Julia Collection Band 159

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Der Montrose-Clan hat die Videospiel-Firma der Chandlers übernommen. Doch Cari und ihre Schwestern Emma und Jessi werden alles tun, um ihr Familienunternehmen zu retten! Mit den Waffen einer Frau dürfte das doch ein Kinderspiel sein, oder?

MINI-SERIE VON KATHERINE GARBERA

DIE LEIDENSCHAFT HÄLT UNS GEFANGEN

Cari kann die kurze Affäre mit Declan Montrose nicht vergessen. Das liegt nicht nur an seinen lustvollen Küssen. Sondern auch an DJ, fast neun Monate alt! Als ausgerechnet Declans Unternehmen die Firma ihrer Familie übernimmt, weiß Cari: Der Moment der Wahrheit ist gekommen. Wie wird der sexy Milliardär reagieren?


REICH, ARROGANT – UND UNWIDERSTEHLICH

Jessi findet Allan einfach unerträglich arrogant. Je weniger sie von dem neuen Eigentümer ihrer Firma sieht, desto besser. Doch das Schicksal schlägt erbarmungslos zu: Ihre beiden besten Freunde verunglücken, und sie müssen sich gemeinsam um deren Baby kümmern! Auf einmal sieht Jessi ihren Feind mit ganz anderen Augen …


NUR LIEBE BRENNT HEISSER

Eigentlich wollte Kell Montrose in spätestens achtundvierzig Stunden Emma Chandler feuern. Aber dann bleiben sie zusammen im Fahrstuhl stecken. Und sind sich plötzlich so nah wie nie! Er will sie an sich ziehen, sie küssen … Aber ob er sie dann immer noch entlassen kann, wenn sie jemals das Erdgeschoss erreichen?


  • Erscheinungstag 28.05.2021
  • Bandnummer 159
  • ISBN / Artikelnummer 8007210159
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Katherine Garbera

JULIA COLLECTION BAND 159

1. KAPITEL

Cari Chandler blieb im Türeingang zum Konferenzraum stehen und betrachtete das Porträt ihres Großvaters Gregory in jungen Jahren an der gegenüberliegenden Wand. Auf dem Bild wirkte er energisch und streng, so wie er tatsächlich gewesen war. Und am heutigen Tag hätte er bestimmt schlechte Laune gehabt, denn der Enkel seines Erzfeindes hielt sich im Firmensitz der Familie Chandler auf.

Seit den späten Siebzigerjahren hatten sich die Familien Chandler und Montrose verbittert bekämpft und versucht, sich gegenseitig aus dem Markt für Videospiele zu verdrängen. Damals hatte ihr Großvater diesen Streit vorerst für sich entschieden, denn er war eine Kooperation mit einer japanischen Firma eingegangen, und Thomas Montrose hatte das Nachsehen gehabt. Doch heute war die Situation eine andere. Die Montrose-Erben hatten mit ihrer Firma Playtone Games einen Überraschungscoup gelandet und die feindliche Übernahme von Infinity Games, dem Unternehmen der Chandlers, betrieben. Cari und ihre beiden Schwestern, Emma und Jessi, konnten nur versuchen, den Schaden zu begrenzen und eine Einigung zu erzielen, die ihre Jobs und das Familienerbe rettete.

Als leitende Geschäftsführerin hatte Cari die Aufgabe, mit Declan Montrose zu verhandeln. Zwar war das operative Geschäft ihre Stärke, doch das Geheimnis, das sie schon so lange mit sich herumtrug, lastete schwer auf ihren Schultern. Sie bereute es, ihre Schwestern bisher nicht eingeweiht zu haben, denn dann hätte sie sich heute vielleicht nicht mit Dec auseinandersetzen müssen.

Der überlange Konferenztisch aus dunklem Holz wurde von edlen Lederstühlen eingerahmt. Cari konzentrierte sich lieber auf die Details der Einrichtung als auf den Mann, der am Fenster stand. Er hatte sich in den achtzehn Monaten, seit sie ihn zuletzt gesehen hatte, kaum verändert.

Declan trug seine braunen Haare jetzt etwas länger. Seine sportlich schlanke Gestalt mit den breiten Schultern rief ihr ins Gedächtnis, wie sie damals in seinen Armen gelegen hatte. Allein die Vorstellung bewirkte schon, dass ihr ganz heiß wurde.

Schluss damit, ermahnte sie sich. Konzentriere dich auf die Übernahme – ein Problem nach dem anderen.

„Hallo, Dec. Ich habe nicht damit gerechnet, dich jemals wiederzusehen.“ Innerlich bebte sie, doch ihre Stimme klang zu ihrer Erleichterung deutlich und beherrscht.

„Ich bin sicher, du bist freudig überrascht.“ Er grinste spöttisch, während er vom Fenster weg- und auf sie zutrat.

Der vertraute Duft seines herben Rasierwassers wehte zu ihr herüber und brachte die Erinnerung an ihre Affäre zurück. Sie riss sich zusammen und machte sich bewusst, dass er aus rein beruflichen Gründen hier war. Als es plötzlich an die Tür klopfte, war sie froh über die willkommene Ablenkung.

„Herein“, rief sie.

Es war ihre Assistentin Ally, die ihnen zwei Tassen Kaffee servierte, ehe sie sich umgehend wieder verabschiedete. Cari ging zum Kopfende des Tisches und fühlte sich schon durch die größere Distanz zu Dec wesentlich selbstsicherer.

„Bitte, nimm doch Platz.“ Sie wies auf den Stuhl ihr gegenüber.

„Ich habe dich gar nicht so förmlich in Erinnerung“, sagte er und setzte sich hin.

Sie ignorierte seine Bemerkung. Was hätte sie auch antworten sollen? Seit sie ihm zum ersten Mal begegnet war, hatte sie sich zu ihm hingezogen gefühlt. Selbst nachdem sie erfahren hatte, dass er ein Montrose und damit praktisch ein Feind ihrer Familie war, hatte sie ihn noch immer begehrt.

„Ich nehme an, du bist hier, um über die Neustrukturierung meiner Firma zu reden“, sagte sie.

Er nickte. „Während der kommenden sechs Wochen will ich mir zunächst einen Überblick verschaffen. Stimmt es, dass es hier drei Abteilungen für Spieledesign gibt?“

Verdammt! Sie hätte damit rechnen müssen. Er hatte seine Emotionen komplett ausgeschaltet und war ohne Umschweife zum Geschäftlichen übergegangen. Cari wünschte sich, genauso handeln zu können, aber es war noch nie ihre Stärke gewesen, Gefühle zu verstecken. Ihn hingegen bezeichneten viele in der Branche als einen Cyborg, ein kalt funktionierendes Mischwesen aus Mensch und Maschine. Und diesen Spitznamen hatte er sich redlich verdient.

Sie bemerkte erst jetzt, dass sie ihn die ganze Zeit über wie in Trance angestarrt hatte. So konnte das nichts werden. Sobald er wieder weg war, würde sie Emma, ihre älteste Schwester und Hauptgeschäftsführerin von Infinity, anrufen und ihr eröffnen, dass sie oder Jessi mit Dec weiterarbeiten mussten. Allerdings war Jessi als Chefin des Marketingbereichs zugegebenermaßen nicht gerade die beste Besetzung für diesen Job.

„Cari?“

„Entschuldigung. Ja, stimmt, die Teams von Online, Konsole und Mobil erstatten mir Bericht.“

„Es müssen Gespräche mit allen Mitarbeitern der Firma geführt werden, um jeden Einzelnen zu bewerten. Danach werde ich eine gemeinsame Vorstandssitzung beider Firmen einberufen und meine Empfehlungen abgeben.“

„Gut. Emma hat bereits erwähnt, dass du mit unseren Angestellten sprechen willst. Dafür wirst du doch bestimmt nur ein oder zwei Tage in der Woche vor Ort sein müssen, oder?“, fragte sie und hoffte inständig, dass sie richtiglag.

„Nein. Ich will mir hier ein Büro einrichten, um in der heißen Phase permanent anwesend sein zu können. Siehst du darin ein Problem?“

„Überhaupt nicht.“ Cari rang sich ein Lächeln ab. Sie würde ihn am liebsten gar nicht mehr treffen, aber das lag wohl fern jeder Realität. Als Dec lachte, begriff sie, dass er sie durchschaut hatte.

„Du hast es noch nie geschafft, deine Emotionen zu verbergen“, sagte er amüsiert.

Sie schüttelte verständnislos den Kopf. Obwohl es stimmte, konnte sein Wissen nicht auf eigener Erfahrung beruhen. Sie hatten nur einen One-Night-Stand gehabt, keine Beziehung. „Du hast kein Recht, das zu behaupten, denn du kennst mich ja überhaupt nicht. Wir waren lediglich einmal verabredet und eine Nacht lang zusammen.“

„Das hat mir gereicht, um dich einschätzen zu können“, erwiderte er.

„Meinst du wirklich? Wie konntest du mich dann allein im Hotelzimmer zurücklassen?“

Er trank in aller Ruhe von seinem Kaffee, ehe er sich erhob und zu ihr herüberkam. „Eine feste Bindung passt nicht zu mir“, erklärte er. „Du glaubst, ich würde dich nicht kennen. Aber ich müsste schon blind sein, um nicht zu sehen, dass du ein zu weiches Herz hast.“

Cari wollte es abstreiten, aber was er sagte, entsprach der Wahrheit. Sie engagierte sich ehrenamtlich, setzte ihr Geld für wohltätige Zwecke ein und war bereits auf mehr als eine rührselige Mitarbeiterstory hereingefallen. Anfangs hatte sich Emma darüber aufgeregt, bis sie schließlich erkannte, dass die Angestellten loyaler geworden waren, seit die Geschäftsleitung sich um sie kümmerte.

„Ich hätte mich jedenfalls nicht an dich geklammert und dir ewige Liebe geschworen“, protestierte sie. Nach einer einzigen gemeinsamen Liebesnacht hatte sie ihn ja noch kaum gekannt. Natürlich hätte sie ihn gern wiedergesehen. Allerdings hatte er ihr einen gehörigen Denkzettel verpasst, indem er sich einfach aus dem Staub gemacht hatte. „Es war nur eine Nacht.“

„Und die war großartig.“ Er drehte ihren Stuhl so herum, dass er ihr direkt ins Gesicht schauen konnte. „Vielleicht sollte ich dir in Erinnerung rufen, wie fabelhaft wir zusammenpassen.“

Cari schob den Stuhl energisch zurück und erhob sich. Es war an der Zeit, die Situation unter Kontrolle zu bringen. „Danke, nicht nötig. Ich habe die Einzelheiten unseres Dates nicht vergessen. Trotzdem war es eher der Morgen danach, der mir im Gedächtnis geblieben ist.“

Er lächelte milde. „Genau das ist der Grund, warum ich gegangen bin. Es gehört nicht zu meinen Stärken, mit den Folgen einer solchen Nacht umzugehen.“

„Welche Folgen?“, fragte sie verdutzt.

„Na ja, Frauen werden danach meist sentimental und anhänglich.“

Die Einsicht, dass sie für ihn nichts weiter als ein Abenteuer gewesen war, traf sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel.

