Julia Extra Band 519

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VERFÜHRT IM PALAZZO DES MILLIARDÄRS von LUCY KING
Dieser Mann bedeutet Ärger! Das ist PR-Expertin Carla sofort klar. Doch damit der gefährlich attraktive Milliardär Rico Rossi einem Treffen mit seinem Bruder zustimmt, nimmt sie seine Einladung nach Venedig an. Ein Fehler? Ricos Sex-Appeal ist trotz allem unwiderstehlich …

WIEDER ZURÜCK ZU DIR? von MELANIE MILBURNE
Supermodel Elodie stockt der Atem, als sie den geheimnisvollen Geldgeber für ihr Modelabel erkennt: Es ist ihr Ex-Verlobter Lincoln! Ohne es zu wollen, spürt sie ein erregendes Prickeln – auch wenn Lincoln ihr statt der ersehnten Liebeserklärung ein unmoralisches Angebot macht …

VIEL ZU NAH AM TABU? von ANNIE WEST
Dass die betörende Lola von einem Stalker bedroht wird, weckt den Beschützerinstinkt von Security-Tycoon Niall Pedersen – mehr nicht! Als kleine Schwester seines besten Freundes ist sie tabu! Denn mit seiner Vergangenheit kann er ihr nicht das Glück bieten, das sie verdient …

KÜSS MICH EIN LETZTES MAL! von MICHELLE SMART
Keren kehrt nur auf die griechische Insel Agon zurück, damit ihr Noch-Ehemann Yannis die Scheidungspapiere unterschreibt. Da verlangt er, dass sie ein allerletztes Wochenende mit ihm verbringt. Gegen jede Vernunft verzehrt sie sich bald wieder nach seinen verführerischen Küssen …


  • Erscheinungstag 21.06.2022
  • Bandnummer 519
  • ISBN / Artikelnummer 0820220519
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Lucy King, Mekanie Milburne, Annie West, Michelle Smart

JULIA EXTRA BAND 519

LUCY KING

Verführt im Palazzo des Milliardärs

Liebe, Nähe, Familie? Nichts für Selfmade-Milliardär Rico Rossi. Deshalb verführt er die bildschöne Carla zu einem unverbindlichen One-Night-Stand in Venedig. Doch danach begehrt er sie noch mehr …

MEKANIE MILBURNE

Wieder zurück zu dir?

Geschäftsmann Lincoln Lancaster macht seiner Ex Elodie einen Heiratsantrag – nur zum Schein, um seine kranke Mutter glücklich zu machen! Aber woher kommt dann diese nie gekannte romantische Sehnsucht?

ANNIE WEST

Viel zu nah am Tabu?

Als Lola sich vor einem Stalker bei sexy Security-Tycoon Niall Pedersen versteckt, knistert es heiß zwischen ihnen. Niall scheint jedoch fest entschlossen, die sinnliche Spannung zu ignorieren …

MICHELLE SMART

Küss mich ein letztes Mal!

Der griechische Millionär Yannis Filipidis weiß: Seine Noch-Ehefrau Keren kehrt nur ein letztes Mal zu ihm zurück, um sich scheiden zu lassen. Trotzdem versucht er, sie zurückzuerobern. Vergebens?

1. KAPITEL

„Cheese!“

Mühsam versuchte Carla Blake, ihr brandneues Patenkind auf dem Arm zu halten, während sie in die Kamera lächelte und sich darauf konzentrierte, den unruhigen elf Monate alten Jungen nicht fallen zu lassen. Josh war der Sohn ihrer besten Freundin Georgie von deren Ehemann Finn. Carla posierte zwar erst seit ein paar Minuten, aber ihr taten jetzt schon die Arme weh, ihre Gesichtsmuskeln schmerzten, und ihr dröhnte der Schädel.

Nicht, dass sie sich nicht für Georgie und Finn oder über diesen Anlass freute. Sie war sogar überglücklich, Joshs Patentante zu sein, und Georgie hatte eine Zeit lang so viel durchgemacht, dass sie ihr jetziges Glück mehr als verdiente. Finn war ein toller Mann – er war nicht nur umwerfend attraktiv, sondern las seiner Frau jeden Wunsch von den Augen ab. Und ihr seinem dunkelhaarigen und blauäugigen Vater wie aus dem Gesicht geschnittener Sohn war einfach nur süß.

Trotzdem war Carla nicht neidisch. So bilderbuchperfekt diese Taufe bisher auch gewesen war – sie wollte nicht, was Georgie hatte. Sie könnte sich nichts Schlimmeres vorstellen, als die Lichter und den Trubel der Großstadt gegen ein Haus am Ende der Welt einzutauschen, ganz egal, wie schön es war. Ein Kind ließe sich noch nicht mal ansatzweise mit ihrer Karriere vereinbaren, und einen Ehemann oder Lebenspartner wollte sie erst recht nicht. Noch nicht mal einen Freund.

Unverbindliche Bettgeschichten? Gern. Aber alles Langfristige? Definitiv nicht! Sie hatte gar keine Zeit für so etwas. Ihre Freiheit und Unabhängigkeit waren ihr einfach zu wichtig, um Kompromisse zu machen. Ehrlich gesagt konnte sie sich nichts Schlimmeres vorstellen, als sich emotional wieder von einem Mann abhängig zu machen. Abgesehen davon wüsste sie noch nicht mal, wie man eine Beziehung führt. Zumindest keine gesunde.

Nein, ihre innere Anspannung und ihre Kopfschmerzen waren einzig allein auf Stress und Erschöpfung zurückzuführen. Vor vierundzwanzig Stunden war sie nämlich noch in Hongkong gewesen und hatte das Ego eines widerstrebenden Managers gestreichelt, der viel zu lange dafür gebraucht hatte zu akzeptieren, dass die einzig infrage kommende Reaktion seiner Firma auf die massive Sicherheitslücke in ihren Kundendaten eine Entschuldigung an alle und eine großzügige Entschädigung für die unmittelbar Betroffenen war.

Nachdem er endlich eingewilligt und unterschrieben hatte, war Carla sofort zum Flughafen gehetzt, um in letzter Sekunde ihren Flieger zu erwischen. Nach ihrer Landung heute Morgen war sie dann rasch nach Hause geeilt, um sich umzuziehen, bevor sie die anderthalb Stunden ins idyllische Oxfordshire gefahren war, wo Finn und Georgie seit Kurzem lebten.

Aber all diesen Aufwand hatte sie gern betrieben, da Georgie und sie mehr als nur beste Freundinnen waren. Sie standen sich schon nahe, seit sie sich als Kinder in der Hippie-Kommune ihrer Eltern kennengelernt hatten, hatten gemeinsam sämtliche Herausforderungen der Pubertät gemeistert und einen Erziehungsstil überlebt, der an Vernachlässigung grenzte. Vor allem in Krisenzeiten waren sie immer füreinander da gewesen.

Carla spürte, dass sie der Jetlag allmählich einholte. Von Partystimmung keine Spur mehr. Es fiel ihr ungewöhnlich schwer, Small Talk zu halten, und die Hitze war erdrückend.

Aber nicht mehr lange, und sie konnte endlich nach Hause und sich erst mal ausruhen. Vielleicht würde sie sogar eine Woche Urlaub nehmen, um einem Burnout vorzubeugen. Aber bis dahin würde sie sich zusammenreißen und weiterlächeln, denn das hier war ein sehr wichtiger Tag für Georgie, und den durfte ihr nichts und niemand kaputtmachen.

Als der Fotograf Carla signalisierte, dass er fertig war, setzte sie Georgies Kleinen erleichtert ab und schüttelte erst mal ihre Arme aus, während der Kleine Richtung Festzelt wackelte, in dem gerade das Mittagessen serviert wurde. „Mein Patenkind ist so schlüpfrig wie ein Aal“, rief sie Georgie zu, die ein paar Meter weiter weg stand.

Georgie kam zu ihr und sah ihrem Sohn lächelnd hinterher. „Er kann erst seit einer Woche laufen, und jetzt will er natürlich üben“, erklärte sie. „Ununterbrochen.“

Carla beobachtete, wie Josh hinfiel, ohne zu jammern, wieder aufstand und weiterlief. Ihre Belustigung verwandelte sich in Bewunderung. „Er lässt sich wirklich von nichts abhalten.“

„Tja, er kommt eben ganz nach seinem Vater.“

„Wie geht es Finn eigentlich?“

Georgies Lächeln erlosch. Sie runzelte die Stirn. „Schlecht, auch wenn er nach außen hin so tut, als sei alles bestens.“

„Immer noch keine Neuigkeiten?“

Letztes Jahr hatte Finn herausgefunden, dass er mit einem halben Jahr adoptiert worden war und hatte viel Geld in die Nachforschungen nach seinen Wurzeln gesteckt. Im März hatte er dann erfahren, dass er in Argentinien geboren worden war und Drillingsbrüder hatte, aber seitdem stockten die Ermittlungen.

Georgie schüttelte seufzend den Kopf. „Nein.“

„Das muss echt total frustrierend sein.“

„Kann man wohl sagen. Finn meint zwar, es sei ihm egal, weil er inzwischen uns hat, aber mir kann er nichts vormachen. Die Ungewissheit macht ihn fertig.“

Georgie litt natürlich mit, wie Carla wusste. Sie sah ihre beste Freundin nur sehr ungern leiden. Wenn sie doch nur irgendetwas tun könnte! „Hat man denn schon alle Optionen ausgeschöpft?“

„Die Privatdetektei bleibt am Ball, aber die bisher einzige Spur verlief leider im Sand.“

„Kann ich euch vielleicht irgendwie helfen? Mit einer PR-Kampagne zum Beispiel?“

Georgie schüttelte den Kopf. „Ich fürchte nein. Danke übrigens, dass du trotz deines Arbeitsstresses heute gekommen bist.“

„Es gibt keinen Ort, an dem ich jetzt lieber wäre“, sagte Carla, und das war ihr voller Ernst, trotz der anstrengenden letzten vierundzwanzig Stunden. „Die Feier ist wirklich schön. Außerdem weißt du doch, wie gern ich Partys mag.“

Und das hier war eindeutig eine sehr gelungene Party. Kein Wölkchen trübte den strahlend blauen Himmel. Die blassgoldenen Steine des Hauses leuchteten in der Junisonne, die sich in den Sprossenfenstern spiegelte. Der Rasen breitete sich von der Terrasse aus wie ein smaragdgrüner Teppich, die Hecken waren perfekt geschnitten, der in Strömen fließende Champagner und die Saftschorlen wurden von köstlichen Kanapees aufgesaugt, und die Gäste unterhielten sich ausgelassen.

„Ich gehe mal nach dem Mittagessen sehen“, sagte Georgie, als ihr die Caterin vom Festzelt aus winkte. „Darf ich dich kurz allein lassen?“

„Natürlich“, sagte Carla lächelnd, während sie den Blick geistesabwesend über die elegant gekleideten Gäste schweifen ließ. Nur gut, dass sie sich absolut nicht nach einem perfekten Idyll wie dem hier sehnte, sonst würde sie jetzt vor Neid platzen.

Plötzlich fiel ihr etwas ins Auge oder vielmehr jemand. Im Schatten der Bäume hinter der Hecke lehnte ein Mann gegen einen Baum. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt, und irgendetwas an seiner Körperhaltung und der Art, wie er die Szenerie beobachtete – missmutig geradezu –, ließ bei ihr sofort sämtliche Alarmglocken schrillen. Rasch hielt sie Georgie an einem Arm fest. „Warte mal!“

„Was ist?“, fragte Georgie überrascht.

„Sind alle gekommen, die du eingeladen hast?“

Georgie nickte.

„Erwartet ihr noch jemanden?“

„Nein.“

„Wer ist dann der Mann da drüben?“

Georgie folgte Carlas Blick und runzelte verwirrt die Stirn. „Keine Ahnung. Vorhin war er noch nicht da.“

„Soll ich mal hingehen und ihn fragen, was er will?“

„Würdest du das wirklich tun?“

„Na klar.“ Potenzielle Gefahren schon im Vorfeld zu erkennen und zu eliminieren gehörte schließlich zu ihrem Job.

„Okay, danke. Ruf mich, falls du Unterstützung brauchst.“

„Mach ich.“

Man hatte ihn anscheinend entdeckt.

Federico Rossi sah das daran, dass die Blondine, die sich gerade noch lebhaft mit der brünetten Frau unterhalten hatte, plötzlich erstarrte und in seine Richtung sah, bevor sie ihre Gesprächspartnerin auf ihn aufmerksam machte. Nach einem kurzen Wortwechsel und einem raschen Nicken marschierte sie direkt auf ihn zu, wobei sie trotz ihrer hochhackigen Schuhe bemerkenswert schnell vorankam.

