Julia Exklusiv Band 356

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PRINZESSIN MEINER TRÄUME von LEIGH MICHAELS
Als Kathryn kurz vor der Trauung erfährt, warum ihr zukünftiger Gatte sie heiraten will, ist sie fassungslos: Er möchte mit dem Geld ihrer Familie seine Firma sanieren! Entsetzt läuft sie davon – direkt in die Arme von Jonah, ihrem Freund aus Kindertagen …

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  • Erscheinungstag 11.11.2022
  • Bandnummer 356
  • ISBN / Artikelnummer 0851220356
  • Seitenanzahl 512

Leseprobe

Leigh Michaels, Liz Fielding, Miranda Lee

JULIA EXKLUSIV BAND 356

1. KAPITEL

Antoine, der immer noch seinen Kamm in der Hand hielt, betrachtete Kathryn im Spiegel und zog an einer glänzenden schwarzen Locke, bis diese richtig auf ihrer Schulter lag. Stirnrunzelnd trat er einen Schritt zurück, um ihre Frisur noch einmal zu begutachten, und nahm dann das Haarspray, um die widerspenstige Locke zu fixieren.

Kathryn bewegte sich ungeduldig. „Sind Sie immer noch nicht fertig?“

„Etwas Geduld, Mademoiselle. Alles muss perfekt sein, wenn Sie Ihrem Bräutigam begegnen.“ Er schnippte mit den Fingern. „Den Kopfschmuck!“

Ein Assistent reichte ihm einen Kranz aus Orangenblüten. Daran war ein bodenlanger, hauchzarter Schleier befestigt, der mit zu der am Kleid passenden Spitze gesäumt war. Während er den Kranz in ihrem Haar feststeckte, fragte Antoine: „Mademoiselle kann ihre Hochzeit kaum abwarten, ja?“

„Mademoiselle möchte sie endlich hinter sich bringen“, flüsterte Kathryn.

„Ach du je!“ Er schnalzte mit der Zunge, während er die letzte Haarnadel befestigte. „So, fertig. Ich werde oben auf der Treppe auf Sie warten, um dafür zu sorgen, dass die Frisur sitzt.“

Dann muss ich wohl eine halbe Stunde zusätzlich einkalkulieren, um von meinem Schlafzimmer zum provisorischen Altar im Ballsaal unten zu gelangen, überlegte sie.

Während die Assistentin seine Utensilien zusammensuchte, kam ihr Dienstmädchen, um sich zu vergewissern, dass ihr Make-up immer noch perfekt war. „Schon gut, Elsa“, wehrte Kathryn ab. „Hol mir bitte eine Tasse Tee.“

„Ich lasse Ihnen eine Tasse bringen. Hoffentlich ruinieren Sie sich damit nicht das schöne Kleid, Miss Kathryn!“

„Dann eben nicht.“ Kathryn bemühte sich um einen freundlichen Tonfall. „Lass mich jetzt bitte allein. Nach der ganzen Aufregung brauche ich ein paar Minuten für mich.“

„Natürlich, Miss.“ Elsa ging zur Tür und hielt sie dem Assistenten auf.

„Das ist ganz normal“, sagte er im Vorbeigehen leise zu ihr. „Alle Bräute haben Wutanfälle. Sie kann es eben kaum erwarten, endlich den Ring am Finger zu haben.“

Kathryn verdrehte die Augen. Sie war vielmehr nervös. Aber das war wohl ganz natürlich, wenn man einen ganzen Tag an- und wieder ausgezogen und zurechtgemacht worden war.

Sobald sie allein war, stand sie auf und schüttelte dabei automatisch ihr Kleid aus Satin und Spitze auf, sah allerdings nicht in den Spiegel. Bevor sie am Arm ihres Vaters die Treppe hinunterging, um Douglas im Ballsaal zu treffen, würde jemand anders dafür sorgen, dass es perfekt saß.

Sie wollte nur, dass diese Hochzeit – die Hochzeit des Jahrhunderts, wie es in den Zeitungen hieß – so schnell wie möglich vorbei war.

Es war eigentlich nicht so, dass sie Zweifel hatte. Sie hatte alle Punkte überdacht, bevor sie zu der Entscheidung gelangt war, dass Douglas ein geeigneter Ehemann für sie wäre. Er besaß alle Eigenschaften, die sie sich bei einem Lebenspartner wünschte. Ihr Vater mochte ihn, und Douglas war bereits ein wichtiger Mitarbeiter in Jock Campbells Unternehmen. Er hatte gute Manieren und sah gut aus, kannte dieselben Leute wie sie, hatte sie nie angeschrien oder gar die Hand gegen sie erhoben und, was für sie am wichtigsten war, hatte selbst genug Geld.

Nein, sie hatte keine Zweifel. Es waren lediglich die Vorbereitungen, die sie mitgenommen hatten. Schließlich ließ sie diese Zeremonie ihrem Vater zuliebe über sich ergehen. Wenn er wollte, dass sie die perfekte Junibraut war, sollte es so sein. Außerdem konnte er seinen gesellschaftlichen Pflichten nachkommen, indem er fünfhundert Gäste eingeladen hatte.

Kathryn seufzte. Sonst war sie gar nicht so zynisch. Doch nun hatte sie es ja bald hinter sich.

Sie öffnete die Balkontüren und riskierte einen Blick nach draußen. Ihr Zimmer lag auf der Rückseite des Hauses, und die Gäste kamen alle durch die Vordertür. Trotzdem ging sie nicht ans Geländer, für den Fall, dass jemand sich auf die Rückseite verirrt hatte.

Kathryn atmete tief durch. Normalerweise war es im Norden Minnesotas um diese Jahreszeit nicht so warm. Wenn sie gewusst hätte, dass der Sommer in diesem Jahr so früh kommen würde, hätte sie einen leichteren Stoff für ihr Kleid ausgesucht. Darin zu tanzen würde …

Die Balkontüren im Nachbarzimmer wurden einen Spaltbreit geöffnet, und leise Männerstimmen drangen an ihr Ohr. Offenbar hatte jemand das Zimmer den Platzanweisern zur Verfügung gestellt. Obwohl sie das Geräusch ganz bewusst ausblendete, ließ es sich nicht vermeiden, dass sie die Unterhaltung mithörte.

„Und gerade noch rechtzeitig“, sagte ein Mann. „Noch ein Monat, und Doug wäre in der Klemme gewesen.“

Die Antwort konnte Kathryn nicht verstehen. Anscheinend stand sein Gesprächspartner mit dem Rücken zum Balkon.

„Ja“, ließ sich der erste Mann wieder vernehmen. „Er musste sich das Geld für den geliehenen Smoking von mir borgen, weil er mit seinen Kreditkarten nicht mehr bezahlen kann. Er hatte ja gehofft, dass er nach seinem letzten Besuch in Las Vegas – du weißt schon, als er eigentlich geschäftlich in San Diego sein sollte – saniert wäre, damit er sich das alles hier ersparen könnte. Stattdessen hat er auch noch in den Casinos Schulden gemacht, und du weißt ja, wie diese Leute die eintreiben. Hätte die Hochzeit einen Monat später stattgefunden, hätte die unnahbare Miss Campbell vielleicht mit einem Bräutigam mit zwei zerschmetternden Knien vor dem Altar gestanden.“

Das kann nicht sein, dachte Kathryn. Sie reden bestimmt nicht über Douglas.

Es gab allerdings niemanden, den die beiden Platzanweiser sonst gemeint haben könnten. Und der sachliche Tonfall des Mannes deutete darauf hin, dass dieser lediglich die Fakten wiedergegeben hatte. Aber womöglich irrte er sich und hatte Douglas’ Verhalten nur falsch interpretiert …

Kathryn fühlte sich seltsam flau. Sie schlüpfte wieder in ihr Zimmer und klingelte nach Elsa. Die wenigen Minuten, bis diese kam, erschienen ihr wie die längsten ihres Lebens.

War Douglas wirklich ein notorischer Spieler? Bisher hatte sie immer angenommen, er könnte gut mit Geld umgehen. War er tatsächlich so abgebrannt, dass er es sich nicht einmal leisten konnte, einen Smoking für seine Hochzeit zu auszuleihen? Sie hatte ihn einige Male in Anzügen gesehen und wäre nie auf die Idee gekommen, dass er gar keinen Smoking besaß. Er musste wirklich verzweifelt sein …

Wenn er lügt und betrügt, um mich heiraten zu können, überlegte sie.

Elsa klopfte an und betrat zögernd das Zimmer, und Kathryn unterdrückte den Impuls, ihr zu sagen, sie solle sofort ihren Vater rufen. Es hatte keinen Sinn, so viel Aufsehen zu machen, und niemand wusste besser als sie, wie schnell sich pikante Neuigkeiten in diesem Haus herumsprachen. Wenn Elsa erriet, was in ihr vorging, würden der Butler, der Gärtner und sogar der Zeitungsjunge es wahrscheinlich noch vor Jock Campbell erfahren.

„Sag bitte meinem Vater, er möchte nach oben kommen“, erklärte Kathryn ruhig.

Elsa wirkte verwirrt. „Er begrüßt gerade die Gäste, Miss Kathryn. Und es dauert noch eine Weile bis zur Trauzeremonie. Sie haben mir selbst gesagt, dass er erst kommen soll, wenn es so weit ist, weil er so sentimental ist …“

„Ich habe es mir anders überlegt und möchte gern etwas Zeit mit meinem Vater verbringen. Bitte richte es ihm aus.“

Elsa nickte und verließ wieder das Zimmer.

Nervös ging Kathryn auf und ab. Mehr als einmal hatte sie sich in den Nacken gefasst, an den obersten der fünfzig satinbezogenen Knöpfe, mit denen das Kleid hinten geschlossen wurde. Diese Knöpfe hatten es erheblich verteuert, und die Ironie war, dass sie es nicht allein ausziehen konnte …

Kathryn blieb abrupt stehen und fragte sich, wann genau sie beschlossen hatte, die Hochzeit platzen zu lassen, egal, was ihr Vater dazu sagen würde.

Es klopfte energisch, und Sekunden später steckte Jock Campbell den Kopf zur Tür herein. „Keine Gefahr?“

Kathryn drehte sich zu ihm um. „Daddy …“ Sie biss sich auf die Lippe, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte. Warum hatte sie es sich nicht vorher überlegt?

„Wie schön du bist, meine Liebe! Genauso wie deine Mutter, und das will etwas heißen. Elsa dachte anscheinend, du würdest dich einsam fühlen. Ich soll dir also Gesellschaft leisten, hm?“

„Ich wollte mit dir reden, ja. Ich … habe Bedenken.“

„Oh, dafür ist es jetzt ein bisschen zu spät, meinst du nicht?“

„Es geht um Douglas. Daddy …“

„Ein prima Kerl, dieser Douglas. Einen besseren Schwiegersohn könnte ich mir nicht wünschen.“

Kathryn atmete tief durch. „Sind dir noch nie Zweifel an ihm gekommen?“

Zögerte ihr Vater kurz, oder bildete sie es sich nur ein?

