni hat von Hühnchen gesprochen. Vielleicht war es aber auch Lamm. Um halb neun muss ich den Bräter herausholen, dann sehen wir es. Dort drüben im Topf ist auch noch frisches Gemüse.“

„Du hast recht, Eleni ist wirklich ein wahrer Schatz.“

Er reichte ihr ein Champagnerglas. „Ja, ich habe Glück. Maroula war auch eine gute Köchin, und so …“ Er brach ab. „Yamas! Cheers!“

Während Cathy den ersten Schluck trank, wurde ihr klar, dass sie bereits geahnt hatte, dass Maroula eine gute Köchin gewesen sein musste. Diese Küche war einfach perfekt eingerichtet.

„Soll ich mal einen Blick in den Ofen werfen?“, schlug sie fachmännisch vor.

„Gute Idee. In der Zwischenzeit kümmere ich mich um die Suppe.“

„Das kann ich doch auch machen, Yannis.“ Sie nahm die Kräuter, die Eleni auf die Anrichte gelegt hatte, und roch daran.

„Oregano! Wie wundervoll. Das ist mein Lieblingsgewürz.“ Großzügig streute sie es in die köchelnde Suppe.

„Und dort drüben liegen Rosmarinzweige. Ich schätze, Eleni hat Lamm für uns gekocht.“

Prüfend blickte Cathy sich in der Küche um. „Weißt du, wo Eleni die Topflappen aufbewahrt? Oh, da liegen sie!“ Als sie die Ofentür öffnete, bestand kein Zweifel mehr daran, dass sie heute Abend Lamm essen würden. Der köstliche Geruch ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Vorsichtig wendete sie die Lammkeule in der Kasserolle. Kochen war gar nicht so schwierig. Vor allem dann nicht, wenn jemand anders alles perfekt vorbereitet hatte.

Cathy schob die Lammkeule wieder in den Ofen und richtete sich auf. Hoffentlich hatte Yannis bemerkt, wie professionell sie sich um das Essen gekümmert hatte.

Mist! Versuchte sie etwa, ihn zu beeindrucken?

Nein, beruhigte sie sich selbst. Sie half nur einem alleinstehenden Mann beim Kochen.

„Es schmort gemütlich vor sich hin“, erklärte sie ihm so beiläufig, als wäre die Zubereitung eines Sonntagsbratens eine ihrer leichtesten Übungen. „In einer Viertelstunde können wir essen.“

Yannis nickte zufrieden, legte seinen Arm um ihre Schultern und führte sie ins Wohnzimmer. Sofort fiel Cathys Blick auf die großen, offenen Flügelfenster. „Dieser Blick ist einfach unglaublich!“

Sie sank auf das Sofa und sah hinaus aufs Meer. Yannis setzte sich neben sie, nachdem er die Champagnerflasche auf dem niedrigen Tisch abgestellt hatte.

Schweigend genossen sie den Ausblick.

Schließlich stand Cathy auf und erklärte, sie wolle nach der Lammkeule sehen. Das Fleisch sah gut aus, als sie es aus der Kasserolle holte und auf eine Platte legte. Erinnerungen an ihre Mutter kamen ihr in den Sinn – die hatte sonntags immer sehr geschäftig in der Küche gewerkelt.

Cathy konnte förmlich ihre Stimme hören. „Man muss das Lamm immer erst etwas ruhen lassen, bevor man es serviert“, hatte sie bei so mancher Gelegenheit verkündet, wenn gerade mal wieder ein neuer Mann in die Familie aufgenommen worden war. Ihr Vater hatte kein Interesse an dem häuslichen Glück gehabt und war schon früh verschwunden.

„Eleni hat im Esszimmer für uns gedeckt. Ich nehme schon mal die Suppe mit.“ Yannis griff nach dem Topf und füllte die Suppe in eine Terrine, die Eleni bereitgestellt hatte.

Cathy folgte ihm ins Esszimmer, das ebenfalls beeindruckend war. Ein großer Kristalllüster hing in der Mitte des Raums und sorgte für eine perfekte Beleuchtung. Yannis stellte die Terrine ab und rückte Cathy einen Stuhl zurecht.

Dann setzte er sich neben sie und füllte Suppe in ihren Teller. Aufmerksam sah er zu, wie sie den ersten Löffel probierte.

Lächelnd blickte sie ihn an. „Es ist köstlich!“

„Eleni kocht wunderbare Suppen. Die Zutaten kommen fast immer aus meinem Garten. Zucchini, Karotten, Erbsen – alles, was die Natur gerade hergibt.“

„Ich liebe es auch, Suppen zu kochen“, erklärte Cathy und war über ihre Worte mindestens genauso überrascht wie Yannis.

