Tiffany Exklusiv Band 93

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SPITZE, SEIDE UND SATIN von TAWNY WEBER
Die Dessous, die Audra entwirft und trägt, sind unwiderstehlich! In einer Bar lässt sie sich deshalb auf eine frivole Wette ein: Sie kann den Erstbesten verführen! Denn wenn sie ihn erst zu Hause hat, kommt der große Auftritt ihrer kleinen Designerstücke. Doch Detective Jesse Martinez erweist sich als äußerst standhaft …

LIEB MICH, FREMDER! von LESLIE KELLY
In sexy Spitzendessous steht Noelle in der Umkleidekabine, bereit, das kleine Schwarze für eine Weihnachtsfeier anzuprobieren – da stürzt ein attraktiver Mann herein. Noelle sollte schockiert sein! Doch sie genießt die prickelnde Situation und spürt die heißen Lippen des Fremden auf ihrer nackten Haut ...

TRÄUME AUS SEIDE UND SPITZE von TRACY KELLEHER
Eine Dessous-Boutique erregt Aufsehen in einem kleinen Ort. Das war Eve klar. Doch dass heiße Höschen gestohlen werden, geht eindeutig zu weit! Sie erstattet Anzeige, und als Detective Carter Moran die pikanten Fakten inmitten von Seide und Spitze aufnimmt, wird ihm ganz heiß. Er verspricht, alles zu tun, um den Dessousdieb zu fassen. Wirklich alles?


  • Erscheinungstag 19.10.2021
  • Bandnummer 93
  • ISBN / Artikelnummer 8066210093
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Tawny Weber, Leslie Kelly, Tracy Kelleher

TIFFANY EXKLUSIV BAND 93

1. KAPITEL

Wahrscheinlich hätte sie es kommen sehen können. Aber von den besten Freundinnen? Und so unvermutet?

„Könntet ihr das wiederholen?“ Man merkte Audra Walker weder die Wut an noch den tiefen Schmerz. Sie hatte früh gelernt, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten.

Das „Wild Thing“ war einer der typischen Clubs, in denen Audra sich mit ihren Freundinnen traf. Laute Musik, Stimmengewirr und dazu die Lichtorgel. Bis vor Kurzem hatte es Audra nicht gestört, sich in solchen Clubs zu treffen.

„Du nimmst es nicht mehr ernst, Audra. Du gehst nicht mehr als ‚Wild Chick‘ durch.“ Suzi Willits’ leicht heisere Stimme klang todernst. Die üppige Blondine hob eine gebräunte Schulter hoch, wodurch ihre vollen Brüste unter dem Leopardentop auf und ab wippten. „Auch wenn wir dir in letzter Zeit nicht mehr viel bedeuten, so haben wir doch gewisse Regeln, an die wir uns halten.“

Audra verdrehte die Augen. Sollte das ein Witz sein? Bestimmt nerven sie mich nur eine Weile, und dann gratulieren sie mir zur Beförderung, dachte sie und atmete tief durch, um die aufsteigende Panik zu bekämpfen. „Ich habe die Grundsätze doch festgelegt: Männer und Drinks, die Werkzeuge der Wild Chicks.“

„Dann weißt du auch besser als wir alle, dass diese Werkzeuge ständig geschärft werden müssen.“

An Suzis Tonfall erkannte Audra, wie ernst ihre Freundin es meinte.

Audra blickte von Suzi zu Bea Tanner. Die rothaarige Bea rührte verlegen mit einem Stück Mango in ihrer Margarita.

Am liebsten hätte Audra laut aufgelacht. Sollte sie den beiden sagen, was sie von ihnen hielt, und aus dem Nachtclub verschwinden? Nein. Bea und Suzi waren ihre besten Freundinnen, seit sie sich mit vierzehn auf der Highschool beim Nachsitzen kennengelernt hatten.

Das war jetzt zehn Jahre her, und außer Bea, Suzi und Isabel hatte Audra kaum Freunde. Die meisten Menschen stempelten sie auf den ersten Blick als Versagerin ab. Das hatte ihr nie etwas ausgemacht, weil ihre Freundinnen immer für sie da gewesen waren. Erst sie hatten ihr gezeigt, wie sie ihre Schönheit richtig einsetzen konnte.

Audra blickte hoch, als die Vierte im Bunde, Isabel Santos, vom Tanzen an den Tisch zurückkam. Isabel gehörte nicht zu den Wild Chicks, aber sie kannte Audra schon von frühester Kindheit an und hatte im Laufe der Jahre viele Abende mit den drei Freundinnen verbracht. Nach der Schulzeit hatte Isabel sich allerdings auf ihre Karriere konzentriert, während die Wild Chicks das Leben in vollen Zügen genossen. In letzter Zeit hatte Audra jedoch ebenfalls begonnen, an ihrer beruflichen Zukunft zu basteln.

„Ständig hängst du mit dieser Natasha rum.“ Bea schob ihre mit Silikon aufgespritzte Unterlippe schmollend vor. Sie erwähnte gern und oft, dass ihr Foto schon einmal auf einem Zeitschriften-Cover gewesen war.

Jetzt verriet Beas abfälliger Blick Audra, wie ernst es ihnen war. Sie wollten sie aus dem Club der Wild Chicks ausschließen.

„Natasha ist meine Schwägerin und mein Boss. Ihre neue Dessous-Kollektion wird ausschließlich nach meinen Entwürfen gefertigt.“ Genau das hatte Audra heute Abend eigentlich feiern wollen. Sie war jetzt Chef-Designerin von „Simply Sensual Lingerie“, und damit erfüllte sich ein Traum von ihr.

„Etwas anderes hören wir seit einem Jahr nicht mehr von dir“, stellte Suzi klar. „Ständig hast du gearbeitet oder gelernt. Wir dachten, das würde mit deinem Abschluss vor ein paar Monaten vorbei sein, aber jetzt geht’s immer nur um deine Arbeit.“

„Ach, hört doch auf! Ihr habt doch auch Jobs und Verpflichtungen.“

Bea wechselte häufig den Job, Suzi arbeitete als Friseurin in einem exklusiven Salon in San Francisco, und Isabel besaß ein kleines Blumengeschäft.

„Wieso geht’s hier denn nicht um eure Jobs?“ Audra blickte in die Runde.

„Weil wir einen Ausgleich zwischen Job und Freizeit finden.“ Suzi sprach in einem gekünstelten Tonfall.

„Und was tue ich?“

„Du bastelst an deiner Karriere.“ Bea klang so bedrückt, als würde Audra sich ein Arsenal von Massenvernichtungswaffen zulegen.

„Audra ist eine tolle Designerin. Freut ihr euch nicht für sie?“ Fassungslos sah Isabel die anderen an.

Suzi schnaubte. „Freundinnen lassen nicht zu, dass eine von ihnen ihre besten Jahre mit Karrieredenken vergeudet. Für so einen Quatsch ist später noch Zeit, wenn Sex keinen Spaß mehr macht.“

Wie üblich folgte eine Diskussion zwischen Isabel und Suzi über die Bedeutung von Sex, doch Audra klinkte sich gedanklich aus. Am liebsten hätte sie laut aufgeschrien. Ihr älterer Bruder hatte ihr immer wieder gepredigt, sie würde sich durch die Wild Chicks ihr Leben verpfuschen. Isabel redete ständig auf sie ein, sie solle sich Ziele setzen und herausfinden, was ihr im Leben wirklich wichtig sei.

Und jetzt musste sie sich von ihren Freundinnen anhören, sie gehöre nicht mehr dazu, weil sie versuchte, sich eine Zukunft aufzubauen. Warum akzeptierte niemand sie einfach so, wie sie war?

„Ich kann Karriere machen und meine Freundinnen behalten“, beharrte Audra. Sie hatte ja nicht vor, sich obendrein noch Ehemann und Kinder anzuschaffen.

„Tolle Karriere.“

„Ich entwerfe Dessous.“ Audra erwiderte Suzis verächtlichen Blick. „Das widerspricht wohl kaum meiner Rolle als Wild Chick.“

„Du wolltest aber immer aufregende sexy Unterwäsche kreieren.“ Darin hatten Suzi und auch Bea sie immer bestärkt. „Stattdessen gibst du dich mit süßen Nachthemden für Frauen zufrieden, die jungfräulich in die Hochzeitsnacht gehen.“

Isabel kam Audra zu Hilfe. „Jeder fängt mal klein an.“

„Jetzt reicht’s.“ Bea war von ihnen allen die sanftmütigste, doch jetzt platzte ihr der Kragen. „Audra, entweder beweist du, dass du noch zu uns gehörst, oder du wirst von den Wild Chicks ausgeschlossen.“

Isabel schnappte nach Luft. „Das ist nicht dein Ernst.“

Herausfordernd beugte Suzi sich vor und sah Audra aus ihren dunkelblauen Augen an. „Beweis es!“

Audra verdrehte die Augen. „Wie denn? Soll ich euch unter den Tisch trinken? Oben ohne auf der Bühne tanzen? Meinen Job aufgeben?“

Obwohl sie fast gelangweilt klang, wurde Audra bei der Vorstellung, so etwas wirklich zu tun, fast schlecht. Sie hatte in ihrem Leben schon genug Alkohol getrunken und wild gefeiert. Bei ihrer Mutter hatte sie miterlebt, was zu viel Alkohol anrichten konnte. Ihrer Gesundheit zuliebe beließ Audra es jetzt bei maximal zwei Drinks, doch das hatte sie bisher vor ihren Freundinnen immer geschickt verborgen.

Ihren Job aufgeben? Nein, das würde sie niemals tun. Audra liebte es, Dessous zu entwerfen. Bea und Suzi konnten nicht wirklich von ihr verlangen, diese Arbeit aufzugeben.

„Nein, viel einfacher.“ Bea richtete sich auf.

In Audras Ohren dröhnte die laute Musik.

„Ich wette mit dir …“, begann Bea.

Verdammt, das hätte Audra sich denken können.

„… dass du es nicht schaffst, es mit dem nächsten Kerl zu tun, der durch die Tür kommt.“

„Das ist doch unsinnig.“ Zornig verschränkte Isabel die Arme vor ihren runden Brüsten. „Seid ihr nicht allmählich zu alt für dieses blöde Spiel? Audra ist doch eure Freundin. Sie braucht nichts zu beweisen.“

Insgeheim stimmte Audra ihr zu. Es machte ihr keinen Spaß mehr, sich hemmungslos zu betrinken, und genauso wenig Spaß machte es ihr, mit einem Fremden Sex zu haben.

Aber hier stand nicht nur ihre Freundschaft mit Bea und Suzi auf dem Spiel. Audra spürte, dass ihr die eigene wilde, ungezügelte Seite entglitt, und sie hatte keine Ahnung, was sich dahinter in ihrem Charakter verbarg. „Kein Problem. Macht mir nichts aus.“ Audra achtete nicht auf Isabels enttäuschte Miene. Sie trank ihre Erdbeer-Margarita aus, zwinkerte den Wild Chicks zu und straffte die Schultern. Dann drehte sie sich um und schaute zur Tür.

Hoffentlich war der nächste Mann, der in die Bar kam, keine allzu große Enttäuschung.

Du lieber Himmel!

Als Audra den sexy Typ direkt am Eingang sah, seufzte sie bewundernd auf. Ja, der war bestimmt keine Enttäuschung. Motorradstiefel, abgetragene Jeans, genau an den richtigen Stellen abgenutzt.