„Nein, meine Liebe“, entgegnete er energisch. „Und was du jetzt empfindest, sind keine Zweifel. Es ist schlichtweg Nervosität. Deine Mutter war auch das reinste Nervenbündel. Sie hat mich sogar kurz vor Beginn der Zeremonie holen lassen und mir gesagt, dass sie alles abblasen will. Natürlich hat sie es nicht getan, und du weißt ja, was dabei rausgekommen ist. Fünfundzwanzig Jahre waren wir glücklich miteinander und wären es immer noch, wenn sie nicht …“ Ihm versagte die Stimme, wie immer, wenn er den Tod seiner Frau ansprach.

Kathryn beobachtete, wie er um Fassung rang. Es kostete ihn offenbar mehr Mühe als sonst. Allerdings war dies ja auch ein besonderer Tag.

„Daddy“, sagte sie, „es tut mir wirklich leid, wenn ich alles durcheinander bringe, aber es ist nicht nur Nervosität.“

„Mach dich nicht lächerlich, Kathryn.“

Diesen strengen Tonfall schlug ihr Vater ihr gegenüber nur selten an, und sie verspannte sich noch mehr.

„Jede Braut ist nervös“, fuhr er ausdruckslos fort. „Und wenn alle danach handeln würden, gäbe es die Institution Ehe nicht mehr. Ich gehe jetzt nach unten, um Douglas zu holen, und nachdem ihr beide miteinander geredet habt, kannst du dich bei mir entschuldigen, weil du mein Urteilsvermögen infrage gestellt hast. Danach können wir mit der Trauzeremonie beginnen.“

„Nein!“, rief Kathryn in Panik, und als er die Stirn runzelte, fügte sie leise hinzu: „Bitte bring ihn nicht hierher.“

„Hast du Angst davor, ihm gegenüberzutreten, Kathryn?“

Ja. „Ich … Natürlich nicht.“ Verzweifelt suchte sie nach einer Ausrede. „Ich möchte nur nicht, dass er mein Kleid vorher sieht.“

Wie dumm kann man sein? fragte sie sich. Sie hatte sich gerade selbst widersprochen. Erst hatte sie erklärt, sie wollte nicht heiraten, und nun behauptet, Douglas sollte ihr Kleid nicht vor der Zeremonie sehen.

Ihrem Vater war es offenbar nicht entgangen. Er ging allerdings nicht darauf ein, sondern schüttelte nur den Kopf und verließ das Zimmer.

Das hast du wirklich toll gemacht, schalt sie sich. Warum stichst du dir das nächste Mal nicht gleich selbst ins Herz?

Und nun lief ihr die Zeit davon. Jock würde gelassen wie immer die Treppe hinuntergehen, nach seinem zukünftigen Schwiegersohn Ausschau halten, diesen dann zur Seite nehmen und ihn nach oben begleiten. Schätzungsweise blieben ihr höchstens zwanzig Minuten.

Kathryn hörte bereits seine wohlklingende Stimme, wie Douglas alles leugnete und sich schockiert gab. Und was sollte sie ihrem Vater erzählen? Dass sie den Äußerungen irgendeines Platzanweisers mehr Glauben schenkte als den Beteuerungen des Mannes, dem sie ihr Leben anvertrauen sollte?

Nein, sie konnte es nicht tun. Sie konnte nicht beiden zusammen gegenübertreten. Daher blieb ihr nur eine Möglichkeit.

Kathryn riss die Tür ihres Kleiderschranks auf, nahm Jeans, eine Bluse und Turnschuhe heraus und eilte ins Bad. Dann fasste sie sich mit beiden Händen in den Nacken, atmete tief durch und zog mit aller Kraft. Die Knöpfe flogen durch den ganzen Raum.

Nachdem sie das Kleid ausgezogen hatte, legte sie es in die Badewanne, damit sie genug Platz hatte, um in die Jeans zu schlüpfen. Sie nahm den Schleier ab, warf ihn über die Trennwand der Duschkabine, streifte die Satinpumps ab und zog die Turnschuhe an. Erst in dem Moment fiel ihr ein, dass sie nicht einen Cent bei sich hatte. Während sie angespannt lauschte, ob bereits Geräusche im Flur zu hören waren, schlich sie auf Zehenspitzen zurück ins Schlafzimmer und zum Bett, auf dem ihr Outfit für die Flitterwochen lag. Sie zog ihren Verlobungsring ab und warf ihn darauf, dann nahm sie die kleine Abendtasche, die daneben lag.

Kathryn eilte zurück ins Bad und knöpfte sich dabei die Bluse zu. Nachdem sie die Tür hinter sich abgeschlossen hatte, lief sie in das Wohnzimmer, das auf der anderen Seite angrenzte. Von dort aus kam man in einen Nebenflur. Dort war niemand zu sehen. Sie benutzte die Hintertreppe und blickte unten um die Ecke in die Küche. Zu ihrer Erleichterung war auch dort niemand. Anscheinend waren die Angestellten bereits in den Ballsaal gegangen, um die Zeremonie zu verfolgen.

Eine Zeremonie, die nicht stattfinden würde.

Kathryn blieb einen Moment vor der Hintertür stehen, bevor sie zuerst hinter dem nächsten großen Baum Schutz suchte und sich anschließend von Baum zu Baum durch den Garten davonstahl. Ihr Plan war so einfach, dass er sich auf ein Wort reduzieren ließ – wegzukommen. Es war ihr egal, wie und wohin.

Ihr Herzschlag verlangsamte sich mit zunehmender Entfernung vom Haus, und sie konzentrierte sich darauf, eine Möglichkeit zu finden, wie sie das Anwesen verlassen konnte. Jock Campbells großes Haus im georgianischen Stil war zwar keine von einem Wassergraben umgebene Burg, mit den hohen Mauern und schmiedeeisernen Toren jedoch fast genauso abgeschirmt. Und herauszukommen war fast genauso schwer, wie hereinzugelangen – vor allem an diesem Tag, an dem die Sicherheitsbeamten wegen der teuren Geschenke und der Sicherheit der Gäste in Alarmbereitschaft waren. Zudem würde es noch problematischer werden, sobald Jock ihr Brautkleid entdeckte.

Kathryn zerbrach sich noch den Kopf darüber, als sie aus dem Schutz einer Hecke auf die schmale Auffahrt neben dem Häuschen des Gärtners gelangte und über ein Paar Beine stolperte, das unter einem alten Wagen hervorragte.

Ein Stöhnen war zu hören, und ein Mann rollte auf einem Hund heraus.

„Was, zum Teufel …?“

Langsam ließ sie den Blick von seinen schmutzigen Turnschuhen über die abgewetzte Jeans zu dem von Schmierflecken übersäten T-Shirt gleiten. Er hatte breite Schultern, ein markantes, sonnengebräuntes Gesicht, zerzaustes dunkles Haar und dunkelbraune Augen, in denen ein ärgerlicher Ausdruck lag.

„Können Sie nicht aufpassen?“, grummelte der Mann.

„Tut mir leid, ich war mit meinen Gedanken woanders.“

„Ach, Sie gehören wohl zu den Leuten, die nicht gleichzeitig gehen und denken können.“ Er setzte sich auf, und plötzlich wurde sein Blick scharf. „Eigentlich sollten Sie jetzt vor dem Altar stehen.“

Kathryn sah durch ihn hindurch. „Sie müssen mich mit jemandem verwechseln.“

„Und was macht dann die Orangenblüte in Ihrem Haar?“

Sie fasste sich ins Haar, fand die Orangenblüte und nahm sie weg. Anschließend zog sie die Nadeln heraus und ruinierte damit die Frisur, mit der Antoine sich so viel Mühe gegeben hatte.

„Katie Mae Campbell höchstpersönlich“, meinte der Mann.

Kathryn wurde ärgerlich. „Sie hat mich seit meinem sechsten Lebensjahr niemand mehr genannt. Nennen Sie mich Miss Campbell – oder Miss Kathryn, wenn Sie unbedingt wollen.“

„Und wie ein braver Bauer soll ich Ihnen damit Reverenz erweisen.“ Geschmeidig wie ein Panther stand er auf und nahm einen Lappen vom Kotflügel, um sich darin die Hände abzuwischen.

Er war größer, als sie angenommen hatte. „Wer sind Sie überhaupt?“

„Jonah Clarke. Mein Vater ist Ihr Gärtner, falls Sie es nicht wissen.“

„Natürlich kenne ich seinen Namen. Das erklärt, warum Sie eine Orangenblüte auf Anhieb erkannt haben.“

„Er wäre bestimmt stolz auf mich. Und er würde sich sicher über Ihren Besuch freuen. Nur leider ist er drüben im Haus, um an Ihrer Hochzeit teilzunehmen – womit wir wieder beim Thema wären.“

„Und warum sind Sie nicht bei ihm?“ Das war nicht nur eine Verzögerungstaktik. Es interessierte sie wirklich.

„Ich war nicht eingeladen. Ich bin bloß zu Besuch hier.“ Jonah Clarke warf den Lappen weg. „Also, Miss Kathryn, was ist los?“

„Ich heirate nicht.“

„Das habe ich mir gedacht“, bemerkte er trocken. „Und was wollen Sie stattdessen tun?“

„Ich … will weg.“

„Aha. Hm, falls Sie auf der Suche nach Ihrem Porsche sind, die Garage ist auf der anderen Seite des Anwesens.“

Kathryn biss sich auf die Lippe und betrachtete ihn. In wenigen Minuten würde das Chaos losbrechen, und es half ihr nicht, wenn sie hier stand und plauderte.

„Jonah“, begann sie, „Sie wissen genau, dass ich …“

„‚Mr. Clarke‘ für Sie. Wenn Sie unbedingt wollen, können Sie mich auch … Nein, bleiben wir lieber bei ‚Mr. Clarke‘.“

„Mr. Clarke“, sagte sie energisch. „Sie sind hier aufgewachsen, stimmt’s?“

Jonah Clarke nickte. Er wirkte misstrauisch.

„Dann müssen Sie wissen, ob man das Grundstück auch woanders als durchs Tor verlassen kann.“

Jonah Clarke zog eine Augenbraue hoch. „Sie kennen mich nicht einmal, gehen aber davon aus, dass ich nachts über die Mauer klettere.“

„Haben Sie das denn nicht getan?“

Er lächelte frech. „Doch, natürlich.“

„Wie?“

„Das verrate ich Ihnen nicht.“

Kathryn zupfte ihn am Ärmel. „Bitte! Ich muss unbedingt über diese Mauer kommen, und zwar sofort. Helfen Sie mir?“

Nun kniff er die Augen zusammen. „Sagen Sie mir, was für mich drin ist – außer einer Menge Ärger, wenn Ihr Dad mich erwischt –, dann denke ich darüber nach.“

„Was wollen Sie?“, fragte sie verführerisch.

„Was bieten Sie mir denn?“ Jonah Clarke zuckte die Schultern. „Ach, vergessen Sie’s. Katie Mae, Sie sind zu gefährlich, als dass man Sie auf die Menschheit loslassen sollte.“

„Ich sagte Ihnen doch, Sie sollen mich nicht …“ Sie verstummte. „Nein, Sie können mich nennen, wie Sie wollen, wenn Sie mir helfen, über diese Mauer zu kommen.“

„Ist es okay, wenn Sie hindurchkommen?“ Er öffnete die Seitentür der Garage und beugte sich hinein. Dann hielt er ihr einen großen, altmodischen Schlüssel unter die Nase.

