Vater gesucht - es ist nie zu spät für das Glück 2

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

DADDY UNBEKANNT
Nur zu gern erfüllt Trevyn McGinty seinem besten Freund die Bitte: Während David mit seiner Frau Athena in die Flitterwochen fährt, soll er dessen kleine Brüder versorgen. Der Reiz an der ganzen Geschichte ist allerdings, dass er diese Aufgabe nicht allein erledigen wird. Auch Alexis, Athenas schöne Drillingsschwester wird mit ihnen diese Tage verbringen. Vor Monaten - auf Davids Maskenball - lernte er sie kennen. Keinen Tanz ließen sie aus. Wird sich sein Traum, Alexis ganz für sich zu erobern, endlich erfüllen? Sein Glück kennt keine Grenzen, als er spürt, dass auch Alexis ihn begehrt. Trevyn scheint am Ziel seiner Träume zu sein, da erfährt er zu seinem Entsetzen, dass Augusta - die dritte im Bunde - ein Kind erwartet. Sollte er auf dem Maskenball etwa sie und nicht Alexis in den Armen gehalten haben? An einige Stunden dieser turbulenten Nacht kann er sich nicht erinnern ...


ÜBERRASCHUNG! SIE SIND VATER
Hals über Kopf verliebt - spontan geheiratet - und jetzt glückliche Eltern eines süßen Babys! Für Meg hängt der Himmel voller Geigen seit sie Joe kennen gelernt hat. Ein Glück, das so schnell endet, wie es begann: Auf dem Weg zu Megs Eltern machen sie Halt an einer Tankstelle - Meg geht mit der kleinen Dana in den Wickelraum. Als sie wieder herauskommen, ist Joe verschwunden! Alle Nachforschungen sind vergebens - Meg muss sich damit abfinden, dass ihr Mann sie verlassen hat. Zwei Jahre sind seitdem vergangen, als sie ein Bild von Dr. Hugh Menton, einem renommierten Kinderarzt, in der Zeitung sieht. Die Ähnlichkeit mit Joe ist verblüfffend. Entschlossen, die Wahrheit herauszufinden, geht sie mit Dana in seine Praxis: Nur ein Blick in Hughs Augen und Meg weiß: mit diesem Mann war sie verheiratet. Aber warum erinnert er sich überhaupt nicht an sie?


HERZEN VOLLER LIEBE
Paris Katharine Barbour! Nur zu einem verwöhnten "Society Girl" passt so ein Name. Und dann ihr Aussehen: rot-blonde Locken, meergrüne Augen. Diese Frau, die den Architekten Mac Weston anlächelt, ist viel zu schön, um für ihn zu arbeiten. Macs innere Stimme warnt ihn davor, den Kopf zu verlieren. Doch wo die Liebe hinfällt ...


WER IST DER VATER?
Darbys Suche nach dem Vater der mutterlosen Sissy gestaltet sich außerordentlich brisant. Denn der Zufall beschert ihr den Cabriofahrer Christian Drake als Verbündeten - einen atemberaubend gut aussehenden Abenteurer. Schon im ersten Motel knistert zwischen ihnen die Erotik pur ...


ERSTER PREIS: EIN MANN!
Danny weiß genau, wie sein neuer Daddy sein soll! Leider zieht seine Mutter Rosemary nicht mit; die junge Witwe verabredet sich nie. Heimlich macht Danny also für sie bei einem Preisausschreiben mit und hofft auf den Hauptgewinn: ein Date mit Chris, ihrem netten Nachbarn …


DU HAST MIR DIE LIEBE GESCHENKT
Behutsam reicht die hübsche Krankenschwester Victoria dem gut aussehenden Steve Henderson das kleine Baby. Nach den Angaben der Mutter, die kürzlich an den Folgen eines Autounfalls verstorben ist, soll Steve der Vater der kleinen Heidi sein. Victoria versteht nicht, warum Steve so verwundert ist - denn sie weiß nicht, dass er seine Exfrau Kim seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat! Doch er ist überzeugt, dass sie gute Gründe hatte, ihn als Vater anzugeben. Wie gut, dass sich jetzt Victoria als rettender Engel erweist. Denn sie will ihm helfen! Und da Steve überzeugt ist, dass sich um Kims Tod mysteriöse Umstände ranken, und er selbst auf dem Weg ins Krankenhaus beschattet wurde, beschließt er, vorübergehend mit Victoria und Heidi in seine Blockhütte in den Adirondacks zu ziehen. Er spürt, dass mit ihnen sein Lebensglück zum Greifen nah und die Einsamkeit für immer vorbei ist ...
  • Erscheinungstag 29.03.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733735586
  • Seitenanzahl 780
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Muriel Jensen, Jacqueline Diamond, Patricia Knoll, Lisa Bingham, Marie Ferrarella, Jane Toombs

Vater gesucht - es ist nie zu spät für das Glück 2

IMPRESSUM

Daddy unbekannt erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de

© 2001 by Muriel Jensen
Originaltitel: „Father Formula“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA
Band 1300 - 2001 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: M.R. Heinze

Umschlagsmotive: GettyImages_Tay Jnr

Veröffentlicht im ePub Format in 12/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733754631

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de

 

Werden Sie Fan vom CORA Verlag auf Facebook.

1. KAPITEL

Alexis Ames sah vom Bett aus zu, wie ihre Schwester Athena Kleidungsstücke zusammenfaltete. Die sonst so zurückhaltende Athena verstaute soeben einen geblümten BH und einen Slip aus dem gleichen Material in der dunkelblauen Reisetasche.

„Damit hätte ich nie gerechnet.“ Alexis deutete auf die zarten, fast durchsichtigen Dessous. „Kannst du denn vor den Geschworenen ernst bleiben, wenn du diese Dinger trägst?“

Athena lachte, wurde aber dabei rot. „David hat sie mir gekauft, und ich arbeite nicht vor Gericht. Wir verreisen schließlich.“

Es faszinierte Alexis, dass ihre Schwester rot wurde. Seit Athena mit David Hartford zusammen war, hatte sie sich in vielfacher Hinsicht geändert.

Athena vertrat als Anwältin in Washington hauptsächlich Unterprivilegierte. Sie war von den Ames-Drillingen stets die Verantwortungsbewusste gewesen und hatte ihr Leben völlig durchorganisiert.

Der Tod ihrer Tante bei einem Flugzeugabsturz auf Hawaii hatte allerdings zu Veränderungen geführt. Athena machte Urlaub von ihrer Anwaltskanzlei, Alexis hatte ihr Maleratelier in Rom verlassen, und Augusta ließ sich in ihrer Schule vertreten und war von Kalifornien nach Oregon geflogen. Dort war das Testament ihrer Tante verlesen worden.

Dass Tante Sadie den Familiensitz Cliffside dem ihnen unbekannten David Hartford hinterlassen hatte, machte die drei Schwestern misstrauisch. Sadie hatte ihren Nichten das Haus versprochen, und das Testament erklärte diesen Sinneswandel nicht.

David Hartford wohnte bereits in Cliffside und hatte das Gästehaus sowie die Wohnung über der Garage an Freunde vermietet. Alexis und ihre Schwestern fuhren daraufhin nach Dancer’s Beach an der Küste von Oregon. Um die Wahrheit herauszufinden, schlichen sie sich bei einem Kostümfest ein, das die drei Männer gaben.

Es klappte nicht richtig. Die Männer hatten sich als die drei Musketiere verkleidet und waren nicht voneinander zu unterscheiden. Jede Schwester suchte sich einen Mann aus, dem sie Informationen entlocken wollte.

Hinterher zweifelte nur noch Athena an der Ehrlichkeit der drei Freunde. Alexis und Gusty fanden sich jedoch mit der Lage ab und gaben auf.

Vor einer Woche sah Alexis in Rom im Fernsehen des American Club das Foto einer unbekannten jungen Frau, die in Oregon bei Astoria aus dem Columbia River geborgen worden war. Durch einen Schlag auf den Kopf hatte sie das Gedächtnis verloren.

Alexis traute ihren Augen nicht. Das war eine ihrer Schwestern! Und sie war hochschwanger!

„Als die Schwester der Unbekannten, Athena Ames, mit einem Freund nach Astoria kam“, berichtete der Reporter, „war die geheimnisvolle Frau verschwunden. Sie ist einssiebzig groß, wiegt hundertzwanzig Pfund und hat langes rotes Haar und dunkelblaue Augen. Mittlerweile wird sie seit acht Tagen vermisst.“

Alexis versuchte daraufhin vergeblich, Athena in deren Büro in Washington zu erreichen. Von Patrick Connelly, einem Privatdetektiv, der oft für Athena arbeitete, erhielt Alexis eine Adresse in Oregon. Ihre Schwester wohnte demnach im ehemaligen Haus ihrer Tante. Doch wo war der Mann, dem das Haus jetzt gehörte?

In den Nachrichten war von ihrer Schwester und deren Freund die Rede gewesen. Athena und David Hartford hatten sich im Krankenhaus getroffen und gemeinsam nach Gusty gesucht, und daraus war eine dauerhafte Beziehung geworden.

Alexis und Davids Freund Trevyn McGinty waren vor zwei Tagen ihre Trauzeugen gewesen. Athena war hoffnungslos in David verliebt.

„Schriftsteller haben kein sicheres Einkommen“, sagte Alexis und meinte damit den derzeitigen Beruf ihres neuen Schwagers. Alles war verwirrend. Eine ihrer Schwestern wurde vermisst, und die andere hatte sich völlig verändert. Darüber hinaus hatten sie herausgefunden, dass Tante Sadie wie David früher für die CIA gearbeitet hatte. Ihr Deckname war Tantchen gewesen, und sie hatte David das Haus hinterlassen, weil er ihr einmal das Leben gerettet hatte. „Ist es wirklich gut, dass du dein Büro in Washington schließt und ein neues in Dancer’s Beach einrichtest? Ich meine, du bist an die Großstadt und an wichtige Fälle gewöhnt. Was wirst du hier finden, das dich entschädigt?“

Athena lächelte heiter. „Ich habe es schon gefunden, und es ist viel schöner als alles, was ich jemals erlebt habe.“

Alexis wäre die Bemerkung kitschig vorgekommen, hätte Athena es nicht so ernst gemeint. „Was ist, wenn sich dieser Literaturagent irrt und der Verleger, der David kennen lernen soll, sein Buch doch nicht veröffentlichen will?“

„Dann sucht er sich einen anderen. Es ist ein großartiges Buch.“

Alexis warf ein Paar Socken, die neben der Tasche gelandet waren, zu ihrer Schwester zurück. „Sie waren tatsächlich CIA-Agenten? Unsere Musketiere?“

„Tatsächlich.“ Athena schloss die Tasche. „Darum ist ja auch das Buch so gut. Es ist eine erfundene Geschichte, die jedoch auf Davids Erfahrungen basiert.“

Alexis setzte sich auf. „Ich kann mir Trevyn McGinty einfach nicht als CIA-Agent vorstellen, höchstens als Polizist in einer Fernsehserie.“

Athena setzte die Tasche an der Tür ab und holte einen Regenmantel aus dem Schrank. „Lex, du wirst mindestens eine Woche mit ihm und den Jungs hier allein sein, während David in New York ist und ich mein Büro schließe. Du solltest ihn besser behandeln.“

„Er knallt mir ständig bissige Bemerkungen an den Kopf.“

„Weil du ihm bissige Bemerkungen an den Kopf knallst.“ Athena lachte. „Du ärgerst dich doch nur, weil du ihn für einen Einbrecher gehalten hast und er in dem Handgemenge gesiegt hat.“

„Natürlich hat er gesiegt.“ Alexis sah ihre Schwester nicht an. „Er ist größer als ich und hat das schamlos ausgenutzt.“

„Es war dunkel“, hielt Athena ihr vor. „Und du hast ihn angegriffen.“

Alexis hatte nicht vergessen, wie McGinty auf dem Küchenboden auf ihr gesessen hatte, während die von ihr eingesetzte Bratpfanne durch die Luft flog. „Ich darf gar nicht daran denken, dass ich drei Monate lang zwei Mal wöchentlich an einem Selbstverteidigungskurs teilgenommen habe.“

Vergnügt öffnete Athena die Tür. „Die CIA hat ihn sicher besser ausgebildet als dich dein Trainer. Kommst du denn wirklich klar, wenn wir dir die Jungs und den Hund anvertrauen? Du musst alles ohne Haushälterin schaffen, weil Dotty erst am Montag wiederkommt. Du musst für das Essen sorgen, darauf achten, dass die Jungs zur Schule gehen, und den Hund füttern.“

Brandon, zwölf, und Brady, zehn, waren die Halbbrüder von Athenas Mann David. Alexis kannte die beiden erst seit einigen Tagen, mochte sie jedoch sehr – genau wie Ferdie, den bärenartigen Mischlingshund der beiden.

„Ich schaffe das schon“, versicherte Alexis. „Wieso traust du mir das nicht zu?“

„Ich traue es dir zu“, behauptete Athena. „Als Künstlerin vergisst du nur manchmal die einfachsten alltäglichen Dinge.“

„Nun ja, im Moment ist es bei mir mit der Kunst nicht weit her.“ Alexis schob ihre Schwester zur Tür hinaus. „Ihr beide verreist nicht zum Vergnügen, aber es wird dir trotzdem gut tun. Du hast viel durchgemacht, seit Gusty aus dem Fluss geborgen wurde. Und wir können die Suche nach ihr ohnedies erst fortsetzen, wenn Officer Holden die Passagierlisten überprüft hat.“

Brandon und Brady hatten Athena mit einer rothaarigen Frau verwechselt, die sie auf dem Flughafen von Portland beobachtet hatten. Die Jungen waren die Ersten gewesen, die Gusty seit ihrem Verschwinden aus dem Krankenhaus gesehen hatten. Sie waren ihrer Mutter weggelaufen, um bei David zu bleiben.

Seither ging Officer Holden von der Polizei in Astoria die Passagierlisten durch, doch das war eine langwierige Sache. Gusty war mit einem Mann unterwegs gewesen, den die Jungen als unheimlich beschrieben hatten. Die Polizei überprüfte nun jeden einzelnen Passagier zur fraglichen Zeit, weil man annahm, dass Gusty unter einem falschen Namen gereist war. Schließlich erinnerte sie sich nicht mehr an ihren eigenen.

Alexis ging mit Athena zur Treppe. „Es tut mir leid, dass ich in der letzten Zeit nicht hier war, um dir zu helfen.“

Athena winkte ab. „Schlimm war vor allem, dass ich nicht wusste, um welche von euch es sich handelte, da ich keine von euch erreichen konnte.“

„Als ob ich plötzlich im siebenten Monat schwanger auftauchen würde“, hielt Alexis ihr vor.

„Eines Tages“, erwiderte Athena lächelnd, „wirst du den Richtigen treffen. Dann wirst du dich fragen, wie du jemals so etwas sagen konntest.“ Sie ging die Treppe hinunter. „Die Jungs. Der Hund. Holdens Telefonnummer am Kühlschrank. Habe ich etwas vergessen?“

„Nein. Mach dir keine Sorgen, ich kümmere mich um alles und werde Holden täglich drängen. Genieße zusammen mit deinem Mann die Reise, und wenn ihr zurückkommt, wartet Gusty vielleicht schon auf dich.“

Unten angekommen, umarmten sie sich fest, um die Leere auszugleichen, die durch Gustys Verschwinden in ihrem Leben entstanden war.

„Ja, das wäre schön“, meinte Athena. „Ich rufe dich aus Washington an.“ Sie griff wieder nach der Reisetasche und ging zur Tür. „Und fang keinen Streit mit Trevyn an.“

„Er fängt immer an!“, widersprach Alexis.

„Musst du stets das letzte Wort haben?“, fragte Athena.

Trevyn McGinty half seinem Freund und Vermieter David Hartford, das Gepäck im Kofferraum zu verstauen. „Wie lautet der erste Punkt im Vertrag, falls du dein Buch verkaufen solltest?“, fragte er.

David reichte ihm eine prall gefüllte Aktentasche. „Dass du mich für den Einband fotografierst.“

Trevyn klopfte ihm auf den Rücken. „Sehr gut. Jetzt freut es mich ja doch, dass ich dir damals in Bangkok das Leben gerettet habe.“

„Wenn ich mich recht erinnere, war es das Standbild, hinter dem ich mich versteckte.“

„Aber ich tauchte rechtzeitig auf und erwiderte das Feuer.“

„Du hast dich um drei Minuten verspätet.“

„Musst du mir das immer wieder unter die Nase reiben? Wo steckt eigentlich Bram? Er kann doch nicht noch in Mexiko sein.“

„Doch. Der untreue Ehemann, den er beschattet, hat seinen Wagen mit hübschen Mädchen vollgeladen, und Bram folgte ihm nach Mexiko. Vor der Grenze hat er mich angerufen. Da unten tut sich was.“

Bram Bishop, ein Sicherheitsexperte mit über zwanzigjähriger Erfahrung, war oft der dritte Mann in ihrem Team bei der CIA gewesen. Vor fast zehn Monaten war er gemeinsam mit ihnen beim Geheimdienst ausgeschieden und hatte in Dancer’s Beach eine Privatdetektei eröffnet. Er wohnte über der Garage von Cliffside.

„Glaubst du, es geht um Drogen?“, fragte Trevyn. „Oder verschleppte Frauen?“

„Keine Ahnung. Ich habe nichts mehr von ihm gehört. Ich bekomme keine Verbindung zu seinem Handy.“

„Wie lange ist er schon fort?“

„Drei Wochen.“

Trevyn überlegte nur kurz. „Bei einem anderen würde ich mir Sorgen machen.“

„Ihm ist bestimmt nichts passiert.“ David lächelte, als Athena und Alexis aus dem Haus kamen. Die Jungen, die bis jetzt neben der Zufahrt Ringe geworfen hatten, griffen nach ihren Rucksäcken und folgten ihnen zusammen mit dem Hund. „Kommst du mit Lex und den Jungs klar, während Dotty ihren Sohn besucht? Oder soll ich für ein Kindermädchen und Polizeischutz sorgen?“

„Sehr witzig.“ Trevyn warf einen Blick auf das Gepäck, das die Frauen brachten, und schaffte im Kofferraum Platz. „Die Jungs sind prima. Alexis wohnt im Haus, ich wohne im Gästehaus, und der Herr im Himmel möge dafür sorgen, dass wir einander nie begegnen.“

In Trevyns Augen war Alexis das schwarze Schaf unter den Drillingen. Sie war so schön wie Athena und hatte auch langes rotes Haar und dunkelblaue Augen, war jedoch unhöflich und reizte ihn ständig. Sie hatte versucht, ihn mit einer Bratpfanne niederzuschlagen. Einer solchen Frau konnte er kaum freundschaftliche Gefühle entgegenbringen.

„Was ist, wenn Holden etwas über Gusty erfährt?“, fragte David.

„Ich finde sie auch ohne Lex’ Hilfe“, versicherte Trevyn.

„Aber Alexis kennt ihre Schwester besser als du“, wandte David ein, „auch wenn du …“

Trevyn seufzte, als David zögerte. „Auch wenn ich für Gustys Schwangerschaft verantwortlich bin. Sprich es ruhig aus. Wir wissen schließlich alle, dass sie hochschwanger ist.“

„Bist du denn sicher, dass du mit ihr zusammen warst?“, fragte David. „Die Drillinge sehen einander wirklich zum Verwechseln ähnlich, und dann noch die Kostüme und die Masken und …“

„Ich habe sie geliebt“, fiel Trevyn ihm ins Wort. „Und sie ist die einzige Schwester, die schwanger ist. Also war ich es.“

„Hältst du es aus, hier auf ein Ergebnis zu warten?“, fragte David. „Ich weiß, dass du Gusty am liebsten sofort suchen würdest, aber ich habe Wren auf sie angesetzt. Es wäre für mich eine Beruhigung, wenn du bei Lex und den Jungs bleibst.“

Wren war ein Freund aus den Tagen beim Geheimdienst. Auch er hatte bei der CIA seinen Abschied genommen und arbeitete jetzt selbstständig.

Trevyn hätte tatsächlich lieber sofort gehandelt, aber er stand tief in Davids Schuld. Wenn sie nicht für die CIA im Einsatz gewesen waren, hatten er und David zusammen für die Chicago Tribune gearbeitet, David als Journalist und Trevyn als Fotoreporter. „Mir ist das recht. Ich passe auf die Jungs auf. Falls allerdings Alexis verschwinden sollte …“

„Trev!“

„Schon gut, schon gut, ich passe auch auf sie auf.“

„Danke, Trevyn, dass du den Wagen vollgepackt hast.“ Athena lächelte ihn an. „Hätten wir das David überlassen, hätte ich das meiste machen müssen.“

„Ach, er war schon immer sehr selbstsüchtig“, scherzte Trevyn und schloss den Kofferraum. „Niemand versteht, was du an ihm findest.“

Athena umarmte die Jungen, versprach anzurufen und fragte, welche Souvenirs sie sich aus Washington und New York wünschten.

„Eine Mütze von den New York Yankees.“ Brandon umarmte David. Der Junge hatte helles Haar, war sehr mager und äußerst klug.

Brady stand mit verschränkten Armen daneben und machte ein finsteres Gesicht, obwohl er bisher stets fröhlich gewesen war. Trevyn vermutete, dass dem Jungen Davids Abreise nicht gefiel.

„Wann kommt ihr zurück?“, fragte Brady.

„In ungefähr einer Woche, höchstens zehn Tagen“, erwiderte David.

„Sicher?“

„Sicher.“

„Wenn ihr nämlich länger wegbleibt, versäumt ihr den Elternabend. Ihr müsst euch aber meine Arbeiten und auch das Klassenzimmer ansehen. Und es gibt Plätzchen.“

„Wir versäumen ihn nicht, das verspreche ich dir.“

Brady sah David unverwandt an.

Alexis und Athena zogen sich zum Wagen zurück und taten, als hätten sie die Spannung zwischen den beiden nicht bemerkt.

