Romana Extra Band 116

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DREI DATES MIT DEM PRINZEN von REGINA MARS
Nie wieder wird Lucy auf den charmanten und gut aussehenden Renaud hereinfallen! Den drei Dates mit dem Prinzen in der bezaubernden Altstadt von Cannes stimmt sie nur zu, um ihre Firma zu retten. Denn sie hat nicht vergessen, wie Renaud ihr einst das Herz gebrochen hat!

MEIN MILLIONÄR UND RETTER von ROSANNA BATTIGELLI
Ein knisterndes Kaminfeuer, ein faszinierender Mann ... Ronnie fühlt sich unwiderstehlich zu dem Fremden hingezogen, der sie aus dem Schneesturm gerettet und in seine viktorianische Villa mitgenommen hat. Doch so groß ihre Sehnsucht auch sein mag, sie muss Abstand halten …

DIE RÜCKKEHR DES GRIECHISCHEN TYCOONS von LYNNE GRAHAM
Wenn Billie in die Augen ihres kleinen Sohnes schaut, muss sie an Giorgios denken. Den griechischen Tycoon, der eine andere heiratete! Schluss, aus, vorbei – bis Giorgios überraschend vor ihrer Tür steht, so überwältigend wie damals. Und geschieden …

VON LIEBE WAR KEINE REDE von SHOMA NARAYANAN
Für Vikram ist die arrangierte Ehe mit Tara perfekt: keine Ansprüche, keine Gefühle. Die unerwartet romantischen Flitterwochen lassen ihn jedoch daran zweifeln, dass er die vereinbarten Regeln auf Dauer einhalten kann. Aber von Liebe war keine Rede …


  • Erscheinungstag 18.01.2022
  • Bandnummer 116
  • ISBN / Artikelnummer 0801220116
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Regina Mars, Rosanna Battigelli, Lynne Graham, Shoma Narayanan

ROMANA EXTRA BAND 116

REGINA MARS

Drei Dates mit dem Prinzen

Sie ist eine Goldgräberin! Das muss sich Prinz Renaud immer wieder sagen, während er romantische Stunden mit der hinreißenden Lucy verbringt. Aber ihr zu widerstehen, fällt ihm immer schwerer …

ROSANNA BATTIGELLI

Mein Millionär und Retter

Die Rolle als Retter gefällt Red. Genau wie die süße Ronnie, der er Unterschlupf gewährt. In ihrer gemeinsamen Nacht erfährt er alles über sie – auch etwas, das eine Beziehung mit ihr unmöglich macht …

LYNNE GRAHAM

Die Rückkehr des griechischen Tycoons

„Wir haben sie gefunden.“ Der Privatdetektiv war erfolgreich! Sofort steigt Giorgios in die Limousine. In ihm brennt der Wunsch, Billie zurückzuerobern. Die einzige Frau, die ihn jemals verlassen hat …

SHOMA NARAYANAN

Von Liebe war keine Rede

Nach den Flitterwochen wird Tara klar: Sie liebt ihren Mann! Das war so nie vereinbart. Deshalb sieht sie nur einen Ausweg: Sie muss Vikram verlassen, auch wenn es ihr das Herz bricht!

1. KAPITEL

„Lucy“, sagte Arlette. Ihre Stimme drang zitternd durchs Telefon. „Ich brauche deine Hilfe.“

Besorgt presste Lucy ihr Handy näher ans Ohr und setzte sich auf. Der Bürostuhl knarrte. Hinter ihr tippten ihre beiden Angestellten wild auf die Tastaturen ein. Der Geruch ihres Abendessens, einer Tütensuppe, hing immer noch im Raum. Draußen vor der hohen Scheibe des einzigen Fensters war es bereits dunkel. Doch das war kein großer Verlust – selbst tagsüber wirkte Birmingham grau, unfreundlich und kalt, keine Spur von mildem Maiwetter.

„Arlette?“ Alarmiert lauschte Lucy in ihr Handy. War das ein Schluchzen? „Arlette? Was ist los?“

„Also …“ Ihre beste Freundin atmete hörbar ein. „Das kann ich dir am Telefon nicht erzählen. Kannst du … kannst du herkommen? Renaud, Großmutter und ich sind gerade in Cannes, in der Villa. Ich bezahle dir ein Flugticket, und du könntest sofort losfliegen.“

„Nach Cannes?“, wiederholte Lucy langsam.

Es hätte sie weniger überraschen sollen, dass Arlette die Ferien mit ihrer Familie an der französischen Riviera verbrachte. Lucys beste Freundin war die Prinzessin von Carbonneau, einem kleinen Königreich an der Mittelmeerküste, das an Frankreich grenzte. Nach all den Jahren, die sie nun schon befreundet waren, schwirrte Lucy jedoch immer noch der Kopf, wenn sie darüber nachdachte, dass sie, Lucy Henderson, mit einer echten Prinzessin befreundet war.

Offenbar brauchte die nun wirklich dringend ihre Hilfe. Unglücklicherweise steckte Lucy selbst bis zum Hals in Schwierigkeiten. Schuldbewusst sah sie sich zu Theo und Henry um, ihren beiden Angestellten. Sie würde unverzüglich mit ihnen reden müssen.

„Hey“, sagte sie sanft in ihr Smartphone und lauschte. Das Schluchzen hatte sich beruhigt. „Arlette, was ist passiert?“

„Ich würde es dir so gern sagen.“ Ihre Freundin atmete geräuschvoll ein. „Aber erst vor Kurzem hat jemand Vaters Handy abgehört, und die Presse …“

Lucy hatte von dem Skandal gelesen. Kronprinz Jacques von Carbonneau hatte ein paar kompromittierende Worte über seine Mutter, die Königin, verloren und war dabei belauscht worden. Die Boulevardmagazine hatten sich regelrecht überschlagen – eine reißerische Schlagzeile hatte die nächste gejagt.

Es war nicht der erste Aufruhr, den Arlettes Vater verursacht hatte. Ihr Bruder Renaud war genauso schlimm, wenn nicht noch schlimmer. Sein attraktives Gesicht strahlte Lucy regelmäßig von den Titelseiten der Illustrierten an, und immer hatte er ein anderes Partygirl im Arm. Mist, hatte sie ihn gerade als attraktiv bezeichnet? Sie ärgerte sich, dass sie überhaupt an Renaud gedacht hatte.

„Das verstehe ich natürlich.“ Sie ballte die Hand zur Faust. Auf dem Laptopbildschirm vor ihr leuchtete ihr die schreckliche Mail entgegen, die gerade hereingekommen war. Schuldgefühle rumorten in ihrer Brust. „Ich … ich sehe, was ich tun kann, ja? Ich versuch’s. Ich will dir so gern helfen, nur weiß ich nicht, ob ich jetzt nach Cannes fliegen kann.“

Das Tippen hinter ihr verstummte. Theo und Henry lauschten. Kein Wunder, das Büro war so klein, dass man jedes Privatgespräch mithören konnte.

„Natürlich“, sagte Arlette. „Es wäre wunderbar, wenn es ginge. Ich weiß, dass es sehr viel verlangt ist, ich weiß nur nicht, mit wem ich … Ich kann mit niemandem so reden wie mit dir, Lucy.“ Ein winziges Räuspern, und dann klang sie so gut gelaunt, dass es nur gespielt sein konnte. „Aber mach dir keine Sorgen, eigentlich ist alles in Ordnung. Die Filmfestspiele waren ein Traum, und Renaud, Großmutter und ich haben eine wundervolle Zeit. Der Garten ist ein einziges Blütenmeer, und der neue Pool ist auch ganz fantastisch. Wie geht es bei dir voran?“

„Gut, gut“, log Lucy. Sie vermied es, auf den Bildschirm zu schauen. Arlette würde sich Sorgen um sie machen, wenn sie die Wahrheit erfuhr, und das wollte Lucy vermeiden. „Die App ist schon fast fertig. Nur noch ein paar kleine Anpassungen, dann kann Pedro der Panda den Kindern Mathe erklären.“

„Wie wunderbar.“ Sie hörte das Lächeln in Arlettes Stimme. „Ich finde es so toll, dass du das tust. Mit deiner Ausbildung hättest du jeden Job bekommen können, aber du hast es dir zur Aufgabe gemacht, Kindern zu helfen, die es in der Schule schwer haben. Du folgst deiner Bestimmung.“

Ja, geradewegs in den Abgrund, dachte Lucy. Und Theo und Henry ziehe ich gleich mit.

Sie zwang sich, zu lächeln und einen heiteren Ton anzuschlagen. „Danke. Ja, es läuft sehr gut. Wirklich sehr gut. Hör mal, ich muss leider weiterarbeiten. Aber ich komme zu dir, ganz bestimmt. Und dann reden wir.“

„Danke.“ Arlette klang so hoffnungsvoll, dass es Lucy das Herz zerriss. „Ich freue mich darauf, dich zu sehen. Und wenn es nicht geht, ist das gar kein Problem.“

Eine offensichtliche Lüge. Lucy kannte ihre Freundin schon viel zu lange, um ihr das abzunehmen.

Sie verabschiedete sich und holte tief Luft. Seufzte und bereitete sich innerlich auf ihr Geständnis vor. Ein letztes Mal sah sie aus dem Fenster auf das spärlich beleuchtete Backsteingebäude gegenüber. Dann schwang sie in ihrem Bürostuhl herum.

Wie erwartet sahen Theo und Henry sie gespannt an.

„Was war das mit Cannes?“, fragte Theo und zog eine Augenbraue hoch. „Lädst du uns zu einem Betriebsausflug ein?“

„Das wird super.“ Henry grinste. „Strand, blauer Himmel, weiße Jachten …“

„Schöne Männer“, warf Theo ein und zwinkerte seinem Freund zu.

„Was, reiche ich dir etwa nicht?“, fragte Henry mit gespielter Empörung und lachte dann. Die beiden waren seit dem Studium ein Paar. Dort hatte Lucy sie kennengelernt, und als sie ihr Start-up gegründet hatte und nach qualifizierten Mitarbeitern suchte, hatte sie sofort an die beiden gedacht. Sie waren weit mehr als ihre Angestellten. Sie waren ihre Freunde.

Und das machte es noch schwerer, ihnen zu sagen, was sie soeben erfahren hatte.

„Das war meine Freundin Arlette“, sagte Lucy. „Sie hat mich gebeten, nach Cannes zu fliegen, aber ich weiß nicht, worum es geht.“

„Dann flieg hin und finde es heraus“, sagte Theo. „Du bist doch eh total überarbeitet und brauchst Urlaub.“

„Ich kann nicht.“ Wieder ballte sie die Hände zu Fäusten und sah den beiden in die Augen. „Hört mal, ich muss mit euch reden. Wir haben ein Problem.“

Sofort wurden Theo und Henry ernst. „Ist es Seastar Publishing?“, fragte Theo mit sorgenvollem Blick.

Lucy nickte. Und hätte am liebsten losgeheult. „Ja. Sie haben mir gerade geschrieben. Sie ziehen ihr Angebot zurück.“

Sie sah die Enttäuschung in den Gesichtern der beiden. Die Angst. Seit Wochen arbeiteten sie ohne Gehalt für Lucy. Vertrauten darauf, dass sie ihnen alles auszahlen würde, sobald die Verträge mit Seastar unterzeichnet waren. Sobald das Geld da war.

Aber das Geld würde nicht kommen.

„Es tut mir so leid“, flüsterte sie und ließ die Schultern hängen. Sie fühlte sich wie eine elende Versagerin. „Ich mache es wieder gut, irgendwie. Wir finden einen anderen Publisher. Bestimmt. Ich meine, wir haben schon alle abgeklappert, und Seastar war der Einzige, der uns wollte, aber bestimmt gibt es noch eine Möglichkeit. Bestimmt.“ Sie wünschte wirklich, sie würde selbst daran glauben.

Theo und Henry glaubten ebenso wenig an ein Wunder, das spürte sie. Die beiden tauschten einen Blick.

„Hey.“ Theo rang sich ein Lächeln ab. „Das war nicht deine Schuld, Lucy. Immerhin hatten sie schon zugesagt, richtig?“

„Ich hätte mich nicht darauf verlassen sollen.“ Sie senkte den Blick. Ihre langen roten Locken fielen nach vorn über ihre Schultern und nahmen ihr die Sicht, aber ihr fehlte die Kraft, sie zurückzustreichen. „Seit Wochen arbeitet ihr schon ohne Bezahlung für mich.“

„Das machen wir freiwillig“, sagte Henry sanft. „Weil wir das Panda-Projekt lieben. Und weil wir dir vertrauen. Weißt du was? Ich finde, du solltest nach Cannes fliegen.“

„Was?“ Sie sah auf.

„Ja, vielleicht brauchst du den Urlaub“, bekräftigte Theo. „Leg dich ein paar Tage an den Strand, und dann fällt dir bestimmt was ein, wie du Pedro den Panda retten kannst. Dir fällt doch immer was ein.“

Sie starrte ihn an. Gerührt vom unerschütterlichen Vertrauen der beiden lächelte sie. „Verlasst euch lieber nicht darauf.“

„Lucy.“ Henry sah sie eindringlich an. „Wie lange arbeiten wir jetzt schon an der App? Drei Jahre? Seitdem hast du keinen Urlaub mehr gemacht.“

„Und kein Date gehabt“, ergänzte Theo.

