Stürmische Gefühle im Wüstenpalast

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Ein Traum wie aus 1001 Nacht, so liegt die von Fackeln beleuchtete Oase vor ihnen. Endlich hat Aislyn Scheich Amar ganz für sich. Jeder seiner Blicke ist wie ein zärtliches Versprechen. Und die leidenschaftlichen Stunden, die sie hier in seinen Armen verbringt, lassen sie von einer gemeinsamen Zukunft träumen. Doch zurück im Palast von Maghrabesh wendet der Wüstenprinz sich auf einmal kühl von ihr ab. Mit gebrochenem Herzen flieht Aislyn zurück nach Irland. Sie ahnt nichts von der verheerenden Intrige, die es Amar unmöglich macht, sich für sie zu entscheiden.


  • Erscheinungstag 04.10.2022
  • Bandnummer 202022
  • ISBN / Artikelnummer 0800220020
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

1. KAPITEL

Nie hätte Aislyn gedacht, dass ein Pferdemarkt so riesig sein könnte!

Na gut, es war kein normaler Pferdemarkt, wie sie ihn aus Irland gewohnt war, wo die Züchter zweimal pro Jahr auf der Insel zusammenkamen, um Connemara-Ponys auszutauschen. Dort kannte jeder jeden. An den Markttagen hielt man ein Schwätzchen, begutachtete nebenher die angebotenen Fohlen, Jährlinge und die Mutterstuten, und wenn der eigentliche Verkauf begann, hatte man die wichtigsten Informationen bereits eingeholt. Im Grunde keine große Sache. Aber Aislyn hatte ohnehin seit Langem kein Pferd mehr erworben, sie war ja schon froh gewesen, dass sie ihren Reiterhof nicht verkaufen musste.

Nach dem plötzlichen Tod des Vaters vor zwei Jahren hatte sie mit ihren Schwestern Brenda und Sheela sogar darum kämpfen müssen, dass die familieneigene Pension nicht unter den Hammer kam. Erst im vergangenen Jahr hatte sich die Situation der Familie schlagartig wieder geändert, nachdem zuerst Aislyns älteste Schwester Sheela und nun auch noch Brenda geheiratet hatten. Die Verbesserungen, die mit beiden Hochzeiten einhergegangen waren, hatten unter anderem dazu geführt, dass Aislyn ihre Connemara-Zucht nun nicht nur weiterführen, sondern sogar noch vergrößern konnte, denn beide Schwestern griffen sowohl der Pension als auch dem Reiterhof finanziell unter die Arme.

Im Moment befand sich Aislyn in Andalusien, in einem kleinen Ort in der Nähe von Granada, wo jedes Jahr eine große internationale Pferdeverkaufsschau stattfand. Hier wollte sie sich nach einem Connemara-Zuchthengst umsehen.

Sie war in einer kleinen preisgünstigen Pension am Rande des Ortes untergekommen, mit Blick auf den überdimensionalen Parkplatz, auf dem im Moment ein Pferdetransporter neben dem anderen stand. Tag und Nacht kamen hier Schlepper an, wurden Pferde ein- und ausgeladen, und was normalerweise ein nächtliches ruhestörendes Ereignis war, versetzte Aislyn immer wieder von Neuem in Aufregung.

Es war gerade Nachmittag, und sie saß mit ihrer Reitfreundin Maire, die sich extra drei Tage freigenommen hatte und hergekommen war, in einem der Restaurantzelte. Die beiden jungen Frauen ließen sich beide einen Rebujito schmecken, ein typisches andalusisches Kaltgetränk aus Sherry, gemischt mit erfrischender Limonade.

Aislyn hatte jeden Cent, den sie nicht für den monatlichen Unterhalt ihrer Pferde brauchte, sorgfältig beiseitegelegt, um sich die lang ersehnte Reise nach Andalusien endlich leisten zu können. Ungewohnt war dabei lediglich, dass sie jetzt wirklich in der Lage war, einen Connemara-Zuchthengst zu erwerben, und sogar für den Transport nach Hause genug Geld aufbringen konnte. Und für den Fall, dass sie keinen Transport zurückbegleiten musste, hatte sie noch ein paar Tage Rundreise durch Andalusien geplant. Die plötzliche finanzielle Freiheit fühlte sich immer noch merkwürdig an.

