Süße kleine Lügen

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So eine punkige Vogelscheuche soll meine neue Sekretärin sein? Der Unternehmer Alex kann nicht verstehen, warum seine Schwester ausgerechnet diese Julia Brown engagiert hat. Dass ihre unvorteilhafte Aufmachung nur der Teil eines raffinierten Plans ist, erkennt Alex erst, als er völlig wehrlos an ihrer Angel zappelt …
  • Erscheinungstag 14.07.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733758165
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Alexander Ravenwood fuhr sich mit der Hand durch das Haar. Nun war es also tatsächlich so weit gekommen, dass Rita ihn verließ, um mit einem anderen Mann durch Europa zu reisen.

Drei Wochen ohne zuverlässige Sekretärin können verdammt lang sein. Und ihm war in den insgesamt vierzehn Jahren seiner Arbeit hier durchaus klar geworden, dass jeder Chef nur so gut ist wie seine Sekretärin.

Wie wollte er ohne Rita überleben, gerade jetzt, wo er diese Unterschlagungsgeschichte in der Filiale in Florida regeln musste? Rita mit ihren sechzig Jahren, von denen sie beinahe vierzig bei Ravenwood Investments gearbeitet hatte, war unentbehrlich, wenn es darum ging, Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen.

Alex hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen unzuverlässige oder gar unehrliche Mitarbeiter. Und nun sollte er diese ganze Sache ohne die beiden zuverlässigsten und ehrlichsten Menschen, die er kannte, regeln.

Seine Schwester Chelsea war kurz davor, ihr erstes Kind zu bekommen, und Rita würde in fünfzig Minuten das Büro verlassen.

„Wie kannst du mich nur im Stich lassen“, sagte Alex und warf Rita jenen Blick zu, der normalerweise Wunder zu wirken vermocht hatte. Rita behauptete immer, mit diesem Blick sähe er aus wie ein dunkelhaariger Robert Redford. Trotzdem blieb sie diesmal unerbittlich.

Ritas Doppelkinn vibrierte, als sie ein Glucksen unterdrückte. „Spar dir deine treuen blauen Augen, Alex. Ich bin abgehärtet. Außerdem hat deine Schwester eine Aushilfe besorgt.“

„Eine Aushilfe! Was soll ich denn wohl mit einer Aushilfe?“ Er schwenkte eine Hand über die Berge von Papier auf seinem Schreibtisch. Alex hasste unerledigte Sachen. „Wir sind schließlich Partner. Was kann da wohl eine Aushilfe nützen?“

„Wir sind Partner?“ Rita hob eine Augenbraue. „Das ist ja mal ganz was Neues. Aber gib dir keine Mühe. Chelsea hat gesagt, dass die Aushilfe fleißig ist.“

„Ja, bestimmt“, seufzte Alex. „Rita, wir wissen alle beide, dass Chelsea Aushilfen für mich aussucht, um mich zu quälen. Denk doch nur an die letzte Sekretärin, die sie angeschleppt hat. Sie sah aus wie Miss America, aber sie weigerte sich, zu tippen oder ans Telefon zu gehen, weil sie Angst um ihren Nagellack hatte.“

„Und wie lange bist du mit ihr ausgegangen?“

„Nur noch einmal, nachdem du zurück warst“, sagte Alex beleidigt. „Außerdem hat das nicht das Geringste mit dem Geschäft zu tun. In dieser kritischen Lage brauche ich Leute, die mir bei dieser Sache in Florida den Rücken stärken. Immerhin steht unser guter Ruf auf dem Spiel. Und ohne dich und Chelsea …“

Rita lächelte ihn an und versuchte, ihren Chef aufzumuntern. „Das weiß Chelsea doch alles. Immerhin war sie nicht gerade glücklich über deine Treffen mit Miss America. Du kannst also sicher sein, dass sie dieses Mal vorsichtiger sein wird.“

„Da kennst du meine Schwester aber schlecht.“ Alex musste irgendwie Ritas Mitleid wecken. Leider schien sie sich von seinem Dackelblick überhaupt nicht beeindrucken zu lassen.

