Julia Extra Band 533

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FLUCHT IN DIE ARME DES SEXY COWBOYS von JENNIFER FAYE
Cash stockt der Atem, als eine Frau im Brautkleid die Tür seines Pick-ups aufreißt und ihn anfleht: „Fahren Sie!“. Spontan beschließt der ehemalige Rodeo-Champion, der geflüchteten Braut zu helfen. Auf seiner Ranch erfährt er von Meghans Schwangerschaft – und möchte sie am liebsten nie mehr gehen lassen …

PLÖTZLICH EINE FAMILIE? von HANA SHEIK
Endlich soll er das Sorgerecht für seine Tochter bekommen! In Istanbul erwartet der Milliardär Faisal die Ankunft des Kindes – und der Frau, die über die Zukunft seiner kleinen Familie entscheidet. Zwei Wochen hat er Zeit, Maryan von seinen Qualitäten als Vater zu überzeugen. Doch sein Herz will mehr!

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MIT DIR KEHRT DIE HOFFNUNG ZURÜCK von EMILY FORBES
Mitch Reynolds lebt nur für seine drei Kinder. Noch immer gibt der Witwer sich die Schuld am Tod seiner Frau. Doch dann tritt die hinreißende Rose in sein Leben und bringt mit ihrer liebevollen Hilfsbereitschaft wieder Licht ins Dunkel seiner Tage. Vielleicht für immer?


  • Erscheinungstag 28.03.2023
  • Bandnummer 533
  • ISBN / Artikelnummer 0820230533
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Jennifer Faye, Hana Sheik, Kate Hardy, Emily Forbes

JULIA EXTRA BAND 533

1. KAPITEL

Cash Sullivan verschränkte die Arme und lehnte sich mit dem Rücken gegen den vorderen Kotflügel seines silbergrauen Pick-ups. Er zog sich den hellbraunen Stetson tief in die Stirn, zum Schutz gegen die gleißende Sonne von New Mexico. Er blickte hinüber zu der kleinen Kirche, wo sich die Hochzeitsgäste versammelt hatten, doch er rührte sich nicht vom Fleck.

Seine Großmutter hatte ihn darum gebeten, sie herzufahren, aber um nichts in der Welt wollte er dasitzen und sich einen Haufen leerer Versprechungen anhören. Außerdem war er dem Bräutigam im Laufe der Jahre ein paarmal begegnet und fand, dass der Typ nichts außer heißer Luft zu bieten hatte. Lieber rang Cash den widerspenstigsten Stier der Welt nieder, als Small Talk mit diesem Wichtigtuer machen zu müssen.

Eine Frau in einem weißen, wehenden Kleid zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Sie hastete an der Außenmauer der Kirche entlang, blieb dann abrupt stehen und beugte sich ins Gebüsch. Was um alles in der Welt führte die Braut im Schilde? Suchte sie etwas?

In der vergangenen halben Stunde war nichts Aufregenderes als das passiert, und Cash war dankbar für die Ablenkung. Er schüttelte den Kopf über das sonderbare Verhalten der Frau. Als sie jetzt sogar auf ihn zulief, schob er sich den Hut aus der Stirn, um besser sehen zu können.

Eine Masse ungebärdiger roter Locken war auf ihrem Kopf aufgetürmt, und meterweise weißer Stoff flatterte wie der Schweif eines Winddrachens hinter ihr her. Sie hatte ein herzförmiges Gesicht, volle Lippen. Nicht übel. Ganz und gar nicht übel.

Ihre Brüste drohten aus dem Kleid zu quellen, das ihre schmale Taille betonte und über perfekt geschwungene Hüften floss. Sie war keine Bohnenstange, aber die Kurven standen ihr gut. Echt gut.

Er stieß einen leisen Pfiff aus. Sie war wirklich eine Augenweide. Wie um alles in der Welt hatte der öde Harold sie an Land gezogen?

Er konnte den Blick nicht von ihr losreißen, als sie bei seinem Pick-up stehen blieb und versuchte, die Tür des SUV in der benachbarten Parkbucht zu öffnen. Als es ihr nicht gelang, schlug sie mit der Handfläche gegen die Seitenscheibe. Die Lady hatte augenscheinlich kalte Füße bekommen, und zwar eiskalte, ohne einen Fluchtweg geplant zu haben. Immerhin war sie zur Vernunft gekommen, bevor sie die schlechteste Entscheidung ihres Lebens hätte fällen können.

Jetzt wirbelte die Braut herum und sah Cash angstvoll an. In ihrem blassen Gesicht waren die grünen Augen groß vor Furcht. Besorgnis erfasste ihn. Ging es hier um mehr als um einen Sinneswandel?

Sie spähte über die Motorhaube seines Pick-ups. Cash folgte ihrer Blickrichtung und sah eine Schar Fotografen, die um die Kirche herumrannten. Im nächsten Moment hatte die Frau seine Beifahrertür geöffnet und sich ins Wageninnere gestürzt.

Was zum Teufel sollte das? Wollte sie seinen Pick-up stehlen? Cash riss die Fahrertür auf und stieg ein.

„Was wollen Sie hier?“

Der üppige Stoff ihres Schleiers bauschte sich vor seinem Gesicht, als sie sich im Sitz umdrehte und die Tür zuschlug. „Fahren Sie los! Schnell!“

Er schob sich den Schleier aus dem Gesicht, ohne Rücksicht darauf, ob er ihn zerknitterte. Diese Frau hatte er noch nie gesehen, und er hatte nicht vor, sie irgendwohin zu fahren, bevor er ein paar Antworten von ihr hatte. „Warum?“

„Ich habe keine Zeit für Erklärungen. Wenn Sie nicht morgen die Titelseite aller möglichen Zeitungen zieren wollen, fahren Sie jetzt besser los.“

Er sah sich nach den Fotografen um. Noch hatten sie die Braut nicht entdeckt, doch das nahm ihm nicht sein Unbehagen. „Sie haben doch niemanden umgebracht, oder?“

„Natürlich nicht.“ Sie seufzte. „Glauben Sie allen Ernstes, ich würde in dieser Aufmachung jemanden ermorden wollen?“

„Ich mag keine Bonny-und-Clyde-Spielchen.“

„Gut zu wissen. Nachdem das nun geklärt ist, sollten Sie Gas geben und uns hier rausschaffen, bevor sie mich finden.“

Er packte die Braut am Arm und drückte sie hinab, bevor die Reporter neugierig den Pick-up beäugten. Zum Glück hatte sein Fahrzeug einen so hohen Einstieg, dass nicht viel zu sehen war, solange man nicht direkt an der Tür stand.

„Was soll das?“, fragte sie verärgert und versuchte sich aus seinem festen Griff zu befreien.

„Diese Reporter wissen nicht, dass Sie hier sind, und ich will in diesem Klatschpressedrama keine Rolle spielen. Bleiben Sie unten, und kommen Sie erst wieder hoch, wenn ich es sage.“

Er biss die Zähne zusammen und stopfte die weißen Bahnen des Schleiers unter das Armaturenbrett. Ob er es wollte oder nicht, er steckte mittendrin in diesem Schlamassel.

Die Frau hörte auf, sich zu wehren. Cash ließ den Motor an und legte den Rückwärtsgang ein. Mühsam beherrscht trat er aufs Gaspedal. Verdammt. Er wollte nicht als Chauffeur dieser geflohenen Braut herhalten müssen, aber blieb ihm denn etwas anderes übrig?

Mit Reportern kannte er sich aus; sie waren wie ein Rudel hungriger Wölfe, wenn sie eine pikante Story im Visier hatten. Für ihre Zwecke wäre er „der andere Mann“. Skandale verkauften sich immer gut, ganz gleich, ob ein unschuldiger Außenstehender betroffen war oder nicht. Das wusste niemand besser als Cash.

Er zog sich den Cowboyhut tief in die Stirn und hoffte, nicht erkannt zu werden. Er wollte nicht ins Visier der Reporter geraten, die auf ihrer Suche jeden Stein umdrehten. Eine rasche Flucht kam nicht infrage. Eile mit Weile.

„Hey, du da!“, rief ein junger Reporter aus ein paar Metern Entfernung durch das offene Seitenfenster.

Cash schnürte es die Kehle zu. „Ja?“

„Hast du gesehen, wohin die Braut gelaufen ist?“

„Hinter die Kirche. Ich glaube, dort hat ein Fahrzeug auf sie gewartet.“

Der Reporter winkte und rannte los. Cash nahm den Fuß von der Bremse und fuhr in Richtung Ausfahrt. Seit seiner letzten Kraftprobe mit einem entschlossenen Stier hatte er keinen derartigen Adrenalinrausch mehr erlebt.

„Warum haben Sie das gesagt? Sie machen alles nur noch schlimmer“, schimpfte die Braut und wollte sich aufrichten. Cash drückte ihren Kopf wieder nach unten. „Unten bleiben, oder ich überlasse Sie der gierigen Meute.“

„Das würden Sie nicht tun.“

„Lassen Sie es nicht drauf ankommen.“ Ihm war nicht nach albernen Spielchen mit einer Frau zumute, die nicht wusste, was sie wollte.

Er musste sie schleunigst loswerden, um zur friedlichen Routine seines Lebens zurückzufinden.

