Tiffany Exklusiv Band 101

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ZU SPÄT NEIN GESAGT von CARRIE ALEXANDER
Als Julia ihren ersten Lover Adam Brody wiedersieht, muss sie nicht lange überlegen: Sie will ihn noch immer! Alles wird sie dafür tun, den Abenteurer davon zu überzeugen, dass sie die Richtige für ihn ist. Als er sie in ihrem Büro besucht, kommt sie ihm so nahe, wie sie es sich erträumte …

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Als Grace einen Mord beobachtet, flüchtet sie zu ihrem Ex-Mann Ray. Instinktiv weiß sie, dass er der Einzige ist, dem sie bedingungslos vertraut! Nicht ahnend, dass der Killer bereits auf Graces Spur ist, genießen sie erneut lustvolle Stunden der Leidenschaft miteinander ...

IM BETT MIT DEM SEXY EX? von LISA RENEE JONES
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  • Erscheinungstag 13.09.2022
  • Bandnummer 101
  • ISBN / Artikelnummer 8066220101
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Carrie Alexander, Linda Winstead Jones, Lisa Renee Jones

TIFFANY EXKLUSIV BAND 101

PROLOG

Das ist die beste Idee, die ich jemals gehabt habe“, sagte Julia sich, um sich Mut zu machen. Sie setzte sich unsicher auf das Bett und faltete die Hände im Schoß. „Ganz ruhig. Er wird jede Minute da sein.“

In dem Plastikkübel neben dem Bett stand eine Flasche des teuersten Champagners, den sie sich leisten konnte. Er hatte sie fünfzehn Dollar gekostet. Die Rosen hatte sie so vor den Spiegel platziert, dass sie wie ein ganzer Strauß wirkten. Sie hatte alle Kerzen gekauft, die sie aufstöbern konnte, und sie im ganzen Raum verteilt. Sie tauchten ihn in ein romantisches Licht. Sie hatte sogar an Kondome gedacht und sich etwas Verführerisches zum Anziehen besorgt: ein kurzes Nachthemd aus pfirsichfarbener Seide mit passendem Negligé.

Die Minuten verstrichen. Sie bemühte sich, ihre Finger still zu zu halten und nicht die Nerven zu verlieren.

Die Bühne war bereitet, und sie wusste, was zu tun war.

Es war an der Zeit, Sex mit Zack Brody zu haben.

1. KAPITEL

Selbst zu seinen besten Zeiten hatte sich Adam Brody nie für Hochzeitsempfänge erwärmen können. Die lärmende Menge, das überreichliche Festessen, das Duftgemisch aus verschiedenen Parfüms und Aftershave in der Luft, dies alles war nicht seine Welt. Aber der negative Höhepunkt des Festes war erreicht, als die Brautjungfer zu ihm kam und sagte: „Ich möchte dem Tod trotzen.“

Die Trauungszeremonie war ohne Probleme abgelaufen. Adam wollte sich auch gar nicht beschweren, hatte er doch schon ganz andere Torturen hinter sich. Zum Beispiel, drei Monate lang an ein Krankenhausbett gefesselt zu sein. Und bis auf seinen Toast auf das Brautpaar hatte er den Kontakt zu den anderen Gästen erfolgreich vermieden.

Bis Julia Knox gekommen war und diesen unglaublichen Satz ausgesprochen hatte.

Adam hätte fast das Käsehäppchen verschluckt, das er sich in den Mund gesteckt hatte. Das „Quimby Woodwind Trio“, spielte gerade „Sunrise, Sunset“, und er hatte beschlossen, gleich zu verschwinden.

Aber zuerst musste er sich mit Julia beschäftigen. Er hatte sich eine Menge Sachen überlegt, die sie ihm bei ihrem Wiedersehen sagen würde. „Ich möchte dem Tod trotzen“, hatte nicht dazugehört.

Vorsichtig nahm er den Zahnstocher aus dem Mund. „Wie bitte?“

„Ich möchte dem Tod trotzen.“ Julia sah ihn ganz ernst mit ihren grünen Augen an. Aber sie war überhaupt fast immer sehr ernsthaft. Gerade deshalb war er ja so erstaunt darüber, was sie gesagt hatte. „Und du sollst es mir beibringen“, fuhr sie energisch fort. Es schien kein Scherz zu sein, obwohl sie in ihrem voluminösen Chiffonkleid und dem Blumenschmuck im Haar wie Heidi von der Alm aussah.

Hochzeiten lösten merkwürdige Reaktionen bei Frauen aus. Nachdem er selbst einmal damit zu tun gehabt und alles in einer Katastrophe geendet hatte, mied er den Kontakt zu allen heiratswilligen Frauen. Nur die Tatsache, dass es sich um die Heirat seines älteren Bruders, Zack, handelte und er der Trauzeuge war, hatte ihn zur Teilnahme an der Feier bewogen. Es war ein weiter Weg gewesen, besonders für einen Hinkenden. Glücklicherweise hatte Zack ihn verstanden. Immerhin hatte er es ertragen, dass seine Braut die letzten drei Monate über nichts anderes als Farbschemata und die Gästeliste geredet hatte, als wäre es das Wichtigste auf der Welt.

Es war ganz einfach. Bei Hochzeiten waren Frauen nicht zurechnungsfähig.

Aber Julia Knox …

Sie war so gar nicht der impulsive Typ.

Es war lange her, dass Adam seine kleine Heimatstadt Quimby im Mittleren Westen verlassen hatte. Bei der ruhigen, vernünftigen Julia hätte er als Letztes damit gerechnet, dass sie sich verändert hatte, aber schließlich war alles möglich.

Eigentlich war er im Begriff gewesen, zu gehen, aber nun hatte sie seine Neugier geweckt.

„Es mag vielleicht nicht der ideale Zeitpunkt sein“, setzte sie erneut an, „aber für mich heißt es jetzt oder nie. Obwohl du so ein prominentes Mitglied der Hochzeitsgesellschaft bist, ist es schwer, an dich heranzukommen.“

Er zuckte mit den Achseln. Julia musste doch am besten wissen, wieso.

Sie blickte ihn nachdenklich an. „Du bist doch bestimmt sofort unter die Lupe genommen worden, als du dich in Quimby gezeigt hast, oder?“

„Ja, aber sie waren nicht an meinem Aussehen interessiert.“

Julia war viel zu geradeheraus, als dass sie sich zu verstohlenen Blicken oder Getuschel hinter vorgehaltener Hand herabgelassen hätte. Also betrachtete sie Adam ganz offen. Er trug einen Smoking, eine nachlässig gebundene Fliege und einen Kummerbund aus schwarzem Samt. Seine Lackschuhe waren bestimmt geborgt und drückten an den Zehen. Julia ließ ihren Blick über seine geschundenen Beine gleiten. Die meisten Hochzeitsgäste taten es ihr gleich, besonders, als er ihr seinen Arm anbot und mit ihr über das Parkett schritt. Er fragte sich, ob die anderen Leute darauf warteten, dass er stolperte.

Julias Interesse dagegen war ehrlich und voller Mitgefühl. Adam nahm die Reaktion der restlichen Gäste missmutig hin. Er hasste es, Gegenstand des neusten Klatsches zu sein. Genau deshalb war er über den Hochzeitsempfang nicht sonderlich erfreut gewesen. Eigentlich hatte er geplant, als Letzter bei der Feier zu erscheinen und als Erster wieder zu verschwinden, aber dann hatte er sich besonnen. Er konnte sich nicht so auf der Hochzeit seines Bruders benehmen. Er verdankte Zack sein Leben.

Vorsichtig setzte Adam einen Fuß vor den anderen. Die Muskeln an seinem Rücken und an der linken Hüfte schmerzten unangenehm. Er konzentrierte sich darauf, sich zu entspannen, damit die Muskeln sich nicht völlig verkrampften. Dazu stellte er sich vor, in einem klaren, kalten Fluss zu baden.

Bleib ruhig. Es ist doch nur Julia, ermahnte er sich.

Sie verschonte ihn auch mit unechten Komplimenten, wie gut er doch wieder aussähe. Ihr Blick drückte Anteilnahme aus, aber nicht dieses offenkundige Mitleid, das ihm unbehaglich war, wie er dankbar registrierte.

Sie atmete tief durch, und dabei hoben und senkten ihre Brüste sich verführerisch. „Man sieht es mir vielleicht nicht an, aber mein Leben ist furchtbar langweilig. Ich suche ein wenig Aufregung. Eine neue Herausforderung, um dem Alltag mehr Glanz zu verleihen. Da dachte ich mir, dass du genau der richtige Mann dafür bist.“ Sie machte eine fahrige Handbewegung, sodass ihr perlenbesetztes Armband an ihrem Unterarm herunterrutschte.

Adam konnte seinen Blick nicht von ihrer zarten Haut nehmen. Er wusste nicht, wieso, aber auf ein Mal verspürte er ein merkwürdiges Kribbeln in der Magengegend.

„Ich fühle, dass ich auch einmal etwas riskieren muss“, fuhr sie fort. „Ich will den Adrenalinkick.“ Sie zögerte und stemmte ihre Hände in die Hüften, um ihrer Aussage mehr Gewicht zu verleihen. „Ich möchte, dass du mir beibringst, neue Dinge zu wagen.“

„Adam.“

Oh nein, dachte er.

Nicht er. Nicht mit ihr. Nicht nach all diesen Jahren.

Die letzten Töne der Klarinette verklangen, aber Adam zuckte nur mit den Schultern, so als ob er über ihre Worte nicht einmal nachdenken wollte. „Hol dir lieber ein Stück vom Hochzeitskuchen, Goldie. Der Zucker wird dir den nötigen Kick geben.“ Er drehte sich um, wobei er vorgab, den Schmerz in ihren Augen nicht gesehen zu haben.

Sie hielt ihn am Ärmel fest. „Wie in den alten Zeiten, nicht wahr? Ein kurzes Hallo, und schon bist du verschwunden. Ich weiß es, wenn ich eine Abfuhr erhalte, Adam Brody.“

„Da bin ich mir gar nicht so sicher.“

Sie blickte auf seinen Ärmel und ließ ihn langsam los. „Heutzutage nennt mich niemand mehr Goldie.“ In ihrem Blick lag ebenso viel Melancholie wie in ihren Worten.

„Du meinst, es klingt zu schülerhaft für eine vernünftige, verantwortungsbewusste Frau wie dich?“

Sie verzog den Mund. „Es scheint, als wäre ich schon immer ein vernünftig und verantwortungsbewusst gewesen.“

Nein, dachte Adam. Er erinnerte sich an den einzigen Moment in ihrem Leben, an dem sie genauso leichtsinnig wie er gewesen war. Aber davon sprachen sie nie. Seit zehn Jahren vermieden sie dieses Thema. Für ihn war Julia Knox auf immer die Freundin seines Bruders, und daran würde sich auch nichts ändern. Ende der Geschichte.

„Zack ist jetzt verheiratet.“ Sie betrachete Adams Gesicht. „Das ist endgültig offiziell. Schluss, aus und ab in die Flitterwochen.“

„Das ändert nichts an unserem …“ Adam unterbrach sich. Stimmte das wirklich? Nach der Heirat galt das ungeschriebene Gesetz nicht mehr, wonach Brüder nicht hinter demselben Mädchen her sein sollten. Einen Moment lang empfand er eine tiefe Erleichterung, als würde ihm eine schwere Last von den Schultern genommen. Doch dann musste er an Laurel Barnard denken, die es fast geschafft hätte, die Brody-Brüder zu entzweien. Da war es wieder, das alte Schuldgefühl.

