Julia Exklusiv Band 339

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EIN KUSS SAGT MEHR ALS 1000 WORTE von LYNNE GRAHAM
Es ist ein vollkommen unmoralisches Angebot: Misty soll für den berühmten Millionär Leone Andracchi ein paar Monate lang die Geliebte spielen. Sie ist empört! Und in der Zwickmühle: Leone ist nämlich der größte Kunde ihres Partyservices. Ohne ihn kann sie einpacken!

HOCHZEIT – OHNE LIEBE? von KIM LAWRENCE
Um dem süßen kleinen Ben ein Zuhause zu geben, schlägt Rafael Farrar Tess vor, seine Frau zu werden. Doch eigentlich hat Tess darauf keine Lust! Außerdem hat ihr eine heiße Nacht mit ihm bewiesen, wie leidenschaftlich er sein kann. Wenn Rafael sie nicht aus Liebe heiraten will, wird sie die Hochzeit platzen lassen!

AUSGERECHNET ER! von RENEE ROSZEL
Elaine ist verzweifelt: Erst stirbt ihr Mann, und dann geht auch noch ihre Firma bankrott! Warum muss ausgerechnet der eiskalte Geschäftsmann Mitchell Rath sie sich unter den Nagel reißen? Elaine schäumt vor Wut, bis sie Mitchell persönlich kennenlernt. Seine männliche Ausstrahlung wirkt so stark auf sie, dass sie seinen überraschenden Vorschlag sofort annimmt ...


  • Erscheinungstag 16.07.2021
  • Bandnummer 339
  • ISBN / Artikelnummer 0851210339
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Lynne Graham, Kim Lawrence, Renee Roszel

JULIA EXKLUSIV BAND 339

1. KAPITEL

Leone Andracchi lehnte sich in seinem Ledersessel zurück und betrachtete die Frau, die er zum Werkzeug seiner Rache ausersehen hatte.

Melissa Carlton trug ihr kupferrotes Haar schlicht frisiert. Weder ihr graues Kostüm noch die flachen Schuhe wirkten besonders weiblich oder schmeichelhaft, und ihr blasses Gesicht war ungeschminkt. Sie wollte zweifellos tüchtig, aber unauffällig wirken, ohne groß auf sich aufmerksam zu machen. Sie schien damit auch Erfolg zu haben, denn bisher hatte keiner von Leones Mitarbeitern versucht, mit ihr zu flirten.

Waren denn alle Männer in diesem Zimmer – er selbst ausgenommen – blind? Erkannte nur er, welches Versprechen in diesen silbergrauen Augen lag und was die vollen roten Lippen versprachen? Anders angezogen, würde sie bedeutend interessanter wirken als jede landläufige Schönheit, denn ihr Teint gab ihr etwas zugleich Ätherisches und Sinnliches, das in dieser Verbindung selten war. Feine Seidenwäsche würde ihr hervorragend stehen, und die langen, schlanken Beine forderten geradezu hauchdünne Strümpfe und Sandaletten mit sehr hohen Absätzen.

Melissa – oder Misty, wie sie sich lieber nannte – war für eine Frau groß, aber Leone überragte sie immer noch genug, um hohe Absätze nicht fürchten zu müssen. Ein spöttischer Ausdruck erschien in seinen dunklen Augen. Natürlich würde er nicht nur Unterwäsche für sie aussuchen, aber der erste Blick eines echten Sizilianers galt nun einmal den angeborenen Reizen einer Frau und nicht ihrer Kleidung.

In wenigen Wochen würde Misty Carlton zu den bekanntesten Frauen Londons gehören. Als seine Geliebte würde sie von der Klatschpresse verfolgt werden. Man würde in ihrer Vergangenheit herumstochern, und wenn nicht genug dabei herauskam, würde er den Reportern die notwendigen Hinweise geben. Es sollte ihm nicht umsonst gelungen sein, Licht in Mistys Vergangenheit zu bringen. Seit sechs Monaten wusste er, wer sie war, und seitdem hatte sie sich immer mehr in dem für sie ausgelegten Fangnetz verstrickt.

Melissa Carlton war Oliver Sargents uneheliche Tochter – er war der Mann, dem Leone im Namen seiner Schwester Rache geschworen hatte. Oliver Sargent, ein angesehener Politiker, dessen Ruf sich vornehmlich auf seine Moralpredigten gründete, der ein scheinbar harmonisches Familienleben führte und doch nur ein Heuchler war. Oliver Sargent, der Teenager verführte und wenig besser als ein Mörder war. Oliver Sargent, der Battista Andracchi in den Trümmern ihres Autos hatte sterben lassen, um einen Skandal zu vermeiden.

Leones dunkles, markantes Gesicht nahm einen düsteren Ausdruck an. Obwohl die Beerdigung seiner Schwester jetzt fast ein Jahr zurücklag, schmerzte ihn die Erinnerung immer noch. Die Ärzte hatten damals erklärt, dass sie den Unfall bei rechtzeitiger Behandlung überlebt hätte, aber Oliver Sargent hatte keine Hilfe geholt. Er hatte die neunzehnjährige Politikstudentin, die in seiner Abteilung ein Praktikum absolvierte und ganz offensichtlich für den älteren verheirateten Mann schwärmte, einfach sterben lassen.

„Mr. Andracchi …“

Leone warf einen überraschten Blick auf das Mandelgebäck und die Cremetörtchen, die Misty ihm mit nicht ganz sicherer Hand zureichte. Traditionelle sizilianische Spezialitäten hier in London? Er hob den Kopf und bemerkte, wie angespannt Misty war. Die bläulichen Schatten unter den Augen machten ihr Gesicht fast noch reizvoller, und die langen braunen Wimpern erinnerten an die eines Kindes. Sie war nervös, verzweifelt, denn sie fürchtete, das Geschäft zu verlieren, um das sie so schwer gekämpft hatte. Das war sein Werk. Er hielt ihr Schicksal in der Hand, und genau das hatte er gewollt.

„Vielen Dank“, murmelte er, ohne sich durch diesen offensichtlichen Bestechungsversuch beeindrucken zu lassen. Bei Vertragsabschlüssen zählten Kapital, Leistung und Rentabilität – Gesetze, die Misty in mehrfacher Hinsicht verletzt hatte. „Nucatoli und Pasta ciotti … was für eine nette Überraschung. Sie verwöhnen mich.“

Die Ader unter Mistys Schlüsselbein pochte heftig und lenkte Leones Aufmerksamkeit auf ihre zarte, schimmernde Haut. „Es macht Spaß, gelegentlich etwas Neues auszuprobieren.“

„Geht uns das nicht allen so?“ Leone kostete von einem Cremetörtchen, während Misty weiter wie eine demütige Dienerin mit dem Serviertablett neben ihm stand. Er schätzte diese Stellung, und das Cremetörtchen zerging auf der Zunge. Vielleicht würde sie sich in ihrer Freizeit in seiner Küche nützlich machen. Sie schien darauf aus zu sein, andern zu gefallen, aber sie wirkte viel zu nervös. So deutlich gezeigte Nervosität musste jeden Interessenten an ihrer wirtschaftlichen Lage zweifeln lassen.

„Köstlich“, meinte er mit seiner warmen, tiefen Stimme.

Ein schwacher Hoffnungsschimmer erschien in Mistys silbergrauen Augen, und Leone konnte nicht verhindern, sie nackt vor sich zu sehen, an einem heißen sizilianischen Nachmittag auf sein Bett hingestreckt, mit aufgelöstem rotem Haar und verlangend geöffneten Lippen … Leider würde es nie dazu kommen, denn es gehörte zu seinem Plan, dass sie nur scheinbar seine Geliebte sein sollte.

Misty schenkte ihm sogar eigenhändig Kaffee ein. Ob ihr verflossener Freund, der Rockstar, auch in den Genuss dieser kleinen liebenswürdigen Beweise von weiblicher Zuneigung gekommen war, die noch dem letzten Schwächling das Gefühl gaben, ein toller Typ zu sein? Doch Misty war nicht etwa eine zarte, hinfällige Blüte. Ihre Akte enthielt einige ganz erstaunliche Dinge. Mit zweiundzwanzig Jahren hatte sie schon ein recht bewegtes Leben hinter sich, das Leones Mitleid erregt hätte, wenn da nicht dieser angebliche Betrug gewesen wäre, der eine alte Dame um ihre gesamten Ersparnisse gebracht hatte. Nein, hinter diesen schönen grauen Augen lauerte ein kleines Biest mit einem Herzen aus Stein.

Blut macht sich eben bemerkbar, dachte Leone verächtlich, während er den Kaffee probierte, der ganz nach seinem Geschmack gesüßt war. Mochte Misty auch keine Ahnung haben, wer ihr Vater war, mochte sie ihm nie begegnet sein – eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Oliver Sargent und seiner Tochter, die gleiche Neigung, andere für die eigenen Interessen auszunutzen, war nicht zu übersehen.

Melissa Carlton war bei wechselnden Pflegeeltern aufgewachsen und hatte auch später nie richtig Fuß gefasst. Die Verlobung mit einem reichen Grundbesitzer hatte nicht gehalten, worüber die Mutter des Verlobten, die Misty für berechnend und geldgierig hielt, noch heute froh war. Danach hatte der Rockstar angebissen, ein ungepflegt wirkender Bursche mit blondem Haar, der unverständliche Texte ins Mikrofon schrie, während Misty auf der Bühne dazu tanzte. Auch diese Verbindung hatte nicht lange gehalten.

„Ich würde gern etwas mit Ihnen besprechen, Mr. Andracchi“, brachte Misty mühsam hervor.

„Im Augenblick passt es schlecht“, antwortete Leone und sah Misty mit heimlicher Genugtuung blass werden.

Sollte sie ruhig noch etwas länger schmoren, letzten Endes würde sie bei dem Handel gewinnen. Zu viel gewinnen, aber das konnte er nicht ändern. Sie war Oliver Sargents schwache Stelle, und er brauchte sie, um den gemeinen Heuchler zu Fall zu bringen. Sobald die Presse Melissa Carlton als Olivers uneheliche Tochter entlarvt hatte, würde es mit der Karriere dieses Moralpredigers für immer vorbei sein. Seine Frau, mit der er keine Kinder hatte, würde sich wahrscheinlich ebenfalls von ihm abwenden, aber das interessierte Leone nicht. Er wusste, woran Oliver am meisten hing: an der Macht, an einem höheren Posten bei der Regierung und an seinen schwärmerischen Verehrerinnen.

Der Skandal würde Oliver Sargent seinen Stolz, seine Macht und seinen Einfluss für immer nehmen – eine harte Strafe für einen Mann, der sich für unentbehrlich hielt und in seiner falschen Bedeutung sonnte. Nach und nach würde dann auch der andere Schmutz nach oben gespült werden: Olivers zweifelhafte finanzielle Transaktionen und seine Verbindungen zu unseriösen Geschäftsleuten. Er würde ruiniert sein, ohne die geringste Hoffnung, jemals rehabilitiert zu werden.

Das war viel, aber für Leone noch nicht genug. Er forderte nicht nur Rache für Battistas frühen Tod, er wollte auch, dass sein Opfer wusste, warum ihn die Rache traf. Oliver ließ in seiner Gegenwart bereits Anzeichen von Unsicherheit erkennen, obwohl er nicht ahnte, dass Leone von seiner Anwesenheit bei dem Unfall wusste. Leider fehlte noch jeder Beweis. Der skrupellose Verführer hatte seine Spur zu gut verwischt, und es war Leone trotz aller Anstrengungen nicht gelungen, sein Wissen durch einen Beweis zu erhärten.

