Julia Extra Band 509

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NUR DIESER EINE TANZ MIT DIR? Von SOPHIE PEMBROKE
Engumschlungen tanzt die schüchterne Rachel mit ihrem heimlichen Schwarm Damon Hunter. Obwohl es nur für die Aufzeichnung einer Silvestershow ist, fühlt sie sich wie verzaubert. Als Damon sie um Mitternacht küsst, schmilzt sie endgültig dahin. Ein Fehler? Damon gilt als Playboy …

EIN BLICK IN DEINE BLAUEN AUGEN … von CAITLIN CREWS
König Orion hat keine Wahl: Um zu vermeiden, dass ein skrupelloser Medienmogul eine Skandalstory über ihn veröffentlicht, muss er dessen Tochter heiraten. Eine reine Pflichtehe – bis beim Blick in Lady Calistas meerblaue Augen gefährlich heißes Verlangen in Orion erwacht …

EINGESCHNEIT MIT DEM SPANISCHEN MILLIARDÄR von SHARON KENDRICK
Liegt es an Hollies sexy Elfenkostüm? Auf der Weihnachtsfeier ihrer Firma flirtet der spanische Milliardär Maximo Diaz plötzlich hemmungslos mit ihr. Weil sie schon lange von ihm träumt, lässt sich spontan zu einer Nacht der Leidenschaft verführen. Mit ungeahnten Folgen …

EINE BRAUT FÜR KÖNIG MATTEO von MILLIE ADAMS
Livia liebt König Matteo, seit er sie einst aus der Gosse rettete und zu seiner Assistentin machte. Trotzdem sagt sie Nein zu seinem Heiratsantrag. Sie weiß: Matteo will sie nicht aus Liebe zur Frau! Er braucht nur dringend einen Ersatz, weil seine Verlobte ihn sitzenließ, oder?


  • Erscheinungstag 09.11.2021
  • Bandnummer 509
  • ISBN / Artikelnummer 0820210509
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Sophie Pembroke, Caitlin Crews, Sharon Kendrick, Millie Adams

JULIA EXTRA BAND 509

SOPHIE PEMBROKE

Nur dieser eine Tanz mit dir?

Ein spontaner Kuss – plötzlich sieht Unternehmer Damon Hunter die schüchterne Rachel mit anderen Augen. Doch ist es eine gute Idee, sie zu verführen? Mehr als eine Affäre kann er ihr nicht bieten …

CAITLIN CREWS

Ein Blick in deine blauen Augen …

Calista weiß, dass König Orion von ihrem skrupellosen Vater gezwungen wurde, um ihre Hand anzuhalten. Aber woher kommt dann plötzlich diese unwiderstehlich sinnliche Anziehung zwischen Orion und ihr?

SHARON KENDRICK

Eingeschneit mit dem spanischen Milliardär

Milliardär Maximo Diaz hat nur einen One-Night-Stand im Sinn, als er die betörende Hollie auf der Weihnachtsfeier verführt. Umso schockierter erfährt er wenig später von den süßen Folgen …

MILLIE ADAMS

Eine Braut für König Matteo

König Matteo ist fassungslos: Wie kann seine Assistentin Livia es wagen, seinen Heiratsantrag abzulehnen und zu kündigen? Dabei wäre sie die perfekte Königin! Was kann er nur tun, um sie umzustimmen?

1. KAPITEL

Rachel Charles hielt sich den paillettenbesetzten Stoff vor den Körper und seufzte, als sie ihr Spiegelbild in der Umkleidekabine betrachtete. Falls es ihr gelang, sich trotz ihrer weiblichen Rundungen in dieses Kleid zu zwängen, würde sie darin wie eine glitzernde Discokugel aussehen. Das war nicht unbedingt der Look, den sie auf der Weihnachtsfeier des Kaufhauses Hartbury & Sons verkörpern wollte – besonders nicht als Stieftochter von Mrs. Hartbury.

Söhne gab es in dem traditionsreichen Familienunternehmen längst keine mehr, sondern nur Rachels Stiefmutter Hannah und ihre beiden Stiefschwestern Gretchen und Maisie. Und natürlich war da noch Rachels Vater, der seit seiner Heirat mit Hannah ein unverzichtbarer Teil der Familie Hartbury geworden war.

Im Gegensatz zu ihr.

Ärgerlich warf sie das Paillettenkleid auf einen Stuhl vor ihrer Kabine. Es war kurz vor Ladenschluss, daher musste sie sich keine Sorgen machen, dass noch irgendwelche Kunden kommen würden.

Was allerdings nicht hieß, dass sie keine Zuschauer hatte.

„Was hat dir an dem nicht gefallen?“, fragte Maisie, die entspannt auf der Chaiselongue neben dem bodenlangen Spiegel lag. „Ich finde, es sieht sehr festlich aus.“

Rachel hatte erst als Teenager Erfahrungen mit Geschwistern sammeln können, nachdem ihr verwitweter Vater wieder geheiratet hatte. Dass ihre jüngeren Schwestern ein gewisses Mitspracherecht verlangten, wenn es um Rachels Garderobe ging, hatte sie schnell begriffen.

Wahrscheinlich spekulierte Maisie gerade darauf, dass Rachel das Paillettenkleid kaufte, dann aber nicht den Mut haben würde, es anzuziehen. Wodurch Maisie mal wieder kostenlos in den Genuss eines neuen Kleides käme …

„Ich denke, das ist mehr dein Stil, Maisie“, erwiderte Rachel trocken und griff nach dem nächsten Kleid. „Du würdest bestimmt toll darin aussehen.“

Wie hatten ihre Schwestern sie nur dazu bringen können, sich auf diesen Shoppinghorror einzulassen? Als ihre Stiefmutter sie gefragt hatte, was sie zu der Feier anziehen würde, hatte sie ihr geantwortet, dass sie höchstwahrscheinlich dasselbe schwarze Kleid wie jedes Jahr tragen würde. Doch kaum hatte Rachel ihre heutige Schicht beendet, waren auch schon ihre Schwestern mit Massen von Kleidern aus der Damenabteilung aufgetaucht und hatten sie begeistert angestrahlt.

Sie hätte gern geglaubt, dass es eine nette schwesterliche Geste wäre. Jedenfalls hätte sie es bis zum letzten Sommer geglaubt. Aber jetzt nicht mehr.

Inzwischen wusste sie ohne jeden Zweifel, was ihre Stiefschwestern von ihr dachten – und das verdankte sie Tobias. Wenigstens etwas, wofür sie sich bei ihrem Ex bedanken konnte.

Nur noch ein paar Wochen, rief sie sich ins Gedächtnis, während sie den Vorhang der Umkleidekabine wieder zuzog. Sobald die nächsten Testergebnisse ihres Vaters vorlagen und er sich mit dem Arzt beraten hatte, konnte sie handeln. Sie war fest entschlossen, den nächsten Schritt zu tun und aus dem Haus der Familie Hartbury auszuziehen.

Nachdem sie die Uni abgeschlossen hatte, hatte es Sinn gemacht, wieder nach Hause zurückzukehren, schließlich war das Hartbury Haus ein vierstöckiges Stadthaus mitten in London. Es gab hier mehr als genug Platz für fünf Leute und war sehr viel besser als alles, was Rachel sich hätte leisten können, selbst mit einem richtigen Job.

Das war nämlich das nächste Problem gewesen: Arbeit zu finden. Mit ihrem Abschluss aus Oxford hätten ihr eigentlich etliche Türen offen stehen müssen, doch bei Bewerbungsgesprächen war Rachel eine ausgesprochene Niete. Im Gegensatz zu vielen ihrer Kommilitonen war ihr Selbstbewusstsein nicht so ausgeprägt, dass sie glaubte, alles tun zu können. In ihrem Fall war es genau umgekehrt!

Als Hannah daher vorgeschlagen hatte, dass sie im Familienbetrieb arbeiten sollte, nur für eine Weile, bis sie einen passenderen Job fand, war ihr das wie ein logischer Schritt vorgekommen. Sie hatte angefangen, im Verkauf auszuhelfen, und nach und nach Erfahrungen in sämtlichen Bereichen gesammelt. Und jetzt, sieben Jahre später, arbeitete sie immer noch bei Hartbury’s …

Doch schließlich konnte sie nur einen Schritt nach dem anderen tun, und jetzt war erst einmal wichtig, dass ihr Vater wieder völlig gesund wurde. Denn als er vor ein paar Monaten von einem Tag auf den anderen ins Krankenhaus gekommen war, hatten alle einen Riesenschreck bekommen. Und auch wenn es ihm inzwischen wieder besser ging, wusste Rachel, dass dies noch nicht der Zeitpunkt war, um auszuziehen.

Ein Schritt nach dem anderen. Jetzt musste sie erst einmal etwas zum Anziehen für die Weihnachtsfeier finden.

Das nächste Kleid war ein unförmiges Gebilde aus grünem Samt und bedeckte sie von Kopf bis Fuß. Es erschien ihr etwas besser als das Glitzerding davor ... bis Gretchen ihr eine mit Puscheln besetzte Stola reichte. „Um deine Problemzonen zu verdecken“, meinte sie.

Ich sehe aus wie ein Weihnachtsbaum, dachte Rachel unglücklich, als sie sich im Spiegel betrachtete. Aber schließlich hatte sie ihrem Vater nach dem großen Streit im Sommer versprechen müssen, Frieden mit ihren Stiefschwestern zu schließen.

Nur noch zwei Monate, dann bin ich hier weg, sagte sie sich.

„Es … es sieht sehr festlich aus“, meinte sie stockend.

Gretchen strahlte sie an. „Ja, genau. Und es ist nicht so auffällig wie das andere. Das magst du doch nicht, oder?“

Innerlich seufzte Rachel. Ihre Stiefschwestern waren beide groß und schlank, hatten endlos lange Beine und gehörten als künftige Erbinnen des Familienvermögens zur gesellschaftlichen Elite von London. Sie waren reich, schön und sich dessen sehr bewusst.

Rachel hingegen war nichts von alldem. Sie war klein, hatte ausgeprägte Kurven und ein Gesicht, welches man im besten Fall normal hübsch nennen konnte. Wenn man es unter ihren wilden braunen Locken überhaupt wahrnahm.

Während sie ein Kleid nach dem anderen anprobierte, dachte Rachel sehnsüchtig an ihr altes schwarzes Kleid.

Unter all den Kleidern, die ihre Stiefschwestern angeschleppt hatten, gab es nur eins, das ihr bisher gefallen hatte. Ein wunderschön gemustertes Wickelkleid aus weichem fließendem Stoff, das ihre Kurven sehr vorteilhaft betonte und in dem Rachel sich ausgesprochen weiblich und verführerisch gefühlt hatte. Doch bei ihren Stiefschwestern hatte es keine Gnade gefunden, und Gretchen hatte sie mehrmals darauf hingewiesen, dass sie damit viel zu sehr auffallen würde. Was natürlich nicht infrage kam.

Bedrückt betrachtete sie sich in dem grünen Kleid. Vielleicht würde es ja doch gehen, wenn …

„Also, das ist ein Look!“

Rachel zuckte zusammen. Sie kannte die warme männliche Stimme, die immer so humorvoll klang.

Sie gehörte Damon Hunter, dem jüngeren Bruder ihrer besten Freundin und dem attraktivsten Mann, den sie je getroffen hatte. Sowie dem letzten Menschen, von dem sie wollte, dass er sie erblickte, wenn sie wie ein Weihnachtsbaum aussah.

O nein!

Rachel atmete tief durch und zwang sich, seinem Blick im Spiegel zu begegnen.

„Hallo, Damon. Was machst du denn hier?“

Seit gut zehn Jahren verheimlichte sie jetzt schon, dass sie für Damon schwärmte, da würde sie sich heute auch keine Blöße geben.

„Celeste hat mich geschickt, um dich abzuholen. Aus irgendwelchen Gründen hatte sie den Verdacht, dass du versuchen würdest, den heutigen Abend zu schwänzen.“

Weil Celeste sie gut kannte. Seit sie sich als Studentinnen ein Zimmer geteilt hatten, waren sie beste Freundinnen. Beide waren eher introvertiert, und Rachel wusste, dass sie für Celeste, die sich eigentlich nur für ihr Studium interessierte, die einzige Freundin war, was ihr immer das Gefühl gab, etwas ganz Besonderes zu sein.

„Ach, du willst ausgehen?“, fragte Gretchen erstaunt, was Rachel ihr nicht einmal übel nehmen konnte, denn es passierte wirklich äußerst selten.

„Wohin denn?“, fragte Maisie interessiert und rückte ihre langen Beine in die richtige Position, damit Damon einen Blick darauf werfen konnte. „Können wir mitkommen? Es sei denn, ihr habt ein Date …“ Sie kicherte, denn diese Vorstellung erschien ihr ausgesprochen absurd. Auch das konnte Rachel ihr nicht verübeln, denn der Gedanke, dass der attraktive Damon Hunter mit einem so schüchternen und pummeligen Mauerblümchen wie ihr ausgehen würde, war einfach lächerlich.