Brandon stieß Brady an. „Stell dich nicht so doof an“, raunte er ihm zu.

Brady warf ihm einen scharfen Blick zu und umarmte David. „Also, gute Reise.“

David drückte ihn an sich. „Was ist denn los?“

Brady zögerte. „Es geht mir nur um den Elternabend.“

„Wir kommen rechtzeitig zurück“, versicherte David und führte ihn auf die Fahrerseite des Wagens. „Brady, hast du Angst, unsere Mom könnte Darby noch einmal herschicken, damit er euch abholt?“

Darby war der neue Ehemann der Mutter von David, Brady und Brandon. Die Jungs waren von zu Hause ausgerissen, als er Ferdie ins Tierheim abschob.

Brady verschränkte erneut die Arme. „Manchmal schon“, räumte er ein.

David legte ihm die Hände auf die Schultern. „Mom hat die Papiere unterschrieben, die mich zu eurem gesetzlichen Vormund machen. Ich habe sie euch gezeigt.“

„Ich weiß“, bestätigte Brady.

„Dann brauchst du keine Angst zu haben.“

„Ja.“ Brady lächelte unsicher.

David blickte zu Trevyn hoch. „Dein Onkel Trev sorgt dafür, dass euch niemand mitnimmt und euch auch sonst nichts geschieht, während ich fort bin. Stimmt es, Trev?“

„Na ja“, meinte Trevyn, „es sei denn, es kommen hübsche Mädchen daher und wollen mich ebenfalls verschleppen. Dann allerdings …“

Brandon lachte schallend, und Brady musste lächeln. David warf Trevyn einen finsteren Blick zu.

„Niemand nimmt euch mit“, versicherte Trevyn ernst, legte die Arme um Brady und Brandon und zog sie vom Wagen weg. „Macht euch keine Sorgen.“

„Fällt einem nicht leicht, wenn man dich kennt“, entgegnete David und öffnete die Wagentür.

„Ich bin ja auch noch hier und kann eingreifen, wenn er Mist baut“, erklärte Alexis und umarmte David. „Pass auf meine Schwester auf, Kamerad, sonst kriegst du es mit mir zu tun.“

Nachdem David eingestiegen war, schloss sie die Tür.

Ferdie wollte bellend hinter dem Wagen herlaufen, doch Brandon hielt ihn am Halsband fest.

Alexis sah dem Wagen nach, und als er verschwand, fühlte sie sich sehr einsam. Gusty wurde vermisst, und Athena führte jetzt ihr eigenes Leben.

So ergeht es mir eigentlich immer, dachte Alexis. Sie gehörte nie wirklich irgendwo dazu. Sie war … anders. Und sie war einsam.

„Kommen die Jungs nicht zu spät in die Schule?“

Trevyn störte ihre Gedanken und erinnerte sie daran, dass sie nicht allein war. Vielleicht einsam, aber nicht allein.

Da stand er vor ihr, hoch gewachsen und mit breiten Schultern. Der Wind spielte mit seinem Haar, und aus seinen dunklen Augen traf sie ein herausfordernder Blick. Bei einem anderen Mann hätte sie zugegeben, dass er sagenhaft aussah, aber nicht bei Trevyn. Er hatte sie schließlich zu Boden gerungen und sich noch dazu auf sie gesetzt.

„Ich kenne den Fahrplan, vielen Dank“, erwiderte sie höflich und wandte sich an Brandon und Brady. „Soll ich mit euch zur Bushaltestelle gehen?“

Die Jungen sahen einander so entsetzt an, dass Alexis sofort ihren Fehler erkannte.

Brandon wandte sich hoffnungsvoll an Trevyn. „Kannst du uns mit dem Geländewagen hinfahren?“

„Sicher.“ Trevyn holte die Schlüssel aus der Tasche, während die Jungen schon in die Garage liefen. Alexis hielt Ferdie am Halsband fest. „Nehmen Sie es nicht schwer“, sagte Trevyn lächelnd zu ihr. „Es wirkt eben auf die Kameraden besser, wenn man in einem Geländewagen vorfährt, als wenn man eine Frau im Schlepptau hat. Bin gleich wieder hier.“

Alexis sah den dreien seufzend nach. Schon mit zehn und zwölf Jahren unter der Herrschaft von Testosteron! Was für eine Welt!

Die Jungen winkten ihr zu, und Ferdie winselte hinter dem Wagen her.

Alexis trat an die Hecke, die das Grundstück umgab, und lockte den Hund zu sich. Ohne ihre Schwestern fühlte sie sich hier fehl am Platz. Seit sie erwachsen war, hatte sie die beiden nur selten gesehen, doch in Cliffside waren sie stets zusammen gewesen.

Von ihrem Standort genoss sie den Ausblick auf den blauen Himmel und das blaue Meer, die in der Ferne miteinander verschmolzen. Die frische salzige Luft brachte Erinnerungen daran zurück, wie sie, Athena und Augusta hier als Kinder gespielt hatten.

Damals hatte sie düstere und selbstsüchtige Gedanken gehegt. Sie glaubte, ihre Mutter würde sie lieben, sofern sie sich der Konkurrenz entledigen konnte. Athena war äußerst tüchtig, und Gusty war reizend und liebenswert. Alexis dagegen neigte zu unverblümter Offenheit und besaß ein Talent für Kunst, und ihre Mutter schätzte beides nicht.

In positiven Momenten war Alexis damals dankbar gewesen für ihre Schwestern, ohne die ihr Leben trostlos gewesen wäre. Ihre Mutter ignorierte die Drillinge, weil sie selbst im Rampenlicht stehen wollte. Ihr Vater nutzte jede Gelegenheit, um von daheim fern zu sein. Dadurch hatten die Schwestern nur einander und die Aufenthalte bei Tante Sadie in Dancer’s Beach gehabt.

War sie verletzt oder verärgert gewesen, hatte sie sich ein Leben ohne Athena und Gusty vorgestellt und so getan, als gäbe es nur sie und ihre Mutter.

Dann wären die Leute auf der Straße nicht von drei kleinen rothaarigen und identisch gekleideten Mädchen begeistert gewesen. Niemand wäre stehen geblieben, um ihrer Mutter vorzuschwärmen, wie schön doch ihre Kinder waren und wie ähnlich sie ihr sahen.

Dann wären sie zu zweit gewesen. Niemand hätte sie beachtet. Sie wären gemeinsam einkaufen gegangen, und ihre Mutter hätte sich nur um sie gekümmert.

Alexis sah damals, wie andere Mütter ihre Kinder anlächelten. Sie brauchten nicht einmal etwas zu sagen. Die Liebe erkannte man allein schon an den Blicken, am Lächeln oder an einer Umarmung.

Auf all das hatte Alexis vergeblich gewartet.

Als Jugendliche hatte sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden und zusammen mit ihren Schwestern versucht, Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Athena verstand es, über alles zu diskutieren und zu streiten. Schon früh stand fest, dass sie Jura studieren würde.

Augusta liebte es, zu lernen und Wissen weiterzugeben, und sie mochte Kinder. Voll Begeisterung sprach sie darüber, Lehrerin werden zu wollen.

Alexis beschloss, die Kunst zu ihrem Leben zu machen. Kunst war nicht einfach ein Beruf.

Dank ihres Talents gewann sie ein Stipendium in Europa und blieb nach der Ausbildung dort. Einerseits genoss sie die Nähe zu den Kunstwerken der Renaissance. Andererseits war es auch eine Flucht. Auf diese Weise brauchte sie nicht ständig ihre Schwestern zu sehen, die sich ihrer Fähigkeiten so sicher waren und genau wussten, was sie wollten.

Mittlerweile hatte sie schöne Erfolge erzielt und wurde von der Künstlergemeinde Roms akzeptiert. In einer kleinen, aber angesehenen Galerie in New York City verkaufte sie erfolgreich ihre Werke. Das war mehr, als die meisten Künstler erreichten.

Alexis kehrte zum Haus zurück, um das Essen vorzubereiten. Als sie die Einfahrt erreichte, kam Trevyn zurück, hielt neben ihr und stieg aus.

„Haben Sie den Bus erreicht?“, fragte sie.

„Gerade noch. Haben Athena oder Dave Ihnen erklärt, wie Sie mich vom Haus aus anrufen können, falls Sie etwas brauchen?“

„Vielen Dank“, wehrte sie höflich ab, „aber ich bin nicht ängstlich und werde Sie kaum brauchen.“

Er ließ sich von der kühlen Antwort nicht abschrecken. „Was ist denn, wenn Sie wieder einen Eindringling überraschen sollten?“, fragte er unschuldig.

„Sie können wohl nicht wie ein Gentleman über den Zwischenfall schweigen, wie?“, fragte sie gereizt.

„Sie geben ja auch nicht zu, dass ich das Recht hatte, ins Haus zu kommen.“

„Sie haben mit einem Dietrich geöffnet!“, rief sie. „Wieso haben Sie nicht wie jeder normale Mensch angeklopft?“

„Weil es halb fünf morgens war“, erwiderte er. „Wieso haben Sie nicht wie jeder normale Mensch geschlafen?“

„Weil ich …“ Alexis stockte. Es ging ihn nichts an, dass sie sich Sorgen gemacht hatte. „Weil ich über einiges nachdachte. Sicher, Sie kamen gerade aus Kanada zurück, aber hätten Sie nicht zwei oder drei Stunden in Ihrem Wagen warten können, bis jemand im Haus wach ist?“

„Ich hatte die Nachricht über Gusty gesehen und musste mehr wissen“, hielt er ihr vor. „Und ich wusste, dass Dave sich nicht daran stört, wenn ich mir Zutritt zum Haus verschaffe.“

Das hielt sie ihm allerdings zugute, auch wenn er blöd genug gewesen war, ihre Schwester schon nach wenigen Stunden Bekanntschaft zu schwängern. Trotzdem fragte sie unfreundlich: „Was für ein Mensch reist eigentlich mit einem Dietrich?“

„Ein ehemaliger Agent. Ich konnte damit immer besser als Dave oder Bram umgehen.“

„In den Augen anderer Menschen ist das ein sehr fragliches Talent.“

„Tut mir leid, die Macht der Gewohnheit. Ich rechnete auch nicht damit, dass sich außer Dave jemand im Haus aufhält, abgesehen natürlich von Dotty. Woher sollte ich wissen, dass er noch vier Leute bei sich aufgenommen hat?“

„Haben Sie als Spion nicht gelernt, lieber Fakten als Vermutungen zu trauen?“

Aus seinen Augen traf sie ein schmerzlicher Blick. „Ich versuche, einiges von früher zu vergessen. Bei dieser Arbeit lernt man, nichts und niemandem zu vertrauen. Man darf nur glauben, was man selbst gesehen hat. Diese Einstellung hilft beim Wechsel zu einem normalen Leben so wenig wie die Fähigkeit, jedes Schloss zu öffnen.“

Er streichelte den Hund und deutete zum Gästehaus, das dem einstöckigen Hauptgebäude von Cliffside sehr ähnlich war. Es besaß ebenfalls Erdgeschoss und ersten Stock, aber an der Vorderfront nur zwei Fenster anstelle von vier, und kein Giebeldach. Es war von Tannen und Eschen umgeben.

„Ich muss arbeiten“, erklärte er. „Falls Sie etwas brauchen, drücken Sie die Taste für Hausgespräche und danach die Zwei.“

„Danke.“

Trevyn stieg wieder in den Wagen und fuhr ihn in die Garage.

Ferdie lief ihm bellend nach, doch Alexis rief ihn zu sich. Er kehrte gehorsam zu ihr zurück. Sie beugte sich zu ihm hinunter. „Du brauchst ihn nicht“, sagte sie ziemlich laut. „Ich werde dich füttern und mit dir spazieren gehen. Wir leisten uns gegenseitig Gesellschaft.“

Ferdie folgte ihr zum Hauptgebäude, blickte jedoch sehnsüchtig zu Trevyn.

Alexis drückte die Klinke, doch nichts tat sich. Verblüfft betrachtete sie die verschlossene Tür, lächelte dann jedoch dem Hund zu, als sie sich daran erinnerte, dass Athena ihr einen Schlüssel gegeben hatte.

Sie fasste in die Hosentasche. Leer. Der Schlüssel lag drinnen auf der Kommode.

„Verdammt“, sagte sie seufzend zu dem Hund. „Sieht so aus, als würde ich McGinty ja doch brauchen.“

2. KAPITEL

Trevyn wollte sich soeben in die Dunkelkammer zurückziehen, als er den Türklopfer hörte. Vielleicht hatten Dave und Athena etwas vergessen.

Es war Alexis. Ferdie saß neben ihr. Sie hielt die Arme verschränkt und sah ihn herausfordernd an. Also brauchte sie schon jetzt etwas. Trevyn bemühte sich, nicht zu zeigen, wie sehr ihn das freute.

Er ließ den Hund an der Hand schnüffeln und lecken. „Ja, bitte?“

„Ich habe den Schlüssel auf der Kommode vergessen“, erklärte sie lässig. „Und die Haustür ist zugefallen.“

„Ach nein“, meinte er mitfühlend. Einfach zu schön!

Alexis holte tief Atem. „Könnte ich mir Ihren Schüssel ausleihen?“, erkundigte sie sich höflich.

„Ich habe keinen“, erwiderte er hilflos.

„Was heißt, Sie haben keinen?“, fragte sie eine Spur lauter. „Sagten Sie nicht, Sie hätten das Schloss mit einem Dietrich geöffnet, weil Sie Ihren Schlüssel verlegt hatten?“

„Richtig“, beteuerte er. „Dann fand ich ihn und gab ihn Athena. Vermutlich hat sie ihn an Sie weitergegeben. Haben Sie es schon mit den Fenstern versucht?“

Allmählich wurde ihr klar, dass er mit ihr Katz und Maus spielte. „Sie haben gestern zusammen mit David die Sturmfenster eingesetzt.“

„Richtig! Wie konnte ich das vergessen?“

Alexis schoss ihm einen Blick zu, der eigentlich tödlich wirken sollte, an ihm jedoch einfach abprallte. „Würden Sie … bitte … die Tür für mich mit dem Dietrich öffnen?“

Oh ja, das tat wirklich gut. „Nur zu gern“, versicherte er.

Trevyn öffnete die Haustür innerhalb weniger Sekunden. Alexis rang sich ein Lächeln ab. „Vielen Dank für Ihre Hilfe.“

„Ich habe sie Ihnen ernsthaft angeboten“, erwiderte er und steckte den Dietrich weg. „Wahrscheinlich werden wir sogar bald miteinander verschwägert sein.“

„Tatsächlich.“ Alexis konnte sich eigentlich nicht vorstellen, dass ihre reizende Schwester diesen Kerl heiratete, aber Gusty trug immerhin sein Kind unter dem Herzen. Beinahe hätte sie ihn auf eine Tasse Kaffee eingeladen, doch das schaffte sie nicht.

„Ich fahre morgen Vormittag in die Stadt“, sagte er. „Falls Sie etwas brauchen, können Sie mitkommen oder mir eine Liste geben.“

„Danke, aber ich wollte eigentlich mit Ferdie in die Stadt gehen. Ich habe versprochen, dafür zu sorgen, dass er Bewegung hat.“

Trevyn nickte. „Wie Sie wollen. So, ich muss arbeiten.“

„Noch einmal danke.“

„Gern geschehen.“

Alexis schloss hinter ihm die Tür und zog die Vorhänge beiseite, um ihm nachzublicken. Bei allen Charakterfehlern besaß er doch recht interessante schmale Hüften und einen lässigen Gang.

Den Nachmittag widmete sie der Hausarbeit. Sie selbst war anspruchslos, was das Essen anging, aber sie brauchte etwas für die Jungen. Richtig! Sie konnte die beiden zu Hamburgern oder Pizza ausführen. Das kam zwar nicht jeden Abend in Frage, aber heute würde es ihnen helfen, sich anzufreunden.

Nachdem sie die Wäsche in den Trockner gesteckt hatte, spielte sie mit Ferdie im Garten. Der Wind hatte aufgefrischt. Morgen musste sie sich eine Jacke kaufen.

Gusty! Wo war ihre Schwester? Was war ihr zugestoßen? Und wer war der unheimliche Mann, den Brandon und Brady bei ihr auf dem Flughafen gesehen hatten?

Um nicht vor Sorge verrückt zu werden, rief sie Ferdie zu sich und gab ihm im Haus Futter und frisches Wasser. Danach trug sie die fertige Wäsche nach oben und legte sie auf die Kommode. Sie hatte jetzt das Zimmer, in dem Athena gewohnt hatte, bevor sie in Davids Schafzimmer umgezogen war. Bett und Kommode waren neu, aber Alexis kannte von früher den Micky-Maus-Wecker auf dem Nachttisch.

Sie holte ihren Skizzenblock und sah sich die Gesichter an, die sie auf dem Flug von Rom gezeichnet hatte. Seit der Ankunft hatte sie Bilder von den Jungen und Ferdie gemacht.

Die Zeichnungen waren sehr gut, aber für die Arbeit mit Farben fehlte ihr bereits seit drei Monaten die Inspiration. Darum versuchte sie es gar nicht mehr. Trotzdem versank sie nicht in Selbstmitleid. Sobald sie herausfand, woher dieses Tief stammte, würde sie es auch wieder überwinden.

Sie rief einen ihrer Partner in dem römischen Atelier an und bat ihn, ihr die große Kiste mit sämtlichen ihrer Bilder, ihre Pinsel und die Rolle Leinwand zu schicken.

Bella!“, rief er besorgt. „Du kommst nicht zurück?“

„Nicht so bald, Claudio.“ Er war erst zwanzig und kannte sie nur von Rom her. Daher hätte er nicht verstanden, dass sie hier zu Hause war. „Ich schicke dir Geld für die Frachtkosten.“

„Geld? Was bedeutet schon Geld?“, fragte er. „Ohne dich ist das Atelier kalt, Lexia.“

„Versuche nicht, mich mit Charme umzustimmen, Claudio“, scherzte sie. „Wir wissen beide, dass du Giulia liebst.“

„Giulia ist mit Ponti nach Palermo gefahren“, erwiderte er verächtlich. „Mein Herz hat sich in Stein verwandelt und schlägt nicht mehr.“

„Ach, Claudio.“ Sie glaubte ihm, dass es ihm das Herz gebrochen hatte. Er und die schöne Tochter eines Weinhändlers waren seit ihrer Kindheit miteinander befreundet, und Claudios Adoptivvater hatte für Giulias Vater gearbeitet. Erst vor einem Jahr hatten sie ihre Liebe zueinander entdeckt. Kurz danach war Giulia für ein halbes Jahr zu Verwandten nach New York geflogen. Nach ihrer Rückkehr hatte Ponti, Sohn eines berühmten italienischen Designers, sie unablässig umworben. Auch er war ein Jugendfreund Giulias. „Das tut mir leid. Ich hätte ihr mehr Verstand zugetraut.“

„Die ganze Welt ist verrückt“, erklärte er theatralisch, „und ich bin allein.“

„Jetzt kannst du dich wenigstens mit dieser hübschen Kellnerin in der Trattoria verabreden. Du hast sie immer bewundert.“

„Ich sehne mich nach dir“, erwiderte er seufzend, „und du schickst mich zu einer anderen Frau?“

„Ich bin zu alt für dich, Claudio“, entgegnete sie nüchtern. „Wie oft soll ich dir das noch sagen?“

„Was bedeutet schon das Alter, bella, wenn das Herz blutet?“

„Ich bin fast zehntausend Kilometer von dir entfernt, mein Freund. Das Alter mag für dich keine Rolle spielen, die Entfernung aber schon. Also, sei nicht albern und bitte die hübsche Kellnerin um eine Verabredung. Ich will wissen, wie es gelaufen ist. Und vergiss meine Bilder und die Pinsel nicht.“

„Du verletzt mich“, klagte er. „Aber gut, ich schicke dir deine Sachen. In der Stille der Nacht wirst du jedoch mein Herz für dich schlagen hören, magst du auch noch so weit von mir entfernt sein.“

„Nur, bis Giulia zurückkommt.“

„Du bist gemein“, warf er ihr vor, doch in seiner Stimme schwang ein Lächeln mit.

„Leb wohl, Claudio.“

„Leb wohl, bella.

Kaum hatte Alexis aufgelegt, als Ferdie winselte und aufgeregt bellend nach unten lief. Die Haustür öffnete und schloss sich. Gleich darauf begrüßten die Jungen den Hund. Alexis fand sie in der Küche, wo sie bereits den Kühlschrank plünderten und sich mit Blaubeer-Muffins versorgten.

„Wie ist es heute gelaufen?“, fragte sie.

Die Jungen lächelten. „Gut“, erwiderte Brandon.

„Genau“, bestätigte Brady.

„Wir könnten heute Abend Pizza essen gehen“, schlug sie vor. „Oder Hamburger, wenn ihr wollt.“

Brandon kaute bereits eifrig. „Cool.“

Brady griff nach seinem Teller und einer Dose Limonade. „Können wir fernsehen?“

Darauf hatte David sie vorbereitet. „Bis fünf. Dann macht ihr die Hausarbeiten. Ich wollte um sechs essen gehen.“

„In Ordnung.“ Brady war schon in den Freizeitraum unterwegs.

Brandon putzte die Arbeitsfläche blitzblank. „Willst du auch etwas essen?“, fragte er, bevor er den Kühlschrank schloss.

Alexis hatte keine Erfahrung mit Kindern in diesem Alter, hielt es jedoch für ungewöhnlich, dass sie so ordentlich waren. „Nein, danke. Und danke, dass du aufgeräumt hast.“

„Gern geschehen.“ Brandon folgte Brady.

Alexis überlegte, wie sie mit ihrer Arbeit vorankommen konnte. Vielleicht sollte sie eine Einweg-Kamera kaufen und Fotos der hübschen alten Teile von Dancer’s Beach machen. Dann konnte sie kleinstädtisches Leben festhalten, das allmählich überall in Amerika verschwand. Das mochte kitschig sein, aber es war wenigstens ein Anfang.

