Romana Gold Band 69

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DER KUSS DER WILDEN ROSE von PIA ENGSTRÖM
Ein Schlossgarten für die schwedische Königin! Leider braucht Gärtnerin Lotte Rosenblad für diesen Auftrag ausgerechnet die Hilfe von Lorenz Bengtsson. Ihre große Liebe endete mit einer bitteren Enttäuschung. Warum nur sehnt sich Lotte immer noch nach Lorenz’ zärtlichen Küssen?

TRAUMMANN AN BORD von DANIELLE STEVENS
Wenn Marie nur wüsste, was sie von Erik halten soll! Seit Beginn der Kreuzfahrt nach Norwegen flirtet er charmant mit ihr, und sein tiefer Blick in ihre Augen lässt Maries Herz vor Glück höherschlagen. Aber irgendetwas scheint Erik vor ihr zu verbergen ...

STURMWIND DER LIEBE von PIA ENGSTRÖM
Als Patrick sie am Ufer eines idyllischen Sees in Schweden küsst, durchströmt Stina eine Woge des Verlangens. Mit ihr kehrt die Erinnerung an ihre Ehe zurück. Doch obwohl Stina sich wieder zu Patrick hingezogen fühlt, quält sie ein schrecklicher Verdacht…


  • Erscheinungstag 10.06.2022
  • Bandnummer 69
  • ISBN / Artikelnummer 8093220069
  • Seitenanzahl 448

Leseprobe

Pia Engström, Danielle Stevens, Pia Engström

ROMANA GOLD BAND 69

PROLOG

Damals

Die Kronprinzessin von Schweden stand neben ihren Eltern und ihren jüngeren Geschwistern auf dem Balkon des Kungliga Slott in Stockholm. Die sandsteinfarbene Fassade des imposanten Gebäudes hob sich gegen den strahlendblauen Sommerhimmel ab. Die Familie winkte ihren versammelten Untertanen zu, die sich in den Straßen rund um das Schloss versammelt hatten. Anlässlich des Nationalfeiertags am 6. Juni flatterten Fähnchen und Wimpel in den schwedischen Landesfarben im Wind.

Die vierzehnjährige Lotte Rosenblad hatte bereits geahnt, dass es Schwierigkeiten geben würde, als ihre Lehrerin ihr ein Foto reichte, über das sie einen Aufsatz zum Thema „Mein Schweden“ schreiben sollte. Ausgerechnet über die königliche Familie! Lotte gehörte nicht zu der Sorte von Mädchen, die lächelnd einfach das sagten, was die Erwachsenen gern hören wollten. Sie schrieb den verlangten Aufsatz – und zwar so, wie sie wirklich dachte. Entsprechend schlecht fiel die Note aus, die sie dafür bekam.

Es war so ungerecht! Ihr Aufsatz war gut, auch wenn sie darin eine andere Ansicht vertrat, als man von ihr erwartete. Aber Lotte dachte gar nicht daran, sich in irgendwelche Schubladen stecken zu lassen. Dazu liebte sie ihre Freiheit einfach viel zu sehr.

Sie steckte das Heft mit dem Aufsatz und der Fotografie zurück in ihren Rucksack, stieg auf ihr Fahrrad und trat in die Pedale, um zu ihren beiden älteren Schwestern Milla und Noelle aufzuschließen. Die beiden hatten bereits einen beachtlichen Vorsprung. Links des Pfades begann der Wald, kühl und schattig, während sich zu Lottes Rechten, so weit das Auge reichte, endlose saftig grüne Wiesen und goldene Weizenfelder erstreckten. Die Sonne stand noch niedrig am Himmel, doch man konnte bereits erahnen, dass dem nordschwedischen Forsjö-Tal ein schöner, sonniger Tag bevorstand.

An einer Abzweigung folgten die drei Rosenblad-Schwestern dem Weg, der in den Wald hineinführte. Sie fuhren zu der Stelle, an der sie sich bereits zweimal versammelt hatten – zu Millas und Noelles vierzehntem Geburtstag.

Heute war Lottes großer Tag. Sie würde es ihren älteren Schwestern gleichtun, den feierlichen Eid ablegen und einen Gegenstand als Symbol in die kleine Metallkiste legen, die sie unter der alten Eiche im Wald vergraben hatten. Ein Symbol für das, was sie in ihrem Leben auf gar keinen Fall wollten.

In Lottes Fall handelte es sich um ihr Aufsatzheft. Es stand dafür, dass sie sich nie verbiegen lassen, niemals ihre Meinung verheimlichen wollte, nur weil sie damit möglicherweise aneckte.

Ihr großer Traum war es ohnehin, Schweden eines Tages zu verlassen. Südamerika, ja, dort wollte sie irgendwann einmal leben.

Doch der Tag, an dem sie sich entscheiden musste, entweder ihr großes Ziel zu verfolgen oder auf die Stimme ihres Herzens zu hören, lag noch in weiter Ferne …

1. KAPITEL

Vierzehn Jahre später – zwei Jahre nach der königlichen Hochzeit

„Jetzt nur nicht in Panik geraten“, versuchte Lotte Rosenblad sich selbst Mut zuzusprechen. „Du schaffst das!“

Sie stand an der Reling des Motorboots, das sie vom Festland zu der kleinen schwedischen Ostseeinsel Kärlekholmen brachte. Möglicherweise die Insel ihrer Träume – oder aber auch die ihrer Albträume, je nachdem, wie sich alles für sie entwickelte.

Der Wind spielte mit ihrem kupferfarbenen Haar, während das Boot durch das glitzernde Wasser schoss und eine Spur weißer Gischt hinter sich herzog. Es war ein traumhafter Sommertag. Die Sonne strahlte, und es war trotz des Fahrtwinds, der ihr ins Gesicht schlug, herrlich warm.

Dennoch konnte Lotte sich nicht wirklich daran erfreuen. Düstere graue Wolken hätten viel eher ihrer augenblicklichen Stimmung entsprochen.

Seufzend fuhr sie sich mit der Hand über die Augen und versuchte für einen Moment all die Sorgen und Probleme zu verdrängen, die sie in letzter Zeit ständig mit sich herumschleppte. Dies war womöglich ihre große Chance, alles wieder ins Reine zu bringen. Trotzdem konnte sie sich nicht so recht darauf freuen. Sie hatte ja keine Ahnung, was sie auf Kärlekholmen erwartete. Welche Ansprüche würde man an sie stellen? Und war sie überhaupt in der Lage, diese zu erfüllen?

Unsinn! Sie beherrschte ihren Job, und das wusste sie auch. Sonst hätte man ihr wohl kaum dieses Angebot unterbreitet und …

Der Klingelton ihres Handys riss sie aus ihren fruchtlosen Grübeleien. Sie warf einen Blick aufs Display und erkannte die Nummer ihrer Freundin und Mitbewohnerin Clarissa, die in Deutschland geblieben war, um sich um Lottes Gärtnerei zu kümmern.

Als ob das nötig wäre, so wie die Geschäfte derzeit liefen …

„Hej“, meldete sie sich gespielt fröhlich. „Hast du etwa schon Sehnsucht nach mir?“

„Vorhin war ein Geldeintreiber hier“, sprudelte es aufgeregt aus Clarissa heraus. „Als ich ihm sagte, dass du nicht da bist, ist er wieder abgezogen, aber er wird garantiert wiederkommen.“ Sie atmete zitternd ein. „Mir ist echt nicht wohl bei der Sache. Was soll ich denn machen, wenn er nicht locker lässt?“

Lotte holte tief Luft. „Jetzt beruhige dich erst mal“, bat sie. „Und dann erzähl noch einmal genau, was eigentlich passiert ist.“

Mit jedem Satz, den Clarissa sagte, sank Lottes Stimmung weiter dem Nullpunkt entgegen. Sie hatte ja gewusst, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb, aber dass es schon so schlimm stand …

Vor zwei Jahren hatte sie endlich ihren großen Traum in Angriff genommen und ihr Heimatland Schweden verlassen. In Deutschland betrieb sie seitdem eine kleine Gärtnerei, die auch recht gut anlief – bis zu dem Tag, an dem sie den größten Fehler ihres Lebens beging. Lotte stellte jemanden ein, der ihr zum Dank für ihr Vertrauen das Bankkonto leer geräumt und mit ihrem gesamten Vermögen das Weite gesucht hatte.

Nein, korrigierte sie sich selbst. Dies war ihr zweitgrößter Fehler. Der allergrößte lag schon länger zurück. Fünf Jahre, um genau zu sein. Damals hatte sie ebenfalls einem Mann vertraut, wenn auch in völlig anderer Hinsicht, und es kurze Zeit später bitter bereuen müssen.

Lorenz …

Sie schüttelte den Kopf, weil sie jetzt lieber nicht darüber nachdenken wollte. Das Thema Lorenz gehörte endgültig der Vergangenheit an, sie würde ihn nie wiedersehen, und das war gut so.

Energisch lenkte sie ihre Gedanken wieder in die Gegenwart. Deutschland hatte auf ihrer großen Reise eigentlich nur die erste Station von vielen sein sollen. Sie hatte so viele Pläne gehabt! Die ganze Welt wollte sie sehen und dann nach Brasilien gehen, um dort endlich die Parks und Gärten zu gestalten, von denen sie schon ihr ganzes Leben lang träumte.

Doch wie es aussah, war gleich die erste Station zur Endstation geworden.

„Hör zu“, informierte sie Clarissa. „Ich regle das alles, sobald ich wieder zurück bin. Und wenn noch einmal einer von diesen Kerlen in der Gärtnerei auftaucht, rufst du mich sofort an, verstanden?“

Lotte beendete das Gespräch und schloss gequält die Augen. Ihre Knie waren plötzlich ganz weich, und ihr Herz hämmerte wie verrückt. Was sollte sie nur tun? Sie besaß keinerlei finanzielle Rücklagen mehr, und selbst wenn alles optimal lief, würde sie kaum vor Ablauf des Monats wieder über Geld verfügen. Ob sich ihre Gläubiger in Deutschland so lange vertrösten ließen? Sie konnte es nur hoffen.

Eines stand jedenfalls fest: Sollte es ihr nicht gelingen, die Aufgabe, für die sie zurück nach Schweden gekommen war, zu erfüllen, brauchte sie sich keine Hoffnungen mehr zu machen. Dann war alles aus.

Als sie die Augen wieder öffnete, hatte sie Kärlekholmen fast erreicht. Wie ein grünes Juwel ragte die kleine Insel aus den blaugrauen Fluten der Ostsee. Über die Wipfel der Bäume hinweg konnte sie einen ersten Blick auf Kärlekholmen Slott erhaschen – dem Schloss, das in den nächsten Wochen ihr neuer Wirkungskreis sein würde und das geradewegs einem Märchenbuch entsprungen zu sein schien. Die Fassade schimmerte in einem zarten Rosa, und fast das gesamte untere Stockwerk des dreigeschossigen Hauptgebäudes bedeckten üppig blühende Kletterrosen. Vier schlanke Türme, deren blaugrüne Kupferdächer im strahlenden Sonnenschein schimmerten, begrenzten den Mittelbau. Ein großer Schlossgarten umgab die Gebäude. Jahrzehntelang in Vergessenheit geraten, sollte er jetzt im Auftrag der königlichen Familie wieder zu neuer Pracht erweckt werden.