Seufzend drehte sie sich um und zwang sich, Damons amüsiertem Blick zu begegnen. „Damon, das sind meine Stiefschwestern Gretchen und Maisie. Mädels, das hier ist Damon, Celestes Bruder.“ Als die beiden sie verständnislos anschauten, setzte sie hinzu: „Der Bruder von Celeste. Meiner besten Freundin!“

„Ach ja, natürlich!“ Gretchen klatschte in die Hände und strahlte ihn an. „Um ehrlich zu sein, haben wir geglaubt, Rachel hätte Celeste nur erfunden, denn wir haben sie immer noch nicht kennengelernt.“

„Wenn wir allerdings gewusst hätten, dass sie einen Bruder hat, der so aussieht wie Sie …“, murmelte Maise, während Gretchen ihr einen warnenden Blick zuwarf.

„Meine Schwester ist nicht besonders gesellig“, erwiderte Damon freundlich.

„Das ist ja wohl die Untertreibung des Jahres!“, murmelte Rachel. Dann drehte sie sich um, verschwand wieder in die Kabine und zog das grüne Samtkleid aus. Allerdings konnte sie nicht verhindern, mit anhören zu müssen, wie ihre Stiefschwestern mit Damon flirteten.

Kein Wunder, schließlich waren sie ja genau die Art von jungen Frauen, mit denen Celestes gut aussehender und extrem erfolgreicher Bruder sich für gewöhnlich umgab. Verdammt, warum hatte er auch ausgerechnet in dem Moment auftauchen müssen, als sie dieses schreckliche Kleid trug?

Andererseits hatte sie schon die letzten zehn Jahre mit ansehen müssen, wie er sich mit anderen Frauen traf. Und da er sich nie mit jemand wie Rachel verabreden würde, konnte ihr das eigentlich auch egal sein.

„Meine Schwester nimmt heute Abend an einer weihnachtlichen Quizshow für Intellektuelle teil“, sagte er in diesem Moment zu den beiden. „Sie hat Rachel und mich gebeten, zuzuschauen und sie anzufeuern.“

Kaum hatten Gretchen und Maisie davon gehört, schwand ihr Interesse an dem Abend. Trotzdem versuchten sie weiterhin, Damon für ihre Pläne zu gewinnen, und erzählten ihm von dem Club, der gerade aufgemacht hatte. Vielleicht würde man sich dort ja mal sehen?

Schnell trat Rachel aus der Garderobe.

„Fertig?“, fragte Damon.

Genau in diesem Moment eilte ihre Stiefmutter Hannah auf die kleine Gruppe zu und packte Rachel am Arm, ohne die anderen auch nur eines Blickes zu würdigen.

„Da bist du ja“, sagte sie erleichtert. „Stell dir vor, ein Kind ist in einem der Schaufenster herumgekrochen und hat deine halbe Deko umgeworfen. Bitte kümmere dich darum, bevor du gehst, ja?“

Rachel nickte ergeben. „Okay, kein Problem.“ Dann wandte sie sich Damon zu. „Bin in fünf Minuten wieder zurück!“

„Nimm dir ruhig Zeit“, erwiderte er lächelnd.

Rachel konnte gerade noch verhindern, dass ihr ein tiefes Seufzen entfuhr. Natürlich hatte Damon nichts dagegen, noch ein wenig mit ihren Stiefschwestern zu flirten! Welcher von beiden er wohl den Vorzug geben würde?

Damon sah Rachel nach und fragte sich im Stillen, was sie wohl dazu bewogen haben mochte, das grässliche grüne Kleid anzuprobieren. Doch dann betrachtete er ihre beiden Stiefschwestern und wusste sofort Bescheid.

„Ihr beide habt Rachel also dabei geholfen, ein neues Kleid zu finden?“, fragte er sie und deutete auf den Stuhl in der leeren Umkleidekabine.

„Ja, für die Weihnachtsfeier“, erklärte Maisie eifrig. „Mum macht jedes Jahr eine große Party und lädt dazu die ganze Belegschaft ein. Wirklich großzügig von ihr, finden Sie nicht auch?“

„Rachel wollte wie jedes Jahr ihr altes kleines Schwarzes anziehen“, setzte die andere hinzu. Das musste Gretchen sein. „Daher haben wir beschlossen, ihr zu helfen. Wie es Schwestern nun mal so tun.“

Die beiden warfen sich einen beredten Blick zu, den Damon ignorierte. Doch er merkte, dass er anfing, wütend zu werden. Denn er spürte genau, was sie im Schilde führten. Sie wollten Rachel keineswegs helfen, sondern sie demütigen.

Und er wusste nur zu gut, wie sich das anfühlte – von Leuten umgeben zu sein, die glaubten, klüger und schöner zu sein. Es war einfach nur ein Albtraum.

Er trat auf den Kleiderhaufen zu und sah ihn durch. Die meisten Exemplare würden Rachel gewiss nicht stehen, denn sie war nun mal nicht der Typ, der viel Aufsehen um sich machte. Sie war schüchtern und still, hatte aber auch viel Humor. Außerdem hatte sie Kurven, die sich wirklich sehen lassen konnten! Das hatte er bereits vor Jahren entdeckt, als Celeste und Rachel während des Studiums zusammengewohnt hatten. Bei einem seiner Besuche war Rachel nämlich nur mit einem knappen Handtuch bekleidet aus dem Bad gekommen …

Damals hatte Damon festgestellt, dass er sich der besten Freundin seiner Schwester näher fühlte als irgendeinem anderen Menschen.

Allerdings passten Nähe und Verbundenheit leider ganz und gar nicht zu Damon Hunters offenem Lebensentwurf!

Jedenfalls wusste er, dass Rachel die meisten dieser Kleider nie freiwillig anziehen würde. Ganz unten fand er jedoch ein Wickelkleid, das ihm sofort gefiel und in dem sie bestimmt toll aussehen würde. Er zog es heraus und betrachtete es eingehend. Es war ein ungewöhnliches Kleid in einem dunklen Rotton, bedruckt mit Umrissen von Waldtieren, die hinter Bäumen und Blättern hervorlugten. Das perfekte Kleid für Rachel!

Vielleicht wollte doch zumindest eine der Schwestern Rachel etwas Gutes tun?

„Wer von Ihnen hat das ausgesucht?“, fragte er die beiden.

Gretchen rollte die Augen. „Das war ein Missgeschick, ich hatte es für eine meiner Kundinnen zurückgelegt. Es ist absolut nichts für Rachel. Sie müssen wissen, ich kenne mich mit so etwas gut aus. Ich arbeite nämlich als Personal Shopper und helfe damit anderen Menschen, etwas weniger schrecklich auszusehen!“

Er nickte und fragte sich, ob sie überhaupt merkte, wie verächtlich ihre Bemerkung war.

„Ein sehr hübsches Kleid, wirklich“, erwiderte er.

„Ja, aber das wäre doch nie im Leben etwas für Rachel“, protestierte Gretchen. „Sehen Sie sich doch mal den Ausschnitt an! Es würde nur die Aufmerksamkeit auf ihre … Konfektionsgröße lenken.“

Damon wusste hingegen, dass es die Aufmerksamkeit auf ihre kurvenreiche Figur lenken würde, was seiner Meinung nach nur von Vorteil wäre.

„Geben Sie es mir, ich lege es weg“, meinte Gretchen und streckte die Hand aus. Aber er gab es nicht her, denn plötzlich hatte er eine Idee. Bestimmt hatte Celeste noch kein Weihnachtsgeschenk für ihre beste Freundin gekauft.

„Nein, ich möchte es kaufen“, erwiderte er und musste insgeheim grinsen, als er die betretenen Mienen der beiden Stiefschwestern sah. Doch sie konnten nichts dagegen ausrichten. Mit einer schicken Einkaufstüte von Hartbury & Sons in der Hand ging er schließlich los, um Rachel zu suchen.

Es dauerte eine Weile, bis er sie ganz hinten im letzten der sieben großen Schaufenster des Kaufhauses gefunden hatte, wo sie noch immer damit beschäftigt war, die Dekoration wieder in Ordnung zu bringen.

„Entschuldige, es hat doch ein bisschen länger gedauert“, sagte sie und kletterte aus der Kulisse. „Müssen wir los?“

Er nickte, nahm sie beim Ellenbogen und führte sie entschlossen auf den Ausgang zu.

Seit ihrer Zeit auf der Uni hatte sich Rachel kaum verändert. Sie wirkte noch immer ein bisschen schüchtern und tollpatschig. Sie versteckte ihre hinreißenden Kurven noch immer unter viel zu großen Strickpullovern und Strickkleidern, und sie hatte immer noch dasselbe gelockte Haar. Für ihn war Rachel immer ein Teil der Familie gewesen, eine der wenigen Konstanten in seinem unsteten Leben.

„Warum konnte das mit der Deko eigentlich nicht bis morgen warten?“, fragte er stirnrunzelnd.

„Wegen der Mäuse“, gab sie zurück. „Das war meine Idee, aber für manche Kinder ist es eben eine zu große Verlockung.“

Er blieb stehen und sah sie verständnislos an. „Wie bitte?“

„Warte, ich zeige es dir.“ Sie führte ihn aus dem Ausgang heraus zum ersten der sieben Schaufenster und zeigte darauf. „Kannst du die Maus sehen?“

Das Fenster war weihnachtlich beleuchtet, aber statt der üblichen weihnachtlich bekleideten Schaufensterpuppen und auffällig verpackten Geschenke war hier eine wundervolle kleine Stadt aus Lebkuchen aufgebaut, verziert mit weißem Zuckerguss. Es war unglaublich!

Fasziniert betrachtete Damon die zauberhafte Deko, bis ihm wieder Rachels Frage einfiel. „Also, eine Maus kann ich nicht sehen!“

Sie lächelte. „Dann habe ich ja alles richtig gemacht. Bück dich doch mal, und stell dir vor, du wärst ein Kind!“

Skeptisch erfüllte er ihr ihren Wunsch und erblickte plötzlich, halb verdeckt von einem Lebkuchenweihnachtsbaum, eine kleine Maus.

„Ah, ich sehe sie!“

Sie nickte. „In jedem Schaufenster verbirgt sich eine Maus. Wie bei einer Schatzsuche, extra für die Kinder. Und jedes Fenster repräsentiert die einzelnen Abteilungen hier im Kaufhaus. Das hier steht für die Süßwarenabteilung.“

Er sah sie staunend an. „Das war deine Idee?“

Sie nickte stolz.

„Ganz schön cool, muss ich sagen.“ Plötzlich hatte Damon einen Einfall, der nichts mit der Weihnachtsdekoration zu tun hatte, sondern mit einem Projekt, an dem er gerade arbeitete.

„Eigentlich würde ich die anderen Fenster auch gern noch sehen.“

Rachel sah ihn erstaunt an. „Haben wir denn genügend Zeit dafür? Wird Celeste nicht auf uns warten?“

Er schüttelte den Kopf und schenkte Rachel ein vertrauenserweckendes Lächeln, dem normalerweise keine Frau widerstehen konnte. „Wir haben genug Zeit. Ich würde mir wirklich gern deine Arbeit anschauen.“

Als sich ihre Wangen zart röteten, wusste Damon, dass sein Lächeln gewirkt hatte.

„Okay“, sagte Rachel. „Ich führ dich einmal rum!“

2. KAPITEL

Fünfzehn Minuten später quetschte Rachel sich endlich auf den Beifahrersitz von Damons schicken Sportwagen.

Sie war überrascht gewesen, wie angetan er von ihren Schaufensterdekorationen gewesen war. Nie im Leben hätte sie geglaubt, dass Damon, der als umtriebiger Unternehmer und Playboy bekannt war, sich dafür interessieren würde. Doch anscheinend hatte sie sich geirrt.

Es war schon lange her, dass sie hinter die perfekte Fassade des erfolgreichen Geschäftsmanns gesehen hatte, die er der Welt präsentierte. Als sie das letzte Mal einen Blick auf Damons wahres Selbst werfen konnte, waren sie beide noch Teenager gewesen!

Es war schon erstaunlich, dass eine einzige Nacht gereicht hatte, um jahrelang für Damon zu schwärmen …

„Dekorierst du die Fenster jedes Jahr neu?“, fragte Damon, während er den Wagen gekonnt in den dichten Londoner Verkehr einfädelte.

Sie nickte. „Ja, das ist irgendwie mein Ding.“ Und eine willkommene Abwechslung von der monotonen Arbeit an der Kasse oder im Lager.

Denn schließlich war es nicht unbedingt ihr Traum gewesen, bei Hartbury’s zu arbeiten, als sie noch mit Celeste in Oxford studiert hatte. Andererseits hatte sie auch keine Ahnung, wie ihre Traumkarriere aussehen könnte.

Außerdem gehörte es ja gewissermaßen zur Familientradition, sich im Betrieb zu engagieren. Selbst wenn sie sich dieser Tradition eigentlich nicht verpflichtet fühlte.