Brandon und Brady bestreuten ihre Pizza dick mit Parmesan und geschroteten Chilischoten und aßen alles auf. Zusätzlich gingen sie noch zwei Mal an die Salatbar.

Alexis erlaubte ihnen drei Videospiele – Autorennen. Auf der Heimfahrt hielt sie an und besorgte noch eine Großpackung Eiscreme.

Daheim fanden sie eine telefonische Nachricht von David und Athena vor. Die beiden waren in New York im Plaza abgestiegen und hatten ihre Nummer hinterlassen.

„Rufen wir sie an!“, schlug Brady begeistert vor.

Alexis sah auf die Uhr. „In New York ist es schon nach elf. Wahrscheinlich schlafen die beiden schon.“

„Oder auch nicht.“

„Wir rufen sie morgen an, wenn ihr aus der Schule kommt.“

„Vielleicht schlafen sie wirklich noch nicht“, drängte Brady. „Dave arbeitet manchmal sehr lang.“

„Aber jetzt ist er verheiratet, Hohlkopf“, sagte Brandon und ging zur Treppe.

„Na und?“, fragte Brady.

„Da werden sie wahrscheinlich … du weißt schon.“ Brandon warf Alexis einen verlegenen Blick zu.

„Was?“, hakte Brady nach.

Alexis wollte eine dezente Erklärung geben, als Brady plötzlich entsetzt die Augen aufriss, weil er offenbar begriffen hatte. Er schob Brandon zur Seite und rannte die Treppe hinauf.

Brandon seufzte tief. „Er ist eben noch sehr jung“, sagte er und folgte seinem Bruder zusammen mit Ferdie.

Alexis war verblüfft. Sie wusste, dass Kinder in Bradys Alter untereinander über Sex redeten, aber sich nicht vorstellen mochten, dass ihre Eltern oder andere nahe stehende Erwachsene Sex miteinander hatten. Bei Brady hatte sie jedoch keinen Widerwillen, sondern Angst erkannt. Das verstand sie nicht. Sie hatte den Eindruck gehabt, dass er an Athena hing.

„Sagt mir Bescheid, bevor du das Licht löschst!“, rief sie Brandon nach.

Als Brandon sie kurz nach neun rief, war Bradys Zimmer schon dunkel. Alexis ging zu Brandon und streichelte den Hund, der auf einer Decke zu Füßen des Jungen lag.

„Toast mit Ei zum Frühstück?“, frage Alexis.

„Nur Cornflakes“, sagte er.

„Du vertraust meinen Kochkünsten nicht?“

„Nein“, erwiderte er lachend. „Gute Nacht.“

„Gute Nacht.“

Sie betrat Bradys Zimmer, obwohl es dunkel war. Vermutlich tat der Junge nur so, als würde er schlafen. Trotzdem deckte sie ihn schweigend zu und ging wieder zur Tür.

„Ich hätte gern Toast.“

„Bekommst du“, sagte sie erleichtert. „Soll ich dich etwas früher wecken, damit du mehr Zeit hast?“

„Zeit wofür?“

„Für die Butter und den Sirup. Du musst den Toast vollständig damit bestreichen, sonst schmeckt er nicht so gut.“

„Ja, stimmt.“

„Brady?“ Alexis trat vorsichtig wieder zum Bett. „Machst du dir wegen irgendetwas Sorgen?“

Schweigen.

„Du kannst es mir anvertrauen“, fuhr sie fort. „Ich helfe dir, so gut ich kann. Ich reiche zwar nicht an David und Athena heran, aber ich bin jetzt mehr oder weniger deine Tante.“

Erst nach einer Weile sagte er: „Es ist nichts.“

„Na schön. Zwei oder drei Toastscheiben?“

„Drei.“

„Gute Nacht, Brady.“

„Gute Nacht.“

Als sie in die Küche ging, um sich davon zu überzeugen, dass Sirup im Haus war, sagte sie sich, dass sie nicht gerade einen Sieg errungen hatte. Allerdings konnte Brady sich auf etwas morgen früh freuen. Das half ihm vielleicht, mit dieser seltsamen Angst fertig zu werden.

Alexis war unbeschreiblich erleichtert, als sie in der Kühlschranktür eine Flasche Sirup fand.

3. KAPITEL

Der Albtraum setzte wieder ein. Trevyn ahnte, dass Farah gegen seinen Willen an dem Angriff auf das Lager der Terroristen teilnehmen wollte. Die Angst um sie vertrieb die Ruhe, die bei seiner Arbeit lebenswichtig war.

Er rechnete fest damit, sie auf dem Weg zu finden, der zum Lager führte. Sie war jedoch nirgendwo zu sehen. Das war eigentlich ein gutes Zeichen, doch er konnte sich trotzdem nicht entspannen.

Zu spät fand er heraus, dass sie schon vorausgegangen war, um ihnen zu helfen, und dass ihr verräterischer Bruder die Terroristen gewarnt hatte.

Trevyn hörte Schüsse und Farahs Schrei.

Dann hörte er sich selbst schreien.

Schüsse fielen aus drei Richtungen, während er zu ihr lief. Sie war tot. Das wusste er schon, bevor er sie erreichte. Und während er neben ihrer reglosen Gestalt kniete, fühlte er, dass auch er tot war.

Dave packte ihn am Arm und zog ihn zurück. Er wehrte sich. Er konnte Farah nicht zurücklassen. Vielleicht hatte er sich ja geirrt. Er war schließlich kein Arzt. Vielleicht lebte sie noch.

Er wehrte sich gegen Dave, der ihm schließlich half, sich Farah über die Schulter zu legen. Dave und Bram gaben ihm bei der Flucht Feuerschutz …

Trevyn erwachte schweißgebadet und von Panik und Trauer erfüllt. Erst nach einer Weile sah er die beige Tapete mit den braunen Punkten und den Stuhl mit seinem Hemd und der Jeans. Keine Tarnkleidung. Er war wieder in Chicago.

Irrtum. An der Wand hing das Foto, das er von einem Frachtschiff vor Cliffside gemacht hatte. Er war in Dancer’s Beach und begann hier neu, indem er ein Fotostudio eröffnete.

Er hatte geglaubt, die Albträume überwunden zu haben, doch das stimmte offenbar nicht. Es ging ihm aber schon besser. Er kam zur Ruhe. Dann fiel ihm allerdings ein, dass er Vater wurde. Verstört setzte er sich auf. Wie konnte ein Mann wie er ein Kind großziehen?

Er mochte Kinder und hatte in seiner Zeit bei der Tribune viele fotografiert. Hoffentlich brachte Gusty Verständnis auf. Er wusste nichts über sie, außer dass sie sich in der Nacht des Kostümfestes willig in seine Arme geschmiegt hatte.

Er musste sich um sie kümmern und bei ihr sein, wenn das Kind geboren wurde. Seine schlimmen Erinnerungen spielten dabei keine Rolle. Wenn die Suche nach Gusty jedoch weiterhin so langsam vorankam, konnte das Kind wahrscheinlich schon laufen, bevor er es zu Gesicht bekam. Für einen Mann, der es gewohnt war, selbst zu handeln, war dieses Warten frustrierend.

Seit Afghanistan versuchte er, wieder ins Leben zurückzufinden, und das erreichte er nur damit, dass er etwas unternahm.

Er stieg aus dem Bett und ging unter die Dusche. Das Fotostudio hatte er vor der Abreise nach Kanada gemietet, doch es war noch viel zu tun. Es war zwar gereinigt worden, brauchte jedoch einen neuen Anstrich, Möbel und ein Firmenschild. Und er musste seine Ausrüstung unterbringen.

Während er sich anzog, überlegte er, ob er Alexis fragen sollte, ob sie etwas brauchte. Gestern hatte sie zwar behauptet, nie etwas von ihm zu brauchen, aber dann war sie doch angekrochen gekommen, weil sie sich ausgesperrt hatte. Genüsslich dachte er daran zurück, griff zu seiner Jacke und sah auf die Uhr. Die Jungs warteten bestimmt schon auf den Bus. Er ging zu seinem Wagen hinaus.

Alexis kam ihm entgegen. Ferdie lief aufgeregt an einer langen Leine voraus.

„Guten Morgen!“, rief sie. „Wir machen unseren Spaziergang.“ Dann sah sie Trevyn genauer an und blieb stehen. „Ist alles in Ordnung?“

Er wusste, dass man ihm den Albtraum stets noch eine Weile ansah, und er hasste diese Schwäche. Außerdem ärgerte es ihn, dass Alexis nach dem gestrigen Vorfall Sorge um ihn zeigte.

„Sicher ist alles in Ordnung“, erwiderte er. „Wieso denn nicht?“

„Weil Sie ein wenig …“ Sie suchte nach dem richtigen Wort, das es seiner Meinung nach gar nicht gab. Offenbar sah sie ihm das an, weil sie den Kopf schüttelte. „Tut mir leid, mein Fehler“, sagte sie und setzte den Weg fort.

Das ärgerte ihn noch mehr. „Brauchen Sie was aus der Stadt?“, rief er ihr nach, während der Hund sie weiterzog.

„Nein, danke!“, erwiderte sie. Ferdie hechelte die Einfahrt entlang.

Trevyn öffnete die Garage. Davids Wagen fehlte, aber Brams Jeep stand unverändert da. Man sah ihm nicht mehr an, dass Athena mit ihm auf der ersten Fahrt nach Dancer’s Beach umgekippt war. David hatte ihn reparieren lassen.

Trevyn stieg in seinen verbeulten roten Geländewagen. Er sollte sich ein anderes Fahrzeug zulegen.

Er fuhr los und hupte Alexis und Ferdie am Ende der Zufahrt an und winkte.

Sie winkte lächelnd zurück.

So hatte er Gusty in Erinnerung, als er sie das letzte Mal sah.

Alexis und Ferdie liefen durch den Park im Zentrum von Dancer’s Beach. Es war ihr ein Rätsel, woher der Hund nach dem fast drei Kilometer langen Marsch in die Stadt überhaupt noch die Energie hatte. Sie ging mit ihm die Hauptstraße entlang und sah sich auch einige Seitenstraßen an. Dabei machte sie Fotos von Szenen, die sie vielleicht malen würde – Kinder auf Schaukeln im Park, drei alte Männer auf einer Bank unter einer Straßenlaterne, zwei alte Frauen, die sich das Schaufenster eines Blumengeschäfts ansahen, das alte Hotel.

Das Buckley Arms stammte von der Jahrhundertwende, grau und weiß gehalten, vierstöckig, mit einem altmodischen Baldachin für die Leute, die im Regen auf ein Taxi warten mussten. Sie lächelte. Wie oft kamen schon Leute nach Dancer’s Beach, die ein Taxi brauchten?

Sie machte noch einige Aufnahmen und merkte dann erst, dass es noch das Café im Erdgeschoss des Hotels gab. Nachdem sie Ferdie an einem Zeitungsständer festgebunden hatte, ging sie hinein und bestellte Milchkaffee mit Haselnussgeschmack.

Soeben überlegte sie, ob sie sich auch ein Plätzchen gönnen sollte, als hinter ihr jemand „Athena!“, rief.

Sie drehte sich überrascht um. Ein älteres Paar saß an einem der runden Tische, trank Kaffee und las Zeitung.

„Peg McKeon“, sagte die Frau und legte dem Mann die Hand auf den Arm. „Und Charlie. Wir waren in dem Antiquitätenladen, in dem Sie für Ihre Schwester den Schneebesen suchten.“

Alexis trat lächelnd an den Tisch. „Ich bin Alexis. Wir sehen einander zum Verwechseln ähnlich.“

„Ach, dann hat Athena den Schneebesen für Sie gekauft“, meinte Peg freundlich.

„Nein, für Augusta. Wir sind Drillinge.“

„Du liebe Güte“, sagte Peg erstaunt. „Ich hätte schwören können …“

Der Mann stand auf. „Ich war schon immer dafür, eine Methode zu erfinden, wie man hübsche Mädchen kopieren kann. Möchten Sie sich zu uns setzen, sofern Sie nicht verabredet sind?“

Der Name McKeon kam Alexis bekannt vor. „Gern, falls ich nicht störe.“

„Natürlich nicht. Ich hole Ihren Kaffee.“ Bevor Alexis einwenden konnte, dass sie noch nicht bezahlt hatte, erledigte er alles und brachte auch ein Plätzchen mit. „Ich habe gesehen, wie Sie das Gebäck betrachtet haben“, sagte er. „Man sollte sich ruhig etwas gönnen. Wo ist denn Athena?“

„Danke, Charlie. Sie ist in New York.“ Alexis brach das Plätzchen entzwei und tauchte das Ende in den Kaffee. „Ihr frisch angetrauter Ehemann trifft sich dort wegen seines Buchs mit einem Agenten, und danach schließt sie ihre Anwaltskanzlei in Washington, weil sie ab sofort hier lebt.“

Peg nickte wissend. „Dann hat sie also die Liebe gefunden.“ Als Alexis sie überrascht ansah, fügte sie hinzu: „Ich sagte ihr, unsere Söhne hätten wunderbare Ehefrauen, aber wir würden uns unserer Tochter wegen Sorgen machen. Sie schafft es nicht, eine Beziehung aufrecht zu erhalten. Athena meinte, ich sollte mir nicht den Kopf zerbrechen. Dori würde schon die Liebe finden. Das tut schließlich jeder Mensch. Sich selbst nahm sie allerdings aus. Es freut mich sehr, dass sich das geändert hat.“

„Sie heiratete David Hartford“, erklärte Alexis. „Ihm gehört Cliffside.“

Charlie nickte. „Dori hat dort ein Kostümfest besucht. Sie war von dem Haus begeistert.“

„Es ist sehr schön. Es gehörte unserer Tante, und meine Schwestern und ich haben uns da oft als Kinder aufgehalten. Wollten Sie jetzt wieder Antiquitäten einkaufen?“

„Wir wollten etwas für die Kinder besorgen, das allen gefällt“, erwiderte Peg. „Es ist schon drei Jahre her, seit sie sich das Strandhaus geteilt haben. Wir suchen etwas ganz Besonderes für das Wiedersehen zu Thanksgiving.“

Durch das Fenster sah Alexis, wie Ferdie sich an Trevyn hochstellte. „Ach, da ist jemand, den Sie kennen lernen sollten“, sagte sie und winkte ihn zu sich herein. „Er eröffnet in Dancer’s Beach ein Fotostudio. Ein Foto von Ihnen beiden wäre doch perfekt für das Haus Ihrer Kinder und deren Familien. Vielleicht auch ein Bild von Ihnen allen zusammen.“

Sie redete sich ein, dass sie ihm eigentlich gar nicht helfen wollte. Es ging ihr nur um diesen verlorenen Gesichtsausdruck, mit dem er heute Morgen aus dem Haus kam, als würde er zwar seine Umgebung erkennen, sich darin aber nicht heimisch fühlen. So war es ihr selbst oft ergangen.

Er trat ein und wirkte jetzt frisch und attraktiv. Was immer ihn bedrückt hatte, war zumindest vorerst gebannt. Alexis übernahm die Vorstellung und setzte dann das Gespräch fort.

„Ich habe den McKeons von Ihnen erzählt, aber Sie sollten ihnen noch mehr von sich berichten. Ich besorge inzwischen Kaffee.“

Trevyn war sichtlich verwirrt, weil sie so hilfsbereit war, und wirkte sogar verunsichert. Alexis ging lächelnd an die Theke.

„Ich halte ein Foto von uns allen für eine großartige Idee“, sagte Charlie, und Peg nickte zustimmend. „Eine unserer Schwiegertöchter ist Fotografin, und sie macht ständig Fotos bei den Treffen. Es wäre nett, wenn sie mal auf einem Bild wäre, ohne den Selbstauslöser einschalten und sich dann ganz schnell zu uns stellen zu müssen. Was meinst du, Peg? Wollen wir nicht die beiden zum Abendessen einladen und dabei alles besprechen?“

„Das wäre sehr schön“, bestätigte Peg.

„Sehr gern“, erwiderte Trevyn, „aber wir sind zu viert. Alexis’ Schwester hat meinen Freund geheiratet, und wir passen auf seine beiden jüngeren Brüder auf, während sie verreist sind.“

„Das ist kein Problem“, versicherte Peg. „Wir sind an eine große Familie gewöhnt. Ich koche etwas, das alle mögen. Hat Ihre andere Schwester sich übrigens über den Schneebesen gefreut?“, fragte sie, als Alexis mit Kaffee an den Tisch zurückkehrte.

Alexis berichtete von dem Vorfall am Columbia River und Gustys Verschwinden.

„Wie schrecklich“, sagte Peg mitfühlend. „Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als nicht zu wissen, was aus einem Familienmitglied geworden ist. Das würde mich wahnsinnig machen. Wir behalten unsere Kinder und Enkelkinder ständig im Auge.“

„Die Polizei arbeitet an dem Fall.“ Alexis leerte ihre Tasse. „Unsere Schwester wurde auf einem Flughafen zusammen mit einem Mann gesehen, und die Polizei braucht lange, um alle Passagierlisten zu überprüfen.“

Peg tätschelte ihr die Hand. „Das ist schlimm für Sie.“

„Vertrauen Sie darauf, dass alles gut ausgehen wird“, riet Charlie. „Peg kümmert sich ja selbst um alles, aber ich halte mich meistens im Hintergrund und glaube ganz fest an ein gutes Ende.“

„Willst du damit sagen, dass ich mich in alles einmische?“, fragte Peg gekränkt.

„Willst du das denn abstreiten?“, fragte Charlie überrascht.

Sie überlegte kurz und lächelte Alexis und Trevyn zu. „Nein, aber es besteht ein Unterschied zwischen Einmischung und helfendem Eingreifen. Ich bediene mich gewisser Kunstkniffe.“

„Damit meint sie ihre Tricks“, sagte Charlie lachend.

Peg wandte sich an Trevyn. „Ihre Mutter lässt Sie in Ruhe?“

„Sie starb, als ich noch auf der High School war“, erwiderte er. „Mein Vater setzte sich vor einem Jahr zur Ruhe und zieht seither auf einer Harley durch das Land. Ich bekomme von überall her Postkarten, habe ihn aber schon lange nicht mehr gesehen.“

Charlie seufzte. „Ich habe mir schon immer eine Harley gewünscht.“

Peg stieß ihn an. „Ich bitte dich! Kannst du dir deine Arthritis vorstellen, wenn du bei diesem Wetter unterwegs wärst?“

„Man fährt nicht in Unterwäsche Motorrad“, wehrte er ab. „Man trägt eine Lederkluft, um sich zu schützen.“

„Charlie!“ Peg deutete auf ihren blauen Jogginganzug. „Wie würde ich wohl auf dem Soziussitz einer Harley aussehen? Denk doch mal nach.“

„Weißt du, Peggy, mein Schatz, dich würde ich gar nicht mitnehmen“, sagte Charlie humorvoll. „Ich würde mich einem wilden Haufen anschließen und mir ein gut gebautes Baby in Ledershorts suchen.“

Peg starrte ihn einen Moment ungläubig an, ehe sie laut lachte. Er schloss sich ihr an, und sie hielten einander an den Händen.

Alexis warf einen Blick zu Trevyn, der ebenfalls lachte. Die McKeons gingen schließlich und trafen vorher eine Verabredung für den Sonntagabend.

Charlie schob seine Frau behutsam zur Tür hinaus und winkte Alexis und Trevyn noch einmal zu. „Bis Sonntag.“

Alexis sah ihnen sehnsüchtig nach. „Von solchen Eltern träumen alle Kinder. Sie sehen aus, als könnte man mit jedem Problem zu ihnen kommen. Selbst wenn sie es nicht lösen könnten, würden sie zuhören und mit einem leiden und einen in den Arm nehmen, damit man sich besser fühlt.“

„Ja, sie sind toll“, bestätigte Trevyn und zeigte zu Ferdie, der die Ohren spitzte, als wüsste er schon, dass er bald weiterlaufen konnte. „Er schaut drein, als könnte er ein Plätzchen brauchen.“

Athena griff nach der zweiten Hälfte ihres Plätzchens. „Das habe ich für ihn aufgehoben.“ Sie stand auf und vergaß die kleine Einweg-Kamera auf dem Tisch.

Trevyn griff danach und reichte sie ihr. „Die gehört Ihnen?“

„Ja, danke. Ich habe Fotos als Malvorlagen gemacht. Diese Geräte beleidigen vermutlich das Auge eines Profis.“

„Absolut nicht. Sie erfüllen ihren Zweck. Wohin wollen Sie jetzt?“

Da sie und Trevyn sich bei den McKeons wohl gefühlt hatten, kam Alexis sich nicht mehr so einsam vor. Trevyn würde außerdem wahrscheinlich bald zu ihrer Familie gehören. Es war besser, sie versuchte, mit ihm gut auszukommen. „Ich habe kein bestimmtes Ziel, sondern nur einfach Fotos gemacht.“

„Mein Studio befindet sich in einem interessanten alten Gebäude.“ Er hielt ihr die Tür auf. „Wollen Sie es sehen? Ich richte es gerade her und möchte es in zwei Wochen eröffnen, um das Weihnachtsgeschäft mitzunehmen. Übrigens vielen Dank, dass Sie mich den McKeons empfohlen haben.“

„Gern geschehen. Wissen Sie, Gusty sollte sich Ihr Studio ansehen. Sie hat ein Händchen, wenn es ums Dekorieren geht. Ihre Wohnung und ihr Klassenzimmer wirken immer einladend.“

Er band den Hund los, der ihr das Plätzchen aus der Hand nahm. „Dekorieren ist nicht Ihre Stärke?“

Alexis ging weiter, während Ferdie schwanzwedelnd die Führung übernahm. „Ich habe eine kleine Wohnung mit einem herrlichen Ausblick, aber die meiste Zeit verbringe ich in einem Atelier, das ich mir mit mehreren Künstlern teile. Manchmal stecke ich Blumen in eine Milchflasche. Mehr mache ich nicht.“

„Ist es nicht schwer, so weit weg von daheim zu sein? Oder fühlen Sie sich dort schon zu Hause?“

„Ich fühle mich in Rom wohl“, erwiderte sie, „aber zu Hause werde ich immer da sein, wo sich meine Schwestern aufhalten. Wenn ich eine Erkältung oder die Grippe habe, fühle ich mich schrecklich einsam. Dann jammere und klage ich wie ein Kind. Unsere Mutter hat uns nie großartig versorgt. Das machte Tante Sadie.“

„Bei einem Einsatz für die CIA holte ich mir in Malaysia eine Infektion. Ich war überzeugt zu sterben, obwohl die Einheimischen versicherten, es wäre ganz harmlos. Nie habe ich mich so nach daheim gesehnt wie damals.“

„Fühlen Sie sich denn in Dancer’s Beach daheim?“, fragte Alexis.