Audras Blick glitt höher. Muskulöse Brust, perfekte Schultern. Die Ärmel seines Jeanshemds hatte er bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, die obersten Knöpfe waren offen.

Beeil dich doch, flehte Audra ihn in Gedanken an, dann kann ich es herausfinden. Angespannt hielt sie den Atem an, während sie dem Mann ins Gesicht sah.

Wahnsinn! Was für ein heißer Kerl! Schwarzes Haar, volle sinnliche Unterlippe, ausgeprägte Wangenknochen. Die Augen konnte sie aus der Entfernung leider nicht genau sehen. Eigentlich ein fast mädchenhaft hübsches Gesicht, wäre nicht das kantige Kinn gewesen, und die Nase, die er sich anscheinend nicht nur einmal gebrochen hatte.

„Ein Glück, dass ich meine sexy Dessous trage, oder?“

Bea summte anerkennend. Sogar Isabel sagte leise „Wow“. Suzi schmollte, und fast hätte Audra losgelacht. Die Regeln besagten, dass keine der anderen sich an den Mann heranmachen durfte, über den die Wette lief. Damit war der große sexy Kerl dort für Suzi tabu.

Audra beugte sich zu ihr. „Ein kleiner Schritt für ihn, ein toller Orgasmus für mich.“

Suzi musste lächeln und wollte gerade etwas sagen, doch dann riss sie die Augen auf und stöhnte gequält.

„Ups.“ Bea schlug eine Hand vor den Mund.

Isabel verzog erschrocken das Gesicht.

Audras Magen verkrampfte sich, als sie den Blicken ihrer Freundinnen folgte. Der Traummann unterhielt sich immer noch mit dem Türsteher, und da drängelte sich ein anderer Mann an ihm vorbei.

Dieser Mann war das genaue Gegenteil des Traummanns, aber Audras Stolz verbot ihr, jetzt noch einen Rückzieher zu machen.

„Kopf hoch, Audra.“ Suzi bestellte eine zweite Runde und versuchte, die Stimmung aufzulockern. „Geht auf mich, Audra. Für diese Aufgabe musst du noch einen trinken.“

Soll ich jetzt dankbar sein? fragte Audra sich.

„Und während du beweist, dass du dich immer noch jeder Herausforderung stellst, könnte ich mir eine kleine Belohnung gönnen.“

Audra folgte Suzis Blick. Der sexy Kerl hatte sich zwei Tische entfernt hingesetzt. Seltsam, Audra wollte nicht, dass Suzi diesen Mann abbekam.

Die zweite Margarita trank sie in einem Zug und atmete tief durch. Am besten brachte sie es gleich hinter sich.

Sie stand auf, strich sich den Ledermini glatt und atmete tief aus.

„Audra, das musst du nicht tun.“ Isabel berührte sie am Arm. „Suzi und Bea machen bestimmt nur Spaß. Ihr kennt euch doch seit Jahren, da muss man seine Freundschaft nicht beweisen. Schon gar nicht durch Sex mit irgendeinem … widerlichen Fremden.“ Wütend sah sie die beiden anderen Frauen an.

Bea wurde rot und wich ihrem Blick aus.

Suzi dagegen reckte das Kinn. „Es geht nicht um unsere Freundschaft. Audra weiß genau, dass wir ihre amigas sind. Hier geht es um die Regeln der Wild Chicks. Sie kann ja aus dem Club austreten. Die Wette gilt ihr, und nicht dir.“

Audra hörte den leicht verletzten Tonfall aus Suzis Stimme heraus. Offenbar brauchte ihre Freundin Bestätigung.

Bea und Suzi wollten wissen, wie Audra zu ihnen stand.

Audra atmete tief durch. In der Vergangenheit hatten sie sie so akzeptiert, wie sie war, und das hatte, abgesehen von Isabel, sonst niemand getan.

Heute Abend jedoch wollten sie einen Beweis.

Audra hätte auch mit den Schultern zucken und die Freundschaft mit Bea und Suzi einfach beenden können. Aber sie wollte kein artiges Mädchen sein. Wenn sie nicht mehr wild und ungezügelt war, was blieb ihr dann? Audra wusste es nicht, und genau deshalb blieb ihr keine Wahl.

„Ich bleibe mein Leben lang im Club“, verkündete sie. „Hoffen wir nur, dass mir der kleine Widerling dort drüben gewachsen ist.“

Isabel lehnte sich resignierend zurück.

„Schnapp ihn dir“, munterte Bea Audra auf.

„Viel Spaß.“ Suzi zwinkerte ihr zu.

Audra verkniff sich eine bissige Bemerkung. Als ihr Blick auf den sexy Typ fiel, musste sie lächeln. Es sprach ja nichts dagegen, sich vor dem Essen etwas Appetit zu holen.

Jesse Martinez blickte sich Nachtclub um. Gedränge, Lärm und überall aufgestylte Menschen. Wie war er bloß hier gelandet?

Wenn man es genau nahm, war er im Dienst, obwohl er eher am Computer arbeitete. Als Detective für organisiertes Verbrechen in Sacramento gehörten Beschattungen eigentlich nicht zu seinem Aufgabenbereich. Aber als ein Kollege behauptet hatte, Jesse würde sich nie die Hände schmutzig machen, da hatte er beweisen wollen, wozu er fähig war. Und das hatte ihn jetzt in diesen Nachtclub geführt.

Jesse bestellte sich ein Bier und behielt unauffällig den Kerl im Auge, der ein paar Tische entfernt saß. Der Mann klopfte immer wieder nervös auf der Tischplatte herum.

Aus zuverlässigen Quellen wusste Jesse, dass der Mann Dave Larson und ein Computer-Hacker mit einer Schwäche fürs Glücksspiel war. Jesse hatte auch in Erfahrung gebracht, dass Larson engen Kontakt zum organisierten Verbrechen besaß und fest entschlossen war, es als Gangster bis ganz nach oben zu schaffen. Im Moment hatte er mit der Triade „Du Bing Li“, einer chinesischen Verbrecherbande in Nord-Kalifornien, zu tun.

Jesse wusste nicht genau, was Dave vorhatte, aber es war bestimmt nichts Gutes.

Gerade als die Kellnerin ihm das Bier servierte und Jesse nach seiner Brieftasche griff, legte sich ihm eine schlanke Hand auf den Unterarm.

„Lassen Sie mich das übernehmen.“

Jesse brachte keinen Ton heraus. Die Frau in schwarzem Leder sah aus wie die Verführung in Person. Große Augen mit dichten dunklen Wimpern in einem schmalen Gesicht. Schimmernde rote Lippen, die aussahen, als habe die Frau etwas sehr Saftiges gegessen. Am liebsten hätte Jesse sich vorgebeugt, um diese Lippen zu schmecken. Das schwarze Haar trug sie kurz geschnitten, und die Spitzen waren in Magenta gefärbt.

Von Kurven wie ihren träumte jeder Mann.

Doch ihre Stimme war es, die Jesse wie in Trance versetzte. Jeder Ton von ihr klang nach Sex.

Leise lachend ging die Kellnerin wieder, und Jesse riss sich zusammen.

„Danke, aber ich kann mir meine Drinks auch selbst leisten.“ Er wünschte, es würde nicht so steif klingen.

Lächelnd beugte die Frau sich zu ihm. „Ein Mann mit Ihrem Aussehen kann sich bei mir so ziemlich alles leisten.“

Sie wartete einen Moment, dann straffte sie die Schultern und zwinkerte. „Betrachten Sie den Drink als Willkommensgruß. Ich habe Sie hier noch nie gesehen.“

„Sind Sie oft hier?“ Jesse schämte sich, dass ihm nichts Besseres einfiel. Er wusste, dass er ein guter Liebhaber war, aber er war nicht an solche Sexgöttinnen gewöhnt. Sie war ihm so nah und doch außer Reichweite.

„Ehrlich gesagt, war ich schon seit einer Ewigkeit nicht mehr hier. Aber …“ Sie sah nach rechts und links, bevor sie flüsternd fortfuhr: „Verraten Sie’s niemandem, sonst kann ich meinen Anmachspruch nicht mehr verwenden.“

Jesse lachte auf. Plötzlich rückte die Frau doch in greifbare Nähe. Entspannt prostete er ihr zu. „Das bleibt unser kleines Geheimnis. Ich bin Jesse.“

„Audra.“ Sie gab ihm die Hand.

Verdammt. Allein die Berührung ihrer Hand erregte Jesse. Wie seltsam, dachte er, dass eine so beeindruckende Frau so zierliche Hände hat.

War sie eher das heiße erotische Wesen oder die sanfte, freundliche Frau, zu der diese Hände und der unbekümmerte Humor viel besser passten? Jesse, der kein Rätsel ungelöst lassen konnte, wusste bereits in diesem Moment, dass er nicht ruhen würde, bis er alles über Audra herausgefunden hatte. Und sein Körper brannte darauf, sie näher kennenzulernen.

„Lassen Sie mich Ihnen wenigstens auch einen Drink spendieren.“

Einen Moment lang blickte sie ihn aus ihren braunen Augen begeistert an, dann wirkte sie bedrückt. „Das würde ich gern, aber heute bin ich mit jemand anderem verabredet. Eine Art Blind Date, verstehen Sie?“

Jesse hätte schwören können, Bedauern aus ihrem Tonfall herauszuhören. „Sie klingen nicht gerade begeistert.“

„Nicht sehr.“ Sie warf einen Blick über ihre Schulter und sah dann wieder zu Jesse. „Aber Sie können mir helfen.“

„Wie denn?“

„Nur ein kleiner Spaß. Eine Art Zuckerwürfel, der mir die bittere Medizin versüßt.“

Noch bevor Jesse lachen konnte, trat Audra einen Schritt näher. Zwischen ihrer Brust und seinem Unterarm blieb kaum ein Zentimeter. Weil Jesse auf dem Barhocker saß, waren sie auf Augenhöhe. Ganz unwillkürlich legte er ihr eine Hand an die Hüfte. Audra zwinkerte zustimmend.

Dann küsste sie ihn.

Erst strich sie sachte mit den Lippen über seine. Dann sahen sie sich tief in die Augen, und einen Moment lang waren sie sich ganz nahe.

Als sie Luft holte, strich sie Jesse flüchtig mit der Zunge über die Unterlippe.

Er wäre fast zusammengezuckt, so aufregend gut fühlte sich das an.

„War nett, Sie kennenzulernen, Jesse. Vielleicht sehen wir uns ja später noch.“

Fasziniert und benommen, verabschiedete er sich und schaute Audra nach. Er wollte nicht auf später warten! Doch gerade als er vom Barhocker aufstehen wollte, stellte er verblüfft fest, dass sie an Dave Larsons Tisch stehen blieb. Über den Tisch gebeugt, sagte sie etwas zu dem Mistkerl, der prompt rot anlief und irgendetwas stammelte.

Jesse runzelte die Stirn und lehnte sich zurück. Seltsam. Was hatte Audra mit einem Kerl wie Dave Larson zu tun? Eine Art Blind Date? Dave Larson war in alle möglichen krummen Sachen verwickelt und hatte Kontakt zum organisierten Verbrechen. Wie passte Audra da hinein?

