Julia Collection Band 184

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Alles nur gefakt? Die süßen Großstadt-Singles Phoebe, Kate und Bella lassen sich auf ein gewagtes Spiel ein: Jede von ihnen täuscht eine Beziehung mit einem attraktiven Mann vor – doch mit Gefühlen sollte man niemals spielen!

Miniserie von Jessica Hart

EROBERUNG IM SCHLOSS
Um nicht allein auf die Hochzeit ihres Ex-Freundes zu fahren, bittet Phoebe den attraktiven John, ihren Verlobten zu spielen. Doch dann küsst er sie beim Champagnerempfang leidenschaftlich! Spielt John seine Rolle nur so überzeugend, dass er sogar sie damit täuscht?

SEHNSUCHT NACH ZÄRTLICHEN KÜSSEN
Nach einer hinreißenden Verabredung fällt es Kate schwer, bei der Arbeit zu vergessen, wie charmant ihr Chef Finn McBride sein kann. Und dann bittet er sie, vorübergehend bei ihm einzuziehen und seine Verlobte zu spielen. Ihr erster Probekuss ist zärtlich, der zweite leidenschaftlich – wo wird das enden?

VERLOBUNG AUF DEN SEYCHELLEN
Wie lange wird Bella auf den Seychellen ihre Gefühle verbergen können? Im Inselparadies soll sie die Verlobte ihres Studienfreundes Josh spielen – zum Schein natürlich! Dabei hat Josh längst etwas in ihr ausgelöst, das gegen jede Abmachung verstößt …


  • Erscheinungstag 28.04.2023
  • Bandnummer 184
  • ISBN / Artikelnummer 8007230184
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Jessica Hart

JULIA COLLECTION BAND 184

1. KAPITEL

„Mallory hat dich verlassen?“ Josh senkte die Wasserflasche und blickte John überrascht an.

„Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, stimmt’s?“ John setzte sich mit dem Rücken zur Eiswand und zog seine Jacke an. Er war ins Schwitzen gekommen, als er den letzten Hang hochgeklettert war, aber in dieser Höhenlage kühlte man schnell aus. „Normalerweise ist es umgekehrt!“

Josh verzog das Gesicht. „Tut mir leid, das zu hören. Ich habe Mallory immer gemocht. Und ihr habt anscheinend gut zusammengepasst.“

„Das habe ich auch gedacht“, sagte John sarkastisch. „Mallory ist eine ganz besondere Frau. Superklug und schön und unabhängig … Ich habe wirklich geglaubt, sie würde anders sein.“ Er klopfte mit dem Eispickel gegen sein Steigeisen, um die Eisklumpen zu lösen. „Aber dann ist das alte B-Wort plötzlich aufgetaucht, und ich wusste, dass es der Anfang vom Ende war.“

„Was für ein Wort?“

„Bindung.“ John sah sich mürrisch die spektakuläre Aussicht an. Sie hatten auf einem vereisten Vorsprung hoch oben auf dem Berg Halt gemacht, um auszuruhen. Der Gipfel war noch ziemlich weit entfernt, man hatte jedoch Ausblick auf die kleineren Berge, die sich bis zum Horizont erstreckten. John liebte die Berge. Die Luft war sauber und rein, und nur der eiskalte Wind verursachte Lärm.

John war froh, dass Josh ihn angerufen und eine Bergtour vorgeschlagen hatte. Es war schön, hier oben zu sein, wo alles einfach und keine weinerliche Frau in Sicht war.

Zweifellos war es eine nette Abwechslung.

„Warum sind Frauen so von Bindung besessen?“, fragte John. „Am Anfang behaupten sie alle, unabhängig zu sein und sich nur amüsieren zu wollen, aber man hat schon Glück, wenn sie beim dritten Date nicht die Hochzeit planen!“

„Du und Mallory seid länger als drei Dates zusammen gewesen“, sagte Josh. „Fast ein Jahr, richtig?“

„Genau!“, murrte John. „Wir sind prima miteinander ausgekommen, alles war in Ordnung. Warum musste sie es verderben?“

„Was hat sie denn gesagt?“

„Anscheinend bin ich ‚völlig bindungs- und beziehungsunfähig‘.“ John malte zur Betonung die Anführungszeichen in die Luft. „Laut Mallory habe ich sie nur als Teil eines Smörgåsbords aus Frauen betrachtet.“

Josh sah ratlos aus. „Eines was?“

„So ein kaltes Büfett, bei dem alle Speisen auf einem langen Tisch angerichtet sind und man sich alles nimmt, was man mag.“

„Stimmt“, sagte Josh, so klug wie zuvor.

„Mallorys Theorie ist, dass ich mit Frauen umgehe wie mit verschiedenen Gerichten: Selbst wenn ich eine finde, die ich wirklich mag, begnüge ich mich nicht mit ihr, weil ich mich immer frage, ob es vielleicht weiter den Tisch entlang eine gibt, die ich noch lieber mag.“ John stieß einen Schrei der Empörung aus. „Hasst du es nicht auch, wenn eine Frau dich analysiert?“

Josh antwortete nicht sofort. Wegen der Sonnenbrille, die seine Augen vor dem grellen Licht schützte, war seine Miene nicht deutbar, während er über Mallorys Theorie nachdachte. „Aber sie hat Recht, stimmt’s?“, sagte er schließlich.

„Auf wessen Seite stehst du eigentlich?“

„Du bist derjenige, der sie eine kluge Frau genannt hat.“

„Ich mag eben Frauen“, verteidigte sich John. „Was ist daran auszusetzen?“

„Nichts.“

„Und die Frauen mögen mich.“ John blickte finster drein. „Ich liebe Frauen. Zu behaupten, ich könne keine richtige Beziehung eingehen, ist lächerlich!“

„Sagt Mallory das?“

„Sie meint, ich könne nicht mit einer Frau befreundet sein. Ist das zu glauben?“

„Ja.“

„Was soll das heißen?“, fragte John, bestürzt über die ruhige, kompromisslose Antwort. Josh war manchmal so … so … britisch!

Josh prüfte die Seile. „Hast du schon einmal eine gute platonische Beziehung zu einer Frau gehabt?“

„Sicher.“

„Wann?“

„Wann? Tja, lass mich nachdenken … wann …“ John durchforstete hektisch sein Gedächtnis. „Okay, im Moment fällt mir keine ein“, musste er zugeben. „Aber ich hatte bestimmt schon einmal eine platonische Freundin.“ Er ging in die Offensive. „Ich wette, dir fällt auch keine ein.“

„Doch“, erwiderte Josh gelassen. „Bella gehört zu meinen besten Freunden, wahrscheinlich ist sie sogar mein ‚bester Freund‘. Wir haben zusammen studiert und stehen uns seitdem nahe.“

„Und du hast niemals mit ihr geschlafen?“

„Nein.“

„Aber du wolltest es.“

Josh schüttelte den Kopf. „Nein, das würde unsere Freundschaft verderben. Bella hat immer irgendeinen Mann im Schlepptau, und ich habe Partnerinnen. Mit ihr ist es anders. Ich ziehe vor, was wir beide haben. Ich kann mit niemandem sonst so gut reden wie mit Bella. Wir verstehen uns. Es hat nichts mit Sex zu tun. Du könntest niemals so mit einer Frau befreundet sein, John.“

„Wollen wir wetten?“

„Okay.“

„Okay?“

Josh band das Seilende los und lehnte sich an den Felsen. „Ich wette mit dir um zehntausend Dollar, zu spenden an eine Wohltätigkeitsorganisation deiner Wahl, dass du nicht mit einer Frau befreundet sein kannst.“

John lachte. „Zehntausend Dollar? Du machst Witze, stimmt’s?“

„Du kannst es dir leisten.“

„Ja. Du auch?“

„Ich glaube nicht, dass ich das muss“, erwiderte Josh aufreizend gelassen.

John war kein Mann, der so eine Herausforderung ablehnte. Er kniff die Augen zusammen. „Befreundet sein ist ziemlich subjektiv, richtig? Wie wollen wir entscheiden, ob es mir gelungen ist oder nicht?“

Josh wickelte einen Energieriegel aus und kaute eine Weile nachdenklich. „Was hältst du davon, einige Wochen in London zu verbringen?“

„Das wäre wohl kein Problem“, sagte John, durch die unlogische Antwort auf seine Frage aus dem Konzept gebracht. „Ich kann an dem dranbleiben, was hier vorgeht, wo auch immer ich bin.“ Geistesabwesend nahm er den Riegel, den Josh aus seinem Rucksack zog und ihm hinhielt. „Eigentlich passt es mir sogar ganz gut. Ich will die europäischen Geschäftsbeziehungen ausbauen, und wegen dieser Sache mit Mallory hätte ich nichts dagegen, eine Zeit lang das Land zu verlassen. Ich kann gut darauf verzichten, mich mit ihr darüber zu streiten, wer was bekommt!“

„Okay.“ Josh nickte. „Bella wohnt zusammen mit drei anderen Frauen in einem Haus in Südlondon. Eine von ihnen heiratet bald, also wird ein Zimmer frei. Ich glaube, ich könnte dich bei ihnen unterbringen. Das wäre ein echter Test! Wenn Bella, Kate und Phoebe dich nach sechs Wochen mir gegenüber als wahren Freund bezeichnen, nennst du die Wohltätigkeitsorganisation, und ich schicke den Scheck.“

