Julia Extra Band 511

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DIE RÜCKKEHR DES HEIMLICHEN PRINZEN von REBECCA WINTERS
Ihre Liebe mit dem Journalisten Philip Dimas endete für die schöne Giannina traurig. Er verließ sie! Doch fünf Jahre später steht er unverhofft vor ihr – und macht ihr einen ungeheuerlichen Vorschlag: Sie soll mit ihm nach dem verschwundenen Prinzen von Hellenia suchen …

UNTER TAUSEND GRIECHISCHEN STERNEN von CAITLIN CREWS
Niemals hat Kendra die flüchtige erotische Begegnung mit dem griechischen Milliardär Balthazar Skalas vergessen! Als ihre Familie verlangt, dass sie mit ihm in Manhattan einen Deal verhandelt, knistert es erneut heiß. Kendra gibt der Versuchung nach – mit ungeahnten Folgen …

SINNLICHER SOMMER MIT DEM MILLIARDÄR von SUSAN MEIER
Ausgerechnet sie soll dem neuen Besitzer des elterlichen Weinguts alles über die Winzerkunst beibringen? Marcia ist entsetzt. Es gibt tausend Dinge unter der toskanischen Sonne, die sie lieber täte! Doch nach Traces erstem prickelnden Kuss fallen die ihr einfach nicht mehr ein …

VERLOCKENDES SPIEL IN MUMBAI von TARA PAMMI
Alles nur zum Schein? Die schöne Schauspielerin Zara Khan und der gefeierte Regisseur Virat Raawal geben vor, ein Paar zu sein. Dann hören Zaras Eltern hoffentlich auf, einen Partner für Zara zu suchen! Doch nach einer Liebesnacht in Mumbai wird aus dem falschen Spiel mehr …


  • Erscheinungstag 04.01.2022
  • Bandnummer 511
  • ISBN / Artikelnummer 0820220511
  • Seitenanzahl 450

Leseprobe

Rebecca Winters, Caitlin Crews, Susan Meier, Tara Pammi

JULIA EXTRA BAND 511

REBECCA WINTERS

Die Rückkehr des heimlichen Prinzen

Nicht mal seine große Liebe Giannina durfte wissen, dass Alexandros ein Prinz ist, weshalb er mit ihr Schluss machte. Doch nun ist er zurückgekehrt. Er will um den Thron und Giannina kämpfen …

CAITLIN CREWS

Unter tausend griechischen Sternen

Balthazar hasst die Connollys aus ganzem Herzen. Als ausgerechnet die schöne Kendra Connolly versucht, ihn mit ihrem Sex-Appeal zu bezirzen, beschließt er, süße Rache und heiße Lust pikant zu verbinden …

SUSAN MEIER

Sinnlicher Sommer mit dem Milliardär

Ein Neuanfang auf dem Weingut! Beim Management soll die Tochter des Vorbesitzers dem Milliardär Trace Jackson helfen. Zwischen Ablehnung und Anziehung stiehlt ihm die temperamentvolle Schönheit das Herz …

TARA PAMMI

Verlockendes Spiel in Mumbai

Eine indische Nacht mit Konsequenzen: Als Ehrenmann macht Bollywood-Regisseur Virat der schönen Schauspielerin Zara einen Antrag – den sie ablehnt. Sie will nicht aus Vernunft, sondern nur aus Liebe heiraten!

PROLOG

„Alex? Wir haben eine neue Spur. Du musst heute um drei nach Rom fliegen. Nach deiner Ankunft nimm ein Taxi zum Hotel Jupiter, dort ist bereits ein Zimmer für dich reserviert. Rigas wird zu dir kommen und dir erklären, was wir herausgefunden haben.“

Alex unterdrückte ein Stöhnen. „Ich kann noch nicht abreisen, Onkel Zikos.“ Auch wenn Zikos nicht wirklich sein Onkel war, liebte Alex ihn, als wäre er es.

„Du meinst wegen Giannina?“

„Sie ist mein Leben! Ich wollte eigentlich das Wochenende mit ihr verbringen, bevor sie nächste Woche nach Griechenland zurückkehrt.“

„Tut mir leid, aber du musst absagen. Das hier ist einfach zu wichtig.“

Alex wollte das nicht hören, auch wenn er wusste, dass Zikos recht hatte. Wie sollte er sich von Giannina verabschieden? Allein der Gedanke daran schmerzte.

Mit dreizehn hatte Alex die elfjährige Giannina Angelis kennengelernt, ein Jahr bevor seine Eltern, der König und die Königin von Hellenia, getötet wurden …

Gianninas Vater, der griechische Reeder Estefen Angelis, hatte damals aus geschäftlichen Gründen das Inselreich in der Ägäis besucht. Die kleine Giannina hatte ihren Vater begleiten dürfen und verbrachte einen herrlichen Tag mit dem Königssohn Alex und dessen Hund auf dem Palastgelände. Sie hatten sich unglaublich gut verstanden und miteinander viel Spaß gehabt. Vor allem in dem kleinen Sommerhäuschen, wo sie miteinander Kuchen gegessen hatten, war es wunderschön gewesen! Und als Giannina gehen musste, hatten sie sich mit Küsschen auf den Wangen verabschiedet …

Im darauffolgenden Jahr, als die Königsmörder auch den Prinzen bedrohten, bewahrte Zikos den jungen Alex vor dem sicheren Tod, indem er den Teenager unerkannt nach Kroatien brachte. Der Prinz veränderte sein Aussehen und nahm den Namen Philip Dimas an, wodurch er sich unerkannt in der Öffentlichkeit bewegen konnte.

Auch Giannina, die Alex erst vor einem Monat zufällig in London wiedergesehen hatte, ließ sich von seinem veränderten Äußeren täuschen. Für sie war er Philip Dimas, der bekannte Journalist. Dass sie sich vor Jahren bereits im Königreich Hellenia begegnet waren, davon ahnte Giannina nichts.

Und um ihrer wie auch um seiner eigenen Sicherheit willen musste es dabei bleiben. Alex’ großes Lebensziel war, die Mörder seiner Eltern zu finden, um sie für ihre Untaten zur Rechenschaft zu ziehen. Bis dahin konnte er nicht sesshaft werden, geschweige denn die Frau heiraten, die er liebte.

Eigentlich hätte er sich gar nicht erlauben dürfen, dass seine Beziehung zu Giannina sich so weit entwickelte, doch er hatte einfach nicht anders gekonnt. Falls der Feind jedoch seine Identität erriet, konnte das für Giannina Gefahr oder sogar den Tod bedeuten. Wenn ihr seinetwegen irgendetwas passierte, würde er sich das nie verzeihen.

Alex war seit ein paar Wochen in London, um als freier Journalist an einer Story für eine britische Zeitung zu arbeiten – eine ideale Tarnung für das, was er hier wirklich tat. Er hätte sich nie träumen lassen, dass das junge Mädchen, das er vor all den Jahren kennengelernt hatte, sich zu der atemberaubenden Frau entwickeln könnte, die überraschend zu seinem abendlichen Vortrag gekommen war.

Als Giannina ihn nach dem Vortrag ansprach und sich vorstellte, erinnerte sich Alex sofort an ihre erste Begegnung. Er erinnerte sich, wie zauberhaft sie als junges Mädchen gewesen war, und war fasziniert von der schönen jungen Frau, die nun vor ihm stand. Um sie besser kennenzulernen, lud er sie auf einen Drink ein. Und als der Abend vorbei war, wurde ihm klar, dass er die Frau fürs Leben gefunden hatte.

Seine ganze Welt veränderte sich an diesem Abend! Von da an verbrachte Alex jede freie Minute mit Giannina – soweit es ihr Praktikum an der London School of Journalism zuließ.

Allerdings belastete es Alex sehr, dass er ihr nicht seine wahre Identität enthüllen und ihr von seinem Ziel erzählen konnte.

Sie war die beeindruckendste Frau, die er je getroffen hatte. Die umwerfende brünette Schönheit mit ihren warmen, hellbraunen Augen hob sich von allen Frauen ab. Darüber hinaus war sie auch noch unglaublich intelligent, und ihr natürlicher Charme und ihre Weiblichkeit bezauberten ihn. Alex konnte es kaum erwarten, Giannina einen Heiratsantrag zu machen! Doch bis er das tun konnte, würde wohl noch viel Zeit vergehen …

„Alex? Bist du noch dran?“ Das war wieder Zikos am Telefon.

„Ja, natürlich. Ich werde den Flug um drei nehmen.“ Das bedeutete, dass er sich spätestens in einer Stunde auf den Weg zum Flughafen machen musste. Das ließ ihm nicht mehr viel Zeit.

„Es tut mir leid, Alex. Ich hoffe, du weißt das.“

„Natürlich.“ Zikos war ein Heiliger. Alex verdankte ihm sein Leben und seine heutige Existenz. „Ich rufe dich von Rom aus an.“

Nachdem er aufgelegt hatte, schnappte er sich sein Gepäck und eilte aus dem Apartment zu seinem Mietwagen. Giannina würde schon darauf warten, dass er sie zum geplanten Ausflug abholte.

Bei ihrem Apartmenthaus angekommen, rief er sie an, damit er noch zu ihr nach oben kommen konnte.

Die Wohnungstür stand offen. In ihrer weißen Hose und der zitronengelben Seidenbluse sah Giannina so umwerfend schön aus, dass es ihm fast den Atem raubte.

„Philip …“ Sie warf sich in seine Arme und küsste ihn leidenschaftlich. Ihr Begehren spiegelte seines wider. Einige Minuten lang vergaß er alles andere und gab sich seinem fieberhaften Verlangen nach ihr hin, drückte ihren kurvenreichen Körper ganz fest an sich.

Er liebte ihr welliges braunes Haar, das sich über ihren Rücken ergoss wie flüssige Schokolade. Sie trug es offen, sodass er mit den Fingern hineinfahren konnte. Der Duft ihres Pfirsichshampoos regte seine Sinne an. Alles an ihr verzauberte ihn, doch er musste sie loslassen.

„Liebste“, sagte er leise und löste sich sanft von ihr. „Es ist etwas passiert, was ich dir erklären muss.“

Sie umfasste sein Gesicht mit beiden Händen. „Du klingst so ernst.“

„Ich fürchte, das ist es auch. Als wir uns kennenlernten, sagte ich dir, dass ich sofort losmüsse, sobald eine andere Geschichte sich entwickle.“

Entsetzt sah sie ihn an. „Du meinst doch nicht etwa jetzt?“

„Leider doch. Wir hatten großes Glück, dass ich nicht schon früher losmusste. Gerade habe ich einen Anruf bekommen. Ich muss zum Flughafen, und zwar sofort.“

„Philip!“ Das glich fast einem Aufschrei.

„Ich wünschte, es wäre anders, aber ich muss dringend etwas Wichtiges recherchieren. Das Letzte, was ich jetzt tun möchte, ist, dich zu verlassen.“

Sie sah ihn enttäuscht an. „Aber ich hatte gehofft, dass du nächste Woche mit mir nach Griechenland fliegst, um meine Familie kennenzulernen. Es gibt so viel, was ich dir zeigen möchte und …“

„Und alles hätte mir gefallen“, unterbrach er sie und drückte sie noch einmal ganz fest an sich. Am liebsten wäre er mit ihr durchgebrannt, um sie ohne Unterlass in den Armen zu halten und zu lieben. Doch für eine Heirat war die Zeit noch nicht gekommen …

„Ich fasse es nicht, dass du abreisen musst.“

Giannina war am Boden zerstört. Genau wie er selbst. Tränen liefen ihr nun über die Wangen. Er küsste sie fort.

„Aber gewiss weißt du doch, wie schwer mir der Abschied fällt. Ohne dich möchte ich nirgendwohin gehen, aber ich habe einen Job zu erledigen. Eines Tages werde ich dir die Gründe dafür erklären. Liebste, ich verspreche dir, ich werde dir immer schreiben, damit du mich nicht vergisst.“

„Als ob ich das könnte.“ Die Worte kamen in erstickten Schluchzern heraus.

„Ich liebe dich, Giannina Angelis. Eines Tages werden wir für immer zusammen sein. Vergiss das nicht.“

„Philip …“, bat sie schluchzend. „Geh nicht …“ Der Schmerz, der sich in ihrem Gesicht abzeichnete und aus ihrer Stimme herauszuhören war, brachte ihn fast um.

„Ich komme zu dir zurück. Das schwöre ich dir!“ Nach einem weiteren langen leidenschaftlichen Kuss löste er sich von ihr und verließ die Wohnung, bevor er dazu vielleicht nicht mehr in der Lage wäre.

Sein einziger Trost war, dass er mit seiner Abreise die Gefahr von Giannina fernhielt.

1. KAPITEL

Drei Jahre später, in Salonica, Griechenland

„Boss?“

Giannina Angelis saß mit einem Kaffee an ihrem Schreibtisch, als die Chefredakteurin, ohne anzuklopfen, ins Zimmer stürmte. Giannina blickte von dem letzten Entwurf der Zeitung auf, dem sie vor dem Druck ihr Okay geben musste. „Was ist, Khloe?“

Die zweiundvierzigjährige verheiratete Frau, die Chefredakteurin der Halkidiki Nachrichten in Salonica war, wirkte aufgeregter als jemals zuvor.