Irgendwann würde sie ihm ihr Geheimnis preisgeben müssen, aber auf keinen Fall am heutigen Tag. Jetzt musste sie vor allem einen Weg finden, um ihr Traditionsunternehmen vor der Zerschlagung zu bewahren.

Doch sie musste sich eingestehen, dass seine Worte sie traurig machten. Viel lieber hätte sie von ihm gehört, dass er es bereute, sie damals verlassen zu haben und seitdem ständig an sie denken musste …

„Enttäuscht?“ Er riss sie aus ihren Gedanken.

„Ich verstehe allmählich, warum ein so begehrter Millionär wie du immer noch Single ist.“ Cari versuchte, ihren Frust darüber zu verdrängen, dass er genauso oberflächlich war, wie sie befürchtet hatte. Bisher hatte sie noch gehofft, ihn damals lediglich auf dem falschen Fuß erwischt zu haben.

„Vielleicht hat die Frau meiner Träume nur noch nicht die richtige Strategie angewandt, um mich umzupolen.“

„Du scheinst mir nicht der Typ Mann zu sein, der seine Meinung so leicht ändert“, erwiderte sie.

„Du hast recht, ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben. Aber das bedeutet nicht, dass ich eine tolle Frau wie dich links liegen lasse, wenn sich unsere Wege kreuzen.“

Eigentlich hätte sie die Beleidigte spielen müssen, aber er war ehrlich, und das konnte sie ihm nicht vorwerfen. Schon bei ihrer ersten Verabredung vor achtzehn Monaten hatte sie gewusst, dass er nur an einer Affäre interessiert gewesen war.

„Eher friert die Hölle zu, als dass du dich von mir umkrempeln lassen würdest“, bemerkte sie spitz.

„Begleite mich zum Dinner, und wir werden sehen, was passiert“, antwortete er augenzwinkernd.

„Wärst du bereit, darüber zu verhandeln, dass Playtone Games stiller Teilhaber von Infinity wird?“

Er lächelte herablassend. „Ausgeschlossen!“

„Dann hat sich das Abendessen erledigt.“ Sie durfte seinem Drängen auf keinen Fall nachgeben, denn sie brauchte Abstand und Bedenkzeit, anstatt wieder eine Dummheit zu begehen.

„Wir sind Geschäftspartner, und deshalb halte ich es für nicht zielführend, wenn wir privat miteinander verkehren“, ergänzte sie kühl. Vor nicht allzu langer Zeit war sie wesentlich impulsiver gewesen, doch das hatte sich grundlegend geändert. Die flüchtige Affäre mit diesem Mann hatte ihr auf schmerzliche Weise bewusst gemacht, dass gedankenlose Taten manchmal gravierende Folgen haben konnten.

„Früher hast du deine Entscheidungen nicht nur aus Vernunftgründen getroffen.“

„Ich habe mich eben verändert“, erwiderte sie unverblümt und überlegte, ob das auch passiert wäre, wenn sie damals seinen Verführungskünsten widerstanden hätte.

„Das finde ich großartig“, sagte er mit arrogantem Unterton.

Cari musste der Tatsache ins Auge sehen, dass der Mann, mit dem sie ein kurzes Liebesabenteuer gehabt hatte, wieder in ihrer Nähe war. Und dass die bevorstehende feindliche Übernahme noch ihr kleinstes Problem darstellte. Sie würde ihm von seinem Sohn erzählen müssen, ihrem gemeinsamen Kind.

Allerdings hatte sie keine Ahnung, wie sie das anstellen sollte.

Cari hatte sich verändert. Selbst ein Kerl wie er, der nur eine Nacht mit ihr verbracht hatte, konnte das mühelos erkennen. Ihre Beziehung war von Anfang an verzwickt gewesen, und das hatte sich bis zum heutigen Tag noch verstärkt. Ihre Familien waren bis aufs Blut verfeindet, und sein Cousin Kell Montrose, der Firmenchef von Playtone Games, würde erst lockerlassen, wenn Gregory Chandlers Erbe dem Erdboden gleichgemacht wäre.

In diesem Gerangel würde die hübsche Blondine, die ihm jetzt gegenüberstand, lediglich als Kollateralschaden zu Buche schlagen.

Er hatte sie zu keinem Zeitpunkt gehasst. Seit er sie zum ersten Mal gesehen hatte, wollte er sie näher kennenlernen – und nicht etwa, um dadurch leichter an Informationen über ihre Firma zu kommen.

Als Adoptivkind hatte er sich nie wirklich als Teil des Montrose-Clans gefühlt. Trotzdem hatte er unablässig beweisen wollen, dass er genauso dazu gehörte wie Kell und der dritte Cousin, Allan McKinney.

Durch seine Rückkehr nach Kalifornien hatte er nun die Möglichkeit, seinen Job zu erledigen und dafür Anerkennung vonseiten seiner Familie zu ernten. Außerdem bestand die Chance, wieder mit der Frau anzubandeln, die er nicht hatte vergessen können. Ihr Erscheinungsbild – kräftige, naturgewellte Haare und strahlend blaue Augen – hatte ihn bis in seine Träume verfolgt. Er musste oft daran denken, wie sie ihn angeschaut hatte, als sie miteinander geschlafen hatten.

Nun stellte er fest, dass sie in den eineinhalb Jahren seit ihrer Trennung merklich an Ausstrahlung gewonnen hatte. Sie trug hübsche Stöckelschuhe, und ihre Fesseln waren nach wie vor schlank, während die Waden kräftiger wirkten. Ihr Rock verbarg ihre Beine, aber durch den Stoff hindurch schienen ihre Hüften jetzt voller und runder zu sein. Während Cari nach wie vor eine Wespentaille hatte, war ihr Busen mittlerweile beeindruckend voluminös geworden. Sie war immer schlank und klein gewesen, aber jetzt sah sie …

„Schau hierher, Freundchen.“ Sie deutete mit dem Zeigefinger auf ihr Gesicht.

Er lächelte sie bewundernd an. „Es ist mir nicht entgangen, dass du dich verändert hast. Deine Figur ist weiblicher geworden, was mir übrigens sehr gut gefällt.“

Geschmeidig ging er auf sie zu, woraufhin sie zurückwich. Als sie an die Wand stieß, hob sie abwehrend die Hände und hielt ihn sich so auf Armeslänge vom Leib. Ihm fiel auf, dass sie ihn viel eindringlicher musterte, als sie es früher getan hatte.

Sie sah müde aus, was er darauf zurückführte, dass Playtone das Konkurrenzunternehmen momentan in der Hand hatte und sie höchstwahrscheinlich in großer Sorge um ihren Job war.

Er trat einen Schritt zurück. „Verzeihung, ich wollte dich nicht bedrängen. Bestimmt war es ein Schock, die Firma an uns zu verlieren.“

„Das beschreibt es nicht annähernd.“

Er amüsierte sich über ihre Ausdrucksweise. „Ich schätze, mein Jetlag wirkt noch nach.“

„Jetlag? Seit wann liegen Zeitzonen zwischen dem Firmensitz von Infinity und den Büros von Playtone Games?“, fragte sie schnippisch.

Cari ließ sich anscheinend nicht unterkriegen. Es war ihm ein Rätsel, warum er ihre Charakterstärke nicht schon vor achtzehn Monaten bemerkt hatte. Doch damals war es ihm nur um Sex gegangen, deswegen hatte sich wahrscheinlich sein Verstand ausgeschaltet.

„Ich war über ein Jahr in Australien, um die Eingliederung von Kanga Games zu organisieren.“

„Ihr habt ihnen ihre Eigenständigkeit gelassen“, bemerkte sie trocken.

„Diese Leute haben meinen Großvater jedenfalls nicht ausgetrickst.“

„Genauso wenig wie meine Schwestern und ich. Wir haben euch stets fair behandelt.“

„Leider spielt das keine Rolle, wenn es um Rache geht“, sagte er.

„Aber sicherlich spielt der Profit eine Rolle.“

„Natürlich.“

Sie nickte, und beide gingen zum Tisch zurück, um wieder Platz zu nehmen. Als sie ihre Hände verschränkte, bemerkte er, dass sie jetzt einen Platinring mit eingravierten Herzchen am Finger trug. Es war der Typ Ring, den ihr ein Liebhaber geschenkt haben könnte. War sie wieder mit jemandem liiert?

Möglicherweise bezog sie ihr gestiegenes Selbstbewusstsein aus einer neuen Beziehung. Dazu konnte er sie nur beglückwünschen, obwohl er es natürlich bedauerte, sie vielleicht nie wieder küssen zu dürfen.

„Wann bist du aus Australien zurückgekommen?“, fragte sie.

„Letzten Samstag, aber die Zeitumstellung macht mir immer noch zu schaffen. Außerdem war es eine große Überraschung, dich wiederzusehen.“

„Weshalb hat dich das überrascht? Mir war jedenfalls bekannt, dass du heute Morgen hier erscheinen würdest. Hat dir niemand gesagt, dass ich deine Gesprächspartnerin sein würde?“, fragte sie verwundert.

„Doch, Emma hat mich per E-Mail darüber informiert.“ Es lag ihm fern, ihr zu gestehen, wie unerwartet tief sie ihn beeindruckt hatte. Er hatte gedacht, dass die Anziehung zwischen ihnen abgeflaut wäre, seit sie damals miteinander geschlafen hatten – aber er hatte sich gründlich getäuscht.

Ihren wunderbaren Körper hatte er bereits erforschen dürfen. Es gab daran keine Stelle, die er noch nicht kannte, und doch wurde ihm schlagartig bewusst, dass seine Erinnerung lediglich ein fader Abklatsch dessen war, was jetzt leibhaftig vor ihm stand.

Dec sehnte sich danach, ihre weiblichen Attribute neu zu entdecken, war aber noch mehr darauf erpicht, die Geheimnisse zu lüften, die sie vor ihm verbarg. Das wäre vielleicht eine gute Methode, die lästige Grübelei über sein eigenes Leben zu beenden.

Er brauchte Zerstreuung, und prompt hatte ihn das Schicksal wieder mit genau der Frau zusammengeführt, die er einfach nicht hatte vergessen können. Die bevorstehende Übernahme sollte laut Plan in sechs Wochen über die Bühne gehen, und in dieser Zeit musste er auch im Hinblick auf Cari Chandler vorankommen. Allerdings würde es nicht einfach sein, sie mitten in diesem Prozess zu verführen. Tatsächlich wäre es viel schlauer, die Finger von ihr zu lassen und sich auf das Geschäftliche zu konzentrieren. Doch ihr Bild hatte ihn achtzehn Monate lang bis in seine Träume verfolgt, und jetzt bot sich die einmalige Chance, den Grund dafür herauszufinden. Lag es daran, dass er nur eine Nacht mit ihr verbracht hatte? Oder verband sie beide etwa mehr als das?

„Wo liegt dann das Problem?“ Sie lächelte ihm keck ins Gesicht.

„Es gibt kein Problem.“

Als sie sich erhob, spannte sich ihre Kostümjacke eng um ihre beachtliche Oberweite. Er genoss es, dass sie ein bisschen mit ihm flirtete.