Sie war schlank und langgliedrig, und ihre Hüften schwangen anmutig im Gehen. Das Oberteil ihres roten ärmellosen Kleides schmiegte sich eng um ihren wohlgeformten Oberkörper, und der schwingende knielange Rock lenkte seine Aufmerksamkeit auf ihre langen Beine. Sie zeigte zwar nicht besonders viel Haut, aber ihre Kurven waren spektakulär, und die sinnliche Geschmeidigkeit, mit der sie sich bewegte, war absolut faszinierend.

Aber Rico war nicht hier, um weibliche Gesellschaft zu finden. Er war gekommen, um einen gewissen Finn Calvert zu sehen und herauszufinden, ob sein Verdacht berechtigt war oder nicht. Nichtsdestotrotz war es beruhigend zu wissen, dass der Anblick einer schönen Frau immer noch Wirkung auf ihn hatte. Vor drei Monaten hatte er nämlich einen schweren Unfall gehabt, nach dem lange unklar gewesen, ob er je wieder würde laufen können, geschweige denn körperlich auf eine Frau reagieren.

Doch dank seiner Willenskraft und Entschlossenheit sowie jener Resilienz, die er sich nach dem plötzlichen Tod seiner Eltern in den Straßen von Venedig angeeignet hatte, hatte er allen medizinischen Prophezeiungen getrotzt.

Je näher die Frau kam und je besser er ihr Gesicht erkannte, desto mehr fiel ihm auf, dass sie nicht nur attraktiv war. Sie war geradezu umwerfend schön. Ihr blondes Haar, das ihr herzförmiges Gesicht umrahmte, leuchtete golden in der Sonne, und ihre grünlichen Augen, aus denen sie ihn unverwandt ansah, waren von vollen dunklen Wimpern umrahmt. Er hätte den Blick noch nicht mal von ihr losreißen können, wenn er gewollt hätte.

Ihr Anblick hatte eine solche Wirkung auf ihn, dass er schlagartig alles andere vergaß – nur noch aus Verlangen bestand, das sein Blut erhitzte und seinen Puls beschleunigte. Seine Muskeln spannten sich instinktiv an. Trotz der missbilligend zusammengepressten Lippen der Frau verspürte er den fast unwiderstehlichen Wunsch, sie zu sich unter den Baum zu ziehen, gegen den Stamm zu pressen und herauszufinden, wie ihre Lippen schmeckten. So etwas war ihm bisher noch nie passiert.

Er hatte jedoch keine Zeit, darüber nachzudenken, was das alles zu bedeuten hatte. Er musste sich dringend zusammenreißen, denn das hier war weder der richtige Zeitpunkt noch der passende Ort, um herauszufinden, wie gut er sich von seinem Unfall erholt hatte.

Er schob seine Sonnenbrille hoch, löste sich lässig vom Baumstamm und schob die Hände in die Jeanstaschen. Als er aus dem Schatten ins Sonnenlicht trat, ignorierte er den Schmerz, der ihm durchs rechte Bein schoss.

Die Frau blieb abrupt stehen und starrte ihn schockiert aus schimmernden grünen Augen an. Sie wurde ganz blass, als sie ihn von Kopf bis Fuß musterte, und ein erschrockenes Aufkeuchen entrang sich ihren leicht geöffneten Lippen. „O mein Gott“, hauchte sie auf eine Art, die ihm für einen Moment den Verstand vernebelte und seinen Kopf mit heißen Fantasien von ihr in seinem Bett überflutete – trotz seines Vorsatzes, sich gegen ihre weiblichen Reize zu verhärten.

„Nicht ganz“, sagte er gedehnt.

„Wer sind Sie?“

„Federico Rossi. Meine Freunde nennen mich Rico.“ Zumindest würden sie das tun, wenn ich welche hätte.

„Wo kommen Sie her?“

Ursprünglich? Keine Ahnung? Aber wen interessierte das schon? Ihn jedenfalls nicht. „Aus Venedig.“

„Und wie sind Sie hier reingekommen?“

„Das war völlig unproblematisch. Jemand hat das Tor offen gelassen.“

„Ja, für das Personal!“

„Finn sollte besser auf die Security achten.“

„Ich werd’s ihm ausrichten.“ Wieder musterte sie ihn von Kopf bis Fuß. „Ich kann’s immer noch nicht fassen“, sagte sie kopfschüttelnd … und anziehend atemlos. „Was machen Sie hier?“

Gute Frage. Vordergründig, um seinen Verdacht zu bestätigen. Darüber hinaus hatte er leider keine Erklärung für seinen Spontantrip, was ziemlich verwirrend war. Er wusste nur, dass ihm Finn Calverts Foto in der Onlineausgabe der Finanzzeitung, die er im Krankenhaus durchgeblättert hatte, keine Ruhe mehr ließ.

Anfangs hatte er versucht, seinen Schock beim Anblick von Finns Gesicht zu ignorieren. Oder das seltsame und verstörende Gefühl, plötzlich ein wichtiges Teil seiner selbst wiedergefunden zu haben. Er hatte sich eingeredet, dass das alles kompletter Schwachsinn war, weil ihm erstens nichts fehlte und er zweitens alles hatte, was ein Mann nur begehren konnte. Dass er absolut nicht zu erfahren brauchte, warum ihm der Mann auf dem Bildschirm so erschreckend ähnlich sah.

Doch je mehr Zeit vergangen war, desto mehr hatte ihn die Frage gequält, ob er nicht vielleicht doch irgendwo da draußen einen Blutsverwandten hatte. Der Druck war schließlich so übermächtig geworden, dass ihm gar nichts anderes übriggeblieben war, als der Sache auf den Grund zu gehen.

Da seine Internetrecherchen nichts Weiteres ergeben hatten, hatte er eine Privatdetektei damit beauftragt, mehr über Finn Calverts Abstammung herauszufinden. Letzte Woche hatte er dann schließlich den nächsten Schock bekommen. Finn Calvert war nämlich am selben Tag geboren worden wie er. Was die Schlussfolgerung nahelegte, dass sie nicht nur blutsverwandt waren, sondern möglicherweise sogar Zwillingsbrüder. Er wusste nur nicht, was er mit dieser Information anfangen sollte.

Nicht dass er vorhatte, dieser Frau hier vor ihm auch nur irgendetwas davon mitzuteilen. Aber da ihm sonst keine vernünftige Erklärung einfiel, versuchte er es mit seinem charmantesten Lächeln. „Die Aussicht bewundern“, antwortete er gedehnt, während er sie wieder von Kopf bis Fuß musterte und dabei die sehr interessante Feststellung machte, dass der Puls an ihrem Hals raste und ihre Wangen verdächtig gerötet waren.

Ihm entging auch nicht, dass ihr Blick für einen flüchtigen Moment zu seinem Mund flackerte und ihre Augen sich verräterisch weiteten. Wenn ihn sein Eindruck nicht trog, stockte ihr sogar der Atem, und sie rückte etwas näher, wobei ihm prompt ihr schwindelerregender Duft in die Nase stieg. Wer weiß, vielleicht sollte er ihre explosive Wirkung auf ihn doch nicht unterdrücken, sondern das Beste draus machen. Er mochte keine Ahnung haben, warum er hier war, aber mit Sex kannte er sich aus.

Und da er seit zwölf Wochen keinen mehr gehabt hatte, vermisste er das aufregende Spiel von Anziehung, Chemie und Erfüllung. Hier bot sich vielleicht eine Gelegenheit, seinen Notstand zu beheben. Eigentlich hatte er zwar nicht über Nacht bleiben, sondern noch heute nach Venedig zurückkehren wollen, aber er war flexibel. Er konnte seine Pläne jederzeit ändern und diese Göttin hier zum Beispiel zum Abendessen in ein Londoner Restaurant einladen.

Und wenn sie offen dafür war, würde er sie hinterher mit in seine Penthouse-Wohnung nehmen, um mit ihr zu schlafen und rauszufinden, wie gut er sich von dem Base-Jumping-Unfall erholt hatte, der ihn fast umgebracht hatte. Zumindest wäre das ein wesentlich angenehmerer Zeitvertreib als sein seltsamer Besuch hier.

Die Frau vor ihm erholte sich enttäuschend schnell von ihrem anfänglichen Schock. „Ich meinte, was machen Sie hier unterm Baum?“, fragte sie so kühl und gefasst, dass es ihn absurderweise noch entschlossener machte, sie zu einem Date zu bewegen. Denn er wusste schließlich, was er gesehen hatte.

Und gehört.

„Was?“

„Was machen Sie hier draußen unter einem Baum? Was spricht gegen die Haustür?“

Ach so!

Rico hatte seinen Chauffeur vorhin gebeten, ihn am Ende der Schlange parkender Autos vor dem Haus rauszulassen, als er gesehen hatte, dass er anscheinend in eine Feier geplatzt war. Er hatte daraufhin beschlossen, erst mal die Lage zu checken. „Ohne Einladung bei irgendwelchen Feiern aufzutauchen ist nicht mein Stil.“

Sie hob die Augenbrauen. „Aber in der Nähe herumlungern schon?“

„Herumlungern? Ich würde sagen, aus der Ferne beobachten trifft es besser.“ Anscheinend hätte er sich besser verstecken müssen. Jetzt hatte er seine Chance vertan, unbemerkt wieder zu verschwinden.

„Ich nehme an, Sie sind wegen Finn hier?“

„Korrekt“, bestätigte er und schenkte ihr wieder ein charmantes Lächeln. Zu seiner Befriedigung wanderte ihr Blick erneut zu seinen Lippen.

„Er ist Ihr Bruder, stimmt’s?“

„Schon möglich.“

„Am besten kommen Sie erst mal mit.“ Sie drehte sich um und ging zum Haus zurück.

Als Carla sich auf den Weg zu dem Fremden gemacht hatte, waren ihr alle möglichen Erklärungen durch den Kopf geschossen, wer er sein könnte. Ein neugieriger Nachbar vielleicht oder ein geldgieriger Paparazzo. Oder womöglich jemand mit finsteren Absichten. Finn war Milliardär und besaß jede Menge Hotels, Restaurants und Nachtclubs, sodass die Gefahr von Joshs Entführung immer im Raum stand. Nur eins hätte sie nie vermutet: dass es sich bei dem Unbekannten um einen von Finns verschwundenen Brüdern handeln könnte.

Denn dass er Finns Bruder war, war offensichtlich.

Es konnte gar nicht anders sein.

Die beiden sahen nämlich quasi identisch aus.

Na ja, fast. Sie hatten die gleiche Augen- und Haarfarbe und die gleiche Figur und Körpergröße, aber Finn hatte keine Narbe im Gesicht. Er hatte auch keine schiefe Nase, und sein Englisch war akzentfrei. Außerdem war er nicht so sonnengebräunt und mager.

Abgesehen davon war die Ähnlichkeit geradezu unheimlich. Es war ihr daher unbegreiflich, dass dieser Mann eine so unerwartet starke körperliche Wirkung auf sie hatte, während sie für Finn lediglich freundschaftliche Zuneigung empfand.

Lag es an der lässigen Selbstsicherheit, die der Mann ausstrahlte? An seiner tiefen, dunklen und unfassbar sexy Stimme? An seiner etwas gefährlichen Ausstrahlung? Denn obwohl er sich nach außen hin entspannt und locker gab, hatte sie irgendwie den Eindruck, dass er grundsätzlich bekam, was er wollte.

Jedenfalls war es ihr nach dem ersten Schock beim Anblick seines sexy Lächelns ganz heiß geworden, und als er sie dann langsam von Kopf bis Fuß gemustert hatte, war sie förmlich in Flammen aufgegangen. Sie hatte sogar den sehr beunruhigenden Impuls unterdrücken müssen, auf ihn zuzugehen und ihn zu küssen.

Gott sei Dank hatten sich ihr gesunder Menschenverstand und ihr Selbstschutzinstinkt gerade noch rechtzeitig wieder eingeschaltet und sie davon abgehalten, irgendwelche Dummheiten zu machen. Trotzdem fand sie das, was sich gerade zwischen ihnen abgespielt hatte, irgendwie verstörend.

Seit sie erwachsen war, hatte sie sich nicht mehr von ihren Emotionen lenken lassen, wenn es um das andere Geschlecht ging. So etwas war ihr bisher nur als Teenager passiert – eine Erfahrung, die sie für den Rest ihres Lebens kuriert hatte. Bei Rico Rossi würde sie daher keine unnötigen Risiken eingehen, dazu schien der Mann viel zu gefährlich.