„Entschuldige, dass ich so hereinplatze, aber du wirst nicht glauben, wer gerade bei uns angerufen hat. Die Assistentin hat den Anruf lieber erst zu mir durchgestellt. Der Mann ist in Salonica und bat mich um ein baldmögliches Treffen mit der Herausgeberin!“

Giannina hatte diese Stellung seit den letzten zehn Monaten inne. Mit Ende zwanzig war sie vergleichsweise jung für diese Position. Vor ihrer Beförderung war sie Chefredakteurin der Zeitung gewesen.

„Hol erst mal tief Luft“, meinte Giannina lächelnd.

Khloe verdrehte die Augen. „Es geht ja auch nur um den bekanntesten Journalisten in ganz Europa, der, nach den Fotos zu urteilen, obendrein einfach unverschämt gut aussieht!“

Giannina bekam auf einmal einen Kloß im Hals. Sie wusste genau, wen Khloe meinte. Auf der ganzen Welt konnte es nur einen Mann geben, auf den diese Beschreibung zutraf! Doch sie lachte nur spöttisch. „Willst du mir etwa erzählen, dass der berühmte Journalist Philip Dimas tatsächlich bei uns um einen Termin gebeten hat?“

Khloes Lächeln wurde noch breiter. „Stimmt. Ich konnte es auch nicht glauben, als er sich mir am Telefon vorstellte. Er hat eine wunderbare volltönende Stimme, die ich noch immer im Ohr habe.“

Genauso ging es Giannina. Allein der Gedanke an den Mann, der vor drei Jahren ihr Herz gewonnen – und gebrochen – hatte, raubte ihr den Atem. Sie setzte sich in ihrem Stuhl zurück und weigerte sich, das zu glauben. Die ganzen letzten drei Jahre hatte sie lediglich Ansichtskarten von ihm bekommen. „Ich fürchte, jemand könnte sich einen schlechten Scherz mit uns erlauben, Khloe.“

„Meinst du wirklich?“

Giannina nickte. „Denk nur mal an meinen Onkel.“

„Du meinst den Kerl, der dir die Schuld an den Fake News über Prinz Alexandros geben wollte?“

Sie nickte. „Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass er für diesen Anruf verantwortlich ist.“

Es musste sich um ihren gemeinen Onkel Ari Hatzi handeln! Sie traute ihm zu, sie erneut verletzen zu wollen. Zum Glück war er nur ein angeheirateter Onkel …

Als sie damals noch Chefredakteurin unter ihm gewesen war, hatte er unter ihrem Autorennamen die Falschmeldung verbreitet, dass der verschwundene Prinz von Hellenia auf dem Berg Athos entdeckt worden sei.

Die ganze Welt war schon seit Jahren auf der Suche nach dem Prinzen, aber seit dem Mord an dem Königspaar hatte es kein Lebenszeichen von ihm gegeben. Man glaubte, der junge Prinz Alexandros sei entweder heimlich getötet worden oder sei für immer untergetaucht.

Ihr Onkel Ari hatte Giannina diese Falschmeldung angedichtet, um sie beruflich ins Abseits zu schießen. Sie hatte nämlich nie aufgehört, den gegenwärtigen Diktator von Hellenia zu kritisieren. Ihre politischen Ansichten über den Mann, den sie als bösen Tyrannen bezeichnete, hatten Ari so erbost, dass er sich an ihr rächen wollte.

Gianninas Vater, Estefen Angelis, hatte damals eine gründliche Untersuchung der Sache veranlasst. Nicht nur hatte er dafür gesorgt, dass die Zeitung eine Gegendarstellung druckte, ihr Vater hatte auch ihren Onkel gefeuert und an seiner Stelle Giannina als Herausgeberin ernannt. Darüber hinaus verklagte er Ari, weil dieser mit seinem Verhalten dem Ansehen der Zeitung geschadet hatte.

Tante Olga, die schon lange unglücklich in ihrer Ehe gewesen war, hatte sofort die Scheidung gegen Ari eingereicht. Doch Ari war von einem Tag zum anderen verschwunden gewesen! Gianninas Bruder Nico hatte sich mit der griechischen Polizei nach ihm auf die Suche gemacht, doch sie hatten Ari nicht finden können.

Giannina seufzte. „Sag dem angeblichen Philip Dimas, er kann um ein Uhr heute Mittag in mein Büro kommen. Dann werden wir herausfinden, was vor sich geht.“

„Ich rufe ihn gleich zurück. Wie aufregend, wenn er tatsächlich der berühmte Journalist ist!“ Die Chefredakteurin wirbelte herum und verließ das Büro begeistert wie ein Teenager statt wie eine reife Frau.

Giannina trank langsam ihren restlichen Kaffee aus und machte sich wieder an die Arbeit. Dummerweise konnte sie sich einfach nicht mehr konzentrieren.

Immer wieder wanderten ihre Gedanken zurück zu dem Jahr, in dem sie ihre Studienzeit beendet hatte. Nach ihrem Abschluss hatte sie ein einjähriges Praktikum in Großbritannien an der London School of Journalism abgeleistet. Dort hatte sie auch Philip Dimas kennengelernt. Der gut aussehende dunkelblonde Journalist mit den strahlend blauen Augen hatte einen Vortrag gehalten, der sie ziemlich beeindruckt hatte.

Nach der Veranstaltung war sie mit dem charismatischen Journalisten ins Gespräch gekommen. Er lud sie noch zu einem Drink ein – und da war es auch schon passiert.

Ihre ganze Welt hatte sich an diesem Abend verändert, und in den folgenden vier Wochen verbrachten sie jeden freien Moment miteinander. Giannina hatte sich bis über beide Ohren in diesen großen, gut aussehenden Mann verliebt und war völlig schockiert, als er plötzlich wegen einer wichtigen Story nach Italien abreisen musste.

Philip hatte ihr versichert, dass sie die einzige Frau auf der Welt für ihn sei und er sie eines Tages heiraten wolle. Trotz aller Leidenschaft hatten sie noch keine Liebesnacht miteinander verbracht. Giannina hatte immer geglaubt, dass Philip damit warten wollte, bis er ihr den Antrag gemacht hatte …

Eine Woche später hatte er ihr eine Ansichtskarte aus Rom geschickt, ihr geschrieben, dass er sie liebe und vermisse. Doch es stand keine Absenderadresse darauf und er schlug auch nicht vor, sich mit ihr zu treffen. Sie hatte eigentlich angenommen, er würde sie bitten, mit ihm nach Portugal zu reisen, damit sie seine Tante und seinen Onkel kennenlernen konnte.

Giannina wusste lediglich, dass seine Mutter bei seiner Geburt gestorben und sein Vater bei einem Militäreinsatz ums Leben gekommen war. Es waren nur der Bruder seines Vaters und dessen Frau übrig geblieben, um ihn aufzuziehen. Sie hoffte, diese Familie bald kennenzulernen und dass Philip auch ihre Eltern und Familie kennenlernte, doch das geschah nie.

Über die letzten drei Jahre hinweg erhielt sie von ihm Hunderte von Ansichtskarten an ihre Verlagsadresse. Stets erklärte Philip, er sei wegen einer Story unterwegs und komme eines Tages zu ihr, dann blieben sie für immer zusammen. Auf jeder Karte fügte er hinzu, dass er sie ewig lieben würde.

Welche Närrin sie doch gewesen war, ihm anfänglich zu glauben. Irgendwann musste sie jedoch akzeptieren, dass seine Karriereambitionen größer waren als jede Liebe, die er für sie empfinden mochte. Nach einigen Monaten beschloss sie, Philip zu vergessen.

Leider tauchte sein Name regelmäßig in den Nachrichten auf, wenn es um preisgekrönte Berichte ging. Niemand konnte bezweifeln, dass er der Beste im investigativen Journalismus war. Giannina jedoch hörte auf, die Ansichtskarten zu lesen, die weiterhin bei ihr ankamen.

Seine Worte konnten ihr nichts mehr bedeuten.

Alex zog sein Jackett an, verließ sein neu angemietetes Apartment und ging angespannt durch die Straßen im Zentrum von Salonica. Er näherte sich dem Gebäude der Halkidiki Nachrichten ausgesprochen nervös.

Nach dreijähriger Trennung würde er die Frau seines Lebens wiedersehen. General Ruiz und seine Junta war eben festgenommen worden, zusammen mit einem der beiden Mörder seiner Eltern! Das bedeutete, dass der Alptraum seiner eigenen Verfolgung vorbei war. Alex befand sich nicht mehr in Gefahr. Heute Abend würde er außerdem Zeuge der Festnahme des anderen Mörders sein. Er musste Giannina die Neuigkeiten beibringen, bevor sie diese von jemand anderem hörte, da sie ihren Onkel betrafen.

Das war jedoch nur zum Teil der Grund für seinen Aufenthalt in Salonica. Der andere Grund wäre die Erfüllung seines Traumes, Giannina einen Antrag zu machen. Wenn das Parlament es so wollte, würde man ihm schon bald den Thron des Königreichs in der Ägäis anbieten. Und wenn seine Gebete erhört würden, wäre Giannina damit einverstanden, seine Braut zu werden.

Doch das bedeutete auch, seine Identität als Prinz Alexandros Pisistratus von Hellenia zu enthüllen, des jungen Prinzen, den Giannina einst auf dem Palastgelände kennengelernt und mit dem sie einen herrlichen Nachmittag verbracht hatte. Die ganze Zeit hatte er ihr nicht die Wahrheit sagen können und er wusste, es grenzte fast an ein Wunder, wenn sie ihm verzeihen oder gar seine Frau werden könnte.

Aus zuverlässiger Quelle wusste er, dass Giannina noch nicht mit einem anderen Mann zusammen war. Doch er wusste auch, dass er ihr das Herz gebrochen hatte.

Er hatte sie schlicht und einfach nicht in Gefahr bringen wollen, solange er sich bemühte, den Diktator General Ruiz unschädlich zu machen, der nach dem Mord an seinen Eltern die Regierung von Hellenia übernommen hatte. Selbst in seiner Verkleidung als Philip Dimas war der Kontakt zu ihm für Giannina zu gefährlich.

Nach dem Tod des Königspaares hatte Zikos Novak den Prinzen als Vierzehnjährigen nach Dubrovnik gebracht. Das war das Zuhause der wohlhabenden Familie Novak, von der Alex’ Mutter abstammte und die auf eine dreihundertjährige Geschichte zurückblickte. Zikos hatte einen Plan für Alex entwickelt, um den Thron zurückzubekommen, sobald der General und seine Gefolgschaft gefangengenommen waren.

Alex verdankte Zikos sein Leben. Zikos war Ratgeber und bester Freund von Alex’ Vater gewesen und hatte den Prinzen mit dem erfundenen Namen Philip Dimas ausgestattet, um seine wahre Identität zu verschleiern.

Um die Verwandlung vollständig zu machen, wurden sein schwarzes Haar und die Brauen dunkelblond gefärbt, die dunkelbraunen Augen wurden durch blaue Kontaktlinsen verdeckt. Je er älter wurde, desto mehr musste er auf eine gründliche Rasur achten. Bis jetzt hatte seine Tarnung gut funktioniert.

Während Alex die Universität in Dubrovnik besuchte und Journalist wurde, hatte er nie aufgegeben, alles über die Mörder seiner Eltern herausfinden zu wollen. Irgendwann wollte er in sein Land zurückkehren! Nach seinem Uni-Abschluss verließ er Kroatien, um seine journalistische Karriere voranzutreiben, während er stets weiter auf der Jagd nach den Mördern seiner Eltern war, um sie der Gerichtsbarkeit zu überstellen.

Vor zehn Tagen erhielt Alex von zuverlässigen Kontakten in Hellenia eine unglaubliche Information. Gianninas Onkel Ari Hatzi war als einer der Mörder identifiziert worden. Alex konnte kaum fassen, dass ausgerechnet die Frau, die er liebte und beschützen wollte, die Nichte seines Todfeindes war.

Das musste man sich vorstellen: Die ganze Zeit, während er nach den Mördern seiner Eltern gesucht hatte, war es ein Mitglied von Gianninas Familie gewesen, das Alex nach dem Leben getrachtet hatte. Ari Hatzi war noch vor einiger Zeit Herausgeber der Halkidiki Nachrichten gewesen.

Alex wusste, dass Giannina und ihre Familie mit Hatzi gebrochen hatten. Er vermutete aber auch, dass seine Neuigkeiten sie und ihre Familie zutiefst erschüttern würden. Doch Giannina hatte das Recht, alles zu erfahren, bevor der Rest der Welt es hörte.

Er betrat nun den Zeitungsverlag und wurde prompt zum Büro der Herausgeberin im dritten Stock gebracht. Eine charmante Frau stellte sich ihm als Chefredakteurin Khloe Paulos vor und wies ihm den Weg in das Büro der Herausgeberin.