„Ich glaube, Celeste hat gesagt, du würdest Marketing machen. Freiberuflich, so wie ich.“

Sie konnte ein Lachen nicht unterdrücken, denn das konnte man beim besten Willen nicht behaupten. „Ich fürchte, sie hat ein bisschen übertrieben.“

„Aber was genau machst du dann?“

Warum interessierte er sich überhaupt dafür? Rachel zuckte die Schultern. „Ich bin eigentlich so eine Art Mädchen für alles. Manchmal arbeite ich als Verkäuferin oder an der Kasse, oder ich kümmere mich um die Bestände. Außerdem bin ich für die Kommunikation in den sozialen Medien zuständig und halte die Website auf dem neuesten Stand. Aber mit am liebsten mache ich die Schaufensterdekoration für Weihnachten.“

Eigentlich klang es gar nicht so schlecht, wenn sie die einzelnen Posten aufzeichnete. Außerdem konnte sie mit Stolz berichten, dass das Echo in den sozialen Medien nahezu explodiert war, seitdem sie Fotos von ihren Dekorationen gepostet hatte. Das hatte sie dazu bewogen, einen Blog zu starten, und auch er hatte inzwischen schon eine Menge Follower.

Nur leider änderte das nichts daran, dass sie noch immer zu Hause wohnte und unter den Gemeinheiten ihrer Stiefmutter und deren Töchter leiden musste. Im Gegensatz zu ihr hatte Celeste eine geradezu schwindelerregende Karriere im Fernsehen hingelegt. Und auch Damon war längst an ihr vorbeigezogen, auch wenn sie keine Ahnung hatte, was er genau machte.

„Er saniert Unternehmen, die es wirtschaftlich schwer haben“, hatte Celeste ihr einmal erklärt. Aber wie er das schaffte, war Rachel ein Rätsel.

„Und was gefällt dir daran so?“, hakte er nach, während sie ihrem Ziel immer näher kamen.

Rachel sah ihn misstrauisch an. Sie war es nicht gewohnt, dass jemand mehr über sie wissen wollte. Selbst ihr Vater sagte immer nur, wie sehr es ihn freute, dass sie sich so gut in den Betrieb integriert hatte. Doch noch bevor sie eine Chance hatte, ihm mehr von sich zu erzählen, war er meist schon wieder weg.

Offensichtlich ging er davon aus, dass sie gern bei Hartbury’s arbeitete und wäre über alles andere sicher sehr erstaunt gewesen.

Doch daran wollte Rachel jetzt nicht denken. Sicher, ihr Vater hatte seine Fehler, aber er war die einzige Familie, die sie noch hatte, und sie liebte ihn sehr. Schließlich war ihre Mutter gestorben, als sie erst zwölf gewesen war. Bestimmt war das auch der Grund dafür gewesen, dass er sich ziemlich übereilt in seine zweite Ehe gestürzt hatte.

Er hat es für mich getan, dachte sie. Damit ich eine Familie habe.

Deshalb hatte sie es in all den Jahren auch nicht übers Herz gebracht, ihm zu sagen, dass sie sich immer weniger als ein Teil dieser Familie fühlte. Zumal sie merkte, wie sehr er das Zusammenleben mit Hannah und ihren Töchtern genoss. Ihn auch noch zu verlieren, hätte sie nicht ertragen.

Damon sah sie immer noch fragend an, und sie erkannte, dass sie ihm noch nicht geantwortet hatte.

„Ich mag es, weil es so kreativ ist“, erwiderte sie. „Und weil ich den Kindern damit eine Freude machen kann.“

„Okay. Und ist das die Arbeit, die du am liebsten tust?“

„Nein, nicht nur, ich … also, um ehrlich zu sein, macht es mir wirklich großen Spaß, mich in den sozialen Medien zu bewegen. Das hat mich selbst überrascht, denn du weißt ja, dass ich …“ Sie zuckte die Achseln. „Nun, eigentlich ist Kommunikation ja nicht unbedingt meine Stärke.“

Plötzlich fühlte sie sich an die Nacht erinnert, als sie nicht aufgehört hatten, miteinander zu sprechen. Doch das war schon lange her, und es hatte ja leider auch zu nichts geführt.

„Was genau reizt dich daran?“ Damon bog jetzt in eine enge Straße ein, die nur schwach beleuchtet war. Wie selbstbewusst er wirkte! Genau wie früher ihre Kommilitonen, die aus privilegierten Familien stammten. Es war ein Selbstbewusstsein, mit dem man geboren sein musste und von dem sie nur träumen konnte.

Dabei waren Damons Eltern beide Wissenschaftler, sie gehörten nicht zur englischen Aristokratie. Ja, sie hatten Geld und wohnten in einem Stadthaus in London, um das sie mancher beneiden würde, aber das erklärte noch lange nicht Damons Selbstbewusstsein. Und erst recht nicht seinen unglaublichen Charme, mit dem er jeden um den Finger wickeln konnte.

„Erzähl mir mehr darüber“, forderte er sie jetzt auf, während er den Wagen zwischen zwei SUVs einparkte. „Warum findest du die sozialen Medien so interessant?“

„Äh …“ Sie suchte nach den richtigen Worten, um ihre Faszination zu erklären, als plötzlich ihr Handy klingelte.

„Das ist Celeste“, sagte sie nach einem Blick auf das Display. Dann ertönte auch schon die laute Stimme ihrer Freundin.

„Wo, zum Teufel, seid ihr? Die Aufnahmen fangen gleich an.“

„Wir sind schon da“, erwiderte Rachel hastig und stieg aus. „In zwei Minuten sind wir bei dir, versprochen.“

„Okay. Aber beeilt euch, ja?“

„Du kannst mir später mehr darüber erzählen“, sagte Damon zu Rachel und schlenderte so lässig auf den Eingang des Gebäudes zu, als hätte er keine Eile. Rachel konnte kaum den Blick von ihm abwenden, denn eins musste man ihm lassen: Er hatte sich prächtig entwickelt. Mit achtzehn war er ja schon umwerfend attraktiv gewesen, aber inzwischen war aus dem Jungen von damals definitiv ein Mann geworden. Mit seinen breiten Schultern und schmalen Hüften sah er aus wie ein Filmstar, und so bewegte er sich auch.

Doch dann zwang sie sich, in die Gegenwart zurückzukehren. Schließlich musste sie an ihre eigenen Pläne denken. Es brachte nichts, irgendwelchen Tagträumen hinterherzuhängen.

Ein Schritt nach dem anderen.

Verdammt, das hier war furchtbar.

Damon liebte seine Schwester, was aber nicht bedeutete, dass er blind für ihre Fehler war. Besonders missfiel ihm, dass sie nie zugeben konnte, wenn sie unrecht hatte.

Leider war das ja nicht sehr oft der Fall, wie er als kleiner Junge schmerzhaft hatte lernen müssen. Jetzt schien sie ein neues Opfer gefunden zu haben, und zwar niemand anderen als den Liebling der Medien, Theo Montgomery, der das Pech hatte, das Christmas Cracker Quiz zu moderieren.

„Ich sage Ihnen ja nur, dass die Informationen auf der Karte unzureichend sind“, erklärte Celeste dem Mann. „Es vermittelt den Zuschauern einen völlig falschen Eindruck von den Traditionen zu Weihnachten.“ Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wirkte ein wenig fremd auf Damon in ihrem auffälligen Weihnachtspullover, der so gar nicht zu ihr passte und ihr wahrscheinlich von der Kostümfrau aufgedrängt worden war. Normalerweise trug Celeste entweder Schwarz oder Weiß. Sie war eine Minimalistin, was auch zu ihrer etwas rigiden Attitüde passte. Das Leben war für sie entweder Schwarz oder Weiß, und mit dieser Haltung hatte sie auch ihre steile akademische Karriere vorangebracht.

Damon merkte, wie unwohl sich Rachel bei dem Streit fühlte, was er ihr nicht verübeln konnte.

Seit sie eingetroffen waren, hatte am Set schlechte Stimmung geherrscht. Celeste hatte sie stirnrunzelnd angeblickt und ungeduldig mit dem Fuß getippt.

„Warum hat das so lange gedauert?“, fragte sie verärgert und sah Rachel streng an. „Soll ich mal raten? Wahrscheinlich hat mein Bruder mit deinen Schwestern geflirtet, oder?“

Zu seiner Überraschung verteidigte sie ihn. „Keineswegs. Es war allein meine Schuld. Ich musste mich noch um die Deko in einem Schaufenster kümmern.“

Dabei erwähnte sie nicht, dass er sie gebeten hatte, sich auch die anderen anzuschauen. Wirklich nett von ihr, aber so war Rachel nun einmal.

„Sag mal, geht es hier nicht um ein harmloses kleines Quiz zur Weihnachtszeit?“, fragte sie Damon leise, während Celeste den Moderator weiterhin darüber belehrte, wie man ein bestimmtes Wort in der fünften Frage korrekt auszusprechen hatte.

Er nickte düster. „Ja, das hat sie Mum und Dad am Sonntag auch gesagt. Was aber nicht bedeutet, dass sie ihre Teilnahme hier billigen.“ Seinen Eltern gefiel es nicht, wenn Celeste im Fernsehen oder im Radio auftrat, nicht einmal, wenn es sich dabei um reine Wissenschaftssendungen handelte. Ihrer Meinung nach war solch eine Tätigkeit nicht akademisch genug.

Weshalb sie natürlich auch Damons Arbeit missbilligten. Wenn seine Schwester nicht so besserwisserisch gewesen wäre, hätten sich Damon und Celeste eigentlich schon längst gegen ihre intoleranten Eltern verbünden können.

„Warum macht sie so einen Aufstand?“, hakte Rachel nach. Noch immer war ihr sichtlich unwohl zumute angesichts der angespannten Situation, und plötzlich empfand er wieder Mitleid mit Rachel. Wie sollte es ihr nur gelingen, sich zu Hause gegen ihre dominanten Schwestern durchzusetzen, wenn sie so konfliktscheu war?

Inzwischen hatte Theo sich von Celeste abgewandt und machte einen kleinen Scherz, um die anderen Kandidaten zum Lachen zu bringen. Celeste bedachte ihn daraufhin mit einem verächtlichen Blick und ließ keinen Zweifel daran, dass sie ihn für einen Idioten hielt.

Es überraschte Damon nicht, dass die beiden sich vom ersten Moment an in die Wolle gekriegt hatten. Denn schließlich kannte niemand seine große Schwester so gut wie er. Und Celeste war nun einmal davon überzeugt, immer allen beweisen zu müssen, dass sie recht hatte. Und dass sie allen anderen an Wissen weit überlegen war.

Was jetzt auch der arme Moderator zu spüren bekam.

Manchmal dachte er, dass nur ihre Freundschaft mit Rachel sie davor bewahrte, immer mehr wie ihre Eltern zu werden …

Als der Regisseur dann fünfzehn Minuten später eine Pause ankündigte, atmete das ganze Studio auf.

Damons Blick fiel auf eine junge Frau mit einem Clipboard, die einige Leute aus dem Quizpublikum ansprach, woraufhin diese aufstanden und das Studio verließen. Sofort hob sich seine Stimmung. Wenn es auch nur die geringste Chance gab, dieser Quizshow zu entwischen, in der seine Schwester sich aufführte wie bei einem ihrer grässlichen Familientreffen, dann würde er sie nutzen!

„Warte hier kurz auf mich“, sagte er zu Rachel und setzte sich in Bewegung.

Wenig später kehrte Damon zurück. Rachel hatte das Gespräch zwischen ihm und der Fernsehmitarbeiterin aus der Ferne beobachtet und erneut festgestellt, dass offensichtlich kein weibliches Wesen seinem Charme widerstehen konnte.

Doch jetzt sah sie ihn verwirrt an.

„Sie will, dass wir … was tun?“

„Das neue Jahr begrüßen“, erwiderte Damon und strahlte sie an.

„Jetzt?“

„Ja, genau.“

„Am …“ Sie sah auf ihre Uhr. „… ersten Dezember?“

„Sieht ganz so aus“, erwiderte er grinsend. In diesem Moment trat die junge Frau mit dem Clipboard auf sie zu, und Rachel blickte sie fragend an.

„Wir wollen den Countdown zum Neuen Jahr drehen“, erklärte die Assistentin und setzte hinzu: „Leider haben wir dafür nicht genügend Partygäste, weil die meisten Statisten, die wir gebucht haben, wegen irgendeines technischen Problems in der U-Bahn festsitzen. Deshalb suchen wir noch ein paar Freiwillige.“

Rachel dachte einen Moment darüber nach und nickte dann.

„Okay, aber was sollen wir tun?“

Die Produktionsassistentin, deren Name Amy war, wie das Schild an ihrer Brust verriet, zuckte die Schultern. „Einfach nur das, was Sie sonst Silvester auch machen. Also feiern, Party machen, Spaß haben.“ Sie blickte Rachel prüfend an, betrachtete ihr ungeschminktes Gesicht und ihr unförmiges Strickkleid und fragte skeptisch: „Glauben Sie, das kriegen Sie hin?“

Nein.