„Es gefällt mir hier, aber ich kann nicht immer auf Daves Grundstück wohnen, schon gar nicht nach seiner Hochzeit. In der Bucht fand ich ein Haus im Bungalowstil mit vielen Winkeln und Fenstern. Es steht auf einem kleinen Hügel und ist von Bäumen umgeben. Sollte es jemals verkauft werden, schnappe ich es mir. Dann werde ich mich hier wirklich heimisch fühlen.“

„Haben Sie Geschwister?“

„Ich bin ein Einzelkind.“ Er blieb vor einem Gebäude im südländischen Stil stehen. An der Vorderseite befanden sich mehrere Mauerbögen. In jedem von ihnen war ein Laden untergebracht. Das zweite Geschäft gehörte Trevyn.

Er schloss auf, schaltete die Lichter ein und ließ Alexis den Vortritt.

Trevyn mochte das alte Gebäude. In der Mitte befand sich ein Kino, an das sich auf jeder Seite drei Läden anschlossen.

Der Fußboden bestand aus breiten Brettern, die weißen Wände mussten gestrichen werden. Von der Decke hingen zwei Lüster mit jeweils sechs tulpenförmigen Lampenschirmen.

Alexis ging in die Mitte des Raums, blickte hoch und sah sich um. „Die Lüster verströmen viel Charme“, stellte sie fest und trat an die Trennwand zum nächsten Laden. „Und das färbt sicher auf die Gesichter der Leute ab, die vor der Kamera posieren.“

Daran hatte er noch gar nicht gedacht.

Sie strich mit den Fingern die Wand entlang.

„Drei Meter hoch und neun Meter lang“, stellte Trevyn fest. „Die Dekoration wird ein Problem. Ich würde überall Bilder aufhängen.“

Sie überlegte und ging an den beiden anderen Wänden entlang. Nach vorne gab es ein großes Schaufenster, und an den beiden anderen Wänden befanden sich Lichtschalter, ein Sicherungskasten, ein Wandtelefon und eingebaute Regale. „Würden die Bilder sich nicht besser im Schaufenster machen? Die Theke müssen Sie hierher zum Telefon stellen. Dann bleibt Ihnen noch genug Wand für Porträtaufnahmen, und die Kunden können Ihre Arbeiten bewundern, während sie sich informieren.“

„Sagten Sie nicht, dass Sie nichts vom Dekorieren verstehen?“, fragte er scherzhaft. „Sie denken wie eine Dekorateurin.“

Alexis strich mit der Hand über die Wand. „Nein, sondern wie eine Freskenmalerin.“

Er trat zu ihr. „Sie meinen eine dieser Wandmalereien, die man in Wohnzeitschriften sieht?“

„Nein.“ Sie trat einen Schritt zurück und ließ den Blick über die Wand schweifen. „Es müsste zu einem Fotoatelier passen. Vielleicht alte Ansichten aus Dancer’s Beach. Die müssten sich auftreiben lassen. Eine Montage von Porträts und herausragenden Sehenswürdigkeiten. Vielleicht reicht auch eine Strandansicht.“ Sie ging einige Schritte weiter. „Die Tänzerinnen, die in weißer Spitze und mit Sonnenschirmen am Strand entlanggehen. Das würde an die Zeit erinnern, in der sie sich hier sicher fühlten und vielleicht sogar schon verliebt waren.“

Er konnte sich das nicht wirklich vorstellen, doch es gefiel ihm. „Und das können Sie?“

„Ich?“, fragte Alexis überrascht.

„Vermutlich gibt es in Dancer’s Beach nicht viele Freskenmaler.“

„Aber dann wären wir beide hier beschäftigt, und Sie mögen mich nicht“, wandte sie ein.

„Nicht immer“, sagte er leise lachend. Abstreiten konnte er es nicht, weil sie seit dem unglücklichen ersten Zusammentreffen in der dunklen Küche oft genug aneinander geraten waren. „Oder fürchten Sie, es nicht lange genug mit mir auszuhalten, um das Bild fertig zu stellen?“

„Genauso ist es“, räumte sie offen ein. „Die Hälfte der Zeit möchte ich Sie umbringen, und die andere Hälfte …“ Sie unterbrach sich.

„Und die andere Hälfte?“

Sie sah ihn schweigend an, doch er hätte schwören können, dass sie jetzt dachte: Die andere Hälfte interessiere ich mich für dich …

Er ging nicht darauf ein, obwohl sie ihn faszinierte, seit sie eine Weile zusammen waren, ohne sich gegenseitig anzuschreien. Das war jedoch nicht richtig. Ihre Schwester erwartete von ihm ein Kind, und wenn er Alexis nicht faszinierend fand, hielt er sie für unerträglich.

„Gusty entwickelt offenbar Gefühle für Sie“, sagte Alexis. „Darum lasse ich Sie am Leben.“

„Vielen herzlichen Dank. Ich würde Sie gut bezahlen. Stundenweise, wenn Sie wünschen. Vermutlich ist das eine von den Arbeiten, die immer länger dauern, als man ursprünglich denkt.“

Damit erreichte er prompt sein Ziel. Nichts dämpfte die Anziehung zwischen einem Mann und einer Frau wie die Erwähnung von Geld.

Seufzend wandte Alexis sich wieder der Wand zu. „Ich brauche mindestens …“ Sie nannte einen hohen Stundenlohn und eine beträchtliche Anzahl von Stunden, die für das Wandgemälde nötig waren. „Und ich kann durchaus in Ihrer Gegenwart arbeiten, wenn Sie nicht ständig auf alles scharf antworten, was ich sage.“

„Sie mögen es einfach nicht, herausgefordert zu werden.“

Sie warf ihm einen finsteren Blick zu. „Genau das machen Sie gerade.“

„Schon gut“, wehrte er ab. „Ich halte mich zurück. Jetzt bringe ich Sie nach Hause und schreibe Ihnen einen Scheck aus, damit Sie möglichst bald anfangen.“

Er rechnete mit Widerspruch, doch sie nickte.

Zum Teufel mit dieser Frau.

Alexis machte für das Abendessen Spaghetti und Salat. Die Jungen waren einverstanden. Während sie am Esszimmertisch die Hausaufgaben erledigten, fertigte Alexis einige Entwürfe an, die sie Trevyn vorlegen wollte.

Trevyn … Sofort wurde sie abgelenkt. In dem Laden hatte sie ihm in die Augen gesehen, und etwas, das sie selbst schon vergessen hatte, war ihr plötzlich bewusst geworden … und auch ihm.

Lieber Himmel! Sie hatte wieder Haltung angenommen, aber es war schlimm gewesen, ihm in die schwarzen Augen zu sehen und sich gefangen zu fühlen. Dabei hätte sie sich jederzeit befreien können. Sie hatte es nur nicht gewollt!

In diesem Moment hatte er das Ende ihrer langen Reise verkörpert, ihren sicheren Hafen. Sie hatte sich ihm verbunden gefühlt wie nie zuvor jemand anderem. Das hatte sie tief getroffen.

Wie war es bloß dazu gekommen? Sie mochten einander gar nicht. Und sie hatte sich nie zu einem schlimmen Jungen oder einem gefährlichen Mann hingezogen gefühlt. Stattdessen sehnte sie sich nach Trost, Vertrauen, Sanftheit und Zuneigung.

Bei Trevyn hatte sie sich bisher nichts weiter eingehandelt als geprellte Rippen, lästige Nachstellungen und freche Bemerkungen.

Er hatte ein großes Mundwerk … sein Mund … sein Mund war hübsch geformt, die Lippen nicht zu schmal und nicht zu voll. Ideal für ein hinreißendes Lächeln.

Alexis schlug mit der Faust auf das leere Blatt. Was war los mit ihr? Er gehörte zu Gusty! Das heißt, ihr stand zumindest das Recht zu, ihn abzuweisen, sobald sie wieder auftauchte!

Alexis lehnte sich zurück und schloss die Augen. Bisher hatte kein Mann sie angezogen. Fast dreizehn Jahre lang hatte sie Annäherungsversuche abgewehrt. Und jetzt interessierte sie sich für den Mann, der ihre Schwester geschwängert hatte.

Stunden später lagen die Jungen in den Betten. Alexis fand Zeit, weiter ihren Gedanken zu folgen.

Sie sollte auf Bram warten. Da auf dem Kostümfest Athena und David sowie Gusty und Trevyn zusammen gewesen waren, hatte sie selbst die Zeit mit Bram Bishop, dem dritten Musketier, verbracht.

Er hatte mit ihr geflirtet, sie mit seinem Charme bezaubert, ihr zugehört und von sich erzählt. Und er hatte mit ihr getanzt. Weil sie ihn nicht länger hintergehen wollte, war sie schließlich weggelaufen.

Trevyn gehört zu Gusty, redete sie sich ein.

Höchstens Bram kam für sie in Frage … sofern er jemals aus Mexiko zurückkehrte.

4. KAPITEL

Trevyn hatte seine Kamera auf einem Stativ aufgebaut und beobachtete einen Waschbären im Sucher. Das Tier fing seine Witterung auf, richtete sich auf, drehte sich um und blickte direkt in die Kamera. Das Brotstück, das Trevyn als Köder ausgelegt hatte, hielt es in den Pfoten.

In dem Moment, in dem er auf den Auslöser drückte, jagte Ferdie bellend ins Bild, und blitzartig war der Waschbär verschwunden.

Trevyn richtete sich fluchend wieder auf.

„Ferdie!“ Alexis tauchte mit der Leine in der Hand auf. „Tut mir leid, hat er Ihnen die Aufnahme verpatzt? Er ist mir weggelaufen. Sie sollten allerdings nicht mit ihm schimpfen. Er kann ja nichts dafür. Worum ging es denn überhaupt?“

„Um einen Waschbären“, erwiderte er und war fest entschlossen, jeglichem Streit aus dem Weg zu gehen. „Ich habe über das Pech geschimpft, nicht mit Ferdie. Hier gibt es viele Waschbären.“ Er streichelte den Hund und bekam als Belohnung feuchte Vorderpfoten gegen die Brust gedrückt.

Alexis nutzte die Gelegenheit, befestigte die Leine am Halsband und befahl dem Hund zu sitzen. Dann wischte sie einen kleinen Schmutzfleck von Trevyns Flanellhemd.

Trevyn hielt ganz still, fühlte die Berührung jedoch bis ins tiefste Innere.

Zum Glück merkte sie nichts. In der einen Hand hielt sie die Leine, in der anderen etliche Blätter. „Ich wollte Ihnen die Entwürfe zeigen, aber wenn Sie arbeiten, können wir später wiederkommen.“

Trevyn hängte sich die Kamera über die Schulter. „Ich habe nur zufällig den Waschbären gesehen und wollte ihn verewigen, aber er hatte andere Pläne. Sehen wir uns die Entwürfe an.“

Sie breitete die Blätter auf einem Baumstumpf aus, und sie kauerten sich hin. Drei Möglichkeiten standen zur Auswahl – eine historische Ansicht des Gebäudes, in dem sein Atelier untergebracht war, mit einem passend gekleideten Paar davor.

Der zweite Entwurf stellte eine Mischung aus den Sehenswürdigkeiten von Dancer’s Beach und Porträts von Männern, Frauen und Kindern dar.

Der dritte Entwurf hatte Alexis am meisten begeistert. Darauf war ein Stück Strand zu sehen mit etlichen Gebäuden der Stadt im Hintergrund. Das Hauptaugenmerk lag jedoch auf den vier Tänzerinnen, die ursprünglich nach Klondike wollten und die hier Schiffbruch erlitten, während die Buckley-Brüder Holz sägten. Die Brüder retteten die Tänzerinnen, und aus den sich daraus ergebenden Verbindungen entstanden die Familien, die diese Stadt gründeten.

Auf dem Bild ging es nicht um die Rettung. Man konnte annehmen, dass die Liebe bereits erblüht war. Die Frauen in viktorianischen Kleidern und mit Sonnenschirmen gingen im Vordergrund spazieren. Die Männer standen ein Stück abseits, sahen zu ihnen herüber und gratulierten sich wohl selbst zu ihrem Glück.

Die ungleiche Zahl berührte ihn – vier schöne Frauen und drei hoch gewachsene attraktive Männer. Damit war eine Geschichte verbunden, die Legende von Olivia.

Doch konnte er täglich bei der Arbeit dieses Bild einer verlorenen Liebe sehen? Noch dazu im Angesicht der Tatsache, dass er Farah verloren hatte? Und dass Gusty vermisst wurde?

Alexis wartete geduldig auf seine Entscheidung, doch er fühlte ihre Anspannung.

Ach was, er konnte mit allem leben, was Kunden anlockte und ihm half, sein Geschäft aufzubauen und irgendwann den Bungalow in der Bucht zu kaufen.

„Dieses“, sagte er und zeigte auf den dritten Entwurf.

„Ja!“ Sie streckte begeistert die Arme aus und stieß ihn dabei an, als er gerade aufstehen wollte. Im nächsten Moment saß er im Gras. Lachend reichte sie ihm die Hand, um ihm aufzuhelfen. „Tut mir leid, ich habe mich hinreißen lassen. Außerdem habe ich nicht damit gerechnet, dass ein durchtrainierter Spion so leicht auf der Kehrseite landen könnte.“

„Sollte man meinen“, erwiderte er. „Ich fahre in die Stadt. Brauchen Sie etwas?“

Eigentlich hatte er fragen wollen, ob sie ihn begleitete, doch er fühlte ihre zarte Hand in der seinen, sah das Funkeln in ihren Augen und hörte ihr Lachen. Und das war nicht gut.

„Eine große Rolle Papier“, erklärte sie. „Dann kann ich einen Entwurf zeichnen. Wir befestigen ihn an der Wand und sprechen über Änderungen.“

„Klingt gut. Sonst noch etwas?“

Für einen Moment trafen sich wie gestern ihre Blicke, doch Alexis schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Komm, Ferdie, wir gehen spazieren.“

Ferdie lief zu den Bäumen, und Trevyn sah den beiden nach. Alexis’ Haar flatterte im Wind, und der Hund hob schnüffelnd die Schnauze.

Künstlerisch betrachtet boten die beiden einen schönen Anblick.

Nüchtern betrachtet trieben sie ihn zum Wahnsinn.

Alexis aß gerade, als Trevyn mit der Papierrolle auf der Schulter zurückkehrte. Er blieb in der Tür stehen und betrachtete misstrauisch, was sie in der Hand hielt.

„Was ist denn das?“, fragte er vorsichtig.

„Ein Hot Dog, eingewickelt in eine Tortilla. Wir hatten keine Brötchen im Haus.“

Er verzog keine Miene. „Dotty sorgt dafür, dass Speisekammer und Tiefkühltruhe gut bestückt sind.“

„Ja, aber ich koche nicht“, erklärte Alexis. „Das heißt, wenn es sein muss, kann ich es, wie zum Beispiel für die Jungs. Für mich allein gebe ich mir jedoch keine Mühe.“

„Haben Sie den Hot Dog auch nicht heiß gemacht?“

„Auf der Packung steht, dass er bereits vorgegart ist.“

„Ja, aber …“ Er sah ihr in die Augen. „Schon gut. Wohin mit der Rolle? Sie ist schwer.“

Sie streckte ihm die Arme mitsamt dem improvisierten Hot Dog hin. „Ich bin stark. Danke.“

„Gern geschehen.“ Er überreichte ihr vorsichtig die Rolle. „Für die anderen Wände habe ich ein warmes Beige besorgt. Geht das auch als Grundfarbe für Ihr Wandgemälde?“

„Das ist perfekt.“

„Gut.“ Er deutete zum Gästehaus. „Ich mache gegrillten Schinken mit Käse und Salat. Wenig Mühe, aber wenigstens etwas Nährwert.“

Alexis runzelte bei seinem geringschätzigen Ton die Stirn. „Nur zu Ihrer Information – hier drinnen sind Salatblätter und gehackte Tomaten.“

Er verdrehte bloß die Augen. „Ich bin den ganzen Nachmittag daheim, falls Sie etwas brauchen.“

„Danke, aber wir brauchen nichts.“

„Oder falls Sie sich aussperren sollten“, bemerkte er lässig und wandte sich ab.

Sie schlug die Tür zu.

Alexis schnitt die Rolle auf einzelne Stücke, um leichter damit arbeiten zu können. Danach schob sie den Küchentisch und die Stühle beiseite, um ihr Werk auf dem Boden auszubreiten. Ferdie sah ihr interessiert zu, merkte aber deutlich, dass ihm eine genauere Betrachtung Ärger einbringen konnte.

Alexis streichelte ihn zum Dank und gab ihm einen Kauknochen, um ihn zu beschäftigen. Zuerst skizzierte sie den Strand und schuf danach die erste Frauengestalt in einem altmodischen Kleid, das sie in einem Nachschlagewerk in Davids Wohnzimmer gefunden hatte.

Irgendwann merkte sie, dass Brandon und Brady vor ihr standen und sie bestaunten.

„Wow.“ Brandon ging in die Hocke. „Das machst du echt gut.“

Sie hatte bereits eine Frau im Profil gezeichnet, die eine andere Frau ansah, die ihrerseits auf ein Schiff draußen auf dem Meer zeigte. Alexis beugte sich vor und überprüfte die Linienführung, ehe sie stöhnend aufstand, um sich einen Gesamtüberblick zu verschaffen. Sie war zufrieden.

„Ja, ich bin gut, nicht wahr?“ Zum ersten Mal seit langer Zeit war sie in einer kreativen Stimmung. „Ein Abschnitt ist fertig. Bleiben nur noch fünf.“

„Und wofür ist das?“, fragte Brady und kauerte sich neben seinen Bruder. „Und wieso ist sie so komisch angezogen?“

„Die Zeichnungen sind für ein Fresko in Trevyns Fotoatelier bestimmt.“

„Was ist ein Fresko?“

„Ein Gemälde auf einer Wand und nicht auf einer Leinwand. Die Frauen sind im Stil gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts gekleidet, weil Fresken für gewöhnlich Geschichten erzählen. Diese dreht sich um vier Frauen, die hier Schiffbruch erlitten.“

„Darum heißt die Stadt ja auch Dancer’s Beach, Strand der Tänzerinnen“, sagte Brandon. „Aber wo sind die anderen Frauen?“

Alexis zeigte auf die restlichen Papierrollen. „Die Wand ist neun Meter lang. Darum muss ich in einzelnen Abschnitten arbeiten. Die Buckley-Brüder, die mit den Tänzerinnen verheiratet waren und die Stadt gründeten, werden auch zu sehen sein.“

„Was gibt es zum Abendessen?“, fragte Brady.

Sie hatte zwei Dosen Chili im Schrank gefunden. Also kein Problem. „Wie wäre es mit Chili?“

„Ja!“, rief Brady begeistert. „Kriegen wir es auf gebackenen Kartoffeln?“

Das schaffte sie auch noch. „Gern. Bist du einverstanden, Brandon?“

„Ja. Mit Käse und Zwiebeln.“

Na schön, reiben und hacken. Nicht allzu schwer. „Sicher. Nehmt euch etwas zu essen. Fernsehen bis fünf, einverstanden?“

Die beiden sprangen über die Skizze, dass Alexis das Herz stehen blieb, schafften es jedoch ohne Zwischenfall.

Beim Abendessen erzählte Brandon aus der Schule, und Brady beteiligte sich auch wieder gewohnt lebhaft. Als David und Athena kurz darauf anriefen, holte Alexis für Brandon das schnurlose Telefon, während Brady das Wandtelefon in der Küche benutzte. Alexis räumte den Tisch ab und stellte das Geschirr in die Spülmaschine.

„Aber es sind keine Flitterwochen“, sagte Brady. „Es ist eine Geschäftsreise. Du willst dein Buch verkaufen, und Athena verlegt ihr Büro.“ Er ließ die Schultern hängen. „Na ja, dann …“

„Nein, alles läuft toll“, versicherte Brandon, der auf der Küchentheke saß. „Alexis kocht ganz gut aus Dosen.“

Alexis warf ihm einen gespielt beleidigten Blick zu. Brandon lachte.

Die beiden unterhielten sich noch eine Weile, ehe Brady den Hörer an Alexis weiterreichte und Brandon das schnurlose Handgerät ausschaltete.

„David will mit dir reden“, sagte Brady. „Ich mache oben die Hausaufgaben fertig.“

Er verschwand eilig, während Brandon noch den Inhalt des Kühlschranks kontrollierte. Alexis ging mit dem Telefon ins Esszimmer.

„Ist alles in Ordnung mit Brady?“, fragte David ohne Umschweife. „Er klingt so … ich weiß nicht … gereizt. Wie bei unserer Abreise.“

Alexis war sicher, dass etwas nicht stimmte, wollte jedoch nicht, dass David und Athena sich sorgten. „Wahrscheinlich ist er verunsichert, weil ihr nicht hier seid und dadurch alles etwas anders abläuft. Aber ich packe das.“

„Danke, Lex. Es wäre ganz gut, könnte Trev sich auch um die Jungs kümmern. Sie kennen ihn gut, und er heitert sie immer auf. Du bist zwar nicht wild auf ihn“, fügte David hinzu, „aber vielleicht könntest du ihn ab und zu zum Abendessen einladen. Sollte dir das zu viel sein, können die Jungs mit ihm losziehen. Das würde Brady helfen.“

„Sicher“, erwiderte sie unbekümmert. „Ich spreche mit ihm.“

„Danke, Lex.“

„Wie läuft es? Besteht ernsthaft Interesse an deinem Buch?“

Er lachte leicht befangen.