John sah skeptisch aus. „Wie sind sie denn so?“

„Es sind drei durchschnittliche, sehr nette, freundliche Frauen.“

„Und das ist alles? Ich wohne einfach sechs Wochen bei ihnen und bin ihr Freund?“

„Eine Bedingung noch“, sagte Josh. „Du musst inkognito bleiben. Für dich haben sich schon zu viele attraktive, erfolgreiche Frauen fast umgebracht. Mallory ist Psychologin, und davor hattest du die Fernsehmoderatorin und das Model … wie hieß sie noch gleich? Die nur aus Beinen bestand?“

„Verona.“

„Genau.“ Josh erlaubte sich, einen Moment lang an ihre sensationellen Beine zu denken. „Der springende Punkt ist, dass du verwöhnt bist“, sprach er weiter. „In London wird das anders sein. Die Mädels werden nicht über dich Bescheid wissen, deshalb kannst du sie weder beeindrucken noch ihre Zuneigung kaufen. Du musst einfach du selbst sein, und wenn du unter diesen Umständen nicht mit ihnen befreundet sein kannst, hast du eben zu akzeptieren, dass Mallory recht hat.“

Johns Miene war unergründlich, während er den Horizont betrachtete. Er dachte an seinen Vater, der inzwischen bei Ehefrau Nummer vier angekommen war. John kam sehr gut mit seinem Vater aus, aber er wollte nicht so wie er sein. Er hatte zu viele Frauen gesehen, die in Tränen aufgelöst gewesen waren, weil sich herausgestellt hatte, dass sie sich unter Bindung etwas ganz anderes vorstellten als sein Vater.

Dagegen war John stolz darauf, niemals Versprechen zu geben, die er nicht halten konnte. Er machte seinen Partnerinnen immer klar, dass er kein ewiges Glück zu bieten hatte. Und er verstand nicht, was so falsch daran war, ehrlich zuzugeben, dass er in der Gegenwart leben wollte, ohne sich an eine Zukunft zu binden, zu der er nicht bereit war.

Aber das bedeutete nicht, dass er nicht mit einer Frau befreundet sein konnte! Er akzeptierte einfach nicht, dass er eine ähnliche Einstellung wie sein Vater haben sollte. So eine Freundin wie Josh sie hatte, besaß er nur deshalb nicht, weil die meisten Frauen, die er kannte, lieber Ehefrauen als Freundinnen sein wollten.

Er würde Josh, Mallory und seinem Vater beweisen, dass er sehr wohl eine auf Freundschaft beruhende Beziehung zu einer Frau aufbauen konnte. Er würde die Wette annehmen.

„Zehntausend Dollar?“, vergewisserte er sich.

„Zehntausend.“

„Und ich suche die Wohltätigkeitsorganisation aus, an die das Geld geht?“

„Nur wenn du gewinnst. Sonst tue ich es.“

„Okay.“ John hielt Josh lächelnd die Hand hin. „Abgemacht!“

Phoebe ließ sich aufs Sofa sinken, schleuderte die Schuhe weg und legte seufzend die Beine hoch. „Meine Füße bringen mich um! Erinnert mich daran, keine Pumps mit Stilettoabsätzen anzuziehen, wenn ich das nächste Mal zu einer Hochzeit gehe!“

„Aber sie sehen fantastisch aus“, sagte Bella, die Teebecher austeilte. Nachdem sie den ganzen Tag Champagner getrunken hatten, war ihnen allen klar geworden, dass sie eigentlich nur Tee wollten. Es war ein trauriger Moment gewesen. „Wer schick sein will, muss eben manchmal leiden.“

Kate nahm dankbar ihren Tee entgegen. Sie lümmelte sich in einen der Sessel und ließ die Beine über eine Armlehne baumeln. „Wenn ich ständig so schick sein müsste, wäre ich völlig erschöpft. Ich hatte keine Ahnung, wie vornehm die Hochzeit sein würde. Habt ihr einige der Frauen dort mal unter die Lupe genommen? Es muss ein Vollzeitjob sein, so auszusehen! Ich bin mir unelegant vorgekommen, als wäre ich eine dieser peinlichen Verwandten, die man einladen muss und mit denen niemand sprechen will.“

„Ich weiß“, sagte Phoebe finster. „Sie haben sich alle nicht überrascht gezeigt, dass wir drei gemeinsam nicht einen einzigen Partner auftreiben konnten.“

„Oh, hört auf, so schlimm war es nicht“, widersprach Bella. „Mir hat es gefallen. Ich liebe schicke Hochzeiten. Falls ich jemals heiraten sollte, mache ich es genauso wie Caro – feudale Kirche, Empfang in einem Nobelklub, Hunderte von Gästen, die alle unglaublich stilvoll aussehen.“

„Dann besorg dir besser neue Freunde.“ Phoebe hatte einen Vollkornkeks im Mund und sprach ziemlich undeutlich. „Wenn du ein Modediktat verhängst, kann die Hälfte von uns nicht kommen. Kate, Josh und ich werden vor der Kirche campen, damit wir einen flüchtigen Blick von dir erhaschen, wenn du vorbeirauschst.“

Bella lachte. „Ach, Josh versteht es, sich in Schale zu werfen, und für euch beide finde ich bestimmt eine dunkle Ecke.“

„Sag deinem Vater, er soll sofort anfangen zu sparen“, sagte Kate. „Die Hochzeit heute muss eine Stange Geld gekostet haben.“

„Ich denke, Anthony hat etwas dazugegeben. Es ist ja nicht so, als könnte er es sich nicht leisten!“

„Also ich hätte lieber eine traditionelle Hochzeit auf dem Land. Nur Familie und gute Freunde und ein Zelt im Garten meiner Eltern, so dass wir von der Dorfkirche zu Fuß zurückgehen können. Meine beiden kleinen Nichten werden Brautjungfern sein. In Taftkleidern mit Puffärmeln würden sie entzückend aussehen und …“ Kate sprach nicht weiter, als sie bemerkte, wie Phoebe und Bella sie anblickten. „Natürlich habe ich mir noch nicht groß Gedanken darüber gemacht“, erklärte sie schnell, hatte aber den Anstand, rot zu werden.

„Natürlich nicht!“, sagte Bella. „Was ist mit dir, Phoebe? Wünschst du dir Großstadtschick oder die perfekte Bauernhochzeit?“

Phoebe konzentrierte sich darauf, Kekskrümel von ihrem Kleid zu klopfen. „Keins von beiden. Ich halte es für das Beste, durchzubrennen und heimlich, still und leise zu heiraten, damit man nichts planen muss. Dann wüsste ich zumindest, dass der Bräutigam erscheint.“

„Tut mir Leid, Phoebe“, sagte Bella zerknirscht. „Ich hatte vergessen, dass du das alles schon durchgemacht hast.“

Phoebe zuckte die Schultern. „Es ist ja schon über ein Jahr her.“

Sechzehn Monate, drei Wochen und vier Tage.

Nicht, dass sie zählte.

„Und wir waren eigentlich noch nicht dazu gekommen, die Hochzeit zu planen, bevor Ben es sich anders überlegt hat.“

Kate und Bella schwiegen taktvoll. Sie wussten sehr gut, dass es eine Jugendliebe gewesen war und Phoebe höchstwahrscheinlich die meiste Zeit ihres Lebens damit verbracht hatte, an den Tag zu denken, an dem Ben und sie heiraten würden. Zumindest hatten ihre Eltern noch keine Einladungen verschickt. Ihr war die Demütigung erspart geblieben, Geschenke zurückzugeben und mitfühlende Briefe zu beantworten, aber natürlich hatten es alle gewusst.

Phoebe nahm ihren Teebecher hoch. „Jedenfalls glaube ich nicht, dass eine von uns jetzt schon panisch ihre Hochzeit planen muss. Es ist ja nicht so, als wollten uns Horden von Männern unbedingt zum Altar zerren.“

„Nein.“ Bella und Kate seufzten.

„Allmählich vermute ich, dass irgendetwas mit diesem Haus nicht stimmt“, sprach Phoebe weiter. „Es ist, als hätte es eine Männer abweisende Aura! Meint ihr, ich sollte es verkaufen?“

Kate und Bella setzten sich alarmiert auf. „Nein!“

„Mir gefällt es hier“, beteuerte Kate.

„Mir auch“, sagte Bella. „Und wir könnten es uns niemals leisten, irgendwo anders so nett zu wohnen.“

„Aber das mit der Aura verstehe ich, Phoebe“, versicherte Kate ihr. Sie wurde fröhlicher. „Das erklärt vielleicht, warum Seb in letzter Zeit so seltsam war. Ich denke, wir sollten Feng-Shui probieren, bevor du irgendetwas Drastisches unternimmst“, redete sie schnell weiter, damit Phoebe nicht mit den anderen möglichen Gründen anfangen konnte, warum Seb abtrünnig geworden war. „Ein Bekannter von mir macht das. Anscheinend wird schon alles besser, wenn man seine Möbel ein bisschen umstellt und die Klobrille unten lässt, so dass die bösen Geister nicht ins Haus kommen.“

„Tja, das sollte ohne Kerle im Haus kein Problem sein“, sagte Phoebe niedergeschlagen.