Leone beobachtete, wie Misty ihre Angestellten unauffällig durch den Raum dirigierte, damit es nirgendwo an Erfrischungen fehlte. Wie sehr sie ihrer verstorbenen Mutter glich! Oliver Sargent würde der Angstschweiß ausbrechen, sobald er sie erblickte und ihren Namen hörte …

Misty fragte sich, ob sie jemals einen Mann so gehasst hatte wie Leone Andracchi. Gerade hatte er sie wie eine Dienstmagd entlassen, und sie hatte das schweigend hinnehmen müssen. Morgen lief ihr derzeitiger Vertrag mit „Brewsters“ aus, und sie wusste immer noch nicht, ob er für ein Jahr verlängert werden würde. Falls nicht, war sie bankrott.

Seufzend fuhr Misty mit ihrer Arbeit fort. Der hübsche Clubraum war gedrängt voll, und die rein männliche Atmosphäre wirkte bedrückend, aber von keinem Anwesenden ging so viel Spannung aus wie von Leone Andracchi.

Er war der sprichwörtliche sizilianische Tycoon, märchenhaft reich, absolut skrupellos und völlig unberechenbar. Er beherrschte den Raum wie eine große schwarze Wolke, aus der sich jeden Moment der tödliche Blitz entladen konnte. Seine Mitarbeiter umschlichen ihn wie ängstliche Hunde, schmeichelten ihm und versuchten, ihm zu Willen zu sein. Ein Stirnrunzeln des Allmächtigen, und sie wurden kreidebleich. Dabei war Leone Andracchi erst dreißig Jahre alt. Zu jung, wie es hieß, um so viel Macht zu besitzen, aber als Geschäftsmann unschlagbar.

Misty verwünschte das Schicksal, das sie zwang, sich vor diesem Mann, einem Macho der übelsten Art, zu demütigen. Wie ein Tiger hatte er geschnurrt, als sie ihm die sizilianischen Spezialitäten angeboten und auch noch den Kaffee gesüßt hatte! Alles in ihr hatte dagegen rebelliert, denn es lag ihr nicht, vor anderen auf dem Bauch zu kriechen.

Vielleicht war sie ihm mit dem Mandelgebäck und den Cremetörtchen zu weit entgegengekommen, aber was blieb ihr übrig, solange ihre Lage so prekär war? Sie musste ja auch an Birdie denken, die ihr Heim verlieren würde, wenn es ihr, Misty, nicht gelang, den neuen Auftrag zu bekommen. Und für Birdie war ihr kein Opfer zu groß.

„Dieser Mr. Andracchi ist einfach hinreißend“, flötete Clarice, Mistys Freundin und Angestellte, während sie gemeinsam Tassen in Container stapelten. „Ich brauche ihn nur anzusehen, um mich wie im siebten Himmel zu fühlen.“

„Schsch.“ Misty errötete vor Ärger. Eine Serviererin, die den Chef mit schmachtenden Blicken verfolgte, war kaum eine Empfehlung für „Carlton Catering“.

„Du siehst ja selbst dauernd zu ihm hin“, verteidigte sich Clarice, ehe sie mit betontem Hüftschwung weiterschwebte.

Misty sah ihr wütend nach. Immer schob Clarice ihr falsche Motive unter, aber wenn man so ansehnlich gebaut war, mochte das verzeihlich sein. Natürlich beobachtete sie Leone Andracchi, aber nur aus Vorsicht und aus dem unangenehmen Gefühl heraus, dass er sie ebenfalls nicht aus den Augen ließ. Manchmal kam es ihr fast so vor, als verfolgte er sie mit seinen Blicken. Dann erschien ein eigenartiger Schimmer in den dunklen Augen, der sie nervös und hoffnungslos verlegen machte.

Ungewöhnlich genug, dass sie den Chef eines so gewaltigen Industrieunternehmens wie „Andracchi Industries“ überhaupt persönlich zu Gesicht bekam. Schließlich leitete sie nur einen bescheidenen Catering-Betrieb, und ihr Probevertrag bezog sich nur auf „Brewsters“, eine von vielen anderen Gesellschaften, die zusammen den Andracchi-Konzern bildeten.

Hinzu kam noch, dass „Brewsters“ nicht in London, sondern bei einer kleinen Stadt in Norfolk lag. Trotzdem hatte sich Leone Andracchi die Mühe gemacht, sie anlässlich eines Besuchs bei „Brewsters“ persönlich zu empfangen und einen befristeten Vertrag mit ihr abzuschließen. Es war nicht seine Schuld, dass sie inzwischen das Gefühl hatte, sich etwas zu viel zugemutet zu haben.

„Mr. Andracchi ist eben ein richtiger Mann“, seufzte Clarice, als sie wieder bei Misty vorbeikam. „Nur Muskeln und geballte Energie. Wer da nicht an tollen Sex denkt …“

„Er hat einen verheerenden Ruf, was Frauen betrifft“, erwiderte Misty giftig. „Und jetzt tu mir den Gefallen, und vermeide dieses Thema.“

„Ich wollte dich nur zum Lachen bringen“, verteidigte sich Clarice. „Nimm doch bloß nicht immer alles so ernst.“

Misty bereute ihre scharfen Worte sofort. Sie war gereizt, aber auch ihre beste Freundin ahnte nicht, wie schlecht es um „Carlton Catering“ stand. Wenn ihr Vertrag nicht verlängert wurde, konnte sie von der Bank keine weitere Unterstützung erwarten. Sie würde weder ihre Angestellten noch ihre Lieferanten bezahlen können, und alles würde mit einem peinlichen Konkursverfahren enden.

Ein blonder junger Mann in einem teuren Anzug trat auf Misty zu. „Mr. Andracchi erwartet Sie in seinem Büro, Miss Carlton.“

Ungewöhnlich, dass sich der Chef persönlich mit solchen Nebensächlichkeiten abgab, aber was hatte er vor einigen Monaten zum Erstaunen der Belegschaft verkündet?

„Der Lunch wird in Sizilien als kleines Kunstwerk aufgefasst, und ich möchte, dass meine Angestellten davon profitieren. Ich bin es leid, mit anzusehen, wie sie sich am Schreibtisch mit pappigen Brötchen vollstopfen. Eine richtige Mahlzeit wäre dagegen ein Ansporn für den ganzen Nachmittag.“

Also war Misty gebeten worden, in der neu eingerichteten Kantine täglich einen leichten Lunch zu servieren, und wenn nachmittags Besprechungen stattfanden, war sie ebenfalls für die Bewirtung verantwortlich. Diese günstige Abmachung stand jetzt auf dem Spiel. Selbst wenn die großzügigen Lunchgewohnheiten bei „Brewsters“ beibehalten wurden, war nicht sicher, wer den Auftrag bekam.

Misty suchte den Waschraum auf und betrachtete sich im Spiegel. Sie hatte schon besser ausgesehen, aber das war im Moment kein großer Trost. Schlaflose Nächte und ständige Geldsorgen hinterließen nun mal ihre Spuren.

Leone Andracchi würde ihr keinen neuen Vertrag anbieten. Das wusste sie, fühlte sie. Es war die Strafe dafür, dass sie ein zu hohes Darlehen aufgenommen hatte, um ihren Betrieb zu erweitern. Was machte es dem Allmächtigen schon aus, wenn sie Konkurs anmelden musste? Aber vielleicht erwartete er, dass sie bettelte, flehte, sich ihm zu Füßen warf …

Wieder fiel ihr Birdie ein. Sollte sie ihretwegen um Gnade bitten? Bei der Vorstellung überlief es Misty eiskalt, aber die einzige Alternative war fast noch schlimmer. Flash würde ihr ohne Zögern alle Sorgen abnehmen, nur würde sie diesmal selbst der Preis sein, und so tief zu sinken …

Nein, das würde der Himmel nicht zulassen.

2. KAPITEL

Eine Sekretärin, der man die Strapazen des einwöchigen Besuchs des Chefs von „Andracchi Industries“ deutlich ansah, öffnete die Tür zu einem großen hellen Büro. Misty atmete tief durch und trat ein. Sie wollte unbedingt einen sicheren Eindruck machen, aber ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und ihre Handflächen waren feucht. Wenn er mir bloß nicht zur Begrüßung die Hand gibt, dachte sie verzweifelt.

„Setzen Sie sich, Miss Carlton.“

Leone Andracchi stand am Fenster, durch das Sonnenlicht hereinfiel, und telefonierte. Er sprach italienisch, so glatt und einschmeichelnd, als würde er mit seiner Geliebten sprechen. Telefonsex, dachte Misty und verzog angewidert die Lippen. Aber in einer Hinsicht hatte Clarice leider recht. Er war hinreißend … die reine Augenweide.

Dichtes schwarzes Haar, in dem sich das Sonnenlicht brach, eine ausgeprägte Nase, starke Brauen, hohe Wangenknochen und ein sinnlicher Mund. Am ungewöhnlichsten waren die Augen … in einem Moment fast schwarz, im nächsten wie mit Gold überzogen, lachend, hinreißend, unglaublich sexy. Und wie er diese Augen einzusetzen wusste! Was andere kaum mit Worten sagen konnten, brachte er mit einem einzigen Blick unmissverständlich zum Ausdruck.

Leone beendete das Gespräch und warf Misty einen raschen Blick zu. Was mochte ihr müder Gesichtsausdruck bedeuten?

Was das kaum wahrnehmbare Lächeln? Sie schien zu den Menschen zu gehören, die ihre Gedanken wandern ließen und mitunter weiter weg waren, als ihnen guttat.

„Nett, Sie wiederzusehen, Miss Carlton.“ Leone ging zu seinem Schreibtisch und deutete dabei auf einen Sessel. „Es tut mir leid, dass Sie warten mussten.“

Es tut ihm nicht leid, dachte Misty, während sie sich vorsichtig hinsetzte, damit ihr Kostümrock nicht verrutschte. Kein bisschen. Warum setzte er sich nicht ebenfalls hin? Warum lehnte er in voller Größe an seinem Schreibtisch? Um sie mit seinen ein Meter neunzig – so viel waren es mindestens – einzuschüchtern?

