Protectors - 4-teilige Serie

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DAS GESICHT DER ANDEREN
Ungeduldig schaut die junge Amy auf die Uhr. Wo bleibt Dante? Er wollte sie doch abholen! Aber ihr Freund kommt nicht. Stattdessen hält ein Fremder neben ihr am Straßenrand. Wenig später ist Amy spurlos verschwunden ... Siebzehn Jahre später starrt Detektive Dante Moran auf das Foto eines jungen Mädchens: Leslie Anne, Enkelin eines Millionärs, wird vermisst! Besessen macht Dante sich daran, sie zu finden: Vielleicht kann er so einen Teil der Schuld begleichen, die er seit Amys Verschwinden spürt - Stunde für Stunde, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Sein erster Weg führt ihn zu Tessa Westbrook, Leslie Annes Mutter. Und geschockt sieht er, dass nicht nur der Fall eine verblüffende Ähnlichkeit mit Amys hat …


VERHÄNGNISVOLLES SPIEL
Ich bin zu weit gegangen! erkennt Lausanne verängstigt. Seit sie für viel Geld die Rolle der Millionenerbin Audrey Bedell spielt, scheint ihr eigenes Leben keinen Penny mehr wert. Oder haben die unheimlichen Überfälle auf sie gar nichts mit Audrey zu tun? Sondern mit der Suche nach ihrer Tochter, die sie als Baby zur Adoption freigegeben hat? Gefährliche Fragen - und nur ein Mann kann die Antworten finden: der smarte Privatdetektiv Dom Shea. Wenn er bei Lausanne ist, fühlt sie sich sicher, wenn er sie küsst, ist alle Angst vergessen. Trotzdem ist sie vorsichtig: In der Liebe ist sie ein gebranntes Kind. Was, wenn auch Doms Zärtlichkeit nur eine grausame Täuschung, nur ein verhängnisvolles Spiel mit dem Feuer ist?


TIME TO DIE - STIRB NOCH EINMAL
Lexie schwebt in Lebensgefahr, seit ein Anschlag auf ihre Wohltätigkeitsorganisation verübt wurde. Wer ist der wahnsinnige Killer? Hat die heimtückische Tat vielleicht mit ihrer Vergangenheit als Reporterin zu tun? Zu ihrer Sicherheit passt der Bodyguard Deke Bronson ab sofort Tag und Nacht auf sie auf. Schon bald verliebt Lexie sich in ihren attraktiven Beschützer - ohne zu ahnen: Deke Bronson ist kein Unbekannter. Vor zehn Jahren sind Lexie und er sich schon einmal begegnet. Und diese Begegnung hätte sie fast das Leben gekostet …


DYING FOR YOU - GEFANGEN IM ALBTRAUM
Es ist ihr Traumjob. Bis er in der grünen Hölle Südamerikas plötzlich zum Albtraum wird … Der neue Thriller von Beverly Barton.
Bodyguard bei der Milliardenerbin Cara Bedell, mit ihr zu einem Geschäftsdeal nach Südamerika reisen - genau der richtige Job für die Sicherheitsexpertin Lucie Evans. Denn je weiter sie von ihrem Exboss Sawyer McNamara wegkommt, desto besser: Diese emotionale Hölle aus Anziehung, Schuld und Ablehnung hält sie keinen Tag länger aus. Doch in Südamerika kommt es zu einer verhängnisvollen Verwechslung: Lucie wird für Cara gehalten und gekidnappt. Ihr Leben scheint nichts mehr wert. Es sei denn, Sawyer rettet sie. Doch das ist das Letzte, was Sawyer für die Frau tun möchte, der er die Schuld am Tod seines Bruders gibt. Die Frau, die er liebt - und niemals lieben darf.
  • Erscheinungstag 05.10.2015
  • ISBN / Artikelnummer 9783955765040
  • Seitenanzahl 912
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Beverly Barton

Protectors - 4-teilige Serie

Beverly Barton

Das Gesicht der anderen

Roman

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MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2012 by MIRA Taschenbuch
in der Harlequin Enterprises GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Worth Dying For

Copyright © 2004 by Bevarly Beaver

erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto

Published by arrangement with

HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Umschlaggestaltung: pecher und soiron, Köln

Titelabbildung: Corbis GmbH, Düsseldorf

Autorenfoto: © by Harlequin Enterprise S.A., Schweiz

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN eBook 978-3-95576-138-7

www.mira-taschenbuch.de

eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net

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Zum Andenken an meine Eltern,
Doris und Dee Jr.,
die viel zu früh auseinandergerissen wurden.
Sein Herz ist ihr schon vor vielen Jahren gefolgt,
und nun ist auch seine Seele für immer mit ihr vereint.

PROLOG

Es ist besser, Liebe empfunden
und Verlust erlitten zu haben,
als niemals geliebt zu haben.

Lord Alfred Tennyson

Wo ist er?, fragte sich Amy.

Es sah Dante gar nicht ähnlich, sie warten zu lassen. In den zehn Monaten, in denen sie jetzt zusammen waren, hatte er sich als absolut vertrauenswürdig und zuverlässig erwiesen. Sie war Menschen gegenüber generell immer etwas misstrauisch, doch er hatte es geschafft, ihr Vertrauen zu gewinnen. Dabei hatte sie ihm erst nach zwei Monaten erlaubt, sie zu küssen.

Er würde sicher bald kommen. Immer wenn sie Spätschicht hatte, wie an diesem Abend, legte er Wert darauf, sie abzuholen und nach Hause zu bringen. Amy wippte nervös auf den Zehenspitzen und sah erneut auf die Uhr. Jetzt war er schon zehn Minuten zu spät.

Der kühle Novemberwind frischte auf und ließ sie frösteln. Sie hätte besser eine Jacke mitgenommen. Aber natürlich war man hinterher immer klüger. Ein Fetzen Papier wirbelte durch die Luft und landete auf dem Bürgersteig. Vielleicht sollte sie wieder reingehen und dort warten, wo es wärmer war.

Gerade als sie die Tür des Dairy Dip öffnen wollte, wo sie nach der Schule dreimal in der Woche abends und jeden Samstag ganztags arbeitete, kam Jerry Vinson heraus und schloss hinter sich ab. Jerry war der Manager und einer der Besitzer des einzigen Schnellrestaurants in Colby, Texas.

“Ist Dante noch nicht da?”, fragte Jerry. “Das ist das erste Mal, dass er dich nicht abholt.”

“Ich weiß.” Amy rieb ihre Handflächen an den Oberarmen, um sich zu wärmen. “Irgendwas muss passiert sein. Wahrscheinlich hat er Probleme mit dem Wagen. Er bastelt die ganze Zeit an seinem alten Mustang herum, damit das Ding überhaupt noch fährt.”

“Soll ich hierbleiben und mit dir auf ihn warten?”

Jerry und seine Frau Lorna waren gerade Eltern geworden, und Amy wusste, dass Jerry so schnell wie möglich nach Hause zu ihr und seinem sechs Wochen alten Sohn wollte.

“Nein, fahr ruhig”, sagte sie. “Dante ist bestimmt gleich da. Außerdem sind wir ja nicht in Dallas oder Houston, sondern in Colby. Hier sind die Straßen auch nach zweiundzwanzig Uhr noch sicher.”

Jerry kicherte. “Das kannst du laut sagen. Aber falls Dante nicht bald auftaucht, ruf mich von der Telefonzelle an der Ecke an, dann hole ich dich ab. Ich kann dich aber jetzt auch gleich mitnehmen und bei den Morrisons absetzen.”

Amy schüttelte den Kopf. “Ich warte auf Dante. Wenn ich nicht mehr hier bin, wenn er kommt, macht er sich Sorgen. Und wenn er dann zu den Morrisons fährt, machen die wieder einen Aufstand. Sie sind lieb und nett und haben mich freundlich aufgenommen, aber sie finden, ich bin zu jung für eine ernsthafte Beziehung. Vor allem mit einem Typen wie Dante.”

“Wie du willst”, sagte Jerry und warf ihr einen besorgten Blick zu. “Aber deine Pflegeeltern haben nicht ganz unrecht. Dante hat schon so einiges hinter sich, und du bist erst unschuldige siebzehn.”

“Dante ist auch erst neunzehn.”

“Ja, aber von der Erfahrung her fünfunddreißig …”

Amy seufzte. Diese Sprüche kannte sie alle schon – von den Morrisons, von Jerry und sogar von ein paar ihrer Lehrer. Wie konnte sie den Menschen nur begreiflich machen, dass Dante Moran ein wunderbarer Mann war? Der Mann, den sie liebte. Der Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte.

“Fahr ruhig nach Hause. Ich komme schon zurecht.” Amy lächelte Jerry an. “Du musst nicht den großen Bruder spielen.”

Sie wusste, dass er es nur gut meinte – wie alle anderen um sie herum, die ihr dauernd Ratschläge gaben. Aber keiner von ihnen konnte sich vorstellen, wie sie sich fühlte. Sie hatte ihre Eltern verloren, als sie noch in der ersten Klasse war. In den folgenden elf Jahren war sie dann von einer Pflegefamilie in die nächste gekommen. Jetzt wünschte sie sich nichts sehnlicher als eine eigene Familie. Und mit Dante würde sie diese Familie haben.

“Aber ruf an, wenn er nicht kommt.”

“Er wird schon kommen. Keine Sorge.”

Jerry nickte, grinste sie an und verschwand um die Ecke, wo er seinen Wagen in einer kleinen Seitenstraße hinter dem Dairy Dip geparkt hatte.

Amy stellte sich in den Hauseingang, um besser vor dem Wind geschützt zu sein. Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper und sah die Straße hinunter in der Hoffnung, dort endlich Dantes Wagen auftauchen zu sehen. Bitte beeil dich. Wenn er nicht bald käme, hätten sie heute Abend kaum noch Zeit füreinander. Unter der Woche musste sie spätestens um halb elf zu Hause sein. Das hieß, ihr blieb ohnehin immer nur eine halbe Stunde mit Dante. Und auf diese halbe Stunde lebte sie hin. Dann hielt er sie im Arm, und sie küssten sich, und er sagte ihr, wie sehr er sie liebte.

Schon bald würden sie und Dante für immer zusammen sein. Dann müsste sie sich nicht mehr an die Vorschriften anderer Leute und die strengen Ausgangszeiten ihrer Pflegeeltern halten. Dante und sie hatten ein Geheimnis, das sie niemandem verraten durften. Sie hatten sich verlobt und wollten heiraten, wenn Amy im Mai achtzehn wurde und die Highschool abgeschlossen hatte. Vor zwei Wochen hatten sie Verlobungsringe getauscht, Symbole ihres Versprechens. Dante hatte ihr einen Diamantring von einem halben Karat geschenkt und gescherzt, er würde bis zur Rente an diesem Ring abzahlen. Sie hatte ihm den Diamant- und Onyxring ihres Vaters gegeben, den sie, seit sie sechs Jahre alt war, an einer Kette um ihren Hals getragen hatte. Er war in dem Beutel mit persönlichen Gegenständen ihrer Eltern gewesen, den ihr ein Mitarbeiter des Sozialamts damals ausgehändigt hatte.

Jetzt trug sie an der Kette um den Hals ihren Verlobungsring. Sie achtete darauf, dass er immer gut unter ihrer Kleidung verborgen war. Aber in siebeneinhalb Monaten würde sie ihren Verlobungsring stolz tragen dürfen – zusammen mit ihrem Ehering. Diesen Tag sehnte sie herbei wie keinen anderen. Sie wünschte sich nichts mehr, als endlich Dantes Frau zu sein. Sie liebte ihn mehr als alles andere auf der Welt, mehr als ihr Leben. Egal, was die anderen sagten: Sie spürte, dass es wahre Liebe war, eine Liebe, die nie enden würde. In ihrem Innersten wusste sie, dass Dante und sie sich immer lieben würden.

Während sie weiter ungeduldig wartete, kamen mehrere Wagen vorbei, doch ansonsten war die Straße menschenleer. In Colby war nach Einbruch der Dunkelheit selbst auf der Hauptstraße nicht mehr viel los, und nach zehn Uhr war alles wie ausgestorben. Das Dairy Dip hatte bis zehn Uhr abends geöffnet – eine Stunde länger als die meisten anderen Lokale in der Stadt.

Amy hörte den Fremden, der sich ihr näherte, noch bevor sie ihn sah. Leise Schritte von Turnschuhen auf dem Bürgersteig. Wahrscheinlich nur ein Jogger auf seiner Abendrunde, dachte sie, als der Mann näher kam. Sie sah ihn lächelnd an. In Colby war man auch zu Fremden freundlich. Amy kannte den Mann nicht, der jetzt neben ihr stehen blieb.

“Guten Abend”, sagte er mit heiserer, leiser Stimme.

“Abend”, antwortete Amy.

Sie stellte fest, dass er nicht wie ein Jogger aussah. Er trug eine verwaschene Jeans und einen ausgebeulten Strickpullover. Plötzlich fühlte sie sich unbehaglich. Sei doch nicht albern, sagte sie zu sich. Dieser Mann sieht nicht gefährlich aus. Sein braunes Haar war kurz geschnitten und etwas lockig. An seinen haselnussbraunen Augen und dem gut rasierten Kinn war auch nichts Außergewöhnliches. Ganz einfach irgendein Typ, dachte Amy. Er sah ganz normal aus und hatte nichts an sich, weswegen sie sich fürchten müsste.

“Warten Sie auf jemanden?”, fragte der Fremde jetzt.

“Ja. Mein Freund holt mich gleich ab.”

“Ein hübsches Mädchen wie Sie lässt man doch nicht warten.”

“Tut er sonst auch nicht. Er hatte wohl Probleme mit seinem Wagen.”

Der Mann kam näher. Amys Herzschlag beschleunigte sich. Eine dunkle Vorahnung ließ sie innerlich verkrampfen.

Der Mann lächelte. Sein Lächeln gefiel ihr nicht. Es war etwas Falsches an der Art, wie er sie ansah, als wüsste er etwas, was sie nicht wusste. Amy wich zurück und stieß mit dem Rücken gegen die Eingangstür des Dairy Dip.

Ich brauche nur zu schreien, sagte sie sich. Irgendjemand wird mich hören.

Sie öffnete den Mund, um dem Mann zu sagen, er solle sie in Ruhe lassen, oder sie würde schreien, doch bevor sie ein Wort herausbekam, zog der Mann etwas aus der Hosentasche, packte Amy und presste ihr ein übel riechendes Taschentuch auf Mund und Nase.

Lieber Gott, hilf mir!

Amy versuchte, sich zu wehren, doch natürlich war ihr der Mann überlegen. Sie spürte, wie sie langsam ohnmächtig wurde.

Dante! Dante, wo bist du?

Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit raste Dante vom College in Richtung Innenstadt. Fünfundzwanzig Minuten hatte er Amy jetzt schon warten lassen. Wahrscheinlich war sie inzwischen total durchgefroren und krank vor Sorge. Sein letzter Kurs hatte fünfzehn Minuten länger gedauert als sonst, und auf dem Parkplatz entdeckte er, dass das rechte Vorderrad an seinem Mustang platt war. Er hatte versucht, von einer Telefonzelle aus im Dairy Dip anzurufen, aber offensichtlich war Jerry schon gegangen, denn er hatte niemanden erreicht.

Vielleicht hatte sich Amy ja von Jerry nach Hause bringen lassen? Nein, sie wartet, sagte sich Dante. Er holte sie jeden Abend ab, wenn sie arbeitete, damit sie ein bisschen Zeit zusammen verbringen konnten. Dreißig mickrige Minuten. Komisch, wie sein ganzes Leben um die Momente kreiste, die er mit Amy verbringen konnte. Amys Pflegeeltern, die Morrisons, waren nette Leute, aber sie schätzten es nicht, dass sie mit ihm zusammen war. Es störte sie, dass er ein paar Jahre älter war als Amy und deutlich erfahrener. Als er Amy kennenlernte, hatte er sich natürlich gefragt, wie lange es wohl bei ihr dauern würde, bis er ihr an die Wäsche gehen durfte. Mehr als Sex hatte er noch nie von einer Frau gewollt. Und Amy war eines dieser Mädchen, bei dem man allein schon vom Anblick eine Erektion bekam. Blaue Augen, blonde Haare und eine absolute Traumfigur.

Aber Amy Smith hatte sich ihm nicht so leicht hingegeben, wie er es von anderen Mädchen gewohnt war. Seit er vierzehn war, hatten es die Frauen auf ihn abgesehen. Was konnte er dafür, dass er so unwiderstehlich war? Dante musste lachen.

Als er Amy vor zehn Monaten kennengelernt hatte, konnte er bereits auf eine ganze Reihe gebrochener Mädchenherzen zurückblicken. Amy sollte nur eines mehr in seiner Sammlung werden. Aber sie hatte ihm zwei Monate lang nicht einmal erlaubt, sie zu küssen. Zuerst wollte sie nicht einmal Händchen halten mit ihm, sodass er schon beschlossen hatte, sie zu vergessen und bei einer anderen sein Glück zu versuchen. Aber sein Herz ließ ihm keine Chance – er hatte es von Anfang an an sie verloren. Dante war noch nie verliebt gewesen, doch die süße, unschuldige Amy verdrehte ihm völlig den Kopf. Erst nach acht Monaten hatte er sie überreden können, mit ihm zu schlafen. Er hatte geglaubt, wenn er sie einmal gehabt hätte, wäre er nicht mehr so scharf auf sie. Aber da hatte er sich gründlich geirrt. Je häufiger sie miteinander schliefen, desto mehr begehrte er sie. Und er wollte sie heiraten, sie für immer an sich binden. Nur ließen ihn die anderen Frauen nicht in Ruhe – manche musste er sich beinahe gewaltsam vom Hals schaffen. Sie interessierten ihn nicht mehr. Amy war alles, was er wollte. Jetzt und für immer.

Dante parkte seinen Mustang in einer Parklücke direkt vor dem Dairy Dip. Die Hauptstraße war völlig ausgestorben, kein Mensch zu sehen. Wo war Amy? Er öffnete die Tür und sprang aus dem Wagen. Ein kalter Windstoß erfasste ihn, und er schloss den Reißverschluss seiner Lederjacke und schlug den Kragen hoch. Er legte die Hände neben die Augen und spähte durch die Scheibe ins Dairy Dip. Vielleicht wartete sie ja drinnen im Warmen. Doch das Lokal war leer. Dante ging die Straße hinunter, um Amy zu suchen. Als er sich wieder in die entgegengesetzte Richtung aufmachte, knirschte plötzlich etwas unter seinem Schuh. Er hob den Fuß und sah etwas Glänzendes auf dem Bürgersteig liegen.

Dantes Herz setzte einen Schlag aus. Er bückte sich und hob eine Goldkette auf. Die Kette war zerrissen. Hatte er sie zerrissen, als er draufgetreten war? Nein, eher nicht. Der Verschluss war verbogen, als ob jemand die Kette abgerissen und weggeworfen hätte.

An der Kette baumelte ein kleiner Diamantring. Es war der Verlobungsring, den er Amy geschenkt hatte. Den sie um den Hals getragen und unter ihrer Kleidung verborgen hatte.

“Amy!”, rief Dante verzweifelt. “Amy!”

Er rannte die Straße hinauf und bog in die kleine Straße hinter dem Dairy Dip ein. Die Angst bohrte sich in seinen Magen. Voller Panik rief er ihren Namen, immer wieder, in der aussichtslosen Hoffnung, sie würde ihm antworten. Doch in seinem Unterbewusstsein war ihm längst klar, dass sie nicht antworten würde – dass sie ihm nicht antworten konnte.

Man soll nicht immer gleich das Schlimmste annehmen, versuchte Dante sich zu beruhigen. Ruf erst mal die Morrisons an. Ruf Jerry an. Wenn sie auch nicht wissen, wo Amy ist, ruf die Polizei an. Du wirst sie finden. Egal, was passiert ist, du wirst sie finden.

“Wenn ihr jemand etwas angetan hat, bringe ich ihn um!”, schrie er laut, als er wieder auf der Hauptstraße stand. “Ich werde dich finden, Amy! Ich schwöre es bei Gott, ich finde dich!”

1. KAPITEL

Siebzehn Jahre später

Dante Moran verließ den Aufzug, der ihn in den sechsten Stock befördert hatte, und betrat die Agentur Dundee. Als neuer Mitarbeiter der Privatdetektei und Sicherheitsfirma wollte er keinen schlechten Eindruck machen und gleich an seinem ersten offiziellen Arbeitstag zu spät kommen. Die Büros der Agentur nahmen das gesamte Stockwerk ein, und jeder Agent hatte sein eigenes kleines Büro. Dante kannte das Unternehmen schon aus seiner Zeit beim FBI. Er war mehrfach hier gewesen, daher waren ihm auch die Räumlichkeiten nicht fremd. Der Geschäftsführer der Agentur Dundee war Sawyer McNamara, selbst ein ehemaliger Geheimdienstmann, und die Art, wie er sein Unternehmen führte, überzeugte Dante davon, dass er selbst hier auch besser aufgehoben war als in dem Regierungsjob, den er zwölf Jahre gemacht hatte. Als Bundesagent hatte er sich immer eingeengt gefühlt, und mit seiner rebellischen, einzelgängerischen Art hatte er sich weiß Gott keine Freunde bei seinen Vorgesetzten gemacht. Als ihm klar wurde, dass er von einer Beförderung meilenweit entfernt war und beim Geheimdienst nichts mehr erreichen konnte, hatte er sich entschlossen, den Job an den Nagel zu hängen und sich neu zu orientieren.

“Guten Morgen, Mr. Moran”, begrüßte ihn die Sekretärin, Daisy Holbrook.

Die Kollegen hatten ihm verraten, dass Daisy übrigens auch gern Miss Effizienz genannt wurde. Sie verkörperte das Musterbild der jungen, dynamischen Angestellten in ihrem schicken beigefarbenen Kostüm. Als Frauenkenner, der er war, würde Dante Daisy nicht gerade als Schönheit bezeichnen. Sie war zwar hübsch auf eine frische, jugendliche Art, mit ihrem hellbraunem Haar, den braunen Augen und den Grübchen in den Wangen. Leider war sie etwas zu mollig, um dem aktuellen Schönheitsideal zu entsprechen. Vor hundert Jahren wäre sie mit ihren weiblichen Rundungen perfekt gewesen.

“Guten Morgen”, antwortete Dante. “Sie sehen heute besonders gut aus, Ms. Holbrook.”

“Bitte sagen Sie doch Daisy zu mir.” Als sie ihn freundlich anlächelte, vertieften sich ihre Grübchen. “Und falls Sie irgendetwas brauchen, wenden Sie sich ruhig an mich.”

“Ich gehe mir noch schnell einen Kaffee holen. Und dann sehe ich mich wohl erst mal in meinem Büro um.”

“Nehmen Sie den Kaffee gleich mit in Mr. McNamaras Büro”, erwiderte Daisy. Als Dante sie fragend ansah, erklärte sie: “Er ist schon vor etwa einer Stunde reingekommen. Ich soll alle verfügbaren Agenten zusammentrommeln.”

Interessant, dachte Dante. Es schien etwas Wichtiges anzustehen. “Sie wissen nicht zufällig, worum es geht?”

“Ich weiß nur, dass er heute bereits mit dem Gouverneur von Mississippi und beiden Staatssenatoren telefoniert hat.” Sie senkte die Stimme. “Drei Agenten sitzen schon bei ihm drin, und wir warten noch auf zwei weitere.”

Dante nickte. “Dann verkneife ich mir den Kaffee wohl besser und gehe direkt in sein Büro.”

“Gute Idee.”

Als Dante vor dem Büro des Geschäftsführers stand, war die Tür geschlossen, und McNamaras Privatsekretärin saß nicht an ihrem Platz. Vielleicht war sie noch gar nicht im Haus, es war schließlich gerade erst acht Uhr dreißig. Dante zögerte einen Moment, dann klopfte er und wartete.

Vic Noble, ein großer, schlaksiger Mann und ebenfalls früher beim FBI, öffnete ihm. “Kommen Sie rein.”

Dante nickte und betrat McNamaras geräumiges Büro. Es war von einer smarten Eleganz – ganz wie der Mann selbst. Hinter seinem Rücken nannten seine Mitarbeiter ihren Chef den “Dandy”, denn er sah immer aus wie aus dem Ei gepellt. Aber das Aussehen eines Menschen kann täuschen, und so war es auch in McNamaras Fall. Wer ihn nicht besser kannte, könnte ihn einfach für einen intelligenten, gut aussehenden Mann halten. Doch es steckte mehr hinter ihm als Intelligenz und gutes Aussehen. Er besaß das Herz und den Geist eines gefährlichen Kämpfers.

“Kommen Sie dazu, Moran”, forderte Sawyer McNamara ihn nun auf und zeigte auf einen leeren Stuhl. “Sobald Dom und Lucie hier sind, fangen wir an. Ich habe Lucie heute Morgen nicht persönlich erreicht, also habe ich Dom vorbeigeschickt, um sie abzuholen.”

Dante bemerkte die Verärgerung in Sawyers Miene und vermutete, dass Lucie Evans der Grund dafür war. Bevor er zu der Agentur gestoßen war, hatte er von der fortdauernden Fehde zwischen Sawyer und Evans gehört, die ebenfalls beide ehemalige FBI-Agenten waren. Und in seinem mehrwöchigen Orientierungskurs hatte er dann selbst mitbekommen, wie die beiden aneinandergerieten. Immer wenn sie sich trafen, flogen die Fetzen.

Nachdem er Platz genommen hatte, sah Dante sich um, nickte den beiden anderen anwesenden Kollegen höflich zu und lehnte sich dann in seinem Stuhl zurück. Sein Blick wanderte hinüber zu J. J. Blair. Als sie seinen Blick bemerkte, lächelte sie ihn an und blinzelte. Grinsend blinzelte er zurück. Eine wirklich hübsche Frau! J. J. war klein und zierlich, hatte rabenschwarze Haare und große Augen, die fast auch schwarz wirkten, in Wirklichkeit aber tief dunkelblau waren. Seine Erfahrung mit der Damenwelt sagte ihm, dass Ms. Blair eine Frau war, die nicht leicht unterzukriegen war. Sie war der Typ Frau, die einen Mann mit einem Bissen verschlingen konnte, um ihn dann in kleinen Stückchen wieder auszuspucken.

“Ich glaube, wir kennen uns noch nicht.” Ein kräftiger Kerl mit groben Zügen, militärisch kurzen Haaren und freundlichem Lächeln streckte Dante seine mächtige Hand entgegen. “Geoff Monday. Ich war im letzten Monat in London im Einsatz.” Der Mann sprach ganz eindeutig mit einem britischen Akzent, aber nicht ganz rein. Vielleicht war er Schotte?

Dante stand auf und schüttelte Monday die Hand. “Dante Moran. Ich bin der Neue.”

“Sie waren auch beim Geheimdienst, richtig?”

In diesem Moment flog die Tür auf, und Lucie Evans stürmte herein. Ihr langes rotes Haar hing wild über ihre Schultern, und ihre grünen Augen schossen Pfeile in Sawyers Richtung. Hinter ihr tauchte Domingo Shea auf und blieb im Türrahmen stehen, als wollte er sich von der Szene, die sich gleich abspielen würde, distanzieren.

“Was fällt Ihnen ein, Dom loszuschicken, um mich abzuholen?” Lucie stützte sich mit beiden Händen auf Sawyers Schreibtisch und blickte ihn finster an. “Ich bin erst letzte Nacht aus D.C. zurückgekommen und habe jetzt eigentlich fünf Tage Urlaub!”

“Ihr Urlaub ist gestrichen!”, erwiderte Sawyer knapp.

“Das wüsste ich aber!”

“Setzen Sie sich, und halten Sie den Mund!” Sawyer stand auf und sah Lucie an, die jetzt ihre Einsachtzig zu voller Größe aufrichtete und ihn feindselig anstarrte. “Wir haben einen brisanten Fall zu bearbeiten. Ich brauche jeden verfügbaren Agenten hier, um zu entscheiden, wer am besten geeignet ist, den Job zu übernehmen und das Team zu leiten, das ich noch heute Morgen nach Mississippi schicke. Mit Ihrem Hintergrund in Psychologie und Ihrer Erfahrung als Profiler für den Geheimdienst sind Sie vielleicht die Beste für den Job.”

Lucie wandte den Blick ab und bleckte die Zähne. Sie drehte sich um und ließ sich in den freien Stuhl fallen, der am weitesten von Sawyer entfernt stand. “Aber wenn ich mich als nicht geeignet herausstelle, nehme ich meine fünf Tage Urlaub.”

Sawyer gab keine Antwort, sondern wandte sich an Dom Shea. “Schließen Sie die Tür und nehmen Sie Platz, damit wir anfangen können.”

Dom tat, was sein Chef verlangte, und als Nächstes packte Sawyer einen Stapel Aktenordner auf den Tisch. Diese Ordner enthielten die Hintergrundinformationen zu dem brisanten Fall, vermutete Dante.

Das war eine gute Chance für ihn, sich als der neue Mann zu bewähren. Vermutlich würde man ihn auswählen, das Team zu unterstützen. Ihm sollte es recht sein. Irgendwann wäre er ohnehin dran – warum also nicht gleich an seinem ersten Arbeitstag?

“Wir haben es hier mit einem ganz besonderen Fall zu tun”, eröffnete Sawyer McNamara ihnen. “Beide Staatssenatoren von Mississippi und der Gouverneur persönlich haben sich heute Morgen an Sam Dundee gewandt und ihm mitgeteilt, dass sie es uns hoch anrechnen würden, wenn wir diesen Auftrag annähmen.”

Lucie Evans stieß einen leisen Pfiff aus. “Um wen geht es denn? Scheint ja eine ziemlich wichtige Person zu sein.”

“G. W. Westbrook ist einer der wohlhabendsten Geschäftsleute im Süden, und seine Familie ist in Mississippi sehr bekannt.” Sawyer griff nach dem Stapel Aktenordner und verteilte sie an die anwesenden Agenten. “Seine sechzehnjährige Enkeltochter ist verschwunden. Sie gilt als nicht rebellisch, hat nichts mit Drogen zu tun, hat keinen speziellen Freund. Allem Anschein nach ein braves Kind.”

“Und warum sollte ausgerechnet dieses brave Kind von zu Hause weglaufen?”, fragte Vic Noble.

“Gute Frage”, antwortete Sawyer. “Genau das möchten ihr Großvater und ihre Mutter auch wissen, und wir sollen es herausfinden. Aber zunächst einmal sollen wir natürlich diese Ms. Leslie Anne Westbrook ausfindig machen und wieder nach Hause bringen. Sie ist Einzelkind, und G. W. hütet sie wie seinen Augapfel.”