„Wirklich nicht? Macht es dir denn gar nichts aus, dass unsere Familien sich seit ewigen Zeiten bekriegen?“, fragte sie skeptisch.

Er hätte ihr in diesem Punkt gern zugestimmt, doch er vermutete, dass seine Probleme mehr mit seiner eigenen Persönlichkeit zu tun hatten. Seit er Cari zum letzten Mal gesehen hatte, war er nonstop unterwegs gewesen und sehnte sich nun nach einem echten Zuhause. Und das war nicht etwa die schmucke Jacht, die im exklusiven Clubhafen von Marina del Rey vor Anker lag. Auch das Anwesen in Beverly Hills, das er von seiner Mutter geerbt hatte, entsprach nicht seinen Bedürfnissen. In Wirklichkeit gab es keinen Ort, an dem er sich je zu Hause gefühlt hatte.

Vor drei Monaten war diese Sehnsucht nach Beständigkeit erstmals aufgetaucht. Er musste darüber hinwegkommen, denn eine solche Schwäche passte überhaupt nicht zu ihm. Der schmutzige Scheidungskrieg seiner Adoptiveltern, in dessen Verlauf er der Leidtragende gewesen war, hatte ihn gelehrt, besser allein zu bleiben. Als er fünfundzwanzig war, hatte er seinen Vater durch einen Sportunfall verloren, und zwei Jahre später war seine vom Leben enttäuschte Mutter ihrer Alkoholsucht erlegen.

Dec verscheuchte seine Gedanken, um ihre Frage zu beantworten. Im Grunde war er mit diesem Konflikt aufgewachsen und empfand ihn als normal. Statt die Wahrheit auszusprechen, sagte er jedoch kleinlaut: „Irgendwie schon.“

Obwohl seine eigenen Firmenanalysen unparteiisch sein würden, wusste er, dass Kell vorhatte, alle drei Damen der Chandler-Dynastie zu feuern, um sich auf diese Weise dafür zu rächen, was ihrem Großvater einst angetan worden war.

Unter diesen Umständen mit Cari anzubandeln war idiotisch. Um sich das stets vor Augen zu halten, würde er hart an sich arbeiten müssen. Denn so wie sie ihn jetzt anstrahlte, war er geneigt zu glauben, dass eine Beziehung durchaus funktionieren könnte.

„Bitte, gib mir die Chance, dich davon zu überzeugen, dass Infinity Games als Ganzes bestehen bleiben sollte“, forderte sie.

Er erkannte, wie ernst es ihr war. Innerlich war er sehr aufgewühlt, denn mit ihrem Angebot lieferte sie ihm gleichzeitig die Rechtfertigung dafür, eine Verabredung zu arrangieren.

„Passend dazu möchte ich dich heute zum Abendessen einladen. Du kannst mir bei der Gelegenheit erzählen, wie du dich verändert hast, und ich verrate dir, was mir daran so gut gefällt.“ Wenn sie einen Freund hatte, würde sie seinen Vorschlag zurückweisen.

Sie wurde blass. „Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Die nächsten Wochen werden bestimmt schwierig.“

Er empfand ihre Antwort nicht als explizites Nein. „Das stimmt, aber es ist doch nichts dagegen einzuwenden, dass wir freundschaftlich miteinander umgehen. Ich verlange ja nicht, dass du nach dem Dinner direkt mit in meine Wohnung kommst …“

„Daraus wird auch nichts, denn ich bin mittlerweile viel vorsichtiger geworden“, gab sie ihm nachdrücklich zu verstehen.

„Siehst du, genau darüber möchte ich gern mehr wissen. Wir haben beide ein hartes Stück Arbeit vor uns. Außerdem ist hier nicht der richtige Ort für private Gespräche.“ Er wollte sie noch besser kennenlernen, denn dafür war vor achtzehn Monaten nicht genug Zeit gewesen. Das war jetzt anders, wo er die Aufgabe hatte, ihr Unternehmen zu bewerten.

„Einverstanden.“ Sie schenkte ihm ein kühnes Lächeln, das ihn reizte, sie zu küssen.

„Großartig. Wann soll ich dich abholen?“

Sie räusperte sich. „Ich war nur mit deiner Darstellung der Situation einverstanden.“

Doch sie hatte ihm noch immer keinen Korb gegeben.

Schließlich stand sie auf und stieß einen tiefen Seufzer aus. „Sag mir, wohin wir gehen, und ich bin um sieben Uhr dort. In der Zwischenzeit werde ich Ally anweisen, dir ein Büro bereitzustellen. Bis es so weit ist, kannst du von diesem Raum aus arbeiten.“

Er sah zu, wie sie mit schwingenden Hüften zur Tür schritt, und stand auf, um ihr zu folgen. Sie wollte ihn offensichtlich abservieren wie einen Diener, und das konnte er auf keinen Fall hinnehmen. Ganz gleich, was sie sich einbildete – er gab den Ton an, sowohl in beruflicher als auch in privater Hinsicht.

Sie drehte sich um und schnappte kurz nach Luft, weil er direkt vor ihr stand. Dann richtete sie sich auf, um ihre Fassung zurückzugewinnen.

Oh Mann, er hatte sie nie vergessen können und wünschte sich in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als seinen Mund erneut auf ihren Lippen zu spüren. Bis zu dem Moment, als sie den Konferenzraum betreten und dabei so zielstrebig gewirkt hatte, war ihm nicht einmal bewusst gewesen, wie sehr er sie noch immer begehrte.

Cari hielt ihm die Tür auf. „Hast du sonst noch etwas auf dem Herzen?“

„Nur das hier“, entgegnete er und beugte sich zu ihr hinunter, um sie zu küssen und sich das zu holen, wonach er sich gesehnt hatte. Seit dem Augenblick, als sie zur Tür hereingekommen war und er zutiefst bereut hatte, sie jemals verlassen zu haben.

2. KAPITEL

Cari hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass er so etwas tun könnte. Und doch wurde ihr schmerzlich bewusst, wie sehr sie seine Zärtlichkeit vermisst hatte. Aber dann tadelte sie sich selbst für ihre Gefühle, denn Dec war damals nur aus einem einzigen Grund an ihr interessiert gewesen.

Sex.

Sie wünschte nur, sein Kuss würde sie kaltlassen. Doch sie hatte zu lang als Single gelebt und ihre weiblichen Instinkte ausschließlich auf die Mutterschaft konzentriert. Und nun brachte Dec ihre feminine Seite, die sie schon verloren geglaubt hatte, zum Vorschein. Sie wurde von einer Welle heißer Lust erfasst, und alles an ihr verlangte nach seiner Berührung.

Sie umklammerte seine Schultern, wohl wissend, dass dies der einzige Kontakt zwischen ihnen war, den sie erlauben durfte. Deshalb entschied sie sich, jede Sekunde voll auszukosten und öffnete ihre Lippen. Er stöhnte vor Erregung. Zum ersten Mal, seit er wieder aufgetaucht war, hatte sie den Eindruck, Herrin der Situation zu sein.

Als er sie näher an sich heranzog, spürte sie seine Erektion und, zu ihrem Schreck, wie ihre Brüste unmittelbar darauf reagierten. Besorgt, er könnte etwas gemerkt haben, löste sie sich von ihm und sah erleichtert, dass er die Augen weiterhin genießerisch geschlossen hielt.

Dec war ein knallharter Bursche, aber seine Küsse waren stets sehr zärtlich gewesen. Sie fuhr mit dem Daumen die Kontur seiner Unterlippe nach. Einen Augenblick lang zögerte sie in der Hoffnung, der schwelende Konflikt in ihrem Inneren würde sich in Luft auflösen. Aber dann verstärkte sich sein Griff um ihre Taille, und sie ahnte, dass ihre Probleme in Zukunft nicht weniger werden würden.

Sie raffte ihren Blazer vor der Brust zusammen, denn er sollte nicht am feuchten Stoff ihrer Bluse erkennen können, dass sie ein Baby stillte.

Cari seufzte. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass in ihrem Leben Platz für ihn war. Es hatte sie viel Kraft gekostet, den täglichen Spagat zwischen Job und Kind zu organisieren, und nun kreuzte Dec mit seiner Firma auf und warf alles wieder über den Haufen. Am liebsten würde sie den kleinen DJ und ihre Belegschaft nehmen und untertauchen, bis alles vorüber war. Doch ihr war klar, dass sie nicht einfach weglaufen konnte. Sie trug die Verantwortung für das Tagesgeschäft und war im Übernahmeprozess das Bindeglied zwischen ihren Angestellten und Dec. Es war ihre Aufgabe, ihn davon zu überzeugen, möglichst viele Mitarbeiter weiterzubeschäftigen.

„War mein Kuss so schlecht?“, fragte er leicht ironisch.

„Nein, im Gegenteil“, sagte sie ehrlicherweise, denn sie war noch nie eine gute Lügnerin gewesen. Deshalb verheimlichte sie ihren Schwestern bislang den Namen von DJs Vater, was angesichts ihrer Familienfehde der einzig mögliche Weg gewesen war.

„Warum hast du dann geseufzt?“ Er zog sie enger an sich.

Cari hob ihre Hände, um ihn auf Distanz zu halten. Allerdings stellte sich mehr und mehr heraus, dass sie in Wirklichkeit zu keinem Zeitpunkt ihres Treffens die Oberhand gehabt hatte. Sie machte einen Schritt rückwärts und stolperte wie benommen zur Tür.

Er wollte ihr zu Hilfe kommen und sie stützen, doch sie wehrte ihn ab. „Dec, ich kann das nicht. Wir müssen reden, und es gibt da Dinge …“

„Ich mache das nicht, um mich an dir zu rächen“, fiel er ihr ins Wort.

„Was?“ Das wäre ihr nicht einmal im Traum eingefallen. Aber jetzt, wo er es aussprach, erschien ihr der Zusammenhang plausibel: Der Spross von Thomas Montrose machte sich an die Enkelin des Erzfeindes heran, um sich auf besonders miese Art Genugtuung zu verschaffen.

Dec fuhr fort: „Glaub mir, was zwischen uns beiden geschieht, hat nichts mit der Arbeit oder unseren Familien zu tun. Es geht dabei nur um dich und mich.“

„Tja, das ist ein interessanter Aspekt.“ Sie dachte an ihren Sohn und ihre Schwestern und daran, dass sie nicht auf einer einsamen Insel lebten, auch wenn er sich das vielleicht einzureden versuchte. Sie würden niemals nur zu zweit sein.

„Das ist meine feste Überzeugung. Außerdem lasse ich mir von meinen Cousins keine Vorschriften machen, was mein Privatleben angeht“, sagte er, während er mit einer ihrer losen Haarsträhnen spielte. „Ich hatte den Eindruck, dass du ebenfalls ein Mensch bist, der eigene Entscheidungen trifft.“

„Davon kannst du ausgehen. Was genau willst du eigentlich von mir?“

Sie spürte Panik in sich aufsteigen. Wie gern hätte sie seinem Werben nachgegeben und eine unverbindliche Affäre mit ihm angefangen. Doch Dec Montrose war die personifizierte Gefahr. Das durfte sie niemals vergessen.