„Gar nicht wahr.“ Lucy überlegte. „Na gut, es stimmt. Aber ich kann euch doch jetzt nicht im Stich lassen.“

„Wir kommen schon klar.“ Theo seufzte. „Es dauert noch mindestens zwei Monate, bis wir uns bei irgendeiner langweiligen Versicherung bewerben müssen.“

„Oder bei einem Waffenhändler.“ Henry verzog das Gesicht.

„Hab gehört, die Birminghamer Klärwerke suchen Informatiker“, sagte Theo trocken und grinste. „Lucy, du fliegst nach Cannes, klar? Deine Freundin braucht Hilfe, und du brauchst Urlaub. Und wir brauchen eine erholte Lucy, die uns aus diesem Schlamassel rettet.“

„Ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Wenn sie in die Zukunft blickte, sah sie nichts als dunkle Wolken am Horizont.

„Kein Wunder, du bist völlig erschöpft.“ Theo schüttelte den Kopf. „Wir hätten nie zulassen dürfen, dass du dich selbst so ausbeutest. Aber wenn ich eins weiß, dann, dass Lucy Henderson immer eine Lösung findet.“

„Wenn du das sagst.“ Sie lächelte schwach.

Am nächsten Tag stieg Lucy aus dem Flieger in die Sonne der Côte d’Azur. Schon auf der Landebahn wärmten die ersten Strahlen ihre Haut, und im Taxi drang der frische Duft der Meeresbrise durch das offene Fenster.

Lucy seufzte. Sie lehnte sich zurück und genoss das Gefühl des Windes in ihren offenen Haaren. Die Palmen, die am Wegesrand vorbeizogen, die imposanten Fassaden der Luxushotels, die lachenden Touristen, all das löste die Anspannung, die sie seit Monaten verspürte. Seltsam, dass sie gar nicht gemerkt hatte, wie verkrampft sie gewesen war.

Im nächsten Moment rief sie sich innerlich zur Ordnung. Sie war nicht im Urlaub, auch wenn Theo und Henry ihr dringend geraten hatten, einmal auszuspannen. Das konnte sie sich momentan wirklich nicht erlauben. Die Probleme, die in Birmingham auf sie warteten, hatten Priorität. Aber zunächst würde sie ihrer besten Freundin helfen. Arlette hatte am Telefon sogar geweint. Worum es also auch gehen mochte, es musste etwas wirklich Belastendes sein.

Doch trotz all der Dinge, die sie bedrückten, war es schwer, sich in dieser Umgebung nicht gut zu fühlen. Sie verließen die belebten Straßen und kurvten die Berge hinauf, wo das Feriendomizil der Königsfamilie von Carbonneau lag. Schwerer Blütenduft umwehte Lucy, sobald sie aus dem Taxi stieg.

Prachtvoll erhob sich das weiße Anwesen hinter dem schmiedeeisernen Gittertor. Der opulente Anblick der Villa ließ Lucy nervös werden, und sie zögerte, auf den Klingelknopf neben dem Tor zu drücken. Vor ihr lag ein Palast, umhüllt vom Duft des prächtigen Rosengartens. Das Wasser des Springbrunnes glitzerte und plätscherte im Sonnenschein. Alles war so anders als in Birmingham. Trotz ihrer langen Freundschaft mit Arlette hatte sie sich noch immer nicht an derlei Extravaganz gewöhnt. Jedes Mal fühlte Lucy sich wieder wie gelähmt angesichts der prunkvollen Häuser und Hotels, in denen Arlette residierte. Ihre Freundin lebte in einer Welt, die ihr fremd war. In die sie nicht gehörte und niemals gehören würde.

Endlich fasste sie sich ein Herz und klingelte. Kurz darauf schwangen die massiven Tore auf, und Lucy folgte den weißen Steinplatten, die zur Villa führten. Irgendwo in diesem Palast war ihre beste Freundin und brauchte ihre Hilfe.

Leider war es nicht Arlette, die ihr die Haustür öffnete. Es war auch keiner der zahlreichen Angestellten, die garantiert durch die Villa schwirrten.

Es war der Mann, den sie am wenigsten von allen sehen wollte.

„Lucy Henderson. Wie schön, dass du hier bist“, sagte Renaud. Sein Tonfall war frostiger als jeder Gletscher. Seine große, muskulöse Statur wirkte angespannt, seine Miene grimmig. Er verharrte in einschüchternder Haltung im Türrahmen, als wollte er ihr den Weg versperren. Ja, Renaud von Carbonneau besaß die Aura eines römischen Gladiators. Dabei trug er einen maßgeschneiderten Anzug. Seine schwarzen Haare waren locker zurückgekämmt und lagen perfekter als in jeder Shampoo-Werbung.

Erst letzte Woche hatte sie ihn wieder auf dem Cover einer Klatschzeitung gesehen. „Partyprinz Renaud: Der begehrteste Junggeselle der Welt“. Natürlich hatte er eine strahlende Blondine im Arm gehalten.

„Renaud.“ Sie zwang sich zu lächeln. „Ich freue mich, dich zu sehen.“

Lucy packte den Riemen ihres alten Rucksacks fester und atmete tief ein. Blumige Düfte drangen in ihre Nase. Hier blühte Lavendel zwischen weißem Oleander und erfüllte die Luft mit seinem unverkennbaren Aroma. Wäre sie nicht so besorgt um Arlette gewesen, hätte die Schönheit um sie herum sie in Entzücken versetzt.

„Bleibst du lange?“ Der Prinz machte keine Anstalten, aus dem Weg zu gehen und sie hereinzulassen.

„Hat Arlette dir nicht Bescheid gesagt?“, fragte sie. „Keine Sorge, ich besuche euch höchstens für eine Woche.“

Renaud schwieg und fixierte sie mit dem eisigen Blick seiner grünblauen Augen.

Trotzdem strömte Hitze durch Lucys Körper, als er sie von oben bis unten betrachtete, als könnte er direkt in ihr Innerstes sehen. Hoffentlich konnte er das nicht.

Sie hatte sich so oft geschworen, nicht mehr auf ihn zu reagieren, doch es war unmöglich. Unvorstellbar, diesen Mann nicht attraktiv zu finden, egal, wie arrogant und unausstehlich er war. Dafür waren seine perfekten Schultern zu breit, sein schönes Gesicht zu ebenmäßig, seine wohlgeformten Lippen zu voll. Der spöttische Zug um seinen Mund erzeugte ein Kribbeln in ihrem Magen, und seine männliche Ausstrahlung entfachte in ihr den Wunsch, die Distanz zu überwinden, sich an seine Brust zu werfen. Wie lächerlich! Sie verschränkte die Arme, um den Impuls zu unterdrücken.

„Lässt du mich hinein?“

Er zog eine Augenbraue hoch und schaffte es, noch arroganter auszusehen. Und leider auch noch begehrenswerter. Immerhin trat er endlich zur Seite und deutete mit einer spöttischen Geste ins Innere der Villa.

„Tritt ein, ma belle.“

Meine Schöne. Ein Kribbeln überlief Lucy, als sie seine tiefe Stimme hörte. Flink quetschte sie sich an ihm vorbei. Fast hatte sie es geschafft, da legte er eine Hand auf ihre nackte Schulter.

„Nicht so schnell.“

Renaud ärgerte sich über sich selbst. Er wusste, dass Lucy eine falsche Schlange war, und doch konnte er nicht anders, als sie zu bewundern. Zumindest äußerlich. Die freche Stupsnase, den herzförmigen Mund, der zum Küssen geschaffen schien, das Haar, das ihr wild über die Schultern fiel und im Sonnenlicht glänzte wie Kupfer.

Wie alle Engländerinnen hatte sie keinen Geschmack und trug ein formloses Shirt über uralten Jeansshorts. Die allerdings den Blick auf ihre schlanken Beine freigaben. Leider hastete sie so schnell an ihm vorbei, dass er nicht erkennen konnte, ob sich auf ihren Oberschenkeln ebenso viele Sommersprossen tummelten wie auf ihren Wangen.

Er legte eine Hand auf ihre Schulter. Die Wärme ihrer Haut drang in seine Handflächen.

„Nicht so schnell“, sagte er. „Wir haben noch etwas zu besprechen, nicht wahr?“

„Wir?“ Ihr Unverständnis war perfekt gespielt, das verwirrte Blinzeln zuckersüß. Eine begnadete Schauspielerin. „Ich wüsste nicht, was.“

„Sicher?“ Er sah auf sie hinab, was nicht schwer war. Sie reichte ihm nur bis zum Schlüsselbein. „Erzähl mir von deiner Firma, Lucy. Arlette meinte, es läuft sehr gut. Stimmt das?“

„Natürlich stimmt das.“ Sie schob seine Hand von ihrer Schulter.

„Tatsächlich?“ Er lächelte. „Machst du dir gar keine Sorgen, weil Seastar abgesprungen ist?“

Sie erblasste. Selbst das wirkte entzückend. Ihr Blick flackerte, doch dann ballte sie die Fäuste, reckte das Kinn und senkte ihre Stimme zu einem Flüstern.

„Woher weißt du das?“, fragte sie. „Das ist erst gestern passiert. Ich habe nicht einmal Arlette davon erzählt.“

„Warum bist du hier?“ Er trat einen Schritt näher und erwartete, dass sie zurückweichen würde. Er sah bedrohlich genug aus, das wusste er.

Doch sie stemmte die Hacken in den Marmorboden und richtete sich noch weiter auf. Ihr Duft stieg ihm in die Nase. Kein Parfüm, nur ein Hauch von wildem Honig, vermutlich ihr Shampoo. Und etwas anderes. Etwas, das süßer war als Blütennektar und frischer als die Brise, die morgens vom Meer heraufzog.

„Was denkst du, warum ich hier bin?“ Sie legte den Kopf schief.

„Um meine Schwester um Geld zu bitten. Es kann kein Zufall sein, dass du gerade jetzt hier auftauchst. Jetzt, da du deine Angestellten nicht mehr bezahlen kannst. Du brauchst Geld. Und Arlette hat mehr Geld, als du dir vorstellen kannst, Lucy Henderson.“

Wut verzerrte ihr Gesicht. „Ich bin hier, weil Arlette … weil Arlette mich eingeladen hat!“

Dieses Zögern entlarvte sie. Es sagte ihm alles, was er wissen musste. „Sicher.“

Lucy sah aus, als wollte sie ihm ins Gesicht springen. „So ist es. Woher weißt du überhaupt von Seastar?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe Erkundigungen eingeholt.“

„Bei wem?“

„Bei Leuten, die Informationen beschaffen können. Als Arlette gestern Abend deinen Besuch ankündigte, wurde ich gleich misstrauisch. Und mein Misstrauen hat sich ja nur allzu schnell bestätigt.“ Zufrieden sah er auf sie hinab. Sie reagierte wie erwartet, nämlich wie ein Feuerwerkskörper mit einer viel zu kurzen Zündschnur. Wut flammte in ihrem Gesicht auf.

„Du hast mir nachspioniert?“ Mit glühendem Blick bohrte sie ihren Zeigefinger in seine Brustmuskeln. „Wie kannst du es wagen? Lass dir eins gesagt sein, Renaud: Ich bin nur hier, um deine Schwester zu besuchen. Und du hältst dich gefälligst aus meinen Angelegenheiten heraus.“

„Das kann ich nicht. Deine Angelegenheiten sind auch meine, wenn es um meine Schwester geht.“ Er beugte sich zu ihr hinunter, so dicht, dass es aussehen musste, als wollte er sie küssen. Was er nicht wollte. Natürlich nicht. „Wenn ich mitbekomme, dass du meine Schwester um Geld anbettelst, sitzt du schneller im Flieger zurück nach England, als du dir vorstellen kannst.“

Sie wirkte hin- und hergerissen, vermutlich zwischen der Wut darüber, dass er ihren Plan durchschaut hatte, und dem Entsetzen darüber, dass sie hier nicht an Geld kommen würde. Schließlich trat sie einen Schritt zurück und strich ihre Haare über die Schultern zurück.

„Glaub doch, was du willst“, sagte sie. „Ich werde dich ohnehin nicht vom Gegenteil überzeugen können. Du misstraust mir, seit ich mich damals im Internat mit Arlette angefreundet habe.“

Sie lag fast richtig. Renaud misstraute ihr, seit Arlettes Freundinnen ihn vor ihr gewarnt hatten. Vor Lucy Henderson, dem mittellosen Mädchen, das sich an die Prinzessin von Carbonneau herangemacht hatte, um sich den sozialen Aufstieg zu erschummeln. Seine Schwester war viel zu lieb und gütig, um eine falsche Schlange wie Lucy zu erkennen. Gut, dass Arlette einen Bruder hatte, der sich um sie kümmerte. Und das würde er. Lucy Henderson würde von seiner Schwester keinen einzigen Cent bekommen.

„Schön, dass wir das geklärt haben.“ Er lächelte sein unfreundlichstes Lächeln. „Dann bringe ich dich zu Arlette.“

Lucy wirkte alles andere als glücklich darüber, aber sie hatte keine Wahl. Schließlich wusste sie nicht, wo ihre beste Freundin war, und überhaupt kannte sie sich in der Villa nicht aus. Sie war nur einmal hier gewesen, vor vielen Jahren.

