Julia Platin Band 17

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KÜSSE MICH, MEIN SÜSSER ENGEL von CARA COLTER
Seit Kirsten Morrison immer zu Weihnachten dafür sorgt, dass jedes Kind ein Geschenk bekommt, nennt man sie den Engel von Treemont. Als Michael seine Familie verliert, beginnt er Kirsten dabei zu helfen – und verliebt sich in sie. Doch wird sie auch sein Engel werden?

EIN ENGEL FÜR CHARLIE von CHERYL ST. JOHN
„Ein Engel!“, freut sich die kleine Meredith, als sie die schöne blonde Starla erblickt. Und sie tut alles, um Starla mit ihrem Papi zu verkuppeln. Denn nur ein Engel kann sein Herz heilen – und Meredith zu Weihnachten eine neue Mami schenken ...

WEIHNACHTSENGEL SUCHT MÄRCHENPRINZ von LIZ FIELDING
Über die Feiertage will Annie, besser bekannt als „Charity-Engel“ Lady Rose, ihrem goldenen Käfig entfliehen. Doch ihre Flucht endet im Straßengraben – und in den Armen des Selfmade-Milliardärs George. Der ahnt allerdings nicht, wen er da so innig umarmt …


  • Erscheinungstag 02.12.2022
  • Bandnummer 17
  • ISBN / Artikelnummer 8005220017
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Cara Colter, Cheryl St. John, Liz Fielding

JULIA PLATIN BAND 17

1. KAPITEL

Noch vierzig Tage bis Weihnachten …

Das Geräusch der Türklingel schreckte ihn aus dem Schlaf und hallte schmerzhaft in seinem Kopf wider.

Michael Brewster stöhnte. Dann drehte er sich auf die Seite, öffnete die Augen und blickte auf den Wecker, vor dem eine leere Bierflasche lag.

Es war sechs Uhr. Er überlegte, ob es morgens oder abends war, und entschied sich dann für Ersteres. Wer war so verrückt, ihn zu dieser Tageszeit zu besuchen? Michael zog sich das Kissen über den Kopf, doch es klingelte wieder … und noch einmal. Er fühlte sich wie gerädert. Mühsam rappelte er sich auf und tastete auf dem Boden nach seinen Jeans.

Nachdem er sie angezogen hatte, ging er barfuß und mit nacktem Oberkörper zur Haustür und öffnete sie. Die kühle Novemberluft ließ ihn schlagartig wach werden, und er versuchte, seinen Ärger zu unterdrücken, als er sich seinem Nachbarn Mr. Theodore gegenübersah.

„Einen wunderschönen guten Morgen, Michael!“, grüßte der alte Mann ihn fröhlich.

Michael dröhnte der Kopf, und deshalb hätte er seinem Nachbarn am liebsten die Tür vor der Nase zugeknallt. Aber das konnte er natürlich nicht tun.

Erst vor Kurzem war er wieder in das Haus gezogen, in dem er aufgewachsen war, und das nicht zuletzt wegen seiner Kindheitserinnerungen, zu denen auch Mr. Theodore gehörte. Sein Bruder Brian und er hatten sich oft in dessen Garten geschlichen und dort Blumen für ihre Mom gepflückt. Sie waren in seinen Apfelbaum geklettert und hatten ihm an Halloween Streiche gespielt.

Trotzdem – oder gerade deshalb – war Michael zuerst etwas argwöhnisch gewesen, als Mr. Theodore ihn nach seinem Einzug fragte, ob er einige Arbeiten an dessen Haus durchführen könnte. Ursprünglich hatte Michael Tischler gelernt, doch mittlerweile ging es ihm finanziell so gut, dass er kein Geld mehr verdienen musste.

Nachdem er seine Hilfe zugesagt hatte, fürchtete er zwar einerseits, Mr. Theodore könnte womöglich versuchen, ihn zu bekehren, denn dieser hatte schon immer eine spirituelle Ader gehabt. Er las mit Vorliebe philosophische Abhandlungen und Gedichte, sang im Kirchenchor und plauderte gern am Gartenzaun über den Dalai Lama.

Wenn er ehrlich zu sich war, musste Michael sich jedoch andererseits eingestehen, dass er auch auf Mr. Theodores Wissen hoffte. Vielleicht konnte der belesene alte Mann ihm ja aus seiner tiefen Krise helfen.

Während alle anderen Antworten auf sämtliche Fragen des Lebens parat zu haben schienen, hatte Mr. Theodore ihm keine Ratschläge erteilt, sondern lediglich Small Talk gehalten. Und immer wenn eine Arbeit erledigt gewesen war, hatte er eine neue gefunden.

Aber was wollte er um sechs Uhr morgens von ihm?

„Ich habe mich gefragt …“

Michael seufzte insgeheim und versuchte zu erraten, was der alte Mann sagen wollte. Welche Schäden mochte er in dessen baufälligem Haus übersehen haben? Undichte Stellen im Dach? Einen tropfenden Wasserhahn? Trotz seines furchtbaren Katers merkte er, dass er erleichtert war, weil er dann an diesem grauen Novembertag wenigstens etwas zu tun hatte.

Denn sonst hätte er sich sicher noch verlorener gefühlt, als es ohnehin schon der Fall war. Bevor Mr. Theodore zum ersten Mal bei ihm erschienen war, hatte er nur vor dem großen Plasmafernseher gesessen, die einzige Anschaffung, die er von dem vielen Geld getätigt hatte.

Nie hätte er sich träumen lassen, dass es ein Fluch sein konnte, mit siebenundzwanzig über ein großes Vermögen zu verfügen. Er hätte das ganze Geld sofort zurückgegeben, wenn …

„Weihnachtsbeleuchtung“, verkündete Mr. Theodore fröhlich.

Offenbar hatte er Michaels verwirrten Gesichtsausdruck bemerkt, denn er fuhr fort: „Bald ist Weihnachten. Wir haben heute den …“ Er sah auf seine Armbanduhr. „… fünfzehnten November. An dem Tag fange ich immer an zu schmücken.“

Weihnachten? Es war schon so weit? Dem ersten Schrecken folgten schmerzliche Erinnerungen. Einen Moment lang konnte Michael den Duft der Tannen und den der selbst gebackenen Kuchen seiner Mutter förmlich riechen. Er hörte das Lachen seines Bruders, das Rascheln des Geschenkpapiers … Das Gefühl des Verlusts und der Leere war so stark, dass er es körperlich spürte.

Und plötzlich lag ihm die Frage auf der Zunge, die ihn tagsüber quälte und nachts nicht schlafen ließ, die ihn veranlasste, seinen Kummer mit zu viel Bier und Fernsehkonsum zu betäuben. Er wollte sie nicht aussprechen, tat es dann aber doch, um nicht daran zu ersticken.

„Wie soll ich weiterleben?“, fragte er und wusste im selben Moment, dass es keine Antwort darauf gab.

Daraufhin berührte Mr. Theodore seinen Arm, und Michael blickte in dessen blaue Augen, die so alterslos und mitfühlend wirkten.

„Such dir jemanden, dem es noch schlechter geht als dir“, verkündete sein Nachbar. „Und hilf ihm.“

Langsam atmete Michael aus. Das war unmöglich. Es gab niemanden, der noch stärker litt als er.

„Wo haben Sie Ihre Lichterketten?“, erkundigte er sich etwas schroff.

Wie sich herausstellte, bewahrte Mr. Theodore seine Weihnachtsbeleuchtung in der Garage auf. Und er besaß so viele Lichterketten und beleuchtete Objekte, dass er damit jedem Kaufhaus Konkurrenz gemacht hätte – einen winkenden Weihnachtsmann, mehrere Rentiere fürs Dach, Maria und Josef in Lebensgröße sowie einen Esel für den Vorgarten.

Michael mühte sich gerade mit dem schweren Esel ab, als Mr. Theodore erschien und ihm ein zusammengefaltetes Blatt überreichte.

„Davon hatten wir ja vorhin gesprochen.“ Schaudernd betrachtete der alte Mann Michaels bloße Arme und schüttelte den Kopf, bevor er wieder ins Haus ging.

Wovon hatten sie denn gesprochen?

Zum ersten Mal in diesem Jahr begann es zu schneien. Ohne den für Michigan so typischen eisigen Wind wahrzunehmen, betrachtete Michael ärgerlich das Blatt. Er brauchte einen Rettungsring, kein Zitat aus der Bibel, vom Dalai Lama oder wem auch immer. Allerdings war ihm Mr. Theodore bisher auch noch nicht mit so etwas gekommen. Vielleicht stand etwas auf diesem Papier, woran Michael sich festhalten konnte. Schnell faltete er es auseinander.

Mr. Theodore hatte eine Adresse darauf notiert. Sie befand sich am östlichen Ende der Washington Avenue in einem Problemviertel von Treemont. Darunter standen drei Worte.

Nun fiel ihm ein, was sein Nachbar gesagt hatte. Such dir jemanden, dem es noch schlechter geht als dir.

Als wäre das möglich, dachte Michael zynisch.

Trotzdem faszinierten ihn die Worte auf dem Blatt: Weihnachtswünsche werden wahr.

Noch neununddreißig Tage bis Weihnachten …

„Ich brauche einen Kobold“, sagte Kirsten Morrison am Telefon. „Und nicht den, den Sie mir letztes Jahr geschickt haben. Er hat sich betrunken und ist vom Schlitten gefallen.“ Sie schauderte und sagte sich, dass es an dem kalten Luftzug lag. Jemand hatte die Tür geöffnet. „Wie bitte?“, fuhr sie fort. „Freiwillige Kobolde sind knapp? Was muss ich denn zahlen? Fünfhundert Dollar? Wollen Sie den Weihnachtsmann ausnehmen?“

Kirsten blickte aus ihrer Bürotür, um zu sehen, wer hereingekommen war. Leider konnte sie nicht viel erkennen, denn an diesem Nachmittag waren sechzehn Kartons mit Dreirädern eingetroffen und blockierten praktisch den Eingang.

Die müssen irgendwann montiert werden, nahm sie sich vor. Doch es gab wichtigere Dinge. Als sie den Besucher erblickte, stockte ihr der Atem.

Der Fremde war etwa einen Meter achtzig groß und hatte bemerkenswert breite Schultern, von denen er sich nun den Schnee klopfte. Da er keine Handschuhe trug, fiel ihr auf, wie kräftig seine Hände waren – Hände, die zupacken und jedes Problem lösen konnten, an dem eine alleinstehende Frau früher oder später scheitern musste, selbst wenn sie noch so unabhängig war.

Und er war ein Mann, der einer Frau schmerzlich vor Augen führte, welche geheimen Sehnsüchte sie hegte.

Er war der Held einer Romanze mit Happy End. Sein dunkelbraunes Haar war zerzaust und reichte bis zum Nacken. Die hohen Wangenknochen und der Dreitagebart verliehen ihm etwas Verwegenes, ein Eindruck, den seine sinnlichen Lippen noch unterstrichen.

„Komme gleich!“, rief Kirsten.