„Zwanzigtausend extra, wenn du bleibst.“ Das war sein letzter, verzweifelter Versuch, seiner Sekretärin den Traumurlaub auszutreiben.

Rita warf einen Blick auf diesen Mann, dessen Fleiß und Wissen Ravenwood Investments, Washington, D.C., zum zweitgrößten Anlageunternehmen außerhalb New Yorks gemacht hatten.

„Das ist aber wirklich lieb von dir! Aber was ist dein Geld gegen London, Paris oder das Schottische Hochland? Europa wartet auf mich, also hält mich kein Geld der Welt zurück. Soll ich dir die Aushilfe gleich hereinschicken, wenn sie da ist? Ehe ich gehe, werde ich ihr einen kurzen Überblick über die Abläufe hier geben. Ich werde mich bemühen, sie nicht zu vergraulen.“ Rita grinste hämisch.

„Das ist nicht witzig!“, sagte Alex streng. „Vielleicht stelle ich sie ja auch fest ein.“

Rita kicherte.

„Erst recht, wenn sie aussieht wie die Letzte und vielleicht sogar außerdem noch Verstand besitzt, nicht wahr, Alex?“ Rita sah, dass er sich geschlagen gab. „Sieh mal, Alex, ich bin jetzt seit fast achtunddreißig Jahren in der Firma. Es wird also Zeit, dass du dich nach jemand neuem umguckst.“

„Raus!“ Alex zeigte auf die schweren braunen Flügeltüren. „Mach, dass du nach Europa kommst, du erbärmliche Verräterin!“ Er lächelte sie an. „Und dass du dich ja amüsierst!“

„Das werde ich. Ich werde dir mindestens ein Dutzend Postkarten schicken, um dich auf dem Laufenden zu halten. Du kannst sie ja mit der Aushilfe zusammen lesen. Gibt es sonst noch etwas, bevor ich gehe?“

Alex runzelte die Stirn. „Wie heißt diese Frau eigentlich?“

Rita strahlte, als sie sah, dass Alex sich in das Unvermeidliche fügte.

„Sie heißt Julia Brown. Sie wird dir gefallen, warte es nur ab. Vielleicht werden die nächsten drei Wochen schöner, als du denkst.“

Rachel Julia Grayson, die für die nächsten drei Wochen Julia Brown heißen sollte, zupfte ihre schwarze Perücke zurecht und warf einen letzten Kontrollblick in den Spiegel.

Dann drehte sie sich zu Chelsea Ravenwood Meier um, die sie von oben bis unten musterte. Sie mussten absolut sicher sein, dass die Verkleidung fehlerfrei war. Julia stampfte ungeduldig mit dem Springerstiefel auf, was auf dem sehr weichen Teppichboden in Chelseas Badezimmer allerdings ohne jegliche Wirkung blieb. „Also?“

„Perfekt!“, sagte Chelsea, die ein weiteres Mal Julia umrundete. „Eine Spitzenleistung! Nicht einmal ich würde dich erkennen, wenn ich dir auf der Straße begegnete. Julia, das ist toll!“

Julia war erleichtert. Immerhin hatte es sie eine volle Stunde gekostet, ihr eigentliches Äußere zu verstecken. Aber Chelsea meinte, das gehörte alles zu dem Job.

„Ich frage mich immer noch, wie ich mich bloß auf dieses Spiel einlassen konnte“, sagte Julia, der ein wenig mulmig war. „Wir müssen wirklich verdammt gute Freundinnen sein.“

„Die besten.“ Chelsea lächelte und legte die Hände auf ihren sehr runden Bauch.

Julia schob eine verirrte blonde Haarsträhne unter die Perücke. Den schwarzen Strubbelkopf, die Jacke und den Rock hatte sie aus der Kleiderkammer einer Wohltätigkeitsorganisation. „Dafür habe ich also meinen Abschluss in Modedesign gemacht?“

„Na, sicherlich! Sonst hättest du diese perfekte Tarnung niemals zustande gebracht.“

Julia betrachtete noch einmal ihr Spiegelbild. Chelsea hatte recht: Es war eine gelungene Verwandlung. Drei Jahre Studium und die Arbeit für eine Schauspieltruppe in St. Louis hatten sich offensichtlich gelohnt. Sie erkannte sich ja selbst kaum wieder.