„Kate hat Recht“, meinte Bella. „Mit dem Feng-Shui vielleicht nicht, aber damit, nicht zu verkaufen. Es ist ein schönes Haus, und ich will nicht ausziehen. Allerdings muss ich zugeben, dass es ohne Caro nicht mehr das Gleiche sein wird. Ich hätte nicht geglaubt, dass sie so egoistisch sein und uns verlassen würde, nur um zu heiraten!“

„Ich weiß. Was kriegt sie denn schon dafür?“ Phoebe umfasste mit einer ausladenden Handbewegung die schäbige Küche, die wie immer in chaotischem Zustand war. „Warum wollte Caro all dies für ein großes Haus in Fulham, eine Putzfrau und einen Ehemann aufgeben, der sie abgöttisch liebt?“

„Keine Ahnung“, sagte Kate loyal. „Das würde mir nicht im Traum einfallen. Vielleicht vermisst sie uns ja so, dass sie zurückkommt?“

„Damit sollten wir nicht rechnen.“ Phoebe seufzte. „Ich weiß, dass sie schwer zu ersetzen ist, aber ich muss jemand anders für ihr Zimmer finden, oder ich kann die Hypothek nicht bezahlen. Kennt ihr jemanden, der eine Unterkunft sucht?“

Beide schüttelten den Kopf. „Jedenfalls niemanden, mit dem ich zusammenwohnen möchte“, sagte Bella.

„Dann muss ich wohl inserieren.“

„Ich weiß nicht, ob das so gut ist“, sagte Kate nervös. „Wir könnten alle möglichen irren Typen kriegen. Erinnert ihr euch an diesen Film, in dem die neue Mitbewohnerin die erste ermordet und ihr Leben übernimmt? Vielleicht meldet sich so eine.“

„Oder schlimmer“, warnte Bella. „Wir könnten an jemanden geraten, der von Bauerntänzen besessen ist.“

Sie grübelten alle eine Weile darüber.

„Oder wir bekommen einen Putzteufel.“ Phoebe sah sich trübselig in der Küche um. „Das wäre gar nicht so schlecht.“

„Ich hatte einmal so eine Mitbewohnerin.“ Bella schauderte. „Sie war völlig neurotisch, was das Saubermachen anging. Überall in der Wohnung hingen selbstklebende Notizzettel mit Anweisungen, den Müll nach draußen zu tragen oder Staub zu wischen, und sobald man sich einen Tee gekocht hat, ist sie einem mit einem Untersatz durchs Haus gefolgt, bis man den Becher hingestellt hat. Es war unheimlich. Ich finde, mit einer Serienmörderin wären wir besser dran.“

„Ich verkaufe lieber das Haus.“ Phoebe seufzte.

„Was ist mit diesem Typ, über den Josh gesprochen hat?“, fragte Kate. „Hat er ihn dir gegenüber erwähnt, Phoebe?“

„Flüchtig.“ Phoebe trank ihren Tee aus und nahm sich noch einen Keks. „Wie heißt er noch gleich?“

Kate blickte an die Decke, während sie ihr Gedächtnis malträtierte. „John?“

„Stimmt. Aber er will nur vorübergehend irgendwo unterkommen, und wir brauchen einen Dauermieter.“

„Wenn er hier erst einmal einziehen würde, hätten wir Zeit, jemanden zu finden, den wir wirklich mögen“, sagte Kate.

Phoebe kaute unschlüssig. „Wir wissen nichts über ihn.“

„Wir wissen, dass er ein Freund von Josh ist.“

„Aber warum will er nur einige Wochen hier wohnen?“ Phoebe sah Bella an, die als Josh’ Freundin vermutlich mehr erfahren hatte.

„Ich bin nicht sicher. Josh hat sich ein bisschen unklar ausgedrückt. Ich weiß, dass sein Freund in Kalifornien lebt, aber das war’s auch schon. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass er in finanziellen Schwierigkeiten steckt und deshalb etwas relativ Billiges sucht.“

„Warum gibt er Geld für einen Flug nach London aus, wenn er knapp bei Kasse ist?“

„Möglicherweise will er einfach eine Zeit lang von zu Hause weg.“ Der Gedanke, noch jemand unter ihre Fittiche zu nehmen, heiterte Kate sichtlich auf. „Vielleicht ist ihm das Herz gebrochen worden, und er braucht Abstand, um seine Wunden zu lecken?“

„O ja, das ist wirklich sehr wahrscheinlich!“ Phoebe verdrehte die Augen. „Du lebst in Kalifornien, hast Sonnenschein und schöne Landschaft und denkst dir: ‚Ich muss mich aufmuntern, was mache ich nur? Ach, ich weiß, ich verbringe sechs Wochen in Tooting!‘ Nichts gegen Tooting, wir mögen es, aber ihr müsst doch zugeben, dass ein Vorort im Süden Londons nicht zu den Top Ten der Touristenziele zählt.“

„Warum er kommt, spielt keine Rolle“, sagte Bella sachlich. „Josh hätte ihn nicht empfohlen, wenn er die Miete nicht zahlen könnte, und wenn er ein Freund von ihm ist, wird er schon nicht allzu schrecklich sein. Warum überlegst du es dir nicht, Phoebe? Abgesehen von allem anderen, würde es Spaß machen, wieder einen Mann im Haus zu haben!“

Kate setzte sich gerader hin. „Und vielleicht erfährt Seb davon und ist eifersüchtig“, sagte sie hoffnungsvoll.

Insgeheim hielt Phoebe es für unwahrscheinlich, dass es Kates Exreund, dem Rest der Welt als Seb Schleimig bekannt, interessieren würde. Phoebe wusste jedoch, dass Kate niemals die Hoffnung aufgab, wieder von ihm zu hören. Sie glaubte tatsächlich, dass man irgendwann einen Prinzen vor sich hatte, wenn man dauernd einen Frosch küsste. „Man kann nie wissen“, erwiderte Phoebe ausweichend. „Also gut, wir probieren es mit diesem John.“

John verzog missmutig den Mund, als er an seinem Zuhause für die nächsten sechs Wochen hochsah. Es gehörte zu einer Reihe von schmalen, ein bisschen heruntergekommenen viktorianischen Häusern, und in dem kalten Sprühregen an diesem Aprilabend konnte der Kübel mit blühenden Zwiebelgewächsen neben der Tür die düstere Atmosphäre nicht aufheitern.

Er dachte an sein Haus an der Pazifikküste mit den großen, hellen, offenen Räumen und der Aussicht aufs Meer und fragte sich, ob er es vielleicht bereuen würde, Josh’ Herausforderung angenommen zu haben.

Hinter ihm räusperte sich vielsagend der Taxifahrer. John ging zur Tür, klingelte und hielt sein charmantestes Lächeln bereit. Eine Wette war eine Wette, und jetzt war es zu spät, es sich anders zu überlegen.

Er hatte es nicht klingeln hören und klingelte noch einmal, gerade als die Tür aufging. Vor ihm stand eine große, schlanke junge Frau mit strahlend grünen Augen. Sie hatte glattes dunkles Haar und einen sinnlichen Mund, der ihren strengen Gesichtsausdruck Lügen strafte.

Johns Lächeln verschwand. Hatte er die richtige Adresse bekommen? Josh hatte gesagt, es seien drei durchschnittliche, sehr nette, freundliche Frauen. Diese junge Frau sah überhaupt nicht durchschnittlich aus, und freundlich war sie auch nicht.

„Ja, bitte?“, fuhr sie ihn an.

„Ich bin John Gibson.“ Er zeigte wieder sein Lächeln, aber es prallte von ihr ab. „Und du musst Phoebe, Bella oder Kate sein.“

„Phoebe.“ Sie runzelte die Stirn. „Wir haben dich erst morgen erwartet.“

„Ich war mit allem fertig und konnte einen früheren Flug bekommen, deshalb dachte ich, ich tauche einfach heute schon auf.“

Seine blauen Augen funkelten lebhaft, und Phoebe fühlte sich sofort langweilig und unterdrückt, weil sie nicht so ein spontaner Mensch war, der aus einer Laune heraus seine Pläne änderte und mit ungefähr so viel Aufhebens über den Atlantik düste, wie sie davon machte, zum Laden an der Ecke zu flitzen.

Weniger, wahrscheinlich.

Phoebe hatte einen schlechten Tag gehabt. Ihre Chefin Celia war in ekelhafter Stimmung gewesen und hatte noch mehr Wutanfälle bekommen als sonst. Nachdem Phoebe ihr endlich entwischt war, hatte sie vierzig Minuten auf einen Bus gewartet und dann festgestellt, dass er nur bis Clapham Junction fuhr. Da sie es satt gehabt hatte, im Regen zu stehen, war sie einfach losgelaufen, ohne daran zu denken, dass sie für den Rest des Wegs fast eine Stunde brauchen würde, zwei schwere Ordner dabeihatte und völlig ungeeignete Schuhe trug. Als sie schließlich in die Küche gehumpelt war, hatte sie entdeckt, dass die Zündflamme des Boilers ausgegangen war und es folglich kein heißes Wasser für ein Bad gab.

Und jetzt stand dieser John vor der Tür.

Alles, was schief gehen kann, geht auch wirklich schief, dachte Phoebe mürrisch. War man in Bestform, saß das Haar gut, hatte man sich perfekt geschminkt, und es klingelte unerwartet, war es mit Sicherheit jemand, der eine Umfrage machte, oder dieser Kerl, der sie dauernd zu überreden versuchte, den Stromlieferanten zu wechseln.