„Wirklich? Ich kann mir dich gar nicht über einem Kochtopf vorstellen. Du passt besser in den OP. Wo hast du kochen gelernt?“

„Einfache Sachen wie Suppen hat meine Mutter mir beigebracht, als ich noch ein kleines Mädchen war. Später fand sie dann, dass ich mich lieber um meine Schularbeiten kümmern sollte, denn ich war ja auf gute Noten angewiesen, damit ich Stipendien bekam. Geld war immer knapp bei uns. Aber ich könnte mir gut vorstellen, wieder jeden Tag zu kochen, falls … nun ja, falls es sein soll.“

Nach dem ebenfalls vorzüglichen Lamm gelang es ihnen sogar noch, je ein kleines Stück von dem frisch gebackenen Apfelkuchen zu essen, um Eleni nicht zu enttäuschen.

„Wie wäre es, wenn wir den Kaffee auf der Veranda trinken würden?“, schlug Yannis vor und führte Cathy durch die Flügeltür nach draußen. Der Mond spiegelte sich auf der ruhigen Wasseroberfläche.

Aus der Küche holte er ein Tablett mit kleinen Mokkatassen und zwei Gläsern Metaxa. Minutenlang saßen sie schweigend nebeneinander und genossen die abendliche Stille. Aus dem Garten war der Ruf einer Eule zu hören, und eine sanfte Brise ließ das Meer leise vor sich hin murmeln.

Yannis war nun so dicht neben ihr, dass Cathys Alarmglocken anfingen zu schrillen. War sie schon zu weit gegangen? Doch es fühlte sich so richtig an, hier mit ihm zu sitzen. Sie hatte sich schon lange nicht mehr so geborgen gefühlt.

„Du machst so ein ernstes Gesicht.“ Er rückte noch näher an sie heran.

„Ich habe gerade daran gedacht, wie schön es ist, hier so sitzen zu können. Einfach nur den Geräuschen der Nacht zu lauschen, nachzudenken und das mit jemandem zu teilen, mit dem … mit dem man sich gut versteht.“

„Es ist schon lange her, seit …“ Er stockte. „Ja, es ist schön, mit dir zusammen zu sein. Ich habe das Gefühl, ich kann mit dir über alles reden. So wie kürzlich in Michaelis’ Taverne, als ich dir von Maroula erzählt habe. Das hat mir sehr geholfen.“

„Es würde mich freuen, wenn ich dir über diesen schlimmen Verlust hinweghelfen könnte.“

Yannis holte tief Luft. „Ich war nicht ganz ehrlich zu dir, Cathy. Ich habe noch nie jemandem die ganze Wahrheit über diesen schrecklichen Unfall erzählt.“

Cathy sah ihn an und wartete geduldig. Sie durfte ihn jetzt nicht unterbrechen, sonst würde er sicher einen Rückzieher machen.

„Maroula war übers Wochenende zu ihren Eltern gefahren, denn ihre Mutter hatte Geburtstag. Natürlich war ich ebenfalls eingeladen gewesen, doch ich sollte am Samstag einen Vortrag auf einem wichtigen medizinischen Kongress halten. Damals war ich noch sehr ehrgeizig. Meine medizinische Karriere war das Allerwichtigste für mich. Wichtiger als meine Familie.“

Cathy hörte den Schmerz in seiner Stimme.

Er sah sie an, und der Kummer in seinen Augen brach ihr fast das Herz.

„Ich hatte versprochen, sonntags mit einem Taxi nachzukommen und Maroula bei ihren Eltern abzuholen, um sie heimzufahren. Aber Maroula wollte schon am Samstag zurückkommen. Ich schäme mich heute sehr dafür, aber damals war ich erleichtert darüber, denn so konnte ich auch am Sonntag in der Klinik sein. Es war gerade ein Oberarztposten ausgeschrieben worden, den ich um jeden Preis haben wollte, sodass ich noch mehr als sonst gearbeitet habe.“

Müde rieb er sich das Gesicht. Als er die Hände herunternahm, wandte er sich wieder an Cathy. „Ich habe noch kurz darüber nachgedacht, ob die Fahrt über die engen, kurvigen Straßen wohl zu anstrengend für Maroula sein würde, denn sie war im siebten Monat schwanger. Aber mein Job war mir wichtiger.“

„Sie war schwanger?“, wiederholte Cathy leise und wünschte sich im gleichen Augenblick, sie hätte geschwiegen.

„Ja. Du hast mich bei unserem ersten Treffen gefragt, ob ich Kinder habe, und ich habe geantwortet, dass es nicht hatte sein sollen …“ Er zögerte. „Nun, wir erwarteten gerade unser erstes Kind. Auf dem Ultraschall war bereits zu sehen, dass es ein Junge war.“

Cathy spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Sollte sie ihn bitten, nicht weiterzusprechen? Sie wollte keine Einzelheiten über den tragischen Tod seiner Frau und seines ungeborenen Kindes hören.

