Julia Saison Band 60

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ROMANZE MIT HINDERNISSEN von JILL SHALVIS
Jason ist fasziniert von der einfühlsamen Tierärztin Melissa. Bei ihrem heißen Flirt vergisst er fast, dass er im Auftrag ihrer Mutter den Kontakt zu ihr suchte. Wie wird Melissa darauf reagieren, wenn er ihr die Wahrheit sagt?


FAST ZU SPÄT DAS GLÜCK ERKANNT von EMMA DARCY
Nina und Jack sind glücklich - bis Nina schwanger wird. Sie weiß, dass Jack keine Kinder will, und macht ohne ein Wort der Erklärung mit ihm Schluss. Doch neun Monate später legt sie Jack das schönste Baby der Welt in den Arm. Und wartet atemlos auf seine Reaktion ...


IMMER FÜR DICH DA von CAROLINE ANDERSON
Bei jedem Blick in Bens Augen fängt Livs Herz an zu pochen. Doch als der reiche Unternehmer ihr einen Antrag macht, ist die alleinerziehende Mutter enttäuscht: Ben will sie nur heiraten, damit sie und ihre Kinder versorgt sind. Aber Liv träumt von einer Liebesehe!
  • Erscheinungstag 19.02.2021
  • Bandnummer 60
  • ISBN / Artikelnummer 8091210060
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Jill Shalvis, Emma Darcy, Caroline Anderson

JULIA SAISON BAND 60

1. KAPITEL

Wäre sie danach gefragt worden, so hätte Melissa Anders zweifellos geantwortet, dass ihr Leben in bester Ordnung sei. In unbeobachteten Momenten jedoch atmete sie manchmal ganz tief ein, schloss die Augen und fragte sich, wie um alles in der Welt sie nur in diese Situation geraten war.

Ihr Leben spielte sich derzeit in der kleinen, pittoresken Ortschaft Martis Hills in Kalifornien ab, wo Melissa die Leiden verschiedener Haus- und Nutztiere heilte, statt sich, wie sie es einmal geplant hatte, um die überzüchteten und verhätschelten Katzen und Hunde der Reichen und Schönen zu kümmern.

Nicht, dass sie ihren Beruf als Tierärztin nicht lieben würde, im Gegenteil. Aber während der langen anstrengenden Jahre ihres Studiums, in denen sie so beschäftigt damit gewesen war, für ihre Prüfungen zu lernen und gleichzeitig genug Geld zu verdienen, um sich durchzuschlagen, hatte sie sich ihre Zukunft irgendwie anders vorgestellt. Nun jedoch lebte sie inmitten sanft geschwungener Hügel und Felder, in einem Landstrich, der von sehr viel mehr Kühen als Menschen bewohnt wurde, und betrieb eine von nur zwei Tierarztpraxen im Umkreis von einigen hundert Kilometern.

Die Bewohner des Ortes – Melissa war in Los Angeles aufgewachsen und weigerte sich beharrlich, Martis Hills als Stadt zu bezeichnen – waren alle sehr freundlich, ein wenig zu freundlich vielleicht. Spontan und unaufgefordert klopften sie an ihre Tür, stellten viele neugierige Fragen und redeten praktisch ununterbrochen auf die neue Tierärztin ein. Manchmal brachten sie allerdings auch selbst gebackene Kekse oder erstaunlich schmackhafte Aufläufe mit.

In den ersten Monaten hatte Melissa darauf gewartet, dass ihr der Grund für diese überwältigende Freundlichkeit klar werden würde. Aber das war nicht passiert. Vielleicht war sie auch einfach in einem Ort aus einem Märchenbuch gelandet.

Es war nicht so, dass sie ihre Zeitgenossen grundsätzlich nicht mochte. Aber alles in allem waren Tiere ihr lieber. Tiere stellten keine Fragen, sie akzeptierten und liebten Menschen bedingungslos. Tiere kamen nicht auf den Gedanken, ihre Kinder einfach aufzugeben, nur weil sie Ballett tanzten und sich nicht mit einem weinenden Baby belasten wollten …

Oh je, ist das etwa ein kleiner Anflug von Selbstmitleid? dachte Melissa, als sie aus dem Auto stieg. Sie strich die einfache schwarze Hose und die weiße Bluse, die sie trug, glatt und ging auf das große Farmhaus zu, das Dr. Myers vor Jahren zu einer Tierarztpraxis umgebaut hatte. Er hatte sich kürzlich zur Ruhe gesetzt und lebte jetzt bei seiner Schwester in Phoenix. Melissa hatte Haus und Praxis gemietet – mit der Option auf einen späteren Kauf, die sie aber selbstverständlich nicht wahrnehmen würde. Das wäre reiner Wahnsinn. Allerdings war die Miete sensationell niedrig, zumindest gemessen an den Preisen, die sie aus Los Angeles kannte. Und angesichts der Studiendarlehen, die Melissa noch zurückzahlen musste, war das ein entscheidendes Argument.

Genau das war auch der Grund für ihren Umzug aufs Land, das zumindest redete Melissa sich jedenfalls ein. Die niedrigen Lebenskosten und die Neugier auf das Landleben. Es hatte rein gar nichts mit der Tatsache zu tun, dass sie vor achtundzwanzig Jahren genau hier zur Welt gekommen war.

Oder mit der Tatsache, dass ihre Mutter hier lebte.

Melissa verzog das Gesicht und beschleunigte ihren Schritt. Nein. Wozu sollte sie sich selbst etwas vormachen? Der wahre Grund, warum sie nach Martis Hills gezogen war, lag darin, dass sie in ihrem tiefsten Inneren den Wunsch verspürte, der einzigen Verwandten, die sie noch hatte, nahe zu sein. Und wenn sie genauer über diesen Wunsch, diese verdammte Schwäche nachdachte, wurde Melissa so wütend auf sich selbst, dass sie diesen Gedanken möglichst rasch verdrängte.

Sie schloss die Tür der Praxis auf, schaltete das Licht an und holte tief Luft. Wie immer drang ihr ein vertrauter, scharfer Duft in die Nase. Um morgens wach zu werden, gab es nichts Besseres als den Geruch von Desinfektionsmitteln.

Der umgebaute ehemalige Wohnraum eignete sich hervorragend als Wartezimmer. Vor den Fenstern stand eine Reihe von Stühlen, und die Regalwand gegenüber war mit einigen Verkaufsartikeln wie Zahnbürsten für Schweine und Mitteln gegen Mundgeruch bei Hunden gefüllt. Der Empfangsbereich war winzig, was aber kein großes Problem darstellte, da Melissa sich ohnehin keine Sprechstundenhilfe leisten konnte.

Sie war gerade in ihren weißen Kittel geschlüpft und ordnete einige Papier auf dem Empfangstresen, als sich die Vordertür öffnete und dabei eine Glocke zum Läuten brachte, die Tote hätte wecken können. An ihrem ersten Tag in der Praxis hatte Melissa diese Glocke entfernt, woraufhin buchstäblich jeder Patient ihr mitteilte, dass Dr. Myers genau diese Glocke vor fünfundvierzig Jahren aus Europa mit nach Kalifornien gebracht hatte und alle sich an ihren Klang gewöhnt hätten. Am zweiten Tag hatte sie die Glocke wieder aufgehängt. Traditionen wurden im Märchendorf Martis Hills sehr gepflegt.

Der Mann, der eingetreten war, wandte ihr den Rücken zu, während er die Tür schloss. Er war groß und schlank und trug die übliche Kleidung der Einheimischen: verblichene alte Jeans und ein weißes T-Shirt. Mit einem leisen innerlichen Seufzer dachte Melissa zurück an die Tage in Los Angeles, als sie sich einfach nur auf der Straße umschauen musste, um die neuesten Exemplare aus den Designerkollektionen bewundern zu können.

Als der Besucher sich jedoch umdrehte und sie sein Gesicht sah, waren alle sehnsüchtigen Gedanken an ihr schönes Leben in der großen Stadt wie weggeblasen.

Er war etwa dreißig Jahre alt. Sein Haar war hellbraun, beinahe blond. Wahrscheinlich lag das an der Sonne, denn auch sein sehniger und muskulöser Körper wirkte, als würde dieser Mann viel Zeit im Freien verbringen. Sicher war er Farmer, wie so viele Männer in dieser Gegend. Im Moment jedoch beugte er sich leicht über das in ein Handtuch gehüllte Bündel in seinem Arm, aus dem ein lautes und empörtes Miauen ertönte.

„Ich habe hier jemanden, der Ihre Hilfe braucht, Dr. Anders.“ Er blickte ihr in die Augen und schenkte ihr ein äußerst gewinnendes Lächeln.

Melissa war nicht überrascht, dass er ihren Namen kannte. Das war eine weitere Begleiterscheinung des Landlebens. Hier blühte der Klatsch an allen Ecken und Enden, und als allein stehende Frau aus der Großstadt, die die Tierarztpraxis des guten alten Dr. Myers übernommen hatte, stand sie ganz oben auf der Liste der beliebtesten Themen.

Manchmal, wenn sie nachts wach lag und sich Gedanken über ihr Leben machte, fragte sie sich, warum sie sich überall dort, wo sie hinkam, fehl am Platze fühlte. Aber diese Sorgen gehörten in die dunklen Nachtstunden, nicht in die morgendliche Arbeitszeit.

Jetzt war es Tag, und ein Patient wartete darauf, dass sie sich um ihn kümmerte. Und Melissa liebte ihre Patienten, sie liebte sie mehr als alles andere. Als er ihr die Katze vorsichtig überreichte, berührten sich ihre Arme. Sie trug ihren langärmeligen Kittel, spürte aber dennoch die Wärme seines bloßen, braun gebrannten Arms. Und sie sah die vier langen Kratzer auf seiner Haut, die darauf schließen ließen, dass er bereits einen anstrengenden Morgen hinter sich hatte.

