Romana Extra Band 114

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LAVENDELBLAUE SOMMERNÄCHTE von ALLY EVANS
Den Landsitz des reichen Dominic Moreau in der Provence einzurichten, ist ein Traumjob! Doch Innenarchitektin Summer soll außerdem Dominics Verlobte spielen. Sie braucht den Auftrag, also willigt sie ein. Mit dem Zauber der lavendelblauen Sommernächte hat sie jedoch nicht gerechnet …

ENDLICH ALLEIN MIT DIR von JOY AVERY
Nach einer geplatzten Verlobung flüchtet Tressa in die winterlichen Berge North Carolinas. Zum Glück ist ihr guter Freund Roth bei ihr – für den sie schon lange schwärmt! Während eines Schneesturms verbringen sie heiße Nächte miteinander. Aber werden ihre Gefühle von Dauer sein?

SÜSS WIE DER DUFT VON ZIMTSTERNEN von MELISSA MCCLONE
Schlittenfahrten mit Jake, Schneeballschlachten und der Duft von Zimtsternen: Kann Carly da noch länger traurig sein? Vor sechs Jahren hat Weihnachten für sie jeden Glanz verloren. Dieses Jahr könnte das anders werden – wenn sie sich nur traut, sich neu zu verlieben …

WEIHNACHTSWUNDER IN UPTON MANOR von ELLIE DARKINS
Es muss ein Weihnachtswunder sein! Wie sonst ließe sich erklären, dass die schöne Jess ausgerechnet in der Stunde seiner größten Not bei Rufus auftaucht? Sie berührt sein Herz wie keine Frau zuvor. Doch nach einem Unfall ist er überzeugt, dieses Glück nicht verdient zu haben …


  • Erscheinungstag 23.11.2021
  • Bandnummer 114
  • ISBN / Artikelnummer 0801210114
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Ally Evans, Joy Avery, Melissa McClone, Ellie Darkins

ROMANA EXTRA BAND 114

ALLY EVANS

Lavendelblaue Sommernächte

Fast bereut Dominic, dass Summer seine Verlobte nur spielt. Denn je mehr Zeit er mit der schönen Innenarchitektin verbringt, desto mehr wünscht er, er könnte sie aufrichtig umwerben.

JOY AVERY

Endlich allein mit dir

Eingeschneit mit seiner Traumfrau! Roth ist überglücklich. Ausflügen im Schnee folgen leidenschaftliche Nächte am knisternden Kaminfeuer. Bis Tressa ihn nach einem Anruf überstürzt verlässt!

MELISSA MCCLONE

Süß wie der Duft von Zimtsternen

Der Bergretter Jake Porter plant einen Weihnachtseinsatz. Ausnahmsweise geht es nicht um Eingeschneite oder Verschüttete. Sondern um die bezaubernde Carly, die das Lachen und Lieben verlernt hat …

ELLIE DARKINS

Weihnachtswunder in Upton Manor

So zärtliche Weihnachten wie in Upton Manor hat Jess noch nie erlebt – doch nun zieht Rufus sich auf einmal zurück. Jess versteht nicht, warum. Wollte er sie etwa nur für eine Nacht?

1. KAPITEL

„So, Mr. … ähm … Moreau wäre jetzt da.“

Die Sprechanlage schnarrte etwas, dennoch vernahm Summer das Zögern in der Stimme ihrer Sekretärin Mona. Oder besser, ihre Überraschung, die in der kleinen Pause nach dem Wort „Mr.“ lag.

Wieso? Was war so Besonderes an diesem Mr. Moreau, dass es sogar ihrer Sekretärin kurzzeitig die Sprache verschlug? Mona war seit fünf Jahren bei Summer angestellt, genau genommen seit jenem Tag, an dem Summer in London ihre Agentur Summer Solutions gegründet hatte, die auf exklusive Inneneinrichtungen, Outdoorlösungen und Gartenpflege spezialisiert war. Inzwischen erhielten sie sogar Aufträge aus dem Ausland. Deshalb hätte Mona eigentlich an eine anspruchsvolle Klientel gewöhnt sein müssen. Was also hatte Mr. Moreau an sich, das sie stocken ließ?

Summer würde es gleich erfahren. Zunächst jedoch griff sie in die Schublade ihres Schreibtisches, förderte ein Schminktäschchen zutage und schaute noch einmal prüfend in den kleinen Handspiegel, der ebenfalls in der Schublade gelegen hatte.

Der tiefschwarze Kajal, den sie an diesem Morgen aufgetragen hatte, war die einzige Auffälligkeit, die Summer sich beim Schminken leistete. Er betonte den Ausdruck ihrer meerblauen Augen und ließ ihren Blick geheimnisvoller wirken. Nicht, dass sie dieses Hilfsmittel gebraucht hätte. Der hervorragende Ruf von Summer Solutions war Werbung genug für die fantastische Arbeit, die sie und das Team hier jeden Tag leisteten. Aber hin und wieder genoss sie die Bewunderung, die sie mit einem Augenaufschlag auslösen konnte. Gleichzeitig sorgte sie immer dafür, dass die Kunden diesen Blick nicht missverstanden, denn an einer anderen als einer geschäftlichen Partnerschaft war Summer nicht interessiert. Mit ihren siebenundzwanzig Jahren war sie nun seit zwei Jahren Geschäftsfrau auf Erfolgskurs – und ihre Karriere würde sie für nichts und niemanden hintanstellen.

Der Kajal war nicht verwischt, der Lippenstift im leichten Naturton ihrer Lippen saß ebenfalls perfekt. Rouge oder Foundation benutzte Summer nie, denn ihre Gesichtshaut schimmerte immer jugendlich frisch, und schon von Natur aus lag ein rosiger Glanz auf ihren Wangen. Das hochgesteckte Haar verlieh Summer einen seriösen Ausdruck, den sie nur gelegentlich durch einige an den Seiten herausgezupfte Strähnchen ein bisschen auflockerte. Dazu trug sie im Büro stets eine weiße Bluse und ein figurbetontes Businesskostüm – heute hatte sie sich für das Modell in Taubenblau entschieden, was hervorragend zu ihren rotblonden Haaren passte. Ihr Auftreten und ihr Äußeres sollten den Kunden von der ersten Minute an von ihrer hohen Professionalität überzeugen.

Mr. Moreau also.

Der Mann hatte sich heute Morgen per E-Mail bei Mona gemeldet und der Agentur einen Auftrag mit einem ungewöhnlich hohen Honorar in Aussicht gestellt. Obwohl sie regelmäßig Aufträge für wohlhabende Kunden übernahmen, übertraf diese Anfrage ihre üblichen Preise bei Weitem. Der in der Mail genannte Betrag würde Summers Schulden, die noch aus der Geschäftsgründung vor fünf Jahren stammten, mit einem Schlag begleichen. Und nicht nur das. Sie würde ihren Mitarbeitern endlich die längst fällige Gehaltserhöhung zahlen können.

Wahrscheinlich, so hatte Mona am Morgen vermutet, war Mr. Moreau bereits ein Mann mittleren Alters. Seine Anfrage klang äußerst seriös und war sehr diskret formuliert gewesen. Außerdem war sie von einem privaten E-Mail-Account abgeschickt worden. Es standen keinerlei Firmendaten in der Signatur, nichts, woraus man schließen könnte, um wen es sich bei dem mysteriösen Auftraggeber handelte. Privat aber gaben Männer selten eine so hohe Summe für Inneneinrichtung aus, meist lief ein solcher Posten über das Geschäftskonto, um Steuervorteile geltend machen zu können.

Es sei denn, jemand wollte sich einen privaten Rückzugsort erschaffen, von dem niemand etwas wissen sollte. Summer hatte schon einige Anfragen dieser Art erhalten, wenn auch noch niemals in dieser Größenordnung. Der Mann musste über viel Geld und damit wahrscheinlich auch schon über einige Lebensjahre verfügen – Jahre, in denen er dieses Vermögen ansammeln konnte. Nun, sie würde ihn gleich kennenlernen.

Sie stand auf, strich ihren Rock und die Jacke ihres Kostüms glatt und ging zur Tür, vor der just in diesem Moment Mona mit dem neuen Kunden auftauchte. Durch das matte Glas, das in den oberen Teil der Tür eingelassen war und Summer bei Bedarf einen schnellen Blick hinüber zur Rezeption gewährte, konnte sie einen ersten Blick auf ihn werfen und …

Himmel! Ihr stockte der Atem.

Mr. Moreau war keinesfalls ein älterer Herr mit grau melierten Schläfen. Im Gegenteil, hinter der Glastür, die sie jetzt vor Überraschung etwas zu schwungvoll öffnete, stand ein Mann, der höchstens Anfang dreißig sein konnte, eher jünger. Mit seinen dunklen Augen sah er sie eindringlich an, das markante Kinn und die kräftigen Konturen seines Gesichts verliehen ihm einen Hauch von Unnahbarkeit, die breiten Schultern sowie die aufrechte Haltung zeugten von gesundem Selbstbewusstsein. Mr. Moreau war modern und leger gekleidet. Die schwarzen Haare fielen ihm leicht ungeordnet in die Stirn und wellten sich hinter seinen Ohren.

Für einen Moment fühlte Summer sich vollkommen überrumpelt. Vor Überraschung atmete sie tief ein und wusste für einige Sekunden nicht, was sie sagen sollte. Dann trat sie einen Schritt zur Seite und bat ihn mit einer einladenden Geste in ihr Büro. Gleichzeitig warf sie Mona einen Blick zu, in dem Erstaunen und Anklage zugleich lagen: Hätte ihre Freundin sie nicht besser vorwarnen können?

Aber Mona zog nur die Augenbrauen hoch, formte mit dem Mund ein stummes „Wow!“, grinste und drehte in Richtung ihres Vorzimmers ab – das eigentlich deshalb vor Summers Geschäftsraum lag, damit derartige Überraschungen sie nicht ereilen konnten. Oder sie zumindest darauf vorbereitet war. Nun aber rang sie damit, ihre Fassung zurückzugewinnen, bevor der attraktive Mr. Moreau etwas bemerkte und sie vielleicht für unprofessionell hielt. Das durfte auf keinen Fall passieren, deshalb gab sich Summer einen Ruck, lächelte den Mann an und hielt seinem musternden Blick stand – sogar dann noch, als sie spürte, wie sie langsam, aber unaufhaltsam errötete.

„Guten Tag“, sagte sie möglichst unbefangen und streckte ihm die Hand entgegen, „ich bin Summer Mitchell.“

Mr. Moreau hatte nach der gegenseitigen Vorstellung in einem der drei Sessel Platz genommen, die um den niedrigen Couchtisch in der Mitte von Summers Büros gruppiert waren. Sie saß in dem Sessel gegenüber und hatte ihre Hände betont locker in den Schoß gelegt. Auf der Glasplatte vor ihnen lagen jeweils ein Notizblock und ein Kugelschreiber mit dem Logo der Agentur.

„Also, Mr. Moreau“, begann Summer lächelnd und zwang sich dabei, ihrem attraktiven Kunden direkt ins Gesicht zu sehen. Seine Lippen umspielte ein unverbindliches Lächeln, aber in seinen Augen glaubte sie den Hauch eines interessierten Funkelns zu erkennen, das über die geschäftliche Ebene hinausging.

Oder bildete sie sich das nur ein? Auf jeden Fall war sie gut beraten, nicht zu viel auf diesen Eindruck zu geben. Sie war nicht die Art Frau, die bei einer Geschäftsanbahnung auf die Wirkung der weiblichen Waffen setzen würde. Der Ruf ihrer Agentur war tadellos, und das sollte er auch bleiben.

„Ihre E-Mail klang sehr interessant“, sagte sie daher nur.

Mr. Moreau nickte. „Das war auch so gedacht.“

Seine Stimme klang tief und etwas rau, fast ein bisschen geheimnisvoll. Sie hat, dachte Summer unvermittelt, das gewisse Etwas, von dem Mona so oft redet, wenn sie mal wieder glaubt, Mr. Right gefunden zu haben. Bisher hatten Monas Affären allerdings nie lange gehalten, und Summer hatte auch nie wirklich verstanden, was ihre Freundin damit meinte. Jetzt aber spürte sie plötzlich eine Reaktion auf die Stimme dieses Mannes. Sie sandte ihr einen wohligen Schauer über die Haut.

Verlegen fuhr sie sich mit der Hand über die glühenden Wangen. Er schien um die Wirkung seiner Stimme zu wissen, denn er warf ihr einen amüsierten Blick zu. Oder war das schon Arroganz?

Sie schob die Unterlippe vor. Wenn Dominic Moreau dachte, dass er sie mit ein paar Worten und seinem Aussehen beeindrucken konnte oder, noch schlimmer, dass sie sich nur aus Geldnot auf diesen kurzfristigen Termin eingelassen hatte, dann irrte er gewaltig. Trotz der großzügigen Summe, die er in Aussicht gestellt hatte, und ungeachtet seines guten Aussehens würde sie bei der Prüfung seines Angebots genauso viel Umsicht walten lassen wie bei allen anderen. Wünsche oder Aufträge, die den guten Sitten zuwiderliefen, würde sie knallhart zurückweisen, egal, welches Geschäft ihr dadurch entging.

„Mr. Moreau, wie können wir Ihnen genau helfen?“, fragte sie in möglichst neutralem Tonfall.