„Maroula fuhr also allein zurück. Es regnete heftig. Die Straße war kurvig und führte durch eine enge Schlucht. Der Mann im Wagen hinter ihr erzählte mir später, dass ein großer Lkw Schwierigkeiten gehabt hatte, um eine sehr enge Kurve zu kommen, und daher auf die Gegenfahrbahn geraten war. Sie sind frontal zusammengestoßen. Maroula hatte keine Chance.“

Es war jetzt so leise, dass Cathy das Ticken der Uhr hören konnte. Sie wagte es weder, zu sprechen, noch, sich zu rühren.

Yannis hatte sich aufrecht hingesetzt und starrte mit reglosem Gesicht in den Garten, während in seinem Inneren Wut, Schmerz und Verzweiflung tobten. „Die Polizei hat mich in der Klinik angerufen. Sie sagten, ein Rettungswagen bringe Maroula in die Notaufnahme. Ich rannte ihnen entgegen, doch als sie ankamen, hatten die Rettungsassistenten Maroula bereits ein Tuch über das Gesicht gelegt.“

„Oh nein!“ Cathy presste sich die Hand auf den Mund, um ein Schluchzen zu ersticken.

„Maroula war tot und unser Baby ebenfalls. In dem Augenblick des Zusammenstoßes mit dem Lkw hatte ich sie beide für immer verloren.“

4. KAPITEL

Als er schließlich schwieg, streckte Cathy instinktiv ihre Arme nach Yannis aus. In diesem Augenblick war es nicht mehr wichtig, dass sie damit ihren Schutzschild aufgab und die Grenze ihrer platonischen Freundschaft überschritt.

Er sah das tiefe Mitgefühl in ihrem Blick und konnte seine Tränen nicht länger zurückhalten. All seine Beherrschung fiel von ihm ab, und er wollte nur noch eines: Cathys tröstende Umarmung, die sich erstaunlich richtig anfühlte.

Als sie ihn an sich drückte, liefen auch ihr Tränen die Wangen hinunter. Sein Schluchzen ließ sie verzweifeln. Wie gern hätte sie ihm ein wenig von seiner Trauer abgenommen, doch sie wusste nicht, wie sie es anstellen sollte. Diese Hilflosigkeit war furchtbar.

Endlich hatte er sich ein wenig beruhigt und setzte sich auf. „Es tut mir leid“, murmelte er mit belegter Stimme. „Ich habe nicht mehr geweint, seitdem ich ein kleiner Junge war.“

„Vielleicht hättest du schon viel früher weinen sollen“, bemerkte sie.

„Ach, Cathy, du warst mir eine so große Hilfe!“, sagte er leise und sah ihr in die Augen, während er sie in seine Arme zog. Er beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie sanft auf die Lippen. „Danke, dass du heute Abend hier bei mir bist. Zum ersten Mal seit Jahren kann ich mir vorstellen … wieder eine Zukunft zu haben.“

Als er sie an sich drückte, spürte sie überdeutlich seine starken Muskeln. Trotz der aufwühlenden Dinge, die er ihr erzählt hatte, reagierte ihr Körper unmissverständlich auf ihn. Sie wollte mit Yannis zusammen sein. Jetzt.

Doch noch bevor sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, wusste sie, dass dieser Wunsch vollkommen unpassend war. Schließlich hatten sie gerade eben gemeinsam um Maroula und ihr ungeborenes Kind geweint.

Abwartend sah sie ihn an und wagte es nicht, etwas zu sagen.

Einen unendlich erscheinenden Augenblick später ließ Yannis sie schließlich los und stand auf. „Es ist inzwischen so spät, dass du kein Taxi mehr bekommen wirst. Da Rose bei Anna gut aufgehoben ist, schlage ich vor, dass du hier übernachtest. Unsere Unterhaltung über die Tragödie meines Lebens war sicher auch für dich sehr anstrengend. Du kannst in meinem Gästezimmer schlafen, und morgen bringe ich dich in aller Frühe nach Hause.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er ihre Hand, zog Cathy zurück ins Haus und die große Treppe hinauf. Die Vorstellung, mit Yannis die Nacht zu verbringen, war ausgesprochen verführerisch. Doch Cathy hatte dazugelernt. Dave hatte dafür gesorgt, dass sie niemals wieder einem romantischen Impuls nachgeben würde.

Yannis gab ihr einen flüchtigen Kuss, bevor er die Tür zum Gästezimmer öffnete und das Licht anschaltete. Da er in der Türöffnung stehen blieb, war Cathy klar, dass er sie allein lassen würde. „Du wirst hier alles finden, was du brauchst. Schlaf gut.“ Schon hatte er die Tür geschlossen.

Während Cathy sich in dem geschmackvoll eingerichteten Raum umsah, hörte sie, wie seine Schritte sich entfernten. Seufzend streifte sie ihre Schuhe ab und ging barfuß über den dicken Teppich zu einem Bett, das mit weißer Leinenbettwäsche bezogen war.

Erschöpft ließ sie sich auf die Matratze sinken und träumte davon, hier mit Yannis zu liegen.

Autor

Margaret Barker
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