Die Erleichterung darüber, die kleine Kratzbürste losgeworden zu sein, war ihm deutlich anzusehen, als er das Handtuch ausschüttelte und mit den Händen über sein Hemd strich, um es von den Katzenhaaren zu befreien. Sein eigenes Haar war relativ lang, es fiel ihm in die Stirn, als er Melissa erneut anlächelte: „Und? Glauben Sie, Sie können etwas für ihn tun?“

Die Augen des Mannes waren grün und strahlten eine beruhigende Wärme und Herzlichkeit aus, die ihr selbst manchmal fehlten. Zumindest im Umgang mit anderen Menschen. Jetzt allerdings spürte Melissa, wie ihre Mundwinkel sich unwillkürlich hoben und sie sein Lächeln erwiderte. „Schauen wir mal. Kommen Sie bitte mit.“

Sie betrat den ersten der drei Behandlungsräume und setzte die zitternde kleine Katze auf den Tisch, während sie sie weiter mit festem, aber sanftem Griff festhielt. „Ganz ruhig,“ murmelte sie und beugte sich über das Tier. „Ich kümmere mich schon um dich. Wie ist sein Name?“, fragte sie dann.

„Oh.“ Wieder blitzte das Lächeln auf. „Terror.“

„Wie bitte?“

Er lachte und hob seinen zerkratzten Arm. „Nun ja, wir hatten einige Meinungsverschiedenheiten, deswegen habe ich ihn so genannt. Aber eigentlich heißt er Bob.“

„Bob“, sagte Melissa sanft. Sie rieb ihre Wange am weichen Fell der Katze und wiederholte den Namen mit weicher Stimme.

Der Klang und die Berührung ihrer Wange schienen die Katze zu beruhigen, denn das laute Gejammer verstummte.

„Oh, welch himmlische Ruhe.“ Ihr Besucher seufzte auf, während er seine Aufmerksamkeit von dem Tier auf der Liege abwandte und Melissa anschaute. Sie war sich ziemlich sicher, dass der Blick dieser grünen Augen so manches Frauenherz schneller schlagen ließ. „Sie haben offenbar magische Kräfte.“ Er trat ein paar Schritte nach hinten und lehnte sich gegen die Wand. „Ich werde mich am besten zurückziehen, damit Sie weiter Ihre Zauberkünste entfalten können.“

Melissa streichelte den Kopf der Katze, sodass ein lautes Brummen den Raum erfüllte.

Der Mann an der Wand richtete sich auf. „Was ist denn das?“

„Haben Sie noch nie eine Katze schnurren hören?“

„Doch, sicher. Aber das hier klingt ja eher nach einem Traktor, der nicht anspringt.“ Ganz offensichtlich hatte sie hier einen echten Burschen vom Lande vor sich, der seine Zeit mit Farmarbeit verbrachte. Der Katze allerdings warf er einen äußerst misstrauischen Blick zu.

Angesichts der bösen Kratzer auf seinem Arm konnte Melissa ihm da kaum einen Vorwurf machen. Im Wartezimmer war das Licht nicht hell genug, um ihren Besucher deutlich zu sehen, aber unter dem grellen Licht der Neonröhren konnte sie erkennen, dass eine gezackte Narbe über sein attraktives Gesicht verlief, von der Stirn über die Schläfe bis hinunter zum Kinn. Sie war rot und glänzend, was darauf hindeutete, dass die Verletzung noch nicht allzu lange zurücklag. „Symptome?“, fragte sie.

Der Mann fuhr mit der Hand in sein Gesicht, dorthin, wo Melissas Blick noch immer verharrte. Seine langen, schmalen Finger vermochten die Narbe nur teilweise zu verdecken. „Bitte?“

Sie wies mit dem Kopf auf die Katze, die sich auf der Liege umgedreht hatte und ihr den Bauch entgegenstreckte, damit sie ihn kraulte. „Was ist mit Bob los?“

„Ach so …“ Verlegen nahm er die Hand aus dem Gesicht und lehnte sich wieder mit der Schulter gegen die Wand. „Also, zum einen frisst er ungefähr doppelt so viel wie sonst. Und dann muss er auch ziemlich oft das Katzenklo benutzen.“

Melissa befühlte die acht geschwollenen Zitzen und den dicken Bauch der Katze, die weiter genüsslich schnurrte. „Nun ja, zunächst einmal ist er eine Sie.“

Verwirrt blinzelte ihr Gegenüber mit den Augen und kratzte sich am Kinn. „Hmm, dann ist das vielleicht eine Art prämenstruelles Syndrom, was? Bob war in letzter Zeit ziemlich schlecht gelaunt und hat mich gekratzt, wenn ich ihn … ich meine sie, hochgehoben habe.“

Ob es irgendeinen Sinn machte, ihm zu erklären, dass die schlechte Laune weiblicher Wesen manchmal auch mit dem Verhalten ihrer männlichen Artgenossen zu tun hatte? Dieser Mann war wahrscheinlich in einem Milieu aufgewachsen, in dem man von Emanzipation noch nichts gehört hatte und Frauen vor allem fürs Kochen und Kinderkriegen zuständig waren.

Apropos Kinder. „Außerdem sollten Sie sich auf Nachwuchs einstellen. Diese Katze erwartet Junge. In ungefähr zwei Wochen ist es so weit, würde ich schätzen. Ist sie Ihnen vielleicht gerade erst zugelaufen?“

„Junge?“ Einen Augenblick lang starrte er Melissa an und schenkte ihr dann ein weiteres breites und bezauberndes Lächeln. Sie spürte, wie ihr Herz schneller pochte. Was war nur mit ihr los?

„Na, das ist doch eine Überraschung“, murmelte er. „Süße kleine Kätzchen.“

Er hat Angst vor der Katze, freut sich aber auf ihre Jungen? Eindeutig ein seltsamer Mensch, dachte Melissa, während sie mit der Untersuchung des Tieres fortfuhr, das offenbar bei bester Gesundheit war und sich in ihren Händen sehr wohl fühlte.

„Wissen Sie, Katzen spüren es ziemlich genau, wenn jemand sie nicht mag.“

Er war wieder auf sie zugetreten und stand jetzt direkt vor ihr. So nah, dass sie ihn genauer betrachten konnte. Seine grünen Augen waren mit kleinen goldenen Funken durchsetzt. „Und wenn sie das einmal spüren, dann hat man keine Chance mehr bei ihnen“, fügte sie hinzu.

„Darin unterscheiden sie sich nicht sehr von anderen Exemplaren der weiblichen Spezies.“

Mit einem kleinen Lächeln schüttelte Melissa den Kopf. „Zeigen Sie mal Ihren Arm.“

Wortlos streckte er ihn ihr entgegen. Als sie ihm mit einem mit Desinfektionsmittel getränkten Wattebausch über die vier Kratzer fuhr, entfuhr ihm jedoch ein Schmerzenslaut. „Au, das tut weh.“

„Stellen Sie sich nicht so an“, entgegnete Melissa, beugte sich dann jedoch über seinen Arm und pustete leicht über die Wunde.

„Mmm. Aber das tut gut.“ Seine Stimme schien noch tiefer geworden zu sein, und als Melissa zu ihm hochblickte, zog er leicht die Augenbrauen in die Höhe. „Kriege ich auch noch einen Kuss, damit es besser heilt?“

Sie richtete sich auf, eine Hand in die Hüfte gestützt. „Sie flirten doch nicht etwa mit mir?“

„Das kommt drauf an. Möchten Sie das denn gerne?“ entgegnete er grinsend.

„Keineswegs. Ich flirte nie mit Patienten,“ erwiderte sie kühler als nötig und musste dabei unwillkürlich an eine Freundin in Los Angeles denken, die ihr immer vorgeworfen hatte, sich anderen Menschen gegenüber zu abweisend und distanziert zu verhalten.

„Darin sehe ich kein Problem. Schließlich bin nicht ich ihr Patient.“ Er hob seinen Arm. „Na ja, zumindest nicht richtig.“

Plötzlich stieß die Katze ungeduldig mit dem Kopf gegen Melissas Hand, denn sie schien sich vernachlässigt zu fühlen. Abwesend strich Melissa ihr über das Fell, hob sie dann auf und presste das weiche Bündel gegen ihre Brust. Die Katze rieb den Kopf an ihrem Kinn und begann wieder zu schnurren. „Mit Bob ist alles in bester Ordnung“, sagte Melissa. „Kommen Sie wieder her, wenn sie ihre Jungen bekommen hat, dann schaue ich sie mir noch mal an.“ Mit diesen Worten überreichte sie ihm die werdende Katzenmutter und trat dann schnell einen Schritt zurück.

Sie brauchte Abstand, denn die Situation war ihr ein wenig aus der Hand geglitten. Eilig ging Melissa in Richtung Empfangstresen. „Ich brauche noch ein paar Angaben von Ihnen für die Rechnung. Das Formular liegt auf dem Behandlungstisch, sie können es mir einfach geben, wenn Sie fertig sind“, rief sie ihm über die Schulter gewandt zu.

„Aber …“

Melissa blieb stehen und drehte sich zu ihm um. Er versuchte gerade mit wenig Erfolg, die Katze festzuhalten und gleichzeitig das Klemmbrett samt Formular in die Hand zu nehmen.

„Ja?“ Ihr Ton war ungeduldig.

Bob hatte ihre Abneigung gegen den jungen Mann offenbar nicht abgelegt, im Gegenteil, sie bohrte ihre Krallen ihn seine Brust, sodass er einen weiteren Aufschrei von sich gab.