Es kostete Lucy alle Mühe, ihr Temperament zu zügeln. Ihr Herz klopfte wie wild, als sie neben diesem arroganten Kerl durch die Flure der Villa ging. Ihre uralten Flip-Flops machten schlappende Geräusche auf dem glänzenden Marmor, die von den hohen Wänden widerhallten. Impressionistische Gemälde säumten ihren Weg, vergoldet vom Sonnenlicht, das durch die Fenster hereinfiel. Hier drinnen war es deutlich kühler, und sie hätte sich gern über die Arme gerieben, um die Gänsehaut zu vertreiben. Aber vor Renaud wollte sie keine Schwäche zeigen.

Sie hörte Arlettes Stimme, bevor sie ihre Freundin sah. Das Plätschern des Pools und der leichte Chlorgeruch drangen ihr entgegen, als Renaud sie zurück ins Sonnenlicht geleitete. Der Innenhof der Villa war einfach wunderschön. Ein riesiges Schwimmbecken wurde gesäumt von einer Vielzahl hüfthoher Terrakottatöpfe, aus denen die unterschiedlichsten Pflanzen quollen. Von den Balkonen im ersten Stock konnte man ebenfalls herunterschauen, ja man konnte sogar in den Pool herunterspringen. Bei ihrem letzten Besuch hatte Lucy das ausprobiert, im jugendlichen Leichtsinn. Nun, mit ihren sechsundzwanzig Jahren, wäre ihr so etwas natürlich nie eingefallen.

Auch Arlette war älter geworden, und noch schöner. Als Teenager hatte sie etwas von einem Mäuschen gehabt, sich stets kleiner gemacht, als sie war. Nun war sie so erblüht wie die Lilien in den unzähligen Töpfen. Die Beine elegant angezogen, die schwarzen Haare zu einem schlichten Zopf geflochten, saß sie auf einem der Holzliegestühle am Pool. Ihr knielanges Sommerkleid war leicht, weiß, und hatte vermutlich mehr gekostet als Lucys Flugticket hierher. Dabei hatte Arlette ihr einen Sitz in der ersten Klasse gebucht, egal, wie sehr Lucy dagegen protestiert hatte.

Neben Arlette, dunkler gekleidet und deutlich steifer, saß die Königin von Carbonneau. Wie immer verkrampfte Lucy innerlich, wenn sie Arlettes Großmutter begegnete. Sie erinnerte sich daran, wie die alte Dame sie angesehen hatte, damals, nach dem Sprung in den Pool. Sie hatte nicht einmal etwas sagen müssen, um Lucy schwören zu lassen, dass sie das nie wieder tun würde.

Ja, Marie Christelle Königin von Carbonneau war eine beeindruckende Erscheinung. Trotz ihres Alters von vierundachtzig Jahren war ihre Haltung aufrecht. Nur der Gehstock mit dem goldenen Kopf, der an ihrem Liegestuhl lehnte, deutete darauf hin, dass sie ein wenig gebrechlicher geworden war.

„Lucy!“ Arlette strahlte. „Wie schön, dass du da bist.“ Sie erhob sich, rannte auf Lucy zu und umarmte sie.

Lucy schlang die Arme um ihre Freundin. „Arlette.“ Sie lächelte. Es tat gut, sie wiederzusehen. „Ich freue mich. Es ist so schön hier. Kein Wunder, dass ihr jedes Jahr hier Urlaub macht.“

„Danke“, flüsterte Arlette ihr ins Ohr, bevor sie sich voneinander lösten. „Du weißt, dass du immer willkommen bist. Du könntest jedes Jahr hier den Sommer verbringen.“

„Ich weiß.“ Nur würde sie das auf keinen Fall tun. Nicht, solange Renaud dabei war.

„Großmutter.“ Arlette wandte sich um. „Du kennst meine Freundin Lucy noch, nicht wahr?“

„Eure Majestät.“ Lucy machte einen Knicks, der etwas steif geriet. Die Königin von Carbonneau sah sie an, und ihre hellen Augen waren so durchdringend wie die ihres Enkels. Die Frau hatte etwas, das Lucy jedes Mal einschüchterte.

„Bitte, bleibt sitzen“, sagte Lucy, als die Königin Anstalten machte, sich zu erheben. „Danke, dass ich in Eurer Villa wohnen kann, solange ich hier bin. Es ist ein Traum. Ehrlich gesagt, habe ich seit Jahren keinen Urlaub mehr gemacht und bin etwas überwältigt.“ Dann erinnerte sie sich an ihre Manieren. „Wie geht es Euch?“

„Ausgezeichnet.“ Die Königin lächelte und erhob sich trotzdem. „Ausgezeichnet“ war wohl etwas übertrieben, denn sie stützte sich schwer auf ihren Gehstock. „Schön, dass Sie hier sind, meine Liebe. Arlette erzählt so viel von Ihnen. Sie hat mir gerade berichtet, dass Sie sich ganz alleine eine Firma aufgebaut haben und dass Sie sehr erfolgreich damit sind.“

Lucy vermied es, in Renauds Richtung zu blicken. Sie zögerte. „Es eine sehr kleine Firma. Mein Team besteht nur aus meinen beiden Angestellten und mir.“

„Trotzdem, das ist beeindruckend.“ Die Königin lächelte, und die Fältchen um ihre Augen vertieften sich. „Die meisten Frauen in unseren Kreisen sind damit zufrieden, ihr Vermögen zu erhalten und die Zinsen zu verprassen. Oder ihre Ambitionen beschränken sich darauf, sich einen noch reicheren Ehemann zu angeln.“

Lucy wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Aber Arlette kam ihr zu Hilfe. „Großmutter, Renaud, bitte entschuldigt uns. Ich muss Lucy auf der Stelle die ganze Villa zeigen.“ Tadelnd sah sie ihre beste Freundin an. „Es ist so lange her, dass du hier warst. Ich wette, du weißt nicht einmal mehr, wie man in den Garten gelangt.“

„Und ich wette, ich finde ihn doch noch.“ Lucy lächelte. „Ich werde einfach dem Lavendelduft folgen.“

„Dann lass uns gehen.“ Arlette winkte einem Bediensteten, der aus den Schatten trat und ihr freundlich zunickte. „Pierre, bitte bringen Sie Lucys Gepäck auf ihr Zimmer. Oder möchtest du dich erst frisch machen?“

Lucy schüttelte den Kopf. „Nein, bring mich zum Garten.“

Sie ahnte, dass Arlette ihre Neuigkeiten so schnell wie möglich loswerden wollte. Das Lächeln ihrer Freundin hätte jeden getäuscht, so hell strahlte es. Aber nicht Lucy. Sie sah die Angst in Arlettes Augen, bemerkte die leichte Unsicherheit in ihren Gesten. Was war geschehen?

2. KAPITEL

Arlette führte sie durch einen bogenförmigen Gang, dessen Kühle sich angenehm auf Lucys verschwitzte Haut legte. Durch die offenen Türen sah Lucy die lichtdurchflutete Bibliothek und einen der Salons, in denen die Königsfamilie stets zu Abend aß. Damals, bei ihrem ersten und einzigen Besuch hatte es sie zutiefst beeindruckt, dass die Familie jede Mahlzeit in einem anderen Raum einnahm. Dabei hätte es sie nicht wundern sollen. Unter ihren Mitschülerinnen im Internat waren viele reiche Töchter gewesen, Adelige und sogar die Tochter des drittreichsten Mannes der Welt. Aber nur eine Prinzessin: Arlette.

Damals hatte es sich angefühlt, als wäre Lucy in eine vollkommen neue Welt gefallen. Eine Welt der Märchen, aus einer der Geschichten, die ihre Mutter ihr früher immer zum Einschlafen vorgelesen hatte. Damals, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Lange vor dem schrecklichen Unfall, der Lucy zum Waisenkind gemacht hatte.

Auch zwanzig Jahre später wurde Lucys Herz noch schwer vor Trauer, wenn sie an ihre Mutter dachte. Ihre Eltern hatten nicht viel besessen, aber sie hatten ihre einzige Tochter so sehr geliebt, dass sie diese Liebe immer noch fühlte. Sie war überzeugt, dass es das gewesen war, was ihr die Stärke gegeben hatte, sich nicht aufzugeben.

Ja, sie hatte sogar so hart gearbeitet, dass sie schließlich ein Stipendium bekommen hatte, für eines der besten Internate in der Schweiz. Das Internat, in dem sie Arlette zum ersten Mal begegnet war.

Gib nie auf, dachte Lucy. Sie konnte sich nicht genau daran erinnern, aber sie glaubte, dass ihr Vater ihr diese Worte gesagt hatte.

Gib nie auf.

Die Tür zum Garten stand offen, und schon im Flur roch Lucy den Lavendel. Als sie in den warmen Sonnenschein trat, musste sie blinzeln. Überwältigt blieb sie stehen.

„Ich hatte es ganz vergessen“, flüsterte sie. „Das ist kein Garten. Das ist ein Park.“

Lavendelbeete erstreckten sich in geschwungenen Reihen unter dem strahlend blauen Himmel, in allen Schattierungen von Lila. Zwischen ihnen leuchteten weiße Kieswege. Erst die hohen Olivenbäume am hinteren Rand des Grundstücks begrenzten die Farbenpracht. Der süße, charakteristische Duft vernebelte Lucys Sinne. Verträumt betrachtete sie den Springbrunnen in der Mitte, um dessen flaches Becken sie damals mit Arlette herumgelaufen war.

Das Wappen der Königsfamilie, der geflügelte Löwe, war überall zu entdecken. Selbst die Beete waren so angelegt, dass sie fliegende Raubtiere bildeten. Und natürlich prangte das Wappen auch im weißen Stein des Pavillons, der hinter dem Springbrunnen aufragte.

Dorthin führte Arlette sie, mit leichtem Schritt, die Augen voll Furcht.

„Setz dich“, bat sie Lucy und glitt auf die Bank in der Mitte des Pavillons. „Hier ist es angenehmer als in der prallen Sonne. Und sieh nur, Renaud hat veranlasst, dass der Springbrunnen restauriert wird. Vater hatte ihn beinahe zerfallen lassen, aber dank meines lieben Bruders ist er wieder so schön wie früher.“

„Wie nett von ihm“, zwang sich Lucy zu sagen. Sie setzte sich neben Arlette und nahm die Hand ihrer Freundin. „Aber jetzt rede endlich. Was ist los? Warum sollte ich herkommen?“

Das Lächeln wich aus Arlettes Gesicht und enthüllte die Trauer dahinter. Nicht nur Trauer, vielmehr Verzweiflung. Tränen schimmerten in Arlettes Augen. „Oh Lucy. Du bist immer noch wie früher. Immer geradeheraus. Genau deshalb habe ich mir so sehr gewünscht, dass du herkommst. Dass ich es mit dir besprechen kann. Ich weiß nicht, mit wem ich sonst reden soll. Renaud weiß es, aber nicht, weil ich es ihm gesagt habe. Er hat geahnt, dass etwas nicht stimmt, und mich zur Rede gestellt. Aber er kann schweigen.“ Sie schloss die Augen und löste die Hand aus Lucys Griff. Tränen glänzten in ihren Wimpern. „Lucy, ich bin schwanger.“

Das laute Plätschern des Springbrunnens übertönte Arlettes leise Worte beinahe. Lucy richtete sich auf. „Was? Das ist doch wunderbar! Ich wusste nicht einmal, dass du einen Freund hast.“ Sie zögerte. „Hast du einen?“

Ihre Freundin sah sie nicht an. Die Hände fest im Schoß ineinander verschlungen, blickte sie in das glitzernde Wasser vor ihnen. Sie öffnete den Mund, schüttelte dann aber den Kopf.

„Oder vielleicht doch“, flüsterte sie. „Ich weiß es nicht. Es ist so kompliziert. Ich meine … Ich weiß es einfach nicht.“

Lucy legte eine Hand auf Arlettes Schulter. „Das klingt wirklich kompliziert, aber du wirst bestimmt eine wunderbare Mutter. Erzähl mir doch, was passiert ist.“

„Danke.“ Arlette sah sie an. „Ich weiß einfach nicht, wo ich anfangen soll. Was ich tun soll. Es ist so schön und gleichzeitig …“

„Fang doch mit dem Vater an. Wer ist er? Kenne ich ihn?“

„Nein, das ist schon das erste Problem. Wir sind nicht einmal ein Paar. Zumindest haben wir nie darüber gesprochen.“ Arlette holte tief Luft. „Es ist unser Stallmeister. Javier Cristello. Er arbeitet erst seit einem Jahr für uns, aber er ist jetzt schon der beste, den wir je hatten. Du solltest ihn sehen. Er ist ein Bär, fast zwei Meter groß und bärtig wie ein Holzfäller. Und eine Stimme hat er. Lauter als eine Gerölllawine.“ Unwillkürlich lächelte Arlette. „Ja, eigentlich ist alles an ihm bärig. Aber wie er mit den Pferden umgeht! Wie vorsichtig er sein kann mit diesen riesigen Händen.“ Sie errötete, und Lucy seufzte innerlich. Eins war klar: Arlette war verliebt wie ein Teenager.

„Das klingt doch toll. Ist er ein guter Kerl, dein Javier?“

„Er ist nicht mein Javier.“ Arlette errötete noch tiefer. „Zumindest glaube ich das. Ich konnte ihn noch nicht fragen, wie er fühlt. Es war keine Zeit. Du wirst lachen, wenn du es hörst, aber es ging so schnell. Erst vor zwei Monaten haben wir uns zum ersten Mal geküsst, und nun bin ich …“ Sie brach ab.

