Romana Jubiläum Band 5

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Als Luisa zur Testamentseröffnung ihres verstorbenen Chefs eingeladen wird, ahnt sie noch nicht, dass in ihrem Leben bald nichts mehr so sein wird wie zuvor. Schockiert erfährt die junge Kaffeerösterin: Sie ist die uneheliche Tochter des Kaffeemagnaten Maximilian Hansen. Plötzlich gehört ihr ein Teil der Firma! Nicht alle Hansens nehmen diese Nachricht positiv auf. Nur auf den neuen Marketingchef Konstantin kann Luisa zählen - und bald teilen die beiden mehr als ihre Leidenschaft für Kaffee … Doch eine Hiobsbotschaft ändert alles: Die Existenz des Traditionshauses ist bedroht, und die Familie muss zusammenhalten. Ausgerechnet Konstantin gerät unter Verdacht, für die Konkurrenz zu spionieren. Muss Luisa ihre große Liebe aufgeben, um das Erbe ihres Vaters zu retten? Die große Kaffeehaus-Saga endlich in einem Band!
  • Erscheinungstag 06.04.2018
  • Bandnummer 0005
  • ISBN / Artikelnummer 9783733744694
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Mia König

ROMANA JUBILÄUM BAND 5

1. KAPITEL

Der Kuchen, ein knuspriger Traum aus Krokant mit Kaffeebohnensplittern, sah schon himmlisch aus, bevor sich die dunkle Schokolade in schmalen Streifen darüber ergoss und ein zartes Gitter zeichnete. Nur noch eine Handvoll roséfarbener runder Körner – und das Wunderwerk war komplett. Die dreiundzwanzigjährige Luisa Vogt seufzte zufrieden auf. Rosa Pfeffer als Abrundung, das war die genialste Idee seit … na, eben seit Urzeiten. Noch mit geschlossenen Augen tastete sie nach Papier und Stift, zwei Dingen, die immer neben ihrem Bett bereitlagen. Nur diesmal nicht. Komisch. Luisa öffnete die Augen, um sie sofort wieder zu schließen, denn ein scharfer Schmerz schoss ihr durch den Kopf. Wie entsetzlich hell es hier war! Den letzten Cocktail hätte sie sich gestern wohl besser verkniffen. Luisa stöhnte auf und legte sich eine Hand auf die Stirn. Doch zu spät. Katze, ihr brauner Labrador, hatte seine Chance gewittert. Erfreut hechelte er ihr sein Guten Morgen ins Ohr und platzierte einen ebenso liebevollen wie feuchten Kuss auf ihre Nase.

„Brrr, Katze, wie oft soll ich dir das denn noch sagen, erst Zähneputzen, dann Knutschen!“

Doch Luisas Lieblingsvierbeiner – überglücklich, dass sein Frauchen endlich wach war – hüpfte voller Begeisterung mit seinen dreißig Kilo Lebendgewicht auf das Bett. Offenbar hatte er den gestrigen Kneipenbummel hervorragend überstanden. Ja, es war lustig gewesen gestern. Luisa und ihre beste Freundin Molly waren losgezogen und hatten die Schanze unsicher gemacht. Wann Luisa auf die Idee verfallen war, den optimalen Cocktail mit Kaffeearoma zu finden, daran erinnerte sie sich nicht mehr genau. Aber sie hatte sich eifrig durch verschiedene der süßen, alkoholischen Sahnegetränke geschlürft.

„Macht, dass ihr von mir runterkommt!“, kam da eine verschlafene Stimme unter dem zweiten Kissen hervor. „Alle beide!“ Jetzt öffnete Luisa doch die Augen. Sie war definitiv nicht zu Hause. Und neben ihr lag Molly. Durch einen Wust an mehrfarbigen Haarsträhnen blinzelte diese etwas derangiert in den neuen Tag. Nun fiel es Luisa wieder ein: Weil es gestern so spät geworden war, hatte sie spontan bei ihrer besten Freundin übernachtet.

„Ich hatte gerade so schön geträumt!“, seufzte Molly und kuschelte sich wieder unter ihre Decke.

„Ich auch! Stell dir vor: endlich wieder ein Rezept! Warte, Krokant und Kaffeebohnensplitter und …“ Hastig sprang Luisa aus dem Bett und lief zu Mollys Schreibtisch. Hier kritzelte sie in Windeseile auf die Rückseite eines Flyers das Rezept für den Kuchen, den sie eben noch im Halbschlaf fast hatte riechen können. „Kaffeebohnen, ich hätte es wissen müssen!“

Nun setzte sich auch Molly auf. „Langsam wirst du mir echt unheimlich. Wenn du wenigstens zwischendurch mal von einem knackigen Typen träumen würdest!“

Luisa strich sich ein paar ihrer widerspenstigen blonden Locken hinters Ohr.

„Knackige Typen kann ich nicht backen“, erklärte sie und schob ihre Aufzeichnungen höchst zufrieden in ihre Handtasche.

„Schade eigentlich, denn wenn jemand das Zeug dazu hätte, dann wohl du. Wäre eine absolute Marktlücke!“ Molly gähnte herzhaft.

Abgesehen davon, dass es Luisas Traum war, irgendwann einmal ein schnuckeliges Café zu eröffnen, in dem sie ihre eigenen süßen Kreationen anbieten würde, hatte sie auch eine nicht zu leugnende Schwäche für Kaffee. Schon als sie noch gar keinen trinken durfte, war sie in der Lage gewesen, gleich mehrere unterschiedliche Sorten am Duft zu erkennen. Kein Wunder also, dass sie Kaffeerösterin geworden war. Dass sie jetzt auch noch in dem Traditionshaus Hansen Kaffee arbeiten durfte, empfand sie als ein Riesenglück. Hier konnte sie nicht nur ihren Geschmackssinn verfeinern, sondern auch alles lernen, was eine echte Kaffeemamsell so nötig hatte. Außerdem mochte sie ihre Kollegen und ihren Chef Maximilian Hansen, der mit seinem Namen für fairen Handel bürgte.

Luisa wollte gerade ins Bad, um sich zu duschen, als ihr Blick auf die Uhr fiel.

„Oh, Mist! Schon sieben!“ Sie legte eine Blitzdusche ein, stibitzte ein frisches T-Shirt aus Mollys Kleiderschrank und zog sich in Windeseile an. Schließlich war es nicht geplant gewesen, dass sie nicht zu Hause übernachten würde.

„Wie jetzt, erst sieben? Ich hätte noch mindestens zwei Stunden schlafen können!“ Molly schüttelte entrüstet den Kopf, dass die wirren Haare nur so flogen. Molly war Friseurin und zeigte sich nur äußerst ungern ohne perfekt gestylte Frisur.

„Ich muss dringend los.“ Luisa setzte ihren bettelnden Blick auf, von dem sie wusste, dass Molly ihm nur schwer widerstehen konnte. „Würdest du mit Katze Gassi gehen? Bitte?“ Und weil Molly nicht wirklich überzeugt aussah, fügte sie noch hinzu: „Uns ist letzte Woche eine der Röstmaschinen ausgefallen, und jetzt müssen wir dringend aufholen. Sonst können wir die Lieferfrist nicht einhalten!“

„Was heißt denn hier ‚wir‘?“, neckte Molly. „Du bist doch nur dort angestellt. Oder hast du hinter meinem Rücken mit dem Chef angebandelt? So wie du immer über diesen ach so großartigen Maximilian Hansen sprichst …“

„Quatsch!“ Luisa schlüpfte in ihren Pulli, „Herr Hansen ist ein toller Mann, aber eher … na ja, eine Art Vorbild. Außerdem ist er schon fast sechzig.“

„Schon klar, zu alt!“, sagte Molly.

Luisa zeigte Molly gut gelaunt einen Vogel und wandte sich zur Tür. „Red keinen Käse, Herr Hansen ist glücklich verheiratet, schon ewig! Der könnte mein Vater sein!“

Bei dem letzten Satz hielt Luisa eine Sekunde inne. Ihr Vater war nun schon mehrere Jahre tot, aber sie vermisste ihn noch immer.

„Ach, so eine Romanze wäre doch wirklich mal was Aufregendes gewesen“, hörte sie Molly noch murmeln, als sie mit einem „Danke!“ und einem „Bis heute Abend“ die Wohnung verließ.

Gedankenverloren eilte Luisa an dem kleinen Pförtnerhäuschen von Hansen Kaffee vorbei und winkte Herrn Rieger einen Gruß zu.

„Was machen Sie denn schon hier, Frau Vogt?“, rief dieser ihr zu. „Sie tauchen ja jeden Morgen ein bisschen früher auf!“

Johann Rieger war so etwas wie der gute Geist der Firma. Nicht mal das Personalbüro wusste, wie alt er wirklich war. Standhaft weigerte er sich, es zu verraten. Er wollte nicht in Rente geschickt werden. Als Laufbursche hatte er damals bei Hansen Kaffee angefangen, und seit vor einigen Jahren seine Frau gestorben war, hielt ihn nicht mehr viel zu Hause. Hier hatte er eine Aufgabe zu erfüllen.

Luisa lächelte den älteren Mann an.

„Na, und Sie?“, entgegnete sie fröhlich. „Sie verlassen die Firma ja überhaupt nicht mehr.“

„Tja, Hansen Kaffee ist eben mein zweites Zuhause“, erklärte der Pförtner schulternzuckend.

„Sehen Sie, bei mir ist es nicht viel anders.“ Das stimmte. Luisa fühlte sich wohl bei Hansen Kaffee, sogar mehr als das, sie fühlte sich aufgehoben. Hier war sie am richtigen Platz.

„Na, Deern“, riss Johann Rieger sie aus den Gedanken, „wenn ich alter Knacker so was sage, ist das eines. Aber Sie! Sie haben doch bestimmt jemanden daheim, der auf Sie wartet!“

„Allerdings“, rief Luisa betont locker. „So jemanden gibt es. Und er hat den liebsten Blick auf der Welt. Vor allem, wenn ich ihm getrocknete Schweineöhrchen mitbringe.“

Das Lachen des Pförtners begleitete Luisa in die Firma.

Den Hauptschalter für die Rösterei umzulegen und die Maschinen anzustellen war schnell erledigt, und Luisa setzte gerade Kaffee für ihre Kollegen auf, als jemand um die Ecke bog.

„Frau Vogt, was machen Sie denn schon hier?“ Maximilian Hansen betrat die Kaffeeküche.

„Ach“, wiegelte Luisa ab, weil sie nicht wusste, wie ihr Chef auf die freiwilligen Überstunden reagieren würde, „ich habe nur die Maschinen schon mal angeworfen, damit sie warmlaufen können. Und jetzt wollte ich mir einen Café Luna genehmigen. Möchten Sie auch einen?“

Maximilian Hansen sah Luisa nachdenklich an. „Sagen Sie, habe ich Sie nicht noch gestern Abend bei meinem letzten Rundgang hier gesehen?“ Luisa goss zwei Tassen ein und reichte eine davon ihrem Chef. Maximilian nahm mit einem strengen Blick den Kaffee entgegen. Er wartete auf eine Antwort.

Luisa gab sich einen Ruck.

„Es ist so, dass wir durch die kaputte Maschine etwas in Verzug mit der Lieferung geraten sind, und ich dachte, wir könnten das wieder aufholen, wenn wir jeden Morgen ein bisschen vorarbeiten.“ Sie sah ihren Chef zaghaft an. In der letzten Zeit hatte sie Zeitung gelesen und die Ohren offengehalten. Sie wusste, dass die Firma vor einer Herausforderung stand: Comtess Coffee, die Hamburger Rösterei, die der einflussreichen Familie von Heidenthal gehörte, hatte Hansen Kaffee den Rang als Marktführer abgelaufen. Ein wichtiger Geschäftspartner hatte den Vertrag mit Hansen Kaffee gekündigt, um künftig seinen Kaffee bei Comtess Coffee zu kaufen. Das bedeutete sicher noch nicht viel, trotzdem könnten Kunden, die nicht rechtzeitig beliefert würden, natürlich ebenfalls zu dem größten Konkurrenten wechseln.