Sein Herz klopfte schneller, als er Gianninas eindrucksvolles Büro betrat, wo sie am Schreibtisch saß, gekleidet in einen schicken braun-weißen Hosenanzug mit kurzen Ärmeln.

Mit ihren klassischen Gesichtszügen, dem vollen Mund und den sexy Kurven sah sie noch hinreißender aus, als er sie in Erinnerung hatte. Allerdings trug sie ihr brünettes Haar inzwischen schulterlang, statt wie früher bis tief in den Rücken fallend. Und die hellbraunen Augen, in die er so oft verliebt geblickt hatte, musterten ihn ohne Wärme.

„Senhor Dimas …“ Sie sprach seinen Namen in dem portugiesischen Akzent, den er ihr damals beigebracht hatte, und er freute sich, dass sie sich daran erinnerte. „Also waren tatsächlich Sie es, der angerufen hat. Wir haben uns ja schon sehr lange nicht mehr gesehen. Was diese eigenartigen Karten betrifft, nun ja …“

Ein leises Stöhnen entwich ihm, als ihm klar wurde, wie sehr er sie verletzt hatte. Er nahm auf einem Stuhl vor ihrem Schreibtisch Platz und musste seine ganze Willenskraft zusammennehmen, um Giannina nicht auf der Stelle in die Arme zu nehmen und um Verzeihung zu bitten, noch bevor er irgendetwas erklärt hatte.

Alex sah sie ernst an. „Ich wusste nicht, wie ich dich sonst daran erinnern sollte, dass du für mich die Frau fürs Leben bist.“

„Ich habe schon vor langer Zeit aufgehört, deine Karten zu lesen.“

Er verdiente ihren Zorn. „Ob du es glaubst oder nicht, diese Karten haben wirklich immer meine Liebe zu dir ausgedrückt, allerdings wurde mein Leben durch äußere Umstände in eine andere Richtung gelenkt.“

Giannina legte den Kopf zur Seite. „Es ist egal, Philip. Wir hatten alle unsere Liebeleien, aber unsere gemeinsame Zeit in England liegt Jahre zurück. Es ist ja nichts passiert. Seit damals bist du nur noch berühmter geworden. Du hast viel erreicht.“

Wenigstens duzte sie ihn wieder. Er räusperte sich. „Ich hatte Unterstützung.“

„Keine falsche Bescheidenheit. Deine letzten Storys über Geldwäsche in Frankreich haben dich weltweit berühmt gemacht.“

Es war offensichtlich, dass Giannina über seinen Werdegang informiert war und vorgab, ihre Beziehung in London sei längst Vergangenheit. Doch er konnte sehen, wie eine Ader an ihrem Hals heftig pulsierte, was ihm verriet, dass ihr dieses Treffen genauso sehr zusetzte wie ihm. Durfte er eine leise Hoffnung hegen?

„Wenn jemand berühmt ist, dann ist es die brillante Herausgeberin der Halkidiki Nachrichten. Mir war klar, dass du hervorragende Arbeit leisten würdest, sobald du die Zügel übernimmst.“

Sie schüttelte den Kopf und wies damit das Kompliment zurück. „Warum kommst du nicht zur Sache? Nachdem ich gewiss nicht der Grund für deine Reise nach Griechenland bin, was führt dich hierher?“

Mehr und mehr musste er fürchten, seine große Liebe wirklich verloren zu haben. Ihre Ablehnung schmerzte unglaublich und es war höchste Zeit für die Wahrheit. „Meine Liebe zu dir, Giannina“, sagte er nachdrücklich. „Aber ich merke, das willst du nicht hören, weil du es nicht glaubst.“

„Das stimmt. Was ist also der wahre Grund?“

„Ich komme außerdem mit unglaublichen Neuigkeiten. General Ruiz und seine Junta wurden verhaftet und Hellenia ist jetzt wieder ein freies Land.“

Ein überraschter Aufschrei entwich ihr. „Das ist ja wirklich unglaublich.“

„Es wurde noch nicht an die Medien weitergegeben und es gibt noch weitere Neuigkeiten, die damit in Verbindung stehen. Du bist die einzige Person, die ein Recht hat, das von mir persönlich zu erfahren. Aber … Ich fürchte, es hat auch mit deinem Onkel Ari Hatzi zu tun.“

Bei diesen Worten verzog Giannina das Gesicht. „Er steht im Mittelpunkt deiner Story?“ Sie klang aufgebracht. „Er wurde für die Verbreitung von Falschnachrichten bereits gefeuert und ist seitdem verschwunden.“

„Ich spreche von einem unglaublichen Verbrechen, das er vor langer Zeit begangen hat.“

Sie runzelte die Stirn. „Was hat dieser furchtbare Mann denn noch getan?“

„Ich erinnere mich, dass du ihn nie mochtest.“

„Das stimmt, aber du sprichst in Rätseln. Was willst du mir denn sagen?“ Giannina lehnte sich im Stuhl zurück. „Also?“

Er hasste es, ihr diese Wahrheit sagen zu müssen, doch es ging nicht anders.

„Vor ein paar Tagen erfuhr ich von meinen Quellen in Hellenia, dass Ari Hatzi von einem Augenzeugen als einer der beiden Mörder benannt wurde, welche den König und die Königin von Hellenia töteten.“

2. KAPITEL

„Wie bitte?“

Giannina wurde kreidebleich und sah so entsetzt aus, dass Alex sie am liebsten in die Arme genommen und nie mehr losgelassen hätte.

„Es ist wahr. Eine Gruppe königstreuer Patrioten entdeckte ihn auf dem Berg Athos, wo er sich in Verkleidung eines Mönchs versteckte.“

Ihr entfuhr ein Aufschrei. „Und du sprichst wirklich von meinem Onkel?“

Er nickte. „Von genau dem. Ich bin auf dem Weg, um heute Abend Zeuge seiner Verhaftung zu sein.“

Sie beugte sich nach vorn. „Welche Zeitung hat dich damit beauftragt?“

Alex schüttelte den Kopf. „Keine. Ich gebe den Journalismus auf. Dies könnte meine letzte Story sein, doch nur du hast ein Recht darauf. Weil ich dich liebe, Giannina. Du kannst dich dafür entscheiden, die Story zu veröffentlichen oder auch nicht.“

„Liebe?“ Sie wiederholte das Wort spöttisch. „Bitte beleidige mich nicht mit solch einer Schwindelei.“ Im nächsten Atemzug erhob sie sich und ging auf und ab.

Ihm war klar, dass seine Nachrichten sie erschütterten, doch ihre Ablehnung ihm gegenüber brachte ihn fast um. Ihre Begegnung verlief so viel schlimmer, als er es sich vorgestellt hatte.

„Bevor das Ganze publik wird und er durch die Presse bloßgestellt wird, hat niemand mehr Recht darauf, zu wissen, was dein Onkel getan hat, als du und deine Familie. Auch wenn die Ermordung des Königspaares vor langer Zeit geschah, schmerzt es mich, dass deine Familie die öffentliche Aufmerksamkeit wird aushalten müssen, sobald die Nachricht sich erst verbreitet. Ich wollte, dass du gewarnt bist, und wünschte mir, es gäbe eine Möglichkeit, dich davor zu beschützen.“

Giannina drehte sich mit gequältem Gesichtsausdruck zu ihm. „Mein Onkel war wirklich an der Ermordung beteiligt?“

„Ich gäbe viel darum, wenn es nicht wahr wäre, aber es gibt unumstößliche Beweise“, erwiderte er leise.

Sie stöhnte auf. „Dieser Doppelmord war eine entsetzliche Tragödie, die mir lange Zeit Alpträume verursacht hat. Unsere Familie sorgte sich sehr um den Prinzen. Bis heute weiß ja keiner, ob er tot ist oder nicht.“ Sie blickte fort. „Ich hoffe immer noch, dass er irgendwo am Leben ist.“

Alex holte tief Luft und wusste, wie sehr er noch für sein Zurückhalten der Wahrheit in dieser Sache würde büßen müssen.

„Kannst du dir vorstellen, dass ich den Prinzen selbst kennengelernt habe, als ich elf Jahre alt war?“, sprach sie weiter. „Mein Vater nahm mich einmal dorthin mit, als er Geschäftliches mit dem König zu besprechen hatte. Der Prinz hatte einen Hund und wir sind zusammen im Park umhergetollt und haben in einem kleinen Sommerhaus Kuchen gegessen. Es ist ein wunderschöner Tag gewesen!“

Tief bewegt von dem, was sie ihm gerade erzählt hatte, sagte er: „Daran erinnerst du dich noch?“ Das Thema der königlichen Familie von Hellenia war in London, wo Giannina ihn als Philip Dimas kennengelernt hatte, nie zur Sprache gekommen. Damals waren sie so verliebt ineinander gewesen …

„Ja, natürlich. Nach den Morden gab es Gerüchte, der Prinz sei ebenfalls getötet worden. Manche behaupteten, man hätte ihn mitten in der Nacht aus dem Bett geholt und gefoltert.“

Alex hatte nicht mit damit gerechnet, dass sie sich solche Gedanken gemacht hatte. Nur dank Zikos, der Alex schlafend vorgefunden und heimlich nach Kroatien in Sicherheit gebracht hatte, hatte er überlebt.

„Ich habe dir doch von meiner Tante Olga erzählt. Sie verfolgte alle Nachrichten über die königliche Familie, weil Ari ursprünglich aus Hellenia kam. Und als diese Tragödie geschah, fürchtete sie sehr um das Wohlergehen des Prinzen. Da ich ihn selbst kennengelernt hatte, ging es mir nicht anders.“ Sie schauderte. „Ich fasse es nicht, dass mein Onkel für den Mord an seinen Eltern mitverantwortlich sein soll.“ Ihre Stimme zitterte.

„Ich fürchte, Ari Hatzi hat deine Tante nicht ohne Hintergedanken zur Frau genommen. Salonica liegt nicht weit von Hellenia entfernt, nur etwa zweihundert Kilometer von Hellenias Hauptstadt Loria. Das Land unterhielt exklusive Handelsbeziehungen mit Salonica, einschließlich einer wertvollen Partnerschaft mit der Reederei deiner Familie, die General Ruiz erfolglos zu übernehmen versuchte.“

Alex war inzwischen im Besitz aller Einzelheiten hinsichtlich Gianninas Onkel.

„Durch die Heirat mit deiner Tante bekam Ari Hatzi die Möglichkeit, eure Zeitung zu benutzen, um die Ideologie des Diktators zu unterstützen. Aber zum Glück habt ihr ihn noch rechtzeitig aufhalten können. Du hast dich ihm in den Weg gestellt und wurdest Herausgeberin. Es wird mich außerordentlich befriedigen, bei seiner Festnahme dabei zu sein.“

Sie drehte sich mit gequältem Gesichtsausdruck zu ihm. „Bist du absolut sicher, dass dieser vorgebliche Mönch mein Onkel ist?“

„Hundertprozentig. Andernfalls wäre ich nicht hier und würde so viel aufs Spiel setzen.“

Nach einer Pause fragte sie: „Wann geht es denn los?“

„Heute Abend um sieben. Ich habe ein Boot gemietet.“

Sie atmete tief durch. „Du sagst also, du bist mit dieser Geschichte zu mir gekommen, damit ich entscheiden kann, wie ich damit verfahre, richtig?“

„Richtig.“

„Dann komme ich mit dir, um ihn selbst zu sehen und wenn möglich ein Foto zu machen.“

Alex atmete erleichtert auf. Das klang nach der Giannina, die einen gewissen Abenteuersinn hat. Und das bedeutete auch, dass er noch länger mit ihr zusammen sein konnte.

„Es gibt nur ein Problem. Wenn Frauen dort erlaubt wären, hätte ich dich bereits gefragt, ob du mit mir kommen willst, damit wir zusammen Zeuge seiner Verhaftung sein können.“

Sie lächelte. „Ich mache mir keine Sorgen wegen der Regel, die Frauen auf dem Berg Athos verbietet. Ich begleite dich einfach auf dem Boot bis zum Dock von Ouranoupoli, wo Frauen sich noch aufhalten dürfen. Was meinst du, ob Ari nach seiner Verhaftung vielleicht von der Polizei an Bord gebracht werden kann? Ich hätte noch ein paar Worte mit meinem Onkel zu reden.“

Alex nickte. „Ich werde dafür sorgen, dass du ihm begegnen kannst.“ Er ging hinüber zum Schreibtisch und schrieb seine Handynummer auf einen Zettel, den er ihr reichte. Anschließend ging er zur Tür.

„Wenn du deine Meinung änderst, ruf mich an. Ansonsten hole ich dich um sieben ab.“

„Vorher muss ich noch mit meinem Bruder sprechen. Vielleicht erreiche ich ihn aber erst spät am Abend.“

„Ich fürchte, wir müssen um sieben los, damit ich rechtzeitig zur Verhaftung dort sein kann.“ Bis morgen würde sie die ganze Wahrheit erfahren. „Auf jeden Fall danke ich dir, Giannina, dass du mich empfangen hast, auch wenn du sicher Grund genug hattest, mich zum Teufel zu wünschen.“

Seine größte Furcht war, dass sie das jetzt noch tat.