Sie beschloss, mit Finns Doppelgänger einen Bogen um das Festzelt zu machen, um ihn von den Gästen fernzuhalten und etwaiges Aufsehen zu vermeiden. Stattdessen würde sie ihn ins Arbeitszimmer bringen und Finn dann die positive Neuigkeit mitteilen, dass einer seiner Brüder überraschend aufgetaucht war.

Und dann war sie Rico Rossi endgültig los.

„So, jetzt wissen Sie, wer ich bin.“ Er passte seine Schritte ihrem Tempo an, wobei er ihr so nahe kam, dass ihr sein schwindelerregender männlich-würziger Duft in die Nase stieg. Sie bräuchte nur eine Hand auszustrecken, um ihn zu berühren, was sie natürlich nicht tun würde. „Und wer sind Sie?“

„Carla Blake.“

„Carla …“, wiederholte er gedehnt und rollte dabei so sexy das R, dass ihr ein lustvoller Schauer über den Rücken rieselte. Sie beschloss, nur noch durch den Mund zu atmen und starr geradeaus zu sehen, um seine zerstörerische Auswirkung auf ihre Sinne zu verringern. Und schneller zu gehen. Je eher sie ankamen, desto besser!

„Was wird hier eigentlich gefeiert?“

„Eine Taufe. Die Ihres mutmaßlichen Neffen. Ich bin die Patentante. Georgie, Joshs Mutter und wahrscheinlich Ihre Schwägerin, ist meine beste Freundin.“

„Eine Familienfeier also“, murmelte er.

Seinem missmutigen Tonfall nach zu urteilen, schien er nicht besonders auf Familienfeiern zu stehen, aber das brauchte sie nicht zu interessieren. „Stimmt.“

„Schöner Tag für so etwas.“

„In der Tat.“

„Ein schöner Tage für viele Dinge.“

„Zum Beispiel?“

„Neue Bekanntschaften zu schließen.“

„Sie meinen Ihren Bruder und seine Familie.“

„Nein, ehrlich gesagt meine ich Sie, tesoro.“

Carlas Unterleib verkrampfte sich lustvoll beim Klang seiner heiseren Stimme und seines verführerischen Tonfalls. Flirtete er etwa mit ihr? Bei der Vorstellung beschleunigte sich wieder ihr Herzschlag. Als sie ihn mit einem nervösen Blick streifte, sah er sie so intensiv aus glitzernden Augen an, dass es sie fast umhaute. „Ich habe schon genug Bekannte“, antwortete sie atemloser, als ihr lieb war.

„Auch welche wie mich?“

Attraktiv genug, um ihr fast den Verstand und die Selbstbeherrschung zu rauben? Mit einem Lächeln, dessen Wirkung sie sich kaum entziehen konnte? Nein, Gott sei Dank nicht!

„Einen oder zwei“, log sie.

Sein wissender, selbstgefälliger Gesichtsausdruck verriet ihr, dass er ihr kein Wort glaubte, aber ob zu Recht oder nicht – seine Arroganz reichte, um sie wieder einigermaßen zur Vernunft zu bringen.

Genug ist genug, schärfte sie sich ein, als sie ihn zu einer Lücke in der Hecke führte. Das hier war ja geradezu lächerlich! Sie wurde nie nervös in Gegenwart eines Mannes. Niemals! Sie blieb auch in den schwierigsten Krisensituationen immer cool. Sie war ein Fels in der Brandung. Auf keinen Fall war sie das willenlose Opfer ihres eigenen Verlangens oder sonst irgendwie hormongesteuert, ganz egal, wie groß die Versuchung war.

Rico ließ ihr den Vortritt, als sie durch die Hecke gingen. „Was haben Sie vor, wenn die Feier vorbei ist?“

„Nach Hause fahren und mich ausruhen“, antwortete sie kurz angebunden, wobei sie darauf achtete, ihn nicht im Vorbeigehen irgendwo zu streifen.

Rico folgte ihr. „Klingt nicht gerade nach Spaß.“

Sie zuckte die Achseln. „Mag sein.“

„Ich kann mir erheblich angenehmere Dinge vorstellen.“

Wie auf ein Stichwort schoss ihr die Fantasie durch den Kopf, wie Rico sie in den Schatten der Hecke zog, in die Arme nahm und heiß küsste. Frustriert biss sie die Zähne zusammen, als ihre Körpertemperatur sofort hochkletterte. „Daran habe ich keinen Zweifel“, erwiderte sie spröde. „Aber ich werde es trotzdem tun.“

„Was ist mit Abendessen?“

„Toast“, erwiderte sie kurz angebunden. „Vielleicht bin ich sogar so extravagant, eine Avocado drauf zu verstreichen.“

„Ich meinte ein Abendessen mit mir.“

„Ist mir klar.“

„Und?“

Kopfschüttelnd steuerte sie auf die Seitentür des Hauses zu. „Nein.“

„Dann ein andermal?“

„Nein.“

„Sind Sie verheiratet?“

„Nein.“

„Haben Sie einen Freund?“

„Nein.“

„Freundin?“

„Nicht mein Ding.“

„Warum wollen Sie dann nicht?“

Carla riss die Tür auf und marschierte ins Haus. „Brauche ich denn einen Grund?“

„Sie haben keinen, oder?“, fragte er, wobei ihm das Kunststück gelang, zugleich aufrichtig neugierig und unglaublich eingebildet zu klingen.

Klar hatte sie einen! Dass seine Einladung zum Essen viel zu verlockend war. Und dass sie aus Erfahrung wusste, wie riskant es war, sich auf Männer einzulassen, die so von sich selbst überzeugt waren wie er, so faszinierend sie auch sein konnten.

Sie wusste nämlich auch, was passierte, wenn man ihrem Charme und ihren Manipulationskünsten erlag. Dass man dann irgendwann nicht mehr zwischen Richtig und Falsch unterscheiden konnte und sich selbst verlor. Dass man sich dazu bringen ließ, schlechte Entscheidungen zu treffen, und sich auch noch einredete, glücklich damit zu sein.

Aber diesen Fehler würde sie nicht noch mal machen! Sie war zufrieden mit ihrem Leben, wie es war, und würde sich das von niemandem kaputtmachen lassen. Nie wieder wollte sie einem Mann gegenüber schwach und hilflos sein oder sich dazu überreden lassen, aus „Liebe“ auf ihre Freiheit und Unabhängigkeit zu verzichten.

Aber da sie nicht die Absicht hatte, Rico auch nur irgendetwas davon mitzuteilen, verdrängte sie die Erinnerungen an jene längst zurückliegende, aber traumatische Zeit. „Haben Sie etwa noch nie ein Nein gehört?“, konterte sie.

„Nein.“ Er schloss die Tür hinter sich und folgte Carla durchs Haus. „Aber das tut hier nichts zur Sache. Sie finden mich genauso anziehend wie ich Sie, bellissima, das merke ich. Ein gemeinsames Abendessen könnte sehr interessant werden – für uns beide.“

Sie verkrampfte sich wieder – wie immer, wenn ein Mann ihr ein Kompliment machte, und vor allem, wenn es mit bestimmten Erwartungen verknüpft war. Sie stand nicht für die Art Spaß zur Verfügung, die Rico vorschwebte, ganz egal, wie sehr sie sich zu ihm hingezogen fühlte. „Suchen Sie sich ein anderes Opfer.“

„Ich will aber keine andere. Nur Sie.“

„Haben Sie nicht gerade ganz andere Probleme? Einen wiedergefundenen Bruder zum Beispiel?“

„Ich bin ausgezeichnet im Multitasken.“

Diesmal gelang es Carla Gott sei Dank, die von seinen Worten angefachten Fantasien sofort im Keim zu ersticken. „Meine Antwort ist immer noch Nein, und daran wird sich auch nichts ändern.“

Er griff in seine hintere Jeanstasche und zog eine Brieftasche heraus, um ihr eine Visitenkarte zu entnehmen. „Hier ist meine Nummer, falls Sie Ihre Meinung doch noch ändern.“

Carla nahm die Karte, beschloss jedoch, sie gleich im nächsten Mülleimer zu entsorgen. „Vergessen Sie’s.“

„Autsch!“

„Sie werden darüber hinwegkommen.“

Carla öffnete Finns Arbeitszimmertür und trat einen Schritt zur Seite. „So, da wären wir.“ Sie konnte es kaum erwarten, dem gefährlich sinnlichen Netz zu entkommen, das Rico mit seiner Hartnäckigkeit um sie spann. „Gehen Sie rein und warten Sie hier, während ich Finn hole. Er wird bestimmt überglücklich sein, wenn er von Ihnen erfährt. Er sucht nämlich schon seit Monaten nach Ihnen. Seine Familie bedeutet ihm alles, also rühren Sie sich nicht vom Fleck.“

2. KAPITEL

Während Rico dem immer leiser werdenden Klang von Carlas hohen Absätzen auf den Eichendielen lauschte, zweifelte er keine Sekunde daran, dass er schnell über ihre Abfuhr hinwegkommen würde. Schon möglich, dass er ein bisschen gekränkt war, aber auf keinen Fall war er enttäuscht, weil ihm jetzt die Chance entging, die umwerfend schöne und unglaublich sexy Carla Blake besser kennenzulernen.

Emotionen wie Enttäuschung waren ihm fremd. Genauso wie Bedauern. Im Grunde hatte er gar keine Emotionen. Es interessierte ihn daher auch nicht die Bohne, warum Carla nicht mit ihm essen gehen wollte, obwohl sie noch nicht mal versucht hatte zu leugnen, dass sie ihn genauso attraktiv fand wie er sie. Außerdem – so faszinierend war sie nun auch wieder nicht. Bildschön, ja, aber das Gespräch mit ihr war eher mäßig interessant gewesen.

Nein, er würde ihr Nein genauso schnell vergessen wie ihre überraschend heftige körperliche Wirkung auf ihn. Oder den Anblick ihrer sinnlichen Lippen, die er nur zu gern geküsst hätte … oder ihre magnetische Körperwärme, ihren Duft … ihren spröden Widerstand, der sein Blut mehr in Wallung brachte, als es je gewallt hatte …

Wenn er es recht bedachte, ließ ihre Wirkung auf ihn jetzt schon nach, denn seine Umgebung geriet mehr und mehr in seinen Fokus. Er spürte zum Beispiel plötzlich, wie angenehm kühl es hier war, und hörte das von draußen hereindringende Besteckklappern, Korkenknallen und Stimmgewirr …

Sein Unbehagen von vorhin kehrte nicht nur mit voller Wucht zurück, sondern schien sich sogar noch zu vervielfachen. Das Zimmer kam ihm auf einmal klaustrophobisch eng vor. Überall, wo er hinsah, waren Fotos – auf dem Schreibtisch, in den Regalen, an den Wänden. Auf allen war der Mann aus dem Internetartikel zu sehen, der bis auf die fehlende Narbe und die gerade Nase Ricos Doppelgänger sein könnte – manchmal eng umschlungen mit einer schönen dunkelhaarigen Frau, manchmal mit einem kleinen Kind, aber meistens mit beiden zusammen.

Und auf allen lächelten sie auf Teufel komm raus oder lachten sogar. Sie wirkten so entspannt, so glücklich. Als hätten sie kein Problem mit Emotionen. Als wäre ihre Zusammengehörigkeit für sie selbstverständlich – gefestigt durch jede Menge gemeinsamer Erinnerungen. Bei dem Anblick überkam Rico ein Gefühl der Beklemmung, das sich fast zu Übelkeit steigerte.

All das hier war ihm vollkommen fremd. Seit er in seiner Jugend vier Jahre auf der Straße gelebt hatte, wusste er, dass Emotionen einen nur schwach und angreifbar machten. Empfänglich für Manipulation und Missbrauch statt menschlicher Nähe und Bindung. Und soweit er wusste, erforderten Beziehungen von Letzterem beides und noch dazu Kompromisse und gegenseitiges Verständnis, was er alles nicht bieten konnte.

Er und sein Bruder mochten gleich aussehen, doch es war offensichtlich, dass sie bis auf ihre DNA nichts gemeinsam hatten. Den Fotos hier nach zu urteilen, fehlte Finn auf jeden Fall Ricos knallharter Zynismus. Er schien geradezu ein fröhlicher Mensch zu sein, kein Einzelgänger, der die Menschen und das Rampenlicht scheute. Er hatte Familie und Freunde. Ein reiches, erfülltes Leben.

Anscheinend waren sie nicht nur in verschiedenen Ländern, sondern auch sonst in völlig unterschiedlichen Welten aufgewachsen. Finn hatte offensichtlich kein großes, klaffendes Loch, wo eigentlich sein Herz sein sollte. Er hatte auch nicht die entscheidenden Jahre seiner Entwicklung damit verbracht, ums nackte Überleben zu kämpfen.