„Aber ja“, antwortete Athena aufgeregt. „Drei Verleger sind interessiert. Morgen treffen wir zwei, den dritten übermorgen. Wir halten dich auf dem Laufenden.“

„Dann kann ich also überall herumerzählen, dass mein Schwager ein Autor ist?“

„Wieso nicht?“, erwiderte David. „Ich erzähle ja auch allen Leuten, dass meine Schwägerin eine berühmte Künstlerin ist.“

„Lügner! Geht es dir gut, Athena?“

„Großartig. Wäre Gusty nicht noch immer verschwunden, wäre mein Leben perfekt. Habt ihr nichts von Holden gehört?“

„Nein. Wir rufen ihn täglich an.“

„Also schön. Pass auf dich auf, und bringe Trevyn dazu, dass er sich um Brady kümmert, ja?“

„Natürlich“, versprach Alexis erneut. „Schlaft gut … sofern ihr überhaupt zum Schlafen kommt.“

„Manchmal schon“, erwiderte David. „Übermorgen rufen wir wieder an. Solltest du uns allerdings brauchen, ruf hier an. Man richtet es uns dann aus.“

„Klar. Gute Nacht, Leute!“

Nachdem David und Athena sich verabschiedet hatten, rief Alexis bei Trevyn an, doch er meldete sich nicht. Durch das Seitenfenster sah sie kein Licht im Gästehaus. Offenbar war er nicht da.

Brandon ging mit einem Erdnussbutter-Sandwich an ihr vorbei zur Treppe. Ferdie sprang hoch, als ihm der Junge einen Bissen anbot.

„Noch immer hungrig?“, fragte Alexis überflüssigerweise.

„Ja. Vielleicht sollte ich mir das nächste Mal zwei Kartoffeln nehmen. Ich rufe dich, bevor ich einschlafe.“

„In Ordnung.“

Weil sie auf Trevyn warten wollte, machte Alexis sich Tee, setzte sich an den Küchentisch und dachte sich etwas für die nächsten Abschnitte des Freskos aus. Und sie machte sich Sorgen wegen der Jungen.

Kurz nach neun sah sie nach den beiden. Brady schlief bereits tief.

Brandon hatte keine Ahnung, was seinen Bruder bedrückte. „Er ist echt schlecht drauf“, sagte er. „Ich begreife das nicht. Ich bin ja nicht gerade wild nach ihm, aber sonst ist er nicht so ätzend.“

„Ach, du magst ihn“, versicherte Alexis. „Ich habe zwei Schwestern und weiß, wie sehr einen Geschwister manchmal nerven, aber es ist auch schön, welche zu haben. Vor allem später, wenn man erwachsen ist.“

Brandon seufzte. „Na ja, das dauert noch lange. Er ist erst zehn.“

„Du wirst es überleben.“

„Vielleicht.“

„Garantiert. Gute Nacht.“ Sie streichelte Ferdie und machte sich erneut an die Arbeit.

Es war schon ein Uhr nachts, und Alexis war soeben aus der Dusche gekommen und hatte einen Bademantel angezogen, als sie Schreie hörte, bei denen ihr das Blut in den Adern gefror. Einer der Jungen!

Sie rannte zu Bradys Zimmer und schaltete das Licht ein. Sie war überzeugt, ihn in seinem Blut vorzufinden, doch er war gar nicht hier. Die Decke hing halb vom Bett.

Sie folgte den Schreien und prallte auf dem Korridor gegen Brandon.

„Das kommt aus Davids Zimmer!“, stieß er verstört hervor und zeigte zum Ende des Korridors.

Alexis stürmte in das Zimmer. Brady stand schreiend vor dem gemachten Bett.

Sie packte ihn an den Schultern und drehte ihn zu sich herum. Er fühlte sich heiß und verschwitzt an, die Wangen schimmerten rot, die Augen riss er voll Panik weit auf. Er schien jedoch nicht ganz wach zu sein.

Sie schüttelte ihn, als er erneut schrie. „Brady!“, rief sie. „Brady, was ist denn?“

„Fort! Er ist fort!“, schrie er heiser.

„Du meinst David?“, fragte sie und rüttelte ihn, um ihn endlich zu sich zu bringen. „Brady, meinst du David?“

Erst jetzt sah er sie an und tauchte aus dem Albtraum auf. Im nächsten Moment sank er schluchzend gegen sie.

Sie drückte den Jungen an sich und setzte sich mit ihm auf das Bett. „Brandon, weißt du, wie man Trevyn anruft?“, fragte sie leise, während Brady verzweifelt weinte.

Brandon jagte aus dem Zimmer.

Trevyn saß mit einem Glas Weinbrand in seinem Wohnzimmer und las Davids Manuskript, als das Telefon klingelte. Er sah auf die Uhr. Viertel nach eins. Besorgt griff er nach dem Hörer.

„Trev!“, rief Brandon hektisch. „Mit Brady stimmt was nicht!“

Er ließ das Manuskript fallen, verzichtete auf eine Jacke und lief zum Haupthaus.

Brandon öffnete die Haustür. „Sie sind in Daves Zimmer! Er hört nicht zu schreien auf!“

Trevyn nahm zwei Stufen auf einmal und folgte dem hysterischen Schluchzen am Ende des Korridors. In der Tür blieb er stehen. Alexis saß in einem rosa Bademantel mit dem weinenden Brady auf dem Bett.

„Er kommt bestimmt zurück“, sagte sie eindringlich. „Er hat einen Geschäftstermin in New York. Das hat er dir doch erklärt.“ Sie sah Trevyn erleichtert an.

„Was ist passiert?“ Er beugte sich zu den beiden hinunter. „Brady?“

Der Junge streckte ihm die Arme entgegen. Sein Gesicht war tränenüberströmt. „Dave ist fort. Ich habe geträumt, dass er fort ist. Rocky sagte, dass er nicht zurückkommt!“

Trevyn hob den stämmigen kleinen Jungen hoch. Brady klammerte sich an ihn, als wäre er sein letzter Rettungsanker. Trevyn setzte sich mit ihm neben Alexis.

„Wer ist Rocky?“, fragte er.

„Ein Junge in der Schule.“

„Kennt er Dave?“

„Nein.“

„Woher will er dann wissen, was Dave macht? Du weißt doch, dass er nach New York musste.“

„Ich weiß.“ Brady weinte und zitterte. „Aber er kommt nicht zurück.“

Trevyn drückte ihn noch fester an sich. „Natürlich kommt er zurück. Er wohnt hier. Das ist sein Zuhause. Du und Brandon, ihr seid auch hier.“

„Ja, aber wir sind nur …“, setzte Brady an und presste die Lippen aufeinander.

„Ihr seid nur was?“, drängte Trevyn.

Brady schüttelte den Kopf.

„Ich glaube, er will sagen, dass wir nur Halbbrüder sind“, warf Brandon ein und setzte sich auf Trevyns andere Seite. „Das hat er nämlich gestern zu mir gesagt, aber ich dachte, er ist eben nur doof.“

„Hey“, mahnte Trevyn.

„Tut mir leid“, murmelte Brandon.

„Wir sind ja auch nur Halbbrüder!“, erklärte Brady heftig, richtete sich auf und sah ihn verzweifelt an. „Keine richtigen Brüder, sondern nur Halbbrüder!“

Trevyn wischte mit der Hand über Bradys Gesicht. „Glaubst du denn, dass ihr ihm deshalb weniger wichtig seid?“

„Ich bin auch nur Brandons Halbbruder, und er mag mich nicht“, erwiderte Brady voll Überzeugung. „Ich bin für alle nur was Halbes, außer für Mom, aber die kümmert sich nicht um mich. Mein Dad will nichts von mir wissen, und ich habe nicht einmal einen ganzen Bruder!“

Brady sank wieder gegen Trevyn und schlang ihm die Arme um den Nacken.

Trevyn hielt ihn fest und staunte über das Durchhaltevermögen eines Kindes, das es trotz derartiger Ängste schon so weit geschafft hatte.

„Ach, komm“, sagte Brandon mit belegter Stimme und versetzte seinem Bruder einen Stoß. „Ich habe dich schließlich mitgenommen, oder vielleicht nicht?“

„Aber das hast du nicht gewollt!“

„Ich musste dich sogar wecken. Schon vergessen? Hätte ich dich nicht mitnehmen wollen, hätte ich dich einfach pennen lassen.“

Brady dachte zwar sichtlich darüber nach, weinte jedoch weiter.

„Und Dave mag uns, obwohl wir nur seine Halbbrüder sind, sonst hätte er nicht die Vormundschaft über uns. Und er hätte auch nicht erlaubt, dass wir Ferdie behalten. Schließlich besuchen wir ihn schon, seit wir klein waren. Du bist echt doof.“ Als Brandon noch einen scharfen Blick von Trevyn auffing, fügte er hinzu: „Na, stimmt doch, oder? Brauchst du vielleicht noch einen Beweis?“

„Du hast gedacht, dass du David dafür bezahlen musst, damit er uns bei sich aufnimmt“, erinnerte Brady seinen Bruder. „Das war auch doof.“

David hatte Trevyn erzählt, dass Brandon ihm seinen Treuhandfonds angeboten hatte, damit er und Brady hier leben durften.

„Es ist überhaupt nicht doof, Angst zu haben“, bemerkte Alexis, der ebenfalls Tränen über die Wangen liefen. „Ihr sollt darüber reden, wenn euch etwas bedrückt. Dafür sind Erwachsene doch da.“ Sie streichelte Bradys Rücken. „Bedrückt dich mehr? Du weinst noch immer.“

„Na ja …“ Brady beruhigte sich ein wenig. „Es wird trotzdem anders sein, auch wenn David uns mag.“

„Warum?“, fragte Trevyn.

„Weil er doch jetzt mit Athena verheiratet ist.“

„Ich dachte, ihr mögt Athena“, sagte Alexis.

Brady nickte. „Ja, aber Dave hat gesagt, dass die Reise nach New York wie Flitterwochen ist.“

„Na und?“

Brady wischte die unaufhaltsam fließenden Tränen weg. „Nach Flitterwochen gibt es immer ein Kind. Dave war mit uns einverstanden, bevor er geheiratet hat, aber jetzt kriegt er Kinder.“

Trevyn zog ihn an sich, als er wieder heftiger weinte, und sah dabei Alexis an. Bestimmt hatten sie endlich den Grund allen Elends herausgefunden. „Du glaubst doch nicht, dass ein Kind einen Bruder verdrängt, oder? Babys sind wunderbar, aber sie weinen nachts und lassen einen nicht schlafen. Sie stellen eine große Verantwortung dar, und man sorgt sich für den Rest seines Lebens um Kinder.“ Lächelnd fuhr er fort: „Ein Bruder dagegen ist ein Kumpel. Er hilft einem, wenn man in Schwierigkeiten steckt und einen Freund braucht. Nichts kann einen Bruder ersetzen.“

Brady betrachtete ihn misstrauisch.

„Es stimmt“, versicherte Trevyn. „Zwei Brüder sind sogar noch besser. Selbst wenn er und Athena zehn Kinder bekämen, würde er euch beide trotzdem brauchen.“

Brady runzelte die Stirn. „Ich habe geträumt, dass er nicht zurückkommt und uns vergisst, wie Rockys Dad das mit ihm gemacht hat, als seine zweite Frau ein Kind bekam.“

„Aber du weißt doch, dass ein Traum nur eine Geschichte ist, die du im Schlaf erlebst. Das hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Dave hat versprochen, in einer Woche bis zehn Tagen zurückzukommen. Wie lange ist er jetzt weg?“

„Erst drei Tage.“

„Genau. Also kommt er in spätestens acht Tagen wieder.“

„Sieben“, verbesserte ihn Brady.

Trevyn lächelte. „Ich wollte nur prüfen, ob du mir auch zuhörst, weil es wirklich wichtig ist. David liebt euch, und es spielt keine Rolle, wie viele eigene Kinder er und Athena haben werden. Er will euch immer bei sich haben. Ist das klar?“

„Klar.“

„Gut. Meinst du, dass du jetzt schlafen kannst?“

„Kannst du nicht hier bleiben?“, fragte Brady. „Nur für den Fall, dass ich noch einmal träume?“

Trevyn wandte sich an Alexis, die zu seiner Überraschung heftig nickte. „Ja, bitte“, sagte sie.

„Du kannst das Zimmer neben dem meinen haben“, bot Brandon an. „Das ist echt cool.“

„Cool“, sagte Alexis lächelnd. „Willst du ein Glas Milch, bevor du dich wieder hinlegst?“, fragte sie Brady.

Er schüttelte den Kopf und gähnte. Der Gefühlsausbruch hatte ihn doch sehr erschöpft.

„Na schön.“ Trevyn trug ihn zu seinem Zimmer, während Alexis Brandon zu Bett brachte, deckte ihn zu und setzte sich zu ihm. „Hast du das alles verstanden, Brady? Falls du mir nämlich noch immer nicht glaubst, solltest du es mir sagen.“

Brady seufzte. „Ich glaube dir ja. Es war nur so schön hier, wie es für Brandon und mich nie war. Dann ist Dave fortgegangen, und ich dachte, jetzt ist es vielleicht wieder aus.“

„Dave ist nicht fortgegangen! Er hat nur eine Reise angetreten, und dabei geht es um seine Geschäfte und um Athenas Büro, das sie hierher verlegt. Es ist also völlig unsinnig zu glauben, Dave würde nicht zurückkommen.“

Brady drückte Trevyns Arm. „Ich weiß.“ Er schloss die Augen, seufzte tief und war im nächsten Moment eingeschlafen.

Auf dem Korridor traf Trevyn auf Alexis, die soeben aus Brandons Zimmer kam.

„Ist mit ihm jetzt alles in Ordnung?“, fragte sie.

„Ich glaube schon. Er schläft. Brandon?“

„Alles klar“, kam die Antwort aus dem Zimmer. „Glaubst du, die zwei kriegen wirklich ein Kind?“

Trevyn steckte den Kopf zur Tür hinein. „Schon möglich. Irgendwann. Was hältst du davon?“

„Das macht mich zum Onkel.“

„Stimmt.“

„Zu was macht es dich?“

„Zu einem Freund, genau wie jetzt.“

Brandon tauchte aus dem dunklen Zimmer auf und umarmte Trevyn. „Wir adoptieren dich, damit du auch unser Bruder bist.“

Gerührt drückte Trevyn ihn an sich. „Danke. Das erledigen wir bei der nächsten Gelegenheit.“

Brandon lächelte Alexis zu. „Wir könnten auch dich adoptieren, aber du wirst ja ohnedies schon Tante.“

Sie küsste ihn auf die Stirn. „Hauptsache, ich gehöre irgendwo dazu. Gute Nacht, Brandon.“

Nachdem der Junge zu Bett gegangen war, zog Alexis sich mit Trevyn in die Küche zurück. „Setzen Sie sich, während ich …“ Sie deutete zum Tisch, den sie jedoch an die Wand geschoben hatte. Trevyn half ihn, ihn an seinen Platz zu stellen. „Tut mir leid. Ich habe auf dem Fußboden gezeichnet und brauchte Platz.“

„Ich weiß“, antwortete er, „dass Sie nicht gerade glücklich sind, weil ich über Nacht bleibe, doch Brady war so …“

Sie winkte ab. „Das geht schon in Ordnung, aber wir müssen miteinander reden.“ Während sie Eiscreme holte, stellte er die Stühle an ihren Platz. „Dave fand heute Abend am Telefon, dass Brady besorgt klang. Er meinte, Sie könnten ihm helfen. Darum wollte ich Sie anrufen, aber Sie waren nicht da.“

„Ich habe zwei Wände in meinem Studio gestrichen.“

„Danke, dass Sie gleich herübergekommen sind.“ Sie verteilte die Eiscreme in zwei Schalen. Ohne ihn wäre sie hilflos gewesen. Zwar hatte sie Brady getröstet, doch die starken Arme eines Mannes boten mehr Sicherheit. In der Kindheit hatte sie sich oft genug danach gesehnt, aber ihr Vater war nie da gewesen.

„Gern geschehen. Wer kümmert sich denn nicht um ein Kind, das ihn braucht?“

„Sie würden staunen“, sagte sie trocken und stellte das Eis auf den Tisch. „Eiscreme um diese Zeit ist ideal, wenn man bedrückt oder zu müde zum Kauen ist.“

„Was sind Sie? Zu müde oder zu bedrückt?“

„Beides. Noch vor kurzer Zeit war ich ganz mit mir selbst und meiner Malsperre beschäftigt. Jetzt wirkt das unwichtig im Vergleich zu Gustys Schicksal und dem der Jungen.“

„Ich denke auch ständig an Gusty“, erwiderte er. „Es macht mich verrückt, dass ich nichts unternehmen kann.“

„Mich auch, aber wir müssen unsere Kraft für ihre Rückkehr aufsparen.“

„Mit Brady kommt auch alles in Ordnung. Sein Freund hat ihm einfach Angst eingejagt. Sonst war er immer fröhlich und zuversichtlich.“

„Falls Sie Zeit haben, sollten Sie am Wochenende etwas mit den Jungs unternehmen.“

„Ich denke mir etwas aus“, stimmte er zu.

Nachdem sie ihn zusammen mit Brady gesehen hatte, glaubte sie, dass er und Gusty miteinander glücklich sein konnten. Er würde ihrem gemeinsamen Kind ein guter Vater sein.

„Gusty liebt Kinder“, sagte sie und reichte ihm eine Serviette aus dem Ständer in der Mitte des Tisches. „Wussten Sie, dass sie in der dritten Klasse unterrichtet?“

Er schüttelte den Kopf. „Wir haben an dem bewussten Abend nicht viel geredet.“

Es ging sie zwar nichts an, aber sie fragte trotzdem. „Wie war es eigentlich möglich, dass ihr beide so schnell so … intim werden konntet? Sogar in der heutigen Zeit kommt es selten beim ersten Zusammentreffen dazu.“

„Ich kann es nicht erklären“, erwiderte er lächelnd. „Sie war mir einfach nahe, und das genügte. Ich weiß, dass Sie und Ihre Schwestern David, Bram und mich aushorchen wollten. Sobald sie jedoch feststellte, dass ich ahnungslos bin, fand sie mich wohl auch anziehend. Und das reichte, verstehen Sie? Zwei Seelen, die einander berühren.“

Zwei Seelen … So war es Alexis mit ihrem Musketier, mit Bram, ergangen. Nach ihrer Rückkehr nach Rom hatte sie ihn allerdings aus dem Gedächtnis verbannt, weil sie sich eine dauerhafte Verbindung nicht zutraute. Dieser Mann, der zu ihrer Schwester gehörte, brachte sie nun dazu, alles zu überdenken.

„Ja, das verstehe ich“, sagte sie leise.

Nachdem sie gegessen hatten, knieten sie sich auf den Fußboden, und Alexis zeigte Trevyn die Entwürfe.

„Das ist ein schöner Anfang“, stellte er fest.

„Die beiden anderen Frauen stelle ich hier nach rechts“, erklärte sie. „Und Olivia ein Stück abseits. Die Männer stehen ganz rechts hinten. In der entgegengesetzten Ecke sieht man ein Stück der Stadt. Wie finden Sie das?“

„Sie sind ein Genie.“

Sie freute sich ungemein. „Ich dachte schon, es könnte Ihnen nicht gefallen. Künstler sind immer unsicher.“

Er rollte das Papier auf und reichte es ihr. „Sind wir das nicht alle? Also, kann ich das Zimmer neben Brady haben?“

„Natürlich. Ich hole Ihnen eine Decke. In diesem zugigen alten Haus wird es nachts kalt.“

Obwohl Trevyn zu Gusty gehörte, fühlte Alexis deutlich die knisternde Spannung zwischen ihnen, während sie die Treppe hinaufgingen. Aus dem Wäscheschrank brachte sie ihm eine Decke.

„Sie haben ein eigenes Bad“, erklärte sie möglichst gelassen. „In Daves Kommode finden Sie vermutlich einen Pyjama.“

„Danke, ich schlafe ohne alles.“

Alexis war froh, dass er bei der schwachen Beleuchtung des Korridors nicht sah, wie sie rot wurde.

„Da Sie nie kochen“, meinte er lächelnd, „muss vermutlich ich mich um das Frühstück kümmern.“

„Ich kann Ihnen Toast machen.“

„Das ist besser als ein Hot Dog mit einer Tortilla“, sagte er lachend. „Aber fällt die Benutzung des Toasters nicht unter den Begriff kochen?“

„Nein, Toaster und Mikrowelle sind erlaubt. Man darf auch Suppen erhitzen.“

„Was für ein Glück für mich“, sagte er und drehte sich an der Tür noch einmal um, „dass ich bei dem Kostümfest auf Gusty und nicht auf Sie traf, sonst müsste ich mein Leben lang essen, was man tiefgefroren kauft oder was ins Haus geliefert wird.“

„Ja“, meinte sie. „Und welch ein Glück, dass die Jungs Cornflakes und so was mögen.“

„Ich mag sie auch. Ich wollte Sie nur ein wenig auf den Arm nehmen. Gute Nacht, Lex.“

„Gute Nacht“, erwiderte sie.

Er verschwand im Zimmer und schloss die Tür.

Alexis atmete tief durch. Trevyn würde ihr bestimmt gut tun. Schließlich entstanden die besten Kunstwerke aus Kummer und Leid.

5. KAPITEL

Trevyn musste Gusty so schnell wie möglich finden, sonst geriet die Lage außer Kontrolle. Das Erste, was er nämlich am nächsten Morgen in der Küche vor sich sah, war Alexis’ verlockend geformter Po, und der Anblick reichte aus, um bei ihm jede Menge Stresshormone freizusetzen.