„Sie möchten natürlich wissen, wie ich über den neuen Vertrag denke“, begann Leone das Gespräch. „Ich bin nicht verpflichtet, Ihnen irgendwelche Auskünfte zu geben, aber im Hinblick auf die hervorragenden Leistungen, die Sie während der letzten zwei Monate geboten haben, erscheint es mir nur fair, meine jetzige Ablehnung zu begründen.“

Abgelehnt! Misty wurde blass, obwohl sie mit dem Schlimmsten gerechnet hatte. „Ich kann auf falsche Komplimente verzichten, Mr. Andracchi“, antwortete sie heiser. „Wenn Sie den Vertrag mit ‚Carlton Catering‘ nicht verlängern wollen, waren Sie mit den Leistungen offensichtlich nicht zufrieden.“

Leone schüttelte den Kopf. „So einfach ist es nicht. Sie haben zu stark expandiert, Miss Carlton. Es wäre leichtsinnig, davon auszugehen, dass Ihr Betrieb solvent genug bleibt, um einen Jahresvertrag erfüllen zu können.“

Misty ließ ihre bisherige Vorsicht außer Acht und sah Leone direkt an. „Darf ich fragen, woher Sie diese Information haben?“

„Aus privaten Quellen.“

„Ihre Information ist falsch.“

„Lügen Sie nicht“, sagte Leone mit sanftem Vorwurf. „Lügen kostet Zeit, und die habe ich nicht. Meine Informationen treffen immer zu. Ich weiß zuverlässig, dass die Bank Ihren Kredit nur erhöht, wenn Sie einen von mir unterschriebenen Jahresvertrag vorlegen können.“

„Wenn ein Bankmitarbeiter falsche Behauptungen über meine Liquidität aufgestellt hat, werde ich mich offiziell beschweren.“ Mistys silbergraue Augen blitzten vor Entrüstung und Kampflust. „Ich versichere Ihnen, dass ich im Fall eines Vertragsabschlusses keinerlei Schwierigkeiten haben würde, diesen Vertrag für die vereinbarte Zeit zu erfüllen.“

„Ihr Optimismus ist beeindruckend, aber lassen Sie uns bei den Tatsachen bleiben. Sie haben Talent und können gut organisieren, doch mit dem Angebot für unseren ersten Vertrag lagen Sie falsch. Ihr Preis war zu niedrig. Sie vertreten eine arbeitsintensive Branche mit hohen Personalkosten, steigenden Versicherungsabgaben und Auflagen der Gesundheitsbehörde, die für einen kleinen Betrieb kaum zu bezahlen sind. Daher haben Sie auch keinen Gewinn erzielt.“

„Der Vertrag war sehr wichtig für mich“, erklärte Misty. „Es stimmt, mein Angebot war extrem niedrig, aber ich hatte die berechtigte Hoffnung, im nächsten Jahr mehr Profit zu machen. Sie sagten damals, es sei Ihnen ein persönliches Anliegen, örtliche Betriebe zu unterstützen …“

„Nicht, wenn sie von einer Frau geleitet werden, die nicht zugeben will, dass sie sich übernommen hat. Wie können Sie ruhig dasitzen und mit mir diskutieren, wenn ich doch weiß, dass die Miete für Ihre Geschäftsräume überfällig ist, dass Zinsen für Ihren Bankkredit anstehen und Sie überhaupt bis zu Ihrem bezaubernden Hals in Schulden stecken.“

„Lassen Sie meinen Hals – ob bezaubernd oder nicht – bitte aus dem Spiel.“ Misty stand auf, denn es war ihr unerträglich, ständig von oben herab angesehen zu werden. Wie konnte er es wagen, so mit ihr zu sprechen? Schlimm genug, dass er ihr keinen neuen Vertrag geben wollte. Musste er sie auch noch beleidigen, indem er ihre Fähigkeiten als Geschäftsfrau in Zweifel zog? Das war mehr, als sie ertragen konnte.

„Die Nerven zu verlieren wird Ihnen bei mir wenig nützen“, meinte Leone mit einem spöttischen Blick auf ihre kämpferische Haltung. Sie war etwa ein Meter fünfundsiebzig groß und schlank wie eine Gerte. Was bezweckte sie mit dieser Taktik? Bluffen lag ihr nicht, dann hätte sie ihn anders angesehen. Warum wollte sie ihm dann weismachen, dass sie nicht kurz vor dem finanziellen Ruin stand?

„Sie haben mich rufen lassen, um mir eine Absage zu erteilen“, sagte Misty leidlich gefasst. Am liebsten wäre sie auf Leone Andracchi losgegangen, um seinen spöttischen, überheblichen Blick nicht länger ertragen zu müssen. „Ist es da unbedingt nötig, auch noch persönlich zu werden?“

Leone zog eine Augenbraue hoch. „Und wenn ich mit dem Gedanken spiele, Ihnen einen Rettungsring zuzuwerfen?“

Misty begann unkontrolliert zu lachen. Kam jetzt das, was sie am meisten fürchtete? War das die Aufforderung zum Kniefall? Wenn sie an die Folgen dachte, die der Verlust des Auftrags mit sich bringen würde, war sie zu fast allem bereit. Sie wusste inzwischen, dass dieser Mann gern mit Menschen spielte – besonders wenn sie zum weiblichen Geschlecht gehörten.

„Besteht denn eine solche Möglichkeit?“

Misty befeuchtete sich die trockenen Lippen und merkte zu spät, dass Leone sie dabei beobachtete. Männer dachten angeblich alle fünf Minuten an Sex, aber bei diesem Mann waren es höchstens fünf Sekunden! Er strahlte eine so starke Sinnlichkeit aus, dass keine Frau davon unberührt bleiben konnte. Auch bei ihr genügte ein Blick von ihm, um sich ihres Körpers bewusst zu werden. Ob sie wollte oder nicht, ihre Brüste spannten sich, und die Spitzen richteten sich auf.

Es beruhigte Misty, dass ihre Kostümjacke diese sinnlichen Reaktionen verbarg. Angenommen, er würde etwas davon wahrnehmen, würde daraus schließen, dass sie ihm nicht widerstehen konnte … Sie war schon zu oft von Männern verletzt worden, um nicht von Grund auf misstrauisch zu sein. Dabei brauchte sie Leone Andracchi nicht mal zu fürchten. Er beurteilte die Frauen nach ihren äußeren Reizen, und da konnte sie nicht mithalten. Sie besaß zu wenige, und diese wenigen fielen nicht ins Auge.

„Alles ist möglich. Hat Ihnen das noch niemand gesagt?“

Flash hatte es gesagt, als er es darauf angelegt hatte, sie in sein Bett zu bekommen. Versuch es, vielleicht gefällt es dir. Er hätte nettere Worte finden können, aber wenn er hartnäckig geblieben wäre, hätte sie am Ende vielleicht nachgegeben. Sie liebte Flash, würde ihn immer lieben, wenn auch nicht so, wie er es sich wünschte. Hätte sie die Hand ergreifen sollen, die er nach ihr ausstreckte? Wäre dann alles anders gekommen?

„Setzen Sie sich wieder hin, Miss Carlton.“

Misty gehorchte automatisch. Irgendetwas musste jetzt kommen, sonst hätte der Allmächtige sie längst hinauskomplimentiert. Hatte es sich am Ende doch gelohnt, die halbe Nacht aufzubleiben, um diese sizilianischen Spezialitäten für ihn zu kreieren? Männer mit seiner Selbsteinschätzung ließen sich gern schmeicheln.

„Ich habe eine Aufgabe, die Sie während der nächsten zwei Monate für mich übernehmen könnten“, erklärte Leone ohne weitere Umschweife. „Im Gegenzug würde ich Ihren Betrieb sanieren und dafür sorgen, dass Sie in Zukunft davon leben können.“

„Das wäre das achte Weltwunder“, platzte Misty heraus. Gleich darauf bereute sie ihre vorschnellen Worte, denn Leone verzog unwillig das Gesicht.

„Dann geben Sie endlich zu, dass Sie vor dem Bankrott stehen?“

Misty rutschte nervös hin und her. „Mr. Andracchi …“

„Sagen Sie die Wahrheit, oder verlassen Sie mein Büro“, unterbrach er sie kalt.

„Es stimmt, ich stehe vor dem Bankrott.“ Das Eingeständnis schmerzte, denn bisher hatte sich Misty geweigert, die Hoffnungslosigkeit ihrer Lage zuzugeben. Dass Leone Andracchi sie dazu zwang, schürte nur den Hass gegen ihn.

Leone nickte befriedigt. „Ich danke Ihnen. Wie ich bereits andeutete, möchte ich Ihnen ein lohnendes Angebot machen. Es hat nichts mit Catering zu tun. Sollten Sie allerdings den Wunsch verspüren, in Ihrer Freizeit sizilianisch zu kochen, habe ich nichts dagegen.“

Das Angebot hatte nichts mit Catering zu tun? Gar nichts? Misty hielt es für klüger, zu schweigen und die weiteren Eröffnungen abzuwarten. Vielleicht lohnte es sich.

„Zuerst verlange ich Ihre Zusicherung, dass alles, was hier gesprochen wird, unter uns bleibt.“

Da absolute Vertraulichkeit zu den Grundregeln im Geschäftsleben gehörte, fühlte sich Misty fast gekränkt. „Selbstverständlich“, erklärte sie. „Ich pflege nicht zu klatschen und hätte wohl auch keinen Nutzen davon.“

„Ich brauche eine Frau, die für zwei Monate meine Geliebte spielt.“

Misty war wie vor den Kopf geschlagen. Was sie eben gehört hatte, war so ungeheuerlich, dass es sinnlos gewesen wäre, darauf zu antworten.

„Beachten Sie bitte das Wort ‚spielen‘“, fuhr Leone ungerührt fort. „Ich pflege meine weiblichen Angestellten nicht sexuell zu belästigen, und wenn wir uns einig werden, wären Sie meine Angestellte. Ich würde darauf bestehen, dass Sie sich rechtlich verpflichten, die Rolle so lange zu spielen, bis ich sie für beendigt erkläre.“

Misty begriff immer weniger, was sie von dem Vorschlag halten sollte. Warum brauchte er eine falsche Geliebte, und warum musste er eine fremde Frau darum bitten, sich dafür auszugeben? Bestimmt besaß er ein Adressbuch, das umfangreicher war als ein Bibliothekskatalog! Machte er London nicht gerade mit einem blonden TV-Starlet unsicher? Einer Jassy Sowieso, deren Kurven selbst Frauen einen zweiten Blick abnötigten?

„Ich furchte, ich verstehe Sie nicht“, sagte Misty endlich, denn sie konnte ihn nicht gut fragen, ob er den Verstand verloren habe oder sternhagelvoll sei.

„Das ist auch nicht nötig. Ich habe meine Gründe, die ich auf keinen Fall zur Diskussion stellen werde. Frauen mögen keine Geheimnistuerei, aber in diesem Fall ist absolute Diskretion notwendig.“

„Wenn Sie tatsächlich jemanden für diese … ungewöhnliche Rolle suchen, ist kaum einzusehen, warum Sie sich gerade an mich wenden“, meinte Misty vorsichtig.

. „Wirklich nicht?“ Ein Lächeln glitt über Leones Gesicht und nahm ihm für einen Moment alle Strenge.

Misty wusste, dass sie weder besonders schön noch besonders anziehend war und vor allem nicht zu dem Typ von Frauen gehörte, mit denen sich Leone Andracchi normalerweise in der Öffentlichkeit zeigte. Sollte sie ihren Stolz vergessen und das offen zugeben? Nie und nimmer.

„Soll das alles ein Scherz sein?“, fragte sie stattdessen.

„Ich meine es ernst.“

„Aber Sie müssen Hunderte von Frauen kennen“, ereiferte sich Misty, die durch seine Beharrlichkeit immer mehr verunsichert wurde. „Warum gerade ich?“

„Weil wir schon einmal Vertragspartner waren“, antwortete Leone ohne Zögern. „Warum wollen Sie mich davon abbringen, Ihnen aus Ihrer finanziellen Notlage zu helfen?“

Das war keineswegs Mistys Absicht, aber wenn sie den seltsamen Vorschlag ernst nehmen sollte, musste sie wenigstens einen Teil der Gründe kennen.