Bevor er fragen konnte, wo sie abgesetzt werden wollte, fing sie an zu zappeln und stieß gegen das Lenkrad.

„Vorsicht.“ Er hielt das Steuer mit beiden Händen. „Was soll das?“

„Ich suche eine bequemere Position, aber das ist wohl unmöglich. Haben wir die Kirche schon hinter uns gelassen?“

„Wir sind auf dem Weg zur Parkplatzausfahrt, aber kommen Sie nicht auf die Idee, sich aufzurichten, bevor wir aus der Stadt raus sind. Ich habe keine Lust, mich schnappen zu lassen und mit Fragen bombardiert zu werden, die ich nicht beantworten kann.“

„Danke für das Mitgefühl“, zischte sie.

An der Ausfahrt drosselte Cash das Tempo und fädelte sich in den Verkehr ein. „Hey, ich habe Sie nicht gebeten, meinen Pick-up zu kapern.“

„Mir blieb keine Wahl.“

„Kalte Füße bekommen?“

„Nein … Ja. Es ist nicht so einfach.“ Sie krümmte sich. „Mir ist nicht gut. Kann ich mich jetzt setzen?“

„Nein.“

Der Luftzug durch die offenen Fenster trieb den würzigen Zitrusduft des bunten Brautstraußes, den die Frau noch immer in den Händen hielt durch die Fahrerkabine. Cash nahm doch ein wenig Anteil an ihrer Situation. Er hatte davon gehört, dass Frauen am Tag ihrer Hochzeit die Nerven verloren, und auch wenn er persönlich es nicht nachempfinden konnte, wusste er doch, wie es war, wenn einem ein besonderer Moment verdorben wurde, zum Beispiel, wenn nach einem Sieg im Rodeo eine Strafe verhängt wurde.

Er blickte in den Rückspiegel. Niemand war ihm vom Parkplatz gefolgt. Er atmete tief durch. So weit, so gut.

Er umfasste das Steuer noch fester und widerstand dem Drang, der Braut tröstend über den Rücken zu streichen. „Wohin soll ich Sie bringen?“

„Ich … Ich weiß nicht. Ich kann nicht zurück in meine Wohnung. Dort lauern sie bestimmt schon auf mich.“

„Sie sind wirklich auf der Flucht?“ Er hatte bereits befürchtet, dass es hier um mehr ging als um kalte Füße. „Und was hat es mit den Reportern auf sich?“

„Mein Chef meinte, die Hochzeit wäre eine prima Gratis-Werbung für meine Fernsehshow.“

„Sie bekommen ganz sicher reichlich Publicity. Durchgebrannte Braut spurlos verschwunden.“

Sie stöhnte. Er spürte ihre Hand an seinem Bein. Die warme Berührung drang durch den Jeansstoff. Viel Zeit war vergangen, seit eine Frau ihn zuletzt angefasst hatte. Das war vor dem Unfall gewesen.

Cash räusperte sich. „Wir sollten uns wohl erst einmal vorstellen. Ich bin Cash Sullivan.“

Er wartete auf ein Zeichen des Erkennens. Immerhin war es noch gar nicht so lange her, dass er sich aus dem Rodeo-Sport zurückgezogen hatte.

„Meghan Finnegan.“ Als er nichts sagte, fuhr sie fort: „Ich bin die Fernsehköchin, und diese Männer mit ihren Kameras wollen sehen, wie die Lokalmatadorin ihren Millionär heiratet.“

Nichts in ihrem Tonfall oder Verhalten deutete auch nur ansatzweise darauf hin, dass sie seinen Namen kannte. Cash sagte sich, dass es gut so war. Nicht immer brachte man seinen Namen in einen Zusammenhang mit seinen prestigeträchtigen Rodeo-Siegen. Manchmal verband man ihn vielmehr mit Dingen, die er lieber vergessen wollte. Trotzdem konnte er einen leisen Stich der Enttäuschung nicht leugnen.

„Ich sehe nicht fern“, sagte er barscher als beabsichtigt. „Okay, wir sind raus aus Lomas, und diese Straße ist kaum befahren.“

Als sie nicht reagierte, warf er einen Seitenblick auf sie. Sie war gespenstisch blass, was ihre pink glänzenden Lippen betonte. „Ist alles in Ordnung?“

„Nein.“ Sie legte sich eine Hand auf den Bauch. „Halten Sie an. Sofort.“

Cash blinkte und stoppte am Rand der kahlen Wüstenstrecke. Meghan stürzte aus dem Pick-up und ließ die Tür halb offen. Sie hastete zu einem Felsblock und krümmte sich wieder zusammen. Das war es also, was sie getan hatte, als sie aus der Kirche gerannt war. Offenbar war sie am Rande ihrer Nervenkraft.

Cash kramte eine Handvoll Papiertaschentücher aus dem Handschuhfach und griff nach einer noch nicht angebrochenen Wasserflasche. Das Wasser war lauwarm, aber besser als gar nichts. Er stieg aus dem Pick-up und folgte Meghan. Er war nicht gut im Umgang mit Frauen, schon gar nicht, wenn ihnen übel war.

„Hm … ich kann das da halten.“ Er packte den langen Schleier.

Er wusste nicht, ob er mit ihr reden oder ihr den Rücken streicheln sollte, um sie zu beruhigen. Auf keinen Fall wollte er es alles noch schlimmer machen. Verunsichert blieb er stehen, bis Meghan sich wieder aufgerichtet hatte. Dann reichte er ihr die dürftigen Hilfsmittel.

„Geht’s wieder?“, fragte er, und dann summte sein Smartphone.

Seine Großmutter. Wie hatte er sie vergessen können? Diese Braut brachte ihn dermaßen aus dem Konzept, dass er alles andere vergaß.

Er klappte sein Handy auf, doch bevor er sich melden konnte, sagte seine Großmutter: „Wo steckst du? Wir können wieder nach Hause fahren.“

„Ich habe eine kleine Spritztour gemacht. Bin in ein paar Minuten zurück.“

„Beeil dich. Du wirst nicht glauben, was passiert ist. Ich erzähle es dir gleich.“

Die Vorstellung, zurückzufahren und mit diesen Reportern konfrontiert zu werden, behagte ihm gar nicht. Mit ein wenig Glück herrschte dank der verschwundenen Braut und der aufbrechenden Gästeschar ein solches Durcheinander, dass sich niemand an ihn als den einzigen Anwesenden außerhalb der Kirche zum Zeitpunkt von Meghans Flucht erinnerte.

Er warf einen besorgten Blick auf seine blasse Passagierin. „Wir müssen zurück.“

Angst blitzte in ihren Augen auf, sie schüttelte den Kopf. „Nein. Ich kann nicht. Ich will nicht.“

„Warum nicht? Weil Sie es sich anders überlegt haben und nicht heiraten wollen? Dafür bringt man bestimmt Verständnis auf.“

Sie schüttelte den Kopf. „O nein.“

Ihm blieb keine Zeit, sie zur Vernunft zu bringen. „Ich muss zurück zur Kirche. Meine Großmutter wartet. Ich kann sie nicht im Stich lassen.“

Meghan furchte die Stirn und nagte an ihrer Unterlippe. „Dann warte ich hier.“

„Wie bitte?“ Offenbar konnte sie nicht mehr klar denken. „Ich kann Sie nicht hier zurücklassen. Ihnen geht es nicht gut.“

„Ich will nicht dorthin zurück. Ich kann diesen Leuten nicht gegenübertreten … schon gar nicht meiner Mutter. Und für die Presse ist es ein gefundenes Fressen, wenn wir zusammen gesehen werden.“

„Sie können sich wieder im Fußraum verstecken.“

Meghan schüttelte den Kopf. „Wir können froh sein, das eine Mal damit davongekommen zu sein. Die Leute werden alle vor der Kirche stehen, und ich habe so gut wie keine Chance, unentdeckt zu bleiben.“

Da hatte sie nicht ganz unrecht, trotzdem widerstrebte es ihm, sie ihrem Schicksal zu überlassen. „Keine gute Idee, hier mitten im Nirgendwo zurückzubleiben, in dieser Hitze.“

„Wir sind hier nicht mitten im Nirgendwo. Die Stadt ist fußläufig zu erreichen. Ich komme zurecht. Fahren Sie einfach. Ihre Großmutter wartet. Nur noch eines.“

„Und zwar?“

„Kann ich Ihr Handy haben?“

Das war wohl die beste Lösung, doch sie gefiel ihm nicht. Überhaupt nicht. Allerdings war die Gefahr zu groß, dass sie entdeckt wurde. Da ihm nichts anderes einfallen wollte, hakte er sein Handy von seinem Gürtel und gab es Meghan.

„Sind Sie ganz sicher?“, fragte er und hoffte, sie würde sich eines Besseren besinnen.

Sie nickte.

„Dann warten Sie dort hinter den Felsbrocken. Dort sieht Sie niemand, es sei denn, dieser Schleier flattert wie eine riesige Fahne im Wind.“

„Wird er nicht.“ Sie wickelte sich die Stoffbahnen um den Arm. Ein Ausdruck von Sorge trat in ihre Augen. „Sie kommen doch zurück, oder?“

Er wollte nicht. Er wollte nichts mit dieser Farce zu tun haben. Er wollte nur nach Hause und sein Leben leben. Aber er konnte sie nicht einfach krank und hilflos hier zurücklassen.