„Ich geben Ihnen, was Sie wollen“, versprach Kathryn in einem Anflug von Dankbarkeit.

„Ich werde darüber nachdenken und Ihnen Bescheid sagen. Kommen Sie.“

Mit großen Schritten ging er voran zwischen den Bäumen hindurch, und sie hatte Mühe mitzuhalten.

„Wohin wollen Sie?“, fragte er über die Schulter.

„Sie glauben doch nicht etwa, dass ich es Ihnen verrate.“

„Also wissen Sie es nicht.“

„Nein, ich rechne nur damit, dass Sie die Information meinem Vater verkaufen.“

„Klar werde ich das. Und sicher wird er mich belohnen – gleich, nachdem er mir einen Kinnhaken verpasst hat.“

„Was ist mit dem Schlüssel? Gehört er nicht zu einer Tür oder so was?“

„Sie glauben doch nicht etwa, dass ich ihm all meine Geheimnisse verrate, oder? Er würde die Tür sofort versiegeln lassen, und vielleicht muss ich sie ja eines Tages noch mal benutzen.“

„Sie spielen mit dem Gedanken, wieder bei Ihrem Vater einzuziehen?“, erkundigte Kathryn sich zuckersüß.

„Es wäre nicht meine erste Wahl, aber man weiß nie, was passiert.“ Unvermittelt blieb Jonah Clarke stehen. „Hier.“

Sie sah zwar die von Wein überwucherte Mauer hinter der letzten Baumreihe, konnte jedoch nirgends eine Tür oder ein Tor entdecken. „Wo?“

„Sie ist gut versteckt, nicht?“, meinte er fröhlich. „Der Wein war schon da, als ich diese Stelle entdeckt habe. Aber ich habe Jahre gebraucht, um ihn so in Form zu bringen, dass er die Tür berankt, ohne kaputtzugehen, wenn man sie öffnet. Mal sehen, ob es noch geht.“ Er zog eine Ranke zurück, und eine schwere Holztür kam zum Vorschein.

Dann steckte er den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn. Der Wein rankte auf der anderen Seite der dicken Mauer und verdeckte die Öffnung. Als Kathryn hindurchging, stand sie oben auf einem Hügel und sah Kiefern, so weit das Auge reichte, und dazwischen dichtes Unterholz. „Wo sind wir?“

„Sie würden eine klasse Pfadfinderin abgeben“, erwiderte Jonah Clarke ironisch. „Ungefähr fünfhundert Meter weiter verläuft der Highway.“

Sie biss sich auf die Lippe. „Von da aus könnte ich trampen.“

„Ich schlage vor, dass Sie sich beeilen, sonst hält nachher noch einer von Ihren Hochzeitsgästen.“

„Vielleicht sollten Sie mitgekommen“, schlug sie mit einem gekonnten Augenaufschlag vor.

Er sagte etwas, das sie nicht verstand – und das war wohl auch besser so.

„Jonah … ich meine, Mr. Clarke … Wenn Sie nicht wissen, wohin es mich verschlägt, können Sie Ihre Belohnung nicht in Empfang nehmen.“

Das Schweigen schien sich endlos hinzuziehen.

„Eins ist sicher“, meinte er schließlich. „Allmählich wird mir klar, dass ich ein Masochist bin. Also gut, ich bin dabei.“

Kathryn lächelte triumphierend. „Dann lassen Sie uns die Tür abschließen und weitergehen.“

Jonah schüttelte den Kopf. „Nicht so schnell. Ich bin vielleicht ein Masochist, aber kein Idiot. Die Sicherheitsbeamten haben meinen Namen heute Morgen in der Liste überprüft. Wenn ich das Anwesen nicht offiziell verlasse, ist die Hölle los, und man wird uns beide suchen.“

„Oh. Daran hatte ich nicht gedacht.“

„Genau wie an eine halbe Million anderer Dinge, wette ich. Jedenfalls habe ich keine Lust, vom FBI erschossen zu werden, weil man mich für Ihren Entführer hält.“

„Wie sollten die denn auf die Idee kommen?“

„Hat jemand Sie gesehen?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Haben Sie irgendjemandem erzählt, dass Sie abhauen?“

„Nicht direkt.“

„Dann weiß also niemand, ob Sie für diese Nummer verantwortlich sind oder jemand anders. Hören Sie, wir haben keine Zeit, miteinander zu streiten. Sie machen sich jetzt auf den Weg. Gehen Sie immer der Sonne entgegen, dann kommen Sie zu einem kleinen Parkplatz an der Straße. Ich gehe wieder zurück, steige in meinen Wagen und fahre vom Grundstück. Wahrscheinlich bin ich eher auf dem Parkplatz als Sie, aber wenn nicht, warten Sie hinter den Bäumen, bis ich auftauche.“ Jonah zog den Wein zurück und verschwand dahinter.

„Jonah“, sagte Kathryn leise, und er drehte sich um. „Danke.“

„Bedanken Sie sich erst, wenn wir irgendwo angelangt sind.“ Wenige Sekunden später schloss sich die Tür mit einem Knarren, und er war verschwunden.

Kathryn ging, so schnell sie konnte, immer der hellsten Stelle am Himmel entgegen, Mehr war von der Sonne, die schneller als sonst unterzugehen schien, nicht zu sehen. Sie mochte nicht daran denken, was passieren konnte, wenn es dunkel wurde. Gegen einen Bären, einen Puma oder ein anderes wildes Tier würde sie mit der kleinen Flasche Reizgas, die sie immer bei sich führte, vermutlich nicht viel ausrichten können.

Schließlich erreichte sie jedoch den kleinen Parkplatz, der nur aus einem U-förmigen Weg sowie einem Picknicktisch und einer Mülltonne bestand. Nun, da sie aus dem Schatten der Bäume getreten war, stellte sie fest, dass die Sonne noch gar nicht untergegangen war.

Auf dem Weg stand der alte Wagen, an dem er gebastelt hatte, und Jonah Clarke hatte sich über den Picknicktisch gebeugt und studierte eine Karte. Statt des verschmierten T-Shirts trug er jetzt einen dunkelbraunen Pullover.

Die letzten Meter lief Kathryn. „Woher wussten Sie, dass ich genau hier rauskommen würde?“

Er blickte von der Karte auf. „Das war nur grob geschätzt. Ich hatte mich schon gefragt, ob Sie es sich anders überlegt haben und der Mauer zum Eingangstor gefolgt sind.“

Energisch schüttelte sie den Kopf. „Meinen Sie, ich hätte Sie hier einfach warten lassen?“

„Es war jedenfalls ein schöner Tagtraum“, meinte er. „Kommen Sie, brechen wir auf. Möchten Sie ein Sandwich?“

„Nein, danke. Aber wenn Sie etwas Wasser hätten, würde ich nicht Nein sagen.“

„Im Wagen.“

Nachdem Kathryn auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte, reichte Jonah ihr eine Flasche Mineralwasser. Sie trank einen großen Schluck. Das tat gut! Er hatte den Motor angelassen, fuhr allerdings nicht los.

„Wohin fahren wir?“, erkundigte sie sich.

„Hm, das hängt ganz von Ihnen ab. Aber da im Norden nur die kanadische Grenze ist …“

„Ich habe meinen Pass dabei“, erklärte sie fröhlich.

Starr blickte er sie an. „Sie laufen so, wie Sie sind, von zu Hause weg und nehmen Ihren Pass mit?“

„Na ja, ich hatte nicht geplant, das Land zu verlassen. Aber Douglas wollte die Flitterwochen mit mir auf den Bermudas verbringen, und deswegen war mein Pass in meiner Handtasche.“ Sie hielt ihm die Abendtasche unter die Nase. Ich frage mich, wovon Douglas die Reise bezahlen wollte, überlegte sie. Oder dachte er, dass ich es tue?

Jonah stieß einen unwirschen Laut aus. „Trotzdem sollten wir in Richtung Süden fahren. Bis zu den Twin Cities sind es drei Stunden. Sie haben also genug Zeit, mir von Ihren Plänen zu erzählen.“

„Drei Stunden? So lange brauche ich nie nach Minneapolis und St. Paul.“

„Ja, weil Sie den Highway nehmen. Und genau dort wird man zuerst nach uns suchen.“

„Oh. Daran hatte ich nicht gedacht.“

Er warf ihr einen Seitenblick zu und fuhr los. „Es gibt offenbar eine Menge, woran Sie nicht gedacht haben, Katie Mae.“

„Wahrscheinlich kann ich mich glücklich schätzen, dass Sie überhaupt mitgekommen sind“, räumte sie ein. „Sie werden nach einer Frau suchen, nicht nach einem Paar. Es ist perfekt.“

„Perfekt? So kann man es auch sehen. Ich tue es allerdings nicht. Sie könnten mir erst mal sagen, was Sie dazu bewogen hat, die Flucht zu ergreifen. Hoffentlich erzählen Sie mir jetzt nicht, Sie hätten es schon seit Wochen geplant.“

Sein ironischer Unterton entlockte ihr ein Lächeln. „Nein, es war ein spontaner Entschluss. Ich habe heute Nachmittag erfahren, dass Douglas mich gar nicht heiraten wollte, sondern mein Geld brauchte.“ Obwohl sie sich zusammenriss, bebte ihre Stimme ein wenig. Es fiel Kathryn nicht leicht, einzugestehen, wie naiv sie gewesen war.

„Das Geld Ihres Vaters, meinen Sie.“

„Nein, mein Geld“, verbesserte sie ihn. „Als Daddy Katie Mae’s Kitchens in eine Aktiengesellschaft und ein Franchiseunternehmen umgewandelt hat, hat er mir dreißig Prozent der Firmenanteile übertragen.“

„Und wie alt waren Sie da?“

Kathryn überlegte. „Drei. Vielleicht auch vier.“

„Tolle Idee. Eine Hauptaktionärin einer Restaurantkette, die das Wort kitchen nicht einmal buchstabieren kann.“

Sie beschloss, nicht darauf einzugehen. „Jedenfalls hat Douglas sich gezwungen, mich zu heiraten, um mit meinem Geld seine Spielschulden begleichen zu können.“

Jonah schwieg eine Weile. „Sie haben sich richtig entschieden“, erklärte er schließlich schroff.

„Es freut mich, dass Sie es auch so sehen.“

„Dass Sie ihn fallen gelassen haben, meine ich. Wegzulaufen … na ja, das ist nicht besonders clever. Warum haben Sie Ihrem Vater nicht einfach davon erzählt, den Kerl danach rausgeworfen und gefeiert?“

„Ich habe es versucht“, sagte sie leise.

