Verbotene Wünsche

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„Madam, ich weiß nicht, wie ich mein unerhörtes Benehmen entschuldigen soll …“. Lucian blickt der schönen Marissa verzweifelt nach. Gerade eben lag sie noch in seinen Armen und ließ sich einen feurigen Kuss rauben, doch jetzt stürmt sie davon, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen. Lucian ist ratlos. Warum will Marissa sich ihm nicht hingeben, obwohl er ihr brennendes Verlangen so deutlich spürt?


  • Erscheinungstag 28.12.2014
  • ISBN / Artikelnummer 9783733787240
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. Kapitel

Whiting schloss die schweren Eichentüren hinter dem würdevollen Leichenzug, der sich langsam den langen Kiesweg hinunter bis zur Familienkapelle der Southwoods bewegte.

Die späte Märzsonne hatte die Vorderfront von Southwood Hall noch nicht erreicht, und das letzte Geräusch, das Marissa wahrnahm, bevor die Türen zufielen, war das scharfe Knacken von Kutschenrädern, die über vereiste Pfützen fuhren.

„Soll ich Ihnen den Tee im Kleinen Salon servieren, Mylady?“, fragte der Butler. Sorge schwang in seiner sonst so gemessenen Stimme mit. Die Countess sah erschreckend blass aus, ihre schwarz gekleidete, zierliche Figur wirkte so verloren inmitten all der sie überragenden klassischen Statuen.

Die verwitwete Lady Southwood erwiderte seinen Blick mit ihren großen haselnussbraunen Augen und war sehr in Versuchung, sich in ihr behagliches Morgenzimmer zurückzuziehen. „Nein, Whiting.“ Wie immer siegte ihr Pflichtgefühl. „Wenn Sie mir den Tee bitte in die Lange Galerie bringen wollen. Ich muss dort sein, wenn die Trauergäste … aus der Kapelle zurückkehren.“

Ihre Finger hielten das Gebetbuch umklammert, während sie langsam die Halle durchquerte, die geschwungene Treppe hinaufging und sich durch den Roten Salon in die Lange Galerie begab, die sich über die gesamte Westfront des Herrenhauses erstreckte.

Nach zwei Ehejahren hatte sie sich so sehr an die kühle Pracht Southwood Halls gewöhnt, dass ihr die hohen Säulen und die exquisite Inneneinrichtung nicht einmal mehr auffielen. Ihr verstorbener Gatte war davon besessen gewesen, das klassizistische Meisterwerk seines Großvaters wieder in seinen Originalzustand zurückzuversetzen, doch sosehr sie Southwood Hall auch bewunderte, so wenig mochte sie die kalte Makellosigkeit, die er geschaffen hatte.

Marissa war erst neunzehn Jahre alt, doch heute fühlte sie sich beinahe wie neunzig. Jeder Schritt fiel ihr schwer, so als hätte sie Blei an den Füßen. Dankbar sank sie schließlich auf einen der roten Satinstühle an der Stirnseite der Galerie.

Aufrecht und anmutig saß sie da, öffnete ihr Gebetbuch und zwang sich, die Psalmen zu lesen. Als ein Lakai ihr den Tee brachte, erkannte sie, dass sie nicht ein einziges Wort erfasst hatte.

Beim Hinausgehen ließ der Lakai die schwere Eichentür zufallen, und Marissa fuhr erschreckt zusammen. Wie ihr Gatte diesen Missklang gehasst hätte! Sie meinte beinahe, seine ruhige, kalte Stimme zu vernehmen, wie sie einen Tadel äußerte. Aber sie würde den Earl of Radwinter nie wieder sprechen hören.

Sie erschauderte. Inzwischen war die Steinplatte seiner Gruft wohl endgültig geschlossen, er selbst der stillen Obhut seiner Vorfahren überlassen.

Ruhelos erhob sie sich und wanderte zum Fenster, von dem aus man eine weite Aussicht über die Bäume im Park, die Marsch und die dahinter liegende graue See hatte. Eine Bewegung hinter den kahlen Linden kündigte die Rückkehr des Leichenzuges an, und aus östlicher Richtung näherte sich eine weitere Kutsche. Es war zweifellos Tante Augusta, die ihrem Neffen die letzte Ehre erweisen wollte, obwohl sie in den letzten seiner fünfundvierzig Jahre kaum ein Wort mit ihm gewechselt hatte.

Marissa kannte die schwierige, ledig gebliebene Tante kaum, aber sie war dankbar, während des qualvollen Beerdigungsmahles und der unvermeidlichen Verlesung des Testaments weiblichen Beistand zu haben, denn die unverheiratete Cousine aus Cumbria, die sie eingeladen hatte, ihr – nun, da sie Witwe war – Gesellschaft zu leisten, war noch nicht eingetroffen.

Langsam ging Marissa zum Treppenhaus zurück. Oben an der Flucht halbrunder Stufen, die hinunter in die Halle führten, blieb sie stehen und wartete auf die Gäste.

Während sie ihre schwarzen Seidenröcke glatt strich, nahm sie die rege Geschäftigkeit der Dienerschaft um sie her wahr. Lakaien trugen Tabletts in die Lange Galerie, Whiting überwachte die Ankunft der Gäste, Dienstmädchen nahmen den frierenden Ankömmlingen die schweren Mäntel, Hüte und Handschuhe ab.