„Ich komme zurück, so schnell ich kann.“

Meghan Finnegan sah dem Pick-up des Cowboys nach, bis die Rücklichter in der Ferne verschwanden. Die Ereignisse des Tages überrollten sie und raubten ihr den Atem. Wie hatte Harold nur warten können, bis sie vor den Altar trat, um ihr zu sagen, dass er es sich anders überlegt hatte?

Er wollte sie nicht.

Und er wollte ihr ungeborenes Kind loswerden, ein Kind, das sie beide bis nach der Trauung hatten geheim halten wollen. Meghan schlang sich die Arme um den Oberkörper. Sie liebte ihr Baby und würde alles tun, um es zu schützen.

Sie lehnte sich an einen Felsbrocken, weil ihr die Knie weich wurden. Klar, sie hatte gewusst, dass Harold keine Kinder wollte. Das hatte er ihr von Anfang an deutlich zu verstehen gegeben. Und mit ihrer aufstrebenden Fernsehkarriere hatte sie akzeptiert, dass Kinder nicht in ihr hektisches Leben passen würden. Doch dies hier war etwas anderes: Es war ein Unfall gewesen. Als sie Harold vor ein paar Wochen ihre Schwangerschaft gestanden hatte, hatte es ihm zunächst die Sprache verschlagen, doch dann schien er es zu akzeptieren. Was um alles in der Welt hatte ihn umgestimmt?

Das Geräusch eines sich nähernden Fahrzeugs – womöglich Hochzeitsgäste auf dem Heimweg – riss Meghan aus ihren bedrückenden Gedanken. Rasch versteckte sie sich hinter den großen Felsbrocken. Sie war nicht bereit, sich den neugierigen Fragen, den mitleidigen Blicken oder Spekulationen zu stellen. Sie war stolz darauf gewesen, mit achtundzwanzig ihr Leben im Griff zu haben. Doch jetzt war sie schwanger und hatte keine Ahnung, was sie als Nächstes tun sollte.

Sie ließ sich auf einem Stein nieder und zog sich haufenweise Haarnadeln aus der Friseur, um den Schleier zu lösen. Befreit von meterweise Tüll fuhr sie sich mit den Fingern durchs Haar und ließ es sich offen über die Schultern fließen.

Sie senkte den Blick auf das Handy in ihrem Schoß. Sie sollte wohl ihre Angehörigen anrufen, damit sie sich keine Sorgen machten, aber ihr fehlte einfach die Kraft, sich mit ihrer Mutter auseinanderzusetzen, die Antworten verlangen würde. Schließlich hatte ihre Mutter entscheidend zur Planung dieses Tages beigetragen, angefangen von der ersten Verabredung mit dem Jungen von nebenan, der als Erwachsener ein Vermögen im Software-Geschäft gemacht hatte, bis zur Organisation der Hochzeit. Die Vorbereitungen hatten ihre Mutter letztendlich sogar von der Depression befreit, die sie nach dem Krebstod ihres Mannes vor knapp einem Jahr bekommen hatte.

Was nicht hieß, dass Meghan ihrer Mutter die alleinige Schuld in die Schuhe schieben konnte. Sie, Meghan, hatte sich bereitwillig auf alles eingelassen, darauf bedacht, ihren Vater vor seinem Tod hinsichtlich ihrer Zukunft zu beruhigen. Und in dem Bemühen, endlich die Anerkennung ihrer Mutter zu gewinnen, hatte sie sich eingeredet, Harold wäre der Richtige für sie.

Als der „große Tag“ dann näher rückte, hatten sich erste Zweifel gemeldet. Zuerst hatte Meghan geglaubt, es handelte sich nur um das übliche Lampenfieber. Doch Harold veränderte sich, war nicht mehr so charmant und aufmerksam. Es war, als würde sie ihn zum ersten Mal richtig sehen. Doch dank des positiven Schwangerschaftstests sah sie sich gezwungen, ihn trotz aller Bedenken zu heiraten.

Meghan legte sich unwillkürlich eine Hand auf ihren noch immer flachen Bauch. „Schon gut, mein Kleines. Mummy bringt alles in Ordnung. Ich brauche nur ein bisschen Zeit zum Nachdenken.“

Zunächst einmal musste sie sich mit ihren Verwandten in Verbindung setzen. Sie überlegte sorgfältig, wer infrage käme. Ihre mittlere Schwester Ella? Oder Katie, die Kleine? Im Moment standen sie einander nicht sonderlich nahe. Seit dem Tod des Vaters war die Familie zerrüttet. Meghan hatte gehofft, die Hochzeit würde sie alle wieder zusammenführen, aber das hatte sie jetzt gewiss gründlich vermasselt.

Da sie keine enge Beziehung zu ihrer jüngsten Schwester hatte, wählte sie Ellas Nummer. Es klingelte endlos lange. Meghan hatte Cashs Nummer unterdrückt und fürchtete jetzt, ihre Schwester könnte einen Telefonscherz oder, schlimmer noch, Telefonwerbung vermuten und das Gespräch deshalb nicht annehmen. Vielleicht wäre es besser so. Dann könnte sie eine Nachricht hinterlassen und müsste keine Fragen beantworten.

„Hallo?“, erklang Ellas zögerliche Stimme.

„Ella, ich bin’s. Meghan.“

„Meghan …“

„Pssst … Lass niemanden wissen, dass du mit mir sprichst. Ich bin noch nicht so weit, dass ich Mutter ertragen könnte.“

„Sekunde.“ Das Stimmengewirr im Hintergrund wurde leiser, dann klappte eine Tür. „Okay. Ich bin allein. Was ist passiert? Warum bist du weggelaufen? Wo …?“

„Mach dir keine Sorgen. Mir geht’s gut. Ich bin bei einer Freundin“, fiel Meghan ihrer Schwester ins Wort.

„Aber warum bist du abgehauen? Ich dachte, du wolltest Harold heiraten? Er wirkte so verletzt und schockiert, als du weg warst.“

„Wie bitte?“ Meghan vergaß, den Mund zu schließen, und drückte das Handy fester ans Ohr.

„Harold konnte kaum noch an sich halten, als er uns erklärte, er hätte nicht die geringste Ahnung, warum du davongelaufen bist.“

„Er wusste …“

Dieser gemeine, jämmerliche, heuchlerische Mistkerl. Meghan kochte vor Wut. Wie konnte er den Spieß umdrehen, wenn er doch derjenige war, der mit ihr Schluss gemacht hatte?

Er fürchtete um sein Image. Unterm Strich ging es ihm immer nur darum, dass er und seine Firma gut dastanden. Warum sollte er die Schuld an der ruinierten Hochzeit auf sich nehmen, wenn Meghan nicht zur Stelle war, um sich zu verteidigen?

„Meghan, was wusste er? Bist du noch da?“

„Er hat gelogen“, sagte sie, um Beherrschung bemüht, damit sie nicht etwas sagte, was sie später bereuen würde. Doch sie konnte nicht zulassen, dass ihre Schwester Harolds Lügen glaubte. „Er weiß ganz genau, warum ich gegangen bin.“

„Schon gut“, sagte Ella mitfühlend. „Ich kann verstehen, dass du kalte Füße bekommen hast. Vergiss nicht, an dem Punkt war ich auch vor gar nicht langer Zeit …“

„Ich habe keine kalten Füße bekommen. Es gibt da ein paar Dinge, die du nicht weißt.“

„Dann sag sie mir.“

„Das kann ich jetzt noch nicht. Es ist ganz anders als bei deiner Verlobung. Und ich habe den Eindruck, du hast dich die ganze Zeit über in deiner Bäckerei versteckt.“

„Hier geht es nicht um mich.“ Ella seufzte. „Harold hat angedeutet, dass der Stress der Hochzeitsplanung dich womöglich fertiggemacht hat.“

„Aber das ist es nicht.“ Warum hatte sie diese Seite Harolds nicht schon viel früher gesehen? War er schon immer so gewesen? Sie hatte ihn für ehrenhaft gehalten und geglaubt, dass er sich mit der Zeit schon an den Gedanken gewöhnen würde, Vater zu werden.

„Das ist egal. Komm einfach nach Hause. Die ganze Familie ist in Sorge. Mutter ist außer sich. Sie sagt, sie schämt sich so sehr, dass sie nie wieder unter die Leute gehen kann.“

„Und was erwartest du von mir?“, fragte Meghan. Sie war es leid, dass sie als Älteste sich immer mit ihrer Mutter auseinandersetzen sollte. „Ganz gleich, was ich sage, sie wird sich trotzdem schämen.“

Es würde vielmehr alles nur noch schlimmer machen, wenn ihre puritanische Mutter, die Stütze der Gesellschaft, erfuhr, dass ihre unverheiratete Tochter schwanger war von dem Jungen von nebenan, dem Mann, der sie und ihr Kind vor dem Altar abserviert hatte.

„Aber, Meghan, du musst …“

„Nein, ich muss nicht. Dieses Mal nicht. Du und Katie, ihr werdet euch um sie kümmern müssen. Ich brauche Zeit, um mir über einiges klar zu werden.“

Ella schnaubte. „Und wann kommst du nach Hause?“

Meghan wollte zurück in ihre Wohnung und sich einfach nur verkriechen, aber dort würde sie keine Ruhe finden. Und auf gar keinen Fall würde sie zu ihrer Mutter gehen.