Er nickte. „Sie kommen schnell zum Punkt, das gefällt mir.“

Mit einer Hand griff er in seine Aktentasche, zog eine Mappe heraus und reichte sie Summer. Sie schlug sie auf und fand darin den Grundriss eines Hauses, das offensichtlich über Zimmer auf mehreren Ebenen verfügte und dem ein größerer Garten angeschlossen war. Dem Umfang des Grundrisses nach zu urteilen, musste es sich um ein großes Anwesen handeln.

Sie holte unmerklich Luft und blätterte zu den nächsten Seiten weiter. Es waren Fotos, die ihr beinahe den Atem verschlugen. Das Objekt bot einen absolut grandiosen Anblick! Es war ein altes, efeubewachsenes Herrenhaus, definitiv irgendwo im Süden, dazu ein verwunschener Garten mit uralten Bäumen, romantisch verwitterten Skulpturen und einem Springbrunnen. Allerdings musste der Brunnen schon längere Zeit trockenliegen, altes Laub und Unrat hatten sich in seinem Becken gesammelt. Konsequente Gartenpflege hatte hier schon lange niemand mehr betrieben. Trotzdem war das gesamte Anwesen ein Kleinod oder konnte zumindest wieder zu einem werden.

Summer fühlte, wie ihr Herz höherschlug. Dieses Anwesen war einfach nur ein Traum! Genau so ein Haus, mit einem ebenso verwilderten Garten, stellte sie sich seit Jahren heimlich als ihren eigenen Wohnsitz vor. Aber natürlich war es stets beim Träumen geblieben, denn Anwesen wie dieses waren unbezahlbar.

Und es lag ganz sicher nicht in der Nähe von London. Fragend sah Summer auf.

„Meine Familie hat das Gut vor zwei Wochen erworben“, begann Dominic Moreau zu erklären. „Das Haus stand eine Weile leer. Daher legt meine Familie Wert darauf, alles so schnell wie möglich bewohnbar zu machen. Geld spielt eine untergeordnete Rolle. Wichtig wäre vor allem die termingerechte und tadellose Ausführung des Auftrags.“

Summer nickte, während sie die Fotos in der Mappe durchblätterte. „Es ist wunderschön“, sagte sie leise. Im nächsten Moment wurde ihr bewusst, dass sie damit gegen den ersten Grundsatz ihrer Arbeit verstoßen hatte. Der besagte, dass man vor Abschluss eines Vertrages keinerlei Aussagen über ein Objekt traf, die eine Beurteilung vorwegnahmen, weder eine gute noch schlechte. Es war immer besser, sich zuerst einmal auf die objektiven Gegebenheiten zu konzentrieren.

„Wo befindet sich das Anwesen denn?“, fragte sie und sah ihn direkt an.

Seine dunkelbraunen Augen schienen sie amüsiert zu betrachten.

Schnell schaute sie wieder auf die Fotos zurück, doch aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie sein Blick zu ihrem Mund glitt, wo er kurz an ihren Lippen hängenblieb, und dann weiterwanderte, hinunter zu ihrem Dekolleté.

„In Südfrankreich, etwa anderthalb Autostunden von Marseille“, erwiderte er dabei.

„Ah, Frankreich, wie schön …“, sagte Summer und biss sich auf die Unterlippe, denn das war bereits ihre zweite unüberlegte Bemerkung. Eigentlich hatte sie auch nur dem Gefühl entfliehen wollen, das sein Blick bei ihr ausgelöst hatte. Denn es war nicht nur unangenehm gewesen. Genau genommen hatte er ein heißes Prickeln durch ihren Körper gesandt.

Reiß dich zusammen, Summer Mitchell, ermahnte sie sich mit heißen Wangen. Was war denn bloß in sie gefahren?

„Sie sprachen von einem Termin, der Ihnen gesetzt sei“, sagte sie rasch.

„Genau“, bestätigte der Mann, ohne auf ihre vorherige Bemerkung über Frankreich einzugehen. „Wir würden dort gern in knapp acht Wochen ein Fest feiern. Ein kleines Familienfest zwar nur und ausschließlich unter uns Moreaus, alles in allem zwölf Personen, davon vier Kinder. Trotzdem muss das gesamte Anwesen bis dahin fertig eingerichtet sein.“

„Ich verstehe. Sollen die Einrichtung des Hauses und die Gestaltung des Gartens in irgendeiner Verbindung zu diesem Fest stehen? In diesem Fall müsste ich noch ein kleines bisschen mehr über den Rahmen der Feierlichkeit erfahren …“

Noch während sie das sagte, fragte sich Summer, ob dies tatsächlich nur ihrem geschäftlichen Interesse entsprang oder ob sie einfach gern etwas mehr über Mr. Moreau erfahren hätte.

„Nein, nicht unbedingt“, antwortete er, während wieder ein leicht amüsierter Ausdruck in seine Augen trat. „Es handelt sich lediglich um meinen dreißigsten Geburtstag. Und abgesehen davon, dass meine Eltern meinen, ich soll bis dahin verheiratet sein, gibt es darüber nichts Nennenswertes zu sagen, außer, dass ich mich als Junggeselle ganz wohl fühle und deshalb nicht gedenke, diesen Zustand in nächster Zeit zu ändern. Aber natürlich wird zu diesem Anlass meine gesamte Familie zusammenkommen und mir Fragen stellen.“

Kurz trat ein ernster Ausdruck auf sein Gesicht, den er schnell wieder abschüttelte, während er fortfuhr: „Und deshalb ist es wichtig, dass das Anwesen bis dahin nicht nur bewohnbar, sondern auch heimelig und familiär eingerichtet ist“, beendete er seine Erklärung.

„Ich verstehe.“ Summer griff nach ihrem Block, um sich einige Notizen zu machen. Dabei nahm sie wahr, wie Mr. Moreau den Blick erneut über ihre Figur gleiten ließ, und sie strich sich unbewusst eine rotgoldene Strähne, die ihr beim Vorbeugen ins Gesicht gefallen war, zurück.

Das hatte Dominic nicht erwartet. Als er vor einigen Tagen einen Londoner Geschäftsfreund nach der Adresse einer guten Agentur für Inneneinrichtungen gefragt hatte, wäre er nicht im Traum darauf gekommen, dass deren Inhaberin erstens so jung und zweitens so hübsch sein könnte.

Aber jetzt saß ihm Summer Mitchell gegenüber, die dem Namen nach tatsächlich die Chefin von Summer Solutions sein musste. Dominic lehnte sich in seinen Sessel zurück und verfolgte mit interessiertem Blick, wie sie sich Notizen machte. Viel war es noch nicht, was er ihr über das Projekt verraten hatte, und er war sich auch nicht ganz sicher, wie viel er ihr würde sagen müssen, damit sie den Auftrag übernahm. Es war schließlich zweitrangig, welcher Grund seine Brüder, seine Mutter und ihn dazu zwangen, die Ausgestaltung des Anwesens so schnell voranzutreiben, dass die Sommerparty bereits in einem völlig fertiggestellten Haus stattfinden konnte.

Normalerweise hätten sie sich mit einem Vorhaben dieses Umfangs mehr Zeit gelassen. Aber ebendiese Zeit blieb den Moreaus nicht mehr, das war das Problem. Deshalb hatten seine Brüder, seine Mutter und er auch sofort zugegriffen, als sie das Anwesen vor wenigen Tagen gemeinsam besichtigt hatten. Es lag sehr einsam und war ziemlich heruntergewohnt, aber der Zustand war nicht so schlimm, als dass eine professionelle Firma die Grundsanierung und Ausgestaltung nicht innerhalb von acht Wochen schaffen konnte.

Dominic legte seine Hände auf die Sessellehne. Summer saß ihm in gerader Haltung, den Block auf dem Schoß, gegenüber und schrieb immer noch eifrig. Er konnte nicht leugnen, dass er Gefallen an ihr fand. Sie war schlank, aber trotzdem sehr weiblich gebaut. Ihr Dekolleté fing seinen Blick immer wieder ein, aber auch von ihrer schmalen Taille und der sanften Rundung ihrer Hüften, die durch die perfekt sitzende Jacke ihres Businesskostüms betont wurden, konnte er die Augen kaum lösen. Und wenn, dann wurde seine Aufmerksamkeit sofort von der schlanken Linie ihres Halses, den feinen blonden Härchen in ihrem Nacken und dem zarten Rot ihrer Wangen in Beschlag genommen.

Als sie jetzt den Blick hob und ihn mit ihren großen, kajalumrandeten Augen ansah, musste er sich räuspern. Dabei war es wahrlich nicht das erste Mal, dass er eine schöne Frau sah. Aber was Summer so attraktiv machte, war die Tatsache, dass sie offensichtlich nicht zu den Frauen gehörte, die ihr Aussehen für das Geschäftliche ausnutzten. Hinter ihrer professionellen Haltung konnte Dominic eine Natürlichkeit und Unbekümmertheit erkennen, die er von seinen üblichen Bekanntschaften nicht gewohnt war.

Schon gar nicht hätte sich Cathrin so natürlich verhalten. Aber an seine Ex-Freundin wollte er jetzt nicht denken, dieses Kapitel seines Lebens war zum Glück abgeschlossen. Er war wieder ein freier, ungebundener Mann und konnte tun und lassen, was er wollte. Warum er das Summer gegenüber erwähnt hatte, wusste er sich allerdings selbst nicht zu erklären.

Summer hob den Kopf und legte Block und Stift beiseite. Dermaßen umfangreiche Notizen hatte sie sich gar nicht machen wollen, aber ihr minutenlanges Schreiben hatte ohnehin nur dazu gedient, den Kopf wieder freizubekommen und sich gleichzeitig eine Strategie für das weitere Gespräch zu überlegen.

Dominic Moreau verwirrte sie. Dabei wusste sie immer noch nicht, wer er eigentlich war. Das Einzige, was sie verstanden hatte, war, dass ihre Agentur einen alten Landsitz in Südfrankreich ausstatten sollte, und zwar den schönsten, den Summer je gesehen hatte. Sie hatte schon ein paarmal Urlaub in Frankreich gemacht, allerdings noch nie in einem auch nur annähernd so prachtvollen Haus.

Jetzt musste sie erst einmal sehen, wie sich der Auftrag in ihrem Geschäftskalender unterbringen ließe. Es war ja nicht so, dass ihre Agentur ansonsten keine Aufträge hatte. Sie ging hinüber zum Schreibtisch und drückte den Knopf der Sprechanlage.

„Mona, könntest du mal kurz mit dem Kalender rüberkommen?“

Während sie zurück an den Glastisch kam, sah sie, wie Dominic Moreau schon wieder amüsiert lächelte. Wieso? Was war so lustig an der Tatsache, dass sie ihre Sekretärin schon zu diesem frühen Zeitpunkt zum Gespräch hinzubat? Summer Solutions war eine junge Agentur, sie hatten hier keine Hierarchien, und Mona, die den Einsatz aller zwölf Mitarbeiter koordinierte, musste von Anfang an wissen, wer wann und wo eingesetzt werden sollte. Außerdem war sie Summers beste Freundin.

Es klopfte kurz an der Tür, dann kam Mona herein. Summer bemerkte, dass sie ihren Lippenstift frisch nachgezogen hatte, außerdem wehte mit ihr eine frische Wolke Parfüm ins Zimmer. Unwillkürlich musste sie lächeln, denn sie erkannte ihr eigenes Verhalten in Monas Auftritt wieder. Ihre Freundin wirkte nervös wie ein Schulmädchen, das zum ersten Mal vor der Klasse ein Gedicht aufsagen sollte. Sie setzte sich in den dritten Sessel, während sie die Augen nicht von Dominic Moreau lassen konnten.

„Sie kennen sich ja bereits“, sagte Summer und verzichtete damit auf eine umfangreichere Vorstellung. „Meine Sekretärin Mona Roberts verwaltet alle geschäftlichen Termine.“

„Angenehm“, erwiderte er, während er sich kurz aus dem Sessel erhob und eine Verbeugung andeutete. Das Lächeln umspielte dabei weiterhin seine Lippen. Summer beobachtete, wie jetzt auch über Monas Wangen ein Hauch von Röte zog. Im selben Moment wurde ihr bewusst, dass weder Mona noch sie selbst ihrem attraktiven Gast bisher etwas zu trinken angeboten hatten. Wie peinlich! Da waren sie wohl beide abgelenkt gewesen.

„Bevor wir zu den Einzelheiten kommen“, sagte sie rasch, „wollte ich noch fragen, ob Sie vielleicht einen Kaffee möchten? Oder etwas anderes?“ Sie bemerkte, wie Mona kurz zusammenzuckte, offensichtlich hatte sie das Versäumnis auch eben erst realisiert.

„Nein, vielen Dank“, lehnte er das Angebot ab. „Lassen Sie uns lieber schnell zu den Einzelheiten kommen.“

„In Ordnung.“ Summer nickte, während sie innerlich aufatmete, weil dem Gast das Missgeschick anscheinend gar nicht aufgefallen war. „Dann müssten wir zunächst abklären, wann jemand von uns nach Frankreich kommen und das Anwesen begutachten kann. Bei einem Auftrag dieser Größenordnung wollen wir uns natürlich direkt vor Ort ein erstes Bild machen.“

Er neigte zustimmend den Kopf. „Ganz meine Meinung.“

„Und in Anbetracht der knappen Zeit“, fuhr Summer fort, während Mona bereits den Kalender aufschlug, um die Auslastung der einzelnen Mitarbeiter zu checken, „sollte das auch möglichst schnell passieren.“

„Exakt. Je schneller wir beginnen, desto besser. Von mir aus schon morgen“, erklärte er.