„Mein liebes Kind!“ Es war Tante Augusta, die die Treppe hinaufkam. Ihr Gesicht war von der Kälte und den langen Tagen auf der Jagd gerötet, und sie war in der ihr eigenen altmodischen Art gekleidet. Sie war lebhaft und laut und pflegte sich in alles einzumischen, ohne sich einen Deut um die Meinung anderer oder um Konventionen zu kümmern, trotz ihrer fünfundsiebzig Jahre.

Marissa mochte die Halbschwester ihres Schwiegervaters und nahm die Hand der Respekt einflößenden alten Dame mit einem Blick voller Dankbarkeit.

„Kopf hoch, Mädchen! Sie machen das großartig.“

In der Tat machte sich ihre angeheiratete Nichte auf den ersten Blick wirklich gut. Ein tapferes Kind, die Witwe ihres gefühllosen Neffen. Natürlich war sie viel zu jung für ihn gewesen; alle hatten gesagt, dass dieses große Mausoleum von einem Haus sie erdrücken müsse. Und doch hatte sie sich mit Würde und Anstand zurechtgefunden. Augusta blickte in das gefasste Gesicht Marissas, die mit jedem der Gäste ein paar Worte wechselte. War es möglich, dass sie glücklich gewesen war? Ihr Witwenkleid saß perfekt und unterstrich ihre hochgewachsene Gestalt. Sie besaß eine wahre Mähne schwarzen Haares, doch die Locken waren zu einer glatten Frisur gebändigt und das blasse ovale Gesicht zeigte nur die dieser Situation angemessene ernste Ruhe. Ob sie wohl jemals lächelt? fragte sich die alte Dame.

Als sich die Trauergäste in der Langen Galerie versammelt hatten, begannen die Lakaien, Erfrischungen herumzureichen, und Marissa sah Mr Hope, den Vorsteher der Rechtsanwaltskanzlei, die schon seit Generationen für die Familie tätig war, auf sie zukommen. Sobald er bei ihr war, räusperte er sich bedeutungsvoll.

„Ich denke, wir sollten nun zur Verlesung des Testaments kommen, Mylady. Wenn die Betroffenen und die Dienerschaft sich in die Bibliothek begeben wollen, werde ich zunächst die Hinterlassenschaften für die Bediensteten abhandeln, dann können sie gehen, und wir können uns in Ruhe mit den wichtigeren Angelegenheiten befassen.“

Der Anwalt wandte sich um und gab verschiedenen Leuten ein Zeichen. Whiting dirigierte bereits die Dienerschaft in die Bibliothek, als der junge Lakai James hereinkam, eiligen Schrittes zu dem Butler ging und ihm etwas ins Ohr flüsterte.

Den Versammelten war dieser Vorfall nicht entgangen, und so folgten dreißig Augenpaare dem erstaunten Blick des Butlers, der auf die geschlossene Doppeltür starrte.

Sie schwang auf, und ein Mann betrat die Galerie. Er blieb auf der Schwelle stehen und betrachtete die Anwesenden mit ruhigem Interesse. Er war hochgewachsen und tadellos in feinstes schwarzes Tuch gekleidet. Dunkelblaue Augen sahen unter leicht gehobenen Brauen durch den Raum und musterten die erschreckten Gesichter, die ihn anstarrten, bis sein Blick bei der verwitweten Countess hängen blieb.

Marissa spürte, wie das Blut aus ihren Wangen wich. In ihrem Kopf schrillte ein Pfeifton, und mit fast übermenschlicher Anstrengung sah sie von dem Mann in der Tür hoch zu dem darüber hängenden Porträt. Charles Wystan Henry Southwood, der dritte Earl of Radwinter, starrte hochmütig mit seinen kühlen blauen Augen in dem weißen Gesicht, umrahmt von rabenschwarzem Haar, auf sie hinab. Ihr Blick wanderte wieder zu der unter dem Gemälde stehenden Gestalt, die sie, wie auferstanden aus dem Grabe, mit eben diesen Augen betrachtete.

Marissa gab ein entsetztes Keuchen von sich, dann wurde sie von Dunkelheit umfangen, und sie sah den Parkettboden auf sich zukommen.

Schon war der Unbekannte zur Stelle und fing sie in seinen Armen auf. Augusta war keine Frau, die Angst vor Geistern hatte, aber selbst sie war ehrlich erschüttert über die Erscheinung des Fremden, der dastand, als bereitete es ihm nicht die geringste Mühe, diese hochgewachsene junge Frau zu tragen.

„Wo soll ich sie hinbringen, Madam?“, fragte er mit einer tiefen, kultiviert klingenden Stimme, die jedoch einen leicht exotischen Tonfall hatte.

Lady Augusta riss sich zusammen. „Hier entlang, in die Bibliothek. Dort steht eine Chaiselongue. Whiting, bitte rufen Sie nach der Zofe Ihrer Ladyschaft!“

Aus den schwarzen Tiefen ihrer Ohnmacht heraus wurde sich Marissa schwach bewusst, dass sie von starken Armen aufgefangen worden war, sie spürte Wärme, Sicherheit und den Duft von Sandelholz. Sie murmelte etwas Unverständliches und kuschelte sich enger an ihn. Der Griff wurde stärker, dann wurde sie niedergelegt, und wieder schlug die Dunkelheit über ihr zusammen.