„Jock hat Ihnen nicht geglaubt?“

„Er vertraut Douglas. Genauso wie ich ihm vertraut habe.“

Das Motorengeräusch wirkte beruhigend auf sie, und allmählich fiel die Anspannung von ihr ab und wich einer angenehmen Erschöpfung. „Ich habe nie geglaubt, dass Douglas mich liebt“, sagte Kathryn mehr zu sich selbst. „Das war okay, weil ich ihn auch nicht gerade geliebt habe. Aber ich dachte, er würde mich zumindest respektieren. Die Erkenntnis, dass es nicht der Fall war … dass es wieder nur ums Geld ging …“

„Wieder?“

Sie nickte. „Mein Leben lang haben sich die Menschen mehr für mein Geld als für mich interessiert. Allerdings bin ich vorher noch nie so weit gegangen. Die anderen hatten ihre wahren Beweggründe nicht so gut wie Douglas verbergen können, so dass ich auch schneller die Wahrheit erfahren habe – nämlich dass ein Mann, der alles an mir bewunderte und förmlich an meinen Lippen hing, eher mein Geld im Sinn hatte.“

„Dann ist ja eine Menge passiert.“

Kathryn seufzte. „So war es bisher mit fast allen Männern. Das war wohl auch einer der Gründe, warum ich Douglas heiraten wollte – damit ich nicht mehr vor Mitgiftjägern auf der Hut sein musste.“

„Jetzt haben Sie die Chance, vor ihnen zu fliehen – eine Chance, die sich einem nur einmal im Leben bietet.“

„Ja“, bestätigte sie leise und drehte sich zu ihm um. „Sie haben recht. Einmal im Leben.“ Sie atmete tief durch. „Jonah Clarke, wollen Sie mich heiraten?“

2. KAPITEL

Jonah verriss das Lenkrad, so dass er halb auf die Gegenfahrbahn kam, und korrigierte den Fehler wieder. Dabei sagte er sich, dass er sich aufs Fahren konzentrieren musste, egal, was für Fragen seine Beifahrerin stellte.

„Zum Glück war der Lkw noch ein Stück entfernt“, bemerkte Kathryn kühl.

„Gut eine halbe Meile“, verteidigte er sich beinah automatisch.

„Und kam schnell näher. Was ist, habe ich Sie schockiert?“

„Das könnte man so ausdrücken. Was, zum Teufel, sollte das heißen: ‚Wollen Sie mich heiraten‘?“

„Ich dachte, die Frage sei eindeutig. Was haben Sie nicht verstanden?“

„Zum einen, wie Sie darauf kommen, die einmalige Chance, vor allen Mitgiftjägern zu fliehen, zu vertun und einen Heiratsantrag zu machen.“

Kathryn zuckte die Schultern. „Na ja, ich habe angenommen, Sie würden auch so denken.“

„Ich?“ Jonah wusste, dass er entsetzt klang, doch es war ihm egal. „Ich habe nur angedeutet, dass Sie irgendwohin gehen können, wo niemand Sie kennt und Sie einfach nur Kathryn Campbell sind. Dann könnten Sie sicher sein, dass die Männer, die sich für Sie interessieren, nicht hinter Ihrem Geld her sind.“

„Kann ich das wirklich?“, erkundigte sie sich mit einem traurigen Unterton. „Woher soll ich wissen, dass sie keine Nachforschungen angestellt haben?“

Damit hatte sie vermutlich recht. Jeder, der daran interessiert war, reich zu heiraten, war bestimmt auch in der Lage, Erkundigungen einzuziehen. „Dann ändern Sie Ihren Namen. Wenn Sie eine Weile bei Katie Mae’s als Kellnerin arbeiten würden, würden Sie schnell herausfinden, wer es ernst meint und wer nicht.“

„Ich soll inkognito in der Restaurantkette meines Vaters arbeiten?“

„Da würde Ihr Vater Sie sicher nicht suchen. Aber ich schätze, Sie können nicht länger als ein paar Tage ohne den gewohnten Luxus leben. Und es wäre ziemlich schwierig, seine finanziellen Verhältnisse geheim zu halten, wenn man einen Porsche fährt und Designerklamotten trägt.“

„Wollen wir wetten, dass ich auch ohne diesen Luxus zurechtkomme? Außerdem besitze ich keinen Porsche, habe nie einen besessen und habe auch nicht vor …“

„Also bevorzugen Sie Jaguar. Wechseln Sie nicht das Thema, Katie. Was, zum Teufel, haben Sie sich dabei gedacht, mir so eine Frage zu stellen? Oder machen Sie jedem Mann einen Heiratsantrag?“

„Seien Sie nicht albern. Ich dachte nur, Sie … Na ja, ein bisschen mehr Geld kann jeder gebrauchen, stimmt’s?“

„Wahrscheinlich“, räumte Jonah ein. „Allerdings …“

„Deswegen dachte ich, wir könnten eine Art Geschäft machen. Ich schulde Ihnen schließlich etwas.“

„Sie sagten, ich könnte mir eine Belohnung aussuchen.“ Er runzelte die Stirn. „Das kann nicht Ihr Ernst sein. Es ergibt keinen Sinn, wenn Sie mich dafür bezahlen, dass ich Sie heirate, nur damit Ihnen kein Mann mehr wegen Ihres Geldes nachstellt.“

„Doch, das tut es. Es wäre ein ehrliches Geschäft, ohne Lügen.“ Kathryn blickte aus dem Fenster. „Ach, vergessen Sie es einfach.“

Das hätte er gern getan. Dennoch beschäftigte ihn ihre Frage weiterhin. Und er musste an ihre anderen Worte denken: „Das war wohl auch einer der Gründe, warum ich Douglas heiraten wollte – damit ich nicht mehr vor Mitgiftjägern auf der Hut sein musste.“

Nun erkannte er ihre verquere Logik. Sie passte zu ihrer abenteuerlichen Flucht.

„Sie wollen also lieber einen ehrlichen Mitgiftjäger heiraten“, meinte Jonah langsam, „als einen, der vorgibt, Sie zu lieben.“

„Wenigstens wüsste ich so die Wahrheit.“ Zu seiner Überraschung verriet ihr Tonfall keine Trotz, nur Traurigkeit. „Und das wäre viel besser, als irgendwann zum Narren gehalten zu werden.“

In dem Moment wünschte Jonah sich nichts mehr auf der Welt, als Kathryns Kummer zu vertreiben. Doch er riss sich zusammen.

„Und was wollen Sie als Nächstes tun?“, erkundigte er sich betont lässig.

„Nun, da Sie meinen Antrag abgelehnt haben? Ich weiß nicht. Wahrscheinlich suche ich mir jemanden, dem der Vorschlag besser gefällt.“

Die Frau war selbstzerstörerisch. Wie sie es geschafft hatte, so weit zu kommen, war ihm völlig unverständlich. Ganz auf sich allein gestellt, wäre sie ein gefundenes Fressen für die Haie. Schlimmer noch, sie lockte die Haie selbst an …

Jonah atmete tief durch und versuchte, die Dinge von ihrem Standpunkt aus zu betrachten. Ihr Spitzname war im ganzen Land bekannt, ihr Foto – auch wenn es ein Kinderfoto war, so war die Ähnlichkeit immer noch unverkennbar – ein eingetragenes Warenzeichen. Wie sollte sie je sicher sein, dass ein Mann sie um ihrer selbst willen und nicht ihres Geldes wegen liebte?

„Warum haben Sie sich für Douglas entschieden?“, fragte Jonah.

Einen Moment lang glaubte er, Kathryn würde nicht antworten. „Seine Familie hat im Mesabi Range Eisenerz abgebaut“, erwiderte sie schließlich. „Nur statt alles in Eisen zu reinvestieren, haben sie Banken gekauft. Sein Anteil am Familienvermögen hätte daher wesentlich mehr wert sein müssen als meine dreißig Prozent Anteile an Katie Mae’s Kitchens.“

„Aha, Sie waren also auch eine Art Mitgiftjägerin.“

„Ich dachte, jemand, der selbst genug Geld hat, wäre nicht an mehr interessiert. Anscheinend habe ich mich geirrt, und deswegen werde ich mir etwas anderes überlegen.“ Sie blickte starr geradeaus, während sie leise hinzufügte: „Ich werde irgendjemanden heiraten. Und es wäre mir am liebsten, wenn Sie es wären.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob das ein Kompliment ist“, bemerkte Jonah trocken. „Sie kennen mich doch überhaupt nicht.“

Kathryn warf ihm einen Blick zu. „Na und? Ich wusste eine Menge über Douglas – vermutlich alles außer von seinen Spielschulden.“

„Ich spiele manchmal Toto“, warnte er sie.

Sie zuckte die Schultern. „Na so was. Außerdem weiß ich alles Wissenswerte über Sie. Ich kenne Ihren Vater. Ich weiß, dass Sie auf dem Anwesen aufgewachsen sind.“

„Wenn Sie glauben, dass uns das verbindet, täuschen Sie sich. Zwischen dem großen Haus und dem Gärtnerhäuschen liegen Welten.“

„Natürlich. Aber allein weil Sie auch da waren, können Sie besser als jeder andere verstehen, wie es für mich war, dort aufzuwachsen.“

Jonah dachte an die Vergangenheit. Er hatte sie nicht oft zu Gesicht bekommen – und vielleicht wollte sie genau darauf hinaus. Katie Mae Campbell war nicht nur durch Mauern und Tore von der Außenwelt abgeschnitten gewesen, sondern auch durch ihre gesellschaftliche Stellung. Selbst die wenigen anderen Kinder, die auf dem Anwesen der Campbells gelebt hatten, hatten keinen Kontakt zu ihr aufnehmen dürfen. Er hatte es nie versucht. Er hatte die kleine Katie Mae nur wenige Male gesehen, und dann rein zufällig. Allerdings war er auch sechs Jahre älter gewesen und seiner Meinung nach viel zu erwachsen, um sich für ein kleines Mädchen mit glänzenden schwarzen Locken und großen blauen Augen zu interessieren. Ein Mädchen, das immer Rüschenkleider trug und den Anschein erweckte, als würde es ihm nicht im Traum einfallen, auf einen Baum zu klettern.

Wie einsam sie gewesen sein muss! ging es ihm durch den Kopf.

„Ihre Eltern haben es nur gut gemeint“, sagte er. „Nach der Drohung, man würde Sie entführen …“

„Ich weiß, dass sie mich schützen mussten“, unterbrach Kathryn ihn mit einem resignierten Unterton und fügte dann triumphierend hinzu: „Sehen Sie? Sie können es nachvollziehen.“

„Ein bisschen vielleicht.“

„Und ich weiß, dass Sie nett sind“, fuhr sie sanft fort, „sonst hätten Sie mir nicht geholfen. Sehr nett sogar, sonst würden Sie mir jetzt nicht helfen.“

Verrückt würde besser zutreffen, dachte Jonah. Nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, sagte er: „Wir sollten eine Telefonzelle suchen, damit Sie Ihren Vater anrufen können. Bestimmt macht er sich Sorgen.“

„Jonah, nach spätestens fünfzehn Sekunden wüsste er, wo ich bin.“

„Vielleicht fällt mir eine Möglichkeit ein, wie wir das verhindern können.“

„Dann wären Sie eines der größten Elektronikgenies auf der Welt. Selbst vor zwanzig Jahren war er technisch schon so gut ausgerüstet, dass …“ Ihr versagte die Stimme.