Molly zog sie öfter damit auf, dass sie sich zu sehr mit Hansen Kaffee identifizierte. Aber Luisa stand wirklich hinter dieser traditionsreichen Firma und ihren Werten. Außerdem wurde hier die Kaffeemischung geröstet, die Luisa wie keine andere liebte: Café Luna, ein Kaffee, dessen Duft unverwechselbar aromatisch war. Niemand wusste, aus welchen Bohnen die Mischung bestand, und die Hansens hüteten ihr Erfolgsrezept wie einen kostbaren Schatz. Und wenn Luisa ein klein wenig für diesen Betrieb tun konnte, indem sie ein bisschen früher auftauchte, machte ihr das gar nichts aus, zumal schließlich auch ihr Job an den Erfolg der Firma geknüpft war.

Herr Hansen schüttelte lächelnd den Kopf.

„Machen Sie sich mal nicht zu viele Sorgen, Frau Vogt. Ich habe mit unseren Kunden geredet. Kleinere Verzögerungen sind selten wirklich ein Problem. Deshalb sollten Sie jedenfalls nicht auf Ihre Nachtruhe verzichten.“ Der Chef von Hansen Kaffee trank aus, stellte seine Tasse in die Spüle und warf Luisa einen Blick zu, den sie nicht recht zu deuten wusste.

„Auch wenn ich Ihren Einsatz zu schätzen weiß“, sagte er dann milde, „kommen Sie ab sofort bitte wieder wie gehabt.“

Luisa nickte und sah ihm hinterher, als er in sein Büro ging und bei offener Tür seine langjährige Sekretärin begrüßte. Auch Gisi oder mit vollem Namen Gisela Mühlbauer hatte ihm bereits einen Kaffee gemacht. Herr Hansen winkte lächelnd ab.

„Nein danke, Gisi, Frau Vogt hat mir gerade einen spendiert. Ich sollte es nicht übertreiben.“

Die Tür schloss sich und Luisa ging an ihre Arbeit.

Alleine in seinem Büro betrachtete der Hansen-Chef nachdenklich die Bilder, die seine Wände zierten. Streng sahen ihn sein Urgroßvater und sein Großvater an. Noch immer fühlte sich Maximilian unter ihren Blicken wie ein unerfahrener Jungspund. Egal, wie viele Jahre er diese Firma nun schon ganz im Sinne ihrer Werte führte. Kopfschüttelnd setzte er sich hinter seinen Schreibtisch und schaltete den Computer an. Dann fiel sein Blick auf die gerahmten Fotografien, die seinen Schreibtisch zierten. Eleonore und Wilhelm, seine Eltern, lächelten ihm vertrauensvoll zu. Nach dem Tod seines Vaters hatte sich seine Mutter weitgehend aus dem Geschäft zurückgezogen.

„Du machst das schon“, hatte sie ihm damals erklärt. „Ich vertraue dir, dass du das Vermächtnis deines Vaters weiterführst. Und meins“, hatte sie dann noch mit einem seltsamen Lächeln hinzugefügt.

Eine weitere Fotografie, die in einem geschwungenen Silberrahmen danebenstand, mochte Maximilian besonders. Darauf strahlte ihm seine Frau Christine entgegen, ihren gemeinsamen Sohn Daniel an der Hand haltend, der sich schüchtern an das Bein seiner Mutter schmiegte. In letzter Zeit war Maximilian dazu übergegangen, das Bild in einer Schublade verschwinden zu lassen, wenn er einen Termin mit Daniel hatte. Daniel beschwerte sich nämlich, niemand hier würde ihn ernstnehmen, solange sein Vater ihn selbst noch als Kind sehe.

Ein Blinken auf dem Monitor lenkte ihn ab. Es klickte die Erinnerungsfunktion auf: „Hansen Kaffee feiert 150 Jahre auf der Rickmer Rickmers – noch 36 Stunden“, stand dort. Maximilian ließ sich in den Stuhl zurücksinken. Alles war organisiert, und trotzdem hatte er das beunruhigende Gefühl, etwas vergessen zu haben. Seufzend griff er in die unterste Schublade. Dort, wo andere Männer seines Alters die Whiskyflaschen versteckt hielten, hatte Maximilian Weißdorndragees gebunkert. Eigentlich war er durch und durch gesund, nur das Herz stolperte hin und wieder. Was, wie sein langjähriger Arzt und Freund Dr. Knebelkamp erst vor zwei Wochen bei Maximilians halbjährlichem Check versichert hatte, kein Grund zur Sorge war.

„Du bist stark wie ein Ochse, Max – es spricht nichts dagegen, dass du 130 wirst!“ Und das war auch gut so, denn Maximilian hatte noch viel vor! Zum Beispiel seine Frau mal wieder mit einem schönen, ausgedehnten Wellnessurlaub zu überraschen. Maximilian verschluckte sich fast an der Kapsel! Genau, das war es gewesen! Er griff nach dem Telefonhörer, und nur wenige Minuten später sprang sein Faxgerät an: die Reservierungsbestätigung für das Hotel Christensen auf Sylt.

Die würde er Christine morgen überreichen auf der großen Feier. Es war wieder mal an der Zeit, ein ordentliches Fest zu geben, ein Zeichen zu setzen. Deswegen hatte Maximilian neben seinen Angestellten und zahlreichen Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik auch die Konkurrenz geladen. Claus von Heidenthal und er waren alte Studienkollegen. Nur schade, dass Hansens neuer Werbechef seinen Dienst noch nicht angetreten hatte. Denn erstens hätte Maximilian wirklich gerne Valerie von Heidenthals Gesicht bei der Party gesehen, und zweitens könnte der ihm die aufdringliche Presse vom Hals halten. Bei Journalisten wusste man nie, welche unangenehmen Fragen sie stellten. Maximilian seufzte. Ausgerechnet unter seiner Führung hatte Hansen Kaffee das erste Mal seit Bestehen die Marktvorherrschaft abgeben müssen. Und dann auch noch an Comtess Coffee, die mit ihren aromatisierten Fast-Food-Mischungen einen rasanten Aufstieg hingelegt hatten. Natürlich könnte er schneller Gewinne erzielen, wenn er bei der Qualität des Produkts Abstriche machte. Aber das war eben nicht seine Art. Er hatte eine Tradition zu wahren, auf die er stolz war.

Gedankenverloren nahm er eine der Schiffsminiaturen zur Hand, die neben den Fotografien auf seinem Schreibtisch standen. Das erste Hansen-Handelsschiff. Der Grundstock ihres Vermögens. Schon damals hatte sein Urgroßvater darauf bestanden, fair zu handeln und auch seine Angestellten ebenso gerecht zu behandeln wie die Arbeiter auf den Kaffeeplantagen. Das war nicht nur Tradition, das war Lebensart. Und die hatte auch Maximilian Hansen übernommen. Vielleicht sollte er seine Mutter um ihre Meinung bitten. Spätestens bei der nächsten Aufsichtsratssitzung müsste er ihr reinen Wein einschenken. Ganz realistisch betrachtet, könnte er nicht nur ihren Rat, sondern auch den der jüngeren Generation gebrauchen. Aber auf Daniel war in der Hinsicht noch nie Verlass gewesen. Das Einzige, was den Jungen interessierte, war Gewinnmaximierung um jeden Preis. Manchmal wünschte sich Maximilian wirklich, sein Sohn hätte etwas mehr von Luisa. Zumindest könnte sich Daniel eine ordentliche Scheibe von dem patenten und tüchtigen Mädchen abschneiden. Da machte sie heimlich unbezahlte Überstunden, und das nicht erst seit gestern. Luisa Wirbelwind, hatte er sie insgeheim getauft, denn sie schien immer mindestens zwei Dinge gleichzeitig zu machen. Und dabei hielt sie die ganze Belegschaft bei Laune.

Die Gedanken an Luisa stimmten Maximilian wieder zuversichtlicher. Noch schrieb die Firma schwarze Zahlen, und so würde es auch bleiben. Sie waren noch lange nicht vor dem Aus, auf keinen Fall. Er musste eben nach vorne schauen. Hansen Kaffee stand für Qualität, und dafür waren die Menschen immer bereit, einen gewissen Preis zu zahlen. Da war er sich ganz sicher.

Luisa hatte Feierabend und ging langsam die Stufen von Hansen Kaffee hinunter. Sie beschäftigte die Frage, ob sie jetzt noch schnell ein paar Secondhandläden abklappern sollte oder nicht. Da gab es diesen einen, von dem Molly immer schwärmte, weil man dort exquisite Markenkleidung bekam. Doch jetzt noch in die Innenstadt fahren? Außerdem waren Designerklamotten selbst gebraucht noch zu teuer. Blieb also die Frage: Was anziehen zu dem Jubiläumsfest von Hansen Kaffee?

„Einen schönen Feierabend, Frau Vogt“, wünschte Johann Rieger aus dem Pförtnerhäuschen heraus, „wir sehen uns ja dann morgen Abend auf der Rickmer Rickmers.“

„Wissen Sie schon, was Sie anziehen?“ Neugierig trat Luisa näher an das Fenster. Der Pförtner ließ das Buch, in dem er gerade las, sinken und lächelte verschwörerisch.

„Sie werden lachen, ich passe tatsächlich noch in meinen Hochzeitsanzug. Sogar die Fliege ist original Anfang Fünfziger. Zwar etwas … na ja, altmodisch, aber doch ganz passabel.“

„Ich bin gespannt“, rief Luisa lachend und winkte zum Abschied. Er hatte recht. Wozu sich ein neues Kleid kaufen? Irgendwas würde sich schon in ihrem Schrank finden. Oder in Mollys.

2. KAPITEL

Valerie von Heidenthal war fast fertig mit dem Frühstück, als ihr Mann Claus das Esszimmer betrat. Er wählte einen Platz, der so weit wie möglich von ihrem entfernt lag, und murmelte ein „Guten Morgen“ in ihre Richtung. Valerie hob eine perfekt nachgezogene Augenbraue.

„Sieh an, der Herr des Hauses“, stichelte sie. „Meinetwegen hättest du dein geliebtes Kämmerchen aber nicht verlassen müssen. Alle wichtigen Details habe ich vorhin schon telefonisch geklärt, bevor ich gleich in die Firma fahre.“

Claus von Heidenthal sah seiner Frau beim Essen zu und gestand sich das x-te Mal ein, dass er sie dabei nicht mochte. Sie schlang. Es wirkte fast so, als interessiere sie sich gar nicht für das, was sich auf ihrem Teller befand. Egal, wie viele Stunden ihre Köchin für die kulinarischen Köstlichkeiten, an denen die Familie sich täglich erfreuen durfte, aufgewendet hatte. Um ehrlich zu sein, ertrug er kaum das Geräusch, das Valerie beim Kauen machte. Er füllte sich den Teller und verzichtete auf eine Erwiderung. Seit mehreren Jahren gingen sie nun schon getrennte Wege. Von den getrennten Schlafzimmern ganz zu schweigen. Nichtsdestotrotz gebot ihm seine gute Erziehung, den Schein zu wahren. Sogar im Privaten. In geschäftlichen Dingen hatte er immer weniger zu sagen. Valerie hielt mit Unterstützung der ihr ergebenen Aufsichtsräte seit dem Tod ihres Schwiegervaters die Fäden fest in ihrer Hand. Sie ließ ihren Mann, den Geschäftsführer, gerne spüren, wer wirklich die Macht in der Firma hatte. Valerie war eben durch und durch eine knallharte Businessfrau. Claus dagegen erledigte zwar pflichtbewusst seine Arbeit, aber Spaß empfand er schon lange nicht mehr bei seiner Tätigkeit. Nicht, dass Valerie ihn gänzlich aus der Firma verdrängen wollte – noch nicht.