„Gut“, sagte sie und sah Mona an. „Wer könnte denn in den nächsten Tagen mit Mr. Moreau zusammen nach …“

„Bei einem Auftrag dieser Größe erwarte ich natürlich, dass er zur Chefsache erklärt wird“, warf Dominic Moreau ein.

„Selbstverständlich“, erwiderte Summer. „Ich werde den Auftrag höchstpersönlich überwachen und alles – vom ersten Vorschlag bis zum fertigen Konzept, von den Kostenvoranschlägen bis zur Endabrechnung – über meinen Schreibtisch gehen lassen. Mona, wer hätte denn vielleicht schon morgen …“

„Ich glaube, ich habe mich nicht deutlich genug ausdrückt“, wurde sie abermals unterbrochen.

„Ähm … wieso?“, fragte Summer überrascht. Auch Mona hatte den Kopf gehoben und schaute fragend zwischen ihnen hin und her, dann sah sie wieder in den Kalender und zuckte mit den Schultern. „Ich versichere Ihnen“, sagte Summer, „dass alle meine Mitarbeiter gut geschult sind und die Erstbegehung eines Objekts durchführen können.“

„Und ich fürchte, dass mir das nicht reicht“, entgegnete er und sah sie dabei herausfordernd an. In seinen dunklen Augen funkelte das Vergnügen, das ihm diese Situation anscheinend bereitete.

„Mr. Moreau“, griff Mona helfend ein, die bereits verstanden hatte, worauf der neue Kunde hinauswollte, „Ms. Mitchell ist in den nächsten Tagen wirklich sehr eingespannt. Wir haben da die Endbegehung eines Objektes … und hier, ja genau … auch noch die Abnahme eines anderen Projektes …“

Summer schwieg, während Mona versuchte, die Situation zu retten. Aber da war nichts mehr zu retten, das wurde ihr mit einem Schlag klar. Der Mann wollte, dass sie selbst mit ihm nach Frankreich fuhr. Und es war keinesfalls klar, dass es ihm hier nur um die Qualität ihrer Arbeit ging, denn die Erstbegehung hätte wirklich jeder ihrer Mitarbeiter durchführen können.

Das hieß, Summer sollte sich auf eine Ebene einlassen, die sie bei ihren Geschäften eigentlich streng vermied. Denn was hätte ihr seine vorherige Bemerkung, dass er mit dreißig immer noch Single war, sonst sagen sollen? Auch sie hatte noch nicht den richtigen Mann gefunden, den sie sich für immer in ihrem Leben wünschte, aber das war ihr keiner Erwähnung wert gewesen. Private Dinge hatten in geschäftlichen Zusammenhängen nichts verloren.

Mona begriff nun offenbar, dass ihr Rettungsversuch keine Früchte tragen würde. Sie ließ die Hände sinken und schaute Summer schulterzuckend an.

Nachdenklich biss Summer sich auf die Lippen. Da saß also wieder einmal so ein reicher Schnösel vor ihr und ließ sie spüren, dass sie von Leuten wie ihm abhängig war. Vermutlich hatte er das Geld, mit dem er sie jetzt an die Leine zu nehmen versuchte, nicht mal selbst erwirtschaftet, sondern durfte sich beim Familienvermögen bedienen und spielte sich damit nun wahnsinnig wichtig auf. Denn hatte nicht seine gesamte Familie beschlossen, dass das Anwesen wieder bewohnbar gemacht werden sollte? Er war doch lediglich von ihnen vorgeschickt worden.

Wie sie solches Gebaren verabscheute! Schon einmal war sie auf einen Blender wie Dominic Moreau hereingefallen, auf einen jungen reichen Geschäftsmann, der ihr das Blaue vom Himmel versprochen hatte, erst geschäftlich und dann auch privat.

Am besten, sie sagte dem Mann hier und jetzt kräftig die Meinung. Allerdings wäre dann auch der Auftrag dahin, und die Agentur brauchte das Geld dringend. Summer holte tief Luft. „Und was genau stellen Sie sich da vor, Monsieur Moreau?“

2. KAPITEL

Dominic trat aus dem Bürokomplex in der Londoner City, in dem sich das Agenturbüro von Summer Solutions befand, und schlug den Kragen seines leichten Sommermantels hoch. Es nieselte, und das bei siebzehn Grad. Dabei hatte der Juni gerade begonnen, und sowohl in Kalifornien, wo sich der Hauptfirmensitz der Moreaus befand, als auch in Frankreich, wo seine Familie soeben das alte Herrenhaus erworben hatte, waren die Temperaturen bereits mehr als sommerlich. Nur hier in London machte das britische Wetter seinem Ruf mal wieder alle Ehre.

Tief in Gedanken versunken ging er an den verglasten Häuserfronten entlang. In einem dieser Hochhäuser, nur ein paar Straßen weiter, lag das Büro seiner Firma. Genau genommen war es eine gesamte Etage, die die Moreaus hier angemietet hatten, denn London, New York und Singapur gehörten zu den Hauptfinanzplätzen auf dem Weltmarkt, weshalb Moreau International auch in den anderen beiden Metropolen eine Dependance hatte.

Er überquerte eine Straße und wäre dabei fast vor ein Auto gelaufen, schrill quietschten die Autoreifen auf dem Asphalt. Dass der Fahrer sich nicht aus dem Fenster beugte und auf ihn einschrie, lag wohl daran, dass echte Briten sich zu solch grober Unhöflichkeit nicht herabließen – und Höflichkeit war etwas, was Dominic sehr zu schätzen wusste. Entschuldigend drehte er sich dem Fahrer zu, machte eine besänftigende Geste und beeilte sich, auf die andere Seite zu kommen.

Was war los mit ihm? Wieso hatte er das Auto nicht kommen sehen? Es lag vermutlich an dieser Summer Mitchell, die ihn immer noch beschäftigte.

Warum hatte er sich ihr gegenüber bloß so taktlos verhalten? Wenn ihm selbst so viel an Höflichkeit lag, warum hatte er die junge und äußerst kompetent wirkende Agenturchefin in eine so peinliche Situation gebracht? Im Grunde hatte er sie geradezu erpresst.

Seine Forderung war jedenfalls eine verrückte Idee gewesen, die ihm genau in dem Moment gekommen war, als er die hübsche Summer hatte lächeln sehen. Zugegeben, er war kein Kostverächter, und die Gelegenheit für einen kurzen Flirt ließ er selten verstreichen. Bisher hatte er sich auch nie sonderlich um eine solche Gelegenheit bemühen müssen. Es hatte nie an hübschen Frauen gemangelt, die sich für ihn interessierten. Aber diese Zeit war definitiv vorbei, denn vor wenigen Wochen hatte seine Familie in Kalifornien eine Hiobsbotschaft erhalten, die ihnen allen die Füße unter dem Boden weggezogen hatte.

Wahrscheinlich hatte er sich an der Seite der charmanten Summer eben nur ein bisschen ablenken wollen. Er seufzte und zog die Schultern hoch, weil ihm der Nieselregen jetzt sogar in den Kragen rann. Hoffentlich würde sich die Sache wieder einrenken lassen.

Summer saß mit Mona in einem kleinen Restaurant außerhalb der City, dem Distrikt von London, in dem die reichsten Unternehmen und weltbekannte Banken ihren Sitz hatten. Leider waren die Mieten in der Londoner Innenstadt astronomisch hoch. Summer hatte deshalb unglaubliches Glück gehabt, als sie am Rande des Geschäftsviertels vor zwei Jahren ein winziges Büro an einer stark befahrenen Straßenecke zu einem gerade noch erträglichen Preis hatte anmieten können und vom Londoner Stadtrand hierher umgezogen war.

Essen gingen ihre Mitarbeiter und sie aber nie in dem Geschäftsviertel, dafür war es dort zu teuer. Meist brachten sie sich ihre Sandwiches oder Salate selbst mit. Gelegentlich fuhr Summer mit Mona mittags auch mal in ein anderes Viertel, und sie setzten sich dort in ein Bistro. So auch jetzt, denn Summer hatte nach dem ärgerlichen Gespräch mit Dominic Moreau keine Lust, dass ihre Mitarbeiter hörten, was sie mit Mona besprechen wollte.

Gerade kam der Kellner und stellte ihnen je einen Teller mit Fish and Chips vor die Nase, dazu einen Salat aus halbverwelkten Blättern als „Gruß aus der Küche“. Mona verdrehte die Augen. Summer wusste genau, was ihre Freundin dachte, aber im Moment hatte sie andere Sorgen.

„Da verlangt der Typ doch tatsächlich, dass ich ihn ganze zehn Tage nach Frankreich begleite, um mir dieses Anwesen anzusehen. Kannst du dir das vorstellen? Ich meine, nicht, dass es mir nicht gefallen würde, zehn Tage in so einem alten Haus herumzustöbern, das ist ja klar. Aber erstens habe ich dafür nicht die Zeit, und zweitens … na, du hast es ja selbst mitgekriegt.“

Mona nickte, während sie ein Salatblatt aufspießte. „Ja, das war schon heftig. Wenn du mich fragst, ich habe sogar einen Moment überlegt, ob wir den Kerl nicht einfach hochkant aus dem Büro schmeißen. Aber ganz ehrlich, Summer, es gibt schlimmere Angebote, als mit so einem Leckerbissen zehn Tage in Frankreich Urlaub zu machen.“

Summer schnaufte unwillig. „Leckerbissen? Und Urlaub? Na, du hast ja Nerven. Du bist es schließlich nicht, die mit ihm fahren muss.“

„Fliegen“, verbesserte Mona, während sie sich jetzt einige Pommes in den Mund schob. „Und leider nein, er hatte ausschließlich Augen für dich. Dabei bin ich doch auch nicht gerade hässlich, oder?“ Sie machte mit den Händen eine Bewegung über ihren ganzen Körper, als präsentiere sie auf der berühmten Fashion Week in Mailand ein diamantbesetztes Kleid. „Ich meine, come on!“

Summer musste gegen ihren Willen lachen. „Echt, Mona, du bist unverbesserlich!“

„Ja und?“, gab ihre Freundin zurück. „Ich würde mir an deiner Stelle jedenfalls nicht so viele Gedanken machen, sondern lieber ein paar nette Tage auf Kosten von Mr. Supercool verbringen. Mach tagsüber deine Arbeit und lass dich abends teuer von ihm ausführen. Stell dir vor: Rotwein und teures Essen, die Seine, Montmartre …“

„Das Anwesen liegt nicht in Paris, sondern irgendwo im Nirgendwo, schon vergessen? Da ist nichts mit Kultur, da gibt es höchstens ein paar Wiesen, Bäume und Felder …“

„Umso besser“, kommentierte Mona ungerührt. „Da hat er wenigstens keine Ablenkung.“

„Also wirklich jetzt!“

Summer verdrehte die Augen und widmete sich endlich ihrem Essen. Der Fisch war trocken, die Pommes lauwarm. Sie seufzte und dachte wehmütig an ihre frischen, selbstzubereiteten Snacks, die im Büro auf sie warteten. Und Mona war ihr bei der Entscheidungsfindung bisher auch keine große Hilfe gewesen. Für Summer stand fest, dass sie sich wohl auf ihr Bauchgefühl verlassen musste. Aber sonderbarerweise kribbelte es dort gerade sehr angenehm, sobald sie an Dominic Moreau dachte. Wie lässig er im Sessel gesessen und wie herausfordernd sein Blick über ihre Figur geglitten war … Eigentlich war das ja unverschämt gewesen, aber gleichzeitig auch irgendwie aufregend.

Nein! Es ist ausschließlich unverschämt gewesen, befand Summer. Und jetzt, da sie das ungebührliche Verhalten ihres Kunden richtig eingeordnet hatte, würde es ihr keine Schwierigkeiten bereiten, den Mann auf Abstand zu halten oder ihn notfalls in die Schranken zu weisen, falls er irgendetwas anderes im Sinn hatte. Mona hatte recht, Summer würde sich nichts vergeben, wenn sie sich das Anwesen zumindest einmal anschaute.

Allerdings zu ihren Bedingungen.

Dominic saß wieder in seinem Büro. Inzwischen war es vierzehn Uhr, und er erwartete den täglichen Anruf aus Kalifornien. Dort war es jetzt früh am Morgen, sechs Uhr, aber sein Bruder Etienne war um diese Zeit normalerweise schon auf den Beinen und kam wahrscheinlich gerade von seiner üblichen Joggingrunde zurück. Anschließend rief er jeden Tag in London an und bei ihrem dritten Bruder Julian in Singapur, um die wichtigsten geschäftlichen Neuigkeiten durchzusprechen. In Singapur war es um diese Zeit allerdings schon wieder abends.

Das Telefon klingelte pünktlich. Anders war er es von Etienne auch nicht gewohnt. Er nahm ab.

„Hallo, mein Sohn“, vernahm er zu seinem Erstaunen die Stimme seiner Mutter.