Ihre Augen wurden schmal. „Das habe ich schon vor langer Zeit getan.“

„Das ist nicht wirklich verwunderlich. Aber bitte glaub mir, wenn ich die Wahl gehabt hätte, mein Leben selbst zu bestimmen, hätte ich dich direkt aus London entführt und nie mehr gehen lassen.“

Warum hast du das denn dann nicht getan? rief Giannina ihm in Gedanken nach, während sie zusah, wie er ihr Büro verließ.

Wie benommen setzte sie sich wieder an ihren Schreibtisch. Zu ihrer eigenen Überraschung stellte sie fest, dass sie diesen rätselhaften Mann noch immer so stark begehrte wie damals …

Sobald er gegangen war, kam Khloe breit lächelnd ins Büro. „O Giannina! Wenn ich jünger und nicht verheiratet wäre …“

Giannina vermied es, ihr in die Augen zu sehen. „Du und Tausende anderer Frauen, Khloe. Aber jetzt muss ich dringend telefonieren.“

„Natürlich.“

Sobald die Tür sich hinter ihrer Redakteurin schloss, bemühte Giannina sich um Selbstkontrolle, bevor sie Nico anrief. Ihr Puls raste. Wie konnte es sein, dass sie Philip noch immer so sehr begehrte? Er hatte ihr das Herz gebrochen! Sie hatte gedacht, sie sei völlig über ihn hinweg!

Nie hatte Giannina den Rat ihres Bruders dringender benötigt. Sie störte ihn ungern, denn abgesehen davon, dass er der Geschäftsführer der Angelis Corporation war, war er vor einem Monat Vater geworden. Er und Alexa hatten ihren kleinen Nico junior bekommen und waren seinetwegen im siebten Himmel.

Doch sie brauchte ihren klugen Bruder jetzt, um Philips überraschenden Besuch und dessen Behauptungen hinsichtlich Ari besser einordnen zu können.

Es dauerte eine halbe Stunde, bevor Nico sie zurückrufen konnte. „Giannina? Was ist denn los?“

„Bitte entschuldige, dass ich deine Assistentin gebeten habe, dich aufzuspüren. Ich brauche dringend deinen Rat und du bist der Einzige, der mir helfen kann.“

„Du kannst mich immer anrufen, das weißt du. Was gibt es? Du klingst aufgeregt.“

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Ich bin selbst nicht ganz sicher, was mit mir los ist, Nico. Aber ich sag dir, was ich im Moment weiß. Heute Morgen hatte ich Besuch von Philip Dimas.“ Ihr Bruder wusste alles über ihre frühere Beziehung zu dem berühmten Journalisten, der ihr das Herz gebrochen hatte.

Nach kurzem Schweigen fragte er nach: „Drei Jahre und eine Tonne von Ansichtskarten ohne Absender! Und heute hat er dich tatsächlich besucht?“

„Ja.“ Ihre Stimme zitterte. „Als er in mein Büro trat, reagierte ich wohl genauso wie du, als du Alexa nach siebzehn Jahren zum ersten Mal gesehen hast.“

„Er hat jedenfalls Mut, dir nach seinem Verhalten gegenüberzutreten. Das muss ich ihm lassen. Hat er dich um Verzeihung gebeten?“

„Nicht direkt. Aber der Grund für seinen Besuch hat mich total schockiert. Er brachte Neuigkeiten, die bis jetzt noch niemand sonst kennt. General Ruiz und die Junta wurden zusammen mit einem der Mörder des Königspaars von Hellenia festgenommen. Philip sagt, Hellenia sei jetzt ein freies Land.“

„Das kommt tatsächlich sehr überraschend. Ich hätte nicht gedacht, dass wir das noch erleben.“

„Ich genauso wenig. Das sind die guten Nachrichten. Doch es gibt auch schlechte Nachrichten. Du wirst nicht glauben, was ich dir noch erzählen muss, Nico.“

„Bitte spann mich nicht so lang auf die Folter!“

„Nach seinen Informationen ist unser Onkel Ari der andere Mörder, der für den Tod der königlichen Familie verantwortlich ist.“

Gespenstisches Schweigen folgte. Sie wusste, ihr Bruder hatte sie klar und deutlich gehört und versuchte gerade nur, das zu verdauen, was sie ihm mitgeteilt hatte.

„Auch wenn Philip mein Herz gebrochen hat, Nico, glaube ich, dass an seiner Behauptung etwas dran sein muss, andernfalls hätte er nicht gewagt, mir nach all dieser Zeit gegenüberzutreten.“

„Es ist tatsächlich möglich, dass er die Wahrheit sagt“, bestätigte Nico schließlich mit einem Seufzer. „Wir alle vermuteten, dass Ari eine dunkle Seite hat. So wie er versuchte, dich in der Zeitung zu hintergehen, schockiert mich die Neuigkeit, dass er ein Killer sein könnte, nicht einmal so stark, wie zu vermuten wäre.“

„Er ist ein furchtbarer Mensch, aber ich hätte nicht gedacht, dass er so weit gehen würde. Und da ist noch etwas, Nico.“ Sie erzählte ihm von Philips Plan, bei der Festnahme auf dem Berg Athos Zeuge zu sein. „Er sagte mir, er sei mit der Geschichte nur zu mir gekommen, zu niemand sonst. Anscheinend will er zukünftig nicht mehr als Journalist arbeiten.“ Er hat auch behauptet, er habe dich immer geliebt, meldete sich ihr albernes Herz zu Wort.

„Soll das heißen, du kannst die Geschichte exklusiv veröffentlichen?“

„Wenn ich es will.“

„Zusammen mit der Festnahme des Generals wird es die Story des Jahrhunderts sein, aber das musst du selbst entscheiden.“

„Ich weiß. Ich sagte Philip, ich käme mit. Ich muss wissen, ob es wirklich unser Onkel ist. Philip wird mich um sieben abholen.“

„Warum wundert mich das nicht?“, meinte ihr Bruder.

„Du hältst mich für verrückt?“

„Aber natürlich nicht. Selbst wenn sich der Mann auf dem Berg Athos nicht als unser Onkel herausstellt, war es ehrenwert von Philip, es dir zu erzählen, bevor es weltweit in den Nachrichten erscheint.“ Giannina musste zugeben, dass ihr Bruder damit recht hatte. „Aber fest steht auch, dass die Begegnung mit Philip dich emotional sehr belastet. Wann wirst du denn wieder mit ihm sprechen?“

„Er will mich um sieben abholen, außer ich sage ab.“

„Bitte sei vorsichtig.“

Sie wusste, was ihr Bruder meinte. Er wollte nicht, dass sie wieder von Philip verletzt wurde. „Bin ich. Nico? Du glaubst auch, dass Onkel Ari der Killer ist, nicht wahr? Ich höre es aus deiner Stimme heraus.“

„Ich fürchte ja. Wenn ich jetzt so zurückdenke und mich erinnere, wie wütend er wurde, als du die Ideologie des Generals kritisiert hast, erklärt das, was in ihm vorgehen musste.“

„Ich stimme dir zu.“ Sie biss sich auf die Unterlippe. „Vielen Dank, Nico. Hab dich lieb.“

„Hab dich auch lieb. Aber sag noch nichts zur Familie, ja?“

„Okay. Gib Klein Nico einen Kuss von mir.“

Nachdem beide aufgelegt hatten, ging Giannina weiter alles durch den Kopf. Ihr Bruder wusste, wie sehr sie gelitten hatte, als Philip sich die letzten drei Jahre nur durch Postkarten gemeldet hatte. Und doch hielt er Philip für ehrenwert.

Vielleicht war sie ja verrückt, aber ein Teil von ihr wollte noch immer an Philip glauben. Was um Himmels willen stimmte denn nicht mit ihr? Sie konnte diesen Mann doch nicht immer noch lieben. Das konnte einfach nicht sein!

Alex stand auf dem Balkon seines Hotelzimmers, von dem aus er über Salonica blicken konnte, und trank einen Schluck Kaffee. Giannina hatte noch nicht angerufen, doch er fürchtete immer noch, dass sie ihre Meinung ändern könnte.

Von dem Augenblick an, in dem er heute ihr Büro betreten hatte, hatte ihn der Wunsch beherrscht, sie in die Arme zu nehmen. Doch sie hatte sich so kühl und abweisend verhalten, dass er kaum glauben konnte, dass es sich um die gleiche Giannina handelte, die sein Herz gestohlen hatte.

Sie war schöner als je zuvor! Nach dem Wiedersehen hatte er kaum mehr Ruhe gefunden …

Am späten Nachmittag belud Alex seine Jacht mit Vorräten und kehrte dann zu seinem Hotel zurück. Ein paar treue Gefolgsleute würden ihn auf einem zweiten Boot begleiten.

Er blickte auf seine Uhr. Es war sechs Uhr dreißig. Als Journalistin wusste Giannina um die Wichtigkeit, auf einen Tipp hin schnell zu reagieren. Bis jetzt hatte sie noch nicht abgesagt.

Während der letzten Vorbereitungen klingelte sein Telefon. Er blickte auf die Anrufer-ID. Giannina Angelis. Hoffentlich bekam er nicht doch noch eine Absage. „Giannina?“

„Philip!“ Sie sprach schnell, aber dennoch ruhig. „Ich habe mit meinem Bruder gesprochen. Er ist dankbar, dass du unserer Familie die Gelegenheit gibst, vor allen anderen die Wahrheit über unseren Onkel zu erfahren.“

Dem Himmel sei Dank. Langsam atmete Alex aus, denn er hatte unwillkürlich die Luft angehalten.

„Und hör mal, Philip, wenn du gleich kommst … Am Eingang steht ein Wachmann, der dich hereinlassen und dir den Weg zum privaten Aufzug zeigen wird.“

„Ich bin froh, dass jemand auf dich aufpasst. Bis gleich!“ Er legte auf, nicht nur beschwingt darüber, dass ihr Bruder mit seinem Plan einverstanden war, sondern auch, weil sie ihn in diesem Augenblick nicht für die lange Zeit seines Untertauchens hatte büßen lassen.

Wie er diese Frau liebte! Sofort rief er Zikos an, damit dieser den Männern, die für ihn arbeiteten, die Nachricht schickte, ihn am Dock von Salonica zu erwarten.

Er verließ das Hotel und fuhr mit seinem Mietwagen zu Gianninas Büro. Dabei schwor er sich, sie zurückzugewinnen, egal wie lange es dauern mochte. Sobald Hatzi verhaftet war, konnte Alex seine Tarnung aufgeben. Wenn Giannina ihm vergeben konnte, nachdem sie die Wahrheit kannte, müssten sie sich nie mehr trennen.

Der Wachmann begleitete ihn in die Lobby zu einem der Fahrstühle. Als Alex den dritten Stock erreichte und Gianninas Büro betrat, stand sie von ihrem Schreibtisch auf. Sie trug noch die gleiche Businesskleidung wie vorher.

Vielleicht lag es an der Beleuchtung, doch ihr Gesicht wirkte leicht gerötet. Er hoffte, es war ein Zeichen dafür, dass sie sich freute, ihn zu sehen.

„Ich komme mit, aber wir müssen noch bei meiner Wohnung vorbeifahren, damit ich ein paar Dinge holen kann.“

„Natürlich. Außerdem gibt es noch einiges, was du über deinen Onkel wissen musst.“

Sie sah ihn durchdringend an. „Ich habe das Gefühl, dass du viel mehr weißt, als du mir erzählt hast.“

„Du bist Journalistin, Giannina. Niemand sollte besser wissen als du, wie wichtig es ist, so viel wie möglich über ein Zielobjekt zu erfahren, um die ganze Wahrheit aufzudecken.“

Sie runzelte die Stirn. „Sei bitte nicht so gönnerhaft, Philip.“

„Das ist das Letzte, was ich sein möchte. Ich liebe dich und hoffe, dass du mir glaubst.“

Sie blickte weg. „Um meiner armen Tante Olga willen, die noch nicht weiß, was vorgeht, möchte ich dir glauben.“

„Es wird jetzt nicht mehr lange dauern. Warst du vorher schon mal in Ouranoupoli?“

„Ein paarmal mit Nico.“

„Wenn wir dort ankommen, kannst du entweder in einem Hotel auf mich warten oder aber auch gern auf der Jacht bleiben, während ich mich mit den Männern treffe, um deinen Onkel aufzuspüren. Ich kann dir keinen genauen Zeitplan geben, doch wenn alles erwartungsgemäß verläuft, wirst du ihm bald von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen.“

Giannina hob den Kopf. „Ich kann es kaum erwarten.“

„Es dürfte keinerlei Probleme geben, aber für den Fall, dass es sie doch gibt, sollte deine Chefredakteurin die Stellung hier halten. Auf der Jacht steht dir eine Kabine und Verpflegung zur Verfügung. Am besten, du packst genug Kleidung für wenigstens einen oder zwei Tage ein. Ich habe wirklich keine Ahnung, wie lange das Ganze dauern wird.“ Sein Herz klopfte schneller, während er auf ihre Reaktion wartete. „Was sagst du?“, fragte er direkt.