“Steht denn fest, dass sie ausgerissen ist?” Dante Moran öffnete den Aktenordner und überflog die in wenigen Absätzen von Daisy zusammengefassten Informationen. “Westbrook ist immerhin ein Multimillionär. Könnte es nicht sein, dass das Mädchen entführt wurde, um Lösegeld von der Familie zu erpressen?”

“Das Mädchen ist inzwischen seit über vierundzwanzig Stunden verschwunden und bisher hat sich noch niemand wegen eines Lösegelds bei der Familie gemeldet”, bemerkte Sawyer. “Die Mutter ist natürlich außer sich vor Sorge, und G. W. hat eine Viertelmillion Dollar Belohnung für sachdienliche Hinweise zum Verbleib des Mädchens ausgesetzt. Sam sagt, wir sollen so schnell wie möglich einen unserer Agenten mit dem Firmenflieger nach Fairport, Mississippi, schicken.”

“Ist der Geheimdienst involviert?”, wollte Domingo Shea wissen.

Sawyer schüttelte den Kopf. “Es gibt keinen Hinweis auf eine Entführung, und auch die Familie ist offenbar davon überzeugt, dass das Mädchen einfach weggelaufen ist. Sie wollen den Geheimdienst nicht beanspruchen. Die örtliche Polizei und der Sheriff sind informiert. Sam meint, dass einer unserer Exgeheimdienstler am besten für diese Aufgabe geeignet ist.” Sawyer sah zuerst Lucie, dann Dante an.

“Sollen wir eine Münze werfen?” Lucie grinste Dante an.

“Von mir aus”, sagte er und drehte gedankenverloren den Ring mit Diamanten und Onyx an seinem Finger.

“Lesen Sie sich die Informationen zu dem Fall durch und beachten Sie das Bild des Mädchens, das uns ihr Großvater per Fax übermittelt hat.” Sawyer klappte seinen Ordner auf und hielt das 20 mal 25 Zentimeter große Bild hoch. “Ein hübsches Kind. Wollen wir hoffen, dass es nicht in die falschen Kreise geraten ist oder von der falschen Person mitgenommen wurde.”

Dantes letzte Mission für das FBI war die Zerschlagung eines seit zehn Jahren agierenden Kinderhändlerrings gewesen. Deshalb galt er wohl jetzt bei Dundee als Experte in Sachen Kindesentführungen. Und in der Tat eignete sich der vorliegende Fall perfekt als erster Auftrag. Dante war erst seit wenigen Wochen bei der Agentur, hatte den strengen Orientierungskurs durchlaufen und war heiß darauf, endlich aktiv zu werden.

Lucie betrachtete das Foto. “Oh, sie ist wirklich hübsch. Blond und zart. Ein Sklavenhändlerring würde Unmengen für dieses hübsche Ding zahlen.”

Dante zog das Bild hervor, um einen raschen Blick darauf zu werfen, aber ab dem Augenblick, als er das Gesicht des Mädchens sah, konnte er das Foto nicht mehr weglegen. Sein Magen krampfte sich zusammen, als er das Porträt des atemberaubend schönen Mädchens sah.

“Was ist denn mit Ihnen los?” Dom Shea boxte Dante an die Schulter. “Sie sehen aus, als hätten Sie ein Gespenst gesehen.”

Ja, so kam es ihm auch vor. Er hatte ein Gespenst gesehen. Unbewusst strich Dante mit dem Zeigefinger zärtlich über Wange und Kinn des Mädchens auf dem Foto. Er schloss die Augen und öffnete sie wieder. Vielleicht hatte ihm ja seine Fantasie einen Streich gespielt. Wieder betrachtete er das Foto. Verdammt! Wie war es nur möglich, dass dieses sechzehnjährige Mädchen Amy wie aus dem Gesicht geschnitten war? Seiner Amy, seiner ersten und einzigen Liebe, die mit siebzehn gestorben war. Vor einer Ewigkeit.

“Dante, alles in Ordnung?”, erkundigte sich jetzt auch Lucie.

“Alles bestens”, sagte Dante. “Ich übernehme den Auftrag.”

“Gut.” Sawyer klappte seinen Aktenordner zu. “Das hatte ich gehofft. Abgesehen davon, dass das Ihr erster Auftrag für uns ist, hielt ich Sie auch für den am besten geeigneten Mann. Ich wollte Ihnen nur die Chance geben, sich freiwillig zu melden.”

Lucie zuckte die Schultern. “Das wäre also geklärt. Wollen Sie mich als Backup mit dabeihaben?”

Sawyer sah Lucie misstrauisch an. “Es ist keine schlechte Idee, dass Sie ihn unterstützen. Sie können die Mutter beruhigen, während Dante sich um den Rest kümmert.”

Dante nickte zustimmend, ohne den Blick von Leslie Anne Westbrook abzuwenden. Ihre Ähnlichkeit mit Amy war unheimlich.

Und unmöglich. Amy war tot. Er hatte lange gebraucht, um diesen Verlust zu akzeptieren, und jetzt weckte der Anblick dieses Mädchens in ihm die unrealistische Hoffnung, dass seine große Liebe Amy vielleicht doch noch lebte.

Vielleicht war es genau das gewesen, was ihn dazu veranlasst hatte, den Auftrag zu übernehmen. Dabei hatte er diese Hoffnung doch eigentlich schon längst begraben.

Warum tust du dir das an? Amy ist tot. Und zwar seit siebzehn Jahren. Nur weil ihr Körper nie gefunden wurde, nur weil du dich viel zu lange an die Hoffnung geklammert hast, sie könnte noch leben, heißt das noch lange nicht, dass Amy wirklich noch lebt und dass dieses Mädchen (dabei starrte Dante das Foto an) Amys Tochter ist.

“Fahren Sie nach Hause, packen Sie Sachen für eine Woche und begeben Sie sich dann direkt zum Flughafen. Dort steht unser firmeneigener Flieger bereit”, sagte Sawyer. “Moran wird die Leitung der Mission übernehmen. Lucie unterstützt die Familie vor Ort und versucht, ihnen ihre Ängste zu nehmen. Dom und Vic gehen als Backup für Moran mit und machen die Hintergrundarbeit. Koordiniert wird die Sache von hier aus.”

“Wenn der Fall abgeschlossen ist, bekomme ich zehn Tage frei”, verkündete Lucie.

“Das besprechen wir später”, antwortete Sawyer.

“Da gibt es nichts zu besprechen. Ich nehme zehn Tage frei, basta!”

Sawyers Nasenlöcher bebten. Absichtlich mied er den direkten Blickkontakt mit Lucie und sagte nichts weiter zu diesem Thema.

“Ich will jeden Tag zwei Berichte, einmal morgens, einmal abends. Ich persönlich gebe diese Info an den Gouverneur und an Sam Dundee weiter.”

Dante betrachtete den Aktenordner in seiner Hand und suchte nach weiteren Informationen über die Familie Westbrook, vor allem über Leslie Annes Mutter. Doch er fand nur nackte Tatsachen. Tessa Westbrook war G. W.s einziges Kind. Sie war fünfunddreißig, alleinerziehende Mutter einer Tochter und – sie war fünfunddreißig. Also ein Jahr älter als Amy, wenn sie noch leben würde.

In diesem Moment überfluteten jede Menge Möglichkeiten sein Gehirn, warum Leslie Anne Westbrook seiner Jugendliebe Amy Smith so unwahrscheinlich ähnlich sah. Vielleicht war Leslie Anne adoptiert worden und war in Wirklichkeit Amys Tochter? Aber hieß das automatisch, dass Amy noch am Leben war? Vielleicht war Tessa Westbrook auch eine verschollen geglaubte Verwandte von Amy, und ihre Tochter sah deshalb so aus wie sie. Vielleicht war Tessa ja auch Amy? Nein, diese Vorstellung war nun wirklich zu weit hergeholt. Und extrem unwahrscheinlich. Oder vielleicht sah Leslie Anne in der Realität Amy gar nicht so ähnlich wie auf dem Foto. Vielleicht …

Vielleicht bin ich bescheuert!

“Ist etwas nicht in Ordnung?” Dom legte Dante die Hand auf die Schulter.

Dante schüttelte den Kopf. “Nein, alles klar. Ich war gerade nur völlig in Gedanken.” Wenn er jemandem erzählte, was gerade in seinem Kopf vor sich ging, würde man ihn ganz sicher für verrückt erklären. Und das zu Recht. Wie konnte er erwarten, dass jemand verstand, dass ihn gerade seine Vergangenheit eingeholt hatte? Er gab sich zum Teil immer noch selbst die Schuld an dem, was Amy zugestoßen war. Wäre er an diesem Abend doch bloß pünktlich gewesen! Wäre er doch …

Leslie Anne musste sich die Tränen abwischen, damit sie die Straße vor sich wiedererkennen konnte. Als sie am Vortag noch vor Sonnenaufgang ihr Zuhause verlassen hatte, hatte sie keine Ahnung gehabt, wohin sie fahren wollte. Sie hatte nur gewusst, dass sie wegmusste. Sie war in das Zimmer ihrer Mutter geschlüpft und hatte aus ihrem Portemonnaie dreihundert Dollar und ihre Kreditkarte genommen, mit der sie zweitausend Dollar abgehoben hatte, bevor sie Fairport verließ. Dreißig Kilometer außerhalb der Stadt war ihr eingefallen, dass ihre Mutter und ihr Großvater ganz sicher die Polizei informieren würden, sobald ihnen ihr Verschwinden auffiel. Und der schwarze Jaguar, den Großvater ihr zu ihrem sechzehnten Geburtstag geschenkt hatte, war viel zu auffällig – man würde sie im Handumdrehen finden. Also kehrte sie um und rief ihre Freundin Hannah an, deren Eltern gerade in Europa waren. Sie schlug Hannah vor, für ein paar Tage mit ihr das Auto zu tauschen.

“Was ist denn los? Wieso haust du ab?”

“Das kann ich dir nicht sagen. Ich kann es niemandem sagen.” Sie hatte Hannahs Hand genommen und sie angefleht, ihr zu helfen. Die beiden Mädchen waren seit Sandkastentagen beste Freundinnen. “Vertrau mir. Ich muss nur einfach mal weg von hier und nachdenken.”

“Nachdenken? Worüber? Wenn du es mir erzählen würdest, könnte ich dir vielleicht helfen.”

“Niemand kann mir helfen.” Wie hätte sie Hannah erklären können, dass sich gerade ihr ganzes Leben in Luft aufgelöst hatte? Dass alles, an das sie geglaubt hatte, nichts als Lüge war? Ihr ganzes Leben war eine einzige, fette Lüge!

“Was ist denn mit deiner Mutter? Ihr erzählt euch doch sonst immer alles. Sie ist die Beste. Niemand kann …”

“Nein. Ich kann nicht mit Mama reden. Noch nicht. Vielleicht auch nie.” Hannah hatte Leslie Anne immer um das tolle Verhältnis zu ihrer Mutter beneidet. Darum konnte Leslie Anne ihr jetzt nicht sagen, wie sehr sie ihre Mutter hasste. Dafür, dass sie sie all die Jahre angelogen hatte.

Das alles war erst gestern gewesen, aber es kam ihr vor, als läge es Wochen zurück. Sie war so lange gefahren, bis es dunkel wurde, etwa gegen sieben Uhr abends. Zum Glück gab es die Sommerzeit. Es war eine ganz neue und spannende Erfahrung gewesen, in einem Motel zu übernachten. Selbst als sie bar zahlte, hatte der Mann hinter dem Tresen keine Fragen gestellt. Er hatte ihr einfach den Schlüssel ausgehändigt und ihr gesagt, Check-out sei um elf Uhr. Ganz allein an dem fremden Ort hatte sie allerdings nur ein paar Stunden geschlafen. Immer wieder war sie aufgewacht, weil schreckliche Albträume sie plagten. In ihrem Kopf spielte sich immer wieder der fürchterliche Moment vom Vortag ab, als sie dieses Päckchen öffnete, das an sie adressiert war. Und den Brief las, der die beigefügten Zeitungsausschnitte erklärte.

Leslie Annes Magen knurrte und erinnerte sie daran, dass sie weder gefrühstückt noch zu Mittag gegessen hatte. Es war gleich zwei Uhr nachmittags. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass es an der Interstate 59 so wenige Raststätten gab, an denen sie etwas Anständiges hätte essen können. Das letzte Schild hatte angekündigt, sie werde in etwa fünfzehn Minuten den Ort Meridian erreichen. Dort gab es bestimmt mehrere Schnellrestaurants und sie könnte sich einen Burger und Pommes holen.

Sie versuchte, nicht an den Brief und die Zeitungsausschnitte über den Serienmörder zu denken, der vor zehn Jahren in Texas hingerichtet worden war. Aber es gelang ihr nicht. Als sie den Brief das erste Mal las, hatte sie es nicht glauben wollen. Sie war sogar sofort zu ihrer Mutter gegangen, um von ihr zu hören, dass alles gelogen war. Doch in dem Moment, als sie ihrer Mutter gegenüberstand und die sie anlächelte, war sie wie erstarrt und völlig unfähig gewesen, auch nur ein Wort zu sagen.

“Ist etwas, Schatz?”, hatte ihre Mutter gefragt. “Du siehst traurig aus.”

Leslie Anne hatte den Kopf geschüttelt und eine Lüge zustande gebracht. “Ich hab nur Kopfschmerzen. Vielleicht kann Eustacia mir das Essen aufs Zimmer bringen.”

Vielleicht hätte ich Mama doch von dem Päckchen erzählen sollen. Vielleicht hätte ich nicht einfach wegrennen sollen.

Genau diese Zweifel und diese Unentschlossenheit waren der Grund dafür gewesen, dass sie Fairport verlassen hatte. Sie konnte ihre Mutter und ihren Großvater einfach nicht mit diesen schlimmen Vorwürfen konfrontieren – nicht, bis sie nicht alles genau verstanden und ihre eigenen Gefühle geordnet hatte. Selbst wenn jedes Wort in diesem Brief stimmte – wie wahrscheinlich war es, dass ihre Mutter die Wahrheit zugeben würde? Falls es überhaupt die Wahrheit war.

Sie hätte doch nur wieder gelogen. Das weißt du doch ganz genau. Schließlich hat sie dich jahrelang belogen.

Als sie noch nicht in der Schule gewesen war und ihre Mutter gefragt hatte, warum sie nicht wie alle anderen Kinder einen Vater hätte, hatte ihre Mutter gesagt, ihr Vater sei tot. Für eine Vierjährige reichte diese Begründung. Und als sie später, mit zehn, mehr wissen wollte, hatte ihr Großvater erklärt, dass ihre Eltern noch Teenager und nicht verheiratet gewesen wären und dass ihr Vater bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen sei. Der Name ihres Vaters, so hatte Großvater behauptet, sei John Allen gewesen. Erst mit vierzehn, als ihr per Zufall ihre Geburtsurkunde in die Hände fiel, hatte Leslie Anne die Wahrheit erfahren. In der Spalte, wo “Name des Vaters” stand, war “unbekannt” eingetragen. Seitdem fragte sie sich so einiges. Hatte es diesen John Allen wirklich gegeben, oder war er nur ein Fantasieprodukt ihres Großvaters? War ihre Mutter vielleicht mit mehreren Männern zusammen gewesen und wusste nicht, wer der Vater war? War ihr echter Vater irgendwo da draußen und wusste nicht einmal, dass er eine Tochter hatte? Ihre Mutter und ihr Großvater waren standhaft bei der Geschichte von John Allen geblieben, aber Leslie Anne wusste, dass das gelogen war. Doch erst seit sie vor zwei Tagen dieses teuflische Päckchen erhalten hatte, verstand sie, warum man sie all die Jahre belogen hatte.

Wenn die Wahrheit so schrecklich ist, zu schmerzlich, dann kann nur eine Lüge einen selbst und die, die man liebt, vor der grausamen Realität beschützen.

2. KAPITEL

Das Anwesen der Familie Westbrook bestand aus einem Grundstück von zweihundert Hektar und einem Herrenhaus aus der Zeit vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg, das seit fünf Generationen im Besitz der Familie von G. W.s Frau war. Ihr Vorfahre John Leslie hatte sich am Mississippi niedergelassen, noch bevor das Land in Bundesstaaten aufgeteilt war. Sein Sohn hatte das Haus vor dem Bürgerkrieg erbaut, und seitdem lebte die Familie kontinuierlich hier, etwa zehn Kilometer entfernt von der am Mississippi gelegenen Stadt Fairport. Um Leslie Plantation, wie das Anwesen auch genannt wurde, rankten sich viele Legenden und Geschichten, die zum Teil bis in die Zeit Anfang des achtzehnten Jahrhunderts zurückreichten. Die Stadt Fairport war nicht so bekannt wie die Nachbarstadt Natchez, blickte jedoch auf eine ebenso traditionsreiche Geschichte zurück. Heute gründete sich die wirtschaftliche Entwicklung von Fairport auf zwei Faktoren – den Tourismus und das erst zehn Jahre alte Industriegebiet, das überwiegend aus kleinen und mittelständischen Betrieben bestand, die sich fast ausnahmslos im Besitz von G. W. Westbrook befanden.

Als Dante den Mietwagen aus der schläfrigen Kleinstadt, die sich seit den Sechzigerjahren nicht großartig verändert hatte, herauslenkte, summte Lucie Evans den peppigen Rhythmus eines Songs mit, der gerade im Radio lief. Sie schien dabei völlig in die Akte vertieft zu sein, in der die Informationen über die Westbrooks zusammengefasst waren. Normalerweise war Lucie lebhaft und gesprächig, aber heute war sie erstaunlich ruhig, schon seit der Dundee-Privatjet auf dem kleinen Natchez-Adams-County-Flughafen gelandet war. Es war kein kommerzieller Flughafen, aber die Landebahn war immerhin lang genug, dass hier auch Boeings vom Typ 737 landen konnten.

Sie hatten gerade schon Dom Shea und Vic Noble im Büro des Sheriffs von Fairport abgesetzt, die sich dort über die neueste Entwicklung im Fall Leslie Anne Westbrook informieren und ihre Arbeit mit den zuständigen lokalen Behörden abstimmen wollten. Dante hatte vor, zu ihnen zu stoßen, sobald er G. W. kennengelernt und Lucie im Haus der Familie abgesetzt hatte. Aus den von Daisy Holbrook aktualisierten Informationen, die die Sekretärin den Agenten noch kurz vor dem Abflug in Atlanta in die Hand gedrückt hatte, vermutete Dante, Lucie würde es mit G. W. nicht leicht haben. Eigensinnig, stur und gewohnt, mit seinem Geld und seinem Einfluss immer alles zu erreichen, was er wollte, hörte G. W. sicher nicht gern Ratschläge von anderen. Lucie würde alle Hände voll zu tun haben, damit er ihnen nicht dazwischenfunkte. Wahrscheinlich würde Lucie gemeinsam mit Tessa Westbrook versuchen, den Patriarchen unter Kontrolle zu halten. Ms. Westbrook, die im Gegensatz zu ihrem Vater als besonnen galt, hatte sicher genügend Einfluss auf den Alten, um ihn im Zaum zu halten.

“Was steht denn so Interessantes in der Akte?”, wollte Dante wissen und fragte sich, ob er vielleicht etwas Wichtiges übersehen hatte, als er die Akte während des Fluges studiert hatte. Zugegebenermaßen hing sein Interesse an dem Fall mehr mit der Ähnlichkeit des verschwundenen Mädchens mit Amy zusammen als mit irgendetwas anderem.

“Ich weiß nicht”, erwiderte Lucie. “Wenn man das so liest”, sie wedelte mit der Akte, “hat man das Gefühl, man hätte das Drehbuch für eine Daily Soap in der Hand. Irgendwie scheint es im Leben der Superreichen immer eine Tendenz zur Melodramatik zu geben.”

“Was ist das Melodramatische bei den Westbrooks?”

“Machst du Witze? G. W. stammt aus bescheidenen Verhältnissen und heiratet in eine reiche Familie ein. Es gelingt ihm, das Familienvermögen mehr als zu verdreifachen. Seine geliebte Tochter Tessa, Einzelkind, hat mit achtzehn einen schrecklichen Autounfall, den sie nur um Haaresbreite überlebt. Ihr damaliger Freund, vermutlich der Vater ihrer Tochter Leslie Anne, stirbt bei dem Unfall. Vier Jahre später stirbt G. W.s Ehefrau an einem langjährigen Krebsleiden. Und G. W.s jüngere Schwester, die Schwester seiner Frau, seine Nichte, seine Freundin und ihr Sohn werden alle von G. W. finanziell unterstützt.”

“Danke, das reicht.” Dante blickte kurz zu Lucie hinüber und grinste.

“Okay. Aber jetzt weißt du, was ich meine, oder? Das ist doch original wie bei Dallas.”

“Aber für uns geht es nur um einen ausgerissenen Teenager”, versuchte Dante sich selbst zu überzeugen. Vor allem aber wollte er sich auf jeden Fall davon überzeugen, dass es keinerlei Zusammenhang zwischen Ms. Leslie Anne Westbrook und Amy Smith gab.

“Das glaubst du doch nicht im Ernst. Bei den Ultrareichen ist nie irgendetwas einfach. Ich wette mit dir um einen Wochenlohn, dass es irgendeinen delikaten, skandalösen Grund dafür gibt, warum die Göre von zu Hause abgehauen ist.” Lucie steckte die einzelnen Blätter zurück in den Ordner auf ihrem Schoß. “In jeder Akte steht, dass das Mädchen blitzsauber ist. Null Probleme. Ein wohlerzogener, glücklicher Teenager, der seine Familie vergöttert.”

“Vielleicht stimmt ja nicht, was da in den Akten steht. Oder man weiß eben nicht alles.”

“Das wollte ich damit sagen. Wir kennen nicht alle Fakten. Und ich möchte darauf wetten, dass wir sie auch weder von G. W. noch von Tessa erfahren werden.”

Dante bremste, als ein riesiges schmiedeeisernes Tor vor ihnen auftauchte. Beeindruckend. Verdammt beeindruckend.

“Sieh dir das an!” Lucie ließ einen lauten Pfiff hören. “Southfork, wir kommen.”

“Ich wette, Leslie Plantation sieht eher aus wie eine der Villen aus Vom Winde verweht als J.R. Ewings bescheidene Hütte.”

“Hmm. Mal sehen, ob Tessa Westbrook dann auch was von Scarlett O'Hara hat.”

Dante kicherte, als er den Wagen vor dem Tor anhielt. An der Sprechanlage nannte er den Code, den ihm Sawyer McNamara mitgeteilt hatte. Das Eisentor schwang auf und gab den Blick auf die lange, gepflasterte Auffahrt frei. Zwei Kilometer später tauchte das Herrenhaus in ihrem Blickfeld auf. Dante hatte recht gehabt – es war eine Südstaatenvilla wie aus dem Bilderbuch. Weiße Säulen rahmten Seiten und Front der riesigen, gepflegten Villa ein. Kaum war er vor dem Gebäude vorgefahren, öffnete sich die große Doppeltür, und ein großer, schlaksiger Mann mit grauen Haaren eilte auf die Veranda. Der Mann trug einen schlichten schwarzen Anzug, weißes Hemd und schwarze Fliege. Obwohl der Mittsechziger eine gewisse Würde ausstrahlte, war klar, dass es sich bei ihm nicht um G. W. Westbrook handelte. Es musste der treue Butler oder Assistent des Hausherrn sein.

Der Mann eilte auf Lucie zu, als sie die Wagentür öffnete. “Guten Tag, Ma'am”, sagte er mit tiefer Stimme und breitem Südstaatendialekt. “Ms. Evans, vermute ich”, er blickte über die Motorhaube hinüber zu Dante, “… und Mr. Moran.” Er streckte seine Hand aus, um Lucie behilflich zu sein.

“So ist es”, sagte Dante. “Und Sie sind?”

“Hal Carpenter, Sir. Chauffeur und Butler der Familie.”

“Doppelbelastung, was?”, meinte Lucie.

“Ja, Ma'am. Mr. Westbrooks Personal ist nie nur für eine Aufgabe zuständig.”

“So spart man Geld, würde ich sagen”, sagte Dante.

Mr. Carpenter nahm Haltung an. “Wenn Sie mir bitte folgen möchten? Mr. G. W. und Miss Tessa erwarten Sie in der Bibliothek. Sie sind schon sehr gespannt auf Sie.”

Lucie grinste Dante an. Ihr Blick besagte: “Der hat dich ja ganz schön auflaufen lassen”. Rasch folgte sie Mr. Carpenter. Als sie die dreigeschossige Eingangshalle erreichte, bemühte sie sich, ihre Bewunderung nicht allzu offen zu zeigen und nutzte die Gelegenheit, um dem Chauffeur und Butler in Personalunion eine Frage zu stellen.

“Mr. Carpenter, haben Sie vielleicht eine Ahnung, warum Leslie Anne weggelaufen sein könnte?”

Der Mann hielt kurz inne und antwortete dann: “Tut mir leid, Ma'am. Wir alle haben keine Ahnung, was Miss Leslie Anne dazu veranlasst hat, einfach so zu verschwinden.”

“Sie halten es also nicht für möglich, dass sie entführt wurde?”, schaltete sich Dante ein.

“Nein, Sir.” Mr. Carpenter blieb kurz vor einer geschlossenen Schiebetür stehen, die vermutlich zur Bibliothek führte. “Wenn Sie gleich Mr. G. W. treffen, bedenken Sie bitte die Umstände. Er und Miss Tessa sind wirklich äußerst besorgt …”

Lucie tätschelte Mr. Carpenter beruhigend den Rücken. “Geht klar.”

Ach so ist das, dachte Dante. Mr. Carpenter hatte ihnen gerade durch die Blume geraten, den alten Mann nicht allzu sehr zu belasten und ihm keine unbequemen Fragen zu stellen. Und falls sich Mr. G. W. aufführen sollte wie ein wild gewordener Geisteskranker, sollten sie ihm das doch bitte nachsehen. Er war ja so in Sorge wegen seiner Enkeltochter.

Der Butler nickte, dann klopfte er leise an. Ohne auf Antwort zu warten, schob er die Tür auf und verkündete: “Ms. Evans und Mr. Moran von der Agentur Dundee.”

Ein großer, kräftiger Mann mit zurückgehendem Haaransatz, den er durch sein extrem kurz geschnittenes schlohweißes Haar offensichtlich zu vertuschen suchte, stand vor einem knapp einen Meter achtzig hohen Kamin, der zu beiden Seiten von Bücherregalen flankiert wurde. Mit wachen braunen Augen fixierte er Lucie und Dante. Er musterte sie schnell, aber intensiv.

“Kommen Sie doch herein.” G. W.s Worte klangen wie ein Befehl, nicht wie eine Einladung.

Lucie betrat als Erste den Raum, ein zaghaftes Lächeln auf den Lippen, die Hand nur halb ausgestreckt, wie um sie beim geringsten Anzeichen von Feindseligkeit sofort zurückziehen zu können. Dante folgte ihr über die Türschwelle, blieb aber dort stehen und schaute sich erst einmal im Raum um. Sein Blick blieb auf der Frau hängen, die sich jetzt links vom Kamin aus einem Ledersessel erhob. Die Frau erwiderte seinen Blick. Einen Augenblick lang schien Dantes Herz auszusetzen. Sie besaß die gleichen strahlend blauen Augen wie Amy – das Blau eines Sommertags. Doch der Augenblick ging vorbei, und Dante nahm Tessa Westbrook genauer in Augenschein. Sie war in etwa so groß wie Amy, doch ihr Haar war dunkler und sie war dünner als Amy. Er versuchte, sie nicht allzu sehr anzustarren, doch es gelang ihm nicht. Es gab zwar eine vage Ähnlichkeit, aber diese Frau war nicht Amy Smith.

Nicht meine Amy.

“Nun, junger Mann. Stehen Sie nicht einfach herum und begaffen meine Tochter. Kommen Sie her, damit wir anfangen können.” G. W.s mürrischer Blick traf Dante.

“Danke, dass Sie so schnell gekommen sind.” Tessa wandte den Blick von Dante ab und ging auf Lucie zu. Die beiden schüttelten sich höflich die Hände. “Wir machen uns wahnsinnige Sorgen um Leslie Anne.”

“Das kann ich mir vorstellen”, erwiderte Lucie. “Sie können sicher sein, dass wir von Dundee alles erdenklich Mögliche tun werden, um Ihre Tochter zu finden und sicher wieder zu Ihnen zurückzubringen.”

Tessa sah Dante an. “Bitte entschuldigen Sie die Grobheit meines Vaters, aber er ist nun mal recht unverblümt, vor allem, wenn er sich Sorgen macht.”

Höflich, aber nicht freundlich, dachte Dante. Tessa Westbrook besaß die coole elegante Schönheit, bei der jeder Mann sich die Frage stellte, ob hinter dieser schicken, beherrschten Fassade womöglich das Feuer der Leidenschaft brannte. Trotz einer gewissen physischen Ähnlichkeit zu Amy waren die beiden Frauen so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Tessa verkörperte genau das, was man von der Tochter eines Multimillionärs erwartete. Sie trug eine teure, maßgeschneiderte Hose, passende Stiefeletten und einen schicken Kaschmirpullover. Alles an der Frau schrie Geld.

“Du musst dich nicht für mich entschuldigen, Kleines. Ich bin mir sicher, Mr. Moran sind schon schlimmere Exemplare als ich über den Weg gelaufen. Nicht wahr, Mr. Moran?”

“In der Tat, Sir. Zu meinen Zeiten als Geheimdienstagent sind mir alle möglichen komischen Typen begegnet, auch ein paar sehr mächtige Businessmogule mit göttlichen Anwandlungen.”

Absolute Stille. Dann ließ G. W. ein lautes, herzliches Lachen vernehmen. Er ging auf Dante zu. “Treffend bemerkt, junger Mann, treffend bemerkt.” G. W. streckte ihm die Hand entgegen, die Dante seinerseits ergriff. Die beiden schüttelten sich die Hand.

“Warum setzen wir uns nicht?” Tessa machte eine einladende Geste mit ihrem Arm, wodurch ihr ein breites goldenes Armband über das Handgelenk rutschte. “Hätten Sie gern einen Kaffee oder einen Tee oder …”

“Falls Sie nichts dagegen haben, Ms. Westbrook, würde ich gern sofort zur Sache kommen”, sagte Dante. “Denn sobald wir unser Gespräch beendet haben, werde ich meine beide Kollegen von Dundee bei der Suche nach Ihrer Tochter unterstützen. Ms. Evans wird bei Ihnen bleiben und von hier aus den Fall bearbeiten.”

“Dann wollen wir mal”, sagte G. W. “Was brauchen Sie von uns?”

“Jede Information, die uns helfen könnte, Leslie Annes Aufenthaltsort zu finden”, antwortete Lucie.

“Wir haben alles auf Mr. McNamaras Anweisung hin zusammengetragen”, sagte Tessa. “Zunächst ist da die Liste ihrer besten Freundinnen.”

