Stürmisches Wiedersehen in der Stadt der Liebe

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James Harrington! Chloe kann es nicht fassen, als der attraktive Hotelerbe plötzlich vor ihr steht. Vor Jahren hatten sie eine heiße Romanze, doch ihre Eltern sorgten dafür, dass Chloe ihn nicht wiedersehen durfte – mit dramatischen Konsequenzen! Vergessen konnte Chloe ihre große Liebe nie. Seine graugrünen Augen, die sinnlichen Lippen … Im weihnachtlichen Kerzenschein in Paris flammen die lustvollen Gefühle zwischen ihnen wieder auf. Aber kann es einen Neuanfang für sie geben, nach allem, was geschehen ist?


  • Erscheinungstag 02.11.2021
  • Bandnummer 222021
  • ISBN / Artikelnummer 0800210022
  • Seitenanzahl 144

Leseprobe

1. KAPITEL

Lokalteil, London Evening Post, 28. September

Nach einem vorangegangenen Meeting mit Gläubigern des Harrington Park Hotels hat der Eigentümer Nicholas Wolfe am heutigen Tag verkündet, einen Antrag auf Insolvenz gestellt zu haben.

Einst wurde der Name des renommierten Hauses mit einem sehnsüchtigen Seufzer im Flüsterton genannt und als Heim, fern der Heimat für diejenigen bezeichnet, die wohlhabend genug waren, sich das Luxushotel leisten zu können. Doch nach dem Tod von Rupert Harrington vor zwanzig Jahren verlor das Hotel schnell an Glanz.

Seine Witwe Katherine übertrug das Eigentum auf ihren zweiten Ehemann, den amerikanischen Geschäftsmann Nicholas Wolfe, damit sie sich auf ihre junge Familie konzentrieren konnte. Allerdings fehlte Wolfe der magische Harrington-Touch, und so geriet die Marke unter seiner Leitung allmählich ins Wanken. Nach Katherines tödlichem Verkehrsunfall schien das Schicksal des Hotels endgültig besiegelt.

Gerüchten zufolge soll sich James Harrington – Besitzer des Michelin-Sternerestaurants L’Étranger und jüngerer Sohn von Katherine und Rupert Harrington – mit seiner Zwillingsschwester Sally Harrington, ihres Zeichens Innenarchitektin, zusammengetan und gemeinsam mit ihr ein Angebot abgegeben haben. Die beiden hoffen, dieser Ikone unter den Londoner Hotels wieder zu ihrem früheren glorreichen Rang in der Spitzenliga der Hotellerie zu verhelfen.

Chloe war spät dran. Sie sollte längst auf dem Weg zu einem anderen Job sein, aber wegen einer Grippe war die Personaldecke des Hotels sehr dünn, daher hatte man sie gebeten, ihre Schicht zu verlängern. Die Option einer Absage war allerdings nicht infrage gekommen.

Die Doppelschicht hatte sie vollkommen erschöpft. Beine, Füße und Kopf taten ihr weh, aber dies war zumindest das letzte Zimmer.

Ihr war immer unwohl hier oben, wenn die Gäste allmählich vom Shoppen oder Sightseeing zurückkehrten, darum arbeitete sie zügig. Alles musste perfekt sein. Im Geiste ging sie ihre Checkliste durch, um jedem Gast den größtmöglichen Komfort zu garantieren, der in diesem Luxushotel im Herzen von Paris selbstverständlich war.

Die Minibar war aufgefüllt, die frischen Blumen arrangiert und der Obstkorb mit makellosen Früchten bestückt. Eine Flasche Mineralwasser stand neben einem auf Hochglanz polierten Glas, und eine pinkfarbene Schachtel mit federleichten Macarons lag auf dem Tablett neben dem Kaffeeautomaten.

Sie atmete und erschrak, als sie hinter sich das Klicken des Türschlosses hörte. Es war etwas zu früh für den angekündigten Gast. Wahrscheinlich wollte sich die Hausdame vergewissern, dass der Raum vorbereitet war.

„J’ai terminé …“, rief sie.