„Es ist Jahre her, dass Zack und ich uns getrennt haben.“ Julia lachte unsicher. „Ich denke, dass es in Ordnung ist, wenn wir Freunde sind.“ Sie musste schlucken.

Adam fragte sich verwundert, ob die sonst so sichere und besonnene Julia auf einmal nervös war. „Natürlich.“ Er nickte, nur um dieser unangenehmen Situation möglichst schnell zu entkommen. Er hatte nicht vor, sich noch weiter mit Julia zu unterhalten, denn sie konnte ihm viel zu gefährlich werden. „Kein Problem. Wir waren doch schon immer befreundet.“ Er drückte ihren Arm, und sofort stellte sich dieses merkwürdige Kribbeln in seinem Bauch wieder ein. Wir sind keine Freunde, dachte er bei sich und verließ das Büfett. Wir können keine sein.

Wegen ihres Geheimnisses. Und was für eins das war. Zu schockierend, als das man darüber in der Öffentlichkeit hätte sprechen können. Und es würde immer zwischen ihnen stehen wie eine unsichtbare Mauer.

„Es gibt keinen Grund, wieso du mir nicht das Fallschirmspringen beibringen solltest“, warf Julia schnell ein, da sie bemerkte, dass er sich absetzen wollte.

Adam blieb stehen. „Fallschirmspringen? Du machst Witze?“

„Es ist mir ernst. Es ist einfach die riskanteste Sache, die ich mir vorstellen kann.“

„Du bist verrückt.“ Jetzt dachte er nicht mehr, dass ihr Zustand ein Nebeneffekt der Hochzeit war. Sie schien über Zacks Heirat nicht unglücklich zu sein. Immerhin war sie sogar die Ehrenbrautjungfer gewesen.

Julia Knox und Fallschirmspringen? Die brave Julia Knox, das nette, beliebte Mädchen, dass alle Goldie nannten, in Anspielung auf das berühmte Fort Knox, in dem die Goldreserven der Vereinigten Staaten lagerten. Adam hatte immer gefunden, dass dieser Name auch wunderbar zu ihrem Aussehen passte. Zack Brody und Julia Knox waren das perfekte Ken-und-Barbie-Paar an der Quimby High School gewesen – der Kapitän des Basketballteams und die Anführerin der Cheerleader. Der Schulsprecher und die Präsidentin des Klubs für Hochbegabte, die Veranstalterin der Schulfeste, das Traumpaar des Abschlussballs. Sie passten zusammen wie Kaffee und Sahne.

Die paar Jahre, die seither verstrichen waren, oder eine kleine seelische Erschütterung, ja, selbst Zacks Hochzeit mit Cathy Timmerman hätten Julia niemals in ihrem Wesen verändern können. Sie brauchte bestimmt nichts, um ihr Leben aufzupeppen. Julia Knox würde immer reinstes Gold sein.

„Du hast bestimmt wieder diese Dokumentationen über Abenteuerreisen im Fernsehen gesehen, oder?“

„Sei bitte nicht so herablassend, Adam.“

Bei ihrer Sturheit musste er lächeln. Vielleicht hatten sie die letzten Jahre doch etwas härter gemacht. „Entschuldige. Es ist nur so, dass von allen Menschen …“ Er musterte sie von oben bis unten. „Du bist die bodenständigste Person, die ich kenne.“

„Das genau ist der Punkt.“

„Bitte mich nicht, dir bei dieser verrückten Idee zu helfen. Geh meinetwegen zu einer Fallschirmspringerschule, aber lass mich da raus.“

Sie wollte seine Hand greifen, aber er zog sich rasch zurück. Seine Schnelligkeit war ihm geblieben. Leider war er nun hier in der Ecke gefangen, und der Weg zum Ausgang war von der Masse der Gäste blockiert. Er hatte das brennende Verlangen, den Raum zu verlassen und die frische Nachtluft zu atmen.

„Adam.“ Sie errang erneut seine Aufmerksamkeit. Was ging nur in ihrem Kopf vor? „Ich schätze, ich habe einfach Angst“, gestand sie. In ihren Augen blitzten unbekannte Gefühle auf. „Darum habe ich mich an dich gewandt. Ich möchte jemanden haben, dem ich vertrauen kann, keinen Fremden.“

„Ich besitze in diesem Staat keine Lizenz zum Unterrichten.“

„Ach.“ Einen Moment lang schien sie getroffen, doch dann entspannten sich ihre Gesichtszüge wieder. „Wie wäre es dann mit Bergsteigen? Als Anfang, sozusagen.“

Er konnte es. Er konnte sie mit zu den Granitfelsen nehmen, auf denen er schon als Kind herumgeklettert war, und ihr vormachen, es sei sehr schwierig und gefährlich, dort herumzukraxeln. Wahrscheinlich würde er ihre Sehnsucht nach dem Abenteuer noch vor dem Mittagessen befriedigen und sich verziehen können.

Ja, das könnte er wahrscheinlich.

Doch plötzlich kamen ihm Zweifel. Er hasste dieses Gefühl. Vor seinem Unfall war er Motorrad- und Fahrradrennen gefahren, hatte an Wildwasserfahrten teilgenommen und Berge bestiegen, ohne auch nur einen Gedanken an die Gefahr zu verschwenden. Selbst jetzt, achtzehn Monate nach seinem Unfall, spürte er, dass es ihm nicht reichte, einfach nur wieder laufen zu können. Obwohl das am Anfang fast ein kleines Wunder gewesen war. Er wusste, dass er dankbar sein konnte, aber er war mit sich und seiner Zukunft zutiefst unzufrieden.

Julia schien sein Zögern zu beunruhigen. „Oh, Adam, tut mir Leid, ich …“ Sie warf einen kurzen Blick auf seine Beine. „Ich dachte nur, da Zack meinte, deine Genesung würde gut vorangehen …“

„Das ist kein Problem.“

Doch entgegen seiner Versicherung wurde ihm plötzlich die Kehle eng. Er wollte nicht, dass Julia bemerkte, welche Anstrengungen es ihn gekostet hatte, nach dem Unfall wieder zu Kräften zu kommen. Jetzt arbeitete er daran, seine alte Kondition wieder zu gewinnen. Der Unfall hatte sich ereignet, weil er viel zu schnell auf einer Bergstraße um eine Kurve gefahren war. Er hatte dem entgegenkommenden Laster nicht mehr ausweichen können. Er, der so viele riskante Abenteuer überlebt hatte, war auf einmal unter Plastikröhren begraben gewesen, die der Laster zum Snake River transportieren sollte. Ironischerweisen wurden diese Röhren für den Bau von Flößen für Wildwasserfahrten gebraucht. Adam hatte das gar nicht komisch gefunden.

„Ich mache mir eher Sorgen um dich“, entgegnete er offen. „Du warst doch immer eher der vorsichtige Typ. Was ist los?“

Julia blickte ihn so ernst an, dass er beinahe gelächelt hätte. Sie wusste wohl gar nicht, wie aufregend sie aussah, wenn sie so ein ernstes Gesicht machte.

„Du meinst, ich würde das nicht schaffen? Ich bin völlig fit. Ich habe trainiert.“ Sie hob ihren Arm, um ihm ihren Bizeps zu zeigen. „Ich bin körperlich und geistig bestimmt dazu in der Lage.“

„Dem Tod zu trotzen?“

„Nun, ja. Da habe ich vielleicht ein wenig übertrieben.“

Immerhin hatte sie damit seine Aufmerksamkeit erregt. Aber er hatte nach wie vor keine Ahnung, was sie damit erreichen wollte. „Und du willst es nur, weil du dich langweilst?“

Sie sah ihn streng an. „Warum machst du es?“

Er lächelte sie ausweichend an. „Ich kann mich nicht mehr daran erinnern.“ Wollte sich nicht mehr erinnern. Denn wenn er sich daran erinnerte, dann würde er es wieder vermissen. Und das bedeutete, dass er es auch wieder versuchen würde. Es wäre zu schmerzhaft. Kaum zu glauben, wenn er daran dachte, wie er mit nur einer Hand an einem Felsvorsprung gehangen hatte, alle Muskeln schmerzhaft angespannt, nur mit der Kraft seiner Finger sich hochziehend.

„Ich erinnere mich“, warf Julia sanft ein. „Du bist ein Teufelskerl gewesen, seit Chuck Cheswick dich so lange gepiesackt hat, bis du auf den Wasserturm geklettert bist. Zehn Jahre warst du damals. Ich weiß noch, dass Zack vor Angst fast gestorben ist. Er hat bei deinen Abenteuern immer ein Auge auf dich gehabt.“

„Und mir aus der Patsche geholfen.“

„Ja, auch das.“

Beide wussten, was gemeint war. Vor etwa anderthalb Jahren wäre es fast zu einem Zerwürfnis zwischen Adam und Zack wegen Laurel Barnard gekommen. Adam war der Frau verfallen gewesen. Laurel hatte die Brüder gegeneinander ausgespielt, bis Adam nach einem heftigen Streit mit Zack fortgegangen war. Damit wollte er Zack Laurel überlassen, die genau das geplant hatte: den Mann zu heiraten, der als „Herzensbrecher Brody“ bekannt war, der begehrteste Junggeselle von ganz Quimby. Kurz darauf hatte Adam seinen Unfall gehabt. Ein Anruf hatte Zack am Vorabend seiner Hochzeit zu seinem Bruder nach Idaho geführt, und daraufhin war die Hochzeit geplatzt.

Adam fand, dass er Zack in doppelter Hinsicht etwas schuldig war. Nicht nur, dass er ihn vor der hinterhältigen Laurel bewahrt hatte, Zack war auch für ihn da gewesen, als die Ärzte noch glaubten, er würde nie wieder laufen können. Ein ganzes Jahr war Zack bei ihm geblieben und hatte ihn so lange unterstützt, bis er wieder auf den Beinen war. Daher war es eine Selbstverständlichkeit für Adam gewesen, zuzusagen, als sein Bruder ihn bat, sein Trauzeuge zu sein. Dafür hatte er die heimlichen Blicke und das Getuschel der Leute gern in Kauf genommen.

„Hey, Madman!“, rief ihm Fred Spangler winkend von einer Gruppe junger Männer aus zu. „Komm rüber, Kumpel. Wir überlegen gerade, wie wir den Wagen des Bräutigams verschandeln können.“

Adam warf Julia einen kurzen Blick zu. „Entschuldige. Die Pflicht ruft.“

„Aber was ist …“

„Es war schön, mit dir zu reden.“

Julie umarmte ihn. Normalerweise hielten sie Abstand zueinander. „Es war wundervoll, dich wieder einmal gesehen zu haben“, flüsterte sie. „Du siehst …“

Großartig aus! ergänzte Adam und grinste sie in freudiger Erwartung an.

„Du siehst richtig zivilisiert aus.“

Zivilisiert?

„Hey, was meinst du damit?“, fragte Adam, doch in diesem Moment ergriff Fred Spangler seinen Arm und zog ihn weg. Ein spöttisches Lächeln umspielte Julias Lippen, als sie ihm nachblickte.

Das „Woodwind Trio“, spielte eine langsame irische Weise, um den Abend ausklingen zu lassen. Julia ging durch das Restaurant zu ihrem Tisch. Ein Stück der Hochzeitstorte wartete noch immer auf sie. Obwohl es schon Herbst war, hatte der Konditor die Torte so dekoriert, als ob es noch Frühling sei. Julia hatte Cathy darauf hingewiesen, dass die einzige Konditorei am Ort mit einem solchen Auftrag überfordert sein würde, aber es war sinnlos, einer Frau kurz vor ihrer Hochzeit so etwas zu erzählen. Ein ewiges Rätsel für die vernünftige und nüchtern denkende Julia.