Sie war nun einmal kein Partygirl und war es auch nie gewesen, selbst auf der Uni nicht. Schon damals hatten sie und Celeste es sich lieber in ihrem Zimmer mit einem Video gemütlich gemacht, als auszugehen. Im Gegensatz zu Damon, der keine Feier ausgelassen hatte.

Dabei hatte sie durchaus den Wunsch verspürt, neue Leute kennenzulernen. Doch sie hatte einfach nicht den Mut dazu gehabt.

Allerdings ging es jetzt ja auch nicht um sie, sondern um ihre Freundin, die sie unterstützen musste.

Damon schien dasselbe zu denken.

„Natürlich kriegt sie das hin“, sagte er unbekümmert. „Sie hätten sie damals auf der Uni sehen sollen. Glauben Sie mir, Rachel ist eine richtige Partymaus!“

Die Skepsis im Blick der jungen Frau verstärkte sich. Damon gab Rachel einen kleinen Schubs, und sie zwang sich zu einem Lächeln.

„Wenn ich Ihnen bei dem Silvestercountdown helfen kann, tue ich das natürlich gern“, erklärte sie und kam sich dabei ziemlich komisch vor.

Sie fühlte sich wie eine willenlose Marionette in Damons Händen. Denn bei klarem Verstand hätte sie so etwas nie gesagt.

Bestimmt hatte es damit zu tun, dass er so nah neben ihr stand. Der Duft seines Rasierwassers stieg ihr in die Nase und benebelte ihre Sinne, sodass sie keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte.

„Super“, sagte Amy und fügte nach einem Blick auf Rachel hinzu: „Ich würde gleich mal bei der Maske nachfragen, ob sie Sie vielleicht ein bisschen stylen können. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob unsere Kostümbildnerin etwas, äh, etwas Passendes für Sie dahat.“

Sie meint, in meiner Größe, dachte Rachel bedrückt. Im Fernsehen waren ja vor allem schlanke Menschen zu sehen, und Rachel trug Größe L.

Oder auch mal eine M, aber es ließ sich nun einmal nicht leugnen, dass sie klein und kurvig war. Verlegen betrachtete sie die anderen Quizgäste, die als Partypublikum für die Silvestershow gecastet worden waren. Die meisten sahen jetzt schon ziemlich festlich aus!

Fieberhaft überlegte sie, wie sie sich aus der Affäre ziehen könnte, als Damon überraschend sagte: „Ich glaube, ich habe genau das Richtige. Ich muss es nur schnell aus dem Auto holen. Wartet bitte hier auf mich!“

Damit eilte er hinaus, und Rachel sah ihm hilfesuchend nach. Was konnte er wohl im Schilde führen?

„Na gut, dann können wir ja inzwischen in die Maske gehen“, sagte Amy. „Bitte folgen Sie mir!“

3. KAPITEL

Als Damon ins Studio zurückkehrte, fand er nur noch Amy vor. Von Rachel war nichts zu sehen.

„Ist das ihr Outfit?“, fragte die Assistentin und schnappte sich die Tüte, ohne seine Antwort abzuwarten. „Super, dann bringe ich es Ihrer Freundin. Wenn Sie mögen, können Sie sich in der Zwischenzeit einen Drink holen. Bestimmt wird es gleich losgehen!“

Damon nickte und mischte sich unter die Komparsen. Es war leicht zu erkennen, wer sich auf diesen Auftritt vorbereitet hatte und wer in letzter Minute rekrutiert worden war. Einige Frauen trugen paillettenbesetzte Kleider und die meisten Männer Anzüge, andere waren weniger festlich gekleidet. Glücklicherweise trug auch er heute wie üblich einen Anzug, daher würde er hier gar nicht auffallen. Jetzt konnte er nur hoffen, dass Rachel ihr Kleid gefallen würde.

Inzwischen war auch das Studio zu einer festlichen Location umgewandelt worden. Über der Bühne hing eine große digitale Uhr, die in diesem Moment halb elf anzeigte. In der Ecke stand ein großer Weihnachtsbaum, der allerdings im Vergleich zu Rachels genialer Schaufensterdekoration ziemlich mickrig aussah. Rechts und links waren Bars mit Hockern aufgestellt, an denen einige Komparsen bereits mit Drinks in der Hand saßen. Dazwischen wuselten mehrere junge Leute mit Clipboards und Kopfhörern herum, eindeutig Kollegen von Amy. Insgesamt war der Eindruck recht überzeugend. Es wirkte wie eine richtige Silvesterparty, sogar eine Tanzfläche war vorhanden.

Eine Band betrat die Bühne und begann zu spielen. Eine Mischung aus Klassik und Swing erfüllte den Raum mit Leben.

Dann klatschte einer der Assistenten in die Hände, offensichtlich um die Aufmerksamkeit aller für die bevorstehende Aufnahme zu erlangen. Aber Damon schenkte ihm keine Beachtung, denn in diesem Augenblick betrat Rachel das Studio.

Ich hatte recht mit dem Kleid, war sein erster Gedanke. Es umschmeichelte ihre Kurven und wirkte sehr elegant. Der Rock umspielte ihre Knie, und die Waldtiere auf dem Stoff schienen im Scheinwerferlicht des Studios wie lebendig gewordene Wesen um Rachel zu tanzen. Irgendwie erinnerte ihn das Ganze an den magischen Effekt ihrer Schaufensterdekorationen.

Vielleicht war das ja der Grund, warum er nicht aufhören konnte, sie anzustarren. Natürlich hatten auch der Friseur und die Maskenbildnerin ihren Teil zu Rachels Gesamterscheinung beigetragen. Aber Damon fand, dass Rachel so etwas gar nicht brauchte, um hübsch zu sein!

Hübsch? Sie war einfach zauberhaft! Jedenfalls konnte er den Blick nicht von ihr abwenden, als Rachel nun direkt auf ihn zukam.

„Du siehst fantastisch aus“, sagte er mit rauer Stimme und räusperte sich verlegen.

„Ich kann es immer noch nicht fassen, dass du dieses Kleid gekauft hast“, sagte sie und sah an sich herunter, um das Muster zu betrachten. „Es ist wunderschön.“

„Ich habe es für dich gekauft“, erwiderte er aufrichtig. „Es lag ganz unten in dem Stapel von Kleidern, die du anprobiert hast. Das einzige Kleid, was zu dir passte. Deshalb habe ich es gekauft. Ich hatte gedacht, dass Celeste es dir vielleicht zu Weihnachten schenken könnte.“

Eigentlich klang das ganz plausibel, und doch zeigte ihr Blick eine gewisse Skepsis.

„Das war … wirklich nett von dir“, meinte sie zögernd.

„Es erinnert mich an deine Schaufensterdekorationen.“

Sie nickte. „Ja, genau das dachte ich auch, als ich es zum ersten Mal sah. Aber Gretchen meinte, es würde zu viel Aufmerksamkeit auf meine … Konfektionsgröße lenken.“

Damon schmunzelte. „Bitte glaube mir, es lenkt genau die richtige Aufmerksamkeit auf deine Figur. Du siehst einfach umwerfend aus.“

Plötzlich musste er wieder an jene Nacht denken, in der er Rachel hätte küssen können, wenn er es gewollt hätte. Aber das hatte er nicht. Weil sie die beste Freundin seiner Schwester war. Und weil sie nicht zu der Sorte von Mädchen gehörte, mit der man herumspielen konnte.

Rachel lächelte ihn schüchtern an. „Danke, Damon. Das war echt nett von dir.“

„Komm, es geht gleich los“, sagte er und führte sie zur Bar. „Lass uns ein Glas Sekt holen, und dann können wir noch ein bisschen reden, bis es Zeit für den Silvestercountdown ist, okay?“

„Willst du wirklich mehr über meine Arbeit erfahren?“, fragte sie ihn auf dem Weg dorthin.

„Allerdings!“, versicherte Damon. Nur zu gern wollte er Rachels warmer Stimme lauschen und ihr wunderschönes Gesicht betrachten, während sie von etwas erzählte, das sie begeisterte.

Er musste nur aufpassen, dass ihm Rachels Zauber nicht die Sinne verwirrte. Denn der Plan, der in seinem Kopf langsam Gestalt annahm, war rein geschäftlich und hatte absolut nichts mit Gefühlen zu tun …

„Noch zehn Minuten bis Mitternacht“, rief der Moderator, nachdem die Band ihren letzten Song beendet hatte. Die Gäste jubelten laut auf. Alle hatten inzwischen ziemlich viel getrunken, und die Stimmung war ausgelassen.

„Komisch“, murmelte Damon ironisch. „Für mich fühlt es sich wie Viertel nach neun an.“

Fast hätte Rachel laut losgeprustet, aber dann dachte sie an die Kameras und hielt sich gerade noch zurück. „Ja, für mich auch. Was für ein Zufall!“

Sie genoss die Situation, die sich so ganz anders entwickelt hatte als gedacht. Celestes Quizshow war so schrecklich gewesen, dass Rachel schon an einem Fluchtplan gearbeitet hatte, um nicht weiter dabei sein zu müssen.

Wie gut, dass Damon sie hierhergelotst hatte! Es machte richtig Spaß, mit ihm auf dieser inszenierten Silvesterparty herumzuhängen!

Was sie jedoch am meisten überraschte, war sein offensichtliches Interesse an ihrer Arbeit und an ihrem Leben. Er hatte sich nach ihren Zielen erkundigt, nach ihren Hoffnungen und Träumen. Dabei sprach sie normalerweise mit niemandem darüber, nicht einmal mit ihrer besten Freundin. Was natürlich damit zusammenhing, dass Celeste inzwischen eine steile akademische Karriere hingelegt hatte, während sie …

Aber mit Damon zu reden war ganz anders. Rachel fühlte sich von seinem Erfolg und seinem Reichtum nicht eingeschüchtert, wahrscheinlich weil auch er ganz locker damit umging. So, als würde er nur das tun, was ihm Spaß machte, und als wäre er selbst überrascht davon, wie gut es funktionierte. Dabei hatte sie keinen Zweifel, dass er wahrscheinlich sehr hart arbeitete.

Es war total spannend gewesen, den Abend mit ihm zu verbringen und herauszufinden, zu was für einer Art Mann sich der Junge von damals entwickelt hatte.

Ob er sich wohl auch an die Nacht erinnerte, als sie so lange miteinander gesprochen hatten? Spontan beschloss sie, ihn danach zu fragen.

„Sag mal, weißt du noch, wie wir damals auf der Uni auf diese Party gegangen sind und Celeste dann verloren haben?“

Damon erstarrte, und Rachel fragte sich einen Moment lang, ob das ein Fehler gewesen war. Aber vielleicht hatte sie sich seine Reaktion ja auch nur eingebildet, denn im nächsten Moment nickte er lächelnd.

„Ja, wir haben sie dann in der Bibliothek gefunden, richtig?“

„Wo sie sich eingeschlossen hatte, ohne es zu merken.“

Ihre Blicke trafen sich, und sie hatte das Gefühl, als würde er sich an die Nacht, die sie nie vergessen hatte, genauso erinnern wie sie. Es war für sie ein unvergessliches Erlebnis in ihrem sonst so eintönigen Leben gewesen.

Was man von seinem Leben natürlich nicht behaupten konnte. Es hätte Rachel nicht gewundert, wenn er jede Nacht damit verbracht hätte, über seine Träume und Hoffnungen zu sprechen und anderen sein Innerstes zu offenbaren. Aber damals hatte sie natürlich gehofft, dass seine Öffnung ihr gegenüber etwas ganz Besonderes war.

Im Nachhinein musste sie zugeben, sich wahrscheinlich geirrt zu haben. Damon war einfach ein sehr umgänglicher Mensch. Und was Frauen anging … Nun, mit anderen Frauen machte Damon wahrscheinlich sehr viel mehr, als nur zu reden.

Während Rachel nichts und niemand hatte, abgesehen von Celeste und ihrer deprimierenden Patchworkfamilie.

Aber immerhin hatte sie diesen Abend.

Was schließlich auch etwas war.

„Sollten wir nicht auf die Tanzfläche gehen?“, fragte sie plötzlich, als sie merkte, dass die anderen Partygäste sich vor der Bühne versammelten.

„Ja, gut möglich.“ Er griff nach ihrer Hand und zog sie aufs Parkett, während die Band ein schnelleres Stück begann. Rachel biss sich auf die Lippen, denn genau das hatte sie befürchtet.

Sie tanzte nie. Sie konnte gar nicht tanzen. Schon als kleines Mädchen war sie deswegen aus dem Ballett geflogen, und seitdem hatte sie es immer vermieden zu tanzen. Weder auf einer Party noch in einem Club oder auf einer Hochzeit. Tanzen war einfach nicht ihr Ding.