G. W. nahm ein Blatt Papier vom Mahagonischreibtisch und reichte es Dante. “Wir haben schon mit allen Personen auf dieser Liste gesprochen, und keine von ihnen weiß …”

“Wissen Sie, manchmal erzählen Jugendliche den Eltern nicht das, was sie einem Privatermittler erzählen würden”, erklärte Dante.

Lucie sah von Tessa zu G. W. “Wenn wir wüssten, was der Auslöser für Leslie Annes plötzlich Verschwinden war, wäre das eine große Hilfe …”

“Wir haben keine Ahnung”, unterbrach G. W. sie ein bisschen zu plötzlich.

Dante vermutete, falls der alte Mann den wahren Grund nicht wusste, so hatte er doch sicher eine Ahnung. “Was meinen Sie, Ms. Westbrook?”, wandte er sich an Tessa. “Warum glauben Sie, ist Ihre Tochter weggelaufen?”

“Ich habe Ihnen doch gesagt, wir haben nicht den blassesten Schimmer.” G. W. legte den Arm um die schmächtigen Schultern seiner Tochter.

“Ist das richtig?” Dante sah Tessa direkt an.

Tessa rieb nervös ihren Hals und lenkte damit unabsichtlich die Aufmerksamkeit nicht nur auf die großen Diamantohrringe, die sie trug, sondern auch auf eine Strähne ihrer goldblonden Haare, die sich widerspenstig auf dem hohen Plüschkragen ihres roten Pullovers kringelte. “Leslie Anne hat keinen Grund, von zu Hause wegzulaufen”, wiederholte Tessa. “Ihr Leben ist nahezu perfekt.”

Dante ließ seinen Blick weiter auf Tessa gerichtet. Er wollte ihr das hochgesteckte Haar lösen. War ihr Haar so lang und seidig wie Amys? Selbst jetzt, nach siebzehn Jahren, konnte er noch spüren, wie Amys Haare über seine Brust strichen, während sie auf ihm saß und sie miteinander schliefen.

Sie ist nicht Amy, ermahnte er sich. Amy ist tot.

“Falls das der Fall sein sollte und ihr Leben nahezu perfekt ist, wieso sind Sie dann so sicher, dass sie nicht entführt wurde?”, fragte Dante.

Tessa antwortete: “Weil sie …”

“Was interessiert das?”, fuhr G. W. dazwischen. “Welchen Unterschied macht das schon? Sie ist weg!”

Tessa drückte sanft die Hand ihres Vaters. “Lass doch, Daddy. Wir sollten den beiden von Leslie Annes Nachricht …”

“Welche Nachricht?”, hakte Lucie sofort ein.

Tessa sah ihren Vater an, als ob sie seine Erlaubnis abwarten wollte. Er nickte. Sie drückte noch einmal seine Hand, dann sah sie von Lucie zu Dante. “Leslie Anne hat mir einen Zettel mit einer Nachricht hinterlassen.” Tessa griff in ihre Hosentasche und zog einen neonpinkfarbenen Zettel hervor.

Als wären sie die beiden Einzigen im Zimmer, ging Tessa direkt zu Dante hinüber und drückte ihm den Zettel in die Hand. Dabei berührte sie ihn. Die beiden starrten einander an, und ein seltsames Gefühl durchzuckte Dante.

Er zwang sich, die Spannung zwischen ihnen zu brechen, und las die Nachricht, die Leslie Anne für ihre Mutter hinterlassen hatte.

Mama, du hast mich schon wieder belogen, nicht wahr? Aber jetzt kenne ich die Wahrheit. Das heißt, ich glaube, es ist die Wahrheit. Warum konntest du bloß nicht ehrlich zu mir sein? Ich hasse dich und Großvater dafür. Ich bin verwirrt. Ich muss für mich selbst herausfinden, was wirklich stimmt und was ich von mir selbst halten soll. Versucht gar nicht, mich zu finden, denn ich werde erst wieder zurück nach Hause kommen, wenn ich bereit dazu bin. Falls ich überhaupt noch mal zurückkomme!

Dante hob den Blick. Tessa stand nur wenige Zentimeter neben ihm, angespannt, die blauen Augen hinter einem Schleier von Tränen. “Worüber haben Sie Ihre Tochter belogen? Auf welche Wahrheit bezieht sie sich?”

“Meine Güte, Moran! Das ist doch alles Unsinn”, sagte G. W. “Das Mädchen ist sechzehn. Sie ist im Moment etwas verwirrt, das ist doch normal in diesem Alter. Was diese Fantasiegeschichte soll, dass wir sie belogen hätten, weiß ich nicht. Aber es spielt ja auch nicht wirklich eine Rolle. Das Einzige, was eine Rolle spielt, ist, dass sie so schnell wie möglich gefunden wird, bevor sie am Ende noch in Schwierigkeiten gerät.”

“Daddy, bitte.” Tessa sah Dante flehend an. Die Muskeln in seinem Magen verkrampften sich. “Wir haben … Ich habe meine Tochter ihr ganzes Leben lang belogen. Aber nur, um sie zu schützen.”

“Um sie wovor zu schützen?”, wollte Dante wissen.

“Vor meiner Vergangenheit.”

Dante stockte der Atem. Nein. Tu dir das nicht an. Tessa Westbrook hat nichts mit Amy Smiths Vergangenheit zu tun. Und das weißt du auch, verdammt.

“Tessa, nicht!” G. W. hatte die Worte kaum ausgesprochen, als sich seine Tochter zu ihm umdrehte und ihn böse anfunkelte.

Mit einem tiefen Seufzer wandte sie sich dann wieder Dante zu. “Ich habe Leslie Anne über ihren echten Vater nicht die Wahrheit gesagt. Wir … Ich habe sie in dem Glauben gelassen, sie wäre das Ergebnis einer Affäre, die ich als Teenager mit einem jungen Mann namens John Allen hatte. Aber es gab nie einen John Allen.”

Jetzt musste er Tessa die Frage stellen, die ihm schon auf der Zunge brannte, seit er zum ersten Mal Leslie Annes Foto gesehen hatte. “Wer sind dann Leslie Annes biologische Eltern?”

“Wollen Sie damit andeuten, dass meine Tochter adoptiert ist?” Tessa sah ihn fragend an.

Dante nickte.

“Nein, Mr. Moran. Sie ist nicht adoptiert. Ich bin Leslie Annes leibliche Mutter.”

“Und ihr Vater?”

Ein Ausdruck von unerträglichem Schmerz und unsagbarer Seelenqual machte sich auf Tessas Miene breit. “Leslie Annes Vater war ein Monstrum. Das Monstrum, das mich vergewaltigt hat.”

Leslie Anne fuhr am ersten Rastplatz in Alabama von der Interstate 59 ab. Sie hatte zum Mittagessen eine große Cola light getrunken und war kurz davor, sich in die Hose zu machen, so dringend musste sie. Drei Sattelschlepper standen auf dem einen Parkplatz, und verschiedene andere Fahrzeuge füllten den anderen zur Hälfte. Leslie Anne parkte dort, stieg aus und ging hinüber zum Gebäude. Die Reinigungsfrau begrüßte sie freundlich. Leslie Anne ging auf die Toilette und wusch sich anschließend die Hände. Mund und Lippen fühlten sich trocken an, also kramte sie in ihrer Handtasche nach Lipgloss. Als sie den Stift an die Lippen führen wollte und dabei in den Spiegel sah, erstarrte sie mitten in der Bewegung. Sie betrachtete das Gesicht, das sie vor sich sah.

Sie hatte die blonden Haare und die schlanke Figur ihrer Mutter geerbt, aber schon jetzt, mit sechzehn, war sie acht Zentimeter größer. Aber ihre Nase, ihre Mundpartie und überhaupt das Gesicht waren ganz anders als das ihrer Mutter.

Leslie Annes Herzschlag beschleunigte sich.

Hatte sie seine Nase? Seinen Mund? Hatte ihr Gesicht dieselbe Form wie seines?

Es war durchaus möglich. Falls die Informationen, die sie erhalten hatte, wahr waren – und wer sollte schon so etwas Grässliches erfinden? – dann war er ihr Vater. Dann floss sein teuflisches Blut in ihren Adern. Hatte er ihr am Ende seine schrecklichen kriminellen Gene vererbt?

Das Lipgloss fiel Leslie Anne aus der Hand und landete mit einem Klirren im Waschbecken. Leslie Anne versuchte die Tränen herunterzuschlucken, nahm das Döschen und stopfte es wieder in ihre Handtasche.

“Liebes, ist alles in Ordnung?”, fragte eine freundliche Stimme.

Leslie Anne wischte sich die Tränen ab. Hinter ihr stand eine Oma mit liebem Gesicht, zwei Kinder im Vorschulalter im Schlepptau. Sie sah Leslie Anne mit mütterlicher Sorge an.

“Ja, Ma'am, alles in Ordnung. Ich hab nur eine Wimper ins Auge bekommen, das ist alles.”

Leslie Anne huschte aus der Toilette und zurück zum Wagen ihrer Freundin Hannah. Hastig stieg sie ein, verriegelte die Türen und öffnete das Handschuhfach. Aus der Box nahm sie ein Taschentuch, wischte sich die Tränen ab und putzte sich die Nase. Das benutzte Taschentuch stopfte sie in den Aschenbecher und nahm dann den Briefumschlag, der im Fußraum des Beifahrersitzes lag. Ihre Hände zitterten, als sie ihn öffnete und die Zeitungsausschnitte sah. Sie suchte nach Bildern, auf denen das Gesicht des Mannes zu erkennen war. Bei manchen Artikeln gab es gar kein Bild von ihm, oder er war nur von der Seite zu sehen oder hielt die Hand vors Gesicht. Gerade als sie glaubte, es wäre kein Bild von seinem Gesicht dabei, fand sie doch eins.

Da sieht man ihn!

Das Bild war im Gerichtssaal in Texas aufgenommen worden, kurz nachdem er schuldig gesprochen und zum Tod verurteilt worden war. Er sah wütend aus. Leslie Anne studierte seine Züge und entdeckte keinerlei Ähnlichkeit mit sich selbst. War das wirklich so oder sah sie nur, was sie sehen wollte? Sie wollte nicht, dass dieser Mann ihr Vater war. Und wenn er es war, wollte sie auf keinen Fall aussehen wie er.

Bitte, lieber Gott, lass ihn nicht mein Vater sein. Das könnte ich nicht ertragen.

Mein Plan geht sogar besser auf, als ich dachte. Leslie Anne hat offensichtlich alles geglaubt, was ich in meinem Brief geschrieben habe. Warum sonst wäre sie wohl weggerannt? Wenn ich Glück habe, verschwindet sie sogar ganz von dieser Erde. Vielleicht erledigt sie ja zufällig jemand und erspart mir selbst dadurch die Mühe. Die Existenz dieser verwöhnten Göre ist eine Beleidigung für jeden anständigen Menschen auf dieser Welt. Man hätte sie gleich nach ihrer Geburt ertränken sollen. Wenn sie erst mal nicht mehr ist, wird mich nichts davon abhalten, mir zu holen, was ich schon immer haben wollte.

Und was mir zusteht.

Ja, natürlich. Es steht mir zu.

Aber was, wenn diese Dundee-Agenten, die G. W. engagiert hat, sie finden und nach Hause zurückbringen? Was mache ich dann?

Dann bleibt mir keine andere Wahl. Dann muss ich sie umbringen. Ich wusste, dieser Tag würde kommen. Es ist ja nicht so, dass ich damit etwas Falsches tun würde. Den Keim des Satans zu vernichten, ist Gottes Werk. Und wenn ich aus ihrem Tod einen persönlichen Nutzen ziehen kann, umso besser.

3. KAPITEL

Tessa stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als Lucie Evans sie bat, mit ihr nach oben zu gehen und ihr Leslie Annes Zimmer zu zeigen. Sie hatte unbedingt der schmerzvollen Miene dieses Dante Moran entkommen wollen. Er sah aus wie jemand, der einen tödlichen Schuss abbekommen hatte und dem plötzlich klar wurde, dass er sterben musste. Komisch, dass sie seine Reaktion so stark wahrgenommen hatte. Sie entwickelte selten eine persönliche Ebene zu Fremden, aber was sie bei Mr. Moran gespürt hatte, war sehr persönlich. Er hätte auch gleich herausschreien können: “Ich bringe den Mistkerl um, der dir wehgetan hat!” Aber jetzt, als ein paar Minuten vergangen waren und sie nicht mehr direkt neben ihm stand, stellte sich Tessa die Frage, ob sie sich die leidenschaftliche Wut in Mr. Morans dunkelbraunen Augen nicht vielleicht nur eingebildet hatte.

“Alles in Ordnung?”, fragte Lucie, als sie sich dem Treppenhaus näherten.

Tessa blieb stehen. “Nur eine Handvoll Leute kennen die Wahrheit über das, was mir widerfahren ist. Dass ich vergewaltigt wurde und …”

“Schon gut”, beruhigte Lucie sie. “Sie müssen das nicht erklären.”

“Ich hoffe, Mr. Moran kommt mit Daddy zurecht.” Tessa nahm nur zu gern die Gelegenheit wahr, das Thema zu wechseln. “Ich vermute stark, die beiden werden sich in die Haare kriegen.”

“Sie machen sich doch nicht etwa Sorgen um Dante?”, fragte Lucie. “Das ist nicht nötig. Dante hätte auch den Teufel persönlich im Griff.”

“Kennen Sie ihn gut?”, fragte Tessa, während sie neben Lucie Evans die Treppe hinaufstieg.

“Wir sind gute Bekannte und Kollegen. Genau wie ich war auch er beim FBI. Dort hatte er einen ziemlich beeindruckenden Ruf. Beim Geheimdienst wusste jeder, dass man sich besser nicht mit Dante Moran anlegt. Er ist eine Art Einzelgänger, macht gern sein Ding. Deswegen hat er schließlich auch den Dienst quittiert und bei Dundee angefangen. Da dürfen wir eher unsere individuellen Qualitäten und Fähigkeiten zum Einsatz bringen – solange sich alles im Rahmen des Gesetzes bewegt.”

Als sie den Treppenabsatz erreichten, bog Tessa nach rechts. “Leslie Annes Suite ist da hinten, gleich gegenüber von meiner.”

“Suite?”

Tessa brachte ein schwaches Lächeln zustande. “Schlafzimmer, Wohnzimmer und Bad.”

“Aha.”

“Wie lange arbeiten Sie schon mit Mr. Moran bei Dundee?”

“Darf ich fragen, warum Dante Sie so interessiert?”

Tessa blieb abrupt stehen, drehte sich um und sah Lucie an. “Habe ich den Eindruck erweckt, mein Interesse sei persönlicher Natur?”

“Soll ich ehrlich sein, Ms. Westbrook?”

Tessa nickte, aber ihr Magen krampfte sich zusammen.

“Ich habe eine ziemlich gute Intuition”, sagte Lucie. “Ich scheine das Talent zu besitzen, in den Menschen lesen zu können. Wahrscheinlich habe ich deshalb auch als Profiler für den Geheimdienst gearbeitet.”

Tessa nickte wieder. Sie ahnte schon, was Lucie gleich sagen würde.

“Sie und Dante haben sich gegenseitig abgecheckt. Sogar Ihrem Vater ist aufgefallen, dass Dante Sie angestarrt hat. Was er sicher nicht bemerkt hat, war die sexuelle Spannung zwischen Ihnen beiden. Aber ich habe sie sofort bemerkt.” Lucie hob die Hand. “Und bevor Sie das jetzt bestreiten, lassen Sie mich Ihnen versichern, dass solche Dinge passieren und oft unter den seltsamsten Umständen. Wir können nicht beeinflussen, wen wir sexuell attraktiv finden und wann so etwas passiert.”

Tessas erster Impuls war, sich gegen diese Behauptung zu wehren. Sie wollte abstreiten, dass sie derart auf Dante reagiert hatte. Aber das konnte sie nicht. “Ich weiß gar nicht, was ich dazu sagen soll.”

“Ich habe das Thema nur angeschnitten, weil ich Sie warnen möchte.”

“Warnen?”

“Sehen Sie, Ms. Westbrook. Dante ist ein netter Typ, aber ihm eilt der Ruf eines Frauenhelden voraus. Sie scheinen mir eher der Typ zu sein, der auf die “Ein-Manneine-Frau”-Variante steht. Wenn dem so ist, lassen Sie besser die Finger von Dante.”

“Ich kann Ihnen versichern, dass …”

“Behalten Sie das nur einfach im Hinterkopf.”

Tessa ging nicht weiter auf das Thema ein. Es bestand überhaupt keine Notwendigkeit, dass Lucie Evans sie vor Dante Moran warnte, denn sie hatte nicht die geringste Absicht, auf die Anziehungskraft zu reagieren, die dieser Mann auf sie ausübte.

Jetzt öffnete sie die Tür zu Leslie Annes Suite und ließ Lucie eintreten. Dann folgte sie ihr und schloss die Tür. “Es ist alles noch so, wie sie es verlassen hat.”

Das Schlafzimmer war in verschiedenen Schattierungen von Pink, Weiß und Cremefarben eingerichtet. Ein Himmelbett aus Mahagoni berührte fast die Decke des etwa drei Meter hohen Raumes. Lucie vermutete, dass es sich bei dem Mobiliar durchweg um Antiquitäten handelte, die vermutlich seit mehr als einem Jahrhundert im Besitz der Familie Leslie waren.

“Wow! Dieses Zimmer würde jedes Mädchen lieben. Das ist ja wie aus einem Märchen. Einer Prinzessin würdig.”

“Genau das ist Leslie Anne auch für meinen Vater”, gestand Tessa. “Und ich auch. Er verwöhnt uns beide furchtbar.”

“Sie können froh sein, dass Ihr Vater sie so liebt.”

“Ja, bin ich auch. Er … er ist der wunderbarste Vater, den man sich vorstellen kann.” Tessa dachte nicht oft an die endlosen Monate, die sie nach ihrem “Unfall” im Krankenhaus verbracht hatte. Sie hatte unvorstellbare Schmerzen gehabt, die sie wohl nur deshalb ertragen hatte, weil ihr Vater sie mit seiner Liebe unterstützt und ihr immer wieder Mut gemacht hatte. Sie hatte so oft aufgeben und einfach sterben wollen. Immer dann hatte er ihr Stärke und Mut gegeben.

“Führt Leslie Anne ein Tagebuch?”, fragte Lucie.

“Nicht, dass ich wüsste”, antwortet Tessa. “Ich habe ihr Zimmer auch schon danach durchsucht, aber nichts gefunden.”

“Glauben Sie, Leslie Anne hat vielleicht irgendwie von der Vergewaltigung erfahren und weiß jetzt, dass sie … dass sie das Resultat dieser Vergewaltigung ist?”

“Ich weiß es nicht. Ich hoffe nicht.” Tessa nahm ein gerahmtes Foto von der Kommode. “Das war an ihrem sechzehnten Geburtstag, letzten Sommer.” Sie reichte Lucie das Bild.

“Sie sehen beide sehr glücklich aus”, stellte Lucie fest und gab Tessa das Foto zurück.

“Waren wir auch.” Tessa stellte das Bild wieder an seinen Platz. “Falls sie es herausgefunden haben sollte, kann ich mir nicht vorstellen, wie. Nur eine Handvoll Leute kennen … die Wahrheit.” Sie konnte es nicht über sich bringen, es noch einmal zu sagen. Der biologische Vater meiner Tochter ist das Monstrum, das mich vergewaltigt hat.

“Und wer weiß es?”

Tessa atmete tief ein. “Vermutlich die Polizisten, die damals mit dem Fall zu tun hatten. Aber das müssten Sie meinen Vater fragen. Er hat mich aus dem ganzen Polizei- und Gerichtskram herausgehalten.” Sie selbst war nie von der Polizei verhört worden und hatte auch nur eine vage Erinnerung an das, was man ihr über den Vorfall erzählt hatte. Später war sie ihrem Vater sehr dankbar dafür gewesen. Und auch dankbar dafür, dass G. W. Westbrook so mächtig und einflussreich war, dass er sogar das Gesetz manipulieren konnte, um sein einziges Kind zu schützen. “Und Tante Sharon. Daddy erzählte alles nur seiner Schwester, weil er meine Mutter nicht mit der Wahrheit belasten wollte. Sie hatte damals Krebs und …” Bei dem Gedanken an ihre Mutter musste Tessa die Tränen herunterschlucken. Es waren traurig-schöne Erinnerungen. “Soweit ich weiß, weiß sonst keiner, dass ich vergewaltigt wurde.”

“Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrer Tante?”, wollte Lucie wissen.

“Wie bitte?”

“Gibt es vielleicht einen Grund, warum Ihre Tante Leslie Anne etwas …”

“Ganz sicher nicht! Tante Sharon würde nie etwas tun, das Leslie Anne oder mich verletzen könnte.”

“Entschuldigen Sie, aber ich musste diese Frage stellen.”

“Ja, vermutlich. Aber allein die Vorstellung ist lachhaft. Nachdem Mom gestorben war, war Tante Sharon wie eine zweite Mutter für mich. Und Leslie Anne ist ihr Ein und Alles.”

“Ich muss Sie noch etwas fragen.”

Tessa nickte, obwohl sie Angst vor der Frage hatte. Aber schließlich machte Lucie nur ihren Job.

“Wenn Sie vorhatten, Ihrer Tochter nie die Wahrheit über ihren Vater zu sagen, warum haben Sie dann nicht einfach den Namen John Allen auf der Geburtsurkunde eintragen lassen?”

“Weil damals weder Daddy noch ich so weit gedacht haben”, sagte Tessa. “Erst als Leslie Anne im Kindergarten war und nach ihrem Vater fragte, erfand Daddy diesen Namen und die Geschichte von meinem Freund, der bei dem fiktiven Autounfall ums Leben kam.”

“Ich verstehe.”

“Wir waren der Meinung, dass diese Lüge – jede Lüge – besser für sie wäre als die Wahrheit.”

“Und was haben Sie ihr gesagt, als sie die Geburtsurkunde entdeckte?”

“Ich hätte ihr ja beinahe alles erzählt, aber Daddy kam mir zu Hilfe. Er schwor Leslie Anne, dass ihr Vater John Allen war. Er erfand sogar eine Geschichte über John: Er war ein Waisenkind, das für Daddy arbeitete. Und als dieser John und ich uns dann begegnetet sind, haben wir uns verliebt und …” Tessa seufzte. “Natürlich waren Daddy, ich und Tante Sharon nicht die Einzigen, die wussten, dass John Allen nur Daddys Fantasie entsprungen war. Die ganze Familie wusste, dass ich nie einen John Allen gekannt hatte, denn schließlich war ich praktisch mit Daddys Patensohn Charlie Sentell verlobt. Meiner Mutter hat Daddy erzählt, Leslie Anne sei Charlies Kind. Und der gute Charlie hat das Spiel mitgespielt. Die Wahrheit hat Mutter zum Glück nicht mehr erfahren.”

“Es wundert mich, dass Sie mit achtzehn schon verlobt waren.”

“Wir waren nicht wirklich verlobt. Sagen wir mal so: Daddy hatte Charlie für mich auserkoren.”

“Und warum haben Sie Charlie dann nicht geheiratet?”

“Es ging nicht.”

“Darf ich fragen warum?”

“Ich wollte nicht”, gab Tessa zu. “Charlie hat mir einen Antrag nach dem anderen gemacht. Daddy hat mich angefleht. Aber ich wollte nicht. Ich vermute, meine Weigerung hatte mit der Vergewaltigung und meinen endlosen Therapien zu tun. Ich bin mir nicht sicher. Rückblickend muss ich feststellen, dass es vermutlich besser gewesen wäre, Charlie zu heiraten.”

“Hinterher weiß man alles besser.”

“Das stimmt.” Tessa lächelte. “Gibt es sonst noch etwas?”

“Ich denke nicht.”

“Dann sollten wir wieder nach unten gehen und nachsehen, ob Daddy und Mr. Moran noch leben oder ob sie sich schon gegenseitig umgebracht haben.”

Als Tessa die Tür zu Leslie Annes Suite geschlossen hatte und sich gerade zum Gehen wandte, hielt Lucie sie am Arm fest.

“Ja?”, fragte Tessa.

“Sie sollen wissen, dass ich Sie für eine erstaunliche Frau halte und dass Ihre Tochter froh sein kann, eine so tolle Mutter zu haben.” Lucie ließ Tessa los. “Wir werden Leslie Anne finden und sie zu Ihnen zurückbringen. Gesund und munter.”

Mit tränenerstickter Stimme sagte Tessa: “Sie ahnen sicher, was meine größte Angst ist.”

“Wir werden sie finden. Vier von Dundees besten Agenten kümmern sich darum.”

Tessa betete zu Gott, dass diese besten Agenten ihr Kind retten würden. Der bloße Gedanke daran, dass ihr geliebtes kleines Mädchen dieselben Qualen erleiden müsste wie sie, war ihr schlimmster Albtraum.

Eine halbe Stunde später begleitete Lucie Dante zu ihrem Mietwagen, der immer noch vor dem Herrenhaus geparkt war. Zu Lucies Überraschung hatten Dante und G. W., als sie mit Tessa in die Bibliothek kam, bei einem Glas von G. W. bestem Bourbon vor dem Kamin gesessen und geplaudert wie zwei alte Freunde.

“Halt G. W. am kurzen Zügel”, sagte Dante. “Man sollte ihn übrigens noch mal daran erinnern, warum das Aussetzen einer halben Million Dollar Belohnung für das Auffinden seiner Enkelin keine gute Idee ist.”

“Du kommst aber so oft wie möglich vorbei, oder?”, wollte Lucie wissen. “Tessa Westbrook ist nicht so tough, wie sie tut. Jede Nachricht von dir, selbst wenn es nur die ist, dass es nichts Neues gibt, wird sie beruhigen. Sie hat natürlich panische Angst, dass Leslie Anne einem Vergewaltiger in die Hände fällt.”

“Auch ohne ihre eigene Geschichte zu kennen, ist das eine berechtigte Sorge.”

“Du wirst das Kind finden, oder?”

“Du magst Ms. Westbrook, hab ich recht?”

“Ja, ich mag sie.” Lucie sah ihn prüfend an. “Tu mir einen Gefallen. Lass diese Frau in Ruhe. Okay?”

“Was meinst du damit?”

“Jetzt versuch nicht, mir vorzumachen, du fändest sie nicht attraktiv. Ich schlage vor, du findest ihre Tochter, und damit war es das. Diese Frau sollte nicht deine nächste Eroberung sein.”

Ja, da hatte Lucie recht. Dante hatte sich über die Jahre einen gewissen Ruf in Frauenkreisen erworben. Er galt als Herzensbrecher. Aber Lucie müsste eigentlich wissen, dass er sich nie an eine Frau wie Tessa Westbrook heranmachen würde. Sie schien ohnehin alles zu haben, was sie sich wünschte. Und wenn nicht, wollte nicht er derjenige sein, der ihren Schutzschild zerstörte. Vielleicht war es nur dieser Schutzschild, der sie emotional zusammenhielt.

“Ich verspreche, dass ich nichts tun werde, was Tessa Westbrook verletzen könnte. Reicht das?”

“In Ordnung.”

Dante schlüpfte hinter das Steuer des gemieteten Chevrolets und ließ den Motor an. Instinktiv blickte er noch einmal zur Haustür, und da stand Tessa, etwa drei Meter hinter Lucie. Auf diese Entfernung und im glänzenden Licht der Nachmittagssonne sah sie wirklich atemberaubend schön aus.

Ärgerlich über sein unprofessionelles Verhalten schaltete Dante die Automatik auf D und fuhr zurück in die Stadt. Zwanzig Minuten später hatte er Dom und Vic abgeholt, und sie gingen gemeinsam die Informationen durch, die die beiden vom Sheriff bekommen hatten. Anschließend begannen sie mit der Befragung von Leslie Annes Freundinnen. Sie teilten sich die acht Personen auf, die auf der Liste standen, die ihnen G. W. gegeben hatte, mieteten zwei weitere Fahrzeuge und setzten ihre Nachforschungen fort.

“Ich habe Leslie Anne schon seit einer Woche nicht gesehen”, sagte Hannah Wright.

“Wann warst du das letzte Mal mit ihr in Kontakt?”, fragte Dante. Er war überzeugt davon, dass die junge Frau ihm nicht die Wahrheit sagte. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass die hübsche kleine Brünette mit den großen schokoladenbraunen Augen und dem knabenhaft schlanken Körper etwas über Leslie Annes Verbleib wusste.

“Sie meinen, am Telefon, oder was?” Hannah versuchte, den direkten Blickkontakt mit Dante zu meiden.

“Ja, zum Beispiel. Oder per E-Mail. Oder sonst wie.”

“Ich verstehe. Wir telefonieren eigentlich ständig. Jeden Tag.” Als ihr klar wurde, dass sie sich gerade verplappert hatte, hielt Hannah kurz inne und sagte dann lachend: “Normalerweise jedenfalls. Aber jetzt habe ich sie seit … na ja … mindestens vier Tagen nicht mehr gesprochen.”

Dante verschränkte die Arme vor der Brust und sah den Teenager mit seinem gefürchteten absolut erbarmungslosen Blick an. Das Mädchen wurde blass. Es riss die Augen auf und wich zurück.

“Spiel hier keine Spielchen, Hannah”, sagte Dante in harschem Ton. “Aus welchem Grund Leslie Anne auch ausgerissen sein mag – sie könnte sich ernsthaft in Gefahr befinden. Ein hübsches junges Mädchen ganz allein unterwegs. So was endet nicht selten mit Mord oder Vergewaltigung oder …”

“So was passiert Leslie Anne nicht.”

“Und wieso nicht?”

“Weil sie zu schlau ist. Und sie trampt ja nicht oder so.”

“Also ist sie offensichtlich mit ihrem eigenen Wagen unterwegs.”

“Das … das habe ich nicht gesagt. Wie gesagt, ich habe seit vier Tagen nicht …”

“… mit ihr gesprochen. Ja, ich weiß. Aber du kennst Leslie Anne. Du glaubst also, sie ist mit ihrem eigenen Wagen unterwegs?”

Hannah nickte nervös und zwirbelte dann eine Strähne ihrer braunen Locken um ihren Zeigefinger. Lange würde es nicht mehr dauern, bis er das Mädchen geknackt hätte und sie ihm verraten würde, was sie wusste.

“Der Polizei von Mississippi und sämtlichen Behörden liegt die Beschreibung von Leslie Annes Auto vor. Das Nummernschild ist bekannt. So ein Jaguar ist ein auffälliger Wagen, und trotzdem wurde er bisher noch nicht entdeckt. Wieso bloß?”

“Woher soll ich das wissen?”

“Haben Sie ein Auto, Ms. Wright?”

“Ich?”

“Ja, Sie.”

“Äh … ja.” Sie nickte.