„Ihr müsst ein bisschen mehr gemacht haben, als euch zu küssen, wenn du schwanger bist.“

Arlette nickte. Röte überzog ihre Wangen. „Es ist einfach passiert. Wir haben … wir haben die Nacht im Stall verbracht. Carole, eine meiner Stuten, hat ihr erstes Fohlen bekommen, und wir wussten nicht, ob die Geburt gut verläuft. Aber das ist sie. Das Fohlen kam um ein Uhr morgens, und er hat sich so gut um sie gekümmert. So lieb. Als alles vorbei war und er sich die Hände gewaschen hat, habe ich erst gemerkt, dass er nervös war. Seine Finger waren eiskalt, als ich sie berührt habe. Und dann“, Arlette räusperte sich, „passierte alles ganz schnell. Plötzlich lag ich in seinen Armen. Wir haben das nicht geplant. Ich, also, ich fand ihn immer attraktiv, aber ich wusste nicht, dass es ihm auch so geht. Also, mit mir.“ Sie zögerte. „An Verhütung habe ich natürlich nicht gedacht. Danach konnte ich ihm nicht mehr in die Augen sehen, und schon am nächsten Tag sind wir hierhergereist.“

„Mach dir keine Vorwürfe, Arlette. Manchmal verliebt man sich einfach Hals über Kopf und alles geht so schnell, dass einem schwindlig wird. Wenn dein Javier nur einen Funken Verstand hat, wird er zu dir stehen. Er wird sich vor Glück nicht mehr einkriegen, dass so eine tolle Frau ihn liebt.“

„Wer redet denn von Liebe?“ Arlettes Wangen färbten sich tiefrot.

„Dein Gesicht redet von Liebe.“

Arlette gab ihr einen Schubs mit der Schulter und kicherte. „Gar nicht. Ich …“ Sie seufzte. „Ich war nicht darauf vorbereitet, dass so etwas geschieht. Ich bin die Prinzessin von Carbonneau. Du weißt, wie es ist. Mein Leben lang habe ich die richtigen Entscheidungen getroffen, war auf der richtigen Schule, habe die richtigen Umgangsformen gelernt, mich angemessen gekleidet, mich in den besten Kreisen bewegt, mich von den reichsten Junggesellen des Hochadels umwerben lassen, und jetzt das. Ein Stallmeister.“

„Der dich anscheinend sehr glücklich macht.“ Wärme flutete Lucys Herz. Selbst wenn Arlette es nicht wusste – sie leuchtete. Von innen wie von außen. Wer immer dieser Javier war, er tat ihr gut.

„Ich wusste, dass du es verstehst.“ Arlette nahm Lucys Hand. „Ich wusste, dass du mir hilfst, in Ruhe über alles nachzudenken. Bitte entschuldige, dass ich dich überredet habe, herzukommen. Ich war zu verwirrt, aber nun sehe ich etwas klarer.“ Ihre Augen strahlten. „Ich liebe Javier, ja wirklich. Und ich liebe mein Baby. Halt mich für verrückt, aber ich spüre es. Es … es fühlt sich an, als würde …“, sie lachte, „als würde ich das schönste Geheimnis der Welt in mir tragen.“ Ihr Strahlen erlosch. „Aber es ist kompliziert.“

„Ja, das kann ich mir vorstellen“, sagte Lucy. „Deine Familie wird nicht begeistert sein, richtig?“

Arlette nickte. „Und die Presse wird sich darauf stürzen. Unser Ruf steht auf dem Spiel … egal, was ich tue. Wenn ich einen nichtstandesgemäßen Stallmeister heirate, der ganz und gar wundervoll ist. Oder wenn die Prinzessin von Carbonneau zur alleinerziehenden Mutter wird. Das wird der größte Skandal in der Geschichte unseres Landes. Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet ich unserem Vater in dieser Hinsicht einmal Konkurrenz mache.“

„Was immer geschieht“, sagte Lucy und drückte die Hand ihrer Freundin, „ich bin da. Und wofür du dich auch entscheidest, ich unterstütze dich. Sogar gegen deine Großmutter, auch wenn die mir eine Heidenangst einjagt. Ja, sogar gegen Renaud.“

„Renaud ist auf meiner Seite. Er macht sich Sorgen um mich.“ Arlette seufzte. „Schade, dass ihr euch so schlecht versteht. Er ist viel netter, als er aussieht. Wirklich.“

„Sicher.“ Sie wusste ganz genau, was für ein Mensch dieser Prinz war. Das hatte er ihr gezeigt, damals vor acht Jahren. Aber sie wollte Arlette nicht davon erzählen. Nur ungern hätte sie das Bild vom perfekten großen Bruder zerstört, und zusätzlich war ihr die Geschichte peinlich.

„Renaud hat gemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmt. Schon bei unserer Abreise zu Hause in Carbonneau. Und er war so lieb, Lucy. Er hat mir versprochen, dass er Großmutter nichts erzählt, und immer, wenn ich unpässlich war, hat er sich eine Ausrede für mich einfallen lassen. Er war es, der mit den Schwangerschaftstest besorgt hat. Überleg dir, was für ein Skandal es gewesen wäre, wenn man ihn dabei ertappt hätte. Aber er hat es in Kauf genommen, für mich.“

„Und was hält er von deinem nichtstandesgemäßen Stallmeister?“

Arlette rutschte unruhig hin und her. „Von dem weiß er nichts. Er kennt noch nicht die ganze Geschichte, aber ich bin sicher, dass er Verständnis haben wird.“

Lucy schwieg. Arlette hatte mit genug Schwierigkeiten zu kämpfen, da musste sie ihre Freundin nicht auch noch darauf aufmerksam machen, dass deren geliebter großer Bruder jeden für geldgeilen Pöbel hielt, der weniger Geld hatte als sie. Oder behandelte er nur Lucy so?

„Mach dir keine Sorgen. Wir bekommen das hin. Wenn du willst, bleibe ich hier, bis du so weit bist, es deiner Familie zu erzählen.“

„Danke, Lucy. Das ist so lieb von dir.“ Nervosität flackerte in Arlettes Blick. „Aber zuerst muss ich es Javier erzählen.“

„Hast du ihn bisher nicht angerufen?“

„Nein. Nicht mal das habe ich mich getraut. Du musst mich für einen furchtbaren Feigling halten.“

Lucy schüttelte den Kopf. Wenn Liebe im Spiel war, wurde jeder wieder zum Teenager. Arlette würde ein wenig Zeit brauchen, das war alles. Und sie würde ihr zur Seite stehen. Selbst, wenn sie dafür Renauds misstrauische Blicke ertragen musste.

„Eine nette junge Frau. Meinst du nicht auch, Renaud?“ Seine Großmutter sah in die Richtung, in die Arlette und Lucy verschwunden waren.

Sie hielt sich aufrecht, aber er bemerkte, wie fest sie die Hand um den goldenen Knauf ihres Gehstocks krallte. Schnell bot er ihr seinen Arm an. Sie hakte sich ein, als würde sie ihm damit einen Gefallen tun und als wäre nicht sie es, die sich immer noch von einem Herzinfarkt erholte. Dem dritten Herzinfarkt bisher.

Renauds Brustkorb zog sich zusammen, wenn er daran dachte, dass der vierte Herzinfarkt unweigerlich folgen würde, wenn seine geliebte Großmutter so weitermachte. Es war eine untragbare Bürde, mit vierundachtzig ein Land zu regieren. Ganz allein, nachdem sein Großvater vor einigen Jahren verstorben war. Jeder andere Monarch hätte längst abgedankt und dem Kronprinzen die Regierungsgeschäfte überlassen. Aber nicht Königin Marie von Carbonneau. Denn sie liebte ihr Land zu sehr. So sehr, dass sie sich dafür zugrunde richtete.

„Hast du mich gehört?“ Tadelnd sah sie zu ihm auf. „Diese Lucy ist wirklich eine tolle Frau. Stark und selbstbewusst. Und schön ist sie geworden. Wenn ich mich an den Wildfang von damals erinnere, erkenne ich sie kaum wieder.“

„Ihre Kleidung erscheint dir nicht unangemessen?“ Renaud zog eine Augenbraue hoch. „Wenn Arlette in Jeansshorts herumlaufen würde, hättest du sicher einiges dazu zu sagen.“

„Du wärst überrascht, mein Lieber. Im Alter bin ich milde geworden.“

Renaud lachte. „Sicherlich. Wohin darf ich Euch geleiten, Majestät?“

„In den ersten Stock, lieber Enkel. Mir ist danach, mich im Blauen Salon auszuruhen. Die Farbe beruhigt meine Nerven.“

Er tat, wie ihm geheißen. Vorsichtig führte er sie die Treppe hinauf und durch einen langen Flur, bis sie im lichtdurchfluteten Salon standen.

Florale Muster zierten die hellblauen Tapeten. Ein Teil des Raums bestand aus einem Erker, der das Zimmer wie das Innere eines Schiffes wirken ließ. Durch die hohen Fenster sah er die Lavendelfelder, ja, selbst hier oben roch er sie.

Renaud schloss die Augen und sog ihren Duft ein. Auch ihm tat die Ruhe gut. Wenn Arlette und Marie ihn nicht überredet hätten, wäre er in diesem Jahr nicht nach Cannes gekommen. Sich um die Güter und Anlagen der Königsfamilie zu kümmern, war nicht nur ein Vollzeitjob. Es war seine Lebensaufgabe, das Einzige, was er seiner Großmutter abnehmen konnte.

Und er war nur unter der Bedingung mitgekommen, dass er hier wenigstens ein paar Stunden lang arbeiten durfte. Wenn er nicht aufpasste, ginge daheim alles drunter und drüber. Er traute seinen Eltern zu, dass sie das gesamte Vermögen der Familie verschleuderten, während er sich hier zwei Wochen lang erholte. Also behielt er die Konten jeglicher Familienmitglieder genau im Auge und überprüfte sie zweimal täglich.

Elegant trotz ihrer steifen Glieder ließ seine Großmutter sich auf ein Sofa sinken. Renaud hatte die Möbel in diesem Raum restaurieren lassen. Nun waren die Sessel und Sofas wieder mit meerblauen Polstern bespannt, und über ihnen glänzte ein Kronleuchter. Der Raum besaß wieder den alten Charme, den er schon vor hundert Jahren besessen hatte: Er war einer Königin würdig.

„Renaud, wenn du einen Moment hast.“ Seine Großmutter deutete auf den freien Platz neben ihr.

Doch das registrierte er nur beiläufig. Ohne zu überlegen, war er ans Fenster getreten, um in den Garten hinauszusehen. Nun verharrte er in der Bewegung und blendete auch die Stimme seiner Großmutter aus. Da unten, am Springbrunnen saßen seine Schwester und diese raffgierige Lucy Henderson. Arlette redete und schien äußerst aufgewühlt. Er konnte sich denken, was sie ihrer Freundin gerade erzählte. Warum vertraute sie sich ausgerechnet dieser Person an?

Nun, immerhin schien sie seine Schwester aufmuntern zu können. Lucy nahm Arlettes Hand, und ein schwaches Lächeln kroch in Arlettes Gesicht, soweit er das aus der Ferne erkennen konnte. Er ärgerte sich über sich selbst, als sein Blick weiterglitt. Über Lucys schlanke weiße Beine, die in diesem Jahr offensichtlich noch keine Sonne gesehen hatten. Sie bildeten einen reizvollen Kontrast zu ihren roten Haaren, und ja, er musste seiner Großmutter recht geben: Lucy war eine sehr attraktive Frau. Jede ihrer Bewegungen hatte eine unwillkürliche Eleganz, die ihr vermutlich selbst nicht bewusst war. Ihr Lächeln war natürlich, zauberhaft und ganz anders als das zahngeweißte tausendmal geübte Lachen der Frauen, mit denen er sich sonst umgab.

„Renaud?“ Seine Großmutter lächelte verschmitzt. „Gibt es da draußen etwas zu sehen?“

„Absolut gar nichts.“ Entschlossen marschierte er zum Sofa und ließ sich neben ihr nieder.

„Bist du sicher? Ich glaube, deine Schwester und ihre Freundin wollten in den Garten gehen. Hast du etwa Lucy Hendersons zierliche Fesseln beobachtet?“

„Ich habe lieber ein Auge auf ihre gierigen Klauen. Sobald sie Arlette um Geld bittet, werde ich einschreiten.“

„Wäre das so schlimm? Wir haben doch genug.“

„Das haben wir bald nicht mehr, wenn wir es jedem in den Rachen schmeißen, der die Hand aufhält.“

Ein Schatten flog über das Gesicht seiner Großmutter. „Dein Vater bekäme es sicher ganz alleine hin, uns finanziell zu ruinieren, wenn wir ihn lassen würden.“

Renaud wusste, dass sie sich Vorwürfe machte, seinen Vater zu sehr verwöhnt zu haben. Ihm nicht die Grenzen gesetzt zu haben, die er gebraucht hätte. Dass sie es versäumt hatte, einen geeigneten Nachfolger heranzuziehen. Sein Vater war ein Lebemann, und Renauds und Arlettes Mutter stand ihm in nichts nach, wenn es darum ging, Geld zu verschwenden.

Renaud liebte seine Eltern. Sie waren charmant und wundervoll, aber von Geld verstanden sie nichts. Und besonders viel Verantwortungsgefühl hatten sie ihm und Arlette gegenüber auch nie gezeigt. Seine Schwester und er waren von Dienstmädchen erzogen worden und im Internat aufgewachsen. Und von seiner Großmutter, der er für immer dankbar sein würde, dass sie sich so gut um Arlette und ihn gekümmert hatte. Vielleicht hatte sie sogar versucht, die Fehler wiedergutzumachen, die sie bei ihrem eigenen Sohn begangen hatte.

