Skandal um die schöne Erbin

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Mia ist so bildschön wie betrügerisch! Davon ist der italienische Milliardär Dante Romano überzeugt. Doch ebenso leidenschaftlich, wie er eine Abneigung gegen die junge Witwe seines Vaters hegt, begehrt er sie auch ungewollt. Immer stärker gerät er in ihren sinnlichen Bann. Bis er nach einer Nacht der Lust eine überraschende Entdeckung macht: Ist Mia gar nicht die skrupellose Mitgiftjägerin, für die er sie hält, sondern in Wirklichkeit komplett unschuldig? Noch ahnt er nicht, was seine mysteriöse Geliebte vor ihm verbirgt …
  • Erscheinungstag 09.03.2021
  • Bandnummer 2482
  • ISBN / Artikelnummer 0800212482
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

1. KAPITEL

„Lassen wir das beiseite.“

„Aber nein.“ Dante Romano reagierte mit einem düsteren Lächeln auf die Äußerung seines Bruders. „Das tun wir nicht.“

Der Vorstand hatte sich im Hauptsitz von Romano Holdings im EUR-Distrikt in Rom zu einer Konferenz versammelt. Zwar war es ein frostiger Tag im Januar, aber der Streitgegenstand war heiß. Wieder einmal waren es die jüngsten Schlagzeilen über das ausschweifende Leben des Mannes, der die meisten Anteile an der Firma hielt, die alle anderen Themen in den Hintergrund rückten.

Dante Romano, das Zielobjekt besagter Zeitungsartikel, saß am Kopf des Tisches, machte keinerlei Anstalten, sich zu entschuldigen, und zeigte sich vielmehr streitlustig, als sein Bruder Stefano sein Bestes gab, um von dem unangenehmen Thema abzulenken. Doch Dante war geradezu versessen darauf, es anzusprechen, und wandte sich seinem Onkel zu. „Würdest du mir das bitte erklären, Luigi?“ Dantes volle und tiefe Stimme hätte Eis zerschneiden können, auch der Blick seiner dunklen Augen war frostig. Er sah seinen Onkel, einen bedeutenden Aktionär, über den Tisch hinweg herausfordernd an, gespannt, ob er sich traute fortzufahren.

„Ich weise darauf hin, dass wir ein traditionsreiches Familienunternehmen sind.“

„Das wissen wir alle.“ Dante zuckte die Achseln.

„Und als Familienunternehmen müssen wir einen gewissen Ruf hochhalten.“

Dante trommelte mit den Fingern auf dem auf Hochglanz polierten Tisch. Er dachte nicht daran, es seinem Onkel leicht zu machen. „Und?“

„Schlagzeilen wie die vom Wochenende sind nicht dazu angetan, uns als ehrenwerte, mustergültige Familie darzustellen …“

„Das reicht!“ Dantes Geduldsfaden war gerissen. „Wir hocken wohl kaum in irgendeinem Schuppen und füllen Wein und Öl in Flaschen ab, um sie auf dem Markt zu verkaufen. Wir sind ein milliardenschweres Unternehmen. Wen zum Teufel interessiert, mit wem ich schlafe?“

Er schaute am Tisch in die Runde, die vorwiegend aus Familienmitgliedern bestand, die sich dank des Namens Romano alle als wohlhabend und mächtig bezeichnen durften. Nur wenige konnten ihm in die Augen sehen, wohl aber sein jüngerer Bruder Stefano. Ariana, Stefanos Zwillingsschwester, sah man nach, dass sie den Blick auf ihre Fingernägel gesenkt hielt. Das Thema war ihr sichtlich unangenehm.

Doch Luigi preschte weiter vor. „Jetzt, da dein Vater so krank ist und uns noch so viele Veränderungen bevorstehen, müssen wir uns auf die Werte besinnen, auf denen dein Großvater das Unternehmen aufgebaut hat …“

Famiglia, famiglia, famiglia. Dante hatte es schon tausendmal gehört und hatte es satt.