Claus schüttelte resigniert den Kopf. Sein Vater hatte ihm damals die führende Position in der Firma unter der Bedingung übertragen, dass er Valerie heiratete. Von Heidenthal senior und Valerie hatten sich hervorragend verstanden. Claus fragte sich noch immer, wie er an dem Tag, als er um ihre Hand angehalten hatte, daran glauben konnte, mit Valerie ein glückliches Leben führen zu können. Eigentlich war Valerie zweite Wahl gewesen. Damals allerdings hatte er noch daran geglaubt, auch mit einer zweiten Wahl zumindest zufrieden werden zu dürfen. Das Leben servierte einem eben nie hundert Prozent!

Seufzend nahm er seinen Teller und machte sich zurück auf den Weg in sein Atelier, als seine Tochter Katharina erschien.

„Morgen, Paps, Morgen, Valerie!“

Katharina hatte es sich angewöhnt, ihre Mutter mit dem Vornamen anzusprechen, worüber diese alles andere als unglücklich war. Kein Wunder, konnte man sie so doch wesentlich einfacher für Katharinas ältere Schwester halten. Claus nahm an, dass seine Frau dies sogar selbst angeregt hatte. Er dagegen mochte die Bezeichnung „Paps“. Das klang nach liebevollem Vater-Tochter-Verhältnis, auch wenn Katharina ihn schon seit Jahren – genau wie ihre Mutter – nicht mehr ernst nahm. Katharina ließ sich auf einen Stuhl exakt in der Mitte zwischen ihren Eltern fallen.

„Valerie, könntest du mir bitte den Obstsalat reichen?“ Katharina hielt ständig Diät, obwohl sie gertenschlank war.

„Ich brauche noch Entscheidungshilfe wegen heute Abend. Ich hab mir ein paar Kleider liefern lassen.“ Katharina sah Valerie an. Claus schloss einen Moment die Augen. Seine Tochter hatte ihn an einen Termin erinnert, zu dem er am liebsten nicht erscheinen würde. Morgen war die 150-Jahr-Feier der Hansens. Sämtliche wichtigen Menschen Hamburgs erwarteten, ihn dort zu sehen. An der Seite seiner hoheitsvoll lächelnden Frau und seiner bildschönen Tochter. Wie so oft wünschte er sich auch jetzt, er könne sich einfach unsichtbar machen. Wenn doch wenigstens Konstantin da wäre! Zu seinem Sohn hatte er ein wesentlich innigeres Verhältnis als zu den beiden Frauen, auch wenn Konstantin bereits seit einem Jahr in Tansania war. Aber er würde ja schon bald zurückkehren!

„Wir suchen dir was Schönes aus, Liebling.“ Ermutigend lächelte Valerie ihre Tochter an. „Ich wette, du wirst die Prinzessin des Abends sein.“ Und mit einem kleinen Grinsen fügte sie an: „Die Hansens haben jedenfalls niemanden in ihrer Linie, der dir das Wasser reichen könnte.“

Katharina schmunzelte und legte für einen Moment die Gabel nieder. „Du meinst abgesehen von Daniel, der nun wirklich nicht als Prinzessin durchgeht?“

Valerie winkte ab. „Daniel Hansen ist bestimmt ein ordentlicher Geschäftsmann, aber er steht viel zu sehr unter der Knute seines Vaters.“ Und mit einem abschätzigen Blick auf ihren Mann fügte sie hinzu: „Mal sehen, zu welchen Höhen er sich aufschwingt, wenn er sich plötzlich mit uns konfrontiert sieht!“

Valerie und Katharina wechselten ein verschwörerisches Lächeln. Es war kein Geheimnis, dass Valerie, nachdem sie Hansen Kaffee den Rang als Marktführer abgelaufen hatte, noch lange nicht zufrieden war. Das gegnerische Unternehmen aufzukaufen und sich einzuverleiben war ihr erklärtes Ziel. Und Daniel Hansen könnte ihr dabei noch sehr nützlich werden, wenn sie es richtig anstellte. Zumindest war der Juniorchef Katharinas Reizen gegenüber nicht ganz abgeneigt. Das hatte Valerie während der letzten offiziellen Anlässe, zu denen beide Familien eingeladen waren, sehr wohl bemerkt.

Claus versuchte unbemerkt den Raum zu verlassen, doch nichts entging seiner scharfsichtigen Frau.

„Ja, Claus, geh du nur ein bisschen pinseln“, schoss ihm seine Gattin hinterher. „Katharina und ich machen den Rest. Aber vergiss nicht, dass wir heute Abend erwartet werden. Und zwar alle drei.“

Claus floh und verdrehte insgeheim die Augen. Er hastete die Stufen hoch und schloss die Tür hinter sich. Wenigstens hier hatte er Ruhe. Das Atelier war sein Rückzugsort, sein eigenes kleines Paradies. Claus wählte einen feinen Pinsel und konzentrierte sich auf das, was er erschaffen wollte. Valerie hatte ihn zwar in geschäftlicher Hinsicht fest im Griff. Seine Fantasie dagegen kontrollierte niemand. Er wählte mehrere Gold- und helle Brauntöne, um das blonde Haar seiner großen Liebe so zu treffen, wie er sich daran erinnerte. Die Skyline Hamburgs im Hintergrund umrahmte das Gesicht der jungen Frau wie einen Heiligenschein.

Es war ein perfekter Abend für ein Fest. Der Mond schien voll und rund und spiegelte sich im Wasser des Hafens. Kaum ein Lüftchen wehte. Deswegen brannte an Deck der Rickmer Rickmers auch eine Vielzahl Kerzen. Maximilian Hansen nickte zufrieden und inspizierte den Innenraum. Die Tische waren sehr geschmackvoll gedeckt, und jeder einzelne Teller war mit einer essbaren Blüte verziert. Das Büfett wurde gerade aufgetragen. Matjes, Aal, Lachsforelle, Scholle, diverse Krustentiere. Fisch geräuchert, gebacken, eine Bouillabaisse. Maximilian hob den Deckel von einer der Terrinen und genoss den wunderbaren Duft, der ihm entgegenströmte. „Schon allein wegen des Fischs lohnt es sich, in Hamburg zu wohnen“, hatte sein Vater immer gesagt. Der Besuch des Fischmarkts war eine beliebte Familientradition. Mindestens zweimal im Jahr waren alle um fünf Uhr aufgestanden, um auf dem Fischmarkt zu frühstücken. Nicht selten hatten Maximilian und seine Eltern an solchen Tagen bis zu zehn Heringe verputzt. Vor allem, wenn sie ganz frisch, sozusagen noch grün waren – eine Köstlichkeit!

„Vater?“ Daniels Stimme riss ihn aus den Gedanken. Rasch warf Maximilian einen Blick auf seine Uhr. Halb acht. Die Gäste wurden ab acht erwartet. Daniel, Christine und Eleonore sollten etwas früher hier eintreffen, damit die gesamte Familie Hansen gemeinsam ihre Gäste begrüßen konnte.

„Was machst du denn schon hier, wo sind deine Mutter und deine Großmutter?“

„Die kommen mit dem Chauffeur“, winkte Daniel ab. „Ich wollte noch schnell etwas mit dir bereden.“

„Du hättest mit ihnen fahren sollen“, Maximilian schaute seinen Sohn enttäuscht an. Er wusste, wie viel seiner Mutter der gemeinsame Auftritt der Familie bedeutete. Doch Daniel ignorierte den Blick seines Vaters geflissentlich.

„Vater, hör mir zu, ich habe gestern noch ein paar Zahlen verglichen …“

„Schön zu hören, dass du dich hier und da tatsächlich auch um den Im- und Export kümmerst, aber …“ Weiter kam er nicht, sein Sohn unterbrach ihn rüde.

„Ich rede nicht von meiner Abteilung, ich rede von der Gesamtlage der Firma!“

Maximilian seufzte. Er ahnte, worauf dieses Gespräch hinauslaufen sollte. Daniel schwenkte mal wieder die Fahnen als Juniorchef und wollte über „Umstrukturierungen“ diskutieren. Manchmal wunderte er sich wirklich, dass der Junge so wenig Feingefühl besaß. Man sollte meinen, er hätte sich einen passenderen Zeitpunkt für eine solche Auseinandersetzung aussuchen können. Wenn er schon nicht akzeptieren wollte, dass Maximilian in keiner Weise dazu bereit war, bestimmte Werte, mit denen die Firma schon immer geführt worden war, einer angeblichen Gewinnmaximierung zu opfern. Fairer Handel, der gute Umgang mit den Mitarbeitern und vor allem die erstklassige Qualität des Kaffees – für all dies stand der Namen Hansen seit Gründung der Rösterei, und so sollte es auch bleiben.

„Heute Abend geht es nicht um Zahlen, sondern um unseren Familienbetrieb. 150 Jahre, Daniel! Darauf kann man sehr stolz sein. Lass uns doch alles andere morgen besprechen.“ Demonstrativ wendete sich Maximilian wieder dem Büfett zu.

„Aber ich möchte, dass du dir dann Zeit für meine Vorschläge nimmst. Langsam ist es nämlich dringend nötig, ein paar Veränderungen zu wagen. Wir leben im 21. Jahrhundert, Vater! Auf deine 150 Jahre kannst du dich nicht ewig berufen. Glaub mir“, er machte einen Schritt auf seinen Vater zu. „Es wird Zeit, dass du mich in wichtige Entscheidungen miteinbeziehst, anstatt dich hinter überholten Strukturen und Traditionen zu verstecken!“

Also das war es. Hier ging es gar nicht um die Firma, sondern um Daniels eigene Stellung. Maximilian wusste, dass sein Sohn als zukünftiger Erbe seine Position und sein Gehalt bei Hansen Kaffee als nicht repräsentativ genug empfand. Bis jetzt konnte Maximilian leider nicht behaupten, dass sein Sohn sich durch etwas anderes als durch seine Herkunft als sein Nachfolger qualifizierte.

„Du sprichst von Traditionen? Die haben dir doch noch nie was bedeutet, Daniel. Manchmal frage ich mich wirklich, warum du überhaupt bei uns arbeitest.“

Maximilian sah sich um. Zum Glück waren Eleonore und Christine noch nicht da. Das hätte gerade noch gefehlt. Er wollte nicht, dass ihnen der Abend verdorben wurde.

„Du verstehst es einfach nicht, oder? Mir ist der Erfolg der Firma sehr wohl wichtig. Und den könnten wir ruhig ein wenig vorantreiben. Auch mit ein paar radikaleren Maßnahmen!“ Daniel hatte sich in Rage geredet und marschierte wild gestikulierend vor seinem Vater auf und ab. Maximilian dagegen hatte sich auf einen Stuhl sinken lassen und massierte sich erschöpft die linke Schulter. „Wenn wir so weitermachen wie bisher, werden wir von jedem kleinen Kaffeeunternehmen überholt, das gewiefter investiert und ökonomischer denkt als wir. Das musst doch selbst du sehen, Vater. Denk an die Zukunft.“

Maximilian hatte mehr als genug gehört.

„Nicht jetzt, Daniel, ich habe weder Zeit noch Lust, mir ausgerechnet jetzt deine unausgegorenen Vorschläge anzuhören“, sagte er, um das Gespräch zu beenden.

In diesem Moment war von draußen das Zuschlagen von Autotüren zu hören. Daniel warf seinem Vater einen abschätzigen Blick zu. „Du wirst mich noch brauchen, alter Mann“, knurrte er wütend. „Spätestens, wenn dir das Wasser bis zum Hals steht! Lange kann das nicht mehr dauern.“

Das Fest war in vollem Gange, und überraschenderweise fühlte sich Luisa pudelwohl. Das grüne Cocktailkleid ihrer Mutter aus den Sechzigern, das Luisa vor der Altkleidersammlung gerettet hatte, stand ihr ausgezeichnet. Mit den weißen Perlen am Ausschnitt und am Saum und einem smaragdgrünen Taftstreifen diagonal auf der Rückseite könnte es fast als Designerkleid durchgehen. Molly hatte ihr passende Schuhe geliehen. Schicke Pumps, zum Glück nicht zu hoch. Zugegebenermaßen ein klein wenig zu groß, aber Molly hatte Taschentücher vorne in die Spitzen gesteckt.