Zum Glück jagten die Jungen an ihm vorbei und verabschiedeten sich hastig, um den Bus zu erreichen.

Alexis trug auch heute die eng geschnittene schwarze Hose und dazu einen hellgelben Sweater und Wollsocken. Er beobachtete, wie sich ihr Körper bewegte, während sie lange Striche machte. Das lange rote Haar hatte sie am Hinterkopf zu einem unordentlichen Knoten gesteckt.

Er fand es niedlich. Niedlich? Seit zwanzig Jahren hatte er schon nichts mehr niedlich gefunden.

„Wenn ihr Drillinge seid“, sagte er und kam in die Küche herein, „wieso haben Sie dann gelocktes und Athena glattes Haar?“

Sie richtete sich auf. „Hi! Ich gehe zum Friseur. Athena macht sich nicht die Mühe.“

„Und Gusty?“

„Sie wellt ihr Haar selbst“, erwiderte Alexis. „Am Abend des Kostümfestes hat sie die Frisur der Südstaaten-Schönheit auch selbst gemacht. Sie ist sehr feminin und …“

Er erstarrte. Das Lächeln gefror förmlich auf seinen Lippen, und er war sicher, dass man ihm deutlich den Schock ansah. Das war doch nicht möglich! Hastig ging er neben Alexis in die Hocke.

„Was ist denn?“, fragte sie nervös.

Er schluckte heftig. „Sie war als Südstaaten-Schönheit gekleidet?“

„Ja.“

„Bei dem Kostümfest?“

„Davon sprechen wir die ganze Zeit, oder?“

„Und Sie waren als Backfisch verkleidet?“

„Ja, ich hatte …“ Sie zeigte auf ihre Beine, als wollte sie die Fransen am Saum des Kleides beschreiben. Plötzlich riss sie die Augen weit auf und sprang hoch. „Nein!“

Damit nahm sie ihm das Wort aus dem Mund.

„Aber ich war mit Bram zusammen!“, rief sie. „Wir tanzten im Wintergarten, und ich fragte ihn, warum …“

„Warum ich hier leben will“, beendete er den Satz und erhob sich ebenfalls. „Ich sagte, dass es mir hier gefällt, dass ich ein neues Leben beginne und mich daher nach neuen Eindrücken und Erfahrungen sehne. Sie sagten, dass Sie Kirschen mit Schokoguss lieben. Und ich erwähnte, dass ich die White Sox mag.“

„Um Himmels willen“, flüsterte sie.

„Wir tanzten.“ Er sah sie eindringlich an. „Danach haben wir nur wenig gesprochen, sondern einander in den Armen gehalten. Du bist dann vor mir weggelaufen, und ich verfolgte dich. Wir haben uns unter der hohen Palme in der Ecke des Wintergartens geliebt.“

Sie sah ihn fassungslos an. „Das stimmt alles, aber wir haben uns nicht geliebt.“

„Lexie …“

„Ich lief weg“, fiel sie ihm ins Wort, „und du bist mir gefolgt. Im Freien habe ich dich aber nicht mehr gesehen, während ich zum Wagen lief. Athena wartete bereits auf mich.“

Das konnte er einfach nicht glauben. „Du hast geweint. Ich fürchtete, ich hätte dir wehgetan, aber du hast versichert, alles wäre in Ordnung. Es wäre nur das erste Mal, dass du zu jemandem gehörst. Und dabei … dabei hast du in meinen Armen gelegen.“

Jetzt war Alexis völlig verwirrt. Sie wusste, dass Trevyn bei der Arbeit für die CIA viel durchgemacht und die Frau, die er liebte, bei einem Einsatz in Afghanistan verloren hatte. Nach der Rückkehr hatte er Probleme damit gehabt, sich im normalen Leben zurechtzufinden. Seit sie ihn in diesem Haus wieder gesehen hatte, war ihr an ihm jedoch nichts dergleichen aufgefallen. Trotzdem beschrieb er einen Vorfall, der sich nie zugetragen hatte.

Behutsam legte sie ihm die Hand auf den Arm. „Vielleicht erinnerst du dich an Farah.“

Er zog sich ungeduldig zurück. „Lex, ich habe kein dermaßen wildes Leben geführt, dass ich die einzelnen Frauen nicht mehr auseinander halten kann.“

„Aber du hast mich nicht geliebt!“

Plötzlich schloss er die Augen, lachte bitter und murmelte eine Verwünschung. Dann holte er den Kaffee aus dem Kühlschrank, mahlte sorgfältig die Bohnen und füllte die Kaffeemaschine, während er versuchte, sich mit den Tatsachen abzufinden.

Alexis kam zu ihm. „Was ist?“

„Das ist mir schon früher passiert.“ Er füllte Wasser in die Kaffeemaschine. „Diese Verwirrung. Du hast recht“, räumte er widerstrebend ein. „Seit … Farah geraten mir Erinnerungen durcheinander. Es hat mit seelischem Stress zu tun. Ich verwechsle die Reihenfolge der Ereignisse, oder zwei Erinnerungen überlagern einander.“

„Du kannst dich gar nicht daran erinnern, mich geliebt zu haben, weil es nie dazu kam.“

Er seufzte. „Ich erinnere mich daran, weil ich mir nach dem Kostümfest wochenlang vorgestellt habe, es wäre geschehen. Ich hatte allerdings keine Ahnung, dass du das warst. Niemand wusste, wer das Backfisch-Kostüm trug.“

„Aber ich erinnere mich gut an das Fest“, wehrte sie geradezu ängstlich ab. „Mein Musketier war reizend und charmant. Er hörte mir zu, ohne bissige Bemerkungen zu machen. Du dagegen … Wir mögen einander nicht einmal.“

„Allerdings“, bestätigte er und schenkte sich eine Tasse ein.

„Du meinst“, fuhr sie fort, „du warst mein Musketier?“

„Sieht so aus.“ Schlagartig wurde ihm klar, dass die Frau, die er liebte, nicht vermisst wurde. Jetzt ging es darum, dass er ihr sein Herz öffnen musste, das von jahrelangen schlimmen Erfahrungen und Farahs Tod versteinert war.

Die Frau, die er liebte, war hier. Und sie nannte ihn ihren Musketier.

„Nein“, sagte er und stellte die Tasse hart auf die Theke, „ich bin mein eigener Musketier. Ich habe immer nur mir gehört, und dabei bleibt es. Alles andere beruht auf Tricks, Masken und Fantasie. Mittlerweile kennen wir beide uns gut genug, um zu wissen, dass wir uns geirrt haben, nicht wahr?“

Alexis war erleichtert, dass Trevyn sie zurückwies. Es war ein gewaltiger Unterschied, ob eine Frau sich nach einem Mann sehnte, den sie nicht haben konnte, oder ob er frei war und dahinterkommen musste, dass sie eigentlich nur eine Rolle spielte und gar kein richtiges Talent besaß. Sie war nicht so klug wie Athena und nicht so reizend wie Gusty, sondern eben nur Alexis, die nirgendwo dazu passte.

Es tat weh, sich das einzugestehen, doch sie lächelte. Das schaffte sie, weil sie es schon oft getan hatte. Niemand hatte bisher erkannt, wie sehr sie litt.

„Natürlich haben wir uns geirrt“, behauptete sie. „Vergessen wir die ganze Angelegenheit, einverstanden? Wir sprechen einfach nicht mehr über Musketiere oder Backfische. Was steht heute an? Können wir ausprobieren, wie sich die Skizzen im Studio machen? An Ort und Stelle könnten wir noch etwas ändern.“

Trevyn sah zu, wie sie die Blätter aufrollte und mit Gummibändern befestigte. „Die Wand ist wahrscheinlich schon trocken, aber ich wollte meine Ausrüstung ins Studio bringen. Du hast heute frei.“

Jetzt musste Alexis sich umdrehen und ihm zeigen, dass es sie nicht berührte. „Ich kann dir dabei helfen, bis die Jungs aus der Schule kommen.“

„Na schön, ich habe nichts gegen Hilfe. In einer halben Stunde habe ich den Wagen beladen, geduscht und mich umgezogen. Wenn du so lange warten kannst, führe ich dich zum Frühstück aus.“

Sie lächelte noch eine Spur strahlender. „Großartig.“

Um halb zehn hatten Alexis und Trevyn seine Fotoausrüstung ins Studio gebracht und frühstückten in dem Schnellrestaurant am anderen Ende der Dancer’s Street.

„Rührei“, bestellte Alexis, „Orangensaft, Milch und Kaffee, bitte.“

Trevyn verlangte ein Omelett mit Schinken und Käse und wandte sich an Alexis, während die Kellnerin vom Tisch wegging. „Ist denn in deinem mageren Körper überhaupt so viel Platz?“

„Ich bin nicht mager“, erwiderte Alexis, „sondern … sehnig. Das hat etwas mit meinem Stoffwechsel zu tun. Übrigens ist es nicht nett, auf die Fehler einer Frau hinzuweisen. Ich esse eben, wenn ich …“

„Wenn du müde oder bedrückt bist“, warf er ein. „Das hast du mir schon erzählt.“

„Im Moment wirkst du bedrückt. Willst du darüber reden?“

„Ich dachte, ich würde bald eine Familie haben.“ Er blickte auf die Dancer’s Street hinaus. „Gusty gehört aber gar nicht zu mir, und das Kind ist wahrscheinlich von Bram – oder auch nicht.“

„Du wärst gern Vater“, stellte sie leise fest.

„Stimmt. Mein Vater ist toll, aber wir haben uns aus den Augen verloren.“

„Weil er ständig auf dem Motorrad unterwegs ist?“

„Ja. Wahrscheinlich hat es auch mit meiner Feigheit zu tun.“

„Niemand, der so viel hinter sich hat wie du, ist ein Feigling“, versicherte sie, um ihm aus seiner trüben Stimmung herauszuhelfen. „Du hast dein Leben riskiert und …“

„Der Tod ist nicht das Schlimmste, was einem zustoßen kann“, fiel er ihr ins Wort. „Es sei denn, der Tod eines Menschen, den man liebt.“

„Sprichst du jetzt von dir oder deinem Vater?“

„Von uns beiden.“ Er wartete, während die Kellnerin Kaffee einschenkte. „Ich hätte auf die Northwestern University gehen können. Sie war nur fünfzehn Kilometer von daheim entfernt. Stattdessen besuchte ich Cornell. Ich wollte weg, weil ich meinen Vater nicht trauern sehen konnte. Er brauchte Jahre, um über den Verlust meiner Mutter hinwegzukommen. Ihr Tod war für mich schrecklich, aber seinen Kummer zu sehen, war noch schlimmer. Ich rief oft an, schickte Päckchen und kam zu Weihnachten heim, mehr aber auch nicht.“

„Und jetzt fühlst du dich deshalb schuldig?“

„Ich habe mich immer schuldig gefühlt, aber erst jetzt verstehe ich, wie es ihm nach Moms Tod erging. Als Farah starb, wusste ich, wie das ist, wenn einem das Herz aus der Brust gerissen wird.“ Er schüttelte den Kopf. „Ohne meine Freunde hätte ich das nicht überstanden.“

„Ist dein Vater böse auf dich?“

„Nein, gar nicht. Seit er im Ruhestand ist, hat er wieder zu sich gefunden. Es macht ihm viel Freude, das Land zu erforschen.“

Sie beugte sich über den Tisch zu ihm. „Trevyn, wieso ist das schlecht?“

„Weil er mich offenbar nicht braucht, ich mir das aber wünsche. Vielleicht denkt er auch, mir liegt nichts an ihm.“

„Dann würde er dir nicht schreiben.“

„Kann sein.“

„Tut mir leid wegen Gusty und des Babys“, versicherte sie aufrichtig. „Vielleicht will Bram, sofern er der Vater ist, gar keine Frau und kein Kind. Dann kannst du Gusty erklären, was du für sie empfindest. Du sagst ihr, dass du sie zwar nur in deiner Fantasie kennst, aber …“

„Nein“, wehrte er lächelnd ab. „Das könnte mich den Kopf kosten, wenn es Brams Kind ist.“

„Besitzergreifend?“

„Milde ausgedrückt. Falls es sein Kind ist, wird er es auch großziehen.“

Die Kellnerin brachte das Essen.

„Wir beide haben mehr gemeinsam, als wir dachten“, behauptete Alexis. „Ich lief auch vor meinen Angehörigen weg. Allerdings waren meine Gründe nicht so edel. Sie sollten nicht sehen, wie ich versage.“

„Wie hast du versagt?“, fragte er, während sie zu essen begannen.

„In jeder Hinsicht. Athena ist tüchtig, Gusty ist sanft und reizend, aber ich … ich vergesse die Hälfte von dem, was ich machen soll, und ich bin meistens viel zu direkt.“

„Dave hat mir von dem Stipendium in Europa erzählt.“

Sie nickte. „Ich blieb da und begann zu arbeiten, anstatt wieder heimzukommen. Jenseits des Ozeans hätte es niemand gesehen, wenn ich mit meiner Kunst Schiffbruch erlitt.“

„Schlau gedacht, aber du hattest Erfolg. Haben ihn deine italienischen Freunde mit dir so gefeiert, wie es deine Schwestern getan hätten?“

„Sie sind sehr warmherzig“, meinte sie lachend. „Ich teile mir mit vier Künstlern ein Atelier, und wir kümmern uns umeinander.“

„Aber du interessierst dich für keinen von Ihnen?“

„Zwei sind Frauen, einer ist glücklich verheiratet und hat vier kleine Mädchen. Der andere Mann behauptet zwar, mich anzubeten, aber nur, wenn seine schöne und reiche Freundin mit einem anderen verschwindet. Doch selbst dann hat er ein Auge auf eine hübsche Brünette in der nahen Trattoria geworfen.“

„Du musst dir wohl hier einen Mann suchen und ihn mitnehmen“, meinte er. „Oder wieder nach Hause ziehen.“

„Oder allein bleiben. Das ist schon in Ordnung. Viele Frauen leben so und sind glücklich.“

Er schüttelte den Kopf.

„Wieso nicht?“, fragte sie.

„Weil es viel zu schön ist, wenn du einen hart arbeitenden Kerl hast, der dich braucht, und einen Haufen Kinder, für die eine herzliche Umarmung und ein strahlendes Lächeln wichtiger sind als warme Plätzchen und köstliches Essen.“

Beide schwiegen, offenbar von seinen Worten geschockt.

Genau das wünschte sich Alexis, aber wenn Trevyn sie für eine gute Ehefrau und Mutter hielt, wieso wollte er sie dann nicht?

Sie begriff es im selben Moment wie er und sah so verwirrt drein wie Trevyn.

Er wandte den Blick von ihr und zeigte auf ihren Teller. „Beeil dich. Wir sind spät dran.“

Sie zögerte, ehe sie sich wieder dem Frühstück widmete.

Um halb elf waren sie im Fotostudio. Trevyn baute seine Ausrüstung auf, während Alexis die Skizzen an der Wand befestigte, um zu überprüfen, wie sie wirkten. Sie war zufrieden. Sie malte das Meer blau, fand eine alte Holzleiter und vervollständigte den Entwurf.

„Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so viel Arbeit macht.“ Trevyn kam mit einem Scheinwerfer auf einem Stativ herein.

„Die Wand ist groß“, erwiderte sie zerstreut.

„Ich habe auch nicht gedacht, dass du so lange herumprobierst.“

„Im Moment habe ich nur wenig Vertrauen zu meinen Fähigkeiten.“ Sie reckte sich auf der Leiter und zeichnete mit ausgestrecktem Arm eine Wolke.

„Vorsicht, ich hole dir eine höhere Leiter“, warnte Trevyn.

„Schon gut, ich bin fast …“ Sie streckte sich noch mehr, verlor das Gleichgewicht und hielt sich an der Spitze der Leiter fest.

Trevyn hob sie auf den Fußboden herunter. „Ich sagte doch, dass ich dir eine höhere Leiter besorge“, fauchte er sie an. „Willst du dir den Hals brechen?“

„Ich weiß nicht“, entgegnete sie lachend. „Falle ich denn unter deine Versicherung?“

Er sah sie nur finster an, ging nach hinten und kam mit einer längeren Aluminiumleiter wieder. Als Alexis hinaufsteigen wollte, hielt er sie fest.

„Auf einer Leiter beugt man sich nicht zur Seite“, warnte er. Da sie schon auf der untersten Sprosse stand, befanden sich ihre Augen auf gleicher Höhe. „Wenn du an eine Stelle nicht herankommst, musst du heruntersteigen und die Leiter weiterschieben.“

Sie hatte schon eine spitze Antwort parat, doch als sie ihm in die dunklen Augen blickte, wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Ihr war klar, dass er sie gleich küssen würde.

Ein italienischer Graf, ein Filmproduzent, mehrere Künstler und ein römischer Carabiniere hatten sich um sie bemüht. Und italienische Männer verstanden es, eine Frau richtig zu lieben.

Doch als Trevyn ihr Gesicht betrachtete und sich dann langsam zu ihr beugte, ahnte sie, dass ihr eine völlig neue Erfahrung bevorstand.

Trevyn wusste, dass es dumm war … Doch ihre Lippen waren so weich und warm, wie er sie sich vorgestellt hatte, und ihr Kuss war überraschend unschuldig. Dabei lebte sie schon lange in Europa unter Leuten, die für ihren freien Lebensstil bekannt waren.

Sie überließ ihm die Kontrolle, obwohl sie ihm bereitwillig folgte, und er küsste sie auf Wangen, Hals und Hände, bis sie ihm die Arme fest um den Nacken schlang.

Trevyns Kuss übertraf alles, was Alexis bisher erfahren hatte. Sie bekam kaum Luft, als er die Lippen über ihren Hals gleiten ließ. Am liebsten hätte sie sich den Sweater vom Leib gerissen, während Trevyn sie mit Küssen verwöhnte und ihr Haar zur Seite schob, um auch ihren Nacken zu erreichen.

Wie benommen dachte sie, dass italienische Männer gute Liebhaber waren, weil sie sich unbedingt als solche beweisen wollten. Trevyn kam es jedoch darauf an, ihr zu zeigen, wie aufreizend sie für ihn war.

Mit einer Leidenschaft, die sie bei sich gar nicht kannte, eroberte sie seinen Mund, und es erfüllte sie mit Triumph, als Trevyn darauf reagierte. Endlich fühlte sie sich frei und ungehemmt, aber sie wusste nicht, was sie jetzt machen sollte. Eine Frau, die keine Ahnung hatte, was sie zu bieten hatte, konnte schließlich nichts bieten – schon gar nicht einem Mann, der behauptete, sie nicht zu wollen.

Sie löste sich von Trevyns Lippen und rang nach Luft.

„Nicht loslassen“, warnte er amüsiert, als sie ihn von sich schieben wollte. „Du stehst nicht mehr auf der Leiter.“

Erst jetzt merkte sie, dass sie ihn ein Stück von der Leiter zurückgeschoben hatte.

Er sah ihr tief in die Augen. „Hast du dir selbst Angst eingejagt?“, fragte er leise.

„Ein wenig“, gestand sie aufrichtig. „Habe ich dir Angst eingejagt?“

„Keine Angst“, erwiderte er nach kurzem Zögern. „Aber da ich nun doch nicht Vater werde, will ich mich auf keine tiefe Bindung einlassen.“ Er stellte sie auf den Boden. „Wieso hast du aufgehört?“

Auch wenn seine Ehrlichkeit sie verletzte, konnte sie ihm die Wahrheit nicht vorenthalten. „Mangelnde Erfahrung.“

„Körperliche Erfahrung?“, fragte er behutsam.

„Nein, obwohl ich nicht viel habe. Ich meinte Gefühle. Erfahrung darin, was ich zu geben habe.“

„Es macht dir Angst, etwas zu geben?“

„Ich habe es nie selbstlos getan“, gestand sie. „Unsere Mutter liebte uns nicht. Sie mochte Athena ein wenig, weil Athena stets für sie kämpfte, aber mich hielt sie für eine Träumerin und Gusty für einen Feigling.“

„Athena liebt dich“, wandte er ein. „Das würde sie nicht tun, hättest du ihr keine Gefühle gegeben.“

„Ich weiß nicht“, meinte Alexis seufzend. „Als wir noch Kinder waren, dachte ich, meine Mutter würde mich lieben, wenn meine Schwestern nicht da wären. Ich stellte mir vor, meine Mutter und ich wären ganz allein.“

„Ich glaube, jeder hat sich schon gewünscht, keine Geschwister zu haben. Das bedeutet nur, dass du normal bist.“

„Das finde ich nicht. Bisher ist es mir immer gelungen, jede Beziehung in den Sand zu setzen.“ Sie lächelte matt. „Auch mit dir.“

„Wir hatten gar keine Beziehung. Du hast mich mit einer Bratpfanne angegriffen, und ich habe dich zu Boden gerungen.“

„Kein sonderlich aufreizendes Paarungsritual.“ Sie stockte. „Willst du damit sagen, du wolltest doch?“

„Ein Paarungsritual?“

„Eine Beziehung.“

Er rüttelte an der Leiter, um sich davon zu überzeugen, dass sie gut stand. „Ich glaube nicht. Du?“

„Ich weiß es nicht. Du drückst dich nicht sonderlich klar aus. Vielleicht war es … einfach nur ein Kuss?“

„Wenn das Gehirn nicht mehr funktioniert und man keine Luft bekommt, ist es nicht einfach nur ein Kuss.“ Er drückte die Lippen auf ihre Hand und ließ sie los. „Arbeite weiter. Es ist fast schon Mittagspause.“

Alexis zweifelte daran, den Tag zu überstehen, aber Trevyn gab sich wieder fröhlich und tatendurstig, und der Kuss kam nicht mehr zur Sprache.

6. KAPITEL

„Wie war deine Mutter?“, fragte Alexis während der Heimfahrt.