„Wie war es eigentlich in Venedig?“, fragte Maire, nippte an ihrem Rebujito und schaute Aislyn fragend an. „Das zweite Mal innerhalb eines Jahres bei so einer Wahnsinnshochzeit, das muss doch unglaublich gewesen sein.“

„Absolut“, erwiderte Aislyn. „Du kannst dir das nicht vorstellen, Maire. Nikos und Sheela waren wieder mit diesem Segelschiff da, du weißt doch, mit seiner Bark, auf der sie sich kennengelernt haben. Aber diesmal lag das Schiff nicht im kleinen Hafen wie bei Sheelas Hochzeit in Galway, sondern direkt am Canale Grande in Venedig, und zwar genau vor dem Palazzo, in dem Lorenzo und Brenda jetzt wohnen. Es ist einfach unglaublich, dass die beiden jeden Tag mit dem Blick auf den Canale Grande aufwachen werden.“ Sie seufzte und schüttelte ihre blonde Mähne.

„Ach, Aislyn, nur kein Neid“, witzelte Maire. „Wir suchen dir hier einfach einen reichen Spanier, und mit dem reitest du dann jeden Abend in den Sonnenuntergang. Wäre das nicht was für dich?“

„Der Ritt in den Sonnenuntergang auf jeden Fall. Aber den Spanier können wir auch weglassen, das Pferd würde mir reichen“, erwiderte Aislyn lachend.

„Du bist wirklich total unromantisch“, schimpfte Maire. „Wird es überhaupt jemals ein Mann schaffen, dir den Kopf zu verdrehen?“

Aislyn schob die Unterlippe vor, überlegte und schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht. Ich brauche keinen Mann. Ich komme am besten allein klar.“

„Und die Liebe?“

Aislyn zuckte mit den Schultern.

„Wird überschätzt, denke ich.“

„Mal ganz im Ernst: Du bist dem Richtigen nur noch nicht begegnet. Dabei laufen hier doch durchaus ein paar interessante Exemplare herum.“

„Echt? Wo?“, fragte Aislyn und ließ ihren Blick spaßhaft über die Gäste an der Bar schweifen. Die reichere Klientel hielt sich eher in den richtigen Hotelbars auf und bezahlte allein für einen Whiskey eine Summe, mit der Aislyn ihre Pferde früher einen Monat lang durchgefüttert hatte. Und abgesehen davon hieß reich nicht automatisch auch interessant – das galt umso mehr, seit ihrer Familie das Wasser nicht mehr bis zum Hals stand.

Da musste schon ein sehr außergewöhnlicher Mann kommen, um Aislyn zu beeindrucken. Und überhaupt, wofür sollte sie ihre Freiheit aufgeben? Nein, Aislyn fühlte sich wohl, so, wie sie lebte.

Sie lachte und knuffte Maire in die Seite.

„Ich glaube wirklich, ich komme am besten allein zurecht. Außerdem, welchem Mann würde meine Pferdebegeisterung nicht schon nach kurzer Zeit auf den Geist gehen? Und dann würde er mich sicher an die Kette legen wollen. Nein danke, dazu liebe ich mein freies Leben viel zu sehr.“

„Und nicht zu vergessen, das Abenteuer.“

„Genau“, bestätigte Aislyn. Schade, dass die Freundin nur so wenig Zeit hatte und in drei Tagen schon wieder nach Irland zurückfliegen musste. Das reichte leider nicht, um irgendwelche Streiche auszuhecken, so wie sie das früher immer getan hatten. Sie hob ihr Glas.

„Auf das Abenteuer!“

„Auf das Abenteuer!“, wiederholte Maire, trank ihr Glas in einem Zug aus und setzte es auf dem Tisch ab. „Ups. Schon leer.“

„Noch einen? Zur Feier des Tages?“

„Noch einen.“

Scheich Amar Alzahrani war außer sich.

Da hatte er nun einen der besten Araberhengste aus seiner Zucht für den Verkauf ausgesucht, ihn in den letzten Tagen mit dem reichhaltigsten Kraftfutter versorgen lassen, damit sein Fell glänzte und er in Saft und Kraft stand, wenn er vorgeführt wurde, hatte jeden Tag nach ihm gesehen und ihn nur vorsichtig geritten, damit er sich nicht kurz vor dem Verkauf noch verletzte – und dann das: Dieser Tollpatsch von Stallbursche hatte vergessen, ihm bei der Überfahrt nach Gibraltar Hufschoner und Bandagen anzulegen, und als der Hengst aufgrund des Wellengangs der Fähre nervös geworden war und gegen die metallischen Wände des Transporters ausgeschlagen hatte, hatte er sich verletzt.