Ja, Dante liebte seine Familie.

Doch Liebe bedeutete eine Last für ihn.

Dante hatte es nie ausstehen können, dass seine Mutter die Familie als perfekt darstellte, während er selbst doch Zeuge zahlreicher Auseinandersetzungen geworden war. An diesem Tisch waren so viele Geheimnisse versammelt: Luigi selbst hätte das Unternehmen um ein Haar mit seiner Vorliebe für Casinos ruiniert, ein Drama, das Dante vor ein paar Jahren aufgedeckt hatte. Da hatte er die Firma zum ersten Mal gerettet. Dantes skeptische Art ließ sich überhaupt erst auf seine Überzeugung zurückführen, dass er belogen wurde.

Immer.

„Moment, Luigi.“ Dante gab nicht nach. „Mein Großvater hat tatsächlich ein winziges Familienunternehmen in einem Schuppen geführt, doch dann kam mein Vater und setzte für die Welt der Romanos mit seinen Visionen spektakuläre Maßstäbe …“

„Genauso wie für die Familienwerte!“ Luigi seinerseits flößte durchaus Respekt ein, doch er konnte Dante nicht das Wasser reichen.

„Bis er eine Affäre mit seiner Chefsekretärin einging“, sagte Dante.

„Also wirklich“, mischte Stefano sich wieder ein. „Lassen wir das.“

Doch jetzt hielt Dante nichts mehr zurück. „Warum? Mein Vater hat stets auf die Familienwerte gepocht, bis er seine Frau nach dreiunddreißig Ehejahren für eine andere verließ, die jünger war als seine Tochter.“ Er wies auf Ariana, die auf ihrem Stuhl saß und einen Schmollmund machte, während Dante die unangenehme Wahrheit aussprach. „Wagt es also nicht, mich über Familienwerte zu belehren. Keiner von euch.“ Er blickte wieder in die Runde, und immer noch trauten sich sehr wenige, ihm in die Augen zu sehen. „Ich muss dieses Thema nicht mit euch diskutieren. Ich investiere genug von mir in das Unternehmen und muss mein Privatleben nicht erklären. Ich bin ledig, werde ledig bleiben und schlafen, mit wem ich will, auch wenn der Vorstand mich liebend gern in festen Händen sähe.“

Und er schlief nur allzu oft tatsächlich, mit wem er wollte.

Frauen lagen ihm zu Füßen.

Beteten ihn an!

Es lag nicht nur an seinem unbestreitbar guten Aussehen, mit rabenschwarzem dichtem Haar und schwarzen Schlafzimmeraugen. Auch nicht an seinem atemberaubenden Körper, den er in seinem unersättlichen Appetit auf Sex nur zu gern zum Einsatz brachte. Möglicherweise spielte sein unverschämter Reichtum eine nicht zu unterschätzende Rolle, gepaart mit seiner Ausdauer im Bett.

Doch es steckte noch mehr dahinter.

Denn er konnte so unglaublich charmant sein, und das war das Problem.

Auch wenn er ein Mistkerl war.

Ohne ein Lächeln ließ Dante den Vorstand wissen, wie die Zukunft aussehen würde. „Ich werde es mir weiterhin gut gehen lassen und die Früchte meiner Arbeit genießen. Ich arbeite verdammt hart, das wisst ihr alle. Ohne mich würden wir tatsächlich längst wieder in diesem Schuppen hocken. Ich habe das Unternehmen nicht nur ein Mal gerettet“, erinnerte er die Anwesenden, „sondern zwei Mal.“ Nach der Scheidung seines Vaters hatte Dante das Ruder übernommen und das Unternehmen völlig neu strukturiert, aus diesem Grund war Luigi auch kein Hauptanteilseigner mehr. Aber, wie Dante bereits betont hatte, ging es Luigi dank Dantes Geschäftstüchtigkeit immer noch sehr gut.

Ja, es gab weiß Gott Spannungen.

