Romana Extra Band 120

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VERRÄTERISCHE GEFÜHLE FÜR DEN FEINDvon CHLOE EDMONDSON
Schauspielerin Anne nutzt die Filmfestspiele in Cannes, um Missstände in der Textilindustrie anzuprangern. Einen so attraktiven Gegner wie den Modeunternehmer Michel Renier hatte sie jedoch noch nie. Nach einem Streit kommt es zwischen ihnen zu einem leidenschaftlichen Showdown …

HAPPY END IN DOLPHIN COVE?von ANNIE CLAYDON
Obwohl Caro ihm bei seinem ersten Besuch im Pyjama die Tür öffnet, ist es sofort um Drew geschehen! Eine zärtliche Nacht in ihrem Cottage lässt ihn schon hoffen, dass die scheue Erfinderin mehr in ihm sieht als nur einen Kollegen. Doch dann zieht Caro sich unvermittelt zurück…

UNSERE KREUZFAHRT INS GLÜCKvon CONNIE COX
Nur der Wind und die Wellen sind Zeugen, als Niko Christopoulos sie sinnlich massiert. Aber Schiffsärztin Annalise darf ihrem Verlangen nicht nachgeben. Denn Flirts mit Passagieren sind tabu – und ihr Schicksal erlaubt kein Liebesglück …

UNVERGESSLICHE TAGE MIT DIRvon SHOMA NARAYANAN
Nach ihrer geplatzten Hochzeit schwört Shefali sich, nie wieder zu lieben. Allerdings spricht nichts gegen eine heiße Affäre mit dem umwerfenden Neil. Zumal der bekannte Moderator in wenigen Wochen nach Mumbai zurückkehrt, weshalb ihr Herz nicht in Gefahr ist. Oder etwa doch?


  • Erscheinungstag 10.05.2022
  • Bandnummer 120
  • ISBN / Artikelnummer 0801220120
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Chloe Edmondson, Annie Claydon, Connie Cox, Shoma Narayanan

ROMANA EXTRA BAND 120

CHLOE EDMONDSON

Verräterische Gefühle für den Feind

Michel reicht es! Anne Delaneys öffentliche Kritik an seiner Modefirma schadet seinem Ruf. Doch das Einzige, woran er in Gegenwart der Schauspielerin denken kann, ist, sie in seinen Armen zu halten …

ANNIE CLAYDON

Happy End in Dolphin Cove?

Nie hätte Caro gedacht, dass ausgerechnet Drew ihren Prototyp einer Prothese für Hunde stehlen will! Aber wie ließe sich sonst erklären, dass der charmante Tierarzt heimlich in ihrer Werkstatt spioniert?

CONNIE COX

Unsere Kreuzfahrt ins Glück

Stille Wasser sind tief – und in Annalises Tiefe könnte er sich verlieren. Aber Niko muss die Schiffsärztin vergessen, sobald er von Bord geht. Sein gefährlicher Job verbietet ihm zu lieben …

SHOMA NARAYANAN

Unvergessliche Tage mit dir

Das ist Schicksal! denkt Neil, als er Shefali wiedertrifft. Sofort entbrennt die Leidenschaft zwischen ihnen. Bis Neil in dem Versuch, Shefalis Ruf zu schützen, einen folgenschweren Fehler begeht …

1. KAPITEL

Schon wieder ein Konvoi aus protzigen Limousinen mit getönten Scheiben! Die ganze Stadt war voll davon. Michel Renier drückte genervt auf die Hupe. Nach einem langen Tag im Büro wollte er einfach nur nach Hause.

„Diese Wichtigtuer blockieren alles“, knurrte er, obwohl ihn niemand hören konnte.

Unwillkürlich blickte er auf den Beifahrersitz neben sich. Wenn seine Zwillingsschwester Aurore hier säße, hätte sie gelacht. Wahrscheinlich hätte sie ihn sogar dazu gebracht, sich mit ihr an den Straßenrand zu stellen und die Parade der Prominenten und die Journalistenhorden zu beobachten. Er vermisste Aurores spitzzüngige Art so sehr. Sie hatte es geliebt, mit ihm über die hochnäsigen Leinwandschönheiten herzuziehen.

Aber seine Schwester war nicht mehr da, und Michel hasste die Filmfestspiele und alles, was damit zusammenhing. Es war Mai, einer der schönsten Monate in Südfrankreich, doch Cannes war überfüllt und Michels Stimmung auf dem Tiefpunkt.

Abermals drückte er auf die Hupe, was ihm empörte Rufe aus dem Fahrzeug vor ihm bescherte.

Eine Frau mit feuerrotem Haar streckte den Kopf aus dem hinteren Wagenfenster und gestikulierte, als hätte er sie gestört, nicht umgekehrt. „Nun geben Sie doch endlich Ruhe!“ Ihre Haare flatterten im Wind, der vom Jachthafen zu ihnen heraufwehte. Ihr blasses, schmales Gesicht war fast komplett von einer riesigen Sonnenbrille verdeckt.

„Bien sûr … Wenn Sie verdammt noch mal weiterfahren!“, rief er zurück.

Nur noch wenige Meter bis zur Auffahrt seiner Villa, und er steckte fest!

Erst jetzt erkannte er, welches Ziel der Fahrzeug-Konvoi vor ihm hatte.

„Das darf doch nicht wahr sein“, schimpfte er und schlug mit der flachen Hand aufs Lenkrad.

Die Nachbarvilla, deren ausgedehnte Parkanlage an seinen Garten grenzte, gehörte einem Öl-Milliardär aus der Golfregion. Er bewohnte sie nur wenige Wochen im Jahr. Da er ein ausgemachter Cineast war, stellte er die Villa für die Zeit der Festspiele einer Produktionsfirma zur Verfügung, die ihre Berühmtheiten darin einquartierte.

Mit Aurore hatte Michel früher seinen Spaß daran gehabt, das Brimborium um die Stars und Sternchen nebenan zu beobachten.

Die Erinnerung sandte einen stechenden Schmerz durch seinen Körper. Wenn er an seine Zwillingsschwester dachte, fühlte es sich an, als bohrte sich ihm ein glühender Dolch ins Herz.

Doch Michel schüttelte dieses Gefühl ab, wie er es immer tat, und lenkte den wendigen Roadster in eine Parklücke am Straßenrand. Einer seiner Angestellten konnte das Auto später holen. Er hatte keine Zeit, wenige Hundert Meter vor dem Ziel tatenlos im Stau zu stehen.

Murrend drängte er sich durch die Menge der Paparazzi und atmete erst wieder auf, als sich das schmiedeeiserne Tor seines Grundstücks surrend hinter ihm schloss.

Die Ruhe des Gartens und der Anblick der Schatten spendenden Palmen und üppig blühenden Sträucher legten sich wie Balsam auf seine angespannten Nerven.

Michel liebte das alte Anwesen. Hier waren Aurore und er aufgewachsen. Inzwischen bewohnte er es allein. Seine Eltern waren in eine elegante Wohnung nahe der Innenstadt von Cannes gezogen, die neben dem gewohnten Luxus auch eine Pflegeoption und ein barrierefreies Umfeld für Michels Vater bot. François Renier hatte nach einem Schlaganfall vor wenigen Jahren die Leitung des Familienunternehmens Renier Couture an seine Tochter übergeben und sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Seit Aurores Tod hatte Michel den Firmenvorsitz übernommen und kümmerte sich um das Geschäft. Und das neben seinem eigenen Betrieb – einem Bauunternehmen für Luxusimmobilien an der Côte d’Azur.

Seufzend überquerte er das rötliche Mosaikpflaster des Vorplatzes, stieg die breite Außentreppe hinauf und drückte die Wagenschlüssel in die Hand des verblüfften Butlers, der ihm die Tür öffnete.

„Bitte holen Sie das Cabrio, sobald sich das Tohuwabohu da draußen gelegt hat, Matthieu“, sagte er im Vorbeigehen und fügte hinzu: „Und sagen Sie der Köchin, dass ich mein diner im Arbeitszimmer einnehme.“

„Aber, Monsieur, sollten Sie nicht wenigstens zum Essen eine Pause einlegen?“, wandte der alte Matthieu ein. Er war schon so lange bei der Familie angestellt, dass Michel ihn als eine Art zweiten Vater betrachtete. In seiner Kindheit war er immer da gewesen, wenn seine Eltern bis spät in die Nacht gearbeitet hatten.

Doch Michel winkte ab. „Zu viel zu tun.“

Den ganzen Tag hatte er sich um die Belange der Baufirma gekümmert. Nun war es an der Zeit, sich mit Renier Couture zu beschäftigen.

Das war gar nicht so leicht, wie er später am Abend resigniert feststellen musste. Der Hauptgang aus vorzüglichem Coq à l’Orange mit Ratatouille-Gemüse und einer Portion Herzoginkartoffeln war längst einer Käseplatte und schließlich dem belebenden Kaffee gewichen. Danach hatte er sich eine gute Flasche Wein bringen lassen – und war noch immer nicht schlau geworden aus der Buchhaltung seines Vaters und seiner Schwester.

Er seufzte leise auf.

Dabei war es nicht das erste Mal, dass er sich mit den Zahlen auseinandersetzte, immerhin war seit dem Unfall ein ganzes Jahr vergangen. Doch die Buchführung von Renier Couture hatte es in sich. Die Belege erschienen ihm undurchsichtig und verzettelten sich in Unterkategorien und obskuren Subunternehmen. Außerdem hatte man Michel nie auf eine Übernahme der Firmenleitung vorbereitet.

Er fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Langsam ließ seine Konzentration nach.

Alle in der Familie waren sich stets darüber einig gewesen, dass Aurore mit ihrem Sinn für Mode die perfekte Nachfolgerin für ihren Vater sein würde. Michel hatte stattdessen Bauingenieurwesen studiert, sich in die betriebswirtschaftlichen Grundlagen der Unternehmensführung eingearbeitet und schließlich eine Firma gegründet, die ganz seiner Persönlichkeit entsprach: strukturiert, gradlinig, schnörkellos. Er hatte wenig übrig für die Modevisionen, in denen sein Vater und seine Schwester geschwelgt hatten. Mit seinem Faible für das Rationale hatte er in seiner Familie schon immer hervorgestochen. Und niemals hätte er damit gerechnet, dass er nun, mit achtunddreißig Jahren, plötzlich gezwungen sein würde, die Familientradition und damit das Modeimperium der Reniers aufrechtzuerhalten.

Durch die weit geöffneten Fenster drang würzige Abendluft herein. Die Sonne war längst untergegangen, und die Nacht hatte sich über den Garten gesenkt. Doch in der Nachbarvilla wummerten die Bässe und störten die Ruhe.

Wie er die Filmfestspiele verabscheute! Jedes Jahr musste er sich wegen ihnen nicht nur mit dem Verkehrschaos herumschlagen, nein, viel schlimmer waren die ganzen Partys. An jedem Wochentag und zu jeder Herrgottszeit dröhnten Musik und das Geschrei der Feierwütigen durch die Stadt.

Michel trat ans Fenster und schaute genervt zum Nachbargrundstück hinüber. Die Villa war hell erleuchtet. In den Fenstern wechselten bunte Lichter, und grelle Scheinwerferblitze zuckten hier und da. Die dunklen Silhouetten unzähliger Gäste bewegten sich im Rhythmus der lauten, monotonen Musik. Auch draußen am Pool standen und saßen sie und schwadronierten lauthals herum.

„Was für Idioten!“, knurrte er und zog das Sprossenfenster schwungvoll zu. „Als ob sie nichts Besseres zu tun hätten.“

Auch die drei anderen Fenster zur Gartenseite schloss er energisch. Dann setzte er sich zurück an den Laptop.

Die Stirn in beide Hände gestützt, starrte er auf den Bildschirm. Eine echte Sisyphos-Arbeit, sich in die unübersichtlichen Firmenstrukturen von Renier Couture einzuarbeiten. Aus seinen Unterlagen ging noch nicht einmal eindeutig hervor, welche Firmen alle zu ihrer Lieferkette aus Baumwollherstellern, Stoff- und Farbproduzenten gehörten, die wiederum den großen südostasiatischen Nähereien zuarbeiteten. Michel war noch dabei, diese Informationen mühsam zusammenzutragen.

Ein schepperndes Gitarrenriff, das von der Nachbarvilla herüberschallte, zehrte an seinen Nerven. Wie sollte er sich bei diesem Krach auf die Arbeit konzentrieren?

Stirnrunzelnd nahm er noch einen Schluck von dem trockenen Rotwein und stellte das Glas beiseite. Wenn er das Unternehmen so erfolgreich halten wollte, wie es unter der Führung seines Vaters gewesen war, würde er die Firmenstrukturen von Grund auf erneuern müssen.

Sein Kopf schmerzte beim Gedanken daran – auch ohne den Krach von nebenan. Solch eine grundlegende Modernisierung würde nicht ohne Widerstand vonstattengehen. Seine Eltern hatten ihre eigenen Vorstellungen, was die Firma betraf, und er wollte sie nicht unnötig belasten. Sie alle litten genug unter der Krankheit seines Vaters. Aber mehr noch trauerten sie um Aurore, die viel zu früh von ihnen gegangen war.

Einen Moment lang starrte er die Zahlen auf dem Bildschirm blicklos an. Er musste unliebsame Entscheidungen treffen, und alles in ihm sträubte sich dagegen.

