Julia Ärzte zum Verlieben Band 161

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EIN ARZT FÜR GEWISSE STUNDEN von JANICE LYNN
Ärztin McKenzie Wilkes braucht einen Mann – allerdings nur für ein Wochenende. Um nicht ständig verkuppelt zu werden, will sie nicht allein zu einer Hochzeit. Ihr gutaussehender Kollege Ryder Andrews ist der perfekte Kandidat. Doch ihr Herz hängt noch an ihrem Ex …

KOMM IN MEIN KÖNIGREICH DER LIEBE! von ANN MCINTOSH
Sara kann es nicht fassen! Sie ist eine Prinzessin! Und soll an der Seite des sexy Prinzen Farhan von Kalyana den Thron seines Landes besteigen. Doch die engagierte Ärztin weiß, dass Farhan sie nicht liebt. Will sie sich trotzdem auf diesen herzlosen Deal einlassen?

KEINE ZUKUNFT MIT DR. BAXTER? von ALISON ROBERTS
Eine einzige Nacht in Noah Baxters Armen – das wünscht Abby sich. Nur einmal will sie sich als begehrenswerte Frau fühlen. Auch wenn sie weiß, dass es mit dem smarten Chirurgen keine dauerhafte Beziehung geben kann. Aber ihr Zusammensein hat süße Konsequenzen …


  • Erscheinungstag 11.02.2022
  • Bandnummer 161
  • ISBN / Artikelnummer 8031220161
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Janice Lynn, Ann McIntosh, Alison Roberts

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 161

JANICE LYNN

Ein Arzt für gewisse Stunden

Seine Kollegin lädt ihn zu einer Hochzeit ein! Insgeheim freut sich Kinderarzt Ryder Andrews, aber er weiß: Er ist nur ein Lückenbüßer. Das Herz der schönen McKenzie schlägt immer noch für ihren Ex. Doch dann erwidert sie seinen spontanen Kuss. Ryder macht sich Hoffnungen. Allerdings zeigt ihm McKenzie anschließend wieder die kalte Schulter …

ANN MCINTOSH

Komm in mein Königreich der Liebe!

Es ist ein verrückter Plan: Um die Regentschaft seiner Familie zu sichern, muss Prinz Farhan von Kalyana die kompetente Ärztin Sara um ihre Hand bitten. Denn Sara ist die verschollene Thronerbin seines Landes. Liebe will Farhan dabei nicht zulassen. Zu sehr fürchtet er eine Enttäuschung. Doch das Prickeln, das er in Saras Nähe spürt, lässt sich nicht leugnen …

ALISON ROBERTS

Keine Zukunft mit Dr. Baxter?

Nachdem er seine Frau und sein Kind verloren hat, will Dr. Noah Baxter sich nie wieder binden. Auch für seine attraktive Kollegin Abby empfindet er lediglich Freundschaft. Zu ihr fasst er Vertrauen. Doch dann äußert Abby eine pikante Bitte – und Noah kann ihrer sinnlichen Ausstrahlung einfach nicht widerstehen. Er darf nur nicht sein Herz verlieren!

1. KAPITEL

Paul machte Schluss?

Dr. McKenzie Wilkes starrte auf ihr Smartphone.

Abserviert per Textnachricht!

Nach zwei Jahren, in denen er ihr immer wieder unsterbliche Liebe schwor, hätte sie zumindest einen Anruf samt Erklärung verdient, oder? Clay, ihr Ex vor Paul, hatte sich wenigstens noch persönlich verabschiedet.

Fairerweise musste sie zugeben, dass Paul gestern Abend versucht hatte, sie zu erreichen.

Nur hatte sie die Anzeige auf ihrem Handy erst weit nach Mitternacht gesehen, zu spät, um zurückzurufen. Sie hatte Rufbereitschaft und so viel zu tun gehabt, dass sie das Krankenhaus erst heute Morgen um sechs verlassen konnte.

McKenzie biss sich auf die Unterlippe, während sie die Worte auf ihrem Display noch einmal las. Du wirst nicht weinen! Auf keinen Fall. Sie war auf dem Weg in die Seattle Cardiac Clinic für herzkranke Kinder, da konnte sie kein trauriges Gesicht machen. Ihre Patienten und deren Familien mussten mit viel mehr fertigwerden als einer zerbrochenen Liebesbeziehung.

Ihre kleinen Herzen waren wirklich gebrochen, physisch und emotional. Trotzdem trugen die Familien ihre Last auf bewundernswerte Weise, sobald der erste Schock überwunden war. Ja, sie sollte sich zusammenreißen und dem Impuls widerstehen, nach Hause zu fahren, sich im Bett zu verkriechen und zu heulen, bis keine Tränen mehr kamen.

Ihre Patienten brauchten sie.

McKenzie liebte ihre Arbeit als Kinderkardiologin. Wie oft machte sie Überstunden oder übernahm spontan einen Dienst, wenn der Zustand eines ihrer Schützlinge kritisch wurde.

Sie hatte geglaubt, dass Paul das verstand. Vielleicht konnte er es einfach nicht nachvollziehen. Er arbeitete für einen Online-Händler. Seine Kunden starben nicht, wenn etwas schieflief.

Sie malträtierte ihre Lippe noch mehr, hoffte, dass der Schmerz den in ihrer Brust nicht hochkommen ließ.

Paul liebte sie. Hatte er es ihr nicht hundert-, sogar tausendfach in den letzten beiden Jahren versichert? Wie konnte er ihr in ein paar dürren Zeilen schreiben, dass sie Abstand voneinander brauchten, um ihre Gefühle zu überdenken? Dass er den Eindruck hatte, sie hätten sich auseinandergelebt, verfolgten unterschiedliche Ziele im Leben?

Was sie betraf, waren all ihre persönlichen Zukunftspläne mit Paul verknüpft. Sie hatte gedacht, sie würden im nächsten oder übernächsten Jahr heiraten, eine Familie gründen, zusammen alt werden.

Allerdings hatte sie das auch bei Clay gedacht. Der gab ihr nach sieben Jahren, die während ihres gemeinsamen Medizinstudiums begonnen hatten, den Laufpass. McKenzie fiel aus allen Wolken, als er ihr eröffnete, dass er zur Facharztausbildung nach Boston ziehen würde. Allein.

Oh, und das Mitleid, das ihr nach dieser Trennung zu Hause entgegenschlug! Als hätte sie nicht genug damit zu tun, das innere Elend zu bewältigen, machte ihre Mutter sie verrückt, indem sie keine Gelegenheit ausließ, passende Dates für ihr „armes Baby“ zu arrangieren. McKenzie hielt es nicht lange aus. Die Assistenzarztstelle, die man ihr in Seattle anbot, war ein Geschenk des Himmels.

Unglücklicherweise drohte ihr nun ein emotionales Déjà-vu. Das „arme Baby“ würde es schlimmer treffen als beim letzten Mal. In nicht einmal einem Monat wurde sie zu Hause in Tennessee erwartet, ihr erster Besuch seit ihrem Umzug nach Seattle.

Ihre Cousine Reva heiratete, und McKenzie war eine der Brautjungfern. Schon als kleine Mädchen hatten sie geplant, auf der Hochzeit der anderen die Brautjungfer zu sein. McKenzie hatte sich sogar gefragt, ob Paul den Anlass nutzen würde, um ihr einen Antrag zu machen.

Offensichtlich nicht.

Warum nur hatte sie ihrer Mutter gegenüber angedeutet, dass ihre Tochter in naher Zukunft verlobt sein könnte?

Bei Jeremys und Revas Trauung solo aufzutauchen, war keine Option. Ihre Mutter würde sie mit mitfühlenden Blicken bombardieren und jeden Tom, Dick oder Harry in ihre Richtung schieben.

McKenzie umklammerte ihr Handy, während die Realität mit kalten Fingern nach ihr griff. Paul hatte sich von ihr getrennt. Er liebte sie nicht mehr, hatte sie vielleicht nie richtig geliebt.

Zugegeben, ihr Herz hatte bei ihm nie Purzelbäume geschlagen, wie sie es sich als junges Mädchen ausgemalt hatte, wenn sie an die große Liebe dachte. Aber sie war gern mit ihm zusammen, und es war ihr nicht egal, wie es ihm ging. Und wer glaubte schon an Märchenprinzen?

Die Beziehung zu Paul war angenehm und behaglich wie warmer Kakao an einem kalten, regnerischen Abend in Seattle.

Sie hatte ihren Kakao-Kerl geliebt. Er sorgte dafür, dass sie sich begehrt und gebraucht fühlte.

„Hey, Dr. Wilkes“, rief eine Kollegin ihr zu und erinnerte sie daran, dass sie noch immer wie erstarrt dastand.

„Hi!“ Sie winkte ihr kurz zu, um sich nicht anmerken zu lassen, dass ihre Welt gerade zu Bruch gegangen war.

Auf dem Weg ins Gebäude und zu ihrem Zimmer zitterten ihr die Hände. Zum Glück lag heute nur die Sprechstunde und kein Behandlungstermin an, für den sie eine ruhige Hand gebraucht hätte.

Mit jedem Schritt verstärkte sich das Zittern, erfasste sie am ganzen Körper.

Paul hat mich verlassen.

Ihr wurde schwindlig, und sie musste stehen bleiben. McKenzie lehnte die Stirn gegen die kühle Betonwand des Flurs und schloss die Augen. Du kommst klar. Auch wenn Paul sie nicht mehr liebte, sie würde es überleben. Irgendwie.

Sie konnte zu Revas Hochzeit fliegen und so tun, als sei mit ihrem Leben alles in Ordnung, obwohl sie wieder Single war. Sie würde die Blicke und das Getuschel hinter ihrem Rücken ertragen.

Ihr Magen formte sich zu einem harten Ball, kalter Schweiß drängte aus allen Poren.

Oh, wie oft hatte ihre Mutter betont, dass sie es kaum erwarten könne, Paul endlich kennenzulernen. Den Mann, den ihre Tochter liebte, den sie heiraten, mit dem sie eine Familie gründen wollte.

Übelkeit brannte in ihrer Kehle, erneut brach ihr der Schweiß aus. Gleich würde sie sich übergeben.

„Ähem.“

Ein tiefes Räuspern ließ sie herumfahren. McKenzie verlor fast das Gleichgewicht, als sie unerwartet einem stirnrunzelnden Dr. Ryder Andrews ins Gesicht blickte.

Heiß schoss ihr das Blut in die Wangen. Warum, oh, warum musste von allen Leuten ausgerechnet er sie in diesem Zustand erwischen?

Tatsache war, dass ihr Herz zu rasen anfing und ihr Magen flatterte wie bei einem aufgeregten Schulmädchen, wenn Ryder in ihre Nähe kam. Selbst als die Stimmung zwischen ihnen noch friedlich und freundlich gewesen war, wurde sie in seiner Gegenwart nervös. Allerdings lag es vielleicht daran, dass sie gerade erst ihren Facharzt gemacht hatte und er ein hochkompetenter pädiatrischer Herzchirurg war.

Okay, ein bisschen bewunderte sie ihn schon. Das war verständlich, und trotzdem hatte sie deswegen immer leichte Schuldgefühle verspürt.