„Das ist alles sehr ungewöhnlich.“

Leone zuckte die Schultern. „Zugegeben, aber ich meine es wirklich ernst. Übrigens dürfen Sie sich die Aufgabe nicht zu leicht vorstellen. Sie müssten sich entsprechend verhalten, entsprechend kleiden und die Menschen davon überzeugen, dass wir uns lieben.“

Zarte Röte färbte Mistys Wangen. „Ich weiß nicht, ob mir das gelingen würde.“

„Sie brauchen nur die richtige Ausstattung und die Fähigkeit, sich mir in jeder Lage anzupassen. Oder anders ausgedrückt … Wenn ich sage: ‚Spring!‘, müssen Sie fragen: ‚Wie hoch?‘“

Misty hatte ihre sportlichen Fähigkeiten nie besonders hoch eingeschätzt, aber sie begann einzusehen, dass Leone Andracchi nicht nur seinen Spaß mit ihr trieb. Er brauchte eine falsche Geliebte. Was schloss das alles ein?

„Wir reden hier wirklich nur über eine … falsche Geliebte?“, fragte sie unsicher.

„Glauben Sie vielleicht, dass ich für Sex bezahlen muss?“

Misty biss sich auf die Lippe. „Sie brauchen nicht gleich persönlich zu werden, Mr. Andracchi. Ihr Privatleben geht nur Sie etwas an, aber für meine Sicherheit bin ich verantwortlich.“

„Wollen Sie damit andeuten, ich könnte perverse Neigungen haben?“, fuhr Leone auf.

„Ich kenne Sie zu wenig, um darüber zu urteilen“, verteidigte sich Misty heftig. „Im Übrigen müssen Sie mir zugute halten, dass man nicht jeden Tag einen sizilianischen Tycoon trifft, der einem den Himmel verspricht, wenn man nur seine Geliebte spielt.“

„Auch der eine sizilianische Tycoon könnte sein Interesse verlieren, wenn Sie weiter in diesem Ton sprechen.“

Misty konnte nicht länger verkrampft in ihrem Sessel sitzen bleiben. Sie sprang auf, ging einige Male hin und her und blieb dann vor Leone stehen. „Sagen Sie mir einfach, warum Sie mich für diese Rolle ausgesucht haben. Warum ausgerechnet ich?“

„Weil Sie es sich nicht leisten können, einen Vertrag mit mir zu brechen oder günstigere Bedingungen zu fordern“, antwortete Leone hart und unerbittlich.

Misty zuckte zusammen. Der Allmächtige hatte sich tatsächlich genau erkundigt und kannte ihre ausweglose Situation. Er genierte sich nicht einmal, sie daran zu erinnern – und vielleicht sogar im richtigen Moment. Jede Möglichkeit, die den Bankrott von „Carlton Catering“ abwendete und Birdie ihr Heim erhielt, musste gründlich erwogen werden. Aber wie konnte sie eine Rolle übernehmen, in der sie niemals überzeugen würde? Leone Andracchi musste blind sein. Kein Mensch würde sie auch nur einen Moment für seine Geliebte halten!

„Es würde nicht gut gehen“, sagte sie mehr zu sich selbst. „Wir sind wie Feuer und Wasser. Ich könnte mich nur schwer an Ihren Lebensstil gewöhnen und bestimmt niemanden davon überzeugen, dass wir … ein Liebespaar sind.“

„Ich glaube, da unterschätzen Sie sich“, sagte Leone in verändertem Ton. Seine Stimme klang plötzlich warm und sanft und zog Misty in ihren Bann. Gegen ihren Willen fühlte sie sich versucht zu lächeln, ganz weiblich und nur noch sie selbst zu sein, auch wenn die Gefahr bestand, wieder verletzt zu werden.

„Sagen Sie einfach Ja, und unterzeichnen Sie auf der punktierten Linie, dann sind all Ihre Probleme gelöst.“

„Welche Verpflichtungen hätte ich als Ihre falsche Geliebte?“, fragte Misty, um Bedenkzeit zu gewinnen.

„Sie müssten in dem Apartment wohnen, das ich für Sie miete, die Kleidung tragen, die ich für Sie kaufe, und mich überallhin begleiten, ohne zu fragen.“

Also nicht falsche Geliebte, sondern Sklavin, dachte Misty mit einem Anflug von Galgenhumor. Was für ein hemmungsloser Tyrann dieser Leone Andracchi doch war! Aber von einer gemeinsamen Wohnung war nicht die Rede gewesen. Die Komödie war also nur für die Öffentlichkeit gedacht und schloss keine weitergehenden Intimitäten ein. Er brauchte eine Marionette, die aus irgendeinem Grund, den sie ihm nicht entlocken konnte, für andere tanzen sollte. Vielleicht war alles auch nur eine verrückte Laune, wie die Idee, die Angestellten von „Brewsters“ täglich aufwendig zu bewirten.

Auf keinen Fall würde sie sein Bett teilen. Misty errötete vor Scham, als sie nur daran dachte. Da gab es ganz andere Möglichkeiten für Leone Andracchi! Aber in gewisser Weise verkaufte sie sich doch. Sie opferte ihren Stolz und ihre Unabhängigkeit für bares Geld. Das war billig und hatte einen unangenehmen Beigeschmack, aber sie musste an Birdie und ihre Angestellten denken. Mit Stolz ließen sich weder Löhne noch Rechnungen bezahlen.

„Was würden Sie für mich tun?“, fragte sie.

„Ich würde Ihre Schulden bezahlen, Ihr Geschäft auf eine gesunde finanzielle Basis stellen und Ihre Angestellten bezahlen, solange Sie für mich arbeiten. Sollten Sie noch andere Wünsche haben … Ich bin jederzeit zu Verhandlungen bereit.“

Leones kalter Blick und sein fast geschäftsmäßiges Vorgehen machten Misty doppelt klar, in welcher demütigenden Lage sie sich befand. Er hielt sie für käuflich, und sie war gezwungen, diese Meinung zu bestätigen.

„Ich werde heute Abend darüber nachdenken“, sagte sie mit gesenktem Blick.

„Was gibt es da nachzudenken?“

„Ich fürchte, Sie unterschätzen meinen Teil des … Vertrags, wie Sie es nennen.“

Leone runzelte die Stirn. „Ich sehe beim besten Willen keine Probleme oder eine Überschneidung von Interessen. Sie werden zwei Monate lang teure Kleider tragen, in einem Luxusapartment wohnen und das angenehme Leben der oberen zehntausend führen.“

Misty hob den Kopf. „Sie scheinen das für ein großes Glück zu halten, aber mir bedeutet es wenig.“

„Was könnten Sie sonst noch erwarten?“

„Zum Beispiel so etwas wie Respekt.“

„Respekt muss man sich verdienen, und das dürfte Ihnen bei mir nicht gelingen.“

Misty ging langsam zur Tür. Ihr geschäftlicher Misserfolg machte sie in Leone Andracchis Augen zu einem Menschen zweiter Klasse, aber das hätte sie sich denken können. Sein Respekt galt Menschen mit hohem Bankkonto und gesellschaftlichem Einfluss. Trotzdem hätte er die letzte Bemerkung nicht zu machen brauchen. Sie bewies nur, wie voreingenommen er gegen sie war.

„Ich hätte das nicht sagen dürfen. Es tut mir leid.“

Misty hatte die Tür erreicht und drehte sich noch einmal um. Das Bedauern war nur gespielt, das hätte sie beschwören können. Er fürchtete, sein Blatt überreizt zu haben, und gab daher scheinbar nach.

„Sparen Sie sich die Entschuldigung, Mr. Andracchi. Sie sind selbstsüchtig, überheblich, zynisch und rücksichtslos. Sie hätten mir den neuen Jahresvertrag geben können, denn Sie wissen, dass ich mich totgeschuftet hätte, um ihn zu erfüllen. Stattdessen nutzen Sie meine Lage aus, um mich zu erpressen. Sie haben kein Gewissen, und was Mitleid ist, ahnen Sie nicht einmal. Wie sollte es mich da wundern, dass Sie auch beleidigend sein können?“

Misty hatte Leone bei dieser kleinen Verteidigungsrede offen angesehen und bemerkt, dass er nicht mit einer so deutlichen Sprache gerechnet hatte. Das musste sie ausnutzen.

„Auch ich hätte das nicht sagen dürfen“, zitierte sie ihn, „und es tut mir mindestens ebenso leid.“

Dann verließ sie, ohne eine Antwort abzuwarten, das Büro.

Um sich besser abreagieren zu können, benutzte Misty nicht den Lift, sondern die Treppe. War es klug gewesen, Leone Andracchi den Fehdehandschuh hinzuwerfen? Wahrscheinlich lachte er sich in diesem Augenblick krank über sie! Die Hand zu beißen, die ihr aufhelfen sollte … Sie musste wahnsinnig gewesen sein.

Leone wusste das, und sie hatte seinen Triumph mit ihrem unkontrollierten Ausbruch nur vergrößert. Ebenso undiplomatisch war es gewesen, den nicht verlängerten Vertrag zu erwähnen. Misty vermutete zwar, dass sich ein Plan dahinter verbarg, aber beweisen konnte sie es nicht. Vielleicht hatte Leone sie nur gefragt, weil andere sich geweigert hatten, auf den Vorschlag einzugehen. Eine falsche Geliebte … wozu? Irgendwie musste er dabei gewinnen, denn er investierte viel. Sehr viel.

Misty hatte die Halle erreicht und blieb nachdenklich stehen. Sie sah Leones schmales Gesicht vor sich, die dunklen Augen, deren Ausdruck so auffallend wechseln konnte. Er war schwer zu durchschauen, und sich mit ihm einzulassen war leichtsinnig, vielleicht sogar tollkühn, aber bot er ihr nicht die einzige Hilfe an, auf die sie noch hoffen konnte?

Sie gewann viel, wenn sie die – eher lächerliche – Rolle als seine Geliebte spielte. „Carlton Catering“ würde bestehen bleiben, die Angestellten würden ihren Lohn bekommen, und sie konnte weiter die Hypothek abzahlen, die auf Birdies Haus lag. Was bedeuteten zwei Monate ihres Lebens, wenn andere dadurch so viel gewannen? Das Apartment und die Luxusgarderobe waren ihr gleichgültig, aber die Existenz so vieler Menschen zu retten …

Diesmal benutzte Misty den Lift, um schneller oben zu sein. Sie hatte gehofft, Leones Büro unbemerkt zu erreichen, aber es war wie verhext – er stand draußen auf dem Korridor und unterhielt sich mit zwei Männern.

Misty blieb unschlüssig stehen. Natürlich hatte Leone sie längst bemerkt, aber es machte ihm Spaß, sie zu ignorieren. Er gab sich sogar betont lässig, schob beide Hände in die Hosentaschen und hatte nur Augen und Ohren für seine Gesprächspartner.

Misty wusste nicht, wie lange sie dagestanden hatte, aber endlich drehte sich Leone wie zufällig um und warf ihr einen fragenden Blick zu.

„Die Antwort ist Ja“, sagte sie so leise, dass er es gerade noch verstehen konnte.

„Melissa, Liebes …“ Er kam mit strahlendem Lächeln auf sie zu und nahm ihre Hand. „Sie entschuldigen mich, meine Herren?“

Er zog Misty in sein Büro, ohne die Tür zu schließen. Ehe sie etwas sagen konnte, nahm er sie in die Arme und küsste sie, so wild und leidenschaftlich, dass es ihr den Atem nahm. Er ließ die Zunge zwischen ihre Lippen gleiten und drückte Misty fest an sich. Er war erregt, aber entgegen ihrer Erwartung stieß sie das nicht ab. Sie schmiegte sich sogar dichter an ihn und überließ sich willenlos seinem Verlangen.