Da zerriss ein Schrei die Nacht. Michel sprang auf und eilte wieder ans Fenster. Sein Herz raste, und Bilder einer anderen Katastrophe stiegen vor seinem inneren Auge auf: Aurores verzweifelter Aufschrei, ein Baum, der auf sie zugerast kam, und dann diese schreckliche Stille, als er wieder zu Bewusstsein kam …

Die Nackenhaare stellten sich ihm auf. Für einen kurzen Moment war er wie gelähmt vor Schreck.

Doch bei seinen Nachbarn schien niemand in ernster Gefahr zu schweben. Im Gegenteil: Lachend und kreischend stürzten sich Partygäste in den Pool und veranstalteten dabei einen Radau, als wären sie allein auf der Welt.

Hastig blinzelte er die Nebel der Vergangenheit fort, die ihm die klare Sicht genommen hatten, und blickte auf seine Armbanduhr: Es war schon nach zwei Uhr nachts.

„Jetzt reicht es.“

Wütend klappte er seinen Laptop zu und stürmte aus der Tür.

Dröhnende Bässe, Diskolichter im großen Salon und das überwältigende luxuriöse Ambiente dieser riesigen Villa am Rande von Cannes …

Als Anne Delaney am Ende des langen, aufregenden Tages innehielt und um sich blickte, hatte sie das Bedürfnis, sich zu kneifen. Einfach weil es so surreal und unwahrscheinlich war, dass ein Mädchen wie sie sich in einer Situation wie dieser befand.

Immerhin war es mitten in der Nacht. Gut möglich, dass sie nur träumte.

Ihr Manager George Walters klopfte ihr lachend auf die Schulter. „Kannst dich so viel kneifen, wie du willst. Das ist jetzt dein Leben. Ich beglückwünsche mich jeden Tag dazu, dich und dein umwerfendes Talent entdeckt zu haben.“

Dann wandte er sich ab und rief einem der vielen Kellner zu, er möge noch mehr Champagner bringen.

Anne nahm zum ersten Mal an den Filmfestspielen teil. Ihr aktueller Kinofilm Geheimnis um Windsor Castle war für mehrere Preise nominiert, und fast über Nacht war sie von der unbekannten siebenundzwanzigjährigen britischen Bühnenschauspielerin zu einem angesagten Hollywoodstar aufgestiegen.

Sie wunderte sich selbst, wie schnell sich alles plötzlich entwickelt hatte, nachdem sie sich jahrelang mit wechselnden Engagements an Kleinstadttheatern über Wasser gehalten hatte.

Nun trug sie keine Secondhand-Kleider mehr, sondern funkelnde Roben, die über und über mit goldenen Pailletten bestickt waren. Sie beschäftigte eine Armada aus Make-up-Artists und Stylisten, die sich darum kümmerten, dass sie auf dem roten Teppich gut aussah. Unzählige Menschen rissen sich darum, bei ihrer spontanen Party in der Villa dabei zu sein. Einer Party, die an einem Dienstagabend stattfand – mitten in der Woche. So etwas hätte es zu ihrer Jugendzeit im Londoner East End nie gegeben.

Andererseits: Was hatte dieses Leben überhaupt noch mit dem East End gemein? Sie war an der Côte d’Azur! Hier strahlte tagsüber die warme Mittelmeersonne, und die Nächte waren so lau, dass sich ihre Gäste in diesem Moment ausgelassen in den Pool stürzten.

Das ist alles so verrückt, dachte Anne. Ihr wurde manchmal schwindelig zumute bei dem Versuch, sich an ihre neue Realität zu gewöhnen.

Die anderen Stars machen sich sicher keinen Kopf um solche

Kleinigkeiten wie Wochentage. Ich sollte mich entspannen.

Also nahm sie ein neues Champagnerglas vom Tablett des Kellners, warf ihre perfekt frisierten roten Wellen in den Nacken und ließ sich von der ausgelassenen Stimmung mitreißen.

Das war jetzt ihr Leben! Das genaue Gegenteil von ihrer einsamen, trostlosen Kindheit, als all das hier noch vollkommen unerreichbar erschienen war – Glück, Erfolg und der Sprung in die ganz große Karriere.

Kopfschüttelnd schob sie die alten Erinnerungen beiseite.

Sie lachte gerade über einen schlüpfrigen Witz ihres Managers, als plötzlich der nervöse Butler vor ihr stand. Er gehörte gewissermaßen zum Inventar der im orientalischen Stil gehaltenen Traumvilla, die man ihr für die zehn Tage der Filmfestspiele zur Verfügung gestellt hatte.

„Ms. Delaney, entschuldigen Sie. Ihr Nachbar ist gerade eingetroffen …“

„Soll reinkommen und mit uns feiern!“, gab sie fröhlich zurück und schaute über die Schulter des livrierten Butlers hinweg. „Wo ist er denn?“

„Hier!“, knurrte eine Stimme direkt neben ihr, die so tief und rau war, dass ihr trotz der warmen Nacht ein Schauer über den Rücken lief.

Als Anne sich zu ihm umwandte, stockte ihr der Atem.

Der Mann war geradezu unanständig gut aussehend. Umwerfend auf eine Art, wie nur Franzosen es schafften. Das musste sie als Engländerin neidlos anerkennen. Seine dunklen Haare waren kurz geschnitten und nach hinten gestylt. Er war nicht besonders groß, dank ihrer High Heels befand sie sich ungefähr auf Augenhöhe mit ihm, aber unter seinem weißen Hemd zeichnete sich ein durchtrainierter Oberkörper ab, der so manchen Mann vor Neid erblassen lassen würde. Zu dem Hemd trug er eine schwarze, zweifellos maßgeschneiderte Anzughose und lässige Loafer, die davon zeugten, dass er trotz seines formellen Outfits längst im Feierabend war.

Kein Wunder um zwei Uhr nachts.

Doch am bemerkenswertesten war sein Gesicht. Selbst in der schummrigen, wechselnden Diskobeleuchtung erkannte sie seine mediterrane Sonnenbräune. Er hatte markante Züge, ein starkes Kinn und eine gerade Nase, die ihm etwas Aristokratisches verliehen.

Dieser Mann war so sexy, dass man sich ihm mit Freuden hätte zu Füßen werfen wollen, wenn da nicht seine Augen gewesen wären …

Sie waren so dunkel und unergründlich wie Obsidian und funkelten derart gefährlich, dass ihr das Lächeln auf den Lippen erstarb.

„Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist?“, begann er in perfektem Englisch und in so bedrohlichem Tonfall, dass die Gespräche um sie herum verstummten. „Ist Ihnen klar, wie verdammt laut Sie sind?“

Seine offensichtliche Geringschätzung fuhr ihr unter die Haut wie spitze Nadelstiche.

Zuerst wollte sie in ihr altes, verängstigtes Ich zurückfallen, das sich von ihm allzu leicht hätte einschüchtern lassen. In ihrem Nacken prickelte es, und die Härchen auf ihren Unterarmen stellten sich auf. Ihr ganzer Körper schien zur Flucht bereit.

Dann jedoch sah sie an der kostbaren goldenen Robe hinab, die ihre schlanke Figur umschmeichelte. Entschlossen strich sie ein paar unsichtbare Fältchen glatt, atmete tief durch und straffte die Schultern.

Natürlich wusste sie, dass sie mit ihrer Party unter der Woche die Nachtruhe störte. Aber das hier waren die Filmfestspiele von Cannes, und sie war eine international gefeierte Schauspielerin! Also begegnete sie seinem zornigen Funkeln mit einem herausfordernden Lächeln.

„Gesellen Sie sich doch einfach zu uns“, säuselte sie. „Ich lasse Ihnen einen Champagner kommen. Dann stoßen Sie mit mir auf meine Nominierung bei den Filmfestspielen an!“

Doch bevor sie einen Kellner heranwinken konnte, setzte er nach: „Ich bin nicht hier, um zu trinken! Ich will, dass dieser Lärm aufhört! Sie beschallen die ganze Nachbarschaft!“

So, wie er das Wort „Nachbarschaft“ betonte, ahnte sie, dass er zu den gebürtigen Einwohnern der Stadt zählte. Offensichtlich ging es ihm nicht nur um diese eine Party, sondern er betrachtete die Teilnehmer der Filmfestspiele generell als lästige, lärmende Eindringlinge.

Aber sie ließ sich fremde Vorstellungen nicht einfach so überstülpen. Auch nicht, wenn sie mit einem charmanten französischen Akzent vorgebracht wurden.

„So? Vielleicht sollte sich die Nachbarschaft einfach ein paar Ohrstöpsel besorgen. Oder kennt man so etwas Praktisches in Frankreich nicht?“

Sie wusste, dass es absurd war, ihm Vorschläge zu machen. Ruhestörung blieb Ruhestörung. Noch vor wenigen Minuten hatte sie selbst darüber nachgedacht.

Aber er musterte sie mit so viel Geringschätzung und machte einen derart unverrückbaren Eindruck, dass sie nicht anders konnte, als ihn herauszufordern.

Angriff ist die beste Verteidigung.

Wenn sie auch sonst nicht viel von ihrem Vater gelernt hatte, so wusste sie immerhin, dass sie niemals klein beigeben durfte. Schultern straffen, Kinn vorschieben, Kopf hoch. Sonst endete man womöglich so einsam und desillusioniert wie er.

„Wie Sie wollen. Ich kann auch einfach die Polizei rufen.“ Er starrte sie an.

Anne schluckte. Sein finsterer Gesichtsausdruck ging ihr durch und durch. Trotz der kostspieligen Robe fühlte sie sich auf einmal merkwürdig nackt.

Was auf seltsame Weise unangenehm und aufregend zugleich war. Einerseits schreckte sie instinktiv vor seiner Wut zurück. Andererseits brannte in seinen faszinierenden Augen ein Feuer, wie sie es noch nie gesehen hatte. Gegen ihren Willen schoss ihr die Frage durch den Kopf, ob er in anderer Hinsicht auch so leidenschaftlich war.

Sie zwang sich, die Augen zu schließen, bis ihr Herzschlag sich einigermaßen beruhigt hatte.

Erst dann stellte sie sich wieder seinem Blick. „Von mir aus holen Sie die Polizei! Mein Manager freut sich über kostenlose Publicity.“

Sie bluffte. Die Vorstellung, der französischen Gendarmerie Rede und Antwort zu stehen, behagte ihr überhaupt nicht, Starbonus hin oder her. Aber George nickte grinsend und reckte einen Daumen nach oben, sodass sie sich bestätigt fühlte.

Normalerweise neigte sie nicht zu Starallüren, dazu war sie zu kurz im Geschäft. Aber einschüchtern ließ sie sich auch wieder nicht. Schon gar nicht von diesem unfreundlichen Franzosen!

Er hielt ihrem Blick beharrlich stand, und wieder stellten sich ihre Nackenhaare auf. Ob aus Angst oder aus Aufregung, konnte sie nicht sagen.

Sie blinzelte unwillkürlich und sah, dass er ihre Unruhe bemerkt hatte.

„Das wird nicht nötig sein“, erwiderte er tief und betont lässig. „Ich verlasse mich darauf, dass der Krach jetzt vorbei ist. Von mir aus lassen Sie sich drinnen noch ein wenig hofieren, wenn Sie das brauchen. Aber bei geschlossenen Fenstern.“

Damit warf er ihr einen letzten abschätzigen Blick zu und wandte sich zum Gehen. Auf dem Weg zur Tür drückte er auf einen Lichtschalter. Augenblicklich wurde der Salon in gleißendes Licht getaucht, was der Party ein abruptes Ende setzte.

Zunächst blieb Anne reglos stehen. Ihre Gäste starrten dem Kerl fassungslos hinterher. Selbst der DJ hörte hinter seinem Mischpult für einen Moment auf, im Takt der Musik zu tanzen.

Es gehörte schon ein gewisses Selbstbewusstsein dazu, in ein rauschendes Fest zu platzen und rundheraus sein Ende zu fordern. Egal, ob man im Recht war oder nicht.

Immerhin war sie für einen der wichtigsten Filmpreise der Welt nominiert und hatte allen Grund zu feiern.

Aber diesen Mann interessierte nicht, wer sie war oder was sie geleistet hatte. Vollkommen unbeeindruckt ging er mit fließenden, beinahe raubtierhaften Bewegungen in Richtung der Eingangshalle davon. Die machtvolle Aura, die er dabei verströmte, zog sie auf mysteriöse Weise an, sodass sie ihm fasziniert folgte.

Kurz bevor der Butler die zweiflügelige Haustür für ihn öffnete, holte sie ihn ein und umfasste seinen Oberarm, um ihn aufzuhalten.

Das hätte sie nicht tun sollen. Die Berührung durchfuhr sie wie ein Blitz. Hitze durchflutete ihren Körper und sandte ein sehnsuchtsvolles Ziehen in ihren Unterleib.

Erschrocken zog sie die Hand weg, während er sich langsam und bedrohlich zu ihr umdrehte.

Sein dunkler, intensiver Blick verriet, dass er die Spannung ebenfalls gespürt hatte. Wortlos starrte er sie an, und sie leckte sich nervös über die Lippen, als sein Blick zu ihrem Mund hinabglitt.

Ihr Hals fühlte sich schrecklich trocken an. Dabei hielt sie das Glas mit dem perlenden, eiskalten Champagner sogar noch in der Hand. Doch sie brachte es nicht über sich, irgendetwas zu tun, das diesen Blickkontakt unterbrochen hätte.

„Sie haben sich gar nicht vorgestellt“, stieß sie heiser hervor. „Mein Name ist Anne Delaney.“

Sie hielt ihm eine zitternde Hand entgegen.