„Prends ton temps, madame …“

Es war ein Mann, der ihr sagte, sie solle sich ruhig Zeit lassen. Er stellte seine Tasche ab und ging zum Fenster. Sein Französisch klang gut, obwohl es von einem englischen Akzent gefärbt war.

Mit zitternden Händen strich Chloe die Tagesdecke glatt. Immer, wenn sie einem Engländer begegnete, wurde sie nervös, weil sie befürchtete, man könnte sie erkennen. Denn viele der Gäste hatten exklusive internationale Privatinternate besucht – genau wie sie.

Sie befürchtete Hohn und Spott darüber, dass sie hier gelandet war – nicht nur von Angesicht zu Angesicht im Hotelzimmer, sondern auch in den sozialen Medien. Dann müsste sie Paris verlassen und irgendwo anders neu anfangen. Das würde jedoch Geld kosten und ihren großen Traum in immer weitere Ferne rücken.

Doch die Möglichkeit, dass sie enttarnt wurde, war denkbar gering. Zumal das Personal für die meisten Leute schlicht unsichtbar war. Sie sahen nur die Uniform, nie die Person dahinter.

Noch ein letzter prüfender Blick … Der Mann starrte aus dem Fenster auf die Stadt hinunter, die von funkelnden Weihnachtslichtern erhellt war. Chloe sah seine Reflektion in der dunklen Scheibe.

Fassungslos stieß sie seinen Namen hervor.

„James?“

Es war nur ein Flüstern, aber es reichte aus, um seine Aufmerksamkeit weg von den romantischen Lichtern der Stadt auf Chloes Spiegelbild zu lenken.

Einen Moment lang starrten sie einander stumm an. Ihr Herz setzte beinahe aus. Würde er sie überhaupt erkennen? Sich an sie erinnern?

Der Gedanke war kaum zu Ende gedacht, da schnellte der Mann zu ihr herum, und sie verlor vor Schreck das Gleichgewicht. Instinktiv streckte sie einen Arm aus, und in der nächsten Sekunde wurde sie von starken Händen aufgefangen und gestützt.

Nicht von einem Geist, sondern von dem Mann, mit dem sie vor einer Ewigkeit für wenige Monate eine intensive und leidenschaftliche Romanze verbunden hatte. Eine Beziehung, die zum Scheitern verurteilt gewesen war, doch das hatte sie in seinen Armen und in ihrer grenzenlosen Naivität einfach ausgeblendet. Ihre ehrgeizigen Eltern hatten andere Pläne für sie geschmiedet.

Und jetzt stand er vor ihr und hielt sie fest – es war kaum zu glauben! Dabei betrachtete er sie wie ein Wesen von einem anderen Stern. Seine tiefgründigen graugrünen Augen hatten sie jahrelang in ihren Träumen verfolgt, genauso wie seine sinnlichen Lippen, die sie schmerzlich vermisst hatte. Für einen Sekundenbruchteil gab sie ihrer Schwäche nach und lehnte sich an ihn.

„Chloe …“ Er hauchte ihren Namen in ihr Haar. So sanft, wie er sie auch zum ersten Mal geküsst hatte … wie er sie zum ersten Mal geliebt hatte.

Das gleiche aufregende Zittern wie damals durchfuhr sie, und für einen Herzschlag, vielleicht auch zwei, war sie wieder das verliebte Mädchen in seinen Armen.

Und dann sagte er noch einmal ihren Namen, voller Unglauben und mit gerunzelter Stirn.

Sie klammerte sich an ihn und wartete auf seinen Kuss, während er anscheinend versuchte, die Prinzessin aus der Schulzeit, in die er sich verknallt hatte, mit einem Zimmermädchen in Verbindung zu bringen.

Seine Verwirrung brachte sie zur Besinnung.

