Julia Ärzte zum Verlieben Band 150

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WIEDERSEHEN IN DER NOTAUFNAHME VON CAROL MARINELLI

Als Schwester Rachel den neuen Anästhesisten erblickt, ist sie fassungslos. Sie kennt Dr. Dominic Hadley verhängnisvoll gut – er ist ihr Ex-Mann! Jetzt zählt jede Sekunde: Sie muss mit ihm das Leben eines kleinen Jungen retten. Obwohl Dominic damals ihr Leben fast zerstört hat …


ICH TRÄUM‘ VON IHNEN, DR. GARRETT VON KARIN BAINE

Unvermittelt ist die junge Hebamme Kayla verantwortlich für ein winziges Baby. Was sie in die Arme des gefährlich attraktiven Dr. Garrett führt, Onkel des kleinen Luke. Ein Glück zu dritt? Doch Kayla hat sich geschworen, niemals eine Familie zu haben! Sie beschließt zu fliehen …


NACHTDIENST MIT DEM TRAUMDOC VON DEANNE ANDERS

Dr. Scott Boudreaux liebt das Abenteuer genauso wie Schwester Laceys Ehemann – der in der Gefahr umgekommen ist. Schon deshalb macht sie einen großen Bogen um den Traumdoc. Doch ein heißer Kuss während eines gemeinsamen Nachtdienstes ändert alles. Ist Liebe jedes Risiko wert?


  • Erscheinungstag 01.04.2021
  • Bandnummer 150
  • ISBN / Artikelnummer 8031210150
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Carol Marinelli, Karin Baine, Deanne Anders

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 150

CAROL MARINELLI

Wiedersehen in der Notaufnahme

Seine Ex-Frau Rachel ist hier Krankenschwester? Statt sich von ihrem Lächeln bezaubern zu lassen, sollte Dr. Dominic Hadley sich besser daran erinnern, wie schrecklich das Ende ihrer Ehe damals war! Und doch wünscht er sich nichts sehnlicher als eine zweite Chance. Kann aus der schmerzlichen Vergangenheit vielleicht noch eine glückliche Zukunft werden?

KARIN BAINE

Ich träum‘ von Ihnen, Dr. Garrett

Baby Luke ist das Einzige, was Dr. Jamie Garrett von seinem geliebten Bruder geblieben ist. Selbstverständlich will er an der Entwicklung des Kindes teilhaben. Auch wenn dessen Mutter, Hebamme Kayla, ihm nicht zu trauen scheint. Was ist dieser schönen Frau nur widerfahren, dass sie so vorsichtig ist? Der überzeugte Junggeselle fühlt sich herausgefordert …

DEANNE ANDERS

Nachtdienst mit dem Traumdoc

In der Notaufnahme Seite an Seite mit Schwester Lacey zu arbeiten, bringt Dr. Scott Boudreaux manchmal an den Rand der Beherrschung. Wie gern würde er sie einfach mal heiß küssen! Doch das ist unmöglich. Denn ihr verstorbener Mann war sein bester Freund, und es ist für Scott eine Frage der Ehre, sein Verlangen nach ihr zu zügeln. Bis Lacey ihn küsst!

1. KAPITEL

Manche würden sagen, dass Rachel Walker Superkräfte besaß.

Sie war Notfallkrankenschwester, schlank und zierlich, zweiunddreißig Jahre alt, sah aber jünger aus. Bei ihrem leuchtend roten Haar und dem porzellanhellen Teint hätte man vermutet, dass sie leicht errötete. Doch ihre blasse Haut verfärbte sich selten, und auch ihre großen grünen Augen verrieten wenig von dem, was in ihr vorging. Selbst dann nicht, wenn sie jemanden direkt anblickte.

All das mochten keine Hinweise auf Superkräfte sein. Ernsthaft erkrankten und angstvollen Patienten und denjenigen, die Rachel ihre geheimsten Sorgen anvertrauten, half es allerdings sehr, dass die Notfallschwester in jeder noch so schwierigen Situation ruhig und gelassen blieb.

Rachel hatte früh gelernt, ihre tiefsten Gefühle zu verbergen.

Aufgewachsen in Sheffield, in einer lauten, glücklichen Familie mit geselligen Eltern und vier älteren Brüdern, übte sie von klein auf, ein Pokerface zu machen, wenn sie geneckt wurde. Und gutmütiges Necken untereinander gehörte zum Alltag der Familie Walker wie das tägliche Brot!

Doch dann, als sie sechs Jahre alt war, kam sie eines Tages von der Schule nach Hause, und in den Zimmern waren Tanten und Onkel, Nachbarn, Freunde und Bekannte versammelt. Ihre Mutter war plötzlich gestorben. Das Necken hörte auf, und gelacht wurde im Haus der Walkers auch nicht mehr. Das kleine Mädchen begriff schnell, dass ihr Dad und ihre großen Brüder mit Rachels Kummer und ihren Tränen nicht umgehen konnten.

„Bringt sie zum Spielplatz“, sagte ihr Dad, wann immer sie schluchzend nach ihrer Mutter verlangte.

Die Brüder gehorchten, gaben ihr Schwung, wenn sie schaukelte, drehten sie auf dem Karussell oder setzten sich mit ihr auf die Wippe, bis sie sicher sein konnten, dass sie lächelnd nach Hause zurückkehrte.

Aber das Lächeln blieb nie lange, und schnell flossen wieder Tränen.

Vor allem abends, wenn sie sich danach sehnte, dass ihre Mutter sie zudeckte und ihr eine Gutenachtgeschichte vorlas. Oder sie tröstete, nachdem Rachel nachts schlecht geträumt hatte.

„Ach, komm, Rachel“, sagte ihr Dad dann. „Du machst es unserem Phil nicht leicht mit deinem Theater.“

Als sie eines Tages im Unterricht so bitterlich geweint hatte, dass sie ihren Vater während der Arbeit verständigen mussten, damit er sie wieder einmal von der Schule abholte, begriff sie, dass ihre Tränen zu einem ernsthaften Problem wurden. Ihr Dad besaß ein Umzugsunternehmen, und seine Kunden mussten sich auf ihn verlassen können, wie er ihr ernsthaft erklärte.

„Es ist ihr Umzugstag, Rachel“, hatte er gesagt, als sie im Lkw neben ihm auf dem Beifahrersitz saß. „Wenn ich von der Arbeit weggeholt werde, wer hilft dann den Leuten, ihr neues Zuhause zu beziehen? Und was ist mit der Familie, die darauf wartet, in ihr altes zu ziehen? Sie werden sich fragen, wo sie heute Nacht schlafen sollen. Also, sei ein gutes Mädchen und hör auf zu weinen.“

Auch „unserem Phil“ riss der Geduldsfaden. „Es reicht, Rachel! Dad muss sich das nicht anhören. Er ist schon traurig genug und vermisst Mum auch. Du machst alles nur noch schlimmer.“

Von da an schluckte Rachel die Tränen hinunter und hörte auf, nach ihrer Mum zu fragen. Die Gefühle jedoch blieben. Sie hatte nur gelernt, sie zu verbergen.

Die Superkraft, die sie damit besaß, hatte ihr in Beziehungen nicht viel genützt. Aber an diesem kalten Februarmorgen in der Notaufnahme des London Primary Hospital wurde ihre Fähigkeit bemerkt. Rachel arbeitete erst seit einer Woche dort.

Sie war gerade in der Kleinen Wundversorgung und half einem jungen Mann an Gehhilfen, als sie über die Sprechanlage ihren Namen hörte.

„Entschuldigen Sie mich einen Moment.“ Ihr war nicht ganz geheuer dabei, den auf wackligen Beinen stehenden Patienten allein zu lassen, sodass sie bei den Vorhängen stehen blieb, um Stationsschwester May anzurufen. „Ja?“

„Kommst du bitte zu den Schockräumen?“, fragte May in dringendem Ton.

„Sicher“, antwortete Rachel. „Ich muss nur …“

„Sofort.“

May hatte bereits aufgelegt, und gleich darauf erging ein neuer Aufruf über die Sprechanlage. Ein Anästhesist wurde dringend in die Notaufnahme gebeten.

Rachel rief einer Kollegin zu, den jungen Mann zu übernehmen, und machte sich auf den Weg durch die Abteilung. Sie eilte am Empfang vorbei, durch den zentralen Warteraum, der recht voll war, und in den Hauptbereich, wo sie May an den Schockräumen stehen sah.

Rachel mochte die Stationsschwester. Wie eine Glucke kümmerte sich May um alle, die ihr anvertraut waren, und sie besaß einen scharfen Verstand und traf ihre Entscheidungen klug und kompetent.

Nun bedeutete sie Rachel, zu ihr zu kommen.

„Thomas Jennings“, informierte sie sie über den Patienten im Schockraum. „Achtzehn Monate alt, Verdacht auf Epiglottitis. Seine Mutter hat ihn hergebracht … Sie dachte, er hätte einen Krupp-Anfall.“

Selbst aus der Entfernung sah Rachel, dass es dem kleinen Jungen gar nicht gut ging. Er saß leicht vorgebeugt bei seiner Mutter auf dem Schoß. Speichel rann ihm aus dem Mund, und er bekam sichtlich schlecht Luft. Rachel hörte den Stridor, das pfeifende, zischende Atemgeräusch, bis hierher.

„Wo sind die anderen?“, fragte sie, weil sie außer Tara, einer examinierten Kollegin, niemanden entdeckte.

„Jordan ist der diensthabende Kinderarzt. Er hat sich ans Telefon gehängt, außer Hörweite der Mutter, und versucht, einen Anästhesisten aufzutreiben. Aber das Team, das Rufbereitschaft hat, ist oben auf der Intensivstation, und das zweite im OP.“

May hatte ihren Satz kaum zu Ende gesprochen, da ertönte erneut die Durchsage, dass in der Notaufnahme dringend ein Anästhesist benötigt werde.

Eine Epiglottitis wurde schnell lebensbedrohlich. Ausgelöst durch Bakterien entzündete sich der Kehldeckel über der Luftröhre und schwoll an, was die Atmung erschwerte. Heutzutage trat die Krankheit nur selten auf, da mit einer Impfung dagegen vorgebeugt werden konnte. Bei dem kleinen Thomas drohte jeden Moment der völlige Verschluss der Atemwege, weshalb sofort ein Anästhesist kommen musste.

„Seine Mum gerät allmählich in Panik, weil wir nichts unternehmen, und Tara wird ein bisschen nervös“, erklärte May und warf Rachel, die völlig ruhig neben ihr stand, einen Blick zu.