Hieß es nicht, dass die Du-Bing-Li-Triade Frauen als Kuriere einsetzte? Übergab Dave ihr gerade etwas oder bekam er etwas? In jedem Fall konnte Jesse seine ganz privaten Pläne mit Audra vergessen.

Vor Eifersucht schoss er fast von seinem Stuhl hoch. Als Audra langsam über Daves scheußliche Krawatte strich, stöhnte Jesse gequält auf.

Jetzt flüsterte sie ihm anscheinend etwas Schockierendes zu, denn er zuckte zusammen, als hätte sie ihm in den Schritt gefasst. Sein Gesicht schimmerte vor Schweiß, und seine Augen traten hervor. Audra dagegen steckte ihm ganz ungerührt einen Finger durch den Krawattenknoten, während Dave von ihr zurückwich.

Einen Moment konnte Jesse nichts sehen, weil andere Gäste ihm die Sicht versperrten. Als die Leute weitergingen, sah er, wie Dave heftig den Kopf schüttelte und aufsprang.

Audra blickte ihn fassungslos an und hielt ihm etwas hin.

Jesse konnte nicht erkennen, was das war, aber Dave schwankte entsetzt vom Tisch weg, wobei er Audra über die Schulter einen ängstlichen Blick zuwarf.

Jesse stand auf. Selbst jetzt, wo Audra mit offenem Mund dastand, war sie die heißeste Frau der Welt. Jesse wusste nicht genau, ob er Dave folgen oder sich auf Audra konzentrieren sollte, um herauszufinden, welche Verbindung es zwischen den beiden gab.

Gerade als er in ihre Richtung gehen wollte, umringten drei Frauen Audra. Sie wirkten genauso fassungslos wie Audra selbst. Flüchtig musterte er die Blondine, die Rothaarige und die Brünette und glich sie in Gedanken mit der polizeilichen Datenbank ab. Nein, diese Frauen tauchten darin genauso wenig auf wie Audra.

Offenbar würden die Ladies nicht so schnell aus der Bar verschwinden. Dave dagegen machte sich davon wie eine Ratte auf der Flucht. Jesse folgte ihm, allerdings schaute er vorher noch einmal kurz zu der Frau, die die Erfüllung all seiner Träume hätte sein können.

2. KAPITEL

„Verdammt, was ist denn passiert?“ Schockiert sah Suzi Audra an. „Du hast den Widerling doch kaum berührt!“

„Warum ist er weggerannt?“ Bea ergriff Audras Arm.

Ratlos umklammerte Audra das Stück Stoff in ihrer Hand. Im Laufe der Jahre hatte sie viele Männer zum Zittern gebracht, aber bisher war noch keiner vor ihr geflüchtet. Hatten ihre Freundinnen etwa recht? War sie kein Wild Chick mehr? Hatte sie ihre Anziehungskraft verloren? „Ich glaube, er hat mich verwechselt“, stellte sie schließlich klar. „Er hat etwas gemurmelt, was ich nicht verstehen konnte, und als ich meinte, wir könnten uns doch besser kennenlernen, da ist er weggerannt.“

Isabel nahm ihr die Krawatte aus den Händen und zog beim Anblick des Stoffs die Nase kraus. „Hübsches Souvenir, Audra.“

„Als ich ihm Komplimente wegen seiner Krawatte gemacht habe, da hat er sie sich vom Hals gerissen, sie mir zugeworfen und ist wie ein verängstigtes Huhn geflohen.“

Alle Frauen blickten auf die Krawatte, die eine Beleidigung für die Augen war.

„Bedeutet das, dass du die Wette verloren hast?“ Suzi klang entsetzt.

Audras Kopf fuhr hoch.

„Nein, sie hat nicht verloren“, erklärte Bea gereizt. „Was kann sie dafür, wenn der verrückte Kerl einfach wegläuft?“

Doch Audra sah es in den Blicken ihrer Freundinnen und sogar bei Isabel. Mitleid.

Als Erste der Wild Chicks hatte Audra eine solche Wette verloren.

„Du hast recht“, stimmte Suzi zu. „Vielleicht steht er nicht auf Frauen.“

Bea lachte auf. „Und jetzt? Noch mal von vorn?? Oder trinken wir noch einen und tanzen?“

Ihre Freundinnen würden Audra nicht weiter bedrängen, allerdings wollte sie jetzt auch sich selbst beweisen, dass sie es noch draufhatte. „Ich bin noch nicht fertig. Ich muss meine Wette noch erfüllen.“

„Wie denn?“, fragte Isabel leise nach.

„Eine neue Wette?“ Bea zuckte mit den Schultern.

„Wie zum Beispiel?“

„Ganz einfach, du nimmst dir den nächsten Kerl vor, der jetzt durch die Tür kommt.“ Suzi nickte bekräftigend.

Audra verdrängte die Stimme in ihrem Kopf, die ihr sagte, dass sie überhaupt keine Lust mehr auf diese blöden Wetten hatte. Dann nickte sie und musterte die hässliche Krawatte in ihrer Hand. Die würde sie nicht in ihre winzige Handtasche bekommen.

Isabel nahm ihrer Freundin die Krawatte ab und stopfte sie sich in ihre riesige Handtasche.

Audra blickte sich um. Jesse war verschwunden. Ein Glück, dann hatte er ihr Versagen nicht mitbekommen. Hastig verdrängte sie die Gedanken an ihn und schaute zum Eingang. Hoffentlich war der nächste Kerl, der diese Tür durchschritt, kein noch größerer Widerling als der, der gerade vor ihr weggelaufen war. Am liebsten wäre ihr jemand wie Jesse, aber das wäre wohl zu viel verlangt.

Jesse kämpfte sich durch die Menge und entdeckte Dave nicht weit vom Eingang entfernt. Da stand der schmierige Kerl, telefonierte und wartete offensichtlich darauf, dass jemand ihm den Wagen vorfuhr.

„Meinen Part habe ich erledigt. Ich habe die Info an Ihren Kontakt übergeben. Wann bekomme ich nun mein Geld?“

Seufzend lehnte Jesse sich an eine Mauer. Verdammt. Anscheinend war Audra, die jeden Mann mit ihrer erotischen Ausstrahlung um den Verstand bringen konnte, tatsächlich in irgendeine krumme Sache verwickelt.

Nur mit halbem Ohr hörte er Dave zu, der über Geldtransfer und Zeitfenster verhandelte. Die Zahlung würde Jesse über die Datenströme auf Daves Computer nachverfolgen können.

In den letzten Tagen war ihm klar geworden, dass Dave Larson nur ein kleines Teil in einem viel größeren Puzzle war.

Wenn Jesse das gesamte Puzzle löste, winkte ihm eine Beförderung.

Er war jetzt achtundzwanzig, und in dem Alter war sein verstorbener Vater bereits Lieutenant gewesen. Jesse hatte zwar im Gegensatz zu seinem Dad vier Jahre lang Informatik studiert, doch trotzdem, so fand er, müsste er auf der Karriereleiter schon ein paar Sprossen weiter oben sein.

Wenn er bewies, dass er nicht nur vor dem Computerbildschirm hervorragende Arbeit leistete, sondern auch in der realen Welt einen Fall lösen konnte, stand seiner Beförderung nichts mehr im Wege. Dann hätte er bewiesen, dass er ein genauso guter Cop war wie sein Vater.

Jesse sah Dave in seinen Wagen steigen. Sollte er ihm folgen? Nein, im Moment musste er sich um das andere Ende der Kette kümmern. Und das war Audra. Immer noch schmeckte er ihre Lippen. Jesse musste lächeln. Manchmal machte sein Job ihm riesigen Spaß.

Voller Vorfreude kehrte er in den Club zurück. Dort saß sie immer noch mit ihren Freundinnen zusammen.

Als Jesse zu ihr schaute, erwiderte sie seinen Blick erst erstaunt, dann lächelnd und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Auch ihre Freundinnen lächelten ihm mehr oder weniger verheißungsvoll zu.

Langsam und sexy ließ Audra sich von dem Barhocker gleiten. Unwillkürlich fragte Jesse sich, ob sie alles in ihrem Leben mit dieser unglaublichen Sinnlichkeit tat. Würde er Gelegenheit bekommen, das herauszufinden?

Nein. Jetzt gehörte Audra zum Kreis der Verdächtigen.

Doch als sie auf ihn zukam, fiel es Jesse schwer, weiterhin an seinen Fall zu denken. Er blickte an ihren langen schlanken Beinen entlang, die in einer schwarzen Strumpfhose steckten. Seine Finger kribbelten, so sehr sehnte er sich danach, sie zu berühren.

„Das ging ja schnell“, sagte sie, als sie vor Jesse stand.

Er lächelte. „Wohin ist Ihr Blind Date denn verschwunden? Ist anscheinend nicht so gut gelaufen.“

„Oh.“ Sie blickte sich nach ihren Freundinnen um, dann zuckte sie mit den Schultern. „Haben Sie das mitbekommen?“

„Nicht genau. Mit diesem Kerl waren Sie verabredet?“ Gespannt hielt er den Atem an.

„In gewisser Weise.“

„In gewisser Weise?“

„Ja. Es war eher eine Art Wette. Kennen Sie das? Man wird in so was reingezogen und muss sich stellen, um nicht das Gesicht zu verlieren.“

„Kenne ich gut.“

„Dann wissen Sie, wie demütigend es ist, wenn man in so einer Situation einen Rückzieher macht?“ Audra schob sich zwischen seine Schenkel.

Jesse wollte sie an sich ziehen. Seine Jeans spannte im Schritt. Als Audra ihm langsam über den Mund strich, prickelten seine Lippen. Am liebsten hätte er an ihrem Finger gesaugt.

Er war ein leidenschaftlicher Mensch, aber er hatte nicht gewusst, dass er so eine tiefe Erregung empfinden konnte. „Stimmt, bei einer Herausforderung zu kneifen ist ziemlich demütigend.“

„Manchmal kann es aber auch demütigend enden, wenn man eine Herausforderung annimmt.“

Sprach sie jetzt über die Sache mit Dave? Was hatte er Audra übergeben? „Offenbar sind Sie Expertin in Sachen Wetten und Herausforderungen.“

Einen Moment schauten ihre großen braunen Augen bedrückt. Zögernd wich sie seinem Blick aus. „Wie wär’s, wenn wir zwei von hier verschwinden? Wollen wir uns nicht ein ruhiges Plätzchen suchen, um uns besser kennenzulernen?“

Jesses Mund war wie ausgetrocknet. Er bekam kein Wort heraus. Langsam nickte er.

Verlangen durchdrang ihn wie ein scharfes Messer, als er Audra aus dem Club folgte, wobei er den Blick nicht von ihren wiegenden Hüften wenden konnte.

Ich spiele nur mit, weil ich den Fall lösen muss, sagte er sich. Ich muss herausfinden, was sie weiß. Das ist alles.

Aber zum ersten Mal in seiner sechsjährigen Laufbahn als Cop fragte er sich, ob er es schaffen würde, diese Frau zu verhaften, wenn sie ihm umwerfenden Sex bot.

Nach der stickigen Luft im Club genoss Audra die milde Abendluft. Sie atmete tief durch.

„Wollen wir uns irgendwo etwas zu essen und Kaffee besorgen?“ Jesse legte ihr eine Hand an die Hüfte, um sie vor der drängelnden Menge abzuschirmen.