James Harrington … das war ein wunderbarer Traum gewesen. Vor allem in den unvergesslichen Tagen, als ihre Eltern geglaubt hatten, sie würde bei einer ihrer aristokratischen Schulfreundinnen unterkommen. Er hatte ein Häuschen an der Küste gemietet. Sie waren im kalten Meer geschwommen, hatten mitten in der Nacht köstliches Essen gekocht, sich vor dem Feuer geliebt und waren völlig in ihrer Leidenschaft aufgegangen.

Glückselige, kostbare Tage, an denen sie sich nicht verstecken mussten, sondern ihren Traum gelebt und das Leben geplant hatten, das sie eines Tages zusammen in Paris führen würden. Eine Fantasiewelt, in der sie nichts und niemand stören konnte.

Aber dann war die Realität über sie hereingebrochen.

James hatte sein Bestes getan, um Chloe davon zu überzeugen, dass er für sie und ihr Baby sorgen konnte. Sie hatte ihm glauben wollen, aber alles hatte sich geändert, als sie jemand bei der Schulleitung verpfiff.

„Chloe?“ James hielt ihre Hand fest, als sie einen Schritt zurückwich.

„Nein!“

Wut, Verzweiflung und harte Arbeit hatten ihren Tribut gefordert … sie war nicht mehr die alte Chloe. Seine Chloe.

Sie ertrug es nicht, dass er sie auf diese Weise musterte, und entriss ihm ihre Hand, während sie zurück zur Tür stolperte.

„Nein!“, wiederholte sie energischer, als er einen Schritt auf sie zu machte.

Die Heftigkeit ihrer Reaktion hielt ihn auf und gab ihr die Zeit zu fliehen.

„Chloe, warte!“

Seine Unsicherheit war jetzt weg. Alle Zweifel verschwunden. Es war wirklich Chloe! Zehn Jahre älter und ohne die mädchenhafte Energie von früher. Und sie nannte ihn James, nicht Jay, wie es eigentlich jeder andere Mensch tat.

Eine Fremde hätte sich nicht an ihn geklammert, die Lippen geöffnet und ihn auf einen Kuss eingeladen.

Jay war in einem Hotel aufgewachsen und kannte sich hinter den Kulissen aus. Es würde kein Versteck geben, in dem Chloe vor ihm sicher war. Sie schnappte sich hastig Mantel, Tasche und Stiefel und floh in die schmale Gasse hinter dem Gebäude. Die dünnen Sohlen ihrer flachen Arbeitsschuhe rutschten über die eisigen Pflastersteine.

Auf der Hauptstraße verschwand sie schnell zwischen den unzähligen Passanten, die mit glänzenden Tragetaschen aus den weihnachtlich geschmückten Designerläden in der Rue Saint-Honoré beladen waren. Aber Chloe wurde nicht langsamer.

Sie rannte weiter, bis sie die Metro erreicht hatte, wo sie in den ersten Zug stieg, der ankam. Mit klopfendem Herzen tauchte sie in der Menge der Mitfahrenden unter und zitterte mehr vor Schock als vor Kälte.

Es war früher Abend, und das Abteil war voll mit Leuten, die nach einem anstrengenden Tag zurück zu ihren Familien nach Hause wollten, wo sie Wärme, Liebe und ein gutes Essen erwartete.

Chloe sah niemanden direkt an und tauchte stattdessen tief in die Erinnerungen an das letzte Mal ein, als sie in James’ Armen aufgewacht war. Sie dachte an sein Versprechen, dass er immer für sie da sein würde. An den letzten Kuss, nachdem er die Nachricht erhalten hatte, dass er für ein wichtiges Cricket-Spiel in einem anderen Teil des Landes aufgestellt worden war.

Keinem von ihnen war in den Sinn gekommen, was nun folgen sollte. Es war ein ganz normaler Schultag gewesen, bis sie in das Büro des Schulleiters gerufen worden war. Dort hatten ihre Eltern sie erwartet, weil ihnen die Schwangerschaftsgerüchte zu Ohren gekommen waren. Irgendjemand hatte heimlich Chloes Sachen gepackt, und innerhalb von wenigen Minuten war sie von der Schule verbannt worden.

Man hatte ihr keine Möglichkeit gegeben, eine Nachricht für James zu hinterlassen.