„Ich weiß nicht. Ich hatte vierzehn Tage für die Flitterwochen eingeplant, also rechne nicht früher mit mir. Tut mir leid, Ella. Ich muss jetzt auflegen.“

2. KAPITEL

Cash erreichte die Kirche noch rechtzeitig, um zu sehen, wie der Bräutigam seinen Moment im Rampenlicht nutzte, um Meghan die alleinige Schuld zuzuschieben und so das Mitgefühl der Öffentlichkeit zu erregen.

Cash staunte über die Unverfrorenheit des Mannes. Meghan war ein nervliches Wrack, und Harold posierte hier für Fotos. Seine Braut mochte ihm durchgebrannt sein, aber Harold wirkte nun weiß Gott nicht wie vom Kummer gebeugt. Cash war ziemlich sicher, dass hinter dieser Geschichte mehr steckte als eine Braut, die kalte Füße bekommen hatte.

Es dauerte zehn Minuten, bis er seine Großmutter, die die Angehörigen des Bräutigams tröstete, zum Pick-up lotsen konnte. Endlich machten sie sich auf den Weg. Seine Großmutter schilderte ihm ausführlich, wie die Braut ohne ein Wort der Erklärung aus der Kirche geflohen war, und sparte auch nicht an wilden Spekulationen. Cash ließ sie reden. Die Wahrheit würde sie früh genug erfahren.

Als er den zweispurigen Highway erreichte, hatte er nur ein Ziel: aufs Gas zu treten und zurück zu der entflohenen Braut zu kommen. Inzwischen musste sie glauben, er hätte sie vergessen.

Nichts hätte der Wahrheit ferner liegen können.

„Cash, fahr langsamer“, bat seine Großmutter. „Warum hast du es so eilig? Auf Tumbling Weed ist nichts, was nicht warten könnte.“

„Um die Ranch mache ich mir keine Sorgen.“

Er spürte den wissenden Blick seiner Großmutter. „Du steckst mal wieder in Schwierigkeiten, wie?“

Er seufzte. Wie er es hasste, dass die Vergangenheit dermaßen an ihm klebte. „Nicht, was du denkst.“

Er warf einen Blick auf den Tacho, sah, dass er die Geschwindigkeitsgrenze um einiges überschritt, und nahm den Fuß vom Gas. Je langsamer er fuhr, desto größer wurde seine Sorge.

Endlich konnte er den Blinker setzen und an den Straßenrand fahren.

„Warum hältst du dann auf freier Strecke an? Cash, hast du den Verstand verloren?“

„Warte hier.“ Er sprang aus dem Fahrzeug und rannte zu den Felsbrocken.

Meghan war nicht da. Ihm wurde es eng in der Brust. Was war ihr zugestoßen?

„Meghan!“ Er drehte sich um die eigene Achse. „Meghan, wo steckst du?“ Endlich entdeckte er sie auf der anderen Straßenseite, wo vereinzelt ein paar knorrige Bäume standen, weshalb er sie wohl zuerst nicht gesehen hatte. Sie raffte ihr schmutziges Kleid und hastete über die Straße. „Was um alles in der Welt tust du da?“ Wie selbstverständlich war er zum vertraulichen Du gewechselt. Das förmliche Sie kam ihm in dieser Ausnahmesituation zunehmend lächerlich vor.

„Ich dachte, für den Fall, dass irgendwelche Autofahrer im Vorbeifahren beobachtet hätten, dass du eine Braut am Straßenrand aussetzt, wäre es vielleicht klüger, mich woanders zu verstecken.“

Anscheinend hatte sie sich beruhigt und war wieder zu vernünftigen Entscheidungen fähig. „Gut mitgedacht. Tut mir leid, dass es länger gedauert hat als erwartet, meine Großmutter abzuholen …“

„Cash, mit wem redest du?“, rief seine Großmutter aus dem Pick-up.

„Ganz ruhig“, sagte er. „Das ist meine Großmutter. Dein größter Fan.“

„Tatsächlich? Sie schaut meine Show?“

„Wieso überrascht dich das? Laut Gram hast du eine sehr treue Gefolgschaft.“

„Mag sein. Deshalb soll meine Show jetzt vielleicht auch landesweit ausgestrahlt werden.“

Also war sie ein aufgehender Stern am Fernsehhimmel. Vielleicht hatte Harold das Rampenlicht nicht mit ihr teilen wollen? Cash gefiel die Vorstellung, dass Meghan erfolgreicher und beliebter war als ein Mann, der das Opfer spielte, um das Mitleid der Öffentlichkeit zu erregen.

„Cash, hörst du mich?“, rief seine Großmutter leicht gereizt.

„Wir sollten sie nicht länger warten lassen“, sagte er. „Wenn sie auf die Idee kommt, ohne Hilfe aus dem Pick-up zu steigen, könnte sie sich verletzen.“

Meghan ging an seiner Seite. „Zum Einsteigen könnte tatsächlich eine Trittleiter hilfreich sein.“

„Ich habe den Wagen gekauft, um einen Pferdehänger damit zu ziehen, nicht als Mitfahrgelegenheit für schöne Frauen.“

Meghans Wangen färbten sich rosig. Es gefiel Cash, sie zum Erröten zu bringen. Harold, der Mistkerl, hatte sie offenbar nicht gerade mit Komplimenten überschüttet. Kein Wunder, dass sie ihn verlassen hatte.

„Bevor ich’s vergesse, hier ist dein Smartphone.“ Sie drückte es ihm in die Hand. „Es macht dir hoffentlich nichts aus, dass ich meine Familie angerufen habe.“

„Kein Problem.“ Wäre sie seine Schwester oder Tochter gewesen, hätte er sich auch Sorgen gemacht. Er richtete seine Aufmerksamkeit auf seine Großmutter und sagte: „Meghan, das ist meine Großmutter, Martha Sullivan. Gram, das ist …“

„Meghan Finnegan. Die Fernsehköchin!“, fiel Martha ihm ins Wort. Sie schürzte die schmalen Lippen. Hinter ihrer Nickelbrille huschte ihr Blick zwischen Cash und Meghan hin und her. „Du hast die Braut entführt. Cash, wie konntest du nur!“

Bevor er den Vorwurf abwehren konnte, ergriff Meghan das Wort. „Ihr Enkelsohn hat sich tadellos verhalten. Als er mich aus der Kirche kommen sah, verfolgt von Reportern, hat er mir geholfen, zu fliehen. Tut mir leid, wenn ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet habe, Mrs. Sullivan.“

Martha winkte ab. „Du bist es, Mädchen, um die ich mir Sorgen mache. Geht diese Sache mit meinem Enkel schon lange?“ Martha duzte die wesentlich jüngere Frau wie selbstverständlich.

Alle Farbe wich Meghan aus dem Gesicht, sodass die Sommersprossen auf ihrer Nase deutlich hervorstachen. „Ich … hm … wir sind nicht …“

„Gram, wir sind kein Paar. Ich habe Meghan zum ersten Mal in meinem Leben gesehen, als sie vor der Kirche auftauchte. Sie brauchte eine Mitfahrgelegenheit, und ich war zur Stelle. Das ist alles. Niemand sonst weiß, wo sie sich aufhält.“

„Du liebe Zeit, was ist denn passiert? Warum bist du weggelaufen?“ Martha schlug sich eine knochige Hand vor den Mund. „Verzeih, meine Liebe. Ich wollte nicht so neugierig sein. Steig ein, dann bringen wir dich zurück in die Stadt.“

Cash bemerkte Meghans Erschrecken. „Das geht nicht, Gram.“

„Ja, aber warum nicht, um Himmels willen? Sie muss dringend raus aus diesem schmutzigen Kleid. Und wir lassen sie ganz bestimmt nicht hier am Straßenrand stehen.“

„Ich kann nicht nach Hause“, erklärte Meghan. „Noch nicht.“

„Aber was ist mit Harold?“, fragte Martha. „Solltest du ihn nicht wissen lassen, wo du steckst? Er wirkte so besorgt.“

Meghan wurde ganz grau im Gesicht und legte sich eine Hand auf den Magen. Mit vor Angst geweiteten Augen wandte sie sich an Cash, drängte sich dann an ihm vorbei und lief davon.

„Meghan, warte.“ Er folgte ihr zu einem Felsbrocken in einiger Entfernung.

Als sie sich vorbeugte, griff er in den weißen Stoff ihres Kleides und zog ihn aus dem Gefahrenbereich. Er hatte gehofft, ihre Übelkeit hätte sich gelegt, doch bei der Erwähnung der Hochzeit war ihr gleich wieder schlecht geworden.

Bereute sie es so sehr, diesen Esel vor dem Altar stehen gelassen zu haben? Hatte das schlechte Gewissen sie überrumpelt, so heftig, dass ihr übel wurde?

Cash erwog, ihr zu erzählen, was er beobachtet hatte, als er seine Großmutter abholte, aber wozu sollte es gut sein? Anscheinend verursachte allein schon der Gedanke an die ruinierte Hochzeit ihr Übelkeit. Zu hören, dass der Mann, den sie wohl immer noch liebte, die Situation auf ihre Kosten zu seinem Vorteil ausweidete, war bestimmt nicht sonderlich hilfreich.