Anscheinend wirkte sie derart gelassen, ja, fast unbeteiligt, dass May das Gefühl hatte, sich vergewissern zu müssen, ob die Krankenschwester den Ernst der Lage begriff. „Dir ist klar, dass sich bei einer Epiglottitis der Zustand des Patienten rapide verschlechtern kann?“

„Ja, May“, antwortete Rachel. „Ist für eine Tracheotomie alles bereit?“

„Deshalb habe ich dich ausrufen lassen. Bereite du das Nötige vor. Ich halte mich im Hintergrund. Zu viele Menschen in weißen Kitteln könnten dem kleinen Mann Angst einjagen. Aber ich bleibe in der Nähe, falls du mich brauchst.“

„Danke.“ Insgeheim war Rachel froh darüber, als sie das Zimmer betrat. „Guten Morgen.“ Sie lächelte Tara und der Mutter zu, sprach den Jungen jedoch bewusst nicht an.

Sein blondes Haar war dunkel von Schweiß und klebte ihm am Kopf. Er hatte sich sofort enger an seine Mutter geschmiegt und das Gesicht an ihre Brust gepresst, kaum dass Rachel hereingekommen war.

Sämtliche Überwachungsgeräte gaben laute Töne und Geräusche von sich. Rachel drehte sie leiser, da genügend Fachpersonal im Raum war. Alles, was das Kind stressen konnte, musste unbedingt vermieden werden.

„Er war noch nie im Krankenhaus“, erklärte Mrs. Jennings.

„Es ist aufregend, ich weiß.“ Rachel nickte zustimmend. „Aber Sie machen das großartig. Für Sie mag es aussehen, als würden wir nicht viel tun, doch am wichtigsten ist im Moment, dass Thomas sich nicht aufregt.“

„Wo ist der Anästhesist?“ Mrs. Jennings’ Stimme klang leicht schrill.

„Auf dem Weg hierher.“ Rachel hoffte es wenigstens.

„Ich hatte Mrs. Jennings gerade erklärt, dass es uns sehr helfen würde, wenn wir bei Thomas ein Lokalanästhetikum auftragen, bevor wir einen Zugang legen“, meldete sich Tara zu Wort.

„Gute Idee, aber vielleicht kann sie das übernehmen“, schlug Rachel vor und blickte Mrs. Jennings an. „Ich zeige Ihnen, wie es geht.“

Thomas zuckte nicht zusammen, als seine Mutter Rachels Instruktionen folgte und die Pflaster aufbrachte.

Froh darüber, dass es damit keine Probleme gegeben hatte, sah Rachel zu Tara hinüber. „Ist für den Transfer alles vorbereitet?“

„Damit wollte ich gerade anfangen.“

Thomas war erst seit zehn Minuten hier, aber sein Zustand konnte sich jederzeit dramatisch verändern. Die Anzeichen dafür häuften sich. Der Junge wirkte erschöpft, die Atmung zunehmend angestrengt.

„Ich kümmere mich um Thomas’ Verlegung“, sagte sie zur Mutter. „Aber ich bleibe in der Nähe.“

Alles schien ruhig, im grünen Bereich.

Was es nicht war.

Vor dem Schockraum herrschte rege Aktivität. Der Kinderarzt alarmierte das OP-Team, und der Anästhesist, der gerade im Krankenhaus eingetroffen war und seinen Pager geholt hatte, sprintete den langen Flur hinunter zur Notaufnahme. Rachel bestückte den Instrumentenwagen, und May instruierte den Sicherheitsdienst, der die Flure frei und einen Fahrstuhl offen halten sollte, damit der Transfer reibungslos und ohne Hindernisse verlief.

Oberstes Gebot der Stunde war, dass der kleine Junge nicht in Panik geriet. Daher hielt sich das medizinische Personal zurück und überließ es der Mutter, ihren Sohn zu umsorgen.

Während Rachel alles bereitlegte, behielt sie Thomas im Blick. Als sie nach draußen blickte, sah sie Jordan am Telefon. Er fuhr sich durchs Haar, wirkte sichtlich besorgt. Aber er setzte ein zuversichtliches Lächeln auf, sobald er in den Schockraum kam, nickte Rachel zu und begann, sich mit Mrs. Jennings zu unterhalten. Auch er beobachtete den Jungen genau, während er der Mutter scheinbar unbefangen von seinen drei Kindern erzählte.

„Nicholas ist ungefähr so alt wie Ihr Thomas“, meinte er. „Und die Zwillinge sind …“ Er verstummte, als die Türen aufglitten. „Oh, der Anästhesist ist da, Mrs. Jennings“, verkündete er. „Das ist Dr. Hadley.“

Hadley?

Rachel warf einen Blick zur Tür, kaum dass sie den vertrauten Namen hörte.

Die Welt, wie sie sie kannte, veränderte sich schlagartig, als Dominic Hadley das Zimmer betrat.

Rasch wandte sie sich wieder ihrem Instrumentenwagen zu und holte tief Luft, weil ihr auf einmal schwindlig war.

Dominic Hadley arbeitet im London Primary?

Dominic ist Arzt?

Anästhesist?

Wieso?

Seit wann?

Vom Laufen war er leicht atemlos, aber seine Stimme klang tiefer und selbstsicherer, als Rachel sie in Erinnerung hatte. Während er mit Jordan sprach, kniff sie die Augen fest zusammen. Sie hatte keinen Schimmer, wie sie sich verhalten sollte. Sie konnte sich nicht einfach umdrehen und die Situation nehmen, wie sie kam!

Dominic Hadley hatte ihr wehgetan.

So sehr, dass sie fast zehn Jahre gebraucht hatte, bis ihr Herz sich so weit davon erholt hatte, dass sie es wagte, sich wieder zu verlieben.

So sehr, dass Ärger und Verbitterung sich neben allen anderen Gefühlen in den Vordergrund drängten.

Aber dem durfte sie nicht nachgeben. Nicht jetzt, nicht hier. Also konzentrierte sie sich auf die leisen Betriebsgeräusche der Überwachungsgeräte und zwang sich zur Ruhe. Sie fragte sich, wie Dominic reagierte, wenn er sie entdeckte.

Er war völlig ahnungslos.

Noch.

„Ich sage Richard Bescheid“, sagte Dominic zu Jordan. „Allerdings bin ich nicht sicher, ob er schon im Ha…“

Er verstummte abrupt, als er aus dem Augenwinkel rotes Haar wahrnahm, und konnte nicht anders, als einen flüchtigen Blick auf das Profil der Krankenschwester zu werfen, die gerade Thomas’ Verlegung in den OP-Trakt vorbereitete.

Ab und zu passierte es ihm, dass er den Kopf wandte, weil er flüchtig eine rothaarige Frau gesehen hatte, oder sich suchend umschaute, wenn er in einer Bar ein ganz bestimmtes perlendes Frauenlachen hörte. Doch dann machte er sich schnell bewusst, dass es am Ende ihrer Beziehung nicht viel zu lachen gegeben hatte.

Nein, Rachel kann es nicht sein, dachte er und vergaß sie wieder, da Jordan ihn auf den neuesten Stand brachte.

„Mrs. Jennings weiß, dass wir Thomas erst untersuchen werden, wenn wir sicher im OP sind. Sie hat bereits ihr Einverständnis gegeben, sollte eine Tracheotomie notwendig sein.“

Dominic blickte zu der Mutter hinüber, die sich große Mühe gab, vor ihrem Kind keine Angst zu zeigen.

„Hallo, ich bin Dominic Hadley, der Anästhesist.“ Er lächelte sie an, merkte dann aber, dass der Kleine zu jammern anfing, als er näher kam. Dominic war knapp einsneunzig groß, und im dunkelblauen Anzug mochte er einschüchternd wirken. Also blieb er stehen und setzte sich mit Abstand zu Thomas auf die Liege. „Wie darf ich Sie nennen?“, fragte er.

„Bitte, sagen Sie Haylee“, antwortete Mrs. Jennings.

„Wissen Sie, worum es geht, Haylee?“

Sie zuckte hilflos mit den Schultern. „Nicht genau. Der Kinderarzt meinte, er müsste an eine Beatmungsmaschine, und sie würden über den Hals einen Atemweg schaffen …“

Dominic nickte. „Ja, eine Tracheotomie.“

Die Zeit drängte, aber medizinische Aufklärung war wichtig. Er zeichnete auf dem Notizblock, den er immer in der Tasche hatte, eine einfache Ansicht der Kehle.

„Die Epiglottis ist eine Membran hinten im Hals. Schwillt sie so stark an, dass wir nicht intubieren können, muss hier ein Schnitt gesetzt werden.“ Er deutete auf seine Skizze und dann auf den Punkt an seiner Kehle. „Dadurch können wir die Schwellung umgehen.“

„Aber dieser Schnitt muss nicht unbedingt sein, oder?“

„Das wissen wir erst, wenn wir uns Thomas’ Hals genau ansehen können. Am besten im OP, wo wir ihn nicht nur untersuchen, sondern auch gleich behandeln würden. Ich werde versuchen, seinen Atemweg frei zu halten, doch es ist nicht ausgeschlossen, dass eine Tracheotomie der einzig gangbare Weg ist.“

Haylee sah auf die Skizze und wieder ihren Sohn an, der nur unter großer Anstrengung Luft bekam.

Dominics Besorgnis wuchs, und ihm wäre wohler gewesen, hätte er den Jungen schon im OP. „Thomas braucht Antibiotika und intravenös zugeführte Flüssigkeit“, sagte er. „Wenn wir ihm jetzt einen Zugang legen, wird er sich aufregen, und das darf nicht passieren. Am besten bringen wir ihn in den OP, wo wir ihn unter Narkose therapieren können.“

„Verstehe.“ Haylee Jennings drückte ihren Sohn beruhigend an sich.

„Haben Sie jemanden, der bei Ihnen bleiben kann?“

„Mein Mann müsste bald hier sein.“

„Gut. Ich unterrichte kurz meinen Chefarzt und …“ Dominic blickte auf, um der Schwester zu sagen, dass sie den Patienten gleich verlegen würden. Im selben Moment wurde ihm klar, dass er sich doch nicht geirrt hatte.

Die Krankenschwester war Rachel.

Als Anästhesist brauchte er Nerven aus Stahl, und die hatte er zum Glück. Manche hielten ihn für arrogant, aber in dieser Situation war er froh darüber, dass er sich nicht so leicht aus der Fassung bringen ließ.

Statt Rachel anzusehen, blickte er praktisch durch sie hindurch.

Er blinzelte nicht einmal.

„Wir fahren ihn gleich nach oben“, informierte er sie knapp. „Ich erledige nur schnell einen Anruf.“

„Von mir aus kann es losgehen“, antwortete sie ruhig und gelassen.

Als Dominic Hadley sich einige Ampullen und Spritzen schnappte und davonmarschierte, fragte sich Rachel flüchtig, ob er sie überhaupt erkannt hatte.

Schließlich hatte sie ihn auch kaum wiedererkannt!