Selbst wenn er versucht hätte, ihr zu folgen, wäre ihm das nicht gelungen. Denn ihre Eltern brachten sie weder zu ihrem Hampshire-Anwesen noch nach London. Erschrocken hatte sie ihre Mutter gefragt, wohin sie fahren würden. Statt zu antworten, hatte ihre Mutter sich ein Taschentuch fest vor die Augen gepresst und sich von ihrer Tochter abgewandt.

Jay Harrington war fassungslos und konnte sich für einen Moment kaum rühren.

Zusätzlich musste er noch die plötzliche Wende in seinem Leben verdauen, die das Wiederauftauchen seines älteren Bruders nach siebzehn Jahren des Schweigens mit sich brachte. Die Erkenntnis, dass Hugo tatsächlich der neue Besitzer des Harrington Park Hotels war.

Nachdem Jay sich von dem ersten Schock erholt hatte, war er begeistert, dass sein entfremdeter älterer Bruder Hugo ihn um Hilfe bat, um das Hotel wieder zu dem Juwel zu machen, das es einmal gewesen war. Jay und seine Zwillingsschwester Sally sollten die desaströsen Jahre ungeschehen machen, in denen ihr Stiefvater Nick Wolfe das Traditionshaus unter seiner Kontrolle gehabt hatte.

Aber seine Rückkehr hatte brutale Erinnerungen in Jay geweckt … an jenen schrecklichen Weihnachtsmorgen, als er und Sally aufgewacht waren und festgestellt hatten, dass ihr großer Bruder Hugo einfach weg war. Niemand hatte ihnen gesagt, wo er geblieben war oder wann er nach Hause zurückkehren würde.

Ihre Mutter hatte ihr Bestes getan, um die Lücke zu füllen, die Hugos Abwesenheit hinterließ. Sie hatte das Hotel sogar an ihren zweiten Mann Nick übergeben, um mehr Zeit mit ihren verbliebenen Kindern verbringen zu können. Doch dann starb sie bei diesem fürchterlichen Autounfall, und Nick Wolfe hatte sich schnell von der Last seiner ungeliebten Stiefkinder befreit.

Sally hatte das Ganze besonders hart getroffen, und als Hugo plötzlich aus heiterem Himmel aufgetaucht war und sich mit seinen Geschwistern versöhnen wollte, war ihr das anfangs zu viel gewesen. Sie konnte nicht akzeptieren, dass Hugo gezwungen gewesen war, sich von ihnen fernzuhalten, und sich nicht in das hineinversetzen, was er durchgemacht hatte. Jay verstand seine Schwester gut.

Schließlich hatte er selbst endlose Nächte damit verbracht, sich nach denen zu sehnen, die er im Laufe seines Lebens verloren hatte.

Seine Eltern.

Hugo.

Chloe und ihr Baby.

Sie war vor zehn Jahren praktisch vom Erdboden verschwunden. Als er hier gerade unerwartet ihr Spiegelbild im Fenster neben sich gesehen hatte, war sie ihm wie ein Phantom vorgekommen. Doch dann hatten sich ihre Blicke getroffen.

Und er hatte Chloe aufgefangen, als sie schwankte. Er konnte immer noch die Wärme ihrer Hand fühlen, wo er ihre Finger ergriffen hatte. Doch dann war sie geflohen.

Glaubte sie etwa, er würde sie ablehnen?

„Niemals!“

Entschlossen riss Jay die Tür auf und eilte zur Personaltreppe, die direkt zu einem Teil des Hotels führte, den die Gäste nie zu Gesicht bekamen. Er war schon mehrere Stufen nach unten gesprungen, bevor ihn die Realität ausbremste.

Wenn er ein Zimmermädchen verfolgte, das vor ihm geflüchtet war, würde das unwillkommenes Aufsehen erregen. Schließlich war er kein Unbekannter. Er hatte eine große Fernsehshow gewonnen und war der jüngste Koch, der jemals mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde. Sein Restaurant L’Étranger hatte er dank seines Fernsehruhms aufmachen können.