Einen Moment lang betrachtete er sie wortlos. Dann erwiderte er, ohne ihr die Hand zu geben: „Es ist mir vollkommen egal, wer Sie sind oder für wen Sie sich halten. Die Festspiele dauern zehn Tage. So lange werden Sie sich gefälligst benehmen. Danach verschwinden Sie zurück nach Hollywood, und ich habe meine Ruhe.“

Anne beobachtete sprachlos, wie er sich abwandte.

Noch während der Butler hinter ihm die Tür ins Schloss drückte, nahm sie sich vor, diesem unverschämten Kerl bis zum Ende der nächsten Woche so manche schlaflose Nacht zu bereiten. Nicht, weil sie plötzlich fand, dass sie im Recht war, wenn sie jede Nacht feierte. Sondern weil er es verdient hatte.

2. KAPITEL

Als es an der Tür seiner Villa klingelte, warf Michel einen raschen Kontrollblick in den großen, vergoldeten Spiegel in der Eingangshalle. Der maßgeschneiderte Smoking saß perfekt. Er rückte noch schnell die schwarze Fliege zurecht und öffnete die Tür.

„Bonjour, maman.“

„Bonjour, mon fils“, säuselte Michels Mutter Madeleine Renier. „Du siehst schlecht aus.“

Na, herzlichen Dank.

Kopfschüttelnd nahm er seine Mutter in den Arm und küsste sie auf beide Wangen. „Zum Glück kann ich mich hinter deiner Schönheit verstecken, maman.“

Sie drehte sich stolz um die eigene Achse, damit er die türkisfarbene Robe mit dem passenden spitzenbesetzten Jäckchen bewunderte. Das Haar hatte sie sich kunstvoll aufstecken lassen, und an ihren Ohren glitzerten tropfenförmige Diamantohrringe, die im gleichen Schliff gearbeitet waren wie die Diamantkette um ihren Hals.

Auch mit neunundsechzig Jahren verkörperte Madeleine Renier noch immer ein Sinnbild französischer Eleganz, mit ihrer zarten, fast zerbrechlichen Figur und ihrer grazilen, femininen Ausstrahlung.

Sie war früher Mannequin gewesen. Durch diesen Beruf hatte sie seinen Vater kennengelernt, einen jungen, aufstrebenden Modeschöpfer, der nach dem richtigen Modell für seine elegante Modelinie suchte. Direkt beim ersten Shooting hatte es zwischen den beiden gefunkt, und so war aus Madeleine Valencienne innerhalb kurzer Zeit Madeleine Renier geworden. Gemeinsam hatten sie ein international erfolgreiches Modeunternehmen aufgebaut: Michels Vater war der kreative Kopf der Firma gewesen und Madeleine das Aushängeschild für Frauen in aller Welt, die genauso aussehen wollten wie sie.

Für ihre Kinder Aurore und Michel war ihnen wegen der vielen Arbeit nur wenig Zeit geblieben. Doch seine Zwillingschwester und er hatten schließlich einander gehabt. Damals waren sie unzertrennlich gewesen.

Aurore … Michel schluckte.

Gerade heute vermisste er sie umso schmerzlicher. Am liebsten hätte er das anstehende Galadiner abgesagt und sich in einen Berg von Geschäftsakten vergraben. Aber da sich sein Vater aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, war es Madeleine wichtig gewesen, dass wenigstens ihr Sohn sie begleitete. Sie hatte ihm gesagt, sie würde ihn mit ihrem Wagen abholen. Wahrscheinlich, um sicherzugehen, dass er auch wirklich mitkam.

Denn es fiel Michel ausgesprochen schwer.

Unter anderem, weil er tatsächlich erschöpft und übernächtigt war. Die viele Arbeit und die lauten Partys der Nachbarin forderten ihren Tribut.

Jede Nacht hatte er seit seinem ersten Besuch die Polizei gerufen, ohne Erfolg. Am nächsten Abend war das Spiel von vorne losgegangen. Und als hätte ihre Unverfrorenheit ihn nicht schon genug gereizt, quälte ihn seine Fantasie noch im Schlaf mit den sinnlichsten Bildern ihres schlanken Körpers in diesem schillernden Paillettenkleid. Dann erwachte er mitten in der Nacht, erregt und gleichzeitig wütend. An Weiterschlafen war nicht zu denken. Es war, als hätte sie ihn verhext, um sein angespanntes Nervenkostüm vollends zu ruinieren.

„Wollen wir dann?“, fragte seine Mutter jetzt und holte ihn damit in die Realität zurück. „Es wäre doch ziemlich peinlich, wenn die Preisverleihung ohne uns anfängt, non?“

Das wäre es wohl. Aber es wäre Michel dennoch lieber.

Denn das war der andere Grund für sein Unbehagen: Der Preis, den sie heute zum ersten Mal verleihen würde, war seiner Schwester Aurore gewidmet. Seiner schönen Schwester Aurore, die vor knapp einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.

Die Erinnerungen, die ein solcher Abend in ihm heraufbeschwören würde, rumorten schon jetzt in seinem Inneren, und er hielt sie nur mühsam in Schach.

Aber er hatte es nun einmal versprochen. Diesen Sonderpreis für soziales Engagement hatte sich seine Mutter ausgedacht. Es war Madeleines Art, an Aurore zu erinnern, die ein warmherziger, gutmütiger Mensch gewesen war. Seine Mutter hatte alles organisiert, vermutlich, um so ihre Trauer zu verarbeiten. Seine einzige Aufgabe bestand darin, sie zu der Gala zu begleiten, die das Andenken an ihre verstorbene Tochter bewahren sollte.

Er brachte es nicht übers Herz, ihr diese Bitte auszuschlagen.

Galant geleitete er seine Mutter hinaus zu der wartenden Limousine, die sie zu einem der geschichtsträchtigen Hotels an der Strandpromenade bringen würde. Dort sollte die Preisverleihung im großen Ballsaal des Fünfsternehauses stattfinden.

„Erinnere mich daran, dass ich Lucien zu seiner fantastischen Kreation gratuliere“, bat er, als der Fahrer ihnen die Wagentür aufhielt. Madeleine ließ sich elegant auf den Rücksitz gleiten und zog die kurze Schleppe ihres Kleids zu sich herein.

Er wusste, dass dieser Kommentar sie freute. Lucien Delacroix, der Chefdesigner von Renier Couture, hatte sich zweifellos mächtig ins Zeug gelegt, um die perfekte Robe für ihren großen Galaauftritt zu entwerfen.

Erst als Michel ebenfalls eingestiegen war, wurde ihm bewusst, dass er überhaupt keine Ahnung hatte, wen sie heute auszeichneten.

„Du hast nie gefragt“, konterte Madeleine trocken, wirkte aber nicht beleidigt.

Auch sie wusste, wie viel Arbeit er mit der doppelten Firmenleitung hatte.

Als er sich dennoch zerknirscht gab, lenkte sie ein: „Der Name wird dir nichts sagen. Unsere Preisträgerin ist eine aufstrebende Nachwuchsschauspielerin. Wir waren alle begeistert von ihrem sozialen Engagement. Sie hat früh damit begonnen, sich für die Bildung sozial benachteiligter Kinder einzusetzen. Mittlerweile hat sie mehrere Schulen in den Textilmetropolen Südostasiens aufgebaut, damit die Kinder der Näherinnen dort unterrichtet werden, während ihre Eltern arbeiten. Das passt thematisch perfekt zu unserem Unternehmen. Wir konnten gar nicht anders, als sie für unsere erste Preisvergabe auszuwählen. Ihr Projekt wird eine stattliche Summe an Fördergeldern erhalten. Ich glaube, es hätte Aurore gefallen.“

Michel nickte lächelnd. Schön zu sehen, dass seine Mutter ein Jahr nach Aurores Tod langsam zu ihrem tatkräftigen, energiegeladenen Selbst zurückfand. Offenbar hatte der Prix Aurore Renier neue Lebensgeister in ihr geweckt. Besonders in den ersten Monaten nach dem Unfall hatte er sich sehr um sie gesorgt. Sie hatte sich von der Welt abgewandt und in ihrer Trauer und dem Kummer um ihren kranken Mann verloren. Es tat gut, endlich wieder ihren Elan zu spüren.

So hob sich Michels Stimmung nun doch, als der Wagen vor den Stufen des Hotels hielt. Draußen lauerten schon die Fotografen am roten Teppich auf die besten Motive.

Stolz führte er seine Mutter in die Hotellobby und beobachtete, wie sie die Gäste begrüßte. Gemeinsam baten sie alle, sich an die Tische mit den entsprechenden Platzkarten zu begeben, damit die Zeremonie beginnen konnte.

Auch er setzte sich an seinen Platz, nachdem er mit einigen Geschäftsfreunden gesprochen und den anwesenden Modeikonen zu ihren fantastischen Outfits gratuliert hatte. Mit einem zufriedenen Lächeln nippte er an dem exzellenten Weißwein, der zum Amuse-Gueule gereicht wurde.

Die Dekoration des Saales war in festlichen Gold- und Silbertönen gehalten. Üppige Kristalllüster brachten alles zum Funkeln. Als Michels Mutter auf der kleinen Bühne ans Rednerpult trat, senkte sich eine gespannte Stille über den Raum.

Überrascht bemerkte er, dass sogar mehrere Fernsehsender live von der Gala berichteten. Wie hatte sie das zur Festspielzeit hinbekommen? Wer auch immer für sein soziales Engagement geehrt wurde, würde sich hinterher über zahlreiche Spenden der Anwesenden und der Zuschauer vor den Fernsehbildschirmen freuen.

„Meine lieben Freunde, mes chers amis“, begann Madeleine ihre Rede. „Ich bin gerührt, dass Sie alle gekommen sind. Diejenigen, die meine liebe Aurore kennenlernen durften, werden wissen, dass sie solche Galaabende liebte. Vor allem haben sie natürlich immer die schönen Kleider interessiert …“

Der Schmerz in Michels Innerem ließ das Lächeln auf seinem Gesicht verblassen. Während seine Mutter liebevoll von ihrer Tochter sprach, erschien ihr Bild vor seinem inneren Auge. Aurore, wie sie lachte und mit ihm über die anderen Gäste scherzte. Aber sie war nicht nur frech und lebensfroh gewesen. Es hatte ihr auch am Herzen gelegen, den Menschen etwas von ihrem Glück zurückzugeben. Seine Mutter hatte recht. Diese Spendengala wäre ganz in Aurores Sinne gewesen.

Michel beobachtete seine Mutter auf der Bühne. Selbst von seinem Platz aus sah er die Tränen in ihren Augen funkeln. Sie klammerte sich mit verkrampften Fingern an das Rednerpult. Am liebsten wäre er aufgestanden und zu ihr gegangen, doch damit hätte er nur noch mehr Aufmerksamkeit auf ihre Emotionalität gelenkt.

Also lächelte er ihr aufmunternd zu, wann immer ihr Blick in seine Richtung glitt. Du schaffst das, maman.

Alle im Raum, die seine Mutter kannten, hielten die Luft an. Jeder ahnte, wie schwer es ihr fiel, von Aurore zu sprechen. Ihm ging es genauso. Er spürte, dass Lucien ihn von der Seite ansah, vermied es jedoch, seinen Blick zu erwidern.

Dann endlich schwenkte die Rede seiner Mutter von Aurore zur Preisträgerin des heutigen Abends über. Michel sah, wie ihre Finger sich langsam entspannten, und auch er atmete auf. Von den Errungenschaften des sozialen Projekts zu hören, beschwor in ihm weniger schmerzliche Erinnerungen herauf.

In warmen Worten schilderte Madeleine den Werdegang ihrer Preisträgerin und die Bedeutung ihrer karitativen Arbeit. Aus den Augenwinkeln sah er eine Bewegung am Bühnenrand, und eine erschütternde Vorahnung erfasste ihn.

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, bitte begrüßen Sie mit mir … Anne Delaney!“

Tosender Applaus brandete auf. Madeleine trat lächelnd vom Rednerpult zurück und klatschte ebenfalls. Die Kameras schwenkten herum, und ein gleißender Schweinwerfer richtete sich auf die Schauspielerin. Der golden schimmernde Vorhang hinter der Bühne flammte glitzernd auf. Alle Augen lagen auf Anne Delaney, die selbstbewusst nach vorn trat, und selbst Lucien neben ihm applaudierte begeistert.

Michels Nackenhaare stellten sich auf. Ausgerechnet sie! Seine party- und streitsüchtige Nachbarin!

Sie trug ein kurzes schwarzes Cocktailkleid, das sich eng an ihren Oberkörper schmiegte und in einem üppigen Chiffonrock hinabfiel, der bei jedem Schritt auf und ab wippte und den Blick auf ihre bezaubernden langen Beine freigab.

Ihre roten Haare hatte sie zu einem lässigen seitlichen Pferdeschwanz gestylt, der leicht eingedreht auf ihrer linken Schulter lag. Schwarze Perlenohrringe sowie ein blutrotes Collier aus Granat unterstrichen ihre atemberaubende Schönheit. Auf den schwindelerregenden High Heels überragte sie seine Mutter um einen Kopf. Sie bewegte sich so elegant, als wäre sie mit diesen Schuhen geboren worden, dabei hatte Madeleine gerade noch von Annes schwieriger Kindheit in ärmlichen Londoner Verhältnissen gesprochen. Auf ihrem zierlichen Gesicht lag nun ein irritiertes Strahlen, das unglaublich attraktiv war, ihn allerdings an die herausfordernde Haltung bei ihrer Begegnung vor einigen Tagen erinnerte.

Sie wirkte kein bisschen dankbar über die Auszeichnung.