„Großmutter.“ Er hätte gern ihre Hand genommen, aber er wusste, dass sie keine körperlichen Zuneigungsbekundungen mochte, wenn sie dieser Stimmung war. „Vater ist nicht so schlimm, wie du denkst. Solange ich ein Auge auf seine Finanzen habe, wäre er ein guter König. Das Volk liebt ihn, und die repräsentativen Aufgaben erfüllt er ausgezeichnet.“

„Er ist zu unzuverlässig.“ Sie schloss die Augen. „Ich weiß, was du mir sagen willst, Renaud. Ich weiß, dass du mich bitten willst, abzudanken. Dass ich meinen Ruhestand genießen soll, dass die meisten Menschen in meinem Alter schon längst in Rente sind. Aber ich kann Carbonneau nicht im Stich lassen. Das Land braucht ein zuverlässiges Staatsoberhaupt.“

„Ich kann verstehen, dass dir diese Vorstellung schwerfällt.“ Es schmerzte Renaud, die Sorgenfalten in ihrem Gesicht zu sehen. „Aber es geht dir nicht gut. Du weißt, was die Ärzte gesagt haben. Du musst kürzertreten oder …“ Er wollte nicht weiterreden. Er wollte es wirklich nicht. Aber es musste sein. Jemand musste dieser sturen Frau Vernunft eintrichtern. „Wenn du so weitermachst, bist du nächstes Jahr nicht mehr bei uns. Dann wird Vater so oder so König, und du wärst nicht mehr da, um ihn zu leiten.“

Er hatte Wut erwartet, keine Trauer. Doch sie seufzte und nahm überraschend seine Hand. „Er lässt sich nicht lenken, Renaud. Du weißt, dass er nicht auf mich hört. Er denkt, ich wäre eine senile alte Schachtel.“

„Das denkt er ganz sicher nicht. Jeder, der Augen im Kopf hat, weiß, was du geleistet hast.“

Sie sah ihn an, und etwas in ihren hellen Augen beunruhigte ihn. „Du siehst es. Nicht wahr?“

„Ja, natürlich.“

„Nun aber genug davon. Wir müssen über deine Frauengeschichten reden.“

Wo kam das denn auf einmal her? „Schon wieder?“

„Mein Lieber, tu bitte nicht so unschuldig. Du wärst der perfekte Enkelsohn und Prinz, wenn du dich nicht mit diesen Partymäuschen herumtreiben würdest.“

„Großmutter, diese Partymäuschen sind die Töchter anderer Adelshäuser. Leute aus unserer Schicht.“ Er entzog ihr seine Hand. „Und wenn ich nicht ab und zu feiern gehen würde, hätte ich gar keinen Ausgleich zur Arbeit.“

„Renaud.“ Sie blickte ihn streng an. „Es ist Zeit, vollends erwachsen zu werden. Dich nicht länger auf den Jachten deiner Freunde herumzutreiben und die Nacht zum Tag zu machen.“

Innerlich stimmte er ihr zu. Die Gesellschaft, in der er sich bewegte, langweilte ihn.

Sein Freund Alain würde morgen Abend seine neue Jacht vorführen. Im Rahmen einer Party, bei der der Champagner in Strömen fließen würde. Jeder, der Rang und Namen hatte, ließ sich dort blicken, und die Paparazzi würden alles daransetzen, Fotos zu bekommen, und Alains Jacht mit ihren Motorbooten verfolgen.

Renaud musste ein Gähnen unterdrücken, wenn er daran dachte. Aber der Champagner, die schönen Frauen, die lockeren Gespräche und Witze entspannten ihn. Was sollte er sonst in seiner Freizeit tun? Wenn es nach seiner Großmutter ginge: heiraten und eine Familie gründen. Allein die Vorstellung, einer Frau solche Macht über sein Herz zu verleihen, beunruhigte ihn zutiefst. Er war schon zu oft enttäuscht worden.

„Du brauchst eine vernünftige Frau“, verkündete seine Großmutter, als hätte sie seine Gedanken gelesen. „Eine, auf die du dich verlassen kannst. Eine Frau, die dir den Rücken freihält.“

„Sag mir Bescheid, wenn du eine findest.“ Er dachte an Cécile, nur einen Moment lang, und sein Herz verkrampfte sich. „Aber sei dir gewiss, du wirst keine finden, die es nicht auf mein Geld abgesehen hat.“ Er lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. „Oder auf meinen Titel. Oder meinen Körper.“

„Ganz schön eingebildet, werter Prinz. Habe ich dich so erzogen?“

„Ich weiß, wie ich aussehe.“ Er musste an die Schauspielerin auf der letzten Party denken, die nicht hatte aufhören können, seinen Bizeps zu streicheln.

„Dann such dir eine Frau, die selbst genug Geld hat.“

„Das würde ich ja. Aber es funkt nie.“

„Und ich weiß, warum.“

„Ach, wirklich?“ Spöttisch hob er eine Augenbraue. „Erleuchte mich, werte Großmutter.“

„Werd nicht frech, mein Lieber. Du weißt genau, was fehlt. Die reichen Frauen, die du kennst, sind Töchter aus wohlhabenden Familien. Mädchen, die in ihrem Leben keinen Finger krumm gemacht haben und lieber feiern gehen, als Aktienkurse zu studieren. Du brauchst etwas anderes. Du brauchst eine Frau, die so ist wie du.“

„Attraktiv und breitschultrig?“

„Nein, ein verbissener Workaholic.“ Sie lächelte milde und tätschelte seine Hand. „Renaud, mit deiner Partyprinz-Fassade täuschst du vielleicht die Welt, aber nicht mich. Du feierst so hart, wie du arbeitest. Was du lernen musst, ist, dich zu entspannen.“

„Gut.“ Er erhob sich. „Dann springe ich jetzt in den Pool, bevor ich mich wieder an die Arbeit mache. Vielen Dank für deine Ratschläge.“

„Wag es nicht, vor mir wegzulaufen.“ Ihr Gehstock knallte auf den Boden, und Renaud blieb stehen. „Willst du gar nicht wissen, warum ich darauf bestehe, dass du dir eine gute Frau suchst?“

„Ich schätze, du willst ein paar süße Urenkel?“

„Sehr gern, aber das ist nicht der Grund.“ Sie atmete tief ein. „Als König von Carbonneau benötigst du eine vernünftige Frau an deiner Seite.“

Renaud verharrte. „Als König?“ Er musterte sie. Machte sie Witze? „Vater ist der Nächste in der Thronfolge.“

„Nicht, wenn ich beschließe, dass du der nächste König wirst.“ Sie meinte es todernst, das sah er ihr an. „Unsere Untertanen brauchen einen Herrscher, auf den sie sich verlassen können. Dich.“

Er blinzelte. Einen Moment lang war er zu schockiert, um zu antworten. Die Größe dessen, was sie da vorschlug, raubte ihm den Atem.

„Mich.“ Er holte Luft und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Sie würde endlich in den Ruhestand gehen können, wenn er die Staatsgeschäfte übernahm. Endlich würde sie kürzertreten und die Zeit genießen, die ihr blieb.

„Ich weiß, was du denkst.“ Wärme lag in ihren Augen. „Du denkst an mich. Daran, dass ich endlich eine glückliche Rentnerin werde, die sich den Tag mit Rosenzüchten und Wassergymnastik vertreibt. Genau deshalb möchte ich, dass du meine Nachfolge antrittst. Carbonneau braucht einen König, der an andere denkt. Und nicht nur daran, wie schön es wäre, eine neue Jacht zu kaufen.“

„Großmutter.“ Er räusperte sich. „Dein Vertrauen ehrt mich. Ich werde mir Mühe geben, deinen Erwartungen gerecht zu werden.“

„Nicht so hastig. Es gibt eine Bedingung.“

Innerlich stöhnte er auf. „Lass mich raten: Ich soll vorher eine passende Frau finden.“

„Exakt. Du kennst mich so gut, liebster Enkelsohn.“ Sie erhob sich, und er sah, welche Schmerzen es ihr bereitete. Wieder bot er ihr seinen Arm an, und wieder hakte sie sich unter, zähneknirschend. „Aber mach dir keine Sorgen, Renaud. Ich habe bereits jemanden im Blick.“

„Tatsächlich?“ Es gefiel ihm gar nicht, wie sie ihn ansah. Wie eine lauernde Katze.

„Sie sitzt mit deiner Schwester im Garten.“

3. KAPITEL

„Lucy Henderson?“ Renaud lachte. „Ist das dein Ernst?“

„Mein voller Ernst.“ Sie blickte ihn tadelnd an. „Sie ist perfekt. Sie arbeitet genauso hart wie du, sie ist hübsch und hat ein gutes Herz. Arlette hat mir erzählt, dass sie weit lukrativere Jobangebote ausgeschlagen hat, um ein Lernprogramm für Kinder zu entwickeln. Für Kinder, die in der Schule Schwierigkeiten haben und deshalb benachteiligt sind. Eine Frau wie Lucy würde dich verstehen und dir den Halt geben, den du als König brauchst.“

Renaud war sicher, in einem Paralleluniversum gelandet zu sein. Er versuchte, im Gesicht seiner Großmutter zu lesen, suchte nach Anzeichen dafür, dass sie nur einen Scherz machte. Er fand keine.

„Siehst du da gar keine Probleme?“

„Keine, die sich nicht überwinden ließen.“ Sie hob das Kinn.

Er seufzte. „Mit Verlaub, Großmutter, das sehe ich anders. Mademoiselle Henderson ist eine geldgierige Person, die meine Schwester ausnutzt. Ich mag sie nicht, sie mag mich nicht. Sie ist nicht einmal adlig. Ich muss sagen, dass ich mich sehr über dich wundere.“

Seine Großmutter zog an seinem Arm, bis er sich in Bewegung setzte. Wie er befürchtet hatte, geleitete sie ihn zum Fenster, von dem aus man Lucy und Arlette immer noch sehen konnte. Die beiden unterhielten sich. Seine Schwester lächelte. So unbeschwert, wie sie es nicht mehr getan hatte, seit sie in Cannes angekommen waren. Lucy lächelte ebenfalls, und es stand ihr ausgezeichnet.

Sie hatte die schlanken Beine ausgestreckt und wackelte mit den Füßen, an denen sie diese billigen Flip-Flops trug. Renaud fragte sich, wie sie in geschmackvollerer Kleidung aussehen würde. Einem Abendkleid zum Beispiel. Oder etwas Schlichtem, Schwarzem. Nicht, dass ihr preiswertes Outfit so schlecht ausgesehen hätte. Ja, eigentlich war es ganz charmant. Wenn Lucy vertrauenswürdiger gewesen wäre, hätte er sie eventuell als atemberaubend schön bezeichnet.

„Du hast recht, Renaud“, sagte seine Großmutter. „Sie ist keine Adlige. Aber das ist nicht entscheidend.“

„Das sind ja ganz neue Töne. Darf ich fragen, was dann entscheidend ist?“ Er legte eine Extraportion Spott in seine Stimme.

„Das.“ Sie deutete auf sein Gesicht. „Dein Blick, wenn du sie ansiehst. Sicher gäbe es geeignetere adelige Frauen. Aber keine von ihnen schaust du derart gierig an.“

Renaud fühlte sich ertappt. „Nun, es lässt sich nicht leugnen, dass diese Goldgräberin recht hübsch ist. Aber ich verstehe immer noch nicht, warum du sie für geeignet hältst, meine Frau zu werden. Wir kennen sie doch kaum.“

„Oh, ich kenne sie sehr gut, aus Arlettes Erzählungen.“

„Arlette hat ein großes Herz. Ein zu großes Herz. Sie sieht nur das Gute in den Menschen und ignoriert die hässlichen Charakterzüge.“

„Im Gegensatz zu dir. Aber deine Schwester ist nicht so naiv, wie du denkst. Sie besitzt sogar eine ausgezeichnete Menschenkenntnis. Und alles, was sie mir über ihre Freundin berichtet hat, deutet darauf hin, dass Lucy Henderson einen hervorragenden Charakter hat.“

Er schloss die Augen. Seine Großmutter wurde verrückt, eindeutig. „Verehrte Großmutter, wie ich bereits sagte: Wir mögen uns nicht einmal.“

„Ich bin sicher, dass sich das ändern würde, wenn ihr mehr Zeit miteinander verbringen würdet.“

„Auf gar keinen Fall.“

„Nicht einmal für die Krone von Carbonneau?“ Sie ließ seinen Arm los und stützte sich schwer auf ihren Gehstock. Kummer breitete sich in ihrem Gesicht aus. „Ich weiß, dass ich dich damit überfalle. Und ich will dich zu nichts zwingen. Doch ich würde mich freuen, wenn du meinen Vorschlag zumindest in Betracht ziehen würdest. Willst du nicht wenigstens versuchen, sie besser kennenzulernen? Ein Mal Zeit mit einer Frau verbringen, die tatsächlich zu dir passt?“

Renaud wollte verneinen, aber er schaffte es nicht. Er sah, welche Mühe es seiner Großmutter bereitete, den schmerzenden Rücken gerade zu halten, und wie tapfer sie das Kinn oben hielt. Spürte die Gebrechlichkeit dahinter. Er schloss die Augen. Öffnete sie wieder.