Ihre Tischnachbarinnen waren dabei, sich zu betrinken und die neusten Gerüchte auszutauschen. In dieser Atmosphäre gestattete Julia es sich, einen tiefen Seufzer auszustoßen und sich mit den Ellbogen am Tisch aufzustützen. Verunsichert starrte sie das Stück Torte eine Weile an, bevor sie es mit der Gabel zerteilte. Es machte keinen Sinn, nach altem Brauch mit einem Stück Hochzeitstorte unter dem Kopfkissen zu schlafen. Sie wollte nicht heiraten, sondern eine Veränderung.

Nervenkitzel.

Adam Brody.

Je schneller, desto besser.

Seit Cathy ihr berichtet hatte, dass Adam zur Hochzeit nach Quimby kommen würde, war Julia von einer gewissen Ruhelosigkeit erfasst worden, so als wäre dies die letzte Möglichkeit, ihr Leben zu ändern.

Wenn sie nicht einen neuen Weg einschlug und mehr Lebensfreude entwickelte, würde alles ewig weitergehen wie bisher. Entweder würde sie es schaffen, dass Adam sie mit anderen Augen sah, oder sie würde ihn guten Gewissens aufgeben. Wenn eine Frau so lange auf einen bestimmten Mann wartete, musste sie zwangsläufig etwas seltsam werden.

Jahrelang hatte sie ihre wahren Gefühle für Adam Brody wie ein Geheimnis behandelt. Doch nun würden einige ihrer Freundinnen wohl misstrauisch werden. Cathy vermutete ganz bestimmt etwas in der Richtung, was bedeutete, dass auch Zack Bescheid wusste. Aber er war so integer und ehrenhaft, dass er das Ganze mit größter Verschwiegenheit behandeln würde. Julia hatte keinen Zweifel daran, dass Adam und ihr alles Gute wünschen würde, sollten sie jemals zueinanderfinden.

Jemals?

Oder nie?

Ein Schauer durchlief sie. Aber sie würde auch mit einem „Niemals“ leben können. Es gab Schlimmeres.

Zum Beispiel Fallschirmspringen.

Wie kam sie nur auf diese Gedanken? Adam hatte recht. Sie war nicht der Typ dafür.

Die rothaarige Allie Spangler ließ sich auf den Stuhl neben ihr fallen. Sofort erspähte sie das Stück Hochzeitstorte. „Isst du das noch?“, fragte sie hungrig und ließ dann ihren Blick durch das noble Restaurant schweifen. Sie und ihr Mann Fred hielten schon seit Monaten Diät, aber hinter seinem Rücken genehmigte sie sich immer wieder eine Kleinigkeit.

Julia schob ihrer alten Freundin die Torte hin. „Bitte schön.“

„Adam sieht wirklich sehr gut aus“, bemerkte Allie, während sie Sahne von ihrem Finger leckte. „Ich hatte eigentlich mit einem völlig gebrochenen Mann gerechnet, aber …“ Sie blickte zu der Horde jüngerer Männer hinüber. „Er hinkt ja kaum.“

„Ja.“ Julia brauchte Allies Blick nicht zu folgen. Adams Bild stand ganz klar vor ihrem inneren Auge. Seine zerzausten braunen Haare, sein schlanker, athletischer Körper in dem zerknitterten Smoking, die Fliege längst gelockert, der Hemdkragen geöffnet. Sein ernster Gesichtsausdruck. Er wirkte eigentlich wie immer, aber der erlittene Schmerz und das Wissen um seine Sterblichkeit hatten ihre Spuren hinterlassen. Es tat Julia in der Seele weh, wenn sie daran denken musste, was er alles durchgemacht hatte. Doch sein jugendliches, herausforderndes Grinsen erinnerte sie daran, was für ein Teufelskerl er früher gewesen war. Hinter seiner abweisenden Fassade verbarg sich noch immer der rastlose, junge Mann, in den sie sich vor über zehn Jahren verliebt hatte.

„Hey, schau nicht so traurig drein.“

Allie lächelte sie mit tortenverschmiertem Mund an. „Nur weil Zack, der Herzensbrecher, jetzt nicht mehr zu haben ist …“

„Ach, ja.“ Julia setzte das traurige Lächeln auf, das von ihr erwartet wurde. Zack Brody war der begehrteste Junggeselle von Quimby gewesen. Also hatten sich seine ehemaligen Freundinnen zum „Klub der gebrochenen Herzen“ zusammengeschlossen. Die Schwesternschaft des Leids. Julia gehörte zusammen mit Allie zu den Gründungsmitgliedern, obgleich ihre Gefühle für Zack längst nicht dem entsprachen, was man ihr unterstellte. „Darüber bin ich längst hinweg“, versicherte Julie.

Allie tätschelte ihre Hand. „Natürlich.“

„Zack und Cathy passen doch wunderbar zusammen. Ich freue mich wirklich für sie.“

„Ja, ja. Wie wir alle.“ Allie sah zu ihrem Ehemann und lächelte, als wollte sie sich bei ihm entschuldigen. „Egal. Ein paar von uns wollen uns nachher noch treffen, um gemeinsam zu trauern … äh … zu feiern. Ha, ha.“

Julia murmelte etwas Unverständliches. Sie hatte keine Lust, mit Allie, Gwen, den Thompson- Zwillingen und den übrigen unverheirateten Frauen über ihre unerfüllte Liebe zu Zack zu lamentieren.

Sie brauchte Action. Nein, diesmal würde sie nicht abwarten, bis Adam sich zu ihr bequemte. Sie würde sich nicht mehr an die Anstandsregeln halten. Sie wollte keine langweilige, angepasste Frau mehr sein.

„Für Oktober ist der Abend noch angenehm warm. Wir überlegen uns, ein Feuer am Strand zu machen. Ganz so wie früher. Einige von den Kerlen wollen auch kommen.“ Allie lachte. „Mit Schnaps, wie ich denke. Wahrscheinlich glauben sie, leichtes Spiel zu haben, wenn sie euch Brautjungfern damit betäuben.“

Julia wollte schon den Kopf schütteln, hielt dann aber inne. „Wer kommt alles?“

„Fred und ich. Gwen, Karen und Kelly. Bei Faith weiß ich es nicht genau, sie zieht sich in letzter Zeit etwas zurück. Vielleicht trauert sie ja Zack nach. Von der Gruppe des Bräutigams kommen wohl alle und vielleicht ein oder zwei Knaben von Zack und Freds alter Basketballtruppe.“

„Was ist mit Adam?“, fragte Julia ungeduldig.

Allie verspeiste den Rest der Torte, bevor sie antwortete. „Es war seine Idee. Du kennst ihn doch.“

Nie im Haus bleiben, wenn man auch raus konnte. Immer der Erste sein, wenn es darum ging, etwas zu machen, etwas zu wagen. Und jedes Mal wilder und gefährlicher als beim vorherigen Mal.

Wie ein Komet, der auf seinem Weg durchs All verglühte. Sie war nur Julia Knox, die Bodenständige. Konnte sie es wagen, nach ihm zu greifen, ohne sich zu verbrennen? Ich muss, sagte sie sich. Es ist meine letzte Chance.

„Ich komme. Ich will nur erst nach Hause und mich umziehen.“

Allie betrachtete ihr kürbisfarbenes Kleid. Für Julias Geschmack war es viel zu übertrieben, aber Cathy hatte entschieden, den Einzelhandel von Quimby zu unterstützen. Und vom dem örtlichen Brautausstatter konnte man schwerlich so etwas wie Geschmack verlangen.

„Auf immer eine Brautjungfer?“, fragte Allie spitz, denn sie war überhaupt nicht gebeten worden, als Brautjungfer zu fungieren. Obwohl sie mittlerweile glücklich verheiratet war, hatte sie doch seinerzeit eine sehr heiße Affäre mit Zack gehabt. Glücklicherweise interessierte Cathy sich nicht für die Vergangenheit ihres Mannes.

Julia setzte ein zuckersüßes Lächeln auf. „Vielleicht ist das ja die Chance für uns alle, uns weiterzuentwickeln, jetzt, da Zack vergeben ist.“

Allie wechselte achselzuckend das Thema. „Es gibt immer noch Adam. Obwohl der nicht gerade für die Ehe gemacht ist. Kein fester Job, kein Haus, keine Rücklagen.“

Das habe ich längst alles, dachte Julia. Aber das reicht mir nicht mehr.

„… und jetzt kommt auch noch seine Verletzung dazu. Er ist kein verlässlicher Typ.“

Damit war Julia gar nicht einverstanden. Natürlich hatte er seine Fehler, aber er besaß auch den Mut und die Loyalität von zehn Männern. Und obwohl sie gleich alt waren, in der gleichen Stadt aufgewachsen und die gleiche Schule besucht hatten, so war er immer noch ein Rätsel für sie. Auf der einen Seite beherrscht, auf der anderen tollkühn und ohne jede Angst. Er hatte sie schon immer fasziniert. Ein Mann, der eine Herausforderung darstellte. Ein Mann, der sie dazu bringen konnte, Dinge zu tun, an die die sie bisher nicht gedacht hatte.

Und genau so eine Herausforderung brauchte sie jetzt.

Julia beteiligte sich lieber an der Unterhaltung, als ihren Gedanken nachzuhängen. „Du kennst Adam besser als ich“, meinte sie zu Allie, obwohl das nicht ganz stimmte. Allie war Tür an Tür mit den Brody-Brüdern aufgewachsen, sodass sie alte Spielkameraden waren. Kumpels, und nichts mehr. Sie und Adam hatten sich gegenseitig zu allerlei Unsinn angestachelt, während Zack den Aufpasser gespielt hatte, der nur eingriff, wenn sie Ärger bekamen.

„Natürlich, aber ich würde mich nie mit ihm verabreden.“ Allie beobachtete die Männer, die dachten, sie könnten ungesehen aus dem Restaurant verschwinden. Fred Spangler schlich zur Bar, sofern man bei einem hundert Kilo schweren Gebrauchtwagenhändler von „schleichen“ sprechen konnte. Allie schüttelte energisch den Kopf. „Ich mag Männer, an denen etwas dran ist. Also habe ich mir einen Stier besorgt.“

„Ich habe mich auch nie mit Adam verabredet.“ Julia konnte ihre Augen nicht von Adam nehmen. Er gab sich alle Mühe, nicht nach rechts oder links zu schauen, sondern strebte nur auf den Ausgang zu. Typisch Adam Brody.

„Nein. Du warst ja auch immer mit Zack zusammen. Ihr wart wie Siamesische Zwillinge.“ Allie lenkte die Aufmerksamkeit wieder auf den Bräutigam.

Plötzlich warf Adam einen letzten Blick über seine Schulter und blickte Julia genau in die Augen. Ein warmer Schauer durchfuhr sie, und sie fand es immer schwerer, ihre Gefühle zu verbergen.

Julia räusperte sich, um den Frosch im Hals loszuwerden. „Vielleicht passten wir zu gut zusammen“, hörte sie sich selbst sagen, denn sie beobachtete noch immer Adam. Aber da verschwand er auch schon durch die schweren Türen des Restaurants.

„Was meinst du damit?“, fragte Allie.

„Ach, weißt du, das Feuer ist halt irgendwann erloschen.“ Nicht so wie mit Adam.