Dennoch nahm sie den Preis aus Gold und glitzerndem Kristall entgegen. Er hatte die Form der stilisierten Göttin der Morgenröte, eine Anspielung auf Aurores Namen.

Seine Mutter hauchte Anne Delaney Küsse auf beide Wangen, dann trat sie zurück und überließ ihr das Mikrofon.

„Merci beaucoup, Madame Renier“, bedankte Anne sich in akzentschwerem Französisch, bevor sie zu ihrer Muttersprache Englisch wechselte. „Ich bedanke mich, dass Sie mich und mein bescheidenes Projekt für Ihren Preis ausgewählt haben. Es bedeutet mir viel, überhaupt in Betracht gezogen zu werden.“

Michels Mutter lächelte geschmeichelt und schien nicht zu merken, wie sich Annes Körperhaltung auf einmal veränderte. Michel hielt den Atem an.

„Allerdings muss ich die Auszeichnung ablehnen!“

Ein erschrockenes Raunen ging durch den Saal, und Michel sah, wie die Schauspielerin es auskostete. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie die Drehteams hinter den Kameras an den Seitenwänden aufgeregt tuschelten.

Er hatte das Unheil schon kommen sehen, als die Engländerin so selbstsicher auf die Bühne stolziert war. Da hatte etwas in ihrem Gang gelegen, das sie gleich verraten hatte. Doch was nun folgte, hätte er sich beim besten Willen nicht ausgemalt. Vor den Augen seiner schockierten Mutter, deren Gesicht alle Farbe verlor, erklärte die Frau frech, sie sei zu gut für diesen Preis.

„Seit Jahren setze ich mich für die Schulbildung der Mädchen und auch der Jungen in Bangladesch und anderswo ein. Doch große, konventionell arbeitende Modefirmen wie Renier Couture legen mir immer wieder Steine in den Weg. Kein Wunder! Bedeutet mehr Schulbildung doch, dass diese Kinder später nicht als unterbezahlte, unterprivilegierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Ohne Rechte und ohne Gesundheitssystem! Es grenzt an Sklaverei, wie europäische Firmen die Eltern der Kinder behandeln. Wir müssen diese Ausbeutung stoppen!“

Feuer brannte in ihren grünen Augen, und Michel ahnte, dass das, was hier gerade passierte, für sein Unternehmen katastrophale Folgen haben konnte. Vor laufenden Kameras stellte sie Behauptungen auf, die seinem Image ernsthaft schadeten – und dafür brauchte sie noch nicht einmal Beweise. Als Star hatte sie die absolute Macht der Überzeugung. Selbst bei haltlosen Vorwürfen. Und sogar, wenn sie pietätlos das Andenken seiner Schwester beschmutzte.

Auf der Bühne schien seine Mutter einer Ohnmacht nahe. Ein Zittern lief durch ihren zierlichen Körper, während sie hilflos versuchte, Haltung zu wahren.

Doch ihr Schmerz kümmerte Anne Delaney nicht.

„Der Prix Aurore Renier ist nichts als ein billiger Werbetrick – und ausgesprochen zynisch. Da vergibt ein ausbeuterisch arbeitendes Unternehmen einen Preis für soziales Engagement. Absurd! Wenn ich diesen Preis annehme, verrate ich im selben Moment eine meiner fundamentalen Überzeugungen: die Überzeugung, dass alle Menschen gleich sind und niemand das Recht hat, den anderen zu unterdrücken.“

Damit streckte sie die glitzernde Kristallgöttin von sich und legte sie zurück in die Arme der zitternden Grande Dame der Modedynastie Renier. Noch nie hatte Michel seine Mutter so klein und hilflos gesehen. Eine zarte, verletzliche Person, die öffentlich gedemütigt wurde.

Anne Delaney hingegen schien voll in ihrem Element zu sein. Mit glühenden Wangen trat sie ein letztes Mal ans Mikrofon und blickte direkt in die Kameras.

„Ich rufe Sie alle auf, sich beim Kauf Ihrer Kleidung zu informieren! Boykottieren Sie ausbeuterische Firmen wie Renier Couture, und unterstützen Sie uns im Kampf für eine faire, soziale und nachhaltige Textilproduktion mit gerechten Arbeitsbedingungen für alle! Vielen Dank.“

Noch während Anne Delaney mit großen, selbstbewussten Schritten die Bühne verließ, sprang Michel auf und lief zur Bühne, um seine Mutter zu stützen. Sie sah aus, als hätte ihr jemand einen Dolch ins Herz gestoßen, und auch Michel spürte ein empfindliches Stechen in seiner Brust.

Dieser Abend hätte Aurore ins liebevolle Gedächtnis ihrer vielen Freunde und Weggefährten zurückrufen sollen. Stattdessen hatte diese abscheuliche Schauspielerin auf ihrem Andenken herumgetrampelt und ihre Arbeit in den Schmutz gezogen.

Doch mit seiner Wut und diesem entsetzlichen Schmerz konnte er sich später beschäftigen.

Jetzt galt es, seine Mutter in Sicherheit zu bringen und ihre Tränen vor der Welt zu verbergen. In den nächsten Tagen würden sie ohnehin genug über sich ergehen lassen müssen. Da brauchten sie nicht auch noch einen Zusammenbruch vor laufenden Kameras.

Er wusste nur zu gut, dass dieser Auftritt verheerende Folgen für sie und das gesamte Unternehmen haben würde. Ein harter Schlag für seine trauernde Familie. Was jetzt über sie hereinbrechen würde, war ein ausgewachsenes PR-Desaster.

Und er behielt recht. Bereits in den folgenden drei Tagen distanzierten sich unzählige Gäste der Preisverleihung von den angeblichen „Machenschaften“ des Unternehmens. Als Michel am Montagmorgen beim Firmensitz in der Innenstadt von Cannes eintraf, hatten sich vor dem Haupteingang zahllose Anhänger Delaneys zu einer Demonstration versammelt.

„Wie können Sie so herzlos sein?“, schrie ihm eine junge Frau entgegen, die ein Schild mit der Aufschrift Gerechtigkeit für Bangladesch hochhielt, und ein Mann in abgetragener Jeansjacke versuchte, ihm ein Flugblatt gegen Kinderarbeit in die Hand zu drücken.

„Wir beschäftigen überhaupt keine Kinder“, knurrte Michel und ließ sich von ihrem Securityangestellten ins Gebäude bringen.

Sogar der Sicherheitsmann atmete erleichtert auf, als sich die gläserne Eingangstür schloss und die aufgebrachte Menschenmenge draußen zurückblieb.

„Die stehen hier schon das ganze Wochenende“, brummte er missmutig. „Und jeden Tag werden es mehr.“

Michel schüttelte ungläubig den Kopf. Er hatte erwartet, dass es übel werden würde, aber dass sich die Leute derart aufwiegeln ließen …

In der obersten Etage betrat er das große Büro mit den abgetrennten Parzellen, in denen seine wichtigsten Mitarbeiter die Firmengeschicke lenkten. Ganz am Ende des Raumes, hinter einer Sitzecke aus roten Sofas, befand sich die Glasfront zum Chefbüro.

Dem Büro, in dem eigentlich sein Vater und seine Schwester sitzen sollten … und nicht er.

Der Ausblick von hier oben war atemberaubend: im Vordergrund die Dächer der verwinkelten Altstadt mit ihrem mediterranen Flair, dahinter Palmen und der Jachthafen von Cannes, in dem die Stars verweilten. Unter dem weiten Horizont funkelte das strahlend blaue Mittelmeer.

Doch an diesem Morgen herrschte nicht die übliche geschäftige Atmosphäre in der Firma. Schon als er aus dem Aufzug getreten war, hatte sich eine gedrückte Stille über den Raum gelegt, und während er nun an den Parzellen vorbeischritt, bemerkte er, wie mehrere Mitarbeiter nervös die Augen niederschlugen.

Wahrscheinlich hatten sie alle denselben Weg durch die wütende Menge nehmen und sich Anfeindungen aussetzen müssen. Kein schöner Beginn für eine Arbeitswoche.

Seufzend straffte Michel die Schultern und ging zu seinem Büro. Die Türklinke bereits in der Hand, drehte er sich zu seinen Mitarbeitern um, die ihm hinter seinem Rücken mit den Blicken gefolgt waren.

„Bitte machen Sie sich keine Sorgen. Renier Couture lässt sich nicht diffamieren. Wir werden gestärkt aus dieser Krise hervorgehen.“

Dabei dachte er auch an seine Mutter, deren Schluchzen er heute Morgen durchs Telefon gehört hatte. Bei ihrer psychischen Verfassung würde sie sich von der öffentlichen Erniedrigung nicht so schnell erholen.

Niemand schien seinen Worten zu glauben, aber ein oder zwei Mitarbeiter nickten zaghaft, und als er sich umwandte, entdeckte er in seinem Büro den Chefdesigner Lucien – mit einer derart finsteren Miene, dass sich eine Gänsehaut auf Michels Unterarme legte.

„Lucien!“, grüßte er freundlich. „Einen guten Morgen wünsche ich dir!“

„Den wird hier keiner haben. Hast du dir unseren Social-Media-Account angeschaut?“

Michel schüttelte den Kopf. „Muss ich mir das wirklich antun?“

„Besser wäre es. Das Wort ‚shitstorm‘ ist harmlos für das, was da über uns hinwegrollt.“

Stöhnend öffnete Michel seinen Laptop und klickte sich durch die Einträge. Lucien sagte die Wahrheit: Auch im Internet verschafften sich Delaneys Fans deutlich Gehör. Der Tonfall der Kommentare reichte von Beifallsbekundungen für die Aktion der Schauspielerin bis hin zu Hasskommentaren gegen die Firmenleitung von Renier Couture. Es gab sogar einige Modeblogger, die ihnen bisher wohlgesinnt gewesen waren und jetzt flammende Reden gegen die „ausbeuterische Modeindustrie“ führten. Dass sie selbst letzte Woche noch Fotos von den „fabelhaften Kreationen aus dem Hause Renier“ geteilt hatten, erwähnten sie nicht. Diese älteren Einträge wurden stillschweigend gelöscht.

In rasanter Geschwindigkeit war Renier Couture von einer angesagten Marke zum Sündenbock der „bösen“ Textilindustrie geworden. Nach wie vor ohne konkrete Belege für die schweren Anschuldigungen!

Michel runzelte die Stirn. Dies war eine beispiellose Schmutzkampagne gegen seine Familie.

Aber dass die Vorwürfe dieser Möchtegern-Aktivisten haltlos waren, machte sie nicht weniger gefährlich. Die aufgebrachte Menge vor der Tür bewies, wie viel Macht die Diva über ihre Fans hatte. Es würde nicht leicht werden, diesen Imageschaden zu beheben.

„Wir werden eine aufwändige PR-Kampagne brauchen“, bestätigte Lucien. „Oder ein komplettes Umdenken, hin zu fairen Herstellungsbedingungen.“

„Meines Wissens werden alle meine Mitarbeiter fair bezahlt. Woher nehmen die all diese Anschuldigungen?“

Lucien machte eine vage Geste, als hätte er Zweifel.

„Aurore hätte nie erlaubt, dass Menschen unter ihrer Führung ausgebeutet werden!“, entgegnete Michel irritiert.

„Vielleicht hat sie nur nicht so genau hingeschaut …“

Allein diese Behauptung regte ihn auf. Seine herzensgute Schwester hatte niemals irgendwem schaden wollen. Dasselbe galt für seine Eltern. Sie waren zwar ehrgeizig und hatten sicher Kompromisse eingehen müssen, um Renier Couture aufzubauen. Aber schon die Fassungslosigkeit seiner Mutter verriet, wie wenig an den Anschuldigungen dran war.

„Papperlapapp! Wir werden uns gegen diese Schmutzkampagne zur Wehr setzen. Das ist Rufmord!“

Er hatte bereits den Telefonhörer in der Hand, um die ersten Schritte in die Wege zu leiten, als ihm sein E-Mail-Postfach ins Auge fiel.

Fast zweihundertachtzig neue Nachrichten waren unter seiner persönlichen Adresse eingegangen, die engen Geschäftspartnern vorbehalten war. Allein die Betreffzeilen verhießen nichts Gutes. Viel zu oft kam das Wort „Stornierung“ vor.

Michel fuhr sich mit einer Hand durchs Haar und legte gedankenverloren den Telefonhörer beiseite, während er die ersten Nachrichten öffnete. „Lucien, jetzt haben wir ein Problem.“

Dieser nickte beklommen und drückte auf den roten Knopf des Telefons, damit die Leitung wieder frei war. Kaum hatte er das getan, klingelte es.

„Renier“, bellte Michel und stellte den Lautsprecher ein, als die verzagte Stimme seiner Assistentin ankündigte, ihr größter Kunde sei am Apparat – der Geschäftsführer einer amerikanischen Kaufhauskette mit Filialen auf der ganzen Welt.

„Bonjour, Mr. Willington“, grüßte Michel ihn. „Ich hoffe, Sie haben sich von dem unsäglichen Auftritt dieser Hollywooddiva nicht irritieren lassen.“

Doch der CEO erklärte in knappen, aber klaren Worten, er könne nicht mit einer Firma zusammenarbeiten, die ein derart schlechtes Image habe. Spätestens jetzt erkannte Michel das volle Ausmaß des Schadens, den Anne Delaney angerichtet hatte.

Bis in die späte Nacht blieb er in der Firma, versuchte, das Allerschlimmste abzuwenden.