“Und wo ist es?”

“Wo wohl? Natürlich in der Garage.”

“Darf ich es mal sehen?”

“Wozu?”

“Wissen Sie, ich möchte ungern Ihre Eltern mit der Angelegenheit belästigen.” Dantes Stimme nahm einen drohenden Ton an. “Aber falls Sie mir Ihr Auto nicht zeigen möchten, muss ich mich wohl mit ihnen in Verbindung setzen.”

“Das geht nicht. Sie sind in Europa.”

“Ich könnte mir vorstellen, dass sie ihren Reiseverlauf hinterlassen haben. Es wäre also nur eine Sache von …”

“Wie haben Sie das rausbekommen? Ich meine, habe ich Sie irgendwie durch mein Verhalten darauf gebracht?”

“Nur eine Vermutung”, musste Dante zugeben. “Es ist doch logisch: Man tauscht mit einer Freundin die Autos, damit die Polizei, die nach einem schwarzen Jaguar sucht, nicht fündig wird. Denn in Wirklichkeit hätten sie ja nach welchem Auto suchen müssen …?”

“Wenn ich Ihnen das sage, bringt sie mich um.” Hannah hob die Schultern und ließ den Kopf hängen, als versuchte sie, sich wie eine Schildkröte in ihrem Panzer zu verstecken.

“Und ich bin gezwungen, drakonische Maßnahmen zu ergreifen, wenn Sie es mir nicht sagen.”

Hannah sah Dante an. Sie hatte tatsächlich Angst. Wären die Begleitumstände nicht so ernst, hätte er am liebsten gelacht. Später würde er sich bei Hannah entschuldigen, dass er ihr solche Angst eingejagt hatte.

“Leslie Annes Jaguar steht in unserer Garage”, gab Hannah schließlich mit zitternder Stimme zu. “Ich habe ihr dafür meinen roten BMW überlassen.”

“Welches Modell?”, fragte Dante.

“Ein Cabrio. BMW Z4.”

“Danke, Hannah. Du hast das Richtige getan, und ich verspreche dir, dass ich bei Leslie Anne ein gutes Wort für dich einlegen werde.”

“Wirklich?”

Er grinste sie an. “Auf jeden Fall.” Angesichts der vor ihm dahinschmelzenden Hannah, nahm er rasch sein Handy aus der Tasche und rief seinen Kollegen Dom an. “Nimm Kontakt zu Vic auf und sag ihm, wir treffen uns im Büro des Sheriffs in Fairport. Außerdem muss eine Fahndung nach einem roten BMW raus, zugelassen auf …” Dante sah Hannah fragend an.

“Anson Wright”, sagte Hannah. “Der Wagen läuft auf meinen Vater.”

“Der Besitzer ist ein Mr. Anson Wright. Offensichtlich hat Leslie Anne mit einer Freundin die Autos getauscht. Das Fahrzeug, nach dem die Polizei im Moment fahndet, steht seit sechsunddreißig Stunden in der Garage der Familie Wright.”

Er beobachtete das Mädchen, als es in das Restaurant des Motels ging, und fragte sich, was ein Teenager in ihrem Alter ganz allein hier zu suchen hatte. Während sie aß, wartete er darauf, dass ein Freund oder ein Elternteil auftauchte. Doch als sie fertig war, bezahlte sie und verließ das Lokal – immer noch allein. Ihr zu folgen, war kein Problem. Sie schien überhaupt nicht mitzubekommen, was um sie herum vor sich ging, und achtete auf nichts und niemanden. Im Gang blieb er stehen und beobachtete, wie sie die Keycard ins Türschloss schob und ihr Zimmer betrat. Er schaute sich um, ob er beobachtet wurde, dann grinste er. Die Luft war rein. Mit einem leisen Pfeifen auf den Lippen ging er ganz lässig den Gang entlang bis zu ihrem Zimmer. Nummer 215.

Er richtete seine Krawatte, setzte ein freundliches, vertrauenswürdiges Lächeln auf und klopfte an die Tür der attraktiven jungen Blondine.

“Ja? Was ist?”, fragte sie durch die geschlossene Tür.

Wahrscheinlich beobachtete sie ihn durch den Türspion.

“Hallo, Miss. Bitte entschuldigen Sie die Störung. Mein Name ist Joe Thompson, Assistant Manager des Motels. Unglücklicherweise wurden von einer Person, die sich als Sicherheitsdienst des Motels ausgegeben hat, verschiedene Keycards entwendet, darunter auch die für Ihr Zimmer. Im Sinne Ihrer eigenen Sicherheit würden wir Sie daher gern in einem anderen Zimmer unterbringen.”

“Oh Gott”, wimmerte das Mädchen.

Er hatte sie. Wie einfach war das gewesen. Sie war sofort auf seine dämliche Geschichte hereingefallen. Jetzt musste er nur noch den Sack zumachen. “Bitte machen Sie sich keine Sorgen. Sie sind nicht in Gefahr. Ich werde Sie persönlich zu Ihrem neuen Zimmer begleiten.”

Die Tür öffnete sich langsam und das Mädchen schaute heraus.

Sei nett zu ihr, ermahnte er sich, und dränge sie nicht. Zeig ihr, dass du ein netter Mensch bist, dem sie hundertprozentig vertrauen kann.

“Ich helfe Ihnen gern mit Ihrem Koffer, junge Dame.” Er blieb, wo er war, und wartete höflich darauf, dass sie den nächsten Schritt einleitete. Er wollte sie auf keinen Fall misstrauisch machen. “Sie erinnern mich an meine Nichte, wissen Sie? Cathy Jo. Meine Schwester hat sie nach mir Jo genannt. Sie ist Cheerleader. Sie vielleicht auch?”

Leslie Anne schüttelte den Kopf und öffnete die Tür dann ganz. Das nahm er als Einladung. Er könnte es auch gleich hier in ihrem Zimmer erledigen, aber das war ihm zu unsicher. Am Ende wusste doch jemand, wo sie war, und platzte unerwartet herein. Es war einfach sicherer, sie in sein eigenes Zimmer mitzunehmen.

Dort wartete eine nette kleine Überraschung auf sie.

4. KAPITEL

Tessa schrak hoch, als Lucie Evans' Mobiltelefon klingelte. Seit Dante Moran vor über drei Stunden weggefahren war, hatten sie nichts mehr von ihm gehört. Ihr Vater war so rastlos und aufgewühlt gewesen, dass sie und Lucie ihn schließlich überredet hatten, einen langen Spaziergang mit seinen beiden Irischen Settern Jefferson und Davis zu machen. Glücklicherweise hatte Tessa nicht die nervöse, cholerische Art ihres Vaters geerbt. Ihre Mutter Anne war eine gelassene Frau gewesen, deren Passivität sie nach Ausbruch ihrer Krankheit leider zu einer besitzergreifenden, anhänglichen und unselbstständigen Person hatte werden lassen. Immer wieder hatte Tessa erlebt, wie ihre Mutter ihren Vater mit ihrem Seufzen oder mit Tränen manipulierte. Vermutlich hatte sie Charaktereigenschaften beider Elternteile geerbt. Obwohl auch sie von Natur aus eher ein gelassener Typ war, besaß sie einen Drang nach Unabhängigkeit, der sie des Öfteren mit ihrem Vater aneinandergeraten ließ. Vor allem stritten sie sich häufig über die beste Erziehungsmethode für Leslie Anne.

“Ich verstehe”, sagte Lucie ins Telefon. “Das sind doch gute Nachrichten.”

“Was ist los?”, fragte Tessa.

Lucie ignorierte ihre Frage und sagte: “Ja, sie ist hier. Nein, er ist mit den Hunden draußen.” Dann wandte sie sich an Tessa. “Es ist Dante, für Sie. Es gibt Neues über Leslie Anne. Und er hat noch ein paar Fragen.”

Tessa riss ihr förmlich den Hörer aus der Hand. “Haben Sie meine Tochter gefunden?” Bitte, lieber Gott, bitte!

“Nein, tut mir leid. Noch nicht. Aber es wird nicht mehr lange dauern.”

Einen Moment lang wurde Tessa von Enttäuschung übermannt, aber als Dante noch einmal ihren Namen sagte, war sie wieder voll da. “Ja, Mr. Moran. Was kann ich für Sie tun?”

“Wir haben herausgefunden, dass Leslie Anne mit ihrer Freundin Hannah Wright die Autos getauscht hat. Das heißt, die Behörden haben bisher nach dem falschen Fahrzeug gesucht.”

“Hannah hat mir geschworen, sie wüsste nichts. Aber wahrscheinlich hat Leslie Anne sie gebeten, niemandem etwas zu verraten.” Tessa versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. “Und jetzt sucht die Polizei nach dem richtigen Wagen?”

“Eine Fahndung nach dem roten BMW Z4 der Wrights ging sofort raus, und es gibt bereits drei Rückmeldungen. Ein Wagen vom selben Typ wurde leer und mit abgeschraubtem Nummernschild in Louisiana gefunden. Mein Kollege Vic ist bereits vor Ort.”

Tessa schnappte nach Luft.

“Er hat mich soeben darüber informiert, dass es sich nicht um den Wagen von Hannah Wright handelt.”

“Gott sei Dank!” Tessa stieß einen Laut der Erleichterung aus.

“Hannahs Wagen wurde mittlerweile anhand des Kennzeichens identifiziert. Er steht auf dem Parkplatz des Motel Bama in Tuscaloosa, Alabama. Die örtliche Polizei ist in diesem Moment unterwegs dorthin.”

Tränen stiegen Tessa in die Augen. “Und Leslie Anne?”

“Das wissen wir noch nicht. Aber Dom und ich sind gerade per Hubschrauber nach Tuscaloosa geflogen und befinden uns schon auf dem Weg zum Motel. Sobald wir mehr wissen, melde ich mich wieder.”

“Danke.”

“Tessa?”

“Ja?”

“Denken Sie daran: Es geht Ihrer Tochter gut. Vertrauen Sie darauf, dass wir sie bald nach Hause bringen werden. Versprechen Sie mir das?”

“Ja. Das … das kann ich machen.”

“Gut.”

Tessa hielt Lucie das Telefon hin. Erstaunlicherweise zitterte ihre Hand gar nicht. Nach außen hin war sie völlig ruhig. Aber innerlich war sie ein reines Nervenbündel.

“Hat er Ihnen dasselbe gesagt, was er mir gerade gesagt hat?”, fragte Tessa.

Lucie nickte, klappte das Telefon zu und klemmte es wieder an ihren Gürtel. “Wir können jetzt nur warten. Ich weiß, das ist nicht leicht. Aber Dante wird sich bei uns melden, sobald …”

“Es geht Leslie Anne gut, und er wird sie bald nach Hause bringen.”

Lucie lächelte. “So ist es recht. Immer positiv denken.”

Ja, das würde sie. Sie musste einfach glauben, dass ihr Kind nicht in Gefahr war, denn alles andere wäre unerträglich. Falls Leslie Anne etwas zustieße, wüsste sie nicht, was sie tun würde. Ihre Tochter war ihr Leben.

Über die gesamte Zeit der Schwangerschaft hatte sie sich immer wieder gefragt, ob sie das Kind ihres Vergewaltigers wirklich lieben könne oder ob sie es nicht doch hassen würde. Ihr Vater hatte ihr vorgeschlagen, eine Abtreibung vornehmen zu lassen, und sie hatte sich diese Möglichkeit gründlich durch den Kopf gehen lassen. Aber dann hatte ihre Mutter zufällig von ihrer Schwangerschaft erfahren, als sich zwei Krankenschwestern über Tessas Zustand unterhielten. Anne Westbrook, der man aus Rücksicht auf ihren eigenen Gesundheitszustand nicht gesagt hatte, dass ihre Tochter vergewaltigt worden war, hatte Tessa gebeten, das Kind zu bekommen. Wie hätte sie ihrer todkranken Mutter diesen Wunsch abschlagen können?

Und komischerweise war es Liebe auf den ersten Blick gewesen, als sie Leslie Anne dann zum ersten Mal im Arm hielt. Etwas in ihr – der Mutterinstinkt? – diktierte plötzlich alles, was sie fühlte und tat – damals wie heute. Eine tiefe Liebe für das Neugeborene und das Bedürfnis, es zu beschützen, hatten sich ihrer bemächtigt. Doch sie selbst war noch nicht vollständig genesen und musste sich weiterhin von den Folgen ihres “Unfalls” erholen. Daher mussten sich ihre Eltern schon gleich nach der Geburt sehr viel um Leslie Anne kümmern. Aber an dem Tag, als sie ihre Tochter zur Welt brachte, hatte Tessa sich geschworen, eines Tages wieder ganz gesund zu werden, völlig egal, wie lange sie dafür brauchen würde.

Von den schlimmen körperlichen Verletzungen hatte sie sich mittlerweile auch vollständig erholt, doch emotional war sie selbst jetzt noch, siebzehn Jahr später, alles andere als stabil.

“Das ist Ihr neues Zimmer”, erklärte der Assistant Manager, als er mit der Keycard die Tür öffnete. “Ich stelle Ihnen noch eben den Koffer rein, dann bin ich sofort weg.”

Obwohl Leslie Anne ein leichtes Unbehagen empfand – ihr Überlebenstrieb? – versuchte sie sich einzureden, dass dieser Mann einfach nur freundlich war und seinen Job erledigte.

Sie streckte die Hand nach ihrem Koffer aus. “Das schaffe ich schon allein. Vielen Dank.”

Der Mann lächelte sie an, und sie kam sich dumm vor, dass sie an seinen Motiven gezweifelt hatte. Mr. Joe Thompson. Jemand, der etwas Böses im Schilde führt, nennt ja wohl nicht seinen Namen.

“Wie Sie wünschen.” Er reichte ihr den Koffer. “Oh, und noch etwas. In Ihrem Zimmer wartet ein Obstkorb auf Sie. Ein kleines Dankeschön für Ihr Verständnis und Ihre Kooperation.”

“Oh. Tja … Vielen Dank.”

“Und wenn wir sonst noch etwas für Sie tun können, melden Sie sich einfach bei mir im Büro des Managers.”

Und damit drehte sich Joe Thompson um und ging. Leslie Anne entfuhr ein Seufzer der Erleichterung.

Ich wusste es doch. Es war albern zu glauben, der Typ hätte irgendwas mit mir vor.

Der Verkehr in Tuscaloosa war schrecklich. Vielleicht lag es an den vielen Tausend Studenten, die hier lebten und dauernd unterwegs waren. Dante trommelte ungeduldig mit den Fingern auf das Lenkrad, als sie schon wieder vor einer roten Ampel stehen bleiben mussten.

“Jetzt werd schon grün!”, brummte er vor sich hin.

“Bleib ruhig”, sagte Dom zu ihm. “Es sind schon Polizisten im Motel und gehen von Zimmer zu Zimmer. Wenn Leslie Anne Westbrook dort ist, wird man sie finden.”

“Ja, ich weiß. Aber irgendwie habe ich ein ungutes Gefühl. Mein Bauch sagt mir, dass da etwas nicht stimmt. Und mein Bauch hat meistens recht.”

“Deinen eigenen Ratschlag selbst annehmen kannst du aber nicht, oder?”

“Was?”

Die Ampel sprang auf Grün. Dante wäre am liebsten die Straße hinuntergeflogen, aber bei dem starken Verkehr schafften sie nicht mal die erlaubte Höchstgeschwindigkeit.

“Du hast doch vorhin Ms. Westbrook am Telefon gesagt, sie soll daran glauben, dass es ihrer Tochter gut geht.”

“Was hätte ich ihr sonst sagen sollen?” Vor allem, da sie selbst als Teenager vergewaltigt worden war. Tessa machte bestimmt im Augenblick die Hölle durch und war ganz krank vor Sorge bei dem Gedanken, was ihrer Tochter alles zustoßen könnte.

“Darf ich dir mal eine Beobachtung mitteilen?”, fragte Dom.

“Was redest du denn da?”

“Bei Dundee eilt dir ein gewisser Ruf voraus – der eines Mr. 'Ich-tue-die-Dinge-auf-meine-Art'. Es heißt, du bleibst immer objektiv und lässt die Fälle emotional nicht an dich heran. Zwei wichtige Eigenschaften für einen guten Agenten.”

“Und?”

“Wieso werde ich trotzdem das Gefühl nicht los, dass dich dieser Fall persönlich berührt?”

“Wie soll mich der Fall persönlich berühren? Ich kenne die Familie Westbrook überhaupt nicht.”

Dom zuckte die Schultern. “Wie gesagt, es ist mir nur aufgefallen.”

“Da ist dir was Falsches aufgefallen”, log Dante. Obwohl er sich selbst dauernd einzureden versuchte, Tessa Westbrook und ihre Tochter hätten nichts mit Amy zu tun, sagte ihm auch hier sein Bauchgefühl etwas anderes. Es musste eine Verbindung zwischen den beiden Frauen geben – welche, wusste er noch nicht. Aber er würde es herausfinden.

“Mein liebes Mädchen! Warum hast du uns nicht gesagt, was passiert ist?” Umgeben von einer Wolke aus Lavendel rauschte Myrle Poole in die Bibliothek, ihr kinnlanges, platinblondes Haar peitschte leicht ihre geschminkten Wangen. Ihre mit Ringen geschmückte linke Hand strich über den lavendelfarbenen Seidenschal, der perfekt zu dem lila Wollkostüm passte.

Hal Carpenter stand draußen in der Halle. Mit einem Blick entschuldigte er sich bei Tessa für die abrupte Störung, die er nicht hatte verhindern können. “Mrs. Poole ist hier”, sagte er nun verspätet. “Und Miss Celia wartet im Foyer auf Mr. Sentell, der gerade den Wagen parkt.”

Tessa stöhnte innerlich. Die gesamte Verwandtschaft marschierte also auf. Sie hatte gewusst, es war nur eine Frage der Zeit – obwohl ihr Vater und sie beschlossen hatten, niemandem aus der Familie von Leslie Annes plötzlichem Verschwinden zu berichten. Myrle, die Schwester ihrer Mutter, und ihre Tochter Celia hatten sich zusammengetan mit Charlie, dem Patensohn ihres Vaters. Sie bildeten die erste Invasionswelle. Und wenn diese drei von dem Vorfall erfahren hatten, würden die anderen auch bald davon hören – wenn sie es nicht schon wussten.

Myrle packte Tessa an der Schulter, küsste sie auf die Wange und umarmte sie dann fest. “Sicher wollte G. W. nur nicht, dass wir uns Sorgen machen, aber er hätte mich trotzdem sofort informieren müssen. Immerhin ist unsere liebe Leslie Anne die einzige Enkelin meiner Schwester.”

Tante Myrle hatte einen leichten Hang zur Melodramatik. Eine der Charaktereigenschaften der Familie Leslie, die Tessa glücklicherweise nicht geerbt hatte.

Tessa erwiderte die Umarmung ihrer Tante, wenn auch weniger leidenschaftlich. “Daddy und ich dachten, Leslie Anne würde von selbst wieder nach Hause kommen. Kein Grund also, noch mehr Leute zu beunruhigen.”

“Habt ihr immer noch nichts von ihr gehört? Oh, wie furchtbar. Und man weiß nicht, was dem armen Kind zugestoßen ist?”

“Ich bin sicher, es geht Leslie Anne gut”, schaltete sich Lucie Evans ein.

Myrle richtete ihren Blick auf die Agentin, und ihre blauen Augen verengten sich zu einem schmalen Schlitz, während sie die Fremde inspizierte. “Und wer sind Sie?”

“Tante Myrle, das ist Lucie Evans von der Detektei Dundee. Daddy hat das Unternehmen engagiert, damit es die Polizei bei der Suche nach Leslie Anne unterstützt. Lucie, wenn ich Ihnen meine Tante vorstellen darf – Mrs. Myrle Leslie Poole.”

“Was ist die Detektei Dundee?”, fragte Myrle.

“Und wenn sie nach Leslie Anne suchen, was macht diese Frau dann hier?”, fragte Celia Poole, als sie die Bibliothek betrat.

Tessa zwang sich, eine freundliche Miene aufzusetzen und drehte sich zu ihrer Cousine Celia um, die von einem schlanken, elegant gekleideten Mann begleitet wurde. Charles Sentell, der Patensohn ihres Vaters, sah sie immer noch so an wie all die Jahre zuvor – voller Liebe. Wäre es ihr nur möglich gewesen, seine Gefühle zu erwidern, wäre jetzt vielleicht alles anders.

“Lucie ist eine von vier Agenten der Detektei Dundee. Die anderen haben die Feldarbeit übernommen, und Lucie unterstützt mich hier.” Tessa sah erst Lucie, dann die anderen Personen im Raum an. “Lucie, das ist meine Cousine Celia Poole.” Nach zwei Scheidungen hatte Celia wieder ihren Mädchennamen angenommen. “Und das”, und damit sah sie Charlie an, “ist Charles Sentell, ein Freund der Familie und der Patensohn meines Vaters.”

“Wo ist denn eigentlich G. W.?”, fragte Charlie abrupt und demonstrierte damit sein Desinteresse an Lucie Evans, die er offensichtlich als eine Art bessere Dienstbotin empfand. Eine von Charlies unangenehmen Eigenschaften war sein überlegenes Gehabe. Er hielt drei Viertel der Menschheit für seine Untergebenen.

Zum x-ten Mal in siebzehn Jahren fragte sich Tessa, warum um Himmels willen ihr Vater gedacht hatte, sie könnte diesen Mann heiraten wollen. Er war zwar durchaus attraktiv, schlank und durchtrainiert, mit hellbraunen Haaren und grauen Augen. Nicht zu groß und nicht zu klein, Durchschnitt eben. Das war das Wort, das Charlie überhaupt am besten beschrieb. Außer seinem ausgesprochen guten Geschmack in Sachen Kleidung und anderen materiellen Dingen zeichnete ihn eigentlich nichts aus. Charlie arbeitete seit seinem Schulabschluss für ihren Vater, und hinter G. W.s Rücken wurde gemunkelt, dass Charlie niemals so schnell die Karriereleiter hinaufgeklettert wäre, wäre er nicht G. W.s Patensohn.

“Daddy ist mit Jefferson und Davis unterwegs”, antwortete Tessa.

“Charlie, sieh doch mal nach, ob du Onkel G. W. finden kannst, und sag ihm, dass Tante Sharon gleich heute Morgen in Key West in den Flieger gestiegen ist und sich auf dem Weg hierher befindet.” Celia war die jüngere Version von Myrle. Ebenso platinblond – und ebenso gefärbt – und mit dem berüchtigten Hang zur Dramatik. Versnobt ohne Ende. Obwohl Tessa und Celia als Kinder immer zusammen gespielt hatten und beste Freundinnen gewesen waren, hatte Tessa nach ihrem “Unfall” irgendwie keinen Draht mehr zu ihrer Cousine gefunden.

Charlie und Celia waren seit einem Jahr ein Paar, es hatte sich kurz nach Celias zweiter Scheidung ergeben, und alle warteten auf ihre baldige Verlobung. Tessa wünschte ihnen von Herzen alles Gute und empfand eine gewisse Erleichterung, dass endlich nicht mehr sie das Ziel von Charlies Bemühungen war. Jahrelang hatte er versucht, sie davon zu überzeugen, ihn doch noch zu heiraten. Aber sosehr sie ihn mochte, als ihren Ehemann konnte Tessa sich Charlie nicht vorstellen. Ihr war zwar klar, dass sich ihr Vater über nichts so sehr gefreut hätte wie über eine Hochzeit zwischen ihr und Charlie, doch schließlich hatte sich G. W. damit abgefunden, dass seine Tochter wohl unverheiratet bleiben würde.

“Lass Daddy in Ruhe”, sagte Tessa schärfer als beabsichtigt. “Bitte. Er ist ohnehin schon ein Nervenbündel, und Lucie und ich hatten die größte Mühe, ihn für eine Weile aus dem Haus zu lotsen.”

“Natürlich ist er ein Nervenbündel! Er vergöttert Leslie Anne. Er muss ja ganz krank vor Sorge sein wegen ihres Verschwindens.” Myrle sah die anderen an und richtete dann ihren Blick auf Hal Carpenter, der in der Halle wartete. “Hal, bitte seien Sie so gut und bitten Sie Eustacia, Kaffee und vielleicht ein paar Sandwiches zu machen. Und mir bringen Sie in der Zwischenzeit einen Sherry. Ich bin völlig durch den Wind und brauche etwas zur Beruhigung.”

Hal sah Tessa an. Sie nickte. “Ja, bitte bringen Sie Tante Myrle ein Glas Sherry und bitten Sie Eustacia, Kaffee und Sandwiches zu machen.” Tessa besann sich auf ihre Rolle als Gastgeberin, und obwohl sie am liebsten allen gesagt hätte, sie sollten sofort wieder gehen, fragte sie nun in die Runde: “Möchte sonst noch jemand etwas trinken?”

“Ich nehme auch einen Sherry”, meldete sich Celia.

“Einen Bourbon. Pur”, kam von Charlie.

“Lucie?”, fragte Tessa.

“Ich warte auf den Kaffee.”

“Gut. Dann war es das, Hal.” Tessa ging hinüber zu Lucie, sah sie an und sagte leise zu ihr: “Jetzt geht der Zirkus gleich richtig los. Wenn Sie merken, dass mir das alles zu viel wird und ich kurz davor bin, alle anzuschreien, sie sollen verschwinden, schreiten Sie bitte ein.”

“Okay, ich passe auf”, versprach Lucie mit einem Lächeln.

“Was gibt es denn zu flüstern?”, fragte Myrle mit tadelndem Blick, wobei sich die Falten auf ihrer Stirn und rund um die Augen vertieften. Es war mal wieder höchste Zeit für ihre nächste Botox-Behandlung. “Meine Güte, Tessa! Dieses Geflüster gehört sich wirklich nicht.”

“Entschuldigung”, sagte Tessa und wechselte abrupt das Thema. “Ehrlich gesagt, Charlie, könntest du doch mal Daddy suchen gehen. Es wird bald dunkel, und sicher ist es auch schon kühl. Ich glaube, er hat keine Jacke mitgenommen.”

“Ja, natürlich”, antwortete Charlie. “Weißt du, in welche Richtung er gehen wollte?”

“Vermutlich runter zum Fluss, auf dem kleinen Waldweg bei der alten Schrotmühle. Das ist sein Lieblingsweg, und die Hunde lieben ihn auch.”

Celia nahm Charlies Arm. “Zieh bitte deinen Mantel an. Wir wollen ja nicht, dass du dich erkältest.”

Charlie küsste Celia auf die Wange, sah dabei aber zu Tessa, wohl um ihre Reaktion zu testen. Tessa blickte schnell in eine andere Richtung.

Myrle setzte sich in G. W.s Sessel neben dem Kamin. “Hal sollte Holz nachlegen, das Feuer ist ja schon ganz heruntergebrannt. Und man muss Eustacia Bescheid geben, dass Gäste zum Essen da sind. Olivia und Tad kommen sicher auch bald.”

“Olivia und Tad!” Oh Gott, das hatte noch gefehlt. Diese schleimige Femme fatale hing seit drei Jahren wie eine Klette an ihrem Vater, und Tessa hatte Sorge, dass sie ihren Vater bald da hätte, wo sie ihn haben wollte. Immerhin war G. W. auch nur ein Mann. Wahrscheinlich war es auch für ihn schwer, den Avancen einer fünfzehn Jahre jüngeren Frau ewig zu widerstehen. Olivias stärkste Waffe war Sex, und diese Waffe setzte sie auch äußerst professionell ein.

“Natürlich habe ich Olivia sofort Bescheid gesagt”, sagte Myrle. “Sie liebt deinen Vater, und ich weiß, dass er sie jetzt braucht. Sie ist ja immerhin so gut wie verlobt mit G. W., nicht wahr?”

Ja, natürlich. G. W. brauchte Olivia Sizemore und ihren nutzlosen Sohn wie ein Loch im Kopf. Aber da Olivia und Myrle seit Studienzeiten Freundinnen waren, hatte ihre Tante Myrle Olivia nicht nur in ihrem Kampf um G. W. unterstützt, sondern sie ließ auch keine Gelegenheit aus, G. W. darauf hinzuweisen, welch eine wunderbare Ehefrau Olivia sein würde.

Tessa biss die Zähne zusammen und sandte einen flehenden Blick zu Lucie hinüber.

“Ich bin sicher, Tessa ist Ihnen dankbar, dass Sie Mr. Westbrooks Freundin über die Situation in Kenntnis gesetzt haben”, sagte Lucie.

Tessa sandte ihr ein lautloses “Danke” und entschuldigte sich dann mit der Ausrede, sie müsse etwas gegen ihre Kopfschmerzen einnehmen. Stattdessen verschwand sie im Badezimmer, wo sie alle Selbstkontrolle fahren ließ und in Tränen ausbrach.

“Bitte, Dante. Rufen Sie endlich mit guten Nachrichten an”, flüsterte sie, als ob ihr Wunsch eher erhört würde, wenn sie die Worte nicht nur dachte, sondern auch aussprach.

Leslie Anne wusch sich das Gesicht, putzte sich die Zähne und zog ihren Pyjama an. Da fiel ihr der Obstkorb ein, den man ihr hingestellt hatte. Hunger hatte sie nicht, aber sie war durstig, und die kleine Flache Traubensaft in dem Korb sah verlockend aus. Außerdem hatte sie keine Lust, noch einmal raus auf den Gang zu dem Getränkeautomaten zu gehen. Leslie Anne stellte den Fernseher an und nahm die Flasche aus dem Körbchen. Komisch, dass keine Schutzfolie über dem Obst war. Die kleine Flasche ließ sich leicht öffnen. Leslie Anne setzte die Flasche an den Mund und probierte den Saft. Er war etwas zu warm, aber schön süß und flüssig. Das war okay.

Leslie zog die beiden Kissen unter der Überdecke hervor und stapelte sie gegen das Oberteil des Bettes, sie kuschelte sich hinein und zappte durch die Fernsehkanäle. Sie wollte irgendein albernes, nichtssagendes Programm einschalten, das sie von ihren Problemen ablenkte. Von ihren gewaltigen Problemen.

Meine Güte, fühle ich mich mies. Was mache ich hier allein in diesem Motelzimmer? Ich wünschte, ich wäre zu Hause in meinem eigenen Bett.

Sie konnte ja nach Hause fahren, wenn sie wollte. Gleich morgen früh würde sie ihre Mutter anrufen und ihr sagen, sie käme nach Hause. Es war sowieso eine idiotische Idee gewesen, einfach so abzuhauen. Wenn ihr biologischer Vater wirklich ein Serienmörder war, könnte sie bis ans Ende der Welt rennen, und trotzdem würde sich daran nichts ändern.

Und wenn es nicht wahr war? Was, wenn die Informationen in dem Päckchen gar nicht stimmten? Sie sollte nach Hause fahren, den Brief und die Zeitungsausschnitte ihrer Mutter und ihrem Großvater zeigen und darauf bestehen, dass sie ihr die Wahrheit sagten.