Doch jetzt erwartete man von ihr, genau das zu tun. Und ausgerechnet noch mit Damon Hunter.

Was jedoch das Komischste daran war, war, dass sie große Lust darauf hatte. Weil es um Damon ging. Freiwillig hätte sie sich nie darauf eingelassen, aber jetzt hatte sie keine andere Wahl. Auch wenn alles in ihr sich danach sehnte, wieder ungesehen in den Hintergrund zu verschwinden … diesmal würde sie nicht kneifen können.

Ihr Magen zog sich vor lauter Nervosität zusammen, doch sie folgte ihm aufs Parkett und versuchte dabei, die warnenden Stimmen in ihrem Kopf zu ignorieren.

„Es ist echt schon lange her, dass ich so was gemacht habe“, sagte er zu ihr und zog sie in seine Arme. Verzweifelt versuchte sie sich daran zu erinnern, wohin ihre Hände gehörten. Deshalb war sie auch sehr erleichtert, als er ihre Hand ergriff, sie mit seiner verschränkte und ihr die andere um die Hüften legte.

Inzwischen hatte sich die Musik verändert, ohne dass sie es mitbekommen hatte. Kein Wunder, denn sie spürte nur, dass sie in seinen Armen lag. Erst jetzt spürte sie, wie sinnlich das Stück war, das gerade ertönte.

Damon zog Rachel noch ein bisschen fester an sich heran und legte ihr seine Hand auf den Rücken, um sie besser über das Parkett führen zu können. Erneut fiel ihr auf, wie klein sie war, trotz ihrer Stiefeletten mit dem Absatz. Sie starrte auf seine breite Brust in dem weißen Hemd und versuchte, den Gedanken zu verdrängen, wie es sich anfühlen mochte, es aufzuknöpfen.

„Bist du okay?“, fragte er sie in diesem Moment und neigte den Kopf zu ihr herunter.

Rachel nickte stumm, denn sie traute sich nicht zu sprechen. Wann würde dieses verdammte Lied endlich zu Ende sein? Sie wusste überhaupt nicht, was sie hier tat, doch ihre Füße bewegten sich wie von selbst.

Noch nie zuvor war sie ihm so nahe gewesen. Und die ganze Zeit konnte sie nur daran denken, dass es wahrscheinlich auch nie wieder passieren würde.

Oder? Ach, warum hatte sie nie gelernt, sich durchzusetzen? Warum konnte sie sich nicht endlich für das einsetzen, was sie sich wünschte?

Hier war ihre Chance, und sie sollte sie unbedingt nutzen. Andererseits … was sollte sie tun, falls Damon sich wirklich für sie interessieren würde? Diese Möglichkeit war ebenso verlockend wie erschreckend.

Glücklicherweise war der Song in diesem Moment zu Ende, und der Moderator schnappte sich das Mikrofon und fing mit dem Countdown an, in den alle einstimmten.

Noch immer waren Damon und sie sich sehr nahe. Rachel neigte den Kopf und sah in seine unglaublich blauen Augen.

„Vier“, rief sie laut im Chor mit den anderen, und ihr Herz fing plötzlich wie wild zu klopfen an. Um sie herum taten die Leute so, als wäre das Ende des Jahres gekommen. Doch sie konnte an nichts anderes denken als an Damon.

„Drei. Zwei. Eins! Frohes neues Jahr!“ Plötzlich regnete es Konfetti, die Leute klatschten, und ein digitaler Big Ben schlug Mitternacht. Auch wenn es nur inszeniert war, ging es hier um ein neues Jahr, um einen Neuanfang, um die Chance, etwas zu verändern.

Dann spielte die Band das traditionelle „Auld Lang Syne“, und Damon zog sie erneut an sich.

„Happy New Year“, flüsterte Rachel und hielt den Atem an. Denn sie wusste, was jetzt kommen würde. Es ging gar nicht anders, es war einfach Schicksal.

Ein Schicksal, in das sie sich ergeben wollte.

„Happy New Year, Rachel“, flüsterte Damon, und sein Mund kam ihrem immer näher, bis …

Seine Lippen schmeckten nach Hitze und nach Sex, und hinter ihren Lidern explodierte ein Feuerwerk, das ihr den Atem nahm.

Sie hätte ihn ewig küssen können!

Viel zu früh löste Damon sich von ihr und flüsterte ihr zu: „Ich fürchte, wir müssen alle mitsingen.“

Erschrocken riss Rachel die Augen auf und sah, dass die anderen Gäste sich längst untergehakt hatten und das Lied mitsangen, die meisten davon eher laut als gut.

Zögernd stimmte sie leise mit ein und wurde im nächsten Moment von einem Fremden untergehakt, während Damon von ihr weggezogen wurde. Rachel sang ein paar Minuten lang mit, doch bei der erstbesten Gelegenheit machte sie sich unter einem Vorwand los und eilte aus dem Studio.

Denn in Wirklichkeit war nicht Silvester, und sie war immer noch dieselbe alte Rachel Charles. Auch wenn sie für einen Moment das Gefühl gehabt hatte, dass dem nicht so wäre.

4. KAPITEL

Wo war sie hingegangen? Verblüfft sah Damon sich in der Menge um, wo alle sich umarmten und viele Paare wieder zu tanzen begonnen hatten.

Wo war Rachel nur?

Er konnte sich noch vage an das Programm erinnern, das der Moderator verkündet hatte, bevor sie zu drehen angefangen hatten. Die Band würde ein paar Lieder spielen, dann begann der Countdown zum Neuen Jahr. Ob Rachel noch einmal wiederkommen würde, um an der letzten Szene teilzunehmen, wo alle klatschten? Höchstwahrscheinlich nicht.

Und er hatte sie geküsst. Nachdem er sich den ganzen Abend lang immer wieder ins Gedächtnis gerufen hatte, dass die beste Freundin seiner Schwester wahrscheinlich eine der wenigen Frauen war, die sich überhaupt nicht für ihn interessierten, hatte er sie trotzdem geküsst. Was ihn offiziell zu einem Mistkerl machte.

Allerdings … Die Art, wie sie ihn angeschaut hatte … Wie sie getanzt hatten, wie er sie in seinen Armen gehalten hatte … War er wirklich der Einzige gewesen, dessen Herz doppelt so schnell wie sonst geschlagen hatte?

Er stieß einen tiefen Seufzer aus. Wahrscheinlich ja.

Aber er wusste auch, was ihn zu diesem Kuss bewogen hatte. Denn Rachel hatte jene Nacht angesprochen. Die einzige Nacht in seinem Leben, in der er das Gefühl gehabt hatte, dass jemand ihn voll und ganz verstand. Die Nacht, in der er sich einem anderen Menschen nahe genug gefühlt hatte, um ihm zu verraten, was in ihm vorging. Für sie war es höchstwahrscheinlich nur eine Anekdote. Sie hatte ja selbst gesagt, dass es damals vor allem um Celeste gegangen war, die sie schließlich in der Bibliothek gefunden hatten, wo sie sich aus Versehen eingeschlossen hatte.

Aber für Damon war es ein entscheidender Wendepunkt in seinem Leben gewesen. Natürlich war ihm das damals nicht klar gewesen, denn er war erst achtzehn gewesen, ziemlich betrunken und hatte Angst um seine verschwundene Schwester gehabt. Aber später, sehr viel später und immer, wenn er Rachel begegnete, fiel ihm alles wieder ein.

Er hatte sich damals nur von ihr getrennt, weil ihm ihre unerwartete Nähe Angst gemacht hatte. Und er kannte sich gut genug, um zu wissen, dass er die Erwartungen, die andere Menschen an solch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit knüpften, nie erfüllen konnte. Außerdem war Rachel anders als die Mädchen, mit denen er sonst zusammen war. Mit ihr konnte er nicht einfach schlafen und sie dann zurücklassen, als wäre nichts geschehen.

Deshalb hatte er sie immer unter der Überschrift „Celestes beste Freundin“ abgehakt und es dabei belassen. Doch jetzt hatte sie selbst diese Nacht erwähnt, und er hatte sie geküsst. Er hatte sie geküsst, und sie war verschwunden. Das sprach doch Bände.

Ach, warum konnte er es nur nicht lassen? Wie oft hatte seine Schwester ihm vorgeworfen, dass er seinen Charme dazu missbrauchte, Frauen zu verführen?

Er ging auf die Bar zu und ließ sich langsam auf einem freien Hocker nieder. Dann betrachtete er das laute Treiben um sich herum. Alle schienen sich köstlich zu amüsieren. Alle außer ihm. Und Rachel natürlich, die sich aus dem Staub gemacht hatte, ohne sich von ihm zu verabschieden.

Vielleicht sollte er ja mit seiner Schwester darüber sprechen. Der Dreh war schließlich zu Ende, es war bereits halb zehn, wie ihm ein Blick auf seine Uhr zeigte. Er machte sich auf den Weg zur Garderobe und fand dort auch wirklich Celeste vor, die wieder ihr übliches Schwarz und Weiß trug. Ihr Haar und ihr Make-up waren noch immer perfekt, das Stirnrunzeln, mit dem sie ihn betrachtete, war es allerdings nicht.

„Wo, zum Teufel, ist Rachel?“, wollte sie wissen.

Er zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Wir waren beide Komparsen für die Silvesterszene, weil sie nicht genug Leute hatten. Und danach ist sie verschwunden.“

Celeste schüttelte den Kopf. „Kein Wunder, wahrscheinlich hatte sie die Nase voll von dem ganzen Schwachsinn. Das kann ich ihr nicht mal verübeln bei all den idiotischen Fragen, die mir dieser inkompetente Moderator gestellt hat.“

„Aber er hat sie doch nur abgelesen!“, verteidigte Damon den armen Theo Montgomery.

„Weil er zu blöd ist, sie sich selbst auszudenken“, erwiderte sie.

Wie aufs Stichwort erschien in diesem Moment der Mann, über den sie gerade gesprochen hatten. Bestimmt hatte er den letzten Satz noch gehört.

Damon ging auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. „Guten Abend, Mr. Montgomery. Ich bin Damon Hunter, Celestes Bruder, und ich möchte mich für das unmögliche Verhalten meiner Schwester aufrichtig entschuldigen.“

Der Moderator schüttelte lächelnd den Kopf. „Danke, aber das ist nicht nötig. Glauben Sie mir, ich habe schon Schlimmeres erlebt.“

„Sag mal, wo ist Rachel?“, hakte Celeste nach, ohne Montgomery eines Blickes zu würdigen.

„Keine Ahnung. Sie hat sich einfach aus dem Staub gemacht. Ich weiß auch nicht, warum.“

„Was hast du getan?“

„Wieso glaubst du, ich hätte irgendetwas getan?“, gab er zurück.

Celeste lachte höhnisch. „Weil du das immer tust. Hast du vielleicht mit einer anderen Frau geflirtet?“

„Nein, natürlich nicht“, gab er verletzt zurück. „Wir haben miteinander getanzt, und ich kann dir versichern, ich habe mich ihr gegenüber wie ein Gentleman verhalten.“

Seine Schwester sah ihn erstaunt an. „Rachel hat getanzt? Das kann ich mir nicht vorstellen. Komm, lass uns fahren, dann kannst du mir ein bisschen mehr darüber erzählen.“ Zu Theo gewandt, setzte sie noch hinzu: „Vielen Dank, dass Sie mich eingeladen haben, Mr. Montgomery. Ich hoffe, beim nächsten Mal sind Ihre Fragen ein bisschen intelligenter.“

Damit rauschte sie aus der Garderobe, und Damon konnte gar nicht anders, als ihr zu folgen.

„Tut mir echt leid“, sagte er beim Hinausgehen noch zu dem Moderator.

Doch dieser lachte nur. „Kein Problem. Guten Abend!“

Auf dem Weg nach draußen überlegte Damon fieberhaft, wie er einem Verhör von Celeste entgehen könnte. Schließlich konnte er ihr ja nicht erzählen, was passiert war.

Ich habe deine beste Freundin geküsst.

Bestimmt würde Celeste ihm gehörig den Kopf waschen, und darauf hatte er nun gar keine Lust.

Er seufzte tief. Der ganze Abend war völlig anders verlaufen, als er gedacht hatte. Und trotzdem … Als er sich daran erinnerte, wie es sich angefühlt hatte, Rachel in seinen Armen zu halten, hätte er an diesem Abend nichts ändern wollen.

Rachel hörte die Weihnachtslieder, die im Kaufhaus ertönten, während die Kunden nach passenden Geschenken für ihre Lieben suchten. Sie saß in ihrem winzigen Büro und war froh, abseits des Trubels zu sein. Erst morgen würde ihre nächste Schicht beginnen. Die Schaufenster waren längst alle fertig dekoriert, und das bedeutete, sie konnte sich um die Weihnachtskarten kümmern, die Hartbury & Sons traditionell an ihre Stammkunden verschickten.