Als sie sich aufrichtete, waren ihre Augen gerötet, das Gesicht war immer noch aschfahl. Sie taumelte, und Cash schlang ihr einen Arm um die Taille. Zweifellos machte die Hitze alles nur noch schlimmer.

„Mir geht’s gut“, sagte Meghan mit schwacher Stimme. „Ich habe nichts mehr im Magen. Es ist nur trockenes Würgen.“

Cash ließ sie erst wieder los, als sie neben seiner Großmutter im Pick-up saß. „Gram, schaltest du bitte die Klimaanlage ein?“

Wortlos folgte Martha seinen Anweisungen, während er Meghan den Sicherheitsgurt anlegte. Dann schlug er die Tür zu und lief zur Fahrerseite.

Er legte den Gang ein, nahm den Fuß jedoch noch nicht von der Bremse. „Wohin kann ich dich bringen, Meghan?“

Als sie nicht antwortete, sah er zu ihr hinüber. Sie hatte den Kopf ans Seitenfenster gelehnt und blickte ins Leere. In diesem Moment fühlte Cash sich um fast zwanzig Jahre in der Zeit zurückversetzt, als er ein kleiner Junge gewesen war, der Hilfe brauchte. Wäre Gram nicht gewesen …

„Wir nehmen dich mit nach Tumbling Weed“, sagte er und staunte selbst über seine Entscheidung.

„Wohin?“ Meghans Stimme wehte zu ihm herüber und verriet ihm, dass er richtig entschieden hatte.

„Das ist Cashs Ranch“, erklärte Martha. „Der ideale Ort für dich, um durchzuatmen und nachzudenken.“

„Ich weiß nicht.“ Meghan nagte an ihrer Unterlippe. „Ihr kennt mich doch gar nicht. Ich möchte mich nicht aufdrängen.“

„Cash und ich leben dort ganz allein und wären froh über ein wenig Gesellschaft. Stimmt’s, Cash?“

„Sie leben dort auch?“ Meghan sah Martha offen an.

„Sag Du und Martha zu mir.“ Martha nickte. „Nun, was meinst du?“

Cash war nicht so begeistert von der Idee wie seine Großmutter. Meghan war zwar schön und hatte offenbar seine Großmutter bezaubert, aber sie bedeutete Ärger. Die Presse würde erst Ruhe geben, wenn man sie gefunden hatte. Er sah die Schlagzeilen schon vor sich: Durchgebrannte Braut von Cowboy entführt. Sein Magen verkrampfte sich.

„Du kannst bleiben, solange du deinen Aufenthaltsort geheim hältst“, sagte er unnachgiebig. „Ich kann mir nicht leisten, dass die Presse bei mir einfällt.“

Die kalte Luft der Klimaanlange hauchte Meghan frische Energie ein. Sie war erschöpft und ihr Kleid ruiniert, aber ihr Magen hatte sich zum Glück beruhigt. Auf ihrem Weg in südöstliche Richtung blickte sie aus dem Seitenfenster. In dieser Gegend war sie noch nie gewesen, doch ihr gefiel die Weite des ausgedörrten Lands, das ihr das Gefühl gab, sich und ihre Probleme darin verlieren zu können.

„Da sind wir“, sagte Cash in ihre Gedanken hinein.

Der Pick-up hielt vor einem weiß verputzten Häuschen mit überdachter Veranda, auf der zwei Schaukelstühle standen. Es war hübsch, aber winzig. Ganz gewiss nicht groß genug, um einander aus dem Weg gehen zu können.

Cash schaltete den Motor aus, umrundete den Pick-up und öffnete die Tür, gegen die Meghan sich eben noch gelehnt hatte. Sie löste den Sicherheitsgurt, und Cash streckte ihr die Hände entgegen, um ihr beim Aussteigen zu helfen. Da ihr langes Kleid sie behinderte, nahm sie sein Angebot an. Er legte ihr die langen schlanken Finger um die Taille und stellte sie mit einer geschmeidigen Bewegung auf die Füße.

Sie hob das Kinn und registrierte erst jetzt, wie groß Cash war. Trotz ihrer hochhackigen Schuhe überragte er sie um gut fünfzehn Zentimeter. Der Blick seiner rauchgrauen Augen bannte sie mit seiner Intensität.

Sie schluckte. „Danke.“

„Gern geschehen.“ Sein kleines Lächeln rief ein Flattern in ihrem Bauch hervor.

Bevor ihr noch etwas zu sagen einfiel, wandte Cash sich seiner Großmutter zu und half auch ihr aus dem Fahrzeug. Martha eilte auf das Haus zu.

Als wären Cash und Meghan ihr gerade erst wieder in den Sinn gekommen, blieb sie auf der Veranda stehen. „Wir sehen uns um fünf Uhr zum Abendessen.“

Sie wollte schon die Tür öffnen, als Cash sagte: „Warte, Gram. Du hast Meghan vergessen.“

„Aber nein. Sie ist ebenfalls eingeladen.“ Sie griff nach der Türklinke.

„Aber Gram, willst du sie nicht ins Haus lassen?“

Martha drehte sich um und sah Cash verwundert an. „Klar, sie ist herzlich willkommen. Aber ich dachte, sie würde sich vielleicht gern frisch machen und etwas Sauberes anziehen.“

„Müsstest du sie dazu nicht ins Haus lassen?“

Martha zog die Brauen hoch. „Hm … Cash … Du wirst sie ins große Haus mitnehmen müssen.“

„Aber ich dachte …“

„Hast du vergessen, dass wir dein früheres Zimmer zu einem Nähzimmer für mich umgestaltet haben? Meghan könnte auf dem Sofa schlafen, aber ich denke, in einem deiner Gästezimmer hätte sie es bedeutend bequemer.“

So hatte Meghan sich die Sache nicht vorgestellt. Sie hatte gedacht, sie alle würden zusammen unter einem Dach wohnen. Die Vorstellung, mit Cash allein zu sein, ließ Alarmglocken schrillen.

„Ich will keinem von euch zur Last fallen. Wenn ich das Telefon benutzen darf, rufe ich mir ein Taxi.“

Cash warf ihr einen verdutzten Blick zu. „Ich dachte, du wüsstest nicht, wo du dich sonst vor der Presse verstecken könntest?“

„Nein, das weiß ich auch nicht.“ Sie fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Leise sprach sie weiter: „Ich werde ihnen halt sagen müssen …“

„Was? Was willst du ihnen sagen?“

Panik verengte ihr die Brust. „Ich weiß es nicht.“

„Warum bist du denn nun von deiner Hochzeit weggelaufen?“ Nach Antworten forschend sah er sie fest an.

„Ich … hm …“

„Warum hast du den Bräutigam vor dem Altar im Stich gelassen? Willst du ihn zurück?“

Sie funkelte Cash böse an. „Ich bin nicht bereit, darüber zu reden. Warum bist du so gemein?“

„Weil das nur ein kleiner Vorgeschmack auf das ist, was dich erwartet. Die Frage ist wohl eher harmlos im Vergleich zu dem, womit sie dich bombardieren werden.“

„Was weiß denn ein Cowboy schon über die Medien?“, entgegnete sie giftig, weil sie nicht zugeben wollte, dass er recht hatte.

„Verlass dich auf Cash“, meldete sich Martha zu Wort. „Er weiß, wovon er redet …“

„Gram, lass es. Meghan will unsere Meinung offenbar nicht hören.“

Meghan sah Cash an und wartete darauf, dass er die hintersinnige Bemerkung seiner Großmutter zu Ende führte.

„Was verschweigst du?“, fragte sie. „Was weißt du über die Medien?“

Er biss die Zähne zusammen und schluckte schwer. Seufzend ließ er die Schultern hängen und verlagerte sein Gewicht von einem Bein auf das andere.

„Sprecht euch aus, ihr zwei“, sagte Martha. „Ich habe zu tun.“

Die Eingangstür zu dem kleinen Haus wurde geöffnet und fiel mit einem dumpfen Schlag wieder ins Schloss. Währenddessen ruhte Meghans Blick auf Cash. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, mit ihm hierherzukommen?

„Ich warte.“ Die Augustsonne brannte auf Meghan in ihren Lagen von Tüll und Seide nieder, bis der Stoff ihr an der Haut klebte. Schweiß rann ihr über den Rücken, doch sie ließ sich nicht unterkriegen. Sie würde nicht von der Stelle weichen, bis dieser sture Cowboy ihr seine kryptische Bemerkung entschlüsselt hatte.

Cash seufzte. „Ich habe gehört, wie dein Verlobter mit den Reportern geredet hat, und demnach hast du wohl eine ganze Menge zu erklären.“

Er gab dem Gespräch eine völlig neue Richtung, ohne auf die Äußerung seiner Großmutter einzugehen. Doch Meghan hatte keine Zeit, es zu beanstanden. Dass Harold ihr nicht nur ihrer Familie gegenüber die Schuld an der geplatzten Hochzeit zuschob, sondern auch die Presse mit seinen Lügen fütterte, erschütterte sie zutiefst. Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag in die Magengrube.

„Warum sollte er so etwas tun?“, fragte sie leise. Ihr Image in der Öffentlichkeit sicherte ihren Lebensunterhalt. Wollte er ihre Karriere zerstören?