Rico bezweifelte zudem, dass Finn Mitglied einer Gang geworden war, nur um irgendwo dazuzugehören, und daraufhin zu schrecklichen Dingen gezwungen gewesen war. Oder dass man ihn eiskalt im Stich gelassen hatte, als es brenzlig geworden war.

Es war ein Fehler, hierherzufahren, dachte er grimmig. Es war ein Fehler gewesen, auf sein Bauchgefühl zu hören und eine Reise anzutreten, von der ihm seine Ärzte sowieso strikt abgeraten hatten.

Aber er war einfach seinem Impuls gefolgt, ohne an die Konsequenzen zu denken. Hinterher war man natürlich immer schlauer. Carlas letzte Bemerkung, dass Finn ein Familienmensch war und schon seit Monaten nach ihm suchte, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er hatte kein Interesse an irgendeiner sentimentalen Wiedervereinigung oder dem Austausch von Lebensgeschichten. Schon allein bei der Vorstellung bekam er das Kotzen.

Er brauchte niemanden, schon gar keinen Bruder, von dem er bis vor Kurzem nie etwas gewusst hatte. Was man nicht kannte, konnte man schließlich auch nicht vermissen, oder?

Finn mochte ja ein Familienmensch sein, aber Rico wusste noch nicht mal, was Familie war. Er war fast sein ganzes Leben lang allein gewesen. Er kannte es gar nicht anders. Der Einzige, auf den er sich verlassen konnte, war er selbst. Aber so war er wenigstens von niemandem abhängig, und kein Mensch war abhängig von ihm. Das ersparte einem eine Menge Leid.

Er gehörte einfach nicht hierher – in dieses schöne Haus voller schöner Menschen, die ein schönes Leben führten. Er würde sie nur runterziehen. Er gehörte nirgendwohin und würde auch nie irgendwohin gehören. Was hätte er schon von einer Begegnung mit Finn? Er wusste alles, was er hatte wissen wollen. Es gab absolut keinen Grund, zu bleiben.

Wenn er jetzt ging, könnte er in einer halben Stunde in seinem Privatjet sitzen und noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder zu Hause sein. Und dann würde er den heutigen Tag einfach vergessen und das Leben wieder aufnehmen, das er vor seinem Unfall geführt hatte.

Ja, genau das würde er tun!

„Was soll das heißen, er ist weg?“, fragte Carla erschrocken. Sie und Georgie saßen am Tisch im Festzelt, der gerade abgeräumt worden war, und jetzt für die Kaffeetafel gedeckt wurde.

„Na ja, er ist nicht mehr da“, antwortete Georgie ratlos. „Er ist nirgendwo zu finden. Finn hat gerade das ganze Haus und das Grundstück abgesucht.“

Mit zitternder Hand stellte Carla ihre Kaffeetasse ab. „Aber ich habe ihn doch selbst ins Arbeitszimmer gebracht. Er kann doch nicht einfach gegangen sein.“

„Es sieht ganz danach aus.“

„Hat er denn keine Nachricht hinterlassen?“

Georgie schüttelte niedergeschlagen den Kopf. „Nein, nichts. Ich wünschte, er wäre gar nicht erst gekommen. Jemandem die Karotte quasi vor die Nase zu halten und dann einfach wegzunehmen …“ Ihre Gesichtszüge verhärteten sich. „Wie kann man nur so grausam sein? Warum hat er nicht auf Finn gewartet? Warum wollte er uns nicht kennenlernen? Ich hatte mir schon gemeinsame Weihnachten und Geburtstage ausgemalt. Es wäre so schön gewesen …“ Sie seufzte tief. „Tja, schön dumm von mir.“

Georgie ist hier nicht die Dumme, sondern ich, dachte Carla schuldbewusst. Sie hatte anscheinend alles falsch gemacht. Und das aus reiner Selbstsucht.

Unter allen anderen Umständen hätte sie Rico nämlich nie einfach so in Finns Arbeitszimmer allein gelassen. Sie hätte alles abgewogen, was sie von ihm erfahren hatte, so wenig es auch war, und sämtliche Eventualitäten berücksichtigt. So etwas gehörte schließlich zu ihrem Job – einem Job, den sie schon seit fast zehn Jahren angeblich brillant ausübte.

Doch sie hatte nichts davon gemacht. Stattdessen hatte sie Rico gar nicht schnell genug ins Arbeitszimmer abschieben können, weil sie zu überwältigt von seiner Wirkung auf sie gewesen war, um noch klar zu denken. Zum ersten Mal seit Jahren hatte sie sich wieder von ihren Emotionen beherrschen lassen und damit alles ruiniert!

„Ich hätte ihn einschließen müssen“, sagte sie zerknirscht. „Es tut mir schrecklich leid.“

„Das war nicht deine Schuld, sondern seine“, widersprach Georgie ihr.

„Wie geht es Finn denn jetzt?“

„Er ist natürlich total fertig.“

„Kann man verstehen.“ Carla fühlte sich schrecklich schuldig.

„Vielleicht braucht er einfach noch etwas Zeit?“

„Mag sein.“

„Uns bleibt wahrscheinlich nichts anderes übrig, als abzuwarten, ob er sich wieder meldet.“ Georgie zuckte so hilflos die Achseln, dass es Carla ins Herz schnitt. „Wir haben schließlich keine Kontaktdaten. Wir können nur Alex mitteilen, was wir erfahren haben, und sie weitersuchen lassen.“

Stimmt, das konnten sie tun. Immerhin hatten sie jetzt einen Namen. Alex Osborne von Osborne Investigations, die Finn mit der Suche nach seinen Brüdern beauftragt hatte, würde bestimmt mehr herausfinden.

Aber Carla konnte mehr bieten als das.

Denn Georgie irrte sich.

Carla hatte seine Kontaktdaten – seine Handynummer nämlich. Auf der Visitenkarte, die sie eigentlich hatte wegwerfen wollte, stattdessen jedoch aus irgendeinem ihr selbst unerfindlichen Grund in ihre Tasche gesteckt hatte. Aber letztlich waren die Gründe auch egal. Das Einzige, was zählte, war, dass sie jetzt die Möglichkeit hatte, ihn zu kontaktieren, was sie daher auch tun sollte. Denn wenn es Finn schlecht ging, ging es auch Georgie schlecht, und wenn es Georgie schlecht ging, ging es Carla schlecht. Ihre beste Freundin bedeutete ihr einfach viel zu viel, um ihr nicht zu helfen. Schließlich verdankte sie Georgie praktisch ihr Leben.

Carla war erst fünfzehn gewesen, als sie in die Fänge eines doppelt so alten Mannes geraten war. Als er gemerkt hatte, es mit einem naiven und verletzlichen Teenager zu tun zu haben, hatte er seine Chance gewittert und genutzt. Carla war damals so ausgehungert nach Aufmerksamkeit und Zuneigung gewesen, dass sie sein Interesse, seine Komplimente und die von ihm vorgetäuschte emotionale Nähe so dankbar aufgesaugt hatte wie ein Schwamm.

Also hatte sie ihm bereitwillig Fotos von sich geschickt, um die er sie bat, und sich so von ihm vereinnahmen lassen, dass sie immer öfter die Schule geschwänzt und mehr oder weniger den Kontakt zu ihren Freundinnen abgebrochen hatte. Als er ihr schließlich vorgeschlagen hatte, mit ihm wegzulaufen, war sie ihm schon so verfallen gewesen, dass sie sofort Ja gesagt hatte. Sie war sich so kultiviert vorgekommen, so erwachsen. Es war alles so schrecklich aufregend gewesen.

Wie unglaublich dumm sie damals gewesen war! Hätte Georgie sie nicht gerettet, hätte es ein schlimmes Ende mit ihr nehmen können. Carlas Nachfolgerin war nämlich nicht so glimpflich davongekommen. Sie war dem Psycho so hörig gewesen, dass sie sich das Leben genommen hatte, als er sie schließlich wegen einer Jüngeren verlassen hatte.

Seitdem misstraute Carla den Komplimenten von Männern, die versuchten, ihr näherzukommen. Es weckte instinktiv ihren Argwohn, wenn ein Mann sich plötzlich für sie interessierte, und, da sie sowieso nicht wusste, was in einer Beziehung normal war und was nicht, ging sie vorsorglich gar nicht erst eine ein und beschränkte sich stattdessen auf kurze, unverbindliche Bettgeschichten.

Wenigstens hatte sie dank ihrer besten Freundin und einer Psychologin wieder genug Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Auch weil sie inzwischen wusste, dass das, was passiert war, nicht ihre Schuld gewesen war.

So oder so, für Georgie würde sie alles tun. Auch wenn sie keine gemeinsame DNA hatten – im Geiste waren sie Schwestern. Im Grunde standen sie sich näher als jedes andere Geschwisterpaar, das Carla kannte. Also würde sie ihre persönlichen Vorbehalte gegen Rico Rossi einfach beiseiteschieben und ihrer Freundin helfen. Den Schaden wiedergutmachen, den sie angerichtet hatte.

Sobald sie zurück in London war, würde sie Rico anrufen und ihm mitteilen, dass sie doch mit ihm essen gehen würde. Im Restaurant würde sie dann versuchen, ihn zu einem Treffen mit seinem Bruder zu überreden, und sollte das nicht klappen, würde sie ihn so ausquetschen, dass sie Finn zumindest mit weiteren Informationen über seinen Bruder versorgen konnte.

Ricos verheerende Wirkung auf sie würde sie einfach ignorieren. Rückblickend betrachtet hatte sie vorhin vermutlich überreagiert. Er stellte keine echte Bedrohung für sie dar. Er war nur irgendein Mann. Ein besonders anziehendes Exemplar der Spezies zwar, aber gegen Äußerlichkeiten war sie immun. Sie interessierte sich weder für seine tollen blauen Augen noch für seinen intensiven Blick, und sie würde schnell wieder vergessen, wie toll er gebaut war und wie geschmeidig und sexy er sich bewegte.

Sie war schließlich kein unschuldiger und liebeshungriger Teenager mehr, der nach Abenteuern und Romantik dürstete. Sie war inzwischen älter, erfahrener und stärker und daher ohne Weiteres in der Lage, ihm zu widerstehen, sollte er versuchen, sie ins Bett zu kriegen. Außerdem handelte es sich ja nur um ein Abendessen.

„Mir fällt gerade etwas Besseres ein“, sagte sie zu Georgie. „Überlass die Sache ruhig mir.“

Je höher Ricos Flugzeug stieg, desto freier schien er wieder atmen zu können. Erleichtert stellte er fest, dass er noch mal davongekommen war. Er brauchte keinen Bruder. Er war zufrieden mit seinem Leben, so, wie es war.

Oder zumindest war er damit zufrieden gewesen, bis der Unfall ihm nicht nur fast sämtliche Knochen gebrochen, sondern anscheinend auch eine Art Kurzschluss in seinem Gehirn ausgelöst hatte. Was zum Teufel war in den letzten Wochen bloß mit ihm los gewesen?

Klar, im Krankenhaus hatte er viel zu viel Zeit zum Nachdenken gehabt und war meistens zu zugedröhnt vom Morphium gewesen, um zu arbeiten, aber das erklärte noch lange nicht, warum er sich von dem Foto eines potenziellen Familienangehörigen zu einer so irrationalen Handlung wie einem Spontantrip nach England hatte hinreißen lassen.

Aber mit solchen Bauchentscheidungen war von jetzt an Schluss! Sobald er in Venedig landete, würde er das Leben wiederaufnehmen, das er führte, seit er vor fünfzehn Jahren den Fängen der Gang entkommen war. Ein Leben frei von sämtlichen Bindungen. Allein war man viel besser dran. Schluss mit den Zweifeln und der Verwirrung!

Er würde auch aufhören, an Carla zu denken, die sowieso nichts von ihm wissen wollte. Es war daher völlig überflüssig, sich auszumalen, was alles hätte passieren können, wenn sie seine Einladung angenommen hätte. Oder von ihren tollen grünen Augen und ihren sinnlichen, küssenswerten Lippen zu fantasieren.

Sie war nicht die erste Frau, die er begehrt hatte, und sie würde ganz bestimmt nicht die letzte sein! Kein Mensch war unersetzlich. Er würde einfach eine seiner zahlreichen Bekannten anrufen, wenn er wieder zu Hause war. Es gab schließlich genug Frauen, die nur zu gern Zeit mit ihm verbringen würden.