Ebenso plötzlich, wie er den Kuss begonnen hatte, beendete er ihn. „Ich denke, das war eine überzeugende Demonstration unserer Absichten“, sagte er und atmete tief ein. Seine dunklen Augen glänzten, und eine leichte Röte ließ die Wangenknochen stärker hervortreten.

Es gelang Misty nicht, sich so schnell zu fassen. Ihre Beine drohten nachzugeben, sie schwankte und musste sich an der Wand abstützen. Sie konnte nicht glauben, was eben geschehen war. Anstatt sich zu wehren, hatte sie dem Ansturm nachgegeben und eine tiefe innere Befriedigung dabei empfunden. Ihr Körper hatte sie verraten, und daran war nur Leone schuld. Er spielte mit ihr und entlockte ihr Reaktionen, die sie nicht steuern konnte.

„Unserer … Absichten?“, wiederholte sie stockend. Die Tür zum Korridor stand noch offen, aber die beiden Männer waren inzwischen verschwunden. Zu spät, wie Misty zerknirscht feststellte. Sie, die sich so gern als nüchterne Geschäftsfrau sah, hatte vor Zeugen ihre Würde als Frau verloren.

„Die Gelegenheit war zu günstig, um sie zu verpassen.“ Leone hielt den Blick gesenkt.

Misty wurde von solcher Wut erfasst, dass sie ihn am liebsten ins Gesicht geschlagen hätte. „Und Sie haben behauptet, dass Sie Ihre Angestellten nicht sexuell belästigen!“

„Wenn Sie glauben, dass wir als Liebespaar gelten können, ohne das gelegentlich zu beweisen, müssen Sie sehr naiv sein“, erklärte Leone ungerührt. „Aber diese Beweise sind nur für die Öffentlichkeit gedacht. Privat entfallen sie.“

„Das brauchen Sie nicht zu betonen.“ Misty war zu aufgebracht, um Leones Nähe länger ertragen zu können. Zu spät musste sie einsehen, dass sie die Rolle der falschen Geliebten angenommen hatte, ohne sie bis in die letzten Konsequenzen zu durchdenken. Dafür hasste sie sich und ihn. „Darf ich jetzt gehen?“

Leone nickte. „Ich erwarte Sie heute Abend um neun Uhr in meinem Hotel, damit wir die notwendigen Einzelheiten besprechen können. Ich wohne im ‚Belstone House‘.“

„Heute Abend passt es mir nicht.“ Misty konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen.

„Es wird Ihnen passen“, antwortete Leone nur. „Morgen fahre ich nach London zurück.“

Misty machte auf dem Absatz kehrt und verließ das Büro. Sie war wütend, aber mehr auf sich selbst als auf Leone. Wie hatte sie sich in seinen Armen so vergessen können? Doch alles war so neu gewesen … so anders. Selbst bei Philip, ihrer ersten Liebe, hatte sie nicht so empfunden.

Doch das war lange her. Wusste sie wirklich noch, was sie mit neunzehn gefühlt hatte? Vielleicht war der Unterschied gar nicht so groß. Leone Andracchi hatte sie überrumpelt und seinen Vorteil ausgenutzt. Aber ein Punkt quälte Misty immer noch. Sie hasste diesen Mann, verachtete ihn. Warum hatte ihr das nicht die Kraft gegeben, seinem Kuss zu widerstehen?

3. KAPITEL

Misty stieg in den kleinen Lieferwagen, der auf dem Parkplatz von „Brewsters“ stand, und fuhr zu den Geschäftsräumen, die sie außerhalb der Stadt gemietet hatte. Dort endete jeder Arbeitstag mit einer gründlichen Reinigung, bei der sie ihre drei Mitarbeiterinnen kollegial unterstützte. Kurz nach fünf Uhr konnte sie endlich abschließen, aber sie tat es schwereren Herzens als sonst. Die Erkenntnis, dass ein verlorener Vertrag sie an die Grenze des Bankrotts bringen konnte, war zu niederdrückend.

„Carlton Catering“ bestand seit gut einem Jahr. Misty hatte bescheiden angefangen – mit privatem Partyservice und gelegentlichen Hochzeiten. Ihre Devise hatte gelautet: kein Luxus, aber dafür niedrige Kosten.

Vor fünf Monaten hatte sie von einem ihrer Lieferanten erfahren, dass ein Caterer für „Brewsters“, die größte und renommierteste Firma der Stadt, gesucht wurde. Da sie schon länger mit dem Gedanken gespielt hatte, ihren Betrieb zu vergrößern, war sie mit einem Niedrigangebot allen Konkurrenten zuvorgekommen und hatte den Auftrag erhalten. Ein zweiter Lieferwagen und eine moderne Betriebsausstattung waren die ersten sichtbaren Zeichen dieses Erfolgs.

Doch danach ging eigentlich alles schief. Rowdys verwüsteten ihre Geschäftsräume, und die Versicherung weigerte sich – mit Hinweis auf mangelnde Sicherheitsvorkehrungen –, den Schaden zu bezahlen. Die Reparaturen verschlangen Mistys Rücklagen und entzogen „Carlton Catering“ damit die sichere Grundlage.

„Sie müssen Ihre persönlichen Ausgaben einschränken, um den Verlust auszugleichen“, hatte ihr Bankberater erst vor sechs Wochen gesagt. „Obwohl Sie kaum über Bargeld verfügen, zahlen Sie weiter die Hypothek ab, die auf einem Haus liegt, das Ihnen nicht gehört. Ich bewundere Ihre Großzügigkeit gegenüber Mrs. Pearce, aber Sie dürfen nicht übersehen, dass Sie sich damit ruinieren.“

Misty musste an diese Worte denken, während sie nach Hause fuhr. Birdie Pearce wohnte in einem baufälligen alten Landhaus, das „Fossetts“ hieß und seit Generationen im Besitz der Familie ihres verstorbenen Ehemanns war. Da Robin und Birdie keine eigenen Kinder bekommen konnten, hatten sie ihr Haus über dreißig Jahre lang für fremde Kinder offen gehalten, mit denen das Leben nicht besonders sanft umgegangen war.

Misty war eins dieser Kinder, und auch sie zog unglücklich, verbittert und misstrauisch in „Fossetts“ ein. Sie war gerade zwölf geworden und verbarg ihre Verletzbarkeit hinter Härte und Gleichgültigkeit. Robin und Birdie gaben sich große Mühe, ihr Vertrauen und ihre Zuneigung zu gewinnen. Sie schenkten ihr Sicherheit und glaubten an sie, und diese Schuld, die eine Verpflichtung, aber keine Last war, konnte Misty niemals abtragen.

Seit vierzehn Monaten diente der größte Teil ihres Einkommens dazu, Birdie ihr Heim zu erhalten. Birdie ahnte nichts davon, denn bis zu seinem Tod hatte Robin die Finanzen geregelt, und Misty hatte diese Aufgabe von ihm übernommen. Mit Entsetzen hatte sie feststellen müssen, dass „Fossetts“ bis zum letzten Dachziegel belastet war. Robin hatte sich ziemlich unbedenklich von der Bank Geld geliehen, ohne jemandem davon Mitteilung zu machen, und so gehörte das Haus praktisch nicht mehr Birdie, sondern der Bank.

Birdie war jetzt Anfang siebzig. Sie hatte ein schwaches Herz und stand auf der Warteliste für eine Operation, auf die man große Hoffnungen setzte. Bis dahin war sie äußerst schonungsbedürftig, und ihr Arzt versicherte immer wieder, dass Ruhe unerlässlich für sie sei. Birdie liebte das alte Haus, und außerdem war es das letzte Bindeglied zu Robin, den sie verehrt hatte. Anfangs war es nur Mistys Bestreben gewesen, alle Geldsorgen von Birdie fernzuhalten. Welche Opfer es kosten würde, „Fossetts“ für die alte Dame zu erhalten, hatte sie nicht geahnt.

Es war ein großes, fast mittelalterlich wirkendes Haus mit einem steilen Dach und ungewöhnlich geschwungenen Giebelfenstern. Es stammte aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts und stand inmitten alter Buchen, mit einer weiten Rasenfläche davor.

Misty parkte den Lieferwagen und warf beim Aussteigen einen bekümmerten Blick auf das alte Haus. „Fossetts“ begann, vernachlässigt zu wirken. Einen Gärtner konnte man schon lange nicht mehr bezahlen, die Fenster hingen teilweise schief in den Angeln, und die Fassade brauchte dringend einen frischen Anstrich. Es wäre übertrieben gewesen, von einem Gutshaus zu sprechen, aber „Fossetts“ war zu groß und zu eigenwillig gebaut, um es mit bescheidenen Mitteln zu erhalten.

Doch sobald Misty den holzgetäfelten Vorderflur betrat, war ihr, als fielen alle Sorgen und Nöte von ihr ab. Auf einem Seitentischchen stand eine Vase mit halb verblühten Rosen, die ihren letzten Duft verströmten und immer mehr Blätter fallen ließen. Misty blieb einen Augenblick stehen, um sich daran zu erfreuen, und ging dann weiter in die Küche, wo die alten Einbauschränke aus Fichtenholz und der große weiße Porzellanausguss noch an die alte Zeit erinnerten.

Nancy machte gerade Sandwiches zum Tee zurecht. Sie war eine Cousine von Robin und Ende fünfzig. Sie war vor zwanzig Jahren nach „Fossetts“ gekommen, um bei der Betreuung der Kinder zu helfen, und hatte es nie wieder verlassen. Inzwischen sorgte sie nur noch für Birdie.

„Birdie ist im Sommerhaus“, verkündete sie fröhlich. „Wir trinken den Tee heute draußen.“

Misty rang sich ein Lächeln ab. „Was für eine nette Idee! Kann ich helfen?“

„Nein, nein. Geh nur zu Birdie und leiste ihr Gesellschaft.“

Es war ein warmer Juniabend, aber Birdie hatte sich in eine Wolldecke gewickelt, denn sie fror immer, auch bei schönstem Wetter. Sie war klein, nur ein Meter achtundvierzig, und sehr zierlich. Ihr Gesicht zeigte die Spuren eines langen, opfervollen Lebens, nur die blauen Augen leuchteten wie zwei Sterne daraus hervor.

„Ist der Garten nicht bezaubernd?“, fragte sie mit einem matten Lächeln.

Misty betrachtete das Mosaik von Licht und Schatten unter den Buchen, das saftige Gras des frühen Sommers und die hellroten Blüten des Rhododendrons, die schon am Verblühen waren. Es war ein stilles, friedliches Bild.

„Wie geht es dir heute?“, fragte sie besorgt.

Birdie sprach nicht gern über ihre Gesundheit und überhörte die Frage. „Ich hatte Besuch“, berichtete sie. „Von dem neuen Pfarrer und seiner Frau. Sie sind kaum angekommen und haben schon das alberne Gerücht von dem undankbaren Pflegekind gehört, das mich angeblich in Armut gestürzt hat.“ Birdie neigte den Kopf zur Seite und sah Misty an. „So ein Blödsinn, aber das habe ich den beiden auch gesagt. Wer erfindet nur so etwas?“

„Es muss mit Dawn zusammenhängen. Jemand hat davon gehört und alles falsch verstanden.“ Misty verschwieg, dass der allmähliche Niedergang von „Fossetts“ bei den braven Mitbürgern zu Spekulationen geführt hatte, die in der Äußerung gipfelten, „dass nichts Gutes dabei herauskommen könne, wenn man schlechte Kinder in sein Haus hole“.