Lucian Southwoods Blick verweilte auf den bleichen Zügen der Frau, die so still dalag. Sein Blut geriet in Wallung bei der Erinnerung daran, wie sich ihr Körper in seinen Armen angefühlt hatte. Er betrachtete die leicht geöffneten roten Lippen, die der einzige Farbtupfer in dem leichenblassen Gesicht zu sein schienen.

„Ich nehme an, ich spreche mit einem Mitglied der Southwood-Familie?“, fragte eine trockene Stimme neben ihm, als er sich eben umgewandt hatte, um den Raum zu verlassen.

„Ja. Verzeihung, Sir. Ich bin Lucian Southwood, Cousin des verstorbenen Earls, soeben aus Westindien eingetroffen. Spreche ich mit dem Rechtsbeistand der Familie?“

„Jawohl, Sir. Gabriel Hope, zu Ihren Diensten. Ein Brief von mir ist gerade auf dem Weg zu Ihnen nach Jamaika, wir hatten ja keine Ahnung, dass Sie in England sind.“

„Ich bin vor drei Tagen mit meiner Schwester eingetroffen. Ich habe hier geschäftliche Angelegenheiten zu erledigen, hatte jedoch nicht die Absicht, dem Earl meine Aufwartung zu machen. Ihnen ist vielleicht bekannt, dass mein Vater mit der Familie zerstritten war und sein eigenes Vermögen in Jamaika gemacht hat. Stellen Sie sich meine Überraschung vor, als ich gestern die Times aufschlug und die Todesanzeige meines Cousins mit der Ankündigung der heutigen Bestattung entdeckte. Es war zu spät, eine Nachricht zu schicken, ich habe es jedoch für meine Pflicht gehalten, teilzunehmen.“

Er blickte über die Schulter zurück auf die Chaiselongue, wo nun mehrere Frauen geschäftig um Lady Southwood bemüht waren. „Allerdings wäre ich sicher nicht hergekommen, wenn ich geahnt hätte, welche Wirkung mein Erscheinen haben würde. Mr Hope, können Sie mich bitte aufklären, weshalb die Countess in Ohnmacht fiel, als sie mich sah?“

Statt zu antworten, fasste der Anwalt seinen Ellbogen und führte ihn in die Galerie zurück. Dort drehte er ihn herum, sodass er das Porträt sehen konnte, das über der Tür hing, durch die er vorhin hereingekommen war.

„Mein Gott!“ Lucian starrte zu dem Gesicht hinauf, das sein Eigenes hätte sein können. Der einzige Unterschied war die Haarfarbe: schwarz die des Porträtierten, blond seine eigene. Die unerbittliche karibische Sonne hatte es jedoch im Laufe der Jahre zu der Farbe weißen Korallensandes gebleicht. Nach der langen Reise zu dieser frühen Jahreszeit war seine gebräunte Haut heller geworden, dennoch wirkte der Mann auf dem Bild im Vergleich zu ihm geisterhaft blass.

„Wenn ich das sagen darf, Sir, Sie besitzen die Southwoodschen Züge, bis auf die Gesichts- und die Haarfarbe.“ Mr Hope deutete mit dem Kinn in Richtung der vielen Ölgemälde, die in der Galerie hingen und Generationen von Southwoods darstellten.

„Das wusste ich nicht“, bekannte Lucian langsam. „Mein Vater behauptete nur immer, ich gliche meinem Großvater, während er selbst mehr nach der Familie seiner Mutter kam. Es ist erstaunlich, besonders da mein Vater und der Vater des verstorbenen Earls nur Halbbrüder waren. Aber welch ein entsetzlicher Schock für Ihre Ladyschaft! Wenn ich auch nur die leiseste Ahnung gehabt hätte, wäre ich nicht gekommen.“

Mr Hope sah ihn abschätzend an. „Es ist vielleicht ganz gut, dass Sie es doch getan haben, Sir. Es muss Ihnen doch bewusst sein, dass Sie der mutmaßliche Erbe sind.“

„Aber mein verstorbener Cousin hat doch sicher Kinder?“

„Nein, er ist zu seinen Lebzeiten nicht damit gesegnet worden. Allerdings …“, Mr Hopes Stimme klang nun sogar noch trockener, „… dürfen wir keine Vermutungen anstellen, bevor nicht mehrere Monate verstrichen sind.“ Er hüstelte bedeutungsvoll und etwas verlegen.

Wieder sah Lucian zu der Frau auf dem Sofa hinüber. Sie hatte sich aufgerichtet. Konnte es sein, dass sie trotz ihrer schlanken Figur das Kind ihres verstorbenen Ehemannes trug?