Das Klingeln seines Handys riss ihn aus seinen Gedanken. Die Vorwahl war englisch, aber die Rufnummer kannte er nicht. Normalerweise ging er in so einem Fall nicht ran, aber in diesem Augenblick war er dankbar für jede Ablenkung. „Pronto?“

„Rico? Hi, hier ist Carla Blake. Wir haben uns vorhin kennengelernt, wissen Sie noch?“

Beim Klang ihrer Stimme machte sein Herz sofort einen Satz. Diese Stimme hüllte ihn ein wie Seide und entfachte sein noch nicht ganz ausgelöschtes Verlangen sofort von Neuem. Er sah wieder ihre Lippen vor seinem inneren Auge, konnte förmlich ihr Haar auf seiner nackten Haut spüren. Seine Fantasie war so intensiv, als sei Carla tatsächlich hier – direkt neben ihm und eng an ihn geschmiegt. Er wurde so hart, dass sich all seine Bemühungen, sie zu vergessen, in Luft auflösten.

„Wie könnte ich das je vergessen?“, fragte er gedehnt und lehnte sich in seinem Sitz zurück.

„Das hatte ich gehofft.“

„Warum?“

„Ich möchte doch mit Ihnen zu Abend essen.“

Das Glücksgefühl, das ihn durchzuckte, überraschte ihn selbst. Wahrscheinlich war das nur Genugtuung, weil sie ihm doch nicht widerstehen konnte. „Ich verstehe …“

„Natürlich nur, falls die Einladung noch steht.“

Eigentlich sollte er jetzt Nein sagen. Schließlich hatte er sich gerade eben noch vorgenommen, den heutigen Tag einfach abzuhaken und komplett aus seinem Gedächtnis zu streichen. Und sich ausgerechnet auf eine Frau einzulassen, die mit einem Bruder in Verbindung stand, mit dem er nichts zu tun haben wollte, würde das nicht gerade leichter machen.

Fakt war jedoch, dass er sie immer noch wollte. Sein Körper ließ keinen Zweifel daran.

Abgesehen davon war er neugierig, was sie zu dieser plötzlichen Kehrtwende bewogen hatte, nachdem sie vorhin doch noch so beharrlich Nein gesagt hatte. Hatte sie ihre Chemie auch nicht vergessen können und daher beschlossen, sie auszuleben? So oder so wäre es dumm von ihm, sich eine Chance auf eine heiße Nacht entgehen zu lassen. Und die Oberhand über die Situation zurückzugewinnen konnte auch nicht schaden.

„Die steht noch“, sagte er. Ihm wurde ganz heiß bei der Vorstellung, sie schon bald wiederzusehen.

„Ausgezeichnet.“

„Warum die plötzliche Meinungsänderung?“

„Das verrate ich Ihnen, wenn wir uns sehen.“

„Ich kann’s kaum erwarten.“

„Wo soll ich hinkommen?“

„Zur Piccola Osteria.“

„Hm … Ich glaube nicht, dass ich die kenne“, sagte sie stockend. „Wo ist die?“

„In der Calle dell’Olio in Venedig.“

Ein kurzes verblüfftes Schweigen folgte. „Venedig?“, wiederholte sie etwas atemlos.

„Ja. Ich bin gerade auf dem Heimweg.“

„Jetzt schon?“

„Jederzeit aufbrechen zu können ist einer der Vorzüge, wenn man einen Privatjet hat“, erklärte er, während er seine Sitzposition veränderte. Er war so hart, dass es fast schmerzte. „Wenn Sie mit mir essen wollen, tesoro, müssen Sie nach Venedig kommen. Heute Abend. Danach verfällt meine Einladung nämlich. Die Entscheidung liegt ganz bei Ihnen.“

Carla, die in der kühlen Eingangshalle von Finns und Georgies Haus stand, wurde während des Telefonats abwechselnd heiß und kalt. Ihr ganzer Körper fühlte sich an wie unter Strom. Rico Rossis tiefe, männliche Stimme hatte wirklich eine unglaublich elektrisierende Wirkung auf sie.

Doch das war nichts im Vergleich zu der Schockreaktion, die seine letzten Worte in ihr auslösten. Sie war davon ausgegangen, seine Einladung einfach nur annehmen zu müssen, um ihn wiederzusehen. Aber Venedig? Heute Abend?!

Das ging doch nicht! Wie sollte sie das schaffen? Sie war völlig erledigt. Das Letzte, das sie jetzt gebrauchen konnte, war, schon wieder zum Flughafen zu hetzen. Und die Vorstellung, ohne jede Planung und Vorbereitung den halben Kontinent zu überqueren, nur um einen Mann zu sehen, den sie kaum kannte, widerstrebte ihr zutiefst. Das wäre total leichtsinnig, und ihren jugendlichen Leichtsinn hatte sie längst abgelegt. Es wäre verrückt, auch nur über Ricos Bedingung nachzudenken, was Georgie zweifellos genauso sehen würde, wenn sie davon wüsste.

Andererseits bezweifelte Carla, dass sie noch mal eine Gelegenheit bekommen würde, den von ihr angerichteten Schaden wiedergutzumachen. Wie sollte sie Rico umstimmen oder zumindest mit ihm im Gespräch bleiben, wenn sie seine Herausforderung nicht annahm?

Sie konnte jetzt keinen Rückzieher machen. Sie musste es zumindest versuchen. Schlimmer konnte die Situation auch nicht mehr werden, und den fehlenden Schlaf konnte sie immer noch nachholen, wenn sie wieder zu Hause war.

Klar widerstrebte ihr die Vorstellung zutiefst, sich dem Willen eines Mannes beugen zu müssen, aber letztlich war es ihre Entscheidung, ob sie nach Venedig flog oder nicht. Rico zwang sie zu nichts. Sie hatte hier die Kontrolle, und das war alles, worauf es ankam. Und selbst wenn nicht – ihrer besten Freundin zuliebe würde sie dieses Opfer bringen.

Das plötzliche Flattern in ihrem Magen und ihr rasender Puls hatten absolut nichts mit Nervosität zu tun. Oder Aufregung. Oder Vorfreude. Alles, was sie empfand, war die Last der Verantwortung, die jetzt auf ihren Schultern lag. Finn war in großer Sorge, dass Rico für immer aus seinem Leben verschwinden würde, und da sie das zu verantworten hatte, musste sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um das zu verhindern.

„Um wie viel Uhr soll ich da sein?“

3. KAPITEL

Um halb elf, eine halbe Stunde nach dem vereinbarten Zeitpunkt, stieg Carla mit ihrem Koffer aus dem Wassertaxi, das sie am Flughafen genommen hatte.

Als sie das Restaurant betrat, das Rico ihr genannt hatte, kam sie sich vor wie im falschen Film. Es war alles so surreal – die rasche Fahrt von Oxfordshire zu ihrer Wohnung und dann zum Flughafen. Der volle Flieger, in dem sie gerade noch einen Platz ergattert hatte. Und das seltsame Gefühl, unter Strom zu stehen vor lauter Aufregung.

Ein Energieschub war bei ihrem Jetlag zwar ganz hilfreich, aber eigentlich gab es keinen Grund, auch nur ansatzweise aufgeregt zu sein, schon gar nicht wegen des bevorstehenden Wiedersehens mit Rico.

Wachsamkeit, das schon. Entschlossenheit, ihre Mission zu vollenden, auch. Aber alles andere? Völlig überflüssig und unangebracht. Das hier war kein Date. Es war auch kein Kurzurlaub in einer romantischen Stadt, in der sie noch nie gewesen war. Das Treffen mit Rico war nichts weiter als ein Gespräch – eine Chance, an Informationen zu kommen und vielleicht einen Deal auszuhandeln.

Nachdem sie ihren Koffer an der Garderobe abgegeben hatte, folgte sie dem Kellner tief Luft holend auf die Terrasse, wobei sie sich zwang, sich nach außen hin cool und beherrscht zu geben. Sie durfte auf keinen Fall ihr Ziel aus den Augen verlieren.

Doch Ricos Anblick machte ihr einen gründlichen Strich durch die Rechnung. Er saß an einem Ecktisch und sah im Kerzenlicht unfassbar attraktiv und sexy aus. Als er ihrem Blick begegnete, schien für einen Moment die Welt stehen zu bleiben. Ihre Umgebung verschwand genauso wie das Besteckklappern und das Stimmgewirr der Gäste. Sie hörte nur noch das Hämmern ihres Herzens, spürte nur noch das heiße Pochen ihres Verlangens, als sie wie magisch zu ihm hingezogen auf ihn zuging.

Sie versuchte sich einzureden, dass das seltsame Flattern in ihrem Magen ihrem Hunger zuzuschreiben war oder der stressigen Reise oder ihrer Erleichterung, weil er trotz ihrer halbstündigen Verspätung noch auf sie wartete. Sie befürchtete jedoch, dass es einzig und allein mit dem faszinierenden Mann zusammenhing, der langsam aufstand, als sie näher kam, ohne sie auch nur für eine Sekunde aus den Augen zu lassen.

Als sie bei ihm ankam, beugte er sich vor. Während sie seinen männlichen, schwindelerregenden Duft einatmete, dachte sie für einen flüchtigen, atemlosen Moment, er wolle sie auf eine Wange küssen. Unwillkürlich wanderte ihr Blick zu seinen Lippen. Wie sie sich wohl auf ihrer Wange anfühlen würden? Fest oder weich? Würde sie in Flammen aufgehen oder erschauern oder beides?

Doch in letzter Sekunde runzelte er kaum merklich die Stirn und zog sich wieder zurück. Das Gefühl der Enttäuschung, das sie durchzuckte, war verstörend. Eigentlich müsste sie doch erleichtert sein.

Anscheinend musste sie sich wirklich vor ihm in Acht nehmen. So etwas hatte sie noch nie erlebt, und sie waren quasi in seinem Revier. Was war, wenn sie ihre eiserne Selbstbeherrschung verlor und ihrem so unpassenden wie unerwünschten Verlangen nachgab? Ein Ausrutscher, und alles, was sie sich so hart erkämpft und erarbeitet hatte, wäre wieder zerstört. Sie würde dann mehr als nur einen Fehler wiedergutmachen müssen.

Sie beschloss einmal mehr, sich auf den einzigen Sinn und Zweck dieses Treffens zu konzentrieren und die Wirkung, die Rico auf sie hatte, zu ignorieren, ganz egal, wie stark sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Aber vielleicht würde das ja nachlassen, wenn sie ihn erst mal besser kennenlernte.

„Buona sera“, sagte sie so kühl wie möglich, wobei ihre Stimme Gott sei Dank nichts von ihrem inneren Gefühlsaufruhr verriet.

„Sie sind spät dran.“ Er lächelte so entspannt, dass sie sich fragte, ob sie sich sein Unbehagen von gerade eben nur eingebildet hatte.

Sie nickte. „Der Verkehr war ganz schrecklich.“

„Samstagabend ist auf den Kanälen immer eine Menge los. Wie war die Reise?“

„Stressig“, antwortete sie und bedankte sich bei dem Kellner, der ihr ihren Stuhl hinschob. „Wie Sie sich bestimmt schon denken konnten, als Sie mich herbeordert haben.“

Rico setzte sich ebenfalls wieder hin und lehnte sich lässig zurück. Sein Lächeln vertiefte sich. „Und trotzdem sind Sie jetzt hier.“

„Das bin ich“, stimmte sie zu und hängte ihre Handtasche über die Rückenlehne ihres Stuhls. Sie hob die Augenbrauen. „So wie Sie, was mich ehrlich gesagt etwas überrascht.“

„Warum sagen Sie das?“

„Sie warten bestimmt nicht gern, oder?“

Er runzelte für einen Moment die Stirn, als wisse er nicht, wovon sie sprach, bevor seine Stirn sich wieder glättete und sein Lächeln zurückkehrte. „Für Sie mache ich gern eine Ausnahme.“

„Wie schmeichelhaft.“

„Wollen Sie etwas trinken?“

Himmel, ja! „Das wäre ganz wundervoll.“

„Was möchten Sie?“

„Whisky, per favore. Können Sie gleich einen doppelten bestellen?“

„Certo.“

„Grazie.“

Als Rico dem Kellner zunickte, spielte er mit dem Gedanken, nicht nur zwei doppelte Whisky, sondern gleich eine ganze Flasche zu bestellen. Er könnte die Stärkung weiß Gott gebrauchen. Er hatte sich nämlich immer noch nicht von Carlas Anblick in seinem Lieblingsrestaurant erholt.

Gerade eben noch hatte er nichtsahnend an seinem Stammtisch gesessen und ungeduldig auf die Uhr gesehen, als sich plötzlich etwas in der Atmosphäre verändert hatte. Die Luft hatte förmlich geprickelt vor Spannung, sodass er hochgeblickt hatte, und da hatte sie gestanden – am anderen Ende der Terrasse, den Blick über die Gäste schweifen lassend.