Sein Gesicht war auf dem Cover mehrerer Lifestyle- und Lebensmittelmagazine zu sehen gewesen, besonders hier in Paris, wo Essen praktisch eine Religion war.

Es war ihm egal, was man über ihn redete, aber er wollte Chloe nicht in Schwierigkeiten bringen. Bevor er nicht wusste, weshalb sie hier im Housekeeping arbeitete, musste er sich in Diskretion üben. Denn irgendetwas stimmte hier nicht. Ganz und gar nicht.

Die Forbes Scotts waren alter Geldadel. Die Sorte Menschen, die auf ihren eigenen riesigen Landgütern hinter hohen Sicherheitszäunen lebten. Oder in einer Penthouse-Wohnung, die nur über einen privaten Aufzug erreichbar war. Die ihre Ferien auf den privaten Inseln ihrer Freunde verbrachten.

Mächtig, reich wie Krösus und für Leute von außen praktisch unerreichbar. Das hatte er selbst herausgefunden, als er versucht hatte, Chloe zu kontaktieren, und auf eine Mauer des Schweigens gestoßen war.

Sie hatte sich buchstäblich in Luft aufgelöst, während er auf der anderen Seite des Landes gelangweilt als Ersatzmann am Spielfeldrand seiner Mannschaft zugeschaut hatte.

Nach seinem Ruhm in der Show und der Verleihung des Michelin-Sterns hatte er eine Weile in der Hoffnung gelebt, dass Chloe eines Tages im L’Étranger auftauchen würde. Dass sie dort die Club-Atmosphäre im Erdgeschoss genießen und einen Cocktail bestellen würde, um dann nach dem Küchenchef zu fragen. Oder dass sie ihm wenigstens eine Karte mit Glückwünschen schicken würde. Irgendetwas. Vielleicht hätte sie sein Erfolg gefreut, und sie hätte sich an eine zum Scheitern verurteilte, jugendliche Leidenschaft erinnert …

War sie inzwischen mit jemandem verheiratet, den ihre Eltern akzeptierten? Dann würde sie definitiv nicht wollen, dass ihr Leben dadurch komplizierter wurde, dass er plötzlich Antworten verlangte.

Was auch immer in den Jahren seit ihrem Verschwinden von der Schule passiert war, er würde es herausfinden. Oder hatte sie jemanden geheiratet, den ihre Eltern missbilligten? Das könnte sein, denn laut Chloe akzeptierten sie niemanden, der kein Multimillionär war.

Hat sie jetzt eine eigene Familie?

Er lehnte sich gegen die Wand und erinnerte sich an den wütenden Schmerz des jungen Mannes, der er damals gewesen war. An die Probleme einer jugendlichen Schwangerschaft … an seine eigene Unfähigkeit.

Jay schlug mit der Faust gegen die Wand.

Glaubt sie, dass ich ihr Vorwürfe machen würde? Sie hatte ihn vor der Kontrollsucht ihrer Eltern gewarnt, aber in seiner unreifen Arroganz hatte er ihre Ängste abgetan und sich auf das Geld berufen, das ihm sein Vater hinterlassen hatte. Nicht viel, verglichen mit dem Wohlstand ihrer Familie, aber genug, um ein gemeinsames Leben mit Chloe zu beginnen und eine Familie zu gründen.

Fluchend warf er einen Blick auf sein Telefon, das ihn mit einem Hinweiston an das Vorstellungsgespräch mit dem zukünftigen Hotelkoch erinnerte. Jay drehte sich auf der Treppe um – und hielt inne, als etwas auf den Stufen über ihm funkelte. Er streckte die Hand aus und hob ein Stück verbogenes Silber auf. Es war eine verzierte, antike Haarspange. Er wusste das genau, weil er selbst sie Chloe zu ihrem siebzehnten Geburtstag geschenkt hatte.

Momentan war Chloe außerhalb seiner Reichweite, und die Vorbereitungszeit wurde allmählich knapp, wenn Hugo das Hotel wirklich Heiligabend eröffnen wollte. Eine Terminverschiebung war also nicht drin.