Ihr Blick fiel auf Chelsea, die hinter ihr stand.

„Du bist die Einzige, der ich wirklich vertrauen kann, Julia“, sagte Chelsea. „Du weißt, wie verzweifelt ich bin. Am liebsten würde ich ja selbst einspringen, aber ich werde die nächsten Wochen wohl kaum zur Verfügung stehen. Lydia darf auf keinen Fall gewinnen. Sie ist nicht die richtige Frau für Alex, auch wenn sie das immer behauptet. Und wenn sie ihn erst mal mit seinem Pflichtgefühl ködert, von wegen ihre Ehre ist beschädigt und so weiter, dann heiratet er sie am Ende noch.“

„Ich verstehe schon“, sagte Julia. Irgendwie beruhigte es sie, dass ihre einzige Aufgabe bei diesem Spiel darin bestehen sollte, eine Heirat zu verhindern, die keine Liebesheirat wäre.

Außer ihren großen braunen Augen war von der eigentlichen Rachel Julia Grayson nichts mehr übrig. Sie war sehr übertrieben geschminkt, was sie bleich und deutlich älter als sechsundzwanzig aussehen ließ.

„Er wird glauben, dass du einen Vampir eingestellt hast.“

„Umso besser. Er darf auf keinen Fall merken, dass du es bist. Und wenn ihm schon jemand das Blut aussaugt, dann ist es mir allemal lieber, wenn du es bist und nicht Lydia.“ Chelsea verzog ihr Gesicht, als wenn es sie ekelte.

„Trotzdem verstehe ich den Sinn dieser ganzen Maskerade nicht.“ Julia versuchte noch einmal verzweifelt, sich gegen dieses Versteckspiel zu wehren.

„Aber das habe ich dir doch alles schon hundert Mal erklärt! Wenn er erfährt, dass du es bist, wird er dich mit Samthandschuhen anfassen. Dann ist Lydia sofort gewarnt. Für sie musst du über jeden Verdacht erhaben sein, sonst nagelt sie Alex schneller fest, als wir gucken können. Vertrau mir einfach!“

Chelsea hielt einen Moment inne und sah dann schuldbewusst zu Julia. „Verzeih mir, bitte. Ich weiß, dass es für dich im Augenblick sehr schwer sein muss, überhaupt irgendjemandem zu vertrauen. Wenn ich bedenke, was Kyle dir angetan hat. Aber ich habe dich doch noch nie fallen lassen, oder?“

„Nein, das hast du nicht.“ Für Julia war Chelsea der einzige Mensch außerhalb ihrer engsten Familie, auf den sie jederzeit zählen konnte. „Es ist nur so, dass es mich eine Menge Arbeit gekostet hat, halbwegs hübsch auszusehen. Da kommt es mir wie Verschwendung vor, wenn ich mich hinter dieser Maske verstecke.“

„Aber Julia“, sagte Chelsea sanft. „Du warst nie das hässliche Entlein, das warten musste, bis es ein schöner Schwan wurde. Du hast eben nicht so früh angefangen, deine Reize zu verschwenden, wie die anderen.“

„Tja, und was habe ich davon gehabt? Ich habe tatsächlich geglaubt, dass Kyle mich liebt. Und dann haut er ab mit dieser, dieser …“

„Und hier ist deine Chance für einen Neuanfang“, unterbrach Chelsea sie liebevoll. „In drei Wochen bist du frei und kannst nach New York gehen. Mit einem vollen Bankkonto!“

„Du hast recht.“ Julia zwang sich zur Entschlossenheit. „Mit der Operation ‚Befreit Alex‘ wird Kyle Geschichte, und mein neues Leben fängt an.“

Chelsea sah auf ihre Uhr. „Wir haben noch fünf Minuten. Ich gehe und hol dir schon mal dein Geld.“

„Nun fang nicht wieder damit an!“, protestierte Julia. „Ich mag verzweifelt sein, aber ich habe immer noch meinen Stolz. Die Kaution für meine Wohnung in Manhattan konnte ich zusammenkratzen. Ich will erst bezahlt werden, nachdem ich meine Arbeit gemacht habe.“

„Du wirst es schon schaffen, Julia! Hier und in Manhattan.“ Chelsea schien großes Vertrauen in Julias Fähigkeiten zu setzen. „Du bist ein Stehaufmännchen. Das beeindruckt mich so an dir. Deshalb hören die Leute auf dich. Auf mich hört nie irgendjemand, schon gar nicht mein Bruder, sonst gäbe es diese Lydia längst nicht mehr.“ Sie sah wirklich verzweifelt aus.