Marissa schob sanft die Hände weg, die sie wieder auf die Chaiselongue zurückdrängen wollten. „Nein, ich stehe auf! Meine Gäste … Ich muss zu ihnen zurück … wie töricht von mir, in Ohnmacht zu fallen! Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist!“

„Nun, ich schon“, erklärte Augusta in der ihr eigenen unverblümten Art. „Ich bin ja beinahe selbst ohnmächtig geworden, als ich dieses Gesicht erblickte. Das muss Richards Sohn sein – er ist das Ebenbild Ihres verstorbenen Schwiegervaters. Nein, bleiben Sie noch einen Augenblick ruhig hier sitzen, Sie närrisches Mädchen, und trinken Sie etwas Wasser.“

Gehorsam nahm Marissa das angebotene Glas. „Wer ist Richard?“

„Mein verstorbener Bruder. Er war erst achtzehn, als er nach Westindien aufbrach. Mein Vater und er sind nie miteinander ausgekommen, und irgendwann gab es einen letzten endgültigen Streit, woraufhin Richard schwor, Southwood Hall nie wieder zu betreten. Und das hat er auch nicht getan“, fügte sie nachdenklich hinzu. „Er wurde in Jamaika begraben, und nach allem, was wir erfahren konnten, hat er dort ein ganz hübsches Vermögen gemacht.“

Marissa rieb mit den Fingern über ihre schmerzende Stirn. „Dennoch“, sagte sie langsam, „ist dieser Mann der Cousin meines Gatten.“

„So ist es. Ich glaube, er hat auch noch eine Schwester. Er und der Earl wären wohl Halbcousins, wenn es diesen Ausdruck gibt, weil Richard und ich die Kinder aus der zweiten Ehe unseres Vaters sind.“

Das erklärte die ungewöhnliche Ähnlichkeit. Marissa nahm all ihre Kraft zusammen, erhob sich und versuchte, ein paar Strähnen, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatten, wieder festzustecken. Der Earl hatte es gehasst, wenn er sie mit unordentlichen Haaren gesehen hatte.

Sie fing einen Blick des fremden Mannes auf, und für einen langen Augenblick hörten alle anderen Anwesenden auf zu existieren. Er machte einen Schritt auf sie zu, hielt dann jedoch inne, und Marissa erkannte, dass er wohl Angst hatte, sie erneut zu erschrecken.

Mr Hope berührte Lucian am Arm und führte ihn mit einem gemurmelten „Sie können es ebenso gut gleich hinter sich bringen“ zu ihr, um ihn ihr vorzustellen.

„Mylady, darf ich Sie mit dem Ehrenwerten Lucian Southwood bekannt machen? Er ist gerade aus Jamaika eingetroffen. Mr Southwood ist der Cousin des verstorbenen Earls“, fügte er hinzu. Er konnte nur hoffen, dass es für die Countess keine unangenehme Überraschung sein würde, den Mann kennenzulernen, der – sofern sie kein männliches Kind erwartete – den Titel und den Besitz ihres verstorbenen Gatten erben würde.

Marissas kleine, kalte Hand wurde von einer starken, warmen, gebräunten ergriffen. Seine Wärme schien durch ihren ausgekühlten Körper zu strömen, und bei dem Gedanken daran, dass es Mr Southwood gewesen sein musste, der sie aufgefangen und auf seinen Armen zu dem Sofa getragen hatte, machte ihr Herz einen Sprung.

Ihre Wangen färbten sich rosig, und Lucian erschien es, als erwache eine Marmorstatue zu plötzlichem Leben. Sie ließ seine Hand los.

„Ich heiße Sie willkommen auf Southwood Hall, Sir. Es tut mir leid, dass es unter so traurigen Umständen geschieht.“

Lucian verbeugte sich. Dann wurde er mit mehreren anderen Personen von Mr Hope in die Bibliothek zurückgedrängt. Lady Augusta nahm neben Marissa Platz, und die Gentlemen stellten sich um den Schreibtisch herum auf, hinter den der Rechtsanwalt sich gesetzt hatte.

Mr Hope holte seine Augengläser hervor und polierte sie umständlich, bevor er sie auf seine Nase setzte. Er nahm einen Schlüssel aus seiner Westentasche, schloss eine Messingkassette auf und blickte die Versammelten über seine Augengläser hinweg mit wichtiger Miene an.

Lucian musste ein Lächeln unterdrücken. Der gute Mann nutzte die Situation nach Kräften, zweifellos um die hohen Gebühren zu rechtfertigen, die er wahrscheinlich in Rechnung stellen würde.

„Wie Sie wissen“, begann Mr Hope ernst, „sind wir hier zusammengekommen, um die testamentarischen Verfügungen des kürzlich verschiedenen Charles Wystan Henry Southwood, des dritten Earl of Radwinter, zu hören.“

Er entnahm dem Kästchen ein wichtig aussehendes Dokument, das mit einem roten Band verschnürt war, erbrach das Siegel und räusperte sich.

„Ich werde mit den Hinterlassenschaften für die Dienerschaft beginnen.“

Es folgte eine seitenlange Liste von Schenkungen, kleinen Pensionen und lebenslangen Besitzanrechten auf die Häuser der Pächter. Lucian fand, dass sein Cousin völlig korrekte, wenn nicht gar großzügige Vorsorge für seine getreuen Diener getroffen hatte. Allerdings wunderte es ihn, dass er keine einzige persönliche Bemerkung oder auch nur einen Ausdruck seiner Dankbarkeit angefügt hatte. Er blickte zu der Witwe hinüber, die aufrecht dasaß. Sie wirkte gesammelt, beinahe wie erstarrt. Er fragte sich, ob sie immer so gefasst war oder ob ihr Herz durch ihre tiefe Trauer versteinert war.