Sie wandte sich ab und versuchte, sich auf das Telefonat zu konzentrieren. „Weihnachten ist das Fest der Liebe, falls Sie es vergessen haben? Oh! Danke, gleichfalls!“

Wütend knallte sie den Hörer auf. Dann bahnte sie sich einen Weg durch den provisorischen Lagerbereich, zu dem sie den ehemaligen Verkaufsraum umfunktioniert hatte. Die Kartons türmten sich rechts und links vom Gang, und bevor Kirsten den verbliebenen freien Platz neben der Eingangstür erreichte, riss sie versehentlich einige mit Puppen gefüllte vom letzten Stapel.

Blitzschnell fing der Fremde die Kartons auf und kam ihr dabei viel zu nahe. Sofort stieg ihr sein angenehm männlicher Duft in die Nase.

Aus der Nähe wirkte er noch attraktiver. Nun konnte sie erkennen, dass seine Augen grün und von dichten langen Wimpern gesäumt waren. Allerdings lag darin ein Ausdruck, den sie nicht zu ergründen vermochte, der jedoch die Kälte, die der Mann mit hereingebracht hatte, noch in den Schatten stellte.

Nachdem er die Puppen in den Rüschenkleidern einen Moment lang betrachtet hatte, reichte er sie ihr, als könnte er sie nicht schnell genug loswerden.

„Danke“, sagte Kirsten trocken. „Sie sehen nicht aus, als wollten Sie einen Wunschzettel abgeben“, fügte sie hinzu.

Statt zu antworten, langte er nach hinten und stieß die Tür zu.

„Oh.“ Man hatte sie gewarnt, dass es sich bei dieser Gegend um ein Problemviertel handelte, und ihr wiederholt geraten, die Tür abzuschließen, wenn sie allein war.

Allerdings wirkte dieser Mann nicht bedrohlich, sondern auf eine ganz andere Art gefährlich. Er konnte eine Frau, die nicht mehr an Märchen glaubte, dazu veranlassen, ihre Einstellung zu überdenken. Schließlich war es vier Jahre her …

„Also keine Liste“, bekräftigte Kirsten gezwungen fröhlich. „Was kann ich für Sie tun?“

Der Fremde betrachtete sie, und dabei verriet der Ausdruck in seinen Augen schwaches Interesse – Augen, die immer unergründlicher wirkten, je länger Kirsten ihn ansah, aber nicht weniger kühl.

„Ich habe gehört, dass Sie einen Kobold suchen“, sagte er schließlich mit unbewegter Miene.

Zuerst war Kirsten schockiert. Dann wurde ihr bewusst, dass er ihr Gespräch mitgehört hatte. Sie wartete darauf, dass er lächelte, denn er war für diese Rolle denkbar ungeeignet, doch er tat es nicht.

„Ah ja, stimmt“, meinte sie. „Ganz dringend sogar, aber leider sind Sie viel zu groß. Die Kandidaten dürfen höchstens einen Meter sechzig messen. Der vom letzten Jahr war zehn Zentimeter kleiner.“

„Aber er hat sich betrunken.“ Noch immer war seine Miene ernst. Vermutlich lächelte er nie. Das weckte in Kirsten den Wunsch, ihn dennoch dazu zu bringen.

„Er ist dem Weihnachtsmann gegenüber ziemlich ausfallend geworden“, erwiderte sie.

„Ein guter Grund, es mal mit größeren Kobolden zu versuchen“, bemerkte der Fremde. „Die kleinen können so unberechenbar sein.“

„Das hatten wir noch nie!“

„Schade. Wahrscheinlich könnte das sogar strafrechtliche Konsequenzen haben, weil es gegen die Chancengleichheit verstößt.“

„Und wie sieht die Strafe aus? Erzwungener Konsum von Plätzchen und Weihnachtsliedern?“

Noch immer lächelte der Mann nicht, doch der Ausdruck in seinen grünen Augen wirkte nicht mehr ganz so kühl.

„Am Telefon haben Sie behauptet, Sie wären der Weihnachtsmann“, sagte er. „Das war glatt gelogen. Der würde Plätzchen und Weihnachtslieder nie als Strafe betrachten. Außerdem haben Sie weder einen weißen Bart noch einen dicken Bauch.“

Nun musste Kirsten lächeln, denn dieses ebenso spontane wie gefährliche Geplänkel mit einem Fremden an einem trüben Novembertag erheiterte sie wider Willen. Als sie jedoch merkte, dass dieser sie musterte, wurde sie sofort wieder ernst.

Erst in diesem Moment wurde ihr bewusst, dass sie jedoch leider nicht im Entferntesten an die Heldin aus einer Romanze mit Happy End erinnerte. Im Lager hinter ihrem Büro war es kalt und staubig. Sie trug eine alte Strickjacke, einen verwaschenen braunen Rock, eine Wollstrumpfhose und Schuhe mit flachen Absätzen. Und sie wünschte verzweifelt, sie hätte letzte Woche auf ihre ehrenamtliche Mitarbeiterin Lulu gehört, die sie förmlich gedrängt hatte, Kirsten die Haare zu tönen.

„Du bist dreiundzwanzig, Kirstie“, hatte sie gesagt. „Du solltest nicht herumlaufen wie eine Vierzigjährige.“

Seit vier Jahren hatte sie, Kirsten, keine richtige Verabredung mehr mit einem Mann gehabt. Und nun machte sie sich Gedanken über ihr Äußeres und wünschte sehnsüchtig, das Lippenstiftset, das ihr jemand geschenkt hatte, läge nicht ungeöffnet und unbenutzt in ihrer Schreibtischschublade.

„Ihr Pech, wenn Sie so eine begrenzte Vorstellung vom Weihnachtsmann haben“, bemerkte sie betont fröhlich, damit der Fremde nicht merkte, wie verlegen sie war. „Hier bin ich der Weihnachtsmann. Oder zumindest seine Stellvertreterin. Ich sorge dafür, dass die Kinder in der Nachbarschaft Geschenke bekommen.“

„Selbst das aufgeklärteste von ihnen ist sicher schockiert, wenn es herausfindet, dass Sie der Weihnachtsmann sind.“

Ihre Selbstlosigkeit schien den Fremden nicht zu beeindrucken. Tatsächlich zeigte sich sogar ein zynischer Zug um seinen Mund. Die Erkenntnis, dass sie ihm mit ihrem Engagement imponieren wollte, vermutlich weil sie es mit ihrem Erscheinungsbild nicht tat, ärgerte Kirsten.

„Das tun sie aber nicht. Schließlich geben wir uns nicht zu erkennen. Einer unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter wird von uns zum Weihnachtsmann gewählt.“ Warum nur erzählte sie ihm das alles, denn es interessierte ihn sicher nicht.

Es war höchste Zeit, diese Begegnung zu beenden.

„So, ich habe zu tun, es sei denn, Sie wollen mich verklagen, weil ich keine Position als Kobold zu besetzen habe.“

Kirsten fragte sich, wann ein Mann sie das letzte Mal so aus der Fassung gebracht hatte.

Die Antwort lag auf der Hand. Es war James Moriarty gewesen, ihr Kommilitone im ersten Studienjahr, ihr einziger Freund bisher. Etwa sechs Wochen lang hatte er so getan, als wäre er ganz vernarrt in sie. Dabei hatte er nur jemanden gebraucht, der ihm bei seiner Matheprüfung half.

Und dann war da noch Kent, ihr Schwager, oder besser gesagt: Ex-Schwager. Er hatte den perfekten Ehemann gespielt, doch als seine Familie ihn am meisten gebraucht hätte, hatte er eine Affäre mit seiner Sekretärin begonnen.

Kirsten schauderte. Und deshalb glaubte sie nicht mehr an Märchen. Männer waren nie das, wofür sie sich ausgaben.

Allerdings wirkte dieser, der vor ihr stand, sehr glaubwürdig. Und in den Tiefen seiner kühlen und gleichzeitig so glutvollen Augen schlummerte etwas, das dem Schutzpanzer um ihr Herz gefährlich werden könnte. Sie versuchte es zu ergründen. Wirkte er womöglich verloren? Nein, nicht ganz, obwohl allein der Gedanke diesen selbstsicheren Mann noch faszinierender erscheinen ließ.

Natürlich ignorierte er ihre indirekte Aufforderung zu gehen. „Nicht einmal ich wäre so hartherzig, den Weihnachtsmann zu verklagen.“

Seine Worte bestätigten ihre Vermutung. In gewisser Weise war er weltverdrossen. Zynisch.

„Also, ich habe keinen Job als Kobold.“ Eigentlich hatte es fröhlich klingen sollen, doch sie hörte selbst das Bedauern heraus. Dabei war ihr klar, dass ein Mann wie dieser sich niemals freiwillig bei einer Organisation wie der ihren gemeldet hätte. Und sie mochte ihn nicht einmal – oder zumindest gefiel ihr nicht, was für eine Wirkung er auf sie ausübte.

Dann spürte sie, wie ihr das Blut in den Kopf stieg.

Und endlich lächelte er. Es war allerdings ein Lächeln, das seine Augen nicht erreichte.

„Ich kann viele andere Dinge“, meinte er.

„Was denn zum Beispiel?“, brachte Kirsten hervor.

Wie lächerlich, ihn überhaupt zu fragen! Er hatte es nur widerstrebend gesagt, und sie hatte bereits beschlossen, ihn loszuwerden. Dieser Fremde gehörte zu den Männern, die einer Frau – vor allem einer wie Kirsten – sehr wehtun konnten. Er würde es nicht mal unbedingt in böser Absicht tun, aber er würde auch keinerlei Gewissensbisse verspüren.

Inzwischen war er wieder ernst geworden und betrachtete Kirsten eine Weile.

Hektisch machte sie sich bewusst, was sie angerichtet hatte. Natürlich gab es Dinge, die er konnte – und sicher gut konnte. Seine sinnlichen Lippen deuteten zum Beispiel darauf hin, dass er fantastisch küsste. Alle anderen Männer hätten sie sofort darauf hingewiesen und ihr mitgeteilt, über welche Talente sie noch verfügten.

Dieser Fremde hingegen nutzte die Situation nicht aus, obwohl er vermutlich der Typ war, der gern flirtete – mit Frauen, die sich die Haare tönten, jeden Tag schminkten und enge Jeans statt alter Röcke trugen.

Kirsten hatte sich das Flirten schon lange abgewöhnt – falls sie es überhaupt je getan hatte. Und auch er schien es momentan nicht darauf anzulegen, was vielleicht mit dem geheimnisvollen Ausdruck in seinen Augen zusammenhing.

„Das kommt darauf an“, erwiderte der Fremde. „Brauchen Sie noch etwas?“

Prompt ging ihre Fantasie mit ihr durch, und Kirsten wunderte sich über sich selbst.

Vier Jahre hatte sie fast wie eine Nonne gelebt, und das freiwillig. Und als die Ehe ihrer Schwester scheiterte, war auch etwas in ihr zerbrochen, denn sie hatte die Liebe zwischen Becky und Kent idealisiert.