Julia wühlte in der Tasche nach dem blutroten Lippenstift. „Zumindest hast du dich redlich bemüht“, tröstete sie Chelsea.

„Und ob ich das habe! Aber Alex ist ein störrischer Esel, so wie die, die wir neulich im Zoo gesehen haben. Erinnerst du dich? Genau so! Je mehr du an ihm zerrst, umso mehr sträubt er sich. Er versteht zwar viel vom Geschäft, aber rein gar nichts von Frauen!“

„Dann können wir nur hoffen, dass dein Plan funktioniert.“

„Klar wird er das. Er kennt dich doch nur als Rachel, weil du mit diesem Namen auf der offiziellen Gästeliste meiner Hochzeit eingetragen warst. Außerdem hat er dich erst ein- oder zwei Mal gesehen. Es ist absolut wasserdicht.“

Trotzdem regten sich in Julia leise Zweifel. Chelsea war allzu leicht Feuer und Flamme für irgendwelche Unternehmungen, die sich längst nicht immer als erfolgreich erwiesen hatten.

„Du musst zugeben, dass der Zeitpunkt überaus günstig gewählt ist“, fuhr Chelsea aufgeregt fort. „Wo du im Moment doch sowieso nichts anderes vorhast, kannst du ebenso gut Lydia unschädlich machen.“

„Schon gut!“, sagte Julia. Sie hatte nach Kyles Galavorstellung in St. Louis ihre Arbeit bei der Theatergruppe an den Nagel gehängt. Schließlich wollte sie sich das Getuschel der anderen ersparen. Da sie zwischen zwei Jobs hing, war ihr Chelseas Angebot wie gerufen gekommen.

Sie zupfte sich den zerknautschen Rock zurecht, den sie absichtlich zwei Nummern zu groß gekauft hatte. Keine Spur mehr von der schlanken Blondine. An ihrer Stelle stand hier eine blasse Frau ohne den geringsten Sinn für Mode.

Sie setzte sich eine klobige schwarze Brille mit Fensterglasgläsern auf. Dann drehte sie sich zu Chelsea um und sagte: „Gehen wir.“

Als Chelsea ihm von den Vertragsbedingungen der neuen Aushilfe erzählt hatte, wollte Alex seinen Ohren kaum trauen. Ihre fortgeschrittene Schwangerschaft musste ihr die Sinne verwirrt haben.

„Was hast du vor, Chelsea? Verhilfst du neuerdings abgebrannten Aushilfssekretärinnen zu Eigentumswohnungen in Washingtons Nobelvierteln?“ Er betrachtete seine Schwester misstrauisch. „Rita kriegt nur an Weihnachten einen Bonus und das ist noch sechs Monate hin. Wir haben Juli.“

„Ich weiß durchaus, dass wir Juli haben. Immerhin liegt mein Termin in diesem Monat. Aber nun hör mir doch mal zu.“

„Ja, entschuldige. Diese Sache in Florida beunruhigt mich eben, und die letzte Sekretärin, die du mir geschickt hast, konnte nicht einmal tippen.“ Alex war nervös. „Trotzdem verstehe ich nicht, warum diese Frau einen Bonus von tausend Dollar bei Vertragsunterzeichnung haben muss.“

„Aber ich verstehe was von meinem Job“, wies ihn seine Schwester zurecht. „Auch wenn du immer meinst, Dad hätte ihn mir nur aus lauter Nettigkeit gegeben. Diese Bonusklausel habe ich eingebaut, damit du sie nicht gleich wieder entlässt, wenn du sie siehst.“

„Entlassen? Warum sollte ich das denn tun? Sie kann doch tippen, oder?“ Alex blickte Chelsea fragend an. Die beiden waren die einzigen Kinder der Ravenwoods. Da zwischen ihnen ein Altersunterschied von zehn Jahren lag, hatten sie in ihrer Kindheit wenig miteinander zu schaffen gehabt. Aber über die letzten vier gemeinsamen Jahre im Familienunternehmen waren sie zu sehr engen Freunden geworden.