Zack war ihr erster Freund gewesen, ihr großer Schwarm in jenem Sommer, als sie gerade sechzehn Jahre alt gewesen war. Damals war von Adam noch nicht die Rede gewesen. Der interessierte sich zu der Zeit mehr dafür, durch die Wälder zu streifen und auf alles zu klettern, was ihm in den Weg kam, inklusive des Flaggenmastes vor dem Postamt. Zack war reifer gewesen und außerordentlich beliebt. Er arbeitete zu der Zeit als Rettungsschwimmer am Mirror Lake. Alle waren einhellig der Meinung, Julia und er würden gut zueinander passen. Nach kurzer Zeit hatten sie das auch selbst geglaubt. Und da sie beide Menschen waren, die stets taten, was von ihnen erwartet wurde, dauerte ihre Beziehung länger, als sie es wohl unter anderen Umständen der Fall gewesen wäre.

„Das Feuer ist erloschen?“, wiederholte Allie. „Ich weiß doch noch, wie ihr euch immer angeschaut habt. Ihr wart das Traumpaar auf der High School. Alle Mädchen in der Stadt haben dich beneidet.“

„Das ist doch Jahre her. Hey, wir haben uns vor Langem getrennt.“

Allie öffnete ein Päckchen mit Süßigkeiten und steckte sich kandierte Mandeln in den Mund. „Es ist also reiner Zufall, dass du seither keine neue Beziehung mehr eingegangen bist?“

„Ich hatte jede Menge Verabredungen.“ Zumindest für die hiesigen Verhältnisse.

„Ja, langweilige Kerle mit Aktenkoffern und Piepern.“

„Passt doch prima. Ich habe selbst einen Aktenkoffer und einen Pieper.“ Julia nahm sich auch eine Mandel. Nachdem sie jahrelang für eine Immobilienfirma durch die USA gereist war, hatte sie sich schließlich wieder in Quimby niedergelassen und ihr eigenes Geschäft eröffnet. Recht erfolgreich, zumindest für Quimby.

„Darum brauchst du ja auch jemand, der anders ist!“ Die frisch gebackene Cathy Brody gesellte sich zu ihnen. Sie raffte den weiten Rock ihres elfenbeinfarbenen Brautkleides und stieß mit einem Fuß einen Stuhl zurecht, um sich darauf fallen zu lassen. „Hochzeiten sind wirklich eine anstrengende Sache.“

„Das wird durch die Flitterwochen wieder ausgeglichen.“ Julia tätschelte ihre Hand.

„Ja, aber das ist die Aufgabe des Bräutigams“, warf Allie ein.

Cathy stöhnte auf. „Bitte keine Scherze über Flitterwochen mehr. Zacks Onkel Brady hat mich schon damit gepeinigt. Brady Brody, man soll’s nicht glauben. Der in dem dunkelroten Smoking. Er findet es besonders komisch, sich in jedes einzelne Bild zu drängen, dass heute geschossen worden ist.“

„Ich kann mich an Onkel Brady erinnern“, sagte Julia. „Er hat mich immer in den Hintern gezwickt. Sei also gewarnt, Cathy.“

„Zu spät. Er hat mich schon beim Empfang erwischt. Aber er ist kaum durch den ganzen Stoff gekommen.“

Sie lachten.

„Zack hat mir nichts über seine Verwandten erzählt“, fuhr Cathy fort. „Ich wusste nicht, wie viele er hat.“ Sie versuchte, ein missgelauntes Gesicht zu machen, aber dafür war sie viel zu glücklich. Julia hatte noch nie in ihrem Leben eine strahlendere Braut gesehen. Dieses Mal hatte Zack ohne Zweifel die Richtige gefunden.

„Wir haben alle Hotelzimmer im ganzen Land gebucht, aber dennoch müssen wir noch Massen von ihnen in Zacks und meinem Haus unterbringen. Seit Tagen haben wir nicht eine Sekunde für uns allein gehabt.“

Bestimmt ging es Adam ebenso, überlegte Julia, die wusste, wie sehr er so etwas hasste.

„Wann macht ihr euch auf?“, erkundigte sich Allie.

„Bald.“ Cathy verfolgte mit leuchtenden Augen, wie ihr Mann eine letzte Runde machte und sich von den restlichen Gästen per Handschlag verabschiedete. „Ich kann es kaum noch abwarten.“ Dann bemerkte sie das anzügliche Grinsen ihrer Freundinnen. „Nicht, was ihr meint. Wegen der Ruhe. Na ja. Und das andere vielleicht auch.“

Cathy konnte sich wirklich glücklich schätzen. Sie hatte einen außergewöhnlichen Mann geheiratet. Aber das hatte Julia schon gewusst, bevor ihr die Klatschweiber der Stadt hinterbracht hatten, was für eine gute Partie sie sich hatte entgehen lassen. Es wäre sinnlos, den Frauen erklären zu wollen, wieso es mit ihr und Zack nicht geklappt hatte. Sie verstand es ja selbst kaum. Aber zwischen Cathy, die erst relativ neu in Quimby war, und Zack hatte der Funke sofort gezündet. Man konnte es förmlich zwischen den beiden knistern hören.

Wahrscheinlich war es die Alltäglichkeit, die Julias Beziehung zu Zack ruiniert hatte. Genau wie alle ihre Versuche mit den paar anderen Männern, die sie seither kennengelernt hatte. Aktenkoffer, Pieper, Langeweile. Sie kannte es nur zu gut.

„Ich hoffe nur, dass alle wieder fort sind, wenn wir zurückkommen“, flüsterte Cathy. „Es wird ohnehin ziemlich eng werden, da wir genau neben Zacks Eltern wohnen werden. Zumindest so lange, bis unser neues Haus fertig ist.“

„Und mit Adam“, fügte Julia hinzu. „Wenn er denn bleibt.“

„Oh, seine Mutter bemüht sich darum. Dabei meinte Zack, wir könnten alle glücklich sein, dass Adam schon gestern Abend und nicht erst heute Morgen gekommen ist. Ich habe gehört, dass man Adam nicht anbinden kann.“

„Er war auch nicht auf der Generalprobe für die Hochzeit.“ Julia war ganz aufgeregt gewesen, ihn wieder zu sehen, aber dann hatte sie sich doch bis zur Hochzeit gedulden müssen. Als sie seine stattliche Erscheinung wahrgenommen hatte, wäre sie fast gestolpert, als sie den Mittelgang der Kirche entlangschritt. Die Klatschweiber hatten selbstverständlich vermutet, dass sie sich wegen Zack so verhielt.

„Weiß er eigentlich, dass Laurel nur deshalb auf eine Mittelmeerkreuzfahrt gegangen ist, um nicht bei der Hochzeit anwesend sein zu müssen?“, fragte Allie ihre Freundinnen.

„Er weiß es.“ Cathy blickte Julia voller Mitgefühl an. „Laurel spielt keine Rolle.“

Allie, die nun alle Süßigkeiten verputzt hatte, wurde wieder aufmerksamer. „Was dann? Adams Beine?“

„Seinen Beinen geht es gut“, warf Julia ein wenig zu schnell ein. „Du musst ihn dir doch nur ansehen.“ Sie konnte sich einfach nicht zurückhalten, was ihr gar nicht ähnlich sah. „Er ist fast wieder so fit wie damals, als er Quimby verließ.“

„Fit?“, fragte Allie ungläubig. Sie lachte trocken. „Ich an deiner Stelle würde nicht darauf wetten. Warte nur ein paar Tage ab.“

„Ich wette auf überhaupt nichts. Aber darum geht es nicht, sondern …“ Julia atmete tief durch, um sich zu beruhigen. „Ach, nichts. Vergiss es.“

Jetzt mischte sich Cathy ein. „Allie, könntest du bitte alle unverheirateten Frauen zusammenrufen? Es wird Zeit, den Brautstrauß zu werfen.“ Kaum, dass Allie gegangen war, wandte sie sich Julia zu. „Süße, geht es dir gut? Ich weiß, dass es hart für dich sein muss, Adam wieder zu sehen.“

Wenn du wüsstest, dachte Julia. Sie presste die Hände zusammen. Schon vor Monaten hatte Cathy gemutmaßt, dass Julia Gefühle für Adam hegte. Zu dieser Zeit hatte ihr Julia erklärt, dass sie keine Probleme mit Zacks Hochzeit hatte. Aber Cathy hatte keine Ahnung, wieso nicht.

„Aber ja“, antwortete Julia ruhig. „Ich war nur ein bisschen nervös, weil ich nicht wusste, was ich erwarten sollte. Aber wie es aussieht, ist Adam der Alte geblieben.“

Cathy lachte auf. „Ist das jetzt gut oder schlecht? Ich kenne ihn nicht lange genug, um das beurteilen zu können.“

Julia fand, dass es auf der einen Seite gut war, da er ihr bei der Änderung ihres Lebens helfen sollte. Auf der anderen Seite stellte er eine Gefahr für ihren ansonsten unerschütterlichen Gleichmut dar. „Beides. Adam war schon immer …“ Sie machte eine hilflose Handbewegung. Wie sollte sie diesen Mann auch beschreiben? Adam Brody war einfach da. Ein Wunschbild in ihrem Kopf und ein Schmerz in ihrem Herzen.

„Es ist unmöglich, ihn festzuhalten.“ Cathy nickte. „Ich mag ihn trotzdem. Nach all den Geschichten, die ich über ihn gehört habe, dachte ich erst, dass er einer dieser überheblichen Extremsportler wäre. Aber so ist er gar nicht. Er ist ruhig, intelligent und hat einen trockenen Humor. Wenn ich daran denke, was er alles durchgemacht hat …“ Als sie Julias Gesichtsausdruck sah, unterbrach sie sich. „Aber dir muss ich das ja nicht erzählen.“

„Mit achtzehn war er ganz schön rebellisch. Die Brodys haben sich große Sorgen gemacht, dabei wussten sie nicht einmal von seinen schlimmsten Eskapaden.“ Traurig dachte Julia daran, wie zögerlich und reifer der neue Adam auf sie wirkte. Viel älter als seine achtundzwanzig Jahre. „Ich schätze, er hat sich durch den Unfall auch verändert.“

„Vielleicht wirst du es ja noch herausfinden.“ Cathy knuffte sie freundschaftlich.

„Vielleicht.“

„Überrede ihn doch, hier zu bleiben.“

Gerade als Julia erwidern wollte, dass Adam noch nie auf sie gehört hatte, kehrte Allie mit einer Horde fröhlicher Gäste zurück, die ganz gespannt auf den Wurf des Brautstraußes waren. Obwohl sie weder abergläubisch noch sentimental war, mischte sich Julia unter die Menge.

Die Gesellschaft begab sich auf den Parkplatz vor dem Restaurant. Zacks schwarzer Jaguar war mit Rasierschaum, Krepppapier, Blechdosen und dem traditionellen Frisch-verheiratet-Schild verschönert worden. Julia entdeckte Adam unter den Gästen und ihr Herz machte einen Sprung, als sie ihn lächeln sah. Die untergehende Sonne verlieh seinen dunklen grünen Augen einen ganz besonderen Glanz.

Zehn Jahre, dachte sie und ihre Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Ich warte darauf seit zehn Jahren. Das ist lange genug.

Lange genug jedenfalls, auch eine geistig gesunde Frau dazu zu bringen, aus einem Flugzeug zu springen.

Cathy und Zack standen auf der Treppe neben dem Eingang und herzten ihre Angehörigen. Dann machten sie sich auf und eilten zu ihrem „Fluchtwagen“. An der geöffneten Wagentür blieb Cathy stehen, drehte sich um und warf den Strauß mit einer kurzen Bewegung in die Luft.