Kurz nach ihrem Fiasko mit James Moriarty und genau zu der Zeit, als ihre Eltern sich nach zwanzig Jahren Ehe trennten, lernte ihre Schwester Kent kennen. Und hoffnungsvoll und naiv, wie sie war, hob sie, Kirsten, die Beziehung zwischen den beiden in den Himmel. Schließlich war ihre größte Angst bestätigt worden – dass selbst die scheinbar stärksten Gefühle oft nicht von Dauer waren.

„Sind Sie deshalb hier?“ Kirsten versuchte, sich ihre Verblüffung nicht anmerken zu lassen. „Um freiwillig mitzuarbeiten?“

Der Mann zögerte kurz, dann nickte er unmerklich. „Ich bin gelernter Tischler. Haben Sie Bedarf?“

Kirsten seufzte. Selbst wenn sie keine Tischlerarbeiten zu vergeben hatte, gab es genug zu tun. So mussten zum Beispiel sechzehn Dreiräder montiert werden. Natürlich war er nicht gekommen, um ihr unter die Arme zu greifen, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt nichts besser hätte gebrauchen können als einen kräftigen Mann, der Ware auspackte und in die Regale tat. Außerdem bauten sie jedes Jahr einen Schlitten, mit dem sie die Geschenke verteilten.

Aber sollte sie einen so umwerfend attraktiven Mann wie diesen in ihr Reich lassen? Hier hatte sie alles unter Kontrolle, und das würde sie nicht für einen besseren Schlitten aufgeben!

Nein, dieser Mann war bestimmt nur zufällig in ihren Laden geraten und amüsierte sich jetzt auf ihre Kosten!

Im Märchen wäre er die Antwort auf all ihre Probleme gewesen, einschließlich der Tatsache, dass sie nachts manchmal aufwachte und sich schrecklich einsam fühlte.

Energisch verschränkte Kirsten die Arme vor der Brust. Dann fragte sie sich erneut, was jener Ausdruck in seinen Augen bedeuten mochte. Konnte man diesem Mann seine geheimsten Probleme anvertrauen?

Er wird dir nur wehtun, ermahnte sie sich.

Als hätte man ihr nicht bereits das Herz gebrochen. Und ihrer Schwester. Ihrem Schwager. Ihrem Neffen. Eine scheinbar heile Welt war von einem Moment auf den anderen eingestürzt.

Kirsten wandte sich ab und rief sich ins Gedächtnis, was sie alles erledigen musste. Es war müßig, sich den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die man nicht ungeschehen machen konnte.

„Ich muss einen Kobold besorgen“, wehrte sie ab. „Und fünfzig Winterjacken für Kinder wären nicht schlecht.“

Das hätte eigentlich genügen müssen, um den Fremden in die Flucht zu schlagen.

Aber offenbar ließ er sich nicht so leicht einschüchtern. Als er schwieg, warf sie ihm einen Blick zu. Er stand noch immer an derselben Stelle, und zu seinen Füßen hatte sich eine kleine Wasserlache gebildet. Die schwarze Lederjacke, die er trug, war abgewetzt und zu dünn für diese Temperaturen, und seine Jeans hatte an einem Knie einen Riss. Dieser Aufzug ließ ihn allerdings nicht ärmlich, sondern cool erscheinen.

In diesem Augenblick wurde Kirsten bewusst, dass sie einen Mann vor sich hatte, der sich weder um sein Äußeres noch um seine Wirkung auf andere scherte – und dem vermutlich alles egal war. Er verkörperte genau den Typ, vor dem ihre Mutter sie immer gewarnt hatte. Dass diese alles am besten beurteilen konnte, war jedoch auch eine Illusion gewesen.

Kirsten schüttelte den Kopf und wandte erneut den Blick ab. Als sie den Fremden wieder ansah, nickte er unmerklich. Dann drehte er sich um und verließ den Laden.

Da es nach wie vor stark schneite, konnte sie nicht ausmachen, wohin er ging. Er schien sich in dem dichten Treiben aufzulösen, als wäre er nie da gewesen.

Kirsten runzelte die Stirn. Sie wusste nicht, was sie von alldem halten sollte. „Seltsame Begegnung“, sagte sie, bevor sie in ihr Büro zurückkehrte. Dort blickte sie auf den Kalender. Nur noch neununddreißig Tage!

Und sie hatte viel zu tun und zu wenig Zeit. Deshalb durfte sie nicht eine Sekunde damit vergeuden, an jene grünen Augen zu denken. Was hatten diese verraten? Einsamkeit! Oder vielmehr die selbst gewählte Einsamkeit eines Mannes, der durch die Hölle gegangen war. Mitgefühl mit ihm zu verspüren und sein Geheimnis ergründen zu wollen, dies wäre überaus gefährlich.

Als im nächsten Moment wieder die Eingangstür geöffnet wurde, eilte Kirsten zurück und ärgerte sich über sich selbst, weil sie wünschte, es wäre der Fremde.

Aber es war Mr. Temple, der Briefträger, der in letzter Zeit allerdings nicht nur die Post brachte.

„Die Johanssons sind arm“, teilte er ihr mit. „Ihre Kinder haben keine Wünsche und auch jede Hoffnung verloren. Stellen Sie sich das nur vor. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen einfach so tun, als könnte doch ein kleines Wunder passieren.“

„Und?“, hakte Kirsten nach.

Mit leuchtenden Augen reichte er ihr einen Zettel. Er war derjenige ihrer ehrenamtlichen Mitarbeiter, der mit der größten Begeisterung Nachforschungen anstellte, sozusagen ein Verschwörer, ein Spion in der Nachbarschaft.

Auf dem Zettel hatte er die Adresse und die Wünsche der Jungen notiert. Hans wollte ein Fahrrad, sein Bruder Lars einen Basketball.

„Danke“, erwiderte sie. Und für einen Augenblick lasteten diese Wünsche auf ihr. Es spielte keine Rolle, dass sie weder genug Geld noch Zeit hatte. Jedes Jahr sah es so aus, als wäre beides zu knapp, und dann geschahen eben tatsächlich doch noch Wunder. Noch mehr Anrufe, Briefe oder Beiträge im Radio, um Spenden zu sammeln. Schließlich war es immer eine Erleichterung, Wünsche erfüllen zu können. Dennoch besaß sie einen Ordner namens „Unerfüllbare Träume“, in dem sie die ausweglosen sammelte.

„Ich habe noch etwas für Sie, Kirstie.“ Freudestrahlend hielt er ihr einen Katalog entgegen, den sie ihm beinah ehrfürchtig abnahm.

„Wo haben Sie den her?“, fragte sie ungläubig.

„Das darf ich Ihnen nicht verraten“, neckte Mr. Temple sie.

Es handelte sich um den „Little in Love“-Weihnachtskatalog der Künstlerin Lou Little, den nur Vorzugskunden erhielten. Kirsten war sicher, dass sie nie dazugehören würde, denn mit ihrem Gehalt konnte sie sich nur eine der kostbaren Porzellanfiguren im Jahr leisten. Mit denen, die sie geschenkt bekommen und die sie in Antiquitätengeschäften entdeckt hatte, besaß sie inzwischen zwölf der insgesamt hundert erhältlichen Figurinen.

„Little in Love“ war eine Sammlung handbemalter Porzellanfigurinen, die Lou Little in den Fünfzigerjahren gefertigt hatte. Diese stellten alle ein junges Paar, Harriet und Smedley, in unterschiedlichen Situationen dar und versinnbildlichten jeweils die für Liebende so typischen Gefühle.

Nachdem Mr. Temple sich verabschiedet hatte, eilte Kirsten zurück in ihr Büro und schloss die Tür hinter sich. Vorsichtig schlug sie den Katalog auf.

Die diesjährige Weihnachtsedition, die „A Little History“ hieß, wich von der Tradition ab und zeigte Harriet und Smedley in verschiedenen historischen Zusammenhängen. Einmal erschien Smedley als Pilot im Ersten Weltkrieg, der sich aus dem Flugzeug hinausbeugte, um Harriet zu küssen, ein anderes Mal als Pionier, der ein Haus baute, während Harriet zusah.

Und dann entdeckte Kirsten sie: „Der edle Ritter“. Es war wohl die schönste Figurine von Smedley, die sie je gesehen hatte. Er saß auf einem Schimmel, das Visier seiner Rüstung hochgeklappt, und beugte sich hinunter, um Harriet die Hand zu küssen.

Als Kirsten den Preis sah, erschrak sie und legte dieses Stück, ja die ganze Edition in Gedanken in ihrem persönlichen Ordner namens „Unerfüllbare Träume“ ab. Widerstrebend schob sie den Katalog beiseite. Sie wollte ihn mit nach Hause nehmen und ihn dort noch einmal in Ruhe durchblättern.

Danach machte Kirsten sich an ihre Buchhaltung und stellte dabei verärgert fest, dass sie sich überhaupt nicht konzentrieren konnte. Schließlich trug sie als Gründerin und einziges bezahltes Mitglied von „Weihnachtswünsche werden wahr“ eine gewisse Verantwortung. Statt zu Smedley schweiften ihre Gedanken erstaunlicherweise aber immer wieder zu den kühl blickenden grünen Augen eines gewissen Fremden ab.

2. KAPITEL

Als Michael Brewster die Räume von „Weihnachtswünsche werden wahr“ verließ, schneite es noch stärker. Der Laden lag am Ende der Washington Avenue in einem Problemviertel, und die meisten Schaufensterfronten waren mit Brettern vernagelt. Er bemerkte einen Mann, der im Eingang des Nebengebäudes hockte.

Die Inhaberin von „Weihnachtswünsche werden wahr“ hatte die Scheiben von innen mit Papier zugeklebt, vermutlich um die Neugier der Kinder nicht zu wecken. Es war allerdings auch nicht ungefährlich.

Dies war kein Viertel, in dem eine Frau sich allein in einem Laden aufhalten sollte. Und speziell diese Frau weckte in einem Mann Beschützerinstinkte. Vielleicht hatte sie so zerbrechlich gewirkt, weil sie viel zu weite Sachen trug – die allerdings ihre weiblichen Kurven nicht verborgen hatten. Dennoch hätte man sie fast als unscheinbar bezeichnen können, wären da nicht ihre großen grauen, von dichten langen Wimpern gesäumten Augen gewesen.

Irgendetwas an ihr faszinierte ihn. Womöglich war es die Tatsache, dass sie ihre weiblichen Vorzüge nicht unterstrich.

Und was hatte sie sich dabei gedacht, sich mit ihrem Laden ausgerechnet hier niederzulassen? War sie wagemutig oder einfach nur naiv? Aber jemand, der einen Kobold suchte, hatte wahrscheinlich einen besonderen Schutzengel.

Bei dem Gedanken runzelte Michael die Stirn. Natürlich wusste er, dass es keine Engel gab. Deswegen hatte er auf Mr. Theodore gehört und war hierhergekommen, in der Hoffnung, einen Menschen zu finden, dem es noch schlechter ging als ihm.