In Gedanken rechnete er rasch nach. Soviel er wusste, war sein Cousin fünfundvierzig Jahre alt gewesen. Diese junge Frau konnte jedoch kaum älter als zwanzig sein.

Die Dienerschaft hatte inzwischen den Raum verlassen, sodass nur noch die engsten Verwandten sowie Dr. Robertson, der Arzt des Verstorbenen, und Reverend Field, der Kaplan der Familie, anwesend waren.

Nach weiteren endlosen Rechtsbelehrungen blickte Mr Hope seine Zuhörer über den Rand des Dokumentes hinweg an und verkündete: „Im Wesentlichen ist die Sachlage nicht sehr kompliziert. Der Titel und der Besitz, der Fideikommiss sowie alles Übrige, mit Ausnahme dessen, was zur Mitgift der Countess gehört, und des Witwensitzes, fällt an den nächsten männlichen Erben des verstorbenen Earls.“

Marissa blickte den Anwalt ruckartig an. „Aber …“

Mr Hope fuhr fort, seine bleichen Wangen hatten einen Hauch Farbe bekommen. „Die Angelegenheit ist delikater Natur, nichtsdestotrotz ist es meine Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass es unter diesen Umständen üblich ist, einige Monate zu warten, bevor die Erbfolge … geklärt werden kann.“

Plötzlich dämmerte es Marissa, was Mr Hope damit meinte: nämlich dass man abwarten würde, bis feststand, ob sie guter Hoffnung war. Ohne nachzudenken, platzte sie heraus: „Aber es besteht kein Grund zu warten!“

Lady Augusta schnappte nach Luft. „Still, meine Liebe! Doch nicht vor den Gentlemen!“

Aber Marissa blieb hartnäckig. Der Gedanke, alle Mitglieder des Haushaltes würden sie wochenlang beobachten, ihr Aussehen, ihre Gesundheit auf Anzeichen hin prüfen, dass sie ein Kind erwartete, war unerträglich. Es war besser, das jetzt hinter sich zu bringen. „Ich kann Ihnen versichern, Mr Hope, es gibt nicht den geringsten Zweifel daran, dass Mylord ohne direkten Erben geblieben ist.“

Mr Hope riss sich erregt die Augengläser von der Nase und warf dem Doktor und Lady Augusta scharfe Blicke zu. Als er sich ein wenig gefasst hatte, fragte er: „Dr. Robertson, Lady Augusta, wenn ich Sie vielleicht bitten dürfte, sich mit der Countess in einen anderen Raum zurückzuziehen, um diese Angelegenheit zu klären …“

Bis über beide Ohren purpurrot geworden, rauschte Marissa mit hoch erhobenem Kopf aus der Bibliothek und begab sich in ihr Schlafgemach, gefolgt von der peinlich berührten Lady Augusta und dem schockierten Doktor.

Flüsternd beantwortete sie die taktvollen Fragen Dr. Robertsons. Sie war nicht ganz bei der Sache, war es doch erst eine Woche her, als sie ihrem Gatten in eben diesem Zimmer mitteilen musste, dass sie wieder einmal ihre Pflicht nicht erfüllt hatte und keinen Erben erwartete.

Er hatte ihr keine Vorwürfe gemacht, aber er war in seiner Enttäuschung wütend über die gefrorene Parklandschaft geritten, wo immer noch kleine Schneeverwehungen lagen. Eine von ihnen hatte das Kaninchenloch verborgen, das sein Pferd zum Straucheln brachte, sodass der Earl kopfüber auf den steinharten Boden geschleudert worden war, wodurch er sich augenblicklich das Genick gebrochen hatte.

Marissa wusste, dass sie als Ehefrau versagt hatte und dass ihr Gatte gestorben war, weil sie ihre Pflicht nicht erfüllt hatte.

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und als Lady Augusta das sah, hob sie ihre Hand, um den Doktor an weiteren Fragen zu hindern. „Genug. Sie sind doch sicher mit dem zufrieden, was die Countess Ihnen anvertraut hat?“

„In der Tat, in der Tat.“ Der Doktor tätschelte Marissas verkrampfte Hände. „Sie sind sehr tapfer und sehr offen gewesen, meine Liebe, und haben uns allen damit sehr geholfen. Dennoch ist es traurig, dass die direkte Linie nun versiegt …“ Er brach ab, als Lady Augusta ihm heftig gegen den Knöchel trat und eine einzelne Träne die Wange der jungen Witwe hinabrollte.

Mit geröteten Augen und hoch erhobenem Kopf nahm Marissa anschließend wieder ihren Platz in der Bibliothek ein. Der Doktor führte ein kurzes geflüstertes Gespräch mit dem Anwalt, der daraufhin nickte und wiederum seine Papiere zur Hand nahm.

„Ich bin in der Lage, Ihnen mitzuteilen, dass Titel und Besitz des dritten Earl of Radwinter sofort auf seinen Erben übergehen, den vierten Earl, Lucian St. Laurence Southwood aus Jamaika, der durch einen äußerst glücklichen Zufall heute hier bei uns ist. Mylord.“ Er erhob sich und verbeugte sich vor Lucian, der die Verbeugung mit gleichem Ernst erwiderte.