Und die ganze Woche ging es so weiter. Von morgens bis abends betrieb er eine mühsame Schadensbegrenzung in Form von unzähligen Gesprächen, Telefonkonferenzen und ellenlangen Geschäftsbriefen. Immer und immer wieder betonte er, dass Renier Couture vollkommen legal und moralisch einwandfrei arbeitete. Doch zu viele seiner Geschäftspartner schienen ihm keinen Glauben zu schenken.

Als er am Samstagabend daheim in seiner Villa noch spät vor dem Laptop saß, um aufgebrachte Kunden-E-Mails zu beantworten und panische Zulieferer zu beruhigen, hörte er wieder die wummernden Bässe aus der Nachbarvilla.

„Das kann wirklich nicht ihr Ernst sein!“, knurrte er wütend und trat ans Fenster.

Das Lebenswerk seines Vaters, das Andenken seiner Schwester … geschändet und verunglimpft! Und nun erkannte er Anne Delaney, die nebenan ihrerseits ans Fenster trat und in seine Richtung blickte.

So makellos ihre Silhouette auch war, so hässlich musste ihr Inneres sein, wenn sie ihm und seiner Familie absichtlich diesen Ärger bereitete.

Er war überzeugt, dass sie nicht – wie ihre Anhänger behaupteten – nur aus selbstlosen Beweggründen handelte. Sie benutzte seine Firma, um sich zu profilieren.

Irgendwann würde Michel einen Weg finden, es ihr heimzuzahlen. Und er konnte ein unangenehmer Gegner sein. Jemand, den man nicht zum Feind haben wollte.

3. KAPITEL

Ungläubig scrollte Anne durch die vielen Kommentare auf ihrem Social-Media-Profil. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass ihr Auftritt bei der Preisverleihung der Reniers solch hohe Wellen schlagen würde. Es erfüllte sie mit Staunen, aber auch mit Stolz. Anscheinend gab es Menschen, die ihr Engagement für faire Arbeitsbedingungen schätzten und sich von ihr inspiriert fühlten, ebenfalls die Stimme zu erheben. Allein dafür hatte sich die Arbeit der letzten Jahre gelohnt.

Kopfschüttelnd legte sie das Tablet beiseite. Ihr wurde schwindelig bei dem rasanten Tempo, in dem sich alles entwickelte. In wenigen Minuten sollte sie im Garten der Villa ein Interview geben. Das Team eines britischen Fernsehsenders hatte sich angekündigt. Man wollte Großbritanniens neuesten Star feiern – die Gewinnerin des Preises in der Kategorie „Beste Darstellerin“ der Internationalen Filmfestspiele von Cannes.

Noch immer fühlte es sich unwirklich an, dass sie es tatsächlich geschafft hatte.

Abgesehen vom „Oscar“ konnte sich Anne keinen wichtigeren Preis vorstellen. Kaum zu fassen, dass ausgerechnet sie ihn am Vorabend erhalten hatte.

Was war das für ein Moment auf dem roten Teppich gewesen! An das Blitzlichtgewitter musste sie sich erst noch gewöhnen. Jeder Fotograf hatte ein Bild von ihr gewollt. Von allen Seiten hatte man sie gerufen, sie um eine Pose, um ein kurzes Statement für die Fans zu Hause in Großbritannien, Deutschland, Amerika, Südafrika … gebeten.

„Beste Darstellerin! Unglaublich!“ Sie strahlte in den goldenen Spiegel auf dem Schminktisch im Ankleidezimmer, wo sie sich für das Interview herrichten ließ.

Sowohl George als auch ihre Stylistin grinsten. „Wir haben immer an dich geglaubt!“, sagte ihr Manager.

Anders als mein Vater, dachte Anne gerührt. Aber wahrscheinlich hatte der bloß keine Ahnung von Schauspielerei.

Wie sonst wäre es zu erklären, dass sie wenige Minuten später auf einem luxuriösen Gartenstuhl im Schatten einer Palme saß, der bekanntesten Moderatorin der BBC direkt gegenüber? Mehrere Kameras waren auf sie gerichtet und fingen jede Bewegung ein.

Die Stylistin hatte hervorragende Arbeit geleistet, und Anne fühlte sich selbstbewusst und schön – ein Gefühl, das sie in ihrer Jugend kaum gekannt hatte.

Auf einmal wollte die Welt ihre Meinung hören. Plötzlich war sie nicht mehr unsichtbar, sondern eine einflussreiche Frau. Und das fühlte sich fantastisch an.

„Ms. Delaney, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben“, begann die Moderatorin, eine attraktive Brünette, die Anne als Teenager vergöttert hatte. „Vermutlich werden Sie jetzt mit Interviewanfragen aus aller Welt überhäuft.“

Anne lächelte geschmeichelt. „Das stimmt, ehrlich gesagt. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen. Es kommt mir surreal vor, dass Menschen in Südamerika sich für jemanden wie mich interessieren.“

Die Moderatorin erwiderte ihr Lächeln. „Aus Ihren Worten höre ich heraus, dass Ihr Leben nicht immer so glamourös war. Sie sind im Londoner East End aufgewachsen?“

Anne nickte. „Ja, in einer kleinen renovierungsbedürftigen Sozialwohnung. Der Wasserhahn in unserer Küche hörte nie auf zu tropfen, egal, was mein Vater auch versuchte.“

Die Moderatorin legte eine Hand ans Kinn. „Da muss Ihr Vater doch mächtig stolz auf Sie sein.“

Diese Feststellung, so naheliegend sie war, brachte Anne aus dem Konzept. „Ich nehme es an.“

Eigentlich konnte sie nicht sagen, ob ihr Vater stolz war. Sie ging jedoch nicht davon aus. Schließlich hatte er in ihrer Jugend alles darangesetzt, sie von der Schauspielerei abzubringen.

„Hör auf zu träumen, und lern das echte Leben kennen“, hatte er immer gesagt. Sie hatte es fast genauso oft gehört wie: „Das Geld ist alle“ und: „Ich hab meinen Job verloren“.

Wenn sie an ihren Vater zurückdachte, sah sie ihn auf dem kleinen, zerschlissenen Sofa im Wohnzimmer sitzen. Ihre Mutter war früh verstorben. Allabendlich hatte er dort gesessen – allein, resigniert und mit einer Bierflasche in der Hand, weitere leere Flaschen auf dem Couchtisch vor sich, den vollen Aschenbecher auf der Armlehne neben seinem Ellbogen.

Nein, sie glaubte nicht, dass er stolz auf sie war.

Der Kontakt war vor Jahren abgerissen, als sie entschieden hatte, sich ganz der Schauspielerei zu widmen und keinen unterbezahlten Job anzunehmen, der sie beide mehr schlecht als recht über Wasser gehalten hätte. Auf diese Weise wäre sie nie aus London herausgekommen und hätte heute noch täglich mitansehen müssen, wie der Alkohol sein Leben zerstörte.

Anne schüttelte sich innerlich, straffte die Schultern und setzte eine strahlende Miene auf.

Statt in einer schäbigen Londoner Sozialwohnung mit gräulich-gelb verfärbten Wänden befand sie sich jetzt auf der Terrasse einer atemberaubenden Villa mit Blick auf das türkisblaue Mittelmeer. Der riesige, von Sonnenliegen umstandene Pool funkelte im Licht der südfranzösischen Sonne, und im Rücken der Moderatorin lockten offene Terrassentüren ins kühle Innere des wunderschönen Gebäudes.

„Wussten Sie schon damals in London, dass Sie ein Talent für die Schauspielerei haben?“, fragte die Moderatorin.

Anne nickte zögerlich. „Niemand konnte ahnen, wie gut es sich für mich entwickeln würde.“ Sie machte eine ausladende Geste, die den wunderschönen Garten umfasste. „Aber dass ich schauspielern wollte, das habe ich schon immer gewusst.“

So war es wirklich gewesen. Nur hatte es in ihrer Jugend niemanden gegeben, der diesen Traum unterstützt hatte. Auch ihre Freunde und die Lehrer auf der öffentlichen Schule hatten ihren Ehrgeiz als Tagträumerei abgetan.

„Nun haben Sie es also geschafft“, bestätigte die Moderatorin.

„Ja, ich glaube, man könnte sagen, dass ich mich an die Spitze vorgekämpft habe.“ Anne blickte bescheiden auf ihren Schoß. „Die Filmfestspiele in Cannes zu besuchen, als Nominierte und sogar als Preisträgerin, war damals ein unerreichbarer Traum. Für mich ist er wahr geworden. Und deshalb ist es mir ein Anliegen, allen Kindern da draußen zu sagen: Glaubt an eure Träume! Egal, woher ihr kommt. Vielleicht wird man euch sagen, dass ihr nicht nach den Sternen greifen sollt, aber ihr könnt alles schaffen, wenn ihr nur wollt!“ Dabei blickte sie direkt in die Kamera.

Die Moderatorin nickte. „Ein schönes Motto. Setzen Sie sich deshalb für die Bildung sozial schwacher Schüler ein?“

„So ist es. Ich möchte, dass auch diejenigen, die einen schwierigen Start ins Leben hatten, eine faire Chance bekommen.“

„Mit ihrem leidenschaftlichen Plädoyer für Fairness bei der Verleihung des Prix Aurore Renier haben Sie für einigen Wirbel gesorgt.“

Anne dachte an die viele Unterstützung, die sie in den letzten Tagen erfahren hatte, an die Spenden und die Beifallsbekundungen zu ihrer aufrechten Haltung.

„Ich werde immer meine ehrliche Meinung sagen. Nur so können wir die Welt verändern.“

Und es gab genug zu verbessern. Die Tochter eines gleichgültigen Vaters aus dem East End wusste das genau.

Die Moderatorin wollte gerade etwas erwidern, als sie durch den herbeieilenden Butler aus dem Konzept gebracht wurde.

„Ms. Delaney, bitte entschuldigen Sie die Störung, aber Monsieur Renier steht am Tor zur Straße. Er sagt, er muss Sie dringend sprechen. Was soll ich ihm antworten?“

„Michel Renier?“, fragte die Moderatorin verblüfft. „Der Geschäftsführer von Renier Couture?“

Anne nickte beklommen. Allein die Erwähnung seines Namens jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Was wollte er hier?

„Sagen Sie ihm, es ist gerade ungünstig. Ich melde mich später“, bat sie den Angestellten.

Dies war nicht der passende Moment, um mit Renier zu diskutieren. Ausgerechnet während eines Live-Interviews, das in ihrer Heimat Großbritannien ausgestrahlt wurde. Dort, wo die Menschen lebten, denen sie sich beweisen wollte.

Doch die Augen der Moderatorin blitzten sensationslüstern auf. „Nein, nein, lassen Sie ihn nur kommen. Unsere Zuschauer freuen sich, auch seine Sicht der Dinge zu hören.“

Bevor Anne das Unheil abwenden konnte, stand Michel Renier auch schon in ihrem Garten. Die Fernsehkameras schwenkten zu ihm herum.

„Ms. Delaney“, dröhnte er über den makellos gepflegten Rasen hinweg. Trotz des bedrohlichen Tonfalls verlieh sein französischer Akzent ihrem Namen einen unwiderstehlichen Klang. Sofort setzte ein nervöses Kribbeln in ihrem Bauch ein.

Schon halb vom Gartenstuhl aufgestanden, setzte sie sich wieder und beobachtete hilflos, wie er auf sie zukam. Seine dunklen Augen funkelten gefährlich, und um die geschwungenen Lippen in seinem sonnengebräunten Gesicht lag ein harter Zug.

Da es Sonntagnachmittag war und selbst er nicht arbeitete, trug er keinen Anzug, sondern Jeans und ein legeres weißes Hemd, dessen Ärmel hochgekrempelt waren. Die oberen Knöpfe standen auf, und seine Haare waren zerzaust. In großen, raumgreifenden Schritten stürmte er auf sie zu, und je näher er kam, desto stärker wurde das Prickeln unter ihrer Haut.

„Monsieur Renier, guten Tag!“, begrüßte die Journalistin ihn. Es war kaum zu überhören, dass sie offensichtlich begeistert war, den Konflikt zwischen Anne und dem Textilunternehmer live einfangen zu können. „Was für eine Überraschung!“

„Er ist derzeit mein Nachbar“, brachte Anne zähneknirschend hervor und zwang sich zu einem Lächeln.

Der frische Duft von Reniers Aftershave wehte zu ihr herüber und versetzte ihr Inneres in Aufruhr. Und als sie den Blick bemerkte, mit dem er das Kamerateam musterte, wusste sie, dass dieses Interview eine katastrophale Wendung nehmen würde.

Diesem Mann war egal, wenn Menschen unter schlechten Arbeitsbedingungen litten. Beim Anblick seines wütenden Gesichts konnte sie sich diese Gleichgültigkeit allzu gut vorstellen. So viel Geringschätzung lag in seinen Augen, so viel zorniges Feuer, dass sie tatsächlich Angst bekam.

Doch unter dieser Angst verbarg sich noch etwas anderes.

Trotz allem war Michel Renier unglaublich attraktiv. Der lässige Freizeitlook stand ihm verboten gut, und anstelle von wortgewandten Kampfansagen stockte ihr für einen Moment der Atem. Verdammt, war dieser Mann sexy! Ihr ganzer Körper schien auf ihn zu reagieren. Das Blut rauschte in ihren Adern, und jedes einzelne Nervenende prickelte.

Bei seinem Anblick wurde eine ganz andere Seite in ihr geweckt, die sie keineswegs vor einer Fernsehkamera herauskehren wollte.

Sie rief sich innerlich zur Ordnung. Was war mit ihr los? Sie verhielt sich wie ein liebestoller Teenager.