Die unverheirateten Frauen sprangen schreiend hoch. Julia verfolgte die Flugbahn des Brautstraußes und reckte unwillkürlich auch den Arm, ehe sie ihn schnell wieder zurückzog. Ein anderes Mitglied des Klubs der gebrochenen Herzen, Gwendolyn Case, zwei Mal verheiratet und zwei Mal geschieden, hüpfte trotz ihres langen Brautjungfernkleides hoch und fing den Strauß.

Ein Raunen ging durch die Menge.

Als Cathy und Zack losfuhren, trafen sich Adams und Julias Blicke. Sie wollte ihm zurufen, dass sie keinen Brautstrauß brauchte, dass sie genauso frei und wagemutig wie er selbst war, beließ es aber dann bei einem freundlichen Lächeln. Im nächsten Moment verschwand er in der Menge seiner Onkel, Tanten und anderen Verwandten und Angehörigen.

Armer Adam, dachte sie, und das brachte sie auf eine Idee.

2. KAPITEL

Julia war jetzt achtzehn Jahre alt und damit war es legal, mit Zack Sex zu haben. Es wurde sogar von allen erwartet. Keiner ihrer Freunde würde glauben, dass sie sich tatsächlich so lange zurückgehalten hatten. Immerhin gingen Zack und sie schon seit zwei Jahren miteinander. So ganz genau wusste Julia auch nicht, wieso es noch nicht passiert war, außer dass sie im letzten Moment immer Skrupel bekommen hatte. Der Verlust ihrer Jungfräulichkeit war ein bedeutungsvoller Schritt für sie, und sie war eine vorsichtige Person.

Vielleicht zu vorsichtig.

„Jetzt oder nie“, sagte sie laut zu sich selbst, aber dann ließ ein Klopfen an der Tür sie zusammenzucken. Wie dumm. Sie hatte doch alles genau überlegt. Zack war sicherlich der Richtige. Wieso war sie sich auf ein Mal so unsicher?

Es würde schon gut gehen. Sie ging zur Tür. Ja, Zack war eine gute Wahl. Mit ihm würde es gut werden.

„Julia!“ Laute Rufe begrüßten sie.

„Hey, du bist ja doch noch gekommen!“

„Na, da schau her. Noch eine Brautjungfer!“

Adam beteiligte sich nicht an dem Geschrei. Stattdessen warf er ein weiteres Holzscheit in die Flammen und bemühte sich, nicht auf Julia achten, was ihm jedoch nicht gelang. Sie trug schwarze Leggins, halbhohe Stiefel und einen weiten Pullover. Ihr Haar hatte sie zurückgekämmt. Im Schein des Lagerfeuers wirkten ihre ebenmäßigen Gesichtszüge wie aus feinstem Marmor geformt. Sie hatte schon immer etwas Besonderes an sich gehabt. Sie war so tadellos, anspruchsvoll und natürlich. Selbst, nachdem sie …

Das trockene Holz knackte im Feuer, und Adam lehnte sich zurück, um den Funkenflug am dunklen Abendhimmel zu betrachten.

Die meisten Leute aus der Hochzeitsgesellschaft lagen auf Liegestühlen oder Badetüchern. Julia ließ sich von Fred ein Bier geben und bahnte sich ihren Weg durch die Leute, bis sie bei Adam angelangt war.

„Setz dich“, bat er sie nach einem Augenblick des Zögerns, den Blick starr auf das Feuer gerichtet.

„Hi.“ Sie setzte sich auf einen Holzstamm, der seit uralten Zeiten dort herumlag.

„Hi.“

„Hier ist Platz genug.“

Das Feuer brannte vor sich hin, und Adam setzte sich zu ihr.

„Magst du auch ein Bier?“, fragte sie, als sie ihre Flasche öffnete.

„Danke, ich habe eins.“

Die Spannung zwischen ihnen war fast greifbar. Wieso konnte er sie nicht mehr nicht so sehen wie die anderen Verehrerinnen seines Bruders? Über Jahre hinweg hatte sich das bestens bewährt, und es hatte zwischen ihnen nie mehr gegeben als den Austausch von Belanglosigkeiten. Und außer bei der üblichen Begrüßung hatten sie sich auch nie weiter berührt.

Hatte Zacks Heirat ihre Beziehung vereinfacht? Nein. Wenn dem so wäre, würde er sich jetzt nicht so niedergeschlagen fühlen. Das elektrisierende Gefühl, das durch seinen Körper pulsierte, konnte er ignorieren, auch wenn ihn das einige Mühe kostete.

Julia schlang ihre Arme um die Knie. „Ich muss immer daran denken, dass Zack hier sein sollte.“ Sie sprach leise, sodass die anderen es nicht hören konnten.

„Ich vermisse ihn auch.“

„Er war immer so etwas wie ein Anführer.“ Sie ließ ihren Blick über ihre Freunde schweifen, die sich um das Feuer versammelt hatten. „Selbst wenn die meisten von uns mittlerweile verheiratet sind, Kinder haben oder weggezogen sind, werden wir uns doch immer nah bleiben. Das ist das Schöne an Kleinstädten.“

„Bist du deshalb wieder nach Quimby zurückgekehrt?“

Julia warf ihm einen kurzen Blick zu. „Ja. Zum Teil, jedenfalls.“

Er hakte nicht nach. Das war nicht seine Art, schon gar nicht Julia gegenüber. Er wollte auch gar nicht alle ihre Antworten kennen.

Eine Armlänge zwischen ihnen schien ihm eine sichere Entfernung zu sein. Er konnte ihre Gegenwart trotzdem spüren. Ihre Wangen leuchteten rosig im Schein des Feuers, und ihr Haar, das sie zu einem Pferdeschwanz zusammengenommen hatte, hatte die Farben von Bernstein. Wie immer, wenn sie zusammen waren, verspürte Adam das Verlangen, ihre Haare zu berühren. Und ihr Gesicht. Ihren Hals. Ihre Brüste.

„Es hat mich überrascht, dass Zack zurückgekommen ist“, sagte er. „Ich meine, nach dem ganzen Ärger mit Laurel und der geplatzten Hochzeit.“ Sein Bruder schien ihm ein gutes Thema, um Julia auf Distanz zu halten.

„Oh nein. Zack gehört hierher.“

„Nicht so wie ich.“

Jemand hatte einen CD-Player mitgebracht. Fred sprang auf, wackelte mit seinem Bierbauch im Rhythmus und versuchte, Allie zum Tanzen zu bewegen. Kreischend bewarf sie ihn mit Popcorn. Trotz des Lärms konnte Adam hören, wie Julia tief durchatmete.

„Wie kannst du das nur sagen?“ Sie legte ihre Hand auf sein Knie und sah ihm in die Augen. „Du gehörst genau so hierher wie alle anderen auch.“

„Ich bin nicht Zack.“

„Na und?“

Er zuckte nur mit den Schultern, aber er fand selbst, dass er sich wie ein Idiot anhörte. „Ich meine nur, dass Zack der Beliebtere von uns ist. Der Anführer, wie du selbst gesagt hast. Wenn ich nie wiederkäme, würde mich niemand vermissen.“

Julia nahm ihre Hand von seinem Knie. „Wahrscheinlich nicht.“

Oh, dachte er.

Sie trank einen ordentlichen Schluck Bier, obwohl sie dem Geschmack nichts abgewinnen konnte. Dann wischte sie sich den Mund mit einem Ärmel ab, drehte sich zu ihm und lächelte ihn offen an. Aber sie sagte nichts mehr.

Er verstand, worum es ihr ging. Erstens: Hör auf zu klagen. Zweitens: Bitte nicht die Frau, die dich als Einzige vermissen würde, dein Ego wieder aufzubauen. Auch wenn sie es nie zugeben würde, so war sie sich seiner Anwesenheit genau so bewusst wie er sich ihrer. Jedes Mal, wenn er heimkehrte, erkundigte er sich danach, was sie tat und wie es ihr ging. Wenn sie sich trafen, achtete er immer darauf, wo sie sich gerade im Moment befand, mit wem sie sprach, registrierte jedes Lächeln, jede Geste. Er konnte sie mit geschlossenen Augen erkennen. Sie durfte immer sauber und frisch, mit einem Hauch von Lavendel, nie übertrieben parfümiert.

Ich sollte besser Abstand halten, dachte er, als er Begierde in sich aufsteigen fühlte.

„Ich nehme an, du verlässt uns bald wieder“, bemerkte Julia.

Wegen seines langen Krankenhausaufenthaltes war er viel zu lange in Idaho gewesen. Er mochte zwar die wunderschönen Berge und Flüsse, aber bislang hatte er es nie allzu lang an einem Ort ausgehalten, weil es ihn immer nach neuen Erfahrungen verlangte. Das letzte Jahr war völlig anders gewesen. Er hatte unendlich viel Zeit gehabt hatte, darüber nachzudenken, an welchen interessanten Orten dieses Planeten er noch nicht gewesen war. Aber ausgerechnet da begann er, sich nach den sanften Hügeln und dem weiten Farmland zu sehnen, in dem seine kleine Heimatstadt lag. Vielleicht tat er das jedoch nur deshalb, weil das Unbekannte für im Moment unerreichbar schien.

„Ich muss nirgendwo hin“, gab er zu.

Das überraschte Julia. „Oh. Adam Brody muss doch immer irgendwo hin.“

„Ich habe keinerlei Verpflichtungen.“ Über die Jahre hatte er verschiedene Jobs angenommen, hatte als Baumpfleger, Bootsführer und als Ausbilder für Fallschirmspringer gearbeitet. Alle diese Tätigkeiten erforderte eine körperliche Fitness, die er momentan nicht besaß. „Ich habe meinen Mietvertrag gekündigt.“ Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er einen Mietvertrag gehabt, eine Erfahrung, die er nicht zu wiederholen wünschte. „Alles, was ich besitze, ist in meinem Jeep verstaut.“

„Ein Schlafsack, ein Zelt, ein Mountainbike und ein Kajak“, begann Julia aufzuzählen. „Wanderschuhe und eine Bergsteigerausrüstung, um alle Wolkenkratzer von Manhattan zu besteigen.“

„Ich denke, du hast das meiste erwähnt.“ Adam setzte die Bierflasche an und dachte an die beiden Dinge, die sie nicht genannt hatte. Einen Krückstock – einer aus einer Reihe von vielen, die Zack hatte besorgen müssen, da Adam in wütender Enttäuschung einen nach dem anderen zerbrochen hatte. Und das zerknitterte Foto, das er immer bei sich trug. Der Krückstock lag jetzt unter dem Fahrersitz, falls er ihn doch einmal brauchen sollte. Das Foto war eine Aufnahme von Julia an ihrem achtzehnten Geburtstag.

„Dann bleibst du also eine Weile?“

Hörte er da so etwas wie Hoffnung in ihrer Stimme mitschwingen? „Ich habe nur an ein paar Tage gedacht.“

„Das reicht doch, um mir beizubringen, eine Felswand hochzuklettern.“

Er schenkte ihr ein schiefes Lächeln. „Irgendwie hatte ich gehofft, du hättest es vergessen.“

„Nein. Ich habe dich fest eingeplant. Genau zwischen einem Seminar über Steuerrecht und der Eröffnung des Holliwellschen Musterhauses.“

Das war bestimmt nur Spaß. Sicherlich meinte sie das nicht ernst.

Gwendolyn Case ging herum und verteilte Hotdogs. Adam ließ sich zwei geben und steckte sie auf einen Stock, um sie zu rösten.

„Du siehst richtig gut aus“, bemerkte Gwen bedeutungsvoll.