Hastig steckte er die Spange in seine Tasche, um sich später darum zu kümmern.

Dies war gerade eine verrückte arbeitsreiche Zeit für seine Geschwister und ihn, und das Familienhotel in London hatte allerhöchste Priorität.

Trotzdem würde er Paris erst verlassen, nachdem er mit Chloe gesprochen hatte.

Als er das Café erreichte, in dem er sich mit Louis treffen wollte, holte er sein Handy aus der Tasche. Ihm blieben noch ein paar Minuten. Er schrieb seiner Schwester eine SMS.

Sally, ich bin gerade in Paris angekommen und habe Chloe getroffen! Sie arbeitet in meinem Hotel als Zimmermädchen, ist aber sofort weggelaufen, als ich sie erkannt habe. Ich konnte nicht hinterher, weil ich den Termin mit Louis Joubert habe. Morgen versuche ich, mit ihr zu reden. Wie läuft es in Singapur? J x

Ihre Antwort folgte prompt.

OH, MEIN GOTT! Was, um alles in der Welt, macht sie als Zimmermädchen in einem Hotel? Ihre Familie ist doch superreich! Kein Wunder, dass sie geflohen ist. Bestimmt schämt sie sich vor dir. Sei vorsichtig, Jay, du reißt dort wieder alte Wunden auf! S x

Nur Sekunden später kam eine zweite Nachricht von ihr:

Singapur ist übrigens viel wärmer als Paris. Und total inspirierend!

Sally hatte ihrem zweiten Text ein Emoji hinzugefügt, was darauf hindeutete, dass sie ihren Aufenthalt zumindest genoss. Das war eine große Erleichterung nach den letzten anstrengenden Wochen. Aber seine Zwillingsschwester kannte Chloe und wusste, was ihr Verschwinden bei ihm ausgelöst hatte.

Menschen zu verlieren war gewissermaßen zum Fluch ihres Lebens geworden. Es hatte sie zu den Menschen gemacht, die sie heute waren.

„Jay! Es tut mir leid, dass ich zu spät komme. Der Verkehr war mörderisch!“

Louis’ Entschuldigung riss Jay in die Gegenwart zurück, ehe er sich in den Gedanken an die wunderbare, sinnliche Woche mit der Chloe von damals verlieren konnte. Es dauerte einen Moment, bis er sich gesammelt hatte und aufstand, um seinen alten Freund mit einer Umarmung zu begrüßen. Und doch ließ ihn die Vergangenheit nicht los. Die meisten Leute nannten ihn Jay, nur seine Mutter und Chloe hatten James zu ihm gesagt.

Chloe hatte vor ihren Eltern behauptet, sie würde bei einer Schulfreundin übernachten. Und wo er seine Zeit verbrachte, hatte sowieso niemanden interessiert. In jener Woche war das Wetter herrlich gewesen. An ihrem letzten Abend waren sie beide nackt im Meer geschwommen, ohne zu ahnen, dass sie sich bald trennen mussten.

„Kein Problem, Louis. Schön, dich zu sehen.“

„Ist es das wirklich? Du warst gerade meilenweit weg, mein Freund“, lachte der andere Mann und setzte sich.

„Mir geht viel durch den Kopf“, seufzte Jay. „Es ist grad eine verrückte Zeit in unserem Geschäft.“

„In jedem Geschäft“, korrigierte Louis ihn. „Trotzdem hast du bestimmt nicht über die Verbannung des Feigenpuddings aus dem Weihnachtsmenü nachgedacht, oder? Dieser schwermütige Gesichtsausdruck hat doch meistens mit einer Frau zu tun.“

Jay brachte ein schwaches Lächeln zustande. „In dieser Abteilung hast du weitaus mehr Erfahrung als ich.“

Louis hob beide Hände in einer wortlosen Geste, bevor er der Kellnerin mit einem Augenzwinkern ein Zeichen gab und einen Kaffee bestellte.

„Also, wer ist sie?“, wandte er sich danach wieder an Jay.