Trevyn lächelte nachdenklich. „Wie eine Mutter sein soll. Sanft, warmherzig und kraftvoll. Ein Jahr lang war sie krank, sorgte aber dafür, dass unser Leben so normal wie möglich verlief, bis sie es nicht mehr schaffte. Wir stellten ein Krankenhausbett ins Wohnzimmer, und Mom verteilte von da aus Befehle und Liebe.“

Alexis dachte gerührt, dass Trevyns Mutter auf dem Krankenbett mehr Mutter gewesen war als ihre bei voller Gesundheit.

„Als ich eines Abends von einem Footballspiel heimkam, stand ein Krankenwagen vor dem Haus.“ Er zögerte. „Mein Dad weinte hemmungslos. Sie war von uns gegangen.“

„Es tut mir sehr leid“, hauchte Alexis. „Aber ich glaube, du hattest trotzdem sehr viel Glück.“

„Das stimmt.“

„Wo ist dein Vater jetzt? Das Wetter wird bald zu schlecht für Motorradfahren sein.“

„Vor einem Monat erhielt ich eine Ansichtskarte aus Charleston.“ Trevyn bog in die Zufahrt von Cliffside. „Er war nach Süden unterwegs. Vermutlich wird er wie so viele in Florida überwintern.“

„Du solltest ihn einladen“, schlug sie vor. „Wir haben genug Platz.“

Daran hatte Trevyn auch schon gedacht, aber wenn sein Vater nun mit einer Ausrede die Einladung ausschlug?

„Falls er ablehnt“, meinte sie, „hast du es wenigstens versucht. Eine Zurückweisung hat noch niemanden umgebracht. Wenn du dir tatsächlich eine Familie wünschst, brauchen deine Kinder einen Großvater.“

Das war zwar etwas voreilig, aber letztlich hatte sie recht.

„Weißt du, wie du ihn erreichst?“

Trevyn nickte. „Er wollte Freunde in Jacksonville besuchen und vielleicht eine Weile bei ihnen bleiben. Ich kann sie anrufen.“

„Sehr gut.“

Er öffnete die Garage mit der Fernsteuerung und fuhr hinein.

„Willst du mit uns essen?“, fragte Alexis. „Ich habe eine Komplettmahlzeit gekauft. Man schüttet alles in eine Pfanne, und in fünfzehn Minuten ist es fertig. Das verpatze nicht einmal ich. Um sechs?“

Er zögerte. Es konnte nie klappen, wenn eine Frau ihn näher kennen lernte, ohne dass sie durch ein gemeinsames Kind aneinander gebunden waren. Es gab sehr hässliche Seiten seiner Seele.

„Ach, nun komm schon“, drängte sie ungeduldig. „Ich habe es nicht auf deine Tugend abgesehen. Schließlich hast du mich geküsst, und es hat uns beiden gefallen. Trotzdem sind wir klug genug, um zu wissen, dass es nicht weiterführt. Es gibt keine Bindungen.“ Sie sprang aus dem Geländewagen, griff nach ihrer großen Tasche und schlug die Tür zu.

Er folgte ihr aus der Garage.

„Ich habe nur gefragt“, fuhr sie fort, „weil David wollte, dass du mehr Zeit mit den Jungs verbringst.“

„Ich komme“, entschied er. „Soll ich etwas mitbringen?“

„Nein!“

Er sah ihr nach, wie sie anmutig, aber sichtlich eingeschnappt zum Haus ging, und konnte nicht widerstehen. „Hast du deinen Schlüssel bei dir?“

„Ha, ha!“, erwiderte sie, ohne sich umzudrehen.

Alexis kostete das Huhn mit Pasta und Geflügel und war sehr erleichtert. Die Jungen sahen einander und dann Trevyn sichtlich überrascht an.

„Schmeckt lecker, Lex“, sagte Brandon. „Fast so gut wie von Dotty.“

„Danke.“ Das betrachtete sie als großes Kompliment.

„Wollt ihr euch morgen mit mir die Ausstellung alter Autos ansehen?“, fragte Trevyn. „Das wird ein Tagesausflug. Wir brechen zeitig auf und …“

„Ja!“, erwiderte die Jungen wie aus einem Mund.

„Wie schnell fahren diese Wagen?“, fragte Brady eifrig.

„Sie sind nur zu besichtigen“, erwiderte Trevyn, „aber es sind schöne Stücke darunter. Einige Wagen sind siebzig oder achtzig Jahre alt.“

„Ach so“, meinte Brady enttäuscht. „Kein Rennen?“

„Nein, nur schöne alte Fahrzeuge mit allem Drum und Dran, das an modernen Autos fehlt. Es gibt jede Menge zu essen, und man kann coole Sachen kaufen.“

„Toll!“ Brady war erneut begeistert und wandte sich an Brandon. „Kannst du mir Geld leihen?“

„David hat euch Taschengeld für zwei Wochen hier gelassen“, warf Alexis ein.

„Könnt ihr um sieben fertig sein?“, fragte Trevyn und sah dabei Alexis an.

„Ich bin beschäftigt“, erwiderte sie hastig. „Aber die Jungs werden bereit sein.“

„Warum kannst du nicht mitkommen?“, fragte Brandon.

„Ich male doch ein Fresko, schon vergessen? Und ich muss mich beeilen, damit ich rechtzeitig fertig werde. Außerdem interessiere ich mich nicht sonderlich für Autos.“

„Aber man kann auch was essen und kaufen“, hielt Brady ihr vor.

Trevyn löste einen Schüssel von seinem Schlüsselbund und reichte ihn ihr. Dabei lächelte er spöttisch. „Ich habe nur den einen. Vergiss oder verliere ihn nicht.“

„Ich vergesse ein einziges Mal meinen Schlüssel, und du ziehst mich mein Leben lang damit auf?“, hielt sie ihn vor.

„Es war nur eine freundschaftliche Ermahnung.“

„Wie nett von dir.“ Sie brachte Eiscreme und fertig gekaufte Plätzchen, und die Jungen lobten das Abendessen und halfen Alexis beim Wegräumen.

„Heute Abend gibt es Baseball im Fernsehen“, sagte Brandon. „Chicago und New York. Können wir es uns ansehen? Morgen ist keine Schule.“

„Aber nur, wenn ihr eure Hausaufgaben am Sonntagnachmittag macht.“

„Einverstanden.“

Trotz der Zustimmung war Alexis überzeugt, dass ihr am Sonntagnachmittag ein Kampf bevorstand.

Brady sah, wie Trevyn auf die Uhr blickte, und hielt ihn am Arm fest. „Du gehst nicht wieder ins Gästehaus?“

Trevyn strich ihm über das Haar. „Doch. Du machst dir doch wegen Dave keine Sorgen mehr?“

Brady ließ ihn nicht los. „Nein, aber wir haben dich zu unserem Bruder erklärt, und darum solltest du hier bleiben.“ Er wandte sich Hilfe suchend an Alexis. „Das geht schon klar, weil sie wie unsere Tante ist.“

Als Trevyn offenbar widersprechen wollte, erklärte Alexis rasch, um seine Pläne zu durchkreuzen: „Natürlich kann er bleiben.“

Trevyn warf ihr einen drohenden Blick zu.

„Wenn ihr morgen ohnedies zeitig aufbrecht, kannst du auch hier schlafen“, meinte sie, ohne sich an seiner Miene zu stören.

Diesmal wurde er vom Telefon an einer Antwort gehindert.

Brady meldete sich. Es war David.

Brady schilderte ihm haargenau, wie sich ein Junge in der Schule am Barren den Arm ausgerenkt hatte. „Der Arm stand ganz komisch ab, und Lucy Biederman musste sich auf Mrs. Cutters Kleidung übergeben! Es war echt cool. Und weißt du was? Trev wohnt jetzt hier.“

Trevyn machte Brady Zeichen, ihm das Telefon zu geben.

„Warte, Dave“, sagte Brady. „Trev will mit dir sprechen.“

Alexis ging hinaus und räumte auf. Sie wollte dafür sorgen, dass die Jungen morgen Abend etwas Anständiges zum Anziehen für das Essen bei den McKeons hatten.

Lieber Himmel, was wurde sie doch plötzlich häuslich. Das hätte sie sich gar nicht zugetraut.

„Lex?“ Brandon stand hinter ihr. „Athena will mit dir sprechen.“

Sie nahm das Telefon entgegen.

„Lexie, danke!“ Athena klang sehr erfreut. „Es ist nicht einfach für dich, mit Trevyn auszukommen, aber David ist sehr erleichtert, dass er jetzt ständig im Haus ist. Brady hört sich schon viel besser an. Wie geht es mit dem Kochen?“

„Haben sich die Jungs beklagt?“, fragte Alexis besorgt.

„Nein, im Gegenteil.“ Athena lachte. „Lässt du euch von einem Partyservice versorgen?“

„Nein“, wehrte Alexis ab und musste ebenfalls lachen. „Ich bin nur dabei, sämtliche vorgekochten Mahlzeiten aus der Tiefkühltruhe im Supermarkt auszuprobieren. Zum Glück kommt Dotty ja am Montag heim.“

„Jedenfalls vielen Dank. Schließlich bist du nicht nach Cliffside gekommen, um zwei Jungen zu versorgen.“

„Nein, aber das Leben hält im Moment für uns alle eine Menge Überraschungen bereit. Außerdem wirkt es erzieherisch.“

„Wirklich?“, fragte Athena interessiert. „In welcher Hinsicht?“

„Es ist einfach interessant. Richte David aus, dass ich ihm viel Glück bei dem dritten Verleger wünsche.“

„Mache ich. Pass gut auf euch alle auf, Lex.“

„Ganz sicher.“

Alexis beendete das Gespräch und fand, dass sie sich eigentlich glücklich schätzen konnte. Obwohl sie sich ihr Leben lang nach Liebe und Sicherheit gesehnt hatte, brauchte sie doch niemanden, der auf sie aufpasste.

Trevyn bewunderte die gepflegten und restaurierten Autos und freute sich über die Begeisterung der Jungen. Er wünschte sich allerdings, Alexis wäre bei ihnen, trotz der Unruhe, die sie in sein Leben brachte.

„Wäre doch cool, wenn du einen von denen hättest“, sagte Brady und zeigte auf die auf einer Wiese aufgestellten Fahrzeuge.

Brandon deutete auf einen grünen und schwarzen Duesenberg, der sich wie ein Kunstwerk von den anderen abhob. „Der wäre was für dich, Trev.“

Trevyn fühlte sich von dem Auto angezogen wie ein hungriges Kind von Schokolade. Die Eleganz und der Stil erinnerten ihn an Alexis.

Brandon nickte. „Der würde sagenhaft aussehen in der Einfahrt dieses Hauses in der Bucht, das du uns bei der Herfahrt gezeigt hast.“

„Stimmt“, bestätigte Trevyn. „Allerdings steht der Wagen wahrscheinlich gar nicht zum Verkauf. Die meisten Fahrzeuge hier sind Sammlerstücke.“

„Dieses nicht.“ Eine Frau Mitte siebzig in einem geblümten Kleid trat lächelnd zu ihnen. „Ich will den Duesie loswerden. Mein Mann und ich haben ihn in den Flitterwochen benutzt“, erklärte sie und strich liebevoll über die Tür.

Brady streckte die Hand nach der funkelnden Stoßstange aus, doch Trevyn hielt ihn zurück.

„Oktober in Vermont“, fuhr die Frau fort. „Goldener Sonnenschein, herbstlich bunte Blätter.“ Sie holte tief Atem. „Henry war ein Abenteurer mit großen Ideen und frei von jeglicher Angst. In Manhattan gründete er mit tausend Dollar von der Bank und seinem Cousin als Buchhalter eine Fabrik für Lederwaren.“ Sie schwieg und lächelte versonnen.

„Wie ging es weiter?“, fragte Brandon.

„Wir arbeiteten Tag und Nacht“, erwiderte sie. „Wir reisten mit Mustern umher und erhielten Aufträge … mehr und mehr …“ Lächelnd legte sie Brandon die Hand auf das blonde Haar.

Er hielt ganz still, weil er fühlte, dass diese Frau etwas Besonderes war.

„Hast du jemals von Lassiter Leathers gehört?“, fragte sie.

Brandon schüttelte den Kopf. „Nein, Ma’am.“

„Ich schon“, erwiderte Trevyn erstaunt. „Mein Vater schenkte mir eine Lassiter-Aktentasche, als ich das College abschloss. Sie hat mich um die ganze Welt begleitet und befindet sich noch jetzt in perfektem Zustand.“

Die Frau nickte und legte den freien Arm um Brady. „Du hast garantiert auch nie von uns gehört“, scherzte sie.

„Nein“, sagte Brady, „aber ich weiß meistens nicht, wovon geredet wird.“

Sie lachte. „Henry hat viel Geld verdient, und wir zogen zwei hübsche Jungs groß, die euch beiden sehr ähnlich sahen.“ Seufzend drückte sie die zwei an sich. „Wir verloren beide in Korea. Ich glaube, Henry starb an gebrochenem Herzen.“

Die Jungen sahen betroffen drein.

„Tut mir leid“, sagte Trevyn.

„Ich hatte alles, was man sich wünschen kann, aber es gibt keine Garantien im Leben. Also …“ Sie ließ die Jungen los und wandte sich an Trevyn. „Interessieren Sie sich für meinen Duesie?“

Die Jungen schnappten nach Luft.

„Es ist ein schöner Wagen“, antwortete Trevyn und versuchte, sich nicht von der allgemeinen Begeisterung anstecken zu lassen. „Aber ich baue mir gerade ein eigenes Geschäft auf, das bestimmt nicht mit Lassiter Leathers mithalten kann. Tut mir leid, ich kann mir den Wagen nicht leisten.“

„Wir haben doch noch gar nicht über die Bedingungen gesprochen.“

„Danke, ich kann ihn mir bestimmt nicht leisten.“

„Geben Sie so leicht auf?“, fragte sie. „Wie wäre es mit kleinen monatlichen Raten?“ Sie reichte ihm die Hand. „Ich bin übrigens Clarissa.“

„Trevyn McGinty“, stellte er sich vor. „Meine Freunde Brandon Bjork und Brady Caldero.“

„McGinty, der Fotograf?“, fragte sie.

Trevyn nickte erstaunt, weil sie ihn kannte.

„Ich verbringe jedes Frühjahr zwei Monate bei meiner Schwester in Chicago. Ich erinnere mich an Ihre Fotos von Jugendlichen in einem Rehabilitationszentrum für Drogensüchtige. Man sah in ihren Augen die Vergangenheit und den Schmerz. Ihre Arbeit besitzt Kraft. Vermutlich haben Sie mit Ihren Fotos für mehr finanzielle Unterstützung der guten Sache gesorgt als alle politischen Ansprachen.“

„Danke“, erwiderte er bescheiden. „Der Autor des Berichts war sehr gut.“ Er erinnerte sich noch deutlich daran, wie bewegt David mit den jungen Leuten gesprochen und wie leidenschaftlich er darüber geschrieben hatte.

„Dann ist es abgemacht“, erklärte Clarissa, holte ihre Handtasche vom Fahrersitz und zog eine Geschäftskarte heraus. „Ich hebe den Wagen für Sie auf“, sagte sie und schob die Karte in Trevyns Hemdtasche. „Schicken Sie mir die Anzahlung, wann immer Sie können. Dann bringe ich Ihnen den Wagen. Den Oktober verlebe ich in Eugene.“

„Clarissa, ich …“, setzte er an.

„Ich werde warten. Den Wagen soll nur jemand bekommen, der ihn liebt.“ Sie lächelte noch ein Mal. „Der Lebensweg ist fast immer hart, aber wenn man etwas Wunderbares gefunden hat, machen einem die Schlaglöcher und die Unebenheiten gleich nicht mehr so viel aus. Ich möchte gerne, dass Sie Ihren Lebensweg in meinem Duesenberg zurücklegen.“

Trevyn reichte ihr die Hand. „Ich werde mich melden, Clarissa.“

„Und ich werde warten, Trevyn.“

Als sie sich für Hot Dogs anstellten, fragte Brady: „Was ist Korea?“

Trevyn erklärte es möglichst einfach. „Ein Land, in dem in einem Krieg viele amerikanische Soldaten starben.“

„Traurig, dass ihr Mann auch starb“, bemerkte Brandon. „Wirst du den Wagen kaufen?“

„Ich denke schon.“

„Glaubst du, die Bank erlaubt, dass ich dir das Geld aus meinem Treuhandfonds leihe?“

Trevyn staunte, dass ein Junge, dem so viel genommen worden war, trotzdem so großzügig war. „Ich bin dir für das Angebot dankbar, Brandon, aber das möchte ich gar nicht. Das Geld gehört dir, und später wirst du damit große Pläne haben.“

„Vielleicht kann Dave dir was leihen, wenn er viel Geld für sein Buch kriegt.“

Trevyn musste lachen. „Das ist dann sein Geld. Es ist nett, dass du dich so um mich kümmerst. Wenn dieser Wagen meine Bestimmung ist, finde ich schon eine Möglichkeit.“

„Bestimmung?“, fragte Brady.

Wie sollte Trevyn das nun wieder erklären? „Wenn man etwas bekommen oder wenn einem etwas zustoßen soll, kommt es dazu, was man auch macht oder wohin man geht. Letztlich geschieht, was vorherbestimmt ist. Das ist Bestimmung.“

„Aha.“

Sie waren an der Reihe, und Trevyn bestellte. Der Mann hinter der Theke reichte Brandon einen Pappteller mit einem Hot Dog, Pommes frites und einer kleinen Plastikschale mit Krautsalat. Dann füllte er einen Teller für Brady, doch zwei Würstchen klebten zusammen und ließen sich nicht trennen.

Der Mann reichte freundlich lächelnd dem Jungen den Teller. „Da hast du eine Doppelportion abbekommen, Kleiner.“

Brady betrachtete begeistert seinen Teller. „Trevyn“, erklärte er, „das mit der Bestimmung ist schon eine feine Sache!“

7. KAPITEL

Alexis nahm Ferdie mit und arbeitete den ganzen Tag an dem Wandbild. Erst als es zu dunkel wurde, fuhr sie nach Hause. Die Lampe am Anrufbeantworter blinkte.

Die Nachricht stammte von Officer Holden in Astoria. „Wir haben alle entsprechenden Passagierlisten überprüft. Jetzt müssen wir noch mit drei Paaren sprechen. Ich melde mich wieder.“

Alexis rief sofort zurück, doch er war nicht mehr im Dienst. Danach verständigte sie Athena und David in New York.

„Wenigstens geht es weiter“, sagte Athena. „Vielleicht sollte ich heimkommen.“

„Unsinn“, wehrte Alexis ab. „Sollten wir euch brauchen, rufe ich sofort an. Ach ja, Athena! Trevyn ist nicht der Vater von Gustys Kind. Er war an jenem Abend mit mir zusammen.“

„Aber er erinnerte sich daran, sie geliebt zu haben!“

„Das hatte mit dem Stress bei seinem letzten Einsatz zu tun. Er brachte etwas durcheinander.“

„Lex …“ Athena zögerte. „Stört dich das? Oder ihn?“

„Wir waren beide überrascht, aber wir kommen gut miteinander aus.“

„Warte einen Moment.“ Athena erklärte David, was geschehen war, und meldete sich wieder. „Er lässt dir ausrichten, ihr sollt euch nicht gegenseitig umbringen, bevor wir wieder da sind. Denkt an die Jungs. Du rufst an, wenn du mich brauchst?“

„Versprochen. Wie sieht es mit dem Buch aus?“, fragte Alexis, um das Thema zu wechseln.

„Wir sind gerade von der Besprechung zurückgekommen“, erwiderte Athena. „Sieht aus, als hätte es geklappt.“

„Im Ernst?“

„Ja. David soll es dir erzählen.“

„Hi, Alexis“, grüßte er fröhlich. „Ich freue mich ja so, dass es endlich eine Spur zu Gusty geben könnte. Brauchst du uns bestimmt nicht?“

„Ganz sicher nicht“, antwortete sie. „Was ist nun mit dem Buch?“

Er erklärte bescheiden, dass er einen sechsstelligen Vorschuss für einen Vertrag über zwei Bücher erhalten hatte. „Ich sehe mich zwar nicht als Star, aber bei Baldwin Books denkt man offenbar so. Wie geht es den Jungs?“

Sie berichtete von dem Ausflug zu den alten Autos.

„Danke, Lex“, entgegnete David. „Ich weiß, dass es für dich nicht leicht ist, mit Trev zusammen zu sein.“

Das stimmte zwar, aber aus anderen Gründen, als David annahm. „Schon gut. Wir alle gehen morgen zu den McKeons zum Abendessen. Athena hat die beiden kennen gelernt, und sie verwechselten mich mit ihr. Wir kamen ins Gespräch. Sie wollen sich mit der ganzen Familie fotografieren lassen, und sie haben uns zum Essen eingeladen, um dabei alles zu besprechen. Ruft also früher an oder wartet bis übermorgen.“

„Morgen Abend fahren wir nach Washington“, erwiderte er. „Wir rufen am Montagabend von dort an. Solltest du vorher etwas über Gusty erfahren, erreichst du uns in Athenas Wohnung. Wir melden uns sofort, wenn du eine Nachricht hinterlässt.“

„Wird gemacht.“

Kurz nach acht stürmten die Jungen ins Haus, gefolgt von Trevyn und Ferdie. Und sie erzählten Lex eine unklare Geschichte von einem grünen Wagen, einer tollen alten Lady, einem doppelten Hot Dog und einer Überraschung.

„Was für ein grüner Wagen?“, fragte sie, um Ordnung zu schaffen.

„Ein Duesenberg“, erwiderte Brandon. „Sie hat ihn Duesie genannt.“

„Wer?“

„Die tolle alte Lady“, antwortete Brady. „Ich und Brandon haben sie an ihre Söhne erinnert, die in Korea gestorben sind.“

Trevyn füllte drei Gläser mit Milch. „Du auch?“, fragte er Alexis.

Sie zeigte auf ihre Kaffeetasse und schüttelte den Kopf.