Der souveräne, zuvorkommende Mann, der selbstbewusst die Situation beherrschte, hatte wenig mit dem linkischen Physikfreak gemein, in den sie sich damals verliebt hatte.

Doch das schwarze Haar war das gleiche, leicht feucht noch von der morgendlichen Dusche, und der Duft nach Seife und Mann vertraut. Seine dunklen Augen waren genauso samtig dunkelbraun wie damals. Dominic war immer größer gewesen als Rachel, aber nun überragte er sie noch mehr, wie ihr schien. Und früher hatte er diese breiten Schultern und den muskulösen Brustkorb nicht gehabt. Der dunkelblaue Anzug, geschmackvoll mit blassblauem Hemd und fliederfarbener Krawatte kombiniert, betonte seine athletische Gestalt.

Ihr Dad, wäre er hier, hätte allerdings behauptet, sie sei rosa … Welcher Mann trägt rosa Krawatten? hörte Rachel ihn im Geiste mit seinem markanten Yorkshire-Dialekt sagen.

Den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, zog Dominic Medikamente auf, die er unterwegs bei einem eventuellen Notfall brauchen würde, und schilderte dabei seinem Chef die Lage.

„Irgendeine Vorgeschichte?“, fragte Richard Lewis, der Chefarzt der Anästhesie.

„Keine Impfung“, begann Dominic, doch seine Stimme ließ ihn für einen Moment im Stich, als er zu den Schockräumen hinüberblickte, wo Rachel immer noch stand. Vorgeschichte? Und was für eine …

„Gesunder kleiner Junge“, fuhr er fort. „Jedenfalls bis heute Morgen. Keine Allergien bekannt …“ Er ging die Anamnese durch und verabredete mit Richard, der gerade auf der Intensivstation war, dass sie sich im OP treffen würden.

„Wir bringen ihn hoch“, sagte Dominic zu May, noch während er den Hörer auflegte.

„Es ist alles bereit. Rachel wird euch begleiten.“

Dominic schlug das Herz im Hals. „Sie ist neu“, wandte er spontan ein. „Ich brauche jemanden, der weiß, was er tut.“

„Deshalb schicke ich Rachel mit. Bei uns mag sie neu sein, aber sie hat in der Kindernotaufnahme in Sheffield gearbeitet und ist sehr kompetent.“

„Gut.“ Er ging zum Wasserspender, füllte einen kleinen Pappbecher mit Wasser, trank ihn aus, füllte ihn erneut und leerte ihn. Fest entschlossen, nicht weiter an Rachel zu denken, kehrte er zum Schockraum zurück.

„Es geht los“, sagte er zu Thomas’ Mutter. „Sie setzen sich in einen Rollstuhl und nehmen Thomas auf den Schoß. Sollte es unterwegs zu einem Notfall kommen, haben wir alles dabei, um sofort zu reagieren.“

Rachel – oder die Krankenschwester, wie er sie in Gedanken nur noch nennen wollte – half Mutter und Kind in den Rollstuhl, während er den Instrumentenwagen checkte, den sie für den Transfer vorbereitet hatte.

„Fertig“, sagte die Krankenschwester und lächelte Mrs. Jennings an.

Aber es war Rachels Lächeln, und auf Dominic wirkte es wie ein Stoß in die Magengrube. Wie Frühling und Sommer in einem. Erinnerungen an Samstagabende, während sie sich im Bett einen Film anschauten und dabei indisches Curry aßen. Daran, wie sie eine vergessene Zehn-Pfund-Note in ihrer Jeans fand und über dem Kopf schwenkte, bevor sie ihn zum Frühstück im Café auf der anderen Straßenseite einlud.

Doch Dominic war entschlossen, sich von ihrem Lächeln nicht umwerfen zu lassen.

„Okay, dann los“, sagte Jordan.

Kühle Luft empfing sie, als sie die Notaufnahme verließen, und Dominic versuchte, nicht weiter darauf zu achten, dass Rachel sich kurz die nackten Arme rieb.

Trotzdem erinnerte es ihn unwillkürlich daran, dass ihr immer kalt gewesen war. Nicht nur, dass sie ständig fror, nein, manchmal strahlte sie eine an Kälte grenzende Ruhe aus. Er hatte nie genau gewusst, was in ihrem Kopf vorging. Und deshalb vertrieb er sie jetzt aus seinem.

Der Weg den Flur entlang erschien endlos. Rachel ließ Thomas keine Sekunde aus den Augen, während Haylee nervös ununterbrochen redete.

„Ich dachte, er hat Krupp“, gestand sie. „Aber er war blau, als ich zu ihm ging …“

„Machen Sie sich keine Sorgen, bei uns ist er in guten Händen“, versicherte Rachel beruhigend.

„Arbeiten Sie schon länger hier?“

„Erst seit einer Woche. Vorher war ich in einer pädiatrischen Notaufnahme in Sheffield.“

„Dachte ich mir doch, dass Sie aus dem Norden kommen. Ihr Dialekt …“ Haylee nickte und sah zu Rachel hoch. „Haben Sie Kinder?“

„Nein“, gab sie die Antwort, die immer noch wehtat, auch wenn sie nicht ganz der Wahrheit entsprach. Doch es war einfacher, ihren Sohn zu verleugnen, als jemand Fremdem von ihm zu erzählen und die traurige Vergangenheit aufzuwühlen.

Die Pflegehelfer hielten den Fahrstuhl für sie offen, und Rachel nickte ihnen dankbar zu, froh darüber, dass sie von ihrer Antwort auf Haylees Frage ablenken konnte.

Als die Lifttüren sich schlossen, wandte sich Thomas’ Mutter an Jordan. „Sie haben also drei Kinder?“

„Ja, alles Jungen.“

Rachel hielt den Atem an, als Haylee auch Dominic ihre Frage stellte. „Und Sie, Doktor?“

Was würde er antworten?

Sollte sie gleich erfahren, dass er verheiratet war, Kinder hatte?

Oder wie würde er reagieren?

Dominic hatte nicht vor, irgendetwas von sich preiszugeben.

Er wäre lieber überall woanders gewesen, nur nicht in diesem Fahrstuhl. Und gerade heute erschien es ihm wichtiger denn je, Beruf und Privatleben strikt zu trennen.

„Ich versuche, Privates nicht mit zur Arbeit zu bringen, Haylee“, erwiderte er freundlich. „Das macht es einfacher, sich auf die Patienten zu konzentrieren.“

Haylee nickte und lächelte matt. Sie schien ihm seine Zurückhaltung nicht übel zu nehmen. Dominic entging jedoch nicht, dass Rachel sichtlich aufatmete.

Im 2. Stock angekommen, glitten die Türen auf, und bald darauf eilte die kleine Gruppe in den OP-Trakt, wo weiteres medizinisches Personal sie erwartete.

„Bleib bei ihm“, wies Dominic Rachel an. „Ein vertrautes Gesicht tut ihm gut.“

Was nicht für ihn selbst galt. Rachels vertrautes Gesicht zu sehen, tat ihm überhaupt nicht gut. Seine Gedanken fest auf Thomas Jennings gerichtet, verschwand Dominic, um OP-Kleidung anzuziehen.

Während die OP-Schwestern überprüften, dass sie auch tatsächlich Thomas vor sich hatten, und seiner Mutter Fragen stellten, kam Richard Lewis herein und stellte sich vor.

Jordan verlangte einen intravenösen Zugang und bestimmte Medikamente, aber darum kümmerten sich die OP-Schwestern. Rachel war wieder ein bisschen schwindlig wie vorhin schon.

Nicht, dass sie das Gefühl hatte, gleich ohnmächtig zu werden. Sie war nur leicht benommen. Das kommt von der Wärme hier, sagte sie sich. Natürlich machte sie sich auch Sorgen um den kleinen Jungen, aber sie hatte sich noch nicht wieder davon erholt, unerwartet Dominic wiederzusehen. Sie ließ sich jedoch nichts anmerken, nicht eine Sekunde lang. Als er zurückkehrte, in OP-Kleidung und mit OP-Kappe auf dem Kopf, warf sie ihm einen gleichgültigen Blick zu.

„Legen wir einen Zugang“, sagte er und fügte zu Rachel gewandt hinzu: „Kannst du ihn ablenken?“

Das Lokalanästhetikum war erst vor Kurzem aufgetragen worden, doch sie hoffte, dass der betäubende Effekt inzwischen eingesetzt hatte, damit der Kleine den Einstich nicht so stark spürte. Thomas bekam bereits bläuliche Lippen, Anzeichen einer Zyanose. Sein Zustand verschlechterte sich, das Team musste schnell handeln.

Haylee kuschelte mit ihrem Sohn, während Dominic die Kanüle in die winzige Vene einführte.

„Tapferer Junge“, lobte er, als der Zugang gesichert war.

Es wurde Zeit, dass Rachel Thomas’ Mum aus dem OP begleitete. Dominic sah die Tränen in den Augen der Mutter. „Ich passe auf ihn auf“, versprach er.

„Danke“, flüsterte Haylee.

Sie drehte sich noch einmal um und winkte, als ihr Sohn einen heiseren Schrei ausstieß, ließ sich aber von Rachel hinausführen.

„Sie werden sich gut um ihn kümmern“, sagte Rachel.

„Dieser Anästhesist … Er scheint ein fähiger Arzt zu sein“, meinte Haylee, während Rachel sie ins Angehörigenzimmer brachte. „Ich glaube, Thomas ist bei ihm gut aufgehoben.“

„Ja. Dr. Hadley wird alles Menschenmögliche für ihn tun.“

Die Intubation gestaltete sich schwierig. Thomas’ Kehle war geschwollen, die Stimmbänder waren kaum zu sehen. Doch mit Richards ruhiger, ermutigender Unterstützung gelang es Dominic, den Tubus richtig zu platzieren. Somit war eine Tracheotomie überflüssig geworden. Man nahm dem Kind Blut ab und versorgte es mit Antibiotika, Beruhigungsmitteln und mit Flüssigkeit, um den Kreislauf zu stabilisieren.

Anschließend wurde Thomas auf die Intensivstation verlegt, damit sein kleiner Körper die Infektion in Ruhe bekämpfen konnte.

Bald durfte Haylee wieder zu ihrem Sohn, und erst dann wich Dominic von seiner Seite.

„Gut gemacht“, meinte Richard, als Dominic sich an der Stationszentrale auf einen Stuhl setzte, von wo aus die Intensivstation zu überblicken war.

„Danke.“ Er rief Thomas’ Laborwerte am PC auf.

Richard hörte die gemurmelte Antwort und blickte Dominic fragend an. Ihm fiel auf, wie blass der Kollege war. Auch fehlte die freundlich verbindliche Gelassenheit, die er an seinem Assistenzarzt kannte. „Ist alles in Ordnung?“

„Nicht wirklich.“ Dominic fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Die Krankenschwester unten in der Notaufnahme …“

Richard verdrehte die Augen. So etwas kam bei Dominic viel zu oft vor. „Du musst lernen, behutsamer mit ihnen Schluss zu machen.“

Dominic schwieg. Er wusste, dass es vernünftiger gewesen wäre, nichts zu sagen. Einfach loszulassen.