Er nickte. „Dass er das FBI zu den Erpressern führen konnte, die ihm damit gedroht hatten, Sie zu entführen, falls er nicht zahlt. Ich erinnere mich daran. Und deswegen sollten Sie ihm auch Bescheid sagen. Ich werde mir überlegen, wie Sie ihm eine Nachricht zukommen lassen können. Er ist nicht mehr jung, Katie. Also regen Sie ihn nicht zu sehr auf.“

„Sind Sie etwa sein Arzt?“ Kathryn seufzte. „Na gut, aber wenn Ihr toller Plan scheitert und er mich findet, mache ich Sie dafür verantwortlich.“

„Vielleicht ist er so froh darüber, von Ihnen zu hören, dass Sie freiwillig nach Hause zurückkehren.“

Sie antwortete nicht, sondern zog lediglich die Augenbrauen hoch. Erst nach einer Weile meinte sie: „Das Geschäft, das ich Ihnen vorgeschlagen habe … Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen fünfzehn Prozent der Anteile an Katie Mae’s Kitchens anbiete?“

„Fünfzehn Prozent der Firmenanteile oder von Ihren Aktien? Nicht, dass ich interessiert wäre. Ich frage nur aus Neugier.“

Kathryn warf ihm einen Seitenblick zu. „Fünfzehn Prozent der Firmenanteile. Dann hätte ich immer noch fünfzehn. Mein Vater hält immer noch vierzig, und der Rest befindet sich im Besitz verschiedener Investoren. Es würde sich also nicht viel ändern.“

Jonah schüttelte den Kopf. „Sie müssen lernen zu verhandeln, Katie. Suchen Sie sich Ihren Kandidaten sorgfältig aus, fangen Sie es richtig an, dann kommen Sie mit fünf, allenfalls zehn Prozent davon.“

Unmerklich hob sie das Kinn. „Ich lege die Karten lieber auf den Tisch und bringe es schnell hinter mich.“

Eine Beute für die Haie, ging es ihm durch den Kopf.

Eine Viertelstunde später kamen sie in eine Kleinstadt.

„Ob es hier eine Bibliothek gibt?“, fragte Jonah.

„Wahrscheinlich keine, die am Samstagabend geöffnet hat. Was wollen Sie denn nachschlagen?“

„In Bibliotheken gibt es Computer mit Internetzugang, Süße. Wir könnten Ihrem Vater eine E-Mail schicken. Er hat doch eine E-Mail-Adresse, oder?“

„Oh … ja. Sein neustes Spielzeug ist so ein Ding, das so groß ist wie eine Fernbedienung und mit dem er sich seine elektronische Post überall runterladen kann. Aber kann man E-Mails denn nicht zurückverfolgen?“

„Nicht wenn ich es in die Hand nehme.“

„In dem Fall gibt es eine einfachere Lösung.“ Kathryn deutete auf ein niedriges Gebäude am Straßenrand.

„Ein Café?“

„Sehen Sie mal das Neonzeichen im Fenster.“

„Ein Internetcafé. Perfekt.“ Er fuhr auf den Parkplatz.

In dem Café war nicht viel los, doch Jonah führte Kathryn in eine Nische statt zu den Computern, die nebeneinander an einer Wand standen. Auf ihren fragenden Blick hin erklärte er: „Ich könnte einen Kaffee gebrauchen. Außerdem fallen wir bestimmt mehr auf, wenn wir uns gleich an einen Computer setzen – falls sich später jemand nach uns erkundigt. Was möchten Sie trinken?“

„Ich nehme dasselbe wie Sie.“

„Schwarzen Kaffee nach Art des Hauses ohne Zucker? Wenn Sie lieber etwas …“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich wünschte, Sie würden mir nicht immer unterstellen, dass ich ein Luxusweib bin.“

Nachdem er die Bestellung aufgegeben hatte, fügte er betont beiläufig hinzu: „Was ist an dem Computer da hinten in der Ecke eigentlich so besonders?“

Die Kellnerin blickte über die Schulter. „Er ist sprachgesteuert. Wir haben einige Kunden, die nicht tippen können.“

Er setzte sein strahlendstes Lächeln auf. „Können Sie mich auf die Warteliste setzen?“

Die Frau blinzelte und schluckte. „Ja, ich sorge dafür, dass Sie als Nächster drankommen.“

Als er sich wieder zu Kathryn umdrehte, stellte er fest, dass sie ihn nachdenklich betrachtete. „Kommen Sie ja nicht auf die Idee, hier über Ihr Geschäft zu reden.“

„Das hatte ich nicht vor. Ich kann auch diskret sein. Und im Gegensatz zu Ihnen habe ich auch Schamgefühl. So mit Kellnerinnen zu flirten …“

Jonah gab sich entrüstet. „Es war ein probates Mittel, um zu bekommen, was ich wollte.“

„Schon möglich, aber nun wird sie ständig um Sie herumscharwenzeln. Wenn Sie nicht auffallen wollen, haben Sie nun genau das Gegenteil bewirkt.“

Die Kellnerin erschien prompt mit ihrem Kaffee und gestand. „Der Typ, der gerade an dem Computer sitzt, ist jeden Abend hier. Deswegen habe ich ihm gesagt, dass er in fünf Minuten aufhören muss.“

„Danke“, erwiderte er.

Kathryn zog lediglich die Augenbrauen hoch und trank ihren Kaffee.

Sobald sie in der Kabine waren, stellte Jonah die Verbindung her. „Hier.“ Er reichte Kathryn den Kopfhörer mit dem integrierten Mikrofon. „Sie müssen in das Mikrofon sprechen, aber die Stimme Ihres Vaters kommt aus den Lautsprechern.“

Sie zögerte. „Und Sie sind sicher, dass er den Anruf nicht zurückverfolgen kann?“

„Falls er überhaupt etwas herausfindet – was ich bezweifle –, wird er die Information bekommen, dass Sie in Seattle sind. Los, wählen Sie.“

Kathryn tippte die Privatnummer ihres Vaters ein, und kurz darauf meldete er sich. „Daddy?“

„Kathryn? Gott sei Dank! Wo bist du, mein Schatz? Geht es dir gut?“

„Mir geht es bestens, Daddy.“

„Und du kommst sofort nach Hause, ja? Douglas ist bei mir. Er ist natürlich außer sich und versteht genauso wenig wie ich, warum du abgehauen bist. Aber er ist bereit, es dir zu verzeihen.“

Sie warf Jonah, der neben ihr stand, einen Blick zu. „Er ist also bereit, mich zu heiraten, obwohl ich weggelaufen bin?“

„Sicher, mein Schatz.“

Im Hintergrund hörte sie Douglas sagen: „Sag ihr, wir haben beide Fehler gemacht. Natürlich verzeihe ich ihr.“

„Tja, da hat er Pech“, erklärte sie forsch, „denn ich bin nicht bereit, ihm zu verzeihen. Frag ihn mal nach seiner letzten Reise nach Las Vegas, Daddy – als er eigentlich in San Diego sein sollte. Und bei der Gelegenheit könntest du gleich seine finanziellen Verhältnisse unter die Lupe nehmen.“

„Was war das, Kathryn?“ Jock klang verwirrt. „Ich habe nur einen Teil verstanden. Die Verbindung war gestört.“

„Beenden Sie das Gespräch“, sagte Jonah leise.

„Ist jemand bei dir, mein Schatz?“, erkundigte Jock sich misstrauisch. „Schreibt dir jemand vor, was du sagen sollst?“

„Nein, Daddy, ich habe nur angerufen, um dir zu sagen, dass du dir keine Sorgen zu machen brauchst. Aber ich werde eine Weile wegbleiben.“

„Kathryn …“

Kathryn unterbrach die Verbindung und wandte sich an Jonah. „Sind Sie nun zufrieden?“

Er nickte geistesabwesend.

„Gut.“ Sie ging voran zu ihrer Nische. „Und was steht nun auf dem Programm?“

Jonah trank einen großen Schluck Kaffee. „Was haben Sie außer Ihrem Pass noch in Ihrer Handtasche?“

„Kreditkarte. Schminksachen. Nagelfeile. Lauter solche Sachen.“

Das passt, dachte er. „Bargeld?“

„Nicht viel. Ich habe meistens kein Bargeld dabei.“

Vermutlich hatte sie bisher auch kaum welches gebraucht. „Das ist schlecht, denn ich habe auch kaum etwas. Da man Ihre Kreditkartenkonten wahrscheinlich überwachen wird, sollten Sie lieber nicht mit Karte zahlen. Ich habe auch eine Karte, aber die kann ich auch nicht mehr lange benutzen.“

„Warum nicht? Es weiß doch niemand, dass Sie bei mir sind.“

„Jock wird es schnell genug erfahren, Süße. Man wird jeden befragen, der heute auf dem Anwesen war. Und wenn sie herausfinden, dass ich es ungefähr zur selben Zeit verlassen habe wie Sie und mich seitdem niemand mehr gesehen hat … Wir müssen uns eine größere Summe beschaffen.“

„Warum?“

„Weil wir eine Weile auf der Flucht sein werden. Ich wünschte, die Bibliothek wäre geöffnet.“

Kathryn krauste die Stirn und sagte dann, als würde sie mit einem Kind reden: „Wenn Sie sich das Geld auf die Weise beschaffen wollen, wäre es dann nicht besser, eine Bank auszurauben?“

„Vielen Dank für den guten Rat, Katie Mae“, erwiderte Jonah trocken. „Ich habe nicht vor, die Kasse zu entwenden, sondern brauche Informationen. Ich habe nämlich keine Ahnung, wie weit wir fahren müssen oder in welche Richtung.“

„Wozu?“, fragte sie mit einem verzweifelten Unterton.

„Um einen Staat zu finden …“ Energisch stellte er seinen Becher auf den Tisch und sah sie bedächtig an. „… in dem wir uns nicht durch die Mangel drehen lassen müssen, um heiraten zu können.“

Kathryn, die gerade einen Schluck Kaffee trank, verschluckte sich prompt. „Sie meinen … Sie …“

„Ich werde Sie heiraten, ja. Oder wollen Sie einen Rückzieher machen?“

Wider Erwarten verspürte sie Panik. Genau das hast du doch gewollt, sagte sie sich verzweifelt. Aber nun …

Es kommt nur ein bisschen plötzlich, überlegte sie weiter. Ich bin nur überrascht, weil er es sich anders überlegt hat, das ist alles. Natürlich, meldete sich eine innere Stimme, für fünfzehn Prozent an einer Restaurantkette ändert jeder seiner Meinung. Aber war das nicht genau der Punkt? Sie, Kathryn, wusste genau, warum Jonah sie heiratete. Genau aus dem Grund hatte sie ihm das Angebot schließlich unterbreitet.

„Nein“, entgegnete sie energisch. „Ich mache keinen Rückzieher.“

„Dann sind wir von jetzt an Partner. Fifty-fifty in jeder Beziehung, ja?“ Er streckte ihr die Hand entgegen.

Als sie ihm die Hand reichte, durchzuckte es sie heiß.