Dominic erschrak. „Hallo Maman! Ist etwas mit Papa?“

„Nein, deinem Vater geht es den Umständen entsprechend gut“, beruhigte sie ihn. „Ich wollte nur kurz hören, wie es vorangeht. Wenn wir für das Haus in Frankreich schon eine solche Summe ausgeben, dann soll es auch rundum perfekt werden. Vor allem soll es für deinen Vater wirklich eine Überraschung sein. Es ist gar nicht so einfach, eine derart hohe Überweisung vor ihm geheim zu halten. Du weißt ja, wie er ist.“

Die Stimme seiner Mutter zitterte bei diesen Worten, und Dominic wünschte sich, er wäre bei ihr und könnte sie zum Trost in den Arm nehmen. Für seine Mutter war die Situation im Moment besonders schwer, denn sie liebte ihren Mann und wollte, dass die Überraschung auf jeden Fall gelang. Und da hatte ausgerechnet er, Dominic, schon beim kleinsten Teil des Auftrages so kläglich versagt. Statt die Agentur, die ihm empfohlen worden war, sang- und klanglos zu akzeptieren, hatte er erst einmal versucht, die Chefin zu bezirzen. Obwohl die Zeit so drängte. Nun schämte er sich für sein kindisches, selbstsüchtiges Verhalten.

„Ja, ich weiß, Maman. Und ich tue mein Bestes, damit die Arbeiten bis zu meinem Geburtstag abgeschlossen sein werden.“ Er schluckte. „Ich habe auch schon eine gute Agentur gefunden. Wir stecken gerade in den Verhandlungen. Das wird schon klappen.“

Ja, das würde es, denn Dominic würde gleich nach dem Gespräch mit seiner Mutter bei Summer Solutions anrufen und sich für sein Verhalten entschuldigen. Obwohl ihm so etwas nicht leichtfiel. Schließlich war er ein Moreau, und die Moreaus baten normalerweise nicht, sondern sie forderten. Aber diese Situation war eine besondere.

„Das freut mich, Dominic. Es ist nicht gerade leicht mit Vater …“

Er hörte das Zögern in der Stimme seiner Mutter und fragte sich, was jetzt noch kommen würde.

„Ja? Maman?“

„Ich glaube, er geht davon aus, dass Cathrin und du … dass ihr vorher noch heiratet.“

Die Worte seiner Mutter trafen ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Heiraten … Oh nein, das würden sie ganz bestimmt nicht tun!

Cathrin war die Tochter eines New Yorker Bankers. Dominic hatte sie vor zwei Jahren kennengelernt und war nach einer kurzen Affäre mit ihr zusammengeblieben, allerdings eher, weil er wusste, dass sein Vater aus traditionellen Gründen darauf hoffte, dass alle seine Söhne spätestens zu ihrem dreißigsten Geburtstag verheiratet waren.

Er hatte den Anschein erwecken wollen, dass die Hoffnung seines Vaters sich erfüllte. Die große Liebe war es zwischen Cathrin und ihm aber nie gewesen, deshalb hatte er die Beziehung vor einigen Wochen beendet. Als letzter Sohn der Moreaus würde er seinen dreißigsten Geburtstag eben als Single feiern, was war schon dabei? Allerdings hatte er diese Entscheidung vor der Hiobsbotschaft getroffen. Und seiner Mutter jetzt zu sagen, dass die Hoffnungen des Vaters nicht aufgehen würden, wagte er nicht, denn das würde sie nur zusätzlich belasten. Dabei hatte sie wirklich genug Sorgen.

Verdammt, warum machte es einem das Leben manchmal so schwer? Niemals hatte Dominic ernsthaft daran gedacht, mit dreißig Jahren bereits sesshaft zu sein. Bisher hatte er sein Leben immer so gelebt, wie es ihm gefiel, mit flüchtigen Bekanntschaften, kurzen Affären und hin und wieder einer längeren Beziehung. Das Leben seiner verheirateten Brüder erschien ihm langweilig und spießig, auch wenn Etienne und Julian ständig betonten, wie sehr sie das Familienleben genossen und ihre Frauen und Kinder liebten. Das mochte ja alles sein, aber Dominic war nicht für die Ehe geschaffen. Zumindest konnte er sich nicht vorstellen, ab dem dreißigsten Lebensjahr sein ganzes Leben nur noch mit einer einzigen Frau zu verbringen, schon gar nicht, wenn es sich dabei um eine verzogene Bankierstochter wie Cathrin handelte.

„Was ist, Junge?“, fragte seine Mutter am anderen Ende. „Du bist so still. Es ist doch alles in Ordnung zwischen dir und Cathrin?“

Dominic räusperte sich. „Maman … ich muss dir etwas gestehen.“

Er hörte ein leichtes Aufseufzen am anderen Ende der Leitung. „Sag jetzt nicht, ihr beiden habt Meinungsverschiedenheiten. Cathrin schien mir doch ganz angetan von dem Gedanken, demnächst vor den Altar zu treten. Sie ist ja auch nicht mehr die Jüngste.“

Damit spielte seine Mutter wohl darauf an, dass Cathrin ein halbes Jahr älter war als Dominic und die Dreißig schon erreicht hatte. Als ob das wichtig gewesen wäre! Aber in dieser Hinsicht waren seine Eltern beide etwas altmodisch. Es lag wohl daran, dass die beiden, als sie vor fünfzig Jahren aus Frankreich in die USA ausgewandert waren, vom freizügigen Lebenswandel, der dort herrschte, etwas überrascht worden waren. Nun hielten sie an ihren alten Werten fest. Aber die Welt hatte sich inzwischen weitergedreht.

„Es ist im Moment tatsächlich etwas schwierig, Maman. Aber ich finde schon eine Lösung, keine Angst, ich werde Papa nicht enttäuschen“, versicherte er. „Jetzt ist erst einmal wichtig, dass mit dem Anwesen alles klappt. Ich halte dich auf dem Laufenden.“

Damit verabschiedete er sich rasch und legte auf. Das war geschafft. Nun kam allerdings der schwierigere Teil, denn er musste bei Summer Solutions anrufen und seine Forderung zurücknehmen, ohne dabei das Gesicht zu verlieren und wie ein Dummkopf dazustehen.

Er holte tief Luft und wollte gerade erneut zum Hörer greifen, als das Telefon klingelte. Auf dem Display war die Nummer von Summer Solutions zu sehen. Dominic zögerte einen Augenblick, dann nahm er ab.

„Ja, Dominic Moreau am Apparat.“

„Mr. Moreau“, hörte er Summers Stimme, „ich habe mir unser Gespräch noch einmal durch den Kopf gehen lassen.“

„Das freut mich. Und dass Sie persönlich zurückrufen, kann ja eigentlich nur etwas Gutes bedeuten.“

„Oh, freuen Sie sich nicht zu früh, Mr. Moreau. Ich nehme Ihr Angebot an. Allerdings zu meinen Bedingungen.“

„Ms. Mitchell, wir sind im Geschäft“, antwortete Dominic sofort, ohne zu wissen, worauf er sich da einließ.

3. KAPITEL

Summer schaute zum wiederholten Mal auf ihrem Handy nach der Uhrzeit. Zwanzig Minuten nach zwölf, hatte Dominic Moreau gesagt, als sie gestern noch einmal mit ihm telefoniert hatte, um die Flugdaten zu erfahren. Um zwanzig nach zwölf wollten sie sich am Schalter treffen, keine Minute später. Und jetzt war es bereits zwölf Uhr fünfundvierzig.

Ungeduldig blickte sie sich in der großen Halle um. Wo blieb er nur? Es war schwer, jemanden, den man nur einmal gesehen hatte, im Trubel des Flughafens auszumachen, unentwegt schoben sich Passagiere an ihr vorbei. Wie immer waren zu Wochenbeginn eine Menge Geschäftsleute unterwegs, zu erkennen an ihren anthrazitgrauen oder stahlblauen Anzügen. Zudem war die Urlaubszeit angebrochen, Familien mit Unmengen von Gepäck und quengelnden Kleinkindern standen überall im Weg. Deshalb hatte sie mit Dominic Moreau ausgemacht, dass sie sich direkt vor dem Schalter ihrer Fluggesellschaft treffen würden, um dann gemeinsam einzuchecken. Ein Fehler, wie sich nun herausstellte, denn inzwischen war er fünfundzwanzig Minuten zu spät.

Oder hatten sie sich in dem Gewühl hier nur verpasst? Summer hätte darauf bestehen sollen, sich das Ticket elektronisch aufs Handy schicken zu lassen, dann hätte jeder für sich allein an Bord des Fliegers gehen können. Sie merkte, wie die hektische Atmosphäre auf sie übergriff, gleichzeitig fühlte sie Ärger in sich aufsteigen. Sie stand hier wie bestellt und nicht abgeholt. Es fühlte sich an, als würden ihr sämtliche Fluggäste ansehen, dass sie möglicherweise versetzt worden war.

Gerade erklang der zweite Aufruf zum Boarding. Summer schnaubte leise vor Ärger. Nicht genug, dass sie sich gegen ihre ursprüngliche Absicht doch darauf eingelassen hatte, das Anwesen in der Provence zumindest zu begutachten, jetzt ließ Dominic Moreau sie hier einfach stehen. Dabei war das entscheidende Telefonat mit ihm vor zwei Tagen noch ganz anders verlaufen.

Sie hatte ihm auf den Kopf zu gesagt, dass sie keine zehn, sondern maximal fünf Tage in die Begutachtung des Objektes investieren würde. Zudem sollte er für die Organisation ihres Fluges und der Unterkunft sorgen – natürlich in einer angemessenen Preisklasse und in einem Hotel. Auf keinen Fall würde sie mit ihm auf seinem Anwesen übernachten. Außerdem hatte er die Kosten für die Reise auch dann zu übernehmen, wenn der Auftrag, aus welchen Gründen auch immer, anschließend doch nicht zustande kam.

Seltsamerweise hatte er allen Forderungen sofort zugestimmt, ja er hatte sich sogar für sein unangemessenes Auftreten in ihrem Büro entschuldigt – eine Kehrtwende, die Summer unerwartet den Wind aus den Segeln genommen hatte. Seine Entschuldigung hatte zwar etwas gepresst geklungen, aber das war verständlich – einem Macho wie ihm fiel das bestimmt nicht leicht. Fragte sich nur, was ihn zum Einlenken bewogen hatte.

Summer wippte ungeduldig auf den Zehen. Endlich entdeckte sie ihn zwischen all den Menschen. Mit schnellen Schritten eilte er auf sie zu, einen Trolley hinter sich her ziehend. Sein Gepäck war eine Ecke weniger umfangreich als ihres, aber Männer mussten schließlich auch nur wenige Dinge einpacken, wenn sie sich auf Geschäftsreise begaben, Anzüge passten schließlich immer. Für Frauen hingegen gab es für jeden Anlass eine spezielle Kleiderordnung.

Deshalb hatte Summer jetzt auch einige ihrer besten Kostüme und Etui-Kleider im Koffer. Mittlerweile fragte sie sich jedoch, warum sie so um einen guten Eindruck bemüht war, immerhin schien ihr Geschäftspartner alles andere als professionell zu sein. Fast dreißig Minuten hatte er sie warten lassen, eine halbe Stunde!

„Entschuldigen Sie bitte meine Verspätung“, sagte Dominic atemlos, als er vor ihr stand. „Unmittelbar vor meiner Abfahrt hat noch das Telefon geklingelt, und es war leider ein Anruf, den ich annehmen musste.“

Er wischte sich mit der Hand über die Stirn, sodass Summer die Antwort, die sie auf der Zunge gehabt hatte, herunterschluckte. Seine Erklärung war offenbar keine billige Ausrede, denn um seinen Mund lagen Stressfältchen, und auch sein Blick wirkte äußerst besorgt. Dominic Moreau schien sich tatsächlich abgehetzt zu haben.

Und trotzdem sah er wieder verdammt gut aus! Obwohl sie in gereizter Stimmung war, fiel ihr das auf. Die schwarzen Jeans schmiegten sich eng an seine Beine und seinen festen Hintern, das weiße T-Shirt betonte seinen muskulösen Oberkörper und die breiten Schultern. Sein Gesicht wirkte sommerlich gebräunt, und in seinen dunklen Augen lag trotz aller Hektik ein Funkeln, wenn er sie ansah. Summer biss sich auf die Unterlippe. Bestimmt hielten die Leute sie für ein Paar, das zu einem Kurzurlaub aufbrach.

„Also gut, ich verzeihe Ihnen“, sagte sie versöhnlich und wollte gerade nach ihrem Trolley greifen, als der dritte und letzte Aufruf zum Boarding ertönte. Gleichzeitig wurden Mr. Moreau und Ms. Mitchell per Lautsprecherdurchsage aufgefordert, sich sofort am Schalter der Fluggesellschaft zu melden.

„Oh, das sind wir“, sagte er überflüssigerweise, griff nach seinem und nach Summers Trolley und drängte, sich unter hastigem Entschuldigen nach rechts und links durch die Menge. Summer blieb einen Moment lang verblüfft stehen. Erwartete er jetzt, dass sie ihm wie eine gehorsame Ehefrau folgte? Sie schüttelte den Kopf und setzte sich dann ebenfalls in Bewegung. Jetzt war definitiv der falsche Zeitpunkt für eine Grundsatzdiskussion.

Vor dem Schalter angekommen, lächelte Dominic Moreau die junge Frau dahinter strahlend an und bekam statt einer Ermahnung zur Pünktlichkeit ein ebenso strahlendes Lächeln zurück. Es war unglaublich! Erst Mona und nun dieses junge Ding! War Summer denn die Einzige, die den aufgesetzten Charme von Mr. Supercool durchschauen konnte?

Gott sei dank, sie hatten es noch geschafft. Erleichtert ließ Dominic sich in den Sitz sinken.

Die Flugbegleiterin, die hier in der Businessclass für die wenigen Fluggäste verantwortlich war, begrüßte sie und erkundigte sich, ob alles zur Zufriedenheit von Madame und Monsieur Moreau sei.