Dante lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Er war noch nicht ganz fertig mit Luigi, sah aber mit einem Blick auf sein stumm geschaltetes Smartphone, dass der Klinikarzt anrief.

Es wunderte ihn nicht, da er an diesem Tag mit seinem Anruf rechnete.

Dante hatte seinen Vater am Vorabend in einem renommierten Krankenhaus in Florenz besucht, um mit ihm den Transfer in ein privates Hospiz in Rom zu besprechen.

Das war nur vernünftig, da Dante hauptsächlich von Rom aus agierte, Stefano zwischen Rom und New York pendelte und auch Ariana, die viel Zeit in ihrer Pariser Niederlassung verbrachte, sich häufig in Rom aufhielt.

Doch am vergangenen Abend hatte Rafael verkündet, dass er es sich anders überlegt hatte. Dante ging auf den Wunsch seines Vaters ein, auf den weitläufigen Familienbesitz inmitten seiner geliebten Weinberge in Luctano in den Hügeln der Toskana zurückzukehren.

„Das lässt sich machen“, hatte Dante gesagt. „Aber natürlich.“

Sie standen einander nahe, auch wenn es nicht immer so gewesen war.

Als Heranwachsender hatte Dante die Beziehung zu seinem Vater, der sein eigenes Leben einem gewaltigen Arbeitspensum unterworfen hatte, bestenfalls als distanziert empfunden.

Jetzt hatte Dante ein ebenso gewaltiges Arbeitspensum auf sich genommen.

Als Dante sieben war, kamen Stefano und Ariana zur Welt, und die Familiendynamik veränderte sich. Die Streitigkeiten zwischen seinen Eltern hörten auf, vielleicht auch, weil das rasante Wachstum des Familienunternehmens sie von Geldsorgen befreite. Oder, wie Dante insgeheim vermutete, weil er auf ein Internat in Rom abgeschoben wurde und die Familie eine Wohnung gekauft hatte, in der seine Mutter viel Zeit verbrachte. Dennoch waren die Ferien herrlich, und im Sommer nahm sein Vater sich frei und führte Dante behutsam an die Feinheiten des Landes und seiner Erzeugnisse heran, die seit jeher die Grundlage ihres Unternehmens waren.

Mit Mitte zwanzig war Dante in die Bresche gesprungen und setzte seinen Geschäftssinn ein, als das Unternehmen kurz vor der Pleite stand. Sein Vater hatte seine gesamte Energie auf die Produktion verwandt und das Geschäftliche Luigi überlassen, der impulsiv war, schlechte Entscheidungen traf und zu viel Zeit und Geld in Casinos verschwendete. Dante hatte die Verwaltung übernommen, was einen unerwarteten Bonus mit sich brachte: Die Beziehung zu seinem Vater änderte sich, erst war es gegenseitige Hochachtung, dann wurden sie zu Vertrauten und schließlich zu Freunden.

Bis Mia Hamilton daherkam.

Dante brachte es nicht über sich, freundlich zu ihr zu sein.

Aus der Anonymität ihrer Ausbildung zur Chefassistentin in der Londoner Niederlassung stieg sie auf und übernahm die begehrte Rolle der Chefsekretärin Rafael Romanos, wenngleich Dante sie eher als Instrument seines Niedergangs betrachtete.

Trotzdem hatte Dante sich nach der Diagnose seines Vaters über die Feindseligkeiten – zumindest gegenüber seinem Vater – hinweggesetzt und alles getan, um seinem Vater die noch verbleibende Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten. Allerdings würde Rafaels Aufenthalt in Luctano es Dante alles andere als leicht machen.

Was ihm Sorgen bereitete, war die Tatsache, dass sie ebenfalls dort sein würde.

Zumindest in der Klinik hatte Mia so viel Anstand besessen, sich zurückzuziehen, wenn die Familie zu Besuch kam. Dante nahm sie kaum zur Kenntnis und sprach sie, wenn überhaupt, mit „Stiefmutter“ an.