Audra sah den Mann an ihrer Seite an. Keine Frage, er sah toll aus. Aber er wirkte auch süß. Audra wusste nicht, ob sie ihn vernaschen oder mit ihm kuscheln sollte. Vernaschen, beschloss sie, alles andere passt nicht zu meinen Plänen.

Nur weil dieser Verrückte weggerannt war, als Audra ihm deutlich gezeigt hatte, was sie mit ihm tun wollte, war der tolle Kerl hier jetzt ihre neue Herausforderung. Sie schämte sich für ihr Versagen bei dem kleinen Widerling, aber wenigstens hatte das zur Folge, dass sie sich jetzt auf Jesse stürzen konnte. Zufrieden betrachtete sie ihn. Durch ihn wurde die Wette zum Genuss.

Sie brauchte sich nur auf der Welle der sexuellen Anspannung zwischen ihnen beiden treiben zu lassen, dann würde sie ganz sicher auf einen wundervollen Orgasmus zusteuern. Dass sie Jesse auch gern besser kennenlernen würde, versuchte sie zu ignorieren. Wahrscheinlich war sie zu oft mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin zusammen. Das glückliche Geturtel der beiden war wie ein Virus.

„Suchen wir uns ein stilles Plätzchen. Mal sehen, was alles passiert.“ Sie hauchte ihm die Worte ins Ohr. Er riss die hübschen braunen Augen auf, und Audra wusste, dass er sie verstanden hatte. Doch dann rückte er etwas von ihr ab.

„Gar nicht weit von hier gibt’s ein nettes Café“, schlug er vor. „Da könnten wir etwas trinken, vielleicht ein Stück Kuchen essen und reden.“

Das ist doch ein Scherz, dachte Audra und musterte sein Gesicht. Er war zweifellos umwerfend und sexy, aber vielleicht war er kein Szenegänger. Gehörte er vielleicht zu den wenigen anständigen Jungs? War er ein good boy?

Prüfend betrachtete sie seine Wangen, die Nase und die kleine Falte zwischen den Augenbrauen. Audra war sich nicht sicher. Bisher waren ihr noch keine anständigen Jungen begegnet.

„Reden wir erst ein bisschen, okay?“ Er lächelte sie an.

Das war mal was Neues. Audra erwiderte das Lächeln und nickte. „Also schön. Dein Auto oder meins?“

„Es ist nicht weit. Wir können zu Fuß gehen.“

Jetzt lachte Audra. „Gehen?“ Sie hob einen Fuß, um ihm ihren schwarzen Schuh mit dem zehn Zentimeter hohen Absatz zu zeigen. „Mit diesen Schuhen kann man eine Menge interessanter Dinge anstellen. Aber laufen sollte man darin nicht weiter als unbedingt nötig.“

„Macht es dir nichts aus, zu einem Wildfremden ins Auto zu steigen? Eine schöne Frau wie du sollte da vorsichtig sein.“

Aufrichtig besorgt blickte er sie aus seinen braunen Augen an. Audra spürte seine Hand an der Hüfte. Ihr wurde warm. Noch nie hatte jemand sich um sie gesorgt. Es fühlte sich seltsam an, aber sehr angenehm. War Jesse wirklich so ein lieber Kerl?

Sie schenkte ihm ein warmherziges Lächeln. „Ich kann auf mich selbst aufpassen, glaub mir. Ich habe eine ganz gute Menschenkenntnis.“ Zur Not hatte sie auch noch eine Dose Pfefferspray dabei. „Niemand tut etwas gegen meinen Willen mit mir, ohne es ernsthaft zu bereuen.“

Jesse nickte nur und schwieg.

„Gehen wir zu meinem Auto“, schlug sie vor. „Ich sitze ganz gern am Steuer.“ Sie legte die Hand in seine und zitterte ein bisschen, als Jesse ihre Finger fest umfasste.

Auf dem Weg zum Parkplatz meinte Jesse zu ihr: „Der Kerl vorhin passte gar nicht zu dir.“

„Welcher Kerl?“

„Der aus dem Club. Dein Blind Date.“

„Nein, der ist ganz bestimmt nicht mein Typ.“ Audra unterdrückte ein Zittern.

„Wieso muss eine so tolle Frau wie du sich auf so jemanden einlassen?“

„Na ja, man muss viele Kröten küssen, um einen Prinzen zu finden.“ Nur weil der widerliche Dave geflüchtet war, brauchte Audra heute Abend keine Kröte mehr zu küssen. Aber würde sie bei ihrem Prinzen landen? Jesse sah wirklich wie ein Traumprinz aus. Heiß, sexy und bereit zur Krönung.

Als sie Audras Auto erreichten, ließ sie Jesses Hand los, um ihren Schlüssel hervorzukramen.

„Und wer arrangiert ein Treffen von seiner Freundin mit so einer Kröte?“

„Freundinnen, die befürchten, ich könnte mich von der Gang lösen.“ Sie hob eine Schulter. „Letztlich bin ich nur deswegen jetzt hier bei dir, und das ist doch gar nicht so schlecht, oder?“ Audra drehte sich zu ihm um, und Jesse drückte sie gegen das Auto. Fast hätte sie dabei wie eine Katze geschnurrt. Trotz ihrer hohen Absätze war Jesse noch deutlich größer als sie. Audra genoss den Druck seines festen warmen Körpers. Jetzt ging es ihr überhaupt nicht mehr darum, weiterhin ein Wild Chick zu bleiben. Audra wollte nur noch Jesse, und zwar ganz für sich allein.

Mit verführerischem Lächeln schenkte sie ihm einen Augenaufschlag. Jesses Blick wirkte benommen, also war er nicht immun gegen ihre Nähe. Audra wiegte die Hüften leicht hin und her, nur um seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu bekommen.

Genüsslich fuhr sie ihm über den muskulösen Oberarm. „Hmm. Du bist ja fabelhaft in Form. Was machst du so für Sport?“

„Gewichte und Kampfsport.“ Er konnte sich kaum auf ihre Frage konzentrieren. Ganz unwillkürlich verstärkte er den Griff um Audras Taille. „Wie bist du heute Abend ausgerechnet in diesen Club gekommen?“

„Ins ‚Wild Thing‘? Das ist einer der besten Clubs von Sacramento. Eigentlich wollte ich ein bisschen feiern, aber dich nehme ich gern als Ausgleichsgeschenk.“ Sie schlang ihm die Arme um den Nacken, lehnte sich an ihn und küsste ihn kurz und verheißungsvoll auf den Mund.

Ihr wurde heiß zwischen den Beinen. Sie erschrak vor ihrer eigenen Reaktion. Wenn schon ein Kuss sie so erregte, wie würde es sich dann erst anfühlen, wenn er sie mit den Händen berührte? Oder an anderen Körperstellen küsste?

Sie wurde ungeduldig. Ganz bestimmt war Jesse ein ausgezeichneter Liebhaber. Sicher eine Acht auf ihrer Skala. Eine perfekte Zehn musste Audra erst noch finden, aber eine solide Acht ließ sich bestimmt durch etwas Anleitung und Übung noch steigern.

Langsam trat sie einen Schritt zurück und legte den Kopf in den Nacken, um Jesses Reaktion zu sehen.

„Ich als Geschenk?“ Er lachte leise. „Sei bloß nicht enttäuscht.“

Dann drückte er die Lippen auf ihren Mund.

Genau so hatte sie schon immer geküsst werden wollen. Sanft legte er die Hände an ihren Kopf, während er zärtlich ihre Mundwinkel berührte. Als Audra lächeln musste, weil es sich so rührend und himmlisch anfühlte, drang er mit der Zunge zwischen ihre Lippen.

Audra war so daran gewöhnt, den ersten Schritt zu tun, dass sie ein paar Sekunden vor Verblüffung wie erstarrt dastand. Im nächsten Moment überkam sie eine prickelnde Lust wie eine Woge, und sie umkreiste Jesses Zungenspitze mit ihrer.

Unwillkürlich presste sie die Schenkel zusammen, um das Gefühl noch zu intensivieren. Ich will mehr von diesem Mann, schoss es ihr durch den Kopf. Viel mehr.

„Warte.“ Atemlos löste er sich von ihr. „Wir sollten uns wirklich besser kennenlernen. Du weißt schon, unterhalten oder so.“

„Dann bin ich für ‚oder so‘.“

„Sagtest du eben, die Verabredung mit diesem Widerling sei nur entstanden, weil deine Freundinnen dich dazu gedrängt haben?“ Seine Stimme klang etwas gepresst, weil Audra die Brüste an seinen Oberkörper drückte. „Klingt nicht sehr freundschaftlich, finde ich.“

„Sie machen sich nur Sorgen um mich.“ Vielleicht sogar aus gutem Grund. Sie war fünfundzwanzig, immer noch verdammt heiß, aufregend und interessant – auch wenn sie nicht mehr so wild wie noch vor ein paar Jahren war. Insgeheim fürchtete sie, dass nichts mehr übrig blieb, wenn sie ihre Rolle als bad girl ablegte. „Leute, die dich schon fast dein ganzes Leben kennen, wollen, dass du dich nicht veränderst. Manchmal musst du diese Menschen dann beruhigen, indem du ihnen beweist, dass du immer noch dazugehörst.“

Langsam strich sie ihm über die muskulöse Brust. „Wir reden und reden, dabei gibt es viel Aufregenderes auf der Welt. Zum Beispiel wüsste ich sehr gern, wie du nackt aussiehst.“

3. KAPITEL

So erregt war Jesse noch nie in seinem Leben gewesen. Gleichzeitig hatte er seinem Verlangen auch noch nie so wenig nachgeben dürfen. Audra, die ihm Sex und ihren Körper versprach, war für ihn tabu.

Doch ihre Hände auf sich zu spüren war unglaublich verführerisch. Langsam strich sie ihm über die Schultern, die Brustwarzen und bis hinunter zum Gürtel. Er wollte die Regeln für Polizisten vergessen und ihre Hände tiefer schieben. Fasziniert atmete er ihr Parfüm ein und versuchte krampfhaft, sich daran zu erinnern, dass sie unter Verdacht stand.

Er musste herausfinden, wie eng sie mit Dave und der Triade zusammenarbeitete. „Dann hast du diesen Kerl heute Abend also zum ersten Mal gesehen? Er wirkte etwas … etwas erschüttert, als er dich sah.“ Allerdings konnte eine Frau wie Audra jeden Mann aus der Fassung bringen.

„Er war wohl etwas nervös, schätze ich.“ Audra wollte sich lieber auf die kleinen Küsse konzentrieren, mit denen sie Jesses Hals überzog. Als sie einen weiteren Knopf an seinem Hemd öffnete und mit der Zunge bis zu seinem Schlüsselbein glitt, schloss Jesse leise stöhnend die Augen.

„Wieso machen wir nicht drinnen weiter?“, schlug sie heiser vor.

„Im Club?“ Wäre das sicherer? Wenn andere in der Nähe waren, wäre Audra zwar noch genauso sexy. Aber zumindest würde er dann nicht mehr in Versuchung geraten, ihr diese sexy Schuhe auszuziehen, um ihre Zehen zu küssen.