Sie war es offenbar nicht.

Erneut dachte er an ihre strahlenden grauen Augen. Augen wie diese konnten einen Mann glatt vergessen lassen, dass sie eine Jacke trug, wie seine Granny sie immer gestrickt hatte. Auch ihre Frisur war hoffnungslos altmodisch gewesen, aber aus irgendeinem Grund hatte ihr langes hellbraunes Haar ihm gefallen.

Sie gehörte zu jenen jungen Frauen aus seiner Highschoolzeit, an die er sich nur dunkel erinnerte – unscheinbare Strebertypen. Sie war keine von denen, die beim Anblick einer Spinne hysterisch schrien, wenn ein attraktiver Mann in der Nähe war. Ihr Haar war nicht blond gefärbt, sie benutzte keinen Lippenstift und hatte auch keine langen, rot lackierten Fingernägel, die Kratzer auf dem Rücken eines Mannes hinterließen.

Mit anderen Worten, sie gehörte zu den ihm unbekannten Wesen.

Und er wollte auch gar nicht mehr über sie erfahren. Allerdings erschauerte er bei der Vorstellung, dass ihre Fingernägel auf seinem Rücken Spuren hinterließen, und das schockierte ihn. Schon lange hatte er nicht mehr auf das andere Geschlecht reagiert. Und intelligente, unschuldig wirkende und zurückhaltende Frauen hatten ihn schon immer kaltgelassen.

Frauen kosten Energie, wie Michael sich ins Gedächtnis rief. Und die hatte er nicht.

Und eine Frau wie diese würde einen Mann noch mehr beanspruchen als die meisten, weil ihre Augen auf ein sehr kompliziertes Wesen hindeuteten. Sie war tiefgründig, sensibel, intelligent und komisch.

Es ärgerte ihn, dass er überhaupt an sie dachte. Seine Aufgabe bestand darin, jemanden zu finden, der noch mehr litt als er.

Die Weihnachtsfrau tat es offensichtlich nicht. Sie war auf der Suche nach Kobolden und vertraute darauf, dass ihre guten Taten sie in dieser Umgebung schützten.

Doch hier lebten Kinder, die Jacken brauchten, und zum ersten Mal in diesem Winter hatte es einen richtigen Kälteeinbruch gegeben. Michael fragte sich, wie einer Mutter oder einem Vater zumute sein mochte, die ihrem Kind nicht einmal das Nötigste kaufen konnten.

Diese Menschen litten wahrscheinlich nicht mehr als er, sondern nur anders.

Womöglich hatte Mr. Theodore ihn hierher geschickt, weil er wusste, dass es an diesem Ort etwas gab, das Michael von seinen trüben Gedanken ablenkte. Weihnachten rückte immer näher. Es war die Zeit der Besinnlichkeit und Nähe, aber auch die Zeit des Kummers für Familien, die nichts besaßen.

Und erst recht für einen Mann, der keine Angehörigen mehr hatte.

Michael atmete tief ein und riss sich zusammen. Er durfte nur von einem Tag zum nächsten denken und nur einen Schritt nach dem anderen machen. Und momentan bestand seine Aufgabe darin, einen Kobold zu spielen und fünfzig Kinderjacken zu besorgen.

Es war seine einzige Hoffnung, und falls er nicht bald eine sinnvolle Beschäftigung fand, würde die Frage, wie er weiterleben sollte, immer dringlicher werden.

Die Welt, in der er früher gelebt hatte, existierte nicht mehr. Die Schneeflocken wirbelten ihm ins Gesicht, und Michael wurde bewusst, dass er eigentlich hätte frieren müssen. Doch er hatte kein Kälteempfinden mehr. Zweimal im Jahr hatte er sich in seinem Tischlerberuf eine Auszeit genommen. Seine ganze Familie hatte dann ihr normales Leben aufgegeben und war zum Krabbenfischen nach Alaska gefahren.

Nachdem er sechs Stunden lang in der eisigen, grauen Beringsee ausgehalten hatte, wurde ihm nicht mehr kalt. Und auch nicht mehr richtig warm. Er existierte nur noch.

Wie so oft schaltete Michael seinen Verstand aus. Das hatte er mittlerweile gelernt. Er blieb an der nächsten Telefonzelle stehen. Der größte Teil des Telefonbuchs fehlte, doch er hatte Glück. Die Gelben Seiten im Anhang waren noch vollständig.

Dann fiel ihm ein, dass er im Grunde nicht wusste, was er brauchte. Jungen- oder Mädchenjacken? Für große oder kleine Kinder? Und was war mit Babys?

Michael blickte die Straße entlang. Natürlich konnte er zu ihr gehen und sich bei ihr erkundigen, aber das kam nicht infrage. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er sie überraschen wollte, denn er hatte ihr angemerkt, dass sie nichts von ihm erwartete. Vielleicht hoffte sie sogar, er würde nicht zurückkommen.

Diese Möglichkeit stand ihm immer noch offen. Tatsächlich wurde er nervös bei der Vorstellung, sich Jacken anzusehen, die irgendwelche Kinder dringend brauchten. Wie sollte er eine Aufgabe wie diese erledigen, ohne sich wirklich darauf einzulassen? Wahrscheinlich hatte Mr. Theodore genau das in Betracht gezogen!

Wusste der alte Mann denn nicht, dass es katastrophale Folgen haben konnte, wenn die Emotionen, die er, Michael, verdrängte, sich einmal Bahn brachen?

Nachdem er eine Weile mit sich gerungen hatte, betrachtete er wieder das beschädigte Telefonbuch und riss schuldbewusst die Seiten heraus, auf der die Geschäfte aufgelistet waren, die Kinderbekleidung führten. Und anschließend die, auf der Clowns aufgeführt waren. Schließlich waren Clowns mit Kobolden verwandt, oder etwa nicht?

Schuldgefühle … Überrascht stellte Michael fest, dass er zum ersten Mal seit langer Zeit etwas empfand.

Ausgenommen seine Begegnung mit der Weihnachtsfrau natürlich. Er überlegte, was er dabei verspürt hatte. Das Bedürfnis, einfach nur mit einem anderen Menschen zu plaudern. Sie war sogar errötet, was er amüsant gefunden hatte.

Michael konnte sich nicht entsinnen, wann er sich das letzte Mal für etwas oder jemanden interessiert hatte.

Aber würde das ausreichen, um ihn zu retten? Oder würde es ihn völlig zerstören? Er beschloss, einfach ein wenig zu vertrauen, und stellte fest, dass selbst diese Eigenschaft ihm fremd geworden war.

Michael ging zu seinem Wagen und fuhr los. Nach einer Weile fand er die Adresse. Das hier war eine ganz andere Welt. Es handelte sich um eine hell erleuchtete Geschäftsstraße am Rande einer sehr teuren Wohngegend. Alle Schaufenster waren bereits weihnachtlich geschmückt, und die vielen Lichterketten bildeten einen Kontrast zum grauen Himmel.

Als er wenige Minuten später das Geschäft namens West Coats betrat, erblickte er als Erstes einen geschmückten Tannenbaum, und aus der Lautsprecheranlage dröhnten ihm moderne Weihnachtslieder entgegen. Wie er das hasste!

Dann kam eine Verkäuferin auf ihn zu, die genau sein Typ war – blond, groß, sehr schlank und perfekt geschminkt. Auf ihrem Namensschild stand „Calypso“.

Die Weihnachtsfrau hatte kein Schild getragen. Vermutlich hatte sie einen sehr bodenständigen Namen wie Helen, Susan oder Gwen.

„Ich brauche fünfzig Kinderjacken“, informierte er Calypso, die sich viel zu weit zu ihm herüberbeugte und ihm damit einen Blick auf ihren roten BH gewährte. Überraschenderweise löste dies jedoch überhaupt nichts bei ihm aus.

„Fünfzig Jacken!“, wiederholte sie kichernd und mit einem gekonnten Augenaufschlag, der allerdings ebenso seine Wirkung verfehlte.

Irgendwie schaffte er es dann, fünfzig Kinderjacken auszusuchen. Er wählte praktische, robuste Modelle und versuchte, alle Größen und Farben zu berücksichtigen. Dann warf er noch einige kleine Schlafsäcke auf den Stapel, was Calypso einen Entzückensschrei entlockte. Und schließlich nahm er noch drei rosafarbene und völlig unpraktische Mädchenjacken mit Plüschbesätzen von der Stange.

„So, fertig“, meinte er dann.

„Wozu brauchen Sie die alle?“, fragte die Verkäuferin.

Da er fürchtete, dass sie weitere Entzückensschreie ausstoßen würde, wenn er ihr von seiner Mission berichtete, zuckte er die Schultern.

„Ich kann Ihnen Rabatt geben, wenn es für einen wohltätigen Zweck ist“, sagte sie.

„Nein, ist schon okay.“ Als er ihr seine Kreditkarte reichte, wurde ihm klar, dass es ihm zum ersten Mal Spaß machte, etwas von dem vielen Geld auszugeben.

Trotz seines Widerstands bestand Calypso darauf, ihm tragen zu helfen und ihn hinauszubegleiten.

„Oh“, flüsterte sie, sobald sie sein Auto sah. „Ein Jaguar.“

Michael merkte, dass sie ihn jetzt noch attraktiver fand. Früher einmal hätte er das sofort ausgenutzt. Zu gut erinnerte er sich daran, wie Brian und er mit diesem Wagen durch die Gegend gefahren waren …

„Er gehört meinem Bruder“, informierte er sie knapp, bevor er die Jacken auf dem Rücksitz verstaute.

Calypso legte ihm die Hand auf den Arm. „Ich habe heute Abend noch nichts vor“, sagte sie verführerisch und blickte ihn dabei herausfordernd an.

Sie war genau der Typ, den er immer bevorzugt hatte. Eine Frau, die sich zu amüsieren wusste und sich an die Regeln hielt. Falls er wirklich bereit war, sich wieder anderen Menschen zu öffnen, würde er mit ihr kein Risiko eingehen.

Und erneut dachte er an eine andere Frau. Selbst wenn sie am Verhungern gewesen wäre, hätte sie sich ihm nicht so an den Hals geworfen.

Und plötzlich konnte er es nicht erwarten, ihr Gesicht zu sehen, wenn er ihr die rosafarbenen Jacken überreichte.

„Danke für Ihre Hilfe. Nein, tut mir leid, ich habe keine Zeit.“

„Und was ist mit Ihrem Bruder?“ Die Blondine strich über den schwarzen Lack des Wagens.

Michael rang sich ein Lächeln ab. „Er auch nicht.“

Sie begriff sofort. Nachdem sie ihm noch einmal zugezwinkert hatte, wandte sie sich ab und kehrte mit gekonntem Hüftschwung in den Laden zurück.

Er stieg ein und fuhr wieder zurück. Inzwischen herrschte dichter Feierabendverkehr, und es ging nur schleppend voran, zumal es nach wie vor schneite. Wütend blickte er immer wieder auf die Uhr. Wenn ich da bin, ist sie längst weg, dachte er.