Sie trug nicht mehr das rote Kleid von vorhin, sondern eine enge weiße Jeans und ein schimmerndes Top mit dunkler Jacke darüber, aber ihre Wirkung auf ihn war trotzdem genauso stark gewesen wie heute Mittag. Ihm war buchstäblich die Luft weggeblieben.

Das hatte ihn so aus dem Konzept gebracht, dass er, ohne nachzudenken, aufgestanden war, um sie auf eine Wange zu küssen. Erst in letzter Sekunde hatte er sich wieder gefangen und sich davon abgehalten.

Erstens würde er womöglich gar nicht wieder aufhören können, sie zu küssen, wenn er erst mal damit anfing, und zweitens war ihre Ausstrahlung ziemlich kühl und abweisend gewesen und ihre Lippen fest und unnachgiebig zusammengepresst, was etwas … überraschend kam. Nichts an ihr ließ darauf schließen, dass sie vorhatte, ihre explosive Chemie auszuleben. Aber die Nacht war noch jung, und wenn er in den letzten drei Monaten eins gelernt hatte, dann Geduld.

Trotzdem sollte er lieber bei klarem Verstand bleiben, wenn er hier die Oberhand behalten wollte, weshalb er sich dagegen entschied, eine ganze Flasche zu bestellen.

Als ihre Drinks kamen, griff Carla nach ihrem Glas und leerte es halb, bevor sie sich zufrieden seufzend zurücklehnte.

„Langer Tag?“, fragte er. Er konnte sich diverse andere Möglichkeiten vorstellen, sie zum Seufzen zu bringen.

„Lange Woche“, korrigierte sie ihn. „Ich bin gestern Abend um zehn in einen Flieger in Hongkong gestiegen.“

„Beruflich unterwegs?“

Sie nickte. „Ich bin dann direkt vom Flughafen aus zu mir und von dort zur Taufe gefahren und dann das Ganze wieder zurück, nur dass ich jetzt hier gelandet bin statt in Asien.“

„Jetzt bin ich geschmeichelt.“

Sie hob die Augenbrauen. „Freuen Sie sich nicht zu früh.“

Er ließ die Finger seiner rechten Hand über den Rand seines Glases gleiten. „Warum haben Sie es ich anders überlegt?“ Ihre Kratzbürstigkeit machte sie für ihn nur umso reizvoller. „Ich hatte den Eindruck, dass Sie lieber in der Hölle schmoren würden, als mit mir zu Abend zu essen.“

Ihr Blick flackerte flüchtig zu Ricos Hand, bevor sie ihn langsam wieder zu seinen Augen hob. „Toast mit Avocado klang plötzlich nicht mehr so verlockend.“

„Echt?“

„Nein, natürlich nicht. Ihr Besuch bei Finn war so kurz wie folgenschwer. Sie haben ein einziges Chaos hinterlassen. Ich will das wiedergutmachen.“

„Warum?“

„Finn ist tief enttäuscht, und Georgie ist meine beste Freundin. Wenn er leidet, leidet sie, und dann leide ich wiederum.“

„Genug, um eine Einladung zu einem spontanen Abendessen in Venedig anzunehmen?“ Er konnte sich keine Freundschaft vorstellen, die so tief ging.

„Offensichtlich.“

„Wie unglaublich loyal von Ihnen.“

„So etwas ist in der Regel gegenseitig.“

Da täuschte sie sich aber. Seiner Erfahrung nach konnte Loyalität sehr einseitig sein. Das Leben war wesentlich unkomplizierter, wenn man von niemandem etwas erwartete und umgekehrt. „Dann sind Sie also nur hier, um mich wegen Finn umzustimmen?“

Sie nickte. „Ja.“

„Und ich dachte, Sie konnten meinem Charme, meinem Humor und meinem guten Aussehen nicht widerstehen“, sagte er trocken.

Ihre Mundwinkel zuckten leicht. „Da muss ich Sie leider enttäuschen.“

„Sie verschwenden nur Ihre Zeit.“

Rico ignorierte den Stich, den ihre Worte seinem Ego versetzten. Er zweifelte nicht daran, dass er sie noch umstimmen würde. Das kurze begehrliche Aufblitzen ihrer grünen Augen beim Betrachten seiner Hand war ihm nicht entgangen. Sie war längst nicht so desinteressiert, wie sie tat.

„Ganz und gar nicht“, widersprach sie nonchalant. „Wenn ich Sie nicht umstimmen kann, werde ich stattdessen so viel wie möglich über Sie herausfinden und die Informationen dann weiterleiten.“

„Viel Glück“, bemerkte er trocken.

Sie lächelte unterkühlt. „Oh, das brauche ich nicht. Ich bin sehr geschickt darin, an Informationen zu kommen.“

„Ich bin aber nicht einer Ihrer Kunden.“

Ihre Augen weiteten sich überrascht. „Sie haben Nachforschungen über mich angestellt?“

Er nickte. „Nach der Schule haben Sie als Praktikantin bei einer der größten PR-Firmen in London angefangen und sind nach sechs Jahren zu Ihrer jetzigen Firma gewechselt. Sie beraten weltweit Firmen in Krisensituationen und haben einen ausgezeichneten Ruf.“

„Sie haben Ihre Hausaufgaben anscheinend gemacht.“

„Ich lasse mich eben nicht manipulieren.“ Nicht mehr.

Sie reckte das Kinn. „Jeder lässt sich manipulieren. Man muss nur subtil genug vorgehen, und ich bin sehr gut darin.“

„Mag sein“, sagte er unbeeindruckt. Kein Mensch war gut genug, um ihm seine Geheimnisse zu entlocken.

„Aber Sie würde ich sowieso nie als Kunden akzeptieren“, fügte sie achselzuckend hinzu, bevor sie einen weiteren Schluck Whisky trank.

„Warum nicht?“

„In meinem Beruf ist Transparenz das Wichtigste, und Sie sind mir zu …“, sie rang nach dem passenden Wort, „… zwielichtig.“

Er hob die Augenbrauen. „Zwielichtig?“

„Sie sind nicht der Einzige, der Nachforschungen angestellt hat, Rico. Im Netz steht so gut wie nichts über Sie, und das kommt mir verdächtig vor. Normalerweise findet man über jeden etwas, wenn man sich nur genug Mühe gibt. Aber abgesehen von einem Artikel, in dem man Sie als einen von Italiens erfolgreichsten, aber unbekanntesten Hedgefonds-Manager bezeichnet hat, haben Sie digital praktisch keine Spuren hinterlassen.“

Er legte eben großen Wert darauf, in der Öffentlichkeit unerkannt zu bleiben. Schon allein, um zu vermeiden, dass jemand in seiner äußerst unbekömmlichen Vergangenheit herumstocherte. Diesen Artikel würde er bei Gelegenheit mal entfernen müssen. „Meine Privatsphäre ist mir eben wichtig.“

„Ich frage mich, was Sie wohl zu verbergen haben.“

Was hatte er nicht zu verbergen? Als Erwachsener hatte er zwar nie gegen das Gesetz verstoßen, aber zwischen zwölf und sechzehn schon.

„Okay, was wollen Sie über mich wissen?“

„Warum sind Sie heute bei Finn aufgetaucht?“

Rico versteifte sich. Das fand sie subtil? Er nicht. „Um einen Verdacht zu bestätigen.“

„Aber dafür sind Sie nicht lange genug geblieben.“

„Das war auch nicht nötig. Die Bestätigung von Ihnen reichte. Ich glaube, so schockiert hat mich noch nie jemand angesehen.“

„Ihr Auftauchen kam eben etwas unerwartet.“

„Offensichtlich.“

„Wie haben Sie von Finn erfahren?“

„Ich habe ein Foto von ihm in der Presse gesehen. Von der Hoteleröffnung in Paris.“

Carla runzelte nachdenklich die Stirn. „Aber das war im März.“

„Stimmt.“

„Warum haben Sie so lange gewartet?“

„Ich musste mich erst von einem Unfall erholen.“

„Von was für einem Unfall?“

„Einem schlimmen.“ Rico griff nach seinem Glas und trank einen kräftigen Schluck. „Ich bin beim Base-Jumping verunglückt.“

„Base-Jumping?“

Er nickte. „Man springt mit einem Fallschirm von Gebäuden, Sendemasten, Brücken oder Felsen. In meinem Fall bin ich vom Montblanc gesprungen und habe mich beim Landen verkalkuliert.“

„Autsch!“

„Esattamente“, stimmte er zu, obwohl das noch untertrieben war. Nachdem er erst in einem Baum und danach auf dem Boden gelandet war, hatte er unter Schmerzen gelitten, die sich mit nichts vergleichen ließen, was er je zuvor erlebt hatte. „Ich war daher nicht in der Verfassung zu reisen.“

„Bis heute.“

Ehrlich gesagt noch nicht mal das. Aber er hatte es in den vier Wänden seines Hauses einfach nicht länger ausgehalten. „Richtig.“

„Dann sind Sie also nach drei Monaten Rekonvaleszenz sofort zu Finn geflogen, um ihn zu sehen, nur um dann vorher wieder abzureisen?“

„Ja.“

Sie legte den Kopf schief und sah ihn skeptisch an. „Etwas seltsam nach all dem Aufwand, den Sie betrieben hatten, finden Sie nicht?“

Rico verkrampfte sich immer mehr. „Ganz und gar nicht. Das war nur eine Planänderung.“

„Sind Sie denn gar nicht neugierig?“

Doch, sehr sogar, schoss es ihm durch den Kopf, doch er verdrängte diesen Gedanken sofort. „Nein.“

„Finn ist ein guter Mensch.“

„Das bezweifle ich auch nicht.“

„Warum wollen Sie ihn dann nicht kennenlernen?“

„Ich habe nicht die Zeit.“

„Selbst, wenn das zutreffen sollte – für die Familie hat man doch eigentlich immer Zeit, oder nicht?“

„Nehmen Sie sich Zeit für Ihre?“

„Wir reden gerade nicht über mich“, erwiderte sie so steif, dass ihr dieses Thema offensichtlich sehr unangenehm war.

„Das fasse ich mal als ein Nein auf.“

„Tun Sie, was Sie wollen.“

Anscheinend hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen.

„Hm … interessant.“

„Nicht im Geringsten.“ Sie beugte sich über den Tisch und funkelte ihn herausfordernd an. „Wissen Sie was? Ich glaube Ihnen nicht. Ich nehme Ihnen nicht ab, dass Sie bei der ersten sich bietenden Gelegenheit eine so mühsame Reise auf sich genommen haben, nur um einen Verdacht zu bestätigen. Wäre das alles, hätten Sie Finn genauso gut anrufen können. Oder ihm eine Nachricht schicken.“

„Ich habe einen Chauffeur und ein Privatflugzeug“, erklärte er. Carlas Fragen gingen ihm allmählich zu weit. „So mühsam war die Reise daher gar nicht.“

„Was ist passiert, nachdem ich Sie in Finns Arbeitszimmer allein gelassen hatte? Habe ich etwas Falsches gesagt?“

Das und dann noch die Fotos, die Taufe und die Verwandten. Die plötzliche furchterregende Erkenntnis, dass sein Leben sich vermutlich wirklich unwiderruflich ändern würde, wenn er blieb. Und zwar zum Schlimmeren.

Aber Rico wollte gerade nicht über seine Flucht reden. Er wollte noch nicht mal mehr daran denken. Allmählich hatte er die Nase voll von diesem Verhör.

Ich werde doch nicht mit ihr schlafen, beschloss er und verdrängte einen Anflug von Enttäuschung. Vorhin in England hatte er noch keine Ahnung gehabt, wie scharfsinnig und hartnäckig sie war. Dazu war er viel zu fasziniert von ihrem Anblick gewesen.

Anscheinend hatte er sie unterschätzt. Sie könnte ihm tatsächlich gefährlich werden. Und selbst wenn es ihm gelingen sollte, sie ins Bett zu kriegen – sie würde bestimmt keine Ruhe geben, bis sie Antworten hatte. Ein Moment der Schwäche, und sie entlockte ihm womöglich eins seiner Geheimnisse.

Und das kam nicht infrage, so sehr er sie auch begehrte. Er würde Carla daher einfach bei ihrem Hotel absetzen, sobald sie aufgegessen hatten, und ihr eine gute Nacht wünschen, statt sie wie ursprünglich beabsichtigt auf ihr Zimmer zu begleiten. Und das wär’s dann.

„Es ist schon spät“, sagte er, während er nach seiner Speisekarte griff, obwohl er sie längst auswendig kannte. „Wir sollten allmählich bestellen.“

Carla lehnte sich irritiert in ihrem Stuhl zurück. Rico konnte ihr nichts vormachen mit seiner entspannten Nummer oder seinem einstudierten Lächeln, auch wenn es seine Wirkung auf sie nicht verfehlte. Er verbarg etwas vor ihr, das spürte sie einfach. Die Anzeichen waren zwar leicht zu übersehen für jemanden, der beruflich nicht darin geschult war, hinter die Fassade zu blicken, aber eine gewisse innere Anspannung und das gelegentlich in seinen Augen aufblitzende Misstrauen sprachen Bände.