Unten beim Springbrunnen erhob Arlette sich und winkte Lucy, ihr zu folgen. Mit beschwingten Schritten gingen sie über die weißen Kieswege und verschwanden im Inneren des Hauses. War es möglich, dass seine Schwester tatsächlich eine bessere Menschenkenntnis besaß als er? Aber er war ausdrücklich vor Lucy gewarnt worden, und sein Verdacht hatte sich bestätigt, als sie sich Geld bei Arlette geliehen hatte, um ihre Firma zu gründen. Er hatte seine Schwester zur Rede gestellt, sobald er die Überweisung auf ihrem Kontoauszug entdeckt hatte. Doch die hatte ihn nur ausgelacht. Und im Grunde hatte sie recht: Es war ihr eigenes Geld, und wie sie es ausgab, war allein ihr selbst überlassen. Lucy werde es zurückgeben, hatte Arlette unbeirrt beteuert. Sobald sie genug Geld verdiene. Nur würde sie das nicht ohne Publisher. Und es konnte kein Zufall sein, dass sie ausgerechnet jetzt hier aufkreuzte.

Ein weiterer Gedanke kam ihm und ließ ihn bitter schlucken: Könnte Lucys Ankunft mit dem Zustand seiner Schwester zusammenhängen? Mit ihrer Schwangerschaft? Hätte er besser von Mademoiselle Henderson gedacht, hätte er geglaubt, dass sie hier war, um Arlette zu unterstützen. Aber dafür kannte er sie zu gut. Vielleicht hatte Lucy vorgegeben, deshalb hier zu sein, aber es war ganz sicher nicht die Wahrheit. Er wusste, wer sie wirklich war.

„Ein Date“, knurrte er. „Ich bitte Lucy noch heute, mit mir auszugehen. Ja, wenn es dir so wichtig ist, lerne ich sie besser kennen. Aber ich verspreche nichts.“

„Drei Dates“, entgegnete seine Großmutter. „Geh dreimal mit Lucy Henderson aus, und ich übergebe dir die Krone von Carbonneau.“

Renaud wollte widersprechen. Dieser Deal war absurd. Vollkommen absurd. Andererseits, wenn es seine Großmutter dazu brachte, endlich kürzerzutreten …

Die Vorstellung, König zu sein, traf ihn nun wie ein Hammerschlag. Er hatte damit gerechnet, irgendwann auf dem Thron zu sitzen. Eines Tages, wenn er weit älter war und hoffentlich weiser. Dass es schon in Kürze so weit sein könnte, überwältigte ihn. Er stellte sich vor, wie es wäre, die Kontrolle über das gesamte Königreich zu haben und die Verantwortung für mehr als eine Million Untertanen. Er würde seine jetzigen Aufgaben in fähige Hände übertragen müssen und die Finanzen der Familie dennoch im Blick behalten. Es wäre möglich. Er hatte daheim in Carbonneau zwei Vertraute, die beinahe so weit waren, dass sie seine momentane Arbeit übernehmen konnten.

„Gut, Großmutter. Wir haben eine Abmachung.“

Sie wirkte äußerst erfreut. „Du wirst sie also gleich heute bitten, mit dir auszugehen? Oh, ich hoffe, dass sie Ja sagt.“

„Sie wird garantiert Ja sagen, wenn jemand mit so viel Geld sie um ein Date bittet.“ Er legte eine Hand auf das Fensterbrett und dachte nach. Sollte er Lucy gegenüber so tun, als würde er es ernst meinen? Nein, es wäre zu schäbig, ihr etwas vorzuspielen. Selbst eine Goldgräberin verdiente Ehrlichkeit.

„Vielen Dank, mein Lieber.“ Seine Großmutter legte ihre Hand auf seine. Das Gespräch schien ihr neue Kraft gegeben zu haben, denn aus ihren Augen leuchtete Tatendrang. „Dann mach dich auf, sie zu erobern, Renaud. Es erfüllt mich mit großem Glück, dass du der Sache eine Chance gibst.“

Wunderbar. Er war kurz davor, unerwartet König seines eigenen Landes zu werden. Jetzt musste er nur noch Lucy Henderson um drei Verabredungen bitten. Aber das war eine reine Formalität. Welche Frau würde schließlich Nein sagen, wenn ein Prinz sie ausführen wollte?

Die Zeit bis zum Abendessen verbrachten Arlette und Lucy am Pool. Glücklicherweise passte Lucy der schwarze Bikini noch, den sie seit Jahren nicht getragen hatte. Vielleicht hatten Theo und Henry wirklich recht, und sie brauchte tatsächlich dringend Urlaub.

So, wie ihr Körper reagierte, als sie sich auf dem Liegestuhl ausstreckte, war die Antwort eindeutig Ja. Jeder Muskel entspannte sich, und Lucy fühlte sich plötzlich weich wie Pudding. Noch ein wenig weicher, wenn sie an den Blick dachte, mit dem Renaud vorhin ihre Beine beäugt hatte. Ja, trotz seiner unfreundlichen Worte hatte eindeutiges Interesse in seinen Augen gefunkelt. Und ein blöder, naiver Teil von ihr hatte sich darüber gefreut. Sie ärgerte sich über das leise Kribbeln in ihrer Magengrube.

Du bist nicht mehr achtzehn, dachte sie. Reiß dich zusammen, Lucy Henderson.

Nie wieder würde sie so dumm sein wie damals. Nie wieder so naiv, Renaud zu vertrauen.

Die Sonne wärmte ihre Haut. Der Geruch nach Poolwasser, den Lilienblüten und Rosmarin erinnerte sie schmerzlich an den letzten und einzigen Sommer, den sie hier verbracht hatte. Sie öffnete die Augen ein wenig und sah zu Arlette hinüber, die friedlich neben ihr auf dem Liegestuhl schlummerte. Ihre Freundin brauchte Ruhe. Lucy war sicher, dass sie eine gute Entscheidung treffen würde. Dass sie bald den Mut aufbringen würde, mit ihrem Liebsten zu reden und sich eine Zukunft mit ihrem Kind aufzubauen. Immerhin war Geld kein Problem. Aber Lucy wusste auch, dass Geldsorgen nicht die einzigen Sorgen waren, die man haben konnte.

Das weiche Handtuch schmiegte sich an ihren nackten Rücken. Noch war ihre Haut bedeckt von kleinen Wassertropfen, weil sie vorhin in den Pool gesprungen war. Sie schmiegte sich noch tiefer in die Polster des Liegestuhls und seufzte leise. Ja, das tat gut. Die Sonne schien auf ihre geschlossenen Lider und ihr nasses Haar.

Unerwünschte Bilder flimmerten durch ihr Bewusstsein. Vor langer Zeit hatte sie schon einmal hier gelegen, neben Arlette. Vor langer Zeit, als Lucy noch naiv und unschuldig gewesen war.

Obwohl sie es nie leicht gehabt hatte, hatte sie sich immer ein paar Träume bewahrt. Romantische Träume. Damals, mit achtzehn, hatte sie noch an Märchenprinzen geglaubt. Und wie ein Märchenprinz war Renaud ihr vorgekommen, als sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Nur, dass sie damals gar nicht gewusst hatte, dass er ein Prinz war. Leider hatte er sich auch nicht so verhalten wie ein Märchenprinz.

Arlette hatte damals angekündigt, dass Lucy ihren großen Bruder erst nach dem Maskenball treffen würde. Renaud war bereits mit ein paar Freunden angereist, aber die jungen Männer übernachteten gemeinsam in einem Hotel. Renaud bevorzugte es, dass seine Großmutter so wenig von seinem Partyleben mitbekam wie möglich. Damals hatte er es noch wilder getrieben als jetzt, und seine Frauengeschichten waren ein ständiger Grund zur Sorge für die Königin von Carbonneau gewesen.

„Großmutter fürchtet einen Skandal“, hatte Arlette Lucy anvertraut.

„Was für einen Skandal denn?“, hatte Lucy gefragt.

„Du weißt schon.“ Arlette war errötet. „Dass es ein Video gibt oder Fotos. Oder dass er ein Mädchen schwängert.“

Arlettes großer Bruder war Lucy reichlich skandalös vorgekommen. Aber sie hatte sich nie genug für ihn interessiert, um sich ein Foto zeigen zu lassen. Und sie hatte nie die Illustrierten gelesen, die über Renauds Frauengeschichten berichteten. Das war ein Fehler gewesen. Ein grandioser Fehler, sein Gesicht nicht zu kennen. Als er ihr auf dem Maskenball seinen Arm angeboten hatte, hatte sie sich erfreut bei ihm untergehakt. Ja, sie war überglücklich gewesen, dass so ein schöner Fremder ihr seine Aufmerksamkeit schenkte.

„Blöd“, murmelte sie und versuchte, die Erinnerung zu verdrängen. Aber sie schob sich immer wieder nach vorn.

Wie verunsichert sie damals gewesen war. Allein auf dem opulenten Maskenball, in einem der ältesten, edelsten Hotels von Cannes, in einem Saal voller funkelnder Kristallleuchter mit goldgemusterten Tapeten und wunderschönen, lachenden Menschen. Jeder schien zu wissen, was er tat, nur Lucy nicht. Sie hatte Arlette aus den Augen verloren, die von einer alten Verwandten in Beschlag genommen worden und in der Menge untergetaucht war.

Eingeschüchtert hatte sie sich daraufhin in einer Ecke herumgedrückt. Noch lieber hätte sie sich hinter dem nächsten Samtvorhang versteckt. Es war unerträglich warm unter ihrer weißen Perücke und der Rotkehlchenmaske, die den Großteil ihres Gesichts verdeckte. Was ihr ganz recht war. Als Teenager hatte sie unreine Haut gehabt, die sie so verbergen konnte.

Das Kleid, das Arlette ihr geliehen hatte, war so schön, dass sie sich selbst nicht wiedererkannt hatte, als sie sich im Spiegel betrachtete. Vorne orange schillernd, hinten graubraun, dem Gefieder des Vogels nachempfunden, den sie an diesem Abend mit ihrem Kostüm darstellen wollte: das Rotkehlchen. Ein Traumkleid, wie aus einem Film. Und doch war sie hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, wegzulaufen und dem, für immer auf diesem Ball zu bleiben und die Schönheit um sich herum zu bewundern.

Du siehst verloren aus, sagte er. Der junge Mann, der plötzlich neben ihr aufgetaucht war, das Hemd halb aufgeknöpft, die Maske locker in die Stirn geschoben.

Ein Märchenprinz, dachte sie. Endlich. Wie naiv sie gewesen war. Aber sie war nicht misstrauisch geworden, dass ein derart attraktiver Mann ihr den Arm anbot. Dass er sie herumführte, ihr den gesamten Saal zeigte und dafür sorgte, dass sie mit Essen und Wein versorgt wurde.

Sie hatte kaum etwas von den Köstlichkeiten herunterbekommen, so aufgewühlt war sie gewesen. Selbst heute spürte sie noch die Aufregung von damals, das wilde Glück, das durch ihre Adern geflossen war, wenn sie in die grünblauen Augen des Fremden geblickt hatte. Sie lachten, redeten über alles und nichts, und bei all dem Glück kam sie nicht einmal dazu, nach seinem Namen zu fragen. Er war so witzig, so atemberaubend. So charmant. Zum ersten Mal fühlte sie sich als Frau. Oh, und wie gut er darin war, ihr Komplimente zu machen! Er hatte über ihre Scherze gelacht und sie zauberhaft und klug genannt.

Sie hatte keine Chance gegen ihn gehabt.

Nicht gegen diesen wahnsinnig attraktiven Kerl mit den dunklen, wilden Haaren, der sie ansah, als wäre sie eine Prinzessin, mindestens. Als er vorschlug, nach draußen zu gehen, um frische Luft zu schnappen, dachte sie sich nichts dabei. Begeisterung erfüllte sie, als er sie in einen betörend schönen, nur spärlichen beleuchteten Garten führte.

Endlich allein, dachte sie. Ja, sie war mehr als bereit. Bereit, geküsst zu werden, was er auch gleich getan hatte. Ausgiebig. Wenn sie sich darauf konzentrierte, konnte sie seine Lippen immer noch schmecken. Verboten und stürmisch und aufregender als der Sprung aus dem ersten Stock in den Pool. Ihr Herz hatte wild geklopft. Und obwohl sie keinerlei Erfahrung hatte, hatte sie mitgemacht, mit all der Inbrunst eines Mädchens, dessen Traumprinz endlich aufgetaucht war.

Er küsste sie lange. Neben dem Springbrunnen, dessen Plätschern ihr Herzschlag mit Leichtigkeit übertönte. Im weichen Gras, hinter Oleanderbüschen, deren lieblicher Duft ihre Sinne vernebelte. In der Dunkelheit.

Als er ihr das Kleid auszog, hielt sie ihn nicht auf. Und als er gefragt hatte, ob sie sicher sei, hatte sie nur zurückgefragt, ob er ein Kondom dabeihabe. Immerhin, ein vernünftiger Gedanke. Ein winziger Lichtblick in einem Meer aus Dummheit.

Lucys Wangen brannten, als sie daran zurückdachte, welch leichte Beute sie gewesen war. Für Renaud musste es so einfach gewesen sein wie für einen Fuchs, der ein Huhn riss. Ein Huhn, das ihm geradezu ins Maul sprang.