Er hegte eine leidenschaftliche Abneigung gegen die Frau seines Vaters, und es passte ihm nicht, sie in den letzten Lebensmonaten seines Vaters in seinem Elternhaus zu wissen.

Doch hier ging es nicht um Dante. Er würde in der Klinik anrufen und die notwendigen Vorkehrungen für die häusliche Pflege seines Vaters besprechen. Doch zunächst einmal würde er die Konferenz fortsetzen.

Allerdings leuchtete sein Display wieder auf, und er sah, dass der Arzt erneut anrief.

Wie Dante vermutete, war der Anruf, den seine Chefsekretärin Sarah entgegennahm, von einiger Bedeutung, denn jetzt schaute sie aufs Display ihres Handys und schickte gleich darauf Dante diesen speziellen Blick, der besagte, dass er das Gespräch annehmen müsste.

„Legen wir doch eine kurze Pause ein“, schlug er vor. „Und danach könnten wir vielleicht etwas anderes als mein Sexleben besprechen.“

Unter Luigis wütendem Blick verließ er den Raum und ging schnurstracks in sein Büro.

Tatsächlich wurden ihm vier verpasste Anrufe vom Arzt seines Vaters angezeigt, und als das Display erneut aufleuchtete, meldete er sich.

„Dante Romano hier.“

Und dann war es einfach so vorbei.

Er erfuhr, dass der Zustand seines Vaters sich plötzlich verschlechtert hatte, und noch bevor die Familie hatte benachrichtigt werden können, war Rafael Romano verstorben.

Dante wusste seit Monaten, dass dieser Tag kommen würde, und dennoch erschütterte die Nachricht vom Tod seines Vaters ihn bis in die Tiefen seiner Seele.

Er blickte hinüber zur Basilica dei Santi Pietro e Paolo, die Kirche auf dem höchsten Punkt des Bezirks, und fixierte die riesige Kuppel. Er konnte nicht fassen, dass sein Vater nicht mehr war. „Hat er gelitten?“, fragte Dante.

„Überhaupt nicht“, versicherte ihm der Arzt. „Es ging sehr schnell. Sein Anwalt war bei ihm. Signora Romano befand sich auf einem Spaziergang auf dem Klinikgelände, aber Ihr Vater war tot, bevor wir sie zu ihm holen konnten …“

Dante wollte nichts über sie wissen. Mia Romano war unwichtig und würde bald aus seinem Leben verschwunden sein. Er stellte sich vor, wie sein Vater, begleitet vom Familienanwalt, verstarb, während doch die Familie hätte bei ihm sein sollen. Er fragte weiter nach der Person, die wirklich wichtig war, die Person, die seinem Vater länger als drei Jahrzehnte eine treue Ehefrau gewesen war, bevor Mia, diese Trickbetrügerin, in Erscheinung getreten war. „Ist meine Mutter informiert?“

„Nein“, antwortete der Arzt. „Nur Sie wissen Bescheid. Signora Romano hielt es für besser, dass ich Sie anrufe.“

Nun, das immerhin hatte Mia richtig gesehen, denn auf keinen Fall hätte Dante die Nachricht von ihr erhalten wollen.

Dante hatte sie auf den ersten Blick gehasst.

Nein, das stimmte nicht ganz.

Dante hatte sie auf den zweiten Blick gehasst.

Als er ihr das erste Mal begegnete, war er in seiner Wut buchstäblich wie vom Donner gerührt stehen geblieben. Er ärgerte sich über das Gerücht, sein Vater habe eine Affäre, wusste aber noch nicht, dass Mia die Geliebte war.

Sie trug High Heels und ein lavendelfarbenes Etuikleid und besaß für einen italienischen Sommer einen anbetungswürdig hellen Teint. Das blonde Haar hatte sie aus dem Gesicht gestrichen und hochgesteckt, sodass ihre saphirblauen Augen, gerahmt von hellen Wimpern, besonders gut zur Geltung kamen.