Lotte holte tief Luft. Sie konnte noch immer nicht glauben, dass ausgerechnet sie für das schwedische Königshaus arbeiten sollte. Wo sie doch die Monarchie für das beste Beispiel einer hoffnungslos altmodischen und verstaubten Institution hielt. Was für eine Ironie des Schicksals!

Nachdem sie Schweden vor zwei Jahren endgültig den Rücken gekehrt hatte, war sie fest entschlossen gewesen, nie wieder zurückzukehren. Doch nun war sie wieder da, und es gab keinen Grund, sich darüber zu beklagen. Denn dieses Angebot gab ihr die einmalige Chance, ihre Existenz zu retten, und sie konnte es sich nicht erlauben, wählerisch zu sein. Wenn sie hier scheiterte, würde ihr keine andere Wahl bleiben, als ihre Träume endgültig zu begraben.

Dann müsste sie Deutschland verlassen, für immer zurück nach Schweden kommen und ihren Eltern gegenüber eingestehen, versagt zu haben.

Doch das wollte sie nicht, und genau deshalb hatte sie die Chance dankbar ergriffen.

Jetzt konnte sie nur noch hoffen, dass alles gut lief.

„Gleich sind wir da, fröken“, rief Henner, der Kapitän des Motorboots. Er war ein alter Schwede mit wettergegerbter Haut und hellblauen Augen, der immer wieder mit einer Hand unter seine marineblaue Schiebermütze fasste, um sich am Kopf zu kratzen. „Wenn Sie mir die Frage erlauben: Was will eine so bezaubernde junge Dame wie Sie auf diesem gottverlassenen Steinbrocken mitten im Meer?“

Lotte lachte leise. „Mir eine neue Zukunft aufbauen“, erwiderte sie und wurde gleich wieder ernst. „Zumindest mit ein bisschen Glück.“

Darauf brummte der alte Schwede irritiert, hakte jedoch nicht weiter nach. Lotte wandte ihren Blick wieder Kärlekholmen zu und beschirmte die Augen mit der Hand gegen die blendende Sonne. Sie sah eine Person am Ende des Anlegestegs, von der sie allerdings lediglich Umrisse erkennen konnte.

Das wird dann wohl mein Begrüßungskomitee sein …

Henner legte an und half ihr von Bord. Dann reichte er Lotte ihren Koffer.

„Na dann, alles Gute und viel Glück!“, verabschiedete er sich freundlich.

„Tack!“, bedankte sie sich lächelnd. „Das kann ich brauchen!“

Noch einmal winkte sie ihm mit der freien Hand zu, dann drehte sie sich um und ging den Steg hinunter. Noch immer blendete sie die Sonne, und sie wusste nicht, wer sie am anderen Ende des Anlegers erwartete. Allerdings wunderte sie sich schon ein wenig darüber, dass die Person ihr nicht entgegenkam, um ihr mit dem schweren Koffer zu helfen. Aber vielleicht erwartete sie auch einfach zu viel.

Inzwischen hatte sie das Ufer beinahe erreicht. Irritiert blinzelte sie gegen die Sonne an. Etwas an der Person vor ihr kam ihr merkwürdig bekannt vor.

Kein Zweifel, es handelte sich um einen Mann. Und die Art und Weise, wie er die Hände in den Taschen vergrub, die leicht zur Seite geneigte Haltung … Nein, unmöglich! Die Person, an die sie unwillkürlich dachte, konnte es nicht sein.

Und dennoch, für einen kleinen Moment …

„Willkommen auf Kärlekholmen“, sagte eine tiefe raue Stimme, in der kaum verhohlene Feindseligkeit mitschwang. „Schauen Sie sich ruhig um – und dann kehren Sie am besten gleich wieder dorthin zurück, wo Sie hergekommen sind!“

Unwillkürlich zuckte Lotte zusammen. Was sollte das? Diese Stimme …

Nein, dachte sie entsetzt. Das kann nicht sein. Das darf einfach nicht sein!

In diesem Moment schob sich eine Wolke vor die Sonne – und beseitigte auch den letzten Zweifel.

Vor Schreck glitt ihr der Griff des Koffers aus der Hand.

„Lorenz!“

„Lotte?“ Ungläubig starrte Lorenz die Frau an, die gerade mit dem Motorboot vom Festland angekommen war. Zuerst hatte er ihr Gesicht nicht richtig erkennen können, da sie mit einer Hand ständig ihre Augen beschirmte. Dann war er im ersten Moment überzeugt gewesen, sich zu täuschen, aber nun, als sie direkt vor ihm stand, gab es keine andere Möglichkeit mehr: Es war Lotte.

Seine Lotte!

Wie lange mochte es her sein, seit sie sich zum letzten Mal gesehen hatten? Das musste er sich jedoch gar nicht fragen, denn er wusste es genau. Fünf Jahre und einen Monat – eine unendlich lange Zeit.

Sie war noch immer wunderschön. Nein, sogar noch schöner als früher. Ihr kupferfarbenes Haar, das im goldenen Sonnenlicht schimmerte, fiel ihr in weichen Wellen bis auf die Schultern, und die türkisfarbenen Augen glänzten wie das Meer an einem sonnigen Sommertag.

Er hatte sie nie vergessen können. Wie auch, schoss es ihm durch den Kopf. Dann, mit einem Mal, schwang seine Stimmung um. Der winzige Anflug von Freude über das unerwartete Wiedersehen wich einer grenzenlosen Wut.

Wut, die einzig und allein dieser Frau galt, der er nie mehr hatte begegnen wollen. Die ihm das Schlimmste angetan hatte, was eine Frau einem Mann antun konnte.

„Was hast du hier zu suchen?“, machte er seinem Ärger Luft. „Kärlekholmen ist in Privatbesitz, unbefugtes Eindringen ist strengstens verboten. Ich könnte die Polizei rufen, ist dir das eigentlich klar?“

Lotte verschränkte die Arme vor der Brust, und ihre Augen verengten sich. „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber ich werde erwartet. Doch wenn ich gewusst hätte, dass ich ausgerechnet dich hier treffe …“

„Was soll der Unsinn? Du wirst ganz bestimmt nicht erwartet! Heute soll niemand mehr kommen, außer …“ Als sich die einzelnen Puzzleteilchen plötzlich zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfügten, verstummte er. Der Schock hätte größer nicht sein können. „Nein, nicht ausgerechnet du! Sag, dass das nicht wahr ist!“

Auch Lotte schien eins und eins zusammengezählt zu haben und erbleichte. „Heißt das etwa, du bist der Gartenarchitekt, mit dem ich zusammenarbeiten soll?“

Lorenz konnte es nicht fassen. Vor nicht einmal einer Stunde hatte Viggo Tjaderborg, der Verwalter der königlichen Güter, ihm völlig unerwartet eröffnet, dass er einen Landschaftsgärtner eingestellt hatte. Dieser solle ihn bei der Arbeit unterstützen und sei bereits auf dem Weg hierher.

Unterstützen! Allein bei dem Gedanken stieg heiße Wut in Lorenz hoch. Er brauchte niemanden! Jeder, der ihn kannte, wusste, dass er grundsätzlich immer allein arbeitete. Er eignete sich nun mal nicht besonders gut zum Teamplayer, auch wenn er sich ansonsten für ziemlich flexibel hielt. So konnte er sich auf die verschiedensten Situationen einstellen. Und wenn einmal etwas Unerwartetes eintraf, gelang es ihm nahezu meisterhaft, solche Zwischenfälle zu bewältigen.

Nur eine Voraussetzung musste stets erfüllt sein: dass man ihm niemanden zur Seite stellte, mit dem er sich die Kompetenzen teilen sollte. Selbst wenn es sich dabei lediglich um einen Landschaftsgärtner handelte, der ihm nur zuarbeiten würde.

Er war eben der geborene Einzelgänger. Der letzte Versuch, mit jemandem zusammenzuarbeiten, hatte in einer persönlichen und privaten Katastrophe geendet.

Ausgerechnet sein eigener Vater war dabei betroffen gewesen …

Lorenz seufzte. Nach dem Gespräch mit Tjaderborg war er sofort zum Bootsanleger geeilt, um von Anfang an klarzustellen, dass er keineswegs für eine kollegiale Zusammenarbeit zur Verfügung stand. Er brauchte keinen Kollegen, der ihm in seine Arbeit hineinredete – und ganz gewiss keine Kollegin!

Wen er aber als allerletztes auf Kärlekholmen gebrauchen konnte, war Lotte Rosenblad!

Eine Zusammenarbeit mit ihr konnte nur in einem Desaster enden. Am liebsten hätte er das Motorboot zurückbeordert, damit es sie auf der Stelle wieder zum Festland brachte.

Doch dazu war es leider zu spät.

„Was ist denn nun?“, riss Lotte ihn aus seinen Gedanken. „Bringst du mich jetzt zum Schloss?“

„Vergiss es!“, stieß er wütend aus. „Wenn du schlau bist, fährst du gleich morgen mit dem nächsten Boot dorthin zurück, wo du hergekommen bist. Hier ist jedenfalls kein Platz für dich!“

Mit diesen Worten drehte er sich entschlossen um und ließ sie einfach stehen.

2. KAPITEL

„Lorenz!“ Nachdem Lotte den ersten Schock überwunden hatte, schnappte sie sich ihren Koffer und lief dem Mann hinterher, den sie am allerwenigsten auf der ganzen Welt hatte wiedersehen wollen. „Verdammt, Lorenz, was soll das? Du kannst doch jetzt nicht einfach so abhauen!“

Doch er war bereits im Wald, der das Ufer säumte, verschwunden. Also blieb Lotte frustriert und verärgert zugleich zurück. Fassungslos schüttelte sie den Kopf. Was bildete er sich ein, so mit ihr umzuspringen? Nach allem, was er ihr angetan hatte, wäre eine Entschuldigung fällig gewesen! Das fand sogar ihre Schwester Milla, die immerhin viele Jahre eng mit ihm befreundet gewesen war. Sein rücksichtsloses Verhalten rundete das Bild von ihm, das Lotte im Laufe der Jahre gewonnen hatte, eigentlich nur ab. Er war ein Egoist, der immer nur an eines dachte: an sich selbst!

Ausgerechnet mit ihm sollte sie in den kommenden Wochen zusammenarbeiten? Wie sollte das funktionieren?

Sie stellte den Koffer ab, setzte sich auf ihn und barg das Gesicht in den Händen. Schlimmer hätte es wirklich nicht kommen können. Warum gerade Lorenz?

Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um in Selbstmitleid zu baden. Sie musste an die Zukunft denken, nicht an die Vergangenheit. Dies war ihre große Chance, alle Probleme auf einen Schlag zu lösen, und die würde sie sich von nichts und niemandem kaputt machen lassen.