„Ich brauche keine Bibliothek“, meinte er leise. Dann entzog er ihr seine Hand wieder, stand auf und ging zu einem anderen Computer.

Kathryn trank ihren Kaffee. Er war inzwischen kalt, doch es war ihr egal. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie ihr Vater reagieren würde, wenn er erfuhr, dass sie nur wenige Stunden nach der geplatzten Hochzeit mit Douglas einen anderen Mann heiraten wollte.

Einen Mann, der ganz anders ist, überlegte sie. Bei Jonah gab es keine falschen Versprechen und keine Lügen. Nur Ehrlichkeit. Und Hilfsbereitschaft. Vielleicht war das sogar der wichtigste Faktor. Nur wenige Männer würden sich Jock Campbells Zorn stellen, um seiner Tochter zu helfen, selbst wenn man ihnen einen Anteil an seinem Firmenimperium versprach. Und Jonah hatte nicht gezögert, obwohl wusste, wozu ihr Vater in der Lage war. Und er hatte ihr bereits geholfen, bevor sie ihm eine Belohnung in Aussicht gestellt hatte.

Zumindest hatte er nicht lange gezögert.

Jonah kam an den Tisch zurück und faltete eine Papierserviette zusammen. „Es könnte etwas schwieriger sein, als ich dachte. Anscheinend sind die Orte, an denen man ohne viel Bürokratie heiraten kann, ziemlich weit von Minnesota entfernt.“

„Na ja, räumliche Distanz zu meinem Vater wäre vielleicht keine schlechte Idee.“

„Wir haben aber nicht genug Bargeld, um Flugtickets kaufen zu können, und wenn wir sie mit Kreditkarte bezahlen, erfährt Jock davon, bevor wir unser Ziel erreichen.“

„Wahrscheinlich würde er im Terminal auf uns warten“, bestätigte Kathryn.

„Dann müssen wir den Ort also mit dem Wagen erreichen können. Allerdings habe ich in Erfahrung gebracht, dass man in allen Nachbarstaaten entweder eine Weile warten oder einen Bluttest machen muss oder beides.“

„Was haben Sie gegen einen Bluttest?“, fragte sie. „Haben Sie Angst vor Injektionsnadeln?“

Jonah schüttelte den Kopf. „Die Zeit ist ein großer Unsicherheitsfaktor. Es kann Tage dauern, bis der Befund da ist. Und je länger wir an einem Ort bleiben …“

„Desto wahrscheinlicher ist es, dass Dad uns findet.“

„Natürlich kann er Sie nicht davon abhalten“, räumte er ein. „Sie sind erwachsen und können heiraten, wen Sie wollen, selbst wenn er dabei ist und ein Riesentheater macht.“

Kathryn schnitt ein Gesicht. „Ich stelle ihn lieber vor vollendete Tatsachen.“

„Dann wäre Nevada die beste Lösung.“

„Las Vegas?“ Sie war entsetzt.

„Was spricht dagegen?“

Kathryn biss sich auf die Lippe. „Es klingt vielleicht albern, aber es ist einer von Douglas’ bevorzugten Tummelplätzen. Und es ist nicht gerade problemlos mit dem Wagen zu erreichen. Wäre es nicht besser …?“

„Hier zu bleiben und abzuwarten? Es gibt in Minnesota kein Standesamt, das vor Montag geöffnet ist, und dann müssten wir fünf Tage warten. Und was wetten Sie darauf, dass Jock innerhalb kürzester Zeit davon erfährt?“

„Sie haben recht“, gestand sie.

„Wir können das Wochenende genauso gut auf der Straße verbringen. Außerdem reicht es, wenn wir die Grenze nach Nevada überschreiten.“

Sie seufzte. „Dann sollten wir gleich aufbrechen.“

Sobald sie im Wagen saßen, reichte Jonah ihr eine Karte. „Suchen Sie mir eine Route nach Wisconsin heraus.“

Starr blickte Kathryn ihn an. „Wisconsin? Ich war zwar nie besonders gut in Geografie, aber als ich das letzte Mal nachgesehen habe, lag es noch im Osten und Nevada im Südwesten. Was wollen Sie da?“

„Eine Bank ausrauben.“ Jonah fädelte sich in den Verkehr auf dem Highway ein. Offenbar hatte er ihre Miene bemerkt, denn er lachte. „Wir brauchen Bargeld, und deswegen müssen wir die Kreditkarten benutzen. Daher legen wir eine falsche Spur, indem wir in die entgegengesetzte Richtung fahren und dann wieder umkehren.“

Kathryn faltete die Karte auseinander und betrachtete sie. „Eigentlich sind Sie Spion, stimmt’s?“

„Verdammt, jetzt haben Sie mein Geheimnis erraten! Nun muss man uns beide zum Schweigen bringen.“

Sie legte die Karte auf ihren Schoß. „Es scheint Ihnen ja richtig Spaß zu machen“, sagte sie vorwurfsvoll.

„Hm … ja, ich glaube schon. Kommen Sie, Katie, das ist ein Abenteuer, von dem wir später unseren Kindern erzählen können.“

Kathryn schluckte.

Er warf ihr einen Blick zu. „Was ist los? Hatten Sie noch nicht so weit gedacht?“

„Ich glaube nicht.“

„Na, Sie haben noch mindestens vierundzwanzig Stunden, um es sich genau zu überlegen“, erklärte er fröhlich. „Wahrscheinlich sogar sechsunddreißig.“

Kathryn betrachtete wieder die Karte, doch diese verschwamm ihr vor den Augen. Douglas und sie hatten nie über das Thema Kinder gesprochen. In diesem Moment wurde ihr allerdings klar, dass es ein großer Unterschied war, ob sie mit Douglas Kinder bekommen hätte oder welche mit Jonah bekommen würde …

Sie beschloss, sich später den Kopf darüber zu zerbrechen, und fuhr mit dem Finger über die Karte. „Es wäre einfacher gewesen, wenn wir gleich in die richtige Richtung gefahren wären.“

„Wenn ich, als wir Duluth verlassen haben, gewusst hätte, dass wir nicht zu den Twin Cities fahren …“ Jonah klang ein wenig geistesabwesend.

„Okay. Wir können später auf den Highway …“

Aber er hörte offenbar nicht zu. Er blickte in den Rückspiegel. „Verdammt!“, fluchte er leise. „Ich fahre doch nicht zu schnell. Also was …?“

Kathryn drehte sich um. Hinter ihnen fuhr ein Streifenwagen mit Blaulicht. Und während sie diesen ungläubig betrachtete, begann die Sirene zu heulen, und der Officer signalisierte ihnen mit der Lichthupe, dass sie an den Straßenrand fahren sollten.

3. KAPITEL

Jonah wühlte in seinen Taschen nach seiner Brieftasche und nahm seinen Führerschein heraus. „Sagen Sie nichts, Katie. Wenden Sie sich ab – aber nicht ganz, denn das wirkt verdächtig.“

Kathryn warf ihm einen unschuldigen Blick zu. „Und ich schätze, ich soll auch keine Witze über Kidnapper machen, nicht?“

Er öffnete das Fenster, während der Officer sich ihrem Wagen näherte und diesen dabei mit der Taschenlampe ableuchtete.

„Guten Abend, Sir“, grüßte der Polizist freundlich. „Ihren Führerschein und den Fahrzeugschein bitte.“ Er nahm die Dokumente entgegen und ließ den Blick vom Führerschein zu Jonahs Gesicht und wieder zurück gleiten. „Danke, Sir. Ich bin Ihnen eine Weile gefolgt. Ich nehme an, Sie wissen nicht, dass Ihr Rücklicht einen Wackelkontakt hat, oder?“

Rücklicht? Darum ging es also! Kathryn war so erleichtert, dass sie ein Seufzen unterdrücken musste.

„Nein, das wusste ich nicht, Officer“, erwiderte Jonah.

„Natürlich muss ich Ihnen deswegen einen Strafzettel geben. Ich komme gleich, damit Sie den Zettel unterschreiben können.“

„Glück gehabt“, flüsterte Kathryn, während er zu seinem Wagen zurückkehrte.

„Freuen Sie sich nicht zu früh.“

„Aber wenn er uns wegen des defekten Rücklichts angehalten hat, kann er nicht auf der Suche nach uns gewesen sein.“

„Darauf würde ich nicht wetten. Vielleicht war es nur ein Vorwand, damit er uns überprüfen konnte.“

„Wie sollte er sich so etwas ausdenken?“

„Das mit dem Wackelkontakt gibt mir zu denken. Es kann sein, dass das Licht jetzt funktioniert, aber ich kann nicht überprüfen, ob es vorher vielleicht nicht der Fall war.“

Der Polizist kehrte mit dem Strafzettel zurück. „Wenn Sie bitte hier unterschreiben würden, Sir. Ihnen ist sicher klar, dass Sie mit dem defekten Licht nicht weiterfahren können.“

„Das heißt wohl, dass wir einen Abschleppwagen kommen lassen müssen“, erwiderte Jonah ruhig, nachdem er den Zettel entgegengenommen hatte. „Da wir hier auf dem Highway sind …“

„Sie haben Glück, Sir. Es könnte eine Stunde dauern, bis ein Abschleppwagen hier ist. Da nur einige Meilen entfernt eine Raststätte ist, erlaube ich Ihnen, dorthin zu fahren, denn hier gefährden Sie nur den Verkehr.“

„Da kann man wirklich von Glück sagen“, bemerkte Kathryn leise.

„Fahren Sie weiter geradeaus bis zum nächsten Stoppschild, dann sehen Sie links an der Kreuzung zum großen Highway die Raststätte. Die Mechaniker dort sind gut, und ich glaube, die Werkstatt ist auch sonntags besetzt. Ich fahre Ihnen nach, so dass Sie sich keine Sorgen wegen des Rücklichts zu machen brauchen.“

„Das ist sehr nett von Ihnen, Officer.“ Jonahs Stimme klang ein bisschen hohl.

Jonah ließ den Motor an und wartete, bis der Officer wieder in seinem Wagen saß. Dann fuhr er wieder auf den Highway und beschleunigte vorsichtig. Der Officer folgte ihnen mit eingeschaltetem Blaulicht.

„Eine Polizeieskorte in die Stadt“, sagte Kathryn. „Genau das haben wir gebraucht. Glauben Sie nun, dass das Rücklicht defekt ist?“

„Was ich glaube, spielt keine Rolle, denn auf dem Strafzettel steht, dass ich die Elektronik überprüfen lassen muss, bevor ich weiterfahre. Und das heißt, dass wir mindestens bis morgen früh festsitzen. Drücken Sie die Daumen, dass wir nicht der einzige Notfall sind, wenn die Werkstatt öffnet.“

Sie stöhnte, doch dann hellte ihre Miene sich auf. „Da ist das Stoppschild. Das ist also …“ Kathryn blickte zu einem Gebäudekomplex, der von Straßenlaternen erhellt wurde. „… die Raststätte“, fügte sie matt hinzu. „Aber wo ist die Stadt?“

„Wahrscheinlich ein paar Meilen weiter. Raststätten liegen normalerweise außerhalb der Stadt.“

„Danke für die Belehrung, Mr. Clarke. Täuschen mich meine Augen, oder heißt dieser Ort hier tatsächlich West Podunk?“

„Würde mich jedenfalls nicht überraschen. In Iowa gibt es sogar eine Raststätte, die Boondocks heißt. Die hier scheint ziemlich groß zu sein. Restaurant, Tankstelle, Motel …“

„Jonah“, warf sie in einem Anflug von Panik ein. „Das Restaurant gehört zu Katie Mae’s Kitchens.“

„Die gibt es doch in jeder dritten Stadt, Süße. Früher oder später wären wir ohnehin in einem gelandet. Das dahinten müsste die Werkstatt sein.“ Jonah fuhr auf einen Parkplatz und stieg aus, ohne den Motor abzustellen.