„Mademoiselle Mitchell“, korrigierte Summer.

„Oh, Entschuldigung“, sagte die Stewardess schnell.

Dominic musste schmunzeln. Ihm gefiel, dass die Frau sie gerade für ein Paar gehalten hatte. Es gab wahrlich schlimmere Dinge, als den Ehemann einer solchen Schönheit wie Summer Mitchell zu spielen. Auch wenn sie jetzt betont geschäftsmäßig in ihren Unterlagen blätterte, wahrscheinlich, um zu unterstreichen, wie sehr die Flugbegleiterin sich geirrt hatte. Sie war anscheinend immer noch über seine Unpünktlichkeit verärgert. Das konnte er gut verstehen. Wenn es sich nicht um seine Mutter gehandelt hätte, die ihn kurz vor der Abfahrt zum Flughafen noch einmal angerufen hatte, hätte er das Telefon auch einfach klingeln lassen.

„Es freut mich, dass doch noch alles geklappt hat und Sie auf mich gewartet haben“, sagte er versöhnlich.

„Es blieb mir ja nichts anderes übrig“, bemerkte Summer eisig, ohne den Blick zu heben.

„Stimmt. Vielleicht schicke ich Ihnen das Ticket das nächste Mal lieber aufs Handy?“

„Sind Sie sicher, dass es ein nächstes Mal geben wird?“, fragte Summer spitz und hob endlich den Kopf.

Wieder nahmen ihn ihre großen kajalumrandeten Augen gefangen. Er atmete unwillkürlich tief ein. Sie war wirklich unfassbar attraktiv. Ihr blondes Haar, das einen leichten kupferfarbenen Stich aufwies, floss weich über ihre Schultern. Heute hatte sie es nicht hochgesteckt. Es betonte die hohen Wangenknochen und ihren hübschen Mund. Schminkte sie sich eigentlich gar nicht? Nicht, dass sie es gebraucht hätte: Ihre Haut sah frisch und natürlich aus. Bis auf den eindrucksvollen Kajal um ihre Augen konnte er kein Make-up erkennen.

Nein, ob es ein nächstes Mal geben würde, konnte er natürlich nicht wissen, aber er würde alles daransetzen.

Die Lautsprecher knackten, der Film zu den Sicherheitshinweisen wurde gestartet. Die wenigen Gäste im Businessclass-Bereich waren offensichtlich erfahrene Flugreisende, niemand schaute auf den Bildschirm. Dann ruckte das Flugzeug an und setzte sich in Bewegung.

„Keine Angst“, sagte Dominic, „der Start verläuft sicher ruhig.“

„Warum sollte ich Angst haben?“, fragte Summer zurück. „Ich fliege schließlich nicht zum ersten Mal.“

Wieder ärgerte er sich über sich selbst. Er sollte aufpassen, Summer Mitchell nicht ständig zu unterschätzen. Er hatte es mit einer professionellen Geschäftsfrau zu tun, auch wenn sie noch sehr jung aussah. Wie alt war sie eigentlich genau? Aber obwohl er es in diesem Moment liebend gern gewusst hätte, hielt er vorsichtshalber den Mund.

Wenige Augenblicke später hob das Flugzeug ab. Der Druck presste sie kurzzeitig in die weichen Sitze und ließ dann schlagartig nach. Dominic schaute zum Fenster hinüber. Schnell entfernten sich die Rollbahnen und das Flughafengebäude, das Flugzeug gewann an Höhe. Nach fünfzwanzig Minuten war die endgültige Flughöhe erreicht, die Gäste durften die Gurte wieder lösen. Die Flugbegleiterin näherte sich ihnen mit einem Tablett.

„Ein Glas Sekt für den Auftakt?“

Dominic sah Summer fragend an.

„Wie wäre es, wenn wir noch einmal ganz von vorn anfangen“, schlug er vor, nahm zwei Gläser vom Tablett und bot eins davon Summer an. „Ich freue mich jedenfalls, dass es mit unserer Zusammenarbeit doch noch geklappt hat.“

Summer überlegte einen kurzen Augenblick. „In Ordnung“, beschied sie dann. „Stoßen wir darauf an, dass es von jetzt an keine Hindernisse mehr geben wird.“

Dominic verzog den Mund, während er sein Glas gegen ihres klingen ließ. „Das hoffe ich auch“, erwiderte er mit einem bemühten Lächeln, denn er befürchtete, dass in Marseille schon die nächsten Schwierigkeiten auf sie warteten.

4. KAPITEL

Die Stewardess servierte einen kleinen Snack: mit zartem Schinken umwickelte Datteln und Melone, getoastetes Weißbrot sowie eine kleine Käseauswahl. Dazu wurden Weißwein, Wasser und Saft angeboten. Summer wählte das Wasser, während Dominic sich nach kurzem Überlegen ein Glas Saft einschenken ließ. Inzwischen waren sie eine Stunde in der Luft, gute anderthalb Stunden Flug lagen noch vor ihnen. Nach der Landung in Marseille sollte es dann mit einem Mietwagen weitergehen. Summer schaute aus dem Fenster. Sie flog gern und genoss den Blick in das weite Wolkenfeld, das an einigen Stellen den Blick auf die Erde freigab. Eben hatten sie die Nordsee überquert und erreichten gerade Nordfrankreich.

„Es scheint, dass die Wolkendecke aufreißt“, bemerkte sie.

„Ja“, bestätigte Dominic. „In Marseille ist es laut Wettervorhersage wolkenfrei, und es sind sechsundzwanzig Grad.“

„Wunderbar“, seufzte Summer. Monas Worte, sich in Frankreich ein paar schöne Urlaubstage zu machen, kamen ihr in den Sinn. Das war natürlich Unsinn, schließlich war Summer unterwegs, um den größten Auftrag, den ihre Agentur je bekommen hatte, unter Dach und Fach zu bringen. Aber genießen konnte sie die Umstände ja trotzdem.

„Wollen Sie mir nicht noch etwa über das Anwesen erzählen?“, fragte sie, nachdem sie sich die köstlichen Melonen- und Dattelstücke hatten schmecken lassen und die Stewardess die Tabletts wieder abgeräumt hatte.

„Gern“, erwiderte Dominic Moreau, während er die Flugbegleiterin um ein Wasser bat. „Nehmen Sie auch noch ein Wasser? Ich finde, wir sollten einen klaren Kopf behalten, solange wir über das Geschäftliche sprechen.“

Was ist denn jetzt wieder in ihn gefahren, dachte Summer irritiert. Grade hat er mir versichert, von nun an ganz geschäftlich mit mir umzugehen, und nun das? Glaubt er tatsächlich, dass wir hier in den Urlaub fliegen? Dann sollte er diesen Gedanken schleunigst wieder vergessen.

Sie setzte sich aufrecht hin und griff demonstrativ nach ihrer Arbeitsmappe. Dominic sah sie prüfend an und nickte.

„Okay. Dann erzähle ich Ihnen vielleicht erst einmal ein bisschen was über meine Familie. Also: Wir Moreaus leben zwar schon seit knapp fünfzig Jahren in den USA, aber ursprünglich stammen meine Eltern aus Frankreich.“

„Das dachte ich mir schon“, erwiderte Summer. „Ihr Name klingt schließlich Französisch.“

„Ja. Allerdings besteht ansonsten keine Anbindung mehr an die alte Heimat.“

„Gar nicht? Haben Ihre Eltern denn nicht noch Freunde dort, die Sie als Kind manchmal besucht haben? In den Ferien?“

„Nein. Mein Vater wollte das nicht. Er hat damals bei der Auswanderung einen klaren Schnitt gemacht. Deshalb habe ich Frankreich erst jetzt zum ersten Mal wiedergesehen, als wir das Anwesen gekauft haben.“

„Schade“, bemerkte Summer. „Dabei ist gerade Frankreich wirklich schön. Ich mag das Land sehr und habe schon öfter Urlaub dort gemacht. Womöglich kenne ich die Gegend dann sogar besser als Sie?“, fügte sie scherzend hinzu.

Verflixt, das hatte sie nicht sagen wollen. Erstens ging es Dominic Moreau nichts an, wo sie ihre Ferien verbrachte, und zweitens schwebten nun Bilder von alten Schlössern, ruhigen Flüssen und endloser Weite, ergänzt vom imaginären Duft provenzalischer Lavendelfelder, vor ihrem inneren Auge. Fehlten bloß noch zwei kühle Gläser Burgunder auf der sonnendurchfluteten Terrasse eines malerischen Anwesens, um das Bild von einem romantischen französischen Sommerabend perfekt zu machen.

Reiß dich zusammen, Summer Mitchell, ermahnte sie sich streng, während sie neben sich Dominic leise lachen hörte. Konnte er etwa Gedanken lesen?

„Genauso geht es mir auch“, bestätigte er und nickte ihr zu. „Ich finde Frankreich wunderbar. Und ich bin sicher, mein Vater und meine Mutter tun das ebenfalls. Allerdings zeigen sie es nicht. Sie sind als junges Paar in die Vereinigten Staaten ausgewandert, weil die Geschäftsaussichten dort besser waren, aber zumindest meine Mutter hat sich zeitlebens nach Frankreich zurückgesehnt, da bin ich mir sicher. Auch wenn sie nie darüber gesprochen hat. Aber sie hat uns sehr französisch erzogen. Oder es zumindest versucht. Und zum Teil ist es ihr auch gelungen. Wohl vor allem bei mir.“ Er lachte. „Vielleicht, weil ich der Jüngste bin.“

Moment, nun klingt er so gar nicht mehr nach einem ungehobelten Snob, dachte Summer. Im Gegenteil, eher sprach Empfindsamkeit aus diesen Worten. Konnte es sein, dass sie sich in ihrer Einschätzung von Dominic Moreau getäuscht hatte?

„Aber von den USA aus ist Frankreich ja leicht zu erreichen“, sagte sie entgegenkommend. „Deshalb haben Sie das Anwesen auch gekauft, oder? Damit Ihre Eltern einen Alterswohnsitz in der alten Heimat haben, auf dem sie ihren Ruhestand genießen können?“

„Wenn es nur so wäre!“, seufzte er. Für einen Moment traten erneut Sorgenfalten auf seine Stirn. „Ich möchte jedenfalls, dass Sie das Anwesen in typisch französischem Flair einrichten“, fuhr er nach einem stillen Moment fort. „Sie wissen schon, savoir vivre. Leider scheinen meine Eltern, speziell mein Vater, völlig vergessen zu haben, was das bedeutet. Und meine Brüder, die wie ich in den USA aufgewachsen sind, bevorzugen inzwischen auch die Effizienz und Perfektion des modernen amerikanischen Lifestyles.“

Aha, er hat also noch zwei Brüder, dachte Summer. Vorsichtig warf sie einen Blick zu ihm hinüber. Er saß lässig und selbstbewusst in seinem weichen Flugzeugsitz, die Unterarme, unter deren gebräunter Haut sich ebenfalls starke Muskeln abzeichneten, locker auf den Lehnen abgelegt. Auch seine Hände waren bemerkenswert, schlank, aber kräftig.

Von solchen Händen möchte man gern berührt werden, schoss es Summer ganz unvermittelt durch den Kopf. Verlegen schlug sie den Blick nieder und sah wieder auf die Mappe, die in ihrem Schoß lag. Himmelherrgott, was war denn bloß los mit ihr? Konnte sie sich nicht mal ein paar Minuten auf das Wesentliche konzentrieren?

„Und worauf legen Sie bei dem Auftrag besonderen Wert?“, fragte Summer. „Was genau stellen Sie sich unter savoir vivre vor?“

„Nun ja, natürlich können auch wir Franzosen hart arbeiten, aber darüber vergessen wir normalerweise unsere genussvolle Lebensart nicht: vorzügliches Essen, lange Abende mit Freunden bei einem guten Wein, Muße, Schönheit. Nie im Leben würde ich mich zum Beispiel mit Fastfood begnügen, wie es in den Staaten üblich ist, selbst wenn ich stattdessen stundenlang kochen muss.“ Dominic schüttelte sich. „Wie steht es mit Ihnen: Haben Sie eigentlich schon einmal so richtig mit Freude gekocht?“

Summer zuckte ertappt zusammen. Wie oft aß sie nach einem anstrengenden Tag am Abend einfach einen Burger oder ging mit Freunden in den Pub, wo sie sich die allgegenwärtigen Fish and Chips bestellten. Die Salate, die sie sich manchmal hastig für den nächsten Tag im Büro zubereitete, waren schon das höchste an Kochkunst, was sie vorzuweisen hatte. Aber für eine Person allein kochte es sich nun mal nicht gut.

„Meine Eltern haben in den Vereinigten Staaten leider nur das harte Arbeiten beibehalten“, erklärte er weiter. „Und meine Brüder halten sich nach Feierabend mittlerweile an Bier. Können Sie sich das vorstellen? Bier aus Dosen? Pfui Teufel!“ Er schüttelte sich erneut und lachte.

Summer zuckte mit den Schultern. „Nun ja, ich bin Britin. Auch wenn unser Bier nicht das beste ist, ich mag es. Und Cider trinke ich auch gern.“

Er sah sie mit einem erstaunten Ausdruck an. „Das gefällt mir.“

„Was?“, fragte sie verblüfft. „Dass ich Bier mag?“

„Nein, dass Sie das so unumwunden zugeben. Jede andere hätte mir jetzt von irgendeinem französischen Wein vorgeschwärmt, um meine Aufmerksamkeit nicht zu verlieren.“

Bitte was? Um seine Aufmerksamkeit nicht zu verlieren? Was bildete sich der Kerl eigentlich ein! Glaubte er tatsächlich, dass sämtliche Frauen nach seiner Aufmerksamkeit lechzten? Summer hatte es ja gewusst. Gleichzeitig fühlte sie, wie ein Gefühl der Enttäuschung in ihr aufstieg. Eben hatte sie noch gedacht, dass Dominic Moreau vielleicht doch einfühlsamer war, als er auf den ersten Blick wirkte. Aber jetzt kam eindeutig wieder der selbstverliebte Snob durch.