„Ich will, dass du mir eine Chance gibst“, antwortete er. „Du darfst mich nicht vorverurteilen. Weder meine Cousins noch diese Übernahme haben mit unserer Geschichte irgendetwas zu tun.“

„Ich habe die Einladung zum Abendessen doch angenommen.“

Sie war unsicher, ob sie ihm glauben konnte und wie sie in Zukunft mit ihm umgehen sollte. Er war hinter zwei Dingen her, die ihr immens wichtig waren. Einerseits griff er nach ihrer Firma, und andererseits würde er, sobald er von ihm wüsste, nicht eher lockerlassen, bis er ihr auch ihren Sohn DJ genommen hätte.

„Ein gemeinsames Dinner genügt mir aber nicht“, konterte er.

„Das habe ich mir fast gedacht.“

„Ich war schon immer der direkte Typ. Kell findet, mit diesem Aussehen bleibt mir gar nichts anderes übrig.“ Er zeigte auf sein Gesicht.

Dec war kein auffallend schöner Mann, aber seine kantigen Züge und dunklen Augen hatten von jeher dafür gesorgt, dass sie ihren Blick kaum von ihm abwenden konnte. „Du weißt dein gutes Aussehen durchaus zu deinem Vorteil zu nutzen.“

Er zuckte die Schultern. „Ich habe schon als kleiner Junge kapiert, dass ich meine Talente einsetzen muss.“

„Bei mir war es genauso“, antwortete sie. „Ich war bei Weitem nicht so stark wie Emma oder so rebellisch wie Jessi, sondern musste meinen eigenen Weg finden.“

„Das ist dir offensichtlich gelungen. Jeder meiner bisherigen Gesprächspartner bei Infinity Games hat mir versichert, dass du die Seele des Unternehmens bist.“

Was sollte Cari schon dazu sagen? Sie schätzte ihre Mitarbeiter sehr, und eines ihrer erklärten Ziel war es, jeden an seine maximale Leistungsgrenze zu führen.

Cari wünschte nur, man hätte sie als männerverachtende Emanze bezeichnet. Auf dieser Basis wäre es ihr leichter gefallen, mit Dec zu verhandeln. „Und du bist der Kahlschläger von Playtone Games“, stellte sie fest.

„Willst du damit sagen, dass ich deiner Meinung nach grausam und herzlos bin?“

Ihr stockte der Atem, als sie seinen verletzten Gesichtsausdruck bemerkte, der jedoch sofort wieder verschwand.

Bis zum Abendessen blieb ihr noch Zeit, sich eine Strategie zu überlegen, wie sie ihm am besten von DJ erzählen sollte. Außerdem wollte sie bis dahin einen Weg finden, wie sie ihn dazu bewegen konnte, möglichst viele ihrer Angestellten weiterzubeschäftigen. Und am Ende musste sie sich Gedanken darüber machen, wie sie mit seinen persönlichen Forderungen an sie umgehen sollte.

Cari hatte das mulmige Gefühl, dass der letzte Punkt der schwierigste von allen sein würde.

Dec hatte schon immer gespürt, dass er anders war, und führte diese Tatsache auf seine Adoption zurück. Seine Mutter hatte zwar darauf bestanden, dass er wie die anderen Erben des Montrose-Clans behandelt wurde, aber tief in seinem Inneren hatte er sich nie als wirklicher Spross der Familie gefühlt und sehr darunter gelitten.

Im Allgemeinen war es ihm völlig gleichgültig, was die Leute über ihn dachten. Er wusste, dass sie ihn den Hai nannten, der kalt und emotionslos war, wenn er geschäftlich agierte. Zum Beispiel konnte er eine Belegschaft reduzieren, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken oder sich dafür zu entschuldigen. Doch jetzt von Cari zu hören, was sie in Wahrheit von ihm hielt – das gab ihm schon zu denken.

„Ich bin nicht hier, um dich oder deine Firma zu demütigen. Im Gegenteil, ich denke, als Anteilseignerin müsstest du dich über die Fusion freuen, denn dadurch wirst du am Ende sehr wohlhabend sein.“

„Geld ist wohl das Wichtigste für einen knallharten Macho wie dich?“, fragte sie spitz.

„Ich bin kein knallharter Macho.“

„Entschuldige, ich wollte nicht unhöflich sein. Mich interessiert nur, was für ein Mensch du bist.“

Irgendetwas in ihrer Stimme irritierte Dec. Verheimlichte sie ihm etwas? Vielleicht hatte sie erkannt, dass ein Abschiedskuss nicht ausreichen würde, um ihn zu vergessen. Er jedenfalls würde sich nicht mit einer bloßen Umarmung begnügen.

„Dabei kann ich dir nur viel Erfolg wünschen“, sagte er kühl. „Jedenfalls habe ich genügend Geld, um ein komfortables Leben zu führen. Die meisten Menschen streben nach Reichtum und können nicht genug davon kriegen.“

„Das weiß ich doch alles. Aber ich hasse Veränderungen.“

Damit hatte er kein Problem, denn er wusste, dass das Leben nur aus Wandel bestand. Leute, die es sich zu gemütlich machten, konnten schnell in die Situation kommen, in der Cari sich momentan befand. „Wenn es um die Belegschaft geht, bin ich keineswegs ein Unmensch. Machst du dir etwa deswegen Sorgen?“

„Dec, sobald du irgendwo auftauchst, läuten alle Alarmglocken. Ich, zum Beispiel, wollte heute Morgen kompetent und selbstbewusst auftreten. Stattdessen lasse ich es zu, dass du mich küsst.“

„Du gefällst mir so, wie du bist“, sagte er, ganz der Gentleman.

Sie schenkte ihm ihr typisches betörendes Lächeln, das ihn einst dazu bewogen hatte, auf dem weitläufigen Areal der Atlanta Messe GmbH ausgerechnet an ihren kleinen Ausstellungsstand zu treten. Caris Lächeln glich einem süßen Versprechen und bewirkte, dass ein Mann alles daransetzte, es ihr zu entlocken.

„Das begrüße ich, denn ich bin zu alt, um mich zu verändern“, sagte sie.

Er lachte. In seinen Augen war sie blutjung und entsprechend naiv. „Wenn du alt bist, kann man mich ja schon als Fossil bezeichnen.“

Sie musterte ihn anerkennend. „Dir jedenfalls kann das Älterwerden nichts anhaben. Was den Job betrifft, hast du dir allerdings viel vorgenommen. Meine Assistentin kann uns beiden helfen, wenn es niemanden gibt, der dir zuarbeitet.“

„Ich habe keinen Mitarbeiter, und es erspart uns Mehrausgaben, wenn wir die vorhandenen Kräfte nutzen.“ Dec arbeitete lieber allein, denn nicht jedem war es in die Wiege gelegt, bei Firmenfusionen positiv mitzuwirken. Man musste in der Lage sein, sein Leben in unabhängige Bereiche aufzuteilen, und was diese Fähigkeit betraf, war er unübertroffen.

„Kostenersparnis ist wohl dein Hauptanliegen?“, fragte sie.

Ihr Ton offenbarte Skepsis, doch darauf konnte er keine Rücksicht nehmen. Hier ging es um Betriebswirtschaft, nicht um Emotionen. Wenn ein bestimmter Bereich nicht gewinnbringend wirtschaftete, musste er abgewickelt werden. Infinity Games hatte, wohl eher aus Mitleid denn aus finanzieller Vernunft, mehrfach falsche Entscheidungen getroffen, was im Endeffekt zur Krise des Unternehmens beigetragen hatte. Und er war genau der Richtige, um den Laden aufzuräumen.

„Sicher, wie sollte ich sonst vorgehen? Es geht letztlich immer um den Profit. Euer Defizit war der Grund, wieso wir deine Firma überhaupt akquirieren konnten.“

„Als Geschäftsführerin fühle ich mich nicht nur dem Nettogewinn verpflichtet. Ich finde es gut, wenn meine Truppe produktiv ist.“

„Vielleicht hättest du mehr auf den Reinerlös achten sollen“, gab er zu bedenken.

Cari hatte nicht widersprochen, als er sie als Mittelpunkt des Unternehmens bezeichnet hatte. Erfahrungsgemäß gab es hierbei meist eine emotionale Komponente. Er vermutete, dass sie einen Umgangsstil der offenen Tür pflegte mit der Folge, dass sie ihren Mitarbeitern nichts abschlagen konnte. Doch das bedeutete auch, dass sie beide in professioneller Hinsicht absolut gegensätzlicher Meinung waren.

Was er von ihr wollte, hatte mit dem Business nichts zu tun. Er würde seine Arbeit erledigen und sie nebenbei erobern. Für ihn waren das zwei völlig unterschiedliche Baustellen.

„Ich weiß nicht“, sagte sie nachdenklich. „Ich glaube schon, dass der Profit eine treibende Kraft sein muss. Aber die Leute müssen sich sicher fühlen, um ihr Bestes geben zu können.“

„Die Arbeit mit dir verspricht, sehr interessant zu werden. Ich habe das Gefühl, dich überhaupt nicht zu kennen.“

„Davon kannst du ausgehen“, antwortete sie. „Die meisten Männer sehen in einer Frau nur das, was sie sehen wollen.“

„Spannender Gedanke! Während du mich natürlich so siehst, wie ich wirklich bin?“

Sie wurde rot. „Tut mir leid. Ich verabscheue nur die Vorstellung, dass du über einer Personalakte sitzt und beschließt, die Stelle zu streichen, während ich den Mitarbeiter dahinter sehe, der versucht, sein Leben im Griff zu behalten.“

„Ich habe nicht vor, willkürlich Arbeitsplätze abzubauen. Wir werden uns genau anschauen, welche Bereiche Verluste einfahren. Dein Unternehmen wirft bei Weitem nicht so viel ab, wie es eigentlich könnte.“

„Das weiß ich. Wie du richtig gesagt hast, müssen wir zusammenarbeiten, um es wieder profitabel zu machen“, erwiderte sie und fasste nach der Türklinke. Er hatte den Eindruck, dass sie vor ihm fliehen wollte.

„Es tut mir leid“, sagte er sanft, denn er bedauerte, auf diese Weise wieder in ihr Leben zu treten. Ehrlich gesagt hatte er mit ihr gar nichts mehr zu tun haben wollen. Sie war nicht die Sorte Frau, mit der er üblicherweise eine Affäre anfing.

Das lag nicht nur daran, dass Cari das Herzstück ihrer Firma war. Sie war zudem sozial eingestellt, mitfühlend und viel zu zart besaitet für den Adoptivsohn des Ehepaares Montrose. Beau und Helene Montrose hatten bei ihrer Scheidung um den Jungen gestritten, bis seine Mutter den Kampf verloren hatte. Dann war er zu Thomas Montrose gekommen, der ihn zu einer Waffe im Krieg gegen die Chandlers umfunktionieren wollte.

„Es war klar, dass es nicht einfach sein würde“, sagte sie.