„Ein Mädchen, das ich vor langer Zeit gekannt habe. Es war ein Schock, ihr hier in Paris in die Arme zu laufen.“

„Ein angenehmer Schock?“

„Angenehm? Es hat mich getroffen wie ein Blitz, wenn ich ehrlich bin.“ Jay hatte immer noch Mühe, die Begegnung zu realisieren. „Das alles ist lange her. Wir waren noch sehr jung.“

„Die bittersüße Erinnerung an die erste große Liebe?“ Louis zuckte mit den Schultern. „Dein Herz bricht, aber nur so wirst du zum Mann.“

„Klingt ziemlich französisch“, spottete Jay, und Louis grinste.

„Was soll ich sagen? Die Welt ist voller schöner Frauen, und in meinen Augen ist Essen das verführerischste Vergnügen im Leben. Es betört alle Sinne: Geruch, Geschmack, Berührung … Na, dir muss ich das nicht erklären, du bist selbst ein Meister dieser Kunst.“

Vor seinem inneren Auge sah Jay, wie er Chloe damals einen Löffel hingehalten hatte, um etwas zu probieren, was er für sie gekocht hatte. Mit geschlossenen Augen hatte sie vor Genuss geseufzt, nachdem sie den Löffel abgeleckt hatte, und war dann in seine Arme gesunken.

„Warum verschwendest du Zeit mit mir, wenn du mit ihr zusammen sein könntest?“, wollte Louis wissen.

„Es ist kompliziert“, antwortete Jay und versuchte, sich auf den Grund zu konzentrieren, weshalb er überhaupt nach Paris gekommen war. „Und diesen Termin mit dir zu vereinbaren war schwierig genug, da wollte ich ihn nicht in letzter Minute absagen.“

Das Harrington Park Hotel war jahrelang heruntergewirtschaftet worden, und nun brauchte es eine Rundumsanierung. Jay hatte Hugo versprochen, ihm einen Koch zu besorgen, der einen der sagenumwobenen Michelin-Sterne mit ins Restaurant bringen konnte. Er hatte schon mit Louis zusammen in Paris gearbeitet, als sie beide noch grün hinter den Ohren gewesen waren.

Es würde eine Herkulesaufgabe werden, Louis zu überreden, mit ihm nach London zu kommen und dem Hotel zu neuem Glanz zu verhelfen. Morgen würde er Chloe suchen, mit ihr sprechen und herausfinden, was vor all den Jahren passiert war und warum sie inzwischen als Dienstmädchen in einem Hotel arbeitete.

Er wagte kaum zu glauben, dass sie ungebunden war. Hatte ein Ring an ihrem Finger gesteckt? Er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. Und trotz Sallys Warnung klammerte er sich an die Hoffnung, dass Chloe Single war.

In dem Wissen, dass Louis ihn nachdenklich betrachtete, konzentrierte Jay sich auf Hugos Pläne für die bevorstehende Hoteleröffnung. Sein großer Bruder brachte diesbezüglich reichlich Erfahrung mit, da er bereits eine äußerst erfolgreiche Kette von Nobelhotels in New York etabliert hatte.

„Also, wie sieht eure Vision für das neue Restaurant aus?“, fragte Louis mit wachsender Neugier.

Wie Jay gehofft hatte, änderte sich die gesamte Körpersprache seines Freundes bei der Erwähnung einer vielversprechenden Verbindung nach New York und der Aussicht, London als Karrieresprungbrett zu nutzen.