Mit einem kleinen Seufzer bückte sich Melissa und kramte eine Katzentransportbox aus Pappe aus dem Regal. „Nehmen Sie die hier.“

Sie half ihm dabei, Bob in die Kiste zu setzen. Dabei kamen sie einander wieder bedrohlich nahe, und seine körperliche Präsenz machte Melissa nervös. Ohne es zu wollen, registrierte sie unwillkürlich, wie das enge T-Shirt sich an seinen muskulösen Oberkörper schmiegte. Und sie nahm seinen Duft wahr: Er roch männlich, nach Zitrusseife und Wald.

Auf keinen Fall, rief sie sich selbst zur Ordnung. Auf keinen Fall würde sie sich zu einem Mann hingezogen fühlen, der nicht mit Katzen zurechtkam und ein so verführerisches Lächeln hatte. Das konnte nur schlecht enden. Sie trat einen Schritt zurück und lachte ein wenig verlegen. „Auf Wiedersehen.“

Er betrachtete die Transportkiste so misstrauisch, als enthielte sie eine Bombe, die jeden Moment explodieren könnte. „Wollen Sie nicht vielleicht meinen neuen Kratzer desinfizieren?“ fragte er und rieb sich mit der Hand über die Brust.

Sein T-Shirt schob sich ein wenig nach oben und enthüllte einen schmalen Streifen seines flachen, gebräunten Bauches. In Gedanken stellte Melissa sich vor, wie sie das Shirt anhob, um seine Brust abzutupfen. Wieder begann ihr Herz heftig zu pochen, sodass sie schlucken musste. „Ich denke, Sie werden es überleben.“

Er entgegnete daraufhin nichts, sondern quittierte ihre Bemerkung nur mit einem Lächeln.

„Dann also Auf Wiedersehen.“ Wie immer, wenn ihr jemand zu nahe kam, drehte Melissa sich um und ging einfach davon.

2. KAPITEL

Für den Rest des Tages war Melissa in der Praxis beschäftigt. „Beschäftigt“ hieß in diesem Fall allerdings nicht so viel, denn sie hatte heute nur wenige Patiententermine. Zusammen mit den Notfällen, die außerdem vorbeikamen, war es jedoch vermutlich immerhin genug, um ihre monatlichen Ausgaben zu decken.

Später aß sie allein vor dem Fernseher zu Abend. Wie gerne hätte sie sich thailändisches Essen bestellt, aber davon konnte man hier nur träumen. Manchmal vermisste sie Los Angeles wirklich – mit all seinen Möglichkeiten und Kulturangeboten. Hier bestand der einzige kulturelle Höhepunkt darin, dass sie sich im Serendipity Café ein Blauschimmelkäse-Dressing zu ihrem Burger bestellte. Und selbst dabei warf die Kellnerin ihr einen seltsamen Blick zu, als würde sie eine Todsünde begehen, indem sie eine kulinarische Köstlichkeit ruinierte.

Während sie sich also notgedrungen mit einer selbst gemachten Käse-Tortilla begnügte, gönnte Melissa sich außerdem ihre wöchentliche Dosis Reality-TV und schaute fassungslos zu, wie zwanzig wunderschöne Frauen sich bei verschiedenen dämlichen Wettkämpfen erniedrigten, nur um die Aufmerksamkeit eines angeblich wohlhabenden Junggesellen zu erlangen.

Wie konnte man sich so sehr demütigen, und das nur, um einen Mann zu bekommen?

In der Werbepause sah sie ihre Post durch, die ohnehin zur Hauptsache aus Rechnungen und noch mehr Rechnungen bestand, bis auf … was war das? Melissa starrte den parfümierten Briefumschlag an, und ihr Herz begann zu pochen.

Rose hatte einen neuen Versuch gestartet. Melissa öffnete den rosafarbenen Umschlag und faltete das mit Blumenmuster bedruckte Briefpapier auf, das mit der Handschrift ihrer Mutter bedeckt war. Im Alter von sechsundvierzig hatte Rose spontan entschieden, dass sie am Leben ihrer Tochter teilhaben wollte. Und das, nachdem sie sie nach der Geburt weggegeben hatte, um ihren Traum vom Ballett zu verwirklichen.

Nun ja, wenn man es genau nahm, hatte Rose sich nicht spontan dafür entschieden – sie hatte im Laufe der Jahre immer wieder verschiedene Versuche unternommen, den Kontakt herzustellen. Melissa stand Beziehungen deshalb zutiefst misstrauisch gegenüber, und man wusste wahrhaftig kein Psychoanalytiker sein, um festzustellen, woran das wohl lag. Sie war von ihrer Mutter verlassen worden, als sie gerade ein Jahr alt war. Sie hatte sie einfach dem Jugendamt übergeben, und Melissa war von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht worden. Irgendwann war es einfach zu schmerzhaft gewesen, sich immer wieder von neuem für Menschen zu öffnen, und so hatte sie sich aus Selbstschutz einfach völlig zurückgezogen. Und jetzt konnte sie den Weg zurück nicht mehr finden.

Melissa hatte ihre Mutter in ihrem ganzen Leben nur etwa ein halbes Dutzend Mal getroffen. Das lag nur an ihr selbst, denn Rose hatte viele aufrichtige Versuche unternommen, ihre Tochter zu sehen. Zuletzt waren sie einander begegnet, als Melissa gerade hierher gezogen war. Rose hatte einfach vor ihrer Tür gestanden, eine Schüssel selbst gebackener Kekse in der Hand, und wollte sich mit ihr zum Essen verabreden. Völlig überrumpelt hatte Melissa abgelehnt.

Sie war einfach noch nicht so weit. Was war, wenn Rose mehr von ihr erwartete, als sie ihr geben konnte oder wollte? Melissa hatte viel zu lange ohne Mutter gelebt, sie konnte sich jetzt nicht auf einmal umsorgen lassen. Aber dennoch – schließlich war sie hierher gezogen. Das war eine Tatsache. Niemand hatte sie gezwungen oder darum gebeten. Sie war aus freien Stücken nach Martis Hills gekommen.

Irgendwann würde sie sich vermutlich mit den Gründen für diesen Schritt auseinander setzen müssen, aber ganz sicher nicht heute. Sie seufzte auf, bevor sie nach dem Brief griff.

Meine liebe Melissa,

ich möchte, dass du weißt, dass ich nicht aufgeben werde. Von allen Orten in der Welt bist du ausgerechnet nach Martis Hills gekommen. In meine Nähe. Das muss doch etwas bedeuten. Es ist ein gutes Zeichen.

Melde dich bei mir, wenn du so weit bist. Ich warte auf dich.

In Liebe, Rose Anders (Ich bin immer noch deine Mum)

Ein gutes Zeichen? Ha! Nach all diesen Jahren, in denen sie sich danach gesehnt hatte, eine Mutter zu haben, die ihr vor der Schule die Haare flechten, beim Zahnarzt ihre Hand halten oder sie einfach nur in den Arm nehmen würde, wenn sie nach Hause kam – dafür war es jetzt zu spät. Viel zu spät.

Oder etwa nicht? Doch, entschied Melissa und faltete den Brief energisch zusammen. Sie hatte diese Sehnsucht nach einer Mutter schon lange hinter sich gelassen und sich mit den Tatsachen abgefunden. Sie war erwachsen geworden und völlig zufrieden mit dem Leben, das sie führte. Allein.

Sie legte den Brief beiseite und ging zu Bett. Durch das große Fenster konnte sie den Nachthimmel mit den funkelnden Sternen sehen. Dieser Anblick wäre in Los Angeles nicht möglich. Dort verschluckten die Lichter der Großstadt das Leuchten der Sterne. Melissa lag in ihrem Bett und starrte auf die Schönheit des Firmaments. Der Anblick ließ sie allerdings völlig kalt. Ohne mit der Wimper zu zucken hätte sie diese Aussicht gegen einen anständigen Kaffee von Starbucks getauscht.

„Psst!“

Nein, er war noch nicht bereit, das Land des seligen Schlummers zu verlassen. Jason Lawrence drehte sich noch einmal um.

„Psst.

Verflucht. Er kniff die Augen fester zusammen und zog sich die Bettdecke über den Kopf.

„Jason, bitte. Kannst du es nicht noch einmal versuchen?“

Schließlich war es nicht die sanft bittende Frauenstimme, die ihn überzeugte, sondern das Krächzen eines Papageis.

Vorsichtig öffnete er die Augen. Sein Schlafzimmer war durchflutet vom Licht des Frühsommermorgens, das durch die Fenster drang. Und vor dem Fenster war ein Gesicht zu sehen, das Gesicht von … Dr. Melissa Anders?

Jetzt wusste Jason ganz sicher, dass er noch träumte. Dr. Melissa Anders war klein, sie hatte einen dunklen Haarschopf, der ihre jadegrünen Augen betonte, und einen Mund, der zum Küssen verlockte.

Und vor allem lag ein sehr abweisender Blick in diesen schönen Augen.

Erneut schloss er seine Augen und grinste. Wahrscheinlich hatte Melissa keine Ahnung, wie sehr ihn ihre kühle Haltung faszinierte. Sie erhöhte sein Interesse an ihr nur noch mehr.

„Jason!“

Erneut blinzelte er. Um Himmels willen. Es war nicht Melissa Anders, die draußen vor seinem Fenster stand, sondern Rose Anders.

Und Rose Anders hatte einen Papagei auf dem Arm. „Oh, verdammt“, sagte Jason.

Mit einem reizenden entschuldigenden Lächeln klopfte Rose erneut ans Fenster. Das kurze dunkle Haar fiel ihr in die grünen Augen. Sie hob den Arm, auf dem der Papagei saß.

„Nein.“ Jason setzte sich im Bett auf. Um die Albträume von sich fern zu halten, hatte er wie verrückt gearbeitet. Bis um vier Uhr morgens hatte er am Computer gesessen und Seite um Seite von dem Thriller heruntergeschrieben, an dem er gerade arbeitete. Und jetzt war es gerade mal … er schaute zum Wecker … sieben Uhr.