„Wie meinst du das?“

„Du hast mich sang- und klanglos verlassen und wahrscheinlich gedacht, dass wir uns nie wieder begegnen würden. Doch jetzt sind wir gezwungen zu kooperieren, und ich werde versuchen, so viel wie möglich von meinem Unternehmen zu retten, während du …“

„Ich werde tun, was ich am besten kann.“

„Und das wäre?“

„Ich will dieses Manöver für Playtone Games gewinnbringend durchführen und dich davon überzeugen, dass ich trotz allem ein netter Kerl bin.“

Cari betrat ihr Büro und wählte Emmas Nummer. Doch sie legte gleich wieder auf, denn die Zeiten, als sie bei jeder Kleinigkeit zu ihrer großen Schwester gerannt war, gehörten längst der Vergangenheit an. Sie war jetzt Mutter und entschied selbstverantwortlich, sowohl in beruflicher Hinsicht als auch im Privatleben.

Die Vorstellung, dass sich Dec nicht weit von ihr auf dem gleichen Flur aufhielt, erfüllte sie mit Unbehagen. Und der kleine DJ spielte unten im Kinderhort. Jetzt war sie von zwei männlichen Wesen umgeben, die größten Einfluss auf ihr Leben hatten. Einen davon hatte sie sich selbst ausgesucht, den anderen möglicherweise vom Schicksal zugeschanzt bekommen.

Sie schob den Gedanken beiseite und bestellte stattdessen ihre Assistentin zu sich.

Nachdem sie angeklopft hatte, streckte Ally ihren Kopf zur Tür herein. „Du hast mich gerufen?“

„Ja. Ich möchte, dass du ein Memo an die Belegschaft schickst. Darin soll stehen, dass Playtone Games unsere Firma übernommen hat und wir die Fusion in den nächsten sechs Wochen durchführen werden.“

„Geht in Ordnung. Sonst noch etwas?“ Ally stellte die Frage ohne Zögern oder Betroffenheit. Sie war zweiunddreißig, frisch verheiratet und hatte eben erst eine Hypothek für ihr neues Haus aufgenommen. Es war logisch, dass sie sich Sorgen machte.

„Gib allen Bescheid, dass Dec Montrose sie in den kommenden Wochen unter die Lupe nehmen wird. Jeder, der sich voll und ganz einbringt, braucht jedoch keine Angst zu haben.“

„Okay. Ich entwerfe eine E-Mail und schicke sie dir zur Ansicht“, sagte Ally.

„Vielen Dank. Übrigens, Ally, ich überlege, dich in die Finanzabteilung zu versetzen. Du bist für die Vertriebsbuchhaltung qualifiziert und wärst dann nicht mehr an meine Person gebunden.“

„Das ist nicht nötig.“

„Zu meinem Büro zu gehören könnte von Nachteil für dich sein“, warnte Cari.

„Wie du schon sagtest, habe ich nichts zu befürchten, wenn ich meinen Job ordentlich mache. Außerdem lasse ich dich nicht im Stich.“

„Danke. In diesem Fall wirst du sowohl für mich als auch für Dec arbeiten. Betrachte deinen Job ab jetzt als Assistenz für eine doppelte Führungsspitze.“

„In Ordnung.“

Als Ally gegangen war, lehnte Cari sich in ihrem Stuhl zurück und drehte sich in Richtung der raumhohen Glasfenster, die einen fantastischen Blick auf den Pazifischen Ozean boten. Sie atmete tief durch und ermahnte sich zu eiserner Disziplin, denn sonst würde Dec sie einfach überrennen. Und das durfte sie keinesfalls zulassen.

Ihre Bürotür wurde geräuschvoll geöffnet. Sie fuhr herum und sah, dass Jessi hereingekommen war. Sie hatte volles, schwarzes Haar, das sie schulterlang und über der Stirn als fransigen Pony trug. Links davon prangte eine tiefviolette Strähne, die nicht etwa ordinär wirkte, sondern ihre Durchsetzungsfähigkeit betonte.

„Na, wie läuft es bei dir?“, fragte Jessi und stellte einen Kaffeebecher vor Cari auf den Schreibtisch, bevor sie sich lässig in einen der pompösen Ohrensessel fallen ließ. Unter ihrem Armani-Jackett trug sie ein mit Strass besetztes Hemdchen und schmal geschnittene, schwarze Hosen über derben Lederstiefeln. Cari bewunderte den eigenwilligen Kleidungsstil ihrer Schwester.

„Vielen Dank für den Latte macchiato.“

„Ich dachte, du könntest ihn heute Morgen gebrauchen. Dank meines süßen Neffen kommst du bestimmt kaum dazu, dir selbst einen Kaffee zu besorgen. Also, was hat Dec gesagt?“

„Er setzt auf Angriff und will herauszufinden, wo wir gewinnbringend arbeiten können, um den restlichen Ballast abzustoßen.“

Jessi lehnte sich in ihrem Sessel zurück. „Das habe ich mir schon gedacht. Hast du überhaupt Einfluss auf ihn? Wie sollten wir deiner Meinung nach vorgehen?“

Cari wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Da Dec nun hier war und seine Familie im Unternehmen den Ton angab, wären ihre Schwestern eindeutig im Nachteil, sobald sich herumsprach, wer DJs wirklicher Vater war.

„Wie bitte, hat er dich etwa bedroht?“ Jessi sprang auf. „Ich habe einschlägige Erfahrung im Umgang mit dem Montrose-Clan.“

„Wirklich?“

„Bedauerlicherweise ja. Allan McKinney war Trauzeuge bei der Hochzeit von John und Patti McCoy.“

Cari erinnerte sich dunkel, dass Jessi eine der Brautjungfern bei der Trauung ihrer besten Freundin vor zwei Jahren in Las Vegas gewesen war. An Geschichten über Allan konnte sie sich in diesem Zusammenhang jedoch nicht entsinnen.

„Das war mir nicht bewusst.“

„Na ja, da wir mit seiner Familie im Clinch liegen, habe ich es vermieden, darüber zu reden. Außerdem ist Allan in mancher Hinsicht ein Vollidiot. Ich kann mir vorstellen, warum es böses Blut zwischen unseren Familien gibt. Wie dem auch sei, wenn ich dir irgendwie helfen kann …“

„Nein danke, das wird nicht nötig sein. Ich komme allein mit Dec zurecht.“ Dann fiel Cari ein, dass sie umgehend dafür sorgen musste, ihn bald als DJs Vater vorzustellen.

„Wir werden heute zusammen zu Abend essen.“

„Wirklich? Im Gegensatz zu Allan kann er demnach kein absoluter Langweiler sein.“

Cari lachte. Vielleicht würde die Welt ja doch nicht untergehen, wie sie es bis heute Morgen noch erwartet hatte. Egal, wie es mit Infinity Games weiterging, den Chandler-Schwestern würde nichts geschehen, auch wenn sie vielleicht ein paar Federn lassen mussten.

3. KAPITEL

Während Ally den Chefprogrammierer von Infinity aus dem Konferenzraum hinausbegleitete, rieb Dec sich seinen verspannten Nacken. Er sehnte sich nach einem anständigen Drink und einem unbeschwerten Abend, an dem er nicht über Personalabbau nachdenken musste. Die Probleme bei Infinity Games waren eindeutig hausgemacht, weil Cari ihrer Belegschaft zu viel Freiraum zugestand.

Doch im Moment spielte das keine Rolle. Es war kurz vor sechs, und da er zum ersten Mal seit einem halben Jahr eine Verabredung hatte, beschloss er, für heute Schluss zu machen.

„Guten Abend, Mr. Montrose“, grüßte der Wachmann, als Dec aus dem Aufzug stieg. Die Eingangshalle von Infinity Games atmete Firmentradition und Beständigkeit aus. An der Wand hingen, sorgfältig gerahmt, alle Auszeichnungen, die das Unternehmen seit seiner Gründung erhalten hatte. Er überflog die erste Urkunde, auf der Gregory Chandler und Thomas Montrose noch gemeinsam aufgeführt waren. Auf dem darauf folgenden Schriftstück über eine Kooperation mit dem japanischen Videospielgiganten Mishukoshi war Thomas jedoch namentlich schon nicht mehr genannt. Und so hatte der Konflikt seinerzeit angefangen.

Dec wandte sich dem Wachmann zu. „Guten Abend! Wie ist Ihr Name?“

Bei Übernahmen war es unerlässlich, mit jedem Namen auf der Gehaltsliste auch ein Gesicht verbinden zu können. Kell wollte die Belegschaft verschlanken, und zukünftig würde man nur noch einen Sicherheitsmann benötigen. Dieser hier sah aus wie ein Musterkandidat für den vorzeitigen Ruhestand.

„Frank Jones“, antwortete er. Seine Uniform war tadellos gebügelt, und trotz seines Alters wirkte er körperlich fit und gepflegt.

„Declan Montrose.“ Dec nahm einen festen Händedruck entgegen. Obgleich Frank schon graue Haare hatte, waren seine Umgangsformen nicht so angestaubt, wie Dec im ersten Augenblick vermutet hatte.

„Wer hat Sie eingestellt?“

„Ms. Cari. Sie hat gesagt, dass sie jemanden braucht, der den Job ernst nimmt.“

„Aus diesem Grund haben Sie die Stelle angenommen?“

„Ja. Und wegen ihres Lächelns.“

„Wegen ihres Lächelns?“

Frank nickte. „Wenn Ms. Cari jemanden anlächelt, hat man das Gefühl, der einzig Richtige für den Job zu sein. Das motiviert mich dazu, mein Bestes zu geben.“

„Sie ist wirklich etwas Besonderes“, bestätigte Dec. Allmählich dämmerte ihm, warum sie bei ihrem Team so beliebt war. Sie schaffte es, den Mitarbeitern ihre volle Wertschätzung zu vermitteln.

Sein Telefon klingelte, als er gerade in sein Cabrio eingestiegen war. Beim Blick auf das Display spürte er den Impuls, das Handy einfach aus dem Fenster zu werfen. Er hatte keine Lust, Kell Bericht zu erstatten, aber da dieser Mann sein Chef war und nicht nur sein Cousin, hatte es keinen Zweck, den Anruf zu ignorieren.

„Hier Montrose.“

Kell antwortete. „Hier ebenfalls. Steht es so schlecht, wie wir befürchtet haben?“

„Schlimmer noch. Die Belegschaft ist der Firma treu ergeben. Falls wir die Chandlers hinauswerfen, wird es vermutlich zum Aufstand kommen. Ich habe den Großteil des Tages damit zugebracht, mir Lobgesänge über sie anzuhören.“

„Das tut nichts zur Sache“, sagte Kell. „Wir wussten schon vorher, dass die Übernahme eine schmutzige Angelegenheit werden würde.“

„Ich werde versuchen, das Chaos in Grenzen zu halten, aber das geht nicht von heute auf morgen.“

Kell stieß einen leisen Fluch aus. „Du hast von sechs Wochen gesprochen.“

„Das gilt nach wie vor. Kontrollanrufe und Panikmache beschleunigen die Sache allerdings nicht.“

„Das ist mir klar. Ich habe mich gefragt, was mit der kleinen Chandler los ist, wie heißt sie noch gleich … Cari?“

Sie war nervös, sexy und hinreißend. Doch sein Cousin Kell war der Letzte, der davon etwas zu wissen brauchte. „Ich vermute, sie spielt nicht mit offenen Karten.“

„Wie bitte? Es gibt doch keinen anderen, ernsthaft interessierten Investor.“

„Ich bleibe dran. Aber mit irgendetwas hält sie hinterm Berg. Vielleicht geht es um eine ihrer Schwestern.“

„Du kümmerst dich weiter um Cari. Ich werde ebenfalls meine Fühler ausstrecken. Vielleicht kriege ich raus, was sie geheim halten. Ich glaube, Allans bester Kumpel ist mit der Busenfreundin der mittleren Tochter verheiratet.“

Allan kannte demzufolge Jessi Chandler, und wenn Dec sich nicht gründlich irrte, würde er selbst bald mit ihrer jüngeren Schwester zusammenkommen. Doch dieses Mal würde er … Was denn? Er war ein Adoptivkind der Montrose-Dynastie. Zuerst war er weggegeben, später adoptiert und am Ende sich selbst überlassen worden. Persönlich schätzte er sich als beziehungsunfähig ein. Was konnte er Cari schon bieten, abgesehen von einer flüchtigen Affäre?