Fühlte man sich ausgelaugt und sah auch so aus, stand garantiert der attraktivste Mann vor der Tür, der einem jemals in natura untergekommen war!

Als sie ihn genau betrachtete, stellte sie fest, dass er eigentlich kein klassisch gut aussehender Mann war – dafür waren seine Züge zu unregelmäßig –, aber er hatte ein interessantes, lebhaftes Gesicht mit so strahlend blauen Augen, dass man auf alles andere überhaupt nicht achtete.

Seine Vitalität machte Phoebe ausgesprochen nervös. Er wirkte so entspannt und dennoch munter wie jemand, der sein Leben in der Sonne verbrachte. Allein ihn anzublicken war, als würde man einen Ozonstoß bekommen. Er war ein Mann, der eine Yacht steuern oder sich mit dem Surfbrett unter dem Arm ins Meer stürzen sollte, anstatt in einer grauen Londoner Straße zu stehen und sich zu fragen, warum er so angestarrt wurde.

Phoebe nahm sich zusammen, trat zurück und hielt die Tür auf. „Du solltest besser hereinkommen“, sagte sie verlegen.

John blieb, wo er war. „Ich habe ein kleines Problem.“ Er drehte sich um und zeigte auf das Taxi. „Irgendwo zwischen Los Angeles und der Ankunftshalle in Heathrow habe ich meine Brieftasche verloren. Ich glaube, sie ist mir am Gepäcklaufband gestohlen worden. Jedenfalls ist sie weg. Ich habe es der Polizei gemeldet und alle Kreditkarten sperren lassen, und danach habe ich es für das Beste gehalten, in ein Taxi zu steigen und zu hoffen, dass hier jemand ist.“

Er sah wieder Phoebe an, die sicher war, dass sein reumütiges Lächeln genau berechnet war und die meisten Frauen dazu brachte, ihm ohnmächtig zu Füßen zu sinken.

„Könntest du wohl den Taxifahrer bezahlen? Ich gebe dir das Geld natürlich zurück, sobald ich das Problem gelöst habe.“

Phoebe widerstand dem Lächeln. Es war dem von Seb Schleimig ein bisschen zu ähnlich. Seb kam nur vorbei, wenn er etwas wollte, und klopfte sich immer auf seine Taschen und stellte fest, dass er seine Brieftasche „vergessen“ hatte. Er wusste ganz genau, wie leicht sich Kate anpumpen ließ.

John sah aus, als wäre er aus demselben Holz geschnitzt. Phoebe traute diesen großspurigen, charmanten Typen nicht, die glaubten, sie brauchten nur zu lächeln, und schon taten alle, was sie wollten. Sie hatte zu viele von ihnen kennen gelernt und sie zu viele Freundinnen verletzen sehen, als dass sie selbst so einem Mann erliegen würde.

John las ihr den Mangel an Begeisterung vom Gesicht ab. „He, macht nichts. Ich lasse mich mit dem Taxi zu Josh’ Büro fahren. Wenn er schon weg ist, finde ich dort sicher jemanden, der mir aushilft.“

Es war ein Glück, dass er Josh erwähnte. Als Bellas bester Freund verbrachte er viel Zeit bei ihnen, und Phoebe hatte ihn sehr gern. Wenn er sich für John verbürgte, sollte sie ihn mit seinem Problem nicht allein lassen. „Das ist nicht nötig.“ Sie rang sich ein kühles Lächeln ab. „Ich hole nur eben mein Portemonnaie.“

„Danke“, sagte John, als das Taxi losfuhr. „Ich gebe dir das Geld morgen zurück.“

Das sagte Seb zu Kate auch immer.

„Alles ist ziemlich unordentlich.“ Phoebe ging voran in die Küche im hinteren Teil des Hauses. „Wir wollten heute Abend für dich aufräumen.“ Außerdem hatten sie ein Begrüßungsessen geplant. Bella kaufte auf dem Nachhauseweg ein. Aber natürlich dachten spontane Typen wie John niemals darüber nach, dass sie möglicherweise die Pläne anderer durcheinander brachten.

„He, ich wollte nicht, dass ihr euch meinetwegen Umstände macht.“ Phoebes kühles Benehmen beunruhigte John. „Josh hat gesagt, ihr würdet mich einfach wie einen Freund behandeln und mit anpacken lassen.“

„Jetzt, da du zu früh aufgetaucht bist, wirst du genau das tun müssen.“ Phoebe trug den Wasserkocher zur Spüle und füllte ihn.

John beobachtete Phoebe vorsichtig. Er spürte die Feindseligkeit, wusste jedoch nicht, womit er sie hervorgerufen hatte. Vielleicht war Phoebe bei allen so mürrisch. Angesichts ihrer Pfirsichhaut und des sinnlichen Mundes wäre das jammerschade, dachte John, und dann erinnerte er sich, dass er nicht so denken durfte. Er sollte nur ein Freund sein, hatte Josh verlangt. Phoebe hatte den Wasserkocher eingeschaltet und drehte sich um, und John sah schnell weg. „Nette Küche.“

Der große Raum war voll gestopft und unordentlich. Auf einer Seite waren Einbauschränke, auf der anderen standen ein schäbiges Sofa und zwei bequeme Sessel, auf denen Wolldecken im Ethno-Look lagen. In der Mitte stand ein antiker Kiefernholztisch, überladen mit Zeitungen, Magazinen, Kochbüchern und Ordnern, aus denen Papiere quollen. John entdeckte außerdem ein Bügeleisen, mehrere Nagellackflaschen, eine mit Pailletten besetzte Handtasche und – er musste zweimal hinsehen – eine große getigerte Katze. Seine Küche hatte funkelnde Oberflächen aus Stahl und wurde von seiner Haushälterin so einschüchternd sauber gehalten, dass er sich nur selten hineinwagte. Diese hier war unaufgeräumt und nicht so hygienisch, aber viel einladender. Es war ein Raum, in dem man sich mit einer Flasche Wein hinsetzen und entspannen konnte, ohne sich zu sorgen, was andere von einem dachten.

„Es ist der wärmste Raum im Haus“, sagte Phoebe. „Wir verbringen die meiste Zeit hier drin, wie du wahrscheinlich schon bemerkt hast.“

„Wem gehört die Katze?“

„Kate. Die Katze ist ein Er.“ Phoebe betrachtete ihn ohne Zuneigung. „Kate hat das weichste Herz der Welt und schleppt dauernd arme verdreckte Tiere an, für die wir dann ein Zuhause finden müssen. Diesen Kater will leider niemand nehmen. Wahrscheinlich würde er sowieso nicht gehen. Es ist viel zu gemütlich hier. Kate verwöhnt ihn, und Bella und ich haben Angst vor ihm. Pass auf, wenn du morgens nach unten kommst. Er beißt dich in die Knöchel, bis du ihn fütterst.“

Von bissigen Katern hat Josh nichts gesagt, als wir die Wette abgeschlossen haben, dachte John mürrisch. Sein Freund hatte auch nicht Phoebes kühles Benehmen erwähnt. John hoffte nur, dass ihn nicht noch andere unangenehme Überraschungen erwarteten.

Als würde er verstehen, dass über ihn gesprochen wurde, stand der Kater auf und streckte sich. Seine Größe und die scharf aussehenden Zähne veranlassten John, ihm aus dem Weg zu gehen, aber das Tier warf ihm nur einen verächtlichen Blick zu, sprang vom Tisch und stolzierte hinaus.

Zum ersten Mal war der Kater Phoebe sympathisch. Hier war zumindest noch ein Lebewesen, auf das Johns Lächeln und Spontaneität keinen Eindruck machten. Kate und Bella würden bestimmt auf seinen Charme hereinfallen, aber John würde feststellen, dass sie, Phoebe, und der Kater aus härterem Holz geschnitzt waren!

2. KAPITEL

Phoebe hatte das kochende Wasser in die Kanne gegossen und nahm zwei Becher aus dem Schrank. „Kate und Bella kommen bald. Möchtest du Tee?“

„Großartig“, sagte John lächelnd. „Jetzt weiß ich, dass ich wieder in England bin!“

„Wie lange bist du nicht mehr hier gewesen?“

John überlegte einen Moment. „Fast achtzehn Jahre.“

„Das ist eine lange Zeit.“ Phoebe versuchte abzuschätzen, wie alt er war. Der kompakten Figur und den Falten um die Augen nach zu urteilen, musste er mindestens Ende dreißig sein, aber er strahlte Dynamik, Lässigkeit und gute Laune aus, die zu einem viel jüngeren Mann zu gehören schienen.

Er hatte irgendetwas an sich, was sie dazu brachte, gehemmt und verlegen zu sein und – schlimmer – sich langweilig vorzukommen. Es war ein Gefühl, das sie allzu schmerzlich an jenen Moment erinnerte, als sie weinend „Warum?“ gefragt und Ben zu ihr gesagt hatte, Lisa sei süß, feminin und amüsant.

Nicht so wie sie.

John war offensichtlich auch amüsant.

„Was machst du beruflich?“, fragte sie. Zu dumm, wenn er die Frage langweilig fand. Sie wollte nur höflich sein. So waren langweilige Menschen eben.