Nach so wenig Schlaf war mit ihm einfach nichts anzufangen, das wusste er aus Erfahrung. Wenn er nicht so stur gewesen wäre, hätte er einfach eine der Schlaftabletten genommen, die sein Arzt ihm nach dem Unfall verordnet hatte. Aber Jason wollte sich seine Wahrnehmung nicht verändern lassen, ob nun durch Medikamente oder Drogen. So fand er sich mit den Albträumen und den Schlafstörungen ab und rief sich immer wieder in Erinnerung, dass er noch am Leben war.

„Guten Morgen“, rief Rose jetzt fröhlich. „Bist du wach?“

Natürlich war er wach, dafür hatte sie schließlich gesorgt.

Ebenso wie sie dafür gesorgt hatte, dass er noch am Leben war. Und alles, worum sie ihn bat, war dieser kleine Gefallen … „Oh, verdammt“, wiederholte er noch einmal.

Rose lächelte ihn wieder an. „Mach dir keine Sorgen. Der Papagei ist wesentlich friedlicher als Bob. Lass mich doch jetzt bitte rein.“

Jason saß im Wartezimmer von Dr. Melissa Anders’ Praxis. Links von ihm hockte ein alter Mann, der einen noch älteren Hund dabeihatte, rechts ein Teenager mit einem Hamster auf dem Schoß … Der alte Mann und sein Hund machten ein Nickerchen, den Kopf zurückgelehnt, die Augen geschlossen, ab und zu zuckte die Pfote des Hundes. Das Mädchen kaute Kaugummi und bewegte rhythmisch den Kiefer. Dabei starrte sie neugierig auf die Narbe in Jasons Gesicht.

In den sechs Monaten seit dem Unfall hatte er sich an diese Blicke gewöhnt. Meistens jedenfalls. „Was ist mit deinem Hamster los?“

„Sie hat einen Abszess.“ Das Mädchen streichelte den kleinen Nager, und das Tier stupste sie mit der Schnauze an. „Dr. Anders hat sich schon um Brownies Schwester gekümmert, deswegen hoffe ich, dass sie ihr auch helfen kann. Glauben Sie, dass sie das kann?“

Sie wandte ihm ein ernstes Gesicht zu, in dem die zahlreichen Sommersprossen über der Nase nicht recht zu den drei Silberringen passen wollten, die sie in einem Ohr trug. „Oh, ich glaube, dein Hamster ist bei Dr. Anders gut aufgehoben.“

„Yeah, glaube ich auch. Sie ist neu, aber sie ist die Beste. Das sagt Rose. Sie ist meine Ballettlehrerin.“

Jason dachte wieder an Roses Bitte. Verzweifelt versuchte sie, einen Kontakt zu ihrer Tochter herzustellen, die sie als kleines Kind verlassen hatte. Aber gleichzeitig hatte sie schreckliche Angst davor. Er wusste, dass Rose Melissas abwehrende Haltung voll und ganz verstehen konnte und fand, dass ihre Tochter jedes Recht dazu hatte. Aber das hinderte sie nicht daran, weiter zu versuchen, die Dinge zwischen ihnen wieder in Ordnung zu bringen.

Er hatte keine Ahnung, ob Melissa überhaupt bereit war, ihrer Mutter noch einmal eine Chance zu geben. Im Augenblick war er vor allem daran interessiert, Roses Bitte nachzukommen. „Aua!“ Jason griff nach seinem Ohr und warf dem Papagei einen bösen Blick zu. „Am liebsten würde ich dich zurückbeißen, aber dann hätte ich den ganzen Mund voller Federn.“

Es sah fast so aus, als würde der Vogel ihn angrinsen.

In diesem Moment erwachte der alte Mann neben ihm mit einem Ruck. „Ein Vogel ist kein gutes Haustier, mein Junge, lassen Sie sich das gesagt sein. Besorgen Sie sich lieber ein Tier, das viel schläft und nicht so aggressiv ist.“

Beide warfen einen langen Blick auf den Hund, der vor ihnen auf dem Boden lag und schnarchte. Ziemlich laut.

„Vielleicht kann Dr. Anders auch was für Ihr Gesicht tun, wenn Sie dran sind“, sagte das Mädchen vorsichtig und starrte wieder auf seine Narbe. „Tut das sehr weh?“

Wie oft hatte er diese Frage schon gehört. „Nein …“

Die Tür zum mittleren Behandlungszimmer öffnete sich, und Melissa erschien in der Türöffnung. Sie erblickte Jason in ihrem Wartezimmer, sah den Papagei und hob eine Augenbraue. „Ein neues Haustier?“

Oh ja, sie war wirklich so attraktiv, wie er sie in Erinnerung hatte. „Ich habe hier einen Vogel, der Ihre Hilfe braucht und … aua!“

Schnell legte er eine Hand auf sein malträtiertes Ohr, in dem das Krächzen des Papageis dröhnte und noch ein anderes Geräusch. Er warf dem Teenager mit dem Hamster einen misstrauischen Blick zu.

„Hast du mich etwa ausgelacht?“

Sie lachte schon wieder. „Sie haben gekreischt wie ein kleines Kind.“

Melissa legte eine Hand auf den Mund, um ihr Grinsen zu verbergen. Belustigt funkelten ihre Augen, als sie Jason ansah. „Sieht aus, als hätten Sie schon wieder ein Problem.“

„Allerdings. Ich habe Angst vor diesem Papagei.“

„Das sehe ich.“ Melissa wandte sich dem Mann mit dem Hund zu. „Mr. Tyson, Sie sind dann jetzt an der Reihe.“

Der alte Mann stand auf und klopfte Melissa freundlich auf die Schulter. Der schläfrige Hund erhob sich ebenfalls und leckte ihre Hand.

Melissa schien von dem Schultertätscheln etwas verunsichert zu sein, auf die Sympathiebekundung des Hundes reagierte sie dagegen mit einem freundlichen Lächeln.

Nach wenigen Minuten tauchten alle drei wieder auf, und der Hamster war an der Reihe. „Ich soll Sie von Rose grüßen“, sagte das Mädchen.

Sofort erstarb das Lächeln auf Melissas Gesicht, aber das Mädchen ging vor ihr ins Behandlungszimmer und schien nichts davon zu bemerken.

Jason war der Nächste. Melissa führte ihn in eines der Behandlungszimmer und blieb dicht neben ihm stehen. Als er gerade in Versuchung war, ein bisschen mit ihr zu flirten, wurde ihm klar, dass er in dieser Situation keine Rolle spielte. Sie war nur an dem bissigen Vogel interessiert und machte schmatzende Kussgeräusche in seine Richtung.

Der Papagei reagierte mit genau den gleichen Geräuschen.

Melissa nickte mit dem Kopf.

Der Papagei nickte zurück.

Mit einem Lächeln streckte Melissa die Hand aus.

„Das würde ich nicht tun“, warnte Jason sie. „Er beißt gerne in Ohren.“

„Nein, er beißt nur gerne in Ihr Ohr.“ Sie lockte den Papagei auf ihre Hand. „Was stimmt denn nicht mit ihm?“

„Ähm …“ Er schaute den Papagei an und versuchte sich krampfhaft zu erinnern, was Rose ihm heute Morgen gesagt hatte. Ich weiß, dass es albern ist, meine Tiere als Köder zu verwenden, aber mir fällt nichts anderes ein. Alles andere hat nicht funktioniert. Du musst Melissas Vertrauen gewinnen. Mit ihr reden. „Also …“

„Rose!“ Der Vogel fühlte sich offenbar wohl bei Melissa und mischte sich jetzt in die Unterhaltung ein.

Melissa erstarrte und schaute zwischen Jason und dem Vogel hin und her. „Was? Was hat er eben gesagt?“

Oh, verdammt. „Äh, sie sagt, dass sie eine Rose will. Sie liebt Rosen. Und ich bin hier, weil …“ Er hatte tatsächlich vergessen, welchen Vorwand er für den Besuch angeben sollte. Vielleicht lag es an Melissas unergründlichen grünen Augen, oder es war die fast rührende Art, mit der sie versuchte, den Besitzer des Papageis von sich fern zu halten … oder aber es lag einfach daran, dass er heute Morgen, als Rose ihm den Vogel samt Gefallen aufgeschwatzt hatte, noch nicht wirklich wach war.

„Ich glaube, er hat einen Zweig gefressen“, brachte er schließlich heraus. „Ich bin nicht ganz sicher, ob das gut für ihn ist. Und ich wollte ihn herbringen, bevor ich mit meiner Arbeit anfange.“

„Zehn Uhr morgens ist ziemlich spät, um mit der Arbeit auf einer Farm anzufangen.“

Farm? Er lebte zwar in einem alten Farmhaus, aber er war Schriftsteller und definitiv kein Farmer. Wie kam sie nur darauf? Dann fiel ihm das Formular ein, das er gestern ausgefüllt hatte. Sie hatte seine Adresse gesehen und war wohl davon ausgegangen, dass er Farmer war.

Wahrscheinlich wäre Dr. Anders sehr überrascht, wenn er ihr sagen würde, dass er eigentlich ein echter Stadtmensch war, der sich aufs Land verirrt hatte. Genauso wie sie.