Der Officer hielt kurz neben ihm, verabschiedete sich freundlich und fuhr weiter.

Kathryn stieg ebenfalls aus und ging zu Jonah zum hinteren Teil des Wagens. „Es ist ziemlich dunkel hier.“

„Das habe ich gemerkt.“ Als er am Wagen rüttelte, ging das Licht aus und wieder an. Er schüttelte den Kopf. „Es ist tatsächlich ein Wackelkontakt. Verdammt, ich hätte schwören können, dass die Kiste in einem erstklassigen Zustand ist!“

„Deswegen haben Sie heute Nachmittag vermutlich auch darunter gelegen.“

„Ich habe einen Ölwechsel gemacht.“

Sie enthielt sich einer weiteren Bemerkung. „Und was machen wir jetzt?“

„Wir legen unsere letzten Dollar zusammen, gehen ins Restaurant und bestellen uns etwas zu essen. Und wenn wir Glück haben, können wir uns ein Zimmer in dem Motel mieten. Dann überlegen wir, wie wir die Reparatur bezahlen können.“ Nachdem Jonah den Motor abgestellt hatte, schloss er den Wagen ab. „Es könnte schlimmer sein.“

„Stimmt. Sie könnten im Gefängnis sitzen, und ich könnte auf der Suche nach einem Anwalt sein, der die Kaution für Sie hinterlegt.“

„Geteiltes Leid ist halbes Leid“, erwiderte er anerkennend. „Braves Mädchen. Und falls Sie keinen Anwalt finden, könnten Sie mit Ihrer Nagelfeile die Gitterstäbe bearbeiten.“

Sie hatten genug Bargeld, um ihre Eier mit Speck zu bezahlen, das üppigste Frühstück, das Kathryn je zu irgendeiner Tageszeit zu sich genommen hatte. Als Jonah im Motel anrief, erfuhr er jedoch, dass ihr Geld nicht mehr für eine Übernachtung reichte.

„Dann schlafen wir im Wagen“, erklärte sie tapfer und schob ihren halb leeren Teller weg.

Er schenkte sich Kaffee nach. „Haben Sie das schon mal versucht?“

„Nein.“

„Sie werden auf dem Weg nach Nevada genug Schlaf bekommen. Ich habe ein Zimmer reserviert.“

„Aber wenn wir dafür nicht bezahlen können …“

„So, wie es momentan aussieht, können wir die Reparatur auch nicht bezahlen. Wir müssen also doch an den Geldautomaten.“

„Damit hinterlassen wir Spuren.“

„Ich hätte lieber gewartet, bis wir aus Minnesota raus sind, aber wir haben keine andere Wahl. Da ich das Zimmer auf meinen Namen reserviert habe, benutzen wir auch meine Karte und Ihre dann erst in Wisconsin.“

„Vielleicht sollten wir das mit Wisconsin lieber lassen.“

Jonah schüttelte den Kopf. „Wegen dieser Verzögerung müssen wir Jock erst recht auf eine falsche Spur führen. Allerdings ist Geld nicht das einzige Problem, das wir zurzeit haben. Da wäre auch noch der Strafzettel.“

„Machen Sie sich etwa immer noch Sorgen wegen dieses armen Cops? Der hat nur seine Arbeit gemacht, Jonah.“

„Meine Daten sind jetzt im Computer. Falls Ihr Vater auf die Idee kommt, mich zu überprüfen, weiß er, wo wir sind.“

„Warum sollte er das tun? Wahrscheinlich hat er keinen Beweis dafür, dass ich bei Ihnen bin“, wandte Kathryn ein.

„Das spielt keine Rolle. Selbst wenn Jock mich nicht verdächtigt, wird er seine Leute beauftragen, jeden zu befragen, der heute auf dem Anwesen war. Wenn man feststellt, dass ich verschwunden bin, liegt es nahe, sich an die Polizei zu wenden, damit die meinen Wagen ausfindig macht. Und wenn Jock meinen Aufenthaltsort erfährt, bevor der Wagen repariert ist …“

Sie zuckte zusammen. „Wir werden ‚Hallo, Daddy‘ sagen, wenn sein Hubschrauber auf dem Parkplatz landet.“

„Und wenn er Sie hier findet, wird er wieder einmal sein legendäres Glück betonen. Außerdem ist es gut möglich, dass der Mechaniker den Fehler nicht auf Anhieb findet, selbst wenn er noch so gut ist.“ Wieder schüttelte Jonah den Kopf. „Wenn wir nicht bis morgen Mittag von hier verschwinden können, müssen wir den Wagen hier lassen.“

Entgeistert blickte sie ihn an. „Und was sollen wir dann tun? Den Bus nehmen? Oder … Warten Sie, ich hab’s – ein Taxi! Bestimmt ist hier irgendwo ein Taxistand. Schließlich gibt es in West Podunk alles.“

„Seien Sie nicht so sarkastisch, Katie Mae. Das mit dem Bus ist eigentlich keine schlechte Idee, wenn man mal davon absieht, dass man ewig unterwegs ist. Wir kaufen einen Wagen.“

„Und womit, wenn ich fragen darf? Ich weiß nicht, wie viel Geld auf Ihrem Kreditkartenkonto ist, aber mit meiner Karte kaufe ich normalerweise keine Autos.“

„Es muss ja auch kein Porsche sein, sondern irgendein fahrtüchtiges Vehikel.“ Er gähnte. „Kommen Sie, holen wir jetzt das Geld und gehen in unser Zimmer.“

Unser Zimmer. Wegen ihrer beschränkten finanziellen Mittel konnte sie kaum auf einem eigenen Zimmer bestehen. Außerdem würde ich den Anschein erwecken, als wäre ich prüde, sagte sich Kathryn, als sie daran dachte, dass sie Jonah Clarke so schnell wie möglich heiraten wollte.

Sie rang sich ein Lächeln ab. „Klar“, erwiderte sie. „Ich bin auch ziemlich müde.“

Es fiel ihr sogar schwer, die Treppe in den ersten Stock hochzugehen, die zu ihrem Zimmer führte. Jonah stieß die Tür auf, und sie zögerte.

„Gehen Sie rein, Katie“, sagte er. „Über die Schwelle trage ich Sie erst nach der Hochzeit.“

Kathryn ging an ihm vorbei. Der Raum war klein. Es standen zwei Doppelbetten mit einem Nachttisch in der Mitte darin. „Welches Bett wollen Sie?“

„Ist mir egal.“ Jonah schloss die Tür. „Und Sie brauchen auch keine Angst zu haben, dass ich das Bett mit Ihnen teilen will. Ich sagte ja, dass Sie noch mindestens vierundzwanzig Stunden Zeit haben, bevor Sie etwas Unwiderrufliches tun, und dazu stehe ich.“

Plötzlich brannten ihr Tränen in den Augen, was sie maßlos ärgerte. Musste sie nach allem, was sie an diesem Tag durchgemacht hatte, ausgerechnet jetzt weinen? „Danke“, flüsterte sie und eilte ins Bad, um so tun, als würde sie es inspizieren. „Hier ist nur eine Flasche Shampoo – keine Zahnbürsten und keine Bademäntel“, fügte sie über die Schulter gewandt hinzu.

„Ich dachte, Sie seien kein Luxusweib.“

Kathryn drehte sich um. „Seit wann ist eine Zahnbürste Luxus?“

„Das hier ist nicht das Ritz.“

„Ich frage ja nur …“

„Ich gehe los und kaufe eine Zahnbürste, während Sie duschen. Brauchen Sie sonst noch was?“

„Mir fällt nur ein Dutzend Dinge ein.“

„Machen Sie eine Liste, dann kaufen wir die Sachen morgen.“ Er verließ das Zimmer.

Das Wasser war angenehm warm, und Kathryn stand länger als sonst unter der Dusche, um ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Anschließend wusch sie sich das Gesicht mit kaltem Wasser und wickelte sich ein Handtuch um. Dabei wurde ihr zum ersten Mal richtig bewusst, was es bedeutete, ohne Gepäck von zu Hause wegzulaufen.

Unter der Bluse und den Jeans hatte sie die zartesten Dessous getragen, die sie je besessen hatte – perfekt unter einem Hochzeitskleid, aber nicht besonders praktisch, wenn man auf der Flucht war. Aber wenigstens würden sie schnell trocknen. Kathryn ließ Wasser ins Waschbecken und tat etwas Shampoo dazu, um den BH und den Slip zu einzuweichen.

Sie hörte das Quietschen einer Bettfeder, und kurz darauf sagte Jonah vor der Badezimmertür: „Hoffentlich haben Sie nicht das ganze heiße Wasser aufgebraucht. Ich habe Ihnen ein T-Shirt gekauft. Soll ich es Ihnen reinreichen?“

„Sie sind ein Schatz, Jonah“, platzte sie heraus.

„Was?“

Ihr brannten die Wangen. „Ich sagte: ‚Danke, das ist nett von Ihnen‘.“ Kathryn öffnete die Tür einen Spaltbreit und steckte die Hand hinaus.

Das T-Shirt war sehr weit, hellrot und hatte einen Aufdruck mit dem West-Podunk-Gebäudekomplex. Als sie darin das Bad verließ, lag Jonah auf dem Bett, vor sich eine Straßenkarte.

„Steht Ihnen gut“, bemerkte er.

„Und es ist ein nettes Andenken. Außerdem ist es so lang, dass ich es morgen als Kleid tragen kann. Kein schlechter Kauf!“ Sie setzte sich auf die gegenüberliegende Seite, um ebenfalls einen Blick auf die Karte zu werfen. „Was planen Sie jetzt?“

„Wir müssen bis Eau Claire kommen, bevor wir Ihre Kreditkarte benutzen.“

„In Ordnung. Aber warum?“

„Weil es der erste Ort auf dem direkten Weg zwischen unserem Ausgangspunkt und der Stadt ist, in der Jock uns vermuten soll.“

„Und das wäre?“

„Entweder Milwaukee oder Chicago. Ich dachte, es wäre besser, ihn vor die Wahl zu stellen, um Zeit zu gewinnen. Wir werden mit Ihrer Karte in Eau Claire und in Madison einen Einkaufsbummel machen. Dann benutzen wir die Karte nicht mehr und fahren in Richtung Südwesten, während Jock hoffentlich im Osten nach uns sucht.“

Kathryn studierte die Karte und überschlug die Entfernung. „Wenn wir lange auf den Wagen warten müssen, kommen wir wahrscheinlich erst am Spätnachmittag nach Eau Claire.“

„Stimmt.“

„Ist es nicht verdächtig, wenn wir für hundertfünfzig Meilen so lange gebraucht haben?“

„Sobald Ihr Vater merkt, dass Sie nicht allein sind, kann er sich denken, was passiert ist“, erwiderte Jonah geistesabwesend.