Wenn Paul warmer Kakao war, der ein tröstliches, gemütliches Gefühl in ihr weckte, dann war Ryder Andrews hochprozentiger Whiskey, der ihr zu Kopf stieg und sie schwindlig machte.

Ryder musterte sie. „Alles in Ordnung?“

Tränen drohten zu sprudeln. Konnte dieser Tag noch schlimmer werden? Konnte sie nicht nach Hause gehen und noch einmal von vorn anfangen? Ohne, dass jemand per Handynachricht mit ihr Schluss machte und sie ihrem unfreundlichsten Kollegen über den Weg lief?

„Klar“, log sie.

Nachdenklich sah er sie an, mit seinen honiggoldenen, von dichten Wimpern gerahmten Augen, in die sie bei den seltenen Gelegenheiten, wenn sie ihm begegnete, nicht zu blicken wagte. Weil sie das Gefühl hatte, dass sie zu viel sahen. So wie jetzt. McKenzie hätte schwören können, dass er ihr die Lüge an der Nasenspitze ablas.

Nun ja, sie hatte an der Wand gelehnt, drauf und dran, ihr Frühstück wieder von sich zu geben. Man brauchte kein Superhirn, um zu begreifen, dass sie nicht auf der Höhe war.

Warum musste Ryder sie in diesem schwachen Moment erleben?

Der Mann mochte brillant sein, ein großartiger Herzchirurg, nur war sich McKenzie sicher, dass er sie nicht leiden konnte. Sie wusste nicht einmal, ob sie ihn überhaupt mochte. In seiner Gegenwart war sie seltsam angespannt, so als ob sie fürchtete, etwas Dummes zu sagen oder zu tun. Was dann auch oft passierte. Bestimmt, weil sie verunsichert war.

Es ging ihr nicht darum, von allen gemocht zu werden. Doch anfangs war Ryder richtig nett gewesen, hatte sie angelächelt, mit ihr gescherzt. Sie fand ihn wirklich sympathisch und dachte, sie könnten gute Freunde werden. Zwei Wochen nach seinem ersten Tag im Krankenhaus vollzog er jedoch eine komplette Kehrtwendung. Nicht, dass er offen feindselig war. Aber er ging ihr aus dem Weg.

Wenn sie sich begegneten, herrschte eine unterschwellige Spannung, die sie nicht verstand. Sie konnte sich an nichts erinnern, womit sie ihn verärgert haben könnte, hatte ihn sogar direkt gefragt. Nein, es sei alles in Ordnung, antwortete er, mied sie allerdings weiterhin. Was dazu führte, dass sie auch einen Bogen um ihn machte. Vielleicht war sie überempfindlich, aber er brachte sie aus der Fassung.

Wie jetzt auch.

Ihm in die klugen Augen zu sehen, die tiefer blickten, als ihr lieb war, verstärkte das Unbehagen. McKenzie hatte das Gefühl, als wüsste Ryder schon, dass sie abserviert worden war, und hätte vollstes Verständnis für Paul.

„So siehst du aber nicht aus. Kann ich dir ein Glas Wasser holen?“

Jepp. Ihr Tag wurde besser und besser.

„Danke, es geht schon.“ Sie hatte die Trennung von Clay überlebt, und sie würde es überleben, dass Paul Schluss gemacht hatte.

Weil er sie nicht mehr liebte.

War sie so wenig liebenswert, dass die Männer in ihrem Leben über kurz oder lang davonmarschierten?

„Entschuldige mich“, fuhr sie fort, um seinem neugierigen Blick zu entfliehen, bevor sie in Tränen ausbrach. „Ich muss noch etwas erledigen, meine Sprechstunde fängt gleich an.“

Wie zum Beispiel, in ihr Büro zu gehen und sich die Augen aus dem Kopf zu heulen.

Sie wandte sich ab und ging, ohne seine Antwort abzuwarten.

Ihr Nacken kribbelte, wie so oft in Ryders Nähe, und McKenzie drehte sich um. Er hatte sich nicht vom Fleck gerührt. Nicht nur das, sondern er sah ihr stirnrunzelnd nach, anscheinend tief in Gedanken versunken.

Sie warf ihm einen entrüsteten Blick zu und zog sich erhobenen Hauptes in ihr Zimmer zurück. McKenzie schloss die Tür, lehnte sich dagegen und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Dr. Ryder Andrews starrte auf die geschlossene Tür.

Geh einfach, befahl er sich. Je weniger er mit Dr. McKenzie Wilkes zu tun hatte, desto besser.

Sie hatte ihm gleich gefallen, als er ihr das erste Mal begegnete. Nachdem er jedoch herausgefunden hatte, dass sie gebunden war, unterdrückte er seine wachsenden Gefühle für sie und ging ihr aus dem Weg.

Heute Morgen ging es ihr nicht gut. Sie war auffallend blass. Ihre Augen glänzten, sie wirkte krank.

Geh weg, wiederholte er stumm.

Doch das brachte er nicht über sich. Er war Arzt. Niemand ignorierte eine Kollegin, der es schlecht ging. Auch wenn er sich vorgenommen hatte, mit besagter Kollegin nicht öfter als unbedingt nötig zusammenzutreffen.

Ryder ging in den Pausenraum, holte ein Glas Wasser und eine Packung Kräcker. Vielleicht hatte sie heute noch nichts gegessen.

Allerdings hatte McKenzie nicht gewirkt, als wäre sie unterzuckert. Da war mehr im Busch als nur ein leerer Magen.

Er beschloss, ihr das Wasser zu bringen, sich davon zu überzeugen, dass sie körperlich okay war, und wieder zu verschwinden.

Was er für jeden Kollegen und jede Kollegin getan hätte.

Aber sie reagierte nicht, als er an ihre Sprechzimmertür klopfte.

„Ich habe hier ein Glas Wasser und ein paar Kräcker für dich!“, rief er durch die geschlossene Tür.

Keine Antwort.

Er klopfte erneut.

Nichts.

Ryder wandte sich ab. Sie wollte nicht mit ihm reden. Er hatte seine Pflicht getan, hatte ihr aus Anstand etwas zu trinken und zu essen geholt, und sie besaß nicht einmal so viel Anstand, wenigstens zu reagieren.

Und wenn sie dazu nicht in der Lage war? Zusammengebrochen war?

Er klopfte ein drittes Mal. Lauter und drängender.

Stille.

„McKenzie, mach auf!“ Er konnte sie nicht allein lassen, musste wissen, dass es ihr gut ging. „Wenn du nicht antwortest, komme ich rein und überzeuge mich persönlich, dass du nicht ohnmächtig geworden bist.“

Was ist sein Problem? McKenzie hob den Kopf und wischte sich die Tränen aus den verquollenen Augen. Seit Monaten war sie praktisch Luft für ihn, und ausgerechnet heute rückte er ihr hartnäckig auf die Pelle.

„Geh weg.“

So. Sie hatte geantwortet. Er konnte verschwinden.

„Ich habe dir Wasser und Kräcker geholt.“

„Kannst du behalten.“ Wasser und Kräcker lösten ihre Probleme nicht.

„Ich werde nicht gehen, bevor ich nicht sicher bin, dass du okay bist.“

Auch das noch. Wenn er warten wollte, bis es ihr besser ging, konnte er gleich draußen sein Lager aufschlagen.

Du kommst darüber hinweg, sagte sie sich. Irgendwann. Hatte sie es nicht auch geschafft, nachdem Clay ihr das Herz gebrochen hatte? Dieses Mal würde sie sich schneller fangen, schneller den Schmerz überwinden, nicht bei jedem sentimentalen Song im Radio in Tränen ausbrechen.

Sie war ein Profi im Verlassenwerden. Paul konnte seine „Auszeit“ haben. Keine große Sache.

„McKenzie, mach auf!“ Wieder hämmerte Ryder an die Tür.

Der Mann machte so viel Wind, dass die Kollegen aufmerksam wurden, wenn er nicht bald aufhörte!

Schweren Herzens erhob sie sich von ihrem Platz, wo sie zusammengekrümmt gesessen hatte, wischte sich noch einmal über die Augen und holte tief Luft. Du hast das im Griff, sagte sie sich. Ryder war nur ein Mann. Ein umwerfender Mann, der bestimmt noch nie verlassen worden war, aber letztlich nur ein Mann.

Ein Lächeln ins Gesicht zu zwingen, schenkte sie sich, weil er nicht denken sollte, dass sie seine Besorgnis schätzte. Vielleicht wäre es freundlicher gewesen, doch im Moment wollte sie noch eine Weile in Selbstmitleid baden.

„Was ist dein Problem?“, schleuderte sie ihm entgegen, während sie die Tür aufriss. Okay, das war nicht nett, aber er mischte sich in ihre Angelegenheiten ein, und sie wollte doch allein sein.

Sichtlich verdutzt nach ihrer Reaktion, hielt er ihr Wasserglas und Kräckerpackung hin. „Die gehören dir.“

„Fein. Ich nehme sie.“ Gesagt, getan. „Jetzt kannst du gehen.“

„Ich … Okay, mache ich.“ Er betrachtete ihr Gesicht.

McKenzie straffte die Schultern. Wehe, du sagst was. Ja, sie hatte geweint. Ja, ihre Augen waren gerötet. Und ja, es war ihr peinlich, dass er sie so sah.

„Kann ich etwas für dich tun?“

Seine überraschende Frage nahm ihr den Wind aus den Segeln. „Ich … Nein, kannst du nicht.“ Das konnte niemand. Entweder liebte Paul sie und wollte den Rest seines Lebens mit ihr verbringen. Oder eben nicht. McKenzie versuchte, nicht daran zu denken, dass ihr mit den Tränen auch die Mascara über die Wangen gelaufen war, und lächelte schwach. „Ich habe einen langen Nachtdienst hinter mir und nicht viel Schlaf bekommen. Und heute Morgen ist unerwartet etwas passiert.“ Milde ausgedrückt. „Danke für das Wasser und die Kräcker.“ Sie bemühte sich, noch einmal zu lächeln. „Wirklich, ich komme klar.“

Damit schloss sie die Tür.

Allerdings konnte sie sich nicht den Rest des Tages hier verkriechen. Wenn schon Ryder, der sie nicht einmal mochte, so viel Mitgefühl zeigte, würden ihre Freundinnen richtig Wirbel machen. Also musste sie sich das Gesicht waschen, ihr Make-up erneuern und, sollte jemand fragen, ihre geröteten Augen auf den Nachtdienst schieben. Heute Abend, wenn sie in ihren eigenen vier Wänden saß, konnte sie sich ihrem Kummer ergeben.

2. KAPITEL

Eine Woche war vergangen, seit Pauls Entschluss McKenzies Welt erschüttert hatte. Die Tränen saßen nicht mehr so locker, aber die Panik nahm zu.

In weniger als zwei Wochen musste sie zur Hochzeit ihrer Cousine nach Tennessee fliegen. Der Cousine mit dem vollkommenen Leben, von dem McKenzies Mutter schwärmte – wenn sie nicht gerade wieder und wieder betonte, wie sehr sie sich freue, McKenzies künftigen Ehemann kennenzulernen.