Luisa stand neben Nicole, nippte an ihrem Champagner und sah sich um. Inzwischen waren alle Reden gehalten worden, und die Sitzordnung lockerte sich. Die Ersten tummelten sich bereits auf der Tanzfläche.

„Die spielen genau die richtige Musik zu deinem irren Kleid“, sagte Nicole und trank ihr Glas in einem Zug leer. Das war beileibe nicht ihr erster Champagner gewesen. „Herr Braun hat recht, du bist echt kaum wiederzuerkennen.“

„Vielen Dank für dieses unglaubliche Kompliment“, gab Luisa ironisch zurück, während Nicole sich das nächste Glas vom Tablett eines vorbeilaufenden Kellners schnappte und nickte.

„Sogar der Chef hat dich angestaunt, als wärst du ein Geist.“

Ja, das war Luisa auch aufgefallen. Als sie sich persönlich bei ihm für die Einladung bedankt und ihm zum Firmenjubiläum gratuliert hatte, hatte er einen Moment lang erschrocken ausgesehen. Fast so, als würde er sie nicht erkennen. Aber womöglich lag das an den vielen Menschen und dem Trubel auf dem Fest. Viel Zeit, um sich über seine Reaktion zu wundern, hatte Luisa nicht gehabt, denn schnell war sie von einer schlanken, sehr attraktiven Dame zur Seite geschoben worden. „Maximilian!“, hatte die geflötet und seine Hand in ihre genommen. „Das hätten wir alle nicht gedacht, damals, was? Dass wir nach so vielen Jahren noch zusammen feiern. Schön, dass ihr uns eingeladen habt. Ich dachte schon, ihr seid uns böse, weil wir euch von der Marktspitze vertrieben haben.“

„Ich bitte dich, Valerie!“ Maximilian hatte Valerie von Heidenthal nicht weiter beachtet und dem Mann neben ihr die Hand gereicht. „Claus. Und das ist vermutlich eure Tochter Katharina. Sie habe ich aber schon lange nicht gesehen.“ Das Mädchen, etwa in Luisas Alter, war wirklich schön. Sie hatte das rabenschwarze Haar ihrer Mutter geerbt, und genau wie die trug sie es in einem glatten Pagenkopf, der ihr fast etwas Strenges verlieh.

Luisa konnte nicht anders, auch jetzt musste sie einfach immer wieder zu der jungen Frau hinschauen. Sie hatte Katharina noch kein einziges Mal lachen gesehen.

„Bestimmt hat sie Angst, Falten zu kriegen und gerade kein Botox zur Hand zu haben“, murmelte Luisa.

„Was?“ Nicole schwankte bereits etwas.

„Ach nichts, ich habe nur laut gedacht.“

„Ging es um die da?“ Nicole beäugte Katharina neugierig. „Das ist Katharina von Heidenthal, Society-Queen von Hamburg“, erklärte sie aufgeregt. „Ich habe gehört, dass die angeblich mit einem Grafen aus Spanien zusammen ist! Warum der wohl nicht mitgekommen ist?! Meinst du, sie hat schon wieder einen anderen?“

Katharinas Mutter war derweil mit etwas ganz anderem beschäftigt. Valerie von Heidenthal besorgte sich ein Tablett mit vier Gläsern Champagner und nötigte Claus, ihr zu folgen.

„Auf uns vier“, sagte sie mit einem vieldeutigen Lächeln, als sie Maximilian und Christine erreicht hatten, und gab jedem ein Glas. „Auf dass es noch viele schöne Anlässe zum Feiern gibt. Auch wenn ich mir sicher bin, dass es unsere Firma Comtess Coffee sein wird, die das nächste Mal ein größeres Fest geben wird … Aber wie heißt es so schön? Konkurrenz belebt das Geschäft.“

Sie erhob ihr Glas und bemerkte zufrieden, wie Maximilian für einen Moment verärgert das Gesicht verzog.

„Schade, dass euer Sohn Konstantin heute nicht hier ist“, entgegnete er dann liebenswürdig. „Ich hätte gerne mit ihm angestoßen. Aber das kann ich ja bald nachholen, nicht? Wie gehst du eigentlich damit um, dass er sich weigert, bei euch in der Firma zu arbeiten?“

Christine lachte noch immer stillvergnügt in sich hinein, als sie Maximilian nach draußen an Deck der Rickmer Rickmers folgte.

„Ich habe das Biest Valerie noch nie so wortlos gesehen! Im ersten Moment dachte ich, sie spuckt dir den Champagner ins Gesicht.“

Maximilian lächelte sie zärtlich an, während er nach den Hotelreservierungen in der linken Innentasche seines Jacketts tastete.

„Valerie? Wasser ja, aber doch nicht den kostbaren Champagner! Aber jetzt möchte ich mit dir unbehelligt diesen schönen Nachthimmel genießen, bevor wir uns drinnen wieder zeigen müssen.“

„Du hast recht, Liebling, dies ist unser Abend, und den lassen wir uns nicht verderben.“ Christine blickte ihn voller Liebe an und schmiegte sich in seine Arme. Die Skyline Hamburgs funkelte mit den Sternen um die Wette. Das leise Plätschern der Wellen untermalte das Gemurmel und Gelächter der Gäste. Maximilian zog Christine dicht an sich und seufzte; er fühlte sich so wohl wie schon lange nicht mehr. All die Sorgen der letzten Tage fielen von ihm ab und machten einer großen Zuversicht Platz. Beschwingt drehte er sich mit seiner Frau in den Armen und machte ein paar Tanzschritte zu der leisen Musik, die über das Wasser klang. Diesen Moment wollte er schlicht und einfach genießen. Völlig unbeschwert.

„Ich hab eine Überraschung für dich, mein Herz“, flüsterte er ihr dann ins Ohr. „Allerdings kann ich dich gerade unmöglich loslassen.“

„Musst du doch gar nicht.“ Christine legte den Kopf an seine Schulter. „Erzähl mir einfach, was es ist.“ Ihr Max. Bestimmt würde er sie mit irgendetwas Romantischem überraschen, so wie es ihm all die langen Jahre über immer und immer wieder gelungen war.

„Weißt du noch? Sylt? Unser Zimmer mit Meerblick direkt über den Klippen?“

Christine nickte und schloss in Erinnerung schwelgend die Augen. Damals hatten sie auf der Insel ihre zweiten Flitterwochen verbracht. Daniel war bei seiner Großmutter untergebracht gewesen, und Christine und Maximilian hatten zwei lange Wochen nur für sich gehabt.

„Ich habe genau dasselbe Zimmer gebucht“, flüsterte Maximilian, während er sie im Takt wiegte, „ich dachte, wir könnten mal wieder ein bisschen Zeit miteinander verbringen.“

„Was für eine wundervolle Idee, mein Schatz!“

Maximilian strich seiner Frau eine Haarsträhne aus der Stirn und musste den Kopf schütteln. Dass sie es nach all den Jahren noch immer vermochte, solche Gefühle in ihm auszulösen. Er fühlte sich wie ein Teenager samt Schmetterlingen im Bauch und Herzklopfen.

„Ich liebe dich, weißt du?“

„Und ich dich. Ich bin unglaublich glücklich mit dir.“

Die beiden drehten sich im Kreis, langsam, wie zum Ende eines Walzers, als ein scharfer Schmerz Maximilians Brust durchfuhr. Voller Panik griff er sich an die Kehle und lockerte die Krawatte.

„Liebling?“ Christines Stimme klang besorgt. „Was hast du?“

Doch Maximilians Beine gaben nach, und er brach – sich an ihre Hand klammernd – auf dem Holzboden zusammen. Sein Körper begann zu krampfen.

Das Schiff schaukelte, die Sterne funkelten, und Christine schrie außer sich vor Angst um Hilfe …

Klirr! Luisa sprang zurück. Auf dem Küchenboden lag Mollys große Glasschüssel in tausend Scherben.

„So ein Mist!“ Aufgebracht schnappte sie sich einen Besen, kehrte die Scherben zusammen und warf sie in den Mülleimer. Dann wandte sie sich wieder dem Teig zu, den sie jetzt schon seit mehr als einer Stunde voller Zorn knetete und walkte.

„Luisa?“ Molly warf vorsichtig einen Blick in ihre Küche. Etwa auf Kniehöhe tat Katze dasselbe. Beide trauten sich nicht weiter in den Raum hinein. Luisa, die noch immer das grüne Cocktailkleid trug, drosch kräftig auf den braunen Teig ein, der vor ihr auf dem bemehlten Küchentisch lag. Sie nahm ihn hoch, wirbelte ihn ein paarmal durch die Luft und schleuderte ihn wieder nach unten. Es staubte in alle Richtungen, Kaffeebohnen landeten auf dem Fußboden. Und Rumms! Erneut warf Luisa den Kloß voller Wucht auf die Tischplatte, als wollte sie ihn meucheln. Molly hechtete vor und fing in letzter Sekunde eine Obstschale auf, die durch den Stoß über den Tischrand gerutscht war. Vorsichtig stellte sie sie außerhalb von Luisas Reichweite auf einen Küchenschrank.

„Vielleicht hatte er ein schwaches Herz. Das kommt nun mal vor … bei älteren Menschen“, versuchte Molly es dann vorsichtig.

Nur eine Sekunde hielt Luisa inne, bevor sie ihre Hände wieder in den Teig grub. Molly versuchte zu ignorieren, dass die Blätter ihres mit viel Liebe gepflegten Ficus schon über und über mit Mehl bestäubt waren.

„Trotzdem“, grummelte Luisa jetzt, „es ist einfach nicht fair!“

Molly nickte. Sie war froh, dass Luisa überhaupt irgendetwas sagte. Vor über einer Stunde hatte sie Sturm geklingelt, war dann wie von der Tarantel gestochen in Mollys Küche gestürmt, hatte sämtliche Schränke aufgerissen und zu backen begonnen. Das Einzige, was Molly überhaupt aus ihrer Freundin herausbekommen hatte, war, dass Maximilian Hansen überraschend gestorben war.

Jetzt rupfte Luisa den Teig in Stücke, ballte die Faust und schlug damit die mehr oder weniger runden Teile flach. Es gelang ihr einfach nicht, Christines Gesicht zu vergessen, als der herbeigerufene Arzt nur noch den Tod ihres Mannes feststellen konnte.

„Das kann nicht sein“, hatte Christine Hansen immer und immer wieder gemurmelt und sich geweigert, Maximilians Hand loszulassen. „Er ist kerngesund! Erst neulich hat er sich durchchecken lassen.“

Eleonore Hansen, weiß wie ein Laken und um Fassung ringend, hatte die Gäste gebeten, die Familie allein zu lassen. Schockiert war Luisa von Bord gegangen. Vorbei an Daniel Hansen, der völlig mechanisch ein Glas nach dem anderen in sich hineinkippte. Lauter Bilder waren in Luisas Kopf durcheinandergewirbelt. Herr Hansen, wie er mit Johann Rieger schäkerte, Herr Hansen mit einer Kaffeetasse in der Hand in der Küche, Herr Hansen, wie er die Röster bat, die neue Kaffeemischung noch ein letztes Mal zu probieren, bevor sie an den Handel ausgeliefert wurde. Das Nächste, an das sie sich erinnern konnte, war, dass sie vor Mollys Haustür stand.

Langsam ließ sie die Schultern sinken. Sie wusste genau, warum sie so reagierte. Maximilian Hansens Tod mitzuerleben hatte sie an den Tag vor inzwischen fünf Jahren erinnert. Sie war aus der Schule gekommen und hatte ihre Mutter in der Küche vorgefunden. Bleich, zerzaust und mit verweinten Augen. Luisas Vater war auch einfach umgefallen und nicht mehr aufgestanden. Und eigentlich hatte sie noch immer nicht ganz begriffen, dass er nicht wiederkommen würde. Dass er nicht eines Tages plötzlich wieder in der Küche am Tisch säße, als wäre nichts gewesen. Luisa hatte damals darauf gewartet, dass ihr endlich die Tränen kamen. Aber ihre Augen waren trocken geblieben, und dafür hatte sie sich geschämt.