„Ach ja?“

„Ja. Nämlich dass wir unterwegs ein paar Mal angehalten haben, um übereinander herzufallen.“

Unwillkürlich hielt sie den Atem an und musste sich zwingen, sich zu entspannen. „Dann ist es ja kein Wunder, dass ich so müde bin“, meinte sie betont forsch.

Er blickte von der Karte auf, und sein Lächeln ließ ihr Herz höher schlagen.

Jonah wartete bereits vor der Werkstatt, als der Mechaniker erschien, um aufzuschließen. Er betrachtete ihn mitfühlend, versprach ihm, sich gleich das Rücklicht anzusehen und schickte ihn dann weg, als wäre er ein Sechsjähriger, der sich die Zeit mit Spielen vertreiben sollte.

Jonah ging zur Tankstelle, um sich eine Zeitung zu kaufen, und überlegte, ob er wieder ins Motelzimmer oder ins Restaurant gehen sollte.

Das Restaurant war sicher die bessere Wahl. Kathryn hatte noch geschlafen, als er vor einer halben Stunde das Zimmer verlassen hatte. Sie hatte zusammengerollt auf der Seite gelegen und die Hand ausgestreckt, was wie eine Einladung aussah. So schnell würde er dieses Bild nicht vergessen.

Wenn sie bei seiner Rückkehr immer noch schlief, würde er sich zusammenreißen müssen, um nicht auf seine guten Manieren zu pfeifen und sich zu ihr ins Bett zu legen. Falls er vorher geahnt hätte, wie Katie Mae in einem T-Shirt und mit offenem Haar, das auf dem Kopfkissen ausgebreitet war, aussehen würde, dann hätte er bestimmt nicht so leichtfertig irgendwelche Versprechungen gemacht.

Und selbst wenn sie bereits angezogen war, er hatte ihre Dessous auf der Handtuchstange beim Rasieren eingehend betrachtet. Nun würde er sich jedes Mal, wenn er sie anblickte, vorstellen, was sie darunter trug …

Ja, das Restaurant war definitiv die bessere Wahl. Doch er war ohnehin bereits auf dem Weg zum Zimmer.

Neben dem Telefon blieb Jonah stehen und suchte in seiner Hosentasche nach Kleingeld. Er musste einen Anruf tätigen, den er nicht länger aufschieben konnte.

Jonah hatte den Einwegrasierer neben dem Waschbecken liegen lassen, aber zumindest alle Spuren beseitigt. Ein Ferkel war er also nicht.

Kathryn tat den Rasierer zusammen mit ihren wenigen anderen Besitztümern – den Straßenkarten, der Zahnpasta und ihrem T-Shirt – in die rote Plastiktüte, die Jonah am Vorabend aus dem Laden mitgebracht hatte. Sie musste zugeben, dass sie noch sie so schnell ihre Sachen gepackt hatte. Wenn sie daran dachte, wie sie sich den Kopf darüber zerbrochen hatte, was sie mit in die Flitterwochen nehmen sollte …

Aber das hier waren auch Flitterwochen. Allerdings fand die Reise vor der Hochzeit statt.

Kathryn dachte immer noch darüber nach und fragte sich, ob Jonah über die Vorstellung lachen würde oder erschrocken wäre, als sie das Ende der Treppe erreichte. Sie blieb stehen und blickte sich um. Dabei überlegte sie, ob sie zuerst in die Werkstatt oder ins Restaurant gehen sollte. Eigentlich hatte sie nicht damit gerechnet, ihm sofort zu begegnen, und wollte zuerst nicht wahrhaben, was sie sah. Er stand in der Telefonkabine und hatte ihr den Rücken zugewandt.

Energisch ging sie auf ihn zu, um ihn zur Rede zu stellen. Als hätte er sie bemerkt, legte er auf und wandte sich zu ihr um. „Wollen wir erst frühstücken oder einkaufen gehen?“, erkundigte er sich lässig.

War er wirklich so locker, wie er sich gab? Sein Gesichtsausdruck war irgendwie anders. Verriet er Bedauern? Oder Besorgnis, weil sie womöglich etwas gehört hatte, was nicht für ihre Ohren bestimmt war?

„Weder noch“, entgegnete Kathryn. „Ich würde gern wissen, wen Sie angerufen haben.“

„Einen Freund.“

„Ach, tatsächlich? Vielleicht die Frau, die Sie gestern Abend versetzt haben?“

Ein Lächeln umspielte Jonahs Lippen. „Vorsichtig, Katie. Sonst könnte man glatt annehmen, Sie wären eifersüchtig.“

Am liebsten hätte sie Jonah einen Tritt verpasst. Wie konnte er ihr unterstellen, sie wäre eifersüchtig? Schließlich war sie nicht diejenige, die hinter dem Rücken ihres Partners telefonierte.

„Sein Name ist Brian“, fuhr er fort. „Er ist leitender Angestellter, in der Firma, in der ich arbeite, und ich habe ihm gerade eine Nachricht hinterlassen, dass ich morgen nicht komme.“

„Oh. Das hatte ich ganz vergessen. Ihren Job, meine ich.“

„Das habe ich gemerkt. Wir können nicht alle einfach so freinehmen.“

Sofort wurde Kathryn wieder ärgerlich. „Ich arbeite auch. Ich habe mir für diese Woche schon vor Monaten Urlaub genommen.“

„Und wenn Sie mir ein bisschen früher gesagt hätten, dass wir diese Reise machen, hätte ich auch weiter im Voraus planen können“, tadelte Jonah sie sanft.

Sie biss sich auf die Lippe. „Tut mir leid, Jonah.“

„Schon gut, Katie Mae.“ Flüchtig berührte er ihre Wange.

Plötzlich fühlte sie sich einsamer denn je. „Nennen Sie mich nicht so“, protestierte sie automatisch. „Nicht wenn wir direkt vor einem der Restaurants stehen. Wie wollen Sie es den Rest der Woche mit Ihrem Job machen?“

„Jeden Tag anrufen, schätze ich. Keine Angst, ich bezweifle, dass Brian von seinem Telefon Anrufe zurückverfolgen kann.“

„Jonah … Was ist, wenn Sie wegen dieser Geschichte Ihren Job verlieren?“

„Dann muss ich mich wohl auf Ihr Versprechen verlassen, dass Sie mir fünfzehn Prozent der Firmenanteile übertragen.“ Seine Stimme wurde sanfter. „Sie dachten, ich hätte Jock angerufen, stimmt’s?“

Kathryn nickte.

„Warum sollte ich das tun, Katie?“

„Ich weiß nicht. Vielleicht weil Sie mich satt haben, es mir aber nicht sagen wollten.“

„Ich rufe also Ihren Vater an, er taucht hier auf und spielt den Schurken, und ich stehe immer noch als Held da? Ich behalte es im Hinterkopf, für den Fall, dass ich Sie doch irgendwann satt haben sollte. In der Zwischenzeit … kommen Sie her.“

Unwillkürlich machte sie einen Schritt vor, und Jonah legte ihr den Arm um die Schultern und zog sie an sich. Daraufhin legte sie unwillkürlich den Kopf zurück, so dass seine Lippen ihre fanden. Sie fühlten sich warm und fest an, und sein Kuss wurde immer verlangender, bis sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte und sich alles um sie zu drehen schien.

Als Jonah sich schließlich von ihr löste, war Kathryn ganz außer Atem und unfähig, ein Wort über die Lippen zu bringen. Sie legte die Hand um seinen Nacken und zog seinen Kopf wieder zu sich herunter.

„Frühstück“, sagte er streng. „Sonst falle ich tatsächlich noch über dich her.“

Die Pfiffe und das Gejohle einiger Fernfahrer, die an der Tankstelle standen und sie beobachteten, brachten Kathryn abrupt auf den Boden der Tatsachen zurück, und sie errötete. Sie barg den Kopf an seiner Schulter und ließ sich von Jonah ins Restaurant führen.

Am Vorabend war sie zu erschöpft gewesen, um ihre Umgebung richtig wahrzunehmen, und hatte nur darauf geachtet, dass sie nicht in die Nähe des Logos von Katie Maes Kitchens kam, das ihr Konterfei enthielt. Sicher würde niemand eine Ähnlichkeit zwischen dem kleinen Mädchen und ihr bemerken – und selbst wenn, so gab es sicher Hunderte von Frauen, die ihm ähnelten. Trotzdem musste sie vorsichtig sein.

Jetzt war sie allerdings hellwach, und während die Kellnerin Jonah und sie zu einem Tisch führte, blickte Kathryn sich aufmerksam um. Bildete sie es sich nur ein, oder lag tatsächlich Staub auf der Lehne der Sitzbank?

„Lass mich raten“, sagte Jonah, sobald die Kellnerin außer Hörweite war. „Du bist diejenige, die die Geschäftsbedingungen für die Franchiseunternehmen bestimmt, nicht?“

„Ist das so offensichtlich?“ Es schien ihr ganz selbstverständlich, sich nach dem Kuss mit ihm zu duzen.

„Nur für jemanden, der dein Geheimnis kennt. Auf einen normalen Beobachter wirken Sie wahrscheinlich nur sehr aufmerksam und pingelig.“

„Danke. Genau das muss ich in meinem Job nämlich sein.“

„Kein Wunder, dass Sie bei der Vorstellung, das Restaurant zu betreten, so nervös waren. Wenn sie herumfahren und sich die Restaurants ansehen …“

„Das kommt nicht oft vor. Ich bin nur ein kleines Rädchen im Getriebe der Zentrale.“ Kathryn klappte die Speisekarte zu und legte sie weg – mit der Vorderseite nach unten, damit das Foto nicht zu sehen war. „Ich nehme nur einen Muffin und einen Kaffee. Wollen Sie die Zeitung hier lesen?“

Jonah reichte sie ihr. „Machen Sie sich darauf gefasst, dass Sie Ihr Foto darin finden.“

„O nein, daran hatte ich überhaupt nicht gedacht.“

„Eine Braut verschwindet nur wenige Minuten vor der Hochzeit spurlos – das ist doch ein gefundenes Fressen für die Medien.“

Langsam blätterte sie die Zeitung durch und aß dabei ihren Muffin. Schließlich seufzte sie erleichtert auf und lehnte sich zurück. „Nichts.“

„Gib deinem Vater Zeit. Bei Redaktionsschluss gestern Abend warst du noch nicht so lange weg.“ Er betrachtete sie nachdenklich. „Du musst dir die Haare schneiden lassen.“

„Und du musst in den See springen“, erwiderte sie freundlich.

„Es wäre wirklich schade, aber man würde dich nicht mehr so leicht erkennen.“

„Ach, das hast du gemeint. Ich dachte, es wäre eine Kritik an meiner Frisur.“ Kathryn riss eine Ecke vom Sportteil ab.

Autor

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