Alle Versuche, ihrer Mutter zu gestehen, dass Paul und sie sich getrennt hatten, waren gescheitert, weil McKenzie die Worte einfach nicht über die Lippen brachte. Sie hätte die Enttäuschung und das Mitleid nicht ertragen.

Auch Reva konnte sie es nicht sagen.

Früher hatten sie über alles reden können. Bis ihre Cousine anscheinend nicht damit zurechtkam, dass sie die große Liebe gefunden hatte und McKenzie nicht. Erst als McKenzie Paul kennenlernte, besserte sich das Verhältnis wieder. Es spielte keine Rolle mehr, dass sie nach Seattle gezogen war, statt dem Drängen ihrer Familie nachzugeben und in Nashville zu bleiben.

Wegen Paul legten sich die Spannungen zwischen McKenzie und ihrer Mutter und zwischen ihr und Reva. Sogar ihr Bruder, dem es gar nicht gefallen hatte, dass sie so weit weg lebte, schien beruhigt.

Wie sollte sie ihnen sagen, dass sie wieder verlassen worden war?

Alles würde wieder von vorn anfangen!

Nein, sie konnte unmöglich als Single in Tennessee auftauchen.

Ihre Teilnahme an der Hochzeit abzusagen, war ebenfalls ausgeschlossen.

Einen neuen Mann finden? Wollte sie nicht. Die Trennung von Paul war noch zu frisch. Im Moment konnte sie sich gut vorstellen, allein zu bleiben, sich auf ihre Karriere zu konzentrieren und ihr Leben den vielen kleinen Herzen zu widmen, die es zu heilen galt. Was machte es da schon, wenn ihr eigenes auf der Strecke blieb?

McKenzie wollte niemanden kennenlernen, wollte keine neue Beziehung und vor allem nicht riskieren, zum dritten Mal enttäuscht zu werden.

Was ihre peinliche Internetrecherche erklärte …

Sie saß in einem Diktierraum der pädiatrischen Kardiologie und wartete auf die Laborwerte eines Neuzugangs. In ihrer Verzweiflung nutzte sie die seltenen freien Minuten, um „seriöse Datingportale“ zu sichten. Wie konnte es angehen, dass sie im Berufsleben so erfolgreich war, in ihrem Privatleben dagegen so viel Pech hatte?

Zwar würde die Sache sie ein kleines Vermögen kosten, aber es wäre ihr jeden Penny wert, damit Revas Hochzeit im Mittelpunkt stand und nicht McKenzies jüngster Herzschmerz. Einen Service in Nashville zu nutzen, wäre billiger gewesen, doch sie konnte nicht riskieren, dass jemand ihr gekauftes Date erkannte. Also musste sie jemanden engagieren, der mit ihr von Seattle nach Tennessee flog.

Nach Revas Hochzeit und wenn McKenzie wieder in Seattle war, würde sie ihnen die Wahrheit sagen. Zuerst jedoch, damit alle glücklich waren und ihr eigenes Leben weniger stressig, brauchte sie einen Begleiter für die Hochzeit.

„Ich glaube, ich möchte es gar nicht wissen.“

Oh, verflixt! Ryder!

Ihre Wangen glühten, als sie rasch die Webseite schloss. Zögernd wandte McKenzie sich um.

Er lehnte am Türrahmen, stirnrunzelnd, einen merkwürdigen Ausdruck in den Augen. „Ist etwas mit dir und deinem Freund?“

Was machte er hier? Okay, sie war im Krankenhaus, der Diktierraum war für ihn nicht tabu, aber hatte er vergessen, dass er sie nicht mochte und deshalb auf Distanz blieb?

„Könnte man sagen, ja“, gab sie zu und atmete tief durch, ohne Ryder anzublicken. Sie hätte im Boden versinken können, weil er sie dabei ertappt hatte, wie sie sich Escort-Services anschaute.

„Ich dachte, ihr zwei hättet eine feste Beziehung.“ Er musterte sie, als müsste er ein schwieriges Rätsel lösen.

McKenzie seufzte. Er hatte sie auf einer Datingplattform erwischt und letzte Woche mit verheulten Augen gesehen. Viel schlimmer konnte es nicht werden, wenn sie ihm gestand, dass Paul sich von ihr getrennt hatte. Außerdem würden die anderen es über kurz oder lang sowieso erfahren.

„Hatten wir, aber das ist vorbei“, entgegnete sie, als wäre es keine große Sache. Als würde sie sich nicht seit Tagen den Kopf zerbrechen, was mit ihr nicht stimmte, weil die Männer in ihrem Leben irgendwann genug von ihr hatten.

„Gut so. Er war nichts für dich.“

Ihr blieb fast der Mund offen stehen. Ryders Antwort kam nicht nur unerwartet, sondern auch voller Überzeugung. Die beiden Männer waren sich nur ein paarmal begegnet und hatten sich, soweit sie wusste, nicht unterhalten. Wieso dachte Ryder, dass Paul für sie der Falsche war?

„Paul ist ein netter Mann. Ich werde ihn zurückgewinnen“, murmelte sie und wurde rot, als ihr klar wurde, dass sie ihren Gedanken laut ausgesprochen hatte. Warum dachte sie so etwas? Okay, die Trennung hatte sie mitgenommen, Paul war ihr wichtig, und sie hatte gedacht, dass sie eines Tages heiraten würden, aber ihn zurückgewinnen? Seit seiner Nachricht hatten sie nicht einmal miteinander gesprochen.

„Er hat Schluss gemacht, nicht du?“, fragte er ungläubig.

Tja, McKenzie war nicht diejenige, die eine Beziehung beendete. Nie.

Ryder richtete sich auf und trat in das winzige Zimmer.

Ihr Herz schlug schneller, während sie zu ihm hochblickte. Konnte sie nicht verschwinden? Puuf. Sich in Luft auflösen?

Er deutete auf den Computer. „Hast du vor, ihn eifersüchtig zu machen?“

Flüchtig blickte sie zum Bildschirm, auf dem ihre Suchergebnisse erloschen waren. Das war zwar nicht der Plan gewesen, aber besser, sie ließ Ryder in dem Glauben, als ihm die Wahrheit erzählen zu müssen. „Meinst du, es würde funktionieren?“

Ryder zog die dunklen Brauen hoch. „Willst du das wirklich? Ein Date organisieren, um deinen Ex eifersüchtig zu machen?“

McKenzie krümmte sich innerlich. Aus seinem Mund klang es bemitleidenswert. Also doch mit der Wahrheit herausrücken?

„Das geht dich nichts an“, erklärte sie, um im nächsten Moment mit einem Vorschlag herauszuplatzen, so irrsinnig, dass sie es selbst kaum glaubte. „Es sei denn, du machst es zu deiner Angelegenheit, indem du für ein Wochenende mein Freund bist.“

Ryder sah nicht nach, was McKenzie machte. Nie.

Aber sosehr er sich bemühte, er konnte ihre traurigen Augen nicht vergessen. Was erklären mochte, warum er im Krankenhaus herumhing, obwohl er längst Dienstschluss hatte. Normalerweise hätte er sich unauffällig verdrückt, wenn er wusste, dass McKenzie noch im Haus war.

Zufällig entdeckte er sie, als er am Diktierraum vorbeiging, wollte nur kurz Hi sagen, sich vergewissern, dass sie okay war. Vielleicht musste er dann nicht mehr an ihr tränenüberströmtes Gesicht denken.

Seit einer Woche drehten sich seine Gedanken wieder ständig um sie, was ihm gar nicht gefiel. Warum hatte sie geweint? Musste sie einer Familie schlechte Nachrichten überbringen? Er kannte das Gefühl und hatte selbst schon um Fassung gerungen, während er Angehörigen die letzte Hoffnung nehmen musste.

Natürlich hatte er sich gefragt, ob hinter ihren Tränen persönliche Gründe steckten, aber nicht weiter darüber nachgedacht. Selbst wenn McKenzie und ihr Freund Probleme hätten, wäre er der Letzte, der sie trösten würde. Lückenbüßer zu sein, kam für ihn nicht infrage.

Einmal und nie wieder!

„Ich soll dir helfen, deinen Ex eifersüchtig zu machen?“

„Vielleicht?“, sagte sie überraschend. „Hast du gerade jemanden?“

„Nein, aber …“

„Hör zu“, unterbrach sie ihn. „Ich will nichts mit dir anfangen. Ich brauche nur jemanden, der mich auf die Hochzeit meiner Cousine begleitet. Jemand, der sich nichts davon verspricht, und falls Paul dann eifersüchtig wird …“ Wieder zuckte sie mit den Schultern.

McKenzie wollte ihn benutzen.

„Es wäre nicht fair, jemanden einzuladen, der auf falsche Gedanken kommen könnte“, fuhr sie fort.

Ryder suchte immer noch nach Worten. Es gefiel ihm, die Dinge zu nehmen, wie sie kamen, aber McKenzies Bitte machte ihn sprachlos.

„Ich bin nicht darauf aus, Paul durch jemand anders zu ersetzen.“ Sie holte tief Atem. „Doch ich kann auf der Hochzeit meiner Cousine unmöglich allein auftauchen.“

Ihre Verzweiflung war fast mit Händen greifbar und hinderte Ryder daran, schleunigst zu verschwinden. Aber ihr Vorschlag war lächerlich. McKenzies Freund zu spielen, kam seiner Vorstellung von Folter ziemlich nahe.

Er sah sie prüfend an. „Wann ist die Hochzeit?“

„Übernächstes Wochenende.“ Als er die Augen aufriss, fügte sie rasch hinzu: „Ja, ich weiß, ist kurzfristig.“

„Du willst mit mir auf eine Hochzeit gehen? Als Paar? Ohne Hintergedanken?“

„Ich revanchiere mich auch.“

„Meinst du, falls ich einmal jemanden brauche, der meine Freundin spielt?“

„Bitte, sag Ja. Ich bin verzweifelt.“ Sie deutete auf den Computer. „Wie du gesehen hast.“

„Tut mir leid, aber auf einer Hochzeit den falschen Geliebten zu mimen, steht nicht auf meiner Wunschliste.“

Als sie ihn mit großen grünen Augen sichtlich enttäuscht ansah, hätte er es sich fast anders überlegt. Ryder schüttelte die Regung ab. Es hatte eine Zeit gegeben, in der er jeden Vorwand genutzt hätte, um mit ihr zusammen zu sein. Zum Glück war das vorbei.

Wie auch diese Unterhaltung gleich vorbei sein würde.

McKenzie wäre am liebsten im Boden versunken. Hatten Aliens ihr Gehirn übernommen? Wie konnte sie Ryder nur so etwas Dämliches fragen? Er mochte sie nicht, Punkt. Die Vorstellung, dass er sie nach Nashville begleitete, war einfach lächerlich.

Nicht lächerlicher, als einen Escort-Service zu bemühen.

Sie grub die Fingernägel in ihre feuchtkalten Handflächen.

Aber wenigstens kannte sie Ryder. Er würde sich weder falsche Hoffnungen machen noch sich als Verbrecher entpuppen, der sich mit falschen Papieren in die Escort-Datei eingeschlichen hatte, um ahnungslose Frauen auszurauben – oder Schlimmeres.