„Im Auto.“

Erstaunt öffnete er die Augen. Direkt vor sich sah er Audras große braune Augen. Ihre Lippen glänzten feucht. Mühsam riss er den Blick los und sah zu ihrem silberfarbenen Kleinwagen. „Ein bisschen eng, meinst du nicht?“

„Lass es uns herausfinden.“ Damit schob sie ihn zur Seite und öffnete die Beifahrertür ihres kleinen Cabrios.

„Das ist keine so gute Idee.“

Fragend neigte sie den Kopf zur Seite. „Nein? Ich finde die Idee toll. Vielleicht bist du nur ein bisschen … zurückhaltend.“ Wieder drückte sie sich an ihn. „Vielleicht bist du es nicht gewohnt, verführt zu werden.“

„Tust du das? Verführst du mich?“ Jesse versuchte, sich zu erinnern, ob er jemals verführt worden war. Es hatte eine ganze Reihe Affären in seinem Leben gegeben und einige tiefere Beziehungen. Keine dieser Frauen war schüchtern gewesen. Trotzdem hatte er jedes Mal die Initiative ergriffen. Nie war er verführt worden. Die meisten Frauen hatten ihm gern die Führung überlassen. Und jetzt wollte Audra ihn verführen. Yeah, Baby!

„Ich wette, ich kann dich verführen, ohne dich anzufassen.“

„Ohne mich zu berühren?“

„Genau. Du darfst tun und lassen, was dir gefällt, aber ich benutze nur meine Stimme.“

Jesse lächelte. Das klang vergleichsweise harmlos. Ihren Berührungen würde er nicht widerstehen können, aber ihrer Stimme? „Schieß los.“

„Dann setz dich.“ Sie deutete auf die offene Tür.

Jesse nahm Platz und schwang die Beine in das kleine Auto. Die weichen Ledersitze, die Innenverkleidungen, alles roch nach Audra. Sie beugte sich zu ihm herab, und Jesse bewunderte ihr Dekolleté. Ihr Gesicht war dicht vor seinem Schoß, und sie griff zwischen seinen Beinen nach unten. Augenblicklich war er erregt. Erwartungsvoll hielt er den Atem an. „Hieß es nicht, du wollest nur deine Stimme einsetzen?“

Als sie ihm das Gesicht zuwandte, schimmerten die magentaroten Spitzen ihrer Haare im Licht der Laternen auf dem Parkplatz. Sie lächelte, und Jesse hörte ein Klicken. Dann glitt sein Sitz nach hinten. Zwinkernd richtete sie sich wieder auf und beugte sich so dicht zu ihm, dass ihre Brüste auf seiner Augenhöhe waren. Dann schaltete sie die Innenbeleuchtung aus.

„Du sollst es doch bequem haben.“ Sie schob sich auf seinen Schoß, sodass ihr Rücken zum Fahrersitz gewandt war. Ihre faszinierend langen Beine legte sie auf die Armlehne der offenen Autotür.

Der Parkplatz wirkte verlassen. Jesse versuchte, die nötige Widerstandskraft zu bewahren. Audras Beine wirkten in der schwarzen Seidenstrumpfhose viel zu verführerisch. Langsam ließ er die Hand über ihren Oberschenkel gleiten.

„Hm, du hast tolle Hände. Bestimmt kannst du mit deinen Fingern wahre Wunder bewirken.“ Sie führte seine Hand, bis zum Saum ihres weichen kurzen Lederrocks. „Diese Hände möchte ich überall spüren. Du könntest anfangen, indem du mir mein Kleid aufmachst. Dann müsste ich mich nur aufrichten, und es würde zu Boden fallen. Ich hätte dann fast nichts mehr an.“

„Computer“, stieß er unvermittelt aus.

„Wie bitte?“

„Ich arbeite mit Computern. Dadurch sind meine Finger so beweglich.“ Leider hatten seine Umgangsformen durch diese Tätigkeit offenbar gelitten. Wieso gab er so einen Stuss von sich? Wollte er ihr jetzt etwas über HTML-Codes erzählen? „Kennst du dich gut mit Computern aus?“

„Mit Computern? Ich weiß, auf welche Knöpfe man drücken muss, um sie zum Leben zu erwecken.“

„Das glaube ich dir sofort.“

„Jetzt wird mir natürlich einiges klar.“

Verständnislos sah er sie an.

„Trotz deines prachtvollen Körpers bist du eher ein Kopfmensch.“

Verdammt. Wenn die sinnlichste Frau, der er je begegnet war, auf seinem Schoß saß, wollte Jesse keine Anerkennung für seine intellektuellen Fähigkeiten. Andererseits: prachtvoller Körper? Unwillkürlich spannte er die Armmuskeln an. Prachtvoller Körper klang nicht schlecht.

„Ja, an deinem Blick sehe ich, dass du es gewohnt bist, die Dinge gründlich zu durchdenken. Das ist eine gute Sache. Du denkst angestrengt nach“, sie machte eine Pause, um ihren Po zu bewegen, „damit du deine Aufgaben so gut wie nur möglich erfüllst.“

„Stimmt. Ich gebe immer mein Bestes.“

„Ganz bestimmt. Ein so gründlicher und umsichtiger Mann kommt sicher auf eine Sieben, wenn nicht sogar eine Acht auf der Orgasmus-Skala.“

„Auf der Orgasmus-Skala?“ Sofort war Jesse bereit, die Herausforderung dieser Prüfung anzunehmen. „Und die Skala geht von eins bis acht?“

Nur mit einer ganz sachten Berührung der Fingerspitzen führte sie seine Hände unter ihren Rocksaum. Dann beugte sie sich vor, sodass Jesse ihren Atem im Gesicht spürte. „Bis zehn, Baby. Die Skala reicht bis zehn.“

„Und nach welchen Kriterien gibst du deine Beurteilung ab?“ Er unterdrückte ein Aufstöhnen, als er spürte, dass ihre Strümpfe oben an ihren Beinen endeten. Zitternd ertastete er die Strumpfhalter aus Spitze. Unbeherrschtes Stöhnen brachte ihm sicher keine bessere Platzierung auf ihrer Skala.

„Optik ist das erste Kriterium“, erklärte sie mit leicht heiserer Stimme. „Beim ersten Blick quer durch den Raum muss die sexuelle Spannung bereits vorhanden sein.“

Vorsichtig fasste er unter den Rand ihres Strumpfes. Wie mochte es sich anfühlen, ihr den Strumpf langsam über den Schenkel herunterzurollen, um jede entblößte Stelle zu küssen?

„Kennst du das, dass dein Körper schon beim ersten Blick reagiert? Als Mann spürst du vielleicht eine Anspannung der Muskeln und eine leichte Erektion. Ich werde feucht. Wenn ich feucht werde, ist das schon ein gutes Zeichen, um auf der Orgasmus-Skala nach oben zu klettern.“

„Ich gebe zu, dass ich erregt war, als wir uns zum ersten Mal in die Augen gesehen haben.“

Sie lächelte zufrieden, weil er mitspielte. „Wieso fühlst du nicht, ob ich feucht geworden bin?“

Dieser Aufforderung konnte er nicht widerstehen. Er streichelte an den Strumpfhaltern hinauf bis zwischen ihre Schenkel. Diesmal konnte er das Aufstöhnen nicht unterdrücken. Audra war feucht.

„Siehst du, damit bist du auf gutem Weg zur Acht.“

„Bestimmt kann ich auf dieser Skala noch höher kommen“, versicherte er ihr sofort.

„Süßer, niemand kommt höher als bis zur Acht. Die Zehn ist ein Mythos.“

„Warum streichst du den Wert dann nicht?“

„Ich bitte dich.“ In gespielter Empörung zog sie die Augenbrauen hoch. „Wieso sollte ich meine Ansprüche runterschrauben, nur weil sie nicht erfüllt werden?“

Jesse musste lächeln. Einer solchen Herausforderung konnte er nicht widerstehen. Langsam beugte er sich vor und küsste Audra auf die Lippen.

Er glaubte, in dem, was sie ihm verhieß, zu versinken. Purer Sex und dahinter ihr Humor. Sie war die ultimative Erfüllung seiner Fantasien. Als sie mit seiner Zunge spielte, erkannte er, dass Audra weit alles übertraf, wovon er jemals geträumt hatte.

Während sie seine Hemdknöpfe öffnete und dabei seine Haut streifte, empfand er die Berührung wie kleine Stromstöße. Schwer atmend schob er ihren Slip zur Seite, um sie zwischen den Beinen liebkosen zu können. Da strich sie ihm mit einem Fingernagel über die Brustwarze, Jesse konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Sinnlich streichelte er sie, küsste sie und gab sich ganz dem einen Ziel hin: Audra zum Höhepunkt zu bringen.

„Hmm.“ Sie stöhnte, als er sie auf die Schulter küsste, die von dem knappen Leder-Top nicht bedeckt wurde. „Ich bin wirklich froh, dass du heute Abend in den Club gekommen bist.“

Der Club. Dave. Sein Fall. Verdammt.

Blinzelnd hob Jesse den Kopf und erschrak fast, als ihm klar wurde, dass sie sich hier auf dem Parkplatz in Audras Auto befanden. „Ich kann nicht.“ Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht.

Widerstrebend zog er sich zurück, sodass Audra in seinen Armen lag. Jetzt konnte er ihr wenigstens nicht mehr unter den Rock gehen.

„Du kannst nicht? Baby, du bist so heiß, dass du wahrscheinlich spielend auf Stufe Neun kämst. Ich traue dir das durchaus zu.“

Ja, das könnte er bestimmt. Er war so erregt, dass ihn allein ihren Po zu spüren fast zum Höhepunkt brachte. Aber schon jetzt hatte er die Grenze überschritten. Die wollte er nicht noch weiter ausreizen.

„Ich habe kein Kondom“, behauptete er verzweifelt.

„Das ist alles?“ Lächelnd griff Audra in ihre winzige Handtasche und tastete darin. Als sie nicht fündig wurde, kippte sie alles auf dem Fahrersitz aus, und dann durchwühlte sie stirnrunzelnd ihre Brieftasche.

Währenddessen überlegte Jesse, welcher der Gegenstände dort auf dem Fahrersitz von Dave Larson stammen könnte. Lippenstift, Minzbonbons, durchsichtiges Portemonnaie mit einem Zwanziger und ein paar Münzen darin. Dann entdeckte er ihren Führerschein. Perfekt.

„Gut siehst du aus.“ Er hob die Plastikkarte hoch und klopfte sich für den cleveren Schachzug gedanklich selbst auf die Schulter. „Ich dachte, jeder ist gesetzlich verpflichtet, auf Führerscheinfotos entsetzlich auszusehen.“

„Gesetze betrachte ich eher als … grobe Richtlinien“, erwiderte sie scherzend.

Bei dieser Bemerkung zuckte er fast zusammen. Allerdings konnte er sie deswegen kaum verhaften – zumal er sich selbst im Moment nicht an die Regeln hielt, die für Cops im Dienst galten.

„Du hältst nicht viel von Regeln?“ Anscheinend fand er hier kein Anzeichen für eine Verbindung zu Dave. Vorsichtshalber merkte Jesse sich die Nummer des Führerscheins, Audras vollen Namen und ihre Anschrift.