Schließlich lag das, was zwischen ihm und Rachel gewesen war, mehr als ein Jahrzehnt zurück.

Dreizehn Jahre, um genau zu sein.

Ja, er hielt besser den Mund.

Doch der Schock, sie heute Morgen unerwartet wiederzusehen, wirkte immer noch nach. So stark, dass er es nicht für sich behalten konnte. Dominic erzählte seinem Chef die Wahrheit. „Es ist nicht so, wie du denkst.“ Hier ging es nicht um Probleme wegen einer Affäre oder einer ehemaligen Geliebten.

Rachel war weitaus mehr als das gewesen.

„Ich bin gerade meiner Exfrau begegnet.“

2. KAPITEL

„Exfrau?“ Richard starrte ihn an, als hätte er sich verhört.

„Ja.“

„Deine Exfrau arbeitet in unserer Notaufnahme? Du hast nie erzählt, dass du verheiratet warst. Ich hatte nicht die geringste Ahnung.“

Wie auch? Von einer flüchtigen Unterhaltung mit Jordan und dessen Frau vor zwei Jahren abgesehen, hatte er niemandem gegenüber seine kurze Ehe erwähnt. Für Dominics Kollegen, Freunde – und Geliebte – war er das Paradebeispiel des ewigen Junggesellen, der sein Liebesleben in aller Freiheit genoss.

„Es ist lange her“, erklärte er und bereute seine Offenheit bereits. „Und es hat nicht lange gehalten.“

„Was ist passiert?“, wollte Richard wissen.

„Wir waren jung.“ Schulterzuckend wandte sich Dominic wieder dem Computer zu. „Wir haben aus den falschen Gründen geheiratet.“

„Welche?“

Dominic hatte nicht vor, die Frage zu beantworten. „Wir waren uns beide einig, dass wir einen Fehler gemacht hatten. Ich habe sie seit …“ Er seufzte. „… einer Ewigkeit nicht gesehen.“

„Wie war es für dich? Das Wiedersehen?“

Er musste überlegen. Wie hatte es sich angefühlt?

Herausfordernd. Als hätten sich sämtliche Fehler, die er im Leben begangen hatte, groß und sichtbar vor ihm aufgereiht. Vor seinem Chef spielte er die Sache runter.

„Überraschend. Ich hätte nie gedacht, dass sie jemals aus Sheffield wegziehen würde.“ Bewusst verschwieg er ihren Namen. Dass es sich um Rachel handelte, brauchte niemand zu wissen. „Sie ist ein Familienmensch.“

„Wie ist ihre Familie so?“

„Sie hat nur noch ihren Dad, er bedeutet ihr viel. Ihre Mum ist vor langer Zeit gestorben. Oh, und sie hat vier große, kräftige Brüder. Und alle zusammen sind wie Pech und Schwefel …“ Er meinte es nicht so abfällig wie es klang, aber es war unmöglich gewesen, zu dieser eingeschworenen Gemeinschaft Zugang zu finden. „Die Brüder hielten mich für schwach.“

„Schwach?“ Richard runzelte die Stirn. Dominic war nicht nur groß und breitschultrig, sondern auch sehr selbstbewusst.

„Ein Weichei sozusagen“, erläuterte er. „Vermutlich war ich das damals auch.“

Sein Chef lachte auf, wurde jedoch schnell ernst, als Dominic unbewegt vor sich hin starrte.

„Und deine Frau, wie war sie?“

„Kompliziert.“ Was die Untertreibung des Jahres war … Aber er wollte nicht weiter darüber sprechen.

Zum Glück rettete ihn der Pager vor neuen Fragen. Er zog ihn heraus und sah, dass der Anruf von der Entbindungsstation kam.

„Deine Frau will etwas von mir“, sagte er und lächelte schwach. Richards Frau Freya war Hebamme und hatte nach der Geburt ihres Sohnes William vor Kurzem erst wieder angefangen zu arbeiten. „Man braucht mich für eine Periduralanästhesie.“

Doch Richard war mit dem Thema noch nicht fertig. „Das kann ich übernehmen. Warum gehst du nicht und sprichst mit …?“ Anscheinend wartete er darauf, dass Dominic mit dem Namen herausrückte. Da er keinen Erfolg hatte, fuhr er schließlich fort: „Für deine Exfrau muss es auch ein Schock gewesen sein.“

„Sie schien kein Problem damit zu haben“, meinte Dominic achselzuckend.

Was nichts heißen musste, wie er wusste. Rachel konnte ihre Gefühle tief verbergen. Auch vor ihm, und das von Anfang an. In der ersten Zeit ihrer Beziehung hatte er sie nach ihrer Mum gefragt. Es war für sie sicher nicht leicht zu verkraften gewesen, als kleines Kind die Mutter zu verlieren. Aber Rachel wollte nicht darüber sprechen. Und später, in den letzten bedrückenden Tagen ihrer Ehe, als er versucht hatte, über ihren Sohn zu reden, hatte sie wieder dichtgemacht. Distanz schien ihr lieber zu sein als Nähe.

Nun, ihr Wunsch hatte sich erfüllt, und obwohl es so aussah, als würden sie in Zukunft zusammen arbeiten, waren sie nie weiter voneinander entfernt gewesen als jetzt.

„Dann will ich mal los, zur Entbindungsstation“, sagte er und stand auf.

„Nein, nein.“ Auch Richard erhob sich und kehrte den Vorgesetzten heraus. „Das mache ich. Unten in der Notaufnahme liegt ein Patient mit COPD und braucht eine präoperative Untersuchung. Kannst du das bitte übernehmen?“

Dominic fügte sich widerstrebend.

„Und wenn du schon mal dort bist, kannst du vielleicht versuchen, dich mit deiner Exfrau zu unterhalten. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass ihr mit der Situation professionell umgeht.“

„Das dürfte kein Problem sein.“

„Gut. Dann macht es dir sicher nichts aus, jetzt in die Notaufnahme zu gehen.“

„Natürlich nicht. Was ein Gespräch mit meiner Exfrau betrifft, so gibt es für uns beide nichts mehr zu sagen. Das hat sich schon vor Jahren erledigt.“

Auch das stimmte nicht ganz.

Viel zu viel war ungesagt geblieben.

In Gedanken versunken, war Rachel in die Notaufnahme zurückgekehrt. Niemals hätte sie damit gerechnet, Dominic hier zu begegnen. Das Wiedersehen hatte sie völlig durcheinandergewirbelt.

Sie lebte noch nicht lange in London, und alles war neu für sie. Natürlich wusste sie, dass Dominic von hier stammte. Und natürlich war ihr der Gedanke durch den Kopf gegangen, dass sie ihn zufällig auf der Straße, in einem Geschäft oder Café treffen könnte. Was eigentlich lächerlich war, bei acht Millionen Einwohnern.

Nicht eine einzige Sekunde lang hätte sie allerdings erwartet, ihn an ihrem Arbeitsplatz zu sehen.

Als Arzt!

Anästhesist!

Das wäre ihr im Traum nicht eingefallen.

Dominic war nicht der Typ, der unter Leute ging. Der Dominic, wie sie ihn gekannt hatte, war nicht besonders gesellig gewesen. Es gab nur eins, das ihn interessierte: Physik. Er war fest entschlossen, eines Tages in der Forschung Großes zu leisten. Nur deshalb war er zur Uni gegangen.

Okay, es gab zwei Sachen, die ihn interessiert haben, dachte Rachel, als sie den Öffner für die breiten Doppeltüren zur Notaufnahme drückte. Physik und Sex.

Über Letzteres dachte sie lieber nicht nach!

„Wie geht es Thomas?“, wollte May wissen, kaum dass Rachel die Abteilung betreten hatte.

„Ich weiß es nicht. Er war noch im OP, als ich seine Mutter ins Angehörigenzimmer gebracht habe.“

„Dann rufe ich bald oben an.“

Rachel blickte zu May hinüber, die etwas an die Weißwandtafel schrieb, und verspürte plötzlich das Bedürfnis, sich ihr anzuvertrauen.

May, wollte sie sagen, seit wann arbeitet Dominic Hadley hier?

Oder, May, dieser Anästhesist, also … Er ist mein Exmann, und ich weiß nicht, was ich tun soll.

Doch Rachel sagte nichts.

„Ist es okay für dich, wieder in die Kleine Wundversorgung zu gehen?“ May nahm die Brille ab und lächelte Rachel an.

„Klar.“

„Könntest du erst im Schockraum den Bestand ergänzen?“ Sie verdrehte leicht die Augen in Richtung Tara. „Du weißt, was du entnommen hast.“

Vorräte aufzufüllen, war eine langweilige Tätigkeit, aber absolut notwendig – vor allem in den Wiederbelebungsräumen. Die Ausrüstung musste vollständig und jederzeit zur Hand sein, wenn es um Leben und Tod ging.

Viele Packungen waren geöffnet, aber nicht gebraucht worden, sodass sie ersetzt oder neu geordert werden mussten. Rachel ging methodisch vor, froh über die Gelegenheit, sich mit dem Bereich besser vertraut zu machen.

Tara betreute gerade einen älteren Schlaganfall-Patienten. Er schlief jetzt und sollte demnächst auf Station verlegt werden. Da sie auf den Transfer wartete, kam Tara zu Rachel hinüber.

„Wie lange hast du in Sheffield in der Notaufnahme gearbeitet?“, fragte sie.

Rachel war dabei, Beatmungsschläuche und Sauerstoffmasken einzusortieren und den Absauger zu kontrollieren. „Insgesamt drei Jahre. Bevor ich Krankenpflege lernte, war ich Friseurin.“

Während Rachel arbeitete, unterhielten sie sich, doch sie war nicht mit dem Herzen dabei. Dominic spukte ihr immer noch im Kopf herum, und sie fragte sich, wie sie miteinander umgehen würden, wenn sie miteinander reden mussten.

Nachdem der Patient aus der Notaufnahme gebracht worden war, half Tara Rachel bei ihrer Aufgabe. Sorgfältig überprüften sie das Intubationstablett und verschlossen es.

„Sieh dich bei Dominic vor“, sagte Tara unvermittelt.

„Wie bitte?“

„Dominic Hadley, der Anästhesist. Ich habe gesehen, wie er dich anstarrte, als du telefoniert hast.“

Rachel beschloss, sich ahnungslos zu stellen. „Wie meinst du das?“

„Ich wollte dich nur warnen. Dominic lässt sich vielleicht am besten beschreiben als ‚toll, solange es anhält‘ – aber glaub mir, es hält nie lange.“

Der bittere Unterton ließ Rachel vermuten, dass Tara und er für kurze Zeit nicht nur Kollegen gewesen waren. Anscheinend hatte er eine Affäre nach der anderen. All das passte überhaupt nicht zu dem Mann, den sie gekannt hatte.