Als sie im August darüber nachgedacht hatte, wie sie ihre Kampagnen zu Weihnachten gestalten sollte, war sie von der Aussicht noch ziemlich begeistert gewesen. Aber wie so oft hatten die Anforderungen ihres Jobs und ihre Verpflichtung gegenüber der Familie die Oberhand gewonnen, und jetzt hatte sie Anfang Dezember noch fast die ganze Weihnachtspost zu erledigen.

Hannah und der Vorstand waren ziemlich altmodisch, was das Marketing betraf. Sie dachten, dass eine halbseitige Anzeige in einer Zeitung genügen würde, um Aufmerksamkeit zu erregen. Ihre Stiefmutter betonte immer wieder, dass Hartbury’s eine Institution war. Was offenbar bedeutete, dass sie gar keine Werbung machen mussten.

Wobei Hannah natürlich völlig außer Acht ließ, dass die Welt sich geändert hatte, wie Rachel ihr und dem Vorstand immer wieder zu erklären versuchte. Ja, selbstverständlich hatten die Leute von ihnen gehört. Aber wenn sie ihnen keinen Grund gaben, ihr Geld ausgerechnet bei ihnen auszugeben, würden sie auch nicht kommen. Heutzutage wurde es immer schwieriger, Kunden zu gewinnen. Es hatte Monate gedauert, bis Rachel den Vorstand davon hatte überzeugen können, eine Agentur zu engagieren, die sich um das Onlinegeschäft kümmerte. Und das hatte ihnen auch nur deshalb eingeleuchtet, weil sie erkannt hatten, dass viele ihrer Kunden inzwischen am anderen Ende der Welt wohnten und keine andere Möglichkeit hatten, bei ihnen einzukaufen.

Dafür aber gleich ein ganzes Online-Marketing-Team anzustellen, ging ihnen doch zu weit. Was bedeutete, dass es Rachels Aufgabe war, das traditionsreiche Kaufhaus ins 21. Jahrhundert zu bringen, ob ihr das nun gefiel oder nicht.

Nachdenklich betrachtete sie die Fotos, die sie für die Kampagne ausgesucht hatte, und fragte sich, ob sie nicht ein wenig altbacken waren. Sie hatte sich an die bewährten weihnachtlichen Bilder gehalten, doch jetzt überlegte sie, ob sie das Ganze nicht vielleicht ein bisschen persönlicher gestalten sollte. So könnte sie zum Beispiel Fotos von ihren Schaufenstern machen und diese als Teil der Kampagne benutzen. Schließlich war sie stolz auf ihre Arbeit und wusste, dass sie vielen Kindern und Eltern eine Freude damit machte.

Ja, ihre Dekorationen konnten sich sehen lassen. Das hatte selbst Damon gesagt, und er …

„Verdammt!“ Rachel runzelte die Stirn und sah auf ihre Uhr. Fünf Minuten. Es hatte ganze fünf Minuten gedauert, bis sie wieder an ihn gedacht hatte. An ihn und den Kuss. Das war wahrscheinlich ein neuer Rekord.

Heute war Dienstag, und noch immer beschäftigte sie der Abend, den sie miteinander verbracht hatten. Wahrlich kein gutes Zeichen!

Am nächsten Tag hatte Celeste sie angerufen und sich für alles, was ihr Bruder ihr angetan haben könnte, entschuldigt. Rachel hatte es weggewischt und behauptet, alles wäre in Ordnung und sie hätte einfach nur Kopfschmerzen gehabt.

Natürlich hatte sie sofort gemerkt, dass ihre Freundin ihr nicht glaubte. Aber es war auch klar, dass Damon ihr nichts erzählt hatte, was Rachel ein wenig erleichterte.

Schon zweimal hatte sie sich in den falschen Mann verguckt. Einmal, als sie noch in der Highschool war, und das zweite Mal letzten Sommer in Toronto mit Tobias, wofür es wirklich keine Entschuldigung gab.

Dieses Mal wusste sie es endlich besser. Denn schließlich war Damon schon seit zehn Jahren eine Konstante in ihrem Leben und hatte nie eine Andeutung gemacht, dass sie für ihn mehr war als die beste Freundin seiner Schwester. Nun, zumindest konnte sich Rachel darauf verlassen, dass Damon niemals mit ihr flirten würde, nur um danach zu behaupten, es sei alles nur ein Spaß gewesen. Nein, Damon war ein völlig anderer Mensch als Tobias!

Bestimmt war das mit dem Kuss auf der Fernsehparty nur ein Versehen gewesen. Ein Ausrutscher, den er längst vergessen hatte.

Rachel stieß einen tiefen Seufzer aus und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Bis jemand an die Tür klopfte.

„Rach?“ Ihr Vater steckte den Kopf durch die Tür. Sie sah auf und blickte ihn an. Wie mochte es ihm wohl gehen? Schlugen die Medikamente an? Aber eigentlich sah er so aus wie immer. „Kann ich reinkommen?“

„Natürlich. Wenn du es schaffst.“ Ihr Büro war winzig, es gab kaum genug Platz für ihren Schreibtisch, den Stuhl und das Regal.

Das schien ihr Vater auch zu denken, denn er blieb im Türrahmen stehen. Hinter ihm erhaschte sie einen Blick auf das volle Kaufhaus mit all der Kundschaft.

„Braucht man mich im Verkauf?“, fragte sie besorgt.

Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich … nun ja, deine Stiefmutter hat sich Sorgen um dich gemacht, deshalb bin ich hier. Sie meinte, du hättest vielleicht nichts Passendes zum Anziehen für unsere Weihnachtsfeier.“

Rachel schüttelte den Kopf. Sie wollte schon protestieren, bekam aber nicht die Gelegenheit dazu.

„Deshalb haben wir dir das hier gekauft!“ Er griff in die Tüte, die er in der Hand hielt, und zog ein zeltförmiges Etwas mit einem Schottenmuster daraus hervor. Eine richtige Scheußlichkeit. Erwartungsvoll sah er sie an und wartete auf ihren Kommentar.

Rachel wusste auch nicht, wie ihr Vater und ihre Stiefmutter es anstellten. Aber tatsächlich schafften sie es immer wieder, Kleider für sie zu finden, die sie geradezu unterirdisch fand. Dieses hier würde sie vom Kopf bis zu den Waden bedecken, und das karierte Muster sprang ihr geradezu schmerzhaft ins Auge. Der Stoff sah steif und ungemütlich aus, und die Krönung des Ganzen war eine rote Satinschleife, die besser zu einer Fünfjährigen gepasst hätte.

„Ist es nicht toll?“, fragte ihr Vater begeistert, und sie hatte das Gefühl, dass er sie wieder als kleines Mädchen sah. „Hannah hat so einen guten Geschmack. Es war doch sehr nett von ihr, sich deinetwegen Gedanken zu machen, findest du nicht auch?“

Seine Stimme klang ein bisschen verzweifelt, und die Botschaft darunter war klar. Das alles tat er nur für sie. Er wollte, dass sie glücklich war und dass alle sich wie eine große Familie fühlten.

Auch wenn er es nie gesagt hatte, wusste Rachel, dass es vor allem ihretwegen gewesen war, dass er so schnell wieder geheiratet hatte. Dabei hatte er völlig übersehen, dass sie den Tod ihrer Mutter längst noch nicht überwunden hatte. Mit vierzehn Jahren war es ihr unmöglich gewesen, ihre Stiefmutter zu akzeptieren, und es war eine sehr schwierige Zeit gewesen.

Ich warte noch auf die nächsten Untersuchungsergebnisse, dachte sie bei sich. Erst dann werde ich ihm sagen, dass ich ausziehen will.

Einen Schritt nach dem anderen.

Aber dieses Kleid … es war wieder ein Beweis dafür, wie ihre Familie sie wahrnahm. Sie schämten sich ihrer! Am liebsten hätten sie es wohl gesehen, wenn Rachel sich auf der Party einen Sack über den Kopf gezogen hätte …

Plötzlich musste sie an das wunderbare Kleid denken, das Damon ihr geschenkt hatte. Er dachte, dass sie es verdient hatte, sich wohlzufühlen. Er sah sie so, wie sie wirklich war.

Das musste doch etwas bedeuten, oder?

Ihr Vater sah sie noch immer erwartungsvoll an und wartete auf ihr Urteil. Sie gab sich einen Ruck.

„Es ist sehr festlich“, sagte sie und setzte noch hinzu: „Wirklich nett von Hannah, dass sie an mich gedacht hat.“

Erleichtert lächelte ihr Vater. „Ich wusste doch, dass es dir gefallen würde. Dann nehme ich es mit nach Hause und hänge es in dein Zimmer, ja?“ Er wandte sich zum Gehen und drehte sich dann noch einmal um. „Übrigens, du hast recht, heute ist wirklich viel los. Bestimmt wäre es nicht schlecht, wenn du im Verkauf aushelfen könntest.“

„Wird gemacht“, versprach sie, konnte jedoch einen kleinen Seufzer nicht unterdrücken. Offensichtlich musste ihre Kampagne in den sozialen Medien noch warten. Schon wieder.

Resigniert klappte sie ihren Laptop zu und erhob sich von ihrem Schreibtisch. Als sie nach ihrem Handy griff, sah sie, dass eine neue SMS gekommen war.

Von Damon.

Hast du heute Nachmittag vielleicht Zeit?

Damon hatte sich redliche Mühe gegeben, den Kuss zu vergessen. Immer wieder rief er sich ins Gedächtnis, dass Rachel nur die Freundin seiner Schwester war und nie auch nur andeutungsweise gezeigt hatte, dass sie sich für ihn interessierte.

Und doch …

Er versuchte es mit einer anderen Taktik. Er versuchte sich einzureden, dass sein Interesse an Rachel Charles rein geschäftlicher Natur war. Schließlich hatte es sich bei ihrem letzten Treffen vor allem um ihre Arbeit gehandelt. Was ihm die Idee eingegeben hatte, sie in sein neuestes Projekt miteinzubeziehen. Nur deswegen würde er mit ihr Kontakt aufnehmen! Mit dem Kuss hatte das nichts zu tun, natürlich nicht.

Die Frage war, ob sie sich darauf einlassen würde, ihn zu treffen.

Es gab nur einen einzigen Weg, um das herauszufinden. Entschlossen zog er sein Handy heraus, tippte schnell eine SMS und steckte das iPhone wieder in seine Tasche.

Hast du heute Nachmittag vielleicht Zeit?

Das klang doch ziemlich neutral, oder nicht? Aber warum klopfte sein Herz dann wie wild, während er auf die Antwort wartete?

Vergiss nicht, es geht hier nur um die Arbeit!

Als ob das Universum ihn in seinen Bemühungen unterstützen wollte, wurde in diesem Moment das Tor zu den Cressingham Arkaden geöffnet, und Lady Cressingham persönlich kam herein.

Wie Damon in den letzten zwei Wochen erfahren hatte, war sie nichts anderes als eine Naturgewalt. Heute trug sie einen pflaumenfarbenen Wollmantel mit einem Kunstpelzkragen, dazu passende Lederhandschuhe und glänzende schwarze Stiefel. Sie war perfekt frisiert und trug diamantene Ohrringe.

Sie kam schnurstracks auf ihn zu, wobei ihre Absätze aufs Parkett hämmerten.

„Und? Haben Sie irgendwelche Fortschritte zu berichten?“ Ihr Oberschichtakzent klang heute ungewöhnlich frostig.

Damon blickte forschend über die Schulter der alten Dame. Aha, das war also des Rätsels Lösung. Der alte Mr. Jenkins sortierte gerade das Schaufenster seines Juweliergeschäfts neu und ließ sie dabei nicht aus den Augen. Lady Cressingham gab sich immer betont professionell, wenn der missmutige Juwelier sie beobachtete.

Damon und sie hatten sich bei einer Vernissage in einer Londoner Galerie kennengelernt, die von einem gemeinsamen Freund veranstaltet wurde. Er nutzte solche Gelegenheiten immer, um neue Bekanntschaften zu machen, die ihm geschäftlich nützlich sein könnten. Als er Lady Cressingham in ihrem roten Samtkleid gesehen hatte, hatte er sofort gewusst, dass sie eine interessante Persönlichkeit war. Und er hatte sich nicht geirrt.

Nach ihrem Alter hatte er sie nie gefragt, doch er nahm an, dass sie mindestens sechzig, vielleicht sogar schon siebzig war. Sie war seit vielen Jahren mit Lord Cressingham verheiratet, und die ganze Welt wusste, dass er sie vom ersten Tag an betrogen hatte. Doch das schien ihr nichts auszumachen, wie sie Damon gleich versicherte, als sie miteinander ins Gespräch gekommen waren.

„Wissen Sie, junger Mann, wir haben ein Arrangement miteinander. Ich toleriere seine zahlreichen Seitensprünge, dafür kann ich sein Geld mit vollen Händen ausgeben. Ich habe eine Vorliebe für Projekte, mit denen man anderen nutzen kann und die trotzdem eine Menge Geld einbringen.“

Dies war nur eine der Gemeinsamkeiten, die sie hatten. Deshalb war er auch nicht überrascht, als sie ihn wenige Tage danach anrief und ihm ein Angebot machte.