Marissa spürte eine ungeheure Erleichterung, als ob ihr eine schwere Last von den Schultern genommen worden sei. Jetzt konnte sie dieses kalte Mausoleum von einem Herrenhaus hinter sich lassen und ins Witwenhaus ziehen. Sie fragte sich, wie rasch der Umzug bewerkstelligt werden konnte.

Whiting kündigte an, dass der Lunch serviert war, und man begab sich zum Speisesaal, wo das Beerdigungsmahl auf dem großen Tisch bereitstand. Lucian blieb zurück, um der Countess und ihren Vertrauten den Vortritt zu lassen, doch Marissa drehte sich zu ihm um. „Mr … Mylord …“ Er erkannte, dass sie von ihm erwartete, sie zu ihrem Stuhl zu geleiten. Wieder wunderte er sich, wie eine so junge Frau so viel Willensstärke und Selbstbeherrschung aufbringen konnte.

Der Platz am Kopfende des Tisches war gedeckt, der Stuhl war jedoch mit schwarzem Stoff verhüllt. Lucian führte Marissa zum anderen Ende der langen Tafel, dann nahm er den Platz zu ihrer Rechten ein.

Der Kaplan sprach ein Tischgebet, und die Gäste setzten sich. Allmählich entspannte sich die Atmosphäre, und die Konversation wurde lauter.

Über was zum Teufel unterhält man sich unter diesen Umständen? fragte sich Lucian. Zu Hause in Jamaika ging es selbst bei einem Beerdigungsmahl weniger formell und gefühlvoller zu. Ihn schauderte ein wenig, und augenblicklich war seine Tischnachbarin ganz die aufmerksame perfekte Gastgeberin.

„Mylord, Sie frieren. Whiting, legen Sie Holz nach. Dieses Land muss Ihnen sehr kalt vorkommen nach der Hitze in Westindien.“

„Ja, wirklich, Madam. Meine Schwester behauptet, ihr würde nie wieder warm, aber da ich nun seit fast einer Woche wieder in England bin, gewöhne ich mich allmählich daran.“

Marissa schnitt ein winziges Stück Fleisch ab und hob es an den Mund. Sie fragte sich, ob ihr jemals wieder warm würde. „Sie haben eine Schwester, Mylord? Ich fürchte, ich weiß leider gar nichts über Ihre Familie. Gibt es noch mehr Angehörige in Jamaika?“

„Nein, Madam, nur Nicole und mich. Ich hatte eigentlich die Absicht, sie erst nächstes Jahr zur Saison nach London zu bringen, wenn sie siebzehn ist, aber sie hat mich so lange geplagt, sie schon dieses Mal mitzunehmen, damit sie die Sehenswürdigkeiten besichtigen und einige Londoner Kreationen erstehen kann, bis ich nicht mehr Nein sagen konnte.“

Marissa bemerkte das liebevolle Lächeln und die Zuneigung in seiner Stimme und verspürte Neid. Wie wunderbar es sein musste, einen Bruder wie ihn zu haben, eine Bindung zu einem anderen Menschen! „Sie lieben Ihre Schwester offenbar sehr, Mylord.“

Lucian war überrascht über ihren sehnsüchtigen Tonfall und warf ihr einen Blick zu, doch ihr Gesicht wirkte verschlossen, und so antwortete er leichthin: „Sie kostet mich Unmengen an Geduld, Madam. Ich habe sie maßlos verwöhnt, und jetzt muss ich den Preis dafür bezahlen. Meine Schwester hat viel von unserer kapriziösen französischen Mutter!“

„Ich werde sie hoffentlich schon sehr bald kennenlernen. Werden Sie sie aus London holen lassen?“

„Ich weiß es noch nicht. All dies trifft mich völlig unvorbereitet. Ich muss wohl noch einmal nach Jamaika zurück, um meinen Verwalter dort mit all meinen Angelegenheiten zu betrauen. Aber vorher will ich mich mit dem hiesigen Gutsverwalter und Mr Hope zusammensetzen, um sicherzustellen, dass während meiner Abwesenheit hier alles seine Ordnung hat.“

Es entstand ein längeres Schweigen. Lucian drehte das Weinglas zwischen seinen langen gebräunten Fingern. Marissa ertappte sich dabei, dass sie diese Hand anstarrte, sie konnte die Wärme seiner Berührung nicht vergessen. Wie es wohl wäre, wieder in seinen Armen gehalten zu werden …? Innerlich schnappte sie entsetzt nach Luft. Wie konnte sie solch sündige Gedanken haben? Und außerdem war es ein Trugschluss, dass man in den Armen eines Mannes Trost finden konnte …

„Lady Southwood, wenn Sie glauben, dass Sie dazu in der Lage sind, möchte ich mit Ihnen über Ihre Wünsche sprechen. Unnötig zu sagen, dass ich Ihnen nicht das Gefühl geben möchte, Sie müssten irgendetwas an Ihrer Lebensweise ändern. Dies ist Ihr Zuhause, und das soll es bleiben, solange Sie wollen.“

Marissa sah ihm direkt in die Augen und sagte entschieden: „Mylord, ich habe nur zwei Jahre hier gelebt. Es ist der Familiensitz der Southwoods, jedoch nie mein Zuhause gewesen. Meine Cousine Miss Venables wird bald aus Cumbria hier eintreffen. Wenn sie da ist, möchte ich ins Witwenhaus übersiedeln.“