Entschlossen setzte sie sich aufrechter hin, streckte das Kinn vor und fragte in bemüht arroganter Stimmlage: „Was führt Sie zu mir, Monsieur Renier?“

Ein eiskaltes Grinsen umspielte seinen verführerischen Mund. „Das wissen Sie nicht, Ms. Delaney?“

Als Michel hörte, dass Anne Delaney sich mitten in einem Interview befand, wollte er sich zurückziehen.

Bloß nicht noch mehr unerwünschte Öffentlichkeit! Davon hatte es in den letzten Tagen genug gegeben, und sowohl seine mühsam besänftigten Kunden als auch die panischen Zulieferer wünschten sich mediale Ruhe um Renier Couture.

Er war drauf und dran, wieder zu gehen, als ihm etwas klar wurde: Hier drohte nicht nur das Risiko einer weiteren Erniedrigung. Es winkte auch die Gelegenheit, Gerechtigkeit für seine Familie zu fordern.

Und er war kein Feigling. Wenn ihm jemand den Kampf ansagte, nahm er die Herausforderung an. Sollte Anne Delaney seinetwegen ins Straucheln geraten, wäre dies eine durchaus befriedigende Entwicklung.

Also bat er den Butler mit aller Dringlichkeit, Anne zu einem wichtigen Gespräch zu zitieren. Auf der Stelle. Und sein Plan ging auf. Offenbar hatte die Moderatorin der BBC Lunte gerochen, denn sie ließ ihn holen.

Mit einem eiskalten Lächeln auf dem Gesicht zog er sich nun einen Stuhl heran und nahm ebenfalls gegenüber der Moderatorin Platz. Delaneys entsetzte Miene verschaffte ihm eine gewisse Genugtuung. Sie saß so dicht neben ihm, dass er die Panik in ihren hübschen grünen Augen deutlich erkannte.

„Wissen Sie, Monsieur Renier, wir haben gerade von Ihnen gesprochen“, begann die Journalistin.

Michel neigte den Kopf zur Seite und bedachte Anne mit einem abschätzigen Blick. „Ach ja?“

Er konnte sich denken, wieso. Wahrscheinlich hatte die Diva sich selbst für ihr soziales Engagement gelobt, indem sie es mit seinem Unternehmen „aufnahm“.

Dabei schien sie nur zu gern in Kauf zu nehmen, dass sie Renier Couture mit ihren aus der Luft gegriffenen Anschuldigungen empfindlich schadete. Offenbar vergaß sie jedoch, dass Auftragsstornierungen letztlich immer auch Arbeitsplätze gefährdeten.

Was nützte es einer Näherin in Bangladesch, wenn sie ihren Job verlor, weil eine reiche Schauspielerin sich auf ihre Kosten profilierte?

„Unsere Zuschauer interessiert, welchen Eindruck Frau Delaneys Auftritt beim Prix Aurore Renier hinterlassen hat. Konnte sie Sie zum Umdenken bewegen?“

Michel verdrehte innerlich die Augen. „Das würde ich nicht sagen. Nein“, platzte er undiplomatisch heraus. „Ich wüsste nicht, was wir ändern sollten.“

Anne Delaney schnaubte neben ihm. „Das überrascht mich nicht.“

Unwirsch wandte sich Michel zu ihr um. „Ja klar, von Ihrem hohen Ross aus gesehen ist alles ganz einfach. Dabei urteilen Sie uns ohne jegliche Beweise ab. Fragen Sie doch meine Mitarbeiter! Sie werden fair bezahlt und arbeiten unter sozial verträglichen Bedingungen. Worauf stützen Sie Ihre Vorwürfe? Belegen Sie Ihr angebliches Wissen! Ansonsten sind es schlicht Verleumdungen.“

Sie kniff die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. In ihren Augen lag ein zorniges Blitzen, das Michel gegen seinen Willen gefiel. „Sie wollen sich doch wohl nicht als Opfer hinstellen?“ Ihre Stimme bebte, und er konnte sehen, wie ihre Hände zitterten.

„Solange Sie nichts Konkretes gegen uns vorzubringen haben, halte ich Ihre Vorwürfe für pure Rufschädigung.“ Seine Stimme blieb ruhig, was ihn selbst überraschte. Er wandte sich an die Moderatorin, die sich das Gespräch nur zu bereitwillig hatte aus der Hand nehmen lassen. „Meine Mutter erhält Drohmails von Ms. Delaneys Anhängern! Sie traut sich kaum noch aus dem Haus. Was hat sie diesen Menschen getan? Meinen Mitarbeitern wird der Weg zur Arbeit blockiert. Ständig wird unsere Firmenzentrale von Aktivisten belagert, die uns Beleidigungen an den Kopf werfen. Von Umsatzeinbußen durch geplatzte Verträge will ich gar nicht erst sprechen. Nur bitte übersehen Sie nicht, dass all diese Anklagen ohne Beweisgrundlage sind. Man hat uns zum Sündenbock eines ganzen Industriezweigs gemacht. Dabei hat sich die Firma nichts zuschulden kommen lassen.“

Michel kochte nun innerlich, während er all die ungerechten Folgen der Verleumdung aufzählte, unter denen sein Familienunternehmen zu leiden hatte. Das Blut rauschte in seinen Ohren, und sein Puls raste. Er wollte sich nicht aufregen, wollte rational und vernünftig bleiben, aber es ging schließlich um mehr als nur um irgendeine Firma. Renier Couture war das Lebenswerk seines Vaters, der Mittelpunkt seiner gesamten Familiengeschichte. Selbst wenn Anne Delaney recht gehabt hätte – was nicht so war –, wäre es ihm unmöglich gewesen, diese Anschuldigungen kampflos hinzunehmen.

Auch die Hollywooddiva bebte vor Zorn. Sie starrte ihn mit ihren schönen grünen Augen an und deutete mit einem perfekt manikürten Zeigefinger auf seine Brust. „Sie sind der Inbegriff dieser Selbstgefälligkeit in der Modeindustrie! Ganze Familien leiden in Indien, Bangladesch und anderswo unter katastrophalen Arbeitsbedingungen. Sie schuften in einsturzgefährdeten Fabriken und kommen in Kontakt mit Chemikalien, die ihre Gesundheit zerstören. Und das alles, um einen europäischen Markt zu bedienen, der noch nicht einmal bereit ist, ihnen einen angemessenen Lohn zu zahlen. Diese Menschen arbeiten schwer und können sich dennoch kaum das Nötigste leisten.“ Sie strich sich in einer nervösen Geste den modischen, roséfarbenen Rock glatt. Zum ersten Mal bemerkte Michel zarte Sommersprossen in ihrem Gesicht, als sie unter dem professionellen Make-up rot anlief.

„Und erzählen Sie mir nicht, in Ihrer Firma gebe es keine Bezahlung unter Mindestlohn“, fuhr sie ungehalten fort, als Michel gerade den Mund öffnen wollte. „Natürlich lassen sich Ihre französischen Mitarbeiter das nicht gefallen. Doch die Angestellten Ihrer Zulieferer sind nahezu rechtlos! Weil niemand sich die Mühe macht, Verantwortung für sie zu übernehmen. Südostasien ist weit weg. Was kümmert es Sie, wenn Menschen für Ihre Kleidung leiden?“

Anne Delaney sprach in die Kamera, als wollte sie einen erneuten Aufruf starten, sein Unternehmen zu boykottieren.

Bevor es dazu kommen konnte, fuhr er dazwischen: „Ms. Delaney, Sie bringen meine Familie mit Ihren haltlosen Anschuldigungen in eine unmögliche Position. Ja, Sie entehren sogar das Andenken meiner verstorbenen Schwester!“ Er musste eine Pause einlegen, weil der Schmerz, über Aurore zu reden, zu groß wurde. Seit Tagen kümmerte er sich um seine zutiefst verstörte Mutter. Dabei war er selbst kaum dazu gekommen, das Ganze zu verarbeiten.

Seine Worte ließen die Journalistin scharf einatmen, während Anne Delaney kerzengerade und wie versteinert dasaß.

„Sie haben meiner Familie Leid zugefügt“, setzte er anklagend nach, „und darum fordere ich Sie auf, endlich konkret zu werden und mir im Detail zu sagen, was Sie bemängeln. Legen Sie Beweise vor! Wie begründen Sie überhaupt Ihre Vorwürfe? Haben Sie irgendwelche Informationen, die ich nicht habe? Bisher sieht es für mich schlicht so aus, dass Sie wie alle Hollywoodstars heiße Luft produzieren und von der Materie gar keine Ahnung haben.“

Einen Moment lang herrschte Stille. Nur das Rauschen des Meeres war in der Ferne zu hören, und irgendwo landete ein Hubschrauber – vermutlich wieder ein Promi, der sich herfliegen ließ.

Michel sah, wie Anne Delaneys Brust sich hob und senkte. Unwillkürlich fiel sein Blick auf ihr unglaublich verführerisches Dekolleté. Unter anderen Umständen hätte er sie vielleicht zu einem Date eingeladen.

Aber unter ihrem attraktiven Äußeren versteckte sie einen hinterhältigen, opportunistischen Charakter.

„Wie können Sie es wagen!“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Ms. Delaney, sicherlich haben Sie Ihre Schulen in Bangladesch und anderswo besucht und sich ein Bild von der Lage vor Ort gemacht …“, soufflierte die Journalistin, um noch ein bisschen Öl ins Feuer zu gießen.

„Sie weiß nichts, aber auch gar nichts über unsere Produktionsabläufe!“, beharrte Michel. „Trotzdem stellt sie es dar, als wären wir Bösewichte und sie eine Heldin. Wie in einem ihrer schlechten Filme!“ Er wandte sich wieder der rothaarigen Engländerin zu. „Sie wollen etwas verändern? Bitte! Legen Sie mir Forderungen vor, mit denen ich arbeiten kann. Und vor allem: Überzeugen Sie sich selbst davon, dass nichts von dem, was Sie über uns verbreiten, der Wahrheit entspricht!“

Verblüfft starrte sie ihn an. „Ich werde doch wohl nicht …“

Doch er schnitt ihr einfach das Wort ab. „Meine Familie duldet keine Unterdrückung, nirgendwo! Das haben wir nie, und das werden wir auch nie! Sie diffamieren mich, meinen Vater, meine Mutter und meine verstorbene Schwester! Das lasse ich nicht zu!“

Sein Blut kochte, sein Kopf dröhnte vor Wut. Gemeinsam mit seinen Anwälten erwog er sogar eine Verleumdungsklage gegen Anne Delaney. Doch alle seine Bemühungen hatten bisher nichts gebracht. Die Diva hielt an ihren Anschuldigungen fest, und mit ihr die gesamte Öffentlichkeit. Nun wollte er sie herausfordern, sie zwingen, ihn und seine Familie in Ruhe zu lassen. Doch er wusste auch, dass er gerade ein Risiko eingegangen war.

Was, wenn sie seine Einladung annahm und sich tatsächlich ein Bild von seiner Firma machen wollte?

Sollte sie ihm Forderungen vorlegen, würden sie möglicherweise über ihren Aufenthalt in Cannes hinaus Kontakt haben müssen. Dabei wollte er sie im Moment einfach nur loswerden. Und nie wieder mit ihr reden.

Doch nun war es zu spät. Die Worte waren ihm bereits über die Lippen gekommen. Nun musste er sein Blatt zu Ende spielen und alles auf eine Karte setzen.

„Wenn Sie nicht bereit sind, konkret zu werden“, kommentierte er leichthin, als sie nicht reagierte, „dann stoppen Sie diese Schmutzkampagne und lassen Sie meine Familie zur Ruhe kommen.“

Einen Moment lang sah sie nachdenklich auf ihre Finger, die sie verkrampft in ihrem Schoß hielt. Unwillkürlich fiel sein Blick auf ihren schlanken Hals. Dort pochte ihr Puls unter der weichen, makellosen Haut, und er ertappte sich bei dem Verlangen, ganz sanft mit den Fingern darüberzustreichen.

Die BBC-Moderatorin räusperte sich leise. „Nun, Ms. Delaney, was sagen Sie?“

Anne biss sich auf die Unterlippe – eine Geste, die Michel überaus sexy fand. Dann hob sie langsam den Blick. „Ich weiß, wovon ich spreche, wenn ich die Zustände in Südostasien beschreibe. Und ich werde Monsieur Renier überzeugen, dass es auch in seinem Unternehmen einiges zu verbessern gibt.“

Ihm stockte der Atem. Das war nicht die Antwort, die er sich gewünscht hatte.

Sie sprach nun mit fester, ruhiger Stimme. „Sie haben wahrscheinlich recht, Monsieur Renier. Wenn ich will, dass sich etwas ändert, muss ich diese Veränderung anstoßen. Aber ich lege Ihnen keinen Anforderungskatalog vor. Ich verlange, dass Sie mir persönlich Rede und Antwort stehen.“

In seinem Nacken brannte es, während sich die kleinen Härchen aufstellten. Mit dieser Diva zusammenzuarbeiten, war das Letzte, was er jetzt brauchte. Sein Terminkalender platzte aus allen Nähten. Er musste sich weiterhin um die PR-Probleme von Renier Couture kümmern, ebenso wie um seine Baufirma, die er in der letzten Woche sträflich vernachlässigt hatte.

Doch Anne Delaney schaute ihn derart herausfordernd an, dass er nicht anders konnte, als ihr Angebot anzunehmen. Vielleicht würde sie dann endlich erkennen, dass sie im Unrecht war, und er könnte der Öffentlichkeit ein für alle Mal beweisen, dass ihre Anschuldigungen falsch und haltlos waren.