„Wenn du mit ihm redest, kannst du vielleicht alles wieder geradebiegen.“

Sie schüttelte den Kopf. Endlich erkannte sie hinter dem glattzüngigen Harold mit dem vornehmen Getue den Egoisten im Designer-Anzug. „Er will gar nicht hören, was ich zu sagen habe. Nicht nach dem, was vorgefallen ist.“

Cashs Blick war voller Fragen, doch Meghan war nicht bereit zu antworten. Im Moment hätte sie für eine Dusche und ein Glas kalten Wassers mit Freuden ihren Diamantring hergegeben.

„Könnten wir bitte raus aus der Sonne?“, fragte sie.

Cash zog die Brauen hoch, als ginge ihm auf, dass er seine guten Manieren vergessen hatte. „Klar. Mein Haus liegt ein Stück weit den Weg hinunter.“

Allein mit diesem Cowboy. Das war bestimmt keine gute Idee. Meghan musterte ihn. Er sah recht gut aus. Und seine Großmutter schien unendlich stolz auf ihn zu sein. Warum zögerte sie dann? Sie wollte ja nicht bei ihm einziehen. Sie würde sich etwas einfallen lassen und im Nu wieder fort sein.

„Du bist in Sicherheit“, sagte Cash, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „Und wenn du so große Angst hast, mit mir allein zu sein, hast du ja meine Großmutter gehört: Du kannst auf ihrem Sofa schlafen. Aber unter uns gesagt: Es ist ein bisschen unbequem.“

Sein scherzhafter Ton löste ein wenig ihre Anspannung. Bislang hatte er sich tadellos verhalten. Es gab keinen Grund, ihn als Bedrohung zu betrachten.

Sie stand da und überlegte, wie sie wieder auf den Beifahrersitz gelangen sollte, und Cash sagte: „Lass dir helfen.“

Klar, ohne Geld und eigenes Fahrzeug war sie auf ihn angewiesen, aber das hieß nicht, dass sie ihre Selbstständigkeit völlig aufgeben musste.

„Danke, aber es geht schon.“ Sie ließ sich Zeit, raffte mit einer Hand ihr Kleid und hielt sich mit der anderen am Türrahmen fest. Mit aller Kraft zog sie sich ohne Zwischenfall hinauf in den Sitz.

3. KAPITEL

Cash hielt vor seinem zweistöckigen Farmhaus, und zwar keinen Augenblick zu früh. Meghan schaute ihn so merkwürdig an, ganz anders, als er es von den Partymäusen in der ortsansässigen Bar kannte. Ihre Blicke gingen tiefer, so als hätte sie Fragen und wüsste nicht, wie sie sie in Worte fassen sollte. Was auch immer sie über ihn erfahren wollte, er war ziemlich sicher, dass er keine Lust hatte, darüber zu reden.

Diese Ranch war zu seinem Zufluchtsort vor dem Rodeo-Zirkus geworden, und inzwischen konnte er sich nicht mehr vorstellen, irgendwo anders zu leben. Hier auf Tumbling Weed konnte er er selbst sein und abschalten. Das Haus war schon vor ein paar Jahren gebaut worden, doch er hatte noch nie eine Frau hierher mitgenommen. Er wollte keine falschen Hoffnungen wecken. Er hatte klargestellt, dass er ein Freundschaft-Plus-Cowboy war. Basta.

„Danke für alles“, unterbrach Meghan ihn in seinen Gedanken. „Ich wüsste nicht, was ich hätte tun sollen, wenn du mir nicht geholfen hättest.“

„Du wärst bestimmt zurechtgekommen. Du scheinst mir nicht der hilflose Typ zu sein.“ Als sie nichts sagte, warf er einen Blick in ihre Richtung. Sie nagte wieder an ihrer Unterlippe. „Hey, die Bemerkung hatte nichts zu bedeuten. Du bist hier herzlich willkommen, bis es dir besser geht.“

„Ich möchte nicht stören.“

„Siehst du das Haus da?“ Er deutete durch die Frontscheibe auf das Gebäude. „Ich habe mich wohl ein bisschen hinreißen lassen, als ich die Pläne zeichnen ließ. Wollte Gram überreden, bei mir einzuziehen, aber sie hat rundweg abgelehnt. Sie sagte, ihr Häuschen sei voller Erinnerungen, und sie werde es erst verlassen, wenn der liebe Gott sie zu sich holt.“

„Deine Großmutter scheint eine bodenständige Frau zu sein.“

„Ja. Und sie ist die beste Köchin weit und breit.“

Cash sah, wie Meghan die Lippen zusammenpresste. Er hatte ganz vergessen, dass sie Köchin war. Er hätte seine preisgekrönte Stute darauf verwettet, dass Meghans fernsehtaugliche Rezepte der Hausmannskost seiner Großmutter nicht das Wasser reichen konnten, doch er ging nicht auf das Thema ein.

Sie streckte eine Hand nach dem Türgriff aus. „Bevor ich wieder fahre, würde ich gern ein paar von ihren Rezepten kennenlernen.“

Cash war genug Frauen begegnet, die nur eines im Sinn hatten: alles, was sie gratis von jemandem bekommen konnten. Die Vorstellung, dass die Fernsehköchin die Rezepte seiner Großmutter nutzte, um ihre Karriere auszubauen, passte ihm nicht. Wenn es nach ihm ginge, würde es nie dazu kommen.

„Gehen wir rein? Ich schau mal nach, ob ich etwas für dich zum Anziehen finde.“

„Das wäre prima. Alle Mädchen träumen von ihrem Hochzeitskleid, aber keines denkt daran, wie anstrengend es ist, eins zu tragen.“

„Ich kann’s mir nicht mal vorstellen.“

Cash lief um den Pick-up herum, doch Meghan war schon ausgestiegen, als er sie erreichte. Die Frau hatte unübersehbar einen starken Hang zur Unabhängigkeit. Was hatte sie dazu gebracht, sich an einen Kerl wie Harold zu ketten?

Liebe. Diese mythische, schwer fassbare Sache, an die Frauen unbedingt glauben wollten. Cash selbst glaubte nicht an Herzchen und Sternchen in den Augen. Unsterbliche Liebe gab es nicht, jedenfalls nicht die von der romantischen Sorte. Die Ehe seiner Eltern hätte Beweis genug für ihn sein sollen, doch er hatte es versucht und eine brutale Lektion gelernt, die er nie wieder vergessen würde. 

Er führte Meghan die Stufen zu der großen Veranda hinauf. Das war sein Lieblingsort auf dem ganzen Anwesen. Wenn das Wetter es zuließ, trank er hier seinen Morgenkaffee, und abends blickte er von hier aus gern in den Sternenhimmel.

„Es ist wirklich schön hier“, sagte Meghan, als wollte sie seinen Gedanken beipflichten.

„Nirgendwo kann ich besser abschalten.“

„Wie schön für dich, so viel Raum zu haben, der Ausblick ist herrlich. Wie groß ist die Ranch?“

„Ein bisschen mehr als sechzehnhundert Morgen. Reichlich Platz zum Wanderreiten.“

„Dein eigenes kleines Königreich.“

Er lachte leise. Sie hatte offenbar zu lange in der Stadt gelebt. „So groß nun auch wieder nicht. Aber es ist mein Stückchen vom Himmel.“ Er ging zur Tür und öffnete sie. „Willst du jetzt dieses Kleid ausziehen?“

Ihr stieg leichte Röte in die Wangen, sie wandte den Blick ab. Cash biss die Zähne zusammen und unterdrückte seine Belustigung über ihre Fehlinterpretation seiner Worte.

Meghan hielt den Kopf gesenkt und untersuchte den schmutzigen Rock ihres Kleides. „Schade, dass es jetzt nur noch für die Mülltonne taugt.“

„Würdest du denn ein Kleid aufbewahren wollen, in dem du von deiner Trauung weggelaufen bist?“

Überraschung blitzte in ihren Augen auf, aber nur kurz. „Zeig mir, wohin, dann bist du mich erst einmal los.“

„Komm mit nach oben“, sagte er, auf ein bisschen Abstand bedacht. „Dort finde ich sicher etwas zum Anziehen für dich. Wird vielleicht nicht passen, ist aber immerhin besser als all dieser Tüll.“

„Tut mir leid, dass ich dir solche Mühe mache. Wenn du mal nach Albuquerque kommst, ruf mich an. Dann lade ich dich wenigstens zum Essen ein.“ Sie folgte ihm zur Treppe. „Hast du nicht gesagt, deine Großmutter sei ein großer Fan meiner Sendung?“

Cash blieb auf der untersten Treppenstufe stehen und drehte sich um. Worauf wollte sie hinaus? Er zögerte mit seiner Antwort, doch das Funkeln in Megs Augen nahm ihn für sie ein. „Sie verpasst keine einzige Sendung. Deswegen hat sie sich auch so darüber gefreut, dass die Hochzeit öffentlich stattfinden sollte, und wollte unbedingt dabei sein.“

„Und warum warst du nicht in der Kirche? Als ihr Begleiter?“

Er senkte den Blick. „Ich mag keine Hochzeiten.“

„Wegen persönlicher Erfahrungen?“

Er ballte die Hände zu Fäusten. Warum weckte diese Frau ständig Gedanken an Dinge, die er lieber im hintersten Winkel seines Bewusstseins vergraben gelassen hätte? Um nicht zu viel preiszugeben, sagte er nur: „Heiraten ist für Träumer und Trottel. Irgendwann stellen die Menschen fest, dass es kein Glück bis in alle Ewigkeit gibt, aber dann ist es gewöhnlich zu spät.“

„Das kann nicht dein Ernst sein! So eine zynische Einstellung zum Heiraten habe ich ja noch nie gehört. Schon gar nicht von jemandem, der es offenbar nie versucht hat.“

„Man muss nicht immer alles selbst probieren, um zu wissen, ob etwas ein Fehler ist.“

Er wollte dieses Gespräch nicht fortsetzen. Er wollte nicht an die Kinder denken, die aus solch unglücklichen Ehen hervorgingen, die keine Stimme, keine Wahl hatten.