„Oh, ich teile meine Zeit selbst ein.“

Melissa warf ihm einen skeptischen Blick zu und untersuchte dann ohne ein weiteres Wort ihren gefiederten Patienten. „Er scheint völlig in Ordnung zu sein. Und wenn Sie aufhören, ihn zu verärgern, dann wird er sich auch beruhigen.“

Ich verärgere ihn?“ Er lachte auf. „Oh, da haben Sie aber etwas völlig falsch verstanden. Schauen Sie sich das an.“

Ohne sich richtig darüber klar zu sein, was er tat, hatte Jason das Haar aus seinem Gesicht geschoben und sich halb umgedreht. Er hielt Melissa die eine Seite seines Kopfes entgegen und entblößte dabei nicht nur sein verletztes Ohr, sondern auch die Narbe in ihrer ganzen Länge. Aber noch bevor er einen Schritt zurücktreten konnte, legte Melissa ihre freie Hand auf seine Schulter und hielt ihn fest. Ihr warmer Atem streifte seine Haut, und er war hin- und hergerissen zwischen Demütigung und der beunruhigenden Reaktion seines Körpers auf ihre Nähe.

„Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht“, sagte sie.

Er drehte den Kopf und sah ihr in die Augen.

„Die schlechte Nachricht ist, dass der Papagei tatsächlich ziemlich kräftig zugebissen hat. Und die gute Nachricht ist, dass Sie ein zweites Ohr haben.“

Er starrte sie an und wartete auf das Unvermeidliche … sie würde seine Narbe erwähnen und anfangen, Fragen zu stellen.

Aber Melissa hob nur die Augenbrauen und seufzte kurz auf. „Ist das alles? Auf mich warten nämlich noch ein paar Patienten. Und auf Sie wartet wahrscheinlich Ihre Arbeit.“

„Vielleicht finde ich ja noch ein Tier, das Ihre Hilfe braucht.“

Sie verzog ihre schön geschwungenen, leicht glänzenden Lippen. „Das werde ich Ihnen jedes Mal in Rechnung stellen. Ist es das wirklich wert?“

Sie glaubt, dass ich nur herkomme, um mit ihr zu flirten, dachte Jason fest. Wahrscheinlich vermutete sie, dass er auf eine Verabredung aus war. Dass er sie küssen wollte.

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Blitzschlag. Er wollte sie wirklich küssen.

Aber er war nicht wegen ihr hergekommen, sondern wegen Rose. Plötzlich fühlte er sich deswegen schuldig. Er hatte sich so darauf konzentriert, einfach zu überleben, von einem Tag zum nächsten zu denken und jede Sekunde zu genießen. Jetzt allerdings hatte er sich auf ein Täuschungsmanöver eingelassen und nicht die geringste Ahnung, wie er aus dieser Sache wieder rauskommen sollte. Und zu allem Überfluss wollte er wirklich wissen, was Melissa von ihm dachte.

Eine Verabredung?

Ein Kuss?

„Auf Wiedersehen, Jason.“ Der Tonfall in ihrer Stimme machte ihm unmissverständlich klar, dass sein Termin für heute beendet war. Etwas überrascht schaute er sie an.

Auf Wiedersehen. Verdammt. Er hatte im Laufe seines Lebens schon genug Abschiede erlebt. Vor fünf Jahren waren seine Eltern gestorben. Seine Brüder, die beide in der Armee waren, hatten die vergangenen sechs Jahre in Übersee verbracht.

Er hasste Abschiede. „Ja, bis bald“, erwiderte er leichthin und spürte, wie sich ein Lächeln auf seinem Gesicht abzeichnete.

Denn ob es ihr nun gefiel oder nicht, sie würden sich schon bald wiedersehen.

Überhaupt würde er Melissa noch ziemlich häufig treffen. Denn Rose hatte sehr viele Tiere.

3. KAPITEL

Am nächsten Tag verschloss Melissa pünktlich um sechs Uhr abends sorgfältig die Praxistüren, wie sie es eigentlich immer tat. Einen Augenblick lang blieb sie auf der Treppe des Hauses stehen, sah sich um und atmete die klare Luft ein. Sanft geschwungene Hügel erstreckten sich in der weiten Landschaft, hier und da stand ein Baum oder eine Kuh graste friedlich auf den Wiesen. So viel … Land. An diese Weite hatte sie sich wirklich gewöhnen müssen.

Normalerweise machte sie sich nach der Arbeit auf den Weg die Straße hinunter, um ihre Post abzuholen und etwas zu essen zu besorgen. Meistens bedeutete das, dass sie sich im Supermarkt Fertiggerichte für die Mikrowolle aus der Tiefkühltruhe kaufte. Manchmal holte sie sich auch etwas aus dem Café im Ort. Sie war nun einmal kein Heimchen am Herd.

Zum Kochen fehlten ihr die Lust und die Zeit. Vielleicht wäre das anders, wenn zu Hause eine Familie auf sie warten würde …

Unsinn. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass aus ihr jemals eine gute Hausfrau werden könnte, selbst wenn sie einen Mann und Kinder hätte.

Aber dennoch fragte sie sich immer wieder, wie es wohl wäre, sich abends zum Essen mit Menschen an einen Tisch zu setzen, die sie liebten, die sie brauchten und die sich darauf freuten, dass sie nach Hause kam.

Dann aber fiel ihr wieder ein, dass Tiere ihr wesentlich lieber waren als Menschen.

Sie betrat das Postamt und öffnete ihr Postfach. Ein weiterer rosafarbener Umschlag fiel heraus.

Seufzend griff sie danach und beschloss, dass es besser wäre, den Brief sofort zu öffnen. Dann konnte sie ihn lesen und gleich in den nächsten Abfalleimer werfen, statt ihn mit nach Hause zu nehmen und dann stundenlang darüber zu brüten.

Liebe Melissa,

ich werde nicht aufgeben. Lass uns bitte ein Treffen vereinbaren. Ich möchte dich einfach nur kennen lernen und wünsche mir, dass wir uns näher kommen können.

Jede Geschichte hat zwei Seiten, und ich glaube, du solltest meine Seite der Geschichte hören. Ich kann den Schmerz, den du ertragen hast, nicht ungeschehen machen, aber vielleicht gelingt es uns, einander im Hier und Jetzt zu begegnen.

In Liebe, Rose (immer noch deine Mutter)

Melissa las den Brief ein zweites Mal und dann noch ein drittes Mal und versuchte, sich über ihre Gefühle klar zu werden. Vielleicht konnte Rose sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren, aber sie selbst war nicht dazu bereit. Sie hielt den Brief einen Moment lang über dem Abfalleimer in der Luft. Erstaunt spürte sie, wie eine Woge der Reue sie überflutete.

„Eine Rechnung, was?“

Mit einem kleinen Zucken drehte sie sich um und erblickte … Jason Lawrence. Er stand ihr gegenüber in seinen verwaschenen Jeans, einem dunklen T-Shirt unter dem offenen Karohemd und mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Er hatte die Sonnenbrille ins Haar geschoben, und ein paar vorwitzige Strähnen standen vom Kopf ab. In der Hand hielt er einen Stapel Briefe.

Melissa schaute den Brief in ihrer Hand an und spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog. „Ehrlich gesagt, wäre mir eine Rechnung in diesem Fall lieber.“

„Tatsächlich?“ Er machte Anstalten, nach dem rosafarbenen Umschlag zu greifen, aber schnell zog sie die Hand zurück und schob sie samt Brief hinter ihren Rücken.

„Das geht Sie nichts an.“

„Das stimmt“, sagte er sanft, während er sie aufmerksam musterte. „Es geht mich wirklich nichts an. Ich dachte nur, ich könnte Ihnen helfen, den Brief loszuwerden, wenn er Sie so sehr aufregt.“

„Ich bin nicht aufgeregt.“

„Ganz wie Sie meinen.“ Er legte den Kopf zur Seite und betrachtete sie wieder mit diesem aufmerksamen Blick. „Haben Sie heute hart gearbeitet?“

„Kann man so sagen.“

Er lachte kurz auf. „Ich wette, Sie arbeiten jeden Tag hart, stimmts?“

„Ich mag meinen Job.“

„Wie siehts aus, hätten Sie Lust auf einen kleinen Feierabenddrink? Ich lade Sie ein. Sie können sich ein bisschen entspannen, vielleicht sogar einmal tief durchatmen und das Leben genießen …“

„Mir geht es sehr gut.“

„So wirken Sie aber nicht.“

„Sie kennen mich doch überhaupt nicht.“

Er kratzte sich am Kinn, und das leise Geräusch seiner Bartstoppeln machte sie seltsam unruhig. „Oh, ich glaube, ich kenne Sie ganz gut.“

Sie verschränkte die Arme über der Brust und warf ihm einen skeptischen Blick zu. „Ach so?“

„Oh ja, Sie sind eine Frau, die von morgens bis abends an ihren Job denkt und nicht versteht, wenn andere Menschen weniger hart arbeiten. Und wenn Sie abends nach Hause kommen und sich in Ihrer stillen Wohnung umsehen, dann sagen Sie sich: ‚Es ist okay, dass ich allein bin, ich habe ja meine Arbeit‘. Sie essen, natürlich auch alleine, sie gucken ein bisschen Fernsehen, und dann gehen Sie zu Bett. Sie sind erschöpft, starren an die Decke und fragen sich, wie es wohl wäre, jemanden zu haben, der Sie jetzt in den Arm nimmt. Morgens wachen Sie dann auf und lachen über sich selbst, denn natürlich brauchen Sie niemanden, der Sie in den Arm nimmt, Ihnen geht es ja gut. Und dann fängt alles wieder von vorne an.“

Wortlos starrte sie ihn an. Wie konnte er das wissen? Wie war es möglich, dass dieser Mann so viel über ihr Leben wusste?

„Und?“, fragte er mit leiser Stimme. „Glauben Sie jetzt, dass ich Sie kenne?“

„Ich sehe nie fern“, antwortete sie. „Oder zumindest nicht oft.“

Er musste lachen. „Ich finde, Sie sollten sich einen Ruck geben und auf mein Angebot eingehen, Melissa. Genießen Sie den Abend, amüsieren Sie sich mal außerhalb Ihrer Sprechstundenzeit.“

„Wollen Sie etwa behaupten, dass ich nicht imstande bin, mich ohne meine Arbeit zu amüsieren?“

„Wollen Sie etwa das Gegenteil behaupten?“

„Oh ja, ich habe sehr viel Spaß am Leben, auch wenn ich einmal nicht arbeite.“ Sie wusste, dass das eine glatte Lüge war.