Jetzt lahmte der Hengst, unmerklich zwar, aber ein geübtes Auge konnte es erkennen. Und hier gab es massenhaft geübte Augen. Mit ziemlicher Sicherheit würde der Zwischenfall den Preis senken. Nicht, dass es Amar auf ein paar Dollar, Euros oder Pfund ankam, auf seinem Konto würde er den Unterschied gar nicht bemerken. Aber ein nicht ganz einwandfreies Pferd auf einer Show wie dieser war ein Armutszeugnis! So etwas mochte er mit seinem herrschaftlichen Namen nicht in Verbindung gebracht wissen.

Wer, verdammt noch mal, hatte diesen Stallburschen überhaupt eingestellt, der offensichtlich nicht mal das Einfühlungsvermögen einer Mistgabel besaß? Araber waren die sensibelsten Tiere, die Amar kannte. Sie waren von edlem Wesen, durch jahrhundertelanges Zusammenleben mit ihren Herren in den Wüstenzelten feinfühlig und empathisch geworden. Mit ihnen musste man so sanft und zärtlich umgehen wie mit einer Frau.

Der Teufel sollte diesen Stallburschen holen! Am besten, er entließ ihn auf der Stelle. Fragte sich nur, wer den Hengst dann bis zum Verkauf versorgte und wer das neue Pferd nach Hause begleitete: einen Andalusier, den Scheich Amar im Tausch für den Araber erwerben wollte. Für Amira, seine kleine Tochter. Im Moment war sie wieder mal auf dem Gelände der Ausstellung unterwegs, obwohl er ihr verboten hatte, das Zimmer in seiner Abwesenheit zu verlassen. Aber ließ sich ein zehnjähriger Wirbelwind festhalten? Nein.

Dabei war Amar nur schnell beim Veranstalter gewesen, um ein Missverständnis aufzuklären, denn im Programm wurde die Vorführung seines Pferds mit einer falschen Zeit angekündigt. Jetzt verstand er, warum selbst Amiras verschiedene Kindermädchen so oft überfordert gewesen waren, dass die letzten drei immer schon wenige Wochen nach Übernahme des Jobs wieder gekündigt hatten.

Aber im Grunde war es ja gut, dass Amira schon so selbstständig war.

Außerdem war es nicht das erste Mal, dass Amar seine Tochter mit nach Europa nahm. In Spanien, im Land seiner Vorfahren, waren sie allerdings noch nicht gewesen. Deshalb hatte Amar vor, hier nicht nur den Araber zu verkaufen und einen Andalusier zu erstehen, sondern mit Amira gleichzeitig ein paar historisch wichtige Stätten zu besuchen, die noch vom jahrhundertelangen friedlichen Zusammenleben der Religionen zeugten. Immerhin ging der heutige Name des Landstrichs aus dem hervor, den ihm die Mauren damals gegeben hatten: al-Andalus.

Eine gute Erziehung war Amar wichtig. Dass Amira ein Mädchen war, kümmerte ihn dabei nicht, denn seiner Auffassung nach hatten alle Menschen das gleiche Recht auf Bildung. Außerdem sollten seiner einzigen Tochter später einmal alle Türen offenstehen. Aber natürlich hatte Amira ihre Privatlehrer. Das ermöglichte ihr Erfahrungen und Erlebnisse, die sie in normalen Schulen und sogar in Eliteinternaten niemals hätte machen können. Mit ihren zehn Jahren sprach Amira neben ihrer Muttersprache bereits zwei Fremdsprachen, Französisch und Englisch. Und ihr ebenfalls schon respektables Spanisch übte sie wahrscheinlich gerade wieder irgendwo auf dem Gelände.

Amar lächelte. Amira hieß „Prinzessin“, und genau das war Amira für ihn: seine kleine Prinzessin. Sie war das Liebste, was er auf der Welt besaß, sein Ein und Alles.