„Selbstverständlich kann sie tippen.“ Alex konnte nicht sehen, dass Chelsea hinter ihrem Rücken sich und Julia die Daumen drückte. „Aber ich kenne dich doch. Sie ist nun mal nicht Rita, und sie ist, nun ja, ein wenig ausgefallen. Auf den ersten Blick wird sie dir vielleicht etwas schrullig vorkommen. Du solltest immer daran denken, dass sie noch keine Ahnung hat, was auf sie zukommt, und …“

Alex unterbrach seine Schwester ungeduldig: „Ich will nicht mit ihr ausgehen, Chelsea! Warum bringst du sie nicht einfach herein? Ich verspreche dir, dass ich sie weder beißen noch auf der Stelle feuern werde. Zufrieden?“

„Na gut.“ Alex beobachtete, wie Chelsea sich aus dem Stuhl erhob. Die Schwangerschaft stand ihr ausgesprochen gut.

Als Chelsea damals nach St. Louis auf das College ging, hatte er sich anfangs große Sorgen um sie gemacht. Aber sie hatte es vom ersten bis zum letzten Tag genossen.

Es hatte ihr gut getan, dass sie während der gesamten Zeit dieselbe Mitbewohnerin gehabt hatte. Wie war noch ihr Name gewesen?

In diesem Moment öffnete sich die Flügeltür.

„Alex, hier ist deine Aushilfe: Julia Brown.“

Alex starrte wortlos auf die Frau, die hereingekommen war. Auf jeden Fall hatte diese Vertretung nicht die geringste Ähnlichkeit mit der letzten.

Ihm fehlten die Worte. Er konnte seinen Blick einfach nicht von dieser Erscheinung abwenden. Im Gegensatz zu Chelsea, die in schwarzer Kleidung sehr verführerisch wirkte, sah Julia in den viel zu großen schwarzen Sachen blass und ungesund aus.

Diese schwarzen Haare mussten gefärbt sein, denn Alex erinnerte sich nicht, schon einmal einem Haarton in der Farbe von schwarzer Schuhcreme begegnet zu sein.

Und dieses Gesicht! Rita mochte zwar schon einige Falten haben, aber dennoch konnte man auf den ersten Blick erkennen, dass sie einmal sehr hübsch gewesen war. Bei Julia ließ sich überhaupt nicht erkennen, ob sie eventuell hübsch aussehen könnte, wenn sie mal in die Sonne ginge.

Hatte Chelsea nicht gesagt, dass sie aus New York wäre? Dann gehörte sie vielleicht zu dieser Gruppe von Stadtbewohnern, die ausschließlich in den U-Bahn-Tunneln lebten.

Alex suchte Chelseas Blick, aber die weigerte sich, ihn anzusehen, sondern betrachtete ihre Fingernägel.

„Mr. Ravenwood“, begrüßte ihn Julia schüchtern.

Wenigstens hatte sie eine normale Stimme. Sie hatte sogar eine ausgesprochen angenehme und weiche Stimme, die überhaupt nicht zu ihrem Erscheinungsbild passen wollte.

Jetzt besann Alex sich auf seine guten Manieren.

„Julia, kommen Sie herein. Möchten Sie sich nicht setzen?“ Er stand auf und ging ihr ein Stück entgegen. Sie war ungefähr fünfzehn Zentimeter kleiner als er.

Die Höflichkeit gebot, dass er ihr die Hand reichte, was er so schnell wie möglich hinter sich bringen wollte. Sie zögerte einen Moment. In dem Augenblick aber, da sich ihre Hände berührten, durchfuhr es ihn wie ein elektrischer Schlag.

Alex war verwirrt. So etwas war ihm erst einmal zuvor passiert. Von den Fingern bis zu den Zehen spürte er die Wirkung dieser kurzen Berührung.