Irgendwann ertappte Michael sich dabei, wie er die Heizung aufdrehte, und er fragte sich, warum er das getan hatte. Dann wurde es ihm klar: Sein Körper reagierte. Ihm war ein wenig kalt.

Schnell drehte er die Heizung wieder herunter. Er war noch nicht bereit, etwas zu empfinden. Und er war ganz sicher nicht bereit, eine Frau zum Essen einzuladen, die er kaum kannte.

Er konnte ihr die Jacken genauso gut am nächsten Tag per Kurier schicken. Er konnte einen Kobold für sie finden, ohne ihr noch einmal begegnen zu müssen. Ohne weiter in diese Welt einzutauchen, die Gefühle in ihm weckte.

Abrupt trat Michael auf die Bremse, geriet ins Schleudern und riss dann das Lenkrad herum, sodass er eine Kehrtwendung machte. Dieses hollywoodreife Manöver hatte ein wahres Hupkonzert zur Folge, doch es kümmerte ihn nicht. So schnell er konnte, fuhr er in die entgegengesetzte Richtung.

Da die vielen Tüten ihm die Sicht nahmen, hörte er die Sirene, bevor er das Blaulicht bemerkte. Er blickte in den Seitenspiegel und seufzte. Der Polizeiwagen befand sich direkt hinter ihm, und als er am Straßenrand hielt, tat der Officer es ihm gleich.

Dieser zückte sofort seinen Block. „Sie haben unerlaubt gewendet.“ Dann warf er einen Blick in den Wagen. „Was ist das? Haben Sie gerade einen Laden ausgeraubt?“

Am liebsten hätte Michael Ja gesagt und abgewartet, was dann passieren würde.

„Haben Sie eine Quittung für das Zeug?“

Michael reichte sie ihm.

„Okay, Sie haben also fünfzig Kinderjacken gekauft. Zu welchem Zweck?“

Der Beamte gab sich offenbar Mühe, nicht so verfroren und schlecht gelaunt zu wirken, wie er war. Und deshalb erschien es Michael naheliegend, ihm nicht irgendeine Geschichte aufzutischen.

„Die sind für die Organisation ‚Weihnachtswünsche werden wahr‘“, entgegnete er widerstrebend.

Sofort klappte der Officer den Block zu und steckte ihn in seine Brusttasche, an der auch sein Namensschild steckte. Er hieß Adams.

„Sie wollten sie ausliefern?“

Michael nickte nur.

Der Polizist blickte auf die verstopfte Straße. „Zu dieser Tageszeit herrscht immer so ein Verkehrschaos in der Washington Avenue. Wollten Sie es über die Wilmore Road versuchen?“

Nun beschloss Michael erneut, ehrlich zu sein. „Ich hatte mich gerade entschieden, nach Hause zu fahren und die Jacken ein anderes Mal hinzubringen.“

Officer Adams runzelte die Stirn. Plötzlich hellte seine Miene sich auf. „Eilige Lieferung an ‚Weihnachtswünsche werden wahr‘. Folgen Sie mir“, befahl er. Seine Mimik und Körpersprache hatten sich völlig verändert. Er wirkte richtig begeistert.

Das passiert also, wenn man sich mit dem Weihnachtsmann einlässt, dachte Michael. Nun wurde er in Begleitung eines Polizeiwagens mit Blaulicht zu dem Ort eskortiert, den er noch vor wenigen Minuten hatte meiden wollen. Unbehaglich fragte er sich, was ihm als Nächstes bevorstand.

Dann rief er sich ins Gedächtnis, dass es ohnehin eine Illusion war zu glauben, man hätte sein Leben unter Kontrolle.

Kirsten nahm das Sirenengeheul schon gar nicht mehr wahr, weil es in dieser Gegend zu den ständigen Hintergrundgeräuschen gehörte. Die vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter, die noch vorbeigeschaut und geholfen hatten, waren inzwischen alle gegangen, und sie war wieder allein. Verträumt warf sie erneut einen Blick in den Katalog.

Das Geräusch wurde lauter, und plötzlich war ihr Büro von flackerndem Blaulicht erhellt. Neugierig stand Kirsten auf und ging nach vorne zum Schaufenster. Sie löste eine Ecke des Papiers, das sie über die Scheiben geklebt hatte, damit die Kinder nichts sehen konnten, und spähte nach draußen.

Ein schnittiger Sportwagen hielt direkt hinter einem Polizeiauto vor ihrem Laden. Mit geübtem Auge erkannte sie, dass es sich nicht um die Limousine eines Drogendealers handelte.

Dann erlosch das Blaulicht, und die Sirene verstummte. Der Polizist und der Fahrer des Sportwagens stiegen aus.

Es war der Fremde!

Was machte er hier?

Kirsten ertappte sich dabei, dass sie hoffte, er würde einen Strafzettel bekommen.

Weil er zu gut aussah, zu selbstsicher war und außerdem so ein Auto fuhr. Damit war er unerreichbar für eine junge Frau wie sie, die es schon aufregend fand, einen Katalog mit Porzellanfigurinen durchzublättern.

Allerdings wollte sie auch gar nicht anders sein. Sicher hatte auch sie schwache Momente, wie zum Beispiel an diesem Nachmittag. Aber normalerweise war sie diszipliniert genug, um sich vor Augen zu halten, dass es die wahre Liebe nicht gab.

Statt sich wieder in ihren Katalog zu vertiefen, blieb Kirsten jedoch stehen und beobachtete fasziniert, wie der Fremde lässig zu dem Polizisten ging. Dann stellte sie erstaunt fest, dass der Polizist und er sich beinah kumpelhaft begegneten. Dieser schien ihm einen Strafzettel auszustellen, den der Fremde achtlos in die Tasche seiner Lederjacke steckte. Obwohl es inzwischen spät und noch kälter war, fror er offenbar nicht, während der Officer von einem Bein aufs andere trat.

Im nächsten Moment sprang sein Funkgerät an, woraufhin er sich ans Steuer setzte und mit eingeschaltetem Blaulicht wegfuhr.

Der Fremde hingegen beugte sich in seinen Wagen und begann, Sachen herauszunehmen. Schwer bepackt kam er auf die Tür zu, sodass Kirsten ihm entgegeneilte, um ihm etwas abzunehmen. Verblüfft stellte sie fest, dass es sich um die von ihr benötigten Kinderjacken handelte. Prompt fiel eine davon von dem Stapel, den der Fremde trug, in den Schnee – eine entzückende rosafarbene Mädchenjacke mit Kunstfellbesätzen, die ein Mann wie er unmöglich ausgesucht haben konnte.

Nachdem Kirsten sie aufgehoben hatte, eilte sie vor ihm in den Laden, um auf einem Tisch Platz zu machen.

„Legen Sie alles hier ab“, sagte sie atemlos.

Sobald er sich der Jacken entledigt hatte, betrachtete sie diese staunend. Es mussten mindestens zwanzig sein. Und es handelte sich nicht um Secondhandsachen, sondern um nagelneue Modelle von West Coats. Die Preisschilder hingen sogar noch dran.

„Ich hole den Rest“, verkündete er.

„Den Rest?“

„Sie hatten ‚fünfzig‘ gesagt.“

Plötzlich war ihr die Kehle wie zugeschnürt, und Kirsten versuchte, ihre Aufgewühltheit zu verbergen.

Als der Fremde zurückkehrte und noch einen Armvoll Jacken auf den Tisch legte, hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Nur leider lag ganz oben auf dem Stapel eine weitere rosafarbene Jacke, und erneut hatte Kirsten Mühe, ihre Gefühle im Zaum zu halten.

„Okay“, meinte sie schließlich und verschränkte die Arme. „Wer sind Sie?“

Er streckte ihr die Hand entgegen. „Michael Brewster.“

Als Kirsten sie schüttelte, verspürte sie ein so starkes Prickeln, dass es ihr fast den Atem raubte. „Kirsten Morrison“, brachte sie hervor.

„Kirsten“, wiederholte er langsam.

Bildete sie es sich nur ein, oder wirkte er überrascht?

Es war wirklich nicht fair. Wie konnte dieser Fremde so attraktiv, so selbstsicher und gleichzeitig so nett sein? Schließlich wusste sie, wie die Männer waren – unaufrichtig wie James oder gar verlogen wie ihr Schwager, dem sie niemals eine Affäre mit seiner Sekretärin zugetraut hätte.

Als sie Michael Brewster in die Augen blickte, stellte Kirsten jedoch erleichtert fest, dass der Ausdruck darin nicht freundlich wirkte. Traurig vielleicht?

Nein, es war etwas anderes. Offenbar hatte er ein seelisches Trauma erlitten.

„Und, wofür haben Sie den Strafzettel bekommen?“, fragte sie abrupt, um sich abzulenken.

„Strafzettel?“ Verwirrt sah er sie an. „Oh, das war keiner.“ Er griff in seine Tasche. „Es ist ein Scheck. Für die rosafarbene Jacke. Oder eine ähnliche. Officer Adams hat darauf bestanden. Ich habe ihn auf die Organisation ausstellen lassen.“

Starr blickte sie ihn an, während sie den Scheck entgegennahm.

„Auf der Rückseite steht eine Telefonnummer. Seine Gewerkschaft oder so. Er meinte, wenn Sie anrufen, werden sie wahrscheinlich eine größere Summe spenden.“

Offenbar konnte dieser Mann auch Wunder vollbringen. Was wäre, wenn er noch einen Kobold ausfindig machte? Dann würde sie ihm vermutlich völlig erliegen.

Schnell rief Kirsten sich ins Gedächtnis, dass Michael Brewster kein Traumprinz, sondern genau wie alle anderen Männer war.

„Warum tun Sie das?“, erkundigte sie sich schroff.

„Sie haben mich darum gebeten. Einen Kobold habe ich allerdings noch nicht aufgetrieben.“

„Hat man sie Ihnen geschenkt?“

„Die Jacken?“, fragte er verblüfft. „Nein.“

„Und warum sollten Sie für eine Frau, die Sie überhaupt nicht kennen, so viel Geld ausgeben?“

„Ich habe sie ja nicht für Sie gekauft, sondern für bedürftige Kinder.“

Es war offensichtlich, dass er ihr seine Beweggründe nicht verraten wollte.

„Sie wollen mir erzählen, dass Sie so eine Jacke ausgesucht haben?“ Sie deutete auf das rosafarbene Modell. „Drei davon sogar.“

Michael Brewster senkte den Blick. „Na ja, es waren die einzigen, die übrig waren, als mir noch drei fehlten.“

Kirsten war nicht klar, warum sie wusste, dass er log. Schließlich hatte sie bei James und Kent keine Menschenkenntnis bewiesen. Wünschte sie nicht immer noch manchmal, ihr Schwager würde endlich zur Vernunft kommen und ihre Schwester um Verzeihung bitten? Hatte sie nicht selbst Jahre nach der Trennung ihrer Eltern gehofft, die beiden würden sich wieder versöhnen?