McKenzie ließ den Blick über seine hochgewachsene Gestalt gleiten. Kastanienbraunes Haar, Adlernase, hohe Wangenknochen, honigbraune Augen, dichte dunkle Wimpern, volle Lippen, Grübchen. Ryder sah verboten gut aus.

Das hatte sie gedacht, als sie ihn kennenlernte, und daran hatte sich bis heute nichts geändert.

Natürlich musste Mr. Umwerfend Nein sagen. Er mied sie wie die Pest. Warum sollte er sie auch aus einer unerfreulichen Situation erlösen?

Aber wieso stand er dann immer noch da?

Er hatte Nein gesagt. Okay, fein. Dann sollte er gehen, damit sie weitersuchen konnte, bevor ihr das Labor die Untersuchungsergebnisse für ihren neuen Patienten mitteilte.

„Habe ich mir gedacht, dass du Nein sagst.“ Halt den Mund, McKenzie. „Ich meine, warum solltest du mit mir nach Nashville kommen?“

Verblüfft sah er sie an. „Die Hochzeit ist in Tennessee?“

Richtig. Weit, weit weg von Seattle … Neunzehn. Hundert. Vierundsiebzig. Flugmeilen.

Und jede einzelne auf diesem fünfstündigen Flug war quälend lang. McKenzie brauchte nur daran zu denken und bekam Herzjagen.

Oder lag es daran, wie Ryder sie anblickte?

Vielleicht flog er genauso ungern wie sie.

„Ich hätte für dich bezahlt“, fügte sie hinzu. Nicht, dass er glaubte, er müsste tief in die Tasche greifen, um ihr zu helfen.

Sein Gesicht wurde ausdruckslos, als er auf den PC-Bildschirm zeigte. „Ich lasse mich nicht kaufen.“

Wärme schoss ihr in die Wangen. „Das meinte ich nicht. Selbstverständlich wäre ich für dein Ticket und alle Auslagen aufgekommen. Du sollst nicht noch dafür zahlen, dass du mir aus der Patsche hilfst.“

Mit nachdenklicher Miene betrachtete er sie. „Sitzt du wirklich in der Patsche?“

Bis zum Hals.

„Ein Wochenende mit meiner Familie wird schrecklich, wenn ich allein nach Hause komme.“ Aus mehreren Gründen. „Alle werden sich Sorgen um mich machen, weil Paul und ich nicht mehr zusammen sind. Es wäre das Letzte, dass sie sich um mein gebrochenes Herz kümmern, statt den glücklichsten Tag meiner Cousine zu feiern.“ Sie seufzte. „Außerdem bin ich eine der Brautjungfern. Ich muss dabei sein. Juchhu.“

Unerwartet stiegen ihr Tränen in die Augen, und sie wandte sich rasch dem Computer zu, bewegte die Maus, und der Bildschirm leuchtete auf.

„Ich möchte nur nach Hause, mit meiner Cousine ihre Hochzeit feiern und die Zeit mit meiner Familie genießen.“ Was auch unter besten Umständen viel verlangt war und wahrscheinlich sogar unmöglich, während sie versuchte, die Trennung von Paul zu vergessen. „Aber keine Sorge, ich habe einen Plan“, fügte sie tapfer hinzu.

Zugegeben, zwar kein großartiger Plan, aber einer, der sie davor bewahrte, ihren seit Ewigkeiten ersten Trip nach Hause komplett zu ruinieren.

Vielleicht ging ja doch noch alles gut.

Waren das Tränen in McKenzies Augen?

Er war am Diktierzimmer stehen geblieben, um sich zu vergewissern, dass es ihr gut ging. Nicht, um ihr frische Tränen in die Augen zu treiben!

Tolle Aktion, Ryder.

Er hätte weitergehen, sich an seinen Vorsatz halten und sie meiden sollen.

Aber er hatte es nicht getan, und nun würde er wieder nicht vergessen können, dass sie traurig war. Sie so zu sehen, ging ihm nahe. Ryder fühlte sich, als hätte er sie im Stich gelassen, als er Nein sagte.

McKenzies Trennung von Paul war nicht sein Problem.

Ihre Reise nach Hause auch nicht.

Warum ging er dann nicht einfach?

Sondern überlegte stattdessen, ob er seine Dienste und Sprechstunden verlegen könnte?

„Hältst du es für sicher, mit einem gebuchten Date ein ganzes Wochenende wegzufahren?“ Die Vorstellung, dass sie es mit einem Fremden verbrachte, behagte ihm überhaupt nicht.

Ohne sich umzuwenden, zuckte sie mit den Achseln. „Ich habe zwar keine Erfahrung damit, aber ich werde mich genau informieren, bevor ich mich für ein Portal und einen entsprechenden Begleiter entscheide.“

Sie achtete nicht weiter auf ihn, sondern zog ihr Handy aus der Kitteltasche und tippte die auf der Webseite angezeigte Nummer ein.

„Guten Abend, ich möchte einen Termin vereinbaren, für eine Begleitung am übernächsten Wochenende.“ Pause. „Ja, für das ganze Wochenende. Falls ich mich für Ihren Dienst entscheide, müsste derjenige rund um die Uhr zur Verfügung stehen, eine Flugreise in einen anderen Bundesstaat inbegriffen.“

Sie meinte es tatsächlich ernst. Ryder hörte ihr die unterdrückte Anspannung und gleichzeitig Entschlossenheit an, ihre verrückte Idee in die Tat umzusetzen. Ihn überlief es kalt.

Das konnte er nicht zulassen.

Wenn der Typ ihre Verletzlichkeit ausnutzte? Oder ein Serienmörder war?

Ryder sah sich nicht als weißen Ritter, doch seine Mutter hatte ihm beigebracht, Frauen in misslicher Lage zu beschützen.

Mit zwei Schritten war er bei ihr, pflückte ihr das Handy aus der Hand und trennte die Verbindung.

„Hey!“ Empört griff sie nach dem Gerät. „Was sollte das denn?“

Ryder hoffte, dass er nicht noch bereuen würde, was er getan hatte, und gab ihr das Telefon zurück. „Du mietest dir nicht irgendjemand, der dich begleitet.“

„Wie bitte? Ich bin erwachsen und kann tun, was ich will.“

Er konnte nicht umhin, das rebellische Blitzen in ihren grünen Augen zu bewundern. „Entschuldige. Ich werde es anders ausdrücken.“

Mit einem tiefen Atemzug versicherte er sich, dass er nur tat, was jeder anständige Mensch tun würde. Dass er nichts für McKenzie empfand. Dass er gegen ihren Zauber immun war, weil von ihren Liebhabern enttäuschte Frauen für ihn tabu waren.

Nein, er würde sich mit niemandem einlassen, der gefühlsmäßig gebunden war, ob in in einer aktuellen Beziehung oder einer kürzlich beendeten.

Niemals.

Aber er konnte sie beschützen, vor einem wildfremden Kerl und dem Mitleid ihrer Familie. Und wenn sie wieder in Seattle waren, würden sie wie bisher getrennter Wege gehen.

„Du brauchst niemanden zu engagieren …“ Und da gingen sie hin, seine Vorsätze. „Ich fliege mit dir nach Nashville.“

Hat er wirklich gesagt, dass er mich begleitet?

„Wir sollten die Details besprechen.“

McKenzies Hände bebten, während sie ihr Smartphone umklammerte. „Du kommst mit?“

„Ja. Damit ich mir keine Sorgen machen muss, weil du mit jemandem verreist, den du überhaupt nicht kennst.“

„Warum?“

„Hör auf, einem geschenkten Gaul ins Maul zu schauen, McKenzie.“ Er lachte leise. „Sag mir nur, was ich wissen muss, damit ich meinen Dienstplan anpassen kann.“

Er kommt mit. Langsam sickerte in ihr Bewusstsein, dass er gerade ihr größtes Problem gelöst hatte. Vor Erleichterung klopfte ihr Herz schneller.

„Ich fliege am Donnerstag …“ Schon bei dem Wort „fliege“ drehte sich ihr der Magen um. „… damit ich bei der Trauungsprobe am Freitag und allem anderen, was meine Cousine geplant hat, dabei sein kann. Wenn du sicher bist …“ So ganz war sie davon noch nicht überzeugt. „… dann buche ich für dich einen Flug mit Ankunft am Freitagnachmittag und Abreise Samstagabend nach der Hochzeit.“

„Fliegst du auch am Samstag zurück?“

„Nein, nicht vor Sonntag.“

Ryder betrachtete sie, zuckte mit den Schultern. „Ich nehme mir ein paar Tage frei, fliege mit dir am Donnerstag hin und Sonntag zurück. Ein Kurzurlaub ist längst fällig.“

Nie hätte sie erwartet, dass er Ja sagte, geschweige denn, dass er sich ihretwegen Urlaub nahm. „Wo übernachtest du?“, fragte sie mit zitternder Stimme.

„Wo immer du schläfst, Liebste.“

Liebste? Ihr Herz pochte. Das plötzliche Flattern im Magen war ähnlich wie bei dem Gedanken, ein Flugzeug zu besteigen und stundenlang darin eingesperrt zu sein.

Seine Worte sollten sie nicht in Panikmodus versetzen.

Sein intensiver Blick sollte ihr Herz nicht zum Rasen bringen.

Aber genau das passierte gerade. Vielleicht hätte sie sich ihren Vorschlag besser überlegen sollen.

Ryder war ein attraktiver Mann. Wenn es nun keine gute Idee war, etwas mit ihm anzufangen, selbst wenn es nur gespielt war?

„Ich wohne bei meiner Mom.“

„Schön, ich auch. Ich kann auf dem Sofa schlafen. Es sei denn, du hast Grund zu der Annahme, dass deine Mutter mich nicht leiden kann und vor die Tür setzen wird.“

„Meine Mutter mag jeden Mann, der mich davor bewahrt, als alte Jungfer zu enden.“

Es stimmte, und selbst die wählerischste Mutter würde vor Freude jubeln, wenn ihre Tochter Dr. Ryder Andrews, pädiatrischer Herzchirurg der Extraklasse und zum Stehlen gut aussehend, mit nach Hause brachte.

„Alte Jungfer?“ Ryder zog eine Braue hoch. „Dein Schicksal ist besiegelt, weil du nicht mehr mit dem Computertypen zusammen bist? Wohl kaum.“

„Wahrscheinlich, aber erklär das mal meiner Mom.“

„Von mir aus.“

Kein Problem, weil er in Tennessee sein und ihre Mutter kennenlernen würde. Etwas, das keinem ihrer Freunde und Freundinnen in Seattle je vergönnt war. Paul eingeschlossen.

Hätte sie nicht solche Angst vorm Fliegen, hätten sie ihre Familie längst besucht. Ihr Bruder Mark war einige Male in Seattle gewesen und schien sich mit Paul gut zu verstehen. Seltsam, wie eine Tragödie in der Kindheit das eine Kind mit Flugangst lähmte und das andere antrieb, sich seiner Vergangenheit zu stellen, indem es Pilot wurde.