„Was Sie nicht sagen.“ Er lehnte sich gegen die Postfächer an der Wand, verschränkte die Arme vor der Brust und klopfte leicht mit dem Fuß auf den Boden. Im Gegensatz zu Melissa schien er völlig entspannt und warf ihr jetzt einen verschmitzten Blick zu. „Dann sagen Sie mir doch mal, wann Sie das letzte Mal etwas getan haben, was Ihnen richtig Spaß gemacht hat.“

„Nichts leichter als das. Ich …“ Das konnte ja wirklich nicht allzu schwierig sein. „Nun, zum Beispiel …“

„Lassen Sie sich ruhig Zeit beim Nachdenken.“

Dieser Mann war wirklich unerträglich.

„Gestern Abend habe ich ein Schaumbad genommen.“ Sie musste selbst zugeben, dass das wenig überzeugend klang.

„Wow, das ist natürlich ein echtes Spaßprogramm, ein Schaumbad, also wirklich.“ Er trat einen Schritt von den Postfächern weg und warf die Werbung, die er aus seiner Post aussortiert hatte, in den Abfalleimer. Dann wandte er sich wieder Melissa zu, und ein breites, warmes Lächeln erschien auf seinem Gesicht, das ihren Pulsschlag sofort beschleunigte. „Ich habe eine wirklich waghalsige Idee, also fallen Sie mir bitte nicht gleich in Ohnmacht. Wie wäre es, wenn Sie keine vierundzwanzig Stunden nach Ihrem Schaumbad gleich wieder etwas unternehmen, was Ihnen Spaß bringt?“

Misstrauisch schaute Melissa ihn an. Was wollte er damit andeuten? „Woran haben Sie dabei gedacht?“

„Nun denken Sie doch nicht gleich das Schlimmste. Ich wollte lediglich vorschlagen, dass wir gemeinsam zu Abend essen.“

„Zu Abend essen“, wiederholte sie. Das klang nicht allzu bedrohlich. „Ich weiß nicht recht …“

„Zu viel Spaß für eine Woche?“

Jetzt musste Melissa lachen. „Okay, aber wirklich nur ein Abendessen. Sind wir uns da einig?“

„Wie? Sie meinen, kein wilder, hemmungsloser Sex zum Nachtisch?“

Sie wollte ihn schon scharf zurechtweisen, sah aber noch rechtzeitig das spöttische Funkeln in seinen Augen und hielt klugerweise ihren Mund.

Er trat einen Schritt auf sie zu und zupfte spielerisch an einer Strähne ihres Haares. „Nur die Ruhe, Doc. Ich werde nicht versuchen, Sie zu etwas zu überreden, das Sie nicht tun wollen.“ Plötzlich blickte er ihr ernst und ganz ohne amüsiertes Funkeln in die Augen. „Niemals.“

Melissa blickte noch einmal auf den rosa Umschlag in ihrer Hand. Die Stimme der Vernunft riet ihr, den Brief sofort wegzuwerfen, aber heute war die Stimme des Herzens anscheinend etwas überzeugender, denn stattdessen steckte sie ihn in ihre Handtasche. Aus irgendeinem Grund schien Jason sich darüber zu freuen, denn er lächelte sie fast liebevoll an.

Leicht umfasste er Melissas Ellenbogen und führte sie aus dem Postamt hinaus in den warmen und hellen Frühsommerabend, der sich unberechenbar lang und bedrohlich vor ihr erstreckte.

Für ein Abendessen außer Haus gab es in Martis Hills keine allzu große Auswahl. Sie konnten im Serendipity Café, im Taco Bell Express oder in der Bar des Bulls Inn essen.

Jason entschied, dass keine dieser Möglichkeiten wirklich befriedigend war, und machte vor dem einzigen Supermarkt des Ortes Halt. Er stellte den Motor seines Trucks ab und warf Melissa, die neben ihm saß, einen Blick zu. „Sie haben nicht zufällig in der Zwischenzeit beschlossen, mir zu vertrauen, oder?“

Wortlos hob sie eine Augenbraue.

„Nein, das dachte ich mir schon.“ Aufmerksam sah er sie an. Sie ist nervös, stellte er fest, und wahrscheinlich tut es ihr schon Leid, dass sie sich auf diese Verabredung eingelassen hat. Das würde er ändern müssen. „Okay, Sie können mit reinkommen, aber versprechen Sie mir, dass Sie sich das mit dem Essen nicht sofort wieder anders überlegen. Warten Sie noch ab, wohin wir als Nächstes fahren.“

Im Supermarkt legte er ein paar edle Käsesorten und Cracker in den Einkaufswagen und kaufte gegrillte Hähnchen und Nudelsalat an der Frischwarentheke. Da Jason bei seinen Einkäufen normalerweise nicht sehr systematisch vorging, landeten sie auf der Suche nach Wein schließlich in dem Gang mit Haustierartikeln.

„Sind Sie ein Hundemensch?“, fragte Melissa ihn neugierig.

Jasons Blick wanderte über die aufgestapelten Dosen mit Hundefutter. Was sollte er jetzt antworten? Tatsache war, dass er insgesamt kein großer Tierfreund war. Hinzu kam, dass er in seinem früheren Leben – das noch nicht sehr weit zurücklag – immer viel gereist war, um für seine Bücher zu recherchieren, und allein deshalb schon niemals ein Haustier gehabt hatte. Er hatte diesen Lebensstil geliebt und es genossen, als Globetrotter unterwegs zu sein, aber in letzter Zeit war der Reiz daran verloren gegangen, und er hatte sein Leben verändert. Haustiere hatte er sich deswegen allerdings dennoch nicht angeschafft.

Seine Nachbarin allerdings, die Frau, die ihn aus der Nähe seines brennenden Autowracks gezogen hatte, bevor es Sekunden später in einem Feuerball explodiert war, konnte definitiv als Tierfreundin bezeichnet werden.

Er hatte ihr gesagt, dass er ihr etwas schuldig war, mehr als er ihr jemals zurückgeben konnte. Er hatte ihr gesagt, dass er alles für sie tun würde, dass er ihr helfen würde, wann immer sie ihn darum bat.

Und der Teufel sollte Rose holen – sie hatte ihn beim Wort genommen. Sie hatte ihn gebeten, ihr dabei zu helfen, sie wieder mit ihrer Tochter zu versöhnen. Rose hatte ihm erzählt, dass sie Melissa dem Jugendamt übergeben hatte, weil sie fest entschlossen gewesen war, für sie beide ein besseres Leben aufzubauen. Sie musste vor ihrem gewalttätigen Freund Schutz suchen und konnte sich dabei nicht auf ihre strengen Eltern verlassen, die es ihrer unverheirateten Tochter nie gestattet hätten, mit einem unehelichen Kind unter ihrem Dach zu leben. Sie hatte immer vorgehabt, Melissa wieder zu sich zu holen, aber es war viel schwieriger gewesen, als sie es sich vorgestellt hatte. Rose wusste, dass ihre einzige Chance darin bestand, Melissa um Verzeihung zu bitten und ihr, so gut sie konnte, zu erklären, warum sie damals so gehandelt hatte.

Aber das war alles andere als einfach, denn Melissas ablehnende Gefühle saßen tief. Daher war Rose zu der Überzeugung gelangt, dass der beste Weg zum Herzen ihrer Tochter über die Tiere ging, die Melissa so sehr liebte.

Und das wiederum bedeutete wahrscheinlich, dass Jason mit einem ganzen Zoo Bekanntschaft stiften würde, um Roses Plan in die Tat umzusetzen.

Es war kein besonders aussichtsreiches Unterfangen, das wusste Rose ebenso gut wie er. Aber als er jetzt Melissa zusah, die lächelnd die Fotos der Welpen auf den Werbeplakaten für Hundefutter betrachtete, fragte er sich, ob Rose nicht vielleicht doch den richtigen Plan hatte. Auf einmal allerdings wollte Jason nicht mehr Teil dieses Plans sein, er wollte einfach nur mit Melissa zusammen sein – ohne irgendwelche weiteren Hintergedanken, außer vielleicht einem Gutenachtkuss. Mehr als zuvor bereute er es jetzt, sich auf diese Idee eingelassen zu haben.

Er wies mit dem Kopf zum Nachbargang. „Kommen Sie, wir sind noch nicht ganz fertig.“

Sie folgte ihm zum Keksregal. „Nachtisch“, sagte er. „Suchen Sie sich was aus.“

Leise lachte Melissa auf. „Wenn ich gewusst hätte, dass Sie so viele Einkäufe erledigen, hätte ich meinen eigenen Einkaufszettel mitgebracht.“

„Verraten Sie mir Ihre Lieblingssorte Kekse.“

„Ich esse keine Kekse. Die sind nicht gut für die Gesundheit.“

„Klar, deswegen schmecken sie ja auch so gut.“ Er griff nach einer Packung Schokokekse und legte sie in den Wagen. Nachdenklich ließ er den Blick über die Ausbeute schweifen und beschloss dann, dass sie alles beisammen hatten. „Fertig?“

„Wofür genau?“

„Lassen Sie sich überraschen.“ Er wollte nach ihrer Hand greifen, aber sie zog sie sofort zurück.

„Ich bin kein großer Fan von Überraschungen“, sagte sie.

Und ein großer Fan von Berührungen war sie offenbar auch nicht. Vielleicht würde es ihm ja gelingen, beides zu ändern.