Sie erkannte, dass ihre Offenheit ihn erschreckt haben musste, er sagte jedoch lediglich: „Es soll natürlich so sein, wie Sie es wünschen. Weisen Sie doch bitte den Gutsverwalter an, das, was Sie behalten möchten, ins Dower House schaffen zu lassen, und er soll sich darum kümmern, dass Sie dort alles zu Ihrer Verfügung haben, was Sie zu Ihrer Bequemlichkeit benötigen.“

„Vielen Dank, Mylord. Möchten Sie, dass ich die Haushaltsführung während Ihrer Abwesenheit weiterhin beaufsichtige?“

„Wenn es Ihnen keine Umstände macht, wäre das sehr nett von Ihnen. Wir werden morgen noch darüber sprechen, und natürlich müssen Sie sich überlegen, welche Diener Sie mitnehmen wollen.“

Marissa dankte ihm und wandte sich dann ihrem Tischnachbarn auf der anderen Seite zu. Sie sprachen nur über nebensächliche Dinge, und so ließ sie ihre Gedanken zu Lucian Southwood schweifen. Sein Benehmen war korrekt und untadelig, wie es einem Gentleman gebührte, aber er besaß auch eine gewisse fremdländische Ausstrahlung. Vielleicht lag es an dem leichten französischen Akzent, an dem singenden Tonfall, wenn er über Westindien sprach. Er war ein gut aussehender Mann, wie alle Southwoods, strahlte indes selbst in dieser düsteren Gesellschaft eine äußerst kraftvolle Lebendigkeit aus.

Verstohlen betrachtete Marissa Lucian unter den Wimpern hinweg. Sein gelocktes, von der Sonne gebleichtes Haar fiel etwas zu lang über seinen Nacken hinab. Das gebräunte Gesicht war schmal, und sie entdeckte feine weiße Linien in den Winkeln seiner dunkelblauen Augen. Er hatte eine gerade Nase und einen festen Mund, ähnlich dem ihres Gatten; die Lippen des neuen Earl sahen jedoch eher danach aus, als verzögen sie sich häufig zu einem Lächeln, statt unmutig zusammengepresst zu werden.

Er war attraktiv, gefährlich attraktiv. Aber er war auch ein Mann, und das bedeutete: Ganz gleich, welches Gesicht er in Gesellschaft zeigte, es gab eine andere, dunklere Seite seines Charakters. Das war bei allen Männern so. Und Marissa ermahnte sich, dass sie das nie vergessen durfte.

2. Kapitel

Marissa gab ihre verzweifelten Versuche einzuschlafen auf. Sie warf die schwere seidene Überdecke zurück und ging barfuß zum Kamin hinüber, in dem noch eine schwache Glut leuchtete. Sie streckte die Hände aus, um ein wenig Wärme zu spüren.

Sie nahm an, dass ihre Benommenheit sich mit der Zeit legen würde, doch im Augenblick war sie in einem seltsamen Gefühl der Unwirklichkeit gefangen. Nur die Abläufe, über die sie als Herrin des großen Besitzes zu wachen hatte, ermöglichten ihr das tägliche Dasein. Nie zuvor war sie so dankbar gewesen, dass man ihr schon von frühester Kindheit an Pflichtbewusstsein eingetrichtert hatte.

Bei ihrer wichtigsten Aufgabe jedoch hatte sie versagt, wiederholt versagt. Marissa starrte in die flackernde rote Glut und dachte wieder einmal an die kalte Enttäuschung ihres Mannes, weil sie schon wieder keinen Southwood-Erben erwartete. Nicht dass er zornig geworden wäre: Der Earl hatte es sich nie gestattet, seine Gefühle offen zu zeigen, nicht einmal seiner Gattin gegenüber. Und er hatte die gleiche Selbstbeherrschung auch von ihr erwartet. Zumindest war es ihr dank dieser Disziplin gestern gelungen, die peinliche, quälende Befragung des Doktors und die wissenden Blicke der anderen Männer in der Bibliothek zu ertragen.

Ihre Wangen begannen zu glühen, und Marissa trat vom Feuer zurück. Dabei fiel ihr Blick auf die Tür, die durch die dazwischen liegenden Ankleidezimmer zum Schlafgemach des Earl führte. Einem Impuls folgend, öffnete sie die Verbindungstür. Der Schlüssel steckte wie gewöhnlich auf seiner Seite. Marissa zog ihn ab, schloss die Tür und verriegelte sie von ihrer Seite aus. Es war töricht und sinnlos, den Eingang zu der leeren Suite zu versperren, wo das Bett und die Spiegel zum Zeichen der Trauer um den Earl mit schwarzem Stoff verhängt waren. Aber dies war nun ihr Zimmer, zumindest so lange, bis der Mann, der zurzeit das Rote Schlafgemach, das beste Gästezimmer, bewohnte, sich entschloss, sein Erbe anzutreten. Aber bis dahin würde sie längst ins Witwenhaus umgezogen sein.

Sie sah aus dem Fenster, das zur Vorderfront des Hauses hinauswies und einen weiten Ausblick auf die Parklandschaft bot, die im kühlen Mondlicht frostig glitzerte. Die Scheiben begannen bereits zuzufrieren und würden bis zum Morgengrauen völlig vereist sein.