Was mochte dahinterstecken?

Sie war selbst sehr gut darin, Dinge zu verheimlichen oder zu verschleiern und sorgsam darauf zu achten, was und wie viel sie erzählte. Den Männern, mit denen sie zusammen war, vertraute sie grundsätzlich nichts Wichtiges an. Weder Details aus ihrer Vergangenheit noch ihre Hoffnungen und Träume und schon gar nicht ihre Emotionen. Informationen bedeuteten Macht, und schon allein bei der Vorstellung, einem Mann Macht über sich zu geben und sich verletzlich zu machen, wurde ihr übel.

Konnte es sein, dass auch Rico sich nur schützen wollte? Aber selbst wenn es so war – das war hier völlig irrelevant. Wichtig war nur herauszufinden, was sich hinter seinem Charme und seinem trockenen Humor verbarg, aber offensichtlich war das schwieriger als gedacht.

Mit Subtilität komme ich hier jedenfalls nicht weiter, dachte sie, während sie ebenfalls nach ihrer Speisekarte griff. Rico war viel zu klug und zu wachsam. Vielleicht sollte sie eine andere Taktik probieren. Aufs Ganze gehen. Ihn irgendwie überrumpeln.

Doch sie bekam keine Chance mehr dafür, denn kaum hatten sie bestellt, kam auch schon ihr Essen, und das Gespräch kam ins Stocken. War Rico schon vorher nicht gerade redselig gewesen, wurde er jetzt richtig wortkarg. Er reagierte so einsilbig auf ihre Fragen, dass sie es irgendwann frustriert aufgab.

Ab und zu hob sie den Blick von ihrem Teller und beobachtete ihn verstohlen. Noch nie hatte sie jemanden gesehen, der sich so auf sein Essen konzentrierte wie er. Jeder Bissen schien ihm unglaublich wichtig zu sein, so versunken war er ins Kauen. Ihm fiel es noch nicht mal auf, als jemand, der es mit dem Chianti anscheinend etwas übertrieben hatte, gegen ihren Stuhl stieß.

Obwohl auch sie das ehrlich gesagt kaum mitbekam. Erstens waren ihre spaghetti alla puttanesca exquisit, und zweitens war sie viel zu fasziniert von Ricos Anblick. Er war wirklich unglaublich attraktiv. Seine Schultern unter seinem weißen Baumwollhemd waren breit und muskulös, und seine Hände … Die konnte sie sich nur zu gut auf ihrer nackten Haut vorstellen. Und was sein volles dunkles Haar anging, fiel es ihr sehr schwer, der Versuchung zu widerstehen, eine Hand danach auszustrecken und die Finger hindurchgleiten zu lassen.

Dass er ihr jedes Mal unaufrichtig zulächelte, wenn er ihrem Blick begegnete, bestätigte ihren Verdacht, dass er etwas vor ihr verbarg, aber trotzdem löste sein Lächeln ganz seltsame Reaktionen in ihr aus, ganz egal, wie sehr sie versuchte, sich gegen seinen Charme zu verhärten. Sie war sogar so versunken in seinen Anblick, dass sie erschrocken zusammenzuckte, als Ricos Stimme sie aus einer erstaunlich lebhaften Fantasie riss.

„Sind Sie fertig?“

„Was?“, stieß sie errötend hervor. Ihre Stimme klang verräterisch heiser in ihren Ohren. „Äh … ja.“

„Wollen Sie noch Nachtisch?“

„Nein danke.“ Sie zwang sich ebenfalls zu einem Lächeln, um ihre Verlegenheit zu überspielen. „Das Essen war sehr lecker, aber ich bin pappsatt.“

„Dann werde ich jetzt bezahlen.“

Was? Er wollte schon gehen? Das kam etwas unerwartet. Er hatte ihr mehr oder weniger eine heiße Nacht in Aussicht gestellt. Sie war gewappnet und bereit, das als Druckmittel zu nutzen. Ehrlich gesagt hatte sie sich sogar schon darauf gefreut.

Natürlich nur wegen der Herausforderung.

Doch zu ihrer Verwirrung signalisierte Rico dem Kellner tatsächlich, ihm die Rechnung zu bringen. Er konnte es offensichtlich gar nicht erwarten, sie loszuwerden.

„Echt jetzt?“, fragte sie.

„Es ist schon spät.“

Trotzdem. „Das war’s dann also?“

„Was haben Sie denn erwartet?“

Gute Frage.

Sie war todmüde, und das hier war kein Date. Eigentlich sollte sie sich darüber freuen, dass er das Interesse an ihr verloren hatte. Das Warum spielte keine Rolle. Aber sie hatte noch nicht mal annähernd erreicht, weswegen sie gekommen war. Sie hatte noch nicht mal richtig angefangen. „Haben Sie nicht vorhin gesagt, dieses Essen könnte interessant werden?“

„Ich habe mich geirrt.“

„Das sehe ich anders.“

„Ihr Pech.“

Okay, das war jetzt ein bisschen unhöflich von ihm, aber er wirkte fest entschlossen, und betteln tat sie schon lange nicht mehr. Anpassungsfähigkeit und Flexibilität waren Schlüsselkompetenzen bei ihrem Job, und sie bot beides. Außerdem hatte sie noch seine Handynummer. Ihr Flug ging erst morgen Abend, also blieb ihr noch der ganze nächste Tag, um ihn so lange mit Anrufen zu nerven, bis sie ihn zu einem Treffen mit Finn überredet hatte. Sie wollte schließlich nicht umsonst hier gewesen sein.

„Ich verstehe“, sagte sie mit gespielter Nonchalance. „Kein Problem. Danke für das Abendessen.“

„Gern geschehen.“ Sein Gesichtsausdruck war unergründlich. „Ich bringe Sie jetzt zu Ihrem Hotel.“

„Das ist nicht nötig.“

„Ich möchte aber.“

„Warum?“

„Sie sind Touristin hier und daher leichte Beute.“

„Ich bin öfter allein auf Reisen“, erwiderte sie pikiert, „und daher durchaus imstande, in einer fremden Stadt allein zu meinem Hotel zu finden.“

„Tun Sie mir einfach den Gefallen. Wo übernachten Sie?“

„Im ersten Hotel, wo noch etwas frei war.“

„Und das wäre?“

„Ich kann mich nicht mehr an den Namen erinnern“, gestand sie. „Ich hatte es vorhin ziemlich eilig, aber die Adresse steht in meinem Handy.“

Als der Kellner bekam, um abzurechnen, drehte Carla sich zu ihrer Handtasche um. Ihrer hübschen teuren Designerhandtasche mit ihrem Ausweis, ihren Kreditkarten, ihrem Bargeld, ihren Schlüsseln und ihrem Handy.

Die Tasche war weg.

Was?!

Ihr Herz begann zu rasen, und das Essen lag ihr plötzlich bleischwer im Magen. Panisch sah sie sich um und blickte dann unter den Tisch. Nichts. Keine Tasche weit und breit.

„Was ist los?“, fragte Rico, nachdem der Kellner mit dem schmutzigen Geschirr gegangen war.

„Meine Tasche“, sagte sie bestürzt. „Sie ist weg.“

4. KAPITEL

Wenn Rico sich erst mal entschieden hatte, brachte ihn normalerweise nichts mehr davon ab, und das war auch heute Abend nicht anders. Seit er beschlossen hatte, doch nicht mit Carla zu schlafen, wollte er das Abendessen einfach nur noch hinter sich bringen. Ihre Wirkung auf ihn war viel zu stark, um sie zu ignorieren, und es wurde ihm allmählich zu anstrengend, sich dagegen zu wehren.

Die ganze Zeit über hatte er ihren Blick gespürt. Von dem Essen, das ihm hier sonst immer so gut schmeckte, hatte er kaum etwas mitbekommen, weil seine ganzen Sinne auf sie ausgerichtet gewesen waren, auf jede Nuance in ihrem Atem, jede Bewegung. Was ihn ziemlich verwirrte, denn so etwas passierte ihm sonst nie. Sein einziger Trost war gewesen, dass er es bald überstanden haben würde.

Tja, jetzt wurde wohl nichts daraus. Anscheinend hatte das Schicksal heute Nacht andere Pläne.

„Was soll das heißen, weg?“ Sein Unbehagen, das während des Essens etwas nachgelassen hatte, kehrte mit voller Wucht zurück.

„Na das, was ich gesagt habe.“ Sie war ganz blass geworden, und ihre grünen Augen sahen riesig aus. „Mein Ausweis, meine Schlüssel, mein Geld, mein Handy – praktisch mein ganzes Leben. Alles weg.“

„Wie ist das möglich?“, fragte er scharf.

„Keine Ahnung.“ Aufgewühlt fuhr sie sich mit einer Hand durchs Haar. „Vorhin ist jemand gegen meinen Stuhl gestoßen. Ich dachte, er sei betrunken, aber vielleicht war das nur ein Trick.“

Rico erstarrte, als er hörte, was sie da sagte. Jemand hatte sie angerempelt? Wieso war ihm das nicht aufgefallen? Ihm, der jahrelang auf der Straße gelebt hatte und seitdem immer nur halb schlief. Der normalerweise so aufmerksam war, dass ihm nichts entging. Er hätte sich nicht von ihr und ihren ständigen verstohlenen Blicken ablenken lassen dürfen, verdammt noch mal! „Wissen Sie noch, wie er aussah?“

Carla schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe ihn kaum gesehen. Oder sie.“

„Draußen gibt es keine Überwachungskamera.“

„Mist!“ Tief Luft holend, verzog sie das Gesicht. „Hören Sie, ich frage ja nur ungern, aber darf ich kurz Ihr Handy benutzen? Ich muss mir eine andere Unterkunft suchen.“

Missbilligend presste er die Lippen zusammen. Die einzigen Hotels, in denen Samstagnacht noch ein Zimmer frei war, waren schäbige Absteigen, und wer weiß, wie lange sie brauchen würde, ein Zimmer zu finden? Und auf keinen Fall wollte er, dass sie die Nacht auf der Straße verbringen musste. Er wusste, wie schrecklich das war. So etwas wünschte man niemandem.

Er konnte sie nicht einfach im Stich lassen, ganz egal, wie gern er sie loswerden wollte. Sie war schließlich nur seinetwegen gekommen, und jetzt steckte sie plötzlich hier fest, weil er zu zerstreut gewesen war, um aufzupassen. Es gab daher nur eine Lösung, auch wenn sie ihm überhaupt nicht gefiel. Aber sie war leider der Preis, den er jetzt für seine Impulsivität und Leichtsinnigkeit zahlen musste. „Sie kommen am besten mit zu mir.“

Carla starrte ihn schockiert an. Anscheinend war sie genauso wenig versessen darauf wie er. „O nein, das ist nicht nötig.“

„Sie haben nichts vor mir zu befürchten.“

Sie schüttelte den Kopf. „Deswegen mache ich mir keine Sorgen.“

Überrascht sah er sie an. „Weswegen denn dann?“

Trotzig reckte sie das Kinn. „Ich bin nicht gern abhängig von jemandem.“

Tja, das konnte er nachvollziehen. „Ich auch nicht, aber uns bleibt leider keine andere Wahl.“

Ihre Augen blitzten verärgert auf. „Ich habe immer eine Wahl!“

„Es ist Hochsaison. Jedes halbwegs gute Hotel wird voll sein, und in den anderen wollen Sie nicht übernachten, glauben Sie mir. Es ist schon fast Mitternacht. Sie müssen doch erledigt sein. Aber Sie haben natürlich recht, die Entscheidung liegt bei Ihnen. Hier.“ Er zog sein Handy aus seiner Jacketttasche und schob es ihr hin.

Carla beäugte es ein paar Sekunden lang unschlüssig, bevor sie es seufzend zurückschob. Sie nickte resigniert. Plötzlich wirkte sie niedergeschlagen. „Na gut.“

„Morgen sieht die Welt bestimmt wieder rosiger aus“, hörte er sich zu seiner Überraschung sagen. Er wusste selbst nicht, warum er plötzlich das Bedürfnis hatte, sie zu trösten. Aber sie tat ihm aufrichtig leid.

„Bestimmt.“

„Haben Sie einen Koffer dabei?“

Sie nickte. „Ja, er steht in der Garderobe.“

„Andiamo!“

Es war schon fast Mittag, als Carla am nächsten Tag aus ihrem Zimmer kam und unschlüssig in der Küchentür stehen blieb – nicht, dass Rico, der gerade an der Kücheninsel etwas zu essen vorbereitete, auf die Uhr gesehen hatte.