Maximilian Hansen war so etwas wie ein Mentor für sie gewesen. Und vielleicht sogar ein wenig mehr. Maximilian Hansen hatte Luisa nach ihrer Meinung gefragt, ihr das Gefühl gegeben, er nehme sie ernst. Ja, manchmal hatte er sie angeschaut, als wäre er aus irgendeinem Grund stolz auf sie, sodass es Luisa richtig warm ums Herz geworden war. Was war das nur mit den starken Männern in ihrem Leben? Warum verschwanden die immer einfach so? Das war verdammt noch mal nicht gerecht!

„Soll ich den Backofen vorheizen?“ Molly legte vorsichtig den Arm um ihre Freundin. Doch Luisa schüttelte traurig den Kopf.

„Nee, lass mal, die sind nix geworden.“

Resigniert blickte sie die formlosen Teigstücke an, die vor ihr lagen, und versuchte die Tränen, die plötzlich in ihren Augen standen, zu unterdrücken. Das war jetzt aber nicht wahr, oder? Jetzt fing sie also schon an, wegen ein paar missratener Cookies zu heulen? Wie verquer war das denn?

3. KAPITEL

Am Montagmorgen schlich Luisa mit gesenktem Kopf in die Firma. Vorbei an dem verwaisten Pförtnerhäuschen, entlang an den stillstehenden Röstmaschinen, an der geschlossenen Tür der Kaffeeküche vorbei, aus der kein Laut kam. Im Sitzungssaal schließlich, in den die gesamte Belegschaft gebeten worden war, suchte sie sich einen Platz möglichst weit hinten. Um ehrlich zu sein, wünschte sie sich weit weg oder zumindest zu ihrer Röstmaschine. Doch da betrat Eleonore Hansen den Raum. Ihre sonst so klaren eisblauen Augen waren gerötet, als habe sie die ganze Nacht geweint. Das ovale Gesicht mit den feinen Zügen wirkte eingefallen vor Kummer.

„Guten Morgen“, begrüßte sie die versammelten Mitarbeiter. Die Vierundsiebzigjährige ließ es sich trotz des schmerzlichen Verlustes nicht nehmen, diese Versammlung selbst zu eröffnen. Luisa hatte Mitleid mit der Patriarchin.

„Ich habe Sie alle hierhergebeten, um Ihnen die traurige Mitteilung zu machen, dass mein Sohn Maximilian am Samstagabend überraschend verstorben ist“, begann Eleonore Hansen mit bedrückter Stimme. Die Belegschaft tauschte betroffene Blicke aus. Die alte Dame räusperte sich und rang um Fassung. „Sie alle sind eingeladen, meinem Sohn am Donnerstagmorgen um neun Uhr die letzte Ehre zu erweisen. Aber auch wenn sein Tod uns zutiefst bestürzt, ist es gerade jetzt besonders wichtig, alles dafür zu tun, dass die Firma – seine Firma – nicht darunter leidet. Das wäre sicherlich im Sinne meines Sohns gewesen.“

Luisa blinzelte die Tränen weg. Frau Hansen hatte recht. Maximilian Hansen hätte sicher gewollt, dass sie alle so weiterarbeiteten wie bisher. Gerade in einer Zeit wie dieser. Sie sah sich um. Johann Rieger saß wie ein Häuflein Elend auf einem Stuhl ganz vorne und verfolgte jede Bewegung der Patriarchin. Nicole starrte gedankenverloren an die Wand, und Hubertus Braun knetete in sich gekehrt die Hände. Dann fiel ihr Blick auf Christine Hansen, deren Rücken bebte, als weinte sie.

„Deswegen“, fuhr Frau Hansen fort, „möchte ich Ihnen meinen Enkel als Interimsgeschäftsführer vorstellen. Er wird bis auf Weiteres für sämtliche Entscheidungen, die die Firma betreffen, die Verantwortung übernehmen. Daniel, wenn ich bitten darf!“

Daniel Hansen nickte und trat vor seine Großmutter an das Podium. Mit einem undurchdringlichen Gesichtsausdruck wandte sich der neue Geschäftsführer an seine Mitarbeiter. Wie immer sah er aus wie aus dem Ei gepellt – er trug einen maßgeschneiderten anthrazitfarbenen Anzug, ein frisch gestärktes weißes Hemd und eine hellgraue Krawatte, die bestens zu seinem Outfit passte. Luisa konnte den Juniorchef von heute nur schwer in Verbindung bringen mit dem geschockten Daniel Hansen von Samstagabend. Seine dunklen Haare, akkurat gescheitelt, sahen aus wie immer.

„Vielen Dank, Großmutter“, begann er nun ruhig. „Liebe Mitarbeiter, trotz des traurigen Anlasses ist es mir eine Ehre, die Geschäfte von Hansen Kaffee zu übernehmen. Fürs Erste wird sich für Sie alle erst einmal nichts ändern, was nicht heißen soll, dass wir nicht schon bald vor tiefgreifenden Umstrukturierungsmaßnahmen stehen werden. Notgedrungen. Aber darüber werden wir dann zu gegebener Zeit reden.“

Er ließ seinen Blick über die Belegschaft schweifen.

„Noch heute werde ich das Büro meines Vaters beziehen, um mir einen genauen Einblick in die Unternehmenssituation zu verschaffen. Sie alle wissen sicherlich, dass mein Vater eine etwas – nennen wir es antiquierte Art hatte, die Geschäfte zu leiten. Einiges wird sich ändern müssen. Doch bis dahin …“, Daniel machte eine Pause, „… danke ich Ihnen für die Aufmerksamkeit und bitte Sie, sich unverzüglich wieder an Ihre Arbeitsplätze zu begeben.“

Daniel drehte sich zu seiner Großmutter um, doch dann fiel ihm noch etwas ein.

„Und bevor ich es vergesse: Natürlich sind Sie alle herzlich eingeladen, an der Beerdigung meines Vaters teilzunehmen.“ Streng sah er von einem zum anderen. „Aber ich möchte Sie darum bitten, die daraus resultierenden Fehlstunden so bald wie möglich aufzuholen! Schließlich muss Hansen Kaffee den Verlust der letzten Tage wieder aufholen. Und damit meine ich nicht den Tod meines Vaters, sondern die Tatsache, dass die Firma die Marktführung zugunsten von Comtess Coffee verloren hat.“

Eleonore schüttelte beinahe unmerklich den Kopf, während sie gemeinsam mit Daniel den Sitzungssaal in Richtung seines Büros verließ.

„Daniel, das war geschmacklos und alles andere als feinfühlig“, warf Eleonore ihm schließlich hinter verschlossener Tür vor. Doch der frischgebackene Geschäftsführer war die Ruhe in Person.

„Lass das mal meine Sorge sein“, erklärte er gelassen. „Ich respektiere dich, Großmutter, aber du hast keine Ahnung von den aktuellen Zahlen. Wenn du dich damit auseinandergesetzt hast, höre ich mir gerne deinen Rat an. Bis dahin bin ich der Einzige, der sich auskennt. Also, am besten vertraust du mir einfach.“

Mit den letzten Worten hatte Daniel seine Großmutter endgültig verärgert. So hatte noch nie jemand mit ihr gesprochen. Daniel zum Geschäftsführer zu machen war für sie ein selbstverständlicher Vorgang gewesen. Vom Vater wurde die Geschäftsleitung traditionell auf den Sohn übertragen, wenn der Senior in Rente ging oder eben starb. Aber nun kamen Eleonore Zweifel an ihrer Entscheidung. Grußlos verließ sie nachdenklich Daniels Büro und machte sich auf die Suche nach ihrer Schwiegertochter, mit der sie zusammen nach Hause in die Familienvilla fahren wollte.

Luisa stand mit ihren Kollegen in der Kaffeeküche, wohin heute kurzerhand die Mittagspause verlegt worden war. Sie schenkte sich gerade eine Tasse Café Luna ein, als Gisela Mühlbauer die kleine Küche betrat. Alle verstummten. Hin und wieder hatte sich Gisi in der Mittagspause zu ihnen gesellt, das schon. Aber jetzt war sie immerhin die persönliche Sekretärin des neuen Chefs.

„Bekomme ich einen Kaffee von euch?“, fragte sie den Tränen nahe und ließ sich dann erschöpft auf dem Fenstersims nieder.

„Was ist denn los?“, fragte Luisa mitfühlend, als Hubertus Braun Gisi seine nicht angerührte Tasse in die Hand drückte.

„Daniel Hansen ist los“, schniefte die Sekretärin und erklärte, dass der Junior nach seiner Antrittsrede keine Stunde gebraucht hatte, um das Büro seines Vaters zu beziehen und es komplett auszuräumen. Als Erstes waren die Porträts seiner Ahnen rausgeflogen.

„Als wäre ihm der Stil seines Vaters geradezu zuwider“, seufzte Gisi. „Sogar das silbergerahmte Foto von seiner Mutter und ihm als kleinem Jungen hat er einfach so in den Müll geworfen! Stattdessen hat er sich gleich eine ganz neue Einrichtung im Internet bestellt! Zwanzig Jahre bin ich jetzt schon hier, und Maximilian Hansen hat mich immer behandelt, als wäre ich … na eben seine rechte Hand und …“ Gisi schluchzte unterdrückt. „Als wäre ich irgendwie wertvoll für ihn.“ Jetzt kullerte eine Träne ihre rechte Wange herab.

„Das warst du ja auch“, versuchte Luisa ihre aufgebrachte Kollegin zu beruhigen. „Wir alle waren etwas Besonderes für Herrn Hansen!“

Alle nickten zustimmend, und Gisi hörte prompt auf zu weinen.

„Ja, das weiß ich ja auch eigentlich, aber Hansen junior … der tut eben so, als wäre ich … na ja, irgendwie überholt!“ Gisi sah sich blinzelnd um. „Aber sagt mal, wieso seid ihr denn alle hier und nicht in der Mittagspause?“

Hubertus Braun schenkte der noch immer zitternden Sekretärin einen weiteren Kaffee ein.

„Das hier ist unsere Mittagspause“, erklärte er dann. „Wir sind wegen des Ausfalls der Röstmaschine etwas hintendran und wollen alle auf Herrn Hansens Beerdigung. Also haben wir beschlossen, nur schnell einen Kaffee zu trinken, um dann gleich weiterarbeiten zu können.“

Gerührt blickte Gisi von einem zum andern. „Das hätte ihm sicher gefallen“, begann sie. „Herr Hansen war immer so ein …“

In dem Moment wurde die Tür aufgerissen, und Daniel Hansen betrat den kleinen Raum. Und er sah alles andere als erfreut aus.

„So ist das also“, schimpfte er los. „Wie heißt es so schön? Ist die Katze aus dem Haus, tanzen die Mäuse auf dem Tisch! Aber nicht mit mir, meine Herrschaften, nicht mit mir!“

Dann nahm der neue Geschäftsführer Nicole ins Visier und herrschte sie an: „Können Sie mir bitte erklären, warum Sie hier rumstehen, anstatt zu arbeiten?“ Vor lauter Aufregung bekam Nicole kein einziges Wort heraus. Daniel Hansen sah sie missbilligend an und erklärte mit eisiger Stimme: „Hören Sie mir gut zu! Jeder einzelne Arbeitsvertrag wird auf seine Zweckmäßigkeit für die Firma überprüft.“ Er warf einen abschätzenden Blick auf alle Anwesenden. „Mitarbeiter, die lieber Pause machen, als zu arbeiten, sind alles andere als geeignet, um zum Erfolg eines Geschäftes etwas beizutragen! Wie ist Ihr Name?“ Nicole zitterte so sehr, dass sie noch immer kein einziges Wort herausbrachte.

Dafür platzte Luisa der Kragen. „Wie wäre es, wenn Sie uns erst mal fragen, was wir eigentlich hier tun?“, wollte sie aufgebracht von dem neuen Chef wissen, der sie wütend anstarrte.