„Ich bin dabei“, antwortete Giannina. Und das kaum merkliche Lächeln, das daraufhin Philips Mund umspielte, ließ ihr Herz höher schlagen …

Sie fuhr mit Philip in ihrem privaten Fahrstuhl nach unten. Der beengte Raum bedeutete, dass ihre Arme sich berührten, was bei ihr prompt ein Kribbeln im Bauch hervorrief. Giannina fand das Ganze völlig unwirklich und fragte sich, ob Philip wohl merkte, wie heftig ihr Herz klopfte.

Gemeinsam verließen sie das Gebäude und er half ihr in seinen Mietwagen, wo sie ihm die Adresse ihrer Wohnung nannte. Das Innere des Wagens roch nach dem Duschgel, das er benutzt haben musste, und löste bei ihr Erinnerungen daran aus, wie sie damals in seinen Armen gelegen hatte, während sie sich geküsst und nicht genug voneinander bekommen hatten.

„Was sonst hast du mir noch nicht über meinen Onkel erzählt?“

Es dauerte nur wenige Minuten, bis sie ihr Apartment erreicht hatten. Er stellte den Motor ab, bevor er sich mit ernstem Gesichtsausdruck zu ihr drehte. „Nachdem er vor vierzehn Jahren mit seinem Kumpan den Doppelmord begangen hat, war es Hatzis langjähriges Ziel, den Prinzen aufzuspüren und zu eliminieren.“

Giannina entfuhr unwillkürlich ein kleiner Aufschrei. „Das hat er bereits zugegeben?“

Alex griff nach ihrer Hand und drückte sie tröstend. „Um ehrlich zu sein, dein Onkel hat als Rekrut des Generals jahrelang ein Doppelleben geführt. Er wollte wohl durch die Heirat mit deiner Tante Zugang zum Vermögen und Einfluss der Angelis’ bekommen. Den Prinzen zu töten war seine nächste Priorität.“

„Ich kann es einfach nicht glauben.“

Alex zog sie an sich und küsste sie auf die Schläfe. „Ich weiß, dass das Ganze dich krank machen muss, aber es ist besser, du hörst alles von mir, bevor die Nachrichten sich verbreiten.“

Sie war verwirrt von seiner Nähe, die sich so wundervoll anfühlte. Und doch litt sie unter diesen Neuigkeiten und musste die Kraft finden, sich von ihm zurückzuziehen. „Ich bin froh, dass du es mir gesagt hast.“

„Dann komm. Gehen wir hinein.“

Sie nahmen den Aufzug zu ihrer Wohnung im vierten Stockwerk. Giannina vermied es, in die mitfühlenden blauen Augen ihres Gegenübers zu sehen. „Während ich meine Tasche hole und packe, kannst du dir gern eine Cola aus dem Kühlschrank nehmen.“

„Das klingt gut.“

Eine gewisse Aufregung bemächtigte sich ihrer, wenn sie sich bewusst machte, dass Philip sich tatsächlich in ihrer Wohnung aufhielt. Während er in die Küche ging, eilte sie in ihr Schlafzimmer und packte Verschiedenes in eine kleine Übernachtungstasche. Selbstverständlich nahm sie auch ihre Kamera mit, um Fotos von der Festnahme zu machen.

Bevor sie es noch vergaß, rief sie gleich Khloe an und übertrug ihr die Leitung der Zeitung, solange sie fort war, ohne ihr Genaueres über ihre Abwesenheit zu verraten. Bei jeglichem Notfall konnte Khloe jedenfalls Nico anrufen. Dann tauschte sie ihre Businesskleidung gegen Jeans und ein kurzärmeliges grünes Top.

Nachdem sie sich rasch frisch gemacht hatte, fasste sie ihr Haar in einer Spange zusammen und ging anschließend zu Philip in die Küche. Sie nahm sich ein Schinkensandwich und eine Cola.

Ihre Blicke trafen sich.

„Du siehst wie immer umwerfend aus“, bemerkte er.

Das galt auch für ihn in seinen Jeans. Die muskulösen Oberschenkel zeichneten sich darin ab und Giannina musste einen Seufzer unterdrücken. Der dunkelblaue Pullover unterstrich seinen durchtrainierten Körper. Sie sollte endlich aufhören, ihn anzusehen, also trank sie ihre restliche Cola aus, nahm einen letzten Biss von ihrem Sandwich und wusch sich die Hände.

Er griff nach ihrer Übernachtungstasche. „Können wir gehen?“

„Ich bin so weit.“ Sie verließen die Wohnung und gingen zum Auto. Es dauerte nicht lange, und sie erreichten ein Dock, an dem verschiedene Boote festgemacht waren. Wie eigenartig es sich anfühlte, mit ihm allein zu sein, ohne von ihm umarmt zu werden!

„Warst du jemals auf dem Berg Athos, Philip?“

„Ja. Einmal.“

„Wie war das für dich? Mein Bruder ging einmal mit unserem Vater dorthin, als er ungefähr zehn war, aber ich erinnere mich nicht mehr an das, was er erzählte.“

„Es ist ein herrlicher Ort mit riesigen Klöstern. Es gibt etwa zwanzig davon an den Berghängen. Ein paar befinden sich entlang der Küste.“

„Leben die Mönche alle zusammen?“

„Nicht alle. Manche von ihnen isolieren sich selbst in Höhlen und bekommen ihr Essen in Körben, die sie zu sich hochziehen.“

„Du machst Scherze!“

„O nein. Als ich vor ein paar Jahren mit meinem Onkel dort war, schliefen wir jedenfalls in einem Schlafsaal.“

Sie verspürte einen kleinen Stich im Herzen. Vor ein paar Jahren? Das bedeutete, er war vielleicht nur siebzig Kilometer von ihr entfernt gewesen, während sie in Salonica gearbeitet hatte.

„Wie lange warst du denn dort?“

„Nur eine Nacht. Ich fand es faszinierend. Keine Zeitungen.“

„Keine Frauen“, fügte sie hinzu und zwang sich zu einem Lächeln, während ihr Herz fast zerbrach, im Wissen, dass er nicht einmal versucht hatte, sich mit ihr in Verbindung zu setzen.

„Du warst jedenfalls ganz in der Nähe, Giannina. Ich hätte alles darum gegeben, dich wiederzusehen, doch ich war zur Recherche dort und durfte es einfach nicht riskieren.“

Natürlich nicht. „Hast du gefunden, was du suchtest?“

„Nein. Aber es war gut, meinen Onkel Zikos zu treffen. Wir hatten uns sehr lange Zeit nicht gesehen.“

Sie hörte echte Zuneigung aus seiner Stimme heraus. „Das kann ich mir vorstellen.“

Sie erreichten den Pier und parkten. „Ich sehe die Küstenwache patrouillieren. Sie geben mir mit Taschenlampen Zeichen“, erklärte er. „Also wird die Verhaftung in Kürze stattfinden. Gehen wir.“

Im ersten Moment reagierte sie gar nicht, als hätte sie vergessen, weshalb sie hier waren. Wieder mit Philip zusammen zu sein, hatte all ihre Gefühle für ihn wieder aufleben lassen.

Gefühle, die plötzlich stärker denn je zu sein schienen ...

3. KAPITEL

Sobald Philip ihre Übernachtungstasche genommen hatte, hakte er sich auf dem Weg zur Jacht bei Giannina unter.

Als er ihr an Bord half, merkte sie, wie sie unter seiner Berührung nervös, ja fast erregt wurde.

„Alles in Ordnung mit dir?“, flüsterte er an ihrer Wange.

Ihr blieb fast die Luft weg. „Ja.“

„Ich spüre, dass du zitterst. Keine Angst! Ich passe auf, damit dir nichts passiert.“ Er klang wie der alte Philip, den sie so sehr geliebt hatte. In diesem Augenblick wurde ihr bewusst, dass sie ihn immer noch liebte – und immer lieben würde!

„Ich … ich weiß.“ Ihre Stimme versagte beinahe.

„Ich bin sehr froh, dass du mir jedenfalls soweit glaubst und vertraust.“

Es überraschte sie selbst, doch nach seiner Äußerung von eben klang es, als hätte auch er gelitten.

Da Giannina an Boote und Jachten gewöhnt war, nahm sie sich gleich eine Rettungsweste, während Philip die Leinen löste. Sie setzte sich neben den Steuerstand, da sprang auch Philip schon an Bord und nahm hinter dem Steuer Platz, um den Motor anzulassen. Er war agil wie eh und je. Sie liebte alles an ihm. Es fühlte sich so richtig an, wieder bei ihm zu sein.

Philip, Philip!

Bald fuhren sie hinaus ins offene Wasser. Giannina blickte zum Himmel. Bei ihrer Ankunft in etwa einer Stunde würde es bereits dunkel sein. Der warme Abend erinnerte sie an die wunderbaren Abende mit ihm in London, als sie lange Spaziergänge unternommen und sich zwischendurch immer wieder geküsst hatten. Sie hatten einfach nicht die Finger voneinander lassen können. Wie schmerzlich sie ihn seitdem vermisst hatte!

Er warf ihr einen Blick zu. „Du hast keine Ahnung, wie oft ich davon geträumt habe, mit dir so zusammen zu sein. Ich habe dich mehr vermisst, als du dir je vorstellen könntest.“

Was sollte sie nun davon halten?

Ach Giannina. Lass ihn nicht zu sehr an dich herankommen. Was ist, wenn er wieder abreist?

„Es waren glückliche Tage, keine Frage. Aber sie waren leider nicht von Dauer und jetzt bist du hier, damit ich Zeugin der Festnahme meines Onkels sein kann. Philip, ich weiß es zu schätzen, dass du mir und meiner Familie von Ari berichtet hast, bevor es jemand anders erfährt. Es bedeutet mir sehr viel, dass du uns schützen willst. Danke.“

Ein merkwürdiger Ausdruck breitete sich auf seinem edlen Gesicht aus. Er beugte sich zu ihr und küsste sie sanft auf die Wange. Es war nicht die Art von leidenschaftlichem Kuss, die sie sich oft vorgestellt hatte. Die Atmosphäre hatte sich auf eine Weise geändert, die ihr Herz berührte. „Ich bin dankbar, dass du mir genug vertraust, um mit mir zu kommen.“

Unvermittelt beschleunigte er das Boot und sie pflügten durch das ruhige Meer.

Giannina atmete tief durch. „Du hast einen einwandfreien Ruf als Journalist, sodass ich gar nicht anders kann, als dir zu glauben. Ich fürchte, dass mein Onkel ein Mensch ist, der für immer eingesperrt werden sollte. Wenn ich mir vorstelle, was er getan hat und was er noch vorhatte …“ Ihre Stimme versagte.

Philip nahm ihre Hand und verschränkte seine Finger mit ihren. Diese Berührung empfand Giannina unglaublich intensiv. Der alte Zauber war wieder da. Und wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass er nie fort gewesen war.

„Seine Macht ist jetzt vorbei“, versicherte Philip.

„Wäre es nicht wunderbar, wenn der Prinz am Leben wäre und den Thron seines Vaters für sich beanspruchen könnte?“, sprach Giannina das aus, was ihr noch durch den Kopf ging.

Philip drückte ihre Finger ein wenig fester. „Er ist wirklich etwas Besonderes für dich, nicht wahr?“

Das Blut stieg ihr in die Wangen. „Ich habe tatsächlich öfter an diesen Tag mit ihm zurückgedacht. Wenn er wieder den Thron besteigen würde, wäre das die Top Story des Jahres, etwas Besseres gäbe es nicht.“

„Mir fällt vielleicht noch eine ein“, murmelte er, „aber davon erzähle ich dir später.“

Giannina fragte sich, was er damit wohl meinte. „Du findest mich sicher albern, wenn ich so etwas sage.“

„Ganz und gar nicht. Ich hatte auch gewisse Träume. Die haben allerdings alle mit dir zu tun. Jedes Mal, wenn ich an einer neuen Story arbeitete, wollte ich dich bei mir haben. Ich sehnte mich danach, dich zu halten und dich zu küssen.“ Seine raue Stimme schickte ihr eine Gänsehaut über den Rücken.

Inzwischen näherten sie sich Ouranoupoli und er ließ ihre Hand wieder los. Hoch ragte der Berg Athos vor ihnen auf.