Wie würde Tara reagieren, wenn sie ihr erzählte, dass sie mit ihm verheiratet gewesen war? Rachel wurde schlagartig klar, dass ihre gemeinsame Vergangenheit am Primary nichts zu suchen hatte. Auf keinen Fall wollte sie, dass ihre Ehe mit ihm bekannt wurde. Abgesehen davon …

„Ich bin verlobt“, antwortete sie.

Nachdem Dominic und sie sich getrennt hatten, sperrte sie ihr Herz hinter Schloss und Riegel. Viele Jahre später erst traute sie sich, eine neue Beziehung anzufangen. Mit Gordon, einem Freund ihrer Mitbewohnerin. Er war ein freundlicher, sanfter Mann, bei dem sie sich geborgen fühlte.

Eines Tages bot ihm die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, für die er arbeitete, eine Beförderung an. Dazu musste er nach London ziehen, und Gordon bat Rachel, mitzukommen. Für sie war es ein großer Schritt gewesen, mit ihm zusammenzuziehen, auch weil sie von ihrer Familie getrennt sein würde und sich einen neuen Job suchen musste. Am Abend vor ihrem Umzug, bei der Abschiedsparty, die ihr Dad für sie gab, bat Gordon sie, seine Frau zu werden. Und nun waren sie verlobt.

Während der Arbeit trug sie keinen Schmuck, also auch ihren Verlobungsring nicht.

Nachdem die Bestände aufgefüllt waren, machte sie sich auf den Weg zur Kleinen Wundversorgung. Sie arbeitete dort gut eine Stunde lang, bis sie merkte, dass sie sich nur noch schwer konzentrieren konnte. Rachel sehnte sich nach ein paar Minuten Ruhe. Sie sagte, sie wolle sich ihre Jacke holen, und ging zu den Umkleideräumen.

Statt das Licht einzuschalten, setzte sie sich im Halbdunkel auf eine der Bänke. Durch die schwere Tür gedämpft, drangen die Geräusche der Notaufnahme herein, während Rachel, den Kopf in die Hände gestützt, ihren Gedanken endlich freien Lauf lassen konnte.

Dominic war Arzt.

Aus dem nerdigen Teenager, intelligent, aber sozial unbeholfen, war ein exzellent gekleideter, wortgewandter Anästhesist geworden, der einen gewissen Ruf bei Frauen hatte.

Obwohl sie mit gesenktem Kopf dasaß, war ihr immer noch schwindlig. Und plötzlich begriff Rachel, dass es genau das gleiche Gefühl war wie früher. Sie brauchte nur bei ihm zu sein, und ihre Sinne spielten verrückt.

Ja, Dominic Hadley brachte sie durcheinander, verwirrte sie – vom allerersten Tag an.

Es war im September gewesen. Beide begannen ihr letztes Schuljahr auf der Senior School. Sein Vater, ein Professor, war an die Universität von Sheffield berufen worden, und als die Familie hierherzog, hatte man Dominic an der renommierten Privatschule angemeldet.

Rachel hatte sich an derselben Schule ein hart erarbeitetes Stipendium verdient und nie das Gefühl gehabt, richtig dazuzugehören. Für die Hadleys dagegen war es selbstverständlich, dass ihr Sohn zur besten Schule der Stadt ging.

Nicht, dass er besonders begeistert gewesen wäre.

Im Gegenteil, er vermisste London und seine alten Schulfreunde.

Trotz der Tatsache, dass sie aus gesellschaftlich völlig unterschiedlichen Schichten kamen, hatten sie sich angefreundet.

Rachel hatte Zahnspangen bekommen, und Dominic war seine transparenten Keramik-Brackets gerade losgeworden. Also drehte sich ihre erste Unterhaltung am ersten Schultag ihres letzten Schuljahrs darum, wie wichtig Zahnspangen waren.

„Lass dir zwei Sets machen“, riet Dominic ihr. „Und trage sie jede Nacht.“ Dann erzählte er ihr von einem Freund in London, der seine nicht ständig getragen hatte und nun mit der Gebisskorrektur von vorn anfangen musste.

„Oh, keine Sorge, ich trage sie.“ Rachel zeigte beim Lächeln die metallenen Spangen, deren Kosten teilweise vom staatlichen Gesundheitsdienst NHS übernommen wurden. „Sobald ich achtzehn bin, kann ich sie mir nicht mehr leisten.“

Da beiden viel an guten Noten lag, kamen sie bald auf Schulfächer zu sprechen, vor allem auf Chemie, mit der sich Rachel schwertat. Dominic hingegen fand das Fach kinderleicht.

„Kann ich dir helfen?“, bot er nach einigen Wochen an, als Rachel wegen ihrer schlechten Leistungen in Chemie zunehmend frustriert war. „Wir könnten nach der Schule ein paar Aufgaben durchgehen.“

Dominic schrieb seine Adresse in ihr Übungsheft, und am selben Nachmittag machte Rachel sich auf den Weg zu ihm nach Hause.

Seine Mutter lächelte schmallippig, als sie Rachel begrüßte. Professor Hadley sparte sich das Lächeln ganz und verbarg nicht, dass er von der neuen Freundschaft seines Sohnes nicht gerade begeistert war.

„Du hast selbst genug für die Schule zu tun, Dominic.“

Da Rachel sich in der Familie Hadley nicht willkommen fühlte, hatten sie sich nach Schulschluss in ihrer Wohnung getroffen.

„Wann kommt deine Mum nach Hause?“, hatte Dominic beim ersten Mal gefragt, nachdem sie Tee gekocht und sich über die Packung Kekse aus dem Küchenschrank hergemacht hatten.

„Es gibt nur meinen Dad und meine Brüder, und die sind meistens gegen sieben hier.“

„Und wo ist deine Mum?“

„Sie ist tot.“

„Rachel!“

Sichtlich betroffen wartete er, dass sie mehr erzählte. Aber sie wusste, wenn sie das tat, würde sie in Tränen ausbrechen. Tränen, die aus diesen vier Wänden seit Langem verbannt waren.

„Das tut mir so leid.“

„Schon gut“, wich sie aus, nahm ihren Teebecher und ging die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer – und hoffte, dass Dominic nicht weiter nachfragte.

Vergebens.

„Wie ist es passiert?“, wollte er wissen, während er ihr folgte. „Wann?“

Aber Rachel erinnerte ihn daran, dass er zum Lernen hergekommen war, und dabei sollte es auch bleiben.

Doch auf dem Weg zu ihr nach Hause wurden die Spaziergänge durch den Park, in dem sie schon als Kind gespielt hatte, mit der Zeit länger. Manchmal setzten sie sich auf eine Bank oder legten sich ins Gras, sahen zum Himmel hinauf und redeten.

Über die Wolken, die dahinzogen.

Über Mitschülerinnen und Mitschüler in ihrer Klasse.

Über das gemeinsame Lernen und darüber, wie gern er zu ihr nach Hause kam. Dominic erzählte ihr, dass seine Eltern häufig stritten.

„Schlimm?“, fragte Rachel und wandte den Kopf, um ihn anzusehen.

Mit angespannter Miene nickte er. „Wir sind hergezogen, weil sie neu anfangen wollten“, erklärte er. „Er hatte eine Affäre.“

„Oh.“ So viel Offenheit bei einem intimen Thema war sie nicht gewohnt.

„Aber es hört sich an, als wäre sie noch nicht vorbei. Ich weiß nicht, warum meine Mutter bei ihm bleibt, wenn er sie nur unglücklich macht.“ Jetzt blickte er Rachel an. „Was ist mit deinem Dad, will er nicht irgendwann eine Freundin haben?“

„Nein!“ Rachel lachte leise auf. Der Gedanke erschien ihr absurd. „Er sagt, mit uns fünfen hat er genug um die Ohren.“

„Wie ist deine Mutter gestorben?“, fragte er sanft und rollte sich vom Rücken auf die Seite.

Auf dem Ellbogen aufgestützt, sah er auf sie hinunter, und sie blickte hoch in warme dunkle Augen, die ihr verrieten, dass Dominic mehr von ihr wissen wollte.

Da er ihr von seinen Eltern erzählt hatte, gab sie das Wenige preis, das sie aussprechen konnte, ohne in Tränen auszubrechen. „In ihrem Kopf ist etwas geplatzt.“

„Ganz plötzlich?“

„Ja.“

„Vermisst du sie?“

Jeden Tag, wollte sie antworten, hatte jedoch solche Angst vor ihren eigenen tiefen Gefühlen, dass sie nicht wusste, wie sie sie jemandem anvertrauen sollte.

„Ich erinnere mich kaum an sie“, erwiderte sie stattdessen. Was in gewisser Weise auch stimmte.

Einige Erinnerungen waren jedoch noch sehr lebendig. An ihr Lächeln, den liebevollen Kuss auf die Wange. Auch daran, wie sie im Bett lag und ihre Mutter eine Geschichte vorlas. An den weichen irischen Klang ihrer Stimme, das Aufblitzen ihres Rings, wenn sie die Seiten umblätterte, die hübschen rot lackierten Fingernägel, wenn sie Rachel manche Worte zeigte. Und vor allem daran, wie geborgen sie sich in ihren leicht nach Parfüm duftenden Armen gefühlt hatte.

Aber wenn sie ihm davon erzählte, würde sie anfangen zu weinen und vielleicht nicht mehr aufhören können.

Also ließ sie es bleiben.

Gelegentlich sah sie Dominic verstohlen von der Seite an. Je mehr Zeit sie mit ihm verbrachte, umso sehnsüchtiger wurden die Gefühle, die sie für ihn empfand. Gleichzeitig sagte sie sich, dass niemals etwas daraus werden konnte.

Deshalb verbarg sie ihre Sehnsucht. Sie wusste keine andere Möglichkeit, mit ihren Gefühlen zu leben.

„Ich weiß nie, was du denkst“, meinte Dominic eines Nachmittags.

Sie wollte antworten, dass sie über die mathematische Gleichung nachdachte, aber das wäre gelogen gewesen. Rachel spürte die Wärme seines Oberschenkels dicht an ihrem, und wenn sie gleichzeitig die Köpfe über das Buch beugten, musste sie sich sehr zusammennehmen, um ihm nicht ihr Gesicht zuzuwenden.

Doch jetzt tat sie es.

Dominic blickte sie an, intensiv und mit einem Ausdruck in den Augen, wie sie ihn noch nie bei ihm gesehen hatte. Es fühlte sich an, als könnte er ihr verborgenes Verlangen klar und deutlich erkennen. Trotzdem sah sie nicht weg.