Er verdrehte nicht die Augen, aber mitteilsam war er auch nicht gerade. „Ach, dies und das.“ Er nahm seinen Becher in die Hand.

Schweigen störte ihn anscheinend nicht. Phoebe rührte unnötigerweise ihren Tee um und überlegte, was sie sonst noch sagen könnte. „Willst du arbeiten, während du hier bist?“

„Ich prüfe gerade, ob ich einige Projekte auf die Beine stellen kann.“

Das klang ziemlich vage, aber wenn er sie glauben machen wollte, er sei ein erfolgreicher Geschäftsmann, der Projekte plante, sollte er es ruhig tun. Phoebe wusste, wie empfindlich Männer waren, wenn es um ihren Erfolg ging, und so sehr interessierte sie sich ohnehin nicht dafür.

John sah sich aufmerksam um. Ihre unbeholfenen Versuche, Konversation zu machen, schienen ihn nicht zu kümmern. Phoebe konnte sich nicht davon erholen, wie blau seine Augen waren, und fragte sich, ob er wohl Kontaktlinsen trug. Er lächelte, als er sie dabei ertappte, wie sie ihn musterte. Sie wurde rot vor Ärger. Offensichtlich glaubte er, sie könne nicht den Blick von ihm losreißen. Noch selbstgefälliger ging es nicht! Wirklich, er war genau wie Seb.

Typisch, dachte sie deprimiert. Bella und Kate drängten sie immer, sich einen Neuen zu suchen, damit sie über Ben hinwegkam, und sie wusste, dass sie sich mehr bemühen sollte. Aber einen wie John, immer vorausgesetzt, dass er verfügbar war, brauchte sie nun wirklich nicht. Sie wollte einen netten, zuverlässigen Mann, dem sie vertrauen konnte, nicht einen, der sie nervös machte und bei dem sie sich unzulänglich fühlte.

„Woher kennst du Josh?“, fragte sie, als John nicht versuchte, das Schweigen zu brechen. „Du scheinst ihm überhaupt nicht ähnlich zu sein.“

„Nicht?“ John sah amüsiert aus. „Das hängt wohl davon ab, was du über Josh denkst.“

„Er ist wundervoll“, sagte Phoebe. „Natürlich ist er vor allem Bellas Freund, aber Kate und ich haben ihn sehr gern. Er ist ruhig und einer der nettesten Menschen, die ich kenne. Niemals gibt er damit an, wie tüchtig er ist. Er ist einfach vertrauenswürdig und zuverlässig. Ganz gleich, was passiert, Josh weiß, was zu tun ist.“ Seltsam, dachte Phoebe. Josh war genau der Typ Mann, den sie brauchte, und dennoch war er in ihrer Vorstellung noch nie mehr als Bellas Freund gewesen.

„Ja, er ist sehr tüchtig.“ John fragte sich, warum er offensichtlich bisher keinen besonders guten Eindruck gemacht hatte. Wie war Phoebe zu dem Schluss gekommen, dass er nicht ruhig, nett und zuverlässig war? Er hatte nichts weiter getan, als ihre Küche zu bewundern und einen Becher Tee anzunehmen. „Ich habe Josh in Ecuador kennen gelernt“, sprach er weiter, weil es nicht der richtige Moment zu sein schien, Phoebe zu provozieren, indem er sie unvernünftig nannte. „Er hat eine Expedition auf den Chimburazo geführt, und ich bin mitgegangen.“

„Du bist Bergsteiger?“ Phoebe sah ihn überrascht an.

John schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein. Ich mag einfach Herausforderungen.“

Fasziniert von seinen blauen Augen, spürte Phoebe, wie sich Hitze in ihr ausbreitete, und sie riss den Blick von John los. Er hat etwas Beunruhigendes an sich, dachte sie verzweifelt. Es war, als würde er den Raum ausfüllen und ihm die ganze Luft entziehen, so dass sie kaum noch atmen konnte. Seine Augen strahlten zu blau, seine Zähne waren zu weiß, er war zu vital, zu verwirrend, zu alles. Sie fühlte sich aus dem Gleichgewicht gebracht, und weil sie unbedingt die plötzlich spannungsgeladene Atmosphäre entschärfen musste, schob sie ihre Papiere beiseite. „Entschuldige das ganze Durcheinander. Ich wollte ein bisschen arbeiten, bevor Kate und Bella nach Hause kommen.“

„Was machst du beruflich?“

„Ich bin Produktionsassistentin bei einem Unternehmen, das Fernsehsendungen herstellt“, erwiderte Phoebe, unfähig, ihren Stolz zu verbergen. Im Grunde musste sie die Drecksarbeit erledigen, und natürlich war das in ihrem Alter nicht so viel, auf das man stolz sein konnte. Sie hatte jedoch immer in die Fernsehbranche gewollt und war fest entschlossen, Erfolg zu haben. Die Drecksarbeit war nur die erste Stufe auf der Leiter. Unglücklicherweise hatte sie eine Primadonna als unmittelbare Vorgesetzte, aber „Purple Parrot Productions“ war ihre große Chance, und die war es wert, Celia zu ertragen. „Wir produzieren hauptsächlich Dokumentarfilme.“

„Woran arbeitest du zurzeit?“, fragte John höflich. Du zeigst niemals Interesse an meiner Arbeit, hatte sich Mallory beklagt. Du hast keine Ahnung, wie man sich richtig mit einer Frau unterhält. Du denkst immer nur an das eine. Was natürlich Quatsch ist, dachte John. Er war sehr wohl imstande, sich ernsthaft zu unterhalten. Jetzt müsste ihn mal einer sehen, wie er Phoebe nach ihrer Arbeit fragte und sich ihre Antwort anhörte, ohne auch nur an ihren schönen Mund und ihr seidig glänzendes Haar zu denken.

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er nicht mitbekam, was sie sagte. Er konzentrierte sich und hörte irgendetwas über Bankgeschäfte. „Ihr macht einen Film über eine Bank?“

„Ich habe es auch für ein ziemlich langweiliges Thema gehalten“, erwiderte Phoebe. „Aber es ist interessanter, als man erwarten würde. Das ist keine gewöhnliche Bank. Der Chef ist ein Typ, der ein Vermögen an den Devisenmärkten verdient und dann alle überrascht hat, indem er eine nach ethischen Grundsätzen geleitete Bank gegründet hat.“

John stellte seinen Becher ab. „Was?“

„Ja, das klingt wie ein Widerspruch in sich selbst, stimmt’s? Es bedeutet, dass sie nur in Gemeinschaftsprojekte in Entwicklungsländern investieren. Ich habe einige Nachforschungen im Internet angestellt, und ich glaube, es wird ein interessanter Film.“

„Tatsächlich?“, sagte John mit seltsamer Stimme.

„Das einzige Problem ist, dass meine Chefin unbedingt den Gründer der Bank in den Mittelpunkt der Sendung stellen will.“

„Wirklich? Und wer ist das?“

„J. G. Grieve. Alle nennen ihn JGG, und er ist berühmt dafür, keine Interviews zu geben.“ Phoebe nahm den Ausdruck einer Webseite und betrachtete sie trübselig. „Ich habe es mit diesen Kontaktnummern versucht und jedes Mal dieselbe Auskunft bekommen: Sie unterstützen gern Publicity für die Projekte, aber nicht für JGG selbst.“

„Und was weißt du sonst über den Mann?“

Mit ihrem Problem beschäftigt, bemerkte Phoebe den grimmigen Zug um Johns Mund nicht. „Nur, dass er sehr reich ist.“

„So interessant ist er dann wohl nicht.“

„Das denke ich auch, aber meine Chefin Celia besteht darauf, dass ich ein Interview arrangiere. An dieser Sendung zu arbeiten ist meine große Chance, also muss ich ihn irgendwie aufspüren. Ich weiß nur nicht, wie ich das anpacken soll.“

John entspannte sich und lächelte Phoebe an. „Tja, ich lebe schon lange in den Vereinigten Staaten und kenne einige Leute. Soll ich herumfragen, ob jemand etwas über ihn weiß?“

Sie konnte sich nicht vorstellen, dass John die Kontakte hatte, die sie brauchte, trotzdem, es war nett von ihm, seine Hilfe anzubieten. „Danke“, sagte sie verlegen, „aber irgendwann werde ich sicher jemanden in der Bank erwischen.“

„Wie du willst.“

Es folgte Schweigen. Phoebe trank ihren Tee und versuchte, nicht nervös zu sein. John saß an ihrem Tisch, als hätte er schon immer dort gesessen. Durch seine Gegenwart schien die Küche alarmierend um sie beide zu schrumpfen.

„Ich weiß von Josh, dass du meine Vermieterin bist“, sagte John schließlich. „Danke, dass du mich hier wohnen lässt.“

Wenn er lächelte, sahen seine Augen noch blauer aus. Phoebe war jetzt überzeugt, dass er Kontaktlinsen trug. Mühsam wandte sie den Blick ab. „Das ist schon in Ordnung“, erwiderte sie leise.