Unglücklicherweise hatte Dawn, die tatsächlich eine Pflegetochter der Pearce‘ gewesen war, Birdie im vorigen Jahr einen Besuch gemacht und bei dieser Gelegenheit ihren gesamten Schmuck gestohlen. Birdie hatte auf eine Anzeige verzichtet, denn Dawn war drogenabhängig und daher in einer verzweifelten Lage gewesen. Auf Birdies Drängen und auch auf ihren eigenen Wunsch hin hatte Dawn eine erfolgreiche Entziehungskur gemacht, aber kein einziges Schmuckstück war wieder aufgetaucht.

„Warum denken die Menschen nur so schlecht von anderen?“, fragte Birdie mit trauriger Miene. Sie gehörte zu den wenigen, die immer versuchten, alles zum Besten zu wenden.

„Nicht alle“, versuchte Misty sie zu trösten.

„Aber nun zu dir.“ Birdies Miene hellte sich auf. „Was hast du mir von diesem gut aussehenden Sizilianer bei ‚Brewsters‘ zu erzählen? Ich war nie in der glücklichen Lage, einem dieser sagenhaften Tycoons zu begegnen. Außer im Fernsehen“, fügte sie lächelnd hinzu.

Misty lächelte ebenfalls, aber gleichzeitig trieb ihr die zärtliche Liebe zu ihrer alten Pflegemutter die Tränen in die Augen, und sie musste sich abwenden. Es gelang ihr nie, Birdies naiven Optimismus zu teilen, selbst jetzt nicht, da Leone Andracchi als Retter in der Not erschienen war. Sie hätte ihm dankbar sein müssen, und was tat sie? Sie ärgerte sich über einen Kuss, als stammte sie aus der Viktorianischen Zeit!

„Mr. Andracchi hat mir eine Stellung in London angeboten.“ Misty wagte nicht, Birdie bei dieser Eröffnung in die Augen zu sehen. „Was würdest du dazu sagen, wenn ich für einen oder zwei Monate fortginge?“

„Um für einen attraktiven Millionär zu arbeiten?“, fragte Birdie scherzhaft, nachdem sie sich von der ersten Überraschung erholt hatte. „Ich wäre begeistert!“

Nach dem Tee ging Misty in ihr Zimmer hinauf und öffnete ihren Schrank. Er enthielt die Garderobe, die Flash ihr geschenkt hatte, um sie über die geplatzte Verlobung mit Philip hinwegzutrösten. Freche, manchmal ziemlich offenherzige Modellkleider, die seit über zwei Jahren nicht das Tageslicht erblickt hatten. Sie wählte ein Ensemble aus türkisfarbenem Schlangenimitat und dazu Sandaletten mit hohen Pfennigabsätzen. Nach einem kurzen Bad holte sie die Schminksachen hervor, die aus derselben Zeit stammten und ebenfalls unberührt geblieben waren, seit sie sich von Flashs glitzernder Fantasiewelt verabschiedet hatte.

Flash hatte sie zu einem Rockstar-Groupie umgemodelt, und sie hatte gelernt, das Beste aus sich zu machen. Aber ihr freches, sexbetontes Image hatte den Kummer über Philips Zurückweisung nicht gemildert und letzten Endes auch die Beziehung zu Flash zerstört, jeder Schritt, mit dem sie sich seinem Idealbild annäherte, führte von ihm weg. Er sah nicht mehr die Schwester in ihr, nicht mehr das magere kleine Mädchen, das fünf Jahre in demselben Pflegeheim gelebt hatte. Er wollte plötzlich mehr von ihr, und damit hatte er sie verloren.

Misty holte das alte Auto aus der Garage, das nur noch von Nancy zum Einkaufen benutzt wurde, und fuhr zum „Belstone House“, wo Leone Andracchi abgestiegen war. Die elegante Lounge konnte als Wahrzeichen des kleinen exklusiven Hotels gelten. Misty fragte am Empfang nach Mr. Andracchi und erfuhr, dass er noch beim Dinner war.

Sollte sie warten oder Leone beim Essen stören? Während sie noch überlegte, tauchte ein blonder Mann aus der Bar auf und blieb bei ihrem Anblick unvermittelt stehen. Der Dritte, dachte sie, denn schon der Türsteher und der Portier hatten auffällig stark auf ihr Erscheinen reagiert.

„Melissa … Misty?“

Im ersten Moment glaubte Misty zu träumen. Seit drei Jahren hatte sie diese kultivierte, etwas schleppende Stimme nicht gehört und erkannte sie sofort. Blitzartig drehte sie sich um.

„Philip!“

„Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen.“ Philip Redding betrachtete sie wie einen Geist. „Geht es dir … gut?“

Misty nickte. Es fiel ihr schwer, etwas zu sagen. Philip wohnte noch in ihrer Nähe, aber seit der Trennung vor drei Jahren mied Misty alle Orte, an denen sie eine Begegnung mit ihm fürchten musste. Ab und zu sah sie auf der Straße sein Auto vorbeifahren, aber ansonsten war ihre Taktik erfolgreich gewesen.

„Du siehst einfach fabelhaft aus!“ Philip musste den Kopf etwas zurückbeugen, um Misty in die Augen sehen zu können. „Ich wollte immer wieder in ‚Fossetts‘ vorbeikommen …“

„Mit Frau und Kindern?“, unterbrach Misty ihn lächelnd.

Philip wurde blass. „Wir haben nur ein Kind. Um ehrlich zu sein … Helen und ich lassen uns scheiden. Unsere Ehe war kein Erfolg.“

Leone Andracchi verließ den Speiseraum und blieb in einiger Entfernung stehen. Er erkannte Misty kaum wieder. Das kupferrote Haar fiel ihr in üppigen Wellen bis auf die Schultern, die grauen Augen leuchteten, und ihre vollen Lippen waren pfirsichrot geschminkt.

Was sie trug, war aus der Entfernung nicht genau zu erkennen. Das Oberteil schien mit dünnen Kettchen befestigt zu sein, die symmetrisch über die schmalen Schultern liefen. Das weiche Oberlicht ließ den glänzenden Stoff aufleuchten, unter dem sich Brüste und Hüften verlockend abzeichneten. Und dann die langen, langen Beine …

„Melissa?“

Philips offenes Eingeständnis, dass seine Ehe vor dem Scheidungsrichter enden würde, hatte Misty verwirrt. Sie wandte sich Leone zu, dessen Anwesenheit sie instinktiv spürte, und fühlte sich sofort von ihm gefangen. Ihre Blicke schienen miteinander zu verschmelzen, und einen Moment war es Misty, als fehlte ihr die Luft zum Atmen.

„Entschuldige, dass ich dich warten ließ, amore.“ Leone trat neben sie und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Er war größer als Philip, dunkler und so aufreizend sicher, dass kein andrer Mann neben ihm bestehen konnte.

„Philip Redding.“ Philip, der immer noch wie ein hübscher Junge wirkte, streckte naiv die Hand aus. „Misty und ich sind alte Freunde.“

„Wie interessant.“ Leone sagte das so gelangweilt, dass Philip errötete. „Leider sind wir spät dran.“

Leones mangelnde Höflichkeit befremdete Philip. Er wandte sich wieder an Misty und sagte halb entschuldigend: „Ich werde dich anrufen.“

„Das können Sie sich sparen.“ Leone warf Philip einen verächtlichen Blick zu und führte Misty ungefragt zum Lift, wo er heftiger als nötig auf den Knopf drückte. „Misty wird keine Zeit für Sie haben.“

Mistys Wangen glühten vor Verlegenheit, aber sie sagte nichts. Sie wollte nicht, dass Philip in „Fossetts“ anrief und Birdie dadurch unnötig aufregte.

„Also wirklich …“, hörte sie Philip noch sagen, während sich die Lifttüren schlossen. „Dieser Ton …“

„Gefällt es dir, so offen den Platzhirsch zu spielen?“, fragte sie mit falschem Augenaufschlag.

„Solange du mit mir zusammen bist, wirst du nicht mit anderen Männern sprechen“, antwortete Leone scharf. „Du wirst sie nicht einmal ansehen.“

Misty verstand die Warnung, aber sie empfand sie wie einen Schutz, für den sie dankbar war. Sie wollte nicht mehr an Philip denken. Nie wieder. Seine Zurückweisung hatte sie zu tief verletzt und in jahrelange Verzweiflung gestürzt.

„Alte Verehrer schon gar nicht“, fuhr Leone in demselben Befehlston fort.

Misty beugte den Kopf zurück und sah Leone teils herausfordernd und teils spöttisch an. Die sinnliche Spannung zwischen Leone und ihr trieb ihr das Blut schneller durch die Adern. „Dann solltest du gut auf mich aufpassen.“

„Nein“, antwortete er ohne Zögern. „Ich bezahle für absolute Treue und die Illusion, dass du nur Augen für mich hast. Mit Philip zu flirten passte nicht ins Programm.“

„Zu flirten?“ Misty musste lachen, obwohl die unerwartete und unerwünschte Begegnung mit ihrem Exverlobten nur düstere Erinnerungen wachgerufen hatte. „Philip ist der letzte Mann, mit dem ich flirten würde.“

„Mir ist nicht entgangen, wie du ihn angesehen hast“, beharrte Leone.

„Und wie habe ich ihn angesehen?“

„Muss ich das wirklich genauer beschreiben?“

Misty senkte den Blick, denn sie wusste, was Leone meinte. Für einen flüchtigen, unkontrollierten Moment hatte sie sich bei Philips Anblick an ihr einstiges Glück erinnert, und das mussten ihre Augen verraten haben. Wie weit das inzwischen zurücklag!

Sie waren erst sechs Wochen verlobt gewesen, als ein Betrunkener mit seinem Wagen in Philips Auto raste. Philip kam mit einer Gehirnerschütterung davon, aber sie, Misty, musste operiert werden – mit dem traurigen Ergebnis, dass sie wahrscheinlich keine Kinder bekommen würde.

Philip war unfähig, sich mit dieser Tatsache abzufinden. Mit Tränen in den Augen, die vielleicht sogar echt waren, gestand er Misty, dass er sie immer noch liebe, aber nicht heiraten könne, weil sie keine richtige Frau mehr sei …

„Dieser Philip hätte sich beinahe auf dich gestürzt …“

„Er hat mich nicht mal berührt!“

„Weil er keine Gelegenheit dazu hatte.“

Als Leone beim Verlassen des Lifts Misty eine Hand auf den Rücken legte, wich sie zur Seite und sah ihn mit blitzenden Augen an.

„Wir haben keine Zuschauer … nimm also gefälligst deine Hand weg!“

Misty sah sich gespielt neugierig in der luxuriösen Suite um, während sie gleichzeitig zu verbergen suchte, wie tief sie die kurze Begegnung mit Philip aufgewühlt hatte. Wie durch ein böses Zauberwort waren die alten Wunden wieder aufgebrochen, die so lange gebraucht hatten, um sich zu schließen. Philips hartes Urteil, seine grausame Feststellung, dass eine unfruchtbare Frau der Weiblichkeit entbehre, hatten ihr ganzes Leben verändert. Erst nach schweren inneren Kämpfen war ein neues Bild vor ihr aufgestiegen – das Bild einer Frau, die auch ohne Mann und Kinder Erfüllung finden konnte.