Leslie Anne trank den Saft aus und warf die leere Flasche auf den Boden. In diesem Motel gab es nicht so viele Fernsehkanäle, und sie hatte keine Lust mehr zu suchen. Sie gähnte. Plötzlich war sie wahnsinnig müde. Sicher, weil sie so lange am Steuer gesessen hatte und wegen des ganzen Stresses.

Sie gähnte noch einmal. Plötzlich fing der Raum an, sich zu drehen. Was war mit ihr los? Sie konnte sich nicht mehr aufrecht halten und kippte seitwärts aufs Bett. Als sie versuchte, ihre Hand zu heben, kam es ihr vor, als wöge sie eine Tonne. Ihre Augenlider fingen unkontrolliert an zu flattern.

Irgendwas stimmte nicht mit ihr. Und zwar ganz und gar nicht.

Als Dante und Dom das Motel Bama erreichten, fragten sie sich zum zuständigen Leiter des Polizeieinsatzes durch und nahmen ihn zur Seite.

“Haben Sie das ganze Haus abgesucht?”, fragte Dante.

“Wir haben alle Zimmer im ersten Stock überprüft und gerade auf der zweiten Etage angefangen”, antwortete Polizeileutnant Nesbitt. “Das Management ist nicht eben sehr erfreut über die Aktion und zeigte sich zunächst wenig kooperativ.”

“Scheiß auf das Management. Es geht hier um ein sechzehnjähriges Mädchen, das möglicherweise in Gefahr ist.”

“Der Ernst der Lage ist mir durchaus bewusst, aber leider habe ich keine ganze Armee zur Verfügung. Nur ich und zwei meiner Leute sind hier. Und das Motel ist ziemlich groß, falls Ihnen das entgangen sein sollte.”

“Jetzt haben wir ja zwei Personen mehr, die alle Zimmer abklappern können”, sagte Dante. “Wir sollten also keine Zeit vergeuden.”

“Moment, Mr. Moran”, sagte Nesbitt. “Ich denke, das ist unsere Aufgabe.”

“Passen Sie mal auf. Ich gehe jetzt nach oben in den zweiten Stock und suche Leslie Anne Westbrook. Und davon können Sie mich nur abhalten, indem Sie mich festnehmen.”

Der Polizist verzog das Gesicht. “Ich bitte wenigstens um ein professionelles Auftreten”, sagte Nesbitt zu Dante.

“Kein Thema.”

Dante und Dom nahmen sich den einen Gebäudetrakt vor, während der Polizeileutnant und seine Leute den anderen überprüften. Dom übernahm die Zimmer rechts des Flures, Dante links. Zuerst klopften sie und warteten auf Antwort. Erfolgte keine Reaktion, klopften sie ein zweites Mal und informierten den Gast durch die Tür, worum es ging. Wurde auch dann nicht geöffnet, schlossen sie mit den vom Motelmanager nur widerwillig zur Verfügung gestellten General-Keykarten die jeweilige Zimmertür auf.

Dante klopfte an die Tür von Zimmer 231. Keine Reaktion. Er klopfte noch einmal. “Bitte öffnen Sie!”, rief er. “Das ist eine offizielle polizeiliche Hausdurchsuchung. Es geht um ein verschwundenes Mädchen, das sich hier im Haus aufhalten soll.”

Nichts. Dante klopfte ein weiteres Mal, dann steckte er die Karte ins Schloss und öffnete die Tür. Das Zimmer war dunkel bis auf einen schwachen Lichtschimmer, der von außen durch die Jalousie schimmerte. Zunächst dachte er, das Zimmer sei leer, doch dann hörte er ein unterdrücktes Wimmern. Er tastete über die Wand, bis er einen Schalter fand, und knipste das Licht an. Ein nackter Mann mittleren Alters sprang auf die Füße, die Augen vor Angst weit aufgerissen. Auf dem Bett lag, ebenfalls nackt und offensichtlich unter Drogen gesetzt, ein junges Mädchen. Ein junges Mädchen, das Amy Smith wie aus dem Gesicht geschnitten war.

“Alles in Ordnung. Das ist meine Freundin”, sagte der nackte Mann und bückte sich nach seiner Hose, die auf dem Fußboden lag.

Dante zog seine Smith & Wesson aus dem Gürtelholster und zielte mit der Waffe auf die frei baumelnden Weichteile des Mannes. “Eine Bewegung und ich schieße dir die Eier weg, kapiert?”

Die Erektion des Mannes schrumpfte in sich zusammen. Er nickte. “Ich sag's Ihnen doch, das Mädchen ist meine Freundin. Candy. Sie heißt Candy.”

“Dom!”, rief Dante. Hatten sie Leslie Anne vor einer Vergewaltigung bewahren können? Er hoffte es inständig.

Dom Shea flog ins Zimmer und blieb schlitternd neben Dante stehen. “Was haben wir denn hier?”

“Kümmere du dich um diesen Perversling!” Dantes Zeigefinger juckte. Er hätte diesen schleimigen Bastard zu gern kastriert. “Und falls er versucht …”

Dom sah hinüber zu dem Mädchen, das hilflos auf dem Bett lag. “Verdammt!” Er ging auf den zitternden nackten Mann zu, drehte ihm die Arme auf den Rücken und führte ihn aus dem Zimmer. “Mitkommen! Die Polizei wartet schon.”

Dante ging hinüber zum Bett und deckte das Mädchen mit dem Laken zu. Sie sah ihn an. Ihre Augen waren vor Schreck geweitet. Dann öffnete sie den Mund. “Helfen Sie mir.” Es klang mitleiderregend und ängstlich.

Dante wickelte das Laken fest um sie und hob sie in seine Arme. “Alles in Ordnung. Jetzt bist du in Sicherheit. Keiner wird dir mehr etwas tun. Ich arbeite mit der Polizei zusammen. Mein Name ist Dante Moran, und ich bin vom FBI.” Diese kleine Lüge benutzte er nur, um das Mädchen zu beruhigen.

“Der Mann … Er … er hat versucht … Er wollte mich …”

“Schon gut. Ganz ruhig. Ich bringe dich jetzt erst mal ins Krankenhaus.”

“Ich will zu meiner Mama.” In ihren braunen Augen schimmerten Tränen.

“Natürlich, Leslie Anne. Wir holen deine Mama so schnell wie möglich her.”

5. KAPITEL

Tessa rannte zusammen mit Lucie Evans in die Notaufnahme. Auf dem Flug von Fairport nach Tuscaloosa waren ihr immer wieder Dantes Worte durch den Kopf gegangen: Alles in Ordnung. Hören Sie, Tessa? Leslie Anne ist in Ordnung.

Die Agentur Dundee hatte einen Helikopterflug für Tessa und Lucie arrangiert, und Tessa war es nur mit Mühe gelungen, ihren Vater davon zu überzeugen, dass er nicht mitkommen musste. Sie hatte ihm gesagt, dass Leslie Anne in diesem Zustand einzig und allein ihre Mutter brauchte. Das war ein Grund. Ein anderer war, dass sich Tessa auch Gedanken über den Gesundheitszustand ihres Vaters machte. Er war erst achtundsechzig, litt aber unter hohem Blutdruck und stark erhöhten Cholesterinwerten. Kombiniert mit seinem aufbrausenden Charakter, war er deshalb ein Topkandidat für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Leslie Annes Verschwinden hatte ihrem Vater schon genug zugesetzt.

“Du kümmerst dich besser hier um alles”, hatte Tessa zu G. W. gesagt. “Richte Leslie Annes Zimmer her, und sorg dafür, dass die anderen weg sind, wenn sie kommt. Sie braucht jetzt kein Haus voller Verwandter und Freunde.”

Als sie die Notaufnahme betraten, winkte Lucie einem großen, breitschultrigen Mann mit langem schwarzen Haar zu. “Da ist Dom.” Lucie drängte Tessa zu ihrem Kollegen hinüber. “Er weiß sicher, wo Leslie Anne ist.”

Der Mann, den sie Dom genannt hatte, bahnte sich einen Weg durch das überfüllte Wartezimmer. “Ihr wart aber schnell hier”, meinte er.

“Dante hat gesagt, wir sollten so schnell wie möglich kommen”, antwortete Lucie.

“Wo ist Leslie Anne?”, fragte Tessa.

“Oh, ich habe euch noch nicht vorgestellt”, sagte Lucie. “Tessa, das ist Domingo Shea. Dom, das ist unsere Klientin, Ms. Tessa Westbrook.”

“Ma'am.” Er nickte ihr zu.

Tessa lächelte schüchtern. “Bitte sagen Sie mir doch, wo meine Tochter ist.”

“Da drin”, erwiderte Dom und nickte in Richtung der geschlossenen Doppeltür, die zur Notaufnahme führte. “Sagen Sie der Dame am Empfang, dass Sie Leslie Annes Mutter sind. Dann lässt man Sie rein.”

Angesichts seiner attraktiven Latino-Erscheinung hatte Tessa instinktiv erwartet, Dom Shea würde einen spanischen Akzent haben. Doch er sprach breitestes Texanisch. So wie Dante Moran.

“Und wo ist Dante … äh … Mr. Moran?”, fragte Tessa.

“Er ist bei Ihrer Tochter”, erklärte Dom. “Seit er sie gerettet hat, lässt sie ihn nicht mehr aus den Augen.”

“Was meinen Sie mit gerettet?” Tessas Herz fing wie wild an zu schlagen. “Dante hat mir gesagt, dass mit ihr alles in Ordnung ist. Hatte sie einen Unfall?”

“Plappermaul.” Lucie boxte Dom in die Rippen.

“Entschuldigung.” Dom warf Tessa einen mitfühlenden Blick zu.

“Was ist mit meiner Tochter passiert?”

“Dante wird Ihnen alles erklären.” Lucie sah sich im Wartezimmer um. “Es muss ja nicht sein, dass wir Ihre Privatangelegenheit hier vor fremden Leuten besprechen. Man weiß nie, wer gerade zuhört.”

Tessa nickte und ging hinüber zum Empfang. Die Frau hinter der Glasscheibe sah auf, als Tessa sich näherte.

“Ma'am, wie kann ich Ihnen helfen?”

“Meine Tochter Leslie Anne Westbrook wurde heute Abend hier eingeliefert. Ich möchte zu ihr, bitte.”

“Selbstverständlich, Ma'am. Gehen Sie einfach durch. Behandlungszimmer drei.”

“Danke.”

“Ihr Bodyguard ist bei ihr”, sagte die Frau. “Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen. Sie war ganz außer sich, als die Schwester ihn bat, zu gehen. Darum hielten wir es für besser, dass er bei ihr blieb.”

“Das ist vollkommen in Ordnung.”

Tessa schluckte die Tränen herunter. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um die Nerven zu verlieren. Jetzt musste sie stark sein. Sie lief an den Zimmern eins und zwei vorbei, dann sah sie ihn. Dante Moran stand vor Zimmer drei. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Als er sie sah, kam er sofort auf sie zu und blieb nur wenige Zentimeter vor ihr stehen.

“Ich möchte zu Leslie Anne”, sagte Tessa.

“Gleich. Es dauert noch ein paar Minuten. Die Ärztin ist gerade drin.”

“Was ist meiner Kleinen passiert? Und versuchen Sie nicht, mir die Wahrheit zu verheimlichen. Hatte sie einen Autounfall?”

Dante schüttelte den Kopf, dann nahm er Tessa bei der Schulter und sagte: “Gehen wir ein paar Schritte.”

Instinktiv wusste Tessa, dass sie ihm vertrauen konnte. Sie gingen bis zum Ende des Ganges, wo außer ihnen niemand war. “Was ist passiert?” Oh Gott, bitte. Bitte lass nicht das geschehen sein, wovor ich die meiste Angst habe.

“Sie wurde nicht vergewaltigt”, sagte Dante.

Tessa entfuhr ein lauter, beinahe hysterischer Schrei.

Dante legte ihr den Arm um die Schultern und sprach leise weiter. “Die Ärztin hat zumindest gesagt, es gibt keine körperlichen Anzeichen für eine Vergewaltigung, aber um wirklich sicherzugehen, hat sie eine Gynäkologin hinzugebeten. Sie untersucht Leslie Anne im Moment.” Tessa erstarrte. Dante streichelte ihren Rücken. “Leslie Anne hat mir gesagt, dass er sie nicht vergewaltigt hat.”

“Sagen Sie mir, was passiert ist. Ich muss es wissen.”

“Sie hatte sich im Motel Bama einquartiert. Nach dem, was sie mir erzählt hat, hat sich ihr gegenüber ein Mann als Assistant Manager des Hotels ausgegeben und ihr gesagt, sie müsse das Zimmer wechseln. In einem Obstkorb, der in ihrem neuen Zimmer stand, war auch eine Flasche Traubensaft, den sie getrunken hat und der vermutlich mit einem Betäubungsmittel versetzt war.”

“Er hat sie betäubt?”

Hat mein Vergewaltiger das auch mit mir getan? fragte sich Tessa. Hat er mich gekidnappt, unter Drogen gesetzt und mich vergewaltigt?

Einerseits war sie dankbar, dass sie sich nicht an das schreckliche Ereignis erinnerte und es vermutlich auch nie tun würde. Andererseits fragte sie sich, wie sie dem widerlichen Serienmörder in die Hände gefallen war, der seine Opfer folterte und vergewaltigte.

“Als ich ins Zimmer stürmte, war das verdammte Schwein über ihr.” Dante drückte Tessas Schultern fester. “Beide waren nackt, und Leslie Anne völlig wehrlos, weil er sie unter Drogen gesetzt hatte.”

Ein unerträglicher Schmerz durchfuhr Tessa. Er schien ihr noch stärker zu sein als jene Schmerzen, die sie erduldet hatte auf dem langen Weg der Genesung nach ihrem “Unfall”. “Nein! Nein! Nein!” Es gab keinen schlimmeren Schmerz als den, den Eltern für ihr Kind empfinden. Die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind war nun mal bedingungslos.

Tessa wollte am liebsten den Mann zerfleischen, der ihrer Tochter dieses Leid angetan hatte. Sie fühlte sich stark und angriffslustig wie eine Tigermutter.

Plötzlich verstand sie, was sie vorher nie hatte verstehen können: So musste sich ihr Vater damals gefühlt haben, als er sich geschworen hatte, alles daranzusetzen, um den Vergewaltiger seiner Tochter vor Gericht zu bringen, damit er zum Tode verurteilt wurde.

Dante drehte Tessa zu sich herum und nahm sie zum Trost in die Arme. Und sie überließ sich ohne zu zögern seiner Fürsorge. Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie je einem Menschen so instinktiv Vertrauen entgegengebracht hatte wie jetzt Dante Moran. Aber warum das so war, wusste sie nicht. Ihr Vertrauen irritierte sie, und seine Attraktivität ließ sie an ihrem Urteilsvermögen zweifeln.

“Wir bringen sie noch heute Abend zurück nach Fairport. Das ist bereits mit der Polizei von Tuscaloosa abgestimmt.” Dante entließ Tessa aus seiner Umarmung, zog ein weißes Taschentuch hervor, hielt ihr Kinn fest und wischte ihr die Tränen aus den Augenwinkeln.

Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie weinte.

Tessa sah Dante dankbar an. Seine Augen waren dunkelbraun, fast schwarz. Sein intensiver Blick machte sie nervös. Sehnsucht. Das war das einzige Wort, das ihr dazu einfiel. Ein Sehnen aus tiefstem Herzen, sexuell, aber auch emotional. Leidenschaft pur. War das, was sie in seinem Blick sah und fühlte, etwas, was nur von Dante ausging, oder empfand er das Gleiche bei ihr?

Tessa zwang sich, den Blick von ihm abzuwenden. Sie räusperte sich, drehte sich um und sah den Gang hinunter zu Zimmer drei. “Mr. Shea hat Lucie und mir erzählt, dass Leslie Anne Sie nicht mehr aus den Augen lassen wollte. Ich möchte mich dafür bedanken, dass Sie meine Tochter nicht nur gerettet haben, sondern auch die ganze Zeit für sie da waren und ihr Geborgenheit gegeben haben.” Denn auch sie selbst fühlte sich geborgen bei Dante. Als könnte er sie vor allem Bösen beschützen.

Dante legte wieder seine Hand auf ihre Schulter. “Sie hat große Angst. Sie wird Sie jetzt mehr brauchen als jemals zuvor.”

“Ich weiß.”

“Ja, das denke ich mir.” Dantes Stimme wurde leiser. Fast flüsterte er. “Das wissen Sie sicher nur zu gut.”

Tessa biss die Zähne zusammen und schluckte. “Ich vermute, sie hat Ihnen nicht gesagt, warum sie von zu Hause weggelaufen ist?”

“Nein, hat sie nicht.”

“Meine größte Angst war immer, dass sie eines Tages die Wahrheit herausfinden könnte.”

“Hatten Sie denn nicht vor, sie ihr zu sagen?”

“Nein.”

Dantes Griff wurde fester. “Meine Mutter pflegte zu sagen, die Wahrheit kommt immer ans Licht.”

“Wenn Leslie Anne es herausgefunden haben sollte … Ich wüsste nicht, wie. Damals hat Daddy alles in seiner Macht Stehende getan, um die Sache unter Verschluss zu halten. Er … wir haben nicht einmal meiner Mutter gesagt, was wirklich passiert ist.”

“Falls Leslie Anne herausgefunden hat, dass ihr biologischer Vater …”

Tessa wirbelte herum und sah Dante böse an. “Ein unmenschliches Monster, das war er! Wie soll sie jemals mit diesem Wissen umgehen?”

“Mit viel Liebe und Verständnis, die man ihr entgegenbringt. Es wird sicher nicht leicht, sie davon zu überzeugen, dass sie von diesem Mann keine negativen Charakterzüge geerbt hat und sich keine Sorgen machen muss, dass sie eines Tages die Tochter ihres Vaters wird.”

Tessa atmete heftig. Es war ein Schock, ihre eigenen Ängste plötzlich von jemand anderem ausgesprochen zu hören. Natürlich hatte sie sich auch immer wieder die Frage gestellt, ob es wohl möglich war, dass ihre Tochter die kriminelle Ader dieses Mannes geerbt hatte. Aber Leslie Annes sanfte und liebevolle Art hatte diese Bedenken eigentlich zerstreut. Doch wie würde es im Innern ihrer Tochter aussehen? Mit welchen Gedanken quälte sie sich herum?

“Ich liebe meine Tochter mehr als alles andere auf der Welt”, sagte Tessa. “Ich würde alles für sie tun – alles. Ich würde für sie sterben. Können Sie verstehen, wie es ist, einen Menschen so zu lieben?”

“Ja.”

“Haben Sie auch ein Kind? Oder mehrere?”

“Nein.”

“Dann …”

“Es gab vor langer Zeit einmal jemanden.” Dante sprach, als schmerzten ihn allein diese Worte. “Sie war jemand, für den ich gern mein Leben gegeben hätte.”

Ein seltsames Gefühl erfasste Tessa, wie ein sehr langsam einsetzendes Betäubungsmittel, durch das man sich plötzlich leicht und unbeschwert fühlt. Dieser Mann hatte eine Frau so sehr geliebt, dass er sein Leben für sie gegeben hätte – so wie Tessa es für ihr Kind tun würde. Eine so intensive Liebe war stärker als der Tod.

Wahre Liebe stirbt nicht.

Bevor Tessa etwas erwidern konnte, trat eine schlanke brünette Frau in einem weißen Kittel aus Zimmer drei.

“Da ist Dr. Ellison”, sagte Dante.

Tessa eilte den Flur hinunter, Dante folgte ihr. Die Ärztin mittleren Alters wandte sich zu ihnen um und blickte von der Krankenakte auf, die sie in der Hand hielt. Sie sah Dante erwartungsvoll an.

“Dr. Ellison, das ist Tessa Westbrook, Leslie Annes Mutter”, sagte Dante.

Die Ärztin nickte Tessa höflich zu.

“Wie geht es meiner Tochter?”

“Körperlich ist sie unversehrt”, antwortete Dr. Ellison. “Es gibt keinerlei Hinweise auf eine Vergewaltigung, keine Anzeichen für Penetration und keine Hämatome. Aber Leslie Anne hat ein emotional sehr aufreibendes negatives Erlebnis hinter sich. Ich schlage vor, sie sollte mithilfe einer Psychotherapie versuchen, die schlimmen Ereignisse zu verarbeiten. Und natürlich sollte ihre Familie ihr jetzt mit besonders viel Verständnis und Liebe begegnen.”

“Selbstverständlich”, antwortete Tessa. Sie selbst war jahrelang in psychotherapeutischer Behandlung gewesen und wusste um den Nutzen, den professionelle Hilfe brachte, zusätzlich zu Liebe und Trost aus der Familie. “Darf ich jetzt zu ihr?”

“Natürlich. Und dann können Sie sie mit nach Hause nehmen.” Dr. Ellison sah Dante an. “Sie hat nach Ihnen gefragt, Mr. Moran.”

Tessa eilte auf das Krankenzimmer zu, dann zögerte sie. Dante war gleich hinter ihr. Er griff um sie herum und öffnete die Tür. Gerade half die Krankenschwester Leslie Anne beim Anziehen.

Tessa holte tief Luft, dann trat sie ein. “Leslie Anne?”

Ihre Tochter wirbelte herum und sah sie an. Tränen kullerten aus ihren dunkelbraunen Augen. Tessa machte einen zögerlichen Schritt auf sie zu und breitete die Arme aus.

“Meine Kleine …”

“Mama!” Leslie Anne flog ihrer Mutter in die Arme.

“Schon gut.” Tessa streichelte sie liebevoll und flüsterte beruhigend auf sie ein. “Alles in Ordnung. Ich bin da. Du bist in Sicherheit. Oh, meine Kleine. Ich hab dich so lieb.”

Leslie Anne hob den Kopf und sah ihrer Mutter direkt in die Augen. “Wie kannst du mich lieben? Wenn … wenn es stimmt, dass ich …” Sie schluckte die Tränen herunter.

“Schon gut, Kleines, schon gut.” Tessa nahm ihre Tochter fest in den Arm.

“Stimmt es?”, fragte Leslie Anne mit geschlossenen Augen, den Kopf an die Schulter ihrer Mutter gedrückt. “Bin ich das Ergebnis von … Wurdest du damals …”

“Wir reden später darüber. Zu Hause.” Oh Gott, sie weiß es. Irgendwie hat Leslie Anne die Wahrheit erfahren. Deshalb ist sie davongerannt. “Großvater macht sich fürchterliche Sorgen. Er wird sich freuen, dich zu sehen.” Tessa wusste, dass sie selbst jetzt nicht zusammenbrechen durfte. Sie musste stark sein – für ihre Tochter.

Die Krankenschwester reichte Dante einen schwarzen Ledermantel und verließ das Zimmer, ohne noch etwas zu sagen. Dante wechselte rasch einen Blick mit Tessa, dann wies er mit einem Kopfnicken auf die geschlossene Zimmertür. Tessa verstand. Sie mussten los.

Nachdem er sich den Mantel über den Arm gelegt hatte, ging er hinüber zu Leslie Anne, legte ihr die Hand auf den Rücken und sagte: “Wollen wir dich nach Hause bringen?”

Leslie Anne hob den Blick und sah ihn an. “Sie kommen doch mit, oder nicht?”

“Auf jeden Fall.”

“Vielen Dank für alles.” Leslie Anne drehte sich um.

Dante legte Leslie Anne den Mantel um die Schultern und knöpfte ihn am Kragen zu. “Es ist kalt draußen. Den solltest du auf dem Weg zum Hubschrauber lieber anziehen.”

Leslie Anne verschränkte die Arme und drückte den Mantel an sich, wie um sich mit ihm zu trösten. In diesen Mantel hatte Dante Leslie Anne gewickelt, als er sie wenige Stunden zuvor aus dem Motel geführt hatte.

Sie waren beide nackt. Dantes Worte hallten in Tessas Kopf wider. Hatte Dante ihre Tochter in das Bettlaken gehüllt und ihr dann den Mantel umgehängt, um sie vor der Kälte zu schützen?

“Was ist mit meinem Auto? Ich meine, Hannahs Auto?”, fragte Leslie Anne plötzlich. Sie ließ den Kopf hängen. “Mama, es tut mir leid, dass ich abgehauen bin. Ich wusste einfach nicht mehr, was ich machen sollte.”

“Ist schon okay”, sagte Tessa. “Wir haben alle Zeit der Welt, um darüber zu sprechen. Lass uns erst mal nach Hause fahren.”

“Lucie wird Hannahs Wagen zurück nach Fairport bringen”, sagte Dante. “Und morgen früh holt sie dann dein Auto bei Hannah ab.” Er öffnete die Tür und hielt sie den beiden Frauen auf. “Der Hubschrauber wartet. Wollen wir?”

Tessa sah ihre Tochter an, und die nickte. “Ja, wir sind so weit”, sagte Tessa. “Fliegen wir nach Hause.”

6. KAPITEL

Dante stieg als Erster aus dem Helikopter, als sie auf dem Flugplatz von Fairport gelandet waren. Er half Leslie Anne und Tessa beim Aussteigen. Als die beiden so nebeneinander standen, bemerkte er wieder, dass Leslie Anne ihre Mutter um einige Zentimeter überragte. Sie waren beide schlank und blond, beide sehr attraktiv, und Leslie Anne war auch in ihrem Habitus ihrer Mutter sehr ähnlich. Es bestand kein Zweifel: die beiden waren Mutter und Tochter.

Es kann also nicht sein, dass Leslie Anne Amys Kind ist.

Dante musste sich diese Tatsache immer wieder ins Gedächtnis rufen, denn Leslie Annes Ähnlichkeit mit Amy Smith beruhte weder auf seiner Einbildung noch auf Wunschdenken. Sie sah nicht nur exakt aus wie Amy – gut, sie war größer und hatte braune Augen – auch ihre Stimme klang wie Amys. Aber auch Tessas Stimme erinnerte ihn an Amy.

Noch vierundzwanzig Stunden, dann war dieser Fall hier abgeschlossen. Und er hatte endlich die Gelegenheit herauszufinden, ob Tessa Westbrook auf irgendeine Weise mit Amy Smith verwandt war. Es musste eine Erklärung dafür geben, warum Tessas Tochter als Double des Teenagers Amy Smith durchgehen könnte. Der Mann, der Leslie Anne gezeugt hatte, war sicher kein Blutsverwandter von Amy.

“Da ist Daddy”, sagte Tessa und stöhnte. “Oh nein. Und sie ist auch dabei.”

“Warum musste er sie mitbringen?”, wiederholte Leslie Anne genervt.

Dante sah zu, wie G. W. heraneilte, eine attraktive rothaarige Frau im Schlepptau. Das ist seine Freundin? Als sie näher kamen, stellte Dante fest, dass die Frau nicht so jung war, wie sie auf die Entfernung gewirkt hatte. Dante schätzte sie auf Mitte fünfzig. In jüngeren Jahren musste Olivia Sizemore eine echte Schönheit gewesen sein. Sie sah immer noch hervorragend aus.

G. W. schloss seine Enkelin in die Arme und drückte sie. “Tu so was nie wieder, mein Schatz! Wir sind fast verrückt geworden vor Sorge!”

“Es tut mir leid. Ich wusste einfach nicht, was ich machen sollte.” Leslie Anne begann wieder zu weinen.

G. W. tätschelte sie liebevoll. “Genug davon. Egal, was war, wir kriegen es wieder hin.”

“Manche Sachen kriegt man nie mehr hin.” Leslie Anne blickte über G. W.s Schulter und starrte Olivia an.

“Hab Erbarmen, G. W. Lass die Frauen nicht länger hier in der Nacht herumstehen.” Olivia lächelte und klimperte mit den Wimpern, als sie G. W. derart tadelte.

“Sie hat recht, Daddy”, sagte Tessa etwas widerwillig. Es passte ihr nicht, mit der Freundin ihres Vaters einer Meinung zu sein. “Leslie Anne muss nach Hause.”

“Hal wartet mit dem Wagen.” G. W. deutete mit dem Kopf in die Richtung, wo der Mercedes parkte, und nahm seine Enkelin an die Hand. “Gehen wir.”

Leslie Anne rührte sich nicht. “Warte!”

“Was ist denn?”, fragte G. W.

Leslie Anne machte sich los und rannte zurück zu Dante. “Sie kommen doch mit, oder nicht?”

Dante hatte eigentlich nicht vorgehabt, mit der Familie um diese Uhrzeit nach Leslie Plantation zu fahren. Er wollte in das Motel, in dem die Dundee-Agenten untergebracht waren, und sich richtig ausschlafen. Irgendwann am nächsten Tag wollte er dann den Auftrag abwickeln.

“Ja, bitte, Mr. Moran.” Tessa legte ihre Hand bekräftigend auf den Rücken ihrer Tochter. “Ich glaube, heute Nacht bekommen wir alle nicht viel Schlaf. Leslie Anne hat verdient, dass wir ihr die Fragen beantworten, die der Grund dafür waren, warum sie von zu Hause ausriss. Sie scheint Sie zu mögen und Ihnen zu vertrauen. Wenn sie will, dass Sie mitkommen, steht dem von meiner Seite aus nichts im Wege.”

“Willst du das wirklich?”, fragte Dante Leslie Anne. “Willst du, dass ein vollkommen Fremder dabei ist, wenn deine Mutter dir diese Fragen beantwortet?”

“Sie sind kein vollkommen Fremder”, sagte Leslie Anne. “Sie sind der Mann, der mich gerettet hat vor … Bitte, Dante … Mr. Moran.”

“Ich würde es wirklich zu schätzen wissen, wenn Sie mitkämen.” Tessa sah ihn flehentlich an. Ihr Blick traf auf Dantes, und während dieser Sekunden betrachtete er sie in der matten Beleuchtung der kleinen Landebahn.

“Natürlich. Fahren Sie vor, ich komme sofort nach. Die Agentur hat einen Wagen für mich geschickt.” Er deutete auf den Fahrer.

“Fahren Sie doch bitte mit uns.” Leslie Anne griff nach seinem Arm.

“Es ist nicht genug Platz für uns alle im Mercedes”, mischte sich G. W. ein. “Schätzchen, lass Mr. Moran …”

“Daddy, fahr du mit Olivia mit Hal.” Tessa drückte die Hand ihrer Tochter. “Und wir fahren mit Mr. Moran.”

Einen Moment lang sah es so aus, als wollte G. W. protestieren, aber als ihm klar wurde, dass das nichts bringen würde, sagte er nur: “In Ordnung.”

Wenige Minuten später bog der Mercedes auf die Landstraße ein, gefolgt von einem anderen Wagen, an dessen Steuer Vic Noble saß. Dante saß neben ihm auf dem Beifahrersitz. Jetzt drehte er sich um und schaute nach hinten auf die Rückbank.