„Du kommst wirklich mit nach Tennessee?“ Sie musste sich erneut vergewissern. „Du spielst ein volles Wochenende lang meinen Freund, damit meine Familie mich nicht von vorn bis hinten bemitleidet und ich den Besuch genießen kann?“

Dr. Ryder Andrews fand, dass McKenzies Familie nicht den geringsten Anlass hatte, sie zu bemitleiden, geschweige denn zu befürchten, dass sie den Rest ihres Lebens als „alte Jungfer“ fristete.

Sie war intelligent und eine schöne Frau. Ohne Zweifel würde sie ihren Ex ersetzen, sobald sie dazu bereit war.

Doch das nächste Wochenende verbringt sie mit mir. Ryder blickte in ihre grünen Augen, las die Hoffnung, dass er ihre Frage mit Ja beantwortete. Seit Monaten vermied er es, direkt in diese leuchtenden Augen zu sehen, weil er McKenzie auf Anhieb gemocht hatte, ja, sogar viel mehr als nur gemocht. Bis er dann erfuhr, dass sie einen Freund hatte.

Nein, McKenzie musste sich keine Gedanken machen, dass sie allein alt wurde. Es sei denn, sie wollte es nicht anders. Kluge Augen, seidig schimmernde rotbraune Haare und ein Körper, dessen weibliche Rundungen selbst OP-Kleidung nicht verbergen konnte. Ryder mochte sich verboten haben, von McKenzie zu träumen, aber sie war und blieb eine hinreißend attraktive Frau.

Und nicht nur das. Ihm gefielen ihr scharfer Verstand und ihre Kompetenz. Er erinnerte sich noch gut an die ersten Wochen, wenn sich ihre Blicke während der Behandlung eines Patienten trafen. Sie lächelten sich an, ein stummes Verstehen, das ihm jedes Mal das Herz öffnete. Erst als er hörte, dass sie in einer festen Beziehung lebte, vermied er solche Begegnungen. Doch wenn er einer gemeinsamen Konsultation nicht aus dem Weg gehen konnte, war er von ihren ärztlichen Fähigkeiten beeindruckt.

Eine Frau wie McKenzie war ihm noch nie begegnet. Umso stärker empfand er die Enttäuschung, dass sie einen Freund hatte.

Ein einziges Mal, ganz am Anfang, hatte er sie gefragt, ob sie glücklich sei. Sie bejahte begeistert, erzählte, wie verliebt Paul und sie wären und dass sie vorhätten, den Rest ihres Lebens miteinander zu verbringen.

Da hatte er beschlossen, die Anziehung, die sie auf ihn ausübte, strikt zu ignorieren.

„Ich war noch nie in Nashville“, begann er, weil sie immer noch auf seine Antwort wartete. „Vielleicht haben wir Zeit, uns die Stadt anzusehen.“

„Ernsthaft? Du kommst wirklich mit und spielst den anderen etwas vor?“

Wenn er damit verhindern konnte, dass sie einen Escort-Service buchte? Auf jeden Fall!

„Ja, ich begleite dich zur Hochzeit deiner Cousine in Tennessee. Als dein Freund … für die anderen.“

3. KAPITEL

Seit sie ihn in ihrer Not gefragt hatte, ob er ihr aus der Klemme helfen könnte, hatte sich Ryder wieder in den freundlichen Mann zurückverwandelt, als den sie ihn kennengelernt hatte.

Okay, vielleicht nicht ganz genauso, aber wenigstens machte er sich nicht mehr in entgegengesetzter Richtung davon, sobald er ihrer ansichtig wurde.

Wo immer sie sich begegneten, lächelte er sie an, blieb sogar auf einen kleinen Plausch, als er McKenzie und eine Krankenschwester im Pausenraum beim Kaffee antraf. Oder er füllte kurz seine Wasserflasche auf, aber sein Lächeln vergaß sie den ganzen Tag nicht mehr.

Solange er lächelte, hatte er es sich mit der Reise nicht anders überlegt, oder?

McKenzie hatte Rufbereitschaft, und man hatte sie verständigt, weil bei der kleinen Sawyer Little nur wenige Stunden nach der Geburt die Haut gräulich-blau anlief. Zum Glück bemerkte es die Mutter sofort und sagte einer Krankenschwester Bescheid. Die stellte fest, dass die Sauerstoffsättigung im Blut gesunken war, und rief den Kinderarzt. Der untersuchte Sawyer, verordnete ein Sauerstoffzelt und holte McKenzie dazu, weil er ein Herzproblem vermutete.

Sie bereitete gerade ein Echokardiogramm vor, als Ryder die kinderkardiologische Intensivstation betrat. Ihre Blicke trafen sich, seine Augen wurden dunkel, doch dann hoben sich seine Mundwinkel.

Der Mann hatte ein wundervolles Lächeln!

Das musste der Grund sein, warum sie plötzlich atemlos war.

In der Nähe ertönte ein Alarm, und sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass er nicht in ihrem Kopf, sondern real war.

Trotzdem nahm sie die Warnung wahr. Sie war frisch von Paul getrennt, vielleicht besonders empfänglich für Ryders Freundlichkeit. Aber es wäre das Letzte, mehr hineinzulesen.

Sie wollte auch gar nicht, dass mehr zwischen ihnen passierte.

Die Schwester, die ihr assistierte, blickte auf. „Das ist mein anderer Patient. Ich muss den Infusionsbeutel wechseln.“

„Natürlich“, antwortete McKenzie. Die Intensivschwestern waren jeweils zwei Neugeborenen zugeteilt. „Falls ich Hilfe brauche, sage ich Bescheid.“

Die Krankenschwester ging in die nächste Kabine. Die Kabinen waren an einer Seite offen und lagen nebeneinander gegenüber der Stationszentrale.

Ryder war an der Zentrale stehen geblieben und hatte am Computer eine Patientenakte aufgerufen. Er trug dunkelblaue OP-Kleidung, und McKenzie hätte sich kaum gewundert, wenn im nächsten Moment ein Kamerateam aufgetaucht wäre, um jede seiner Bewegungen für eine Emergency-Room-Serie zu filmen. Zweifellos würde er in Großaufnahme die Herzen rühren, während er ein medizinisches Drama nach dem anderen bewältigte.

McKenzie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die kleine Sawyer, griff nach dem angewärmten Kontaktgel und prüfte die Temperatur auf dem Handrücken, bevor sie es behutsam auf der schmalen Brust verteilte.

Langsam ließ sie den Schallkopf über die linken Rippen gleiten, checkte die Herzkammern, – wände, – klappen und – gefäße. Der Befund war nicht ermutigend.

Sawyers linke Herzkammer und Aorta waren zu klein. Dadurch floss zu wenig Blut durch die unterentwickelte Seite, was die bläuliche Haut des Babys erklärte – trotz der Sauerstoffgabe, die der Kinderarzt angeordnet hatte.

„Hast du einen Moment Zeit?“, rief sie zu Ryder hinüber.

„Klar.“ Mit wenigen Mausklicks schloss er die Maske, die er aufgerufen hatte, und kam in die Kabine. „Alles okay?“

„Mit dieser Kleinen nicht. Heute Nacht geboren. Ihre Mom wollte sie das erste Mal stillen und fand ihre Gesichtsfarbe merkwürdig. Ihr Arzt bat mich, sie einmal anzusehen. Leider muss ich einen Kinderherzchirurgen hinzuziehen, und zufällig bist du in der Nähe.“

Ryder blickte auf das Baby hinunter, das mit Schläuchen und Leitungen an Überwachungsgeräte angeschlossen war. McKenzie bewegte den Schallkopf, um ihm die unterentwickelte Herzkammer zu zeigen.

„Hypoplastisches Linksherz-Syndrom“, sagte er und bestätigte damit ihren Verdacht.

Sie nickte. „Beim Ultraschall während der Schwangerschaft war es nicht aufgefallen. Sie hatte nur einen zwischen dem vierten und fünften Monat, aber die Fehlbildung scheint nicht deutlich gewesen sein. Sawyers Mom sagt, man hätte nichts Ungewöhnliches erwähnt.“

McKenzie ließ den Schallkopf dorthin gleiten, wo der Ductus arteriosus sichtbar wurde. Das kleine Blutgefäß, das die Aorta mit der Lungenarterie verband, war noch offen, sodass sauerstoffreiches Blut von der rechten Herzkammer zur Aorta fließen konnte. Sawyers Rettung.

Für den Moment. Sobald sich die Öffnung schloss, wie bei jedem Neugeborenen innerhalb der ersten Lebenstage, konnte kein Blut mehr in den Körper gepumpt werden.

Und dann würde Sawyer sterben.

„Bekommt sie Prostaglandin E1?“

„Noch nicht.“ Aber sie mussten sie bald damit versorgen. Während der Schwangerschaft wurde die Substanz produziert, um das Blutgefäß offen zu halten. Doch das hörte mit der Geburt auf. „Die Symptome sind praktisch gerade erst aufgetreten.“

„Verstehe. Ich verschreibe die sofortige Gabe von Prostaglandin E1.“ Ryder trat an den Computer der Kabine und tippte den Auftrag ein.

Die zuständige Intensivschwester kehrte zurück, und Ryder informierte sie über seine Anordnung.

Sie nickte und begann, die Medikation zu starten, die ihnen etwas Zeit verschaffte.

McKenzie setzte inzwischen die Ultraschalluntersuchung fort.

„Sieh dir das Foramen ovale an.“ Sie deutete auf das Loch zwischen Sawyers Herzkammern. „Es ist offen. Was hältst du davon?“ Sie überließ ihm den Schallkopf.

„Die Öffnung ist zu klein“, meinte er, nachdem er den Bereich studiert hatte, und sprach aus, was McKenzie gedacht hatte.

„Das heißt, die Kleine muss so bald wie möglich operiert werden.“

„Ja“, stimmte er zu.

„Armer Schatz. Sie hat noch einen langen Weg vor sich.“

„Richtig, aber er ist weniger holprig, als er früher war.“

Etwas in seiner Stimme brachte sie dazu, ihn anzublicken. Diesen Gesichtsausdruck hatte sie bei ihm noch nie erlebt. Ryder schien in Gedanken weit weg zu sein.

Dachte er an das Forschungsprojekt, an dem er beteiligt war?

Er gehörte einem Team an, das den 3D-Druck menschlichen Herzgewebes erforschte, in der Hoffnung, es für den chirurgischen Wiederaufbau zu enger Aorten zu nutzen oder andere Herzfehler zu beheben.

Nicht lange, nachdem sie sich kennengelernt hatten, erzählte er ihr, dass er wegen dieser Forschungsmöglichkeiten nach Seattle gekommen war.

Wünschte er, sie wären schon weiter, damit Sawyer von den Untersuchungen bei Trevane Technologies profitieren könnte?

Oder hatte etwas anderes den seltsamen Ausdruck hervorgerufen?