„Hätten Sie vielleicht Lust, mich bei meinem neuesten Projekt zu unterstützen? Ich brauche jemanden mit unternehmerischen Esprit.“

Das hatte sein Interesse geweckt, und er hatte zugesagt.

Und jetzt stand er hier in den etwas heruntergekommenen Cressingham Arkaden und fragte sich, was Rachel mit all den Schaufenstern hier wohl anstellen könnte.

Lady Cressingham sah ihn fragend an, und er merkte, dass er immer noch nicht auf ihre Frage geantwortet hatte.

Damon nickte. „Ja, es gibt tatsächlich ein paar neue Entwicklungen, über die ich Ihnen gern berichten möchte. Oh, entschuldigen Sie mich bitte!“

In diesem Moment summte sein Handy. Das war die Antwort von Rachel, auf die er gewartet hatte. Sie bestand nur aus einem einzigen Wort.

Ja.

Er atmete erleichtert aus. „Wenn Sie heute Nachmittag Zeit hätten, würde ich Ihnen gern jemanden vorstellen. Jemanden, der diese Shopping Passage in den Traum verwandeln könnte, den Sie sich vorstellen.“

Sie hob die Brauen und nickte. „Gut, einverstanden. Buchen Sie uns einen Tisch im Ritz um drei. Ich kann es kaum erwarten, die junge Dame kennenzulernen, deren Antwort gerade dieses strahlende Lächeln auf Ihr Gesicht gezaubert hat!“

5. KAPITEL

Rachel wohnte jetzt schon ihr ganzes Leben in London, und doch hatte sie noch nie Tee im Ritz getrunken. Was den meisten Einwohnern der Stadt bestimmt genauso ging. Im Gegensatz zu Lady Cressingham, die sämtliche Kellner in dem Nobelhotel zu kennen schien.

Eigentlich hatte sie gedacht, dass sie nur zu zweit sein würden, als Damon sie gebeten hatte, sich mit ihm am Piccadilly Circus zu treffen. Und ganz bestimmt hatte sie nicht damit gerechnet, dass er sie ins Ritz führen würde. Denn dann hätte sie wahrscheinlich etwas Passenderes angezogen.

Andererseits ging es hier auch nicht um ein Date, wie ihr nach und nach klar wurde. Sie wusste nicht, ob sie darüber enttäuscht oder erleichtert sein sollte.

Zuerst hatte sie gedacht, dass er sie treffen wollte, um etwas zwischen ihnen zu klären. Denn so machte er es immer mit seinen kurzen Affären, das wusste sie von seiner Schwester.

„Eines muss man Damon lassen“, hatte ihre Freundin bei einem Gespräch über ihn zu ihr gesagt. „Er lässt seine Dates nie darüber im Unklaren, was sie von ihm erwarten können und was nicht.“

Daher hatte Rachel geglaubt, er würde sie treffen wollen, um ihr seinen Standpunkt klarzumachen. Doch es sah so aus, als hätte sie sich geirrt.

„Wie schmecken Ihnen die Gurkensandwiches, meine Liebe?“, fragte Lady Cressingham, die ihr gegenübersaß. Damon verzehrte gerade genüsslich ein Scone mit Erdbeermarmelade und schien sich gar nicht darüber zu wundern, dass die ältere Dame Rachel von Anfang an mit Fragen bombardierte.

„Sie sind köstlich“, erwiderte Rachel wahrheitsgemäß und räusperte sich. „Trotzdem weiß ich nicht … Ich meine … Ich würde gern wissen …“

„Warum Damon Sie zum Tee hierher eingeladen hat?“, ergänzte die andere Frau den Satz und schüttelte den Kopf. „Also wirklich, Damon, ich hätte gedacht, Sie hätten die junge Dame längst in unseren Plan eingeweiht.“ Dann wandte sie sich wieder Rachel zu und sagte: „Wir möchten Ihnen nämlich gern ein geschäftliches Angebot machen, müssen Sie wissen.“

Damit hatte Rachel nun wirklich nicht gerechnet! Erstaunt riss sie die Augen auf. „Ein geschäftliches Angebot?“ Was, zum Teufel, konnte das bedeuten?

Damon sah sie verlegen an. „Lady Cressingham hat mich engagiert, um ihr neuestes Projekt für sie zu managen.“

„Die Cressingham Arkaden“, fiel die ältere Dame ihm ins Wort. „Bestimmt wissen Sie, mein Kind, dass sie sich zwar nicht im schicksten Teil der Stadt befinden. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass man so einiges aus ihnen machen könnte.“

„Zum Beispiel eine Shoppingpassage?“, fragte Rachel.

Die Lady nickte. „Ja, genau. Wenn man es richtig anfasst, lässt sich damit eine Menge Geld verdienen, nehme ich an.“ Sie lachte. „Stellen Sie sich vor, als ich mit meinem Mann darüber sprechen wollte, kam heraus, dass er längst vergessen hatte, dass sie ihm gehören.“

Wie reich musste man sein, um zu vergessen, dass einem eine ganze Passage gehört? fragte Rachel sich schockiert.

„Insgesamt gehören acht Läden dazu“, nahm Damon jetzt den Faden auf und zählte sie an den Fingern einer Hand ab. „Drei davon stehen im Moment leer, zwei wurden gerade vermietet und in den drei anderen sind Geschäfte, die es dort schon seit Jahren gibt. Ein Juwelierladen, ein Blumenladen, ein Schreibwarengeschäft, ein Süßwarenladen und eine Boutique für Hochzeitskleider.“

„Klingt interessant“, erwiderte Rachel. Doch noch immer hatte sie keine Ahnung, welche Rolle sie in dem Ganzen spielen sollte.

„Ist es auch, jedenfalls potenziell“, nickte die Lady. „Aber man muss noch eine Menge Arbeit reinstecken. Außerdem verfolge ich damit noch ein anderes Anliegen. Ich habe nämlich durchaus eine soziale Ader, müssen Sie wissen.“

Damon sprang ein. „Lady Cressingham will mit ihren Projekten Frauen unterstützen, die beruflich einen Neustart wagen.“

Damit hatte Rachel nicht gerechnet, sie sah die Lady erstaunt an.

Diese räusperte sich verlegen. „Manchmal brauchen besonders Frauen ein bisschen Hilfe im Leben. Ich bin in der glücklichen Lage, sie ihnen zu gewähren, das ist schon alles.“

Aber das hätte sie nicht tun müssen, dachte Rachel. Vielen Investoren ging es nur um den eigenen Profit. Ihr Respekt für die ältere Dame wuchs, und plötzlich wünschte sie sich, in dieses Projekt involviert zu sein.

Vielleicht war dies ja genau die Möglichkeit, nach der sie gesucht hatte. Die Chance, etwas zu tun, mit dem sie Menschen unterstützen konnte. Ja, genau das brauchte sie, auch wenn ihr das vorher noch nicht bewusst gewesen war.

Daher beugte sie sich vor und fragte mit glänzenden Augen: „Okay, was kann ich dazu beitragen?“

Damon erkannte ihren Meinungsumschwung und lächelte in sich hinein. Er hatte von Anfang an das Gefühl gehabt, dass die beiden Frauen sich gut verstehen würden. Und anscheinend hatte er recht gehabt.

„Wie Lady Cressingham ja schon angedeutet hat, muss die ganze Passage renoviert werden. Wir sind schon dabei, neu zu streichen, schadhafte Fliesen zu ersetzen und die leer stehenden Läden wieder zu vermieten. Der Verkauf geht während der Renovierung zwar weiter, aber natürlich nur eingeschränkt. Bis die Arkaden in neuem Glanz erstrahlen, werden noch gut zwei Wochen vergehen.“

„Eine Eröffnung kurz vor Weihnachten?“, fragte Rachel und runzelte grüblerisch ihre Stirn.

„Ja, genau“, sagte Damon lächelnd, der den Anblick der nachdenklichen Rachel extrem niedlich fand. „Was leider bedeutet, dass wir den Großteil des Weihnachtsgeschäfts verpassen werden.“ Denn schließlich war heute schon der dritte Dezember.

„Man muss dafür sorgen, dass die Leute über die Arkaden sprechen, noch bevor sie überhaupt eröffnet werden“, sagte Rachel, die sich mehr und mehr für das Vorhaben zu erwärmen schien. „Man muss einen regelrechten Hype erzeugen, damit die Leute es kaum erwarten können, hier einkaufen zu gehen.“ Plötzlich errötete sie. „Bitte entschuldigt, das habt ihr bestimmt schon alles längst durchgesprochen. Es ist nur meine völlig unmaßgebliche Meinung.“

Lady Cressingham schüttelte den Kopf. „In dieser Hinsicht irren Sie sich, meine Liebe. Von Marketing haben weder Damon noch ich Ahnung. Das war ja der Grund, warum er Sie ins Spiel gebracht hat. Und deshalb frage ich Sie: Was würden Sie tun, damit die Leute sich darum reißen, an diesem Weihnachten in meiner Passage einzukaufen?“

Rachel zögerte. Damon beobachtete sie gespannt, sah, wie sie sich auf die Lippe biss und fragte sich innerlich, was sie aufhielt. Denn schließlich kannte sie sich mit den sozialen Medien aus und wusste durch ihre Arbeit bei Hartbury’s, wie Kaufhäuser funktionierten. Bestimmt war ihre Stiefmutter begeistert darüber, welch wertvollen Beitrag sie leistete.

Doch dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Ihre Stiefmutter. Hartbury’s. Natürlich.

„Die Passage würde völlig anders aussehen als euer Kaufhaus“, sagte er daher schnell. „Und sie würde auch eine andere Klientel bedienen. Es werden vor allem handgefertigte Dinge angeboten. Also ein ganz anderes Angebot als bei euch.“

Lady Cressingham nickte nachdrücklich. „Ja, unbedingt. Wir würden nie von Ihnen erwarten, Ihr eigenes Familienunternehmen zu untergraben. Deswegen müssen Sie sich keine Sorgen machen.“

Rachel nickte ebenfalls. „Ich glaube, Sie haben recht.“

„Du hast mir doch gesagt, dass du dich gern als PR-Agentin selbstständig machen würdest“, setzte Damon noch hinzu und hoffte, sie so überreden zu können. „Das hier könnte der erste Schritt dazu sein.“

„Außerdem würden wir Sie natürlich sehr gut bezahlen“, ergänzte seine Auftraggeberin. „Ich bin mir bewusst, dass wir viel von Ihnen verlangen, Rachel, aber nach dem, was Damon mir von Ihnen erzählt und online gezeigt hat, sind Sie die perfekte Person für diesen Job.“

Er verbarg ein Lächeln. Als er seiner Auftraggeberin die Fotos von Rachels Schaufensterdekorationen gezeigt hatte, war sie begeistert gewesen und hatte sofort verstanden, worauf er hinauswollte.

„Wir müssen der gesamten Passage einen einheitlichen Look geben“, sagte er. „Im Moment sieht alles nach einem Mischmasch aus, und das ist nicht sehr überzeugend. Der Eindruck sollte sein, dass alle Läden zusammengehören.“

„Ja, dass jedes Geschäft Teil eines Ganzen ist“, stimmte Rachel zu. „Das ließe sich durch ein entsprechendes Gestaltungskonzept natürlich erzielen.“

Er lächelte sie an. „Genau! Mit deiner Hilfe, was die Ausstattung und das Marketing angeht, sollten wir es eigentlich schaffen, dass halb London sich bei der Eröffnung darum reißt, hier einzukaufen.“

„Nur halb London?“, fragte Lady Cressingham empört und sah ihn über den Rand ihrer Teetasse an. „Mein lieber Junge, ich fürchte, Sie haben sich Ihre Ziele nicht hoch genug gesteckt!“

Als sie mit dem Tee fertig waren, hatte Rachel ihre Zweifel und Bedenken in Bezug auf das Projekt überwunden und war Feuer und Flamme dafür. Denn trotz aller Kurse, die sie bis jetzt belegt hatte und trotz ihres Engagements bei Hartbury’s hatte sie innerlich nie geglaubt, dass sie einen richtigen Job außerhalb des Familienbetriebs finden könnte.

Aber heute hatte Damon ihr gezeigt, dass das doch möglich war.

Endlich bot sich ihr hier die Chance, alles, was sie gelernt hatte, auch anwenden zu können. Die Cressingham Arkaden könnten ein leuchtendes Beispiel dafür werden, wie eine moderne Einkaufspassage aussehen könnte.

Aber was sie am meisten begeisterte, war die Aussicht, mit Damon zusammenarbeiten zu können.

Zu dritt würden sie einen Aktionsplan entwerfen. Rachel wusste zwar noch nicht, wie sie ihr Engagement für die Passage mit all ihren Pflichten bei Hartbury’s vereinbaren sollte. Aber irgendwie würde es ihr schon gelingen.