Jason bezahlte die Einkäufe und verstaute sie in seinen Wagen. Er und Melissa stiegen wieder ein, und sie fuhren durch die Stadt. Nach kurzer Zeit passierten sie die letzten beiden Ampeln, verließen den Ort und bogen auf den Highway.

Jason fuhr immer weiter, direkt auf die lang gestreckte, grüne Hügellandschaft zu.

„Wohin fahren wir?“

„Ich habe Ihnen ein Abendessen versprochen.“

Melissa blickte über die weite Landschaft, ohne etwas zu erwidern. So weit das Auge reichte, sah man sanft geschwungene Hügel mit einigen Weiden, auf denen Pferde oder Rinder grasten. Sie bogen in einen Schotterweg ein, der sich in mehreren Biegungen durch das helle Grün den Berg hinaufwand.

Schließlich gelangten sie an einen kleinen See. Jason war in dieser Gegend geboren und aufgewachsen und obwohl er die vergangenen zwölf Jahre nicht hier gelebt hatte, verband er immer noch viele schöne Erinnerungen mit seiner Heimat. Während der High-School-Zeit war er mit seiner Freundin hierher gekommen, um endlich einmal allein und ungestört zu sein. Auf eine Wiederholung ihrer damaligen Aktivitäten brauchte er heute Abend allerdings nicht zu hoffen.

Fragend schaute Melissa ihn an. „Was gibt es hier zu sehen?“

„Ein Picknick.“ Er stieg aus und öffnete die Beifahrertür, dann holte er eine Decke und die Tüte mit den Lebensmitteln vom Rücksitz.

„Ich glaube nicht, dass wir die wirklich brauchen.“ Unwillig wies sie mit der Hand auf die Decke.

„Natürlich brauchen wir sie.“ Grinsend schüttelte er den Kopf. „Wir werden beim Essen darauf sitzen.“

„Aber das ist auch alles.“

„Ja, ja, ich erinnere mich. Kein wilder, hemmungsloser Sex.“

Sie breiteten die Decke am Ufer des Sees aus, und Melissa nahm so weit wie möglich von ihm entfernt darauf Platz. Umgeben vom funkelnden Blau des ruhigen Wassers und dem saftigen Grün der Hügel sah sie wunderschön aus. Sie trug eine perfekt geschnittene schwarze Hose und eine weiße Bluse, ihr Gesicht lag im Schatten der Eichen, unter denen sie saßen, und ihr kurzes dunkles Haar bewegte sich leicht in der warmen Abendbrise. Es juckte ihm förmlich in den Fingern, sie zu berühren und ihr sanft eine Strähne aus dem Gesicht zu streichen.

Stattdessen entkorkte er die Weinflasche und packte das Essen aus. Während sie aßen, fragte sie ihn nach seiner Arbeit. „Sie werden wahrscheinlich überrascht sein, das zu hören. Ich bin Schriftsteller.“ Er lächelte über ihre offensichtliche Verwunderung. „Im Augenblick sitze ich gerade an einem Psychothriller.“

Melissa legte das Hühnchenteil, an dem sie geknabbert hatte, hin und leckte sich die Finger. Das leise saugende Geräusch, das sie dabei verursachte, jagte Jason einen erregenden kleinen Schauer über den Rücken. Er konnte sich nicht helfen, aber selbst so eine kleine Geste wirkte bei ihr ungeheuer erotisch.

„Was weiß denn ein sorgenfreier junger Mann wie Sie schon über Angst?“ Der herausfordernde Tonfall in ihrer Stimme rief Jason zurück in die Realität, und die Erinnerung an seinen Autounfall durchfuhr ihn urplötzlich: heftiger Regen, ein starker Sturm, das verdammte Reh auf der Fahrbahn, die Bremsen, die nicht funktionierten … Der Moment des eisigen Schreckens, als sein Wagen außer Kontrolle auf den riesigen Baum am Beginn seiner Ausfahrt zuraste. Und dann die Hände, die ihn aus dem Wrack zerrten, seine Nachbarin Rose, durchnässt und zitternd vor Angst. Der Anblick des hellen weißen Krankenzimmers, in dem er erst Tage später aus dem Koma erwacht war.

Was er über Angst wusste? Genug. Mehr als genug. Aber jetzt warf er Melissa nur ein leichtes Lächeln zu und sagte leichthin: „Ach, das ist alles Fiktion.“

Jetzt musste sie über ihre eigene Frage lachen, er liebte den ungewohnten Klang dieses Lachens. Sie schien keine Frau zu sein, die viel Grund fand, sich zu freuen.

„Was hält Ihre Familie davon, wie Sie Ihren Lebensunterhalt verdienen?“, fragte sie ihn.

„Meine Eltern sind tot, und meine Brüder bei der Armee. Ich glaube, sie finden meine Berufswahl ein wenig seltsam und können nicht verstehen, wie ein solcher Bücherwurm aus mir werden konnte. Aber sie sind auch sehr stolz auf mich.“ Jason packte die Kekspackung aus. „Und was ist mit Ihnen? Wo lebt Ihre Familie?“ Er hasste sich selbst dafür, dass er ihr diese Fragen stellte, obwohl er die Antworten doch schon kannte.

Melissa war intensiv damit beschäftigt, die Überreste ihres Picknicks zusammenzuräumen, und sah ihn nicht an, während sie antwortete. „Ich bin bei verschiedenen Pflegefamilien aufgewachsen. Aber das war in Ordnung“, fügte sie schnell hinzu. Wahrscheinlich war sie daran gewöhnt, sich und ihre Lebensgeschichte erklären zu müssen.

„Und Ihre leiblichen Eltern?“

„Meinen Vater kenne ich nicht.“ Melissa zuckte mit den Achseln. „Und meine Mutter … sie lebt noch. Deswegen wurde ich auch nicht adoptiert. Die Leute vom Jugendamt haben wohl gehofft, dass meine Mutter mich irgendwann wieder zu sich holen würde. Aber wie das Leben so spielt – es ist ihr erst eingefallen, als ich schon längst erwachsen war.“

Er reichte ihr einen Keks. „Hier. Tun Sie Ihrer Seele was Gutes, und pfeifen Sie auf die Gesundheit.“ Als ihre Finger sich berührten, zog Melissa wieder ihre Hand zurück.

„Warum tun Sie das?“, fragte er ruhig. „Sie zucken zurück und scheinen fast Angst davor zu haben, dass jemand Sie berührt.“

„Ich kenne Sie nicht besonders gut“, gab sie zurück.

„Und wenn Sie das täten … würde das etwas ändern? Oder lassen Sie sich vielleicht allgemein nicht gerne berühren?“

Sie blickte zur Seite. „Ich komme nicht besonders gut mit Menschen zurecht. Als Schriftsteller sollten Sie genügend psychologisches Einfühlungsvermögen besitzen, um das in den letzten Tagen bemerkt zu haben.“

„Melissa, ich …“

Jason wartete, bis sie ihn wieder ansah, und lächelte sie dann an, langsam und zärtlich. Er reichte ihr noch einen Keks.

„Warum bin ich wohl mit dem blöden Papagei zu Ihnen gekommen?“

Sie seufzte auf. „Mir ist schon klar, dass mit dem Papagei alles in Ordnung ist. Ich habe gedacht, Sie sind in meine Praxis gekommen, weil …“ Verlegen lachte sie auf und nippte an ihrem Wein.

„Warum? Was glauben Sie?“

„Um mich zu sehen.“

„Das stimmt auch.“ Es war die Wahrheit. Er hatte es nicht nur getan, weil Rose ihn darum gebeten hatte. Er wollte Melissa wiedersehen. Er wollte sie um ihrer selbst willen kennen lernen, weil sie etwas Besonderes war. Sie war eine Frau, die ihre Arbeit wirklich liebte, die sich um ihre Patienten sorgte und ihnen helfen wollte.

Und da war noch etwas. Im Gegensatz zu allen anderen Menschen, die er in den vergangenen sechs Monaten getroffen hatte, hatte sie mit keinem Wort die Narbe erwähnt, die sich über sein Gesicht zog. Er hatte so viele Blicke und bohrende Fragen erdulden müssen, von neugierigen Fremden und wohlmeinenden Freunden. Und das hatte ihn wahnsinnig gemacht.

Aber Melissa war anders.

Kurz gesagt: Sie brachte ihn aus der Fassung. Und zwar mehr, als er gewohnt war. Mehr als der sich nähernde Abgabetermin für sein Manuskript, mehr als sein Versprechen gegenüber Rose, mehr als alles andere.

Und er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er damit umgehen sollte.

4. KAPITEL

Der nächste Tag in der Praxis war für Melissa sehr stressig. Ihr Wartezimmer war von morgens bis abends von Patienten bevölkert, und obwohl sie sich alle Mühe gab und alle sehr geduldig und freundlich warteten, hatte sie das Gefühl, nicht genug getan zu haben. Sie hätte es besser machen müssen.

Sie brauchte wirklich Hilfe am Empfang. Sie brauchte jemanden, der die Patienten begrüßte und ihre Daten aufnahm. Jemanden, der den ganzen Papierkram organisierte. „Ich werde mich bald darum kümmern“, murmelte Melissa leise vor sich hin.

Endlich waren ihre letzten Patienten an der Reihe – ein hinkendes Huhn, eine Katze, die eine Münze verschluckt hatte, und eine Hausratte mit einem gebrochenen Schwanz. Als Melissa sich gerade Gedanken über den Terminkalender für den kommenden Tag machte, ging die Tür auf.

Der größte Bernhardinerhund, den sie je gesehen hatte, schob sich in den Empfangsraum. Die Zunge hing ihm aus dem Maul, die Ohren wippten, und der riesige Hund zog offenbar sein Herrchen an einer langen Leine hinter sich her.