„Sollte ich irgendwelche Regeln kennen?“

Phoebe dachte darüber nach. „Eigentlich nicht. Aber erzähl Kate nichts davon, wenn du ein streunendes Tier gesehen hast, es sei denn, du willst es auf deinem Bett vorfinden.“

„Das ist alles?“

„Es ist nicht so gut, mit mir zu sprechen, bevor ich morgens meine erste Tasse Kaffee getrunken habe. Das ist eher ein Ratschlag als eine Regel. Kate und Bella kümmern sich nicht darum.“

„Tja, anscheinend ist es nicht allzu schwer. Damit sollte ich fertig werden können“, sagte John.

Er zeigte wieder sein entnervend attraktives Lächeln, und Phoebe stand schnell auf. „Möchtest du dein Zimmer sehen?“ Er folgte ihr nach oben, wo sie die Tür öffnete, die vom Treppenabsatz abging. „Leider ist es nicht besonders groß.“

Das ist eine Untertreibung, dachte John, als er sich hinter Phoebe in das Zimmer quetschte. Es war nicht besonders groß, ebenso wie es in der Sahara nicht besonders nass war und am Südpol nicht besonders heiß. Die Einrichtung bestand aus einem Bett, einem Einbauschrank und zwei Regalen. John und Phoebe standen auf der einzigen freien Fläche. „Nur aus Interesse, wie lange hat eure ausgezogene Hausgenossin hier gewohnt?“, fragte John trocken.

„Ein Jahr. Sie war die Letzte, die eingezogen ist, deshalb hat sie das kleinste Zimmer bekommen.“

John war froh, das zu hören. Er stellte sich nur ungern vor, dass irgendjemand in etwas Kleinerem schlafen musste!

„Caro hat es nichts ausgemacht“, sagte Phoebe. Sie sah John an, dass er alles andere als begeistert war. „Caro war die meiste Zeit bei ihrem Freund in der Wohnung. Sie haben gerade geheiratet, deshalb suchen wir Ersatz für Caro. Natürlich ist die Miete niedriger, weil du nicht so viel Platz hast wie Kate und Bella. Aber du musst das Zimmer ja nicht nehmen, wenn es dir zu klein ist.“

„Nein, nein, es ist in Ordnung.“ John wurde klar, dass er die Sache falsch angepackt hatte. „So viel Zeug habe ich nicht. Ich reise mit leichtem Gepäck.“

Das konnte Phoebe glauben. Er war nicht der Mann, der sich mit Ballast abgab. Einerseits beneidete sie Menschen wie John, die sorglos durchs Leben trieben, Verpflichtungen und Verantwortung mieden und es anderen überließen, die gebrochenen Herzen und Enttäuschungen wegzuräumen, die in ihrem Kielwasser zurückblieben, andererseits schüchterten sie solche Typen ein, und sie ärgerte sich über sie.

„Und es ist ja nicht so, dass du für immer hier wohnst“, sagte sie energisch. Sie wünschte, John würde sich rühren. Das Zimmer war schon klein genug, ohne dass er auch noch vibrierend vor Kraft dastand. Sie wollte nicht aufs Bett steigen, weil es zweideutig aussehen würde, ganz zu schweigen von lächerlich, und anders konnte sie nicht an ihm vorbeikommen, ohne sich an ihn zu pressen. Bei dem Gedanken erstarrte sie und erschauerte gleichzeitig.

Es war eine sündhafte Verschwendung, weil es schon sehr lange her war, dass sie einem attraktiven Mann so nah gewesen war, aber John schien ständig kurz davor zu sein, in Aktion zu treten, und das machte Phoebe nervös. Ihn zu berühren, wenn auch nur versehentlich, wäre höchst unvorsichtig.

Sie würde einfach warten müssen, bis er sich bewegte. Sich ans Fenster drückend, konzentrierte sie sich darauf, normal zu atmen, während sich John umsah. Bei der Größe des Zimmers dauerte das nicht lange, Phoebe kam es jedoch wie Stunden vor.

Schließlich ging er zurück auf den Treppenabsatz. „Darf ich den Rest des Hauses sehen?“

Phoebe war so erleichtert, dass sie John bereitwillig herumführte.

„Es ist ein schönes Haus“, sagte er, als sie wieder nach unten in die Küche gingen. „Wie lange wohnst du schon hier?“

„Zweieinhalb Jahre. Mein Verlobter und ich haben es gemeinsam gekauft.“ Phoebe war stolz darauf, wie gelassen sie klang. „Wir haben hier ein Jahr zusammengelebt, dann hat Ben eine andere kennen gelernt und ist mit ihr zurück nach Bristol gezogen, und ich habe die Hypothek übernommen.“ John brauchte von den Qualen nichts zu wissen, die sie durchgemacht hatte, seit Ben sie verlassen hatte. „Allein hier zu wohnen konnte ich mir nicht leisten, also musste ich Zimmer vermieten. Es war einfach Glück, dass Kate gerade etwas suchte. Wir haben zusammen studiert, und sie ist mit Bella zur Schule gegangen. Caro ist eine Freundin von Bella. Alles hat perfekt geklappt, bis Caro zu heiraten beschlossen hat. Wir wissen noch nicht, wie wir jemanden finden sollen, der so gut zu uns passt, wie sie es getan hat.“

„Könnt ihr nicht inserieren?“

„Das werde ich wohl schließlich machen, aber es ist schwer, eine Anzeige zu formulieren, wenn man eigentlich nicht nur einen Mieter, sondern einen Freund, beziehungsweise eine Freundin sucht.“

John dachte an die Wette und spitzte bei dem Schlüsselwort die Ohren. „Woher wisst ihr, ob jemand ein Freund ist?“

„Das ist es ja gerade, man weiß es nicht“, sagte Phoebe. „Man kann es nicht erkennen. Zwischen Leuten muss einfach der Funke überspringen.“ Sie begann, ihre Unterlagen zu stapeln, um den Tisch ein bisschen aufzuräumen, während sie über Johns Frage nachdachte. „Freundschaft bedeutet, jemanden zu haben, mit dem man gut reden kann, der über dieselben Dinge lacht, der sich einfügt und sich wohl fühlt, wenn er den ganzen Abend herumsitzt und quasselt. Jemand, der nicht unser Leben in Ordnung bringen will und nicht überlegt, wann zuletzt der Staubsauger hervorgeholt worden ist.“

Es war ziemlich vage, John meinte jedoch, dass er all das schaffen könnte. „Vielleicht solltest du das in deine Anzeige schreiben.“

„Ich weiß nicht, ob es eine große Hilfe wäre. Selbst wenn alle Voraussetzungen stimmen, kommt man vielleicht nicht miteinander aus. Freundschaft ist eine seltsame Sache. Ich glaube nicht, dass man die magische Kraft genau definieren kann, die einen dazu bringt, den einen Menschen zu mögen und den anderen nicht.“

So viel dazu, sich von Phoebe nützliche Hinweise zu holen. John unterdrückte ein Seufzen. Offensichtlich gehörte er nicht in die Kategorie derjenigen mit dieser magischen Kraft, die ihn zu einem Freund machen würde. Noch nicht jedenfalls. Phoebe war vielleicht eine größere Herausforderung, als er erwartet hatte, aber Herausforderungen waren dazu da, bewältigt zu werden. Noch gab er nicht auf. Er hatte eine Wette zu gewinnen!

„Wie kommt ihr mit John aus?“

Josh und Phoebe saßen auf dem Sofa, während Bella und Kate mit dem Essen beschäftigt waren, das sie für John geplant hatten. Bella hatte zu ihm gesagt, sie würden seine Begrüßung wie die Geburtstage der Königin behandeln, so dass er am Ankunftstag willkommen geheißen werde und einen Tag später das offizielle Dinner für ihn stattfinde.

Keine Mühe wurde gescheut. Der Tisch war radikal abgeräumt worden, sie hatten die Schränke durchstöbert und sogar vier Teller mit demselben Muster gefunden.

„Eine von uns kann den Teller mit den Hasen am Rand nehmen“, sagte Bella. „Und wir müssen einen der Klappstühle aus dem Garten benutzen.“ Sie und Kate machten sich viele Umstände mit irgendeiner komplizierten Vorspeise, während John eine Weinflasche öffnete.

Phoebe und Josh waren zum Abwaschdienst eingeteilt und hatten sich in sichere Entfernung zurückgezogen. Phoebe blickte zu John hinüber, der geschickt mit dem Korkenzieher umging. Das Licht der Deckenlampe schien ihm direkt aufs Haar und ließ es heller aussehen als sonst. „Kate und Bella sind hingerissen von ihm“, sagte Phoebe zu Josh.

„Aber du nicht?“

„Ich würde mich nicht als hingerissen bezeichnen.“

„Warum? Was hat er getan?“

Das war das Problem. John hatte nichts getan. Sie konnte ihm nicht einmal die Sache mit dem Taxigeld vorwerfen. Er hatte es ihr an diesem Morgen zurückgegeben, ohne dass sie ihn daran erinnert hatte. Wie konnte sie Josh erklären, dass John beunruhigend war? Er war erst einen Tag im Haus, aber schon eng mit Bella und Kate befreundet. Und er hing in der Küche herum, als würde er schon ewig hier wohnen. Phoebe hätte erleichtert sein sollen, dass er sich so gut einfügte, doch sie schlich nervös um ihn herum und fürchtete irgendwie, er könnte jeden Moment in Aktion treten. „Er ist nicht gerade der ruhige Typ, stimmt’s?“

Josh lachte. „Du musst dich einfach an ihn gewöhnen.“

Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie sich jemals an John gewöhnen würde. Wenn er ins Zimmer kam, hielt sie den Atem an, jedes Mal wieder verblüfft über seine blauen Augen und das humorvolle Lächeln. Niemand hatte das Recht, so attraktiv und entspannt zu sein! Sie war nicht imstande, ihn einfach wie einen weiteren Freund zu behandeln. Seiner Freunde war man sich nicht so bewusst, wie sie sich Johns bewusst war.