„Du auch, Gwen.“ Die dralle Brautjungfer trug eine Jeans unter ihrem Festkleid und hatte den wallenden Stoff mit einem Gürtel gebändigt. Seit sie den Brautstrauß gefangen hatte, war sie noch selbstbewusster. Die ganze Zeit über sprach sie nur über verfügbare Junggesellen. Für Adam aber würde sie für alle Zeiten die autoritäre Babysitterin bleiben, die ihn von einem Baum heruntergeholt und ihm so lange zugesetzt hatte, bis er versprochen hatte, nie wieder so leichtsinnig zu sein.

„Chuck sieht hungrig aus“, sagte Julia.

Gwen wirbelte herum. Als sie Chuck Cheswick erblickte, der so groß wie ein Bär und doppelt so hungrig war, strahlte sie übers ganze Gesicht.

„Raffiniert“, erklärte Adam, als Gwen gegangen war.

„Eine Frau, die einen Brautstrauß gefangen hat, ist eine Gefahr für alle Junggesellen. Wenn sie nur ein paar Sekunden länger geblieben wäre, hätte sie dich auch auf ihre Liste gesetzt.“ Julia strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Du schuldest mir was.“

„Ich kann auf mich selbst aufpassen“, entgegnete Adam, hielt jedoch im nächsten Augenblick inne. Leider stimmte seine Aussage nicht mehr.

„Du könntest mein hervorragendes Ablenkungsmanöver trotzdem anerkennen.“ Obwohl sie fröhlich und ungezwungen klang, bemerkte er, dass sie sich über ihn Gedanken machte. Seit seinem Unfall betrachteten ihn alle mit anderen Augen und das behagte ihm ganz und gar nicht.

Er erinnerte sich daran, wie sehr er sich über Zack geärgert hatte, gerade als er ihn am meisten gebraucht hatte. Seinem Bruder hatte ein ausgeglichenes Gemüt und ein großes Herz, das ihn dazu befähigte, ebenso zu lieben wie zu verzeihen. Er war ein Glückspilz, sah gut aus und hatte zwei gesunde Beine. Es hatte Tage gegeben, an denen Adam ihn gehasst hatte.

„Lass mich in Ruhe“ war das Einzige gewesen, was er immerfort zu ihm gesagt hatte. Mal waren diese Worte seiner Verbitterung entsprungen, mal seiner Angst oder seinem verletzten Stolz. Er hatte nicht gewollt, dass ihn irgendjemand in diesem Zustand sah, schon gar nicht sein Bruder.

Aber Zack hatte ihn nicht in Ruhe gelassen. „Dieses Mal kannst du nicht einfach abhauen, Bruderherz. Und das werde ich ausnutzen, solange ich kann.“ Er war bei ihm geblieben, ohne sich auch nur ein Mal zu beklagen. So, als ginge es um ihn selbst.

„Ich komme damit schon allein klar“, hatte Adam behauptet, als er mit der Physiotherapie begann. Dabei hatte er sich schweißnass am Gehgestell festhalten müssen, als ob er über einem Abgrund hinge.

„Natürlich kannst du das“ war Zacks Antwort gewesen. „Ich bleibe nur zu meiner Unterhaltung hier. Das ist um Längen besser als deine albernen Motorradstunts, die du als Teenager aufgeführt hast.“

Adam hatte ihn verflucht, während er sich durch das Zimmer bis hin zu der geöffneten Tür gequält hatte.

Zack hatte applaudiert. „Du traust dich ja doch nicht, weiterzumachen“ hatte er dann angemerkt. Oh ja, er wusste, wie er mit seinem trotzigen Bruder umzugehen hatte. Er musste nur seinen Widerspruchsgeist herausfordern.

Jetzt wandte Adam sich wieder Julia zu. „Ist ja gut. Ich danke dir für dein geniales Ablenkungsmanöver. Aber du solltest keine Gegenleistung erwarten.“

„Die Hotdogs verbrennen gerade.“

Schnell zog er den Stock aus dem Feuer und wedelte damit in der Luft herum, sodass ihnen der Rauch ins Gesicht zog. „Ich werde dir nicht beibringen, wie man klettert.“

Julia warf Adam eine kurzen Blick zu. „Doch. Du wirst.“ Sie brach ein Brötchen auseinander und zog damit ein verbranntes Würstchen vom Stock. Dann das andere. „Ketchup oder Senf? Soße?“

Er stieß den Stock in den Sand. „Warum sollte ich das tun?“

Sie verteilte vorsichtig Ketchup auf das Würstchen, das sie auf ihren Knien balancierte. „Weil …“ Sie leckte sich den Daumen ab und sah zu Adam hinüber.

„Weil ich etwas habe, das du brauchen könntest.“

Ihre Stimme klang so lieblich. Adam hatte gelernt, dass das Leben kurz sein konnte. Nimm die Gelegenheit wahr, solange du es noch kannst, sagte eine kleine Stimme in ihm.

Sie aßen ihre Hotdogs und unterhielten sich kurz über Cathy und Zack. Er kannte Cathy so gut wie gar nicht, aber es gefiel ihm, dass sie ihm keine Vorwürfe gemacht hatte, erst so spät zur Hochzeit erschienen zu sein. Sie unterhielten sich über einige Dinge, nur nicht über sich selbst. Allmählich entspannte sich Adam, nun da die schlimmste Phase des Klatsches hinter ihm lag.

„Du hast dich überhaupt nicht verändert“, bemerkte eine der Frauen, als er erklärte, er wolle so bald wie möglich wieder abreisen. Plötzlich interessierten sich alle für seine Zukunft. Er wusste, welche Antworten von ihm erwartet wurden, obwohl er selbst keine Ahnung hatte, was er tun oder wohin er gehen wollte.

Julia lächelte vor sich hin. Sie hatte Pläne für ihn. Wenn er gedacht hatte, sie würde sich ärgern, so hatte er sich geirrt. Sie ließ ihn ihre Sympathie spüren.

Einer der Männer hatte eine Gitarre dabei, und bald befand sich alle in der Gruppe in nostalgischer Stimmung und sangen alte Folksongs. Und jedes Mal, wenn sein Blick auf Julias leuchtende Augen fiel, durchströmte Adam ein Gefühl der Freude. Er musste sich zurückhalten, um nicht seinen Arm um sie zu legen.

Der Gitarrist spielte noch einige bekannte Titel von „Fleetwood Mac“, und dann das Lied „Landslide“. Julias Stimme klang so klar und rein, dass es Adam die Kehle zuschnürte und er die Augen schloss. Sosehr er sich dagegen wehrte, er wünschte sich, dass dieser Moment ewig andauerte. Julias helle Stimme, der Klang der Gitarre, das prasselnde Feuer in der kühlen Nachtluft, wie schön war das alles. Zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte er nicht seine gewohnte innere Unruhe.

Das Lied endete in Applaus, gleichzeitig das Signal zum Ende des Abends. Die Gruppe begann, sich aufzulösen. Julia zögerte einen Moment, bevor sie aufstand und Adam ihre Hand entgegenstreckte. „Komm mit. Ich möchte dir etwas zeigen. Und wenn du ganz brav bist, kannst du es auch haben.“

Adam bestand darauf, in seinen Jeep zu fahren. Julia wies zwar zu Recht darauf hin, dass es einfacher wäre, wenn sie in ihrem Wagen vorausfuhr, da sie den Weg kannte, aber wann hatte Adam Brody je auf die Stimme der Vernunft gehört? Ebenso wenig, wie normale, vernünftige Leute ja auch nicht von Klippen oder aus Flugzeugen sprangen. Seine Mutter hatte immer die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, wenn er sich auf ein neues Abenteuer eingelassen hatte. „Der Junge hat seinen Verstand schon vor Jahren verloren“, pflegte sie zu sagen. Julia dagegen hatte immer ganz genau gewusst, was sie durfte oder was auch in Zukunft vernünftig sein würde.

„Ich wüsste zu gern, was du denkst“, sagte Adam, während er ihren Anweisungen folgte und auf der neu gebauten Straße zum anderen Ufer des Mirror Lake fuhr.

„Ich dachte gerade, ich hätte dich vielleicht besser doch nicht hergebracht. Es würde deiner Mutter sicher nicht gefallen. Sie möchte doch, dass du zu Hause bleibst.“

„Ich bleibe nie zu Hause.“

„Das stimmt.“ Mit einer Hand umkrampfte sie den Türgriff. Ihr Magen zog sich zusammen. Adam würde nicht bleiben, um nichts auf der Welt. Sie konnte nur versuchen, ihm seinen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. „Ich habe gehört, euer Haus ist voller Verwandtschaft.“

„Erinnere mich bloß nicht daran.“ Die Straße führte durch ein Waldstück, bis sie plötzlich den Blick auf eine Lichtung freigab, von der aus man den östlichen Teil des Sees überblicken konnte. Adam drosselte die Geschwindigkeit. „Was ist hier passiert?“

„Das Gelände ist neu erschlossen worden.“ Sie wies auf die große Tafel mit der Aufschrift „Hier entsteht Evergreen Point“.

Sie hatte nicht mit seinem entsetzten Gesichtsausdruck gerechnet. „Ich habe früher in diesen Wäldern kampiert.“ Die Straße führte an einigen im Bau befindlichen Häusern vorbei. „Herrje.“

„Ich dachte, du brauchst vielleicht einen Platz, um deiner Verwandtschaft auszuweichen.“

Er sah sie verwundert an. „Willst du mir etwa ein Haus verkaufen?“

„Nein! Natürlich nicht. Aber ich betreue dieses Projekt und habe daher auch die Schlüssel des Musterhauses.“ Das war keine gute Idee. Er würde bestimmt lieber in einem Zelt auf dem Parkplatz übernachten. „Wenn du daran Interesse hast. Ich meine, nur um Abstand zu halten.“ Sie holte tief Luft. Was war nur mit ihr los? Sie war dafür bekannt, sich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen.

Adam hielt den Wagen an. „Was hast du gerade gesagt?“

„Ich biete dir das Musterhaus als Ausweichquartier an. Allerdings nur zum Übernachten. Tags müsstest du raus, weil ich da Kunden durchs Haus führe. Außerdem wird hier überall gebaut.“

„Schau an“, bemerkte er mit hochgezogenen Augenbrauen. „Das ist so gar nicht mehr die Goldie, wie ich sie in Erinnerung habe. Die Goldie von damals hat sich immer streng an die Vorschriften gehalten.“

„Vielleicht kennst du mich doch nicht so gut, wie du denkst.“

„Wohl nicht. Fallschirmspringen, Bergsteigen, Einbrechen … was kommt als Nächstes?“

„Das ist nichts weiter als ein Tauschgeschäft. Ich besorge dir einen Ort zum Übernachten, und du bringst mir dafür das Felsklettern bei.“ Julia löste ihren Sicherheitsgurt. Seine unverhohlene Neugier machte sie nervös. „Hast du Interesse? Willst du es dir einmal ansehen?“

„Wieso nicht?“

„Vielleicht gefällt es dir ja.“ Sie wies ihm den Weg zu einem Teil der Baustelle, der fast fertiggestellt war. Ansonsten wirkte der Ort wie eine Geisterstadt mit den offenen Fensterhöhlen und nackten Mauern.

Im hellen Mondlicht sah man den See glänzen wie einen riesigen polierten schwarzen Onyx. Zumindest die Einsamkeit würde Adam gefallen.