Außer seinen Cousins und Playtone Games war für ihn bisher nichts anderes von Bedeutung gewesen. Im Alter von zwanzig Jahren hatte er zunächst eigene Wege gehen wollen. Doch dann hatte Kell sich gemeldet, und die Chance, Teil einer neuen Montrose-Generation zu werden, die Computerspiele produzierte, hatte Dec fasziniert.

„Bist du noch dran?“ Kells Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

„Ja, aber ich muss gleich los. Ich bin zum Abendessen verabredet.“

„Mit wem?“, fragte Kell.

Dec hörte im Hintergrund die Geräuschkulisse der Finanznachrichten, die Kell allabendlich am Bildschirm verfolgte. Was die Interpretation der Märkte anging, war er ein Genie.

Es erstaunte Dec immer wieder, wie gut die Montrose-Erben sich ergänzten. Jeder brachte seine individuellen Stärken ein. Er selbst war zwar kein gebürtiger Montrose, aber trotzdem ein wichtiger Teil ihres mächtigen Triumvirats bei Playtone Games.

„Ich gehe mit Cari zum Dinner“, antwortete er.

„Sehr gut. Ich hoffe, du findest heraus, was sie uns verheimlicht.“

Am Ende des Telefongespräches mit Kell musste er sich eingestehen, dass er vorhatte, Cari all ihre Geheimnisse zu entlocken. Er machte sich allerdings keine Sorgen, sie könnte ihm wichtige Informationen bezüglich der Übernahme vorenthalten. Seiner Meinung nach konnten die Chandlers ohnehin nichts mehr tun, um ihre Firma zu retten.

Der heutige Abend würde zeigen, ob zwischen ihr und ihm eine Verbindung bestand, die über Rache hinausging. Er verspürte den Wunsch, seine jetzige Gegnerin zu seiner zukünftigen Geliebten zu machen.

Aber am heutigen Abend wollte er nicht grübeln, sondern einfach nur Spaß haben.

Mit ihrem Sohn auf dem linken Arm und dem Handy in der rechten Hand stand Cari im Eingangsbereich ihres Hauses. Niemand würde es als Ausweichmanöver interpretieren, wenn sie das Dinner absagen würde. Doch dann griff DJ nach oben, zerrte am Kragen ihrer Bluse und plapperte los. „Mamama.“

Seufzend legte sie das Handy auf den Dielentisch und eilte zurück in die Küche, wo sie DJ in seinem Hochstuhl absetzte. „Was soll ich denn bloß machen, kleiner Mann?“

Wenn sie das Dinner absagen würde, wäre es mit Sicherheit nur ihrer Feigheit geschuldet. Sie fühlte sich jetzt viel ängstlicher, als sie es noch am Morgen gewesen war.

Dec im Büro zu begegnen, wo sie Businesskleidung trug und natürliche Autorität ausstrahlte, war etwas ganz anderes, als mit ihm auszugehen. Er hatte sie geküsst, und ihre körperliche Reaktion hätte um ein Haar ihr Geheimnis verraten. Sie musste ihm von DJ berichten, ehe er es selbst herausfand.

Es mochte durchaus sein, dass Dec sich im Moment noch von ihr angezogen fühlte. Aber sie wusste von früher, dass er ein Nomade war, der bald weiterziehen würde. Er hatte ihr selbst gesagt, dass er noch nicht für eine feste Beziehung bereit war. Zwar hatte sich in den letzten achtzehn Monaten, in denen sie getrennt gelebt hatten, viel verändert, aber sie konnte ihn nicht einfach mit DJs Existenz überrumpeln. Sie schuldete sich selbst, ihrem Sohn und auch Dec eine behutsamere Vorgehensweise.

Manche Geschehnisse ließen sich eben nicht mehr rückgängig machen.

Ihre Großmutter hatte ihr einmal gesagt, dass sich die Konstellationen veränderten, sobald ein neues Lebewesen in eine Gruppe eintrat.

Sie schaute ein letztes Mal in den Spiegel. Heute Abend sagst du es ihm.

Doch es würde nicht leicht werden, ihm reinen Wein einzuschenken.

Sie war weder herrschsüchtig wie Emma noch rebellisch wie Jessi, aber Feigheit konnte man ihr genauso wenig nachsagen. Zudem war es höchste Zeit, Dec über seine Vaterschaft zu informieren. Bis es so weit war, würde sie sich ihm gegenüber immer schuldig fühlen, denn er hatte ein Anrecht darauf, die Wahrheit zu erfahren.

„Ich gehe hin“, sagte sie lächelnd zu ihrem Sohn.

Er jauchzte und klatschte in die Hände. Sie freute sich über sein zahnloses Grinsen im breiverschmierten Gesicht. DJ war mit Sicherheit das süßeste Baby auf der ganzen Welt. Sie nahm ihn wieder hoch und trug ihn den Flur entlang in ihr Schlafzimmer. Dort breitete sie eine Decke auf ihrem Bett aus, legte den Kleinen ab und sicherte seine Position ringsherum mit einem Wall aus Kissen.

DJ knabberte friedlich an einem Keks, während Cari durch den Raum wirbelte und sich zurechtmachte. Bald würde Emma in Begleitung ihres Sohnes Sam eintreffen, um auf DJ aufzupassen.

Es klingelte, und auf dem Monitor war zu sehen, dass nicht nur Emma und Sam vor der Tür standen, sondern auch Jessi. Das passte Cari gar nicht, denn gerade heute wollte sie sich nicht mit beiden Schwestern auseinandersetzen. Sie fühlte sich momentan so unsicher und verängstigt, dass sie den starken Drang verspürte, Emma ihr Geheimnis zu verraten. Emma würde ihr verzeihen und …

Schluss damit.

Sie musste ihr Leben selbst regeln, auch wenn es leichter gewesen wäre, andere entscheiden zu lassen.

Sie drückte die Taste der Gegensprechanlage. „Kommt rein! Ich bin gerade im Schlafzimmer und ziehe mich um.“

Dann eilte sie zu ihrem begehbaren Kleiderschrank und griff nach einem Cocktailkleid im Retrolook.

„Zeig uns mal, was du anziehen willst“, rief Jessi, die schnurstracks in den Ankleidebereich gekommen war.

Cari drehte sich im Kreis, um ihre Garderobe zu präsentieren. Sie trug ein schmal geschnittenes, purpurrotes Kleid, das ihren hellen Teint leuchten ließ und ihre schlanke Taille betonte. Dazu hatte sie zuerst eine Kette aus schwarzen Perlen anprobiert, die sie geerbt hatte, nachdem ihre Eltern bei einem Bootsunfall ums Leben gekommen waren. Doch in letzter Sekunde hatte sie sich stattdessen für ihre Kette mit dem Amulett entschieden.

Jessi staunte. „Umwerfend, Darling! Bist du sicher, dass du zu einem rein geschäftlichen Dinner gehst?“

„Natürlich“, erwiderte Cari, obwohl sie spürte, wie ihr die Schamröte in die Wangen stieg. Sie glaubte sich selbst kaum. „Was soll es denn sonst sein? Er ist ein Montrose!“

„Vergiss das nur nicht“, sagte Jessi, als sie beide zurück ins Schlafzimmer gingen.

Emma hielt billigend ihre Daumen nach oben. „Du siehst klasse aus. Was sollst du nicht vergessen, Kleine?“, wollte sie wissen.

„Dass Dec in erster Linie mein Feind ist.“

„Dec?“

„So heißt er nun mal.“

„Sein Name ist Declan. Du hast ihn gerade so ausgesprochen, als ob …“

Emma musterte sie argwöhnisch. Es war Cari bewusst, in welchem Tonfall sie von ihm geredet hatte – nämlich so, als wäre er ihre Erlösung und gleichzeitig ihr Verhängnis. Bisher hatte sie ihm die aktive Rolle zugestanden. Aber in ihrem eigenen Interesse und dem ihres Kindes musste sie den Spieß heute Abend umdrehen und die Situation unter Kontrolle bringen.

Als sie sich Parfum aufsprühte, schielte sie hinüber zu ihren Schwestern. Sie schienen sich Sorgen zu machen, und Cari lächelte sie verlegen an, während sie ihre Frisur in Form zupfte.

Heute Abend würde sie Rebellin, Chefin und Engel in einer Person sein. Declan Montrose würde nicht verstehen, wie ihm geschah. Heute Abend würde sie als Siegerin vom Platz gehen.

Als sie im vereinbarten Restaurant in Marina del Rey ankam, wartete Dec bereits an der Bar auf sie. Er trug einen schwarzen Anzug und sah darin sexy und kultiviert aus. Die dunkle Garderobe verstärkte noch den Eindruck seiner Seriosität.

Er drehte sich in dem Moment zu ihr um, als sie sich ihm näherte.

„Ich habe im Spiegel gesehen, dass du hereinkommst“, erklärte er und hielt ihr einen Drink hin. „Soweit ich mich erinnere, bevorzugst du Gin Tonic.“

Sie stellte sich neben ihn an den Tresen. „Das tue ich immer noch. Doch da ich heute einen klaren Kopf behalten will, begnüge ich mich mit Tonic pur.“

Er orderte das gewünschte Getränk beim Barkeeper, der es ihr umgehend servierte. Cari nahm einen Schluck und beschloss, ihre Sorgen heute Abend zu vergessen. Auf irgendeine Weise würde sie Dec schon beibringen, dass sie ein Kind hatte.

„Wie ist es heute bei dir gelaufen?“, fragte sie.

„Ich möchte jetzt nicht über die Arbeit reden, sondern wissen, was du in letzter Zeit getrieben hast. Uns bleibt eine Viertelstunde, ehe wir essen können.“

Er führte sie an einen gemütlichen Zweiertisch in der hintersten Ecke des Lokals. Sie rutschte auf die Sitzbank und zerrte an ihrem Kleid, bis es ihre Beine wieder ordnungsgemäß bedeckte.

„Ich mache dich wohl nervös“, sagte er, als sie aufblickte.