„Vielleicht möchte ich nicht, dass du es weißt“, sagte sie.

„Darf ich wenigstens versuchen, es herauszufinden?“

„Darfst du.“

„Und wenn ich falschliege?“, fragte er nach. „Sind wir dann immer noch Freunde?“

„Dann sind wir immer noch …“

Weiter kam sie nicht. Weiche Lippen brachten sie zum Verstummen. Dominic hatte vollkommen richtig vermutet. Natürlich hatte sie von seinem Kuss geträumt, schon seit dem ersten Tag.

Und jetzt küsste er sie, in ihrem Schlafzimmer, während sie am Schreibtisch saßen, und Rachel vergaß ihre Zahnspangen, vergaß, dass sie unerfahren war, weil dies für ihn genauso neu war.

Sie waren nicht länger schüchtern.

Nicht länger unbeholfen.

Zumindest nicht, wenn sie miteinander allein waren.

Zusammen lernten sie für das bevorstehende Examen, und zusammen lernten sie einander und sich selbst besser kennen. Irgendwann konnte Rachel ihre Brackets abnehmen lassen, doch dank Dominic hatte sie sich auch mit ihnen schön gefühlt.

Trotzdem war nicht alles eitel Sonnenschein.

Seine Eltern missbilligten ihre Freundschaft, also taten Dominic und Rachel alles, um ihre aufblühende Romanze zu verbergen.

Und ihr Vater, der mit jedem gut konnte, begegnete dem linkischen, höflichen Privatschüler, der zu allem Überfluss aus dem Süden stammte, von Anfang an mit Misstrauen.

Sogar ihre Brüder mischten sich mit wenig taktvollen Bemerkungen ein.

Zeig ihm bloß nicht, dass du ihn magst, Rachel.

Lass dich nicht so leicht erobern, Rachel.

Er benutzt dich nur, Rachel. Halt dich zurück.

Nichts von allem, weder Warnungen noch düstere Prophezeiungen, konnten sie abschrecken.

Heimliches Händchenhalten unter dem Tisch und gestohlene Küsse trotz der offenen Zimmertür, auf der ihr Dad bestand, gehörten dazu, wann immer sie sich zum Lernen trafen.

Und natürlich gab es verbotene Berührungen in den Zeiten, in denen sie allein im Hause waren.

Allerdings achteten sie darauf, dass ihr Dad oder ihre Brüder, falls sie unangekündigt zu Hause auftauchten, immer zwei fleißige Teenager über Bücher und Schulhefte gebeugt vorfanden.

Eines Tages hatte Dominic ihr eine Belohnung versprochen, sollte sie bei einem Test ihre Aufgaben zu neunzig Prozent richtig lösen. Da sie trotz seiner großzügigen Bewertung nur achtundachtzig Prozent geschafft hatte, verweigerte er ihr den Preis.

„Tut mir leid, Rachel.“ Er lächelte betrübt. „Ziel verfehlt, zurück an die Arbeit!“

Sie steckte die Nase wieder ins Fachbuch und machte sich erneut an die Aufgaben – bis ein Umzugswagen mit röhrendem Motor die schmale steile Straße hinaufratterte.

„Wir werden kontrolliert …“ Dominic seufzte.

„Gut.“ Rachel lächelte erleichtert. Denn je früher die Kontrolle erfolgte, umso schneller waren sie wieder allein.

Die Haustür sprang krachend auf, und Phil rannte die Stufen hinauf.

„Dad hat vergessen, sein …“ Phil blieb am Treppenabsatz stehen und sah die beiden in ihre Bücher vertieft. „Oh, hi, Dominic. Ich wusste nicht, dass du hier bist …“

„Ich hatte es Dad gesagt“, sagte Rachel ungehalten.

„Hallo.“ Dominic lächelte matt. „Wie geht’s dir, Phil?“

„Großartig. Und, was macht ihr zwei Schönes?“

„Wiederholen.“ Rachel verdrehte die Augen.

„Oh.“

Es stimmte tatsächlich. Auf dem Schreibtisch lagen aufgeschlagene Bücher, Stifte, dazwischen standen zwei Becher Tee und eine Schale mit Keksen. Es war nichts Anstößiges passiert.

„Dann lasse ich euch mal weiterlernen.“

Der Lkw brummte die Straße hinunter, und der Motor war nur noch in der Ferne zu hören, als Dominic Rachels Aufgaben checkte und die Punkte zusammenzählte.

Zweiundneunzig Prozent!

Er schlug das Buch zu, und keine Minute später lag sie auf ihrem Bett, mit hochgeschobenem Rock und geschlossenen Augen, während sie genoss, was Dominic mit ihr machte.

„Da …“, stöhnte sie sehnsüchtig. „Da … Ja, da!“

Und da verwöhnte er sie mit der Zunge, immer wieder, da mit dem Mund, bis er da ignorierte und das Gesicht zwischen ihre Schenkel presste.

Rachel biss sich auf die Lippen, um seinen Namen nicht laut herauszuschreien.

Dominic, Dominic, Dominic!

Danach war er an der Reihe. Mit jedem Kuss, mit jeder intimen Berührung, jedem Höhepunkt, den sie einander schenkten, wollten sie mehr, mehr, mehr.

Sie waren beide noch jungfräulich gewesen. Als ihr Dad und ihre Brüder mit einem Umzug am anderen Ende der Stadt beschäftigt waren, einem dicken Auftrag, zu dem sie eine Woche lang jeden Tag morgens aufbrachen und abends zurückkehrten, fühlten sie sich sicher, das erste Mal zu wagen. An einem kalten, aber sonnigen Novembermorgen waren sie endlich allein und ungestört.

Es wurde eine absolute Katastrophe.

Rachel hatte geblutet, und ihr war schlecht geworden, weil es so wehgetan hatte. Und Dominic war gekommen, bevor sie richtig angefangen hatten.

Ja, ein echtes Fiasko.

So peinlich und unbefriedigend, dass sie sich völlig einig waren: Nie wieder.

Nie, nie wieder.

Auf keinen Fall!

Am nächsten Tag kam Dominic wie üblich zum Lernen. Es regnete in Strömen, und er schüttelte den Golfschirm seines Vaters aus, bevor er ihn auf der kleinen Veranda in die Ecke stellte. Nach anfänglicher Verlegenheit widmeten sie sich wie gewohnt ihren Aufgaben.

Trotz des Schirms waren seine Haare nass geworden, und die Tropfen fielen auf die Seiten, während draußen der Regen gegen die Scheiben trommelte. Als Rachel und Dominic sich küssten, war der missglückte Versuch vom Vortag schnell vergessen, und ihr gemeinsamer Vorsatz fiel mit ihrer Kleidung.

Rachel hatte das Gefühl zu schweben, so sehr versank sie in seinen Küssen und Liebkosungen.

Sie schliefen ein zweites Mal miteinander, und diesmal war es wundervoll.

Das war ihr erster Winter. Es wurde Frühling, und schließlich stand der Sommer vor der Tür. Eines Tages lagen sie nackt und befriedigt auf ihrem schmalen Bett, als Rachel etwas loswerden musste.

„Ich werde unsere Lernzeiten vermissen, wenn wir beide auf der Uni sind.“

Dominic wollte Physik studieren und hoffte auf einen Platz an der St. Andrews in Schottland oder am Imperial College in London, während Rachel in Sheffield ihr Hebammenstudium plante.

„Wovon redest du? Wenn wir zugelassen werden, haben wir auf Jahre Lernzeiten vor uns.“

„Ja, aber du bist entweder in Schottland oder in London, und ich …“

„Es gibt Züge, Rachel.“

Heute, viele Jahre später, während sie zusammengesunken auf einer Bank im Umkleideraum saß, erinnerte sich Rachel an das Glücksgefühl, das seine Worte ausgelöst hatten. So lebhaft, als hätte er sie gestern erst ausgesprochen.

Wo ist diese Frau? Rachel dachte an die Ekstase, die ungehemmte Leidenschaft, die sie mit Dominic erlebt hatte. Wo war die Frau, die sich bebend vor Lust auszog, um in den Armen eines Mannes zu liegen.

Wo war sie geblieben?

„Da bist du ja!“ May lugte in den Umkleidebereich und sah sie auf der Bank sitzen.

„Entschuldige.“ Rachel richtete sich rasch auf. „Ich wollte nur …“ Ja, was? „… meine Jacke holen.“

„Alles in Ordnung.“ May lächelte. „Ich wollte gerade Pause machen – das könntest du auch.“

„Sehr gern.“

Zusammen gingen sie in den Personalraum. „Komm, setz dich, ich hole uns etwas zu trinken“, sagte May.

Erholsam versprach die Pause für Rachel allerdings nicht zu werden.

Dominic saß an einem der Tische – und zwar nicht zufällig.

Richard hatte ihm unmissverständlich klargemacht, dass er die Angelegenheit geregelt haben wollte. Also setzte sich Dominic in den Aufenthaltsraum und wartete.

Auf Rachel Walker.

Rachel Walker, die für kurze Zeit Rachel Hadley gewesen war.

„Tee?“, hörte er May sagen, als die beiden Frauen hereinkamen.

„Für mich Kaffee“, antwortete Rachel und fügte, als sie Dominic sah, schnell hinzu: „Ich kann ihn mir selbst holen.“

May, die ihre Schäfchen gern verwöhnte, hielt sie zurück. „Sei nicht albern“, meinte sie. „Wie trinkst du ihn?“

Mit Milch, ein Stück Zucker, hätte Dominic beinahe gesagt.

„Mit Milch, kein Zucker“, erwiderte Rachel.

Also hatte sie diese süße Gewohnheit aufgegeben.

„Wie geht es unserem kleinen Thomas?“, wollte May von ihm wissen.

„Er ist stabil.“ Dominic sah sie an. „Also um einiges besser als noch vor zwei Stunden.“

„Sehr schön. Möchtest du auch einen Tee?“

„Aye“, imitierte er den nordenglischen Dialekt. „Aber nicht diesen Weicheier-Kräutertee …“

May lächelte irritiert. Natürlich verstand sie den Insider-Witz nicht. Eine Zeit lang trank Rachel damals nur Kamillentee, und Dominic, ein überzeugter Kaffeetrinker, hatte ihrem Dad, der auf einen Sprung bei ihnen in der Wohnung vorbeigeschaut hatte, versehentlich Kamillentee gekocht.

„Was zum Teufel ist das denn?“ Dave Walker spuckte den Tee zurück in die Tasse.

Ja, er hatte Dominic für einen Kräutertee trinkenden Schwächling gehalten.

Dominic blickte zu Rachel hinüber, in der Hoffnung, ein verstohlenes Lächeln zu erhaschen, aber sie starrte auf den Fernseher an der Wand. Und sie starrte weiterhin darauf, nachdem May in die Küche gegangen und sie allein gelassen hatte.