Trotzdem musste er jetzt schauen, wo sie war, und dann ein ernstes Wort mit ihr sprechen. Es ging nicht an, dass sie ihm ständig entwischte. Sie waren hier in einer Welt, die sich grundlegend von der Umgebung unterschied, in der Amira aufgewachsen war – behütet, geliebt, umsorgt. Und vor allem war sie niemals aus den Augen gelassen worden. Denn Amira wusste noch nicht, dass man nicht überall und jedem einfach vertrauen durfte. Die Welt war nicht nur wunderschön, sie war auch schrecklich. Davon konnte Scheich Amar Alzahrani ein Lied singen.

Maire kicherte leise und stellte das zweite leere Glas auf den Tisch zurück.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte sie ihre Freundin Aislyn übermütig. „Bis zur nächsten Show sind es noch knapp anderthalb Stunden. Wollen wir vielleicht noch mal zurück zur Pension? Ein bisschen müde von der Reise bin ich ja schon.“

„Auf keinen Fall“, protestierte Aislyn. „Schlafen können wir auch noch, wenn wir tot sind. Nein“, sie sah Maire verschmitzt an, „ich weiß was viel Besseres! Wir schauen uns die Pferde an, die demnächst unter den Hammer kommen.“

Maire hustete. „Ist das denn erlaubt? Ich dachte, potenzielle Käufer dürfen die Pferde erst sehen, wenn sie vorgeführt werden.“

„Das ist natürlich nicht erlaubt“, bestätigte Aislyn. „Genau deshalb machen wir es ja. Hattest du nicht gerade etwas von Abenteuer gesagt?“

Maires Augen blitzten unternehmungslustig auf. „Hatte ich.“

„Dann mal los!“

Aislyn zahlte die vier Rebujitos, die sie getrunken hatten, dann standen die Freundinnen auf und verließen das Restaurantzelt. Die Ställe für die Verkaufspferde befanden sich etwas abseits auf einem Gelände, das von einem hohen Gitter umgeben war. Langsam liefen die beiden daran entlang.

„Hier kommen wir nicht drüber“, stellte Maire schließlich fest.

Aislyn nickte. „Ja, das sehe ich auch so. Ich glaube, wir müssen so tun, als gehörten wir zum Personal.“

„Müsste doch klappen, oder?“

Tatsächlich hätte man sie für Cowgirls halten können: Beide trugen Jeans, festes Schuhwerk und lockere, am Bauch geknotete Blusen. Zu unterscheiden waren sie dennoch ohne Probleme, denn Maire war etwas stärker gebaut als Aislyn, und ihr freundliches Gesicht war rund, während Aislyns eher eine ovale Form mit besonderer Betonung der Wangenknochen aufwies. Aber beide waren annähernd gleich groß, hatten rötlichblonde Haare und ähnliche Augenfarben, ein helles Blau, das in Aislyns Fall allerdings etwas stärker leuchtete und grüne Einsprengsel zeigte. Außerdem hatte Aislyn ständig den Schalk im Blick.

Sie liefen weiter und kamen schließlich an das Eingangstor, das natürlich bewacht war. Diejenigen, die hier aus- und eingingen, ob Stallburschen oder Besitzer, hatten entsprechende Ausweise bei sich, mit denen sie sich legitimierten. Allerdings schien der Wachmann, der in dem kleinen Häuschen saß, kein sonderliches Interesse daran zu haben, die Papiere gründlich zu checken, sein Job schien ihn eher zu nerven.

Aislyn und Maire sahen sich an. Einen Versuch war es definitiv wert.

Eine Gruppe schwatzender junger Frauen näherte sich, die eindeutig zu den Ställen wollten. Aislyn und Maire warteten, bis sie nahe genug herangekommen waren, und mischten sich dann unauffällig unter sie. Es schienen Spanierinnen zu sein, aber zum Glück waren auch zwei Frauen mit sehr hellen Haaren unter ihnen, sodass Aislyn und Maire nicht auffielen. Zusammen mit den anderen gingen sie durch das Tor, ein lebhaftes Gespräch vortäuschend, während der Wachmann gelangweilt auf die ersten Ausweise schaute und die Gruppe dann durchwinkte.

„Na also“, sagte Aislyn, als sie den Zutritt geschafft hatten. „Caramba!“

„Hasta la vista, baby“, erwiderte Maire und schlug in Aislyns hochgehaltene Hand ein. Sie sahen sich an und lachten los. Der Sherry machte sie offensichtlich noch lustiger, als sie es ohnehin schon waren.

Sie lösten sich aus der Gruppe der Frauen und bogen in Richtung der entgegengesetzten Seite ab. Je weiter sie sich vom Tor entfernten, desto weniger Menschen trafen sie. Aber plötzlich kam ein Mann in Uniform mit fragendem Blick auf sie zu.