Du Mistkerl, dachte sie. Du dreckiger Mistkerl.

Ihre Unschuld hatte sie ihm geschenkt, und er … er hatte so verliebt getan. Hatte sie angefleht, ihn am nächsten Tag noch einmal zu treffen, zu einem richtigen Date, ohne Maske. Und Lucys einzige Sorge war gewesen, was er zu den drei Pickeln auf ihrer Stirn sagen würde. Sie waren der einzige Grund gewesen, weshalb sie ihre Maske aufbehalten hatte. Gott sei Dank. So wusste Renaud bis heute nicht, wer das naive Dummchen gewesen war, das er damals im Garten verführt hatte. Und er würde es auch nie erfahren.

Denn am nächsten Morgen, als Lucy verliebt und glücklich im Hotel gesessen und mit Arlette gefrühstückt hatte, war eine Gruppe junger Männer hereingekommen. Arlette hatte sie begrüßt. Freundlich, aber etwas verhalten.

„Freunde meines Bruders“, hatte sie gesagt.

Die Gruppe hatte sich an den Nebentisch gesetzt und ein viel zu lautes Gespräch begonnen. Ein Gespräch, das Lucys Herz zerschmettert hatte.

„Er hat’s geschafft“, hatte einer der jungen Männer gejohlt. „Er hat’s echt geschafft. Ich hab ihm gesagt, dass er doch das süße Rotkehlchen verführen soll, und was macht er? Geht einfach rüber und tut’s. Er hat sie nicht mal gekannt. Keiner hat die gekannt, aber klar, der Mistkerl hatte trotzdem kein Problem, in ihr Höschen zu kommen, so, wie er aussieht. Und ich Trottel hab mit ihm gewettet.“

„Tja, so schnell sind fünftausend Euro weg“, hatte einer der anderen gesagt. „Das war doch klar.“

Lucy hatte es knapp geschafft, sich von Arlette zu verabschieden. Dann war sie zu den Toiletten gestürzt und hatte sich die Augen aus dem Kopf geheult.

Geheult hatte sie auch die nächsten Nächte über, bis zur Abreise. Stundenlang. Um ihren Märchenprinzen, um ihren Traum. Dass sie kurz darauf Arlettes Bruder vorgestellt worden war, war nur ein weiterer Wermutstropfen gewesen.

Er hatte sie nicht erkannt. Er hatte sie nicht einmal beachtet. Ihr knapp die Hand gegeben und dann weiter mit seiner Großmutter geredet, glücklicherweise. Ja, rückblickend hatte es eine Menge glücklicher Fügungen gegeben.

Lucy wünschte nur, sie hätte sich damals eine Magenverstimmung geholt, bevor Renaud sie in seine Fänge bekommen hatte. Ja, hätte nicht der Hummer in Orangensauce, den sie auf dem Maskenball gegessen hatte, schlecht sein können? Oder das zartschmelzende Himbeerparfait? Es hätte ihr so viel Ärger erspart.

„Lucy“, flüsterte eine vertraute Stimme hinter ihr, und sie schreckte hoch. Gänsehaut kroch ihr über den nackten Rücken, und einen Moment lang wagte sie nicht, sich umzudrehen. Als sie es doch tat, bereute sie es sofort.

Renaud stand dort, attraktiv, groß und offensichtlich verärgert. Der leichte Anzug schmiegte sich eng an seinen muskulösen Körper.

„Lucy“, sagte er leise, und seine raue Stimme entfachte ein kleines Feuer in ihr. „Dürfte ich einen Moment lang mit dir reden?“ Er deutete mit dem Kopf auf seine Schwester, die immer noch schlief. „Am besten in meinem Büro, um Arlette nicht zu wecken.“

Warum? wollte Lucy fragen, aber auch sie wollte ihre Freundin nicht stören. Also erhob sie sich und nickte stumm.

Es war unfair. Warum musste sie so vor ihm stehen, fast nackt, in dem immer noch feuchten Bikini, während er angezogen war? Sie hätte sich das Handtuch umlegen können, aber das hätte sie unsicher erscheinen lassen. Um ihre Verlegenheit zu überspielen, hob sie das Kinn und stellte sich vor, dass sie eine lange Hose und einen dicken Pullover trug. Oder noch besser: eine Ritterrüstung.

Ein Gedanke durchzuckte sie: Er darf meinen Rücken nicht sehen. Der Autounfall, der ihren Eltern das Leben gekostet hatte, hatte Lucy ein Andenken beschert. Ein Narbengeflecht zwischen ihren Schulterblättern, das glücklicherweise von ihren Haaren verdeckt wurde. Sie schämte sich nicht dafür, nein, der Gedanke, dass Renaud ihren Rücken sehen könnte, machte ihr aus einem anderen Grund Angst. Damals, im Garten, hatte er ihre Narben bemerkt. Wenn er diese nun sehen würde, würde er eins und eins zusammenzählen, und dann würde er wissen, dass Lucy das naive Dummchen von damals war. Und das sollte er nicht, auf gar keinen Fall.

Sie folgte ihm durch den Flur, bis sie in seinem Büro standen. Einem schönen, hellen Raum mit weiß getünchten Wänden und erfüllt von einer unerwarteten Pflanzenpracht. Marmorkübel reihten sich an den Wänden, Hängepflanzen baumelten von der Decke. Abgesehen von den Gewächsen war der Raum beinahe leer. Ein antiker, walnussbrauner Schreibtisch stand in der Mitte. Darauf lag ein brandneuer Laptop. Lucy fröstelte. Die Kälte des Raums erzeugte eine Gänsehaut auf ihrem nackten Rücken, selbst da, wo ihr langes Haar auflag.

Sie hörte, wie Renaud die Tür hinter ihr schloss. Weicher, geschmeidiger Stoff legte sich um ihre Schultern. Sein Jackett. Er musste ihr Frösteln bemerkt haben.

Lucys erster Impuls war, das Kleidungsstück abzulehnen. Der zweite, sich hineinzuschmiegen und den Duft von Renauds Aftershave einzusaugen. Stattdessen riss sie sich zusammen, räusperte sich und schlüpfte hinein. Die Ärmel gingen ihr bis zu den Fingerspitzen. Ob sie wollte oder nicht, umgab sie nun Renauds Duft, eine Mischung aus Kiefernholz und dunklem Honig.

„Danke“, sagte sie und setzte sich auf den breiten Polsterstuhl, der vor dem Schreibtisch stand. Renaud nahm ihr gegenüber auf seinem Bürostuhl Platz. Statt den Laptop zu öffnen, faltete er die Hände darauf und sah sie an. Ernst.

„Mein Anliegen ist etwas delikat“, sagte er, und einen Moment lang war sie davon abgelenkt, wie gut er aussah, wenn er ernst war.

„Ich kann es mir denken“, sagte sie.

„Das bezweifle ich.“ Er hob eine Augenbraue.

„Es geht um Arlette, nicht wahr?“ Sie beugte sich vor und fühlte sich dabei immer noch nackt. „Sie hat mir alles erzählt. Auch, dass du Bescheid weißt. Herzlichen Glückwunsch, Onkel Renaud.“

Er wirkte überrascht, als hätte er noch gar nicht darüber nachgedacht, dass er bald Onkel werden würde. Ein winziges Lächeln huschte über seine vollen Lippen, und es war so unerwartet warm, dass Lucy den Blick abwenden musste.

„Vielen Dank. Aber darum geht es nicht.“ Er seufzte. „Um ehrlich zu sein, fällt es mir schwer, einen Anfang zu finden. Die Situation ist absurd, um es milde auszudrücken. Äußerst absurd.“

„Jetzt bin ich gespannt.“ Worauf wollte er hinaus? Fürchtete er immer noch, dass sie hinter Arlettes Vermögen her war? Hoffentlich war ihm nicht klar geworden, dass sie das unbekannte Dummchen war, um das er damals beim Maskenball gewettet hatte. Eine Wette, die er mit Leichtigkeit gewonnen hatte.

Er schloss die Augen und seufzte. „Lucy. Würdest du morgen Abend mit mir ausgehen?“

4. KAPITEL

„Bitte was?“ Lucy starrte ihn an. Ihre Wangen röteten sich, wurden einen Hauch dunkler. Roch die Goldgräberin eine Gelegenheit? „Ich muss dich falsch verstanden haben. Das hörte sich an, als würdest du morgen Abend mit mir ausgehen wollen.“ Ihr Lachen klang hohl.

„Das will ich.“ Renaud ärgerte sich über sich selbst. In seiner Magengrube flatterte ein winziger, aufgeregter Schmetterling. Es gab keinen Grund, nervös zu sein. Gar keinen. Er hatte keine romantischen Absichten dieser raffgierigen Frau gegenüber. „Allerdings ist der Grund nicht der, den du vermutest.“

„Ich vermute gar nichts.“ Sie blinzelte. Ihre nackte Haut hätte ihn wahnsinnig gemacht, wenn er ihr nicht das Jackett umgelegt hätte. Was selbstverständlich nicht der Hauptgrund für diese Geste gewesen war. Schließlich war er gut erzogen und ließ eine Dame nicht frieren. Na gut, vielleicht hätte ihr fast nackter Körper ihn abgelenkt, und das durfte er sich bei diesem Gespräch keinesfalls erlauben. Sie hatte einen äußerst appetitlichen Körper, war schlank und kurvig an genau den richtigen Stellen. Und weiß wie Sahne, was er nicht oft sah. Die meisten Frauen, die er kannte, waren braungebrannt. Beides hatte seinen Reiz.

„Ich hege keinerlei romantische Absichten dir gegenüber.“ Er lehnte sich zurück.

„Nein?“ Ihre Stimme triefte vor Sarkasmus. „Wirklich nicht? Das kommt jetzt aber überraschend. Bei all unseren bisherigen Begegnungen hast du mich schließlich ignoriert oder als geldgieriges Miststück bezeichnet.“

„Ich habe dich nie als geldgieriges Miststück bezeichnet. Als Prinz von Carbonneau wäre es äußerst unangebracht, mit derartigen Beleidigungen um mich zu werfen.“

Sie legte den Kopf schief, was entzückend aussah. Ein Wassertropfen fiel aus ihren Locken auf die Schulter seines Jacketts. „Aber du hast es gedacht, stimmt’s?“

„Meine Gedanken sind meine Privatsache.“ Er warf ihr einen kühlen Blick zu. „Nein, ich halte dich nicht für vertrauenswürdig, Lucy Henderson. Trotzdem bin ich gezwungen, dich um ein Date zu bitten.“

„Nein.“ Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.

„Bitte?“ Wieder wunderte er sich über sich selbst. Warum war er jetzt beleidigt?

„Nein, ich gehe auf gar keinen Fall mit dir aus. Niemals.“ Sie verschränkte die Arme, was gleichzeitig sein Jackett verknitterte und ihre Brüste hervorhob. „Auf gar keinen Fall.“

„Warum nicht?“ Interessiert blickte er sie an und versuchte, den Blick nicht auf ihr Dekolleté zu senken. Himmel, er war ein erwachsener Mann, und an weiblicher Aufmerksamkeit hatte es ihm auch nie gemangelt. Warum benahm er sich wie ein Matrose nach drei Monaten auf hoher See?

„Ich habe schlicht keine Lust darauf.“ Sie hob das Kinn.

„Das ist bedauerlich. Hatte ich doch gehofft, dir einen sehr vorteilhaften Deal anzubieten.“ Er räusperte sich. „Du suchst immer noch nach einem Publisher, nicht wahr? Zufällig kenne ich einen.“

„Wirklich?“ Leises Interesse glomm in ihrer Miene auf. „Welchen?“

„Segmented Reality Ltd.“ Er lächelte. „Nun, kennen ist das falsche Wort. Die Firma gehört zur ArtInc Group, und die gehört uns. Der Königlichen Familie von Carbonneau.“

Etwas ratterte in ihrem Gehirn, das sah er ihr deutlich an. Vermutlich überschlug sie im Kopf, wie reich er eigentlich war. Renaud erinnerte sich erneut daran, dass er seinen Gelüsten auf keinen Fall nachgeben durfte. Nicht mit dieser Schlange, in deren Augen bereits Dollarzeichen standen.

„Du bietest mir an, meine App herauszubringen, wenn ich mit dir ausgehe? Warum?“

Er seufzte. „Es ist … verrückt, um ehrlich zu sein. Großmutter bietet mir die Krone von Carbonneau an, wenn ich dich heirate.“

„Was?“ Sie sprang auf. „Niemals! Auf gar keinen Fall!“

Sie war wirklich schwer zu lesen. Warum tat sie jetzt so entsetzt? Gerade hatte sie doch noch eindeutiges Interesse an ihm gezeigt, nun, jedenfalls an seiner Brieftasche.

„Keine Sorge, Lucy Henderson, auch ich habe kein Interesse daran, dich zu ehelichen. Ich habe Großmutter bereits auf drei Dates heruntergehandelt.“

„Oh, gut.“ Sie lächelte verzweifelt. „Aber warum will sie, dass wir heiraten? Oder miteinander ausgehen?“

„Der Himmel weiß, warum“, knurrte er. „Aus irgendeinem unerklärlichen Grund denkt sie, dass wir gut zueinander passen. Dabei hätte allein das Outfit, mit dem du heute angekommen bist, sie eines Besseren belehren müssen.“

„Was ist mit meinem …?“ Sie unterbrach sich. „Nein, ich gehe nicht mit dir aus. Nicht ein Mal, nicht zwei Mal und auf gar keinen Fall drei Mal.“

Erstaunlich, wie gut diese Frau schauspielern konnte. Oder hatte er sie tatsächlich falsch eingeschätzt? Sie hätte doch überglücklich sein müssen, dass ein reicher Junggeselle sich für sie interessierte. Bevorzugte sie es, auf anderen Wegen an Geld zu kommen? Hatte sie eine Vergangenheit, die es ihr verbot, zu sehr im Licht der Öffentlichkeit zu stehen? Nun, er war noch nicht am Ende seiner Argumente angekommen. Bei Weitem nicht.