„Wer sind Sie?“, hatte Dante gefragt, als er das Büro seines Vaters betrat.

„Mia Hamilton“, antwortete sie und erklärte ihm in keineswegs perfektem Italienisch, sie sei die neue Chefsekretärin seines Vaters aus der Londoner Niederlassung. Ihr schlechtes Italienisch hätte Alarmglocken schrillen lassen müssen. Seine eigene Chefsekretärin beherrschte mehrere Sprachen fließend, wie Dante selbst auch, doch in jenem Moment war er zu fasziniert, um logisch denken zu können.

Und als er gar nicht mehr aufhörte, sie anzusehen, sah Mia ihn ihrerseits an. Wie viele Sekunden lang sie einander in die Augen blickten, wollte Dante lieber nicht wissen. Doch er erinnerte sich in aller Klarheit an die leichte Röte, die über ihren Hals in ihre Wangen stieg, und an die aufregend knisternde Spannung in der Luft, während sie einander mit Begehren im Blick musterten. Doch dann trat sein Vater in den Raum.

Genauer gesagt: Zum Glück trat sein Vater ein!

Es war besser für sein Seelenheil, diese Erinnerung auszulöschen.

Diesen ersten Anfall von Lust zu vergessen.

Sein Vater hatte Mia gebeten zu gehen, und in einem wütenden Wortwechsel begriff Dante, warum man über ihre nicht eben eindrucksvollen Sprachkenntnisse hinweggesehen hatte. Später erfuhr er dann, wie zielgerichtet, entschlossen, widerstandsfähig und taff die überaus spröde Mia Hamilton sein konnte.

Und wie skrupellos.

Nein, Rafaels Geliebte wollte sie nicht bleiben, mit weniger als Rafael Romanos Ehefrau gab sie sich nicht zufrieden.

Die Zeitungen waren damals voll von dem dramatischen und unwiderruflichen Ehe-Aus der strahlenden Romanos und hielten sich nicht zurück mit Schmähungen an Mias Adresse. Sie wurde als Goldgräberin auf der Suche nach einem Sugar Daddy gebrandmarkt und war anhaltenden wilden Angriffen ausgesetzt.

Eiskönigin nannten viele sie später – die Presse, Dantes Angehörige, der Vorstand –, denn sie zeigte nie auch nur einen Hauch von Gefühlen. Auch als die künftige Ex-Frau, Angela Romano, in einem Fernseh-Interview offen über das Ende ihrer Ehe weinte, machte Mia Hamilton einfach weiter wie gewohnt und wurde beim Shoppen in der von Bäumen gesäumten Via Cola di Rienzo fotografiert.

Dennoch hatte sich Dante nicht an Mias Verurteilung durch die Meute beteiligt, denn seine Feindseligkeit war zutiefst persönlich.

Sein ätzend verächtliches Verhalten ihr gegenüber diente im Grunde dem Selbstschutz.

Dante hatte das Unternehmen persönlich abgesichert, tat alles, um es vor ihrem gierigen Zugriff zu schützen. Und während er sich einredete, dass er sie bettelnd auf den Knien sehen wollte, wünschte er sie sich tief innerlich doch aus einem ganz anderen Grund in dieser Haltung.

Es folgte eine Scheidung im Schnellverfahren, die reibungslos über die Bühne ging, und sechs Monate nach seiner ersten Begegnung mit ihr war Mia Hamilton zu Mia Romano geworden.

Dante hatte natürlich nicht an der Hochzeitsfeier teilgenommen.

Auch seine Geschwister sowie alle sonstigen Angehörigen waren ferngeblieben.

Dantes Mutter lebte jetzt endgültig in Rom, und Mia, seine Stiefmutter, hatte sich unwiderruflich im Familiensitz in der Toskana eingenistet.

In Dantes Elternhaus.

Zum Glück führte er das Unternehmen.