Er kehrte Meghan den Rücken zu und stieg die Treppe hinauf. Da er sie nicht hinter sich hörte, warf er einen Blick über die Schulter zurück. Sie stand noch im Eingangsbereich und bedachte Cash mit einem mitleidigen Blick, der ihn mitten ins Herz traf.

„Das ist das Traurigste, was ich je gehört habe.“

Er hütete sich, über Liebe und Ehe mit einer Frau zu diskutieren. Seiner Meinung nach musste eine durchgebrannte Braut doch wohl eine andere Einstellung zu diesen Dingen insgesamt haben, doch augenscheinlich hatten die Erlebnisse des Tages nicht gereicht, um ihre rosafarbenen Jungmädchenträume zu zerstören.

„Ich zeige dir dein Zimmer“, sagte Cash und blieb im Flur stehen. „Dann kümmern wir uns um etwas zu essen … falls du magst?“

„Ich fühle mich inzwischen tatsächlich besser. Und etwas zu essen wäre gut.“

Er öffnete eine Tür und trat zurück, um Meghan den Vortritt zu lassen, die ihm nach oben gefolgt war.

„Ist das dein Zimmer?“, fragte sie. „Ich will dir keine Umstände machen.“

„Nein. Mein Zimmer liegt am anderen Ende des Flurs. Dieses hier ist das einzige Gästezimmer, das eingerichtet ist.“

Er lächelte und lehnte sich mit einer Schulter an den Türpfosten. „Das Zimmer hat ein eigenes Bad, du kannst dich also jederzeit frisch machen. Ich suche dir etwas zum Anziehen. Bin gleich zurück.“

„Danke. Das sage ich wohl ziemlich häufig. Aber es kommt von Herzen. Ich weiß nicht, was ich ohne dich hätte tun sollen.“

Eben noch war sie stark und wusste sich zu behaupten, und im nächsten Moment wirkte sie so verletzlich. Ihm schwirrte der Kopf.

„Ich hole die Sachen.“

Er ging durch den Flur zu seinem Zimmer. Was um alles in der Welt sollte er ihr anbieten? Sie war zierlich, einige Zentimeter kleiner als er, obwohl sie High Heels trug, wie er gesehen hatte.

Und ihre Taille. Sie war nicht mager, und trotzdem würde keine von seinen Hosen ihr auch nur annähernd passen. Nicht einmal mit einem Gürtel … Nein, er musste sich etwas anderes einfallen lassen.

Cash durchwühlte seinen Schrank. Er konnte nicht fassen, dass er sich ein Bein ausriss für eine Frau, die offenbar immer noch in diesen Typen verliebt war.

Wenn sie also immer noch in diesen Kerl verliebt war, warum war sie dann aus der Kirche geflüchtet? Er war es leid, über diese Frage nachzudenken, und beschloss, sie noch einmal direkt zu fragen, was denn vorgefallen war. Sie sollte es ausspucken. Wenn er es verstand, dann … Dann könnte er ihr Ratschläge geben, aus Männersicht sozusagen.

Mit diesem Plan im Kopf griff er nach Shorts mit Tunneldurchzug und einem T-Shirt. Meghan würde darin ertrinken, aber etwas Besseres hatte er nicht.

Cash ging zurück zum Gästezimmer und fand sich vor verschlossener Tür wieder. Er klopfte. „Meghan?“ Er wartete ein paar Sekunden. Nichts. „Meghan? Ich bin’s.“

Er hörte nichts. In der Annahme, dass sie unter der Dusche stand, beschloss er, die Sachen aufs Bett zu legen und dann, die Küche zu gehen, um sich nach etwas Essbarem umzusehen.

Er drückte die Klinke, öffnete die Tür und trat ins Zimmer. Meghan lag lang ausgestreckt quer über dem Bett, und er blieb abrupt stehen. Was zum Kuckuck?

Sie lag auf dem Bauch, bekleidet mit weiter nichts als weißen schenkellangen Strümpfen, Strapsen und einem spitzenbesetzten Höschen, das kaum ihr sahnig weißes Hinterteil bedeckte …

Er schluckte trocken und blinzelte. Der sexy Anblick blieb. Er durfte nicht hier sein, doch seine Füße gehorchten ihm nicht.

Ein leiser Seufzer kam über ihre Lippen und riss Cash aus seiner Trance. Hastig warf er die Sachen auf die Kommode und flüchtete aus dem Zimmer. Meghans Anblick auf dem Bett hatte sich für immer in sein Bewusstsein eingebrannt.

4. KAPITEL

Meghan fuhr ruckartig hoch. Etwas hatte sie aus dem Schlaf geschreckt. Das Herz hämmerte ihr gegen die Rippen. Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht und schaute sich um. Wo war sie? Sie schaute sich in dem fremden Zimmer um.

Jemand klopfte an die Tür. „Meghan, es ist Abendbrotzeit. Gram wartet auf uns.“

Die Männerstimme klang vertraut. Cash. Bruchstücke von Erinnerungen blitzten auf.

Die Hochzeit, die nicht stattgefunden hatte.

Die rasante Flucht vor der Presse.

Wie ihr schlecht geworden war.

Und nicht zuletzt die Fahrt im Pick-up mit Cash und seiner Großmutter.

Ihm verdankte sie es, dass sie in Sicherheit war. Ihr Atem beruhigte sich, ihr Herzschlag fand zurück zu einem gemäßigten Rhythmus.

Es folgte ein eindringliches Pochen an der Tür. „Meghan? Ist alles in Ordnung? Wenn du nicht antwortest, komme ich rein.“

Sie ließ den Blick über ihren Mini-BH und den weißen Spitzenslip gleiten. „Alles in Ordnung.“

„Sicher?“

„Ich war eingeschlafen.“ Sie griff nach der Bettdecke, die sie vorher zurückgeschlagen hatte, und schlang sie sich um die Schultern, für den Fall, dass Cash ins Zimmer stürmte.

„Es ist schon spät.“ Seine tiefe Stimme drang grollend durch die Tür. „Wir müssen los.“

Sie nagte an ihrer Unterlippe und ließ den Blick zum Fenster schweifen, wo die Sonne glühend unterging. „Aber ich habe nichts anzuziehen.“

„Ich habe ein paar Sachen auf der Kommode bereitgelegt.“

Sie war erleichtert, die Anspannung ließ nach. „Danke. Gib mir fünf Minuten Zeit zum Anziehen.“

Meghan eilte ins Bad, um sich zu etwas frisch zu machen. Als sie fertig war, betrachtete sie ihr ungeschminktes Gesicht im Spiegel. In der Regel ging sie nie ohne Make-up aus dem Haus, doch das war, bevor ihr Leben völlig aus der Bahn geraten war. Es war an der Zeit, ein paar ihrer Gewohnheiten zu überdenken.

Zurück im Schlafzimmer entdeckte sie die Kleidungsstücke, die Cash ihr herausgesucht hatte. Ihr stieg die Glut in die Wangen, als ihr dämmerte, dass Cash in ihrem Schlafzimmer gewesen sein musste, während sie in ihren Hochzeits-Dessous auf dem Bett gelegen hatte.

Sie fragte sich, was er darüber gedacht haben mochte, dass sie sich bis auf die Unterwäsche entkleidet hatte, bevor sie eingeschlafen war. Doch schon im nächsten Moment errötete sie vor Scham bis unter die Haarwurzeln; er hatte sie praktisch nackt gesehen. Konnte dieser Tag noch schlimmer werden?

Sie rief sich innerlich zur Ordnung und griff nach den geborgten Sachen, denen Cashs erdiger Duft entströmte. Vor ihrem inneren Auge erschien das Bild des großen muskelbepackten Ranchers. Wären die Umstände andere gewesen, hätte sie nichts dagegen gehabt, dem Mann persönlich näherzukommen.

Im Bad checkte sie ein letztes Mal ihr Aussehen, wohl wissend, dass sie gerade nicht das Beste aus sich machen konnte. Vorzeigbar musste reichen. Sie hastete zur Treppe und blickte hinunter in den Eingangsbereich, wo Cash auf und ab schritt. Die Falten in seinem markanten Gesicht ließen darauf schließen, dass er angestrengt nachdachte, wahrscheinlich darüber, wann Meghan endlich wieder aus seinem Leben verschwinden würde.

Ihr knurrte der leere Magen. Zuletzt hatte sie am Morgen ein wenig Saft und Toast zu sich genommen. Sie stieg die Treppe hinunter.