„Du willst deine Angestellten also weiter ohne Lohn arbeiten lassen?“ Sacht schüttelte er den Kopf. Sie schaute drein, als hätte er sie geschlagen. „Sehr kaltherzig von dir, aber das war zu erwarten. Es sieht aus, als bliebe mir nur noch eine Möglichkeit, dich zu überzeugen. Was wäre, wenn jemand Arlettes Zustand an die Presse weitergeben würde?“

„Das wagst du nicht.“ Sie ballte die Fäuste.

Natürlich würde er es nicht tun. Dazu liebte er seine Schwester viel zu sehr. Aber das wusste Lucy nicht. Er lächelte.

„Arlette wird denken, dass du es warst. Du glaubst mir sicher nicht, aber sie hält große Stücke auf ihren großen Bruder. Und sie weiß, dass ich nie etwas tun würde, was der Monarchie schadet. Unser guter Ruf ist mir äußerst wichtig.“

Sie schnaubte. „Das wäre mir neu, so wie du dich in der Öffentlichkeit aufführst.“

„Und was willst du mir damit sagen?“

„Du weißt schon.“ Ihre Wangen färbten sich dunkler. „Deine Frauengeschichten.“

„Meine Frauengeschichten.“ Er lachte. „Abgesehen von ein paar wilden Jahren in meiner Jugend habe ich mir nichts zuschulden kommen lassen, soweit ich weiß.“

„Erst letzte Woche hast du mich von einer Illustrierten aus angegrinst“, schnappte sie. „Arm in Arm mit einer Schauspielerin, an deren Namen du dich garantiert nicht mehr erinnern kannst.“

„Bist du eifersüchtig?“

„Nein.“ Ihre Augen schossen Blitze. „Ich versuche, dir klarzumachen, dass du ein furchtbarer König wärst. Du bist ein Weiberheld und ein Erpresser.“ Unerwartet schloss sie die Augen und atmete ein. Löste die Finger, nur um sie kurz darauf wieder zu Fäusten zu ballen. „Aber ich nehme an. Drei Dates, Renaud. Für Arlette. Und für Henry und Theo.“

„Für wen?“

„Meine Angestellten. Hat dein Spitzel etwa vergessen, ihre Namen herauszufinden?“

„Sie waren nicht relevant.“ Er erhob sich und hielt ihr seine Hand hin. Über den Schreibtisch, als würde es sich um einen ernsthaften Geschäftsabschluss handeln und nicht um einen vollkommen absurden Deal. „Abgemacht. Sobald das dritte Date beendet ist, setze ich die Verträge mit Segmented Reality auf.“

Sie starrte feindselig auf seine Hand, als hätte sie sie am liebsten zur Seite geschlagen. Was hatte sie denn? Vermutlich war sie einfach wütend, dass er sie durchschaut hatte. Ja, ihr musste klar sein, dass sie bei ihm nicht weit kommen würde, wenn sie versuchte, sich an sein Geld heranzumachen. Dennoch schlug sie schließlich ein.

„Morgen Abend, um zwanzig Uhr.“ Er nickte ihr zu. „Sei pünktlich am Tor und zieh dir etwas Nettes an. Lassen wir meine Großmutter sehen, dass wir ihren Wunsch erfüllen.“

Sie antwortete nicht und wandte sich ab. Er hörte ihre nackten Sohlen auf dem Boden kaum, als sie aus dem Zimmer marschierte. Die Tür hörte er. Denn die knallte sie ins Schloss, dass die Hängepflanzen zitterten.

Sie war mit seinem Jackett verschwunden. Aber das war ohnehin zerknittert und feucht von ihrer Haut. Und sicher roch es nach ihr, was er nicht gebrauchen konnte. Er würde seine ganze Willenskraft aufbringen müssen, um morgen Abend keinen falschen Schritt zu machen.

„Du kannst ihr nicht vertrauen“, sagte er zu sich selbst und öffnete den Laptop, um vor dem Abendessen noch eine Stunde zu arbeiten.

Dieser Renaud! Wutentbrannt stapfte Lucy durch die Flure. Dieser … arrogante Prinz!

Einen Moment lang blieb sie stehen und holte tief Luft. Weder der süße Duft des Jasmins noch der Geruch der Lavendelblüten, der von draußen hereindrang, halfen, ihre Nerven zu beruhigen. Sie schloss die Augen und sah Renauds Gesicht vor sich. Wie hatte er es wagen können, seine eigene Schwester zu benutzen, um sie zu erpressen?

Lucy sah zu Boden. Andererseits war es gekommen, wie Theo und Henry prophezeit hatten. Sie hatte es geschafft, einen neuen Publisher zu finden. Nicht mit den Methoden, die sie sich gewünscht hätte, und nicht, weil jemand so sehr an Pedro den Panda glaubte wie sie. Aber sie hatte es geschafft.

Jetzt musste sie nur noch drei Dates mit Renaud überleben. Dem gut aussehenden Kerl, dessen Jackett sie trug, und dessen Aftershave deshalb immer noch in ihrer Nase hing und ihre Knie weich werden ließ.

Es war ungerecht, was für eine Macht er über sie besaß. Nicht, weil er attraktiv oder reich war. Das waren auch andere Männer, die Lucy vollkommen kalt ließen. Nein, es lag an diesem einen Abend vor acht Jahren. Ein Geist dieser Sommernacht im Garten dieses verfluchten Maskenballs hing an ihr und ließ sie nicht los, egal, was sie tat. Das naive Mädchen von damals weigerte sich, ihre Märchenträume aufzugeben. Aber Lucy würde sie dazu zwingen. Ja, vielleicht waren diese Dates die Gelegenheit, die Vergangenheit ein für alle Mal hinter sich zu lassen.

Arlette war wach, als Lucy zurück zum Pool kam. Ihre Freundin gähnte hinter vorgehaltener Hand und lächelte verlegen.

„Ich muss müder sein, als ich dachte.“ Sie richtete sich auf. „Wo warst du?“

„Bei deinem Bruder.“ Lucy plumpste auf ihren Liegestuhl und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Bei Renaud? Oh, hat er dir sein Jackett gegeben?“

„Ja, das war sehr nett von ihm. Leider war das auch die einzige Nettigkeit, die er zu bieten hatte.“ Sie verzog den Mund. „Wir haben ein Date. Morgen.“

„Wie bitte?“ Arlettes Augen weiteten sich erstaunt. „Renaud und du?“

„Ja.“ Lucy lächelte boshaft. „Und er wird es schon bald bereuen, dass er mich darum gebeten hat.“

Am Abend ihrer ersten Verabredung stand Lucy vor der Villa und schob ihre Brille höher. Die Abendluft war immer noch warm und die Sonne weit entfernt davon, unterzugehen. Wie ein orangefarbener Ball hing sie über den Berggipfeln.

Irgendwo hinter den hohen Mauern, die sich um die Villa zogen, lag Cannes. Die Straße hinunter, bis zum Meer. Dorthin würde Renaud sie wohl mitnehmen. Er hatte nicht gesagt, wohin sie gehen würden, und Lucy hatte nicht gefragt. Aber sie war bereit. Sie lauschte dem Rauschen der Palmen über ihrem Kopf und steckte die Hände in die Taschen ihrer Jogginghose. Zufrieden blickte sie sich zu Arlette um, die neben ihr wartete.

„Wie sehe ich aus?“, fragte sie und grinste.

Arlette kicherte. „Großartig. Das Hemd passt perfekt zur Hose. Ja, ein sehr ausgewogenes Ensemble.“

Sie log. Die Jogginghose war grellgrün, das übergroße Hawaiihemd knallrot und mit pinken Blumen übersät. Arlette hatte ihr geholfen, ein möglichst grässliches Outfit zusammenzustellen. Ihre Freundin hatte einen Diener damit beauftragt, ein paar scheußliche Stücke zu besorgen, und der hatte nicht einmal mit der Wimper gezuckt.

„Was denkst du, wird Renaud sagen?“ Lucy klimperte mit den Wimpern. Sie machte sogar eine Pirouette in ihren alten Flip-Flops und kicherte. „Ob es ihm wohl gefällt?“

„Es gefällt ihm nicht.“ Renaud schloss die Eingangstür hinter sich und musterte Lucys Outfit, mit einem Blick, der zwischen Entsetzen und Unglauben schwankte. „Was ist das?“

„Ich habe mich hübsch gemacht.“ Lucy rückte ihre Brille zurecht. Sie brauchte sie eigentlich nur, wenn sie zu lange am Bildschirm saß. Aber um Renaud zu verschrecken, war sie genau das Richtige. „Für unser Date, Renaud. Gefalle ich dir?“

Seine Mundwinkel kräuselten sich. „Die Brille ist niedlich, der Rest ist grauenvoll. Was soll das werden?“

Selbstverständlich war er makellos gekleidet. Die Krawatte war verschwunden. Er hatte den Anzug gewechselt und trug nun einen noch leichteren, grauen. Das Jackett hatte er sich unter den Arm geklemmt, und unter dem weißen Hemd wölbten sich seine Brustmuskeln.

„Ich bin dir nicht peinlich, oder?“, fragte Lucy. „Noch können wir das Date abblasen und deiner Großmutter vorgaukeln, dass wir einen wunderbaren Abend hatten.“

„Ich bin kein Lügner“, sagte er, und Lucy hätte am liebsten gelacht.

Natürlich war er das. Ein Lügner, der naive Mädchen verführte und Wetten darüber abschloss. Ein Lügner, der diesen Mädchen die große Liebe vorspielte.

„Gehen wir.“ Er bot Lucy seinen Arm an.

„Bis später, Arlette.“ Widerstrebend hakte Lucy sich ein.

„Viel Spaß, ihr beiden.“ Ihre Freundin wirkte äußerst amüsiert. Lucy hatte sie in den Grund ihrer Verabredung eingeweiht, und Arlette hatte sich erstaunlich wenig über ihre Großmutter gewundert.

„Bis später.“ Renaud nickte seiner Schwester zu, hielt kurz inne und fragte sie dann vorsichtig: „Wie geht es dir?“

„Gut. Mach dir keine Sorgen.“ Arlette lächelte, dann winkte sie ihnen und verschwand wieder im Haus.

Renaud öffnete Lucy die Beifahrertür seines Porsche 911 und glitt kurz darauf neben ihr hinters Steuer. Er nickte den Sicherheitsleuten zu, die über das Grundstück der Villa patrouillierten. Das Tor schwang auf, und der Motor röhrte. Lucys Magen machte einen winzigen Satz, als sie losfuhren.

Doch er war ein guter Fahrer. Schnell, aber sicher. Scheinbar mühelos glitt der Wagen durch die Serpentinen.

Cannes kam in Sicht. Die roten Ziegeldächer, der Hafen, in dessen dunklem Wasser unzählige Schiffe lagen und in der Abendsonne glänzten. Sie fuhren durch die Innenstadt, unter hohen Palmen hindurch und an opulenten Häusern vorbei.

Der Port de Cannes war ihr Ziel. Renaud übergab den Porsche einem Bediensteten, der sie offenbar bereits erwartet hatte, und führte Lucy über den Steg. Möwen kreischten über ihnen, die Wellen schwappten gegen weiße Boote, und sie verlor sich in einem Meer aus Jachten, von denen jede Einzelne mehr kostete, als sie in ihrem Leben je verdienen würde. Hunderte Masten ragten vor ihr in den Himmel.

„Nett hier“, sagte sie und versuchte, sich nicht an Renauds Arm zu klammern. Sie kannte sie doch, die Welt der Reichen und Schönen. Sie kannte sie aus dem Internat, aus Arlettes Erzählungen. Die gut gekleideten Menschen, glitzernden Diamantohrringe, Designerkleider aus weich fließender Seide, in Pastellfarben oder Cremeweiß. Lucy wusste, dass alles immer größer, schöner, neuer und teurer sein musste. Und hinter all dem Reichtum steckten ganz normale Menschen mit Träumen, Wünschen und Unsicherheiten, also musste sie sich nicht einschüchtern lassen.

Stolz reckte sie das Kinn in die Höhe.

„Du bist entschlossen, das durchzuziehen, ja?“ Renaud sah sie an. Ihre Schritte hallten über den Steg. „Noch ist Zeit, dich umzuziehen und in etwas Angemesseneres zu schlüpfen.“

„Nein, danke. Ich hätte ohnehin nichts Angemessenes dabei.“

Autor

Lynne Graham
Lynne Graham ist eine populäre Autorin aus Nord-Irland. Seit 1987 hat sie über 60 Romances geschrieben, die auf vielen Bestseller-Listen stehen.

Bereits im Alter von 15 Jahren schrieb sie ihren ersten Liebesroman, leider wurde er abgelehnt. Nachdem sie wegen ihres Babys zu Hause blieb, begann sie erneut mit dem...
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