Das einzig Positive an der Krankheit seines Vaters war sein Rückzug aus dem öffentlichen Leben in Rom. Infolgedessen lebte Mia ziemlich im Verborgenen und war wahrscheinlich maßlos frustriert, weil ihr das glamouröse Leben einer Signora Romano versagt blieb.

Doch Dante durfte jetzt nicht an Mia denken.

Denn sein Vater war tot.

„Danke für alles, was Sie für ihn getan haben“, wandte Dante sich an den Arzt. Bei dem Gedanken an die unangenehme Aufgabe, die ihm bevorstand, presste er die Stirn in die Hand. „Ich werde jetzt die Familie informieren.“

Rafaels richtige Familie.

Als er das Gespräch beendet hatte, blieb Dante regungslos stehen und sammelte sich.

In Kürze würde der Prozess in Gang gesetzt werden. Sein Vater hatte sein eigenes Begräbnis genauso sorgfältig geplant wie den Ausbau seines ersten Weinbergs in der Toskana zu dem Imperium, das das Unternehmen jetzt war.

Und Dante würde ihn trotz ihrer gelegentlichen Meinungsverschiedenheiten weiß Gott vermissen.

„Sarah …“, er betätigte die Gegensprechanlage, „… würdest du Stefano und Ariana bitte in mein Büro bestellen?“

„Natürlich.“

„Und Luigi“, fügte er hinzu.

Die Zwillinge waren fünfundzwanzig, Dante war zweiunddreißig.

Stefano war introvertiert und stand still und grau da, als Dante die traurige Nachricht überbrachte. Ariana, der Augapfel ihres Vaters, war nicht so zurückhaltend und schluchzte hemmungslos.

Luigi saß da, den Kopf in die Hände gestützt, fassungslos über den Tod seines älteren Bruders.

„Wir müssen es Mamma sagen“, erklärte Dante seinen Geschwistern. Luigi bot er für die Rückreise nach Luctano zu seiner Frau seinen Hubschrauber an.

Es war höchst unschön, überlegte Dante auf dem Weg zum Konferenzsaal, dass der Vorstand vor seiner Mutter von Rafaels Tod erfahren sollte, aber vielleicht hatte man Ariana weinen gehört, und die gemeinsame Abreise der drei Geschwister würde für sich sprechen.

Er blickte in die ernsten Gesichter. Einige weinten jetzt schon, denn Rafael Romano war zwar ein fordernder Chef, aber auch ein hingebungsvoller und leidenschaftlicher, geachteter und geliebter Mensch gewesen.

„Diese Nachricht darf diesen Raum nicht verlassen“, sagte Dante mit etwas rauer Stimme. Ansonsten verriet nichts seine Gefühle. „Eine förmliche Bekanntgabe erfolgt zu gegebener Zeit, vorher müssen jedoch Menschen, die ihm nahestanden, angemessen informiert werden.“

Alle wussten, wen Dante meinte, als er ging.

„Wir müssen sie jetzt in Kenntnis setzen“, sagte Dante und legte den Arm um seine Schwester. „Komm.“

„Arme Mamma“, würgte Ariana hervor. „Das gibt ihr den Rest.“

„Sie ist stark“, sagte Dante. Sie fuhren im Lift ins Erdgeschoss. „Sie ist eine Romano.“

Trotzdem.

Trotz der Scheidung hatte seine Mutter ihren eigenen Familiennamen nicht wieder angenommen, sondern mit richterlicher Genehmigung den Namen Romano behalten. In der jetzigen Situation war es nebensächlich, und Dante hatte diesem Punkt damals wie heute kaum Beachtung geschenkt.

Auf dem Weg durch die chaotischen Straßen Roms saß Ariana weinend im Wagen. Stefano rief seine Verlobte Eloa an und setzte sie über den traurigen Vorfall in Kenntnis.