Sie nickte. „Ja, wie schon bei unserem allerersten Treffen.“

„Liegt es daran, dass ich ein Montrose bin?“

Darüber brauchte sie nicht lange nachzudenken, denn sie hatte sich bereits tausendmal den Kopf über ihn zerbrochen. „Eher nicht. Du bist eben etwas Besonderes, du wirkst so selbstsicher und zielstrebig. In deiner Nähe merkt eine Frau sofort, dass sie höllisch auf sich aufpassen muss.“

„Du scheinst mit mir kein Problem zu haben“, sagte er.

Sie zuckte die Schultern. „Ich weiß ja, dass es ein paar Dinge gibt, die dich aus der Ruhe bringen. Aber nicht jede Situation erlaubt es mir, dich beispielsweise zu küssen.“

Er lachte überrascht auf, was sie schmunzeln ließ, denn Dec war prinzipiell eher ein ernsthafter Charakter. Wenn er einmal lächelte oder gar lachte, war das als eine Art Geschenk zu werten.

„Von mir aus darfst du es jederzeit probieren.“

„Das glaube ich dir gern. Erzähle mir etwas über Australien“, sagte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Das wäre geschäftlich.“

„Achtzehn lange Monate hast du nur gearbeitet? Das nehme ich dir nicht ab. Außerdem hast du dich in der Zwischenzeit verändert.“

Dec zögerte, ehe er antwortete, und trank von seinem eisgekühlten Scotch. „Möglicherweise liegt das daran, dass wir nach zehn Jahren harter Arbeit endlich unser Ziel erreicht haben.“

„Die Übernahme von Infinity Games?“

„Genau“, sagte er. „Ich schätze, darüber möchtest du nicht reden.“

„Nein, tatsächlich nicht. Ich hätte mir vorher genauer überlegen sollen, ob ich mit jemandem ins Bett gehe, der mich seit zehn Jahren hasst.“

„Ich habe nichts gegen dich“, sagte er.

„Wirklich nicht?“

„Das ist vorbei, ich habe den Kampf gewonnen. Jetzt geht es nur noch darum, das Schlachtfeld zu säubern und weiterzuziehen. Unser Interessenkonflikt ist vorbei.“

Aber in Caris Augen bestand er fort. Zum ersten Mal, seit sie DJ zur Welt gebracht hatte, erkannte sie, dass ihr Sohn möglicherweise der Hebel sein würde, den sie brauchte, damit Dec tat, was sie von ihm wollte. Allerdings schob sie den Gedanken weit von sich, denn sie würde ihren Sohn nie als Druckmittel benutzen. Dafür hätte sie sich verachtet.

Genauso unfair wäre es, ihm nichts von DJ zu sagen, auch wenn sie berechtigte Gründe dafür haben mochte. Dec erweckte nicht den Eindruck, an einer Familie interessiert zu sein. Und doch war sie es ihm schuldig, ihn selbst entscheiden zu lassen.

„Also, es gibt da etwas, das ich dir sagen sollte“, fing sie zögerlich an, da sie noch nach den passenden Worten suchte.

„Kell hat mich beauftragt, herauszufinden, was du vor uns verbirgst“, sagte er.

„Wie bitte?“ Woher wusste sein Cousin, dass sie etwas verschwieg? Hatte er erfahren, dass sie Decs Kind großzog?

„Ich habe ihm erzählt, dass heute alles gut gelaufen ist. Abgesehen davon, dass ich den Eindruck hatte, du würdest mir bestimmte Informationen vorenthalten“, erklärte er.

„Oh.“ Also gingen seine Vermutungen in Richtung der Firmenübernahme. Von allein würde er niemals den wahren Grund für ihre Geheimniskrämerei erraten, da es seiner männlichen Denkweise hierfür an Vorstellungskraft mangelte.

„Tja, Kell wird enttäuscht sein. Es handelt sich nämlich nicht um irgendwelche Betriebsgeheimnisse“, sagte sie äußerlich ruhig.

„Ich denke doch. Ein Wachmann hat mir erzählt, die Belegschaft würde für ein Lächeln von dir alles tun.“

Sie errötete. Dec musste mit Frank gesprochen haben.

„Frank übertreibt maßlos. Und überhaupt, wozu soll ich meine Leute deiner Meinung nach denn anstiften?“

„Zur Meuterei“, antwortete er.

„Du bist doch kein Schiffskapitän.“

„In mancher Hinsicht schon. Ich bin derjenige, der sie durch ein Meer voller Haifische in den nächsten sicheren Hafen steuert.“

„Ich dachte, du selbst bist der Hai.“

„Nur in deinen Augen, Cari.“

Aber da täuschte er sich, denn so dachte sie nicht über ihn. Sie griff nach seiner Hand und drückte sie sanft. „Die Akquisition wird schwierig werden, aber das werfe ich dir nicht vor, denn ich weiß, dass du nur deine Arbeit machst.“

„Was ist es dann?“

„Dass du mich verlassen hast.“ Sie hatte diese Worte zwar unbeabsichtigt ausgesprochen, erkannte aber gleich darauf, dass sie der Wahrheit entsprachen.

„Ich bin doch zurückgekommen.“

„Das stimmt schon. Aber ich bin mir nicht sicher, warum du hier bei mir bist. Du hast deine Neugierde auf mich doch bereits gestillt, oder?“

„Was dich angeht, bin ich nicht annähernd zufriedengestellt. Ich will mehr, und ich habe fest vor, es mir auch zu holen.“

4. KAPITEL

Dec überlegte fieberhaft, warum er Cari vor achtzehn Monaten noch so ganz anders eingeschätzt hatte. Sie gab sich neuerdings stark und selbstbewusst, was früher nicht ihr Stil gewesen war. Jetzt flirtete sie mit ihm und engagierte sich, um ihre Interessen durchzusetzen, wohingegen sie ihm damals die aktive Rolle überlassen hatte.

Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf wie eine späte Einsicht: Hätte sie sich in Atlanta schon so verhalten wie heute, wäre er mit Sicherheit bei ihr geblieben.

„Warum starrst du mich so an?“, fragte sie.

„Du bist eine bezaubernde Frau und müsstest es eigentlich gewohnt sein, dass Männer dich ansehen.“

Sie vermied es, ihm direkt in die Augen zu schauen. „Das passiert schon länger nicht mehr. Ich war zu sehr eingespannt.“

„Hast du in der Firma so viel zu tun gehabt?“ Angesichts der prekären Lage, in der Infinity Games sich befand, konnte er das kaum glauben.

„Es ist nicht nur die Arbeit. Mein Leben verläuft derzeit recht turbulent“, sagte sie vieldeutig.

„Was machst du denn in deiner Freizeit? Engagierst du dich etwa in der Wohlfahrt?“ Seine Mutter und seine Großmutter waren rund um die Uhr mit ehrenamtlichen Tätigkeiten beschäftigt gewesen.

„Du scheinst wenig davon zu halten, aber es gibt an einer ehrenamtlichen Tätigkeit wirklich nichts auszusetzen“, sagte sie.

„Ich weiß. Aber in meinem Umfeld hatten Frauen, die sich hauptsächlich um Benefizveranstaltungen gekümmert haben, kaum Zeit für ihre Familien.“

„Ach so, du meinst wohl deine Mom?“

Er räusperte sich. „Meine Mutter. Sie mochte keine Kosewörter.“

„Ernsthaft? Ich weiß so wenig über deine Vergangenheit. Deshalb habe ich ein wenig über dich recherchiert“, sagte sie augenzwinkernd. „Aber im Internet finden sich nur Artikel, die sich auf das Geschäft beziehen. Den Rest, vor allem deine Schwächen, musst du mir persönlich verraten.“

„Wer sagt denn, dass ich überhaupt welche habe?“, fragte er mit gespielter Verwunderung.

„Jeder Mensch hat Schwächen.“

„Sogar hübsche Blondinen wie du?“

„Was andere blonde Frauen betrifft, kann ich nichts sagen, aber ich persönlich habe definitiv einen schwachen Punkt.“

„Dann erzähl mir davon.“

„Vergiss es! Wir haben gerade über dich geredet.“

Seine Vergangenheit zu beleuchten würde keinerlei Schwächen aufdecken. Davon war er felsenfest überzeugt. Er war nur dann verletzlich, wenn er Gefühle investierte oder Angst vor Verlust hatte. Und im Moment hatte er nichts zu verlieren.

„Na ja, meine Eltern waren sehr mit sich beschäftigt. Mutter war wegen der Wohlfahrt viel unterwegs, und Vater ging ganz in seinem Bemühen auf, Großvater zu gefallen, indem er dessen Rachefeldzug gegen deine Familie anführte.“

„Sie werden sich doch bestimmt Zeit für dich genommen haben“, sagte sie ungläubig.

Wenn er nicht aufpasste, lief er Gefahr, dass das Ganze in eine rührselige Lebensgeschichte über ihn abdriftete, und eine mitfühlende Person wie Cari würde sie in sich aufsaugen wie ein Schwamm. Einen Augenblick lang überlegte er, ihre Gefühle zu seinem Vorteil zu nutzen, verwarf den Gedanken aber sofort. Er hatte es nicht nötig, an ihr Mitleid zu appellieren.

„Wir waren eine ganz normale Familie. Aber jeder lebte sein eigenes Leben, und das hat für uns funktioniert. Entschuldige, wenn mein Kommentar zum Thema Wohltätigkeit verbittert geklungen hat.“

„Kein Problem. Ich spende mehr Geld für gute Zwecke, als ich je zugeben würde, mache selbst aber nicht aktiv mit. Die meiste Freizeit verbringe ich zu Hause oder beim Shoppen im Internet.“

„Wirklich? Ich hätte dich für geselliger gehalten.“

„Das war ich auch einmal. Doch seit ihr angefangen habt, unsere Firma in die Zange zu nehmen, musste ich mich auf andere Dinge konzentrieren.“

„Und das tut mir gar nicht leid.“ Er lächelte anzüglich.

„Weil du die Chance hast, meinem Großvater endlich eins auszuwischen?“, fragte sie.

In gewisser Weise hatte Cari recht, aber ihm ging es mehr um den Sieg an sich als darum, eine alte Schuld zu begleichen. „In erster Linie bin ich deshalb glücklich darüber, dass wir gewonnen haben, weil ich jetzt mehr Zeit mit dir verbringen kann.“

„Man kann nun nicht gerade behaupten, dass du bei mir angeklopft hast und ich dich weggeschickt habe. Wie kommt es, dass du dich jetzt plötzlich für mich interessierst?“

Genau diese Frage konnte Dec nicht einmal sich selbst beantworten. Er wusste nur, dass sich nach seinem langen Auslandsaufenthalt etwas Grundlegendes an seiner Einstellung zum Leben verändert hatte.

„Vielleicht liegt es an deiner Persönlichkeit“, sagte er.

„Na klar. Verzeih mir, wenn ich dir das nicht abkaufe.“

„Seit du heute Morgen zur Tür hereingekommen bist, habe ich nur noch an unsere gemeinsame Nacht gedacht und es bitter bereut, nicht bei dir geblieben zu sein.“

Cari seufzte tief. „Weißt du, das hätte nur Komplikationen heraufbeschworen.“

„Mag sein. Aber ich bin sehr gut darin, Schwierigkeiten zu meistern.“

„Oh, ich denke, mein Problem hätte selbst dich umgehauen“, erwiderte sie.