Tessa hatte den Arm um Leslie Anne gelegt, die sich an ihre Mutter gekuschelt hatte, den Kopf an ihre Schulter gelehnt. Leslie Annes Lider flatterten. Das arme Kind, dachte Dante. Sie hat Schreckliches durchgemacht.

“Geht es Ihnen beiden gut?”, fragte Dante.

“Das wird schon”, antwortete Tessa, und Dante verstand.

Er kam sich komisch vor, weil er ein viel zu starkes persönliches Interesse an dem Fall entwickelt hatte. Der eigentliche Auftraggeber, der auch die Rechnung bezahlte, war G. W. Westbrook. Doch Dante empfand es so, dass er im Auftrag von Tessa arbeitete. Zumindest fürs Erste.

“Danke, dass Sie mitkommen, Dan… Mr. Moran.” Leslie Anne gähnte.

“Du kannst Dante zu mir sagen”, erwiderte er.

Ein zaghaftes Lächeln erschien auf Leslie Annes Lippen, dann schlief sie ein. Als Tessa ihn in diesem Moment ansah, durchfuhr es Dante wie ein Blitz. Das letzte Mal war ihm so etwas vor siebzehn Jahren passiert – als er sich Hals über Kopf in Amy Smith verliebt hatte.

Die kleine Göre ist also wieder zu Hause. Wie schade. Es hätte mir die Sache um einiges leichter gemacht, wenn sie einfach verschwunden wäre. Oder noch besser, wenn jemand sie aus dem Weg geräumt hätte. Jetzt habe ich sie wieder am Hals. Aber keine Sorge. Ich werde schon eine Möglichkeit finden, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die zwischen mir und dem stehen, was ich haben will und was mir zusteht. Ohne diese Teufelsbrut wird es der Welt besser gehen. G. W. hätte darauf bestehen sollen, dass Tessa eine Abtreibung vornehmen lässt, als die Ärzte ihre Schwangerschaft entdeckten. Hätte diese zimperliche Anne Tessa nicht angefleht, ihr ach so wertvolles Enkelkind zu behalten, wäre alles anders geworden. Für Tessa, für mich, für alle. Hätte ich nur damals schon gewusst, was wirklich passiert war! Dass der “Unfall”, bei dem angeblich der Vater ihres Kindes starb und Tessa schwer verletzt wurde, nur eine Lüge war, um dem Rest der Familie die widerliche Wahrheit zu verheimlichen. Ich hätte Anne trotz ihrer Krebserkrankung die Wahrheit gesagt. Das hätte uns allen so manches erspart.

Ich habe alles unternommen, um diesen nächsten Schritt nicht tun zu müssen. Sosehr ich Leslie Anne hasse, der Gedanke, sie umbringen zu müssen, gefällt mir gar nicht. Überhaupt, jemanden umzubringen. Aber es muss sein. Mir bleibt nichts anderes übrig.

Es widert mich an, dass Tessa ihrem Bastard nicht nur den Namen ihrer Mutter Anne gab, sondern auch den Namen ihrer Familie. Der Name Leslie steht für eine traditionsreiche Familie aus dem Südwesten von Mississippi, eine Dynastie, die bereits vor dem Bürgerkrieg hier lebte. Der Abkömmling eines Mörders verdient es nicht, einen so bedeutenden und ehrenhaften Namen zu tragen.

Ich muss mir überlegen, wie ich Leslie Anne aus dem Weg schaffe, ohne mich verdächtig zu machen. Ich könnte einen Killer anheuern. Aber wenn er gefasst wird und meinen Namen ins Spiel bringt? Nein. Unmöglich.

Ich könnte sie selbst erschießen. Oder erstechen. Oder sie vergiften.

Wenn ich das nur könnte. Aber es geht nicht. Ich weiß nicht, wie man jemanden ermordet.

Denk nach! Denk nach und finde eine Lösung!

Ihr die Wahrheit über ihren Vater zu sagen, war ein wichtiger erster Schritt. Das hat das Selbstbewusstsein unserer verwöhnten kleinen Prinzessin ganz schön angeknackst. Und ihr Verschwinden war ein unerwarteter kleiner Bonus für mich.

Aber jetzt ist sie wieder da, im Schoß ihrer liebenden Familie.

Ja, sie ist wieder auf Leslie Plantation. Aber nicht unversehrt. Sie ist emotional schwer angeschlagen und jetzt ganz besonders verwundbar. Zum Glück vertraut sie mir. Es sollte also nicht allzu schwer sein, sie fertigzumachen.

Tessa sah zu, wie Dante ihre schlafende Tochter in den Arm nahm. Einen kurzen Moment lang schoss ihr ein süßer, seltsamer Gedanke durch den Kopf. Die liebevolle, sanfte Art, wie Dante mit Leslie Anne umging, erinnerte sie an einen Vater und seine Tochter.

Wenn doch nur …

Tessa folgte dicht hinter Dante, der jetzt mit Leslie Anne in den Armen die Veranda betrat. Hal hielt ihnen die Eingangstür auf, während G. W. in der Halle wartete. Zu Tessas großer Erleichterung hatte G. W. seine Angebetete auf dem Heimweg vom Flugplatz bei ihrer Wohnung abgesetzt.

Als Dante die Eingangshalle erreichte, blieb er stehen. Tessa ging zur Treppe und bedeutete ihm, er solle ihr folgen. Das tat er. Sie führte ihn die Treppe hinauf und den Gang entlang zu Leslie Annes Suite. Tessa beeilte sich und ging voran. Sie schaltete das Badezimmerlicht ein, um die Suite sanft zu beleuchten. Dann schlug sie rasch die Bettdecke zur Seite, damit Dante ihre Tochter ins Bett legen konnte. Er nahm ihr den Ledermantel ab und warf ihn aufs Bettende.

Tessa zog Leslie Anne die Schuhe aus und deckte sie zu. Gemeinsam mit Dante stand sie am Fußende des Bettes und betrachtete ihre Tochter. Als Dante ihr einen Arm um die Schulter legte, heulte sie beinahe vor Dankbarkeit. Obwohl ihr Vater sie liebte und unterstützte, fühlte sie sich allein. Wie oft hatte sie davon geträumt, einen Mann an ihrer Seite zu haben, der sie lieben und beschützen und ihrer Tochter ein Vater sein würde? Aber da war niemand, auch wenn sie mehrere Angebote gehabt hatte. Sie war in den letzten Jahren immer wieder mit Männern ausgegangen, aber nie hatte sie sich wirklich zu einem von ihnen hingezogen gefühlt – nicht einmal zu Charlie Sentell. Der liebe, gute, wichtigtuerische Charlie. Wie oft hatte er ihr seine unsterbliche Liebe geschworen? Wie oft hatte sie ihm das Herz gebrochen?

Ihr Therapeut hatte ihr geholfen zu verstehen, dass es völlig normal war, wenn sie sich davor fürchtete, eine körperliche Beziehung mit einem Mann einzugehen. Sie hatte schließlich nicht nur eine Vergewaltigung hinter sich, sondern war von ihrem Peiniger auch brutal zusammengeschlagen worden. Alle anderen Opfer dieses Mannes waren tot. Nach vielen Jahren der Therapie hatte sie sich endlich mit der bitteren Wahrheit abgefunden – ganz egal, wie sehr sie sich bemühen würde, einen Partner zu finden und eine Bindung einzugehen, es würde ihr nicht gelingen.

Warum entwickelte sie also plötzlich Interesse an einem Mann, den sie noch dazu kaum kannte? Was hatte dieser Dante Moran an sich, das sie so anmachte? Warum vertraute sie ihm so? Wieso weckte er in ihr sexuelles Verlangen?

Dante begleitete Tessa aus Leslie Annes Zimmer, ließ aber die Tür offen. “Dadurch, dass sie eingeschlafen ist, haben Sie noch einen kleinen Aufschub bekommen, bis Sie ihre Fragen beantworten müssen”, sagte er. “Aber morgen früh wird sie Sie damit konfrontieren. Das ist Ihnen doch klar?”

“Ja, natürlich.”

“Und was wollen Sie ihr sagen?”

“Die Wahrheit.” Sie hatte gehofft, diese Wahrheit niemals enthüllen zu müssen. Aber ihr war mittlerweile klar geworden, dass es ihre Tochter viel mehr traf, belogen zu werden, als die Wahrheit zu erfahren.

“Kann ich noch etwas für Sie tun?”, fragte Dante und sah sie mit so sorgenvoller Miene an, dass sie am liebsten die Arme um ihn geschlungen und ihn gebeten hätte, bei ihr zu bleiben.

Doch sie riss sich zusammen und schüttelte traurig den Kopf. “Nein. Außer, Sie wissen, wie man eine hochsensible, fast neurotische Sechzehnjährige davon überzeugen kann, dass es vollkommen egal ist, wer ihr Vater war. Dass sie, nur weil …” Tessa brachte es nicht über sich, es noch einmal zu sagen.

“Tut mir leid. Selbst ich kann keine Wunder vollbringen.”

“Ich weiß. Aber ich würde lieber sterben, als ihr erzählen, was wirklich geschehen ist.”

“Ich glaube, das weiß sie schon”, sagte Dante. “Sie möchte nur, dass Sie es ihr sagen.”

“Nein. In Wirklichkeit will sie hören, dass es nicht stimmt, dass alles eine schreckliche Lüge ist und sie tatsächlich die Tochter eines Mannes mit dem Namen John Allen ist.”

“Also wird es auch nicht leicht für Sie, ihr die Wahrheit zu sagen.”

Er streichelte Tessas Wange. Seine sanfte Berührung schlug bei ihr ein wie ein Blitz.

Mit offenem Mund starrte sie Dante an und sagte nichts. Er streichelte sie weiter. “Für Leslie Anne wird es noch schwieriger sein, diese Wahrheit zu akzeptieren. Sie braucht jetzt all Ihre Liebe und Unterstützung, auch von ihrem Großvater und der ganzen Familie. Und meines Erachtens wäre es auch nicht verkehrt, auf Dr. Ellisons Rat zu hören und einen Therapeuten hinzuzuziehen.”

“Sie mag Sie, Mr. Moran … Dante. Ich glaube, nach dem, was ihr gestern Abend in dem Motel zugestoßen ist, sieht sie in Ihnen ihren Ritter in glänzender Rüstung.”

Dante räusperte sich. “Glauben Sie mir, diese Rolle passt nicht zu mir.”

“Da bin ich anderer Meinung”, erwiderte Tessa. “Ich liege da ganz auf einer Linie mit meiner Tochter. Aber wenn Ihnen die Bezeichnung Schutzengel lieber ist …”

“Es reicht.” Dante hob abwehrend die Hand. “Ich habe gestern Abend nur meinen Job erledigt. Ich habe Ihre Tochter gefunden und nach Haue gebracht.”

“Man kann sich auch einfach bedanken, wenn man ein Kompliment bekommt.”

Dante lächelte. “Danke.”

“Ich werde Hal Bescheid sagen, damit er Ihnen ein Zimmer zurechtmacht. Und falls Sie etwas brauchen …”

“Ich bleibe einfach unten”, wehrte Dante ab. “Ich muss ohnehin noch ein paar Anrufe erledigen und für morgen meinen Rückflug nach Atlanta organisieren. Hal muss sich um nichts kümmern. Ich werde es mir in einem Sessel in der Bibliothek bequem machen und ein bisschen schlafen.”

“Sind Sie sicher?”

Er nickte. “Aber Sie sollten jetzt schlafen gehen.”

“Ich bleibe heute Nacht bei Leslie Anne. Schlafen werde ich wohl nicht können, aber ich versuche, mich ein bisschen auszuruhen.”

Dante drehte sich um und ging. Tessa beobachtete, wie er im Gang verschwand, und ging zurück ins Zimmer ihrer Tochter. Leslie Anne lag friedlich da und schlief wie das unschuldige Kind, das sie noch vor zwei Tagen gewesen war. Tessa nahm eine Kaschmirdecke von dem Klubsessel in der Ecke, ließ sich hineinfallen und deckte sich mit der herrlich weichen Decke zu.

Als sie so im Halbdunkel dasaß, dachte sie, Leslie Anne würde sich ihr Leben lang an die Nacht erinnern, in der sie knapp einer Vergewaltigung entging. Sie würde vielleicht jahrelang Albträume haben, in ihren Träumen immer wieder den Täter sehen, seine Stimme hören, seine Berührung spüren. Sie wünschte, sie könnte diese Erinnerungen aus dem Gedächtnis ihrer Tochter löschen.

Aber würde es ihr das leichter machen? War es für mich, obwohl ich mich an nichts erinnere, leichter zu akzeptieren, dass ich beinahe zu Tode geprügelt, vergewaltigt und geschwängert wurde von diesem Psychopathen?

Nachdem Dante seine Anrufe und alles andere erledigt hatte, hatte er im größten, bequemsten Sessel in der Bibliothek ein Nickerchen gemacht. Vor einer Viertelstunde war er aufgewacht, ins nächste Badezimmer gegangen und hatte sich frisch gemacht. Er musste dringend unter die Dusche und sich rasieren. Als er sich im Spiegel betrachtete, sah er einen ungepflegten Penner mit stoppeligem Kinn in einem verknitterten schwarzen Anzug vor sich. Sein allmorgendliches Ritual aus Duschen, Rasieren und einem Kaffee war ihm leider heute Morgen nicht möglich, da sein Koffer im Motel war. Es blieb also nur die gewohnheitsmäßige Tasse Kaffee übrig, um wach zu werden.

Als er die große und moderne Küche gefunden hatte, werkelte dort zu seiner großen Überraschung bereits eine mollige grauhaarige Frau herum. Dabei war es gerade einmal halb sechs. Kaum hatte er die Tür geöffnet, strömte ihm das wunderbare Aroma von frisch aufgebrühtem Kaffee entgegen.

“Guten Morgen”, sagte die Frau. “Kommen Sie nur rein, Mr. Moran. Der Kaffee ist gleich fertig.”

“Danke. Tut mir leid, ich weiß gar nicht, wer Sie …”

“Eustacia Bonner”, erklärte sie. “Ich bin hier die Hauswirtschafterin und Köchin. Aber eigentlich koche ich fast nur. Und ich stehe den Putzkräften vor, die täglich ins Haus kommen. Ich stehe im Dienst der Familie Westbrook, seit ich ein junges Mädchen war. Schon meine Mutter arbeitete für den alten Leslie, Miss Tessas Großvater.”

“Freut mich, Sie kennenzulernen, Eustacia.”

“Sie sind als Einziger wach?”, fragte sie.

“Ich glaube schon.”

Sie betrachtete ihn von oben bis unten. “Sie haben wohl in Ihren Kleidern geschlafen.”

“In der Tat. Ich habe in der Bibliothek ein kleines Nickerchen gemacht.”

“Vielen Dank, dass Sie unsere Leslie Anne gefunden und zurückgebracht haben.” Eustacia hob ihre große weiße Schürze und tupfte sich mit einem Zipfel eine Träne aus dem Auge. “Sie ist ein wunderbares Kind, ganz wie ihre Mama. Und so verwöhnt wie ihre Mutter, als sie klein war. Nur war die ein kleiner Teufelsbraten in diesem Alter.”

Das zu hören, überraschte Dante. Erstaunt fragte er: “Was? Tessa Westbrook war als Teenager ein Teufelsbraten?”

Eustacia kicherte. “Und was für einer. Das würde man heute nicht glauben, was? Seit sie sich von diesem schlimmen Unfall erholt hat, ist sie der liebste und netteste Mensch, den ich kenne. Und eine hingebungsvolle Tochter. Sie hätten sie mit ihrer Mutter erleben sollen, damals, als Miss Anne langsam vor sich hinstarb. Das waren schwere Tage. Aber Miss Tessa saß immer bei ihr und las ihr vor und hielt ihr die Hand. Ohne Miss Tessa und die kleine Leslie Anne hätte Mr. G. W. den Tod seiner Frau nicht verwunden. Er verehrte den Boden, über den Miss Anne lief.”

“Vor dem Unfall war Tessa … Da war Miss Tessa nicht nett und freundlich?”

“Oh nein! Das Mädchen war wild wie der Teufel und manchmal richtig gehässig. Sie war ein wahrer Fluch für ihre Mutter!”

“Ich vermute, ein so schlimmes Erlebnis würde jeden Menschen verändern.”

“Vermutlich ja. Eine schreckliche Sache, dieser Autounfall. Leslie Annes Vater starb dabei, aber für Miss Tessa wirkte er Wunder.” Eustacia griff in den Schrank, nahm eine Tasse heraus und hielt sie Dante hin. “Der Kaffee ist fertig.”

Gerade goss er sich die Tasse mit dampfendem, heißem Kaffee voll, als Hal Carpenter in der Küche erschien. “Morgen.”

“Guten Morgen”, erwiderte Eustacia.

“Mr. Moran, Sie haben Besuch”, erklärte Hal. “Ms. Evans wartet in der Bibliothek auf Sie.”

“Lucie?” Was machte sie bloß schon so früh hier?

“Ja, Sir.”

Dante seufzte und trank schnell einen Schluck Kaffee, dann ging er hinüber in die Bibliothek. Dort stand Lucie, frisch und munter, vor dem Kamin. Sie betrachtete gerade das Porträt der schönen jungen Frau, das über dem Kaminsims hing.

“Du bist aber schon früh unterwegs”, sagte Dante zur Begrüßung.

“Ich frage mich, ob das Anne Leslie Westbrook ist.” Lucie drehte sich um und lächelte Dante zu.

“Keine Ahnung. Vermutlich. Bei der altmodischen Kleidung könnte es sogar fast Mrs. Westbrooks Mutter sein, oder nicht?”

“Hmm.” Lucie deutete mit dem Kopf auf ein Päckchen, das auf dem großen Mahagonischreibtisch lag. “Ich habe Leslie Annes Sachen aus Hannahs Wagen mitgebracht.”

“Du hast die Autos schon getauscht? Da werden sich die Bediensteten der Wrights aber gefreut haben, so früh aus dem Bett geklingelt zu werden.”

“Die Hauswirtschafterin war schon auf”, sagte Lucie.

“Danke, dass du …”

“Sieh dir lieber mal den Umschlag an”, sagte Lucie. “Der Inhalt erklärt, warum Leslie Anne Westbrook abgehauen ist.”

“Ich weiß schon, warum.”

“Du weißt, dass ihr jemand einen anonymen Brief geschickt hat, in dem steht, dass ihr Vater ein Serienmörder war, der seine Opfer folterte und vergewaltigte?”

“Was?”

Lucie ging hinüber zum Schreibtisch und leerte den Inhalt des Päckchens auf die Schreibtischplatte aus. “Nicht nur ein Brief, sondern Dutzende von Zeitungsartikeln über die Verhaftung und Verurteilung des Mannes und die Vollstreckung des Todesurteils. Er hat mindestens zehn Frauen ermordet, aber die Polizei vermutet, es gab noch mehr Opfer. Nur wurden deren Leichen nie gefunden.”

Dante gefror das Blut in den Adern, als er hörte, was Lucie zu berichten hatte. Diese unmenschlichen Monster, die sich an unschuldigen Opfern vergingen!

Nach seinem Schulabschluss war Dante zum FBI gegangen. Ein Grund dafür war, dass er durch diesen Job und der ihm dabei zur Verfügung stehenden Möglichkeiten herausfinden wollte, was mit Amy damals passiert war. Nachdem er jahrelang geforscht hatte, war er zu dem Schluss gekommen, dass Amy einem zu jener Zeit aktiven Serienmörder zum Opfer gefallen sein könnte. Zumindest hatte sie dem Opferprofil entsprochen. Alle Frauen, die der Mann entführt und getötet hatte, waren hübsch, jung und blond gewesen, und keine von ihnen älter als zwanzig Jahre. Der Psychopath hatte in verschiedenen Staaten gewütet – Louisiana, Texas, Arkansas, Oklahoma und Mississippi – und zwar über einen Zeitraum von sechs Jahren. Definitiv in der Zeit, in der auch Amy verschwunden war.

Dante stelle seine Kaffeetasse auf einem schweren Keramikuntersetzer auf dem Schreibtisch ab und nahm sich die Zeitungsausschnitte vor. Als er den Namen des Mannes las, der Tessa Westbrook überfallen hatte, blieb ihm beinahe das Herz stehen.

Eddie Jay Nealy.

Dante schloss die Augen, um den Schmerz nicht fühlen zu müssen, doch die Wut und der Hass, die in ihm brannten, ließen sich nicht besänftigen. Eddie Jay Nealy war der Mann, der sechs Jahre lang fünf Bundesstaaten unsicher gemacht hatte. Seine Opfer waren allesamt hübsche blonde Mädchen mit blauen Augen im Teenageralter gewesen.

Das war der Mann, von dem Dante annahm, dass er auch Amy getötet hatte – obwohl man ihre Leiche nie gefunden hatte. Er war derselbe Mann, der Tessa vergewaltigt und beinahe totgeschlagen hatte. Er war Leslie Anne Westbrooks biologischer Vater.

7. KAPITEL

Tessa fand Dante mit Hal in der Küche beim Frühstück. Die beiden tranken Kaffee und unterhielten sich über Football. Sie blieb in der Tür stehen und betrachtete Dante. Warum machte dieser Mann sie so an? Er sah gut aus, okay, aber nicht umwerfend. Ihn umgab vielmehr eine Aura rauer Männlichkeit, wie den Helden aus einem Roman, zu dem sich die Heldin wehrlos hingezogen fühlte, obwohl sie wusste, dass es gefährlich war. Nicht dass Tessa meinte, von Dante Moran ginge eine körperliche Gefahr für sie oder andere Frauen aus. Sie hatte gesehen, zu wie viel Zärtlichkeit er fähig war, als er ihre Tochter getragen hatte. Nein, dieser Mann war gefährlich für ihre Gefühle. Sie ahnte, er konnte ihr das Herz brechen – und dieses Risiko durfte sie nicht eingehen. Mit ihren fünfunddreißig Jahren hatte sie schon genug Leid erlebt. Unverschuldet. Wenn sie jetzt eine Affäre mit Dante anfing und dann hereinfiel, wäre es ihre eigene Schuld.

Erst als Eustacia ihr “Guten Morgen, Miss Tessa” wünschte, bemerkten die beiden Männer sie.

Tessa nahm die Schultern zurück und rauschte in die Küche. Sie schenkte den drei Anwesenden ein Lächeln und steuerte auf die Kaffeekanne zu. “Guten Morgen.” Jetzt sah sie Dante an.

“Wie geht es Leslie Anne?”, erkundigte er sich.

“Sie schläft noch.” Tessa nahm die Kanne von der Wärmeplatte und schenkte sich eine Tasse ein.

“Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das Kind überhaupt weggerannt ist?”, fragte Eustacia, während sie zwei Scheiben Brot in den Toaster steckte. “Da draußen hätte ihr doch alles Mögliche zustoßen können, so allein wie sie war!”

Als Tessa ihr nicht sofort antwortete – was hätte sie auch sagen können, ohne zu lügen? –, schüttelte Eustacia den Kopf. “Liegt vermutlich am Alter. Obwohl ich so was Leslie Anne eigentlich nicht zugetraut hätte. Sie dagegen waren in dem Alter ja ein wildes Biest. Sie haben Ihre Mama und Ihren Daddy ganz schön in Atem gehalten.”

“So hat man es mir zumindest immer erzählt.” Tessa stellte ihre Tasse auf den Tisch und setzte sich zu Dante und Hal.

“Ist Mr. G. W.s Frühstück fertig?”, fragte der Butler. “Es ist gleich halb acht.”

“Sobald Miss Tessas Toast fertig ist, kümmere ich mich darum.”

Wie aufs Stichwort sprangen die gerösteten Scheiben heraus. Eustacia legte sie auf einen Teller, bestrich sie leicht mit Butter und stellte sie vor Tessa auf den Tisch. “Sie sollten mehr frühstücken als zwei Scheiben Toast und eine Tasse Kaffee. Kein Wunder, dass Sie zu dünn sind.”

Hal trank seinen Kaffee leer und erhob sich. “Ich finde nicht, dass Sie zu dünn sind, Miss Tessa. Ich finde, Sie sind gerade richtig. Was meinen Sie, Mr. Moran?”

Von Hals direkter Frage durchaus überrumpelt, schrak Dante zusammen und starrte Tessa ein paar Sekunden lang an, bevor er antwortete. “Ich vermute, Miss Westbrook weiß, dass sie eine sehr attraktive Frau ist.”

“Attraktiv, aber zu dünn”, ließ sich die mollige Eustacia vernehmen.

“Diese Frau muss immer das letzte Wort haben.” Und damit nahm Hal ein großes Frühstückstablett aus der untersten Schublade eines massiven Eichenschranks.

Tessa ignorierte Hals und Eustacias Unterhaltung, die nun das Frühstückstablett für G. W. zurechtmachten. G. W. Westbrook nahm sein Frühstück jeden Morgen pünktlich um halb acht in seinem Zimmer ein. Auch die Zusammenstellung änderte sich selten. Es gab Eier mit Speck, Maisschrot und Biskuits, dick mit Butter und einer von Eustacias selbst gemachten Marmeladen oder Gelees bestrichen. Trotz aller Warnungen vonseiten seiner Ärzte und Tessas Appellen an seine Vernunft änderte G. W. seine Essgewohnheiten nicht.

“Wenn ich sterbe”, sagte er immer wieder, “dann sterbe ich wenigstens glücklich, mit einem vollen Bauch.”

Tessa trank einen Schluck von ihrem schwarzen Kaffee und wartete darauf, dass Dante etwas sagte. Er war merkwürdig ruhig. Sie spürte, dass sich etwas zwischen ihnen beiden verändert hatte, seit sie gestern Abend Leslie Anne ins Bett gebracht hatten.

Sei doch nicht albern, ermahnte sie sich. Zwischen euch beiden ist überhaupt nichts – bis auf eine gegenseitige Anziehung. Wie sollte sich das binnen weniger Stunden verändert haben?

“Konnten Sie ein wenig schlafen?”, fragte sie.

“Ich habe in der Bibliothek ein Nickerchen gemacht.”

“Hmm.”

“Sobald Ihr Vater nach unten kommt, werde ich den Auftrag abschließen. Dann treffe ich meine Kollegen von Dundee im Motel, und wir fliegen zurück nach Atlanta.”

Nein, bitte bleiben Sie hier, wollte sie sagen, tat es aber nicht. “Ich habe noch eine Bitte. Könnten Sie Ihre Abreise ein wenig hinauszögern?”

Fragend und mit leicht gerunzelter Stirn sah Dante sie an.

Tessa war es nicht gewohnt, andere Leute um einen Gefallen zu bitten. Sie hatte in den letzten Jahren mühsam lernen müssen, wieder stark und selbstständig zu werden; ihr Ziel war es gewesen, endlich wieder allein zurechtzukommen. Nachdem man sie vergewaltigt und halb tot geschlagen hatte, war sie in der Obhut unzähliger Ärzte, Krankenschwestern, Therapeuten und Psychologen gewesen. Und vollkommen abhängig von ihrer Familie. Nur ihr Vater und ihre Tante Sharon hatten die ganze Wahrheit gekannt. Alle anderen hatten die Lüge geschluckt, die ihr Vater erfunden hatte – dass sie einen schrecklichen Autounfall überlebt hatte.

Immer wenn sie mit ihrem Vater über ihre Vergangenheit sprach oder ihn fragte, wie er es geschafft hatte, dass die Wahrheit nie ans Licht kam, sagte er, sie bräuchte sich mit diesen Details nicht zu belasten. Sie vermutete, dass G. W. sein Geld und seinen Einfluss benutzt hatte, um alle zu manipulieren. Es wunderte sie immer wieder, welche Macht ihr Vater besaß, nicht nur in Mississippi, sondern in den Südstaaten überhaupt.

Doch egal, was er getan hatte, er hatte es für sie getan. Und für ihre Mutter. Und für Leslie Anne. Um sie alle zu beschützen. Er hatte die Geschichte umgeschrieben, damit niemand, vor allem nicht ihre Mutter, jemals die Wahrheit erführe. Damit hatte er seiner Frau ein letztes Geschenk vor ihrem Tod gemacht.

Niemals waren diese Lügen eine Bedrohung für Leslie Anne gewesen. Doch plötzlich war aus ihrer sicheren, geborgenen Welt ein hässlicher, böser Ort geworden. Ein Ort, an dem sich Monster an jungen Mädchen vergriffen. Ein Ort, an dem unschuldige Kinder geboren wurden, die die Folge einer Vergewaltigung waren. Ein Ort, an dem Kinder ihren eigenen Eltern nicht trauen konnten.

Dante räusperte sich. Tessa kam zurück in die Realität. “Entschuldigen Sie”, sagte sie. “Ich war gerade mit den Gedanken woanders.”

“Wie lautet Ihre Bitte?”

“Oh, die Bitte. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie noch so lange hierblieben, bis Leslie Anne wach ist und sich von Ihnen verabschieden kann. Offensichtlich hat sie eine gewisse Zuneigung zu Ihnen entwickelt.”

Dante zögerte, dann sagte er hastig, als wolle er Leslie Anne eigentlich nicht noch einmal sehen: “Natürlich. Ich bleibe noch hier, um ihr Auf Wiedersehen zu sagen.”

Was war bloß los mit ihm?, fragte sich Tessa. Er war irgendwie anders, nicht viel, aber doch so sehr, dass sie es bemerkte.

“Hätten Sie etwas dagegen, wenn wir unseren Kaffee in der Bibliothek weitertrinken?”, fragte sie, denn sie wollte ihn lieber unter vier Augen fragen, warum er sich plötzlich so seltsam benahm.

“Ich bin fertig.” Damit stand er auf.

Tessa nickte und erhob sich ebenfalls. Sie ließ ihre Tasse stehen und ging zur Tür. Dante folgte ihr. Hal und Eustacia kabbelten sich immer noch, während sie das Frühstück für G. W. zubereiteten.

Draußen im Flur blieb Tessa stehen. Hier waren sie allein, also fragte sie Dante: “Möchten Sie mir vielleicht erklären, was los ist?”

Er sah sie mit einem Blick an, der zu sagen schien: Ich weiß nicht, was Sie meinen.

“Irgendetwas ist anders an Ihnen”, erklärte sie.

“Das liegt daran, dass mein Job hier beendet ist.”

“Nein, es ist noch etwas anderes. Sie verhalten sich anders als …”

Er packte sie unvermittelt am Arm, sodass sie erstaunt den Mund aufriss. “Das möchte ich lieber in Ruhe besprechen.” Er nickte in Richtung der geschlossenen Küchentür.

“Ich verstehe.”

Sie folgte ihm den Gang entlang bis zur Bibliothek. Nachdem er die Schiebetür hinter sich geschlossen hatte, wandte er sich ihr zu. Sie spürte, dass sie nervös wurde. Instinktiv wusste sie, dass ihr das, was sie gleich zu hören bekam, nicht gefallen würde.