„Mamma hätte bei ihm sein sollen“, sagte Ariana, als sie sich der luxuriösen Villa Borghese näherten, in der Angela Romano ein Penthouse bewohnte. „Das alles ist nur ihre Schuld.“

„Nein“, sagte Dante, wohl wissend, dass Ariana sich auf Mia bezog. „Wir können ihr an so manchem die Schuld geben, aber nicht an Papas Tod. Wenn wir dort sind, müssen wir …“ Er brach ab, als ihm ein Paar ins Auge stach, das auf das Gebäude zuging. Die beiden hielten Händchen, und die Frau wirkte plötzlich kokett – Dantes Mutter gab sich plötzlich kokett –, stürmte ein wenig nach vorn und ließ sich lachend von dem Mann zurück an seine Seite ziehen. Und der Mann kam ihm bekannt vor, auch wenn Dante ihn nicht einordnen konnte … „Fahr noch einmal um den Block“, befahl Dante dem Chauffeur, und Stefano sah seinen älteren Bruder an.

„Warum?“, fragte Stefano.

„Ich muss mich kurz sammeln, bevor wir mit ihr sprechen.“

Stefano krauste die Stirn und beendete sein Gespräch mit Eloa. Dante sah die Frage in seinem Blick. Gewöhnlich scheute Dante vor nichts zurück. „Sie muss es erfahren“, sagte Stefano. „Bald wird es öffentlich.“

„Natürlich“, pflichtete Dante ihm bei und zückte sein Smartphone. „Aber wir sollten sie vorwarnen und nicht einfach unangemeldet aufkreuzen. Der Schock wäre zu groß …“

Er griff Ausreden aus der Luft und rief seine Mutter an, wurde aber direkt mit dem Anrufbeantworter verbunden. Er wählte ihre Nummer erneut, und zum Glück meldete sie sich dieses Mal.

„Dante?“, sagte sie. „Pronto.“

„Stefano, Ariana und ich sind auf dem Weg zu dir.“

„Warum?“

„Mamma“, sagte Dante, „wir sind gleich bei dir.“ Er holte tief Luft. „Wir haben schlechte Nachrichten für dich.“

Als er das Gespräch beendet hatte, sah Ariana ihn vorwurfsvoll an. „Du bist zu unverblümt, Dante. Warum sagst du ihr so etwas am Telefon?“

„Weil sie über dreißig Jahre lang verheiratet waren“, fuhr Dante sie an. Ihm schwirrte der Kopf von dem, was er soeben gesehen hatte. „Vielleicht braucht sie einen Moment für sich, um sich zu sammeln.“

Und um ihren Lover wegzuschicken!

Dante fragte sich, ob seine Mutter so umsichtig handeln würde wie er selbst, als sie in dem alten Aufzug hinauf zum Penthouse fuhren.

Zum Glück war es so, denn als sie die Tür öffnete, war von ihrem Lover nichts zu sehen.

„Dante, was um alles in der Welt hast du …?“ Dann bemerkte sie ihre tränenüberströmte Tochter und Stefanos bleiches Gesicht.

Angela Romano stand da wie vom Donner gerührt, als es ihr dämmerte.

„Komm“, sagte Dante und führte sie in den Salon, wo sie sich setzte.

„Nein, nein, nein“, sagte sie.

„Mamma, es ging schnell und friedlich vonstatten. Bis zum Ende hat er sich seine Würde bewahrt. Er hatte eine Besprechung mit Roberto. Ich selbst habe ihn noch gestern Abend gesehen, wir haben geredet und sogar gelacht …“

„Ich hätte bei ihm sein und mich verabschieden müssen“, sagte Angela und fing an zu weinen.

Ja, dachte Dante und setzte sich zu seiner Mutter.

„Was ist mit dem Begräbnis?“ Angela schluckte. „Ich war nicht mehr in Luctano, seit …“

Seit die Affäre öffentlich geworden war.

Der Skandal war gewaltig gewesen, und Dantes Mutter, die meinte, der Familiensitz sei beschmutzt worden, war in die luxuriöseste Residenz der Familie in Rom umgezogen.

„Luigi und Rosa nehmen dich von Herzen gern bei sich auf“, sagte Dante. „Oder du kommst in einem Hotel unter.“

Allmächtiger.