„Möchtest du, dass ich einen der anderen Chirurgen konsultiere?“

„Warum, wenn ich mit dem Fall schon vertraut bin?“

„Ich dachte nur …“ Verunsichert schwieg sie. Vor wenigen Tagen noch waren all ihre Patienten bei Bedarf an eine Kollegin oder einen Kollegen von ihm verwiesen worden, nie an ihn. „Falls du ihre Behandlung übernehmen willst, wäre das wundervoll.“

„Will ich“, antwortete er, während er sein Handy hervorzog und eine Nummer antippte. „Wie es der Zufall will, steht am späten Vormittag eine Glenn-Operation bei einem fünf Monate alten Säugling an.“

Erstaunt blickte sie ihn an. Glücklicherweise sahen sie nicht viele Patienten mit Linksherz-Syndrom. Die Wahrscheinlichkeit, dass eins diagnostiziert wurde und Ryder am selben Tag ein weiteres operierte, war äußerst gering.

Die Glenn-OP, bei der man die obere Hohlvene mit der Lungenarterie verband, bildete die zweite einer Reihe von Eingriffen, die an Sawyers Herz nötig waren. Sie wurde vier bis fünf Monate nach der Geburt durchgeführt. Die erste, Norwood 1, fand in den frühen Lebenstagen statt, die dritte im Kleinkindalter. Bei diesem letzten Schritt wurde die untere Hohlvene, ein kräftiges Blutgefäß, das Blut vom Unterkörper zum Herzen transportierte, an die Lungenschlagader angeschlossen. Es blieb zu hoffen, dass Sawyer alle Eingriffe gut überstand.

Ryder sprach mit seiner Fachkrankenschwester, damit sie entsprechende Vorbereitungen treffen konnte. Als er fertig war, kam er wieder zu McKenzie, die der Intensivschwester gerade gesagt hatte, was sie brauchten, um das Baby zu beatmen.

„Ich werde dafür sorgen, dass die OP vor unserem Abflug erfolgt. Den Eingriff nehme ich vor, möchte aber Dr. Rhea hinzuziehen, da er sich um meine Patienten kümmern wird, während ich nicht in der Stadt bin.“

„Danke.“ Das kleine Wort drückte nicht annähernd aus, wie froh sie war, dass er das Baby so schnell wie möglich operieren wollte und außerdem bereit war, seine Dienste neu zu organisieren, damit er sie nach Nashville begleiten konnte.

„Ist nur mein Job.“ Ryder bezog ihren Dank anscheinend auf Ersteres.

Es war mehr als ein Job. Für sie beide. Das eine hatten sie gemeinsam: die Liebe zu ihrem Beruf.

„Soll ich mitkommen, wenn du mit den Eltern der Kleinen sprichst?“

Ihr wurde das Herz schwer, als sie an die vor ihr liegende Aufgabe dachte. Jungen Eltern zu erklären, dass ihr kostbares Baby eine lebensrettende Behandlung brauchte, hatte von jeher die Freude an ihrer Arbeit getrübt.

„Danke, das brauchst du nicht.“ Sie wollte sich davor nicht drücken. Als Sawyers Kardiologin war es ihre Aufgabe, die Eltern zu informieren. Sie würden Jahre miteinander zu tun haben. „Ihre Mutter hat gemerkt, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmt. Also ist sie nicht völlig ahnungslos. Ich werde ihnen die Diagnose erklären, und du kannst später mit ihnen über den Eingriff reden, wenn sie ein bisschen Zeit hatten, sich auf das einzustellen, was Sawyer bevorsteht.“

Zuerst würde es ein Schock sein. Ihr Baby war vermeintlich gesund zur Welt gekommen, und nun mussten sie erfahren, dass es ohne aufwendige Operationen in wenigen Tagen tot sein könnte.

Ryder blickte ihr in die Augen. „Möchtest du assistieren?“

Ob sie zu dem Team gehören wollte, dass Sawyers Aorta neu aufbaute? Was für eine Frage! „Sehr gern.“

„Wunderbar.“

In ihrem Bauch regten sich Schmetterlingsflügel, als seine Augen vor Freude blitzten, weil sie zugestimmt hatte.

Im vergangenen Jahr hatte sie ein paarmal einem OP-Team angehört, das er leitete. Immer wieder verfolgte sie fasziniert, mit welcher Konzentration und Geschicklichkeit er die winzigen Herzen reparierte. Ryder war ein begabter, erfahrener Chirurg.

McKenzie war voller Erwartungen gewesen, als er an der Seattle Cardiac Clinic for Kids anfing, und hoffte, oft mit ihm in den OP gehen zu können. Er beschäftigte sich mit verschiedenen innovativen Techniken, sodass sie einiges lernen konnte. Auch seine Forschungen fand sie spannend und hatte sogar überlegt, sich um einen Platz in seinem Forschungsteam zu bewerben.

In den ersten Wochen konnte sie bei einigen OPs dabei sein. Leider war es dabei, bis auf wenige Ausnahmen, geblieben.

Dr. Ryder Andrews war auf einmal fast unerreichbar für sie gewesen, da Dr. Rhea die meisten ihrer kleinen Schützlinge operierte.

Wie oft hatte sie sich gefragt, ob sie Ryder verärgert hatte. Und womit? Allerdings schien es vergeben und vergessen zu sein, sonst hätte er nicht zugesagt, mit ihr nach Tennessee zu kommen. Er lächelte sie sogar an, bevor er mit dem nächsten Anruf besiegelte, dass McKenzie ins OP-Team aufgenommen wurde.

Sanft streichelte sie mit der Fingerspitze die Brust der Kleinen. Mochte alles gut gehen bei diesem Kind, das innerhalb der ersten sechs Monate seines Lebens zwei Herzoperationen überstehen musste. Möglicherweise brauchte das Mädchen irgendwann sogar eine Herztransplantation.

Überlebte es sein erstes Lebensjahr, standen die Chancen nicht schlecht. Leider schafften es die wenigsten Babys mit einem solchen Herzdefekt.

Ryder legte seine Hand auf ihre. „Bist du sicher, dass ich nicht mitkommen soll?“

Überrascht von der Berührung, bei der es wie ein Stromstoß ihren Arm hinaufschoss, sah McKenzie ihn an und verlor sich fast in dem intensiven Mitgefühl, das sie in seinen Augen las. Es war, als wüsste Ryder genau, welche Verzweiflung über die Littles hereinbrechen würde, wenn McKenzie ihnen die Hiobsbotschaft überbrachte.

„Ich … Ja, danke, das wäre schön.“

Was hatte ihn nur bewogen, McKenzie zum Gespräch mit den Eltern zu begleiten? Wenn er normalerweise mit Eltern sprach, war die Operation bereits geplant, und sie hatten eine gewisse Vorstellung von dem, was auf sie zukam. Die Littles nicht.

Aber er hatte McKenzie angemerkt, welche Last die bevorstehende Unterhaltung bedeutete. Was war an dieser Frau, dass er schon wieder zu ihrer Rettung eilte?

Ryder betrachtete sie, während sie erklärte, warum Sawyers Haut ungewöhnlich verfärbt war. Geduldig beschrieb sie das Herzproblem, beantwortete Fragen. Ryder war beeindruckt, wie präzise und doch behutsam sie die Umstände schilderte.

Es weckte Erinnerungen.

Erinnerungen an eine Zeit, in der er zu jung gewesen war, um alles richtig zu verstehen.

Erinnerungen, die jedes Mal auftauchten, wenn er den OP betrat. Jedes Mal war er sich deutlich bewusst, dass von ihm und einem gnädigen Schicksal abhing, ob eine Familie das Gleiche durchmachen musste wie seine eigene damals.

„Das ist Dr. Ryder Andrews, einer unser Kinderherzchirurgen, den ich wegen Ihrer Tochter konsultiert habe. Wir haben sie zusammen untersucht, er hat den Ultraschall gesehen. Ich weiß, das alles ist schwer zu verkraften, aber die Zeit drängt, und wir müssen Entscheidungen treffen.“ Sie warf ihm einen kurzen Blick zu, bevor sie sich wieder an die Eltern wandte. „Dr. Andrews wird Ihnen seine Empfehlungen erläutern, und danach besprechen wir gemeinsam, wie es weitergehen soll.“

Sachlich, ohne etwas zu beschönigen, legte Ryder ihnen dar, welche Chancen und Hindernisse bestanden und wie er vorgehen wollte.

„Sie wird sterben, wenn Sie sie nicht operieren?“, fragte der Vater. „Sind Sie sicher?“

„Ja. Ohne einen Weg, sauerstoffreiches Blut in ihren Körper zu leiten, überlebt sie nicht. Auch die Operation ist keine Garantie dafür.“ Er bezog sich noch einmal auf die statistischen Werte, die er ihnen für jede Phase der Behandlung genannt hatte. „Die Entscheidung liegt bei Ihnen. Auch die gegen eine Operation.“

„Aber dann stirbt sie!“, schluchzte Sawyers Mutter, und ihr Mann schlang die Arme um sie.

„Mit der Operation wird sie immer einmal wieder vor gesundheitlichen Herausforderungen stehen, aber sie hat eine gute Überlebenschance und kann sogar ein halbwegs normales Leben führen“, sagte McKenzie und legte Mrs. Little die Hand auf den Arm. „Es ist Ihre Entscheidung. Wenn Sie noch etwas Zeit brauchen, um sich zu besprechen, können wir kurz draußen warten.“

Sawyers Eltern schüttelten gleichzeitig den Kopf.

„Das ist nicht nötig“, antwortete ihr Vater und drückte seine Frau dichter an sich.

„Operieren Sie“, erklärten sie wie aus einem Mund.

Ryder überraschte es nicht, dass McKenzie die beiden umarmte und ihnen versicherte, dass sie sie über jeden Schritt auf dem Laufenden halten würde.

Er selbst verabschiedete sich mit einem Händedruck.

Als er gehen wollte, griff Sawyers Mutter plötzlich nach seiner Hand. Tränen rannen ihr übers Gesicht. „Bitte retten Sie unsere Tochter.“

Ihre verweinten Augen und der flehentliche Blick weckten einen scharfen Schmerz in seiner Brust. „Ich werde mein Bestes geben.“

Die Frau nickte. „Danke, Doktor.“

„Ich … Ich weiß, dass es Sie kaum trösten wird, aber ich kann verstehen, wie Ihnen zumute ist.“ Ryder holte tief Luft. „Vor mehr als zwanzig Jahren wurde meine Schwester mit dem gleichen Herzfehler geboren.“ Er verdrängte die Gefühle, die in ihm aufwallten, wenn er an seine Eltern dachte. Die Zeit nach Chrissys Geburt war die Hölle – wie jetzt für Sawyers Eltern auch.

Allerdings würde er alles daransetzen, dass es für das Baby der Littles anders ausging.

„Hat sie überlebt?“

Ryder spürte deutlich McKenzies Blick, doch er sah sie nicht an. Konnte es nicht.

Jetzt wünschte er, er hätte seine Vergangenheit für sich behalten. Er konzentrierte sich auf die Littles und schüttelte den Kopf. „Vor einem Vierteljahrhundert war die Medizin noch nicht so weit wie heute. Babys mit Hypoplastischem Linksherz-Syndrom überlebten höchst selten. Zeit und Wissenschaft haben für Sawyer gearbeitet. Ihre Chancen sind bedeutend größer.“

Sie unterhielten sich noch ein paar Minuten, dann verließen McKenzie und er das Zimmer.