War diese Frau, die aussah wie ein Vampir, vielleicht auch noch eine Hexe?

Sofort Schluss mit diesen wirren Gedanken! Hier ging es ums Geschäft, und darüber sollte er jetzt mit ihr sprechen.

„Willkommen bei Ravenwood. Nun, dann sollten wir uns mal bekannt machen. Schließlich werden wir in den kommenden drei Wochen als Team arbeiten.“

Alex zeigte auf die Sitzecke und wunderte sich, mit welcher Leichtfüßigkeit Julia sich in diesen Springerstiefeln bewegte. Sie nahm in der Mitte des Sofas Platz und wartete geduldig, während Alex seine Schwester zur Tür begleitete.

„Ist das der neue Bürolook?“, zischte er Chelsea zu. „In diesem Aufzug kann sie hier unmöglich herumlaufen. Schließlich hat unsere Firma einen Ruf zu wahren.“ Er funkelte seine Schwester wütend an.

„Dann kauf ihr doch andere Sachen“, sagte Chelsea und zuckte gleichgültig mit den Achseln.

„Du hast sie eingestellt, also kaufst du ihr was zum Anziehen!“, befahl Alex, der Mühe hatte, seine Stimme zu dämpfen.

„Oh, nein! Ich bin ab sofort offiziell im Mutterschutz. Ihr werdet sicher eine Menge Spaß miteinander haben. Tessa bleibt so lange im Vorzimmer und nimmt deine Gespräche an.“

Alex wandte sich wieder Julia zu. Irgendwie passte es natürlich zu Chelsea, ihm die ausgefallenste Sekretärin in ganz Washington vor die Nase zu setzen. Aber eigentlich hatte er gehofft, sie würde diese Gelegenheit nutzen, um ihn mit einer schönen, jungen Blondine zu verkuppeln.

Stattdessen saß er nun vor diesem modischen Fabrikausschuss.

Er atmete tief durch. Alex legte sehr viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres, aber in diesen Zeiten, da jeder Angestellte seinen Arbeitgeber wegen Kleinigkeiten verklagen konnte, musste er sich wohl oder übel für die nächsten drei Wochen mit einer Punkerin im Vorzimmer abfinden.

Jetzt brauchte er erst einmal einen Kaffee. „Julia?“ Sie saß mit dem Rücken zu ihm und blätterte in einem der Wirtschaftsmagazine auf dem Tisch. Als sie sich zu ihm umdrehte, fiel sein Blick für einen kurzen Moment auf ihren sehr grazilen Hals. Ihre Bewegungen waren überaus anmutig und wollten ganz und gar nicht zu diesem schrill geschminkten Gesicht passen.

„Julia“, fragte Alex ein zweites Mal, „möchten Sie eine Tasse Kaffee? Chelsea hat uns ein Mittagessen bestellt, das demnächst heraufgeschickt wird. Wir können also direkt an die Arbeit gehen.“

„Nein, danke.“

Warum war diese Frau so kurz angebunden?

„Galt das ‚Nein danke‘ dem Kaffee oder dem Mittagessen?“

„Oh, Verzeihung. Ich meinte den Kaffee. Ich trinke keinen Kaffee.“ Sie lächelte ihn scheu an, wobei ihre strahlend weißen Zähne blitzten.

Als sie ihn mit ihren großen braunen Augen ansah, hatte Alex das Gefühl, diesen Blick schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Aber das war vollkommen ausgeschlossen! Er traf diese Frau zum ersten Mal in seinem Leben!

Diese Brille musste aus den späten Sechzigern stammen. Aber er wollte nicht überheblich sein!

Chelsea mochte bisweilen einen merkwürdigen Sinn für Humor haben, aber sie wusste sehr wohl, wie wichtig die kommenden Wochen für die Firma wären. Und wenn sie sagte, Julia könnte tippen, dann stimmte das wohl – auch wenn sie nicht so aussah, wie man sich gemeinhin eine Chefsekretärin vorstellte.