Es machte sie nervös. An sexueller Anziehungskraft war nichts auszusetzen, aber der Zeitpunkt war völlig falsch. Sie war noch nicht bereit für eine neue Beziehung, ganz gleich, was ihre Freundinnen sagten. Ben hatte ihr zu viel bedeutet, als dass sie so mühelos über ihn hinwegkommen könnte. Vielleicht würde sie niemals über ihn hinwegkommen, und wenn doch, dann bestimmt nicht mit einem Mann wie John. Er war überhaupt nicht ihr Typ.

„Ich werde es versuchen“, sagte sie.

Auf der anderen Seite der Küche zog John langsam den Korken aus der Flasche und beobachtete, wie sich Phoebe mit Josh unterhielt. Zum ersten Mal fragte sich John, ob etwas dran war an dieser Sache mit der Freundschaft. Er beneidete Josh um seine unkomplizierte Beziehung zu den drei Frauen, die entzückt gewesen waren, ihn zu sehen. Sogar Phoebes Gesicht hatte sich aufgehellt, und sie hatte ihn unbefangen umarmt.

John ahnte, dass sie keine Frau war, die jeden umarmte. Wenn sie ihn umarmen würde, wäre das ein echtes Zeichen dafür, dass sie ihn akzeptierte. Er konnte sich zermürbend deutlich vorstellen, wie es sein würde, ihren schlanken Körper an seinem zu spüren, ihr seidenweiches Haar an seiner Wange. Bestimmt duftete Phoebe wundervoll. Er hatte ein- oder zweimal einen Hauch ihres Parfüms wahrgenommen, wenn sie an ihm vorbeigegangen war.

Na gut, jedes Mal.

Phoebe zu umarmen ist mein Ziel, sagte sich John. Rein freundschaftlich, natürlich. Es würde genauso sein, wie Bella oder Kate an sich zu drücken, die ihn beide umarmt hatten, als sie ihn kennen gelernt hatten. Die beiden waren so warmherzig, freundlich und offen, dass es unmöglich war, nicht mit ihnen befreundet zu sein. Er wusste schon, dass Kate besessen war von einem Mann, den ihre Freundinnen Seb Schleimig nannten, und es kam ihm so vor, als wäre er mit Bella völlig vertraut, weil er von Josh so viel über sie erfahren hatte.

Aber Phoebe war anders. Sie war zurückhaltend und neigte dazu, reizbar zu sein. John war klar, dass es harte Arbeit sein würde, sich ihre Freundschaft zu verdienen.

Bellas thailändische Krabbentörtchen als Vorspeise waren ein großer Erfolg. Kate hatte Hähnchenbrustfilets gebraten, und Phoebe hatte ihre berühmte Erdbeertorte gebacken. Nach dem Essen waren alle satt und entspannt, und John hatte das Gefühl, dass er schon ewig hier wohnte.

„Ich koche Kaffee.“ Phoebe stand auf, während John das letzte Stück Torte verdrückte. Auch wenn er sie beunruhigte, musste sie doch zugeben, dass ein Mann mit gutem Appetit sehr anziehend war.

„Wie war Celia heute?“, fragte Bella.

Phoebe füllte den Wasserkocher. „Ach, so schrecklich wie immer.“

„Ihre Chefin ist die Hölle.“ Bella beugte sich vor, um John ins Bild zu setzen. „Kate und ich lieben es, von ihr zu hören. Es hat etwas Therapeutisches. Wenn man weiß, was Phoebe mit ihrer Vorgesetzten durchmacht, erkennt man, dass der eigene Boss gar nicht so übel ist.“

„Was hat sie jetzt wieder getan?“, fragte Kate.

„Sie ist völlig besessen von dem Mann, der diese Bank leitet, über die wir einen Film drehen. Wenn ich kein Interview mit ihm vereinbare, will sie mich aus der Produktionsarbeit rauswerfen!“

„Das kann sie doch nicht machen, stimmt’s?“

„Sie kann so ziemlich alles machen, weil es ein kleines Unternehmen ist und viele Leute unbedingt fürs Fernsehen arbeiten wollen“, erwiderte Phoebe verzweifelt. „Ich verstehe nicht, warum wir uns nicht auf die Gemeinschaftsprojekte konzentrieren, die der Zweck der Bank sind. Celia labert ständig über den persönlichen Aspekt und behauptet, dieser Typ sei die wahre Story. Ich fürchte, sie hat vor, ihn zu verreißen. Ihrer Ansicht nach kann niemand so viel Geld verdienen und wirklich selbstlos sein. Demnach hat dieser J. G. Grieve eine Bank gegründet, weil für ihn etwas dabei herausspringt. Ich soll also nicht nur ein Interview arrangieren, sondern auch jeden Schmutz in seinem Leben ausgraben, damit Celia ihn provozieren kann und selbst wie eine furchtlose investigative Reporterin dasteht.“

„Vielleicht gibt es nichts auszugraben“, sagte John.

„Allmählich sieht es ganz danach aus“, gab Phoebe zu. „Bis jetzt habe ich nur herausgefunden, dass er gelegentlich bergsteigen geht. Nicht gerade der Stoff, aus dem preisgekrönte Dokumentarfilme sind, stimmt’s?“ Sie stöberte in den Überbleibseln des Essens auf der Arbeitsfläche. „Wo ist der Kaffee abgeblieben?“

„Im Kühlschrank“, sagte Bella. „Vielleicht ist das genau der Anhaltspunkt, den du benötigst, um ihn aufzuspüren. Ihr Bergsteiger seid ein ziemlich kleiner Kreis, richtig, Josh? Und diese reichen Typen brauchen immer jemand, der ihr Kindermädchen spielt, wenn sie so gefährliche Sportarten ausüben“, behauptete sie, als hätte sie jahrelange Erfahrung mit den Reichen und Berühmten.

„Da ist etwas dran.“ Phoebe schlug die Kühlschranktür zu und drehte sich wieder zum Tisch um. „Du rennst dauernd Berge rauf und runter, Josh. Ist dir schon einmal ein J. G. Grieve begegnet?“

„Der Name sagt mir nichts.“ Josh sah John an. „Was ist mit dir? Du bist ein bisschen geklettert. Weißt du irgendetwas über ihn?“

John verzog den Mund. „Banker sind nicht die Typen, mit denen ich viel Zeit verbringen will. Sie sind meistens ziemlich langweilig.“

„Dieser kann nicht ganz so langweilig sein“, erwiderte Phoebe. „Warum verweigert er jedes Interview? Vielleicht hat Celia recht, und er hat etwas zu verbergen.“

„Er könnte aus vielen Gründen nicht mit Journalisten reden wollen“, wandte John ein.

„Ja, möglicherweise hatte er einen schrecklichen Unfall, der ein Trauma hinterlassen hat“, warf Kate ein. „Bei dem Unfall ist seine Frau gestorben. Und das einzige Kind. Wahrscheinlich auch der Hund der Familie.“

„O nein, nicht der Hund!“, rief John, der von der Geschichte sehr beeindruckt war.

Kate nickte energisch. „Doch, ein kleiner Terrier, genannt Rusty. Und deshalb hat sich dieser Banker niemals verzeihen können. Er hat sich von allem ausgeschlossen, unfähig, irgendjemand gegenüberzutreten.“

Ein kurzes Schweigen folgte.

Phoebe brachte den Kaffee an den Tisch. „Kate hat eine blühende Fantasie“, erklärte sie John. „Du wirst dich daran gewöhnen.“

„Tja, mich hat sie überzeugt“, sagte er. „Ich finde, du solltest den armen Kerl in Ruhe lassen, anstatt ihn wegen eines Interviews zu schikanieren.“

Phoebe seufzte. „Ich wünschte, ich könnte. Keine Interviews zu geben kann ja auch eine Methode sein, sich interessant zu machen. Dann steckt nichts weiter dahinter, als dass er wirklich ein Langweiler ist. Ich werde zu Celia sagen, ich würde Hinweisen nachgehen, und einfach hoffen, dass sie ihn irgendwann vergisst.“ Phoebe hielt die Kanne hoch. „Wer will Kaffee?“

„Irgendwelche Nachrichten?“, fragte Kate hoffnungsvoll, während sie die Handtasche auf den Tisch fallen ließ. Seit dem Begrüßungsessen für John war über eine Woche vergangen. Kate war nach Hause gekommen und hatte Phoebe und Bella in der Küche vorgefunden. Jede hatte sich in einem Sessel ausgestreckt, hielt ein Glas Wein und murrte über ihren Boss.

„Nein“, erwiderte Phoebe. „Und bevor du fragst, ja, das Telefon funktioniert! Unter der Fußmatte hat keine Post gelegen, es sind keine E-Mails gekommen, keine Telegramme und keine Blumensträuße, die vor sechs Wochen versehentlich an die falsche Adresse geliefert wurden. Du musst dich damit abfinden, Kate. Seb wird sich nicht melden.“

„Aber warum ist er so?“, klagte sie.