So weit war es gekommen.

Seine Mutter, die fast ihr ganzes Leben in dieser Stadt verbracht hatte, war dazu verurteilt, Gast in einem Hotel zu sein, wenn es auch den Romanos gehörte.

Dante ärgerte sich schwarz, während er seiner Mutter und sich selbst einen Brandy einschenkte, doch er gab sich alle Mühe, es sich nicht anmerken zu lassen. Während die Organisation des Begräbnisses besprochen wurde, verspürte er den drängenden Wunsch, seinen Vater zu sehen. „Ich rufe Sarah an und lasse sie wissen, dass der Pilot mich abholen und nach Florenz fliegen soll, sobald er Luigi nach Hause gebracht hat. Ich will meinen Vater sehen“, sagte Dante. „Will jemand mitkommen?“ Stefano schüttelte den Kopf. Ariana fing wieder an zu weinen und lehnte ebenfalls ab.

„Ich bin heute Abend zurück“, sagte Dante. „Und am Vorabend der Beerdigung fahren wir alle zusammen nach Luctano.“

Dante rief im Krankenhaus an, kündigte seinen Besuch an und bat darum, seinen Vater noch dortzubehalten. Dann meldete er sich bei Sarah und gab Anweisungen an den Piloten und …

„Schon gut“, sagte Sarah. „Ich füttere Alfonzo.“

Mistköter.

Er war der Fluch seines Lebens und der Grund dafür, dass Dante sich mit seinen Frauen lieber im Hotel als zu Hause vergnügte, um ihnen einen sieben Pfund schweren blinden, zähnefletschenden Bichon zu ersparen.

„Danke.“

Der Hubschrauber brachte ihn zu dem Krankenhaus in Florenz, und einsam durchschritt Dante die langen Flure bis zum Privatzimmer seines Vaters.

Mia war schon fort, als er eintraf, wenngleich er auch nicht unbedingt damit gerechnet hatte, sie leise weinend auf der Bettkante sitzend vorzufinden. Allerdings war er froh, um die peinliche Begegnung herumzukommen.

Rafael Dante Romano sah friedlich aus, als würde er schlafen, und ein Orchideen-Arrangement in einer Vase neben seinem Bett verströmte süßen Vanilleduft.

„Du hast es gewusst, nicht wahr?“, sagte Dante und setzte sich ans Bett. „Das hast du gestern Abend gemeint, als du den Wunsch geäußert hast, nach Luctano zurückzukehren.“

Und dann ergriff er die kalte Hand seines Vaters, und schließlich brach seine feste Stimme doch, als Dante die Frage stellte, die er zu Lebzeiten seines Vaters nicht auszusprechen gewagt hatte. „Warum musstest du diese Frau auch heiraten, Papa?“

Dante bezog sich nicht auf den Schmerz, den die zweite Ehe seines Vaters bewirkt hatte.

Aus ihm sprach das verzweifelte Verlangen nach der Frau seines Vaters.

2. KAPITEL

Am Abend vor Rafael Romanos Begräbnis sah Mia von der luxuriösen Suite al Limone aus Dantes Hubschrauber, wie er im Regen den grauen, dicht bewölkten Himmel hinter sich ließ und immer näher kam.

Sie vermied es tunlichst, zum See hinüber zu blicken.

Am Morgen, als sie Massimo ritt, war Mia auf das frisch ausgehobene Grab gestoßen, und ihr hatte dermaßen gegruselt, dass sie auf der Stelle das alte Pferd wendete und zum Galopp antrieb.

Autor

Carol Marinelli
Carol Marinelli wurde in England geboren. Gemeinsam mit ihren schottischen Eltern und den beiden Schwestern verbrachte sie viele glückliche Sommermonate in den Highlands.

Nach der Schule besuchte Carol einen Sekretärinnenkurs und lernte dabei vor allem eines: Dass sie nie im Leben Sekretärin werden wollte! Also machte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester...
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