Es war Zeit, dass sie endlich landeten und sie seiner irritierenden Nähe entkommen konnte, wenigstens für den Abend. Hoffentlich hatte er bei der Zimmerreservierung nicht allzu sehr aufs Geld geachtet und ein hübsches Hotelzimmer für sie ausgesucht. Dort würde sie endlich etwas durchatmen können. Und nicht Gefahr laufen, seinem bei Zeiten aufblitzenden Charme womöglich doch zu erliegen und eine seiner Eroberungen zu werden.

Dennoch spürte sie eine gewisse Neugier auf das alte Anwesen, dessen sie sich annehmen sollte. Seine Erzählungen von der französischen Lebensart hatten sie beeindruckt. Erneut zogen Bilder an ihrem inneren Auge vorbei. Ein altes, holzgeschnitztes Bett in französischem Stil …

Geräuschvoll setzte das Flugzeug auf und rollte über die Landebahn zum Terminal, wo schon die langen Schläuche der Fahrgastbrücken herangerollt wurden.

„Also dann“, sagte Dominic, nachdem das Flugzeug zum Halten gekommen war, und stand auf. „Hier wären wir also. Willkommen in meiner ursprünglichen Heimat.“

„Danke“, erwiderte Summer knapp und erhob sich ebenfalls. Um sie herum herrschte bereits reger Trubel in der Kabine.

Das Auschecken klappte reibungslos, auch ihr Gepäck bekamen sie schnell. In der Halle bot Dominic an, ihren Trolley zu übernehmen, aber sie lehnte ab. Glaubte er wirklich, sie bräuchte Hilfe, um einen Rollkoffer hinter sich herzuziehen? Was soll diese billige Höflichkeit, wenn er gleichzeitig Bemerkungen wie vorhin im Flugzeug macht? dachte sie genervt. Auf diese Weise konnte er sie nicht beeindrucken.

Als sie aus dem Flughafengebäude heraustraten, empfing sie strahlender Sonnenschein. Die Luft war warm, es herrschten angenehme sechsundzwanzig Grad, die normale Durchschnittstemperatur im französischen Süden für den Juni. In London waren sie bei acht Grad weniger losgeflogen. Summer sog die Luft tief ein. Gerade erhob sich eine leichte Böe, der Wind trug den Duft des Frühsommers mit sich.

Die Autovermietung befand sich gleich in einem Nebengebäude. Auch hier klappte alles ohne Probleme. Dominic hatte ein schnittiges Lamborghini-Cabrio gemietet, dessen Verdeck sich herunterfahren ließ. Galant öffnete er die Beifahrertür und ließ sie zuerst einsteigen, dann verstaute er ihr Gepäck im Kofferraum und setzte sich hinters Steuer.

Im selben Moment fühlte Summer ein angenehmes Kribbeln in ihrem ganzen Körper. Es lief ihren Rücken hinab, verbreitete Gänsehaut auf ihren Armen und sammelte sich in ihrem Schoß. Dominic saß jetzt ganz nah neben ihr, nicht wie im Flieger, wo die ausladenden Sitze der Businessklasse und eine extrabreite Armlehne ihn von ihr getrennt hatten. Er hatte eine Sonnenbrille aufgezogen, sein schwarzes Haar glänzte in der Sonne, und mit seiner gebräunten Haut wirkte er, als wäre er gerade aus einem Urlaub zurückgekehrt.

Er startete den Wagen, und das Verdeck fuhr automatisch zurück.

„Vielleicht sollten Sie sich lieber ein Kopftuch umbinden“, sagte Dominic mit einem Seitenblick auf Summer. „Ansonsten könnten Sie hinterher Mühe haben, Ihr Haar zu ordnen. Der Fahrtwind ist in dieser Hinsicht gnadenlos. Und ich habe nicht vor, mit diesem Auto über die Straßen zu schleichen.“

„Vielen Dank für den Hinweis“, entgegnete Summer spitz. An ein Tuch für die Autofahrt hatte sie tatsächlich nicht gedacht. Aber wie hätte sie auch wissen sollen, dass sie hier mit einem Cabrio unterwegs sein würden? Seine Bemerkung ärgerte sie, denn sie hatte ihr noch etwas anderes verraten: Anscheinend wusste Dominic Moreau sehr genau, was der Fahrtwind eines Cabrios mit Frauenhaar anstellte. War es nur Aufmerksamkeit, oder hatte er ihr durch die Blume mitteilen wollen, wie umschwärmt er war?

Summer presste die Lippen aufeinander. Wenn er glaubte, er könnte sie damit beeindrucken, dann hatte er sich geschnitten. Schließlich erlebte sie so eine Situation nicht zum ersten Mal. Der Unterschied war lediglich, dass die Situation damals in eine Katastrophe geführt hatte, aus der Summer nur mit gebrochenem Herzen und leerem Geldbeutel wieder herausgekommen war. Genau das sollte ihr nicht noch einmal passieren.

„Ich habe kein Tuch dabei“, sagte sie zur Erklärung und griff nach ihrer Handtasche, vielleicht fand sich darin ja ein vergessenes Haargummi. Aber das war leider nicht der Fall, und sie ließ die Tasche wieder zuschnappen. „Es wird schon gehen“, sagte sie in einem unbeschwerten Tonfall, der zeigen sollte, dass sie die ganze Angelegenheit nicht so wichtig nahm.

„Ich fürchte nicht“, erwiderte Dominic, griff zu seiner Aktentasche und förderte eine kleine Schachtel zutage. „Hier. Das ist eine Krawatte, die ich mir gerade erst gekauft habe. Aber ich leihe Sie Ihnen gern.“

Sollte das ein Witz sein? Perplex starrte Summer ihn an. In seinen dunklen Augen lag ein schwer zu deutender Ausdruck. Amüsierte er sich hier schon wieder über sie?

„Ich meine es ernst. Tun Sie Ihren Haaren den Gefallen und binden Sie sie zum Pferdeschwanz“, sagte er. „Eine Krawatte kann es verschmerzen, wenn sie mehrfach verknotet wird.“ Er lächelte sie an und sah dabei leider wieder verdammt gut aus. Summer verzog den Mund und griff nach der Schachtel.

„Na gut. Dann müssen Sie aber einen Moment warten!“, erklärte sie und begann ihre Haare zu beiden Seiten in zwei kunstvolle Zöpfe zu flechten, die sie am Hinterkopf zu einem zusammenfasste, in den sie die Krawatte hineinflocht. Am Schluss band sie die beiden losen Enden der Krawatte zu einer Schleife.

„Wow“, sagte Dominic sichtlich beeindruckt und lenkte den silberfarbenen Lamborghini vom Parkplatz der Autovermietung. „Sie sollten was mit Haarstyling machen. Das sieht richtig gut aus.“

„Meine Raumkonzepte sehen auch ganz gut aus“, schnappte Summer zurück. „Wohin fahren wir jetzt eigentlich? Um ehrlich zu sein, würde ich mich gern etwas ausruhen. Zeit genug haben wir schließlich.“

Dominic wäre es lieber gewesen, Summer hätte mit dieser Frage noch ein bisschen gewartet. Nachdem es ihm schon im Flugzeug nicht gelungen war, sie mit seinem Charme zu beeindrucken, hätte er gern noch einen weiteren Versuch im Wagen gestartet. Aber nun war es zu spät.

„Ich muss Ihnen etwas gestehen“, antwortete er zerknirscht. „Es hat nicht geklappt mit einer Zimmerreservierung.“

„Wie bitte?“ Sie schaute ihn irritiert an.

„Es tut mir leid, aber gerade ist Hauptsaison, und die Zeit für die Reservierung war ausgesprochen kurz. Zwei Tage! So kurzfristig bekommen Sie jetzt nirgendwo mehr etwas Passables. Im Moment ist in Südfrankreich wirklich jede Dachkammer ausgebucht.“

„Das glaube ich nicht.“

Dominic zuckte mit den Schultern. „Es ist aber so. Sie können es ja selbst versuchen. Ich bin bereit, jeden Preis zu bezahlen, wie ich es Ihnen zugesichert habe. Aber nicht mal im Südosten von Marseille ist jetzt noch etwas zu bekommen. Und wenn wir auf der anderen Stadtseite etwas buchen würden, müssten wir uns jeden Morgen erst mal eine Stunde lang durch den dichten Verkehr quälen. Glauben Sie mir, das ist kein Vergnügen. Es wären von hier aus ohnehin noch anderthalb Stunden bis zum Anwesen. Die beste Alternative ist das sowieso nicht.“

Er bemerkte den entgeisterten Ausdruck auf Summers Gesicht.

„Wir können jetzt natürlich auf dem Weg noch einmal jedes Dorf nach einer Übernachtungsmöglichkeit abklappern“, fügte er hinzu, „aber ich prophezeie Ihnen, dass wir nichts finden werden. Die Zimmer sind überall schon seit Monaten vorreserviert. Ich wusste das auch nicht. Normalerweise kümmere ich mich um so etwas nicht.“

Er hörte sie tief einatmen.

„Ich hätte da ja einen Vorschlag …“, begann er vorsichtig, wurde aber sofort von ihr unterbrochen.

„Dann nehmen wir eben zwei ganz einfache Zimmer in der Gegend“, sagte sie ungehalten.

Inzwischen war es Nachmittag, das Licht wurde weicher. Die Fahrt führte an endlosen Feldern und baumbewachsenen Wiesenrainen vorbei. Summer sah entzückt aus dem Auto. Ein tief azurblauer Himmel, in dem vereinzelte weiße Wölkchen schwammen, spannte sich über die gesamte Landschaft, es duftete nach Sonne, Erde und würzigen Kräutern.

Summer fühlte, wie sie sich langsam entspannte. Mona hatte recht. Wenn sie schon das Glück hatte, in Frankreich arbeiten zu können, sollte sie die Situation auch genießen. Es gab tatsächlich Schlimmeres, als neben einem attraktiven Mann in einem Cabrio zu sitzen und sich über die nächsten fünf Tage keine allzu großen Gedanken machen zu müssen. Gesetzt den Fall, dass sie irgendwo noch eine annehmbare Unterkunft fanden.

Erneut näherten sie sich einem kleinen Ort.

„Fahren Sie bitte langsamer“, sagte sie, und Dominic verringerte das Tempo ohne Widerspruch, während auf seinem Gesicht wieder das leise Lächeln erschien. Als sie in das Dorf hineinfuhren, sah Summer sich suchend nach allen Seiten um.

„Da, ein Schild!“, rief sie. „Maison de … oh, ausgebucht!“ Sie seufzte und zuckte mit den Schultern. „Na ja, das nächste Mal klappt’s bestimmt.“

Sie fuhren an mehreren ähnlichen Schildern vorbei, die aber alle anzeigten, dass im Moment keine Zimmer mehr frei waren. Schließlich entdeckte sie ein Schild, auf dem der Hinweis fehlte.

„Dort!“, rief sie, „schauen Sie! Da können wir es probieren.“

Es war eine kleine auberge, ein kleiner Landgasthof, vor dem sie anhielten. Dominic schob sich die Sonnenbrille ins Haar, und Summer fühlte ein Kribbeln in sich aufsteigen. Dieser Mann sah wirklich unanständig gut aus. Um sich nichts anmerken zu lassen, öffnete sie rasch die Tür auf ihrer Seite und stieg aus.

Gemeinsam gingen sie zum Eingang, betraten das Haus und fanden sich in einem einfachen, im französischen Landhausstil eingerichteten Raum wieder. Auf der rechten Seite waren ein Tisch, ein Sofa und mehrere Sessel gruppiert, links befand sich ein Tresen aus Holz. Dahinter stand eine ältere Dame.

„Oh, Sie haben wirklich unverschämtes Glück!“, rief sie ihnen entgegen und strahlte über das ganze Gesicht. „Gerade haben mir langjährige Gäste telefonisch abgesagt, und da spazieren Sie herein!“

„Sie haben etwas frei?“, fragte Summer erfreut. „Tatsächlich?“

Oui, Madame! Drei Tage könnten Sie bleiben. Länger geht es leider nicht, ich bin vollkommen ausgebucht. Aber drei Tage sind ja auch schon etwas, nicht wahr?“ Der Gesichtsausdruck der Dame wechselte von Bedauern zurück zu einem freundlichen Lächeln. „So ein hübsches junges Paar wie Sie hätte ich nur ungern wieder weggeschickt.“

Summer spürte, wie ihre Wangen zu glühen begannen. Sie räusperte sich und sah Dominic auffordernd an, damit er den Sachverhalt klarstellte. Die Dame hatte sich derweil schon umgewandt und griff nach dem Schlüssel, der hinter ihr an einem Brett hing.

„Und Sie bekommen sogar mein schönstes Zimmer, ganz oben im Dachgeschoss. Mit einem wunderschönen Blick über die Landschaft, direkt vom Bett aus. Ein richtiges Liebesnest“, bemerkte sie und drehte sich wieder zu ihnen herum.