Schon gar nicht von einem unzuverlässigen und rücksichtslosen Mann wie Lorenz Bengtsson!

Da offenbar niemand mehr kommen würde, um sie abzuholen und zum Schloss zu bringen, beschloss sie, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Von neuer Entschlossenheit erfüllt, stand sie auf, nahm den Koffer und folgte dem schmalen Pfad, der durch ein kleines Waldstück führte. Golden sickerte das Sonnenlicht durch die Kronen der Bäume. Am Wegesrand blühten blaue Kornblumen und leuchtend roter Klatschmohn. Die Luft roch nach Erde, Meer und süßem Jasmin.

Und dann tauchte Kärlekholmen Slott vor ihr auf, und sie holte tief Luft.

Wie in einem Märchen …

Stolz ragten die vier von Zwiebelkuppeln gekrönten Türme des Schlosses in den strahlendblauen Sommerhimmel, und die zahllosen weiß umrahmten Fenster des Hauptgebäudes glitzerten im Sonnenlicht.

Kletterrosen rankten fast bis unter das geschwungene Dach aus blaugrünem Kupfer empor. Es war ein traumhafter Anblick. Genau so hatte sie sich als kleines Mädchen ein echtes Märchenschloss vorgestellt.

Fast rechnete sie damit, dass jeden Moment ein Ritter hoch zu Ross aus dem Unterholz brechen würde, um sie in sein Zauberreich zu entführen. Dabei glaubte sie schon lange nicht mehr daran, dass es so etwas wie einen Traumprinzen tatsächlich gab.

Nicht, nachdem Lorenz sie einfach …

Unwillig schüttelte sie den Kopf. Du wolltest doch nur noch nach vorn blicken, rief sie sich in Erinnerung.

„Lotte? Lotte Rosenblad?“

Der Mann, der ihr ziemlich außer Atem entgegenkam, entsprach gewiss nicht ihrer Vorstellung vom Traumprinzen, an den sie eben beim Anblick des Schlosses noch gedacht hatte. Er war Mitte bis Ende fünfzig und trug einen dichten weißgrauen Vollbart, der gut und gern sein halbes, von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht bedeckte. Sein Lächeln war so einnehmend, dass er Lotte auf Anhieb sympathisch war. An seiner Seite trottete ein großer dunkler Hund, der bei Lottes Anblick freudig mit dem Schwanz wedelte. „Mein Name ist Petter. Petter Svensson, und das ist mein Hund Odin. Ich bin hier so etwas wie der Hausmeister und sollte Sie eigentlich abholen, aber ich komme wohl etwas zu spät.“ Er holte tief Luft. Välkommen auf Kärlekholmen!“

Dabei reichte er ihr die Hand, und Lotte lächelte erleichtert. Diese freundliche Begrüßung versöhnte sie fast damit, dass es sich bei dem ersten Menschen, dem sie auf Kärlekholmen begegnet war, ausgerechnet um Lorenz Bengtsson gehandelt hatte. „Tack så mycket!“, bedankte sie sich. „Ich freue mich, Sie kennenzulernen!“

„Sie müssen von der Anreise ziemlich erschöpft sein. Kommen Sie“, sagte er und nahm ihr den Koffer ab. „Ich bringe Sie zum Schloss und zeige Ihnen das Gästezimmer, in dem Sie für die Dauer Ihres Aufenthalts wohnen werden.“

Lotte nickte. Wieder kam ihr Lorenz in den Sinn. Bei dem Gedanken daran, ihn schon bald wiedersehen zu müssen, stieg ein beklemmendes Gefühl in ihr auf. Gleichzeitig war ihr klar, dass sie sich ihm früher oder später stellen musste. Aber jetzt galt es erst einmal, all die neuen Eindrücke, die auf sie einstürzten, zu verarbeiten.

Während Petter sie durch den Schlosspark führte, bekam sie einen ersten Eindruck von dem, was sie in den nächsten Wochen erwarten würde: eine Menge knochenharter Arbeit.

Dass die Gärten von Kärlekholmen Slott in keinem besonders guten Zustand waren, hatte sie natürlich gewusst. Dass sie allerdings so verwildert sein würden, damit hatte sie nicht gerechnet.

Die großen Hoffnungen, mit denen sie vor zwei Tagen in Deutschland aufgebrochen war, schwanden. Ihr blieben nur wenige Wochen, um den Auftrag zu erfüllen, Kärlekholmen Slott Gården in einen traumhaften Landschaftsgarten zu verwandeln. Es mangelte keinesfalls an Potenzial – aber waren all diese Arbeiten in der kurzen Zeit, die ihr zur Verfügung stand, überhaupt zu bewältigen?

Als sie jedoch kurz darauf die imposante Eingangshalle von Kärlekholmen Slott betrat, waren ihre Zweifel und Sorgen für einen Moment vergessen. Der Anblick verschlug ihr fast den Atem.

„Das ist einfach wunderschön!“, stieß sie entzückt aus und schaute sich mit großen Augen um. Den Boden bedeckte derselbe strahlend weiße Marmor, aus dem auch die sanft geschwungene, sich nach oben hin verbreiternde Treppe war. Eine Galerie umgab die ganze Halle in etwa vier Metern Höhe, und von der Decke hing ein gewaltiger Kronleuchter herab, dessen Kristalllüster in allen Regenbogenfarben glitzerten. „Und dieses prachtvolle Anwesen steht wirklich die meiste Zeit des Jahres leer?“

Petter lachte. „Nicht ganz“, antwortete er. „Ich wohne ja hier und Viggo Tjaderborg und Lorenz ebenfalls – und in den kommenden Wochen auch Sie. Und wenn Ihre Arbeiten abgeschlossen sind und die Kronprinzessin mit ihrer Familie ihren Sommerurlaub hier verbringt, wird schon bald wieder fröhliches Kinderlachen durch dieses alte Gemäuer hallen.“

Sie konnte es nicht fassen. Mit seinen herrlichen Stuckarbeiten, den goldenen Ornamenten und kostbaren Antiquitäten war Kärlekholmen Slott wie ein wahr gewordener Kleinmädchentraum.

„Bitte folgen Sie mir“, bat Petter lächelnd. „Ihr Gästezimmer liegt im oberen Stockwerk von Kärlekholmen Slott mit Ausblick auf den Garten.“

Als er ihr kurz darauf die Tür zu ihrem künftigen Domizil öffnete, raubte ihr das zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit den Atem.

Das Zimmer war so großzügig geschnitten, dass es fast größer war als ihr kleines Apartment in Deutschland. Durch die bodentiefen Bogenfenster fiel goldenes Tageslicht, und die zartgelben Seidentapeten verliehen ihm eine warme Atmosphäre.

Die dem Fenster gegenüberliegende Wand nahm fast komplett ein wuchtiger, mit kunstvollen Schnitzarbeiten verzierter Kleiderschrank ein. Außerdem standen ihr ein Schreibtisch und eine mit gelbem Chintz bezogene Sitzgarnitur zur Verfügung. Das Herzstück des Raums aber bildete das große vierpfostige Bett mit einem Himmel aus luftigem weißem Chiffon.

„Und hier soll ich wohnen?“, wandte sich Lotte ungläubig an Petter. Als er nickte, glitt ein Strahlen über ihr Gesicht. „Ich werde mich fühlen wie eine Prinzessin!“

„Freut mich, dass es Ihnen gefällt.“ Er stellte ihren Koffer neben dem Bett ab. „Dann lasse ich Sie jetzt allein, damit Sie sich ganz in Ruhe einrichten können. Viggo Tjaderborg, der Gutsverwalter, musste kurzfristig zu einem Geschäftstermin nach Stockholm. Er wird nach seiner Rückkehr mit Ihnen sprechen wollen, aber ich erwarte ihn nicht vor dem frühen Nachmittag. Ihnen bleibt also noch ein wenig Zeit, um sich einzugewöhnen.“ Er lächelte. „Noch einmal herzlich willkommen bei uns auf Kärlekholmen. Ich hoffe, Sie werden sich bei uns wohl fühlen.“

Lotte bedankte sich noch einmal überschwänglich und sank anschließend mit einem glücklichen Seufzen aufs Bett. Sie war so überwältigt, dass sie fast gar nicht mehr an Lorenz dachte. Aber nur fast, denn so richtig war er ihr die ganze Zeit über nicht aus dem Kopf gegangen. Einmal mehr überlegte Lotte, ob Kärlekholmen sich am Ende als die Insel ihrer Träume erwies – oder ob sich ihr Aufenthalt dank Lorenz zu einem Albtraum entwickeln würde.

Wütend und frustriert rammte Lorenz die Schaufel in den weichen Boden und schleuderte die Erde auf einen stetig anwachsenden Haufen neben der Grube, aus der einmal das Bett für einen kleinen Bachlauf entstehen sollte.

Eigentlich beschränkten sich seine Aufgaben als Landschaftsarchitekt darauf, Gärten zu entwerfen und die Umsetzung seiner Entwürfe zu überwachen. Doch im Moment half ihm jede Form von anstrengender körperlicher Arbeit dabei, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Auf etwas anderes konnte er sich angesichts der Tatsache, dass er künftig mit Lotte Rosenblad zusammenarbeiten sollte, auch gar nicht konzentrieren.

Lotte! Wieder trieb er den Spaten in den Boden. Warum mussten sich ihre Wege nach all den Jahren ausgerechnet hier auf Kärlekholmen wieder kreuzen? Warum mussten sie sich überhaupt kreuzen? Er hatte versucht, sie zu vergessen – vergeblich. Schließlich nutzte er die Erinnerungen an sie dazu, sich stets vor Augen zu halten, dass es so etwas wie die wahre Liebe in Wahrheit gar nicht gab.

Er schüttelte den Kopf, wie um die lästigen Gedanken abzuschütteln. Doch so leicht ließen sich die Erinnerungen nicht vertreiben. Ebenso wenig wie dieses seltsame Gefühl, das ihn erfüllte, seit er Lotte vorhin am Anlegesteg gegenübergestanden hatte, und das ihn seitdem einfach nicht mehr los ließ.

War es Sehnsucht? Aber wie konnte das möglich sein, nach allem, was zwischen ihnen vorgefallen war?

Kein Wunder, dass er es nicht aushielt, einfach still in seinem Büro zu sitzen und über irgendwelchen Plänen zu brüten! Ihm schwirrte der Kopf – und daran war ganz allein Lotte schuld. Wer gab ihr das Recht, plötzlich wieder aufzutauchen und alles durcheinander zu wirbeln?

Seufzend wischte Lorenz sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Was er im Moment am allerwenigsten gebrauchen konnte, war eine Frau, die sein Leben noch komplizierter machte, als es ohnehin schon war.

Zumindest wusste er genau, wem er das zu verdanken hatte: Viggo Tjaderborg.