„Ich kenne sie alle sehr gut, damit ich sie besser brechen kann.“ Sie sah ihn vielsagend an, dann wieder entnervt auf ihre Handtasche. „Verdammt, ich muss hier doch irgendwo eins haben. Das ist die erste Regel der Wild Chicks. Immer bereit sein.“

„Ich dachte, Regeln sind eher grobe Richtlinien.“ Sobald er es ausgesprochen hatte und sich von Audra einen wütenden Blick einfing, fiel ihm ein, was schon seine Schwestern behauptet hatten: Er hatte das perfekte Gespür dafür, in entscheidenden Situationen das Falsche zu sagen.

Gleichzeitig kam er sich vor, als wäre er gerade davor bewahrt worden, von einer Klippe zu stürzen. Eine Neun, dachte er, die könnte ich ihr spielend leicht geben. Und auch eine Zehn, wenn ich benutzen darf, was ich will.

Aber das kam für ihn nur infrage, falls sich herausstellte, dass Audra nichts mit Dave Larsons kriminellen Machenschaften zu tun hatte. „Ehrlich gesagt bin ich nicht der Typ Mann, der schon beim ersten Date so weit geht.“

Wieder sah Audra ihm tief in die Augen. Sie wirkte frustriert.

„Aber vielleicht können wir uns verabreden. Ein richtiges Date?“ Irgendwo, wo er sie besser befragen konnte. Zuvor wollte er allerdings ein paar Nachforschungen anstellen. Und ausgiebig kalt duschen.

„Ein Date?“

„Du weißt schon, zwei Menschen gehen miteinander aus, um sich besser kennenzulernen.“

„Richtig. Männer wollen eine Frau immer erst richtig kennen, bevor sie mit ihr Sex haben.“ Spöttisch lächelte sie.

„Für wen hältst du mich? Ich bin an mehr interessiert als nur Sex.“

„Schon klar.“ Mit dem Fuß stieß sie die Beifahrertür weit auf und stieg aus dem Wagen aus. Nachdem Jesse sich mühsam aus dem kleinen Auto gequält hatte, zog Audra eine Karte aus ihrer Handtasche.

„Hier ist meine Visitenkarte. Ruf mich an, dann verabreden wir uns.“

Jesse las: Audra Walker, Simply Sensual Lingerie. Designer. „Du entwirfst Dessous?“

„Das kann ich sogar richtig gut. Wenn du mich anrufst, führe ich dir ein paar Sachen vor.“

War es zu spät, um wieder in das Auto zu steigen? Schließlich gab es Praktiken, für die sie kein Kondom brauchten.

Sie stieß die Tür zu und lehnte sich gegen die Motorhaube. Dann strich sie sich über die Hüften und zwinkerte Jesse zu. „Vergiss die Kondome nicht, ja?“

Selbst als bad girl fiel es Audra schwer zu lügen. Andererseits hatte sich nicht noch einen Fehlschlag eingestehen wollen, also war sie mit vielsagendem Lächeln in den Club zurückgekehrt und hatte ihre Freundinnen glauben lassen, sie hätte die Wette gewonnen.

Jetzt brachte sie Isabel zurück nach Auburn in das Viertel, in dem sie beide aufgewachsen waren. Isabel hatte das Blumengeschäft ihrer Eltern übernommen und versuchte jetzt, den kleinstädtischen Laden in einen der besten Floristen-Shops der ganzen Gegend umzuwandeln.

Audra und Isabel waren jeweils in den Wohnungen über den elterlichen Geschäften aufgewachsen. Dass Isabel ihre Kindheit über einem Blumenladen und Audra ihre über einer Bar verbracht hatte, spiegelte sich in ihren Charakteren wider. Isabel war ruhig, süß und lieb, während Audra den Ärger immer wie magisch angezogen hatte. Trotzdem ergänzten die beiden sich.

„Noch mal herzlichen Glückwunsch zu deinem Vertrag mit der Einkaufs-Mall.“ Audra lächelte flüchtig zur Beifahrerseite. „Auf diesen Abschluss hast du doch seit fast einem Jahr hingearbeitet.“

„Ehrgeiz ist nichts Schlimmes, Audra. Du hast gebüffelt und gleichzeitig in der Boutique gearbeitet, da darfst du dich über deinen Erfolg auch ruhig freuen.“

„Ich entwerfe süße unschuldige Dessous.“

„Ach, komm, du bist gerade mit der Ausbildung fertig und schon leitende Designerin. Na, schön, du entwirfst nicht die Dinge, die du dir erhoffst, aber mit der Zeit wird das alles kommen. Und dann brauchst du auch keinen Sex mit Fremden mehr, um einem Club anzugehören, dem du längst entwachsen bist.“

„Was ist denn so schlimm an einem heißen sexy Kerl?“ Bei der Erinnerung an Jesses Lippen und Finger wurde ihr wieder heiß. „Ich mag Sex. Nur weil dir Keuschheit so viel bedeutet, heißt das noch lange nicht, dass mein Weg grundlegend falsch ist.“

„Aber es war nicht dein freier Wille, Audra. Wieso lässt du dich von ihnen zu so etwas drängen?“

Audra biss die Zähne zusammen. Hier ging es nicht nur um die Freundschaft zu Suzi und Bea. Audra sah sich seit ihrer Teenagerzeit als erotisches Wesen. Nur dadurch war sie mehr als nur der Abkömmling von zwei Elternteilen, die sich um das Sorgerecht gestritten hatten. Dabei war es nicht darum gegangen, wer sie bei sich haben durfte, sondern wer sich weiter mit ihr abgeben musste.

Als bad girl hatte Audra die Kontrolle. Das konnte Isabel nicht begreifen, denn sie wurde von ihren Eltern geliebt und vergöttert.

„Audra, ich verstehe einfach nicht, wie du Sex haben kannst, ohne Gefühle zu entwickeln.“

„Gefühlen darfst du niemals trauen, schon gar nicht, wenn es um Männer geht.“ Audra bog vom Freeway ab. „Kerle sind wie Nachtisch. Manche willst du genießen, und du probierst sie wieder, um dich zu überzeugen, ob sie wirklich so lecker sind. Andere sind eher wie M&Ms, also schnell, umkompliziert und sauber, aber du hast sie schon bald wieder vergessen.“

Isabel lachte schallend, und Audra zwinkerte ihr zu, als sie vor dem Haus anhielt, in dem sich jetzt Isabels kleiner Blumenladen und darüber ihr Apartment befanden. Kurz schaute Audra im Rückspiegel zur hellen Neonreklame in den Fenstern der „Good Times Sports Bar“ im Nachbarhaus.

Nach dem Tod ihres Vaters hatte Audras Bruder Drew die Bar übernommen und aufpoliert, ohne dass die Bar ihren Charme verloren hatte. Mit den dunkelroten Ziegeln bildete die Bar einen netten Kontrast zu den grünen Fensterrahmen von Isabels Blumenladen.

Genau über dieser Bar hatte Audra gelernt, sich Ziele zu setzen, sich abzurackern und ihren ganz eigenen Weg zu gehen.

„Und der Kerl heute?“, bohrte Isabel nach. „War er ein Tiramisu oder ein M&M?“

Garantiert ein Tiramisu, dachte Audra, obwohl sie nur einen ganz kleinen Vorgeschmack bekommen hatte. Sie lächelte. „Sagen wir mal, es wäre mir ein Vergnügen, dieses Dessert noch mal zu bekommen.“

„Sei froh, dass es wahrscheinlich nicht dazu kommt.“ Isabel öffnete die Beifahrertür. „Du musst dich auf deine Karriere konzentrieren. Da darfst du dich nicht durch irgendein Dessert ablenken lassen.“

„Habe ich mich jemals durch einen Mann von meinem Weg abbringen lassen?“

Sobald sie das ausgesprochen hatte, verzog Audra das Gesicht. Im Gegensatz zu Suzi und Bea kannte Isabel sie aus einer Zeit, als Audra noch an die Liebe geglaubt hatte. Damals hatte sie einem Mann ihre tiefsten Gefühle und Träume offenbart, doch dem war das alles völlig egal gewesen.

Isabel tätschelte ihr die Hand und stieg aus. „Ach, fast hätte ich es vergessen.“ Sie zog ein hässliches grünes Etwas aus ihrer Handtasche. Es war die Krawatte.

Seufzend nahm Audra sie ihr ab.

Isabel sah ihre Freundin eindringlich an. „Audra, du wirst Erfolg haben, nutze deine Chancen.“

Audra verdrehte nur die Augen, und sobald Isabel die Tür zugeworfen hatte, fuhr sie los. Würde sie so enden wie die bemitleidenswerten Menschen, die sich die ganze Woche abrackerten, damit am Ende jemand anderer dafür Geld und Ruhm einstrich? Würden ihre Freundinnen sich nur noch vereinzelt bei ihr melden, um über die tollen Zeiten damals zu plaudern? Audra bekam es mit der Angst zu tun.

Gleichzeitig fragte sie sich, ob Jesse sich bei ihr melden würde, damit sie beenden konnten, was sie begonnen hatten.

4. KAPITEL

Am Montagmorgen saß Audra an ihrem Arbeitstisch und betrachtete die Entwürfe, die sie fertig bekommen musste. Seit fast einer Stunde saß sie jetzt hier, starrte auf einen weißen Seidenstoff und konnte nur an langweilige Vanille denken.

War sie mit ihren Ideen bereits am Ende, obwohl sie auf ihren Einfällen eine Karriere aufbauen wollte? Besaß sie für diese Karriere überhaupt genug eigenen Stil? Im Moment kam es ihr vor, als würde ihr alles entgleiten. Ihre Freundinnen, ihr eigener Charakter, ihre sexy Ausstrahlung und die Fähigkeit, einen Mann sprachlos zu machen.

Aufseufzend ergriff sie die grüne Krawatte und warf sie quer über den Tisch. Wenigstens den Widerling mit dieser Krawatte hatte sie so verwirrt, dass er kaum drei zusammenhängende Worte herausgebracht hatte.

Sie trank einen Schluck von ihrem Energy-Drink. Dann nahm sie die hässliche Krawatte und ließ sie durch die Finger gleiten. Auf grünem Polyester waren blaugrüne geometrische Figuren verteilt, und das Ganze war auch noch schlecht genäht. Eigentlich gehörte der Fetzen in den Müll, aber der Schlips erinnerte sie an das große erotische Vergnügen, dass am Samstag zum Greifen nah und doch unerreichbar gewesen war.

„Ist das ein neuer Entwurf?“ Natasha, Audras Schwägerin und Chefin, betrat das kleine Büro. Angewidert befühlte sie den grünen Stoff. „Nimm’s nicht persönlich, Audra, aber das ist potthässlich. Ist das deine neue Linie, nachdem du die Designer-Schule mit Auszeichnung hinter dich gebracht hast?“

Audra wurde verlegen. Ein Abschluss mit Auszeichnung, das passte überhaupt nicht zu ihrem Selbstbild. „Nein, das ist kein Entwurf für Simply Sensual. Eher eine Art Souvenir.“

„Hoffentlich als abschreckendes Beispiel für deine Entwürfe.“

Eigentlich als Erinnerung an den heißesten Typ, den ich fast gehabt hätte, dachte sie. Und an die Nacht, in der mir zweimal eine Abfuhr erteilt wurde. Audra verdrängte den Anflug von Panik. Verdammt, dachte sie, ich kann das bad girl bleiben und trotzdem meinen Weg in der Welt der Dessous machen.

Da Natasha von alldem nichts zu erfahren brauchte, lächelte Audra sie nur an.