„Ich kann Ihren Besuch kaum erwarten“, knurrte er und hielt ihr seine rechte Hand hin.

Als sie einschlug und ihre zarten Finger sich für einen Moment um seine schlossen, fuhr ein Prickeln durch seinen Körper. Eine tiefe Sehnsucht regte sich in ihm. Doch er schüttelte dieses Gefühl unwillig ab.

„Dann führe ich Ihnen die himmelschreienden Missstände und Ungerechtigkeiten in Ihrem Unternehmen vor Augen.“ Ihr Lächeln war kalt und selbstbewusst, und wieder einmal nahm er sich vor, ihr diese Selbstgefälligkeit irgendwie auszutreiben.

Die Moderatorin rieb sich zufrieden die Hände. „Das klingt nach einer echten Herausforderung.“

Michel seufzte leise. Eigentlich sehnte er sich nach ein bisschen weniger Aufregung in seinem Leben. Aber jetzt konnte er keinen Rückzieher mehr machen.

„Wir werden sehen, wer recht behält“, kommentierte er trocken und hoffte insgeheim, dass er gerade keinen Riesenfehler begangen hatte.

4. KAPITEL

Am nächsten Morgen legte Annes Manager ihr schon beim Frühstück einen Stapel internationaler Zeitungen und Magazine auf den Tisch. Wie einen Fächer breitete er die Titelblätter vor ihr aus. Überall sah sie sich und Michel Renier.

Machtkampf um die (faire) Zukunft der Textilindustrie, titelte ein französisches Boulevardblatt, und das britische Pendant schrieb reißerisch: Jetzt fährt Anne Delaney die Krallen aus. Auch eine deutsche Zeitung zeigte Anne in kämpferischer Pose – was ausgesprochen unvorteilhaft aussah.

Stöhnend schob sie ihr Eiweiß-Omelette mit Avocadocreme beiseite. Der Appetit war ihr vergangen.

„Du solltest erst sehen, was online los ist!“, rief George mit leuchtenden Augen. „Das Video von eurem Streit geht viral! Überall wird es kommentiert, gelikt und geteilt. Eine bessere Publicity für deine gute Sache könntest du dir nicht wünschen!“

Diese „gute Sache“ wächst mir langsam über den Kopf, dachte Anne beklommen, als er ihr auf dem Tablet Videos zeigte, in denen sie vor Wut rot anlief und einen scheinbar gelassenen Michel Renier anbrüllte.

In aller Öffentlichkeit hatte sie die Beherrschung verloren.

Doch die Leute liebten sie dafür. Unzählige Kommentare unter den Videos forderten sie auf, weiterzumachen, das „Joch der Unterdrückten“ zu lindern. Die Begeisterung war fast schon lächerlich.

Selbst weltweit bekannte Blogger zitierten ihre Ansichten, als wäre sie zu einer Art Ikone des Gerechtigkeitskampfes geworden. „Vorreiterin einer fairen Revolution“ nannte sie ein Umweltaktivist aus Portugal. Er legte ihr in seinem Post ans Herz, auch an die ökologische Dimension des konventionellen Baumwollanbaus zu denken: Pestizide, Wasserverschmutzung, ausgelaugte Böden …

Als könnte sie plötzlich alle Probleme auf einmal lösen.

So weit hatte sie nie gehen wollen. Ihre Kopfhaut kribbelte, und eine schleichende Panik legte sich auf ihre Brust, schnürte ihr die Luft ab.

Natürlich war sie sich darüber im Klaren gewesen, dass sie Aufsehen erregen würde, wenn sie den Prix Aurore Renier ablehnte. Das Medieninteresse hatte sie für ihre Zwecke nutzen wollen. Doch nun hatte sich die Welt ein Bild von ihr gemacht, das ihr gar nicht entsprach.

Sie war nicht die Kämpferin, zu der man sie ernannt hatte. Unter der Fassade aus teurem Make-up, Schmuck und atemberaubenden Kleidern steckte noch immer das kleine Mädchen aus dem Londoner East End, das die Welt erobern wollte.

Ausgerechnet jetzt, da dieser Traum in Erfüllung gegangen war, fühlte sie sich hoffnungslos überfordert. Und wieder stand für sie alles auf dem Spiel. Nun schaute wirklich die ganze Welt auf sie.

„Ich weiß nicht“, murmelte sie leise. „Manchmal glaube ich, ich wäre besser in London geblieben und hätte im Supermarkt die Regale eingeräumt.“

George lachte auf, als hätte sie einen guten Witz gemacht. Dabei meinte sie es ernst.

Denn während er genüsslich durch die Magazine blätterte, hatte sie das Bild eines aufgebrachten Michel Renier vor Augen. Die Öffentlichkeit erwartete, dass sie es mit diesem Mann aufnahm, ihn womöglich zu Fall brachte.

Aber Renier war ein reicher, einflussreicher Mann aus einer mächtigen Familie. Er hatte von klein auf gelernt, sich zu nehmen, wonach es ihn verlangte, während sie dazu erzogen worden war, nicht zu viel vom Leben zu erwarten und sich mit dem schäbigen bisschen zufriedenzugeben, das direkt vor der graffitibeschmierten Haustür lag.

Das Leben im Londoner East End war gewiss nicht leicht gewesen. Vor allem dann nicht, wenn ihr Vater einen seiner depressiven Schübe in Alkohol ertränkt hatte. Früh war sie auf sich allein gestellt gewesen und dabei immer Gefahr gelaufen, sich ihrerseits diesem leeren, halben Leben zu ergeben.

Zum Glück hatte sie mit den ersten kleinen Rollen in der Theatergruppe der Schule herausgefunden, wofür sie brannte. Danach hatte sie hart an sich gearbeitet, und es war ihr tatsächlich gelungen, ein Stipendium für eine der bekanntesten Schauspielschulen des Landes zu ergattern. Über Nacht hatte sie ihre Habseligkeiten zusammengepackt und war ins Internat gezogen.

Ihren Vater hatte sie seither nie mehr gesehen.

Jahrelang war sie durch die Theater des Landes getingelt und hatte sich so immerhin über Wasser halten können. Bis eines Tages ein Künstleragent aus den Vereinigten Staaten eine der Vorstellungen besucht und ihr Potenzial erkannt hatte. Ihr Manager George.

Dann war es ziemlich schnell gegangen: Er hatte ihr die erste Rolle in einem Spielfilm besorgt – die kitschige Verlobungsszene mit tausend Kerzen würde sie nie vergessen, und die Fans hatten sie geliebt. Darauf folgten weitere, immer bessere Rollen und schließlich eine Anfrage aus Hollywood …

Nun, da sie sich diesem Ansturm auf ihre Person ausgesetzt sah, hatte sie das Bedürfnis, nach London zurückzukehren, bevor es in zwei Monaten mit dem nächsten großen Hollywood-Projekt weiterging. Sie hatte die Hauptrolle in einer Literaturverfilmung – und unendlich viel Text zu lernen. Es war leicht zu glänzen, wenn niemand damit rechnete. Schwieriger wurde es, wenn man die Hoffnungen anderer auf sich spürte und Erwartungen zu erfüllen hatte.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht, Renier vorzuschlagen, dass sie zu ihm ins Büro kam?

„Ich gehe da einfach nicht hin“, zischte sie leise und zog den Teller mit dem kalten Omelette zu sich heran. „Kriegt doch keiner mit. Die Filmfestspiele sind eh bald vorbei.“

George runzelte die Stirn. „Die Leute setzen doch auf dich.“ Er beugte sich über den polierten Mahagonitisch, an dem sie saß, und sah sie eindringlich an. „Als ich dich damals in diesem Liverpooler Theater entdeckt habe, weißt du noch, was du zu mir gesagt hast?“

Anne schüttelte wortlos den Kopf. Damals war sie so überrumpelt gewesen, dass sie vermutlich alles gesagt hätte, um ihn zu beeindrucken.

„Ich habe dich gefragt, was du erreichen willst. Da hast du erst einmal vom Üblichen geredet: ‚Menschen begeistern‘ , ‚Ruhm‘ , ‚Anerkennung‘ … bla bla. Es war so nichtssagend, dass ich es längst vergessen habe.“

„Na, vielen Dank auch.“

George grinste. „Du warst eine von vielen aufstrebenden Schauspielerinnen. Zugegeben, du warst gut. Aber für echten Erfolg braucht es mehr. Man muss ein Mensch sein, zu dem die anderen aufschauen. Sonst bist du kein Star – egal, wie hübsch du bist oder wie gut du schauspielern kannst.“

Anne griff nach ihrem frisch gepressten Orangensaft. Plötzlich fühlte sich ihre Kehle trocken und zugeschnürt an.

„Ich habe dir das nie erzählt, aber ich war mir damals nicht sicher bei dir. Auf der Bühne warst du eine Wucht, doch im Gespräch warst du so schüchtern, dass ich Angst hatte, du läufst mir davon.“

Georges Blick wirkte abwesend, ganz so, als hinge er alten Erinnerungen nach. „Und dann hast du etwas gesagt, das mich aufhorchen ließ. Dass du die Welt verändern willst. Okay, das sagen viele, aber du hattest so einen Blick dabei … Ich habe gemerkt, dass du weißt, wovon du sprichst. Und du hattest sogar konkrete Pläne für eine Schule. Schon in diesem Theater in Liverpool habe ich gespürt, dass du sie umsetzen würdest. Nur deshalb habe ich dich unter Vertrag genommen.“ Er deutete auf eines der Zeitschriftencover. „Du bist eine Persönlichkeit, Anne. Das ist es, was den Menschen gefällt. Selbst wenn du an Renier scheiterst: Sie werden dich lieben, weil du es versuchst. Und ich kenne dich: Du gibst nicht klein bei. Du hast es vom East End nach Hollywood geschafft! Welchen Beweis brauchst du noch?“

Sie betrachtete ihr siegesgewisses Lächeln auf dem Cover der deutschen Zeitung, dachte an Michel Renier und schluckte.

George hatte recht. Wenn sie in ihrer trostlosen Kindheit eines gelernt hatte, dann dass man nicht klein beigeben durfte. Nichts war schlimmer als Resignation und Selbstaufgabe.

„Also gut, ruf seine Assistentin an, und mach einen Termin“, stieß sie hervor, bevor sie es sich anders überlegen konnte. „Und buch uns in einem guten Hotel ein. Wir werden wohl länger in Cannes bleiben.“

Sie durfte ihre Fans nicht enttäuschen. Endlich glaubte jemand an sie – das hatte sie sich immer gewünscht. Sie würde sie nicht im Stich lassen.

„Meine kleine Amazone!“ George reckte kämpferisch eine Faust in die Luft und griff nach dem Telefon.

Er konnte nicht wissen, dass sie nicht nur aus Angst davor zurückschreckte, sich Renier entgegenzustellen. Ihr Unbehagen hatte auch mit diesem Gefühl zu tun, das sie seit Tagen erfolglos abzuschütteln versuchte. Diesem Gefühl, dass sie ihn viel attraktiver fand, als gut für sie war. Die Aussicht, mit ihm zusammenzuarbeiten, war ebenso verlockend wie beängstigend.

Bei dem Interview hatte er sie schon einmal aus der Reserve gelockt. Was, wenn sie beim nächsten Mal nicht wütend wurde, sondern seine Anziehungskraft die Oberhand gewann? Würde sie sich zum Narren machen, wenn sie seiner Attraktivität zu lange ausgesetzt war?

Manchmal wusste sie nicht, ob sie diesen unverschämten Michel Renier anbrüllen oder sich ihm in die Arme werfen sollte. Und das sagte ihr, dass ihr Verstand längst in Gefahr war.

Hatte Michel noch vor wenigen Stunden gedacht, Anne Delaney sei nur ein weiterer Medienstar, der zu allem „etwas zu sagen“ hatte, wurde er nun eines Besseren belehrt.

Direkt bei ihrem Eintreffen am Donnerstagmorgen überraschte sie ihn. Sie erschien eine halbe Stunde vor der vereinbarten Zeit auf dem Platz vor seinem Firmengebäude. Wie eine Lichtgestalt mit glänzend rotem Haar stieg sie aus der dunklen Limousine und stellte sich mitten zwischen die Demonstranten, die sich auch heute wieder vor dem Unternehmenshauptsitz eingefunden hatten. Alle Augen richteten sich selbstverständlich auf sie.

Er war mit dem Handy am Ohr ans Fenster getreten und beobachtete das Treiben, während seine Mutter ihm einmal mehr von neuen Anfeindungen im Internet berichtete.

„Wir sollten diese Frau wegen Verleumdung verklagen!“, fauchte sie.

Michel seufzte. Sicher, das hatte er auch überlegt. Aber nun hatte er sich auf dieses Treffen eingelassen. Wenn er einerseits der Öffentlichkeit signalisierte, dass er zu Gesprächen bereit war, und andererseits eine Klage einreichen würde, würde er dem Image der Firma nur noch mehr schaden.

„Die Anwälte meinen, wir sollten besser abwarten und Fakten zusammentragen. Je nachdem, wie sich die Sache heute entwickelt, wäre die Klage natürlich der nächste Schritt. Wenn Delaney allerdings einlenkt, würde es uns schaden, sie vor Gericht zu zerren.“

„Wir haben nichts getan, was andere nicht auch tun! Wir bezahlen unsere französischen Mitarbeiter sogar außerordentlich gut.“

„Sicher. Aber ich glaube, um die Mitarbeiter in Frankreich geht es ihr gar nicht“, gab er zu bedenken. „Sie wirft uns unfaire Bedingungen in Südostasien vor.“

Darauf wurde es still in der Leitung.