Schweigend gingen sie den Flur hinunter zum Fahrstuhl.

Erst, als sie im Lift standen, blickte McKenzie ihn an. „Oh, Ryder“, sagte sie und seufzte leise. „Das mit deiner Schwester tut mir so leid.“

„Mir auch.“

„Manchmal geht einem der Job sehr zu Herzen, und dann frage ich mich, warum wir uns das antun“, meinte sie nachdenklich.

„Ich nicht. Ich wusste schon immer, dass ich mich auf Kinderkardiologie spezialisieren werde.“

„Wegen deiner Schwester?“

„Ja.“

„Das Leben geht rätselhafte Wege“, murmelte sie. „Der Tod deiner Schwester hat dazu geführt, dass du viele Kinder vor dem Tod bewahrt hast.“ Sie blickte auf. „Versteh mich bitte nicht falsch. Es tut mir wirklich leid, dass sie sterben musste, aber ich bin froh, dass du Kinderherzchirurg bist. Sehr froh.“

„Ich wollte nie etwas anderes machen.“

„Du bist dazu bestimmt.“

Vielleicht. Ein anderer Beruf war für ihn nicht infrage gekommen. Auch als Kind nicht, wenn seine Freunde Feuerwehrmann, Polizist oder Profisportler werden wollten. Ryder überraschte die Leute damit, dass er unbeirrt behauptete, er würde eines Tages als Chirurg Kinderherzen heilen.

Genau das tat er. Bis heute.

Für Chrissy.

Für seine Eltern.

Für sich selbst.

Eine schlanke warme Hand schloss sich um seine und drückte sie sanft.

Aus seinen Gedanken gerissen, sah er hoch, genau in McKenzies schimmernde grüne Augen. Was er in ihnen las, machte ihn schwindlig, so als hätten sich die Stahlseile gelöst, und der Fahrstuhl stürzte unaufhaltsam in die Tiefe.

Zum Glück wurde Ryder gerettet, indem der Aufzug hielt und die Tür aufglitt.

Sofort entzog er McKenzie seine Hand, widerstand dem Impuls, sie auszuschütteln, um das elektrisierende Kribbeln in seinem Arm loszuwerden.

Er musste vorsichtig sein.

Er lief Gefahr zu vergessen, dass ein Mann ihr gerade das Herz gebrochen hatte und sie für die Aufmerksamkeit eines anderen mehr als empfänglich war.

4. KAPITEL

Erschöpft lehnte Ryder in der kleinen Ärzte-Lounge zwischen Männer- und Frauenumkleide an der Wand. Er hatte geduscht und frische OP-Kleidung angezogen, nachdem er sieben Stunden lang mit McKenzie und dem Rest seines Teams die kleine Sawyer am Herzen operiert hatte.

„Alles okay bei dir?“

McKenzie war in den Raum gekommen. Hatte sie nach ihm gesucht?

Er richtete sich auf, fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Norwoods gehören nicht gerade zu meinen Lieblingsoperationen.“

„Du und dein Team wart großartig“, lobte sie. Gefühle verdunkelten ihre Augen. „Ich habe mir Sorgen gemacht, als Sawyer nicht sofort reagierte, nachdem ihr sie von der Herz-Lungen-Maschine abgenommen habt. Und als ihr Herz wieder allein arbeitete, dachte ich, gleich fangen alle an zu klatschen.“

In seinem Kopf war der Beifall dröhnend laut gewesen, Ryder hätte vor Freude Luftsprünge machen, seinem Team mit High Fives stürmisch danken können. „Du warst genauso großartig wie alle anderen.“

McKenzie, dazu eine kinderkardiologische Anästhesistin, ein weiterer Herzchirurg, eine pädiatrische Intensivmedizinerin, zahlreiche OP-Schwestern und – Pfleger – alle zusammen hatten Exzellentes geleistet.

„Danke, dass ich dabei sein durfte.“

Auch sie hatte geduscht und sich umgezogen. Ihr rotbraunes Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden, was ihre hübschen Sommersprossen auf Nase und Wangen zur Geltung brachte. Ryder hatte es schon hundertmal gedacht: McKenzies Ex ist ein Idiot.

„Gehst du nach Hause?“

„Nein, ich möchte mir einige Patienten und Unterlagen ansehen, noch einmal bei Sawyer vorbeischauen und …“ Sie lächelte schief. „… zwischendrin unbedingt etwas essen.“

„Keine Ruhe den Getriebenen?“, scherzte er. Es tat gut, sie zu necken. Ryder spürte, wie seine Erschöpfung langsam nachließ.

„Apropos, du siehst aus, als würdest du gleich im Stehen einschlafen.“

Er lachte leise. „Willst du mir auf nette Art sagen, dass ich schrecklich aussehe?“

Ihre Wangen röteten sich. „So war das nicht gemeint. Du wirkst nur sehr müde.“

„Wie gesagt, Norwoods schlauchen mich immer.“

„Wegen der hohen Sterblichkeitsrate?“

Kaum überrascht, dass sie den Nagel auf den Kopf getroffen hatte, nickte Ryder. „Welcher Chirurg operiert schon gern, wenn die Überlebenschancen bei nur fünfundachtzig Prozent liegen?“

„Bei dir sind es neunzig Prozent.“

Es wunderte ihn auch nicht, dass sie seine Statistikwerte kannte. Sämtliche Chirurginnen und Chirurgen an diesem Krankenhaus erzielten überdurchschnittliche Erfolge, worauf das Direktorium ausgesprochen stolz war. Ryder fand jedoch, dass die Zahlen besser sein könnten.

„Das bedeutet immer noch, dass eins von zehn Babys sein fünftes Lebensjahr nicht erlebt.“

„Aber auch, dass neun überleben, weil du ihr Herz repariert hast.“ Anscheinend war sie entschlossen, auf alles, was er sagte, eine positive Antwort zu geben. „Sawyer wird dazugehören. Sie ist eine Kämpferin.“

„Ich hoffe es.“

„Ich wollte mich zum Essen nicht hinsetzen, mir nur einen Joghurt oder so etwas holen, weil ich wirklich nach meinen Patienten sehen muss.“ McKenzie sah ihm in die Augen. „Falls du auch in die Cafeteria willst, können wir vielleicht zusammen gehen?“

Ryder zögerte. Aber er war fast den ganzen Tag mit ihr zusammen, würde ein verlängertes Wochenende mit ihr verbringen. Was konnte ein gemeinsamer Gang zur Cafeteria schon schaden?

„Sicher.“

„Ich …“ Sie atmete tief durch. „Ich bin dir wirklich sehr dankbar, dass du mit nach Tennessee kommst, Ryder. Mir ist klar, wie viel du hier zu tun hast. Falls du je Hilfe brauchst, wenn wir zurück sind, kannst du auf mich zählen.“

Rasch fuhr sie fort: „Für mich ist es eine große Erleichterung, dass ich mir keine Gedanken machen muss, ob du nach dem Wochenende mehr von mir erwartest. Deshalb war ich auf die Idee mit dem Escort-Service gekommen. Jemand anders hätte vielleicht nicht verstanden, dass es nach einer echten Beziehung aussehen muss, obwohl ich absolut nicht an einer interessiert bin.“

Damit war die Sache klar. Er wollte nichts mit einer Frau anfangen, die gerade erst eine Trennung hinter sich hatte. Und McKenzie wollte keine neue Beziehung. Statt sie weiterhin ignorieren zu müssen, konnten sie vielleicht nach ihrer Rückkehr aus Tennessee Freunde sein – trotz der körperlichen Anziehung, die sie auf ihn ausübte.

Der Gedanke gefiel ihm.

Weil McKenzie ihm gefiel.

Aus genau dem Grund war das mit der Freundschaft eine Schnapsidee.

Was habe ich getan? fragte sich McKenzie zum hundertsten Mal, seit sie mit Ryder an Bord des Flugzeugs gegangen war.

Ich muss verrückt geworden sein. Konnte sie ihrer Familie glaubhaft versichern, dass sie zwar nicht mehr mit Paul zusammen, aber dafür glücklich war, in ihrem Kollegen Dr. Ryder Andrews eine neue Liebe gefunden zu haben?

Keine. Große. Sache.

Ein Kinderspiel.

Du schaffst das. Lächeln, viel lächeln, so tun, als wäre Ryder der Mann ihrer Träume und als würde sie weder an Clay noch an Paul irgendeinen Gedanken verschwenden. Niemand brauchte zu wissen, dass sie mit Selbstzweifeln kämpfte.

Zwei Männer, denen sie Jahre ihres Lebens gewidmet hatte, hatten sich von einem Tag auf den anderen von ihr getrennt. War sie es etwa nicht wert, geliebt zu werden?

Sie hatte noch andere Beziehungen gehabt, kurze, die den Namen kaum verdienten, und konnte sich nicht erinnern, wer zuerst Schluss gemacht hatte. Hieß das, dass sie beziehungsunfähig war?

Puuh. Darüber sollte sie einmal in Ruhe gründlich nachdenken und herausfinden, was mit ihr nicht stimmte. Was die Männer von ihr wegtrieb.

Aber eins nach dem anderen. Zuerst musste sie knapp zweitausend Meilen aushalten, um von Seattle nach Nashville zu gelangen.

Gut dreitausend Kilometer.

Sie hatte furchtbare Angst vorm Fliegen.

Obwohl sie noch nicht einmal gestartet waren, schrie alles in ihr danach, das Flugzeug auf der Stelle zu verlassen. McKenzie riss sich nur mühsam zusammen, damit Ryder nichts merkte. Wäre er auch mitgekommen, wenn er gewusst hätte, dass sie während der Flüge mehrere Panikattacken erleiden könnte?

Wahrscheinlich sprach er kein Wort mehr mit ihr, sobald sie wieder in Seattle waren! Was wirklich traurig wäre. Sie hatte die letzten beiden Wochen genossen.

McKenzie holte tief Luft, sagte sich, dass sie alles im Griff hatte. Auch, dass sie an einen Flugzeugsitz geschnallt war. Schließlich war sie schon öfter geflogen und war immer heil gelandet, oder?

Ja, sie rang jedes Mal mit einem mächtigen Angstmonster, aber sie hatte überlebt. Und sie würde auch diesen Flug überleben.

Ihr Hals fühlte sich wie zugeschnürt an, während sie zu Ryder hinübersah, der irgendetwas auf seinem Smartphone las. Vielleicht half es, ihn anzublicken, um sich davon abzulenken, dass sie kurz davor war, die Nerven zu verlieren.

Sie würde tapfere Miene zum bösen Spiel machen, sich immer wieder sagen, warum sie in dieser Maschine saß. Oh ja, sie wusste, warum sie diesen verrückten Trip nach Tennessee unternahm!

Allerdings verstand sie nicht, wieso Ryder zusätzlich zu seinen langen Diensten noch mehr gearbeitet hatte, um sich ein paar Tage freizuschaufeln. Hatte er so dringend einen Anlass gebraucht, um Urlaub zu nehmen? Oder aus Langeweile zugestimmt? Vielleicht tat ihm seine sitzen gelassene Kollegin auch leid, und er machte sie zu seiner guten Tat des Jahres? Könnte auch sein, dass er während einer persönlichen Krise an einer Hochzeit hatte teilnehmen müssen und nachvollziehen konnte, wie sie sich fühlte – abserviert, kein Date in Sicht, verzweifelt.