„Luisa“, versuchte Hubertus Braun sie leise aufzuhalten, doch es war zu spät.

„Sie meinen, außer mein Geld zu verprassen und meinen Kaffee zu trinken?“

„Nein“, wehrte sich Luisa. „Wir machen eine Pause hier, okay, aber die steht uns zu, dafür lassen wir ja auch …“

Bevor Luisa den Satz zu Ende sprechen konnte, fiel Daniel Hansen ihr ins Wort. „Sie maßen sich an, mir zu sagen, was Ihnen zusteht? Nichts da!“ Er wandte sich an alle Angestellten. „Hopp, hopp, an die Arbeit, bevor ich mich vergesse! Außer Ihnen!“ Daniel Hansen deutete auf Luisa. „Sie können sich im Personalbüro Ihre Unterlagen abholen und gehen. Sie sind entlassen.“ Drohend blickte er sich um. „Ich dulde weder Widerspruch noch Faulheit!“

„Entschuldigen Sie, Herr Hansen“, mischte sich Hubertus Braun sichtlich verärgert ein. „Aber …“

„Wenn ich möchte, dass Sie Ihre Meinung kundtun, dann sage ich Ihnen das“, unterbrach Daniel ihn rüde. „Und jetzt raus hier! Außer, Sie wollen Ihrer kleinen Kollegin folgen. Sie werden schließlich nicht dafür bezahlt, Kaffee zu trinken. Sie sollen dafür sorgen, dass wir Kaffee verkaufen.“ Während ihre Kollegen bedrückt den Raum verließen, starrte Luisa noch immer geschockt den neuen Geschäftsführer an, der sich mit einem süffisanten Grinsen noch einmal zu ihr wandte, um sie hinauszukomplimentieren.

„Wenn ich jetzt bitten dürfte. Unbefugte haben hier nichts verloren!“

„Du musst das positiv sehen“, sagte Molly zum x-ten Mal und goss Luisa eine Tasse Tee ein. Luisa nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. Was war das denn?

„Was bitte ist positiv daran, dass mich dieser schnöselige Volldepp rausgeworfen hat, und kann ich bitte einen Kaffee haben?“

Molly blickte ihre beste Freundin an und zuckte bedauernd mit den Schultern.

„Tut mir leid, Kaffeeböhnchen, auf dein Allround-Hilfsmittel musst du verzichten. Meine Chefin ist eine Wald-und-Wiesen-Fee, außer Kräutertee kommt der nichts in den Laden.“

„Dass euch die Kunden nicht reihenweise abspringen …“

„Die kommen ja schließlich auch nicht, um sich hier gesund zu trinken, sondern um wahnsinnig schön zu werden. Und jetzt zurück zu dir. Vielleicht ist es ja ganz gut, dass du dich … na ja, nach was anderem umschauen musst. Vielleicht kannst du jetzt noch mal über ein eigenes Café nachdenken. Der Junior ruiniert Hansen Kaffee doch sowieso. Was du von dem erzählt hast, klingt danach, als könne der nicht mal eine Röstmaschine anstellen.“

Stumm nickte Luisa vor sich hin. Vielleicht waren Mollys Überlegungen gar nicht so verkehrt. Doch allein der Gedanke daran, dass Daniel Hansen nun in der Position war, seine „Modernisierungsmaßnahmen“ auf Kosten der Tradition von Hansen Kaffee durchzuführen, machte sie fuchsteufelswild. Aber was konnte sie schon dagegen tun? Sie war nur eine Rösterin. Eine arbeitslose noch dazu. Wahrscheinlich hatte Molly recht, und sie tat gut daran, sich so schnell wie möglich um eine neue Stelle zu kümmern. Luisa seufzte tief, Tränen stiegen ihr in die Augen. Dann konnte sie morgen also gleich Abschied von allem nehmen, was ihr lieb und teuer war: Maximilian Hansen, der Firma, einer Karriere, die sie sich dort erträumt hatte, ihren Kollegen, der fundierten Erfahrung, die sie früher oder später einmal zu einem eigenen Café hätte bringen sollen … eben ihrer ganzen Zukunft!

„Ach, Luisa, lass dich nicht hängen. Ich habe eine gute Idee, um dich auf andere Gedanken zu bringen! Wie wäre es mit einem coolen Haarschnitt?“

Luisa versuchte ein Lächeln zustande zu bekommen, während sie den Kopf schüttelte. Molly war ihre beste Freundin und ein prima Kumpel, aber ihre Vorstellung von „cool“ war von Luisas so weit entfernt wie die Venus vom Mars.

„Oder ein paar pinke Strähnchen? Pink macht fröhlich!“

Dazu musste nun gar nichts mehr gesagt werden. Luisa fischte in ihrer Handtasche nach einem Haargummi und band sich schnell die blonden Locken zum Zopf. Sicher war sicher.

„Keine Angst“, sagte Molly und schüttelte frech eine Flasche Directions Crazy Rasperry vor Luisas Nase, „ich zwinge niemand zu seinem Glück, auch wenn ich davon überzeugt bin, dass Blond und Pink eine hervorragende Kombination ergeben würden.“

„Klar, und ich gehe morgen mit pinken Locken zu der Beerdigung, oder wie?“ Luisa ließ den Kopf auf den Tisch sinken. Die Beerdigung! Seit fünf Jahren war sie nicht mehr auf einem Friedhof gewesen. Kein einziges Mal hatte sie das Grab ihres Vaters besucht, weil allein der Gedanke an den Tag seiner Beerdigung ihr wieder die Tränen in die Augen steigen ließ. Aber sie glaubte daran, dass ihr Vater, egal wo er jetzt war, auch so wusste, wie sehr sie ihn vermisste.

„Ich hasse Friedhöfe!“ Luisas Stimme klang dumpf.

„Ich weiß.“ Molly ließ die Haarfarbe Haarfarbe sein und streichelte beruhigend über Luisas Kopf.

„Ich glaub, ich geh da morgen nicht hin!“

Mollys Stimme klang milde. „Wenn du glaubst, das ist besser, dann geh nicht hin. Aber wenn du gern eine Begleitung hättest, dann nehme ich mir morgen frei und komme mit.“

Luisa zuckte mit den Schultern.

„Dann ziehe ich meine hochhackigen Schuhe an und trete diesem Idioten Daniel Hansen auf die Zehen“, lockte Molly. Luisa rang sich ein Lächeln ab. Am liebsten würde sie einfach hier in der Kaffeeküche von „Upper Cut“ sitzen bleiben, bis alles irgendwie wieder in Ordnung war. Allerdings auch nur dann, wenn Mollys Chefin sich doch noch entscheiden würde, Kaffee anzubieten …

„Ich hab keine Ahnung, was ich machen soll“, sagte sie leise und lehnte sich an Molly. „Ich bin einfach nur traurig, und vom Traurigsein werde ich müde und dann ganz selbstmitleidig und wieder traurig und dann … ach, ich bleibe einfach hier!“

„Okay, noch einen Lindenblütentee?“

4. KAPITEL

Mit zusammengebissenen Zähnen lief Luisa am nächsten Morgen hinter Hubertus Braun und Nicole her, die sie zum Glück am Eingang des Ohlsdorfer Friedhofs getroffen hatte. Sie war froh, nicht alleine zu der großen Trauergesellschaft stoßen zu müssen, die nicht nur aus Familie und Belegschaft bestand, sondern aus vielen anderen Menschen, die Maximilian Hansen die letzte Ehre erweisen wollten. Luisa versteckte sich hinter ihren Kollegen, als sie die Familie, allen voran Daniel Hansen, entdeckte. Mit undurchdringlicher Miene stand er neben seiner Mutter, die von ihm gestützt werden musste. Jemand brachte einen Stuhl, auf den sich die Witwe zitternd niederließ. Ihre Schwiegermutter beugte sich zu ihr und flüsterte ihr etwas zu, während Daniel seiner Mutter eine Hand auf die Schulter legte. Luisa sah zur Seite. Sie wollte und konnte ihn momentan einfach nicht anblicken. Nicht mit all der Wut, die sie im Bauch hatte. Und Wut war nun wirklich das letzte Gefühl, mit dem sie sich von ihrem Chef verabschieden wollte. Um sich zu beruhigen, schaute Luisa sich ein wenig in der wunderschönen Parkanlage um. Die Rhododendren rund um eine schmiedeeiserne Brücke standen in voller Pracht, ein paar Vögel sangen.

„Luisa!“, riss Nicole sie aus ihren Gedanken. „Sag doch auch mal was. Wer, wenn nicht Herr Braun, sollte das Gedicht vortragen, auf das wir uns geeinigt haben?“

Luisa blinzelte. Richtig. Die Belegschaft hatte kurz nach der Versammlung beschlossen, mehr zu dieser Beerdigung beizutragen als einen gemeinsamen Kranz. Schnell war die Wahl auf ein Gedicht gefallen, das der Hansen-Chef selbst einmal bei einer Betriebsfeier als sein Lieblingsgedicht bezeichnet und vorgetragen hatte. Hubertus Braun hielt einen Zettel mit den wenigen Zeilen in seiner zitternden Hand und sah Luisa verzweifelt an.

„Ich weiß nicht, ob ich das kann“, stotterte der sonst so besonnene Mann. Luisa lächelte ihn aufmunternd an.

„Sie schaffen das schon, davon bin ich überzeugt“, beruhigte sie ihn und fügte voller Überzeugung hinzu: „Herr Hansen hätte sich sicher gefreut.“

Der Röstmeister nickte, wandte sich ab und überflog den Text.

„Trotzdem bin ich nervös“, murmelte er, „ich rede nicht gerne vor so vielen Menschen.“

„Wir stehen doch alle hinter Ihnen!“, redete Nicole ihm zu, was Luisa bei ihrer Kollegin noch nie erlebt hatte. Sie klopfte ihrem Vorgesetzten etwas ungelenk, aber aufmunternd auf die Schulter. Wäre Luisa nicht so traurig gewesen, hätte sie diese Geste fast erheiternd gefunden.

Während der Pfarrer sprach, blickte sie sich um. Viele der Anwesenden erkannte sie von der 150-Jahr-Feier. Nicht weit von der Familie stand Claus von Heidenthal mit seiner Frau und seiner Tochter. Von Heidenthal junior fehlte. Aber soviel Luisa wusste, war der auch gerade irgendwo in Afrika unterwegs. Claus von Heidenthal war blass und schien in Gedanken versunken. Valerie von Heidenthal dagegen versteckte ihr Gesicht hinter einer riesigen Sonnenbrille, und Katharina …

„Guck mal, wie die aussieht!“, flüsterte Nicole Luisa in diesem Moment auch schon zu und schüttelte missbilligend den Kopf. „Für die ist ja wohl jede größere Veranstaltung eine Art Party!“

Nicole hatte nicht ganz unrecht, fand Luisa. Immerhin war Katharinas schwarzer Rock um mindestens eine Handbreit kürzer als alles, was man sonst hier sah. Nicht, dass sie es nicht hätte tragen können, aber trotzdem.

„Rate mal, wie die hier ankam!“, wisperte Nicole weiter und wartete erst gar nicht auf eine Antwort. „Die ist direkt vor das Haupttor gebraust und hat sich aus einem knallroten BMW Cabrio geschält. Das war echt ein filmreifer Auftritt! Überhaupt! Seit wann lädt man denn die Konkurrenz zur Beerdigung ein?“

„Das ist nun mal hanseatischer Stil“, Hubertus Braun drehte sich zu ihnen um. „Außerdem gibt es eine lange Bindung zwischen den beiden Familien, geschäftlicher Streit hin oder her.“

Gisela Mühlbauer, die sich zu den dreien gesellt hatte, nickte und fügte hinzu: „Kein Wunder, immerhin konnte sich Christine Hansen lange Zeit nicht zwischen dem Chef und Claus von Heidenthal entscheiden!“

Luisa stutzte. Von dieser Geschichte hatte sie noch nie etwas gehört. Nun ja, kein Wunder, immerhin hielt sie sich meist aus dem firmeninternen Flurfunk heraus. Es gab einfach Gerüchte, die wollte sie gar nicht hören. Aber nun konnte sie nicht anders. Irritiert verglich sie die beiden so unterschiedlichen Frauen. Christine, blond und zart, war völlig in sich gekehrt. Valerie stand hoch aufgerichtet neben ihrem Mann, ohne ihn zu berühren, und schien in Richtung Rosengarten zu blicken, als wollte sie den Worten des Pfarrers entfliehen.