„Möchtest du etwas trinken?“

„Nein, danke.“

„Vielleicht würde es deine Nerven beruhigen …“

Misty fuhr herum, blinde Wut drückte ihr fast den Atem ab. „Meine Nerven sind völlig in Ordnung! Hör endlich auf, mich herabzusetzen …“

„Also doch.“ Leones Blick ruhte durchdringend auf ihr. „Dieser alberne Junge hat dich aufgeregt …“

„Sprich nicht so von ihm. Du kennst Philip nicht.“

„Das ist auch nicht nötig. Er hat sich selbst entlarvt.“

Misty warf den Kopf zurück, auf ihren Wangen glühten dunkle Flecken. „Das gilt eher für dich. Ich verabscheue aggressive Männer.“

Ein befriedigtes Lächeln glitt über Leones Gesicht, und Misty dachte: Es gelingt mir nicht mal, ihn zu reizen. Unsere kleine Auseinandersetzung amüsiert ihn nur.

„Ich bin nicht aggressiv, sondern stark, und das gefällt dir.“

„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“

„Wirklich nicht?“ Leone zog spöttisch die Augenbrauen hoch. „Du begehrst mich … wie ich dich begehre, aber das wird uns beiden nichts nützen. Wir haben eine geschäftliche Abmachung und müssen uns vor Komplikationen hüten.“

Misty war nicht nur verletzt, sie fühlte sich bloßgestellt und missbraucht. Fast hätte sie Leone eine heftige Antwort gegeben, aber sie bemerkte rechtzeitig, wie verlangend sein Blick auf ihren Lippen ruhte, und schwieg.

„Eine geschäftliche Abmachung“, wiederholte er rau.

Es klopfte leise, und ein junger Mann – offenbar Leones Privatsekretär – kam mit einer Akte in der Hand herein. Misty atmete immer noch schwer und ging zum Fenster, um ihre innere Ruhe wiederzufinden.

Kein Mann hatte bisher eine solche Wirkung auf sie ausgeübt wie Leone, und sie fing an, sich davor zu fürchten. Es war, als hätte sie in seiner Gegenwart keine Kontrolle über sich, als würde ihr Verstand aufhören zu funktionieren. Leone ging es ähnlich, das machte ihn mitschuldig und bewahrte ihr wenigstens einen Hauch von Selbstachtung.

Als der junge Mann wieder gegangen war, drehte sie sich um.

„Hier ist der Vertrag, von dem ich gesprochen habe“, meinte Leone. „Lies ihn und unterschreibe.“

„Und wenn ich nicht unterschreibe?“

„Ist unsere Abmachung hinfällig.“

Misty setzte sich hin und begann zu lesen. Es war ein typischer Anstellungsvertrag, in dem ihre Rolle als falsche Geliebte, die Kleider und das Apartment unerwähnt blieben. Dafür enthielt er eine Klausel, die besagte, dass sie aller Vergünstigungen – ob finanziell oder nicht finanziell – verlustig gehen würde, falls sie das Arbeitsverhältnis ohne Leones Einverständnis vorzeitig beendigen würde. Die Klausel gefiel ihr ganz und gar nicht, aber die Summe, die er als Gegenleistung bot, war so hoch, dass ihr der Atem stockte. Sie konnte damit nicht nur weiter die Hypothek für „Fossetts“ abzahlen, sondern auch alle offenen Rechnungen begleichen und „Carlton Catering“ für die Dauer ihrer Abwesenheit finanziell sicherstellen.

Misty sah unsicher auf. „Du bist sehr großzügig, Leone, aber was soll ich von dieser Klausel halten, die besagt, dass ich ohne dein Einverständnis nicht gehen darf?“

„Halte davon, was du willst“, antwortete Leone gleichgültig. „Ich versichere dir, dass deine Stellung nichts Unmoralisches, Ungesetzliches oder Gefährliches mit sich bringen wird.“

Das machte Misty kaum klüger. Die Klausel bereitete ihr weiter Kopfzerbrechen, aber sie griff nach dem Füllfederhalter, der vor ihr auf dem Tisch lag. Leone würde ihr keine genaueren Erklärungen geben, und sie konnte es sich nicht leisten, sein Angebot auszuschlagen.

„Warte noch!“ Leone ging zur Tür und rief den jungen Mann zurück. Er sollte Zeuge von Mistys und seiner Unterschrift sein.

Diese übertriebene Genauigkeit war nicht gerade geeignet, Misty ihr Unbehagen zu nehmen. „Und was jetzt?“, fragte sie, als der junge Mann das Dokument wieder an sich genommen hatte und gegangen war.

„Nur noch einige Kleinigkeiten.“ Leone setzte sich ihr gegenüber. „Ich schicke dir Montag früh um neun Uhr ein Auto …“

„Diesen Montag?“, unterbrach Misty ihn. „Das sind nur noch sechs Tage.“

„Ich möchte, dass wir unsere Rollen bis zum übernächsten Wochenende beherrschen.“ Leone zog einen Notizblock aus der Tasche und legte ihn vor Misty hin. „Schreib mir deine Maße auf. Du brauchst eine neue Garderobe.“

Die knappe Anweisung verletzte Mistys Stolz. „Ich besitze genug Kleider, in denen ich mich sehen lassen kann.“

„Und wenn ich dich als Punkerin nicht mag?“ Leone betrachtete sie aufreizend ruhig. „Wenn ich einen eleganteren, etwas feineren Stil bevorzuge?“

Punkerin! Misty errötete vor Ärger, denn gegen ihre nackten Arme war kaum etwas einzuwenden, und sie hatte schon kürzere Röcke getragen. Aber eins war ihr durch Leones spöttische Bemerkung klar geworden.

„Du hast von Flash gehört. Wie das?“

„Sei nicht so naiv. Glaubst du, ich hätte dir diesen Vertrag angeboten, ohne etwas über dich zu wissen?“

So gesehen, kam sich Misty wirklich naiv vor. Es passte zu Leone, dass er Erkundigungen über sie eingezogen hatte und dabei auf ihre Beziehung zu Flash gestoßen war. Natürlich ging auch er davon aus, dass sie mit ihrem ehemaligen Pflegebruder geschlafen hatte. Das taten fast alle, die von dieser Beziehung wussten, und Misty hatte lernen müssen, dass sich keiner vom Gegenteil überzeugen ließ. Auch Leone Andracchi würde da keine Ausnahme machen.

„Ich brauche mich meiner Kleidung nicht zu schämen“, wiederholte sie trotzig.

Leone ließ wachsende Anzeichen von Ungeduld erkennen. „Hast du es dir zur Lebensaufgabe gemacht, jeder Bitte von mir zu widersprechen?“

„Du bittest nicht … du befiehlst. Da ich deine Angestellte bin, werde ich trotzdem versuchen, folgsamer zu sein.“

„Ich danke dir vielmals.“

Misty schrieb mit zusammengepressten Lippen ihre Maße auf und schob Leone den Block hin. „Sonst noch etwas?“

„Ist es dir immer so schwergefallen, Anweisungen zu folgen?“

Misty nickte.

„Ich gestehe, dass mich das irritiert.“

Misty verschränkte die Arme. „Steht nächsten Montag sonst noch etwas an?“

„Du wirst in dein Apartment einziehen und anschließend einiges für dein Äußeres tun.“

„Die Geburt der neuen Melissa?“, warf Misty spöttisch ein.

„So etwas Ähnliches. Abends werden wir ausgehen …“

„Wohin?“

„Das habe ich noch nicht entschieden. Noch weitere Fragen?“

Keine, die du beantworten würdest, dachte Misty und stand auf. „Dann kann ich jetzt gehen?“

„Ich bringe dich zum Auto.“

„Das ist nicht nötig.“

Leone öffnete Misty die Tür, brachte sie zum Lift und fuhr schweigend mit ihr hinunter. Eilig, mit halb gesenktem Kopf, durchquerte sie die Halle, wurde auf den Stufen zum Eingang aber noch einmal aufgehalten.

„Was denn noch?“, fragte sie heftig und drehte sich um.

Leone nahm ihre Hände, und dem Blick seiner dunklen Augen konnte Misty sogar im Zorn nicht widerstehen.

„Nicht, Leone …“

Er senkte die Lider, beugte sich tiefer und flüsterte: „Tu nicht so, als würdest du bestraft, amore.“

Misty erbebte am ganzen Körper, als Leone sie in die Arme zog und küsste. Es war ein berauschender Kuss, der sie alles andere vergessen ließ. Leone lockte und verführte sie. Erweckte ihr Verlangen und steigerte es, bis sie sich in glühender Hingabe an ihn drängte.

Misty glaubte zu vergehen. Sie wünschte, der Kuss würde niemals enden, aber Leone schob sie zurück und murmelte mit rauer Stimme: „Eine wirklich überzeugende Darstellung.“

Misty versuchte ihre Beschämung zu überspielen. „Du …“

„Ganz ruhig, amore.“ Ein zufriedenes Lächeln glitt über Leones schmales, dunkles Gesicht.

Misty riss sich gewaltsam los. „Gute Nacht“, stieß sie heiser hervor und eilte die Stufen hinunter.

Es dauerte eine Weile, bis sie sich so weit beruhigt hatte, dass sie wieder klar denken konnte. Wie glücklich war sie gewesen, seit sie Philip und Flash überwunden und sich ein neues Leben aufgebaut hatte! Dieser grässliche Leone Andracchi! Musste er ihren Weg kreuzen und ihr klarmachen, wie viel nur in ihr geschlummert hatte, aber nicht vergessen war? Warum faszinierte er sie so? Warum erlag sie jedem Blick, jeder Bewegung von ihm, obwohl er sie gleichzeitig wütend machte?

Sie durfte nicht vergessen, dass Leone auch nur ein Schauspieler war – ein guter, aber doch ein Schauspieler. Er handelte mit dem Kopf, nicht mit dem Herzen. Ja, er war großzügig, aber auch schnell gelangweilt, zu keiner festen Bindung bereit und völlig unromantisch. Ein Mann, der Geburtstage vergaß und Verabredungen im letzten Moment absagte. Kurz und gut, ein Mann, dem eine vernünftige Frau am besten aus dem Weg ging.

Und sie, Misty, würde das nach Möglichkeit auch tun!

4. KAPITEL

Misty wurde gemäß Leones Plan mit einer Luxuslimousine in „Fossetts“ abgeholt und traf pünktlich in London ein. Während der Chauffeur ihre beiden prall gefüllten Koffer auslud, betrachtete sie das moderne Apartmenthaus, das mit seiner hohen Fassade die Straße überschattete.

Sie hatte die vergangene Woche genutzt, um ihr Geschäft vorübergehend zu schließen, die Bezahlung der Angestellten zu regeln und notwendige Kleinigkeiten zu erledigen. Dabei war so etwas wie Vorfreude in ihr aufgekommen, deren sie sich schämte, ohne sie unterdrücken zu können. Ihr Leben war in letzter Zeit nicht sehr aufregend gewesen, und obwohl sie es bedauerte, nicht mehr so oft mit Birdie zusammen zu sein, begrüßte sie die Abwechslung, die ihre leidvolle Vergangenheit auch in räumliche Entfernung rückte.