Es war lange her, dass ihr etwas so wichtig gewesen war. Vielleicht hatte sie ja ihr Leben lang auf eine solche Chance gewartet.

„Wie siehts aus?“, fragte Damon sie, nachdem Lady Cressingham die Rechnung bezahlt hatte. „Hast du Lust, dir die Arkaden genauer anzuschauen?“

„O ja, unbedingt.“

Sie stand auf und griff nach ihrem Mantel. Doch er war schneller, schnappte ihn sich und hielt ihn ihr hin, wobei er ganz dicht an sie herantrat. Rachel erstarrte und musste wieder daran denken, wie er sie beim Tanzen in seinen Armen gehalten hatte.

Doch dann war der Moment vorbei. Sie schlüpfte in ihren Mantel, und er trat einen Schritt zurück.

„Also los, ihr zwei“, sagte Lady Cressingham mit einem Hauch von Amüsement in der Stimme. Oder war es Ungeduld? Rachel war sich nicht sicher. „Mein Fahrer wartet schon auf uns.“

Die Cressingham Arkaden übertrafen Rachels kühnste Vorstellungen.

Von den elegant geschwungenen schmiedeeisernen Toren bis hin zu dem alten gekachelten Boden zwischen den einzelnen Läden verströmten sie den Hauch einer anderen Epoche, genau wie Lady Cressingham auch. Damon erklärte ihr, dass die Schilder über den Läden neu gestaltet werden müssten, damit alles einen einheitlichen Look hatte. Die Farben, die sie sich für die Neugestaltung vorstellten, waren Dunkelgrün, Blau, ein helles Beige und Pink.

Zwischen jedem Laden erhoben sich schlanke Säulen aus Marmor, die sich oben zu Bögen verjüngten, fast wie bei einer Kathedrale. Rachel legte den Kopf zurück und versuchte sich vorzustellen, wie magisch alles mit der entsprechenden Beleuchtung aussehen würde.

Und dann waren da auch noch die Schaufenster. Die wunderschönen bodenlangen Erkerfenster mit den gläsernen Vitrinen, die geradezu darum bettelten, neu dekoriert zu werden. Sie kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und hatte das Gefühl zu träumen. Tausend Ideen schwirrten ihr durch den Kopf, wie sie diesen magischen Ort gestalten und promoten könnte.

„Na, was denkst du?“, fragte Damon gespannt.

„Es ist … unglaublich“, flüsterte sie überwältigt, und er lächelte.

„Verstehst du jetzt, warum ich sofort an deine Dekorationen gedacht habe? Und daran, was man hier alles machen könnte? Ich meine, was du daraus machen könntest.“

Rachel starrte ihn an und konnte es immer noch nicht fassen. Das traute er ihr also zu. Fast glaubte sie schon selbst daran.

„Ich würde dir gern einige Ladenbesitzer vorstellen“, setzte er hinzu.

Die nächste halbe Stunde verbrachten sie damit, neue Leute kennenzulernen, von denen jeder eine interessante Geschichte über die Arkaden erzählen konnte. Zuletzt hielten sie beim Blumenladen der Floristin Belinda an.

„Wie Sie sehen können, bin ich auf Kränze und Blumengebinde spezialisiert“, sagte Belinda zu Rachel, und sie nickte begeistert. Sie konnte sich sofort vorstellen, wie das entsprechende Schaufenster aussehen könnte … mit einer Waldszene, überall Kränzen, die geschickt beleuchtet wurden, und einer großen Menge von Farnen.

„Ich gebe sogar Kurse darin“, fügte die Floristin stolz hinzu.

„Machen Sie dafür auch Werbung in den sozialen Medien?“, erkundigte sich Rachel interessiert.

Belinda schüttelte den Kopf. „Nein, bisher noch nicht.“

Rachel hatte schon gemerkt, dass dies bei den meisten Ladenbesitzern so war. Sie konzentrierten sich auf ihre Läden und darauf, finanziell zu überleben. Und sie hatten weder die Zeit noch das Geld, sich um Werbung zu kümmern.

Und genau dafür würde man Rachel brauchen.

Als sie mit der Besichtigungstour fertig waren, war ihr Entschluss gefasst. Ein bisschen schwirrte ihr der Kopf, denn es waren eine Menge unterschiedlicher Leute gewesen, die sie kennengelernt hatte. Und die direkte Kommunikation mit anderen Menschen gehörte nun einmal nicht zu ihren Stärken, anders als bei Damon.

Trotzdem war ihr klar, dass es die Menschen, die hier arbeiteten, waren, die den Cressingham Arkaden ihren ganz besonderen Charme verliehen. Plötzlich konnte Rachel es kaum noch erwarten, so früh wie möglich mit der Zusammenarbeit zu beginnen.

6. KAPITEL

Am frühen Abend schlossen die Ladenbesitzer ihre Geschäfte ab und machten sich auf den Weg nach Hause. Auch Lady Cressingham verabschiedete sich von Damon und Rachel, nachdem sie noch einmal versichert hatte, wie froh sie darüber war, Rachel kennengelernt zu haben. Das Licht erlosch, und mit einem Mal wirkte alles verlassen und düster.

„Ich sollte jetzt nach Hause fahren“, sagte Rachel nach einem Blick auf ihre Uhr. „Es ist schon ziemlich spät.“

Damon war klar, dass er sie gehen lassen sollte. Denn es war wirklich schon ziemlich spät, und auf ihn wartete noch eine Menge Arbeit. Und trotzdem …

„Warte mal kurz!“ Er verschwand in dem kleinen Büro am Ende der Arkaden und kehrte kurz danach mit zwei Taschenlampen zurück.

„Können wir nicht einfach das Licht einschalten?“, fragte sie skeptisch, als er ihr eine davon reichte.

Er grinste. „So macht es aber viel mehr Spaß.“

Im Licht der Taschenlampen sah die Passage völlig anders aus. Fast hatte Rachel das Gefühl, als wären sie in eine andere Zeit versetzt. Zweihundert Jahre zurück, als sie gebaut worden war.

„Was wolltest du mir denn zeigen?“, fragte sie gespannt.

„Lass dich überraschen! Bis jetzt hast du ja nur die offizielle Seite gesehen, die die Kunden auch sehen. Doch es gibt auch noch eine andere, geheime Seite.“

Sie nickte. „Klingt gut.“

Ihr Lächeln erwärmte Damons Herz, und erneut verspürte er den Wunsch, sie zu küssen. Aber er unterdrückte ihn schnell.

„Gut, dann komm mit!“ Er griff nach ihrer Hand und führte sie an das andere Ende.

„Schau dir das hier mal an.“ Er beleuchtete mit der Taschenlampe eine Wand, die sich vor ihnen erhob. „Das ist eins meiner Lieblingsdetails.“

Rachel trat neben ihn und blickte nach oben. Dann sah sie, was er meinte.

„Unglaublich! Jemand hat dort eine Maus und ein Mauseloch hingemalt.“ Sie lachte überrascht.

Er nickte, denn er hatte gewusst, dass es ihr gefallen würde. „Keiner weiß, wer das getan hat oder wann.“

„Aber warum?“, fragte sie gespannt. „Es sieht so aus, als wäre das Bild immer wieder übermalt worden. Hat es eine besondere Bedeutung?“

Er zuckte die Achseln. „Keine Ahnung, aber es hat mich gleich an deine Dekos erinnert. Allerdings ist es nicht das einzige.“

„Nein? Gibt es noch mehr davon? Können wir sie sehen?“

Er lächelte, angesteckt von ihrer Begeisterung. „Aber natürlich. Kommen Sie mit, Milady!“

Sie fanden noch vier weitere versteckte Mäusebilder, und Damon merkte, dass sein Plan aufging. Rachel fing an, sich in die Passage zu verlieben, genau wie es ihm gegangen war.

„Sind das alle?“, fragte sie, nachdem er ihr das letzte Bild gezeigt hatte.

„Nein, noch nicht ganz“, erwiderte er und merkte, dass er automatisch wieder nach ihrer Hand gegriffen hatte.

Hier in der Dunkelheit war das natürlich auch sinnvoll. Und trotzdem …

Eigentlich war er nicht der Typ, der Händchen hielt. Es war ihm viel zu intim. Doch mit Rachel fühlte es sich fast normal an.

„Wohin gehen wir denn?“, wollte sie wissen, als er sie durch eine versteckte Tür zwischen zwei Säulen führte.

„Nach oben“, erwiderte er geheimnisvoll.

Sie stiegen eine alte Wendeltreppe aus Metall hinauf, bis sie an eine zweite Tür kamen. Damon machte einen Schritt zurück und ließ Rachel als Erste hindurchgehen.

Sie trat auf einen kleinen Balkon mit einem schmiedeeisernen Gitter und blickte sich staunend um. Dann trat er neben sie und richtete den Strahl der Taschenlampe auf die Decke.

„Oh, sieh doch nur!“, rief sie entzückt aus und starrte auf die Schmetterlinge, die jemand dort aufgemalt hatte. „Wie komisch, dass ich das von unten nicht gesehen habe!“

„Das geht auch gar nicht, von unten sieht es nur wie ein Muster aus. Aber von hier …“

„Von hier aus wird das Muster plötzlich lebendig“, beendete sie den Satz und betrachtete staunend das verborgene Kunstwerk. Es wirkte so realistisch, als würden die Schmetterlinge tatsächlich um sie herumflattern. „Auch das erinnert mich an meine Schaufenster.“

Er nickte. „Ja, es ist genau dasselbe Prinzip. Zuerst fällt einem nichts auf, aber wenn man näher hinschaut, entdeckt mal alle möglichen spannenden Details.“

Nur deshalb hatte er Rachel auch hergebracht. Als er die kleinen versteckten Mäuse in ihren Dekorationen gesehen hatte, war ihm klar geworden, dass er ihr die Passage mit all ihren Geheimnissen zeigen musste.

Sie drehte sich um, und er legte ihr den Arm um die Taille, damit sie auf dem engen Balkon nicht das Gleichgewicht verlor. Jetzt waren sie sich so nahe, dass er ihren Atem auf seinem Gesicht spüren konnte. Ihre Augen wirkten im schwachen Licht der Taschenlampe riesengroß, und ihre Lippen waren ein wenig geöffnet. Sie sahen weich und einladend aus und … Verdammt, er wollte sie schon wieder küssen!

„Danke, dass du mich hierhergebracht hast“, flüsterte Rachel mit rauer Stimme. Als er es hörte, fragte Damon sich, ob sie in diesem Moment vielleicht genau dasselbe dachte wie er.

„Und dass du mir das alles gezeigt hast“, fuhr sie fort. „Das ist etwas sehr Besonderes.“

Genau wie du, dachte er, doch sprach es nicht aus.

Denn er durfte nicht vergessen, dass sie die beste Freundin seiner Schwester war. Celeste würde ihm nie verzeihen, wenn er Rachel verführen würde. Denn außer ein paar gemeinsamen Nächten konnte er Rachel nichts bieten.

Und daher …

„Ich dachte mir, es würde dir gefallen.“ Er zog seinen Arm zurück und trat einen Schritt nach hinten. Es fiel ihm nicht leicht, aber er wusste, dass es das Richtige war.

Wenn Rachel darüber enttäuscht war, zeigte sie es jedenfalls nicht.

„O ja, es gefällt mir sehr. Nicht nur die versteckten Bilder, sondern die ganze Passage. Ich kann mir jetzt schon vorstellen, wie magisch es hier sein könnte. Oder sein wird, wie ich hoffe.“

Er sah sie erwartungsvoll an. „Dann wirst du Lady Cressingham und mir bei diesem Projekt helfen?“

Sie erwiderte seinen Blick, und sein Herz zog sich vor Spannung zusammen.

„Ja, das werde ich.“

Rachel gähnte verstohlen und hoffte, dass niemand es bemerkt hatte. Denn jetzt würde bald die Betriebsversammlung beginnen, eine Stunde vor Öffnung des Kaufhauses. Leider hatte sie auch noch keine Zeit für einen Kaffee gefunden.

Gestern Abend war es wirklich spät geworden, doch es hatte sich gelohnt!

In diesem Moment merkte sie, dass ihre Stiefschwester Gretchen sie argwöhnisch beobachtete. Wahrscheinlich hatte sie sich immer noch nicht von dem Schock erholt, dass Rachel zu Beginn der Woche mit dem überaus attraktiven Damon Hunter ausgegangen war. Und als sie wenige Tage später erklärt hatte, zu einem Treffen zu gehen, waren Gretchens Neugier und Misstrauen erneut geweckt worden.

Autor

Sharon Kendrick
Fast ihr ganzes Leben lang hat sich Sharon Kendrick Geschichten ausgedacht. Ihr erstes Buch, das von eineiigen Zwillingen handelte, die böse Mächte in ihrem Internat bekämpften, schrieb sie mit elf Jahren! Allerdings wurde der Roman nie veröffentlicht, und das Manuskript existiert leider nicht mehr.

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