„Asche zu Asche, Staub zu Staub“, vollendete der gerade seine Rede und reichte Christine Hansen die kleine Schaufel, damit sie frische Erde auf das Grab ihres Mannes werfen konnte. Weil Christine sich nicht rührte, nahm Eleonore Hansen die Schaufel entgegen.

Zuvor möchte ich gerne Herrn Hubertus Braun ans Mikrofon bitten“, sagte Eleonore und lächelte dem Röstmeister freundlich zu. „Er wird noch ein paar Worte im Namen der Belegschaft sprechen.“

Zögernd übernahm der Röstmeister das Mikrofon.

„Liebe Trauergäste“, begann er und räusperte sich. „Das Wichtigste wurde bereits gesagt. Herr Hansen wird uns allen … fehlen. Deswegen möchte ich meinen … Beitrag auch kurz halten. Wir – also die Belegschaft – möchten Herrn Hansen ein paar Zeilen mit auf den Weg geben.“ Der Röstmeister schluckte schwer und holte tief Luft. „Ein Gedicht, das er selbst einmal als sein liebstes bezeichnet hat.“

Plötzlich versagte ihm die Stimme. In seinen schweißnassen Händen zerlief die Tinte auf dem Blatt, während er mit den Tränen kämpfte. Da fühlte er eine Hand auf seiner Schulter. Als er zur Seite blickte, sah er, dass es Luisa war, die ihm zu Hilfe kam.

„Wir alle“, hörte Luisa sich sagen und bemühte sich um eine feste Stimme, „werden Herrn Hansen sehr vermissen.“ Nervös blickte sie um sich und schüttelte innerlich den Kopf über ihre eigene Courage. Aber Herrn Braun einfach dort stehen zu lassen, hätte sie nicht übers Herz gebracht. Also musste sie jetzt in den sauren Apfel beißen und sich den erwartungsvollen Blicken der Trauergäste stellen. Luisa riss sich zusammen.

„Wir werden ihn vermissen, weil er nie nur unser Chef war“, fuhr sie mutig fort und spürte, wie sie rot wurde.

„Sondern vor allem, weil er immer für uns da war.“ Sie sah, wie einige ihrer Kollegen nickten.

„Und: Er legte Wert auf unsere Meinung“, sagte sie lächelnd. „Wie zum Beispiel bei der koffeinfreien Mischung von Café Luna. Bis das Rezept abgenommen war, hatte jeder Einzelne von uns mindestens vier Liter davon getrunken. Und er vertraute auf unseren Geschmack genauso wie auf seinen eigenen. Diese Art zu arbeiten – diese Art, ernst genommen zu werden – hat mir vor allem eines gezeigt: dass wir für Herrn Hansen zählten. Er war der Mann des Unternehmens, aber er war auch unser Mann. Also ich meine … unser Chef!“

Luisa brach ab, weil es ihr peinlich war, wie sie sich selbst hatte davontragen lassen. Mit einem entschuldigenden Blick auf die Familie zog sie sich in den Hintergrund zurück und schimpfte sich stillschweigend eine Idiotin. Wenn Molly hier gewesen wäre, hätte die sie bestimmt rechtzeitig vom Mikrofon weggezerrt. Denn ihre beste Freundin wusste, wie es um Luisa bestellt war. Immer, wenn ihr etwas extrem wichtig war, gingen die Pferde mit ihr durch. Dann konnte sie einfach nicht mehr aufhören, weil sie so gerne wollte, dass auch wirklich alle verstanden, was sie meinte. Unsicher wagte sie einen Blick in die Runde. Vielen ihrer Kollegen standen Tränen in den Augen. Christine Hansen hatte aufgehört zu weinen und schien sogar ein wenig zu lächeln. Eleonore Hansen sah berührt in Luisas Richtung. Und das wütende Gesicht des Juniors sprach für sich!

Tatsächlich ergaben die Worte Luisas die schönste Grabrede, die Eleonore jemals gehört hatte. Und in ihrem Alter war man schon auf einigen Beerdigungen gewesen. Sie hatte genau gesehen, wie Luisa Vogt sich nach ihrer Ansprache schüchtern in die letzte Reihe verdrückt hatte. Die Patriarchin bewunderte die Kleine für ihren Mut. Das war nicht das erste Mal, dass sie ihr aufgefallen war. Maximilian hatte immer schon große Stücke auf die junge Frau gehalten. Auf ihren Geschmack und auf sie als Person. Ihr Sohn war es auch damals vor drei Jahren gewesen, der sie zu einem Vorstellungsgespräch als Auszubildende eingeladen und schließlich eingestellt hatte. Und es war die richtige Entscheidung gewesen. Noch heute erinnerte sich Eleonore lächelnd daran, wie Luisa ihnen am Ende des Bewerbungsgesprächs zeigen wollte, dass sie verschiedene Kaffeesorten nur an deren Duft erkennen konnte.

„Aber, Fräulein Vogt“, hatte Maximilian damals geantwortet, „wir sind hier nicht bei ‚Wetten, dass …?’, vertrauen Sie einfach darauf, dass wir erkennen, wenn jemand zu uns passt.“

Jäh wurde Eleonore aus ihren Gedanken gerissen, als Daniel neben ihr zu reden begann.

„Das glaub ich jetzt nicht!“ Er schüttelte den Kopf. „Ich kündige ihr, und sie macht hier einen auf ‚Wir haben uns sooooo gut verstanden!‘“

„Wie bitte?“ Eleonore sah ihren Enkel irritiert an.

„Keine Sorge, Großmutter, sie wird ab morgen nicht mehr dazwischenquatschen“, sagte er und nickte seiner Großmutter beruhigend zu. „Das Mädel weiß einfach nicht, wo sein Platz ist! Kein Wunder, dass sie sich heute hier aufspielt. Ich meine, bei der Beerdigung meines Vaters! Das ist ja wohl mehr als … dreist und frech! Das ist ja wohl …“

„Einen Moment bitte, Daniel“, unterbrach die Patriarchin ihn, „habe ich eben richtig verstanden, dass du Luisa Vogt gekündigt hast?“

„Hochkant rausgeschmissen habe ich sie“, bestätigte Hansen junior im Brustton der Überzeugung, das Richtige getan zu haben.

„Aber, mein Junge“, mischte sich auf einmal Christine ein, bevor Eleonore auch nur ein Wort sagen konnte, „warum denn?“

„Weil das Mädchen eben keine Grenzen kennt. Das war ja wohl eben deutlich zu merken. Man stelle sich mal vor, wie sich jemand so verhalten kann, so …“, erklärte Daniel überheblich.

Aufgebracht fiel Eleonore ihrem Enkel ins Wort: „Rührend? Dass du dieser mutigen jungen Dame gekündigt hast, ist unverzeihlich! Hast du ihr eigentlich zugehört? Hast du bemerkt, wie ehrlich ihre Worte waren und voller Hochachtung vor deinem Vater? Ich erwarte von dir, dass du die Kündigung rückgängig machst, und zwar sofort!“

Daniel starrte seine Großmutter ungläubig an. Er konnte es nicht fassen, dass sie in diesem Ton mit ihm sprach. So hatte er sich das alles nicht vorgestellt. Immerhin war er Geschäftsführer, wenn auch erst mal nur auf Zeit. Und ausgerechnet auf der Beerdigung seines Vaters putzte seine Großmutter ihn runter? Wegen einer der Rösterinnen? Das konnte ja wohl nicht wahr sein!

Ohne ein Wort zu sagen, drehte Daniel sich um und floh in den Park hinein. Von dort beobachtete er, wie Eleonore dieser aufsässigen Kuh tatsächlich die Hand schüttelte. Seine Großmutter war die Vorsitzende des Aufsichtsrates. Dagegen konnte er nichts tun. Vermutlich hatte sie dieser Luisa jetzt sogar gesagt, dass ihre Kündigung wirkungslos sei. Daniel schloss für einen Moment die Augen. Irgendetwas lief hier verkehrt! Er sollte das Sagen haben. Heute hätte er mit Maximilian über Veränderungen in der Firmenstruktur reden wollen. Die waren wirklich überfällig. Nun ja, dann würde er sich eben alleine dieser Aufgabe stellen. Er würde Hansen Kaffee zurück an die Spitze des Marktes bringen. Daniel beobachtete die Trauergesellschaft. Etliche der Gäste bewegten sich in Richtung der Parkplätze, seine Mutter lief Seite an Seite mit seiner Großmutter vorweg. Luisa Vogt war Gott sei Dank nirgendwo zu sehen. Die würde es ja wohl nicht wagen, auch noch zum Leichenschmaus zu erscheinen. Claus und Valerie von Heidenthal verließen gerade den Friedhof. Mit ein wenig Abstand folgte Katharina von Heidenthal, die heute mal wieder ausgesprochen attraktiv aussah. Daniel gab sich einen Ruck, entschloss sich, den Streit mit seinem Vater vor dessen Tod ebenso zu vergessen wie den Ärger mit Luisa Vogt, und folgte dem lebendigen Hüftschwung Katharina von Heidenthals auf ihrem Weg zum Ausgang.

Luisa versteckte sich schnell hinter einem Gebüsch, als Daniel Hansen an ihr vorbeieilte. Dem jetzt zu begegnen hätte ihr sicher den Rest gegeben. Die Trauerfeier war wirklich schlimm genug gewesen. Ja, sie hatte sich gefreut, als Eleonore Hansen ihr die Hand geschüttelt und sich für Luisas Rede persönlich bedankt hatte. Ganz abgesehen davon, dass sie die Kündigung rückgängig gemacht hatte.

„Mein Enkel hatte wohl etwas missverstanden, er bedauert den Vorfall, wird Ihnen das auch selbst noch sagen, und wir freuen uns, Sie morgen wieder wie immer bei uns zu sehen“, hatte die Patriarchin freundlich erklärt und sie eingeladen, an der Kaffeetafel, die zu Ehren von Herrn Hansen in einem Restaurant an der Elbe stattfinden sollte, teilzunehmen. Aber für Luisa war es ganz klar, dass sie die Einladung nicht annehmen würde. Nicht ohne ihre Kollegen. Dort, inmitten der Familie und deren Freunden herumzustehen, wäre einfach zu viel gewesen. Deswegen hatte sie auch einen Termin vorgeschoben und streifte nun über den Friedhof. Wie von selbst trugen sie ihre Füße den kleinen geschwungenen Weg den Hügel hinauf zu den großen Bäumen, wo ihr Vater lag. Luisa näherte sich vorsichtig. „Robert Vogt“ war in den naturbelassenen Stein gemeißelt, seine Geburts- und Sterbedaten und zwei Zeilen aus seinem Lieblingslied. Sie setzte sich ins Gras vor das Grab und nahm die kleine Blütenbrosche ab, die sie vor Jahren von Anna geschenkt bekommen hatte.

„Hallo, Papa“, begann sie und wusste nicht weiter. Tut mir leid, dass ich erst jetzt komme, hatte sie sagen wollen, aber irgendwie klang das wie eine Ausrede. Also legte sie die Brosche auf die Erde und blieb einfach dort sitzen. Versuchte sich zu erinnern, wie es war, als ihr Vater noch lebte. Irgendwie war alles einfacher gewesen, weil er immer eine Lösung parat hatte, für sämtliche Probleme. Schwierigkeiten in der Schule? Robert war der perfekte Nachhilfelehrer! Oder aber er kannte jemanden, der helfen konnte. Liebeskummer? Robert hatte sich nie eingemischt, aber doch immer genau gemerkt, wenn seine kleine Prinzessin unglücklich war. Selbst als …

„Frau Luisa Vogt?“

Luisa blinzelte und schaute auf. Vor dem Grab ihres Vaters stand ein distinguiert wirkender älterer Herr in einem schwarzen Anzug.