Während sie im Lift nach oben fuhr, sah sie ängstlich in den Spiegel, der fast eine ganze Kabinenwand einnahm. Ja, sie hatte Angst, das verrieten ihre Augen und der leicht verzogene Mund. Es fehlte ihr an Selbstachtung, und das nicht erst, seit Philip sie verraten hatte.

Warum war ausgerechnet sie so oft enttäuscht worden? Warum hatten so viele Menschen die Versprechen gebrochen, die sie ihr gegeben hatten? Misty hörte noch heute die Stimme ihrer Mutter, der schönen rothaarigen Carrie, die gern teure Kleider trug und immer mit ihrem schlechten Gewissen kämpfte.

„Sobald ich mich zurechtgefunden habe, hole ich dich zu mir“, hatte sie immer wieder versprochen, wenn sie Misty im Heim besuchte. „Deine Schwester habe ich zur Adoption freigegeben. Du weißt, sie war kränklich, und ich hätte nicht für sie sorgen können. Aber auch dich wegzugeben …“

Das Ergebnis dieser wiederholten Versprechen war, dass Misty von Geburt an in Heimen und bei Pflegeeltern gelebt hatte. Anfangs hatte ihre Mutter sie hin und wieder besucht, aber die Besuche waren immer seltener geworden und hatten nach Mistys fünftem Geburtstag ganz aufgehört.

Erst Jahre später hatte sie erfahren, dass ihre Mutter längst wieder verheiratet war und ihrem zweiten Ehemann die Existenz ihrer illegitimen Zwillingstöchter verschwiegen hatte.

Ein gepflegter älterer Mann in Stewarduniform, der sich Alfredo nannte, empfing Misty an der Tür des Apartments. Sie betrat einen großen, mit Marmorfliesen ausgelegten Flur, von dem man in einen Empfangsraum gelangte. Er war äußerst sparsam möbliert und ganz in Weiß gehalten. Nur von den Bildern ging etwas Leben aus, ansonsten wirkte alles nüchtern und abweisend.

Nachdem Alfredo ihr das geräumige Schlafzimmer mit Ankleideraum und Badezimmer gezeigt hatte, übergab er ihr ein Merkblatt, auf dem mehrere Termine für Kosmetik- und Frisiersalons eingetragen waren. Misty verzog das Gesicht. Die Geburt der neuen Melissa! Allem Anschein nach lag ein anstrengender Nachmittag vor ihr.

Stunden später entschied Misty, dass auch eine wallende Haarmähne und falsche Fingernägel nicht darüber hinwegtäuschen konnten, wie langweilig ihr Leben als falsche Geliebte sein würde.

Sie saß noch in der Limousine, die wegen des abendlichen Berufsverkehrs nur langsam vorwärts kam, als Leone sich über Funktelefon meldete.

„Ich hole dich um sieben Uhr ab“, sagte er mit seiner tiefen, dunklen Stimme, die bei Misty immer noch ein nervöses Kribbeln auslöste.

„Wohin fahren wir?“, fragte sie.

„Zu einer Filmpremiere.“

„Oh!“ Mit so einer Veranstaltung hatte Misty nicht gerechnet.

„Leg den Schmuck an“, fügte Leone noch hinzu. „Ich habe Diamanten für dich gewählt.“

Misty ging direkt ins Schlafzimmer und fand ein flaches herzförmiges Etui auf dem Frisiertisch vor. Es enthielt ein Diamantcollier und dazu passende Ohrringe. Dafür waren ihre beiden Koffer verschwunden. Eine Überprüfung des Ankleideraums ergab, dass jemand für sie ausgepackt und eine Anzahl neuer Kleider in ihrer Größe hinzugefügt hatte. Ein langes, sehr enges silbrig glitzerndes Kleid mit Spaghettiträgern hing für den Abend bereit. Es trug das Etikett eines weltweit angesehenen Modehauses.

Um halb acht betrat Misty das Wohnzimmer, wo Leone an dem breiten, bis zum Fußboden reichenden Fenster stand. Schon von hinten sah er atemberaubend aus. Das Sonnenlicht schimmerte auf seinem dunklen Haar und umrahmte die makellose Figur – von den breiten Schultern über die schmalen Hüften bis zu den langen, kräftigen Beinen.

„Ich warte nicht gern“, sagte er, noch bevor er sich umgedreht hatte.

„Du hast mir nicht viel Zeit gelassen.“ Misty blieb an der Tür stehen und wartete angespannt darauf, was er bei ihrem Anblick sagen würde.

Endlich drehte er sich um. „Dio mio! Deshalb hast du den ganzen Nachmittag gebraucht, um dich fertig zu machen.“

Misty wusste, dass sie nie besser ausgesehen hatte. Der matte Silberschimmer und die funkelnden Diamanten passten vollendet zu ihrem kupferroten Haar und ihrem blassen Teint, und das raffiniert einfach geschnittene Kleid betonte ihre schlanke Figur. Ein bis über das Knie reichender Schlitz, der ein Bein erkennen ließ, gab ihm den modischen Schick.

„Du siehst fantastisch aus.“ Leones Blick hing wie gebannt an Mistys Gesicht – an ihren silbergrauen Augen, den sanft glühenden Wangen und den vollen, dunkelrot gefärbten Lippen. Dann glitt er langsam tiefer, um ihr ganzes Erscheinungsbild zu würdigen.

Misty stockte der Atem bei dieser peinlich genauen Überprüfung. Sie fühlte wieder Leones starke männliche Ausstrahlung und überließ sich einem unerwarteten und ihr selbst unerklärlichen Glücksgefühl.

„Danke“, sagte sie heiser.

„Damit ist nicht entschuldigt, dass du mich hast warten lassen“, betonte Leone beim Verlassen des Apartments.

„Gewöhn dich lieber daran. Außerhalb der Geschäftsstunden vergesse ich immer die Zeit.“

„Dies ist geschäftlich“, erinnerte er sie.

„Dann solltest du mich nicht so ansehen.“

Leone öffnete die Lifttür und ließ Misty zuerst einsteigen. „Ansehen ist nicht anfassen“, murmelte er dabei.

Misty presste die Lippen zusammen. Hatte er denn auf alles eine Antwort? Und wie weit wollte er das Spiel treiben? Das Apartment, die Kleider, der Schmuck und nicht zuletzt die eingezahlte Vertragssumme … Er hatte sich die Maskerade wirklich etwas kosten lassen! Welchen Gewinn hatte er davon? Brauchte er eine falsche Geliebte, um die Affäre mit einer verheirateten Frau zu verbergen?

„Ich wünschte, du würdest mir mehr erklären“, sagte sie, als sie in der Limousine saßen.

Leone hatte die langen Beine ausgestreckt. „Wenn alles vorbei ist, wirst du meine Gründe verstehen“, sagte er mit einem raschen Seitenblick.

Misty glaubte, eine geheime Drohung aus seinen Worten herauszuhören. „Das gefällt mir gar nicht.“

„Ich bezahle dich für deine Dienste. Das muss dir genügen.“

Leones schroffer Ton reizte Mistys Widerspruch. „Höflichkeit kostet nichts.“

„Und falscher Stolz lohnt sich nicht.“

„Ich fühle mich wie eine Puppe, die du nach deinem Willen angezogen hast.“

„Solange ich nicht versuche, dich auszuziehen, solltest du dir keine Gedanken machen.“

Leone lächelte, während er das sagte, aber seine Augen erinnerten Misty an die einer Raubkatze.

Schon beim Aussteigen bemerkte Misty die Fotografen und die Absperrungen, mit denen die prominenten Gäste vor den Schaulustigen geschützt werden sollten. Ihre Anspannung wuchs, aber Leone führte sie wie selbstverständlich zwischen den wartenden Leuten hindurch. Dabei ruhte eine Hand leicht auf ihrem Rücken.

Plötzlich rief einer der wartenden Reporter: „Ist das Ihre neue Eroberung, Leone?“

Sofort klickten die Kameras, und weitere Fragen wurden gestellt, die Leone überhörte. Misty war wie gelähmt vor Angst. Schweißperlchen erschienen auf ihrer Oberlippe, und ihr Lächeln gefror. Was sollte Birdie denken, wenn sie die Zeitung aufschlug und ihre Pflegetochter, die angeblich in London arbeitete, als diamantenbehangene Besucherin einer Filmpremiere wiedersah? Wie sollte Misty ihr diese Entwicklung erklären? Warum hatte sie nicht rechtzeitig daran gedacht, dass ein Mann wie Leone Andracchi, der regelmäßig in der Klatschpresse auftauchte, auch sie in diese Art von Unterhaltung hineinziehen würde?

„Du hättest mir sagen können, dass so etwas auf mich zukommen würde“, flüsterte sie ihm einige Minuten später aufgebracht zu. „Ich hatte keine Ahnung, dass unsere Partnerschaft so viel öffentliches Aufsehen erregen würde.“

„Spiel nicht die Unschuldige“, antwortete er ungerührt. „Warum bist du wohl so herausgeputzt? Nur verheiratete Männer verstecken ihre Geliebten.“

„Dann wird es wenig Spaß machen, deine Geliebte zu sein.“

„Meine falsche Geliebte“, verbesserte Leone sie.

Bevor das Licht ausging, sah sich Misty nach bekannten Gesichtern um und entdeckte einige. Dass sie ebenfalls von mehreren Seiten beobachtet wurde, schmeichelte ihr trotz der eben geäußerten Vorwürfe und half ihr, den mittelmäßigen Thriller, der gezeigt wurde, zu überstehen.

Vor dem Abspann stand Leone auf und zog Misty nach draußen. Wieder wurden sie von Fotografen und neugierigen Reportern erwartet.

„Achte nicht auf sie und lächle“, riet Leone, der merkte, wie sie sich verkrampfte. Als sie wieder in der Limousine saßen, fragte er: „Wozu das Theater?“

„Ich möchte nicht, dass mein Foto in die Zeitung kommt“, antwortete Misty. „Die Leute sollen nicht über mich reden.“

„Wäre dir das so unangenehm?“

Eine Weile herrschte angespanntes Schweigen, dann beugte Leone sich vor, nahm eine Kassette aus einem Fach und schob sie in den eingebauten Videorekorder. Nachdem er auf den Startknopf gedrückt hatte, lehnte er sich zurück und sagte: „Nur zur Erinnerung daran, wie schüchtern du in der Öffentlichkeit bist.“

Misty sah irritiert auf die kleine Mattscheibe, die langsam hell wurde und Flash in einem seiner Konzerte zeigte. Sekunden später begriff sie, um welches Konzert es sich handelte, und bei der Erkenntnis blieb ihr fast das Herz stehen. Ja, das war sie, tanzend wie eine Wilde, mit aufgelöstem Haar, weit geöffneten Augen und einem winzigen Kleid, das viel zu viel von ihren Oberschenkeln sehen ließ.

Es überlief Misty eiskalt. Tiefer war sie nie gesunken, und gerade diesen würdelosesten Moment, diese schamlose Vorführung hatte man ohne ihr Wissen im Film festgehalten. Wie war Leone zu der Aufnahme gekommen? In ihrem ganzen Leben hatte sie sich nicht so erniedrigt und gedemütigt gefühlt.

„Stell das bitte ab!“, bat sie verzweifelt.

„Ich suche vergeblich nach Anzeichen von Schüchternheit“, meinte Leone. „Das bist du … vor mehreren tausend Zuschauern …“

„Stell das sofort ab!“

Autor

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