Aislyn zog Maire hinüber zu einer Stalltür. „Los, schnell, hier rein!“

Der Stall war geräumig, hatte drei Gänge, und auf jedem Gang pro Seite zehn geräumige Boxen, die im unteren Teil aus Holz, im oberen Teil mit Gitterstäben voneinander getrennt waren.

„Oh.“ Aislyns Augen funkelten begeistert. „Schau mal, was für ein prächtiger Bursche.“

Sie standen direkt vor der Box eines Andalusiers, eines Hengsts, wie Aislyn mit kundigem Blick sofort feststellte. Er schnaubte und sah sie aus dunklen Augen an.

„Wirklich schön“, sagte Maire und streckte ihre Hand durch das Gitter, um ihn zu streicheln.

„Oh, und der hier erst“, sagte Aislyn und zog die Freundin schon zur nächsten Box. „Ein Cruzado, oder?“

„Ja. Aber der dort drüben ist noch schöner, finde ich.“

„Stimmt. Was ist das für einer?“

„Ein Lusitano.“

„Ja, aber es ist eine Stute.“

„Stimmt. Nur hinten steht sie ein kleines bisschen zu hoch, finde ich.“

„Das kann aber auch an der Einstreu liegen.“

„Ja, du hast recht.“

„Oh, und schau mal, dort …“

Auf diese Weise gelangten sie immer tiefer in den Stall hinein und begutachteten die Pferde mit Kennerblick. Hin und wieder lief ein Stallbursche an ihnen vorbei und grüßte kurz. Aislyn und Maire grüßten zurück und taten so, als würden sie die jeweilige Box gerade betreten wollen. Aber niemand achtete wirklich auf sie. Und vermutlich sahen sie beide tatsächlich so aus, als würden sie hierhin gehören.

„Mein Gott, was für ein hübscher Kerl“, sagte Aislyn plötzlich und zog Maire zur nächsten Box. „Das ist ein Araber, oder?“

„Definitiv.“

„Oh, Maire, und schau nur, dieser Blick!“

Vor ihnen stand ein rabenschwarzes Pferd mit langer Mähne und glänzendem Fell und sah sie unverwandt an. Die langen Wimpern über den ruhigen Augen zuckten keine Sekunde.

Hingerissen streckte Aislyn ihre Hand durch die Gitterstäbe, um dem Hengst über die weichen Nüstern zu streichen.

„Ich habe mal gehört, dass Araberpferde früher immer mit in den Zelten ihrer Besitzer gelebt haben“, erklärte sie leise. „Auf diese Weise sind sie total einfühlsam geworden. Sieh mal, wie aufmerksam er uns anschaut.“

Der Hengst hatte die Ohren aufgestellt. Sein tiefschwarzes Fell wirkte wie auf Hochglanz poliert. Den Blick hielt er weiterhin unbeweglich auf Aislyn gerichtet. Die empfindsamen Nüstern blähten sich leise.

„Ja, wirklich ein schönes Pferd“, bestätigte Maire ungeduldig. „Aber komm weiter jetzt!“

„‚Schön‘? Er ist fantastisch!“, korrigierte Aislyn ihre Freundin atemlos und blieb der Aufforderung zum Trotz stehen.

Maire sah sie verwundert an. „Hey, du bist ja völlig verliebt. Komisch, dass das bei Männern nicht geht. Vielleicht solltest du statt eines Connemara-Hengsts lieber den hier kaufen und ein bisschen Araberblut in deine Pferde einkreuzen?“

Aislyn schüttelte den Kopf. „Das wurde, soweit ich weiß, nur ein einziges Mal gemacht, ohne dass die Rasse den Zuchtstatus verlor. Ins Englische Vollblut sind damals absichtlich Araber eingekreuzt worden, damit die Pferde nicht mehr so hypernervös waren und sich vom Trubel auf den Rennbahnen nicht so verschrecken ließen.“ Sie seufzte. „Meine Connemaras brauchen das nicht. Dabei würde ich den auf der Stelle mitnehmen.“

Mit diesen Worten schob sie die Tür der Box einen Spalt auf.

„Hey, was machst du denn?“, rief Maire erschrocken.