„Henry starb an gebrochenem Herzen.“ Brandon ging mit einer Tüte Plätzchen an den Tisch. „Das war der Dad von den beiden. Clarissa und er fuhren in dem grünen Wagen in die Flitterwochen.“

„Clarissa?“

„Die tolle alte Lady. Hörst du nicht zu?“, fragte Brady. „Trev kauft ihren Duesie, weil man den Lebensweg in einem coolen Auto machen soll, damit es einem nichts ausmacht, wenn man in ein Loch fällt.“

Das alles ergab noch immer keinen perfekten Sinn. Alexis wandte sich an Trevyn. „Du kaufst tatsächlich einen klassischen Duesenberg?“

Er winkte ab. „Ich kann ihn mir nicht leisten. Sie hat mir zwar ihre Karte gegeben, aber ich kann kein solches Auto bezahlen, wenn mein Fotostudio mindestens ein Jahr lang keinen Gewinn abwerfen wird.“

„Sie hat dir aber niedrige monatliche Raten angeboten“, warf Brandon ein. „Ich finde, du solltest es machen.“ Lächelnd fügte er hinzu: „Sonst spürst du alle Unebenheiten und Schlaglöcher. Ich und Brady müssen unseren Lebensweg in einem alten Wagen wie deinem ohne Stoßdämpfer machen.“

„Hey!“ Trevyn tat beleidigt.

Die Jungen lachten und gingen fernsehen.

Alexis erzählte von Officer Holdens Nachricht. „Morgen früh ist er wieder im Büro.“

„Es gibt endlich einen Anhaltspunkt?“, fragte er ungläubig.

„Das hoffe ich.“ Unvermittelt begann sie zu weinen.

Trevyn kam zu ihr und kauerte sich neben ihren Stuhl. „Hey, du brauchst doch wegen einer guten Neuigkeit nicht zu weinen.“ Er strich ihr das Haar aus dem Gesicht. „Es sei denn, du hast noch nie wegen einer schlechten Nachricht geweint. Dann darfst du.“ Er stand auf, zog sie auf die Beine und nahm sie fest in die Arme. „Es geht Gusty gut, und wenn sie zu Bram gehört, sollte das Schicksal sich hüten, ihr etwas anzutun, sonst muss es dafür büßen.“

„Aber wo ist sie?“, fragte Alexis erstickt. „Und wieso kommt Bram nicht zurück und sucht sie?“

„Wahrscheinlich weiß er nicht einmal, dass sie verschwunden ist“, erwiderte er sanft. „Oder dass sie schwanger ist. Er wäre sonst hier.“

Seufzend klammerte sie sich an ihn. „Sie war immer die Sanfte, die für jeden alles tat. Was ist, wenn die beiden nicht miteinander auskommen? Was ist, wenn er kein Kind will? Oder wenn er sie ablehnt?“

„Bram ist ein harter Kerl, dem man besser nicht in die Quere kommt, aber er ist einer der anständigsten Männer, die ich kenne. Warten wir ab, bis wir sie finden und er herkommt. Dann erst sehen wir, ob es zwischen den beiden klappt.“

„Wenn das vorüber ist“, sagte sie seufzend und legte ihm die Hände auf die Brust, „haben wir uns einen Monat an einem Sonnenstrand verdient.“

„Gemeinsam?“

„Wieso nicht? Seit wir festgelegt haben, dass keiner von uns etwas vom anderen erwartet, gibt es keine Probleme. Das Mittelmeer! Ich zeige dir sämtliche großartigen Kunstgalerien. Da gibt es für dich unglaublich viel zu fotografieren.“

„Hört sich nicht schlecht an“, stellte er fest.

Trevyn wollte Alexis loslassen, weil sie zu weinen aufgehört hatte, doch er sah ihr in die blauen Augen, die ihn an den Lake Michigan im Sommer erinnerten. Sie öffnete die einladend weichen und vollen Lippen.

Der Verstand sagte ihm, dass er nichts komplizieren sollte, doch er fühlte den leichten Druck ihres Körpers und hörte nicht auf seinen Verstand.

Er schob ihr die Finger ins Haar und küsste sie. Dabei hatte er ihr versichert, keine tiefe Beziehung zu wünschen. Sie kam seinem Kuss entgegen und schmiegte sich an ihn. Als sie ihm die Arme um den Nacken schlang, verlor er den Boden unter den Füßen. Jetzt fühlte er bloß noch diese Frau in seinen Armen.

Nur ein einziges Mal hatte er bisher die Kontrolle verloren. Das war bei Farahs Tod geschehen. Doch dies hier hatte nichts mit Tod zu tun. Hier ging es um das Leben, um ihre Herzen, um Gefühle. Alle seine Sinne erwachten.

Es war, als hätte er einen sehr langen Schlaf hinter sich.

Alexis wurde von unbeschreiblichen Empfindungen erfüllt, während Trevyns Hände über ihren Rücken glitten und er sie an sich drückte. Sie hielt es kaum noch aus, und er küsste sie, bis sie keine Luft mehr bekam. Wären die Jungen nicht im Haus gewesen, hätte sie sich aller Kleidungsstücke entledigt und sich Trevyn auf der Stelle angeboten.

Doch ihre Schwester wurde vermisst. Daran musste sie ständig denken. Solange Gusty nicht gerettet war, konnte sie sich nicht verlieben.

Sie löste sich von Trevyn und rang nach Atem. Und er lehnte die Stirn an ihr Kinn. Als ihr bewusst wurde, dass er eigentlich fast zwanzig Zentimeter größer als sie war, stockte sie.

„Was …?“, setzte sie an.

Er lächelte und betrachtete sie voll Verlangen. „Es wird bei dir offenbar zur Gewohnheit, an mir hochzuklettern“, sagte er amüsiert und drückte sie fester an sich. „Es gefällt mir, wie du küsst.“

Sie hatte ein Bein um ihn geschlungen und stützte sich mit dem anderen Fuß gegen sein Knie.

Stöhnend glitt sie zu Boden. „Lass mich los!“

Er gehorchte, und sie brachte ihre Kleidung in Ordnung. Trevyn lehnte sich an den Tisch und war sichtlich so aufgewühlt wie sie.

„Du darfst mich nicht dermaßen küssen“, erklärte sie steif und griff nach ihrer Tasse, doch der Kaffee war kalt. Sie schüttete ihn weg. Die Kaffeemaschine war leer. Vielleicht half Weinbrand.

„Dann darfst du mich nicht so ansehen“, entgegnete Trevyn, spülte die Kaffeekanne aus und warf den benutzten Filter weg.

Sie griff nach der Dose mit dem Kaffee. „Wie ansehen?“

„Als würdest du dir einen Kuss wünschen.“

„Ich wünsche mir keinen!“

Während er einen neuen Filter mit Kaffee füllte, sah er sie wissend an.

„Also schön, ich will, dass du mich küsst“, räumte sie ein. „Aber das überkommt mich ohne Vorwarnung. Eben bin ich noch damit zufrieden, dass du nur ein Freund bist, und dann …“

„Peng!“

Ja, das traf es genau.

„Wir sind dabei, uns zu verlieben“, warnte er.

„Oh nein“, wehrte sie ab. „Es ist nur Verlangen. Wir durchleben eine schwere Zeit und sitzen hier fest? Trevyn, willst du dich denn in mich verlieben?“

„Nein“, behauptete er.

Das schmerzte, aber sie war trotzdem erleichtert, weil sie nur so weitermachen konnte.

„Es spielt aber keine Rolle, was ich will“, fuhr er ruhig fort. „Ich bin nämlich bereits in dich verliebt.“

Sie starrte ihn mit offenem Mund an.

„Wir waren von Anfang an ehrlich zueinander. Ich sage nur die Wahrheit.“

Genau das hatte sie sich gewünscht. Athena hatte David eine Zeit lang belogen – beschwindelt, wie sie es nannte. Das hatte ihnen das Leben erschwert. Alexis glaubte an die reine Wahrheit, mochte sie auch schmerzen oder Probleme verursachen.

„Also, ich bin nicht in dich verliebt!“, beteuerte sie heftig. „Ich bin … ich … na schön, ich bin doch in dich verliebt, aber es gefällt mir nicht!“

„Schon gut, mir auch nicht.“

„Es gefällt dir nicht, dass du in mich verliebt bist, oder es gefällt dir nicht, dass ich in dich verliebt bin?“

„Beides.“

Sie stieß sich von der Theke ab. „Dann gibt es kein Problem. Wenn es uns beiden nicht gefällt, können wir so tun, als wäre gar nichts.“

„Ich wäre an deiner Stelle nicht so zuversichtlich.“ Er griff nach sauberen Tassen, als die letzten Tropfen durch die Kaffeemaschine liefen. „Du hast selbst gesagt, dass es uns ganz plötzlich überkommt und wir dagegen machtlos sind.“

„Wir müssen nur unseren Verstand einsetzen.“

Er schenkte den Kaffee ein. „Das sagt ausgerechnet die Frau, die an mir hochgeklettert ist und ein Bein um meine Hüfte geschlungen hat.“

„Um deinen Schenkel.“

Er beugte sich zu ihr, bis sich ihre Nasen fast berührten. „Hätten wir irgendwo gelegen, hätten wir uns geliebt.“

„Voll bekleidet?“

„Ich musste dich festhalten und konnte dich daher nicht ausziehen. In einem Bett hingegen …“

„Du willst unbedingt alles noch schlimmer machen, wie?“, fragte sie, als er ihr eine Tasse reichte.

„Wie könnte es denn noch schlimmer werden?“, fragte er. „Du weißt nicht, wer du bist, und ich weiß nicht, was ich will – von dir abgesehen.“

Diese Worte wirkten unglaublich auf Alexis. Ihre Eltern hatten ihren Kindern niemals Liebe gezeigt. Sie selbst hatte sich stets überall ausgeschlossen gefühlt. Dass ein Mann sagte, dass er sie wollte, weckte Hoffnung in ihr.

Trevyn griff nach seiner Tasse und stieß mit ihr an. „Auf ungelöste Probleme! Ich sehe mir jetzt mit den Jungs das Spiel an.“

Plötzlich wollte sie nicht allein sein. „Hast du Angst davor, bei mir zu bleiben und zu kämpfen?“

„Kampf war bisher meine Arbeit. Ich gehe, weil ich bei einem Ballspiel wenigstens den Einsatz kenne.“

Holden meldete sich am Sonntagmorgen am Telefon. „Eines der Paare haben wir bereits ausgeschlossen, ein Paar aus British Columbia“, sagte er. „Verlieren Sie nicht den Mut.“

„Bestimmt nicht“, versprach Alexis.

Wegen des Abendessens bei den McKeons gab es zu Mittag nur eine leichte Mahlzeit.

Am Nachmittag kam es wegen der Hausaufgaben zum erwarteten Kampf. Trevyn hatte Feuer gemacht. Brandon lag auf dem Boden und arbeitete an einer Buchbeurteilung. Ferdie hatte sich neben ihm zusammengerollt.

Alexis hatte Brady erlaubt, in seinem Zimmer zu arbeiten, erwischte ihn jedoch beim Fernsehen. Sie reichte ihm seine Bücher und scheuchte ihn nach unten ins Esszimmer.

„Ich habe nur Pause gemacht“, behauptete er.

„Ach ja“, erwiderte sie freundlich. „Und wie viele Aufgaben in Naturkunde hast du schon gelöst?“

Er setzte sich missmutig an den Tisch. „Ich verstehe nicht, warum ich das machen muss.“

„Brandon will Schriftsteller werden und arbeitet daher eifrig an seiner Buchbeurteilung“, erklärte sie.

„Ich will aber kein Wissenschaftler werden!“

„Wolltest du nicht Mechaniker werden?“

„Ja.“

„Dann brauchst du dazu Naturkunde.“

„Warum denn das?“

Trevyn kam aus der Küche herein. „Mach deine Hausaufgaben, Brady.“

„Aber ich …“

Trevyn blieb stehen und warf ihm einen Blick zu, bei dem er seufzend das Buch öffnete. Trevyn zwinkerte Alexis zu und trug Kaminholz ins Wohnzimmer.

Alexis brachte den Jungen Kakao und etwas zu essen und stellte im Wintergarten neben Trevyn eine Tasse Kaffee.

Er blickte überrascht von der Sonntagszeitung hoch. „Danke. Du brauchst mich nicht zu bedienen.“

„Ich habe mir Kaffee gemacht und dachte, du willst auch welchen. Bekomme ich den Magazinteil?“

Er reichte ihr das Gewünschte, und sie setzte sich zu ihm auf das Korbsofa.

„Wann sollen wir bei den McKeons sein?“, fragte Trevyn.

„Halb sieben. Sollten wir eine Flasche Wein oder Blumen mitbringen?“

„Unbedingt. Wir brechen früher auf und besorgen noch etwas.“

„Sehr gut.“

Wie häuslich das alles wirkt, dachte Trevyn. Ein Gespräch bei der Sonntagszeitung über das Abendessen, während nebenan die Kinder die Hausaufgaben machten. Er gewöhnte sich besser nicht daran.

Sie besorgten Blumen und eine Flasche Wein für Peg und Charlie und kamen Punkt halb sieben an. Die Jungen trugen lange dunkle Hosen und die Sweater, die ihre Mutter endlich zusammen mit den anderen Sachen geschickt hatte.

Peg und Charlie begrüßten sie herzlich und ließen sie in das gemütliche und großzügig angelegte Haus mit behaglichen Polstermöbeln und verschiedensten Sammlerstücken eintreten, von denen einige sehr geschmackvoll, andere dagegen ziemlich seltsam waren.

„Wow!“ Brady ging direkt zu einem Pferdehalfter mit eingebauter Uhr über dem Kamin. „Haben Sie ein Pferd?“

„Nein, mein Junge, wir hatten nie eines“, erwiderte Charlie lachend. „Wir haben dieses Stück im Antiquitätenladen in der Stadt gefunden. Gefällt es dir?“

„Echt toll!“, rief Brady begeistert.

Brandon sah Trevyn und Alexis an und verzog das Gesicht. Trevyn warnte ihn mit Blicken davor, seine Meinung über die Halfter-Uhr zu äußern.

Brady interessierte sich anschließend für das hässlichste Ding, das Trevyn jemals gesehen hatte. In einem Cupido aus Porzellan steckte ein großer roter seidener Lampenschirm mit einer breiten Chiffonborte, die mit Blumen bestickt war.

„Wir kaufen gern Antiquitäten“, erklärte Peg. „Unser eigenes Haus ist aber schon voll. Daher beschenken wir die Kinder. Unsere Jungen haben dieses Haus vor einigen Jahren gemeinsam erworben, und wir helfen ihnen mit einigen besonderen Schmuckstücken.“

Trevyn fühlte, wie liebevoll sie über ihre Kinder sprach. Ihre Absichten waren jedenfalls besser als die Sachen, die sie kaufte.

Peg zeigte auf die Uhr im Halfter. „Das Familienbild würde sich hier gut machen, und die Uhr könnten wir …“ Sie sah sich um und zeigte auf eine nackte Wand neben der Tür. „… dorthin hängen.“

Charlie schüttelte den Kopf. „Man dreht sich nicht um, wenn man wissen will, wie spät es ist.“

Alexis zeigte zwischen die Fenster. „Wie wäre es da?“

Peg nickte. „Mir würde es gefallen, aber Dori macht für diese Wand einen Quilt. Sie ist damit allerdings noch nicht fertig. Wenn wir zuerst das Bild bekommen, hat sie eben Pech gehabt.“

„Wir könnten auch beides übereinander hängen“, schlug Charlie vor.

„Immer diplomatisch“, sagte Peg lächelnd.

„Wenn du ständig für Aufruhr sorgst, muss doch jemand den Schiedsrichter spielen. Jungs, seht mal, was ich für euch gefunden habe.“ Charlie zeigte ihnen einen großen Karton mit Spielzeug, Brettspielen und Puzzles. „Wir haben unseren Enkel David gefragt, ob ihr euch damit beschäftigen könnt. Er hat nichts dagegen.“

„David?“, fragte Brady. „Wir haben einen Bruder, der so heißt.“

„Im Ernst? Nun, das ist ein guter Name. Er hat den Riesen besiegt.“

„Welchen Riesen?“, fragte Brady seinen Bruder. Brandon zuckte die Schultern.

„Goliath“, erklärte Trevyn.

„David war sehr klein“, erzählte Charlie, während sie sich auf den Teppich in der Mitte des Raums setzten. „Aber er war ein guter Mensch. Goliath war viel größer als er, doch David hat ihn mit einer Steinschleuder erledigt.“

„Cool!“, sagte Brady. „Unser Bruder David erlaubt uns keine Schleuder, auch keine Pumpgun.“

Charlie nickte. „Die braucht ihr auch nicht, falls ihr nicht gerade mit einem Riesen zu tun habt. Also, seht euch an, ob ihr hier etwas für euch findet, während wir Alten uns unterhalten.“

Peg servierte Jakobsmuscheln in Schinken und Obst mit Erdbeer-Joghurt, dem vor allem die Jungen zusprachen, während sie die Sammlung kleiner Autos genauer betrachteten.

„Wie verläuft die Suche nach Ihrer Schwester?“, fragte Peg, als sie sich endlich zu Trevyn und Alexis setzte. Charlie hatte sich den Schaukelstuhl zum Tisch gezogen.

Alexis berichtete von Officer Holdens Anruf.

„Wir haben bei unseren Enkeln erlebt“, sagte Peg, „wie es ist, wenn jemand verschwindet, den man liebt. Die Zwillinge, beides Mädchen, wurden nach der Geburt in dem Krankenhaus zurückgelassen, in dem Darrick Verwaltungsleiter ist. Die ganze Familie hat einen Sommer gebraucht, um herauszufinden, wer die Mutter der beiden ist, wo sie war und warum sie die Babys zurückließ.“

Alexis hätte gern mehr erfahren, wollte aber nicht neugierig sein. „Jetzt ist alles in Ordnung?“

„Es könnte nicht besser sein, außer für Dori.“

Charlie seufzte. „Peg, hör mit Dori auf. Sie wird schon etwas finden.“

„Ja, wenn ich zu alt bin, um es noch mitzubekommen. Wenn ich im Grab liege, kann ich nicht mehr zur Hochzeit gehen und auch die Kinder nicht sehen.“

Charlie wandte sich seufzend an Trevyn und Alexis. „Sie will ständig kontrollieren und muss immer alles über jeden wissen.“

„Dori ist meine Tochter, und ich liebe sie, und darum will ich sie glücklich sehen, bevor ich sterbe. Was hat das mit Kontrolle zu tun? Das ist nur … das ist …“

„Mütterlich“, warf Alexis ein.

„Sie versteht mich“, sagte Peg triumphierend zu Charlie. „Sorgt Ihre Mutter sich auch um Sie und liegt Ihnen mit guten Ratschlägen in den Ohren?“

Alexis schüttelte den Kopf. „Unsere Mutter hat sich nie um uns gekümmert.“

Peg beugte sich zu ihr und tätschelte ihr das Knie. „Soll ich das übernehmen?“

„Sie können mir gern mit guten Ratschlägen in den Ohren liegen“, erwiderte Alexis lächelnd. „Aber bitte keine Sorgen. Dafür haben Sie ja eine große Familie.“

„In welcher Beziehung steht eigentlich ihr beide zueinander?“, fragte Peg so direkt, dass Charlie sich die Augen zuhielt. „Ihr verpasst doch keine gute Gelegenheit wegen dieser albernen Suche nach dem eigenen Ich, die gerade modern ist, oder?“

„Wir sind … wir sind …“, setzte Alexis unsicher an.

„Verliebt“, fiel Peg ihr ins Wort. „Das sieht jeder.“

Alexis wandte sich Hilfe suchend an Trevyn, doch er lächelte bloß.

„Wollen Sie es vielleicht abstreiten?“, fragte Peg ihn.

„Peg, um Himmels willen!“, rief Charlie.

„Ach, sei still“, wehrte sie ab. „Ich will einfach der Sache auf den Grund gehen. Junge Leute machen das schließlich nie. Junge Leute bleiben auf dem bequemsten Weg und haben Angst vor großen Entscheidungen.“

„Ich streite nichts ab“, erwiderte Trevyn. „Allerdings ist meine Vergangenheit … komplex.“

Autor

Jane Toombs

In dem Alter, als Jane das Alphabet lernte, hatte ihr Vater, ein erfolgreicher Sachbuchautor, nach einer Krankheit vollständig sein Gehör verloren. Wer mit ihm kommunizieren wollte, musste schreiben. Er trug stets einen kleinen Block mit sich herum, darauf stand z.B.: Was hast du auf dem Schulweg gesehen? Und so musste...

Mehr erfahren
Marie Ferrarella

Marie Ferrarella zählt zu produktivsten US-amerikanischen Schriftstellerinnen, ihren ersten Roman veröffentlichte sie im Jahr 1981. Bisher hat sie bereits 300 Liebesromane verfasst, viele davon wurden in sieben Sprachen übersetzt. Auch unter den Pseudonymen Marie Nicole, Marie Charles sowie Marie Michael erschienen Werke von Marie Ferrarella. Zu den zahlreichen Preisen, die...

Mehr erfahren
Muriel Jensen

So lange Muriel Jensen zurückdenken kann, wollte sie nie etwas andere als Autorin sein. Sie wuchs in einer Industriestadt im Südosten von Massachusetts auf und hat die Menschen dort als sehr liebevoll und aufmerksam empfunden. Noch heute verwendet sie in ihren Romances Charaktere, die sie an Bekannte von damals erinnern....

Mehr erfahren
Jacqueline Diamond
Mehr erfahren
Lisa Bingham
Mehr erfahren
Patricia Knoll
Wussten Sie, dass Patricia Knoll Lehrerin, Bibliothekarin und Heimleiterin war, bevor sie nach der Geburt ihres vierten Kindes eine neue Herausforderung suchte und anfing, Romances zu schreiben?
Mehr erfahren