“Lucie war heute Morgen schon hier”, eröffnete Dante ihr und zeigte auf den großen Mahagonischreibtisch. “Sie hat ein Päckchen mitgebracht, das in Hannah Wrights Wagen lag. Dieses Päckchen ist per Post an Leslie Anne geschickt worden, bevor sie ausgerissen ist.”

Tessa rauschte das Blut in den Ohren, als sie den dicken Polsterumschlag auf dem Schreibtisch liegen sah. “Was ist drin?”

“Sehen Sie hinein”, forderte Dante sie auf. “Aber seien Sie drauf gefasst, mit Ihrer Vergangenheit konfrontiert zu werden.” Er sah sie mit einer Mischung aus Mitgefühl und Trauer an.

Tessa wurde von Angst überwältigt. Sie hatte das Gefühl, plötzlich keine Luft mehr zu bekommen. Doch sie nahm all ihren Mut zusammen und ging hinüber zum Schreibtisch. Ein paar Sekunden stand sie einfach da und betrachtete den gepolsterten Umschlag. Es führte kein Weg daran vorbei. Sie musste hineinsehen.

Sie nahm den Umschlag und leerte den Inhalt auf den Schreibtisch. Ihre Hand zitterte, als sie nach einem der Zeitungsausschnitte griff, die sich auf der grünen Filzauflage verteilt hatten.

“Sind das Artikel über ihn?”, fragte sie.

“Ja”, antwortete Dante. “Sie handeln alle von Eddie Jay Nealy.”

Tessa würgte es. Sie schaffte es nicht, sie konnte sich diese Zeitungsausschnitte nicht ansehen. Allein die Erwähnung seines Namens jagte einen Schauer der Angst durch ihren Körper. Sie legte den Ausschnitt schnell wieder zurück auf die Tischplatte, als ob das bloße Anfassen sie beschmutzt hätte. “Das ergibt alles keinen Sinn. Heißt das, jemand hat diese …”, sie betrachtete die Zeitungsausschnitte, “… diese Schnipsel absichtlich an Leslie Anne geschickt?”

Dante nickte. “Jemand, der wollte, dass sie die Wahrheit über ihren leiblichen Vater erfährt.”

Er ging hinüber zu Tessa. Sie spürte, dass er sie berühren wollte, und wünschte, er würde es tun. Sie brauchte jetzt eine starke Schulter, die ihr Halt bot.

“Es ist auch ein Schreiben dabei”, fuhr Dante fort. “Mit dem Computer geschrieben. Ohne Unterschrift.”

“Ich verstehe nicht, wie das möglich ist. Keiner außer Daddy, Tante Sharon und mir – und den Behörden, die damals involviert waren – weiß Bescheid. Und ich glaube kaum, dass sich jemand von denen Daddys Zorn zuziehen möchte.”

“Offensichtlich weiß es aber außerdem noch jemand. Oder jemand vermutet es zumindest. Jemand, der Ihre Tochter oder Sie verletzen möchte. Beziehungsweise Sie beide.”

“Die Person, die Leslie Anne dieses Päckchen geschickt hat, muss sie hassen … Oder mich.”

“Fällt Ihnen jemand ein, der …”

Tessa fuhr herum und sah Dante zornig an. “Glauben Sie im Ernst, es ist jemand, den ich kenne?”

“Ja.” Dante sah sie an, als wäre sie eine Außerirdische. Seine simple Antwort brachte sie wieder zur Vernunft.

“Was für eine dumme Frage. Natürlich muss es jemand sein, denn ich kenne. Ich kann mir nur nicht vorstellen, wer.” Wir müssen herausfinden, wer es war. Wenn Daddy merkt … “Sie können Fairport jetzt nicht verlassen. Noch nicht. Wir brauchen die Detektei Dundee, um herauszufinden, wer der Absender dieses Päckchens ist.”

“Ich bin mit Ihnen einer Meinung, dass Sie das herausfinden müssen. Und die Detektei Dundee ist sicher optimal geeignet, das zu tun. Aber vielleicht bin ich der falsche Mann für diesen Auftrag.”

“Was meinen Sie damit?”

“Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich würde den Fall gern übernehmen, denn ich möchte Ihnen helfen. Aber ich stecke da auf eine gewisse Weise persönlich mit drin.”

“Wovon reden Sie?”

“Ich erkläre es Ihnen”, sagte Dante. “Eventuell möchten Sie in diesem Fall nicht, dass ich …”

“Was ist es?” Er spürte an Tessas Gesten, dass sie unbewusst seine Berührung suchte.

Er nahm ihre Hände, dann sah er ihr in die Augen. “Vor vielen Jahren verschwand eines Abends die Frau, die ich liebte – meine Verlobte – aus Colby, Texas, während sie auf mich wartete. Ich hatte sie nach der Arbeit abholen wollen, verspätete mich aber. Als ich ankam, war sie weg. Sie ist nie wieder aufgetaucht.”

Tessa umfasste seine Hand. “Oh Dante, wie schrecklich. Das tut mir leid.”

Er holte tief Luft, dann streichelte er ihre Wange. Eine Welle des Verlangens überflutete ihren Körper. So etwas hatte sie noch nie empfunden.

“Ich weiß nicht, was mit ihr geschehen ist, aber ich habe Nachforschungen angestellt und …” Er sah Tessa an.

“Was versuchen Sie, mir zu sagen?”

“Amy hatte blaue Augen und blonde Haare. Sie war etwa so groß wie Sie. Sie beide ähneln sich sogar ein bisschen.”

Er findet dich nur attraktiv, weil du aussiehst wie sie. Enttäuschung machte sich in ihr breit. Sie wollte, dass Dante sie um ihretwillen mochte, nicht weil sie seiner verlorenen Liebe ähnelte.

“Ich erinnere Sie an sie.”

“Ja, das tun Sie. Aber Leslie Anne noch mehr. Amy war in ihrem Alter, als sie verschwand.”

“Wie alt war sie, als …”

“Siebzehn.”

Tessa wusste, was jetzt kommen würde. Oh Gott, sie wusste es. Jetzt bloß nicht weinen, ermahnte sie sich. Nicht weinen. Sie war stark genug, um über die Ereignisse von damals zu sprechen. Sie brauchte nicht zusammenzubrechen.

“Sie glauben, dass Eddie Jay Nealy auch Amy umgebracht hat?”

Dante schluckte. “Nealy hat in mehreren Staaten, inklusive Texas und Mississippi, Frauen vergewaltigt, gefoltert und getötet. Als er schließlich gefasst wurde, gab er zu, dass er mehrere Dutzend hübscher junger Blondinen umgebracht hat. Aber wo die Leichen sind, hat er der Polizei nie gesagt.”

Tessa kamen die Tränen. “Ich weiß noch vage, dass man mir gesagt hat, ich könne froh sein, noch am Leben zu sein. Ich erinnere mich nicht besonders gut an die Zeit damals, aber es war entweder ein Polizist oder ein Arzt, der mir sagte, alle anderen Opfer des Mannes wären tot.”

“Sie sind das einzige überlebende Opfer. Sie und Helene Marshall”, sagte Dante. “Dank der Zeugenaussage dieser jungen Frau und der erdrückenden Beweislast wurde Nealy zum Tod verurteilt.”

“Ich habe den Prozess nicht verfolgt”, gab Tessa zu. “Daddy berichtete mir davon, dass sie den Mann gefasst hätten, dass er verurteilt und später hingerichtet worden sei. Weitere Details haben mich nicht interessiert. Ich konnte den Gedanken an ihn nicht ertragen. An das, was …” Ihre Stimme versagte.

Dante wich einen Schritt zurück. “Sagen Sie mir eins: Warum taucht Ihr Name nicht auf der Opferliste auf? Ich kenne Nealys Akte vorwärts und rückwärts. Der Name Tessa Westbrook ist mit Sicherheit nicht dabei.”

“Wenn Ihr Vater G. W. Westbrook heißt, kann er so was regeln. Dass Ihr Name nicht in irgendwelchen Akten auftaucht.”

“Es geht doch nichts darüber, die örtlichen Behörden im Griff zu haben.”

“Wohl wahr”, entgegnete sie. “Aber ich bin nicht in Fairport überfallen worden. Das heißt, nicht gefunden.”

“Wo denn?”

“Ich lag in einem Graben neben der Interstate 20, irgendwo drüben in Louisiana.”

Dante verzog schmerzlich das Gesicht. Er presste die Zähne aufeinander, und seine dunklen Augen erschienen ihr mit einem Mal noch dunkler. “Die Interstate 20 führt von Louisiana bis nach Texas. Colby liegt etwa siebzig Kilometer südwestlich der Stelle, an der die Interstate 20 den Ort Abilene kreuzt. Fast alle von Nealys Opfern wurden in der Nähe dieses Highways gefunden. Im Zuge meiner persönlichen Nachforschungen während meiner Zeit beim FBI habe ich herausgefunden, dass wenige Tage nach Amys Verschwinden eine silberne Haarspange mit der Initiale A gleich neben der Interstate 20 gefunden wurde, dazu ein Paar weiße Turnschuhe. Die ermittelnden Behörden gingen davon aus, dass diese Gegenstände einem von Nealys Opfern zuzuordnen waren, aber eine Leiche wurde dort nicht gefunden.”

Tessa hielt den Atem an. Sie wusste, was er als Nächstes sagen würde.

“Als Amy verschwand, trug sie weiße Turnschuhe”, fuhr Dante fort. “Und …”, er holte vernehmlich Luft, “… zu ihrem siebzehnten Geburtstag hatte ich ihr eine silberne Haarspange mit dem eingravierten Buchstaben A geschenkt.” Er sah Tessa irgendwie wütend an, als frage er sich, warum gerade sie überlebt hatte. Warum sie und nicht Amy? “Wen kannte G. W. in Louisiana, der genügend Einfluss besaß, sämtliche Akten verschwinden zu lassen, in denen Sie als ein Opfer Nealys erwähnt wurde?”

“Daddy und der Gouverneur von Louisiana waren zusammen in der Studentenverbindung.”

Dante lachte verbittert. “War klar.”

“Welchen Unterschied macht es schon für Sie, dass Daddy mich durch seinen Einfluss beschützt hat?” Das konnte Dante doch egal sein. Trotzdem schien ihn irgendetwas daran zu stören. Aber was?

“Das stimmt. Das spielt im Prinzip keine Rolle.”

“Was dann? Die naheliegende Tatsache, dass Ihre Freundin Amy ebenso wie ich ein Opfer dieses Monsters ist, macht Sie doch erst recht zum perfekten Kandidaten für die Aufklärung des Falls, wer Leslie Anne …” Oh Gott. Jetzt verstand sie. Es traf sie wie aus heiterem Himmel. Dantes Widerwillen, sich des Falles anzunehmen, hatte gar nichts mit ihr zu tun, sondern nur mit ihrer Tochter. “Es ist wegen Leslie Anne, habe ich recht?”

Dante wandte sich ab. Dies und sein Schweigen sprachen für sich.

“Seit Sie herausgefunden haben, dass er Leslie Annes Vater ist, empfinden Sie anders für sie, stimmt's?”

Schweigen.

Tessa kam sich plötzlich verraten und verlassen vor. Seltsamerweise hatte sie, genau wie ihre Tochter, vollstes Vertrauen zu Dante gefasst, obwohl sie ihn erst so kurze Zeit kannte. Er hatte einfach etwas an sich, das einem keine andere Wahl ließ, fand sie.

Was konnte sie ihm jetzt noch sagen? Sie konnte nichts daran ändern, wie und von wem sie schwanger geworden war.

“Ich würde gern die Antwort auf diese Frage wissen”, erklang eine leise, zitternde Stimme.

Tessa stieß einen überraschten Laut aus, als sie die Stimme hörte. Sie drehte sich zu der nun einen Spalt weit geöffneten Schiebetür um. Da stand Leslie Anne, hilflos und verwirrt.

“Ich dachte, du schläfst noch”, sagte Tessa, unfähig, etwas Sinnvolleres von sich zu geben. “Ich wollte dir gleich das Frühstück ans Bett bringen.”

Leslie Anne ignorierte ihre Mutter vollkommen und ging geradewegs auf Dante zu, der sich ebenfalls zu ihr umgedreht hatte. Er sah aus wie ein Mann, der wusste, dass er gleich gehängt werden würde.

“Sie hassen mich jetzt, stimmt's?” Leslie Anne sah Dante genau in die Augen. “Sie ertragen nicht einmal mehr meinen Anblick, weil ich das Kind von diesem furchtbaren Mann bin.”

“Nicht, mein Schatz! Hör auf damit!”, rief Tessa. “Mr. Moran …”

“Ich rede mit ihm, Mama. Nicht mit dir.”

Tessa sprach ein stummes Gebet, in dem sie Gott um Weisheit und Menschlichkeit für Dante bat. Er musste Leslie Anne die Antwort geben, die sie so sehnlich von ihm erwartete.

“Nein, ich hasse dich nicht”, sagte Dante. “Niemand könnte eine so liebenswerte junge Frau wie dich hassen.”

“Sie lügen. Irgendjemand hasst mich. Die Person, die mir die Zeitungsartikel über meinen Vater geschickt hat …” Sie blickte Dante bedeutungsvoll an. “Eddie Jay Nealy war doch mein leiblicher Vater, oder?”

“Man kann sich seine Eltern nicht aussuchen”, sagte Dante. “Mein Vater war auch kein Hauptgewinn. Er war halb Italiener, halb Ire und stammte aus Chicago. Nach einer kurzen Zeit bei der Armee kam er zurück und begann eine Karriere als Krimineller. Bei einem missglückten Drogendeal kriegte er eine Kugel in den Kopf. Dafür hatte ich eine tolle Mom. Als ich zwölf war, zogen wir zu ihrer großen Familie nach Texas, alles liebe Leute. Und ich bin noch nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten – ich habe nichts von meinem Vater geerbt. Und du …”, er packte Leslie Anne bei den Schultern, “… hast auch nichts von deinem Vater geerbt.”

Tränen strömten über Leslie Annes Wangen. “Oh Gott! Dann stimmt es also. Er ist mein Vater!”

Tessa rannte zu ihrer Tochter, doch noch bevor sie bei ihr war, nahm Dante Leslie Anne in den Arm und tröstete sie. Mit seiner großen, starken Hand streichelte er ihren Rücken. Der Diamant in seinem Onyxring funkelte, als das Licht der Morgensonne darauffiel.

Während Dante Leslie Anne im Arm hatte und sie sich ausweinen ließ, tauschte er einen Blick mit Tessa. Sie wusste, dass Dante nicht der Typ war, eine Unschuldige für die Verbrechen eines anderen büßen zu lassen – also auch nicht ihre Tochter. Selbst wenn ihr “Erzeuger” seine Verlobte ermordet hatte.

Dante war ein guter Mensch, ganz ohne Zweifel. Er würde sie nicht im Stich lassen, wenn sie ihn brauchten. Sie würden auf ihn zählen können, das wusste sie. Er würde ihnen helfen herauszufinden, wer die Zeitungsartikel an Leslie Anne geschickt hatte. Wer hatte nur einen Grund, ihre Tochter derart zu verletzen? Welchen Zweck verfolgte die Person mit der Enthüllung ihres lange gehegten Geheimnisses?

8. KAPITEL

“Was meinst du damit, Moran soll noch bleiben?”, entrüstete sich G. W. Vor Wut bekam er einen roten Kopf.

“Reg dich nicht auf, Daddy. Ich dachte, es wäre gut, wenn er gemeinsam mit uns herausfinden würde, wer Leslie Anne die Zeitungsausschnitte über …”, sie holte tief Luft, “… über Eddie Jay Nealy geschickt hat.” Sie hatte seinen Namen gesagt. Es war nicht so schwierig gewesen, wie sie gedacht hatte. In all den Jahren hatte sie seinen Namen nicht ein einziges Mal laut gesagt, obwohl er immer wieder in ihrem Kopf herumgeschwirrt war. Und heute hatte sie ihn schon zwei Mal ausgesprochen!

“Was interessiert es, wer sie geschickt hat? Der Schaden ist angerichtet.” G. W. tätschelte Tessas Hände. “Wir können ja versuchen, ihr einzureden, dass John Allen …”

“Nein!” Tessa riss sich los. “Es ist zu spät. Du hast recht – der Schaden ist angerichtet und meine Tochter emotional am Boden zerstört. Unsere Aufgabe ist es jetzt, diesen Schaden wiedergutzumachen und ihr zu helfen, damit klarzukommen.”

“Dafür brauchen wir Moran nicht.”

“Ich glaube vielleicht doch. Leslie Anne hängt an ihm. Sie vertraut ihm.”

“Und du? Hängst du etwa auch an ihm?” G. W. sah sie fragend an.

“Sei doch nicht albern. Ich kenne ihn ja kaum.”

“Dann schick ihn weg. Leslie Anne ist wieder da, sie ist gesund und munter und …”

“Munter wohl kaum. Sie hört nicht auf, Fragen zu stellen. Sie will Antworten hören, und die werde ich ihr auch geben.” Als ihr Vater nicht reagierte, sondern sie nur besorgt ansah, fuhr Tessa fort: “Ich werde nicht mit dir darüber streiten. Ich möchte, dass wir an einem Strang ziehen – für Leslie Anne. Einverstanden?”

Mit einem lauten Schniefen und feuchten Augen nickte G. W. “Aber wenn wir ihr alles sagen, dann sofort. Lass uns die Sache hinter uns bringen. Dann sehen wir, wie es weitergeht.”

“Ich habe schon mit Dr. Barrett telefoniert. Er kommt um elf Uhr.”

“Du hast Arthur angerufen?”

“Ja. Ich glaube, der Therapeut, der mir über viele Jahre geholfen hat, könnte auch für Leslie Anne der ideale Ansprechpartner sein. Immerhin kennt Dr. Barrett die ganze Geschichte.”

“Ja, das stimmt. Er kennt die Geschichte.”

Tessa entging der seltsame Ton in der Stimme ihres Vaters nicht.

“Daddy?”

“Ja?”

“Irgendetwas stimmt doch nicht. Verschweigst du mir etwas?”

G. W. tätschelte seiner Tochter beruhigend den Arm. “Ich hasse es, über die Vergangenheit zu reden. Es war eine sehr schmerzvolle Zeit für uns alle. Für dich, für mich … und für deine Mutter.”

“Ich wühle auch ungern in der Vergangenheit, aber jetzt muss es sein. Wegen und für Leslie Anne. Wir müssen uns etwas einfallen lassen, um sie davon zu überzeugen, dass – obwohl er ihr biologischer Vater ist – sie nicht seine Tochter im vollen Wortsinn ist.”

“Hättest du nur Charlie geheiratet …”

“Wie hätte das funktionieren sollen? Ich kannte ihn nicht einmal. Ich erinnerte mich nicht an ihn. Ich wusste nur, dass ich von einem anderen Mann schwanger war.”

“Ich wünschte, ich hätte dir nie gesagt, dass das Kind nicht von ihm ist. Hätte ich nur einen Moment nachgedacht, hätte ich dir dasselbe erzählt wie deiner Mutter. Dann hätte Charlie dich geheiratet – er hat dich geliebt. Er hätte das Spiel mitgespielt. Keiner hätte gewusst, dass er nicht Leslies Annes leiblicher Vater ist.”

“Du hättest es gewusst.”

“Was soll's, das alles spielt jetzt sowieso keine Rolle mehr.” G. W. streichelte die Wange seiner Tochter. “Ihr habt Anne in ihren letzten Lebensjahren so viel Freude bereitet, du und Leslie Anne. Kein Mann könnte sich eine bessere Tochter wünschen. Ich habe wirklich sehr großes Glück. Ich danke Gott jeden Tag dafür, dass ich dich habe. Das weißt du doch, oder?”

“Oh Daddy, du alter Softie. Ich bin es, die Glück hat. Was hätte ich ohne dich getan? Ohne dich hätte ich mich aufgegeben … nach der Vergewaltigung. Ohne deine Kraft und Unterstützung hätte ich nicht weitermachen können. Aber du hast mich gezwungen weiterzuleben, als ich am liebsten gestorben wäre.”

“Stell dein Licht nicht so unter den Scheffel, junge Dame. Du bist der stärkste, tapferste Mensch, der mir je begegnet ist. Ich bin stolz, dein Vater zu sein.”

Tessa war blind vor Tränen. “Und jetzt müssen wir beide stark und tapfer sein für Leslie Anne. Sie braucht uns mehr als je zuvor.”

“Wir werden gemeinsam für sie da sein”, sagte G. W. “Wir alle, ihre ganze Familie. Sharon ist übrigens auf dem Weg hierher. Myrle sagt, sie wird gegen Nachmittag da sein.”

“Gut. Ich habe sie schon vermisst, weil sie immer so lange in Key West ist. Tante Sharon und Leslie Anne mögen sich sehr. Sie wird Leslie Anne eine große Hilfe sein.”

G. W. legte Tessa einen Arm um die Schultern. “Siehst du, wir brauchen keine Fremden.”

Tessa versteifte sich. “Daddy, warum bist du bloß so dagegen, dass die Detektei Dundee herausfindet, wer Leslie Anne dieses Päckchen geschickt hat?”

“Das bin ich doch gar nicht. Ich … ich rede dummes Zeug, oder? Natürlich wollen wir wissen, wer ihr dieses Päckchen geschickt hat. Aber warum soll ich mich nicht um die Angelegenheit kümmern? Du konzentrierst dich auf Leslie Anne und ich rede selbst mit Mr. Moran und der Detektei Dundee.”

“Gut, wenn dir das lieber ist.” Ihr Bauchgefühl sagte Tessa, dass ihr Vater ihr etwas verheimlichte. Aber was konnte das sein? Sie hatte immer gedacht, sie hätten keine Geheimnisse voreinander.

G. W. beschloss, mit Dante Moran in der Bibliothek unter vier Augen zu sprechen. Zuvor hatte er einige Telefonate geführt und Informationen über den Dundee-Agenten eingeholt. Natürlich gingen diese Informationen nicht in die Tiefe, aber sie reichten aus, um sich eine Meinung über ihn bilden zu können. Moran würde sich nicht von ihm verjagen lassen, er galt als unbestechlich und furchtlos. Das gefiel G. W., und unter anderen Umständen hätte er sicher versucht, den Mann für sein Unternehmen abzuwerben. Bei Westbrook, Inc. konnte man immer begabte Menschen der Tat wie Moran gebrauchen. Doch in der momentanen Situation hätte G. W. einen Agenten bevorzugt, der bestechlich war.

Als Leslie Anne weggerannt war, hatte er sofort die beste Detektei beauftragt, um sie suchen zu lassen. Dundee war die beste. Die Agenten dort waren die Crème de la Crème der Privatermittler, hervorragend ausgebildete Spezialisten. Und genau dieser Umstand machte G. W. jetzt Probleme. Falls Moran – oder jeder andere Dundee-Agent – anfing, in der Vergangenheit herumzustochern und dabei ein bisschen zu tief stocherte, würde er sich sicher nicht mit einem Batzen Geld kaufen lassen. Was sollte er tun, wenn die volle Wahrheit ans Licht käme?

Das kann gar nicht passieren, versicherte G. W. sich selbst. Nur drei andere Menschen kannten die wahren Einzelheiten: der ehemalige Sheriff von Richland Parish, der Gerichtsmediziner und ein Hilfssheriff. Der Gerichtsmediziner war vor zehn Jahren im Alter von siebzig Jahren verstorben. Sheriff Wadkins litt mittlerweile an Alzheimer. Er war in einem Pflegeheim untergebracht, für die Kosten kam G. W. auf. Und Hilfssheriff Summers war inzwischen zum Sheriff ernannt worden. Seine monatliche Gehaltsaufbesserung durch G. W. sorgte sicher dafür, dass auch er den Mund hielt.

Soll Moran doch so tief bohren, wie er will, dachte G. W. Er wird nichts als die bekannten Fakten herausfinden. Meine Tochter wurde vor siebzehn Jahren entführt, vergewaltigt und halb tot in den Straßengraben geworfen. Sie ist eine der wenigen, die Eddie Jay Nealys brutalen Übergriff überlebten. Und das Resultat seiner grausamen Vergewaltigung ist meine Enkeltochter Leslie Anne.

G. W. erschauderte. Normalerweise gestattete er sich nicht, an diese schlimme Zeit zurückzudenken, an diese schwarze, teuflische Tat, die beinahe sein Leben zerstört hätte. Ohne Tessa hätte seine geliebte Frau Anne nicht so lange gelebt. Wenn sie ihre Tochter damals verloren hätten …

Während G. W. sein Aussehen in den bodentiefen Spiegeln in seinem Ankleidezimmer überprüfte und sich dann auf den Weg in die Bibliothek machte, verwarf er den Gedanken an das Geheimnis, das er tief in seinem Herzen trug. Das Einzige, was zählte, war das Hier und Jetzt und Leslie Anne. Sie mussten herausfinden, wer gewagt hatte, ihr diese Zeitungsartikel über Eddie Jay Nealy zu schicken.

Nur er, Tessa und Sharon wussten, wer Leslie Annes Vater war. Selbst die Ärzte und Krankenschwestern in allen Krankenhäusern, in denen Tessa behandelt worden war, hatten es nicht gewusst. Damals hatte er eine Lüge mit der nächsten gedeckt, und so ging es immer weiter, bis er all seine Lügen beinahe selbst glaubte.

Es klopfte an die Tür der Bibliothek.

“Ja bitte?”

“Sie wollten mich unter vier Augen sprechen”, sagte Dante Moran durch die geschlossene Tür.

“Bitte kommen Sie herein.”

Die Schiebetür wurde geöffnet, und Moran betrat den Raum.

“Schließen Sie die Tür”, sagte G. W. “Ich möchte nicht, dass jemand unser Gespräch mit anhört.”

Nachdem Dante die Tür geschlossen hatte, wandte er sich seinem Auftraggeber zu.

“Meine Tochter hat mir mitgeteilt, sie würde die Detektei Dundee auch gern für die Suche nach der Person engagieren, die Leslie Anne diese Zeitungsausschnitte geschickt hat.”

Moran nickte. “Ja, Sir. Das hat sie erwähnt.”

“Wenn Tessa das wünscht, so ist es auch mein Wunsch.” G. W. wusste, dass er bei Moran nur mit Ehrlichkeit punkten konnte. “Mir ist es gleichgültig, welcher der Agenten den Auftrag übernimmt, aber Tessa scheint großes Vertrauen in Sie zu setzen. Sie hofft, dass Sie die Untersuchung leiten. Haben Sie ein Problem damit?”

“Nein, Sir.”

“Sie sind kein Mann von großen Worten, habe ich recht?”

Moran kniff die Augen zusammen und sah G. W. an. “Wenn Sie einen meiner Kollegen bevorzugen …”

“Nein, nein.” G. W. winkte ab. “Ich wünsche nur nicht, dass in der Vergangenheit herumgestochert wird. Daher wäre es mir sehr lieb, wenn Sie Ihre Erkenntnisse im Rahmen der Untersuchung immer zunächst mit mir abstimmen würden. Dann kann ich meine Tochter und meine Enkelin so gut wie möglich abschirmen. Haben Sie irgendwelche Einwände dagegen?”

“Nein, Sir. Sie beauftragen die Detektei Dundee, also sind in jeder Hinsicht Sie unser Ansprechpartner und Klient.”

“Gut. Gut. Das wollte ich hören.”

“Dann darf ich daraus schließen, dass wir damit offiziell für den Fall engagiert sind?”

“Auf jeden Fall.”

“Ich werde meinem Vorgesetzten, Sawyer McNamara, umgehend Bescheid geben und alles Notwendige veranlassen. Um den Auftrag bestmöglich abwickeln zu können, würde ich gern mit meinen Kollegen Lucie Evans und Dom Shea im Team arbeiten. Das hieße für Sie, Sie müssten nicht nur einen, sondern drei Agenten bezahlen.”

“Geld spielt keine Rolle. Das wissen Sie doch.”

“Ja, Sir. Aber ich brauche Ihr Einverständnis.”

“Das haben Sie. Arbeiten Sie mit so vielen Leuten, wie Sie brauchen. Drei oder zehn. Hauptsache, Sie machen Ihren Job gut.”

“Das tun wir immer.”

“Davon bin ich überzeugt.”

“Ich brauche zunächst einige Informationen, von denen ich denke, dass eher Sie sie mir geben können als Ihre Tochter.”

“Kein Problem.”

“In Ordnung.” Moran richtete seinen Blick auf G. W. “Tessa … Ms. Westbrook hat mir gesagt, nur Sie, Ihre Schwester und natürlich Ihre Tochter selbst wissen, dass Eddie Jay Nealy Leslie Annes biologischer Vater ist. Ist das richtig?”

“Ja.”

“Ihre Frau wusste es nicht?”

“Mein Frau hatte Krebs im Endstadium, als unsere Tochter entführt wurde”, sagte G. W. “Ich dachte, es wäre besser für sie, wenn sie nie erfährt, was in Wirklichkeit mit Tessa geschehen ist. Bis zu dem Tag, an dem sie starb, glaubte Anne, Tessa hätte einen schlimmen Autounfall gehabt, und der Vater ihres Kindes wäre Charlie Sentell.”

“Was ist mit Ihrer Schwester? Könnte sie vielleicht …”

“Auf keinen Fall. Sie würde nie etwas tun, das Tessa oder Leslie Anne schadet.”

“Ich meine damit nicht, dass Ihre Schwester Leslie Anne das Päckchen geschickt hat. Sondern: Könnte sie irgendjemandem das Familiengeheimnis verraten haben? Einer Freundin vielleicht? Einem Geliebten?”

“Nein.” Konnte er da wirklich sicher sein? Selbstverständlich. Seine Schwester würde sein Vertrauen nie missbrauchen.

“Damals müssen aber mehr Leute die Wahrheit gekannt haben”, insistierte Moran. “Die Polizei, der Sheriff des Bezirks, in dem Tessa aufgefunden wurde. Das Krankenhauspersonal …”

“Sie mögen etwas vermutet haben, aber sie wussten nichts Genaues. Immerhin war Tessa damals achtzehn und schon sexuell aktiv gewesen, bevor …” G. W. schluckte. “Das Kind hätte von einem ihrer Freunde stammen können.”

“Und genau das haben Sie dann den Leuten erzählt.”

“Tessa war mit niemandem außer Charlie länger als sechs Monate zusammen. Das Kind hätte also durchaus von ihm sein können.” G. W. schloss für einen Moment die Augen, ordnete seine Gedanken und sammelte all seinen Mut. Er hatte so oft gelogen, dass er selbst manchmal kaum noch durchblickte.

“Hätte von Charlie sein können, war aber nicht. Wie konnten Sie da so sicher sein?”