„Nichts“, sagte Aislyn. Der Hengst hob den Kopf, die schwarzen Augen unter der dichten langen Mähne blickten aufmerksam und sanft. Es war ein ausgesprochen edles Tier.

Eines Wüstenprinzen würdig, dachte Aislyn unvermittelt.

„Na du“, sagte sie und klopfte ihm durch den schmalen Spalt den Hals. „Du bist wirklich ein besonders Schöner. Und du sollst verkauft werden? Schade, dass für dich bei uns kein Platz ist, dich würde ich sofort mitnehmen.“

„Aber der wird sicher eine Stange Geld kosten“, merkte Maire an.

„Vermutlich. Außerdem wäre unser Wetter sicher nichts für ihn. Hier in Spanien ist er wahrscheinlich besser aufgehoben. Trotzdem, am liebsten würde ich ihn mitgehen lassen.“

„Also klauen“, sagte Maire grinsend.

„Darf ich fragen, wer Sie sind?“, erklang da plötzlich eine Stimme hinter ihnen. Aislyn und Maire fuhren herum.

2. KAPITEL

Vor ihnen stand ein hochgewachsener Mann von etwa dreißig Jahren. Er trug einen teuren schwarzen Anzug, dazu ein weißes Hemd und schwarze Lederschuhe, die vermutlich allein schon ein Vermögen kosteten. Obwohl ihm die Sachen sehr gut standen, hatte Aislyn den Eindruck, dass sie wie eine Maskerade an ihm wirkten.

Langsam ließ sie ihren Blick wieder nach oben gleiten und stockte. Die dunklen Augen in seinem sonnengebräunten Gesicht schauten sie genauso unverwandt an, wie es der Hengst eben getan hatte. Der Blick war feurig, aber auf eine unerklärliche Weise auch sanft.

Aislyn spürte, wie ihr heiß wurde. „Ähm …“, sagte sie, während Maire schwieg.

Der Mann trat einen Schritt näher.

Genauso bewegt sich eine Raubkatze, dachte Aislyn, ein Tiger vielleicht oder ein Löwe.

„Was machen Sie hier?“, fragte der Mann in tadellosem Englisch, das nur einen leicht exotischen Akzent aufwies.

Maire stand mit gesenktem Kopf da, ihr Gesicht war inzwischen knallrot. Aislyn jedoch hob das Kinn und erwiderte den Blick des Mannes herausfordernd.

„Was wir hier machen?“, erwiderte sie forsch. „Ich bin die Pflegerin dieses Pferds und habe ihn gerade meiner Freundin gezeigt. Was denn sonst?“

Der Mann musterte sie einen Moment, dann trat ein amüsierter Ausdruck in seine Augen.

„Sie sind also ‚die Pflegerin‘? Interessant.“

„Ähm, ja. Also …“, stammelte Maire, die endlich ihre Stimme wiedergefunden hatte, „dann gehe ich jetzt mal lieber. Danke, dass du ihn mir gezeigt hast. Aber wolltest du nicht auch zur nächsten Show …“

Aislyn räusperte sich. „Ja, stimmt, wollte ich. Wenn Sie uns also netterweise …“

„Nicht so schnell“, sagte der Mann und trat ihr in den Weg. „Wenn Sie die Pflegerin sind, dann können Sie mir doch sicher einiges über das Pferd erzählen.“

„Natürlich könnte ich das“, erwiderte Aislyn. „Aber Auskünfte über die Pferde vor der Vorführung sind nicht üblich, wie Sie sicherlich wissen. Und jetzt entschuldigen Sie …“

„Aber wie das Pferd heißt, können Sie mir doch wenigstens verraten“, insistierte der Fremde und sah sie weiterhin eindringlich an.

Aislyn schürzte die Lippen. „Sicher. Aber warum sollte ich? Haben Sie denn Interesse an ihm?“

„Vielleicht.“

„Er heißt … ähm … Feuerwind.“

„‚Feuerwind‘?“ Ein kaum merkliches Lächeln umspielte die Mundwinkel des Mannes. „Interessanter Name.“

Autor

Ally Evans
Ally Evans kam erst spät zum Schreiben. Als Fremdsprachenlehrerin und Bibliothekarin arbeitete sie zuvor in Berufen, die immer auch mit Sprache oder Büchern zu tun hatten. Heute geht sie zum Schreiben gern in Cafés, genießt dort eine heiße Schokolade und lässt sich für ihre mitreißenden Romances von ihren Reisen inspirieren,...
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