„Ja?“

„Entschuldigen Sie die Störung, aber vorhin habe ich Sie aus irgendeinem Grund verpasst.“

Er streckte ihr eine Hand entgegen, in der sich ein Briefumschlag befand, den Luisa völlig verblüfft entgegennahm.

„Was ist das?“

„Eine Einladung. Ich bin Doktor Christian Struppek. Von Struppek und Sohn. Die Rechtsanwaltskanzlei!“

Luisa blickte noch immer fragend.

„Wir sind die Notare und Rechtsanwälte von Maximilian Hansen. Und das hier ist … nun, eine wichtige Einladung für Sie. Wir wollten Ihnen die eigentlich mit der Post schicken, aber dann dachte ich, ich treffe Sie vielleicht hier. Und tatsächlich. Also, bis morgen früh!“

Und damit verschwand er. Luisa blickte ihm nach, wie er durch den Park eilte. Ein hoch aufgeschossener Mann, der selbst im Bademantel noch offiziell wirken würde. Die nächste Baumgruppe verschluckte ihn und ließ sie rätselnd mit dem Briefumschlag zurück.

Was kann das bedeuten? Luisa drehte den Umschlag hin und her.

Aber das Grab ihres Vaters blieb stumm, und schließlich stand sie auf und lief zur S-Bahn.

5. KAPITEL

Unsicher, was sie erwartete, betrat Luisa am nächsten Tag die Anwalts- und Notariatskanzlei am Gänsemarkt, nachdem sie Katze bei Molly abgegeben hatte. Leider war Luisa so spät dran, dass keine Zeit gewesen war, Molly von dem merkwürdigen Brief zu erzählen. Den ganzen gestrigen Abend hatte Luisa überlegt, was es mit der Einladung auf sich haben könnte. Sie hatte sich immer wieder gefragt, ob sie überhaupt zu diesem Termin erscheinen sollte. Jetzt wäre es wunderbar, einen Ritter – auch ohne weißen Schimmel – an seiner Seite zu haben, der einem mit Rat und Tat zur Seite stünde!

Die Sekretärin am Empfang der Kanzlei begrüßte Luisa freundlich. Sie warf einen Blick auf Luisas Einladung und meldete sie beim Notar an.

„Frau Vogt ist da!“ Einen Moment lauschte sie in den Hörer, bevor sie auflegte und Luisa einen langen, mit Perserteppichen ausgelegten Gang entlangführte.

„So, da sind wir.“ Aufmunternd lächelnd öffnete sie eine zweiflügelige, schwere Eichentür.

„Ah, Frau Vogt, schön, dass Sie da sind“, begrüßte sie der distinguierte Herr von gestern, diesmal in einen nur unwesentlich fröhlicheren Nadelstreifenanzug gekleidet. Er bedeutete Luisa, sich zu setzen. „Dann sind wir ja jetzt vollzählig.“

Luisa war sich nicht sicher, ob er die irritierten Gesichter der Familie Hansen nicht bemerkte oder aber mit Absicht darüber hinwegging. Sie selbst setzte sich jedenfalls schnell in den nächstbesten Stuhl und traute sich kaum, um sich zu blicken.

„Darf ich fragen, weshalb Frau Vogt hier ist?“, meldete sich da Eleonore Hansen auch schon mit kühler Stimme zu Wort. In ihrem schwarzen Leinenkostüm wirkte sie unnahbar und reserviert. Nichts erinnerte mehr an die Herzlichkeit ausstrahlende ältere Dame von gestern. Christine Hansen hüstelte nervös. Nur Daniel schien Luisas Auftauchen bei der Testamentseröffnung seines Vaters nicht zu verwundern. „Vielleicht sucht Frau Vogt bei Doktor Struppek juristische Beratung, um ihre Kündigung anzufechten“, bemerkte er spitz.

„Red keinen Unsinn, ich habe Frau Vogt von deinem … Irrtum bereits in Kenntnis gesetzt“, wies Eleonore ihren Enkel zurecht und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf die Platte des langen Konferenztisches, an dem die Familie und der Notar Platz genommen hatten.

Christian Struppek seufzte. Er war schon seit fast einem halben Jahrhundert Anwalt und Notar der Hansens, doch heute stand ihm zum ersten Mal eine Aufgabe bevor, die ihm Kopfschmerzen bereitete. Er warf einen Blick in die Runde, gönnte der verunsicherten Luisa ein kleines Lächeln und holte dann tief Luft.

„Der Grund für die Anwesenheit von Frau Vogt ist folgender“, begann er mit ernster Miene und legte dann eine bedeutungsvolle Pause ein.

„Doktor Struppek, sparen Sie sich lange Worte, und sagen Sie uns endlich, um was es hier eigentlich geht.“ Christine wurde ungehalten. Schon als sie vor etwa zehn Minuten in den Raum gekommen war, hatte der Notar ihre Unruhe spüren können. Aber immerhin, sie war gerade Witwe geworden, er konnte sie verstehen.

„Verehrte Frau Hansen“, begann er dementsprechend vorsichtig, weil er wusste, dass das, was er bekannt zu geben hatte, gerade sie sehr verletzen würde. „Ich weiß nicht so recht, wie ich es sagen soll. Sie hatten in den vergangenen Tagen bereits genug zu verkraften …“

„Mir geht es den Umständen entsprechend gut, danke …“, entgegnete Christine tapfer.

„Eben, Schluss mit dem Theater!“, meldete Daniel sich zu Wort und verschränkte die Arme. „Was hat sie hier zu suchen?“ Doktor Struppek warf kurz einen Blick in Richtung Luisa. Das arme Mädchen. Der Junior hatte offensichtlich schon jetzt Probleme mit der jungen Dame, und wenn die Wahrheit erst mal auf dem Tisch war …

„Nun gut“, fuhr der Notar fort. „Luisa Vogt, geboren am 11. November 1984, ist heute hier, weil sie die Tochter von Maximilian Hansen ist.“

Schockiertes Schweigen breitete sich aus. Für einen Moment konnte man das Ticken der großen Wanduhr hören. Luisa hielt den Atem an. Doktor Struppek sah ernst von einem zum anderen.

„Namens und in Vollmacht von Maximilian Thor Hansen ist Luisa Vogt erbberechtigt und in seinem Testament bedacht worden. Sie ist fortan ihrem Halbbruder Daniel Hansen in allen Belangen gleichgestellt.“

Christine war kalkweiß geworden. „1984“, murmelte sie entsetzt, und ihre Hände zitterten. „Aber … da waren wir doch bereits verheiratet.“

Luisa schloss die Augen. Ihr Herz raste. Das musste ein Albtraum sein. Wenn sie die Augen öffnete, wäre sie alleine in ihrem Bett, und nichts von alldem hier hätte stattgefunden! Maximilian Hansen, der Mann, der mit ihr gescherzt, sie gelobt und gefördert hatte – ihr Vater? Wie war das möglich? Weshalb hatte sie das nicht gewusst? Weshalb hatte ihre Mutter nie etwas davon gesagt? Ein Teil von Luisa hoffte inständig, dass das alles ein tragischer Irrtum, eine Verwechslung war. Dann hörte sie Stühlerücken. Als sie endlich die Augen wieder öffnete, hatte sich Eleonore beschützend hinter ihre Schwiegertochter gestellt.

„Seit wann wissen Sie das?“, fragte die Patriarchin den Notar tonlos.

„Seit dem Tag, an dem Frau Vogt geboren wurde.“

Christine stützte den Kopf in beide Hände und begann leise zu weinen. Eleonore streichelte ihre Schultern. Luisa fühlte sich schuldig. Gestern noch hätte sie gerne irgendetwas Tröstendes zu dieser Frau gesagt, aber nicht die richtigen Worte gefunden. Jetzt war alles zu spät. Christine Hansen musste sie hassen! Ganz abgesehen von Eleonore, deren Hand sie gestern noch geschüttelt hatte. Was Daniel betraf – nun, Glückwunsch! Der hatte jetzt wenigstens einen ordentlichen Grund, sie zu verabscheuen!

„Es tut mir leid“, sagte Doktor Struppek leise. „Das hier ist für Sie.“ Mit einem mitleidigen Blick reichte er Christine einen versiegelten Umschlag. „Ihr Mann wollte, dass Sie diesen Brief nach seinem Tode bekommen. Vielleicht erklären seine eigenen Worte diese Situation besser … als ich es kann.“ Da Christine keine Anstalten machte, den Umschlag entgegenzunehmen, legte er ihn vor sie auf den Tisch. Wieder herrschte beredtes Schweigen. Luisa machte sich so klein wie möglich, am liebsten hätte sie sich in Luft aufgelöst. Da unterbrach Daniel die Stille, als er lauthals anfing zu lachen.

„Das ist ja wohl der beste Scherz des Jahrhunderts!“, rief er. „Mein alter, ehrwürdiger, von allen geachteter Herr Vater, vor dem ganz Hamburg, ach was rede ich, vor dem ganz Norddeutschland den Hut zog, hat einen dunklen Fleck auf seiner Weste! Und was für einen!“ Abschätzig musterte er Luisa von oben bis unten. „Er hat uns nicht nur ein Kuckucksei ins Nest gesetzt, sondern hatte auch noch den Mut, das Küken in unserer Firma anzustellen. Ich bin froh, dass ich sie entlassen habe! Großmutter, du solltest mir wirklich dankbar sein.“

Mit aller Kraft versuchte Luisa, die Tränen zurückzuhalten. Jetzt nicht auch noch vor diesem blöden Schnösel heulen! Aber leichter gesagt als getan. Luisas Augen brannten, und schon spürte sie eine Träne ihre Wange hinabkullern. Nein, das konnte alles nicht wahr sein! Was sollte sie jetzt bloß tun?

„Ich glaube, Herr Hansen“, versuchte Doktor Struppek die Situation wieder in den Griff zu bekommen, „Sie missverstehen da einiges. Ihre Halbschwester Luisa hat durch das Testament Anteile an der Rösterei geerbt. Frau Vogt verfügt nun über ein Viertel der Firmenanteile von Maximilian Hansen. Und damit steht ihr ein fester Sitz im Aufsichtsrat der Firma zu. Sie ist Ihnen in allen Belangen, die die Firma betreffen, gleichgestellt.“

Luisa schluckte. In ihrem Kopf wirbelten sämtliche der eben genannten Informationen durcheinander.

Daniel erstarrte. „Was soll das heißen?“

„Dass Ihre Halbschwester dieselben Rechte hat wie Sie. Unter anderem stehen ihr die gleichen Finanzausschüttungen zu wie Ihnen“, erklärte Doktor Struppek geduldig. „Ihr Vater hat Frau Vogt im Testament so bedacht wie eine eheliche Tochter.“ Mit diesen Worten wandte sich der Notar an Eleonore Hansen und ihre Schwiegertochter. „Wollen Sie das Testament einsehen?“

„Wir glauben Ihnen das auch so.“ Eleonore hatte ihre Fassung wiedergewonnen und blickte nun Luisa fest in die Augen. „Sie verstehen sicher, Frau Vogt, dass wir diese Neuigkeiten erst einmal verarbeiten müssen. Was Ihre Situation in der Rösterei betrifft, würde ich vorschlagen, wir setzen uns in der kommenden Woche einmal in aller Ruhe zusammen. Bis dahin können Sie selbst entscheiden, ob Sie weiterarbeiten wollen wie bisher. Nur, bitte geben Sie mir und meiner Familie noch ein wenig Zeit.“

Autor

Mia König
Mia König hat sich mit der ersten Lesenovela Deutschlands "Café Luna" einen Traum erfüllt und inzwischen sind ihr Luisa, Konstantin, Molly, Eleonore und selbst die intrigante Valerie von Heidenthal derart ans Herz gewachsen, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen kann, ihren Weg nicht weiter zu verfolgen.
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