Philip verlangsamte die Geschwindigkeit und legte an. „Das andere Boot, das uns folgt, befördert die Männer, die mit mir kommen. Sie werden sich um alles kümmern. Rigas, einer von ihnen, wird hierbleiben und auf dich aufpassen, während ich weg bin. Ich verspreche, du wirst in Sicherheit sein.“

Sie sah ihn erstaunt an. „Du brichst sofort auf?“

„Ich muss. Vorher zeige ich dir deine Kabine.“

Sie griff nach ihrer Übernachtungstasche, stieg die Treppe nach unten und folgte ihm zur letzten Kabine. „Das Badezimmer befindet sich zwischen dieser und meiner Kabine“, erklärte er. „Hier ist auch ein Büro. Du kannst gern alles benutzen. Zu essen und zu trinken gibt es genug in der Küche. Hast du noch irgendwelche Fragen?“

„Wie lange wirst du fort sein?“

„Das kann ich noch nicht sagen. Ich hoffe aber, bald zurück zu sein.“

„Mit meinem Onkel.“

Er nickte. „Das ist der Plan. Kann ich noch etwas für dich tun, bevor ich gehe?“

„Ich habe noch viele Fragen, aber die werden wohl warten müssen.“

„Wünsch mir Glück!“ Im nächsten Moment gab er ihr einen schnellen Kuss auf den Mund und ging rasch zur Treppe, doch insgeheim wollte sie viel mehr. Sie merkte, wie ihr Begehren nach ihm immer stärker wurde. Ob er das gemerkt hatte?

Mit klopfendem Herzen eilte sie ihm nach und sah ihm vom Oberdeck aus hinterher. Drei Jahre lang war nichts zwischen ihnen passiert. Jetzt warfen seine Berührungen und Küsse sie völlig aus der Bahn. Unwillkürlich legte sie einen Finger auf ihre Lippen und wusste genau, dass sie es nicht noch einmal ertragen würde, von ihm verlassen zu werden. Und gleichzeitig sehnte sie sich so sehr nach seiner Umarmung.

Ihre Blicke folgten ihm, bis er in der zunehmenden Dunkelheit verschwunden war.

Ein breitgebauter Mann, der sich als Rigas vorstellte, hatte sich neben der Jacht auf einen Poller gesetzt. Er war gekleidet wie ein einheimischer Fischer, doch Giannina hatte keine Zweifel, dass er mit allem fertigwürde, wenn es darauf ankam. Er nickte ihr zu und sie fühlte sich gut aufgehoben.

Die nächsten beiden Stunden blieb sie an Deck und dachte an die gemeinsame Zeit damals mit Philip zurück, wo sie jede Gelegenheit ausgenutzt hatten, um sich zu küssen und Zärtlichkeiten auszutauschen.

Jetzt waren die Dinge anders, denn er war anders. Er sagte, er liebe sie immer noch, aber wie sahen denn seine Pläne für die Zukunft aus? Wie lange würde er überhaupt in Griechenland bleiben?

Es war beinahe Mitternacht, als sie mit einem tiefen Seufzer nach unten ging, um sich schlafen zu legen. Doch als sie aus dem Badezimmer kam, änderte sie ihre Meinung.

Immer noch angekleidet griff sie nach ihrem Kissen und der Decke und ging zurück an Deck. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie sich eine Art Bett auf einer der gepolsterten Sitzbänke gemacht. Dann legte sie ihre kleine Digitalkamera bereit, damit sie Fotos schießen konnte, sobald Philip zurückkam.

Das Wasser schlug gegen den Bootsrumpf und bewegte es in sanftem Rhythmus hin und her. Der Himmel war sternenübersät. Bei dieser samtweichen Luft sehnte sie sich nur noch mehr nach dem Mann, der sie mit dem Kuss vorhin völlig aus der Fassung gebracht hatte.

So lange hatte sie es geschafft, ihr Leben ohne ihn zu leben. Doch bereits die kurze Zeit mit ihm hatte ihre Abwehrmechanismen außer Kraft gesetzt und sie wollte nur noch mit Philip zusammen sein.

Giannina kam sich vor wie eine Närrin, aber wieder mit ihm zusammen zu sein gab ihr zum ersten Mal seit drei Jahren wieder das Gefühl, durch und durch lebendig zu sein. Es gab keinen Mann wie ihn. Kein Wunder, dass sie sich die ganze Zeit seither nicht für jemand andern hatte interessieren können.

Er hatte diese unvergleichliche Macht, ihr Herz und ihre Seele auf eine Weise zu berühren, die auch ihre Leidenschaft entfachte. Philip Dimas besaß ihr ganzes Herz. Eigentlich hätte man ihn mit einem Warnschild versehen müssen: „Achtung! Sich in diesen Mann zu verlieben, könnte Ihnen ewigen Herzschmerz verursachen.“

Irgendwann legte Giannina sich zurück, zog die Decke über sich und schloss die Augen.

Als sie später wieder wach wurde, vernahm sie vom Dock her gedämpfte Stimmen. Sie setzte sich auf, um besser hören zu können, konnte jedoch nichts verstehen. Da kam auch schon jemand an Bord, ein Mann, den Umrissen nach zu urteilen. Ihr Herz schlug schneller.

„Philip?“, rief sie.

„Giannina, was machst du denn hier an Deck?“ Ihre Uhr zeigte fünf Uhr dreißig morgens an. Erleichtert, dass Philip wohlbehalten zurück war, schlug sie die Decke zurück und stand auf. „Ich konnte nicht schlafen und habe auf dich gewartet.“

Er war allein, setzte sich ans Steuer und ließ den Motor an. Sie setzte sich zu ihm und versuchte, seine Gesichtszüge in dem frühen Morgenlicht zu erkennen.

„Was ist passiert? Wo ist mein Onkel?“

Philip verzog das Gesicht. „Wir kamen zu spät. Ich fürchte, seine Freunde haben ihm bereits zur Flucht verholfen. Sie sind unterwegs zu einer Bucht in einem Wäldchen an der Küste auf der anderen Seite des Berges. Dorthin fahren wir nun auch und hoffen, ihn dort zu erwischen.“

Sie kannte die Bucht, von der er sprach. Anders als der heilige Berg Athos, war die Bucht nicht für Frauen verboten. Früher war sie schon einmal mit ihren Freunden dort tauchen gegangen. Wenn Philip diesmal an Land ging, wäre sie in der Lage, mit ihm zu gehen und Fotos zu machen.

„Was kann ich dir bringen? Kaffee?“

„Wasser, wenn es dir nichts ausmacht.“

„Gute Idee, auch für mich. Ich hole uns beiden eine Flasche.“ Sie ging nach unten und kam mit zwei Flaschen aus dem Kühlschrank zurück. „Hier, bitte!“

„Du bist ein Schatz.“ Er schraubte den Verschluss auf und sie sah zu, wie er die Flasche auf einen Zug leerte. „Das war jetzt genau richtig.“

Sie nahm die leere Flasche von ihm entgegen. „Nur damit du Bescheid weißt, ich habe vor, diesmal mit dir an Land zu gehen und Fotos zu schießen.“

„Nichts anderes erwarte ich von dir. Du musst mir allerdings versprechen, immer neben mir zu bleiben, damit ich dich auch beschützen kann. Also versprich mir, dass du genau das tust, was ich sage, ohne Fragen zu stellen.“

Dies war eine neue Seite von Philip, doch sie hatte seiner Entschlossenheit nichts entgegenzusetzen.

Der Berg Athos hob sich gegen einen lavendelfarbenen Himmel ab. Was würde passieren, wenn sie ihren Onkel gefasst hätten? Wäre der heutige Tag alles, was sie mit Philip hätte, bevor er Griechenland wieder verließ?

Denk nicht über den Tag hinaus, Giannina. Lass es einfach!

Während der kurzen Zeit bis zum Erreichen der Bucht brachte Giannina Decke und Kissen nach unten. Es war Zeit, sich frisch zu machen. Sobald sie wieder zurück an Deck war, steckte sie die Kamera in die Hülle und schlang deren Riemen über ihre Schulter. Philip musterte Giannina mit bewunderndem Blick. „Hast du eine Ahnung, wie schön du so früh am Morgen aussiehst?“

Er klang, als sei es ihm ernst, doch vielleicht würde er sie bald wieder verlassen. Mit klopfendem Herzen wandte Giannina den Blick ab und blickte über das Meer.

Gekonnt lenkte er die Jacht zur Bucht, wo einige andere Boote vor Anker lagen. „Gehen wir“, sagte er, sobald er den Motor abgestellt hatte. „Ich helfe dir.“

Er legte einen Arm um ihre Taille und hob sie über die Seite ins flache Wasser. Dann fasste er ihre Hand und zusammen eilten sie über den Sandstrand in Richtung Wäldchen.

Weiter vor ihnen winkte Rigas sie zu sich und ging voraus. Es dauerte nicht lange und sie erreichten eine kleine Lichtung, wo sechs bewaffnete Männer ein Einmannzelt umzingelten. Einer der Männer machte einen Schritt nach vorn und hob die Zeltklappe an. Mit rasendem Puls zog Giannina die Kamera aus ihrer Hülle, um sich für das erste Foto bereit zu machen.

Im nächsten Moment wurde ein ungepflegt aussehender Mann in Handschellen und mit verbundenen Augen herausgeführt. Er trug die typische schwarze Mönchskutte. Auf den ersten Blick erinnerte Giannina nichts an ihm an ihren Onkel, doch sie hatte sein Gesicht noch nicht richtig gesehen.

Sie warf Philip einen fragenden Blick zu, doch er war völlig auf diesen Mann fixiert und seine Gesichtszüge waren auf eine erschreckende Weise verzerrt. Noch nie hatte sie einen so wütenden Blick bei ihm gesehen.

Giannina verstand das nicht. Es schien, als müsse Philip sich mit aller Macht beherrschen. Einer der Männer nahm dem vorgeblichen Mönch die Augenbinde ab.

„Onkel Ari!“, stieß Giannina hervor und drückte instinktiv noch einmal auf den Auslöser. Es war tatsächlich ihr Onkel! Die Kamera glitt ihr aus den Händen und fiel zu Boden.

Einer der Männer drehte sich zu Giannina. „Kyria Angelis? Wir müssen Sie leider darüber informieren, dass Ihr Onkel Ari Hatzi verhaftet wird für seine Beteiligung an der Ermordung der königlichen Familie von Hellenia.“

Giannina machte einen Schritt auf den Mann zu, der solchen Schmerz in der ganzen Familie Angelis verursacht hatte. „Ich fasse es nicht, dass du an diesem Mord beteiligt warst.“

Er senkte den Kopf und antwortete nicht.

Ihre Wut wuchs. „All die Jahre, in denen du mit meiner Tante zusammengelebt hast, hattest du Blut an deinen Händen!“

„Sei doch nicht so melodramatisch!“

Wie oft hatte er das schon über die Jahre hinweg zu ihr gesagt und damit alles, was sie sagte oder tat, herabgesetzt.

Sie atmete tief durch und starrte Philip an, der ihre Kamera aufhob und sie ihr reichte.

„Lass es gut sein, Giannina.“

Er nahm ihre Hand und ging mit ihr zurück zum Sandstrand. Sobald sie beide an Bord waren, nahm er sie wieder in die Arme, hob sie hoch und trug sie nach unten in ihre Kabine.

Alex wusste, dass dies ein traumatischer Moment für Giannina war. Es war eine Sache, dass sie ihren Onkel nicht mochte, aber eine ganz andere zu erfahren, dass er ein Mörder war.

Er setzte sich mit ihr aufs Ende des Bettes und hielt sie weiter im Arm. „Verzeih mir, dass ich dich das durchmachen ließ, Giannina“, sagte er leise. „Aber ich wusste, du hättest es nie wirklich glauben können, wenn du es nicht mit eigenen Augen gesehen hättest.“

Die heftigen Schluchzer, die sie ausstieß, berührten ihn sehr. „Es ist meine Tante, um die es mir leidtut, Phillip.“ Eine Weile hielt er sie einfach nur fest und ließ sie weinen.

Als sie sich schließlich beruhigte, streckten sie beide sich auf dem Bett aus. Er legte sich neben Giannina und zog sie an sich, sodass ihr Gesicht an seiner Brust lag.

„Ich konnte ihn noch nie leiden“, sagte sie schließlich mit einem Seufzer. „Nico ging es genauso. Als Ari Hatzi meine Tante heiratete und mein Vater die beiden in den Westflügel der Villa ziehen ließ, veränderte sich irgendwie unser ganzer Haushalt. Da er aus Hellenia kam und in Salonica kein Zuhause hatte, hießen meine Eltern ihn herzlich willkommen. Mein Vater gab ihm einen Job in der Zeitung. Es gab keine freundlicheren Menschen als meine Eltern oder meine Tante, die ihn alle mit offenen Armen empfingen.“

Alex gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Es tut mir so leid für deine Familie, Giannina.“

Sie sah ihn aus tränenüberströmten Augen an. „Ich spürte seine Ressentiments meinem Bruder und mir gegenüber, sobald er einzog. Er hatte eine spöttische Art, die niemand von uns mochte. Es wundert mich immer noch, dass meine Tante sich je in ihn verlieben konnte. Aber sie gab zu, dass ihre Gefühle sich nach der Heirat bald änderten.“

„Manchmal entsteht eine eigenartige Chemie zwischen völlig verschiedenen Menschen.“

„Gewiss liebte er sie niemals!“, rief sie aus. „Sie war für ihn nur Mittel zum Zweck. Ich bin froh, dass er gefasst wurde.“ Sie erhob sich vom Bett. „Ich weiß noch genau, wie er mich im Verlag immer mit eiskaltem Blick musterte und mich aus dem Weg haben wollte.“

Alex zog sie erneut an sich. „Du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen, dass er dich oder deine Familie je wieder belästigt.“

„Darüber bin ich wirklich erleichtert.“

„Wir brauchen beide etwas zu essen und einen Kaffee. Ich werde uns etwas zubereiten und du kannst dich gern so lange frisch machen.“ Er rollte sich vom Bett.