Das Musterhaus war ein zweistöckiges Gebäude mit großen Zimmern. Adam ertrug keine engen Räume. Sie holte den Schlüssel aus ihrer Handtasche, während sie dem Plattenweg zum Haus folgten. „Grundsolide gebaut“, erklärte sie, als sie aufschloss. „Hübsch geschnitten. Am Anfang sollten alle Häuser nach einer Vorlage gebaut werden, aber dann hat die Firma Zack engagiert, um jedem Haus eine eigene, unverwechselbare Note zu geben.“

„Du musst es mir nicht anpreisen.“ Er betrachtete die große Fensterfront an der gegenüberliegenden Wand. Er konnte die Sterne am Himmel sehen.

„Entschuldige. Das ist eine Berufskrankheit.“ Im nächsten Moment bereute sie ihr Vorhaben. Das war sicherlich kein Ort für Adam. „Es gefällt dir nicht, oder?“

„Es sieht aus wie aus einem Werbekatalog. Ich hätte Angst, es schmutzig zu machen.“

„Ach was. So wie ich dich kenne, hinterlässt du keinen Krümel.“ Er mochte zwar ein Teufelskerl sein, aber er kümmerte sich immer um die Umwelt. Selbst am heutigen Abend war er der Letzte gewesen, der die Party verlassen hatte. Er hatte darauf geachtet, dass das Feuer auch wirklich aus war, und hatte dann noch den Müll aufgesammelt. In der Hinsicht verhielt er sich vorbildlich.

„Es ist doch nur zum Übernachten. Es muss dir ja nicht gefallen.“

„Danke für das Angebot, aber es ist mir hier nicht geheuer.“

„Du warst nicht einmal oben. Es hat ein hübsches Kuppeldach aus Glas. Du magst doch schöne Aussichten. Von dort oben hat man einen herrlichen Blick auf den See.“

Er tat aus Spaß so, als müsste er ersticken. Manchmal fragte sich Julia, ob er unter Klaustrophobie litt. Der Aufenthalt in geschlossenen Räumen war für ihn eine größere Qual als für einen Südseeinsulaner. Die Zeit nach dem Unfall im Krankenhaus musste die Hölle für ihn gewesen sein. Schlimmer noch als die mögliche Querschnittslähmung.

„Ich schätze, du kannst auch bei deinen Eltern schlafen“, sagte sie leichthin. „Mit wem musst du dein Zimmer teilen?“

Jetzt musste Adam lächeln. „Mit meinem Cousin Jack. Der mit dem Asthma. Er hat einen ganzen Koffer voller Medikamente dabei und muss ständig seinen Inhalator benutzen.“

Julia hielt ihm wortlos den Schlüssel hin.

Er streckte seine Hand aus und Julia verspürte das Verlangen, seine Hand zu zu streicheln. Er hatte die Hände eines Künstlers. Langgliedrige, biegsame Finger, kraftvoll, aber sehr empfindsam. Auch eine dieser Erinnerungen, mit denen sie sich über lange, kalte Winternächte rettete.

Doch sie riss sich zusammen und übergab ihm einfach den Schlüssel. Es war nicht klug, wenn Adam zu schnell ihre Gefühle für ihn erkannte. Sie konnte sich nicht sicher sein, dass er in den vergangenen Jahren überhaupt an sie gedacht hatte.

Adam steckte den Schlüssel ein und deutete dann auf eines der unfertigen Häuser. „Schau, Goldie, dass ist schon eher mein Stil.“

„Da kannst du nicht rein“, beeilte sie sich zu sagen, aber Adam stürzte bereits los. „Nicht, Adam!“ Sie lief durch den Matsch hinter ihm her. „Das ist zu gefährlich.“

Sein Lächeln sagte ihr alles, was sie doch hätte wissen müssen. Gefahr war sein zweiter Vorname.

Das Dach des Hauses war nur teilweise gedeckt, und der Wind pfiff durch Dutzende von Öffnungen. Julia folgte ihm unsicher zur Treppe, die eher einer behelfsmäßigen Leiter glich. Noch fehlte das Geländer.

„Vorsicht“, flüsterte Julia.

„Bleib unten“, wies er sie an. „Ich will mich nur kurz umschauen.“

„Ich komme mit.“ Beim Heraufsteigen vermied sie jeden Blick nach unten. Ihr ganzes Leben hatte sie auf Sicherheit gesetzt, denn von einer ehemaligen Ballkönigin erwartete man, dass sie nicht in den Dreck fiel. Aber das war nun vorbei. Sie wollte aus ihrem Käfig ausbrechen und wirklich leben.

Adam half ihr bei den letzten Stufen, was auch gut so war, denn sie konnte eine leichte Übelkeit nicht verhehlen. Kaum im zweiten Stock angekommen, wurde ihr klar, was er vorhatte. Es würde ihr nichts übrig bleiben, als ihm zu folgen. „Du willst doch nicht etwa …?“

Er wollte. Auch dieses Haus besaß ein Kuppeldach, nur dass dieses noch nicht fertig war. Noch fehlte das Glas, und es war auch keine Leiter zu sehen.

„Denk an den Ausblick“, lockte Adam.

„Mir gefällt die Aussicht auch von hier.“

„Von hier kannst du nicht über die Bäume sehen.“ Er lehnte sich so weit aus einer leeren Fensterhöhle, dass sie ihn am liebsten am Gürtel festgehalten hätte. Leider trug er gar keinen, sondern Hosenträger, die unter der Smokingjacke verborgen waren. Mittlerweile hatte er den Hemdkragen geöffnet und die Ärmel bis zum Ellbogen hochgeschoben. James Bond auf einer geheimen Mission, umwerfend sexy in seiner zerknautschten Pracht.

„Was soll das?“, jammerte sie, als er aus dem Fenster kletterte. Für einen Mann mit seiner Krankengeschichte war er erstaunlich gelenkig.

Er warf ihr einen beruhigenden Blick zu, und es schien ihm bestens zu gehen. „Weißt du, was man antwortet, wenn man gefragt wird, wieso man den Mount Everest besteigt?, Weil er da ist.’“

Adam kletterte raus, und Julia stieß einen spitzen Schrei auf. Dann eilte sie zum Fenster, nur um zu sehen, wie er hinter dem Dachvorsprung verschwand. Auf diese Weise konnte sie ihm unmöglich folgen.

Plötzlich steckte er seinen Kopf durch ein Loch im Dach. „Hierher.“

Sie verrenkte sich fast den Nacken, als sie hochblickte. „Das hast du doch schon mal gemacht, oder nicht?“

„Erinnerst du dich noch an die verlassene Scheune an der Old Town Road? Ich bin da immer vom Heuboden aufs Dach geklettert.“

„Das passt. Hoffentlich ist es der Ausblick auch wert.“ Er wirkte jetzt ganz in seinem Element. Ja, dass war der Adam Brody, wie sie ihn in Erinnerung hatte.

„Möchtest du auch mal sehen?“ Er hielt ihr einen Arm hin.

Aber sie wusste, dass es unmöglich war, denn er befand sich viel zu hoch über ihr. „Das geht nicht.“

„Aber du wolltest doch klettern. Dann trau dich auch.“

Sie schaute sich in dem Raum um, in dem eine Menge Baumaterial herumlag. Schließlich entdeckte sie an der Wand einige Säcke mit Gipsmörtel und stapelte sie unter der Dachöffnung. Doch dann fiel der oberste Sack herunter und tauchte den Raum in weißen Staub.

„Ich komme runter.“

„Nein! Bleib da.“ Julia kletterte auf die verbliebenen Säcke, mit ausgebreiteten Armen balancierend. „Ich komme hoch.“

Aber es reichte noch immer nicht, sodass Adam ihr schließlich helfen musste. Er hielt ihr seine Hand hin, und obwohl sie es selbst kaum glauben konnte, gelang es ihr, sich an seinem Unterarm hochzuziehen, als wäre sie eine geborene Artistin.

Als sie fast oben war, fragte sie sich, ob seine Muskeln ihr Gewicht aushalten würden. Der Druck auf seine Schulter war enorm, und die Beine hatte er um einen Pfosten geschlungen.

„Uff.“ Im nächsten Augenblick fasste er sie um die Taille und zog sie auf das Dach. Sie konnte den Geruch von frischem Sägemehl wahrnehmen. „Was war denn das?“, fragte sie keuchend. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass du so stark bist.“

Er atmete laut aus. „Meine Hagerkeit täuscht.“

Julia schaute sich auf dem halb fertigen Dach um. Sie kam sich hier wie auf einem Hochsitz vor. „Wie kommen wir wieder herunter?“

„Runter ist immer einfach als rauf.“

„Nur, wenn man ein Trapezkünstler ist.“ Sie blickte vorsichtig über die Dachkante. Es war ganz schön hoch. „Es gibt auch kein Netz, das uns auffangen könnte.“

Langsam, aber konzentriert richtete Adam sich auf. „Wenn man etwas riskieren will, muss man eben auf Sicherheit verzichten. Denk einfach nicht mehr daran, und genieß den Ausblick, Goldie.“

Er fasste sie am Ellbogen und half ihr auf. Sie konnte seine auch durch ihren dicken Sweater spüren. Als sein Arm um ihre Taille zu liegen kam, wurde ihr heiß. Für einen kurzen Augenblick erinnerte sie sich daran, wie es gewesen war, als er sie am ganzen Körper berührt hatte. Überall.

Der Wind spielte mit ihrem Haar und sie befeuchtete ihre Lippen mit der Zunge. „Es ist wirklich schön.“

„Schön genug, dass du dein Leben dafür riskieren würdest?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Warum willst du dann auf Berge klettern oder aus Flugzeugen springen?“

Julia spürte, dass Adams reine Anwesenheit sie durcheinanderbrachte und begann plötzlich, an ihren Plänen zu zweifeln. Ja, sie wollte ihr Leben ändern. Aber diese Veränderung beinhaltete Adam, und Adam bedeutete Kummer und Schmerz, denn sie wusste, dass er sie wieder verlassen würde. Das hatte sie schon früher davon abgehalten, denn sie ängstigte sich davor, allein, nur mit ihren Erinnerungen, in Quimby zurückgelassen zu werden.

„Es ist, weil …“ Sie atmete die kühle, klare Nachtluft ein und blickte auf den glitzernden See. Es war ein Dilemma. Wollte sie nur Erinnerungen behalten oder gar nichts haben, an das es sich zu erinnern lohnte?

Spring, sagte sie zu sich selbst.

„Es ist nicht nur die körperliche Herausforderung, ich will auch dich …“ Ein Lufthauch fuhr durch ihr Gesicht. „Ich möchte mit dir zusammen sein und herausfinden, ob wir …“ Lass die Katze aus dem Sack, befahl sie sich. „Ich will herausfinden, ob wir noch Gefühle füreinander haben.“

Es wurde ganz still um sie herum. Ihr Selbsterhaltungstrieb schien in voller Alarmbereitschaft. Wahrscheinlich hatte Adam sie nur hier mit heraufmitgenommen, um ihr zu beweisen, wozu sie alles nicht in der Lage war. Doch da hatte er sich verrechnet. Sie hatte es getan und war bereit, mehr zu riskieren.

Sie erinnerte sich, dass Cathy ihr erzählt hatte, dass der Zauber der Brodys lange wirkte. Da konnte sie nur zustimmen. Seit ihrem achtzehnten Geburtstag, dem Tag, über den sie nicht mehr redeten, weil sie dann ihren Verrat eingestehen müssten, hatte sie sich gefragt, ob sie es nicht doch noch einmal mit Adam versuchen sollte.

Das war nun zehn Jahre her. Bis auf die Geschichte mit Laurel hatte Adam fast das Leben eines Mönches geführt. Julia war nicht so stark. Sie war ein schwacher Mensch, und sehnte sich nach dem, was sie verloren hatte.

Es herrschte noch immer unbehagliches Schweigen.