Er setzte ein freundliches Lächeln auf. „Buon giorno. Kommen Sie doch rein.“

Sie zögerte kurz. „Ich will nicht stören.“

„Das tun Sie nicht.“

Sie verzog das Gesicht, als ihr Blick auf die Uhr an der Wand über dem Herd fiel. „Ich wusste gar nicht, dass es schon so spät ist! Anscheinend hat mich der Jetlag doch schlimmer erwischt als gedacht.“

„Kaffee?“

Sie nickte. „Das wäre toll, danke.“ Sie ging auf die andere Seite der Kücheninsel und setzte sich auf einen Hocker.

Rico ignorierte, wie sich dabei ihr Kleid über ihren Brüsten spannte, und konzentrierte sich stattdessen darauf, ihr einen Espresso einzuschenken. „Milch? Zucker?“

„Nein danke.“ Sie nahm ihm die Tasse ab, trank einen Schluck und schloss befriedigt seufzend die Augen. Was so sexy war, dass Rico für einen Moment seinen Namen vergaß. „Tut das gut“, sagte sie.

Prompt stellte er sich vor, wie sie etwas ganz Ähnliches sagte, während er sich in ihr bewegte. Er hüstelte verlegen. „Bedienen Sie sich“, sagte er und zeigte auf die von ihm vorbereiteten Teller mit Schinken, Salami, Mozzarella und Gorgonzola sowie ein paar Schalen mit Artischockenherzen, getrockneten Tomaten und Oliven.

„Sie haben gekocht?“, fragte sie überrascht.

„Ich kann zumindest kochen.“ Und zwar sehr gut. Er hatte sich nämlich schon vor langer Zeit geschworen, nie wieder zu hungern. „Aber heute habe ich nur ein paar Dinge zusammengestellt.“ Zusammen mit Ciabatta und Focaccia war das Ganze zwar ziemlich üppig für zwei Personen, aber: „Ich wusste nicht, was Ihnen schmeckt.“

„Mir schmeckt alles. Es sieht ganz köstlich aus.“

Du siehst ganz köstlich aus, schoss es ihm durch den Kopf. Am liebsten würde er sie hier und jetzt vernaschen. „Dann mal guten Appetit.“

„Danke gleichfalls.“ Sie griff nach einem leeren Teller und begann, ihn zu füllen. „Wissen Sie …“ Sie verstummte.

„Was?“

Rasch schüttelte sie den Kopf. „Nichts. Danke, dass Sie mich letzte Nacht mitgenommen haben.“

„Gern geschehen.“

„Ich lasse Sie auch so schnell wie möglich wieder in Ruhe.“

Je eher, desto besser, denn seine Hoffnung von letzter Nacht, dass ihre Wirkung auf ihn am nächsten Morgen nachgelassen haben würde, schien sich nicht zu erfüllen. Im Gegenteil – es war sogar noch schlimmer. Was war, wenn er vor lauter Verlangen nicht mehr klar denken konnte und sie das ausnutzte? Das durfte er auf keinen Fall zulassen!

„Ich werde Ihnen dabei helfen.“

„Das schaff ich schon allein“, sagte sie gezwungen lächelnd.

„Das bezweifle ich auch gar nicht.“

„Dann hätten wir das ja schon mal geklärt.“

Schön wär’s! „Nicht ganz.“

Argwöhnisch sah sie ihn an. „Inwiefern?“

„Wissen Sie überhaupt, wo Sie sind?“

Verwirrt sah sie sich um. „Nein. Sagen Sie es mir.“

„Auf der Isola Santa Margherita.“

„Und was ist das?“

„Meine Privatinsel.“

Sie ließ den Löffel sinken, mit dem sie sich gerade Oliven aufgefüllt hatte, und starrte ihn an. „Ihre Privatinsel?“

Er nickte. „Richtig.“

„Und wie kommt man hier weg?“

„Mit dem Boot.“

Er sah einen flüchtigen Schatten über ihr Gesicht huschen, der jedoch so schnell wieder verschwand, dass Rico sich nicht ganz sicher war.

„Ich nehme an, es gibt ein Taxi?“

„Ja, aber das ist teuer, und Sie müssen es vorher bestellen. Ich und mein Boot hingegen sind umsonst und stehen zu Ihrer freien Verfügung.“

„Ach.“ Sie legte den Löffel in die Olivenschale zurück und nahm sich eine Serviette. „Haben Sie nicht Besseres zu tun?“

„Ehrlich gesagt Nein. Die Ärzte haben mir geraten, es erst mal langsam angehen zu lassen.“

„Dann sollten Sie mich auch nicht rumkutschieren.“

„Ich mach das aber gern“, erwiderte er genauso kühl und freundlich wie sie. „Ich bringe Sie überallhin, wo Sie hinmüssen.“

Ehrlich gesagt wäre Carla überall lieber als hier, auf einer von der Stadt abgeschnittenen Privatinsel, weit weg von anderen Menschen, die ihr helfen konnten. Sie wäre lieber in irgendeinem Hotel, statt mit einem Mann zu brunchen, dessen Aufgebot an Köstlichkeiten sie fast dazu bewogen, ihm von dem schrecklichen Fraß in den Hippie-Kommunen ihrer Kindheit und Jugend zu erzählen. Aber sie wollte gerade nicht über sich reden, sondern über ihn.

Hätte sie sich doch nur unauffällig wieder zurückgezogen, als sie ihn in der Küche entdeckt hatte! Stattdessen war sie stehen geblieben und hatte atemlos das faszinierende Muskelspiel in seinem Rücken und seinen Armen betrachtet und dabei ganz weiche Knie bekommen vor Lust. Heiß war ihr auch geworden.

War das die Auswirkung ihres immer noch durcheinandergebrachten Tagesrhythmus? Wahrscheinlich nicht, aber das wäre zumindest eine gute Ausrede. Sie würde zumindest erklären, warum sie gerade allen Ernstes darüber nachdachte, seinen Vorschlag anzunehmen, obwohl sie sich doch erst letzte Nacht fest vorgenommen hatte, allein klarzukommen.

Andererseits hatte sie nüchtern und bei Tageslicht betrachtet vermutlich nichts zu befürchten. Hinter Ricos Angebot, ihr zu helfen, steckte keine finstere Absicht. Er versuchte nicht, ihr Verhalten oder ihre Gedanken zu beeinflussen. Er verlangte keine Gegenleistung. Seine Insel mochte abgeschnitten vom Rest der Welt sein, aber er hielt sie nicht hier fest. Sie konnte diese Insel jederzeit verlassen.

Es wäre vielleicht ratsam, ihre Energie in die Ersetzung ihrer gestohlenen Gegenstände zu stecken, statt wegen etwas, das vor zehn Jahren passiert war, irrationale Ängste zu haben. Natürlich war es ihr trotzdem unangenehm, Ricos Hilfe in Anspruch zu nehmen, aber je schneller sie erledigte, was erledigt werden musste, desto schneller war sie wieder zu Hause.

Ihre Kreditkarten und ihr Handy hatte sie dank Ricos Handy schon letzte Nacht sperren lassen, also war das schon mal erledigt. Als Nächstes brauchte sie dann einen Ausweis. Vielleicht wusste Rico ja, wie man am besten an einen rankam.

Vielleicht sollte sie allmählich lernen, Hilfe anzunehmen, ohne sich gleich wie eine Versagerin vorzukommen. Wer sagte denn, dass man immer allein klarkommen musste? Wenn so etwas nicht allzu oft vorkam, war es vielleicht sogar ganz sinnvoll, jemand anderem die Zügel zu überlassen. Zumindest dann, wenn das die praktischere Lösung war.

Und vielleicht konnte Rico ihr sogar etwas Geld leihen? Selbst wenn Georgie ihr welches schickte – ohne Ausweis würde Carla es nicht abholen können, und ohne ihr Handy kam sie nicht an ihr E-Wallet ran. Unabhängig oder nicht – sie musste pragmatisch bleiben.

„Na gut, danke. Als Erstes muss ich zur Polizei, den Diebstahl melden.“

„Wir können aufbrechen, sobald Sie fertig sind.“

„Ich brauche auch ein Handy.“

„Dachte ich mir schon.“

Das belustigte Zucken seiner Mundwinkel löste Reaktion in ihrem Körper aus, auf die sie gerade gut verzichten könnte.

„Hier.“ Das Modell, das er ihr hinschob, war das neueste seiner Art und locker über tausend Euro wert. „Sie können es haben, wenn Sie wollen.“

Siehst du?, sagte sie erleichtert zu sich selbst. Er versuchte nicht, sie in Abhängigkeit zu halten. Im Gegenteil sogar. „Aber nur leihweise, oder?“

„Wenn Sie wollen.“

„Ich bestehe sogar darauf.“ Tief Luft holend, fügte sie hinzu: „Da wir gerade von leihen sprechen … Ich habe mich gefragt …“

„Wie viel brauchen Sie?“

Peinlich berührt verzog sie das Gesicht, nannte ihm die Summe jedoch, die ihr vorschwebte.

Er nickte nur. „Kein Problem.“

„Ich zahle es Ihnen so bald wie möglich zurück“, versprach sie.

„Das hat keine Eile.“

Es hat sogar jede Eile, dachte sie, als sie sich eine Olive in den Mund schob.

Als Rico ebenfalls zu essen begann, stellte sie fasziniert fest, dass er seinem Teller genauso viel Konzentration und Aufmerksamkeit widmete wie gestern Abend. Sie mochte ihn inzwischen kaltlassen, diesen Mann mit dem südländischen Aussehen und der selbstsicheren Ausstrahlung, aber andersherum war das leider nicht der Fall. Er war so verdammt attraktiv und in vielerlei Hinsicht eine gefährliche Versuchung.

Je eher sie sich seiner magnetischen Ausstrahlung entzog und zu ihrem Job, ihren Freunden, ihrem Leben zurückkehrte, desto besser!

Später bei der Polizei war sie zu ihrer Überraschung froh über Ricos Gegenwart. Bisher war sie erst einmal in ihrem Leben auf einer Polizeistation gewesen – nachdem man sie aus dem schäbigen Londoner Hotelzimmer befreit hatte, in dem sie sich mit dem Mann versteckt hatte, den sie damals zu lieben geglaubt hatte. Die demütigenden Erinnerungen daran verfolgten sie bis heute.

„Alles okay?“, fragte Rico, der ihr ihr inneres Widerstreben anzusehen schien.

Sie zwang sich ein Lächeln ins Gesicht. „Ja, alles bestens. Ich bin einfach kein Fan von Polizeistationen. Bringen wir es am besten hinter uns, oder?“

Er ließ ihr den Vortritt in das Gebäude, das natürlich nicht dasselbe war wie damals, aber der Anblick der Uniformen und der Lärm fungierten wie ein Trigger, sodass ihre Erinnerungen an die Befragungen und medizinischen Untersuchungen mit voller Wucht zurückkehrten – genauso wie ihre damalige Verwirrung und ihre Wut auf die Menschen, die sie von ihrer vermeintlich einzig wahren Liebe weggeholt hatten.

Bei dem späteren Prozess hatte sie schon genug Abstand gehabt, um zu erkennen, wie zerstörerisch der Einfluss des Mannes auf sie gewesen war. Ihre Wut und ihr Groll hatten sich daraufhin in Scham und Schuldgefühle verwandelt, die sie auch jetzt noch – zehn Jahre später – nicht ganz abgelegt hatte. Sie war heilfroh, als sie mit Ricos Hilfe die Diebstahlanzeige hinter sich gebracht hatte und das Gebäude wieder verließ.

Jetzt konnte sie erst mal einen Kaffee vertragen!

Während Rico auf der Terrasse eines Cafés von 1750 ihre Getränke bestellte, recherchierte Carla, wie sie am schnellsten ihren gestohlenen Ausweis ersetzen konnte. Anscheinend war das nicht so kompliziert wie befürchtet, da sie vor einiger Zeit Kopien ihrer Geburtsurkunde, ihres Führerscheins und ihres Ausweises im Internet gespeichert hatte, die als Beleg ausreichten.

Sie füllte den entsprechenden Antrag aus, fügte die Kopien hinzu und bekam kurz darauf die Eingangsbestätigungsmail. Sie atmete erleichtert auf. Ein paar Tage noch, und sie konnte endlich hier weg!

„Ich habe gerade einen vorläufigen Reisepass beantragt“, teilte sie Rico mit, der schweigend sein Bier trank. „Ich kann ihn Mittwoch im britischen Konsulat in Mailand abholen.“

Autor

Lucy King
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