Äußerlich war die blonde, gepflegte und elegante Natasha das genaue Gegenteil von Audra, doch hinter der kühlen Fassade verbarg sich ebenfalls eine sehr gefühlvolle Frau.

Audra schaute auf die Krawatte. „Wer weiß? Vielleicht inspiriert sie mich zu einem Entwurf.“ Und vielleicht fand sie irgendwann den Ausgleich zwischen Ehrgeiz und sexuellen Fantasien. Immer wieder musste sie an Jesse denken, und dann malte sie sich aus, wie ihr Treffen hätte enden können. Sie war so verwirrt gewesen, dass sie ihn nicht einmal nach seiner Telefonnummer gefragt hatte. Was war nur los mit ihr?

„Wenn irgendjemand aus so einer Scheußlichkeit noch eine Inspiration für einen Dessous-Entwurf ziehen kann, dann du.“

Verlegen wich Audra Natashas Blick aus und steckte die Krawatte neben ihren Entwürfen an der Wand fest. Gerade wollte sie sich wieder an die letzten Änderungen der Herbstkollektion machen, als ihre Schwägerin aufsprang.

„Da fällt mir wieder der Anruf ein.“ Natasha klang aufgeregt. „Hantai Lingerie haben angerufen. Sie wollen mit uns ins Geschäft kommen.“

Audra schluckte. Wenn Simply Sensual in Asien vertrieben wurde, dann war das vielleicht die perfekte Gelegenheit, auch etwas gewagtere Entwürfe in die Kollektion einzubauen.

Für die Erfüllung dieses Traums würde sie sogar auf ihren Status als Wild Chick und den Respekt ihrer Freundinnen verzichten. Sie wollte Dessous entwerfen, die sich von der breiten Masse abhoben. Schluss mit den braven Sachen, dachte sie.

„Das wird unser Durchbruch, Audra. Jetzt wollen schon drei verschiedene Großhändler in China unsere Herbstkollektion vertreiben.“

„Klasse, Natasha. Ich habe mir ein paar Entwürfe überlegt, mit denen wir die Kollektion ein bisschen verschärfen könnten. Du weißt schon, für die etwas Wagemutigeren unter unseren Kundinnen.“ Audra musste sich beherrschen, um vor Aufregung nicht wie ein Schulmädchen auf ihrem Stuhl herumzuzappeln.

Natashas Lächeln bekam einen mitfühlenden Ausdruck, und Audra wusste bereits, noch bevor ihre Schwägerin überhaupt den Mund aufmachte, dass ihr Vorschlag abgelehnt war.

„Ich bin sehr gespannt auf deine Entwürfe, und gewiss gibt es auch für gewagtere Modelle einen Markt. Sicher hast du sehr aufregende und interessante Ideen. Aber Simply Sensual hat sich mit etwas dezenteren Kollektionen am Markt etabliert. Ich finde, wir sollten zumindest in diesem Herbst noch nicht von unserer Linie abweichen. Deswegen sind die Großhändler auf uns aufmerksam geworden, und wir sind als Unternehmen noch zu jung, um zu experimentieren. Außerdem fehlen uns für solche Experimente die finanziellen Reserven.“

Also noch mehr von den lieblichen und verspielten Dessous. Audra unterdrückte ein Stöhnen. Natürlich konnten auch verspielte Dessous aufreizend sein, aber wenn sie schon die Design-Leitung hatte, warum durfte sie dann nicht bestimmen?

Natasha beugte sich über den Tisch. „Konzentrieren wir uns erst mal darauf, einen Vertrag mit einem der chinesischen Großhändler zu bekommen. Aber bring deine Ideen doch zu Papier. Vielleicht können wir im nächsten Frühjahr ein paar Aspekte davon in die Kollektion einfließen lassen.“

Nach kurzem Zögern nickte Audra und lächelte gezwungen.

„Letzte Woche habe ich mit meiner Tante gesprochen. Sie ist bereit, mir Geld zu leihen, damit wir diesen Vertrag abschließen können. Sicher wäre es gut, wenn ich mich in China persönlich mit Vertretern dieser Großhandelsfirmen treffe“, fuhr Natasha fort. „Dann können wir sie auch leichter zum Unterschreiben bringen.“

Audra sah ihrer Schwägerin an, dass die sehr lange darüber nachgedacht hatte. „Klingt vernünftig.“ Sie hatte zwar Teil am Erfolg von Simply Sensual, aber in erster Linie war es Natashas Unternehmen. Audra würde sich gedulden müssen, bis ihre Chance kam, ihre Traum-Dessous zu entwerfen. Vor zwei Jahren hatte Natasha das Geschäft ihrer Tante übernommen, und mit dem China-Deal würden sie einen gewaltigen Schritt nach vorn machen. „Du wirst die Anzugträger sicher schwer beeindrucken.“ Und das stimmte. Audra konnte Männer sprachlos machen, aber Natasha würde sie wohl eher dazu bringen, einen Vertrag zu unterzeichnen.

„Meinst du wirklich?“

„Ganz bestimmt. Eigentlich solltest du Drew mitnehmen.“ Ganz bestimmt würde ihrem Bruder die Idee von zweiten Flitterwochen gefallen. Seit er die Bar übernommen hatte, hatte er hart gearbeitet, um Aaron Walkers Bar in die schwarzen Zahlen zu bringen. Außerdem hatte er Audra die Designer-Ausbildung bezahlt. „Bestimmt kommt Drew gern mit, und es würde die Asiaten beeindrucken. Glücklich verheiratet, gesetzte Verhältnisse, na, du weißt schon.“

„Da hast du recht.“ Natasha lief um den Tisch und griff nach Block und Stift. Als sie hastig eine Liste aufstellte, musste Audra lächeln. Dann strich Natasha sich eine blonde Strähne hinters Ohr und sah Audra nachdenklich an.

„Kommst du denn hier allein zurecht mit der Boutique? Bestimmt könnte dir Tante Sharon aushelfen, aber der Großteil der Arbeit würde auf deinen Schultern lasten. Ich werde wohl zwei Wochen weg sein.“

Bisher war Audra lediglich während eines verlängerten Wochenendes für Simply Sensual verantwortlich gewesen. An diesem Wochenende hatte sie spontan einen Junggesellinnen-Abschied einschließlich Stripper in der Boutique veranstaltet. Der Stripper hatte auf dem Kassentresen getanzt, und an diesem Abend wurde eine Unmenge an Dessous verkauft.

Bei der Erinnerung musste Audra lächeln. Sie wusste nicht viel übers Geschäft, aber sie würde ganz bestimmt mit allem fertig werden. „Wann fliegst du?“

Natasha klopfte mit ihrem Stift auf den Notizblock. „Ich könnte mir das Geld noch heute von Tante Sharon überweisen lassen. Was hältst du von morgen? Einen Tag Flugzeit muss ich rechnen. Ich könnte für Mittwoch die ersten Termine vereinbaren. Also, glaubst du wirklich, du kommst allein zurande?“

Wenn Audra wollte, dass Natasha ihr bei den kommenden Kollektionen mehr zutraute, dann musste sie auch beweisen, dass man sich auf sie verlassen konnte.

Vor Nervosität schluckte sie. „Ich komme schon klar.“ Ihr Blick fiel wieder auf die hässliche Krawatte an der Wand. Das Grün schmerzte in den Augen. Eigentlich sollte ich diese Scheußlichkeit wegschmeißen, dachte sie. Nicht nur bei diesem Widerling, sondern auch beim Kerl danach bin ich abgeblitzt. Ich sollte offiziell meinen Rücktritt von den Wild Chicks verkünden.

Sie befand sich tatsächlich mitten in einer Identitätskrise.

Jesse saß vor seinem Computer und trank von seinem bitteren Kaffee. Wie üblich herrschte auch an diesem Dienstagmorgen Hektik und Lärm in der Polizeistation, während Jesse sich im Internet geduldig über Dave Larsons Privatleben erkundigte.

Larson hatte mehr Dreck am Stecken, als Jesse ursprünglich gedacht hatte. Seit Kurzem hatte er genug Geld, um sich einen BMW zu mieten, eine ausgedehnte Einkaufstour zu starten und sich im Internet massenweise Pornos zu kaufen. Ganz offensichtlich wurde Larson im Moment gut bezahlt.

Jesse druckte die Übersicht über Daves Finanzen für die Akte aus und stöberte weiter, bis eine Stunde darauf sein Telefon klingelte. „Martinez?“, meldete er sich.

Dann schrieb er fünf Minuten lang hektisch mit. Sein Informant bestätigte die Gerüchte. Larson hatte mit den ganz schweren Jungs der Du-Bing-Li-Triade zu tun, einer mafia-ähnlichen Verbrecherbande aus China, die hier in Chinatown immer mehr an Einfluss gewann. Es hieß, die Frau, die ihm den Kontakt verschafft habe, sei sehr sexy und gehe am liebsten in den „Wild Thing“-Club.

Sofort musste Jesse an Audra denken. Verdammt, er konnte es nicht ertragen, dass sie mit Verbrechern in Kontakt stand. Audra gab sich zwar den Anschein des Männer mordenden Vamps, aber darunter wirkte sie süß und verletzlich.

„Was gibt’s Neues?“

Vor Jesses Tisch stand sein Partner, Rob Dutton, ein schlanker Cop mit roten Haaren und einer Vorliebe für Scherze. „Die Beweise gegen Larson verdichten sich.“

„War gut, dass du ihn beschattet hast, stimmt’s? Hattest du deinen Spaß?“

„Ich habe ihn beschattet, seine Kontaktperson ausfindig gemacht und Kontakt aufgenommen.“ Bei der Erinnerung an diesen Kontakt wurde ihm heiß.

„Mann, wenn du diesen Fall löst, dann wirst du bestimmt befördert. Deine Arbeit am Rechner ist natürlich auch wertvoll, aber die hohen Tiere werden dich feiern, wenn du das schaffst. Erfolgreiche Cops sind in deiner Familie anscheinend Tradition.“

Während Rob telefonierte, dachte Jesse an seinen Vater. Es war bereits fünf Jahre her, seit er gestorben war, doch immer noch hatte Jesse den Eindruck, sein Vater sehe ihm über die Schulter. Jesse war sicher, sein Vater würde ständig enttäuscht den Kopf schütteln.

Diego Martinez war ein ganzer Kerl und ein ausgezeichneter Cop gewesen. Es hieß, er sei den Heldentod gestorben, doch Jesse kannte die Wahrheit. Diego hatte der falschen Frau vertraut. Jesse versuchte zwar ständig zu zeigen, dass er ein genauso guter Cop war wie sein Vater, doch Diegos Fehler wollte er dabei nicht begehen.

Folglich würde er sich eingehend über Audra Walker informieren. Hatte er erst genug Beweismaterial gegen sie gesammelt, dann würde sie sicher nicht mehr diese Faszination auf ihn ausüben. Dann konnte er das kalte Duschen einstellen. Allein der Gedanke an sie erregte ihn schon wieder. Alles in ihm sehnte sich danach, Audra wiederzusehen und zu berühren.