Kaltschnäuzig hatte der Mann ihm vorhin zwischen Tür und Angel mitgeteilt, dass eine Gartendesignerin auf dem Weg nach Kärlekholmen sei, um ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen. Nach einer lautstarken Auseinandersetzung war Lorenz zur Anlegestelle gelaufen, um dem Neuankömmling den Empfang zu bereiten, der ihm gebührte.

Da hatte er natürlich nicht ahnen können, dass er ausgerechnet Lotte begegnen würde.

Tjaderborg war als Verwalter der königlichen Güter faktisch gesehen sein Vorgesetzter. Jedoch nicht er, sondern ein der Königsfamilie nahestehendes Mitglied des Hofstabs hatte persönlich über seine Einstellung entschieden. Anderenfalls wäre ich wohl nicht hier, dachte Lorenz kopfschüttelnd.

Das Problem bestand darin, dass Viggo Tjaderborg und er sich von früher kannten – und schon dieses erste Zusammentreffen war nicht gerade von gegenseitiger Sympathie geprägt gewesen. Ganz im Gegenteil sogar: Lorenz, der damals als Nachtwächter an der Uni arbeitete, um sich sein Studium zu finanzieren, hatte einen Mitstudenten auf frischer Tat ertappt, als dieser in das Büro eines Professors eindringen wollte. Er war auf die Bestechungsversuche des Kommilitonen nicht eingegangen, und dieser war kurze Zeit später von der Uni geflogen.

Bei dem Kommilitonen handelte es sich um niemand anderen als Viggo Tjaderborg.

Vermutlich lag es daran, dass Tjaderborg seit Lorenz’ Ankunft vor einer Woche jede noch so kleine Gelegenheit nutzte, um ihm das Leben und die Arbeit auf Kärlekholmen möglichst schwer zu machen: Er wollte sich an ihm rächen.

Doch so sehr Tjaderborg ihn auch reizte, bisher war es Lorenz gelungen, ruhig zu bleiben. Er wusste, dass sein Vorgesetzter nur darauf wartete, dass er aus der Haut fuhr und ihm damit einen Grund lieferte, ihn von seinen Aufgaben zu entbinden und nach Hause zu schicken. Mit Lotte war ihm ein ganz besonderer Glücksgriff gelungen, wobei Tjaderborg unmöglich wissen konnte, dass sie sich von früher kannten.

Aber nicht mit mir!

Es war sein Job, den Schlossgarten von Kärlekholmen Slott in altem Glanz erstrahlen zu lassen, und er beabsichtigte gewiss nicht, die Lorbeeren dafür mit irgendjemandem zu teilen. Schon gar nicht mit einer Frau, die ohnehin nur mit irgendwelchen pseudomodernen Konzepten aufwarten und ihm ansonsten unnütz im Weg herumstehen würde.

Nein, das kam überhaupt nicht infrage! Es ging hier einfach um zu viel. Er konnte es sich nicht leisten, irgendwelche Experimente zu wagen. Wenn er Fjälldal Gard, das Erbe seiner Familie, vor dem endgültigen Aus bewahren wollte, musste er seine Aufgabe auf Kärlekholmen zu einem erfolgreichen Ende bringen. Anderenfalls würde er sich an den Gedanken gewöhnen müssen, dass der Gutshof, der nun schon seit Generationen im Besitz seiner Familie war, von den Gläubigern seines verstorbenen Vaters zwangsversteigert wurde. Dazu durfte es auf keinen Fall kommen, ganz egal, was zwischen ihm und Kristof Bengtsson vorgefallen war.

Schon wieder spürte er, wie es in ihm zu brodeln begann. Es machte ihn furchtbar wütend, dass Tjaderborg sich nicht an die Abmachungen hielt, die man mit ihm vereinbart hatte. Doch für den Augenblick schien er nichts daran ändern zu können. Doch eines stand fest: Er würde Lotte das Leben auf Kärlekholmen Slott zur Hölle machen – und sobald sich ihm eine Chance bot, sie loszuwerden, würde er keine Sekunde zögern, sie zu ergreifen.

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als Lotte in den verwilderten Garten von Kärlekholmen Slott hinaustrat. Inzwischen war es später Nachmittag. Die Sonne stand hoch am strahlendblauen Himmel, den kein Wölkchen trübte. Es war herrlich mild, aber nicht zu heiß. Ein perfekter Tag – wenn man davon absah, dass er ihr eine Konfrontation mit dem Mann beschert hatte, den sie schon so lange zu vergessen versuchte.

Als er vorhin vor ihr gestanden hatte, waren all die Erinnerungen und widerstrebenden Gefühle wie eine riesige Welle über sie hereingebrochen. Schon als Elfjährige war Lotte über beide Ohren in den besten Freund ihrer großen Schwester verliebt gewesen. Doch für ihn war sie nur ein kleines Mädchen. Daran änderte sich auch nichts, als sie älter wurde. Erst, als sie sich viele Jahre später auf einem Treffen von Millas Abschlussklasse wiedertrafen, funkte es zwischen ihnen, und ihr großer Traum wurde war – und verwandelte sich in einen Albtraum.

Deshalb hatte sie ihn vorhin am liebsten anschreien wollen. Er sollte am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlte, verletzt zu werden.

Jetzt, nachdem sie in Ruhe über alles nachgedacht hatte, war ihr klar geworden, dass sie es sich nicht leisten konnte, wählerisch zu sein. Es ging einfach um zu viel für sie. Darum sollte sie ihr Möglichstes tun, um die Vergangenheit endgültig hinter sich zu lassen und stattdessen in die Zukunft zu blicken.

Und die Zukunft würde sich in den nächsten Wochen genau hier, auf Kärlekholmen, abspielen. Zusammen mit Lorenz, ob ihr das nun gefiel oder nicht. Sie konnte von Glück reden, dass man ihr überhaupt so eine Gelegenheit bot!

Der Anruf von Viggo Tjaderborg vor drei Tagen war völlig überraschend für sie gekommen. Als er ihr vorschlug, als Landschaftsgärtnerin an einem Projekt für das schwedische Königshaus mitzuarbeiten, hatte sie es erst gar nicht glauben können. Worum ging es genau? Und warum wollte man ausgerechnet sie für diesen Job?

Inzwischen wusste sie, dass Tjaderborg auf Empfehlung eines ehemaligen Auftraggebers auf sie aufmerksam geworden war, der ihr große Kreativität und unbedingte Zuverlässigkeit attestiert hatte. Bei dem Vorhaben, an dem sie nun auf der Insel mitwirken sollte, handelte es sich um die komplette Neugestaltung des Schlossparks. Kärlekholmen Slott, ehemals als Sommerresidenz für Königin Hedvig Eleonora erbaut, war über Jahrzehnte hinweg immer weiter in Vergessenheit geraten.

Erst jetzt war ein Mitglied der königlichen Familie wieder auf dieses kostbare Juwel mitten in der rauen Ostsee aufmerksam geworden – aus einem ganz besonderen Grund: Der Ehemann der Kronprinzessin hatte den Auftrag für den Wiederaufbau des Schlossgartens gegeben, um seine Frau nach der Geburt ihres ersten Kindes damit zu überraschen.

Deshalb war Lotte hier. Dasselbe traf – sehr zu ihrem Leidwesen – auch für Lorenz zu. Folglich musste sie versuchen, sich irgendwie mit ihm zu arrangieren.

Sie brauchte das Geld, das ihr im Fall eines fristgemäßen Abschlusses der Umbauarbeiten winkte, dringend, wenn sie ihre Gärtnerei nicht verlieren wollte. Von dem Traum, nach Brasilien zu gehen, einmal ganz abgesehen. Sollte sie es schaffen, noch schneller fertig zu werden, würde sie sogar noch einen Bonus bekommen.

Das bedeutete leider auch, dass sie in den kommenden Wochen eng mit Lorenz zusammenarbeiten müsste. Und genau darüber wollte sie jetzt noch einmal mit ihm sprechen. Denn aufgeben kam für sie nicht infrage. Dieser Job war ihre große Chance. Nein, genau genommen war er sogar ihre einzige Chance. Selbst wenn man ihr den Teufel persönlich zur Seite stellen würde, sie würde keinen Rückzieher machen.

„Und wenn Lorenz das nicht gefällt, kann er von mir aus gern verschwinden!“, sprach sie ihren Gedanken laut aus, ohne es zu merken.

„Das könnte dir wohl so passen, was?“, erklang direkt hinter ihr eine wütende Stimme.

Erschrocken wirbelte Lotte herum – und atmete scharf ein, als sie Lorenz erblickte. Ihr Herz hämmerte plötzlich noch heftiger als zuvor.

Schweiß glänzte auf seinem entblößten Oberkörper. Neben ihm im Gras lag eine Axt, mit der er offenbar den Stamm einer umgestürzten Birke zerteilt hatte. Sein Blick war finster. Während er sich mit dem Handrücken über die Stirn fuhr, ließ er sie nicht aus den Augen.

„Ich …“ Lotte atmete einmal tief durch. „Ich habe nach dir gesucht.“

„Ach, und weshalb? Um mir zu sagen, dass ich verschwinden soll? Gib dir keine Mühe, damit erreichst du bei mir nichts. Ich werde mich von dir ganz bestimmt nicht vertreiben lassen.“

„Tut mir leid, das ist mir einfach so rausgerutscht. Eigentlich wollte ich mit dir darüber sprechen, wie es nun weitergehen soll.“

Er trat auf sie zu. Sein männlich herber Geruch machte sie schwindelig, und es überlief sie heiß und kalt zugleich. Ein Teil von ihr sehnte sich danach, die Hände auszustrecken und die muskulöse männliche Brust zu berühren. Seine heiße Haut unter ihren Fingern zu spüren.

Kurz hielt sie die Luft an, um sich zu beruhigen. Dass sie sich zwingen musste, die Kontrolle über sich selbst zu behalten, irritierte sie. Wie konnte es möglich sein, dass Lorenz nach all den Jahren noch eine so überwältigende Wirkung auf sie ausübte? Hatte sie aus der alten Geschichte von vor fünf Jahren denn gar nichts gelernt?

„… Mann so anstarrst?“

Seine Stimme riss sie aus ihren Gedanken. „Wie bitte?“

„Ich habe gefragt, ob du jeden Mann so anstarrst oder ob nur mir die zweifelhafte Ehre zuteil wird.“

Seine arrogante, selbstverliebte Art ärgerte sie, doch sie schluckte die bissige Erwiderung, die ihr auf der Zunge lag, herunter.

Du musst mit ihm zusammenarbeiten, vergiss das nicht!