„Einen Moment bitte“, sagte Summer ernüchtert. „Habe ich das eben richtig verstanden?“

Auch Dominic hob fragend die Augenbrauen, während Summer ihn weiterhin anstarrte, und wandte sich an die freundliche Gasthofbesitzerin.

Excusez-moi, Madame, Sie haben nur ein Zimmer frei?“

„Ja, eins, und zwar mit extrabreitem Bett“, erwiderte sie liebenswürdig und zwinkerte ihm dabei zu.

„Das geht nicht!“, erklärte Summer kategorisch.

„Wir könnten natürlich auch ein Schwert zwischen uns legen“, bemerkte er trocken. „So wie Tristan und Isolde, als Tristan für seinen König auf Brautfahrt ging. Sie kennen die Geschichte?“

„Kommt überhaupt nicht infrage!“, zischte Summer. Was bildete sich dieser arrogante Kerl eigentlich ein? Dass sie zu guter Letzt nicht nur ein Zimmer, sondern auch noch das Bett mit ihm teilte? Nie und nimmer! Sie schnaubte empört.

Die nette Dame schaute erstaunt zwischen ihnen hin und her.

„Das geht leider tatsächlich nicht“, erklärte ihr Dominic mit Bedauern in der Stimme. „Mademoiselle Mitchell und ich sind lediglich auf Geschäftsreise.“

„Oh, ich verstehe“, erwiderte die Französin schnell. „Pardon, aber Sie beide sahen so entzückend aus, als Sie eben zur Tür hereinkamen, da habe ich tatsächlich gedacht …“

„Schon gut“, unterbrach Summer sie mit glühenden Wangen. „Das Missverständnis ist ja nun aufgeklärt.“ Sie wandte sich wieder an Dominic. „Tja, da heißt es wohl weitersuchen.“

Er zuckte mit den Schultern. Schweigend gingen sie nach draußen und stiegen in den Wagen. Dominic startete den Motor, ließ das Cabrio von dem kleinen Parkplatz rollen und fuhr zurück auf die Hauptstraße. Aber sämtliche Schilder, die sie passierten, zeigten an, dass die Zimmer in den betreffenden Häusern bereits vermietet waren. Schließlich fuhren sie wieder aus dem Dorf hinaus.

„Das war jetzt der letzte größere Ort“, sagte Dominic nach einigen Minuten, während er den Wagen immer noch ziemlich langsam rollen ließ. „Wenn Sie mich fragen, werden wir heute nichts mehr finden. Ich hätte da allerdings einen Vorschlag …“

Summer biss sich auf die Unterlippe. Sie wusste, was jetzt kommen würde: Dominic Moreau würde ihr vorschlagen, auf seinem Anwesen zu übernachten.

„In Ordnung“, sagte sie schließlich. „Aber Sie versprechen mir hoch und heilig, dass es dort mindestens zwei bewohnbare Zimmer gibt! Ich möchte nicht noch so eine Überraschung erleben.“

„Schade“, meinte er trocken. Dann sah er sie an, grinste und hob abwehrend die Hände. „Sie haben mein Wort. Es wird alles zu Ihrer Zufriedenheit sein. Nach dem Kauf habe ich ein paar Zimmer reinigen und herrichten lassen. Und ich verspreche Ihnen, Sie bekommen das schönste Zimmer im ganzen Haus.“

„Das will ich auch hoffen“, erwiderte Summer knapp. Obwohl Dominic ehrlich geklungen und sie mit seinen dunklen glänzenden Augen ernsthaft angesehen hatte, meinte sie, sowohl in seiner Stimme als auch in seinem Blick eine Spur von Schalk wahrgenommen zu haben. Konnte sie ihm wirklich trauen?

5. KAPITEL

Dominic hatte sogar noch untertrieben: Es gab nicht nur eins, sondern mehrere Zimmer im Haus, die in einem bewohnbaren Zustand waren. Summer sah sich überrascht um, als sie jetzt zum ersten Mal durch das hochherrschaftliche Anwesen gingen. Es war alt, ja, und auch ziemlich heruntergewohnt, der Leerstand war dem Haus definitiv nicht bekommen – aber dennoch war es das schönste Landgut, das Summer je gesehen hatte.

Trotz ihrer Neugier auf alle versteckten Winkel des Hauses verspürte sie langsam einen quälenden Hunger. Zum Glück hatte Dominic unterwegs daran gedacht, etwas Käse, Wein, Baguette, mediterranes Gemüse und andere Kleinigkeiten zu besorgen. Die Alternative wäre gewesen, irgendwo einzukehren. Aber Summer hatte sich so schnell wie möglich davon überzeugen wollen, dass es hier wirklich eine Übernachtungsmöglichkeit für sie gab.

Während sie sich in dem Zimmer im zweiten Stock einrichtete, das Dominic ihr zur Verfügung gestellt hatte, verschwand ihr Auftraggeber wieder nach unten, um das Essen vorzubereiten. Sie stellte ihren Rollkoffer neben das Bett, trat ans Fenster und zog die Vorhänge auseinander. Es staubte leicht, und sie musste husten. Diese fadenscheinigen Vorhänge würde sie als Erstes austauschen, wenn sie mit der Neueinrichtung des Hauses begann.

Wenn! Noch war ja gar nicht klar, ob sie den Auftrag überhaupt übernehmen würde, auch wenn sich Dominic auf dem ganzen Weg so verhalten hatte, als wäre das bereits beschlossene Sache. Gar nichts war sicher – im Gegenteil, sie musste sich gut überlegen, ob Summer Solutions hier wirklich tätig werden wollte. Irgendwie traute sie Dominic Moreau nicht über den Weg. Obwohl es wirklich schade gewesen wäre, sich diese Gelegenheit und einen so gut bezahlten Auftrag entgehen zu lassen.

Sie öffnete das Fenster. Noch hatte die Dämmerung nicht eingesetzt, die Luft war leicht und lau, aber der Tag kam schon langsam zur Ruhe. Die Schatten in dem alten verwilderten Garten waren lang geworden, obwohl es in der Wiese, die einmal ein gepflegter Rasen gewesen sein musste, immer noch summte und brummte. In der Mitte stand der Brunnen, den Summer schon von den Fotos kannte, mit der Statue eines jungen, schlanken Mädchens mit verträumtem Blick, das einen Korb mit steinernen Blumen in ihrem Arm hielt.

Unwillkürlich seufzte Summer. Die Familie Moreau hatte wirklich einen unverschämt guten Griff getan, als sie dieses Anwesen erworben hatte. Die gesamte Stimmung hier war geradezu paradiesisch, und mit der richtigen Einrichtung …

Es klopfte an ihrer Tür. „Summer, wie lange brauchen Sie ungefähr? Ich setze gleich das Essen an“, hörte sie Dominic von draußen fragen.

Wieder durchfuhr ein warmes Kribbeln ihren Körper. Bis jetzt hatte Dominic Moreau sie noch nicht beim Vornamen genannt. Es war lange her, dass sie ihren Namen überhaupt aus einem männlichen Mund gehört hatte, wenn man mal von dienstlichen Meetings absah. Die Art, wie er nach ihr gerufen hatte, berührte etwas tief in ihrem Innern. Seine Stimme hatte rau und ein bisschen geheimnisvoll geklungen. Summer überlegte kurz, widerstand dann aber der Versuchung, so zu tun, als hätte sie nichts gehört, sodass er sie noch einmal rufen müsste.

„Fünfzehn Minuten!“, rief sie und ging zurück zu ihrem Koffer, um Handtücher, Duschbad, Deo und Schminktäschchen herauszunehmen. Damit ging in das kleine Badezimmer, das dem Zimmer angeschlossen war. Darin befand sich neben einem kleinen Emaillewaschbecken eine gusseiserne geschwungene Badewanne auf Löwenfüßen mit einem separaten Duschkopf, die so stand, dass man durch das Fenster auf einen kleinen Balkon mit schmiedeeisernem Gitter und von diesem in den Garten sehen konnte. Summer schaute verzückt auf das Bild, das sich ihr hier bot. Wie romantisch! Sie öffnete das Fenster, sodass der wunderbare Sommerduft hereinziehen konnte, dann zog sie sich aus und stieg in die Wanne.

Die alten Wasserhähne quietschten, als sie sie aufdrehte. Die ersten Tropfen quollen zaghaft und ein wenig rostig aus dem Duschkopf, dann aber kam quellklares Wasser. Sie regelte die Temperatur, bis sie ihr angenehm war, streckte sich genüsslich und ließ den weichen warmen Strahl über ihren Körper fließen. Wenn sie die Augen dabei schloss, fühlte es sich fast an, als strichen sanfte Hände über ihr Dekolleté, die Brüste, die Hüften und den Bauch …

Dominic stand in der geräumigen Küche am Herd und kochte. Zum Glück hatte er unterwegs alle notwendigen Zutaten einkaufen können. Als er von London aus die Flugtickets gebucht hatte, war er ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass auch mit der Reservierung ihrer Hotelzimmer alles klappen würde. Die ganze Sache war ihm ziemlich peinlich, andererseits hatte sie aber auch ihr Gutes: Mit einer so attraktiven Frau wie Summer an einem Ort wie diesem allein zu sein, war definitiv kein Grund, Trübsal zu blasen.

Er lauschte nach oben. Es klang, als würde Wasser laufen. Anscheinend duschte Summer. Die Vorstellung, wie sie nackt in der Badewanne stand, erregte ihn, er fühlte, wie ihm heiß wurde. Im Flugzeug und während der Fahrt im Cabrio hatte er ausgiebig Zeit gehabt, sie zu betrachten. Ihr Dekolleté war definitiv einen zweiten und auch einen dritten Blick wert, und auf ihre sanft geschwungenen Hüften hätte er vorhin gern seine Hand gelegt, als sie nebeneinander vom Wagen zum Landgasthof gegangen waren.

Dominic zog scharf die Luft ein und versuchte, sich wieder auf das Gemüse zu konzentrieren. Es würde Ratatouille geben, ein klassisches provenzalisches Gericht, das er schon oft gekocht hatte. Die Zutaten lagen bereits geschnitten neben ihm, nun zündete er den Gasherd an. Zum Glück hatten die Vorbesitzer den Gastank im Keller halbvoll zurückgelassen. Die Elektrik hingegen funktionierte nur teilweise.

Als das Öl in der Pfanne brutzelte, gab er nacheinander Zwiebeln, Knoblauch, gehackte Tomaten, Auberginen- und Zucchiniwürfel sowie Paprikastreifen hinzu. Ein würziger Duft breitete sich in der Küche aus. Er hielt kurz inne und schnupperte. Der aufsteigende Dampf roch verführerisch. Dominic dünstete die Zutaten kurz an, gab dann einen Schuss Rotwein hinzu, drehte den Knopf auf mittlere Hitze und ging hinaus in den Garten, um frische Kräuter zu holen. Dass es dort alle Kräuter gab, die er brauchte, wusste er schon von der Erstbesichtigung des Hauses beim Kauf, denn da hatte er auch den weitläufigen Garten gründlich inspiziert. Außerdem war es undenkbar, dass Franzosen in ihren Gärten keine Küchenkräuter heranzogen.

Als er mit Rosmarin, Thymian, Oregano und Basilikum zurückkam, war das Geräusch des fließenden Wassers oben verstummt. Kurz kam ihm in den Sinn, dass sich Summer nun wahrscheinlich gerade in ein weiches Badetuch hüllte, und wieder fühlte er, wie sein Körper auf diese Vorstellung reagierte. Gut gelaunt hob er die Augenbrauen, während er das mitgebrachte Baguette in Scheiben schnitt, diese mit einer Marinade aus Öl, Knoblauch und feingehackten Kräutern beträufelte und sie in den Ofen schob.

Anschließend ging er hinüber in den angrenzenden Salon, in dem ein großer Tisch stand. In dem alten Buffetschrank befanden sich Teller und Weingläser, die er einer kurzen Sauberkeitsprüfung unterzog und dann zufrieden aufdeckte. Zum Schluss öffnete er noch die großen Flügeltüren, die direkt auf die Terrasse führten. Mittlerweile hatte die Dämmerung eingesetzt, die Luft draußen war mild und strömte wohltuend in den Salon.

Ein Geräusch ließ ihn aufblicken. Summer kam die Treppe herunter. Obwohl sie eine einfache Jeans und ein T-Shirt trug und die Haare lässig hochgesteckt hatte, hatte er den Eindruck, eine Königin würde die Treppe hinunterschreiten, so elegant wirkte sie. Der Ausschnitt des T-Shirts ließ ihre vollen Brüste ahnen, ihre Jeans saß hauteng über Po und Hüften. Dominic strich sich über die Arme und wollte ihr entgegengehen. Aber ihr unnahbarer Blick hielt ihn auf Distanz.

Okay, dann eben nicht. Dominics Augen verengten sich kämpferisch. Fünf Tage würden sie jetzt hier allein sein – fünf Tage, in denen sie nebeneinander arbeiten, miteinander essen und im selben Haus schlafen würden. Und bei Gott, er würde sie nutzen, diese Tage, das war völlig klar! Summer Mitchell war definitiv keine Frau, die man sich entgehen ließ.

Das Ratatouille schmeckte hervorragend. Genau die richtige Menge an würzigen Kräutern und Schärfe, dazu auf den Punkt gegartes frisches Gemüse und knusprige Baguettescheiben, die ebenfalls nach Öl und Kräutern dufteten. Summer glaubte, noch nie so gut gegessen zu haben. Dazu ein wohltemperierter Rotwein, der sicherlich nicht billig gewesen war.