Sie nickte.

Wieder von einer gewissen Zuversicht beseelt, machte er sich ans Werk. Es dauerte nicht lang und Giannina kam zu ihm in die Kombüse und setzte sich an den Tisch.

„Ich habe eben mit Nico telefoniert.“

Das kam nicht überraschend. Sie hatte ihm bereits erzählt, dass ihr Bruder ihr Fels in der Brandung war. „War er schockiert?“

Sie sah ihn über den Rand ihrer Kaffeetasse hinweg an. „Weil Ari ein kaltblütiger Mörder ist, meinst du? Nein. Nico sagte, er würde Ari alles zutrauen. Er ist erleichtert, dass unseren Onkel endlich sein verdientes Schicksal ereilt hat. Mein Bruder wird es unseren Eltern erzählen und wir werden einen Weg finden, es unserer Tante schonend beizubringen.“

„Das ist gut. Hatzi wird in einem griechischen Gefängnis auf seine Auslieferung nach Hellenia warten müssen. Dein Bruder kann vielleicht organisieren, dass er vorher noch die Scheidungspapiere unterzeichnet, bevor er ausgeliefert wird.“

„Du hast recht.“ Sie nahm einen Bissen vom Sandwich. „Mmh. Das schmeckt gut! Ich wusste gar nicht, dass du außer Journalist auch noch Küchenchef bist.“

„Mein Lebensstil bedeutet, dass ich lernen musste, mich selbst zu verpflegen.“ Er blickte zu ihr. „Ich muss übrigens zurück zu meinem Onkel fliegen, der mir all die Jahre geholfen hat, und ihm berichten. Kommst du mit? Wir können seinen Privatjet nehmen. Es dauert nur eine halbe Stunde.“

Ihre Augen leuchteten auf. „Das fände ich toll. Aber wenn wir bis nach Lissabon fliegen, dauert es schon etwas länger als …“

„Mein Onkel lebt schon eine ganze Weile nicht mehr dort“, unterbrach Alex sie. „Er ist ein wohlhabender Mann mit Häusern in einem halben Dutzend Ländern. Wir haben eine Weile in Portugal gelebt, aber momentan hält er sich in seinem Haus in Dubrovnik in Kroatien auf. Bei all seinen Kontakten hat er sicher schon von der Festnahme gehört.“

Sie sagte daraufhin nichts, doch er merkte, dass sie die Neuigkeiten noch verdauen musste.

„Ich fürchte, ich habe dich mit zu vielen Informationen überfrachtet, Giannina.“

„Aber gar nicht“, erwiderte sie. „Es ist lediglich überraschend, so viele Dinge über dich zu erfahren, die ich noch nicht wusste.“

„Zu deiner Sicherheit konnte ich dir damals in London leider nicht alles erzählen. Aber vielleicht möchtest du ja auch lieber zu deiner Familie zurückkehren und an dem Artikel arbeiten. Wir können ein andermal zu meinem Onkel fliegen.“

„Philip …“, stieß sie hervor und schüttelte den Kopf. „Mir geht es gut. Ehrlich. Ich habe mir immer gewünscht, deine Familie kennenzulernen.“

„Bevor wir fliegen, möchte ich dich über die Lebensumstände meines Onkels aufklären. Meine Tante starb letztes Jahr an Lungenentzündung.“

„Oh, das tut mir leid. Ich hatte gehofft, sie auch kennenzulernen.“

„Ja, es ist schade, dass das nicht mehr möglich ist. Du hättest sie bestimmt gemocht. Was meine Cousins betrifft – beide haben inzwischen selbst Familie und leben woanders, sodass nur mein Onkel noch zu Hause ist. Du wirst ihn mögen. Er freut sich auch schon darauf, dich kennenzulernen.“

„Das klingt wundervoll.“

4. KAPITEL

Auf diese Einladung von Philip hatte Giannina vor drei Jahren vergeblich gewartet. Und nun passierte es auf einmal völlig unverhofft.

Sie musste sich eingestehen, dass sie nie aufgehört hatte, Philip zu lieben. Langsam ergab so manches Sinn. Jetzt war ihre Chance, herauszufinden, was wirklich los war, sodass es keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen gäbe.

Sie packte ihre Sachen ein, machte das Bett zurecht, in dem sie nicht geschlafen hatte, und ging wieder an Deck.

Er hatte schon auf sie gewartet und reichte ihr eine Rettungsweste, die sie überzog. Danach umarmte er sie noch einmal, gab sie jedoch ohne Kuss wieder frei. Giannina ging daraufhin auf die andere Seite der Jacht und tat so, als ob es ihr nichts ausmachte. Doch eigentlich hätte sie ihn so gern geküsst, dass es ihr schwerfiel, unbeteiligt zu tun.

Bald umrundeten sie mit Höchstgeschwindigkeit den Berg Athos. Die beiden anderen Boote waren nicht mehr zu sehen. Auch wenn die Landschaft hier umwerfend war, hatte Giannina vor allem Augen für Philip, den attraktivsten Mann, den sie je kennengelernt hatte. Er hatte sich rasiert und ein frisches Polohemd angezogen.

Giannina berührte mit den Fingern ihre Lippen dort, wo er sie geküsst hatte. Als sie zusammen auf dem Bett in der Kabine gelegen hatten, hatte er sie im Arm gehalten und getröstet, sonst nichts. Sie hatte sich gewünscht, er würde sie leidenschaftlich lieben, und nicht gewusst, was sie seine Zurückhaltung deuten sollte. Wie konnte sie ihn immer noch so sehr lieben?

Wenn er ihr gegenüber vor drei Jahren genauso empfunden hätte, müssten sie doch inzwischen schon längst verheiratet sein, oder? Auch wenn er darauf bestand, dass er sie immer geliebt habe, verwirrte sie die Tatsache, dass er noch nie versucht hatte, Sex mit ihr zu haben.

Heute hatte sie etwas mehr über seine Vergangenheit herausgefunden, doch sie vermutete, dass sie noch nicht mal die Hälfte davon kannte. Es blieb ihr nichts weiter übrig, als Geduld zu haben und zu hoffen, dass ihre Beziehung sich weiterentwickelte. Ein paar kurze Küsse und Berührungen waren definitiv nicht genug.

Sie blickte über das Wasser und betrachtete einige Segelboote in der Entfernung. Es war zauberhaft hier. Wie schön wäre es, mit ihm hier segeln zu gehen. Wie gern würde sie noch so viel mehr mit ihm unternehmen!

Strahlender Sonnenschein lag auf dem blauen Wasser, einem Blau, das fast so leuchtete wie die Farbe seiner Augen. Giannina betrachtete Philip. Die Sonne vergoldete die blonden Strähnen seines Haars. Sie hätte die Kamera bei sich behalten sollen, um unbemerkt Fotos von ihm machen zu können.

Doch das war ein alberner Gedanke, denn wahrscheinlich würde sie ihn nicht wieder sehen, sobald sie wieder zum Alltag zurückkehrten. Philip würde seinen geheimnisvollen Weg gewiss weitergehen. Angeblich wollte er den Journalismus aufgeben. Um was zu tun? Entschlossen drehte sie sich wieder zu ihm.

„Wenn du nichts dagegen hast, würde ich gern mehr über diese riesige Veränderung hören, die dich dazu bewegt, deine Karriere als Journalist zu beenden.“

Philip schenkte Giannina das Lächeln, das bereits ganz am Anfang ihr Herz gewonnen hatte. Dieser Mann war so unglaublich attraktiv, dass sie schnell den Blick von ihm wandte. Die Heftigkeit ihres eigenen Begehrens erschreckte sie.

„Ich möchte eine Familie“, gestand er ihr. „Das bedeutet, ich kann kein Journalist sein, der ständig in ganz Europa unterwegs ist.“

„Manche Journalisten schaffen beides“, meinte Giannina. „In meiner Belegschaft gibt es einen verheirateten Mann, bei dem das funktioniert.“

„Wie oft ist er denn in Salonica?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich nicht so oft, wie er gern möchte.“

„Das ist der Punkt. Ich möchte bei meiner Familie bleiben und mich um sie kümmern.“

Giannina hörte das zum ersten Mal. „Und wo möchtest du dann zu Hause sein? In Kroatien, in der Nähe deines Onkels?“

„Nein.“ Er sah sie vielsagend an. „Ich habe andere Pläne.“

Sie seufzte innerlich. „Heißt das, dass du bereits weißt, was du dann machen möchtest?“

Ihre Blicke trafen sich. „Genau.“

„Das klingt sehr endgültig.“

„Das ist es auch. Aber ich weiß leider nicht, ob die Frau, die ich heiraten möchte, mit meiner Entscheidung glücklich sein wird.“ Giannina sog scharf die Luft ein und er fasste sofort ihre Hand. „Ganz sicher weißt du, dass du diese Frau bist. Das warst du schon immer.“

„Bitte, Philip. Mach keine Scherze über etwas so Ernstes.“

„Glaubst du vielleicht, die vielen Ansichtskarten waren ein Scherz?“, wollte er wissen.

„Aber …“

„Es ist mein völliger Ernst“, unterbrach er sie. „Eines Tages werden wir für immer zusammen sein, vorausgesetzt natürlich, du willst das auch. Warum glaubst du, möchte ich dich mit zu meinem Onkel nehmen? Seit ganzen drei Jahren musste er sich anhören, wie ich von dir erzähle. Er freut sich, dass ich endlich die Freiheit habe, mich um die Liebe meines Lebens zu bemühen.“

Sollte sie wirklich die Liebe seines Lebens sein? Giannina war verwirrt.

„Mir wird klar, dass ich viel zu lange gewartet habe, um zu dir zu kommen, auch wenn es um Leben und Tod ging, was ich dir damals nicht enthüllen konnte. Ich weiß, du hast mich geliebt, aber ich habe Angst, dass du mir vielleicht nicht verzeihen kannst, so lange weg gewesen zu sein. Und nicht nur das. Ich habe noch andere Befürchtungen. Du kennst mich nur als Journalisten. Wenn wir heiraten und ich für die Regierung arbeiten würde … wer weiß, ob dir das gefiele.“

Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Du hast vor, für die Regierung zu arbeiten?“

„Etwas in der Art.“ Er sah sie fragend an. „Überrascht dich das?“

Giannina versuchte, das zu verstehen. „Ich weiß nicht. An welche Regierung denkst du denn dabei?“

„Eine neue.“

Eine neue? Fing er schon wieder mit den Geheimnissen an? „Irgendwie sehe ich dich nicht als Bürokraten.“

Er lächelte. „Das möchte ich auch nicht sein, aber ich möchte sehr gern das Leben der Menschen verbessern. Es wird Zeit für mich, etwas Fundamentales zu tun, das für viele Menschen einen wirklichen Unterschied machen könnte.“

„Ich hatte keine Ahnung, dass deine Anteilnahme so weit über deine Artikel hinausgeht. Es ist bewundernswert, wenn du für andere Menschen etwas zum Positiven verändern möchtest.“

„Aber könntest du das auch akzeptieren, wenn du mit mir verheiratet wärst und wüsstest, dass es ein Fulltime-Job ist?“

„Was soll diese Frage? Ich möchte, dass du glücklich bist. Wenn das die Arbeit ist, die du machen möchtest, dann würde ich dich unterstützen. Außer natürlich, du würdest mich dabei vernachlässigen“, scherzte sie und fragte sich, ob das jetzt so etwas wie ein Heiratsantrag gewesen war.

Er griff den Scherz jedoch nicht auf und meinte: „Ich fürchte, in jeder Ehe könnte sich jemand vernachlässigt fühlen, ganz unabhängig von der Arbeit.“

„Was meinst du denn damit, Philipp?“

Er fasste ihre Hände. „Giannina? Liebst du mich noch? Kannst du mir verzeihen, dass ich so lange weg war?“

Die Frage erwischte sie völlig unvorbereitet. „Wie kannst du mich das fragen, wenn du doch wissen müsstest, dass du mein ganzes Leben bist“, rief sie aus. „Warum bin ich denn hier, wenn ich dir nicht vergeben hätte? Das hat doch nicht nur mit Ari Hatzi zu tun. Wenn dir das nicht alles verrät, was du wissen willst …“

Er fasste ihren Nacken und gab ihr einen Kuss, der sie bis ins Innerste erschütterte. Als er sie wieder losließ, sagte er: „Es gibt leider noch mehr, was ich dir gestehen muss und was deine Gefühle beeinflussen könnte.“

„Dann sag es mir jetzt sofort“, bat sie ihn.