„Hör zu“, sagte sie und bemühte sich um einen versöhnlichen Tonfall. „Da wir in den nächsten Wochen wohl oder übel miteinander auskommen müssen, würde ich vorschlagen, dass wir so eine Art Burgfrieden schließen.“ Hier machte sie eine kleine Pause und musterte ihn fragend. „Ich nehme nämlich an, dass du ebenso wenig bereit bist wie ich, auf diese Chance zu verzichten.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust und nickte. „Worauf du dich verlassen kannst! Aber deshalb werde ich mich noch lange nicht einfach mit deinem plötzlichen Auftauchen abfinden. Ich bin bislang hervorragend allein zurechtgekommen und brauche niemanden, der mir in meine Arbeit pfuscht!“

„Und ich werde hierbleiben, ganz gleich, was du davon hältst“, hielt Lotte dagegen. „Ich lasse mich von dir nicht vertreiben! Der königliche Gutsverwalter hat mich persönlich kontaktiert und als Gartendesignerin für den Schlossgarten von Kärlekholmen Slott engagiert.“

Lorenz winkte ab. „Ach, vergiss Tjaderborg! So weit es mich betrifft, ist das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen. Eine Zusammenarbeit mit dir kommt für mich jedenfalls nicht infrage.“

„Dann solltest du dich besser schnellstmöglich an den Gedanken gewöhnen, denn ich werde definitiv nicht von hier fortgehen, bevor ich die mir anvertraute Aufgabe erfüllt habe.“

„Einer von uns muss aber auf jeden Fall gehen“, beharrte Lorenz. Dann sagte er etwas, das Lotte völlig überraschte: „Ich schlage vor, wir lassen die Münze entscheiden.“

„Was?“ Ungläubig starrte sie ihn an. „Das ist doch nicht dein Ernst!“

„Warum nicht? Komm schon, ich überlasse dir sogar die Auswahl: Kopf oder Zahl? Wer gewinnt, darf bleiben, der Verlierer packt seine Koffer und fährt nach Hause.“ Herausfordernd sah er sie an. „Also? Wie entscheidest du dich?“

3. KAPITEL

„Du hast ja den Verstand verloren!“, fauchte Lotte, nachdem sie sich vom ersten Schreck erholt hatte. Erwartete Lorenz tatsächlich, dass sie sich auf dieses alberne Spielchen einließ?

Er zuckte mit den Schultern. „Mein Angebot steht, und ich würde es mir an deiner Stelle durch den Kopf gehen lassen. Denn eines kann ich dir versichern: Ich werde alles in meiner Macht Stehende unternehmen, um dich loszuwerden!“

„Tu, was du nicht lassen kannst. Und nur zu deiner Information – ich habe einen Vertrag mit Viggo Tjaderborg. Das heißt, selbst wenn ich es wollte, könnte ich nicht einfach so gehen.“ Ungerührt begegnete sie seinem herausfordernden Blick. „Und ich will es ganz gewiss nicht.“

Das stimmte – allerdings musste sie zugeben, dass der Vorstellung, Lorenz auf eine so einfache Weise wieder aus ihrem Leben zu verbannen, durchaus ein gewisser Reiz anhaftete. Immerhin bestand eine fünfzigprozentige Chance, dass sie als Gewinnerin aus dieser Sache hervorging.

Bist du verrückt, ein solches Risiko auch nur in Erwägung zu ziehen? Hast du schon vergessen, was für dich auf dem Spiel steht?

Sie unterdrückte einen Fluch. Natürlich würde sie sich nicht auf diese dumme Wette einlassen. Eine Zusammenarbeit zwischen Lorenz und ihr würde sich mit Sicherheit schwierig gestalten – doch die Alternative bedeutete, ihr kleines Geschäft in Deutschland aufzugeben und mit einem riesigen Berg Schulden im Gepäck nach Schweden zurückzukehren.

Würden ihre finanziellen Sorgen sie nicht jede Nacht um den Schlaf bringen, gäbe es für sie vielleicht eine Wahl. Aber unter den gegebenen Umständen …

„Was ist jetzt?“, drängte Lorenz ungeduldig. „Wie lautet deine Entscheidung?“

Lotte holte noch einmal tief Luft. „Ohne mich“, erwiderte sie dann energisch. „Und jetzt würde ich vorschlagen, dass wir uns gemeinsam an einen Tisch setzen und besprechen, wie es mit den Arbeiten hier auf Kärlekholmen weitergehen soll.“

„Da gibt es nichts zu besprechen!“, entgegnete Lorenz zornig. „Ich bin hier der Landschaftsarchitekt, und ich treffe die Entscheidungen. Wenn dir das nicht passt, kann ich dir auch nicht helfen. Dann musst du gehen. Einer von uns beiden ist auf Kärlekholmen zu viel, das dürfte doch wohl selbst dir klar sein und …“

„Lotte Rosenblad?“, erklang in diesem Moment eine Stimme hinter ihnen. Lotte wandte sich um und erblickte einen dunkelblonden Mann, der in seinem eleganten hellgrauen Maßanzug inmitten des verwilderten Schlossgartens irgendwie fehl am Platze wirkte. „Viggo Tjaderborg“, stellte er sich vor und reichte ihr die Hand.

Lotte lächelte. „Freut mich, Sie kennenzulernen. Und noch einmal vielen Dank, dass Sie mich eingeladen haben, bei den Umbauarbeiten mitzuwirken. Zwar kam alles etwas plötzlich, aber ich werde mein Möglichstes tun, um Ihre Erwartungen zu erfüllen.“

„Davon bin ich überzeugt. Ihr guter Ruf eilt Ihnen voraus. Was ich über Ihre Arbeiten für den Schlosspark von Sanssouci bei Potsdam gehört habe, spricht eindeutig für Sie.“ Mit einem Seitenblick auf Lorenz fügte er hinzu: „Außerdem brauchen wir auf Kärlekholmen dringend jemanden, der ein bisschen Schwung in die Arbeiten bringt.“ Er hakte sich bei Lotte unter. „Aber jetzt zeige ich Ihnen erst einmal Ihr künftiges Betätigungsfeld, kommen Sie!“

Im Weggehen drehte Lotte sich noch einmal zu Lorenz um. Aufrecht stand er da, die Hände tief in den Taschen seiner Jeans vergraben, die Stirn gefurcht.

Schon als sie längst außer Sichtweite war, glaubte sie noch, seinen bohrenden Blick im Rücken zu spüren.

„Und? Haben Sie schon eine Idee für die Umgestaltung des Parks? Den Grundriss habe ich Ihnen ja vorab bereits per E-Mail zukommen lassen.“

Tjaderborgs Frage brachte Lotte zum Lachen. „Eine? Ich habe bereits Hunderte! Aber bevor ich zu viel verrate, möchte ich gern mit Lorenz das weitere Vorgehen besprechen. Immerhin ist er hier als Architekt beschäftigt, ich bin nur eine kleine Landschaftsgärtnerin und …“

„Papperlapapp“, fiel Tjaderborg ihr ins Wort. „Ich habe Sie eingestellt, weil ich Sie für eine energische und willensstarke junge Frau halte – oder habe ich mich da etwa getäuscht?“

„Nein“, erwiderte Lotte überrascht. „Natürlich nicht, aber …“

„Gut, dann will ich gleich klarstellen, was ich von Ihnen erwarte: Sie sollen Bengtsson nicht um Erlaubnis bitten, sondern Ihre eigenen Ideen und Vorstellungen in das Projekt einbringen.“ Er lächelte. „Am besten, Sie gewöhnen sich schon einmal an die Vorstellung, dass Sie ihm auf dieser Baustelle gleichgestellt sein werden.“

„Gleichgestellt?“, fragte Lotte staunend. „Ich dachte, er sei …“

„Das meint er vielleicht, ich sehe das anders. Für mich unterstehen Sie ihm nicht, sondern arbeiten mit ihm auf Augenhöhe. Immerhin bin ich hier vor Ort derjenige, der das Sagen hat. Er sollte sich also besser mit den Gegebenheiten abfinden.“

„Dann vielen Dank, ich werde alles tun, um Sie nicht zu enttäuschen!“ Mehr wusste Lotte nicht zu sagen. Ungläubig sah sie Tjaderborg nach, wie dieser zum Schloss zurückkehrte. Sie hatte bei größeren Projekten schon öfter mit Gartenarchitekten zusammengearbeitet. Erfahrungsgemäß reagierten die wenigsten von ihnen sonderlich begeistert, wenn sich jemand ohne ihren Ausbildungsstand in ihre Arbeit einmischte. Das war also nichts Neues für sie.

Bei Lorenz jedoch verhielt sich die Sache noch ein wenig anders. Jedenfalls glaubte sie, dass er es ernst meinte, wenn er sagte, dass er alles tun würde, um sie von hier zu vertreiben.

Na und? Soll er es doch versuchen! Du hast wohl kaum einen Grund, auf ihn Rücksicht zu nehmen, oder? Nach allem, was er dir angetan hat! Nutze diese Chance! Wenn es dir gelingt, mit deinem Konzept für den Schlossgarten richtig Eindruck zu machen, kann bei diesem Job weit mehr herausspringen als nur eine kräftige Finanzspritze!

Zum ersten Mal seit Langem schöpfte sie wieder ein wenig Hoffnung, dass sich ihr allergrößter Traum vielleicht doch noch erfüllen könnte. Der Traum von Südamerika. Wenn es ihr gelang, sich mit diesem Auftrag einen Namen zu machen, standen ihr alle Türen offen. Natürlich wusste sie, dass das schwedische Königshaus enge Verbindungen nach Brasilien pflegte, dem Heimatland der Mutter der Königin. Wer konnte schon sagen, was mit den entsprechenden Kontakten noch alles möglich war?

Sofort fing ihr Herz an, heftiger zu klopfen, doch sie ermahnte sich zur Ruhe. Besser sie blieb mit den Gedanken in der Gegenwart. Denn diese hielt mit Sicherheit noch genug Herausforderungen für sie bereit.

Dennoch würde sie natürlich alles tun, um die Erwartungen zu erfüllen, die Viggo Tjaderborg in sie setzte.

Das, und noch viel mehr!

Voller Tatendrang machte sie sich auf den Weg zu ihrem Zimmer, wo sie Skizzenblock und Stifte holte, um ihre Ideen weiter auszuarbeiten.

Glutrot sank die Sonne dem Horizont entgegen und verwandelte das Meer in flüssiges Feuer. Ein herrliches Naturschauspiel – doch Lotte, die im Schneidersitz am Strand saß, den Block auf dem Schoß, bemerkte es kaum.

Sie feilte konzentriert an einer Idee für den Schlosspark, die ihr vorhin gekommen war, als sie bei ihrem Rundgang unter einem wild wuchernden Dornenstrauch die Überreste einer römischen Heldenstatur entdeckt hatte. Wenn sie die Augen schloss, sah sie das fertige Ergebnis bereits vor sich – ein Garten im Stil der Hadriansvilla bei Tivoli, mit Kolonnaden, an denen sich Efeu und wilder Wein emporrankten, kleinen Springbrunnen und Wasserbecken mit Seerosen. In ihrer Vorstellung gab es Statuen und Skulpturen, große Kübel mit Rosmarin und immergrünem Oleander, dazu violett blühende Azaleen und einheimische Pflanzen wie Rittersporn und Phlox.