Sie blickte Adam an, aber sein Gesichtsausdruck war unergründlich.

Es ist nichts Weiches an ihm, dachte sie. Nur Muskeln und Knochen. Lag hinter all den stählernen Muskeln und dem eisernen Willen vielleicht doch ein weicher Kern? Ein kleines bisschen Zärtlichkeit?

Vielleicht. Sie musste einfach daran glauben.

3. KAPITEL

„Adam!“

„Julia?“ Adam starrte sie erschrocken an. „Was machst du denn hier?“

„Also, ich …“ Julia zog instinktiv das Negligé enger um sich und blickte unsicher auf die brennenden Kerzen. Adam versuchte, nicht darauf zu achten, wie sich ihre Brüste unter dem dünnen Seidenstoff bewegten. „Dich habe ich gar nicht erwartet.“ Unwillkürlich lief sie rot an.

Natürlich hatte sie auf Zack gewartet, überlegte Adam. Natürlich.

Doch als sie einen Wagen kommen hörte, zog sie ihn schnell ins Zimmer. „Ist Zack verhindert?“

„Keine Ahnung. Ich habe nur diese Nachricht bekommen …“ Er suchte in seiner Tasche nach dem Zettel, darauf bedacht, nicht die Fotografie herauszuholen, die er auf der Party hatte mitgehen lassen.

Julia riss ihm den Zettel aus der Hand. „Wer hat dir den gegeben?“

„Einer der Jungs. Die Party war gerade dabei, sich aufzulösen, und einer meinte, der Zettel sei für mich. Ich habe zwar nicht gewusst, was das soll, aber …“ Er zuckte hilflos mit den Schultern. Vor Ärger vergaß Julia, dass sie unter dem Negligé nur ein kurzes Nachthemd trug. Ihre Beine waren nackt und Adam stellte sich vor, dass sie sicher auch keinen Slip anhatte.

Unaufgefordert setzte er sich neben sie auf das Bett. Oh, Mann. Sie sah ihm seine Erregung bestimmt an. Dabei war er gleichzeitig auch bestürzt, war sie doch die Freundin seines Bruders.

Ihr langes, blondes Haar fiel ihr über die Schulter, während sie auf den Zettel starrte.

Adam räusperte sich. „Ich schätze, der falsche Bruder ist gekommen.“

„Wusstest du eigentlich, dass ich in Japan war?“, fragte Adam, ohne Julia anzusehen.

Julia antwortete nur mit einer unbestimmten Handbewegung.

„Vor drei Jahren.“ Sein Puls raste.

„Ich habe davon gehört.“

„Eine bemerkenswerte Reise. Ich war zum Eisklettern in Hokkaido, aber schließlich bin ich ganze sechs Monate geblieben. Die haben eine besondere Philosophie, um im Einklang mit der Natur zu leben. Sehr anregend. Die Idee der Japaner, wie man eine Ordnung in die Natur bringt, hat mich fasziniert. Hast du schon einmal einen japanischen Garten gesehen? Die absolute Perfektion. Sie habe dort Leute, deren einzige Aufgabe es ist, jedes kleinste Stück Dreck vom Moos aufzusammeln. Die rutschen dann stundenlang auf Händen und Knien umher …“

„Und da hast du dich entschieden, auch einer von ihnen sein zu wollen?“

„Um Himmels willen, nein. Ich wäre noch vor Ablauf des ersten Tages in der Irrenanstalt gelandet.“

„Warum erzählst du es mir dann?“

Der harsche Klang ihrer Stimme verletzte ihn. „Ich bin durch das ganze Land gereist, habe auf Matten geschlafen und mich von Fisch, Reis und Seegras ernährt. In den Bergen habe ich dann einen Handwerker kennengelernt, der hölzerne Schalen und Kisten schnitzte. Er war uralt und konnte seine Hände kaum noch bewegen, aber er war immer noch dabei, eine Trinkschale ohne jeglichen Mangel zu erschaffen. Er hatte sein ganzes Leben dem Streben nach Perfektion gewidmet.“

„Aber so etwas gibt es doch gar nicht.“

„Nein? Ist ein Blatt etwa nicht perfekt?“

Julia schüttelte den Kopf. „Ich habe stundenlang nach einem makellosen Herbstblatt gesucht, um es zu pressen. Aber sie hatten alle kleine Mängel.“

„Wie ist es mit einem Stein?“ Er griff in seine Hosentasche.

Sie sah auf seine geschlossene Hand und streckte ihren Arm aus. Adam ließ einen kleinen Stein in ihre Hand fallen. „Sieh nicht hin. Fass ihn nur an. Er ist perfekt.“

Julia hielt die Augen fest geschlossen. Der Stein war rund und ganz glatt. Mit den Fingerspitzen suchte sie nach Unebenheiten, aber sie sah nicht hin.

„Ich habe es mir angewöhnt, von allen meinen Reisen einen kleinen Stein mitzubringen. Ein Stück Schiefer, einen Achat, der ans Ufer gespült wurde. Ganz gewöhnliche Steine von allen Flüssen, auf denen ich gerudert bin.“

„Wieso?“

„Zur Erinnerung.“

Die Augen noch immer geschlossen, hielt sie den Stein an ihre Lippen, als ob sie ihn küssen wollte. Adam blieb fast das Herz stehen. „Woher kommt dieser hier?“, fragte sie dann.

„Aus Idaho.“

„Da steckt doch bestimmt mehr dahinter“, flüsterte sie. Plötzlich hielt sie inne. „Hier ist ein Fleck.“

„Das ist Blut.“

Sie erschrak so sehr, dass der Stein ihr entglitt. Er fiel auf das Dach, rollte über eine Schräge und verschwand in der Dunkelheit.

„Oh, nein! Das tut mir so Leid, Adam. Wir können gleich runterklettern und …“

Er legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Nein. Lass ihn.“

„Aber …“ Sie wischte sich mit dem Ärmel ihres Sweaters über den Mund. „Wessen Blut war das?“

„Meines.“

„Aber das ist ja schrecklich.“

Also erzählte er ihr von dem Unfall. Wie er die Leitplanke durchschlagen hatte und aus dem Wagen geschleudert worden war. Wie er stundenlang mit gebrochenen Gliedmaßen im Dreck gelegen hatte. Die ganze Zeit hatte er diesen Stein dabei fest umklammert gehalten.

„Ein Jahr später bin ich noch einmal zum Ort des Unfalls gefahren. Ich wollte den Stein dort wegwerfen, aber ich konnte es einfach nicht.“

Julia biss die Zähne zusammen. „Und nun habe ich ihn verloren.“

„Das macht nichts. Ich habe damit abgeschlossen.“

„Wirklich?“

„Ich denke, schon.“

„Wieso ausgerechnet jetzt?“

„Weil ich wieder zu Hause bin“, antwortete er, ohne nachzudenken.

„Aber du wirst nicht bleiben.“ Julia berührte ihn zärtlich am Arm. „Du bist auf deiner eigenen Suche nach Perfektion. Aber es ist eine grimmige Art von Perfektion.“ Sie ließ ihn wieder los. „Und sie macht mir Angst.“

Mir auch, dachte er.

Das war sein Mangel.

Adam half Julia beim Abstieg vom Dach und fuhr sie zu ihrem Wagen am Strand. Als sie wegfuhr, atmete er erleichtert aus, war es ihm doch gelungen, ihrer Frage bezüglich ihrer Beziehung auszuweichen. Sollte er sich aber entscheiden, sie wieder zu sehen, musste er sich etwas einfallen lassen. Es gab genug gute Gründe, ihre gefährlichen Gefühle füreinander auf sich beruhen zu lassen. Julia mochte zwar glauben, dass sie ein aufregenderes Leben führen wollte, aber sie war einfach nicht der Typ dafür. Schon zu ihrem eigenen Schutz durfte er sich nicht mit ihr einlassen. Sie war wie geschaffen für ihr biederes, geregeltes Leben, und sie würde auch bestimmt eine gute Ehefrau abgeben. Ein Kerl wie ich ist nichts für sie, sagte er sich wieder und wieder, während er zum Haus seiner Eltern fuhr. Sie hatten seine Abwesenheit bestimmt schon bemerkt, und er hatte ihnen in seinem Leben schon mehr als genug Sorge bereitet.

Er hatte zwar nie in Erwägung gezogen, Julias Schlüssel zu benutzen, aber er erwachte am frühen Morgen aus unruhigem Schlaf. Das Haus und die vielen Menschen darin – er fühlte sich, als würde ein zentnerschweres Gewicht auf seiner Brust lasten.

Er lauschte in der Dunkelheit dem unregelmäßigen Schnarchen seines Cousins. Der Schlüssel fiel ihm ein. Und der Stein.

Fünfzehn Minuten später kniete er neben dem unfertigen Haus und untersuchte den Boden mit den Händen. Er erkannte den Stein nur durch die Berührung und nahm ihn auf. Dann blieb er auf dem kalten Beton des Fundaments sitzen, bis die Sonne aufging. Vor seinem geistigen Auge sah er Julia vor sich. Einmal als den goldblonden Traum seiner Jugend, dann als die tolle Frau, zu der sie sich entwickelt hatte. Als es endlich hell genug geworden war, betrachtete er die beiden Dinge, die ihn in der Nacht beschäftigt hatten. In seiner rechten Hand hielt er den Stein, in der linken das Foto von Julia an ihrem achtzehnten Geburtstag. Julia in ihrer ganzen Perfektion und Natürlichkeit.

Als Adam wieder zu seinen Eltern fuhr, wurde gerade die Straßenbeleuchtung abgeschaltet. Sein Elternhaus leuchtete weiß im Licht der Morgensonne. Er nahm den Hintereingang in die Küche und füllte die Kaffeemaschine. Es würde eine Unmenge Kaffee brauchen, die riesige Verwandtschaft zu versorgen. Kaum war die erste Kanne Kaffee aufgebrüht, setzte sich sein nun auch erwachter Vater zu ihm an den Küchentisch.

„Du warst schon draußen“, stellte Reuben Brody fest, sein unrasiertes Kinn auf eine Hand gestützt. Er schien jedes Jahr kleiner und schmaler zu werden. Seine grauen Haare standen zu Berge, und seine Augen waren von der morgendlichen Müdigkeit gezeichnet.

Aber das Aussehen konnte täuschen. Adam wusste, dass sein Vater geistig immer hellwach war. „Ich konnte nicht schlafen. Es war mir zu warm im Haus.“

„Du wirst dich nie ändern. Wie oft habe ich dich am Morgen neben dem Rhododendronbusch gefunden. Deine Mutter hat alle Türen verschlossen, aber du hast immer wieder den Schlüssel gefunden.“

„Oder bin aus dem Fenster geklettert.“

Autor

Carrie Alexander
Von Anfang an stand fest, dass Carrie Alexander einen kreativen Beruf ausüben würde. Bereits als Kind hatte sie eine überaus lebhafte Fantasie, dachte sich Geschichten aus und malte viel.

Schließlich wurde sie Bibliothekarin. Sie versuchte sich in ihrer Freizeit an Horrorgeschichten und malte in Öl. Damals entdeckte sie ihre erste...
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Linda Winstead Jones
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Lisa Renee Jones
Da sie ihren Traum ein Autor zu werden realisieren wollte, gründete Lisa Renee Jones eine Personalagentur, die über 16 Millionen im Jahr umsetzte. Sie wurde als Autorin berühmt, da sie viele Artikel im anerkannten Entrepeneur Magazin veröffentlichte. 2003 verkaufte sie ihr Unternehmen, um sich in Vollzeit dem Schreiben widmen zu...
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