„Ich würde lieber noch warten, bis wir Kroatien erreicht haben, wo wir nicht mehr gestört werden. Kannst du es noch so lange mit mir aushalten?“

Sie küsste ihn impulsiv auf die Lippen, ganz wie früher. „Mir bleibt wohl nichts anderes übrig. Aber lass mich nicht zu lange warten.“

„Ich verspreche es.“

Sie erhoben sich beide, denn sie waren inzwischen angekommen. Nachdem er ihre Übernachtungstasche genommen hatte, half er ihr vom Boot. Während Rigas die Jacht vertäute, gingen sie zum Parkplatz und stiegen in das Auto, das für sie bereitstand.

„Was geht denn in deinem Kopf vor, dass du so schweigsam geworden bist?“, fragte er auf dem Weg zum Flughafen.

„Vielleicht, ob du mich wirklich vorhin gebeten hast, dich zu heiraten?“

Er fasste ihre Hand. „Am liebsten hätte ich dich schon in London gefragt.“

„Jede Nacht, in der wir zusammen waren, hoffte ich darauf“, gestand sie.

„Und ich hätte nichts lieber getan. Du musst mir glauben, dass ich dich aus ganzem Herzen liebe, Giannina.“

„Philip!“ Sie sprach seinen Namen mit einem Seufzer aus. „Ich liebe dich auch.“

Sie fuhren zu dem kleinen Flughafen, wo der Privatjet seines Onkels stand.

Ein Steward begrüßte Giannina, als sie mit Philip den luxuriösen Jet bestieg. Er führte sie zu ihrem Platz in einer kleinen Kabine an einem Tisch gegenüber von Philip. Das Fasten-Seat-Belts-Zeichen leuchtete auf und das Flugzeug fuhr zum Rollfeld.

„Hast du deinen Bruder über deine Abwesenheit informiert?“

„Das mache ich, wenn wir angekommen sind.“

„Wir dürften in etwa dreißig Minuten landen. Ich möchte nicht, dass er denkt, ich hätte dich entführt, so wie ich es am liebsten damals in London getan hätte.“

Giannina runzelte die Stirn. „Kannst du mir wenigstens erzählen, was dich damals davon abgehalten hat, Philip? Bitte sag nicht, dass es lediglich um eine wichtige Recherche ging, zu der du mich nicht mitnehmen konntest.“

„Die Wahrheit ist, dass es sehr gefährliche Situationen gab, vor welchen ich dich bewahren musste. Ich wollte nicht, dass dir irgendetwas passiert.“

„Soll das heißen, dass dein Leben dabei in Gefahr war?“

„Selbst in London war mein Leben ständig in Gefahr.“ Sein Geständnis schockierte sie. „Aber es gab auch noch einen anderen Grund. Du hattest gerade erst deine Ausbildung beendet und musstest bald wieder nach Hause, um in der Zeitung deiner Familie zu arbeiten. Und aufgrund deiner harten Arbeit bist du inzwischen Herausgeberin einer der einflussreichsten Zeitungen Europas. Hab ich dir überhaupt schon mal gesagt, wie stolz ich auf dich bin?“

Sie warf ihm einen amüsierten Blick zu. „Und das von einem der besten Journalisten in Europa!“

Das Anschnallzeichen leuchtete bereits wieder auf.

„Du schmeichelst mir, Giannina.“

„Aber es stimmt. Einen so guten Journalisten wie dich findet man nur selten. Wenn du tatsächlich deine Karriere aufgeben willst, wird es ein Verlust für die gesamte Medienlandschaft sein.“

„Danke für die Blumen“, winkte er mit einem Lächeln ab. „Aber nun müssen wir uns wieder anschnallen.“

„Ich kann es kaum erwarten, deinen Onkel kennenzulernen.“

„Es dauert nicht mehr lange.“

Sie blickte aus dem Fenster und zwang sich zur Geduld. Die Altstadt von Dubrovnik tauchte unter ihr auf. Das blaue Wasser der Adria funkelte im Sonnenschein.

Nach der Landung wartete bereits ein eleganter schwarzer Sedan auf sie. Die Außentemperatur war angenehm und Giannina sah, wie der Fahrer Philip ehrerbietig begrüßte, der den Gruß lächelnd erwiderte. Das war also seine Welt gewesen, und sie hatte nichts davon gewusst. Er hatte so viel vor ihr verborgen, dass es schmerzte.

Philip stieg nach ihr in den Wagen und gab dem Fahrer auf Kroatisch Anweisungen, dann drehte er sich wieder zu ihr. „Ich sagte ihm, er soll uns direkt nach Cavtat bringen.“

„Ist das ein Vorort?“

„Nicht direkt. Es ist der kleine Ort, in dem mein Onkel wohnt, etwa fünf Minuten von hier entfernt. Seine Villa auf dem Berg ist umgeben von Zypressen. Wenn wir Zeit haben, kann ich dir später noch Dubrovnik zeigen. Es kommt nur darauf an, was Zikos für uns geplant hat.“

Voller Interesse betrachtete Giannina die Stadt, die als UNESCO Weltkulturerbe ausgezeichnet worden war. „Hier sieht es aus wie im Märchen und ich muss gestehen, ich komme mir vor, als erlebte ich mit dir gerade eines.“

Er fasste ihre Hand und drückte sie. Sie fuhren eine von Bäumen gesäumte Straße entlang und das Meer lag unter ihnen. Als das Auto sich die Serpentinen auf dem Berg hochgeschraubt hatte, stieß Giannina unwillkürlich einen kleinen Aufschrei aus. Auf diesen Anblick war sie nicht gefasst gewesen. Das hier war keine Villa, sondern eher ein Palast.

„Philip! Als du von deinem Onkel gesprochen hast, hatte ich ja keine Ahnung!“

„Die Familie seiner Mutter reicht viele Jahrhunderte zurück.“

„Das ist beeindruckend.“

„Genau wie das Anwesen hier. Wir können es später noch zu Pferde erkunden. Damals in London, als wir zusammen ausritten, konnte ich sehen, welch gute Reiterin du bist. Ich habe mich darauf gefreut, dich endlich hierher mitnehmen zu können. Komm, gehen wir hinein! Onkel Zikos wartet schon auf uns.“

Er gab ihre Hand frei, öffnete die Tür und stieg aus, um ihr aus dem Wagen zu helfen. Aus den Augenwinkeln sah sie einen Mann aus dem Palast kommen.

„Marko“, grüßte Philip ihn.

Der andere Mann lächelte und griff nach dem Gepäck, während Giannina ins Haus und weiter eine Treppe hoch zu einem reich verzierten Salon im ersten Stock geführt wurde.

Kaum hatten sie die zweiflügelige Tür passiert, kam auch schon ein vornehm aussehender Mann Mitte sechzig auf sie zugeeilt. Sein dunkles Haar war von silbernen Strähnen durchzogen. Er war durchschnittlich groß und hatte lebhafte braune Augen. Giannina konnte keine Ähnlichkeit zwischen ihm und Philip entdecken. Anscheinend musste er sein dunkelblondes Haar und die blauen Augen von der Familie seines Vaters geerbt haben. Nach der Reitkleidung und der sportlichen Gestalt seines Onkels zu urteilen, liebte er den Pferdesport.

Gerührt sah sie zu, wie die beiden sich umarmten, und sie bewunderte diesen Mann dafür, den Sohn seines Bruders aufgezogen zu haben, der seine Familie mit so jungen Jahren verloren hatte.

„Onkel Zikos Novak?“, sagte Alex dann auf Griechisch. „Darf ich dir Giannina Angelis vorstellen, die Herausgeberin der Halkidiki Nachrichten und Tochter des bekannten Reeders Estefen Angelis?“

Zikos ergriff Gianninas Hand. „Es ist mir eine Ehre, Sie endlich kennenzulernen. Seit Philip damals aus London zurückkehrte, hat er von nichts anderem gesprochen.“ Er deutete einen Handkuss an.

„Ich habe ebenfalls viel von Ihnen gehört.“

Das Lächeln des Onkels vertiefte sich. „Wir haben einige wunderbare Abenteuer zusammen erlebt. Anders als mein Sohn Baldo hat Philip den Wunsch, das Leben in seiner ganzen Bandbreite auszukosten. Ich bin überzeugt, das ist es, was ihn zu einem so außergewöhnlichen Journalisten macht.“

„Ich kann Ihnen nur zustimmen“, erwiderte Giannina. „Als ich Philip kennenlernte, hatte er sich bereits einen ansehnlichen Ruf verschafft. Ich fand seinen Vortrag damals außerordentlich lehrreich.“

„Morgen können wir gerne auch einmal in den alten Fotoalben blättern. Doch im Augenblick nehme ich an, dass Sie nach der Aufregung um die Verhaftung Ihres Onkels müde sind. Sie und Philip sollten sich den Rest des Tages entspannen. Marko wird Sie auf Ihr Zimmer bringen, wo später auch das Abendessen serviert wird.“

„Ich danke Ihnen vielmals, Kyrie Novak.“

„Nennen Sie mich Zikos. Wir legen hier nicht so viel Wert auf Formalitäten.“

Sie nickte.

„Ich komme in ein paar Minuten in deine Suite“, flüsterte Alex ihr zu und sah ihr sehnsüchtig nach, als sie mit Marko den Salon verließ.

Nachdem die Tür geschlossen war, lächelte Zikos seinen Ziehsohn an. „Sie ist bezaubernd. Auch wenn du mir schon Fotos von ihr gezeigt hast, werden sie ihr nicht gerecht. Wie nimmt sie die Sache auf?“

„Erstaunlich gut, wenn man bedenkt, was sie gerade über ihren Onkel erfahren hat.“

Leise fragte Zikos nach: „Und wie viel weiß sie über dich?“

„Sehr wenig. Heute bat ich sie, meine Frau zu werden. Noch vor morgen wird sie alles wissen.“

„Du hast lange auf diesen Tag gewartet.“

Alex nickte. „Sie denkt immer noch, du seist ein Blutsverwandter. Und ehrlich gesagt, habe ich selbst auch dieses Gefühl.“ Seine Gefühle überwältigten ihn auf einmal und er umarmte Zikos spontan. „Bitte akzeptiere, dass ich dich zu meinem Premierminister ernennen möchte, falls ich zum König gekrönt werden sollte“, sagte er dann. „Ich hoffe, wir sind uns darin einig. Vater hatte genau das vor, bis zu jener schrecklichen Nacht.“

Zikos’ Blick trübte sich für einen Moment. Dann räusperte er sich und sagte: „Du und ich, wir werden das alte Parlament einberufen, das mehr als bereit ist, dir zu dienen. Es wird nicht mehr lange dauern und die Krönungszeremonie kann stattfinden. Für viele Einwohner Hellenias kann das nicht früh genug sein.“

Alex schluckte schwer. „Ohne dich hätte ich all das nicht geschafft. Niemand hatte jemals einen besseren Freund als dich. Ich verdanke dir mein Leben, Zikos.“

„Dein Vater rettete im Krieg meines. Ohne ihn wäre ich damals im Feld gefallen. Wir wurden gute Freunde und hielten immer zusammen. Es war mein Privileg, dich in Sicherheit zu bringen, als General Ruiz putschte. Doch diese Tage sind vorbei.“

„Nach all dieser Zeit …“

„Mein lieber Alex! Du musstest sehr lange darauf warten, deine Identität zu enthüllen. Das war nicht leicht, gerade auch in Hinblick auf Giannina.“

„Weißt du, Onkel Zikos, es ist immer noch möglich, dass sie mich zurückweist, wenn ich meine wahre Identität enthülle. Ich fürchte, dass ich sie verlieren könnte.“

„Unsinn. Wenn sie erfährt, welche Gründe du hattest und dass du sie lediglich schützen wolltest, wird sie dich gewiss verstehen. Ich begebe mich jetzt in mein Büro, falls du mich brauchst. Und du solltest nun die wertvolle Zeit mit ihr genießen.“

Sie umarmten sich noch einmal, dann verließ Alex den Salon.

„Komm herein“, rief Giannina, als Alex kurz darauf an ihre Tür klopfte.

Alex trat ein. Der Geruch ihres Shampoos stieg ihm in die Nase, noch bevor er sie in einer braunen Hose und einer beige-braun gemusterten Bluse sah – ein Wunder aus Weiblichkeit und Kurven.

Sie trug ihr lockiges brünettes Haar offen, um es trocknen zu lassen, und wirkte auf ihn verführerischer denn je. „Hast du alles, was du brauchst?“

Ihr Lächeln war für ihn wie eine einzige Belohnung. „Dein Onkel ist sehr freundlich. Ich werde behandelt wie eine Königin.“

„Er weiß, wie sehr ich dich liebe. Eben habe ich ihm noch erzählt, dass ich dich gebeten habe, mich zu heiraten. Er war unglaublich erleichtert.“

Sie schlang die Arme um seinen Nacken. „Genau wie ich.“

Autor

Rebecca Winters

Rebecca Winters und ihre Familie leben in Salt Lake City, Utah. Mit 17 kam Rebecca auf ein Schweizer Internat, wo sie französisch lernte und viele nette Mädchen traf. Ihre Liebe zu Sprachen behielt sie bei und studierte an der Universität in Utah Französisch, Spanisch und Geschichte und später sogar Arabisch.

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