G. W. atmete tief ein. “Als Charlie Tessa im Krankenhaus besuchen kam, erzählte ich ihm dieselbe Geschichte wie allen anderen – die Geschichte von dem Autounfall. Ich sagte ihm auch, dass sie schwanger war. Die Schwangerschaft war erst ein paar Wochen alt. Charlie war aber länger als sechs Wochen weg gewesen, auf dem College … Er erzählte mir, dass er und Tessa schon seit mehreren Monaten nicht mehr … Als ich ihm sagte, ich hätte keine Ahnung, wer der Vater sein könnte, bot er an, er würde das Kind als seines annehmen. Er wollte Tessa heiraten und die Verantwortung für ihr Kind übernehmen.”

“Wenn das der Fall ist, warum …”

“Tessa weigerte sich, ihn zu heiraten. Sie wollte nicht, dass er das Kind annimmt, aber sie war zumindest damit einverstanden, allen zu erzählen, es sei Charlies Kind.” Bis heute konnte G. W. nicht an seine verstorbene Frau Anne denken, ohne dabei tiefen Schmerz zu empfinden. Sie war die Liebe seines Lebens gewesen. Er hätte alles, absolut alles für sie getan. Und das hieß damals auch, sie vor der Wahrheit zu schützen.

“Sie und Tessa haben im Lauf der Zeit sehr viele Lügen erzählt”, sagte Moran. “Es könnte sehr wohl möglich sein, dass irgendjemand mal zwei und zwei zusammengezählt hat. Wenn wir herausfinden sollen, wer Leslie Anne die Zeitungsausschnitte geschickt hat, müssen Sie ehrlich zu mir sein. Ich muss wissen, welche Lügen Sie erzählt haben und was die Wahrheit ist. Beginnen wir also mit Tessas Entführung.”

Du kannst es, sagte sich G. W. Erzähl ihm alles bis auf … “Als Tessa verschwand, dachte ich, man hätte sie entführt, um Lösegeld von uns zu erpressen. Ich erfand die erste Lüge, um meine Frau nicht unnötig aufzuregen. Ich erzählte ihr, Tessa sei mit meiner Schwester Sharon auf Reisen. Wissen Sie, meine Schwester reist die ganze Zeit durch die Weltgeschichte.”

“Das war die erste Lüge?”

“Ja.” Die erste von vielen, so vielen. G. W. wusste nicht einmal, ob er sich an alle erinnerte. Seltsam, wie nach so vielen Jahren des Vertuschens die Lüge wahrer zu sein schien als die Wahrheit selbst.

“Wie lang war Tessa verschwunden?”, fragte Moran.

“Wie lang?”

“Ja, wie lang?”

“Tja … fast zwei Wochen.”

“Tessa erzählte mir, dass man sie an der Interstate 20 in Louisiana gefunden hat. Ist das richtig?”

G. W. nickte.

“Wer hat Sie informiert?”

“Der Sheriff von Richland Parish”, erwiderte G. W. Kein Grund, Moran zu belügen. Es wäre kein Problem für ihn, diese Information zu bestätigen, denn alle Beweise hatte selbst G. W. nicht verschwinden lassen können. Sogar Tessas Krankenakte existierte noch, auch wenn sie streng vertraulich war. “Ein Autofahrer, der mal austreten musste, fand ihren Körper gleich neben dem Highway. Er dachte, sie wäre tot, und rief den Sheriff. Dieser entdeckte dann, dass sie noch lebte. Gerade noch so. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht. Sie war vergewaltigt und halb tot geschlagen in den Graben geworfen worden.”

“Eddie Jay Nealys Markenzeichen.”

“Ja.” G. W. presste die Zähne zusammen. Diesen Tag würde er nie vergessen. Seine schöne Tochter brutal zusammengeschlagen. Der Anblick, wie sie bewegungslos dalag. Unerträglich.

“Sie fuhren nach Louisiana und zu Tessa ins Krankenhaus?”

“Richtig. Sobald sie stabil war – etwa zehn Tage später –, ließ ich sie nach Fairport verlegen. Wenige Wochen darauf sagten mir die Ärzte, sie sei schwanger. Rechnerisch ergab sich die Wahrscheinlichkeit, dass sie etwa zur Zeit der Vergewaltigung schwanger geworden war.”

“Und Sie haben Ihrer Frau und allen hier in Fairport erzählt, dass Tessa einen Autounfall hatte. Aber die behandelnden Ärzte wussten doch sicher, dass das nicht der Fall war.”

“Tessas Arzt hieß Dr. Harlan. Natürlich wusste er es, aber er sagte nichts. Er hat nie jemandem gegenüber Tessas wahren Zustand erwähnt, und er hat auch keine Vermutungen bestätigt.”

“Ihnen ist aber doch klar, dass das Krankenhauspersonal sowohl in Louisiana als auch hier wusste, dass Tessa vergewaltigt und zusammengeschlagen worden war. Als man Nealy fasste und vor Gericht brachte, war das die Schlagzeile in jeder Zeitung hier im Süden. Da hätte sich doch jemand daran erinnern können, dass auch auf Tessa das Gleiche zutraf: jung, blond, hübsch – vergewaltigt und halb tot geschlagen.”

“Falls Sie einen der Ärzte oder eine Krankenschwester im Verdacht haben, können Sie mir dann erklären, warum sie so viele Jahre gewartet haben sollen, um Leslie Anne zu kontaktieren? Oder was sie davon hätten, ihr von Nealy zu berichten?”

“Wenn jemand Geld will, hätte er die Zeitungsberichte wahrscheinlich eher an Sie oder Tessa geschickt, das stimmt”, entgegnete Moran. “Es scheint sich also um ein anderes Motiv zu handeln. Er oder sie hat Leslie Anne als Ziel seiner Attacke gewählt. Wenn wir wüssten, warum, wäre das vielleicht schon ein Anhaltspunkt, nach wem wir suchen.”

“Wenn ich diese Person in die Finger kriege …”

“Wir kümmern uns darum, Mr. Westbrook.”

“Ja, natürlich.”

“Am besten erstellen wir eine Liste der Leute, die Leslie Anne besonders nahe stehen – was nicht heißt, dass diese Personen verdächtig sind. Und ich schließe ausdrücklich auch niemanden aus der Vergangenheit aus – ein Arzt, eine Krankenschwester, ein Polizist vielleicht. Aber aus Erfahrung kann ich Ihnen sagen, dass die Person, nach der wir suchen, wohl ein persönlicheres Motiv als Geld hat.”

“Ich weigere mich zu glauben, dass jemand aus dem Umfeld der Familie so etwas getan haben könnte, selbst wenn er oder sie die Wahrheit herausgefunden haben sollte.”

“Ihre Schwester Sharon kannte die Wahrheit von Anfang an, aber von ihrer Loyalität sind Sie überzeugt. Was ist mit Ihrer Schwägerin und deren Tochter? Was ist mit Ihrer Freundin und ihrem Sohn? Und was ist mit Charlie Sentell?”

“Meine Güte, lieber Mann! Sie glauben doch nicht, dass einer von ihnen …”

“Ich schließe niemanden aus. Nicht einmal Ihr Personal. Hal Carpenter und Eustacia Bonner. Bedienstete wissen oft mehr über ihre Herrschaften, als sie zugeben.”

“Hal und Eustacia stehen seit Jahrzehnten in unseren Diensten. Ich vertraue beiden bedingungslos. Sie sind vollkommen loyal.”

“Irgendjemand muss der Schuldige sein”, sagte Moran. “Und es ist mehr als wahrscheinlich, dass es jemand ist, den Sie kennen. Jetzt gilt es herauszufinden, welcher dieser vertrauenswürdigen Menschen es war, der Leslie Anne das Päckchen zukommen ließ und ihr mitteilte, dass ihr Vater ein Serienmörder war.”

Tessa hielt mit Leslie Anne Schritt, als die zu den Ställen eilte. Sie hatte vergeblich versucht, ihre Tochter davon zu überzeugen, doch besser im Haus zu bleiben, weil Dr. Barrett bald kommen würde. Aber wenn sich ihre Tochter einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, war es nahezu unmöglich, es ihr wieder auszureden.

“Wir können doch heute Nachmittag noch ausreiten”, sagte Tessa.

“Du musst ja nicht mitkommen, wenn du nicht willst. Ich hab dich nicht eingeladen.” Leslie Anne stürmte weiter vorwärts und winkte jetzt Luther Osborn zu, dem Pferdepfleger und Gärtner. Er kümmerte sich um die vier Pferde und um das zweihundert Hektar große Grundstück. Luther war seit drei Jahren bei ihnen angestellt, seit der alte Toby Chapman in Rente gegangen war.

“Morgen, Luther”, sagte Leslie Anne. “Wie geht's Passion Flower heute Morgen?”

“Sie ist fit wie ein Turnschuh, Miss. Wollen Sie sie reiten?” Sein Pfannkuchengesicht und die großen Augen verliehen dem jungen Mann ein trollartiges Aussehen. Aber er war lieb und höflich und erledigte seine Arbeit gut.

“Genauso ist es”, antwortet Leslie Anne.

Inzwischen war auch Tessa im Stall angekommen und lächelte Luther zur Begrüßung zu.

“Morgen, Miss Tessa. Wollen Sie auch ausreiten?”

“Ja, Luther. Würdest du uns bitte die Pferde satteln?”

Leslie Anne wirbelte herum, stemmte eine Hand in die Hüfte und sagte zu Tessa: “Vielleicht will ich aber allein sein?”

“Du bist nicht in der Verfassung, um allein auszureiten.”

“Ich mach schon nichts Bescheuertes, wie mich umbringen oder so was.”

Oh Gott! Dachte ihr Kind wirklich an Selbstmord? Bitte nicht!

“Du weißt doch, Reiten hilft mir beim Nachdenken. Das war schon so, als ich klein war. Aber jetzt bin ich kein Kind mehr, und du musst nicht immer mitkommen.”

“Ich verstehe ja, dass du allein sein willst, aber nicht heute. Nicht, bis wir uns ausgesprochen haben und du verstehst, warum dein Großvater und ich dich all die Jahre angelogen haben.”

“Ich verstehe das schon. Ihr wolltet nicht, dass ich weiß, dass ich das Kind eines Serienmörders bin, der dich vergewaltigt hat.”

“Sprich doch leiser! Oder soll Luther dich hören?”

“Was interessiert es, wer es alles weiß? Ich weiß es. Ich weiß, dass ich das Kind eines Teufels bin und dass in meinen Adern böses Blut fließt!”

Tessa packte ihre Tochter bei den Schultern und schüttelte sie. “Sag das nie wieder! Hast du mich verstanden?”

Leslie Anne riss sich von ihrer Mutter los. Der traurige und verwirrte Ausdruck in ihren Augen machte Tessa Angst. Sie wusste, wie es war, hilflos und hoffnungslos zu sein. Auch sie hatte sich oft die Frage gestellt, ob es sich noch zu leben lohnte. Wie konnte sie ihr Kind vor diesen gefährlichen Emotionen bewahren?

“Da wären wir”, sagte Luther, als er zwei wunderschöne Araberpferde aus dem Stall führte.

Ohne Tessa noch eines Blickes zu würdigen, stieg Leslie Anne auf und trieb Passion Flower zu einem Galopp an.

“Ist alles in Ordnung mit Leslie Anne?”, fragte Luther ernsthaft besorgt. “Ich freue mich, dass sie wieder zu Hause ist.”

Tessa sah Luther an und lächelte. “Sie ist schon okay. Die typischen Launen einer Sechzehnjährigen.” Je weniger Leute den wahren Grund von Leslie Annes Verschwinden wussten, umso besser.

Luther erwiderte Tessas Lächeln. “Ja, Ma'am, das kenne ich. Meine Mom macht auch gerade eine harte Zeit mit meinen Schwestern durch. Die eine ist fünfzehn, die andere siebzehn.”

Er führte das Pferd zu Tessa und übergab ihr die Zügel. Sie bestieg Mr. Wonderful, einen achtjährigen Wallach, den sie sich vor einigen Jahren ausgesucht hatte, nachdem ihre Stute im reifen Alter von fünfundzwanzig Jahren gestorben war. Reiten war eines der wenigen Dinge, die sie nach ihrem “Unfall” nicht wieder hatte lernen müssen. Immer noch kam ihr dieser Begriff – der Unfall – automatisch über die Lippen, ihre Lüge seit über siebzehn Jahren. Erzählte man eine Lüge nur oft genug, wurde sie beinah zur Wahrheit.

Aber nicht nur das hatte Tessa festgestellt. Sondern auch, dass die alte Weisheit stimmt: Wer sich einmal auf eine Lüge eingelassen hatte, musste immer weiterlügen, um die erste Lüge zu vertuschen und nicht entdeckt zu werden. Manchmal kam es ihr selbst so vor, als könne sie Lüge und Wahrheit nicht mehr auseinanderhalten.

Doch es gab eine Tatsache, an der auch ihre Lügen nichts ausrichten konnten – egal, wie sehr sie es sich wünschte und wie viele Geschichten ihr Vater erfand: Leslie Annes leiblicher Vater war Eddie Jay Nealy. Der Mann, der versucht hatte, sie zu töten. Der Mann, der vermutlich auch Dante Morans Verlobte ermordet hatte.

Da sind sie, Mutter und Tochter, und reiten über die Wiese wie zwei verwöhnte Prinzessinnen, während ich mich hier in den Büschen verstecken muss wie ein wertloser Sklave. Wenn man sie so sieht, so stolz und königlich, käme keiner darauf, was die Wahrheit über die beiden Westbrook-Ladies ist. Aber ich kenne die Wahrheit. Und ich werde mein Wissen nutzen, um endlich das zu bekommen, was mir zusteht. Alles, was mir zusteht.

Und dabei vermutet niemand, dass ich hier bin und nur auf die richtige Gelegenheit warte. Ich kann das Unvermeidliche nicht mehr länger hinausschieben. Ich muss handeln und die Sache weiter in Gang halten. Wenn diese Dundee-Leute erst mal weg sind, werde ich meinen Plan in die Tat umsetzen. Vielleicht hätte ich schon früher zuschlagen sollen, aber ich hatte ja immer noch auf eine andere Lösung gehofft. Doch inzwischen ist es mir klar: Ich kann das, was ich will, nur auf eine Art bekommen.

Leslie Anne Westbrook muss sterben.

9. KAPITEL

Dante stand in einer Ecke des Raumes und fühlte sich verdammt unwohl, weil er bei diesem Familientreffen dabei war. Andererseits fühlte er sich verpflichtet, hier zu sein. Nicht nur, weil Leslie Anne ihn gebeten hatte zu bleiben, und auch nicht, weil er ein perverses Interesse an den Details von Tessa persönlicher Tragödie besaß. Aber wenn es derselbe Mann gewesen war, der Tessa entführt und misshandelt hatte, der auch Amy auf dem Gewissen hatte, erfuhr er vielleicht durch Tessas Bericht mehr über das Schicksal der einzigen Frau, die er jemals geliebt hatte.

Heute kam es ihm merkwürdig vor, dass er in Amy eine Frau gesehen hatte. Sie war nur ein Mädchen gewesen, nur ein Jahr älter als Leslie Anne jetzt. Er selbst war noch ein halbes Kind gewesen. Die erste Liebe. Keiner hatte geglaubt, dass es halten würde. Aber sie wollten allen das Gegenteil beweisen. Sie hatten sich geliebt, sehr sogar. Fürs Leben.

“Versprechen Sie mir, dass Sie hierbleiben.” Leslie Anne ging hinüber zu Dante und blieb mit flehendem Blick vor ihm stehen.

“Ich verspreche es”, versicherte er ihr.

Tessa tauchte hinter Leslie Anne auf und sah Dante an. “Daddy ist nicht begeistert, dass Sie dabei sind. Falls er also irgendwie unfreundlich zu Ihnen ist, ignorieren Sie ihn einfach. Es ist ein sensibles Thema für ihn, und er hat ein stark ausgeprägtes Beschützersyndrom.”

“Das gehört sich auch so”, sagte Dante. “Er ist Ihr Vater. Da ist das doch selbstverständlich. Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich sie auch wie ein Grizzlybär beschützen, wenn jemand versuchen würde, ihr etwas anzutun.”

“Wenn Sie eine Tochter hätten, wäre sie das glücklichste Mädchen der Welt”, sagte Leslie Anne.

Die Art, wie sie ihn dabei ansah, brach Dante fast das Herz. Das arme Kind. Würde sie sich jemals damit abfinden können, dass Eddie Jay Nealy ihr Vater war?

Wenn er Amy damals nur rechtzeitig abgeholt hätte – wie anders wäre dann sein Leben verlaufen. Wahrscheinlich wären sie verheiratet, und er wäre selbst Vater. Vielleicht hätten sie eine Tochter im Alter von Leslie Anne. Oder mehrere Kinder. Einen Jungen und ein Mädchen.

Plötzlich durchfuhr ihn ein schmerzhafter Gedanke. Wenn Amy damals von Nealy geschwängert worden wäre, wie wären sie beide mit der Situation umgegangen? Hätte Amy abtreiben lassen? Hätte er sie darum gebeten? Wie hätten sie so früh überhaupt sicher sein können, dass das Kind von ihrem Vergewaltiger stammte und nicht von ihm?

Er konnte beim besten Willen nicht sagen, wie er sich in dieser Situation verhalten hätte. Vielleicht wäre Amy nur bei dir geblieben, wenn du auch ihr Kind akzeptiert hättest. Aber er hätte sie ohne zu zögern beide genommen – Amy und das Kind. Er hätte alles getan, um Amy zu behalten.

Und noch immer würde er alles für sie tun und jede Mühe auf sich nehmen, wenn er wüsste, dass Amy noch irgendwo am Leben wäre.

So ein Schwachsinn! Du bist ein solcher Idiot, Moran! Hör dir doch mal an, was du für einen Schwachsinn erzählst! Amy Smith ist seit siebzehn Jahren tot, und es ist völlig sinnlos, darüber zu spekulieren, ob sie von Nealy schwanger war oder nicht. Meine Güte. Er wusste doch nicht einmal sicher, ob Amy wirklich von diesem Mann vergewaltigt und umgebracht worden war. Er zog es vor zu hoffen, dass sie nicht so etwas Schreckliches hatte durchmachen müssen, aber aller Wahrscheinlichkeit nach war sie an denselben grausamen Killer geraten, der auch Tessa Westbrook überfallen hatte. Nur hatte die wie durch ein Wunder überlebt.

Tessa hakte sich bei ihrer Tochter ein und führte sie quer durch den Raum zu einem der beiden Sofas mit Blumenbezug, die vor dem Kamin standen. Der große Salon von Leslie Plantation strahlte eine Eleganz aus, die bezeichnend für viel Geld und guten Geschmack war. Dante hatte das unbestimmte Gefühl, dass Tessas Familie es nicht unbedingt schätzen würde, den Sprössling eines halbitalienischen Ganoven in ihrem Kreis zu wissen, erst recht nicht, wenn er Interesse an Tessa bekunden würde. Und ein Interesse an Tessa Westbrook hatte er ganz eindeutig.

Dabei war die Frau alles andere als seine Liga. Er hatte zwar versucht, seine rauen Kanten über die Jahre glatt zu schleifen, aber er war trotzdem immer noch meilenweit davon entfernt, ein standesgemäßer Partner für eine Tessa Westbrook zu sein. Sie verdiente etwas Besseres als ihn.

Welchen Unterschied machte das schon? Er hatte auch Amy Smith nicht verdient, aber sie war die Seine gewesen – mit Leib und Seele. Amy war eigentlich viel zu gut für ihn gewesen, den rauflustigen Klugscheißer, der er damals war. Aber sie hatte ihn trotzdem geliebt und er sie. Wie sehr hatte er sie geliebt!

Dante blieb weiter in seiner Ecke stehen. Er wollte so wenig in Erscheinung treten wie möglich, immerhin war er nur dazugebeten worden. Seine Aufgabe war es zu beobachten, zuzuhören und die Klappe zu halten. Er musste einfach nur da sein für den Fall, dass er gebraucht wurde. Ansonsten würde er sich zurückhalten und Tessa Westbrook nicht spüren lassen, wie attraktiv er sie fand. Das Letzte, was sie jetzt brauchen konnte, war eine Affäre – ihr Leben war auch so schon kompliziert genug.

Kaum betrat G. W. den Salon, erfüllte seine mächtige Aura den ganzen Raum. Daher dauerte es eine volle Minute, bis Dante den Mann bemerkte, der mit dem Hausherrn den Salon betreten hatte. Es handelte sich vermutlich um Dr. Arthur Barrett. Der Mann war von mittlerer Größe und Statur, hatte dichte graue Haare und einen gepflegten Schnurrbart. Er trug eine kakifarbene Anzughose und ein blaues Hemd. Wie ein Psychologe auf Hausbesuch sah er nicht aus, vielmehr wie ein netter Onkel, der mal wieder vorbeischaute.

“Leslie Anne, das ist Dr. Barrett”, stellte G.W ihn vor. “Der langjährige Therapeut deiner Mutter.”

Leslie blitzte den Arzt böse an.

“Arthur ist hier, um uns zu helfen.” G. W. sah hinüber zu Tessa.

“Vor vielen Jahren hat Dr. Barrett mir geholfen, mit dem fertig zu werden, was mir widerfahren ist.” Tessa streckte die Hand nach ihrer Tochter aus, aber Leslie Anne wich aus und rutschte ans andere Ende des Sofas. “Er kann auch dir helfen, wenn du ihn lässt.”

“Kann er vielleicht meine DNA verändern?”, fragte Leslie Anne. “Kann er mit dem Zauberstab wedeln, und schon sind alle Gene von Eddie Jay Nealy aus meinem Körper verschwunden?”

Tessa seufzte.

“Es tut mir leid, so einen Zauberstab besitze ich nicht”, sagte Dr. Barrett mit freundlicher Stimme. “Ich kann keine Wunder bewirken, aber helfen kann ich dir trotzdem.”

“Na klar, Doc. Dann helfen Sie mal kräftig.” Leslie Anne wandte sich wieder an Tessa. “Aber zuerst will ich von dir die Wahrheit hören. Und lass ja nichts aus. Ich habe das Recht, alles zu erfahren. Fang am besten bei deiner Entführung an.”

“Es tut mir leid, aber ich werde dir nicht alles sagen können”, sagte Tessa. “Ich kann dir nur das sagen, woran ich mich erinnere.”

“Was soll das heißen?” Leslie Anne starrte ihre Mutter finster an.

“Deine Mutter erinnert sich nicht an ihre Entführung … und auch nicht an die Vergewaltigung”, sagte G. W. “Gott sei Dank.”

“Das verstehe ich nicht.” Leslie Anne blickte zu Dante hinüber. “Glauben Sie, sie kann sich wirklich nicht erinnern, oder belügt sie mich schon wieder?”

Dante hatte sich wirklich nicht einmischen wollen, zumindest nicht so schnell. Er wollte lieber im Hintergrund bleiben und Leslie Anne sozusagen durch seine Anwesenheit moralisch unterstützen. “Ich glaube ihr. Oft können sich die Opfer eines traumatischen Erlebnisses nicht mehr an das Erlebte erinnern. Das ist ein Schutzmechanismus des Gehirns und wird als retrograde Amnesie bezeichnet.” Er sah den Psychologen an. “Stimmt das so, Dr. Barrett?”

“Ja”, antwortete der Arzt. “Obwohl Tessas Amnesie sich nicht nur auf …”

“Jeder Mensch würde ein so schreckliches Erlebnis gern ausblenden”, fuhr G. W. dazwischen. “Du solltest froh sein, dass deine Mutter sich nicht mehr erinnern kann! Und du solltest sie vor allem nicht beschuldigen, dich anzulügen. Du hast sie nach der Wahrheit gefragt, und sie wird sie dir sagen.”

Dante fragte sich, warum G. W. Dr. Barrett mitten im Satz unterbrochen hatte. Hatte der alte Mann etwa Angst, der Arzt könnte eine Information preisgeben, die G. W. lieber unter Verschluss halten wollte? Und wenn ja, welche? Und warum musste sie geheim bleiben?

“Alles klar. Dann will ich dir mal glauben, dass du dich weder an deine Entführung noch an die Vergewaltigung erinnern kannst. Und an was erinnerst du dich?” Leslie Anne beobachtete ihre Mutter mit dem Blick eines Falken, als könnte sie allein durch den Anblick ihrer Mutter herausfinden, ob sie die Wahrheit sagte.

“Ich erinnere mich daran, dass ich im Krankenhaus aufgewacht bin, in Louisiana.” Tessa holte tief Luft. “Zumindest haben mir die Schwestern gesagt, ich wäre in Louisiana. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war und was passiert war. Und bis heute ist meine Erinnerung an diese ersten Tage sehr verschwommen. Es war entweder ein Polizist oder ein Arzt, der mir erzählte, was geschehen war. Er sagte, mein Vater sei da.”

“Das war der Sheriff”, erklärte G. W. “Sheriff Wadkins.”

“Dann kam Daddy rein, aber ich erkannte ihn nicht. Er musste mir sagen, wer er war, und er versprach mir, dass er sich um mich kümmern und alles wieder gut werden würde.”

Dante konnte den Schmerz förmlich spüren, den Tessa durchmachte. Es war sicher schwer für sie, all das, was sie in den Tiefen ihrer Erinnerung belassen wollte, nun auszusprechen. Wie konnte es bloß sein, dass er Tessas Emotionen nachempfand, ihren Schmerz praktisch spürte?

Weil du nicht unterscheiden kannst zwischen Tessa und Amy, sagte er zu sich selbst. In deinem Kopf sind die beiden Frauen zu einer geworden.

“Und Großvater wusste nicht, dass du schwanger warst. Oder?”

Tessa schüttelte den Kopf. “Keiner wusste es. Damals noch nicht. Wir erfuhren es erst ein paar Wochen später, als Daddy mich schon nach Mississippi gebracht hatte.”

“Hasst du mich gehasst, als du es herausgefunden hast? Wolltest du mich abtreiben?” Aus Leslie Annes Augen sprach die reine Verzweiflung.

Um Himmels willen! Lüg sie an, wenn es sein muss, dachte Dante. Egal was du machst, aber sag diesem Kind nicht, dass du es nicht haben wolltest oder es gehasst hast!

“Ich … ich habe dich nie gehasst”, sagte Tessa sehr leise, fast flüsternd. “Ich habe zwar über eine Abtreibung nachgedacht, aber ich ließ keine vornehmen. Das konnte ich nicht. Ich … ich wollte dich haben.”

Dante wusste, dass Tessa log. Hätte Anne Westbrook ihre Tochter nicht angefleht, das Kind auszutragen, hätte sie das Baby ihres Vergewaltigers abgetrieben. Aber das musste Leslie Anne nun wirklich nicht wissen.

“Du lügst!” Leslie Anne sprang auf und baute sich vor Tessa auf. Tränen strömten über ihre Wangen. “Du kannst mich nicht gewollt haben!”

“Geh nicht so mit deiner Mutter um!”, donnerte G. W. mit bebender Stimme. Das war keine Wut. Das waren Angst und Schmerz.

“Nein, Daddy, schon gut”, beschwichtigte Tessa. “Sie hat ja recht.” Tessa stand auf und sah ihre Tochter an. “Ich wollte nicht schwanger von meinem Vergewaltiger sein. Dein Großvater und ich beschlossen, dass ich eine Abtreibung vornehmen lassen würde. Doch dann fand deine Großmutter heraus, dass ich schwanger war, und weil sie nichts von der Vergewaltigung wusste, freute sie sich, und damit war die Abtreibung vom Tisch.”

Leslie Anne schlang die Arme um sich, um nicht zu zittern. “Also hast du mich gehasst. Du hasst mich gehasst und wolltest mich nicht!”

Als Tessa sie in den Arm nehmen wollte, wich Leslie Anne ihr aus und starrte sie böse an.

Tessa ließ die Hände ausgestreckt, in einer bittenden Geste. “Kaum lagst du nach deiner Geburt in meinem Arm, überwältigte mich die Liebe zu dir. Und mir wurde bewusst, ich hatte dich schon die ganze Zeit geliebt – die ganzen neun Monate, die ich dich in mir trug. Weil du mein Baby warst. Meins. Nur meins.”

Leslie Anne unterdrückte ein Schluchzen und wischte sich mit den Fingerspitzen übers Gesicht. “Hast du mich auch später noch geliebt, als du mich aus dem Krankenhaus mit nach Hause genommen hast?” Sie sah G. W. an. “Und du, Großvater? Hattest du mich auch von Anfang an lieb, oder hast du mich gehasst, als ich dann auf die Welt kam?”

“Was für eine dumme Frage!” G. W. schaffte es nicht, seine Enkelin anzusehen.

Dante beobachtete Tessa und fragte sich, wie lange sie noch durchhalten würde, ohne zusammenzubrechen. Sie sah aus, als würde sie jeden Moment umkippen. Er wollte zu ihr gehen, sie in den Arm nehmen und ihr versprechen, dass er auf sie aufpassen würde und dass alles wieder irgendwie in Ordnung käme. Seit siebzehn Jahren hatte er nicht mehr so tief für einen anderen Menschen empfunden. Es gab eine Zeit in seinem Leben, da hätte er Amy Smith die Welt zu Füßen gelegt. Er wollte sie lieben, sie beschützen und ihr alles geben, was ihr Herz begehrte.

“Ich kann die Vergangenheit nicht verändern”, sagte Tessa ruhig. “Wenn ich es könnte, würde ich es tun. Ich hatte keine Kontrolle über das, was mir zugestoßen ist. Aber du bist nicht die Tochter dieses schrecklichen Mannes. Hörst du? Du bist meine Tochter. Du bist Leslie Anne Westbrook. Du bist schön und intelligent und lieb und liebenswert. Ich liebe dich. Dein Großvater liebt dich.” Mir ausgestreckten Händen ging Tessa vorsichtig einen Schritt auf ihre Tochter zu. “Jeder, der dich kennt, liebt dich, mein Schatz.”

Leslie Anne wich weiter zurück, bis sie mitten im Raum stand, nicht weit entfernt von der Tür, die hinaus auf die Terrasse führte. “Hast du dich auch um mich gekümmert, als ich ein Baby war? Hast du mich gebadet und gefüttert und mich in den Schlaf gewiegt? Ich wette, du konntest mich nicht ansehen, ohne an ihn zu denken!”

“Wenn ich dich ansehe, sehe ich meine Tochter. Meine süße, kleine Leslie Anne.”

Autor

Beverly Barton
Beverly Barton hat eine Schwäche, für Bad Boys, Männer mit kleinen Fehlern. In ihrer Kindheit schwärmte sie für „Die Schöne und das Biest“ – genauer gesagt, für das Biest. „Alle meine Lieblingsmänner sind stark, dominant und sehr maskulin. Aber am allerwichtigsten ist, dass sie ein Herz aus Gold haben“, erläutert...
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