Normalerweise war Alex im Umgang mit Frauen sehr geübt, aber bei Julia wollte ihm nicht recht einfallen, was er sagen sollte. „Sie trinken keinen Kaffee? Also ich trinke das Zeug ganzen Tag. Ohne Koffein könnte ich gar nicht leben.“

„Ich mag schon den Geruch nicht. Deshalb hielt ich es bis jetzt immer für überflüssig, Kaffee auch nur zu probieren.“ Julia hob die Schultern ein wenig, was ihren zu großen Blazer so weit hochrutschen ließ, dass ihr Kopf zur Hälfte darin verschwand.

Na, dann kommt sie wohl doch nicht aus irgendeinem Punkcafé, dachte Alex.

„Aber Sie können ganz beruhigt sein, Mr. Ravenwood. Nach dem College habe ich ein Jahr lang mit meinem Bruder zusammengelebt und Kaffee kochen gelernt. Er trank dauernd Kaffee. Seitdem kann ich ihn kochen.“

„Sie müssen mir keinen Kaffee kochen. Die Cafeteria liefert ihn ins Büro. Das Essen bringen sie auch herauf. Sie brauchen sich also überhaupt nicht um mein leibliches Wohl zu sorgen. Schließlich sind wir ein modernes Unternehmen, in dem Sekretärinnen keine Kellnerinnen sind.“ Eigentlich hätte sie das wissen müssen, wenn sie schon einmal irgendwo im Büro gearbeitet hatte. Aber warum arbeitete sie als Sekretärin, wenn sie einen Collegeabschluss hatte?

Etwas an ihr machte Alex nervös. Er setzte sich auf den Sessel ihr gegenüber. Julia wartete ruhig, bis er saß, und sagte dann: „Nun, dann werde ich keinen Kaffee machen, wenn Sie es nicht wünschen. Mrs. Meier hat mir nur gesagt, ich sollte Ritas Aufgaben übernehmen, zu denen unter anderem auch gehört, darauf zu achten, dass Sie genügend zu essen bekommen. Sie, ähm, ich meine, Mrs. Meier wollte sichergehen, dass ich mich um Sie kümmere, solange Rita fort ist. Ich habe ihr versprochen, mein Bestes zu tun.“

Die Art, in der Julia die Lippen spitzte, ließ sie trotz der Vampiraufmachung beinahe unschuldig aussehen.

Alex schob die Hände in die Hosentaschen. Was war nur mit ihm los?

Er musste unwillkürlich an die Geschichte von dem hässlichen Entlein denken, die er in der Schule gelesen hatte.

Julia saß da und strich sich den Rock glatt. Ihre Hände waren sehr feingliedrig und passten überhaupt nicht zu dem blutroten Nagellack, den sie trug.

Alex war nur froh, dass diese Aushilfe ihn nicht kannte. So würde sie auch nicht bemerken, wie sehr sie ihn verwirrte. Er schenkte sich einen Kaffee ein.

Er sollte sich wieder auf das Geschäft besinnen. „Haben Sie vielleicht irgendwelche Fragen?“

„Oh ja, Mr. Ravenwood. Einige Chefs führen eine Liste mit Leuten, die direkt weiterverbunden werden, wenn sie anrufen. Haben Sie auch so eine Liste?“

Sie sah ihn ruhig und ernst an, während er einen großen Schluck Kaffee trank.

Alex hatte nicht die geringste Ahnung, warum diese Frau ihn so fahrig machte. Er musste sich auf das konzentrieren, was sie sagte.

„Ich möchte niemanden Ihrer Geschäftspartner oder Ihrer näheren Bekanntschaften vor den Kopf stoßen. Selbstverständlich können Sie bei mir auf absolute Diskretion zählen.“

Alex verschluckte sich so heftig, dass er in Windeseile die Tasse auf dem Tablett abstellen und sich von Julia abwenden musste, ehe ihm die heiße, schwarze Brühe in die Nase stieg.

„Mr. Ravenwood?“ Er zuckte zusammen, als er bemerkte, dass Julia direkt neben ihm stand. „Ist alles in Ordnung?“

„Schon gut. Falscher Hals. Ich hasse es, wenn mir das passiert“, stammelte er heiser. Diese unmittelbare Nähe brachte ihn noch mehr durcheinander, und er ging einen Schritt zur Seite.

Julia setzte sich wieder auf das Sofa und wartete, bis er sich wieder gesetzt hatte.