„Um was ging es denn?“ Er hatte das Gefühl, dass sie aneinander vorbeiredeten, was seines Wissens daran lag, dass Männer und Frauen unterschiedlich kommunizierten. Doch das konnte nicht der einzige Grund sein.

„Ich frage mich, wie es hätte laufen können, wenn wir damals zusammengeblieben wären“, überlegte sie laut.

„Auf alle Fälle hätte ich Ärger mit meinen Cousins gekriegt.“

„Sich mit dem Feind einlassen.“ Sie klang wehmütig. „Das hört sich immer so romantisch an, nur dann nicht, wenn man seinen Schwestern Rede und Antwort stehen muss.“

„Ja, es wäre verdammt kompliziert gewesen. Möglicherweise habe ich uns einen Gefallen damit getan, zu verschwinden.“

„Es gibt kein uns“, ermahnte sie ihn. „Das hier ist ein Geschäftsessen und keine romantische Verabredung.“

„Der Kuss im Konferenzraum hat mich etwas anderes vermuten lassen.“

„Es ist schon eine Weile her, dass ich zuletzt jemanden geküsst habe. Bilde dir bloß nichts darauf ein“, sagte sie schnippisch.

Zu spät, dachte er, denn das tat er bereits. Cari hatte etwas Magisches an sich. Ihr umwerfendes Lächeln und ihre Küsse bewirkten, dass er sich fühlte, als wäre er der einzige Mann auf der ganzen Welt.

Er gab vor, betroffen zu sein. „Ich bin schwer gekränkt.“

„Es braucht bestimmt mehr als nur eine abfällige Bemerkung, um dein Ego anzukratzen.“

„Wie kommst du darauf?“

„Erst stürmst du dreist meine Firma, als ob zwischen uns nie etwas gewesen wäre. Dann teilst du mir mit, dass du einen Großteil meines Personals abbauen willst. Später küsst du mich hemmungslos und eröffnest mir danach, dass wir gemeinsam zu Abend essen. Ist das etwas anderes als die Beschreibung eines kolossalen Egoisten?“

Er trank einen Schluck von seinem Wein, damit sie nicht sah, wie sehr er sich amüsierte.

„Das liegt nicht nur an meinem Ego. Immerhin warst du einverstanden, mich heute Abend zu begleiten. Da fühlt sich ein Mann schnell als etwas Besonderes.“

Wenn Dec ehrlich war, musste er zugeben, dass seine Pläne nicht auf eine dauerhafte Beziehung mit Cari abzielten. Stattdessen wollte er es sich hier und jetzt so richtig gut gehen lassen.

Nach dem Essen entschuldigte Cari sich, um ihre Schwester anzurufen. Jessi war bestimmt schon längst gegangen, und Emma war allein mit den Kindern. Um diese Uhrzeit lag Cari normalerweise auf dem Sofa und shoppte online auf ihrem Tablet-PC, während das Baby in ihrem Arm schlummerte. Aber ihr war klar, dass Emma DJ nicht die ganze Nacht in den Armen halten würden so wie sie es tat.

„Wie geht es ihm?“, fragte sie, als sie Emma an der Strippe hatte.

„Er ist unruhig und ruft ständig nach dir. Eigentlich dachte ich, jetzt wäre seine Schlafenszeit.“

„Ich wiege ihn immer, bis er schläft“, erwiderte Cari.

„Das hatte ich befürchtet. Sam hat im Kinderzimmer Kissen ausgelegt und liest DJ vor.“

„Ich wusste gar nicht, dass Sam schon lesen kann“, sagte sie. Ihr Neffe war erst drei Jahre alt.

„Weißt du, er blättert nur die Seiten um und denkt sich zu den Bildern eine passende Geschichte aus. Im Moment zeigt er DJ Die kleine Raupe Nimmersatt.“

Cari kicherte und bedauerte es ein wenig, nicht bei den Kindern zu sein. „Dein Sohn ist so lieb zu ihm.“

„Sammy sehnt sich schon eine ganze Weile nach einem kleinen Bruder“, sagte Emma. „Für dieses Jahr hatten wir ein zweites Kind geplant.“

Sie schluckte betreten. „Es tut mir leid, Em.“ Der Ehemann ihrer Schwester war früh verstorben, was für alle ein riesiger Schock gewesen war. Danach hatte sich Emma Hals über Kopf in die Unternehmensleitung gestürzt, um den Schmerz zu betäuben. Ihr Sohn war wohl der Einzige, der ab und zu ihre menschliche Seite zu Gesicht bekam.

„Schon in Ordnung. Wie läuft das Dinner? Hat Declan irgendwelche Andeutungen gemacht?“

„Bis jetzt noch nicht. Wir wollen noch auf einen Schlaftrunk zum Jachthafen hinunter. Kannst du noch bleiben?“

„Eigentlich überlege ich gerade, DJ zu mir nach Hause mitzunehmen. Vielleicht schläft er auf der Fahrt ja ein. Du kannst ihn dann am Morgen von dort abholen, oder ich bringe ihn direkt in die Firmenkita.“

„Gut. Ich werde ihn heute Nacht vermissen.“

„Das schaffst du schon. Schau zu, dass du ein paar Hinweise aufschnappst, was sie als Nächstes vorhaben.“

„Ich werde mir Mühe geben“, sagte Cari. „Vielleicht komme ich heute Nacht noch bei dir vorbei.“

„Wie du willst. Pass auf dich auf!“

„Du auch.“ Nachdem sie aufgelegt hatte, eilte sie an ihren Tisch zurück.

„Können wir gehen?“, fragte Dec.

Sie nickte. Er stand auf und führte sie zum Lokal hinaus, indem er ihr die Hand auf den unteren Rücken legte und sie auf diese Weise vorwärtsdirigierte. Der Gang wäre ihr sicherlich leichter gefallen, wenn er sie nicht berührt hätte. Aber irgendwie mochte sie die Geste und seine Hitze, die durch den Stoff ihres Kleides hindurch auf ihre Haut ausstrahlte.

Sie erschauerte, als er seinen Zeigefinger an ihrem Reißverschluss entlanggleiten ließ.

„Ist dir kalt?“ Dec beugte sich zu ihr hinunter, um mit gesenkter Stimme zu ihr zu sprechen. „Dich zu berühren hat mir gefehlt.“

Cari war es genauso ergangen. Trotzdem blieb sie abrupt stehen. „Keiner hat dich zum Weggehen gezwungen“, bemerkte sie spitz.

„Ich habe mich bereits entschuldigt.“

„Gut, aber das verschafft dir keine weiße Weste. Ich sollte jetzt einfach gehen.“

„Ich dachte, du willst reden“, sagte er.

„Stimmt. Aber das kann ich nicht, wenn du mich weiterhin anfasst.“

„Ich wollte nur höflich sein“, protestierte er.

Ihr war bewusst, dass sie überreagiert hatte. Zu lange hatte kein Mann sie mehr berührt, deshalb spürte sie jetzt ein umso stärkeres Verlangen danach. Sie hatte keine Ahnung, ob ihre Reaktion hormonell bedingt oder einzig und allein von Dec ausgelöst worden war.

Er gab dem Butler den Abholschein für sein Cabrio. „Bleibt es dabei, dass wir mein Auto zum Hafen nehmen und später noch einmal herkommen wegen deines Wagens?“

Sie bejahte in der Hoffnung, dass sich in der Hafenkneipe die Gelegenheit ergeben würde, über DJ zu sprechen. Andererseits haderte sie damit, Dec überhaupt zu informieren, denn sie zweifelte daran, dass er bereit dazu war, die Vaterrolle zu akzeptieren.

„Das ist mein Auto.“

„Ein Sportwagen?“, fragte sie ungläubig.

„Ja, ich stehe auf schnelle, schicke Autos.“

„Warum überrascht mich das nicht? Hast du dir je darüber Gedanken gemacht, was du tun wirst, wenn du einmal eine Familie hast?“

„Das habe ich in absehbarer Zeit nicht vor.“ An seinem ruhigen Blick erkannte sie, dass er die Wahrheit sagte.

„Oh“, sagte sie verblüfft.

„Ich bin eher ein Einzelgänger“, erklärte er.

Ernüchtert stieg sie ein. Was sollte sie jetzt tun? Ganz egal, was er wollte oder was sie sich wünschte – Tatsache blieb, dass er einen Sohn hatte und sie dessen Mutter war. Der Anstand erforderte es, dass sie es ihm sagte.

Ihre Fantasievorstellung, dass Dec auf die Knie fallen und ihr und DJ seine Liebe gestehen würde, war jedenfalls restlos zerstört. Sie musste sich von ihren Träumen verabschieden und sich dem wahren Leben mit all seinen Widrigkeiten stellen.

„Alles in Ordnung?“, fragte er.

„Ja, natürlich“, antwortete sie. Auf dem Weg zum Hafen flog die Landschaft in Windeseile an ihr vorüber. Cari lauschte dem Bluessong, der aus dem Radio erklang. Das Lied handelte von enttäuschten Gefühlen, und obwohl sie Dec nicht liebte, fühlte auch sie sich, als hätte man ihr das Herz gebrochen. Zum ersten Mal in ihrem Leben erkannte sie, dass ein Traum genauso zerbrechlich war wie eine Seele.

Dec war Mitglied der Marina, da er eine Jacht bewohnte, die hier vor Anker lag. Er bezweifelte allerdings, dass Cari mit einem Drink auf der Big Spender einverstanden wäre. Sein Cousin Allan hatte den Namen für das Boot ausgesucht – eine ironische Anspielung darauf, dass Dec eine Schwäche für teures Männerspielzeug hatte.

Sie betraten das exklusive Lokal des Jachtclubs, und er ging ihr voraus an einen abgelegenen Tisch auf der Außenterrasse. Als der Kellner kam, bestellten sie zwei Tassen koffeinfreien Mokka.

„Anscheinend habe ich etwas gesagt, was dich verärgert hat“, meinte er.

Sie atmete tief durch. „Ich muss dir etwas Wichtiges mitteilen, Dec.“

„Schieß los!“

„Na ja, es ist nicht so einfach, wie ich es mir vorgestellt hatte“, sagte sie.

Allmählich machte er sich Sorgen. Was für komplizierte Dinge hatte sie ihm nur zu berichten?

„Bist du etwa verheiratet?“

„Nein. Ich würde nicht mit dir ausgehen, wenn ich einen Partner hätte“, erklärte Cari. „Eine Bindung hat für mich einen hohen Stellenwert.“

„Auch mir bedeutet eine Beziehung sehr viel. Deshalb lasse ich mich erst gar nicht darauf ein.“

„Tatsächlich? Hast du schon einmal schlechte Erfahrungen gemacht?“

„Ja.“

Autor

Katherine Garbera

Katherine kann sich nichts Schöneres vorstellen, als zu schreiben. Jedes Buch gibt ihr die Gelegenheit, die unterschiedlichen Verhaltensmuster der Menschen hervorzuheben. Leidenschaftliche Liebesromane zu verfassen, bedeutet für sie die Verwirklichung eines Traumes.

Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann, den sie in "Fantasyland" kennenlernte, und den beiden gemeinsamen Kindern in Florida.

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