Schnell verdrängte sie diese Gedanken und versuchte, die zärtlichen Gefühle zu unterdrücken, die sie bei der Vorstellung überkamen, dass dieser ausgesprochen maskuline Mann vor ihr derart verspielte Jacken kaufte.

Sie wandte sich ab, damit er nicht merkte, wie ihre Augen sich mit Tränen füllten. „Haben Sie eine Ahnung, wie oft diese Kinder eine nagelneue Jacke bekommen?“ Dann fiel ihr Blick auf eins der Preisschilder.

Michael Brewster war also nicht nur attraktiv und nett, sondern anscheinend auch noch wohlhabend. Allerdings vermittelte er ihr nicht den Eindruck, dass Geld eine Bedeutung für ihn hatte. Oder überhaupt irgendetwas.

„Ich … weiß nicht, was ich sagen soll oder wie ich Ihnen danken kann“, meinte Kirsten stockend.

„Wie wär’s damit, dass Sie jetzt mit mir essen gehen?“

Als sie ihn flüchtig ansah, stellte sie fest, dass er über seine Worte genauso überrascht zu sein schien wie sie.

Obwohl ihr klar war, dass sie auf keinen Fall mit ihm ausgehen durfte, fiel es ihr unendlich schwer, Nein zu sagen.

„Oh“, brachte sie schließlich hervor. „Das geht nicht. Tut mir leid.“ Sie deutete auf die Spielsachen ringsum. „Die Dreiräder müssen noch montiert werden.“ Dann dachte sie an den Katalog in ihrem Büro, der aber plötzlich keinen Reiz mehr für sie hatte.

Als sie Michael Brewster wieder anblickte, merkte sie, dass er es offenbar nicht gewohnt war, von einer Frau einen Korb zu bekommen.

„Nein, ich kann nicht“, bekräftigte sie. „Der Weihnachtsmann verabredet sich nicht. Nicht vor dem vierundzwanzigsten Dezember.“ Kaum hatte sie dies hinzugefügt, fragte sie sich, ob sie sich damit noch eine Hintertür offen halten wollte.

Michaels Mundwinkel zuckten. „Ich weiß nicht, ob ich es als Verabredung bezeichnet hätte.“

Nein, sicher nicht. Ein Mann wie er hatte es nicht nötig, fünfzig Kinderjacken zu kaufen, um ein Rendezvous zu bekommen. Und vor allem verabredete er sich nicht mit Frauen wie ihr.

„Vielen Dank jedenfalls“, erklärte Kirsten schroff. „Ich weiß nicht, warum Sie die Jacken gekauft haben, aber es war sehr nett von Ihnen. Und nun habe ich zu tun. Auf Wiedersehen, Mr. Brewster.“

Statt sich zu verabschieden, ging Michael Brewster jedoch an ihr vorbei und nahm einen der Kartons mit den Dreirädern aus dem Regal. Dann betrachtete er die auf der Seitenwand abgebildete Skizze.

„Sie wissen also, wie man die montiert?“, meinte er.

Kirsten wurde wütend. Anscheinend kannte er nur Frauen, deren größte Sorge ihren Fingernägeln galt und die noch nie im Leben einen Schraubenschlüssel in der Hand gehabt hatten.

„Ich kann Anleitungen lesen“, verkündete sie würdevoll.

Daraufhin öffnete er den Karton und nahm die Aufbauanleitung heraus, die er ihr reichte. Die Zeichnungen waren unverständlich, und der Text war in japanischer Sprache verfasst.

„Was halten Sie davon, wenn wir uns Pizza bestellen und die Dinger zusammen montieren?“, schlug Michael Brewster vor.

„Mr. Brewster …“

„Michael …“

„Ich kenne Sie nicht einmal.“

Einen Moment lang dachte er über ihre Worte nach. „Haben Sie Angst vor mir? Sie können gern Erkundigungen über mich einziehen. Dann komme ich morgen wieder.“

„Machen Sie sich nicht lächerlich“, sagte Kirsten steif.

„Das ist es nicht. Sie sollten alle Leute, die für Sie arbeiten, überprüfen, auch die ehrenamtlichen Helfer.“

„Das tue ich bereits eine ganze Weile, vielen Dank!“

„He, nicht so gereizt! Ich mache mir nur Gedanken um Sie.“

Und genau das war ihr wunder Punkt. Sie war in dem Glauben aufgewachsen, dass sich eines Tages jemand um sie kümmern würde, so wie ihr Vater es bei ihrer Mutter getan hatte. Und auch Becky hatte den Mann fürs Leben gefunden und mit ihm ein Kind bekommen.

Und dann war ihr Glück in einem einzigen Moment zerbrochen. Der Unfall war das erste einer Reihe von Ereignissen gewesen, die zum Scheitern von Beckys Ehe führten. Ein Therapeut hätte es sicher sehr interessant gefunden, dass sie, Kirsten, gleich nach der Trennung ihrer Schwester angefangen hatte, sich für Porzellanfigurinen zu interessieren.

„He, machen Sie nicht so ein Gesicht“, fuhr Michael fort. „Wenn Sie Referenzen über mich brauchen, rufen Sie einfach meinen Nachbarn Mr. Theodore an. Er hat mich auf die Idee gebracht, Ihnen zu helfen.“

„Mr. Theodore ist Ihr Nachbar?“, fragte sie. „Er hat Sie geschickt?“

„Er hat mir vorgeschlagen, mal bei Ihnen vorbeizuschauen. Woher kennen Sie ihn?“

„Wir sind im selben Literaturzirkel. Und warum hat er Sie geschickt?“

Michael schob die Hände in die Hosentaschen und zuckte die Schultern. „Weil ich zufällig Zeit habe.“

Sofort fragte sie sich, warum ein junger Mann wie er nichts zu tun hatte. Da sie ihn allerdings nicht unter Druck setzen wollte, ging sie nicht weiter darauf ein.

„Mögen Sie Anchovis?“ Ihr war klar, dass es einer Kapitulation gleichkam. Obwohl sie ihn eigentlich loswerden wollte, fühlte sie sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen, weil er so geheimnisvoll war.

„Ob die Leute im Literaturzirkel ahnen, dass unter ihnen eine junge Frau ist, die Anchovis mag?“

„Verwegen, nicht?“, konterte Kirsten trocken. Dann merkte sie, wie sie errötete.

Michael lachte. „Ja, ich nehme Anchovis.“

Einen Moment lang sah er ihr in die Augen und forderte sie damit beinah heraus, sein Geheimnis zu ergründen. Dann stellte er den Karton auf den Boden und begann, alle Teile herauszunehmen und auszubreiten. Selbst wenn die Anleitung auf Englisch gewesen wäre, hätte er wahrscheinlich keinen Blick darauf verschwendet.

3. KAPITEL

Nachdem Michael die Kunststoffgriffe auf den Lenker gesteckt hatte, trat er einen Schritt zurück und betrachtete zufrieden sein Werk.

„Der König der Dreiräder!“, verkündete er laut. Es war das zweite Fahrzeug, das er zusammengebaut hatte. Bei dem ersten hatte er den Lenker falsch herum montiert, aber er war sicher, dass er nun wusste, wie es ging. Der Rest wäre ein Kinderspiel …

„Pizza“, verkündete Kirsten in dem Moment und kam mit einem Karton in den Raum, den ein Bote an die Hintertür des Ladens gebracht hatte. „Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat. Der junge Mann vom Lieferservice meinte, die Straßen wären glatt. Oh, wie süß!“

Sie betrachtete das Dreirad mit einem Gesichtsausdruck, der Michaels Selbstwertgefühl enorm stärkte. Vermutlich machten sein Hunger und der köstliche Duft, der ihm in die Nase stieg, ihn anfälliger als gewöhnlich. Er lebte schon lange in einer Welt, in der er keine Bestätigung brauchte, und so sollte es auch bleiben.

„Es erinnert mich an eins dieser Gefährte, auf denen Schimpansen im Zirkus ihre Runden drehen.“ Demonstrativ verschränkte er die Arme vor der Brust, damit Kirsten in ihm den knallharten Burschen sah und nicht den König der Dreiräder.

„Komisch, welche Assoziationen wir manchmal haben, nicht? Dreiräder und Schimpansen. Niedlich!“

Das hatte er nicht beabsichtigt. Verstand sie ihn etwa bewusst falsch? Aus den Augenwinkeln beobachtete Michael, wie sie die Jacken ans andere Ende des Tischs schob, um den Karton darauf abstellen zu können. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie die zweckmäßige Strickjacke nicht mehr trug und sich nun bestätigte, was er vorher erahnt hatte. Unter ihrer weißen Bluse zeichneten sich sehr weibliche Kurven ab.

Dann fiel ihm noch etwas auf: Ihre Lippen hatten jetzt mehr Farbe. Offenbar hatte sie Gloss benutzt.

Wenn ein Mann Lippen wie diese betrachtete, dachte er nur an eines. Michaels Instinkt hatte ihm geraten, sich von ihr fernzuhalten. Eine Polizeieskorte war natürlich ein überzeugendes Gegenargument, aber was hatte ihn dazu bewogen, sie zum Essen einzuladen?

Die Antwort lag auf der Hand. Dreiräder zusammenzubauen war netter, als einen weiteren Abend allein vor dem Fernseher zu verbringen und gegen die Einsamkeit anzukämpfen.

„Machen Sie eine Pause“, schlug Kirsten vor, während sie zwei Stühle hervorzog.

Michael tat sich schwer damit, ihrer Aufforderung zu folgen. Warum hatte sie Lippenstift aufgetragen?

Auch diesmal kannte er die Antwort. Damit gewisse Seiten in einem Mann angesprochen wurden.

Was bei ihm prompt der Fall war. Wenn man bedachte, dass sie einem Literaturzirkel angehörte, überraschten ihre Lippen ihn genauso wie ihre Figur, denn beides war sehr sinnlich.

Nachdem sie sich gesetzt hatten, biss Kirsten von ihrer Pizza ab und schloss dann genüsslich die Augen.

Auch Michael fing an zu essen. Genau wie er erwartet hatte, schmeckte die Pizza, von den Anchovis abgesehen, ausgesprochen fade. Er konnte daher nicht ganz nachvollziehen, warum Kirsten nun leise seufzte.

Dieser Laut weckte ebenfalls bestimmte Vorstellungen in ihm!

Eigentlich hätte er sich denken können, dass sie immer für eine Überraschung gut war. Sie hieß nicht Molly oder Sarah, sondern Kirsten – ein ebenso moderner wie ungewöhnlicher Name, der perfekt zu ihr zu passen schien. Aber es ärgerte Michael, dass er sich überhaupt Gedanken darüber machte. Bei Calypso wäre er nie auf die Idee gekommen.

„Ich finde, das ist die beste Pizza in ganz Treemont“, verkündete Kirsten.