Haha, wohl kaum!

Der Mann war der Frauenschwarm der Abteilung und mit Sicherheit noch nie in seinem Leben verzweifelt gewesen, weil es ihm an Dates mangelte.

„Warum tust du das?“, fragte sie.

Er blickte vom Display auf. „Einen Artikel über Zwei-Photonen-Polymerisation lesen? Weil es mich interessiert, wie diese Technik genutzt wird, um ein Gerüst beim 3D-Druck von menschlichem Gewebe zu schaffen.“

McKenzie blinzelte. So etwas las er gerade? Eigentlich sollte sie nicht überrascht sein. Wenn die Bezeichnung Sexy Superhirn wie maßgeschneidert auf jemanden passte, dann auf Ryder. Der Mann sah aus wie ein griechischer Gott. Mit seinem scharfen Verstand stellte er jeden Computernerd in den Schatten. Attraktiv in jeder Hinsicht – das war ihr von Anfang an klar gewesen. Aber sie war mit Paul glücklich und Ryder für sie nur ein Kollege, der zuerst freundlich war, sie dann aber gemieden hatte wie die Pest.

Während sie jetzt neben ihm saß, wurde ihr bewusst, wie begehrenswert er war. Auch waren ihr vorhin, als sie in der Lounge auf das Boarding warteten, die Blicke anderer Frauen aufgefallen. Alle hatten sie neidisch angesehen. Ha! Wenn ihr wüsstet.

„Ist es das, wo ihr im Labor den Laser einsetzt?“, fragte sie in der Hoffnung, dass er mit ihr redete und sie von ihrer Umgebung ablenkte.

Details kannte sie nicht, aber sie wusste, dass bei Trevane Technologies Spannendes passierte. Ryder leitete den klinischen Aspekt der Forschung zu menschlichem Gewebe aus dem 3D-Drucker, das bei angeborenen Herzfehlern zum Einsatz kommen sollte.

„Ja, es ist ein Teil davon“, sagte er und tippte auf sein Handy. „Der Artikel schildert die Arbeit in einem Institut für Materialforschung und was sie bei einem dem Bioprinting ähnlichen Prozess geschafft haben. Obwohl wir bei Trevane in einigen Punkten weit voraus sind, übersteigt die Geschwindigkeit, mit der sie Gewebe züchten, alles, was wir bisher erreichen konnten.“

„Schneller ist nicht immer besser“, überlegte sie laut, sah dabei aus dem Fenster – und wünschte, sie hätte es nicht getan. Die letzten Gepäckstücke waren verladen worden, die Maschine würde bald starten.

„In diesem Fall schon. Die größte Herausforderung besteht darin, die gedruckten Zellen lebensfähig zu erhalten. Wenn wir Gewebe schneller drucken, können wir dickere Schichten ohne Sauerstoffentzug herstellen. Und mit dickeren Schichten lassen sich hoffentlich eines Tages Blutgefäße, Herzklappen, Herzkammern, sogar ein ganzes Herz im 3D-Druck herstellen.“ Leidenschaftliche Begeisterung belebte seine Stimme. „Stell dir vor, wir könnten für Transplantationspatienten ein Organ drucken, statt auf eine Lebendspende warten zu müssen.“

Das klang utopisch, und doch schien die Möglichkeit mehr und mehr in greifbare Nähe zu rücken. Die Forschung zur Entwicklung von Gewebe- und Organzucht mittels Bioprinting faszinierte sie normalerweise sehr, bedeutete es doch immense Hoffnung für alle Herzkranken – und andere Organerkrankungen. Das Potenzial war riesig.

Doch im Moment kämpfte sie mit wachsender Panik. Hände wie Schraubstöcke pressten ihr die Kehle zu, ließen nicht locker.

„Mit Professor Ovikovs Arbeit bin ich vertraut“, fuhr Ryder fort, der sich nun ihrer Aufmerksamkeit sicher war. „Wir sind uns vor drei Jahren begegnet, als der 3D-Druck von lebendem Gewebe noch in den Kinderschuhen steckte. Professor Ovikov ist brillant.“

Die Bewunderung, die aus seinen Worten sprach, half McKenzie, ihren verschwommenen Blick vom Fenster loszureißen. Einen Augenblick lang konnte sie verdrängen, dass die Crew die Flugzeugtür geschlossen hatte und zwei Stewardessen sich daranmachten, letzte Gepäckfächer zuzudrücken.

Rede mit Ryder. Sie musste sich weiterhin unterhalten, damit sie vergaß, dass in der nächsten Minute etwas Gewaltiges passieren würde.

McKenzie war überzeugt, dass Menschen nicht dazu gemacht waren, in schwindelerregender Höhe und atemberaubender Geschwindigkeit durch die Luft zu fliegen!

„Wahrscheinlich sagt das Dr. Ovikov auch über dich“, brachte sie mühsam hervor. Ihr Mund fühlte sich staubtrocken an. Wie konnte es angehen, dass ihr die Zunge am Gaumen klebte, während ihre Handflächen schweißnass waren?

Statistisch betrachtet, war Fliegen sicherer als Autofahren. Ihr Bruder wurde nicht müde, ihr das wieder und wieder zu sagen, wenn sie sich beklagte, dass er Pilot geworden war.

„Mag sein, aber ich bezweifle es“, meinte Ryder und musterte sie, als hätte er gerade gemerkt, dass sie nicht mehr so ruhig und gelassen war wie sonst.

Ha! Er hatte ja keine Ahnung, wie wenig sie sich gerade als engagierte, kompetente Kinderkardiologin fühlte.

„Unsere Forschungen überlappen sich, und wir verfolgen ähnliche Ziele“, fuhr er fort. Seine honiggoldenen Augen verdunkelten sich, während er McKenzie betrachtete.

Sprich weiter. Sie brauchte dringend Ablenkung. Bald würden sie in der Luft sein. Dann war es nicht mehr ganz so schlimm. Sie flog grundsätzlich nicht gern, aber Starts und Landungen waren immer schrecklich. Immer.

Ryder bereute sicher inzwischen, dass er sich auf dieses Hochzeitswochenende eingelassen hatte. Ihm eine Panikattacke zu servieren, bevor sie Seattle überhaupt verlassen hatten, machte es bestimmt nicht besser.

Seine Augen wurden schmal.

Oh ja, er roch den Braten.

Sie schluckte, zwang sich ein Lächeln ins Gesicht, das sich zunehmend taub anfühlte, und versuchte, normal zu reden. „Willst du damit auf nette Art ausdrücken, dass du mit ihm um Forschungsgelder konkurrieren musst?“

Na bitte, geht doch. Ihre Stimme war nur kurz weggekippt.

„Ihr“, berichtigte Ryder. Seiner Miene entnahm sie, dass ihm das verräterische Zittern nicht entgangen war. „Dr. Anna Ovikov.“

Wie er ihren Vornamen betonte … Kurz vergaß McKenzie, dass sie in einem Flugzeug saß, weil sie sich fragte, in welcher Beziehung er zu der Wissenschaftlerin stand.

Rein professionell oder mehr?

Hör dich mal an, schimpfte sie stumm. Machst dir Gedanken um einen Mann, der nur so tun soll, als wäre er dein Freund!

„Schön. Mach weiter. Lies ihren Artikel. Aber nicht vergessen, warum du hier bist“, fügte sie hinzu und krallte die Finger in die Armlehnen.

„Wie könnte ich das vergessen?“, neckte er lächelnd. Trotzdem lag noch immer Besorgnis in seinen Augen. „Schließlich spiele ich nicht jeden Tag für eine Kollegin den Liebsten.“

„Schsch“, zischte McKenzie und blickte sich um. Konnte das jemand gehört haben? In der Sitzreihe auf der anderen Gangseite saß ein Teenager mit Kopfhörer und hatte die Augen geschlossen. Seine Mutter war in ein Buch vertieft. Keiner der beiden schenkte ihnen auch nur die geringste Beachtung. „So etwas darfst du nicht sagen. Du weißt nie, wer zuhört. Bleib das ganze Wochenende über in deiner Rolle.“

Er hob eine Braue. „Bist du sicher, dass es nicht einfacher wäre, wenn du deiner Familie die Wahrheit sagst?“

„Ja.“ Aus mehreren Gründen. „Du kennst meine Mutter nicht.“

Sie würde sich überschlagen, damit McKenzie bloß nicht darunter litt, dass sie sitzen gelassen worden war. Vor allem direkt vor Revas und Jeremys Hochzeit. Sie wäre entschlossen, etwas zu unternehmen, damit sie sich besser fühlte. Was zur Folge hatte, dass McKenzie sich schlechter fühlte. Sie wollte nicht, dass ihre Mutter sie mit Blind Dates versorgte oder das ganze Wochenende Männer in ihre Richtung schubste.

Und dann war noch Reva.

Die schöne Reva, die, von allen umschwärmt, ein schlechtes Gewissen hatte, wenn McKenzie außen vor stand. Reva hatte immer dafür gesorgt, dass das nicht passierte. Ihre Cousine könnte ihr eigenes Glück nicht genießen, wenn sie wüsste, dass McKenzie gerade Liebeskummer hatte.

Jeder würde sich Gedanken um sie machen, alle würden sich um sie scharen, sie beknien, doch wieder nach Hause zu kommen.

Sie musste ihnen beweisen, dass sie glücklich war, dass sie ihr Mitgefühl nicht brauchte. Und Ryder war dieser Beweis.

„Aber ich werde sie bald kennenlernen.“

„Richtig.“ Sie sah Ryder an, grub die Finger tiefer in die Lehnen. „Achte nur darauf, dich so zu verhalten, als wären wir wirklich zusammen. Bitte. Es ist wichtig, dass meine Familie glaubt, du wärst verrückt nach mir.“

Dann machen sie sich keine Sorgen um mich und mischen sich nicht in mein Leben ein.

Ryder reagierte locker. „Sollte kein Problem sein.“

Die Luft im Flugzeug war so dünn. Und die Haut über ihren Fingerknöchel so straff gespannt, dass sie jeden Moment aufplatzen konnte …

„Weil du so verrückt bist, das hier mitzumachen?“

Er grinste. „So in etwa.“

Autor

Alison Roberts
Alison wurde in Dunedin, Neuseeland, geboren. Doch die Schule besuchte sie in London, weil ihr Vater, ein Arzt, aus beruflichen Gründen nach England ging. Später zogen sie nach Washington. Nach längerer Zeit im Ausland kehrte die Familie zurück nach Dunedin, wo Alison dann zur Grundschullehrerin ausgebildet wurde.
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Janice Lynn hat einen Master in Krankenpflege von der Vanderbilt Universität und arbeitet in einer Familienpraxis. Sie lebt mit ihrem Ehemann, ihren 4 Kindern, einem Jack-Russell-Terrier und jeder Menge namenloser Wollmäuse zusammen, die von Anbeginn ihrer Autorenkarriere bei ihr eingezogen sind.
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