Ein angenehmer Luftzug kam von der Terrasse durch die geöffneten Flügeltüren in den Raum und ließ die Kerzen in dem großen Kandelaber auf dem Tisch flackern. Wenn sie nicht beruflich hier gewesen wäre und ihr Gegenüber nicht ausgerechnet Dominic Moreau gewesen wäre, hätte Summer sich jetzt entspannt zurückgelehnt. Aber sie musste auf der Hut bleiben. Sicherlich führte er etwas im Schilde, auch wenn er ihr lässig gegenübersaß.

Als er nach der Weinflasche griff, um ihr nachzuschenken, hielt sie die Hand über ihr Glas. Erstaunt schaute er auf.

Summer schüttelte den Kopf. „Ich hätte lieber Wasser“, sagte sie bestimmt, denn sie erinnerte sich an ihren Vorsatz aus dem Flugzeug, unbedingt einen klaren Kopf zu behalten.

„Wie Sie wollen“, antwortete Dominic und stand auf, um eine Karaffe mit Wasser zu holen. Er stellte sie zusammen mit zwei neuen Gläsern auf den Tisch und schenkte ihnen ein.

„So, nun erzählen Sie mal“, sagte er, als er wieder saß, und lehnte sich zurück.

Sie sah ihn verständnislos an. „Was soll ich denn erzählen?“

„Etwas über sich. Was Sie außerhalb Ihrer Arbeit machen, wie Sie leben, ganz egal. Was Sie wollen.“

„Warum sollte ich?“, fragte sie, legte ihr Besteck beiseite und sah ihn herausfordernd an. Leider schaute er ebenso herausfordernd zurück, und ihr wurde sofort wieder heiß. Er hielt ihren Blick, während er nach seinem Weinglas griff.

„Nun ja, ich habe Ihnen im Flugzeug auch eine Menge über mich und meine Familie erzählt“, bemerkte er.

„Schon, aber diese Informationen brauche ich für meine Arbeit.“

„Für Ihre Arbeit also. Das heißt, Sie nehmen den Auftrag an?“, entgegnete Dominic. Er hob sein Glas und grinste.

Summer schluckte. „Das habe ich noch nicht entschieden“, sagte sie schnell, griff ihrerseits nach dem Wasserglas und nahm einen Schluck. „Ein bisschen mehr Zeit müssen Sie mir schon geben.“

„Sie haben alle Zeit der Welt“, entgegnete er mit einem charmanten Unterton in der Stimme. „Und gern auch mehr als fünf Tage. Aber das habe ich Ihnen ja auch schon gesagt.“ Er prostete ihr siegessicher zu und nahm einen Schluck Wein.

Arroganter Kerl! Summer fühlte, wie Röte in ihre Wangen kroch. Unwillkürlich musste sie wieder an Monas Worte denken. Sie solle sich auf Kosten von Mr. Supercool ein paar schöne Tage machen, hatte ihre Freundin gemeint. Doch Mona hatte ja keine Ahnung, wie unverschämt selbstbewusst Dominic Moreau war! Er war drauf und dran, Summer die Sinne zu verwirren. Allein, wie er sie nun schon wieder ansah: Seine dunklen Augen glänzten, ein leises Lächeln umspielte seinen Mund, sein Haar war leicht verstrubbelt. Er hatte sich umgezogen und trug ein stahlblaues Hemd, dessen obere zwei Knöpfe leger geöffnet waren, sowie schwarze Jeans.

„Ich frage mich“, sagte sie schnell, „warum Sie ausgerechnet meiner Agentur so ein Angebot gemacht haben. Wo ist da der Haken?“

„Es gibt keinen Haken“, erklärte er, während er den nächsten Schluck nahm.

„Aber wieso ausgerechnet Summer Solutions?“

„Ich habe mich einfach ein bisschen umgehört. Ein Kollege hat Sie mir empfohlen. Wieso? Fühlen Sie sich dem Auftrag nicht gewachsen? Dann hätten Sie mir das vorher sagen müssen.“

Sie zuckte zusammen. „Natürlich schaffe ich das, das ist überhaupt keine Frage.“ Hastig nahm sie einen weiteren Schluck Wasser. „Aber warum müssen Sie mit der gesamten Einrichtung unbedingt so schnell fertig sein? Mit dem ersten Eindruck kann man doch auch schon ziemlich etwas hermachen. Das gesamte Haus in acht Wochen …“

„Es muss aber bis dahin fertig werden.“ Mit einem Mal klang seine Stimme hart, fast ein bisschen schroff.

„Ist Ihr dreißigster Geburtstag wirklich so ein wichtiger Termin?“, fragte Summer mit leisem Spott in der Stimme, denn es tat gut, selbst mal die Oberhand zu gewinnen. Provozierend sah sie ihm dabei in die Augen.

„Es geht überhaupt nicht um meinen Geburtstag“, erwiderte Dominic unerwartet ernst und stellte sein Glas ab. „Und auch nicht um meinen Beziehungsstatus.“

„Nicht?“, fragte Summer überrascht. „Worum denn dann?“

Einen Augenblick zögerte er, dann schüttelte er den Kopf. „Familienangelegenheiten“, murmelte er vage.

„In Ordnung“, lenkte sie ein, denn sie hatte das Gefühl, an einen wunden Punkt gerührt zu haben. „Ich glaube, ich ziehe mich langsam zurück. Der Tag morgen wird lang, es wird eine Menge zu besichtigen und auszumessen sein. Übrigens bin ich Frühaufsteherin. Nur, damit Sie informiert sind.“

„Das passt gut, ich auch“, erwiderte er und stand auf. „Warten Sie, ich bringe Sie noch nach oben.“

Obwohl Summer protestierte, griff er sich den Kandelaber vom Tisch und stieg mit Summer die Treppe zum zweiten Stock hinauf, den sie ganz für sich allein hatte, denn Dominic hatte ein Zimmer in der ersten Etage bezogen.

„Da wären wir also“, sagte er, als sie oben angekommen waren, und stützte sich mit einer Hand in Summers Türrahmen ab, während er den Blick unverfroren über ihre Kurven wandern ließ. „Ich hoffe, das Bett ist angenehm und entspricht Ihren Vorstellungen. Ansonsten wären in meiner Etage auch noch Zimmer frei …“

„Schon verstanden. Nein, danke!“, erwiderte Summer und machte Anstalten, die Tür zu schließen, aber er rührte sich keinen Zentimeter. Im Versuch, ihn aus dem Türrahmen zu schieben, stemmte sie eine Hand gegen seine Brust, aber er wich nicht zurück. Unter dem dünnen Stoff seines Hemdes konnte Summer seine festen Brustmuskeln spüren, die Wärme seines Körpers und dazu den gleichmäßig starken Schlag seines Herzens. Sie erschauerte und schaute auf. Direkt in seine dunklen Augen, die vor Verlangen zu brennen schienen. Ein heißes sehnsüchtiges Ziehen schoss durch ihren Unterleib.

Im gleichen Moment gab er plötzlich nach und trat einen Schritt zurück.

„Schlafen Sie gut“, sagte er lächelnd und schaute ihr dabei herausfordernd in die Augen. „Sie wissen ja sicher: Was man in der ersten Nacht unter einem fremden Dach träumt, geht in Erfüllung. Also passen Sie auf, nicht, dass da irgendetwas schiefläuft in Ihren Träumen.“

Er grinste frech, drehte sich um und ging langsam die Treppe hinunter. Summer schloss die Tür hinter ihm, wandte sich um und schaute auf das Bett. Weiß und unberührt lag die Bettdecke da.

Summer schluckte. Die Hand, mit der sie Dominics Brust berührt hatte, pulsierte immer noch, es fühlte sich an, als wäre ein starker Strom hindurchgeflossen. Sie massierte die Stelle mit der anderen Hand. Heute Nacht würde sie zweifellos darauf achtgeben müssen, dass sie nichts Falsches träumte. Am besten, sie dachte vor dem Einschlafen einfach nur an ihre Arbeit …

Als sie die Augen wieder aufschlug, fiel weiches Licht auf ihre Bettdecke. Draußen strich ein leichter Wind durch die Bäume und ließ die Blätter rascheln. Vögel sangen. Das Gezwitscher drang süß durch das geöffnete Fenster und versetzte Summer für einen Augenblick zurück in ihre Kindheit.

Wie spät war es eigentlich? Sie griff nach ihrem Handy. Gott sei Dank, es war noch früh am Morgen. Die Erinnerung an gestern kam zurück: Sie war mit Mr. Supercool in Südfrankreich. Nach einer Odyssee durch alte Dörfer mit ausgebuchten Pensionen waren sie auf seinem Anwesen gelandet, wo sie fantastisch gegessen hatten, bevor er sie mit dem großen Kerzenleuchter in der Hand in ihr Zimmer gebracht hatte. In ihr Bett.

In dem sie ganz eindeutig wirre Träume gehabt hatte! Mit einem Ruck setzte sie sich auf. Seltsame, erregende Bilder geisterten durch ihren Kopf. Sie erinnerte sich undeutlich an eine alte geschwungene Emaillewanne auf Löwenfüßen, in der sie gelegen und statt des warmen Wassers sanfte Hände auf ihrem Körper gefühlt hatte, eine Zunge, die um ihre Brustwarze kreiste, einen sinnlich fordernden Mund auf ihren Lippen. Selbst jetzt summte noch jede Faser ihres Körpers in der Erinnerung an die elektrisierenden Berührungen. An den Wänden hatte der Widerschein von Hunderten Kerzen geflackert.

Summer schüttelte benommen den Kopf. Was für ein Unsinn! Entschlossen schlug sie die Bettdecke zurück, stand auf und ging ins Bad. Hier stand die Wanne, unschuldig, weiß glänzend. Summer zögerte einen Augenblick, dann drehte sie den Wasserhahn auf, um sich ein Bad einzulassen, das würde auch die letzten Erinnerungen an den verrückten Traum verscheuchen. Bei Tageslicht war das alte Gemäuer lediglich ein Haus wie viele andere, wenn auch ein besonders schönes. Das unter ihrer Expertise noch schöner werden würde, Dominic Moreau würde zufrieden sein!

Ob er schon auf war? Nun, das würde sie wohl oder übel gleich herausfinden. Sie brauchte dringend einen Kaffee, um auch die letzten Reste dieses verwirrenden Traums aus ihren Gedanken zu verscheuchen. Sie ließ das Wasser für ihr Bad weiterlaufen, zog sich rasch ihren Morgenmantel über und ging die Treppe herunter, die leise knarrte. Im Erdgeschoss war noch alles still. Aber die Tür zu Dominics Zimmer stand offen.

Der Raum wirkte seltsam leer, das Bett war gemacht, kein Gepäckstück war zu sehen. Irritiert lief Summer weiter den Korridor entlang. In dem Salon, in dem sie gestern gegessen hatten, war die große Tafel abgedeckt worden, das Geschirr befand sich an seinem Platz in dem alten Büfettschrank, der große Kandelaber stand auf dem Schrank. Eine einsame Pendeluhr tickte. Alles wirkte unberührt, nichts zeigte, dass sie hier gestern einen netten Abend verbracht hatten.

Die Flügeltüren zur Terrasse standen offen. Summer zog den Morgenmantel enger um sich und ging hinaus. Der Garten lag verwunschen, aber ebenso verlassen da. Verwundert drehte sie sich um. Das Cabrio war weg!

6. KAPITEL

Summer saß grübelnd auf ihrem Bett. Anderthalb Stunden waren vergangen, seit sie die Abwesenheit des Cabrios bemerkt hatte. Inzwischen hatte sie nicht nur gebadet, die Haare gewaschen und sich angezogen, sondern war auch eine Runde durch den Garten gegangen. Er war tatsächlich wunderschön, ein richtiger Ort zum Träumen. Hier konnte man bestimmt gut zur Ruhe kommen, wenn einem die Arbeit in einer geschäftigen Metropole zu viel wurde.

Aber was jetzt? Wo war Dominic?

In diesem Augenblick hupte es. Sie sprang auf und lief zum Fenster. Unten bog Dominic gerade mit kühnem Schwung auf den Hof ein, stoppte den Lamborghini unmittelbar vor der kniehohen steinernen Terrasse, sprang aus dem Wagen und schlug die Tür kraftvoll zu. Er griff mit beiden Händen auf den Beifahrersitz, hob zwei große vollgepackte Tüten hoch und balancierte sie auf seinen Armen zum Haus, während er nach oben blickte und Summer zuzwinkerte.

Hastig trat sie vom Fenster zurück. Hatte sie wirklich geglaubt, er hätte sie hier sitzenlassen? Er war einkaufen gewesen, natürlich, von irgendetwas mussten sie in den nächsten Tagen ja leben. Ein Gefühl der Erleichterung erfasste sie. Ungläubig schüttelte sie den Kopf, erstaunt über sich selbst. Seit wann ließ sie sich so schnell ins Bockshorn jagen?

Langsam ging sie nach unten und wurde herzlich von Dominic begrüßt, der gerade dabei war, den Frühstückstisch auf der Terrasse zu decken.

Autor

Melissa McClone
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Ally Evans

Ally Evans kam erst spät zum Schreiben. Als Fremdsprachenlehrerin und Bibliothekarin arbeitete sie zuvor in Berufen, die immer auch mit Sprache oder Büchern zu tun hatten. Heute geht sie zum Schreiben gern in Cafés, genießt dort eine heiße Schokolade und lässt sich für ihre...

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