Alex musste unwillkürlich an seine Schwester denken. Wenn Chelsea nicht kurz vor der ersten Entbindung stünde, würde er sie würgen dafür, dass sie ihn in eine solche Lage brachte!

„Ich habe keine Liste“, sagte er zu Julia, die ihm aufmerksam zuhörte. „Eigentlich ist es auch ganz einfach. Es gibt nur einen Anschluss für alle eingehenden Gespräche. Darüber hinaus besitze ich ein Handy, dessen Nummer aber nur sehr wenigen Leuten bekannt ist. Ich gebe sie nicht einmal den Damen, mit denen ich ausgehe.“

„Verstehe“, sagte Julia, als es klopfte und ein Kellner aus der Cafeteria einen Servierwagen hereinrollte.

Für gewöhnlich pflegte Alex sein Mittagessen nicht mit Aushilfssekretärinnen einzunehmen, aber Chelsea hatte gemeint, dass es eine nette Geste wäre. Er sah auf seine Uhr und wunderte sich, dass er gar keinen Hunger mehr hatte.

Hingegen schien Julia seit Tagen nichts Vernünftiges gegessen zu haben, so wie sie sich an die Fettuccine Alfredo machte.

Alex hatte schon viele Verabredungen mit Fotomodels gehabt, die normalerweise lieblos auf ihrem Teller herumstocherten. Seine neue Sekretärin hatte eindeutig weniger Scheu, ein gutes Essen zu genießen.

Er bot ihr Selter an, aber Julia wollte lieber Wasser ohne Kohlensäure.

Während sie hingebungsvoll ihr Dessert löffelte, stocherte Alex in seinen Nudeln. Dieses Mittagessen war eine Tortur! Immer wieder musste er auf ihre blutroten Lippen sehen, deren Bewegungen ihn elektrisierten.

Wenn diese Frau ein Vampir war, dann verstand er jetzt, warum die Opfer von Dracula und Konsorten sich so bereitwillig verführen ließen! Wer wollte wohl nicht diese Lippen mit Küssen bedecken?

„Ich möchte Ihnen noch sagen, dass ich mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen freue, Mr. Ravenwood.“ Julia lächelte ihn schüchtern an.

„Oh, ähm, schön“, antwortete Alex. Er sollte ihr jetzt sagen, was er von seiner Sekretärin erwartete. Er stellte seinen fast vollen Teller auf die Armlehne des Sessels.

„Sie werden hier natürlich Gelegenheit haben, sich mit dem Anlagengeschäft vertraut zu machen. Aber es bedeutet vor allem harte Arbeit“, sagte er. Es beruhigte ihn, dass sie offensichtlich mehr Interesse an geschäftlichen Dingen zu haben schien als diese Miss America. „Ich erwarte von Ihnen, dass Sie mir jederzeit zur Verfügung stehen. Das bedeutet, wenn ich sage ‚Springen Sie‘, fragen Sie nur ‚Wie hoch?‘. Sie sollten niemals gegenüber Kollegen meine Entscheidungen infrage stellen. Kommen Sie zu mir, wenn Sie Fragen haben. Im Anlagengeschäft gibt es strenge Regeln und Vorschriften, deren Nichtbeachtung verheerende Folgen haben kann. Was in diesem Büro vor sich geht, darf auf keinen Fall nach außen dringen.“

„Kein Problem. Meine Lippen sind versiegelt.“ Sie legte den Zeigefinger auf den Mund. Alex stöhnte innerlich. Wenn er diese Lippen doch nur küssen könnte, bis sie seinen Namen hauchten!

„Alex!“

Der schrille Schrei einer weiblichen Stimme ließ ihn reflexartig die Arme hochreißen. Der Teller mit den Fettuccine fiel auf den Teppich.

Autor

Michele Dunaway
Seit sie in die erste Klasse ging, wollte Michele Dunaway Schriftstellerin werden. Na ja sie wollte auch Nonne werden, aber dies Idee wurde schnell verworfen als sie feststellte, dass Jungen doch nett sind und auch keine Läuse haben. Während sie also nicht in die Fußstapfen ihrer Schwester trat, haftete der...
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