Tatsächlich? Michael biss wieder von seiner Pizza ab, in der Hoffnung, den seltsamen Anflug von Schwäche überwinden zu können. Er betrachtete die Dreiräder, blickte erneut auf Kirstens Mund und legte dann die Pizza weg.

Ihre Lippen waren die reinste Versuchung. Sie erweckten sein Verlangen und führten ihm vor Augen, wie einsam er war und wie leer er sich fühlte. Nur zu gern hätte er herausgefunden, ob sie ihm Trost spenden und ihm etwas zurückgeben konnten, was er verloren hatte.

Sofort rief er sich zur Ordnung. Wenn er Kirsten jetzt küsste, würde sie ihm vermutlich eine Ohrfeige verpassen, schließlich kannte sie ihn kaum. Und genau das hätte er auch verdient.

Ihm wurde klar, dass er zu lange den Einsiedler gespielt hatte, wenn eine Frau wie Kirsten Morrison bei ihm derartige Empfindungen auslöste. Vermutlich war er in seinem Kummer zum Exzentriker geworden. Und als würde er nicht schon genug leiden, stellte er sich jetzt erneut ihre Fingernägel auf seinem Rücken vor.

Michael betrachtete ihre Hände. Wenn er sich nicht täuschte, glänzten die sorgfältig manikürten Nägel nun leicht. Auch das war vorher nicht der Fall gewesen.

Eine Frau zog nicht ihre unförmige Strickjacke aus, lackierte sich die Nägel und trug Lippenstift auf, nur um Pizza zu essen. Selbst wenn ein Kuss für sie nicht infrage kam, wollte sie von ihm, Michael, beachtet werden.

„Ich mache mal weiter.“ Er stand auf und ignorierte ihren enttäuschten Gesichtsausdruck.

„Schmeckt es Ihnen nicht?“, erkundigte sie sich besorgt.

Sie hatte sein Werk bewundert, und nun machte sie sich Gedanken darüber, dass er nicht satt wurde. Seit seiner Mutter hatte sich niemand mehr so um ihn gekümmert. Bis zu diesem Abend war ihm nicht einmal aufgefallen, was ihm alles fehlte. Und er mochte nicht daran denken, was Kirsten ihm noch schmerzlich bewusst machen konnte.

Sie war bodenständig und kinderlieb, eine Frau, die ein Mann mit nach Hause nahm, um sie seiner Mutter vorzustellen. Allerdings hatte er keine mehr. Und mit seinen früheren Freundinnen hatte er sie zu ihrer großen Enttäuschung nie bekannt gemacht. Michael verspürte einen Stich bei der Erinnerung. Und sein Bedürfnis, dieser Situation zu entfliehen, die ihm so viele unangenehme Dinge vor Augen führte, wurde immer stärker.

Kirsten blickte ihn fragend an, und er hatte das ungute Gefühl, dass sie es auch persönlich nehmen würde, wenn er die Pizza nicht mochte.

Deswegen griff er nach dem restlichen Stück und stopfte es förmlich in sich hinein, woraufhin sie ihn bestürzt betrachtete.

„Sehr lecker“, brachte er hervor, nachdem er den letzten Bissen hinuntergeschluckt hatte. Inzwischen hatte er beschlossen, niemals hierher zurückzukehren, wenn er alle Dreiräder zusammengebaut hatte.

Kirsten Morrison machte ihn schwach, ohne es überhaupt darauf anzulegen. Und wie sollte er die Weihnachtszeit überstehen, wenn er nicht stark war?

„Ich bin nicht frei“, fügte er hinzu. „Das wollte ich Ihnen sagen.“

„Wie bitte?“ Sie klang ein wenig gequält. „Inwiefern?“

„Das wissen Sie.“

„Nein, leider nicht, Mr. Brewster. Vielleicht erklären Sie es mir.“

Die förmliche Anrede gefiel ihm, denn sie schuf wieder Distanz zwischen ihnen. „Na ja, als ich vorhin vorgeschlagen habe, essen zu gehen, dachten Sie, es wäre eine Verabredung. Und das kommt für mich nicht infrage.“ Deutlicher konnte er kaum werden.

„Vielleicht sollte ein Mann, der nicht frei ist, eine Frau nicht zum Essen einladen. Aber es spielt ohnehin keine Rolle. Vielleicht erinnern Sie sich, dass ich Nein gesagt habe, und zwar nachdrücklich.“

„Stimmt“, räumte Michael unbehaglich ein. „Aber dann haben Sie sich die Lippen geschminkt.“ Das Funkeln in ihren Augen veranlasste ihn, die Strickjacke und die lackierten Nägel nicht auch noch zu erwähnen.

„Sie glauben, ich hätte es für Sie getan?“ Kirsten stand so schnell auf, dass ihr Stuhl umfiel, und ballte die Hände zu Fäusten.

Damit überraschte sie ihn einmal mehr. Denn statt zu erröten und peinlich berührt zu sein, fuhr sie ihn an wie eine Raubkatze.

Leider bewirkte es, dass er sich erneut heftig danach sehnte, sie zu küssen.

„Wie kann man nur so überheblich sein!“, stieß sie hervor. „So etwas habe ich noch nie erlebt!“

Ein sensibler oder vernünftiger Mann hätte sich jetzt für seinen Irrtum entschuldigt und wäre zurückgewichen, zumal es so aussah, als würde sie nach einem Stück Pizza greifen.

Er hingegen war noch nie besonders feinfühlig gewesen, und nachdem er Stunden um Stunden in dem eisigen Wasser der Beringsee ausgeharrt hatte, war es um seinen Selbsterhaltungstrieb nicht mehr so gut bestellt. Außerdem musste er sich eingestehen, dass er herausfinden wollte, ob Kirsten ihn erneut überraschte, indem sie die Pizza tatsächlich nach ihm warf.

„Sie haben sich also die Lippen geschminkt, um Pizza zu essen?“, fragte er skeptisch.

Als Kirsten erstarrte, merkte er, dass er sie verletzt hatte. Obwohl er es verdient hätte, den ganzen Karton auf den Kopf zu bekommen, ließ sie die Hand sinken. Ihre Lippen begannen zu beben, und sie blinzelte krampfhaft.

Michael wusste nicht, was er tun sollte, wenn sie zu weinen anfangen würde. Er hatte ihr den Eindruck vermitteln wollen, dass er ein arroganter Mistkerl war, aber keineswegs, dass sie unzulänglich erschien. Genau aus diesem Grund ließen Männer wie er sich nicht mit Frauen wie ihr ein. Kirsten war zu empfindsam. Wenn er sie küsste, würde es in einer Katastrophe enden.

„Ich habe es nicht für Sie getan“, erklärte sie. „Das ist wirklich lächerlich.“ Sie schniefte unmerklich. „Jemand wie Sie würde mich nie attraktiv finden, egal, wie stark ich mich schminke.“

Die Situation wurde immer verfahrener. Aber wenn er Kirsten jetzt sagte, sie wäre anziehend, würde es unehrlich klingen.

Eine Träne rann ihr über die Wange, und Kirsten wischte sie ärgerlich weg. „Ihre Freundin modelt bestimmt für Hochglanzmagazine oder zumindest für Dessouswerbung.“ Schließlich machte sie alles noch schlimmer, indem sie errötete.

„Ich habe keine Freundin“, gestand Michael und bereute es sofort, weil eine Notlüge der leichteste Ausweg gewesen wäre.

„Ach so.“ Sie legte sich die Hand aufs Herz und wich zurück. „Es geht gar nicht darum, ob Sie frei sind oder nicht, sondern ob Sie für eine Frau wie mich zu haben sind.“

„Nein!“

„Eine armselige graue Maus schminkt sich die Lippen für den Typen in der Lederjacke und mit den unwiderstehlichen grünen Augen. Der Kerl, der so nett ist und fünfzig Jacken für bedürftige Kinder kauft.“

Unwiderstehliche grüne Augen? Sie machte wohl Witze. Allerdings war ihm klar, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt war, um sie danach zu fragen.

„Kirsten“, sagte Michael energisch. „Sie sind keine armselige graue Maus. Sind Sie verrückt?“

Niedergeschlagen nickte sie. „Verrückt und armselig.“

Fluchend machte er einen Schritt auf sie zu, woraufhin sie sich sofort abwandte. Ohne nachzudenken umfasste er ihre Schulter und drehte Kirsten zu sich herum.

Erneut erinnerte sie ihn an eine Raubkatze, die ihre Krallen ausgefahren hatte. Er ließ die Hand sinken und sagte ruhig: „Es hat nichts mit Ihnen zu tun, Kirsten. Es liegt einzig und allein an mir.“

„Warum habe ich nur das Gefühl, dass Sie häufiger in derartige Situationen geraten?“ Ihr überheblicher Tonfall konnte ihn nicht darüber hinwegtäuschen, dass er sie zutiefst getroffen hatte.

Michael wurde bewusst, wie viel er im Umgang mit seinen Mitmenschen verlernt hatte. Er hatte nur noch auf Sparflamme existiert. Sein Schmerz war so stark, dass jeder ihn spüren musste. Das gab ihm allerdings nicht das Recht, anderen wehzutun, selbst wenn es unabsichtlich geschah.

Mr. Theodore würde zutiefst enttäuscht sein. Er hatte ihn hergeschickt, damit er Kirsten half, und stattdessen verletzte er sie.

„Kirsten“, machte Michael einen erneuten Versuch und wusste im selben Moment, dass er nun sein Innerstes preisgeben würde. Wie aus weiter Ferne hörte er sich weitersprechen. „Ich war in ein schreckliches Unglück verwickelt. Deswegen bin ich nicht frei.“

„Ein Unglück?“, wiederholte sie.

Halt den Mund, befahl er sich. Bisher hatte er noch niemandem davon erzählt, weil er das Mitleid und die nichtssagenden Tröstungen nicht ertragen konnte.

„Ich habe alles verloren.“ Halt den Mund! „Meine Mutter, meinen Vater, meinen Bruder. Ich habe nichts zu geben. Ich kann anderen nur noch Schmerz zufügen, so wie Ihnen heute Abend.“

Halt doch endlich den Mund! Aber die Worte sprudelten einfach aus ihm heraus, als wäre nur dieser Anlass nötig gewesen, um den Damm zu brechen. „Es ist für mich das erste Weihnachtsfest ohne meine Familie. Ich weiß nicht, wie ich es durchstehen soll …“ Nun versagte ihm die Stimme.

Kirsten schwieg eine ganze Weile, aber er empfand es nicht als unangenehm. Als sie schließlich antwortete, sagte sie nicht, es täte ihr leid, oder fragte, was passiert wäre.

„Ich weiß, wie Sie es schaffen“, verkündete sie.

Was wusste sie schon von seinem Schmerz? Doch irgendwie glaubte Michael ihr, denn der Ausdruck in ihren Augen verriet Ruhe und innere Stärke.

Mit dem Handrücken wischte sie sich über die Lippen, als wollte sie damit leugnen, dass sie Michael vorher auf diese hatte aufmerksam machen wollen. Es war ein Eingeständnis. Komischerweise wirkte sie ohne Lippenstift nicht weniger anziehend – im Gegenteil. Ihre Züge ließen eine anrührende Zärtlichkeit und Mitgefühl erkennen.