Er wollte noch mehr dazu sagen. Lucien und er hatten sich sorgfältig auf diesen Termin vorbereitet, und es gab noch offene Fragen, die er seiner Mutter nicht mehr hatte stellen können. Ihm war schlicht keine Zeit geblieben.

Doch in diesem Moment beobachtete er verblüfft, wie Bewegung in die Szene unten auf dem Vorplatz kam. Zwar konnte er Annes Worte nicht hören, aber nach ihrer kleinen Ansprache gingen die Protestler friedlich nach Hause, sodass seine Mitarbeiter zum ersten Mal seit über einer Woche unbehelligt zur Arbeit kamen.

Verblüfft fragte er sich, wie sie das erreicht hatte.

„Maman, ich muss auflegen“, teilte er seiner Mutter mit. „Sie ist da.“

„Sorg dafür, dass sie diesen Ärger aus der Welt schafft!“

Wenig später stand Anne Delaney vor seiner Bürotür. Seine Assistentin hatte sie in Empfang genommen, öffnete nun die Glastür und kündigte nervös den Besuch an. Hinter ihr sah er, wie seine Mitarbeiter sich neugierig zu ihnen umdrehten.

„Ms. Delaney.“ Er kam ihr entgegen und reichte ihr die Hand. „Ich habe Sie schon vom Fenster aus gesehen. Was haben Sie zu den Demonstranten gesagt?“

Sie lächelte kalt und unverbindlich. „Dass ihr Protest gehört wird und sie sich auf mich verlassen können.“

So einfach war das für sie? Michel hätte ein Räumungskommando der Polizei benötigt. Ihm wurde langsam klar, welche Macht sie über ihre Anhänger hatte und wie mühelos sie damit umging.

Doch als sie eintrat und ihren Sommermantel ablegte, verblüffte ihn, wie bodenständig sie sich gab. Wenn sie nicht für eine Kamera posierte, schien sie ein völlig anderer Mensch zu sein. Natürlicher, unverstellter.

An diesem Morgen trug sie kein elegantes Kleid, sondern eine helle, eng geschnittene Hose und eine pastellfarbene Bluse, die praktisch, aber auch elegant wirkte. Ihre roten Haare hatte sie im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und sie war kaum geschminkt, bis auf einen leichten roséfarbenen Lippenstift und etwas schimmerndes Rouge auf den sommersprossigen Wangen. In den flachen goldenen Ballerinas war sie kleiner als er, wirkte zart und zerbrechlich. Am liebsten hätte er einen Arm um ihre Taille gelegt, um sie an sich zu ziehen und zu spüren.

Ohne den ganzen Glamour war sie sogar noch schöner.

Allein diese süßen, kleinen Ohrläppchen, in denen winzige Diamantstecker glitzerten! Er wollte sie küssen und seine Lippen an ihrem Hals entlanggleiten lassen …

„Wo fangen wir an?“, fragte sie in geschäftsmäßigem Tonfall und holte ihn damit aus seiner ausschweifenden Fantasie zurück.

Er schüttelte sich innerlich. Was war nur los mit ihm? Diese Frau hatte ihn vor laufenden Kameras herausgefordert! Zweimal!

Er drückte den Knopf der Gegensprechanlage und bat seine Assistentin, Lucien in sein Büro zu schicken. Als Chefdesigner kannte der sich in den Firmenprozessen noch besser aus, als Michel es tat.

„Lassen Sie uns beginnen, indem Monsieur Delacroix und ich Ihnen unser Firmenleitbild erläutern. Sie werden sehen, dass Mitarbeiterzufriedenheit für uns einen hohen Stellenwert hat. Danach können Sie mir Ihre Forderungen vorlegen, und ich zeige Ihnen, was wir alles längst umgesetzt haben.“ Sein Tonfall klang nüchtern und sachlich, wie er zufrieden feststellte. Er hatte sich wieder im Griff.

Dieses Gespräch musste er rational angehen. Wenn Lucien im Raum war, fiel ihm das leichter. Außerdem steigerte Luciens Kompetenz seine Chancen, siegreich aus diesem Streit hervorzugehen. Der Designer war seit Jahren in alles involviert. Gestern hatten sie gemeinsam eine Präsentation zusammengestellt, die alles Wichtige beinhaltete. Auch bei Lucien hatte Michel unterschwellige Zweifel herausgehört.

Dennoch glaubte er fest an die Rechtschaffenheit seiner Familie und hatte darauf bestanden, alles offen auf den Tisch zu bringen, um die Zweifel ein für alle Mal auszuräumen. Herausgekommen war dabei allerdings auch, dass sich Renier Coutures Textilproduktion in viele Subunternehmen aufgliederte. Diese unübersichtlichen Strukturen gehörten dringend vereinfacht. Andererseits belegte die Präsentation jedoch, dass in der Mutterfirma mitarbeiterfreundlich gearbeitet wurde.

„Wie Sie sehen, gibt es bei uns keinen Grund für Beanstandungen“, schloss er siegesgewiss, als das Schlussbild auf seinem Whiteboard erschien.

Doch Anne wirkte nicht überzeugt. Auch sie hatte sich vorbereitet und legte ihnen mithilfe einer umfangreichen Mindmap auf ihrem Tablet die Merkmale einer fairen Produktion dar. Oder zumindest das, was sie dafür hielt. Vieles war sehr idealistisch und manches schlicht nicht umsetzbar. Aber einige Punkte waren so einleuchtend, dass Michel ungläubig den Kopf schüttelte, weil er noch nie darüber nachgedacht hatte.

Zum Glück konnte er das Bild mit dem Beamer an die Bürowand projizieren. Hätten sie gemeinsam auf das kleine Display gestarrt, wäre er ihr viel zu nahe gekommen, um noch vernünftig denken zu können. Ihr blumiges Parfüm stieg ihm auch so in die Nase und ließ seine Haut vor Verlangen kribbeln.

„Was ich sagen möchte, ist Folgendes“, fasste Anne am Ende zusammen. „Es genügt nicht, auf die eigene Firma zu schauen, wenn man faire Produktionsbedingungen schaffen will. Sie müssen jeden einzelnen Zulieferer in die Pflicht nehmen. Angefangen beim ökologisch nachhaltigen Baumwollanbau, über eine schadstofffreie Färbung bis hin zu den Arbeitsbedingungen in der Näherei. Wenn sich europäische Firmen darauf ausruhen, dass hiesige Standards in anderen Ländern nicht gelten, dann ist das vielleicht nicht ungesetzlich. Aber moralisch verwerflich ist es allemal.“ Sie sprach ruhig und voller Selbstvertrauen. Wie jemand, der sich lange mit diesem Thema beschäftigt hatte.

Im Gegensatz zu ihm, wie Michel sich zähneknirschend eingestehen musste. Dabei war er derjenige, der ein Textilunternehmen leitete, während Anne Delaney aus absoluter Laiensicht sprach. Doch ihre Argumente waren nachvollziehbar. Er konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob ihre sozialen Maßstäbe bei allen Subunternehmen von Renier Couture eingehalten wurden.

Verdammt, er hatte ja schon Mühe, sie alle aufzulisten!

Nun rächte sich, dass er sich aus dem Familienunternehmen immer herausgehalten hatte. Alle Entscheidungen hatten in der Hand seines Vaters oder seiner Schwester gelegen. Und beide hatten etwas schleifen lassen. Die Mitarbeiter in Frankreich mochten sehr gut bezahlt sein, aber die Situation in Südostasien, wo ihre Stoffe hergestellt und die Kleidung genäht wurde, hatten sie anderen überlassen. Anne Delaney erzählte von Maßnahmen und Projekten, die nachhaltige Modefirmen einsetzten, um eine faire, sozialverträgliche Produktion bei den Zulieferern zu gewährleisten.

Es war beschämend. Weder François noch Aurore schienen in soziale Arbeitsbedingungen investiert zu haben. Vielleicht war es Nachlässigkeit gewesen, ein Mangel an Wissen um die Bedingungen vor Ort. Ganz sicher aber hatten sie schlechte Berater gehabt. Michel wusste, dass vor allem sein Vater eng mit anderen Modeunternehmen kooperiert hatte. Bis vor wenigen Jahren hatte es in der Textilbranche kaum ein Bewusstsein für faire Arbeitsbedingungen gegeben. Herausgekommen war ein ausbeuterisches System, und es schmerzte, seinen Vater und vor allem Aurore als Teil des Ganzen zu sehen. Seine fröhliche, warmherzige Zwillingsschwester, die in seinen Armen gestorben war.

„Meine Schwester hätte nie zugelassen, dass ihre Mitarbeiter ausgebeutet werden“, wiederholte er. Doch inzwischen hinterließ der Zweifel einen bitteren Geschmack auf seiner Zunge.

Anne sah ihn nachdenklich an. Fast wäre ihm lieber gewesen, sie hätte ihm frech widersprochen, doch sie sagte nur ernst: „Vielleicht hat sie nicht genau genug hingeschaut.“

Neben ihm zuckte Lucien hilflos mit den Schultern. Er stimmte ihr zu, das war’s.

Michel fuhr sich stöhnend mit beiden Händen durchs Haar. „Also gut. Ich gebe es zu: Auf dem Gebiet der fairen Produktion sind wir nicht sehr weit entwickelt. Das müssen wir ändern. Ich will, dass Renier Couture gute Arbeitsbedingungen für alle bietet, die am Produktionsprozess beteiligt sind.“

Bisher hatte er seine Familie geschont. Doch dieses Thema konnte er nicht ruhen lassen. Er musste sich tiefer in die Firmenabläufe einarbeiten und rational entscheiden. Dabei durfte er nicht länger Rücksicht auf seine Eltern nehmen, die schließlich die Leitung an ihn weitergegeben hatten.

Einen Moment lang starrte er auf die gläserne Platte seines Besprechungstischs. Niemand im Raum sagte ein Wort.

Dann hob er den Blick und sah direkt in Anne Delaneys wunderschöne grüne Augen. Sie musterte ihn mit einer Art vorsichtiger Sympathie, als gefiele ihr, dass sie zu ihm durchgedrungen war. Ihr offener, beinahe warmer Gesichtsausdruck ging ihm unter die Haut.

Nervös räusperte er sich. Er würde doch nicht auch noch zu ihrem Fan mutieren?

„Wahrscheinlich sollte ich Ihnen für diese Anstöße danken, Ms. Delaney“, lenkte er ein. Er nickte Lucien zu. „Wir werden damit weiterarbeiten.“

Und da zeigte sich auf ihrem Gesicht ein erstes ehrliches Lächeln. Es war derart bezaubernd, dass er sie einen Augenblick lang hingerissen anstarrte.

„Wenn Sie möchten, lasse ich Ihnen meine Mindmap als Gedankenstütze da.“

„Das wäre nett …“ Er brach ab, weil er nicht wusste, ob er die zweite Hälfte des Satzes aussprechen wollte. Doch dann rutschte sie ihm einfach heraus: „… und wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich Sie gern kontaktieren, falls wir noch Fragen haben.“

Verblüfft sah sie ihn an. Er hatte sich selbst überrascht. Eigentlich hatte er sie nie wiedersehen wollen. Doch nun, da sich die Besprechung dem Ende zuneigte, fand er diese Vorstellung enttäuschend. Er ertappte sich dabei, wie er schon jetzt überlegte, unter welchem Vorwand er sie anrufen könnte.

Lächelnd zog sie eine Visitenkarte aus ihrer Handtasche. „Natürlich. Sehr gerne …“ Er sah, dass sie noch etwas hinzufügen wollte. Doch sie bemerkte in diesem Moment, dass ihr stummgeschaltetes Handy aufleuchtete. „Entschuldigen Sie bitte. Da muss ich rangehen“, erklärte sie, stand auf und trat ein Stück von ihnen weg ans Fenster, um das Gespräch mit leiser Stimme anzunehmen.

Michel nutzte die Gelegenheit, sich ein wenig zu sammeln und Lucien aus der Besprechung zu entlassen, damit der sich wieder an seine Arbeit begeben konnte. „Danke, dass du mir geholfen hast.“

„Du weißt, dass es deinem Vater nicht gefallen wird, wenn du all diese Punkte umsetzt?“, antwortete Lucien trocken.

Michel kratzte sich im Nacken. „Wahrscheinlich nicht, aber einige sind so wichtig, dass ich darauf keine Rücksicht nehmen kann.“

Der Chefdesigner klopfte ihm auf die Schulter. „Es ist das Richtige. Diese Veränderungen werden Zeit brauchen. Am Ende muss François einsehen, dass sie nötig waren.“

„Das hoffe ich.“

Dann verabschiedete sich Lucien und eilte zurück an seinen Zeichentisch.

Sobald Michel mit Anne Delaney allein war, breitete sich ein ungewohnt warmes Gefühl in seiner Magengegend aus. Wahrscheinlich, weil er dank ihrer Hilfe tatsächlich auf dem richtigen Weg war. Geduldig wartete er, bis sie ihr Telefonat beendete.

Als sie aufgelegt hatte, blieb sie noch eine Weile mit dem Rücken zu ihm am Fenster stehen. Ihre Körperhaltung wirkte deutlich angespannter als noch vor ein paar Minuten.

Autor

Chloe Edmondson
Chloe Edmondson ist mit dem Vorsatz ins Studium gegangen, sie wolle einmal im Leben einen Roman schreiben. Mit einem Abschluss in Germanistik und Anglistik in der Tasche – und nach einem Ausflug in den Buchhandel – hat sich dieser Traum sogar bereits mehrfach erfüllt. Obwohl eine ausgesprochene Vielleserin in ganz...
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