„Willst du nicht Hallo sagen, Rachel?“, fragte Dominic.

„Hallo.“

Rachel drehte sich um, und unwillkürlich glitt ihr Blick von seinen dunklen Augen zu seinem Mund.

Sein Mund hatte sie schon immer gefesselt.

Dieser warme, sinnliche Mund, mit dem er sie geküsst hatte, überall.

„Wie ist es dir ergangen?“, fragte sie.

Natürlich würde er nicht ausgerechnet hier darauf antworten. „Gehen wir zusammen etwas trinken? Um reinen Tisch zu machen, miteinander zu reden?“

„Nein, danke“, antwortete sie spontan, fand sich im nächsten Moment jedoch kleinlich. Irgendwann mussten sie dieses Gespräch führen, sonst würden sie nicht zusammen arbeiten können. „Oder, doch, vielleicht sollten wir uns kurz unterhalten.“

„Gegenüber vom Krankenhaus ist ein Pub. Ich müsste gegen sechs Uhr hier fertig sein, und …“

„Um eins habe ich Mittagspause“, unterbrach sie ihn. „Dann könnten wir uns treffen.“

„Aber nicht in der Kantine!“

Und sie würde nicht mit ihm in einen Pub gehen. Die Zeiten waren lange vorbei.

„Wir werden ja nicht Händchen haltend am Tisch sitzen, Dominic“, konterte sie. Im nächsten Moment fragte sie sich, ob es wirklich klug war, sich in der Kantine über Privates zu unterhalten. Hier im Krankenhaus brauchte niemand zu wissen, dass sie mit Dominic verheiratet gewesen war.

Doch da nickte er bereits zustimmend.

„Ich werde versuchen, pünktlich zu sein“, meinte er knapp.

Beide schwiegen, als May mit einem Tablett in den Händen erschien. Dampfende Kaffee- und Teebecher standen darauf und ein großer Kaffee-Walnuss-Kuchen, den sie von zu Hause mitgebracht hatte. Dominic bediente sich gern und verputzte sein Stück im Handumdrehen.

Schon als Teenager hatte er einen guten Appetit gehabt, erinnerte sich Rachel.

„Möchtest du auch ein Stück?“, fragte May sie.

„Nein, vielen Dank.“ Sie hatte schon Mühe, ihren Becher zu halten. Niemals hätte sie in Ruhe Kuchen essen können.

„Ach, Dominic, da fällt mir etwas ein …“ May schnitt weitere Stücke von ihrem Kuchen ab. „Die Notaufnahme holt die Weihnachtsfeier für alle nach, die bei der ersten Dienst hatten und nicht dabei sein konnten.“

„Ich, zum Beispiel“, sagte Dominic.

„Soll ich dich dann auf die Liste setzen?“, fragte May, während sie ihm ein großes Stück auf den Teller legte. „Wir haben nur noch nicht entschieden, wo wir hingehen.“

„Ich weiß nicht …“ Dominic blickte flüchtig zu Rachel hinüber, die wieder auf den TV-Bildschirm starrte. „Ich sehe mir meinen Dienstplan an und sage dir Bescheid.“

„Rachel, du hast dich doch schon eingetragen, oder?“ May zog ein Blatt Papier aus ihrer Kitteltasche und studierte es. „Richtig … Rachel plus 1.“ Die Stationsschwester lächelte. „Schön, dass wir deinen Verlobten kennenlernen. Wie heißt er noch mal?“

Sämtlicher Sauerstoff schien aus dem Raum gesaugt worden zu sein. „Gordon“, antwortete Rachel matt.

„Gordon, richtig.“ May nickte, stutzte jedoch, als Dominic abrupt aufstand. „Wohin so eilig? Isst du das zweite Stück Kuchen nicht?“

„Ich muss nach dem COPD-Patienten sehen“, stieß er, schon im Gehen, über die Schulter gewandt hervor.

Rachel musste sich sehr zusammennehmen, ihm bei seinem hastigen Aufbruch nicht nachzublicken, sondern sich weiterhin auf die TV-Nachrichten zu konzentrieren.

Oh, oh …

3. KAPITEL

Um Geld für die Hochzeit anzusparen, brachte Rachel ihr Mittagessen immer von zu Hause mit. Nun saß sie in der Kantine, nahm den Deckel ihrer Sandwichbox ab und betrachtete die Gemüse-Frittata, die Gordon zubereitet hatte. Sie hatten den Sonntag damit verbracht, für die kommende Woche vorzukochen. Rachel sagte sich, dass sie sich bald an diese neue Häuslichkeit gewöhnen würde. Genau so wollte sie es doch haben, oder?

Erinnerungen drängten sich ihr auf, an längst vergangene Sonntage, mit ausgedehntem Frühstück in einem Café und Liebe am Nachmittag …

Die Frittata verlockte sie nicht dazu, hineinzubeißen. Aber vielleicht war sie wegen des bevorstehenden Gesprächs mit Dominic nervös und hatte deshalb keinen Appetit. Inzwischen bereute sie es, die Kantine vorgeschlagen zu haben. Andererseits hatte sie der Gedanke, mit ihm gemütlich im Pub zu sitzen, abgeschreckt. Hier waren sie nur zwei Kollegen, die zusammen zu Mittag aßen.

Mehr waren sie ja auch nicht.

Rachel blickte sich suchend um und entdeckte Dominic in der Schlange an der Kasse. Als er fertig war und auf ihren Tisch zukam, setzte sie ihr bestes Pokerface auf.

„Hallo, Rachel.“

Es fühlte sich seltsam an, ihren Namen aus seinem Mund zu hören. „Hallo, Dominic“, antwortete sie höflich und versuchte zu lächeln. Aber die Lippen wollten ihr nicht gehorchen, ihre Mundwinkel blieben flach wie die Monitor-Linie bei einem asystolischen Herzstillstand, und sie konnte nichts tun, um sie wiederzubeleben.

Das üppig belegte Roastbeef-Sandwich, ein Stück Cheesecake und ein großer Becher Kaffee auf Dominics Tablett schienen zu belegen, dass die Vorstellung, zusammen mit seiner Exfrau zu essen, seinem Appetit nicht im Geringsten geschadet hatte!

Wie um es noch zu unterstreichen, holte er einen Schokoriegel aus der Tasche und legte ihn dazu.

„Hungrig?“, fragte Rachel.

„Immer.“ Er deutete mit dem Kopf auf ihre Sandwichbox. „Was isst du?“

Es schien einfacher, übers Essen zu reden als über die Vergangenheit. „Frittata.“

„Quiche ohne das Beste daran?“, spielte Dominic auf die fehlende Blätterteigkruste an und rümpfte die Nase. „Erzähl, was hat dich ins Primary geführt?“

„Dasselbe könnte ich dich fragen. Ich hatte keine Ahnung, dass du Arzt werden wolltest …“

„Woher auch?“, unterbrach er sie. „Es ist ja nicht so, dass du Kontakt gehalten hättest.“

„Du auch nicht.“ Rachel trank einen Schluck Wasser, um den bitteren Geschmack loszuwerden, damit er nicht ihre Stimme vergiftete. Sie wollte sich nicht anmerken lassen, wie sehr es immer noch wehtat, dass Dominic gegangen war, ohne auch nur einmal zurückzublicken. „Also, wie geht es dir?“

„Ich kann nicht klagen.“ Er legte das Sandwich auf den Teller zurück. „Rachel, ich weiß, die Situation ist schwierig …“

„Finde ich nicht“, widersprach sie. „Ich habe mich nur gewundert, dass du hier arbeitest.“

„Das beruht auf Gegenseitigkeit.“ Er nickte. „Zumal du immer gesagt hast, dass du nie aus Sheffield wegziehen würdest.“

Ein Punkt, um den es oft Streit zwischen ihnen gegeben hatte. Geboren und aufgewachsen in Yorkshire, konnte sie sich nicht vorstellen, jemals woanders zu leben. Dominic dagegen war von Anfang an nicht gern in Sheffield gewesen.

„Damals war ich achtzehn“, unterstrich sie kühl.

„Stimmt.“ Dominic biss wieder in sein Baguette.

Rachel betrachtete ihn unauffällig. Sein Haar war zerzauster als heute Morgen, und er sah dem Dominic von früher etwas ähnlicher. Trotzdem waren da deutliche Unterschiede. Ihr fielen die feinen Fältchen in seinen Augenwinkeln auf, und im Gegensatz zum Morgen war deutlich ein Bartschatten zu sehen. Der Dominic, den sie gekannt hatte, rasierte sich einmal die Woche. Und noch etwas stellte sie fest: eine leichte Arroganz, die damals nicht da gewesen war.

„Wir alle sagen dummes Zeug, wenn wir jung sind“, fügte sie hinzu.

„In der Tat“, pflichtete er ihr bei, und zum ersten Mal seit ihrer unfreiwilligen Wiederbegegnung trafen sich ihre Blicke. Hielten einander fest. „Du hast meine Frage nicht beantwortet, Rachel.“ Er sah ihr immer noch in die Augen. „Warum bist du in London?“

Sie wich seinem Blick aus. „Mein Verlobter hat hier eine Stelle angeboten bekommen, und … Nun ja, Krankenschwestern werden überall gesucht.“

„Wann ist die Hochzeit?“

„Wir haben noch kein Datum festgesetzt.“

„Lebt ihr zusammen?“, fragte er, fügte jedoch schnell hinzu: „Entschuldige, das geht mich nichts an.“

„Ja“, sagte sie. Ja, es ging ihn nichts an, und ja, Gordon und sie wohnten zusammen. Seit zehn Tagen …

„Wie lange seid ihr zusammen?“

„Fast drei Jahre.“

„Aha.“ Dominic schien noch mehr sagen zu wollen, überlegte es sich dann anders und biss stattdessen in sein Sandwich. Er kaute bedächtig, schluckte. Ihm schien ein Stückchen im Hals stecken geblieben zu sein, denn er trank einen großen Schluck, bevor er schließlich weitersprach.

„Du scheinst nichts zu überstürzen.“

„Nicht mehr“, entgegnete sie knapp und sah, wie flüchtig ein Lächeln seinen Mund umspielte.

Seinen Mund. Den Mund, den sie nur anzusehen brauchte, um sich zu erinnern.

Diesmal konnte sie die Gedanken nicht verscheuchen. An die sinnliche Erregung, die Lust, die sie einander bereitet hatten. Rachel gestand sich ein, dass sie diesen lustvollen Rausch, diese intensive Befriedigung nie wieder erlebt hatte.

„Wie geht’s der Familie?“, wollte er wissen.