„Martinez? Berichten Sie.“

Konnte dieser Tag noch schlimmer werden? Mit gequältem Lächeln drehte Jesse sich zu seinem Captain um. „Es gibt neue Erkenntnisse im Larson-Fall. Ich kann ihn mit der Du-Bing-Li-Triade in Verbindung bringen.“

Fragend hob Captain Shale die blonden Augenbrauen. „Schon seit Monaten versuchen wir, die Du-Bing-Li-Triade zu infiltrieren, aber bisher können wir ihnen keinen Kontakt zur Wo-Shing-Wo-Triade in China nachweisen. Haben Sie stichhaltige Beweise?“

„Ich weiß, dass Larson Informationen weitergibt. Es könnte sich um Betrug, gestohlene Identitäten oder Kreditkartendiebstahl handeln, aber das finde ich noch heraus. Ich brauche noch ein paar Tage.“ Jesse reichte seinem Captain die Unterlagen.

Shale blätterte die Akten schweigend durch, und als er die neu eingehefteten Seiten erreichte, blickte er Jesse erstaunt an. „Audra Walker? Haben Sie sie überprüft?“

„Ja, Sir. Sie ist sauber, abgesehen von einer früheren Jugendstrafe.“

„Haben Sie dieses Konto geprüft?“

„Ja, das Geld wurde gestern Abend überwiesen. Das Konto gehört zu der Boutique, in der sie arbeitet. Von wo das Geld kommt, weiß ich noch nicht.“ Immer noch missfiel ihm die Vorstellung, eine Frau zu verhaften, die er ganz intim gestreichelt hatte. Im Gegensatz zu seinem Vater war ihm nicht jedes Mittel recht, um einen Fall zu lösen.

„Zwei Flugtickets nach Peking?“

„Ja, Sir. Gebucht sind sie auf den Namen ihrer Chefin.“

Das bedeutete, dass beide Frauen mit in dem Fall steckten. Über Natasha Walker hatte Jesse bislang nur herausgefunden, dass sie Audras Schwägerin war.

„Und Sie haben Kontakt zu ihr aufgenommen?“

Sogar sehr engen, dachte Jesse. „Ich habe noch keine Beweise gegen sie. Das alles könnte auch Zufall sein.“

„Ich glaube nicht an Zufälle, Martinez. Bleiben Sie an Larson dran, aber verlieren Sie Audra Walker nicht aus den Augen.“

Jesse musste an das Kondom denken, das er in der Tasche trug.

5. KAPITEL

Dave Larson betrat das „Wild Thing“ und wischte sich den Schweiß von der Stirn. In der vergangenen Woche hatte er zwei Deostifte verbraucht, weil er erfahren hatte, dass er den Computerchip an die falsche Frau übergeben hatte. Seitdem schwitzte er praktisch pausenlos.

Am Sonntagmorgen hatte der Kontaktmann der Triade ihn durch Hämmern an der Tür aus dem Tiefschlaf gerissen und so erregt auf ihn eingeredet, dass Dave erst nach ein paar Minuten begriffen hatte, worum es überhaupt ging. Woher hätte er also wissen sollen, dass diese sexy Frau nicht seine Kontaktperson war? Die Beschreibung passte auf sie, und sie hatte ihm Komplimente wegen seiner Krawatte gemacht. Das war zwar nicht exakt der verabredete Code gewesen, aber immerhin dicht dran. Hätte er sich etwa erst den Ausweis zeigen lassen sollen?

Als Dave das sagte, sprach der Kontaktmann von Verrat, Bandenkrieg und Unterwanderung, doch erst als er einen von Daves Computern kurz und klein schlug, hatte Dave es wirklich mit der Angst zu tun bekommen.

Sie wollten den Chip zurück. Keine Kopie, keine neue Namensliste, sondern den Original-Chip. Damit sollte Dave beweisen, dass er am Leben bleiben wollte.

Und deswegen stand er jetzt hier vor dem Club. Er kannte den Wert der Informationen, die er aus Datenbanken gehackt hatte. Namen, Adressen, Sozialversicherungsnummern, Geburtsnamen der Mutter, alle notwendigen Informationen, die die Du-Bing-Li-Triade verwerten konnte.

Dave wusste, dass Du-Bing-Li mit Wo-Shing-Wo zusammenhingen, und es hieß, diese Triade bereite gerade einen Menschenschmuggel in die USA vor. In so einer Situation waren Datensätze mit Identitäten natürlich Gold wert.

Wenn er den Chip von dieser Frau nicht zurückbekam, steckte er tief in Schwierigkeiten.

Wie hatte die Frau ausgesehen? Sexy, aber sonst? Vom Hals an aufwärts sahen für Dave alle Frauen gleich aus, er hatte nicht groß auf ihr Gesicht geachtet.

Dann entdeckte er eine Blondine, die auch an jenem Abend hier gewesen war, das wusste Dave mit Sicherheit, denn da hatte sie auch diesen Leopardenlook getragen. Sie war nicht die Frau, nach der er suchte, aber vielleicht konnte sie ihm weiterhelfen.

Er wartete, bis sie und ihre Freundin der Kellnerin winkten, um ihre Gläser nachfüllen zu lassen. In dem Moment schlenderte er zu ihnen und versuchte, mit einem Griff zur Brieftasche Eindruck zu schinden.

„Wie geht’s, Ladies?“

„Du spielst nicht in unserer Liga, mein Freund. Verzieh dich.“ Die Blondine würdigte ihn kaum eines Blickes.

Die andere, eine Rothaarige mit hübschem Vorbau, sah ihn mitfühlend an und zuckte dann mit den Schultern.

Erst durch dieses Schulterzucken wurde Dave auf sie aufmerksam. Das lag nicht nur an den runden Brüsten unter dem engen Kleid oder an ihrem langen roten Haar, sondern mehr noch an ihrer eleganten Ausstrahlung, die Reichtum verhieß. Dave war ein Experte im Erkennen von Reichtum. Reiche Menschen verhielten sich einfach anders.

„Unterschätzen Sie mich nicht“, sagte er zu der Blondine. „Ich habe sehr viel mehr zu bieten, als man auf den ersten Blick vermutet.“

Die Blondine schnaubte. „Wenn du glaubst, du seiest einer von uns gewachsen, dann überschätzt du dich gewaltig.“

Dave erkannte Mitleid und Desinteresse in ihrem Blick. Ich brauche den Chip, sagte er sich. Er musste herausfinden, wer die Frau war, der er den Chip gegeben hatte. Diese beiden Frauen kannten vielleicht ihren Namen und ihre Adresse. „Wenn Sie sich von mir zu einem Drink einladen lassen, werden Sie beide erkennen, wie sehr Sie sich in mir täuschen.“ Dave zückte seine Brieftasche und bezahlte bei der Kellnerin die Drinks, die sie gerade serviert hatte. „Zwei so heiße Frauen wie Sie müssen es doch leid sein, sich immer mit denselben egozentrischen Typen abzugeben. Mir dagegen geht es nur darum, was ich für Sie tun kann.“

„Hübscher Spruch, das gibt einen Punkt für Kreativität.“ Die Blondine verdrehte die Augen. „Aber nein, danke.“

Dave konzentrierte sich auf die Reaktion der Rothaarigen, und die ließ ihn innerlich triumphieren. Wie ein Raubtier auf der Jagd wandte er sich seiner Beute zu.

Als sie ihn aus ihren großen blauen Augen ansah, begann sein Herz schneller zu schlagen. Flüchtig musterte er sie. Designerkleidung, Diamantstecker in den Ohrläppchen, teure Kosmetika. Erregender als tolle Frauen mit Körbchengröße C waren für Dave nur reiche Frauen.

Er setzte seine vertrauenswürdigste Miene auf und lächelte strahlend. „Glück für Sie, dass Ihre Freundin kein Interesse hat. Lassen Sie mich Ihnen bei einem weiteren Drink erklären, wie gut ich Sie behandeln würde, wenn Sie meine Lady wären.“

Drei Drinks, zwei angespannte Tänze und zahlreiche böse Sprüche der Blondine musste Dave über sich ergehen lassen, bis er mit seinem Fortschritt zufrieden war. Seine Hand lag jetzt auf dem Po der Rothaarigen. Bea hieß sie.

Dave war angetrunken. „Sie kommen mir bekannt vor, Ladies. Habe ich Sie in irgendeinem Werbespot gesehen oder auf Anzeigen?“

Erfreut lächelte Bea ihn an und bewegte den Po, sodass Daves Puls losraste.

„Ich bitte dich“, stellte Suzi abfällig fest. „Deine Hand liegt doch schon an ihrem Hintern, was soll da noch dieser dämliche Spruch.“

„Nein, es stimmt, ich war auf dem Cover von ‚California Girl‘.“ Bea warf ihrer Freundin einen wütenden Blick zu. „Gut möglich, dass er mich wiedererkannt hat.“

Dave kannte die Zeitschrift überhaupt nicht, trotzdem nickte er lächelnd. „Wusste ich’s doch. Aber ich habe Sie sicher erst vor Kurzem gesehen. Letzten Samstag war ich auf Talentsuche“, sagte er zu Bea gewandt. „Ich bin Fotograf. Waren Sie vielleicht auch hier?“

Bea dachte nach und nickte. „Doch, am Samstag waren wir hier. Es war Audras Party, weißt du nicht mehr, Suzi?“

„Stimmt, ich erinnere mich.“ Suzi lachte. „Sie hat sich an diesen erbärmlichen Loser rangemacht, und er ist geflüchtet wie ein kleines Mädchen. Stimmt’s, Bea?“

Bingo. Dave lächelte weiter und hoffte, dass sie ihn nicht als das verängstigte kleine Mädchen wiedererkannten. Diese Audra musste seinen Computerchip haben. Es wird alles wieder in Ordnung kommen, sagte er sich.

Audra lächelte verkrampft, bis sie kassiert hatte und die Kundin die Boutique verließ. Dann sank sie in sich zusammen.

Was für eine Woche! Natasha war erst drei Tage fort, und Audra war fast schon am Ende ihrer Kräfte. Noch eine halbe Stunde bis Ladenschluss. Vielleicht sollte sie sich mit ihren Freundinnen treffen. Gut möglich, dass sie dabei auch einen Mann traf, mit dem sie sich entspannen konnte.

Was für eine Schande, dass sie sich ständig nur nach Jesse sehnte. Dauernd sexuell frustriert zu sein war für Audra eine neue Erfahrung.

Das Läuten der Türglocke verriet, dass Kundschaft die Boutique betreten hatte. Audra setzte ein Lächeln auf und schaute zum Eingang.

Als sei er ihren geheimsten Fantasien entsprungen, stand Jesse dort. Unwillkürlich stieß Audra einen Seufzer aus. Er sah genauso heiß wie in ihrer Erinnerung aus. Die verwaschene Jeans war genau an den richtigen Stellen prall gefüllt, und ein schlichtes schwarzes Hemd schmiegte sich eng an seine Brust. Bei seinem Anblick überkam sie heiße Lust.

„Na, mein Hübscher?“ Ganz bewusst beugte sie sich über den Tresen, um ihren Ausschnitt besser zur Geltung zu bringen. „Das ist ja eine sehr nette Überraschung.“

Autor

Leslie Kelly
Leslie Kelly ist als Romance-Autorin bekannt für ihre zauberhaften Charaktere, die geistreichen Dialoge und ihren frechen Humor. Das hat ihr 2006 den Romantic Times Award und weitere Award-Nominierungen eingebracht. Seit Erscheinen ihres ersten Buches 1999 hat sie mehr als dreißig sexy-freche Liebesgeschichten für Harlequin geschrieben.

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