Vor allem die herrliche Umgebung inspirierte sie. Auch jetzt noch, als sie die Lider wieder hob und die Dunkelheit über Kärlekholmen hereingebrochen war, fühlte sie die Ideen tief in ihrem Inneren sprudeln. Es war eine herrliche Nacht. Der Himmel war sternklar, und silbernes Mondlicht tauchte die Landschaft in einen märchenhaften Glanz. Der Wind fuhr raschelnd durch die Kronen der Bäume, ansonsten hörte man nur das leise Rauschen der Brandung, die ans Ufer rollte.

Noch einmal holte sie tief Luft, dann stand sie auf, um zum Schloss zurückzukehren.

Als sie sich umdrehte, erblickte sie Lorenz, der direkt hinter ihr gestanden hatte. Für einen winzigen Augenblick schien ihr Herz stillzustehen, gleich darauf klopfte es so heftig, dass sie fürchtete, es würde zerspringen.

Ihre Blicke trafen sich. In der Dunkelheit wirkten seine grünen Augen beinahe schwarz. Lotte konnte nicht atmen, nicht denken, nicht handeln. Wie gebannt stand sie da und schaute ihn einfach nur an. In diesem Moment wurde ihr klar, dass sie sich all die Jahre etwas vorgemacht hatte.

Sie war nicht über die alte Geschichte hinweg – keineswegs! Sie hatte sie verdrängt, irgendwo im hintersten Winkel ihres Bewusstseins verborgen, in der Hoffnung, dass die Geister der Vergangenheit sie niemals wieder heimsuchen würden.

Doch nun musste sie erkennen, dass kein Mensch vor seinem eigenen Schicksal davonlaufen konnte.

Diese Erkenntnis erschütterte sie zutiefst.

„Lorenz“, stieß sie heiser hervor. „Was … Wie lange stehst du schon da? Hast du etwa nach mir gesucht?“

Er schien einen Moment zu brauchen, um ihre Frage zu erfassen, dann verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck, und er schüttelte den Kopf.

„Nein, natürlich nicht“, erwiderte er brüsk. „Glaub mir, ich verspüre nicht das geringste Verlangen, dich zu sehen.“ Mit einem knappen Nicken deutete er auf ihren Zeichenblock. „Was ist das?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Nur ein paar Entwürfe, nichts Besonderes. Ich …“

„Zeig her!“ Damit nahm er ihr den Block einfach aus der Hand und musterte ihre Skizze im Mondschein. Anfangs runzelte er die Stirn, dann nickte er andeutungsweise. Schließlich blickte er auf und musterte sie forschend. „Nette Idee – aber ich habe bereits andere Pläne.“

„Andere Pläne?“ Lotte schüttelte den Kopf. „Nein, mein Lieber, nicht mit mir! Tjaderborg hat mir gesagt, dass wir als gleichberechtigte Partner zusammenarbeiten werden. Du bist nicht mehr allein derjenige, der die Entscheidungen trifft!“

„Wie bitte?“ Mit einem kleinen Lachen sah er sie ungläubig an. „Nein, auf keinen Fall! Ich lasse mir von einer kleinen Gartendesignerin wie dir nicht auf der Nase herumtanzen!“

„Das wirst du wohl müssen. Dieser Job ist für mich eine einmalige Chance, Lorenz. Wenn du das Gefühl hast, nicht mit mir zusammenarbeiten zu können, solltest du vielleicht besser gehen. Ich werde dich ganz bestimmt nicht zurückhalten.“

„Niemals!“ Er umfasste ihren Oberarmen und zwang sie, ihn anzusehen. „Es wird dir nicht gelingen, mich von hier vertreiben, hörst du?“

Einen Moment standen sie so da und blickten einander fest in die Augen. Keiner von beiden war bereit, auch nur einen Schritt zurückzuweichen. Und dann – Lotte konnte nicht sagen, wann und warum – veränderte sich die Stimmung urplötzlich. Die Luft zwischen ihnen knisterte förmlich, und sie verspürte den unwiderstehlichen Drang, in die Arme des Mannes zu sinken, bei dem sie sich einst so sicher und geborgen gefühlt hatte.

Lorenz schien es ganz ähnlich zu ergehen. Er stieß ein heiseres Stöhnen aus, zog sie an sich und verschloss ihren Mund mit seinen Lippen.

Es war ein harter, grober Kuss – zunächst. Der Kuss eines Eroberers, der seine Gegenspielerin bezwingt. Doch Lotte dachte gar nicht daran, sich dagegen zu wehren. Ganz im Gegenteil. Jede Faser ihres Körpers sehnte sich danach, von ihm in Besitz genommen zu werden. In diesem Moment waren alle Zweifel und Vorbehalte, die sie tief in ihrem Inneren empfand, ausgelöscht. So, als hätte es sie niemals gegeben.

Sie schlang die Arme um seinen Nacken, presste sich an ihn und erwiderte das leidenschaftliche Spiel seiner Zunge voller Hingabe. Es war lange her, dass sie so heftig auf einen Mann reagiert hatte.

Im Vergleich zu Lorenz verblassten die Männer, mit denen sie nach ihm ausgegangen war. Sie waren nur farblose Kopien, überhaupt nicht in der Lage, ihr das zu geben, was sie wirklich brauchte.

Erst sein Kuss öffnete ihr die Augen für die Wahrheit. Durch die eine Nacht, die sie vor fünf Jahren mit ihm verbracht hatte, hatte sie für den Rest ihres Lebens das Interesse an anderen Männern verloren. Kein Wunder, dass all ihre Versuche, eine neue Beziehung aufzubauen, regelmäßig in Enttäuschungen endeten. Niemand reichte an Lorenz heran.

„Oh Lorenz!“, stieß sie atemlos aus, als er sich von ihrem Mund löste und ihren Hals mit einer Spur heißer Küsse überzog. Sie schloss die Augen und gab sich ganz den köstlichen Gefühlen hin, die er in ihr auslöste. Dabei musste sie sich an Lorenz festklammern, um nicht kraftlos zu Boden zu sinken.

Es war, als hätten sie einander niemals verloren. Als lägen keine fünf Jahre zwischen heute und ihrer letzten Begegnung. Wenn sie es wollte, konnte sie den Faden von damals wieder aufnehmen und genau dort weitermachen, wo sie beim letzten Mal aufgehört hatten.

Aber wollte sie das wirklich?

Du bist verrückt, meldete sich eine leise, aber beharrliche Stimme in ihr zu Wort. Hast du schon vergessen, wie es damals zwischen euch zu Ende ging?

Nein, natürlich erinnerte sie sich noch daran! Und dennoch konnte sie der süßen Verlockung nicht widerstehen, die Lorenz auf sie ausübte. Sie konnte nicht …

„Nein!“

Abrupt stieß er sie von sich und stolperte zwei Schritte zurück. In seinem Blick lag eine Mischung aus Erstaunen, Sehnsucht und Wut, bei der Lotte ein Schauer über den Rücken jagte.

Ihr war, als hätte man einen Eimer mit Eiswasser über ihrem Kopf ausgeleert.

Entsetzen breitete sich in ihr aus, als sie realisierte, was sie gerade getan hatte.

Sie räusperte sich angestrengt. „Ich … Wir …“

„Spar dir deine Ausflüchte“, fiel Lorenz ihr ins Wort. „Ich weiß genau, was du damit beabsichtigt hast. Aber ich kann dir versichern: Damit kommst du bei mir nicht durch.“

Lotte blinzelte irritiert. „Was? Ich … Wovon sprichst du eigentlich?“

„Du dachtest, indem du mich verführst, bringst du mich dazu, dich hier auf Kärlekholmen zu akzeptieren, was?“ Er schüttelte den Kopf. „Aber da kennst du mich schlecht. Lass dir eines gesagt sein: So leicht lasse ich mich von dir nicht an der Nase herumführen!“

Mit diesen Worten wandte er sich ab und ging mit steifen Schritten in Richtung Schloss davon.

4. KAPITEL

Als Lotte am nächsten Morgen die Küche von Kärlekholmen Slott betrat, wappnete sie sich innerlich für eine erneute Konfrontation mit Lorenz. Doch ihre Befürchtung erwies sich als unbegründet. Lediglich Petter saß am Frühstückstisch, vor sich eine dampfende Tasse Kräutertee und ein mit Marmelade bestrichenes Brötchen. Odin lag neben ihm auf dem Fußboden und begrüßte Lotte mit einem Schwanzwedeln.

„Guten Morgen“, sagte er fröhlich. „Haben Sie gut geschlafen? Gefällt Ihnen Ihr Zimmer?“

Obwohl sie sich ganz und gar nicht danach fühlte, zwang Lotte sich zu einem Lächeln. Sie hatte eine ziemlich unruhige Nacht hinter sich, und entsprechend müde und zerschlagen fühlte sie sich heute Morgen. Doch Schuld daran trug gewiss nicht das wunderbare Zimmer in einem der Türme des Schlosses – und auch nicht das herrliche Himmelbett, das einer Prinzessin würdig gewesen wäre.

Nein, die Verantwortung dafür trug einzig und allein Lorenz.

Nachdem sich ihre Wege gestern Abend getrennt hatten, war sie fest entschlossen gewesen, nicht mehr an ihn zu denken. Doch dann tauchte ständig sein Gesicht vor ihrem geistigen Auge auf. Selbst, als es ihr endlich gelang, etwas Schlaf zu finden, schlich er sich noch in ihre Träume.

Was stimmte nur nicht mit ihr? Sie sollte wütend auf Lorenz sein, ihn hassen – stattdessen verursachte seine Nähe immer noch das berühmte Kribbeln in ihrem Bauch, und ihre Gedanken spielten verrückt. Und dann dieser Kuss!

Seufzend schüttelte sie den Kopf. Wie konnte es nur sein, dass sie sich noch immer zu Lorenz hingezogen fühlte? Sie wusste doch genau, wohin das führte. Außerdem hatte sie einfach viel zu lange damit zugebracht, ihre gemeinsame Vergangenheit zu verarbeiten, um erneut ein Risiko einzugehen.

Wenn sie das zuließ, würde er ihr nur wieder das Herz brechen. Deshalb durfte sie ihm ab sofort einzig und allein auf beruflicher Ebene begegnen, nicht mehr und nicht weniger!

„Sie scheinen mit Ihren Gedanken ganz schön weit weg zu sein“, stellte Petter amüsiert fest und brachte Lotte damit zurück auf den Boden der Tatsachen.