„Weil er gemein ist“, sagte Bella energisch. „Phoebe hat recht. Seb wird immer nur sich selbst lieben. Es hat ihm gefallen, dich eine Zeit lang hinzuhalten, doch jetzt hat er offensichtlich eine Neue gefunden, die er ausnutzen kann.“

Kate ließ sich seufzend aufs Sofa plumpsen. „Ihr glaubt also nicht, dass er von einem Bus überfahren worden ist und sein Gedächtnis verloren hat?“

„Nein.“

„Vielleicht ist seine Großmutter gestorben und wird auf einer einsamen Insel beerdigt. Er ist hingefahren, und jetzt sind sie wegen eines Unwetters von der Außenwelt abgeschnitten.“

„Sechs Wochen lang? Nein, Kate.“

Sie seufzte wieder. „Ich weiß, ich weiß, ihr habt recht, er wird nicht anrufen.“ Sie sah das schnurlose Telefon an, das halb verdeckt unter einem Stapel Zeitungen an einem Ende des Sofas lag.

Phoebe und Bella setzten sich auf, als Kate nach dem Telefon griff.

„Du wirst ihn nicht anrufen!“

„Ich überprüfe nur, ob jemand anders angerufen hat“, sagte Kate würdevoll und drückte 1471. Sie hörte sich die Nummer der Nachricht an und ließ den Kopf hängen. „Es war nicht Seb. Jemand aus Bristol, glaube ich.“

Phoebe stöhnte. „Meine Mutter. Sie will mit mir über Bens Hochzeit sprechen.“

„Willst du da etwa wirklich hingehen?“, fragte Bella neugierig.

„Ich muss. Bens Familie und meine stehen sich sehr nahe. Es wäre, als würde seine Schwester nicht zu seiner Hochzeit kommen.“

„Trotzdem, sie können doch nicht erwarten, dass du feierst, wenn dein Verlobter eine andere heiratet“, sagte Kate.

„Sie wissen nicht, dass die Trennung keine gemeinsame Entscheidung war“, gestand Phoebe. „Sie waren alle so glücklich über unsere Verlobung, dass ich es einfach nicht ertragen konnte, es ihnen zu erzählen. Ich liebe Penelope und Derek. Bens Eltern stehen mir näher als meine Onkel und Tanten. Sie wären am Boden zerstört gewesen, wenn ich ihnen nicht vorgemacht hätte, Ben und ich wären uns einig gewesen, dass es nicht gut gehen würde.“

„Sie müssen doch etwas geahnt haben, als er ihnen mitgeteilt hat, er wolle Lisa heiraten.“

„Er hat es ihnen nicht sofort gesagt. Vielleicht haben sie etwas vermutet, aber ich denke, sie möchten lieber glauben, dass ich ganz zufrieden mit der Situation bin. Wenn ich nicht auftauche, wird ihnen natürlich klar, dass dem nicht so ist. Dann regen sie sich auf, und es verdirbt ihnen die Hochzeit. Das kann ich ihnen nicht antun. Penelope und Mom sorgen sich so schon, dass es mir peinlich ist, oder Ben, oder Lisa …“ Phoebe seufzte. „Ich glaube, insgeheim haben sie Angst, ich könnte eine Szene machen, wenn es darauf ankommt. Ich fürchte mich davor, allein hinzufahren. Es ist sowieso schon schlimm genug. Ihr wisst, wie die Leute bei weiblichen Singles in den Dreißigern sind, und auf dieser Hochzeit wird es noch schrecklicher sein, weil so viele alte Freunde dort sein werden, die mich kannten, als Ben und ich zusammen waren. Bestimmt stehe ich schließlich da wie Glenn Close in ‚Verhängnisvolle Affäre‘. Entweder schleichen die Leute argwöhnisch um mich herum und vergewissern sich, dass alle Ehemänner in Sicherheit sind, oder sie bemitleiden mich. Dann sagen sie mir ständig, ich werde als Nächste dran sein.“

Kate nickte. „Es ist grässlich, stimmt’s? Entweder das, oder man wird gefragt, ob es nicht Zeit sei, an Heirat zu denken. Als hätte man eine Wahl!“

„Was du brauchst“, sagte Bella, „ist ein Mann.“

„Erzähl uns etwas Neues!“

„Nein, ich meine es ernst. Du solltest einen fantastischen Lover mitnehmen, mit dem du auf der Hochzeit angeben kannst.“

„O ja, fantastische Lover sind so leicht zu finden!“, sagte Kate sarkastisch. „Hast du es noch nicht gehört? Gegenwärtig gibt es in London keine allein stehenden heterosexuellen Männer, ganz zu schweigen von welchen, die ein bisschen intelligent und finanziell stabil sind. Und einen zu finden, der nicht an einer morbiden Bindungsangst leidet, kannst du gleich vergessen.“

„Aber nichts hindert Phoebe daran, einen zu erfinden.“

3. KAPITEL

„Das ist ein brillanter Einfall, Bel!“, sagte Kate nach einem kurzen Schweigen.

Phoebe war weniger beeindruckt. „Ich verstehe nicht, was mir ein erfundener Lover nützen soll, ganz gleich, wie großartig er ist.“

„Der springende Punkt ist, dass er nicht erfunden zu sein scheint“, erklärte Bella. „Du brauchst nur einen Mann zu mieten, der genau den tollen Lover spielt, den du haben willst.“

„Du meinst doch nicht etwa, ich soll einen Begleiter anheuern?“ Phoebe sah sie entsetzt an. „Das könnte ich niemals tun!“

„Ich schlage nicht vor, dass du einen Gigolo nimmst. Du bist sicher nicht die erste Frau, die in so einer Situation einen Begleiter braucht. Es muss anständige Agenturen geben, die vorzeigbare Typen schicken, die daran gewöhnt sind, zu Hochzeiten und offiziellen Essen mitzugehen. Natürlich wird das etwas kosten, aber dafür hast du dann keine krumme Tour zu befürchten.“

„Ja, und da du ihn bezahlst, kannst du verlangen, dass er sagt, was auch immer du willst.“ Kate nahm den Einfall auf und machte mit der für sie typischen Begeisterung mit. „Er sieht bestimmt gut aus, wenn er für einen Begleitservice arbeitet, und du kannst behaupten, er sei erfolgreich und habe unglaublich viel Geld, er liebe dich abgöttisch und bitte dich jeden Tag, ihn zu heiraten, aber du seist dir noch nicht sicher und würdest ihn noch im Unklaren lassen.“

„Warum sollte ich das tun wollen?“

„Damit dich alle beneiden, natürlich. Die anderen Frauen auf der Hochzeit, jedenfalls. Und wenn dich später jemand fragt, was aus ihm geworden ist, kannst du sagen, seine unersättlichen sexuellen Ansprüche hätten angefangen, dich zu langweilen!“

Phoebe musste einfach lachen. „Sehr wahrscheinlich klingt das nicht.“

„Okay, er kann dein unersättliches Verlangen nicht befriedigen.“

„Ja, ich kann mir vorstellen, das zu Mom zu sagen, wenn sie fragt, warum ich meinen netten jungen Mann nicht übers Wochenende mitbringe.“

„Kate macht die Sache nur kompliziert“, warf Bella ein. „Du brauchst einfach einen attraktiven Mann, der sich gut in einem Anzug macht und dich so verliebt ansieht, dass alle Frauen wahnsinnig neidisch sind, anstatt dich zu bedauern oder ihre Partner zu veranlassen, sich die Augen zuzuhalten, wenn du in ihre Nähe kommst.“

Phoebe malte sich aus, wie es sein würde, mit einem anscheinend reichen und gut aussehenden Mann auf Bens Hochzeit aufzutauchen. Der Plan hatte gewisse Vorzüge. Ihre Mutter und Penelope würden entspannt die Hochzeit genießen, und zweifellos wäre es einfacher, Ben und Lisa gegenüberzutreten, wenn sie nicht ganz so offensichtlich sitzen geblieben war. „Ich weiß nicht, ob ich den Nerv hätte, das durchzuziehen“, sagte Phoebe unsicher.

„Natürlich schaffst du das“, erwiderte Bella energisch. „Als Erstes musst du deiner Mutter gegenüber andeuten, du hättest jemand Besonderes kennen gelernt, und dann besorgen wir dir einen Mann und weisen ihn in deine Story ein.“

„Ich weiß nicht so recht.“ Phoebe war teils verblüfft, teils entsetzt darüber, wie Bella und Kate sie mitrissen. Das machten sie immer, sie drängten sie dazu, etwas zu tun, und wuschen ihre Hände in Unschuld, wenn es sich als schrecklicher Fehler erwies. Ein typisches Beispiel war der Badezimmeranstrich. Bella und Kate hatten ihr versichert, das grelle Pink würde fantastisch ausse...

Autor

Jessica Hart
Bisher hat die britische Autorin Jessica Hart insgesamt 60 Romances veröffentlicht. Mit ihren romantischen Romanen gewann sie bereits den US-amerikanischen RITA Award sowie in Großbritannien den RoNa Award. Ihren Abschluss in Französisch machte sie an der University of Edinburgh in Schottland. Seitdem reiste sie durch zahlreiche Länder, da sie sich...
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