Marissa befiel ein vertrautes Gefühl der Ruhelosigkeit. Sie spürte den Drang zu rennen, bis das Blut in ihren Adern rauschte und ihr Herz heftig in ihrer Brust schlug – einmal all diese Strenge und Formalität, die sie in den letzten Tagen eingeengt hatte, zu vergessen. Sie zog ein langes weißes Seidennegligé über ihr Nachtkleid, schlüpfte in ihre Ziegenlederslipper und öffnete die Tür zum Korridor.

Alles war still, dann dröhnte der Klang der Standuhr in der Halle, die ein Uhr schlug, durch die Flure. Der Nachtwächter würde mittlerweile seinen Kontrollgang durch das Haus beendet haben und ruhig in seinem Pförtnersessel an der Eingangstür dösen. Die Flure wurden hier und da von Laternen beleuchtet, und das Mondlicht fiel durch die hohen Fenster herein.

Der Marmorfußboden des langen Flures lag verlockend vor ihr. Marissa begann zu laufen, sie rannte mit wehendem Haar den Gang entlang, wie sie es schon so oft in der Freiheit der Nacht getan hatte. Am Kopfende der Treppe angekommen, ergriff sie den Pfosten mit beiden Händen und schwang sich herum, und ein perlendes Lachen stieg tief aus ihrer Kehle herauf. Ihre Augen leuchteten vor überschwänglicher Freude.

Sie lief weiter und hielt zwischen der Bibliothek und der Langen Galerie nach Luft schnappend inne. Ich könnte in der Galerie unter den missbilligenden Augen der Marmorgöttinnen tanzen, dachte sie. Dann erinnerte sie sich jedoch an die Bilder der ebenso missbilligend dreinblickenden Southwood-Vorfahren, die dort hingen, und ihre kindliche Begeisterung verflüchtigte sich. Sie begann sich schuldig zu fühlen, weil sie sich in einem Trauerhaus derart ausgelassen benahm. Plötzlich ließ etwas sie erstarren: ein Geräusch oder das unbestimmte Gefühl, dass jemand in der Nähe war …

Irgendjemand war in der Galerie. Auf Zehenspitzen schlich sie hin und blieb auf der Türschwelle stehen. Im hellen Mondschein konnte sie den Mann am Südfenster deutlich ausmachen. Sie sah nur seinen Rücken, aber dieses helle Haar und die breiten Schultern, die von dem schweren Brokatmorgenrock noch betont wurden, waren nicht zu verwechseln.

Lucian Southwood stand gebeugt und stützte sich am Fensterrahmen ab, als läge alle Last der Welt auf seinen Schultern. Marissa wollte zu ihm laufen, ihn umarmen und ihm sagen, dass alles wieder gut werden würde. Schon machte sie einen halben Schritt auf ihn zu, doch dann besann sie sich eines Besseren. Was hatte sie nur für Gedanken?

Lucian bemerkte, dass seine Hände auf dem steinernen Fensterrahmen froren. Es war so verdammt kalt hier – er hatte das Gefühl, dass er in Southwood Hall sogar im Hochsommer frösteln würde.

Innerhalb weniger Stunden war sein Leben völlig auf den Kopf gestellt worden. Sein weitläufiges Haus an der tiefblauen See, seine Ländereien, seine Schiffe, seine Freunde, die zwanglose, unkonventionelle Gesellschaft auf Jamaika, all das war jetzt für ihn verloren. Er war nun für diesen großen Besitz und die Menschen, die dort lebten und arbeiteten, verantwortlich.

Und die Witwe seines Cousins, so jung, so schön, so verletzlich – auch für sie war er nun verantwortlich. Sie schien keine Familie zu haben, die sie unterstützte, keine Freunde, die sie in ihrem Kummer trösteten. Und er, Lucian, bekleidete nun die Stellung, die ihr nie geborener Sohn hätte einnehmen sollen. Welch bittere Erinnerung er für sie sein musste, nicht nur wegen ihrer Kinderlosigkeit, sondern auch wegen seiner erstaunlichen Ähnlichkeit mit dem Gatten, der ihr so plötzlich genommen worden war.

Aber all dies ließ sich nun einmal nicht ändern, und er war nicht der Mann, der gegen das Unvermeidliche rebellierte. Seine Pflicht war klar. Lucian richtete sich auf, straffte die Schultern und rieb sich die kalten Hände. Morgen würde er nach dem Verwalter schicken …

Ein Kribbeln im Nacken sagte ihm, dass jemand im Raum war und ihn beobachtete. Er wirbelte herum und erstarrte dann verblüfft.

Einen verrückten Augenblick lang glaubte er, ihm wäre ein Geist erschienen. Die Person auf der Türschwelle war bis auf die schwarze Haarmähne, die ihr Gesicht umrahmte, fast übernatürlich weiß. Sie schien zur Flucht bereit. Da erkannte er sie.

„Lady Southwood! Bitte … gehen Sie nicht, es tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe.“ Er streckte eine Hand aus, wollte sie aufhalten. „Ich sollte zu dieser Zeit nicht im Haus umherwandern, aber ich konnte nicht schlafen“, fügte er leichthin hinzu.

„Warum sollten Sie sich nicht im Haus bewegen können, wie es Ihnen beliebt? Es ist doch Ihr Haus“, antwortete sie sachlich.

Autor

Francesca Shaw
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