Verlegen senkte sie den Blick. „Förlåt“, entschuldigte sie sich. „Das war sehr unhöflich von mir. Ich wollte nicht …“

Er machte eine abwehrende Handbewegung. „Ach was! Die erste Nacht in fremder Umgebung – da haben die meisten Menschen Schwierigkeiten. Aber warten Sie ab, in ein paar Tagen fühlen Sie sich auf Kärlekholmen bereits wie zu Hause.“ Fragend sah er sie an. „Und, was steht heute für Sie auf dem Programm?“

Lotte war froh, dass Petter das Thema auf ihre Arbeit brachte. „Ich habe gestern Abend noch an einigen Entwürfen gearbeitet“, erklärte sie begeistert. „Heute werde ich mich nach einem geeigneten Platz umsehen, wo ich diese umsetzen könnte.“ Sofern es noch ein paar Quadratmeter Garten gibt, die Lorenz noch nicht für sich vereinnahmt hat, fügte sie in Gedanken hinzu. Damit wurde sie sich wieder der Tatsache bewusst, dass es unweigerlich zu Konflikten und Auseinandersetzungen kommen würde. Zwei Dinge standen fest: Freiwillig würde Lorenz ganz bestimmt keine seiner Kompetenzen mit ihr teilen, und sie fühlte sich noch immer körperlich zu ihm hingezogen, ob ihr das nun gefiel oder nicht. Umgekehrt schien es sich ebenso zu verhalten, auch wenn Lorenz sich das kaum eingestehen würde.

Das machte eine Zusammenarbeit mit ihm nicht gerade leichter. Vor allem, da sie auf einer kleinen Insel wie Kärlekholmen kaum Gelegenheit hatten, sich aus dem Weg zu gehen.

Aber deshalb aufgeben? Nein, das kam überhaupt nicht infrage!

„Lorenz ist vermutlich schon bei der Arbeit?“, erkundigte sie sich, obwohl die Antwort auf der Hand lag, so ehrgeizig wie er darauf bedacht war, seine Autorität zu wahren.

„Ich nehme an, dass er bereits draußen im Park ist. Er muss heute Morgen in aller Herrgottsfrühe aufgestanden sein.“ Petter schüttelte missbilligend den Kopf. „Nicht einmal gefrühstückt hat er!“ Plötzlich huschte ein Lächeln über sein Gesicht. „Apropos – was darf ich Ihnen bringen? Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages, das wissen Sie doch.“

Obgleich sie nicht den geringsten Appetit verspürte, hütete Lotte sich davor, das freundliche Angebot auszuschlagen. Es reichte, dass sie bereits mit einem der derzeitigen Bewohner von Kärlekholmen Slott auf Kriegsfuß stand.

Unter den gegebenen Umständen konnte sie einen Verbündeten wirklich gut gebrauchen.

Staub und Steinsplitter spritzten auf, als Lorenz die Spitzhacke auf die Felswand niedersausen ließ.

Schon seit den frühen Morgenstunden arbeitete er wie ein Besessener. Offiziell traf er erste Vorbereitungen für das Anlegen eines Steingartens im Park von Kärlekholmen Slott. In Wahrheit versuchte er sich von dem abzulenken, was gestern Abend zwischen Lotte und ihm vorgefallen war.

Er wusste, dass es nicht fair gewesen war, ihr Vorwürfe zu machen. Zu einem Kuss gehörten immer zwei Personen, und im Nachhinein musste er sich eingestehen, dass die Initiative von ihm und nicht von ihr ausgegangen war.

Trotzdem war er wütend. Auf sie, aber vor allem auf sich selbst.

Wie konnte es sein, dass er sich nach allem, was er erlebt hatte, noch so nach ihr verzehrte? Er wusste doch inzwischen verdammt gut, dass es besser war, die Finger von den Frauen zu lassen. Am Ende stand man ja doch immer als der große Verlierer da.

Er musste nur an Tatjana denken. Und natürlich an Lotte.

Erstere hatte ihm die List und Heimtücke gezeigt, zu der eine Frau fähig sein konnte, um an ihr Ziel zu gelangen, die zweite hatte enormen Wankelmut und Charakterlosigkeit bewiesen.

Er musste Lotte loswerden, irgendwie. Eine Zusammenarbeit konnte unmöglich funktionieren, das hatte der gestrige Abend nun wirklich bewiesen. Außerdem bestand jetzt, wo sie als Ersatz für ihn jederzeit verfügbar war, die Gefahr, dass Tjaderborg die erste Gelegenheit nutzte, um ihn auszubooten. Der Mann wartete doch nur auf eine passende Gelegenheit. Und wenn das geschah, war alles aus. Genau deshalb versuchte Lorenz nun schon seit den frühen Morgenstunden, Henk Wilfridsson zu erreichen.

Sein ehemaliger Kommilitone, der heute als direkter Assistent des Kronprinzenpaars arbeitete, hatte ihm den Auftrag zur Neugestaltung des Schlossparks vermittelt. Dank Henk arbeitete Lorenz nun seit knapp einer Woche auf der kleinen Ostseeinsel und entwickelte Pläne für einen im japanischen Stil angelegten Garten. Doch jetzt war Lotte da, und Lorenz brauchte schon wieder die Hilfe seines Freunds. Wenn er sich dafür einsetzte, dass man ihr ein anderes Betätigungsfeld zuwies, wäre Viggo Tjaderborg zwar alles andere als begeistert, doch einer direkten Anweisung aus dem unmittelbaren Umfeld der königlichen Familie konnte er sich unmöglich widersetzten.

Aber dazu musste Lorenz Henk erst einmal erreichen. Bisher hatte er vier Mal auf seine Mailbox gesprochen und einen Rückruf seiner Sekretärin erhalten, dass Henk sich bei ihm melden würde, sobald es sich einrichten ließ.

Um dem Zorn tief in seinem Inneren Luft zu machen, hob Lorenz die Spitzhacke, als er plötzlich spürte, dass er nicht mehr allein war. Und seltsamerweise wusste er, noch bevor das erste Wort fiel, dass Lotte hinter ihm stand.

„Hej“, sagte sie. „Ich muss mit dir sprechen.“

Kräftig schlug er mit der Hacke einen kleinen Felsbrocken aus der Wand, dann ließ er das Arbeitswerkzeug sinken und drehte sich zu ihr um. „Ich aber nicht mit dir“, erwiderte er kühl. „Und falls es wegen der Sache von gestern Abend sein sollte: Vergiss es.“

Lotte seufzte, und er kam nicht umhin festzustellen, wie müde und erschöpft sie aussah. Dunkle Ringe umschatteten die sonst so strahlenden türkisfarbenen Augen, und ihre helle Haut wirkte noch blasser als sonst. Selbst ihr herrliches kupferfarbenes Haar sah kraftlos und stumpf aus. Doch es gab keinen Grund, Mitleid mit ihr zu empfinden. Sie verdiente es auch gar nicht!

„Darum geht es nicht“, erwiderte sie, schüttelte dann aber nach kurzem Überlegen den Kopf. „Oder doch? Ich weiß es im Augenblick selbst nicht so genau.“

Lorenz nickte ernst. „Dann siehst du also endlich ein, dass wir auf keinen Fall hier auf Kärlekholmen zusammenarbeiten können?“

„Das wollte ich damit nicht sagen!“, widersprach sie energisch. „Ich werde jedenfalls nicht einfach kampflos das Feld räumen, falls es das ist, was du dir erhoffst. Ich wollte mit dir reden, um dir mitzuteilen, dass ich nicht freiwillig gehen werde. Wenn du also glaubst, es mit mir auf der Insel nicht aushalten zu können, wirst du selbst die Konsequenzen daraus ziehen müssen.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich allerdings bleibe, und darum werden wir uns wohl oder übel miteinander arrangieren müssen.“

„Also gut.“ Er legte die Spitzhacke beiseite. „Ganz wie du willst. Aber ich warne dich: Komm mir besser nicht in die Quere und tu einfach, was man dir sagt.“

„Womit wir bereits beim Thema wären: Ich habe mir deine Pläne angesehen, und …“

„Du hast – was?“, fuhr er sie zornig an. „Wer hat dir erlaubt, in meinen Unterlagen herumzuschnüffeln?“

Noch einmal seufzte sie, aber dieses Mal deutlich entnervt. „Um eins klarzustellen: Ich bin auch nicht gerade begeistert, mit dir im Team zusammenarbeiten zu müssen. Aber ich lasse auch nicht zu, dass du alle Befugnisse an dich reißt. Viggo Tjaderborg sagte, wir …“

Mit einer wütenden Handbewegung brachte er sie zum Schweigen. „Hör zu, es interessiert mich nicht, was dieser Kerl gesagt hat! Du bist Gartendesignerin, ich Landschaftsarchitekt, und das bedeutet, dass ich die Entscheidungen treffe und du sie einfach nur ausführst.“

Energisch schüttelte sie den Kopf. „Und jetzt hörst du mir einmal zu: So funktioniert das nicht! Viggo Tjaderborg ist hier auf Kärlekholmen der Boss, und wenn er sagt, dass ich mit dir auf Augenhöhe arbeiten soll, dann werde ich das auch tun! Abgesehen davon, deine Entwürfe sind gut, keine Frage – aber was spricht dagegen, dass auch einige meiner Ideen in die Umgestaltung des Gartens einfließen?“

„Wie ich schon sagte, ich …“

In diesem Moment fing das Walkie-Talkie, das er seit seiner Ankunft auf Kärlekholmen immer bei sich trug, an zu knistern und zu knacken. Dann drang Petters Stimme aus dem Lautsprecher des Geräts.

„Lorenz?“, rief er. „Hörst du mich? Bitte melde dich! Eine Katastrophe ist passiert! Die Agentur, die uns Leute für die Umgestaltung des Schlossparks schicken sollte, hat sich gemeldet: Sämtliche Männer sind in Streik getreten. Wo sollen wir auf die Schnelle jetzt bloß Ersatz herbekommen?“

Entsetzt riss Lorenz die Augen auf. Ohne die Arbeiter waren all seine schönen Pläne und Skizzen nichts als Schall und Rauch. Und jede Verzögerung drohte den ohnehin schon engen Zeitrahmen zu sprengen. Er nahm das Funkgerät und drückte die Sprechtaste. „Ich bin schon unterwegs“, sagte er und machte sich auf den Rückweg zum Schloss. Zu seinem Erstaunen folgte Lotte ihm. „Was willst du denn noch? Ich habe jetzt wirklich keine Zeit, mich um dich zu kümmern!“

„Sei nicht albern!“ Sie erwiderte seinen wütenden Blick fest. „Du vergisst wohl, dass ich von diesen Arbeitern genauso abhängig bin wie du. Wenn du denkst, ich halte mich stillschweigend zurück, während du alles allein in die Hand nimmst, hast du dich getäuscht.“

Weiße Gischt schäumte rechts und links des kleinen Motorboots auf, das pfeilschnell durch die bleigraue See in Richtung Festland schoss. Lotte saß auf einer schmalen Sitzbank hinter Lorenz, der am Steuer stand, und ließ sich den salzigen Wind ins Gesicht wehen.

Seit sie vor etwas mehr als einer Viertelstunde von Kärlekholmen aufgebrochen waren, hatten sie kaum mehr als zwei Worte miteinander gesprochen. Natürlich wusste Lotte, dass es Lorenz absolut nicht gefiel, dass sie ihn begleitete. Doch sie dachte gar nicht daran, sich von ihm so einfach das Ruder aus der Hand nehmen zu lassen. Auch ihr eigener Erfolg oder Misserfolg stand und fiel mit der Antwort auf die Frage, ob es ihnen gelang, kurzfristig neue Arbeiter für das Projekt Kärlekholmen Slott Gården zu gewinnen.