„Wie immer. Sie ist größer geworden, ich habe inzwischen viele Nichten und Neffen. Und deine?“

„Wir sehen uns kaum. Eigentlich seit damals …“ Er schluckte. „Sie waren nicht gerade hilfreich.“

Als Dominic sie heiratete, kam es zum Bruch. Seine Eltern hatten nicht einmal eine Karte geschickt, geschweige denn an der Hochzeit teilgenommen. Rachel sah den Mann an, der trotz des heftigen Widerstands seiner Familie zu ihr gehalten hatte.

„Sie wohnen wieder in London“, erklärte er. „Aber, wie gesagt, wir sehen uns selten, höchstens zu Weihnachten oder bei ähnlichen Anlässen …“

„Es tut mir leid, dass ihr euch meinetwegen entfremdet habt.“

Ein grimmiges Lächeln glitt über sein Gesicht. „Nimm nicht alles auf deine Kappe … Es lag nicht an dir.“

„Ich muss wieder zurück.“ Rachel schloss ihre Sandwichdose.

„Wir haben kaum geredet.“

„Ich wüsste nicht, was es noch zu sagen gibt.“ Hilflos zuckte sie mit den Schultern. „Was willst du wissen?“

„Bist du glücklich?“

Die Frage klang aufrichtig, so, als ob es ihn wirklich interessierte. Rachel antwortete, als wäre sie völlig sicher. „Ja.“

In Wahrheit hatte sie sich damit in letzter Zeit nicht befasst. Ihre Beziehung zu Gordon hatte sich sehr viel langsamer entwickelt als ihre wilde Romanze mit Dominic.

Natürlich bin ich glücklich!

Okay, vielleicht nicht schwindlig vor Glück wie in jenen ersten Tagen mit Dominic. Doch damals war sie noch ein Teenager gewesen und von Hormonen überflutet, die ihre Welt in rosenrotes Licht getaucht hatten, wenn sie Dominic nur ansah.

Jetzt blickte er sie mit seinen dunkelbraunen Augen abwartend an, als müsste sie ihr Glücklichsein näher beschreiben.

„Ich bin sehr glücklich“, erklärte sie schließlich. „Gordon und ich wollen das Gleiche vom Leben.“

„Und was?“

„Du weißt schon … Ein Haus, Familie …“ Rachel verstummte. Sie hatte nicht den Mut, sich zu fragen, ob das alles war, was sie sich wünschte. „Und du?“, lenkte sie von sich ab. „Bist du glücklich?“

„Jepp.“ Dabei beließ er es.

„Du wolltest mit mir sprechen, Dominic“, betonte sie, weil er selbst nicht viel zur Unterhaltung beitrug. „Worüber genau?“

„Okay, eins muss ich wissen. Wird es für dich ein Problem sein, mit mir zu arbeiten?“

„Natürlich nicht.“ Sie lächelte, doch seine Miene blieb unbewegt. „Für dich etwa?“

„Ja.“

Bestürzt blickte sie ihn an. „Heißt das, du willst, dass ich kündige …?“

„Meine Güte, Rachel!“, fuhr er sie an. So hatte sie ihn noch nicht erlebt. „Ich verlange von dir nicht, dass du kündigst. Ich wünsche mir nur eine ehrliche Unterhaltung … Aber darin warst du ja nie besonders gut.“

„Was soll das heißen?“ Ärger kochte in ihr hoch, doch sie ließ sich nichts anmerken. „Ich habe dich nie belogen, Dominic.“

„Aber mir auch nie die Wahrheit gesagt. Ich musste praktisch Gedanken lesen, um herauszufinden, was in dir vorgeht.“ Er holte tief Luft und sagte ihr unverblümt ins Gesicht: „Ja, für mich ist es ein Problem, wenn meine Exfrau im selben Krankenhaus arbeitet wie ich.“

Oh!

„Und ich weiß nicht, wie du reagieren wirst, wenn …“ Er sprach nicht weiter.

Anscheinend wusste Dominic nicht, wie er mit ihr über sein Liebesleben sprechen sollte.

Oder vielmehr, sein Sexleben.

„Hast du jemanden?“, zwang Rachel sich, ihn zu fragen. „Falls es für sie schwierig ist, kann ich ihr versichern, dass …“

„Ihnen“, sagte Dominic und biss wieder ein Stück von seinem Baguette ab.

Rachel stutzte. „Ihnen?“

„Damit meine ich, dass es mir mit keiner ernst genug ist, um eine Exfrau ins Spiel zu bringen.“

„Verstehe“, antwortete Rachel, obwohl es nicht stimmte. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Dominic Affären hatte.

„Ich habe nicht vor, mich dauerhaft mit jemandem einzulassen. Was Beziehungen angeht, bin ich nicht besonders gut.“ Sein Lächeln wirkte gezwungen. „Das weißt du am besten.“

„Ich bin mir nicht sicher“, meinte sie. „Wir hatten …“ Sie stieß langsam den Atem aus, während sie versuchte, die Worte, die ihr in den Sinn kamen, wegzuschieben. Gute Zeiten, wunderbare Zeiten, die besten Zeiten überhaupt … „Es war nicht alles schlecht.“

„Es war nicht alles gut.“

Und da lag der Unterschied zwischen ihnen.

Würde sie Lebensjahre mit Lebensglück auf ein Koordinatengitter legen, würden die Balken der Jahre siebzehn und achtzehn alle anderen überragen. Die beiden Jahre mit Dominic waren die schönsten ihres Lebens gewesen. Mit ungewisser Zukunft, zugegeben, und die Rechnungen stapelten sich, doch wenn das Licht ausging und die Tür sich hinter dem Tag schloss, gab es nur sie beide. Zu zweit in ihrem eigenen kleinen Paradies …

„Ich weiß nicht, wie es mir mit diesem Wiedersehen geht“, gestand Dominic. „Ich würde wirklich gern sagen, ich freue mich für dich, dass du glücklich bist, Rachel. Aber das wäre gelogen.“

„Oh …“

„Deshalb werde ich nicht so tun, als machte es mir nichts aus, dass du hier bist.“

„Ich sehe kein Problem“, antwortete sie. „Das mit uns ist Jahre her. Wir haben uns verändert – du auf jeden Fall.“

„Das stimmt.“

Nach seiner gescheiterten Ehe brauchte Dominic einen neuen Sinn im Leben.

Erstsemesterwoche? Was für ein Witz! Er hatte in die glücklichen Gesichter gesehen, hatte die Aufbruchstimmung gespürt, weil mit dem Studium eine neue aufregende Phase begann. Dominics Stimmung dagegen war im Keller, er selbst hatte sich wie ausgelaugt gefühlt.

Alle hatten sich kennenlernen wollen und unbefangen von sich erzählt. Und er? Wollte überhaupt jemand hören, dass er getrennt und kurz vor der Scheidung war? Dass er ein Vater ohne Kind war und einen Job brauchte, um den Rest der Beerdigungskosten zu bezahlen?

Darüber wollte er nicht mit Fremden sprechen. Mochte niemandem näherkommen, wenn der einzige Mensch, dem er nahe sein wollte, ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte. Endgültig und für immer.

Statt jedoch für sich zu bleiben, wie er es sich gewünscht hatte, wollte es der Zufall, dass der Job in einer Bar der erste war, der ihm angeboten wurde. Dominic entdeckte die Kunst des bedeutungslosen Small Talks – und besser noch, bedeutungslosen Sex.

Von einem weinseligen Abend abgesehen, als er Jordan und dessen Frau Heather vom traurigen Ende seiner Ehe erzählt hatte, weihte er niemanden in seine Gefühle ein.

Und nachdem ihm eine seiner Geliebten einen Schrecken eingejagt hatte, weil sie trotz Verhütung vermutete, schwanger zu sein, wollte er sichergehen, dass ihm so etwas nie wieder passierte. Zwar erwies sich die Schwangerschaft als falscher Alarm, aber Dominic ließ sich sterilisieren. Seitdem genoss er seine Freiheit in vollen Zügen.

Wie seine Ex-Frau bald herausfinden würde!

Nein, er wollte sie nicht hierhaben.

„Oder soll ich lügen?“ Er lächelte herausfordernd. „Hallo, Rachel! Wie schön, dich zu sehen!“, rief er ohne eine Spur von Ironie aus. „Gordon scheint genau der Richtige für dich zu sein.“

Sie rollte mit den Augen.

„Großartig, dass wir uns mal wieder sprechen!“, fuhr er fort. „Ich kann es kaum erwarten zu erfahren, was du erlebt hast, und …“

„Hör auf!“, zischte sie. Zum ersten Mal ließ sie sich anmerken, dass sie nicht so cool und gelassen war, wie sie tat. „Du musst mir nichts vorspielen. Aber wir sollten wenigstens in der Lage sein, höflich und professionell miteinander umzugehen.“

„Das kann ich.“

„Gut.“

„Aber das gilt auch für dich“, warnte er sie. „Ich meine es ernst, Rachel. Von dir erwarte ich das Gleiche.“

„Keine Sorge. Ich würde nie zulassen, dass meine Vergangenheit meine Arbeit beeinträchtigt.“

Vielleicht verstand sie nicht, was er meinte. Dominic beschloss, deutlicher zu werden. „Glaub bitte nicht, dass du mir Vorhaltungen machen kannst, weil wir kurz verheiratet waren.“

„Warum sollte ich?“

„Vielleicht nicht direkt Vorhaltungen, aber … Ich treffe mich mit Frauen, Rachel“, erklärte er.

„Okay. Das geht mich nichts an.“

„Richtig.“

In ihr zog sich etwas zusammen. Die Vorstellung, dass er mit einer anderen Frau – mit vielen anderen Frauen – zusammen war, gefiel ihr gar nicht.

Rachel hasste sich dafür, konnte die Frage jedoch nicht zurückhalten. „Oft?“

„Ich bin Single“, antwortete Dominic. „Und das will ich auch bleiben. Das heißt aber nicht, dass ich wie ein Mönch lebe.“

„Deine Entscheidung.“

„Genau. Und das werde ich nicht ändern, auch nicht, wenn meine Exfrau im selben Gebäude arbeitet wie ich.“

„Übrigens … Ich finde, wir sollten niemandem erzählen, dass wir verheiratet waren.“ Ihr entging nicht, wie sich sein Adamsapfel bewegte. „Du hast es doch niemandem gesagt, oder?“

„Nur Richard, meinem Chef. Deinen Namen habe ich nicht genannt, nur so viel, dass ich unerwartet meiner Ex begegnet bin.“

„Warum hast du das getan?“

Autor

Carol Marinelli
Carol Marinelli wurde in England geboren. Gemeinsam mit ihren schottischen Eltern und den beiden Schwestern verbrachte sie viele glückliche Sommermonate in den Highlands.

Nach der Schule besuchte Carol einen Sekretärinnenkurs und lernte dabei vor allem eines: Dass sie nie im Leben Sekretärin werden wollte! Also machte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester...
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