Und plötzlich war Michael klar, dass es doch etwas gab, was er ihr geben konnte, um sein Verhalten ihr gegenüber wiedergutzumachen.

Er konnte sie wissen lassen, dass sie hübsch und attraktiv war und ihr Mund ihn faszinierte. Allerdings nicht mit Worten, denn Kirsten würde ihm ohnehin keine seiner Äußerungen mehr glauben.

Michael beugte sich zu ihr hinüber. Wie er nicht anders erwartet hatte, wich sie zunächst vor ihm zurück. Doch dann machte sie völlig unverhofft einen Schritt auf ihn zu, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn.

Und obwohl sie seine Lippen dabei nur streifte, erschütterte diese flüchtige Berührung ihn bis ins Mark. Er merkte, wie der Schutzwall, den er um sich errichtet hatte, einzustürzen drohte.

„Vielleicht haben Sie mehr zu geben, als Sie ahnen“, sagte Kirsten sanft. „Und dadurch werden Sie es überstehen.“

Michael wollte ihr widersprechen, konnte es aber nicht, weil er noch immer unter dem Eindruck ihres Kusses stand, der so unschuldig gewesen war.

„Wie würden Sie denn das mit den fünfzig Jacken einschätzen?“, hakte sie nach.

Plötzlich fühlte er sich unbehaglich. Und nun wich er einen Schritt zurück. „Oh. Das. So etwas ist nicht schwer.“

„Wenn es so einfach wäre, gäbe es keine Kinder, die dringend eine Winterjacke brauchen.“ Auf einmal wirkte sie verlegen. Sie blickte auf ihre Armbanduhr und errötete erneut. „Ich muss jetzt los“, verkündete sie abrupt. Anscheinend machte die Intimität dieser Situation ihr genauso viel Angst wie ihm. „Tut mir leid. Sie müssen auch aufbrechen. Ich habe keine Zweitschlüssel dabei.“

„Ich würde Sie sowieso nicht allein zu Ihrem Wagen gehen lassen.“

Es schien, als wollte Kirsten protestieren. Dann überlegte sie es sich offenbar anders. Sie wandte sich ab, nahm die restliche Pizza vom Tisch und tat sie in einen Kühlschrank, der in einer Ecke stand.

Kurz darauf öffneten sie die Tür und traten in die Kälte hinaus.

„Haben Sie keine dickere Jacke?“, schalt Kirsten ihn.

Nun, da er sich ihr anvertraut hatte, wollte sie ihn sicher bemuttern, was er auf keinen Fall zulassen würde. Allerdings ist sie schon vorher besorgt um mich gewesen, musste Michael sich eingestehen.

„Ich friere nicht“, klärte er sie auf.

Sie warf ihm einen verwirrten Blick zu, doch für diesen Abend hatte er genug erzählt. Während sie abschloss, bemerkte er eine große Gestalt, die sich, den Kopf wegen des eisigen Winds gesenkt, von ihnen entfernte.

„Ich glaube, den Typen habe ich heute Nachmittag schon mal hier herumhängen sehen.“

Kirsten drehte sich um. „Ach, der. Er ist immer hier. Er ist noch ein Junge. Ich kenne ihn nicht, aber anscheinend glaubt er, mich beschützen zu müssen.“

Michael zweifelte daran, dass der junge Mann derartige Beweggründe hatte, doch ihre Worte ließen tief blicken.

Kirsten war unschuldig. Der Ausdruck in ihren Augen und ihre Lippen hatten es bereits verraten. Das hieß allerdings nicht, dass sie es auch sein wollte.

Sie kamen zu einem schneebedeckten Auto. Wie Michael nicht anders erwartet hatte, handelte es sich um einen Kleinwagen. Während Kirsten einstieg und den Motor anließ, entfernte er den Schnee mit den Händen und dem Ärmel. Schließlich stieg sie aus und gab ihm einen Handfeger.

„Kann ich damit rechnen, dass Sie morgen wiederkommen und die restlichen Dreiräder zusammenbauen?“

Er zögerte.

„Es wäre mir eine große Hilfe.“

Nun, da sie sich geküsst hatten, war alles noch viel komplizierter. Obwohl er am liebsten unter irgendeinem Vorwand abgelehnt hätte, hörte er sich sagen: „Ja, klar, ich komme morgen wieder.“

Trotz der Kälte im Wagen fror Kirsten nicht, als sie losfuhr. Vielmehr verspürte sie das Prickeln, das eine Frau empfand, die mit dem Feuer spielte. Hatte sie in dem Moment, als sie sich die Lippen schminkte, die Nägel lackierte und ihre Strickjacke auszog, gewusst, worauf sie sich einließ?

Wie erniedrigend, dass Michael sie so schnell durchschaut hatte! Es führte ihr vor Augen, welches Risiko sie einging, denn er schien die Frauen zu kennen. Noch bevor diese ihr selbst klar gewesen waren, hatte er ihre Beweggründe erraten.

Und was alles noch schwieriger machte, war der schreckliche Verlust, den er erlitten hatte. Er hatte seine ganze Familie verloren. Es brach ihr das Herz. Abgesehen davon, dass sie sich stark zu ihm hingezogen fühlte, sah sie es nun auch als ihre Pflicht an, ihm durch diese schwere Zeit zu helfen.

Aber wie sollte sie sich mit ihm in einem Raum aufhalten, ohne an den Kuss zu denken und sich zu Träumen hinreißen zu lassen, die weit über derartige Zärtlichkeiten hinausgingen. Träume von einem kleinen Haus in netter Umgebung, romantischen Abenden vor dem Kamin, Babys …

„Hör auf!“, ermahnte Kirsten sich laut.

Sie hatte Michael geküsst, um den hoffnungslosen Ausdruck auszulöschen, der in seinen Augen erschienen war. Vielleicht aber auch, weil sie ihn schmecken wollte, als würden seine Lippen eine Wahrheit offenbaren, an die sie sich klammern konnte.

Das kostbarste Stück in ihrer Figurinen-Sammlung war „Erster Kuss“, denn es war das älteste, das sie besaß, und zu Beginn von Lous Laufbahn entstanden. Es zeigte Harriet und Smedley, die sich zueinanderbeugten, sichtlich fasziniert über das, was sie gerade getan hatten. Smedley betrachtete Harriets Mund, als könnte er diesem nicht widerstehen.

Michael zu küssen, war jedoch anders gewesen. Kirsten hatte dadurch nicht erfahren, wer er war, sondern wer sie war und welche geheimen Sehnsüchte sie hegte. Diese konnten ihre ganze Welt zum Einsturz bringen.

Und er hatte genauso hilflos gewirkt, wie sie sich fühlte, als würde sie irgendeine Macht über ihn ausüben.

Bei Harriet und Smedley hingegen fehlte dieses Geheimnisvolle völlig. Sie wirkten so unschuldig und vermittelten den Eindruck, dass ihre Zärtlichkeiten über einen Kuss nicht hinausgingen. Dass er nicht der Anfang von etwas war, das man, einer Naturgewalt gleich, nicht kontrollieren konnte. Allein bei dem Gedanken daran erschauerte Kirsten.

Michael Brewster hatte sie gewarnt, dass er ein Mann war, der nichts zu geben hatte. Und sie wusste, dass man gut daran tat, solche Äußerungen zu glauben.

Aber von den Tausenden von Dollar, die sie für ihre Little-Sammlung ausgegeben hatte, einmal abgesehen, war sie ihr Leben lang immer vernünftig gewesen, und plötzlich hatte sie genug davon. Sie wollte zu den Frauen gehören, deren Lippen ein Mann unwiderstehlich fand.

Und sie wollte diejenige sein, die Michael von seinem Schmerz heilte.

In dem Moment fuhr sie mit ihrem Wagen auf eine vereiste Stelle und geriet ins Schleudern. Vergeblich versuchte Kirsten gegenzulenken, bis sie schließlich auf der anderen Fahrbahnseite gegen den Kantstein prallte und den Motor abwürgte. Die Sachen, die auf dem Rücksitz lagen, fielen hinunter. Zum Glück waren die Straßen zu dieser Zeit nicht stark befahren, sodass ihr niemand entgegengekommen war.

Während das Herz ihr bis zum Hals klopfte, wurde Kirsten bewusst, dass dieses unfreiwillige Manöver ihr Verhältnis zu Michael Brewster symbolisierte. Sie hatte sich bei ihm aufs Glatteis begeben und konnte ganz leicht die Kontrolle verlieren. Womöglich endete das Ganze dann mit einer Katastrophe.

Kirsten schauderte, doch dann wurde ihr klar, dass sie zu theatralisch war. Sie hatte einfach viel zu viel Angst davor, verletzt zu werden. Aber es war unrealistisch, wenn man erwartete, dass man ohne Blessuren durchs Leben kam.

Sie dachte an James und die wundervollen sechs Wochen mit ihm, als sie geglaubt hatte, sie wäre in ihn verliebt. Routiniert hatte er sie mit Aufmerksamkeit, Zuneigung und Geschenken überhäuft. Und dann erwähnte er beiläufig, dass man ihn aus dem Footballteam ausschließen würde, wenn er keine bessere Note in Mathe bekam. Aber sie mit ihren Kenntnissen wäre genau die Richtige, ihm durch die Prüfung zu helfen. Wochenlang hatte sie sich danach abends in den Schlaf geweint. Und wenn ein oberflächlicher, eingebildeter Kerl wie James sie so hatte verletzen können, was würde ihr dann ein derart traumatisierter Mann wie Michael Brewster antun?

„Er wird nur die Dreiräder zusammenbauen, mehr nicht“, sagte Kirsten sich entschlossen. „In weniger als einer Woche wird er sich langweilen und sich dann den Dingen widmen, die Kerle wie ihn interessieren.“

Models für Dessous kamen ihr in den Sinn. Überlebenstrainings. Safaris. Nein, Michael Brewster war kein Mann, den Dreiräder oder Frauen, die Mitglied in einem Literaturzirkel waren, lange zu fesseln vermochten.

Autor

Cheryl St. John
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Liz Fielding

In einer absolut malerischen Gegend voller Burgen und Schlösser, die von Geschichten durchdrungen sind, lebt Liz Fielding – in Wales

Sie ist seit fast 30 Jahren glücklich mit ihrem Mann John verheiratet. Kennengelernt hatten die beiden sich in Afrika, wo sie beide eine Zeitlang arbeiteten. Sie bekamen zwei Kinder, die...

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Cara Colter

Cara Colter hat Journalismus studiert und lebt in Britisch Columbia, im Westen Kanadas. Sie und ihr Ehemann Rob teilen ihr ausgedehntes Grundstück mit elf Pferden. Sie haben drei erwachsene Kinder und einen Enkel.
Cara Colter liest und gärtnert gern, aber am liebsten erkundet die begeisterte Reiterin auf ihrer gescheckten Stute...

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