Er hatte die Angel ausgeworfen, nun musste er den Fisch nur noch an Land ziehen. „Es wird nicht unsere Vision sein, Louis …“, erwiderte er und machte eine dramatische Pause. „… sondern deine.“

Ich hätte die totale Kontrolle?“ Louis rückte auf seinem Stuhl vor. „Aber du willst doch bestimmt selbst Chefkoch in deinem Familienhotel sein?“

„Das Hotel ist Hugos Leidenschaft, Louis. Ich freue mich sehr, dass es wieder in Familienbesitz ist, und ich helfe gerne, wo ich kann. Doch ich habe meine eigenen Ambitionen.“

„Mehr Restaurants?“

„Ich habe ein paar Ideen“, gab er zu. „Zuerst werde ich eine Essenskolumne für eines dieser angesagten Lifestyle-Magazine schreiben. Und ich arbeite zusammen mit einem Verlag an einem Buch, das sich aus dem Blog speisen wird, den ich schon seit Beginn meiner Karriere schreibe.“

„Dein Blog liest sich wie ein einziger Liebesbrief an das Essen.“

Jay hatte den Blog in seinem ersten Winter in Paris begonnen, nachdem er aus London geflohen war. Insgeheim war es seine Art gewesen, mit Chloe zu korrespondieren. Ihr mitzuteilen, wo er lebte, was er tat und was er dachte – ohne den heiligen Zorn ihrer Familie zu wecken.

Nach zwei Jahren bekam er dann seine große Chance in einer Fernsehshow.

Allerdings hatte er so gut wie kein soziales Leben. Nicht aus Mangel an Möglichkeiten, sondern wegen seines Ehrgeizes. Er wollte der Welt zeigen, was er zu erreichen imstande war: Nick Wolfe, Chloes Eltern und auch allen anderen. Als müsste er sich deren Anerkennung und Respekt verdienen.

Hugo und Sally waren gleichermaßen getrieben. Es war ihr Vermächtnis, die Auswirkung ihrer tragischen Familiengeschichte.

Louis wirkte deutlich interessiert. „Mit wem triffst du dich noch, solange du in Paris bist?“

Es war Zeit, die Leine einzuholen.

„Ich habe Hugo versprochen, ihm einen Küchenchef zu suchen, der ihm innerhalb von zwölf Monaten einen Stern für sein Hotel schenkt. Die Konkurrenz in London ist groß, aber ich glaube, du bist der beste Mann für diesen Job, Louis. Die Frage ist: Bist du bereit, dich dieser Herausforderung zu stellen?“ Jay wartete nicht auf eine Antwort, sondern schilderte schnell noch die Einzelheiten des sehr großzügigen Vertrages, den Louis bekäme.

„Wann kannst du in London sein, um mit der Rekrutierung deines Teams zu beginnen?“, fragte er anschließend.

„Bist du dir so sicher, dass ich Ja sage?“

Jay antwortete nicht.

„Es ist ein großer Schritt, alles hinter sich zu lassen.“ Als sein Freund immer noch nichts sagte, fügte Louis hinzu: „Du hast es damals trotzdem getan.“

„Ich hatte nichts zu verlieren, sondern nur etwas zu gewinnen.“

Für Jay war der Umzug nach Paris eine Flucht gewesen. Eine Chance, alles zurückzulassen, was ihn an die Menschen erinnerte, die er verloren hatte.

„Das ist eine seltene Gelegenheit, Louis. Du kannst dich international profilieren, aber wir stehen unter Zeitdruck und müssen Nägel mit Köpfen machen. Bis morgen brauche ich eine Antwort von dir.“

„Ich müsste erst kündigen.“

„Aus Erfahrung weiß ich, dass man keinen Koch zum Bleiben überredet, der mit dem Kopf schon anderswo ist.“ Jay entspannte sich ein wenig, weil er seinen Freund offenbar schon überzeugt hatte. „Hast du keinen Souschef, der für dich einspringen kann?“

Louis lächelte reumütig. „Doch. Einen frühreifen, talentierten Burschen, der mich ziemlich an dich erinnert. Ich spüre jeden Tag seinen heißen Atem in meinem Nacken.“

Autor

Liz Fielding

In einer absolut malerischen Gegend voller Burgen und Schlösser, die von Geschichten durchdrungen sind, lebt Liz Fielding – in Wales

Sie ist seit fast 30 Jahren glücklich mit ihrem Mann John verheiratet. Kennengelernt hatten die beiden sich in Afrika, wo sie beide eine Zeitlang arbeiteten. Sie bekamen zwei Kinder, die...

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