Neugierig schaute Melissa auf, um zu sehen, wer der Besitzer des Riesentieres war. Als sie ihn sah, brach sie in lautes Lachen aus.

„Ganz ruhig jetzt, Teddy.“ Als Jason abrupt von dem Hund in die Mitte des Raumes gezogen wurde, warf er Melissa einen leicht verlegenen Blick zu. Im gleichen Moment wanderte der Bernhardiner hinüber in die andere Ecke des Raumes und zerrte erneut Jason mit ausgestrecktem Arm hinter sich her. „Hallo, Melissa.“

„Lassen Sie mich raten … Ihr Kumpel Teddy braucht meine Hilfe.“ Sie wusste, dass sie ihn eigentlich fragen müsste, was er sich dabei dachte, nun zum dritten Mal unter einem sehr fadenscheinigen Vorwand in ihrer Praxis aufzutauchen. Aber zu ihrer eigenen Verwunderung musste sie feststellen, dass die Angelegenheit ihr Spaß machte.

Melissa ging um die Theke herum, beugte sich nieder und pfiff leise. Der große Hund gab einen freudigen Kläffer von sich und kam auf sie zugelaufen – wiederum mit Jason im Schlepptau.

„Passen Sie auf“, warnte er sie, als sie dem Hund ihre Hand zum Schnuppern hinhielt und das Tier dann streichelte. „Er ist ein Riesenkerl und weiß selbst nicht, wie stark er ist. Er könnte Sie mit seinem Schwanzwedeln umwerfen oder mit seiner Zunge zu Tode schlecken. Außerdem hat er nur Unsinn im Kopf und den ganzen heutigen Tag damit verbracht, mein Leben in Unordnung zu bringen.“

Melissa ignorierte Jason. „Sitz“, sagte sie sanft zu dem Hund, der ihr prompt gehorchte.

Sie hatte sein Humpeln schon bemerkt. „Gib Pfote.“

Der Hund hob seine verletzte Pfote an und als Melissa sie in die Hand nahm und genauer untersuchte, gab er ein kleines Jaulen von sich. „Du Armer.“

„Oh, es geht schon.“ Jason stöhnte auf, als er sich neben ihr niederließ. „Ich bin wirklich ziemlich erledigt.“

„Ich rede mit dem Hund.“

„Oh. Ja, sicher.“ Er sah zu, wie Teddy ihr das Gesicht leckte. „Würden Sie sich von mir auch so küssen lassen?“

Melissa versuchte, das Kribbeln im Bauch zu ignorieren. Sie schaute in Jasons schalkhaft funkelnde Augen. „Machen Sie das so gut wie er?“

„Besser.“ Seine Stimme war weich und sanft geworden. „Viel besser.“

Daran zweifelte sie nicht, aber angesichts der rasenden Geschwindigkeit, mit der ihr Herz bei seinen Worten schlug, war es wohl besser, das nicht genauer herauszufinden. „Hatten Sie nicht versprochen, dass es keine Küsse geben würde?“

„Nein. Ich hatte versprochen, dass es keinen wilden und hemmungslosen Sex geben würde. Vom Küssen war nicht die Rede.“

Unsicher lachte sie auf. „Dann versprechen Sie es jetzt. Keine Küsse.“

„Mel, ich …“

„Versprechen Sie es.“

Er seufzte. „Keine Küsse.“

„Danke.“ Sie holte tief Atem. „Teddy hat sich einen bösen Splitter eingefangen.“ Sie richtete sich auf, der Hund stand ebenfalls auf und blieb dicht an ihrer Seite. Sie hatte immer diese Wirkung auf Tiere gehabt. Und umgekehrt. Tiere beruhigten sie, sie flößten ihr mehr Vertrauen und Zuversicht ein, als es irgendein Mensch je vermocht hatte. Aber sie wusste, dass man sich die Zuneigung von Tieren verdienen musste. Es war ihr wichtig zu spüren, dass sie gebraucht wurde, dass sie helfen konnte. So wie jetzt.

„Komm“, sagte sie und ging in eines der Behandlungszimmer.

Gehorsam folgte ihr Teddy wie ein kleines Lamm.

Jason starrte sie an. „Wie um alles in der Welt machen Sie das?“

„Oh, ich habe einfach das gewisse Etwas.“

Seine Augen verdunkelten sich. „Tatsächlich?“, murmelte er mit einer weichen Stimme, die genau den entgegengesetzten Effekt auf sie hatte wie die beruhigende Anwesenheit des großen Hundes.

Langsam verblasste ihr Lächeln, ihre Knie wurden zittrig, die Handflächen feucht und ihr Herz begann wie wild zu klopfen. So hatte sie sich nicht mehr gefühlt, seit … nun ja, sehr lange schon nicht mehr. „Jason …“

Erneut setzte sich Teddy in der Mitte des Raumes hin und hob mit einem leisen Jammerlaut seine verletzte Pfote.

Melissa, die den Anblick eines Lebewesens, das Schmerzen erlitt, nicht ertragen konnte, schaute zwischen dem Hund und dem Behandlungstisch hin und her. Nie im Leben würde es ihr gelingen, den riesigen Bernhardiner auf den Tisch zu heben.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, beugte Jason sich hinunter, legte seine Arme um Teddy und hob den schweren Hund auf den Behandlungstisch. Unwillkürlich glitt ihr Blick über die angespannten Muskeln in seinen bloßen Oberarmen. Als Jason sie wieder ansah, lächelte er. „Vielleicht bin ich im Moment ein Schriftsteller, der nur mit seinem Kopf arbeitet“, sagte er in seiner langsamen und ruhigen Sprechweise. „Aber auf unserer Farm habe ich früher viel geschuftet. Und wie heißt es doch: einmal ein Bauernjunge, immer ein Bauernjunge.“

Kräftig genug ist er auf jeden Fall immer noch, dachte Melissa. Um sich von Jasons starken Muskeln abzulenken, begann sie damit, den Splitter aus Teddys Pfote zu entfernen. Der Hund leckte mit großer Begeisterung ihr Gesicht, sein vertrauter Hundegeruch und seine große treue Hundeliebe hüllten sie ein. Das war ihr Leben, das war es, was sie wollte. Energisch warf Melissa die Pinzette in die Spüle, als sie fertig war, und wandte sich entschlossen ab, als Jason Teddy wieder auf den Boden hob.

Der Hund ließ prompt ein freudiges „Wuff“ ertönen, um allen Tieren und Menschen in Hörweite zu signalisieren, dass er eine interessante Witterung aufgenommen hatte. Dann lief er durch die Tür hinaus in den Empfangsbereich. Und da Jason beim Hereinkommen so mit dem Hund beschäftigt gewesen war, dass er die Haustür nicht wieder geschlossen hatte, lief der Bernhardiner gleich weiter nach draußen, angelockt vom Duft der Freiheit.

„Verdammt noch mal, so ein Mist“, fluchte Jason und machte sich sogleich an die Verfolgung.

Melissa lief ihm hinterher, schließlich hatte sich ihr letzter Patient für den heutigen Tag gerade davongemacht. Sie wusste, dass es in dieser friedlichen Kleinstadt kein großes Problem darstellte, die Praxis für einige Zeit zu verlassen, ohne die Tür so sorgfältig wie sonst abzuschließen. Hier in Martis Hills würde sich niemand an ihrem Medikamentenschrank oder ihrer Büroeinrichtung vergreifen.

Direkt hinter ihrem Haus lag ein kleines Waldgebiet, durch das ein kleiner Fluss verlief, und jenseits des Gewässers erstreckte sich eine weite freie Fläche.

Natürlich war dies die Richtung, die Teddy eingeschlagen hatte. Gerade jetzt jagte er vermutlich schon ein Eichhörnchen, oder was auch immer seine Neugier geweckt hatte, kläffend die Bäume hinauf. Während sie hinter dem Hund herliefen, sprach Melissa ein stummes kleines Dankgebet für die tägliche Joggingrunde, zu der sie sich morgens vor der Fahrt in die Praxis zwang. Umso mehr, da sie feststellen musste, dass Jason den Sprint ebenfalls ohne größere Anstrengung bewältigte. Sein großer, wohl proportionierter Körper schien mit der Präzision einer sorgfältig gewarteten Maschine zu arbeiten, während er neben ihr herlief.

Mit Mühe wandte sie den Blick von seinen Beinen ab und blickte nach vorne, um nach Teddy Ausschau zu halten. Sie erreichten den Hund, als er tatsächlich gerade freudig erregt bellend am Stamm eines Baumes hochsprang, auf dem ein Eichhörnchen Zuflucht gefunden hatte.

Autor

Jill Shalvis

New York Times-Bestsellerautorin Jill Shalvis lebt in einer Kleinstadt in Sierras, voller verschrobener Mitmenschen. Jegliche Ähnlichkeit mit den Quirky Charakters in ihren Büchern ist, naja, meistens zufällig. Besuchen Sie sie auf ihrer Website www.jillshalvis.com, um mehr über Jills Bücher und ihre Abenteuer als Berge erklimmendes Stadtkinde zu lesen.

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Emma Darcy
Emma Darcy ist das Pseudonym des Autoren-Ehepaars Frank und Wendy Brennan. Gemeinsam haben die beiden über 100 Romane geschrieben, die insgesamt mehr als 60 Millionen Mal verkauft wurden. Frank und Wendy lernten sich in ihrer Heimat Australien kennen. Wendy studierte dort Englisch und Französisch, kurzzeitig interessierte sie sich sogar für...
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Caroline Anderson

Caroline Anderson ist eine bekannte britische Autorin, die über 80 Romane bei Mills & Boon veröffentlicht hat. Ihre Vorliebe dabei sind Arztromane. Ihr Geburtsdatum ist unbekannt und sie lebte die meiste Zeit ihres Lebens in Suffolk, England.

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