Ohne qualifizierte Helfer war es so gut wie unmöglich, ein so großes Projekt wie dieses zu stemmen. Sie brauchten die Arbeiter, um ihre Entwürfe in die Tat umzusetzen – und zwar je schneller, desto besser. Wenn sie den Umbau fristgemäß zum Abschluss bringen wollten, zählte jeder Tag. Verzögerungen konnten sie sich absolut nicht leisten.

„Willst du mir nicht endlich verraten, was du jetzt vorhast?“, fragte Lotte, als sie den Hafen des kleinen Fischerdorfs Bysvik erreichten und aus dem Boot stiegen. „Wäre es nicht sinnvoller gewesen, es zuerst anderswo zu versuchen?“

„Prinzipiell keine schlechte Idee“, entgegnete Lorenz kühl. „Das Problem ist nur, dass wir alle geeigneten Arbeiter aus der Umgebung nach Bysvik haben holen lassen. Du dürftest also im Umkreis von mehr als zweihundert Kilometern große Schwierigkeiten bekommen, geeignetes Personal aufzutreiben.“

„Oh!“, stieß sie überrascht aus. „Und was machen wir jetzt?“

„Uns wird nichts anderes übrig bleiben, als mit den Leuten zu reden und herauszufinden, was eigentlich los ist. Denn ohne diese Männer ist der Umbau des Schlossparks vorbei, ehe er richtig begonnen hat. Wir werden den Termin nicht halten können, wenn wir das nicht in Ordnung bringen.“

Lotte musste sich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten, als er durch die verwinkelten kopfsteingepflasterten Gassen von Bysvik eilte. Das kleine Fischerdorf schien einem Bilderbuch entsprungen zu sein, so hübsch war es mit den gedrungenen mittelalterlichen Häusern und den kleinen Plätzen. Vor einer Schenke, über deren Tür ein Holzschild mit einem Weinfass darauf im Wind hin und her schaukelte, blieb Lorenz stehen.

„Da wären wir“, verkündete er.

Verständnislos sah Lotte ihn an. „Und was wollen wir hier?“

„Uns mit dem Mann unterhalten, der uns mit den streikenden Arbeitern helfen kann. Während du dich vorhin bei Tjaderborg über mein rüpelhaftes Benehmen beschwert hast, habe ich die Zeit genutzt, um mich über die gegenwärtige Lage zu informieren. Der Mann, der den Streik der Arbeiter anführt, heißt Carl Nörström. Ich habe mir erlaubt, ihn zu einem Gespräch hierher zu bitten. Oder hast du vielleicht etwas dagegen?“

„Nein“, erwiderte Lotte kleinlaut. Zu ihrer Schande musste sie zugeben, dass sie auf diesen Gedanken überhaupt nicht gekommen war. „Natürlich nicht.“

Dennoch ärgerte sie das überhebliche Lächeln, das er zur Schau trug.

„Na siehst du“, höhnte er und hielt ihr die Tür zum Schankraum auf.

„Dann sind wir uns also einig?“, fragte Lorenz knapp zwei Stunden später und reichte Carl Nörström, der gemeinsam mit ihnen auf der Sonnenterrasse im Garten des Gasthofs saß, die Hand. Lotte kam gerade aus dem Waschraum des Lokals zurück.

Der grobschlächtige Mann mit dem weißblonden Haar zögerte nicht lange und schlug ein. „Mit jemandem wie Ihnen macht es wirklich Freude, Verhandlungen zu führen“, erwiderte er mit einem strahlenden Lächeln. „Meine Männer und ich werden wie besprochen zur Arbeit antreten. Wir verlassen uns darauf, dass Sie die Angelegenheit mit der Agentur klären. Es geht nicht, dass uns plötzlich weniger gezahlt werden soll, als vorher abgesprochen war. Das verstehen Sie doch hoffentlich.“

„Natürlich.“ Lorenz nickte. „Und keine Sorge, ab sofort arbeiten Sie direkt für uns.“

„Wird die Agentur da keine Schwierigkeiten machen?“, fragte Lotte, verblüfft, in welche Richtung sich die Verhandlungen während ihrer kurzen Abwesenheit entwickelt hatten. „Schließlich sind die Männer doch an People4Work vertraglich gebunden, oder?“

Doch Lorenz winkte ab. „Ich habe mich informiert, es handelt sich hier um keine Zeitarbeitsfirma im eigentlichen Sinne. Du musst dir das so vorstellen: Die Agentur hat keinen eigenen Mitarbeiterstamm. Sie akquiriert Arbeiter je nach den Vorgaben des Auftraggebers, wofür sie eine Prämie erhält, aber keinen Teil des vereinbarten Lohns einbehalten darf. Die Bezahlung läuft normalerweise auch über die Agentur. Und genau hier liegt der Knackpunkt, denn mit uns sind ganz andere Löhne vereinbart worden als die, die man den Arbeitern zahlen wollte. Das ist eindeutig Betrug, von daher kann die Agentur froh sein, wenn wir keine rechtlichen Schritte gegen sie einleiten.“ Er wandte sich wieder an Nörström. „Bitte sagen Sie Ihren Männern, dass alles genau so geschehen wird, wie wir es vereinbart haben.“

Überrascht stellte Lotte fest, dass der andere Mann verlegen den Blick senkte. „Nichts für ungut“, erwiderte er. „Wir versuchen nur, unsere Interessen und die unserer Familien zu wahren. Wenn wir uns so eine Behandlung gefallen lassen, gehen diese Leute beim nächsten Mal noch einen Schritt weiter. Und irgendwann …“

„Aber selbstverständlich“, erwiderte Lorenz und klopfte Nörström auf die Schulter. „Ich hätte mich an Ihrer Stelle ganz ähnlich verhalten.“ Nachdem der Mann sich verabschiedet hatte, lehnte Lorenz sich zurück. „So, das wäre geschafft.“

„Erstaunlich, wie du das alles in den Griff bekommen hast“, bemerkte Lotte, und sie meinte es wirklich ernst. Zu Beginn des Gesprächs war sie absolut sicher gewesen, dass ihnen lange und zähe Verhandlungen bevorstanden. Sie konnte Lorenz nur dafür bewundern, wie er die Angelegenheit geregelt hatte. Es war ihm gelungen, das Vertrauen des Arbeiterführers zu gewinnen.

Dass sie selbst diese Aufgabe ähnlich souverän gemeistert hätte, bezweifelte sie stark.

„Das war im Grunde kein Kunststück“, entgegnete Lorenz. „Man muss sich eigentlich nur in die Leute hineinversetzen. Es ist schließlich kein Wunder, dass es ihnen nicht passt, wenn sich die Vermittlungsagentur plötzlich nicht mehr an die vereinbarten Vertragskonditionen halten will.“ Seine Miene verfinsterte sich. „Ich für meinen Teil kann das nur allzu gut nachvollziehen.“

„Lass mich raten.“ Lotte sah ihn an. „Du spielst darauf an, dass Viggo Tjaderborg mich engagiert hat, ohne dich zuerst davon in Kenntnis zu setzen, nicht wahr?“

Unwirsch winkte er ab. „Ach, darum geht es doch gar nicht! Tjaderborg wusste ganz genau, dass ich nicht einverstanden sein würde. Deshalb hat er es ja überhaupt getan. Er legte es schon vom ersten Moment an darauf an, mir das Leben schwer zu machen. Wahrscheinlich kommt er nicht darüber hinweg, dass man mich ihm einfach vor die Nase gesetzt hat. Er arbeitet lieber mit Leuten zusammen, bei denen er auf der Gehaltsliste steht, wenn du verstehst, was ich meine.“

Lotte hob eine Braue. „Nein, tut mir leid, das verstehe ich nicht. Und wenn du damit andeuten willst, dass ich Tjaderborg dafür bezahlt habe, dass er mich einstellt …“

„War es denn nicht so?“

Wütend funkelte sie ihn an. „Selbstverständlich nicht! Zu deiner Information: Ich bin verdammt gut in meinem Job. Daher habe ich ein solches Vorgehen überhaupt nicht nötig!“

„Natürlich“, säuselte er, doch das süffisante Lächeln, das seine Worte begleitete, ließ keinen Zweifel daran, was er wirklich dachte.

Was bildete sich dieser arrogante Kerl eigentlich ein? Lotte musste sich zwingen, nicht aus der Haut zu fahren. Wenn sie eines nicht ausstehen konnte, dann waren es Männer, die glaubten, alle Weisheit und alles Können für sich gepachtet zu haben.

Woher nahm Lorenz das Recht, über sie zu urteilen? Sie hatten sich seit mehr als fünf Jahren nicht mehr gesehen. Er kannte sie im Grunde überhaupt nicht!

Das galt umgekehrt natürlich ebenso für sie. Lorenz war ganz eindeutig nicht der Mann, für den sie ihn einmal gehalten hatte. Unglaublich, dass sie seit damals sämtliche Männer mit ihm verglichen hatte. Er war es doch überhaupt nicht wert, dass sie ihm auch nur eine Sekunde nachtrauerte!

Und dennoch musste sie versuchen, zumindest für die nächsten Wochen mit ihm auszukommen. Der Erfolg ihrer Arbeit hing davon ab – und damit die Frage, ob es ihr gelingen würde, sich ihren großen Traum zu erfüllen.

Folglich musste sie sich zusammenreißen – so schwer ihr das auch fallen mochte.

„Hör zu“, begann sie. „Das macht doch alles keinen Sinn. Ich finde, wir sollten aufhören, uns gegenseitig das Leben unnötig kompliziert zu machen. Im Grunde wollen wir doch beide dasselbe: unseren Job machen.“

„Was schlägst du also vor?“

„Dass wir unsere Feindseligkeiten begraben – zumindest für eine Weile.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Was sagst du?“

Er schien einen Moment darüber nachdenken zu müssen, nickte aber schließlich. „Also gut, ich kann nicht leugnen, dass dein Vorschlag vernünftig klingt. Wir sollten es zumindest probieren – unter einer Bedingung.“

„Und die lautet?“

„Dass wir unsere Vereinbarung anständig besiegeln.“

Autor

Pia Engström
Pia Engström liebt das wunderbare Schweden über alles – das ist wohl auch der Grund, warum sie den Handlungsort für ihre Geschichten hier ansiedelt. Dennoch packt ihren Mann und sie ab und an das Fernweh, und sie haben schon Reisen in einige entlegene Winkel der Erde unternommen. Die Liebe zur...
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Danielle Stevens
Danielle Stevens liebt London, wo sie und ihr Ehemann gern Zeit bei ausgedehnten Spaziergängen im Hyde Park oder beim Shopping auf der Regent Street verbringt. Doch auch überall sonst auf der Welt fühlt sie sich zu Hause. So haben ihre Reisen sie unter anderem bereits nach Spanien, Frankreich, Griechenland und...
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