Cash blieb stehen und drehte sich um, sagte aber kein Wort. Meghan hielt auf der untersten Treppenstufe inne und spürte ein Flattern im Bauch, als Cash sie eindringlich musterte. Dachte er an das, was er in ihrem Schlafzimmer gesehen hatte, als sie schlief? Einen Moment lang hätte sie gern gewusst, ob es ihm gefallen hatte.

Sie lächelte zögernd. „Wollen wir los?“

Er erwiderte ihr freundliches Lächeln nicht. Seine Miene zeigte keinerlei Emotionen. „Ich bin schon seit einer Weile aufbruchsbereit.“

„Isst du immer bei deiner Großmutter?“

Er verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. „Da wir beide allein sind, bietet sich das an. Wenn wir gemeinsam essen, kann ich ein Auge auf sie haben, ohne den Eindruck zu erwecken, dass ich sie überwache. Apropos, wir sollten jetzt wirklich aufbrechen.“

Meghan blickte an sich hinab und wackelte mit Zehen, deren Nägel frisch manikürt und pink lackiert waren. „Ich habe keine Schuhe.“

Cash seufzte. „Warte hier. Ich glaube, ich habe da etwas.“

Meghan konnte sich nicht vorstellen, dass er etwas in ihrer Größe auftreiben konnte. Ein Blick auf seine Cowboystiefel bestätigte, dass ihre Füße in seinen Schuhen verloren sein würden.

Als Cash aus der Küche zurückkam, schleppte er ein paar große Einkaufstüten. Er ließ sie vor Meghans Füße fallen. „Schau mal da rein.“

Verwirrt spähte sie in die Tüten, die angefüllt waren mit Kleidung in bunten Farben. „Ich verstehe nicht. Woher kommt das alles?“

„Großmutter wollte heute Nachmittag in der Stadt Besorgungen machen. Ich habe sie hingefahren, während du geschlafen hast. Wir haben das Notwendigste eingekauft. Wenn etwas nicht passt, kann es zurückgegeben oder umgetauscht werden.“

Meghan vergaß, den Mund zu schließen. Derartige Großzügigkeit kannte sie nicht. Harold hatte immer penibel auf getrennte Rechnungen bestanden. Anfangs fand sie es merkwürdig, aber es störte sie nicht, für sich selbst aufzukommen. Vielmehr stellte sie bald fest, dass sie es mochte, eigenverantwortlich und damit frei zu sein.

„Aber das kann ich nicht annehmen“, protestierte sie.

Cash furchte die Stirn. „Warum nicht?“

„Ich habe kein Geld, um dir die Ausgaben zu erstatten … Zumindest habe ich keines bei mir.“

Cash hob die Hände, um ihren Einwänden Einhalt zu gebieten. „Du kannst deine Schulden bezahlen, wenn du wieder zu Hause bist.“

Dieser Vorschlag war vernünftig. Im Grunde hatte sie auch kaum eine Wahl. „Abgemacht.“

Der holprige Weg zum Haus seiner Großmutter machte ihr dieses Mal nicht so schwer zu schaffen und verursachte ihr zum Glück auch keine Übelkeit. Nach dem Nickerchen fühlte sie sich besser. Erstaunlich, dass man durch Schlaf tatsächlich ein neuer Mensch werden konnte.

Cash hielt an und wandte sich Meghan zu. „Bevor wir hineingehen: Ich weiß, dass du eine tolle Köchin bist und so weiter, aber meine Großmutter ist eine einfache Frau mit einem schlichten Geschmack. Sie ist stolz auf ihr Können. Bitte kränke sie nicht, wenn ihr Essen nicht an deines heranreicht.“

Es schmerzte, dass er davon ausging, sie würde sich hochnäsig über das Essen ihrer Gastgeberin äußern. Zwar gehörten die Rezepte, die sie im Fernsehen kochte, meist zu der Kategorie „Light Cuisine“, aber auch sie mochte Hausmannskost.

Verflixt, wenn Cash gewusst hätte, dass sie schwanger und vom Kindsvater abserviert worden war, hätte er sich wahrscheinlich keine großen Sorgen gemacht. Meghan hatte allerdings nicht vor, ihn in ihr kleines Geheimnis einzuweihen. Er hatte sie bereits auf einem Tiefpunkt erlebt, und sie beabsichtigte nicht, ihm zu gestehen, dass ihr ganzes Leben Kopf stand.

„Ich würde nie etwas sagen oder tun, was deine Großmutter verletzen könnte. Ich bin ihr sehr dankbar für ihre Freundlichkeit.“

„Ehrenwort?“

Sie blinzelte. Er glaubte ihr nicht? „Versprochen.“

Cash folgte Meghan ins Haus seiner Großmutter. Nicht einmal ihr eleganter Hüftschwung konnte das Unbehagen vertreiben, das an ihm nagte, sondern verstärkte es sogar noch.

Sein inneres Auge präsentierte ihm Visionen von ihrem halb nackten Körper, ihre perfekten Kurven nur notdürftig bedeckt von durchsichtigem Stoff. Es hatte ihn höchste Willensanstrengung gekostet, das Zimmer zu verlassen und die Tür zu schließen. Keine Frau hatte das Recht, so verführerisch auszusehen, ohne es auch nur darauf angelegt zu haben.

Er konnte nicht fassen, dass er sie an sich heranließ. Er hatte geglaubt, immun gegen weibliche Reize zu sein. Greif zu oder lass es, das war sein Motto. Und die Art, wie dieser kleine Rotschopf ihn mit den hübschen Rundungen und dem hinreißenden Lächeln verwirren konnte, war ein sicheres Zeichen dafür, dass er es lassen sollte.

„Vergiss nicht, worüber wir gesprochen haben“, sagte er.

„Ich bin kein Kind. Du musst mich nicht ständig erinnern. Als ob ich je so unhöflich sein könnte.“

„Schön.“

Er folgte ihr die Stufen zur Veranda hinauf. Er wollte Meghan so gerne glauben, doch seine Exfreundin hatte ihn angelogen, ohne eine Miene zu verziehen. Seiner Erfahrung nach konnten Frauen, wenn sie etwas sehr dringend wollten, hinterhältig und verlogen sein. Jetzt zog er es vor, auf Nummer sicher zu gehen.

Immerhin war seine Großmutter seit ihrer Rückkehr aus der Stadt mit der Vorbereitung dieses Essens beschäftigt. Ein falscher Blick, ein falsches Wort von der Promiköchin, dem liebsten Fernsehstar seiner Großmutter, würde sie vernichten.

Cash klopfte an die Tür des kleinen Hauses, öffnete sie und trat ein. „Gram, da sind wir. Und, Junge, Junge, irgendetwas hier riecht verdammt gut.“

Seine Großmutter erschien, eine fleckige Schürze vorgebunden, aus der Küche und wischte sich die Hände mit einem Geschirrtuch ab. „Schön. Ich habe ein neues Gericht kreiert. Ich hoffe, es schmeckt euch beiden.“

„Ich komme um vor Hunger“, sagte Meghan.

„Okay, dann wascht euch die Hände. Cash zeigt dir das Bad.“

Cash nickte und ging voran. Schweigend seiften sie sich die Hände ein. Selbst wenn er mit den banalsten Dingen beschäftigt war, konnte er sich an ihrer Seite nicht entspannen. Sobald er auch nur einen Blick in ihre Richtung warf, fing er im Geiste an, sie auszuziehen bis auf die durchsichtige weiße Unterwäsche. Ihm schnürte sich die Kehle zu, sodass er kaum schlucken konnte.

Zurück in der Küche, erinnerte Cash sich an seine guten Manieren und rückte einen Stuhl für Meghan zurecht.

„Das Essen ist noch nicht ganz fertig“, sagte Martha. „Der Einkauf hat mich heute ein bisschen in Verzug gebracht. Ich habe frisches Brot im Ofen, und dann muss ich noch die Tortellini in die Suppe geben.“

„Kann ich helfen?“, bot Cash wie bei jeder Mahlzeit an.

Gewöhnlich winkte Martha ab, aber an diesem Tag sagte sie: „Ja, du könntest uns Drinks besorgen.“

„Drinks?“ Normalerweise tranken sie Leitungswasser. An wirklich elend heißen Tagen peppten sie es mit Eis auf.

„Ja. Ich habe Mineralwasser und Saft eingekauft.“ Martha wandte sich Meghan zu. „Du bist wahrscheinlich an Raffinierteres zum Essen gewöhnt. Ich fürchte, bei uns geht es eher schlicht zu. Falls du etwas möchtest, das wir nicht haben, kann Cash es mitbringen, wenn er das nächste Mal in die Stadt ...

Autor

Jennifer Faye
Die preisgekrönte Autorin Jennifer Faye schreibt unterhaltsame zeitgenössische Liebesromane. Mit mehr als einer Million verkaufter Bücher ist sie eine international erfolgreiche Autorin, deren Romances in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt wurden. Einige ihrer Werke wurden bereits verfilmt. Wenn sie nicht gerade an ihrem nächsten Liebesroman tüftelt, kann man sie...
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Kate Hardy wuchs in einem viktorianischen Haus in Norfolk, England, auf und ist bis heute fest davon überzeugt, dass es darin gespukt hat. Vielleicht ist das der Grund, dass sie am liebsten Liebesromane schreibt, in denen es vor Leidenschaft, Dramatik und Gefahr knistert? Bereits vor ihrem ersten Schultag konnte Kate...
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